Kitabı oxu: «Kinder im Kreuzfeuer»
Systemische Therapie und Beratung
In den Büchern der Reihe zur systemischen Therapie und Beratung präsentiert der Carl-Auer Verlag grundlegende Texte, die seit seiner Gründung einen zentralen Stellenwert im Verlag einnehmen. Im breiten Spektrum dieser Reihe finden sich Bücher über neuere Entwicklungen der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern ebenso wie Klassiker der Familien- und Paartherapie aus dem In- und Ausland, umfassende Lehr- und Handbücher ebenso wie aktuelle Forschungsergebnisse. Mit den roten Bänden steht eine Bibliothek des systemischen Wissens der letzten Jahrzehnte zur Verfügung, die theoretische Reflexion mit praktischer Relevanz verbindet und als Basis für zukünftige nachhaltige Entwicklungen unverzichtbar ist. Nahezu alle bedeutenden Autoren aus dem Feld der systemischen Therapie und Beratung sind hier vertreten, nicht zu vergessen viele Pioniere der familientherapeutischen Bewegung. Neue Akzente werden von jungen und kreativen Autoren gesetzt. Wer systemische Therapie und Beratung in ihrer Vielfalt und ihren transdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenhängen verstehen will, kommt um diese Reihe nicht herum.
Tom Levold
Herausgeber der Reihe Systemische Therapie und Beratung
Eia Asen
Emma Morris
Kinder im Kreuzfeuer
Systemische Arbeit bei
massiven Elternkonflikten
Aus dem Englischen
von Theo Kierdorf und Hildegard Höhr
2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
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Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
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Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
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Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Systemische Therapie und Beratung«
hrsg. von Tom Levold
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagmotiv: © Hannah Asen
Redaktion: Uli Wetz
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Erste Auflage, 2021
ISBN 978-3-8497-0387-5 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8331-0 (ePUB)
© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel “High-Conflict Parenting
Post-Separation” bei Routledge, Mitglied der Taylor & Francis Group
© 2020 Eia Asen und Emma Morris
Aus dem Englischen übersetzt von Theo Kierdorf und Hildegard Höhr
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 · 69115 Heidelberg
Tel. +49 6221 6438 - 0 · Fax +49 6221 6438 - 22
Inhalt
Danksagung
Einleitung
1 Chronische Elternkonflikte: Der familiäre Kontext
1.1 Hochstrittige Eltern und resultierende Familiendynamiken
1.2 Elterliche Trennung und ihre Auswirkungen auf Kinder
1.3 Die Debatte über Eltern-Kind-Entfremdung
1.4 Familienbindungen und Triangulierungsprozesse
1.5 Die Konzepte des näheren und distanzierteren Elternteils
2 Konzeptueller Rahmen und Forschungsstand
2.1 Systemische Aspekte
2.2 Die Bindungstheorie
2.3 Innere Modelle
2.4 Elterliche Verbitterung und die Veränderung von Bindungsrepräsentationen
2.5 Widerstreitende Narrative und Bindungsverhalten
2.6 Mentalisierungsbasierte Konzepte
2.7 Kognitive, behaviorale und psychoedukative Rahmen
2.8 Zentrale Annahmen des Family-Ties-Ansatzes
2.9 Forschungsergebnisse
2.10 Evaluierung von positiven Veränderungen
3 Gesetzlicher Rahmen und Planung der Arbeit
3.1 Chronische Streitigkeiten
3.2 Gerichtsverfahren
3.2.1 Anschuldigungen und Anhörungen zur Tatsachenuntersuchung
3.3 Umgangskontaktprobleme
3.4 Sachverständige
3.5 Rechtliche Erwägungen
3.6 Gutachterliche Tätigkeit
3.7 Vorgehensweise und Arbeitsplanung
3.8 Strukturierung der Arbeit
4 Untersuchung der Eltern und ihrer Elternkompetenzen
4.1 Anhören der elterlichen Narrative
4.2 Die Eltern der Eltern – gelernte oder nicht gelernte »Lektionen«?
4.3 Das elterliche Vermögen, die eigenen Kinder zu mentalisieren
4.4 Die Fähigkeit zur Selbstreflexion
4.4.1 Beurteilung der Kompetenz bei der Erfüllung elterlicher Aufgaben
4.5 Emotionale und behaviorale Selbstregulation
4.5.1 Die Beurteilung der Existenz von Triangulierungsprozessen
4.6 Die Darstellung des anderen Elternteils
4.7 Beurteilung der psychischen Gesundheit der Eltern
4.8 Persönlichkeitsstörungen und spezifische Persönlichkeitsmerkmale
4.9 Narzisstische Persönlichkeitsstörung und narzisstische Persönlichkeitszüge
4.10 Borderline-Züge und die Borderline-Persönlichkeitsstörung
4.11 Fingierte oder induzierte Krankheiten (Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom)
4.12 Angst, Depression und Reaktionen auf erlebte Traumata
5 Untersuchung und Beurteilung von Kindern
5.1 Aufbau einer Beziehung
5.2 Erstgespräche und weitere Treffen
5.3 Die feststellbaren Wünsche und Gefühle des Kindes
5.4 Einschätzung der Bindung
5.5 Der Strange-Situation-Test
5.6 Erzählungsstämme (Story Stems)
5.7 Das Child-Attachment-Interview
5.8 Beziehungsdiagramme
5.9 Beurteilung von Misshandlungsvorwürfen und anderen Beschuldigungen
5.10 Beurteilung des Kindeswillens und Mitspracherechts
5.11 Sammeln zusätzlicher Informationen über das Kind
5.12 Missbrauch von Diagnosen durch Eltern
6 Therapeutische Untersuchung von Familienbeziehungen und Interventionsplanung
6.1 Therapeutische Begutachtung
6.2 Vorbereitung der Eltern auf eine Begegnung mit dem Expartner
6.3 Das »Muster als Übeltäter«
6.4 Umgang mit affektiver Erregung und Eskalationsdynamiken
6.5 Vorbereitung der Eltern auf die Wiederherstellung des Kontakts zu ihrem Kind
6.6 Vorbereitung eines Kindes auf die Wiederherstellung des Kontakts zu seinem distanzierteren Elternteil
6.7 Exploration der elterlichen Paarbeziehung
6.8 Beobachtung und Bewertung von Kind-Eltern-Interaktionen
6.9 Das umfassendere System: Erweiterte Familie und Kultur
6.10 Integration der Befunde und Interventionsplanung
6.10.1 Verstrickung des Kindes in Triangulierungsprozesse
6.10.2 Die elterliche Fähigkeit, die primären Bedürfnisse Kindes zu erfüllen
6.10.3 Netzwerkinterventionen
7 Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Kontakts
7.1 Desensibilisierung und abgestufte Exposition
7.2 Indirekte abgestufte Exposition
7.3 Abgestufte direkte Exposition
7.4 Umgang mit spezifischen Ängsten und Vorbehalten
7.5 Hinterfragen verzerrter Repräsentationen
7.6 Narrative
7.7 Komponenten kohärenter Narrative
7.8 Kontaktförderungsarbeit
7.9 Weitere Arbeit mit dem Elternpaar und dem umfassenderen familiären und professionellen Netzwerk
7.10 Rückfallprävention und frühes Erkennen problematischer Interaktionsmuster
8 Reflektierende Praxis
8.1 Das Management von Risiken
8.2 Einverständnis mit der Zielsetzung und Umgang mit »Doppelbotschaften«
8.3 »Traumatischer« Kontakt
8.4 Vorwürfe und Beschwerden
8.5 Co-Working und andere Formen der Zusammenarbeit
9 Frühe Interventionen zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten
9.1 Letzter Versuch oder Trennung?
9.2 Entwickeln eines gemeinsamen »Mantras« zum Schutz der Beziehung der Kinder zu beiden Eltern
9.3 Aufrechterhaltung des gemeinsamen Mantras
9.4 Proaktive Unterstützung von Kontakt
9.5 Elternvereinbarungen
9.6 Einbeziehung des umfassenderen familiären Netzwerks
9.7 Stärkung und Koordinierung spezifischer Elternkompetenzen
9.8 Frühes Erkennen und Ansprechen problematischer Co-Parenting-Muster
9.9 Einigung über das Narrativ für das Kind
9.10 Multifamilienarbeit
9.11 Ausblick
Literatur
Über die Autoren
Danksagung
Wir haben viele Gespräche mit anderen Fachleuten für diesen Bereich geführt. Außerdem haben wir die existierende Literatur gründlich ausgewertet und dadurch von den Erfahrungen, Konzepten und Interventionen profitiert, die Kollegen in unterschiedlichen Zusammenhängen und Ländern bei der Arbeit an schweren Familienkonflikten nach der Trennung der Eltern genutzt haben. Wir haben uns bemüht, alle Quellen zu nennen, die für uns bei der Entwicklung unseres Modells eine Rolle gespielt haben, aber uns ist klar, dass wir einige wichtige Einflüsse und Inspirationen übersehen haben könnten, und für derartige Versäumnisse möchten wir hiermit um Entschuldigung bitten. Besonders dankbar sind wir allen Kollegen, mit denen wir im Laufe der Jahre in den für Gerichtsverfahren zuständigen Teams des Marlborough Family Service in London und des Anna Freud National Centre for Children and Families zusammengearbeitet haben – Jane Dutton, Judy Henry, Joanne Jackson und Shadi Shahnavaz. Außerdem danken wir Gill Gorell Barnes und Lord Justice Peter Jackson für viele hilfreiche Gespräche und Ideen. Zu danken haben wir weiterhin Chloe Campbell und Liz Allison für ihre äußerst kompetente editorische Hilfe.
Alle Fallbeispiele sind fiktiv und/oder anonymisiert. Sie haben die Funktion, konkret typische Szenarien zu beschreiben, mit denen wir bei der Arbeit mit getrennten Eltern und ihren Kindern konfrontiert wurden.
Eia Asen & Emma Morris London, im Februar 2021
Einleitung
Dieses Buch beschreibt die Begutachtung und therapeutische Arbeit mit getrennten Eltern, die sich in schwerwiegende Konflikte und Streitigkeiten verstrickt haben – bevor, während und nachdem die formellen juristischen Verfahren initiiert, durchgeführt und zum Abschluss gebracht wurden. Es ist vor allem für Fachleute gedacht, die mit stark zerstrittenen Eltern im Zusammenhang mit deren Trennung arbeiten – ganz gleich, ob es sich um Psychologen, Psychiater, Kinder- oder Erwachsenenpsychotherapeuten, Familientherapeuten, Sozialarbeiter, gesetzliche Verfahrensbeistände oder juristische Fachleute wie Rechtsanwälte und Mediatoren oder um Studenten und Auszubildende in all diesen unterschiedlichen Bereichen handelt.1 Das Buch sollte auch Eltern interessieren, die im Anschluss an ihre Trennung die ihre Kinder betreffenden Probleme zu lösen versuchen.
Wir haben das hier beschriebene Arbeitsmodell Family Ties genannt: Im Englischen hat das Wort ties verschiedene Bedeutungen wie »(Ver-)Bindungen«, »Verknüpfungen«, »Belastungen« oder »Fesseln«. Diese verschiedenen Formen von ties beschreiben die vielschichtigen und komplizierten Beziehungsverhältnisse, denen Kinder von hochstrittigen Eltern oft ausgesetzt sind. Der Family-Ties-Ansatz versucht, die Folgen elterlicher Streitigkeiten nach einer Trennung für die noch abhängigen Kinder zu verringern, wenn sie in die chronischen Streitigkeiten ihrer Eltern verwickelt werden. Nicht selten empfinden solche Kinder es als notwendig, für einen Elternteil gegen den anderen Partei zu ergreifen, und nach der physischen Trennung der Eltern wird ihre Beziehung zu dem Elternteil, bei dem sie nicht überwiegend leben, oft negativ beeinflusst. Schwelen zwischen den Eltern weiterhin Konflikte oder eskalieren sie nach der Trennung sogar, können sich die Kinder in extremeren Fällen strikt weigern, noch irgendeine Form von direktem oder indirektem Umgang mit dem anderen Elternteil aufrechtzuerhalten. An solch einem Punkt kommen auf der Suche nach einer Lösung des Konflikts Rechtsanwälte und schließlich oft Gerichte ins Spiel, die bei den entstehenden Sorge- und Umgangsrechtsstreiten Entscheidungen darüber treffen müssen, wo das betroffene Kind leben und wie viel Zeit es mit jedem Elternteil verbringen soll.
Heutzutage existieren verschiedene therapeutische Ansätze und Modelle, die Kindern von dauerhaft zerstrittenen Eltern helfen sollen, eine hinreichend gute und adäquate Beziehung zu beiden Eltern aufzubauen und aufrechtzuerhalten, damit ihre psychosoziale Entwicklung geschützt und unterstützt wird. Einige dieser Ansätze basieren auf der Annahme, wenn Kinder sich weigerten, mit der Mutter oder dem Vater Umgang zu haben, sei dies vor allem darauf zurückzuführen, dass ein Elternteil das Kind dem anderen Elternteil aktiv »entfremde«. Begriffe wie »elterliches Entfremdungssyndrom«, »Eltern-Kind-Entfremdung« und »elterliches Beschuldigungssyndrom« können irreführend sein, da sie abträgliche Täter-Opfer-Szenarien heraufbeschwören, in denen der »entfremdete Elternteil« und das Kind Opfer des anderen, »manipulierenden« Elternteils sind. Unserer klinischen Erfahrung gemäß, sind die Dynamiken in zerstrittenen Familien erheblich komplexer, und unser Family-Ties-Modell stellt das Kindeswohl in den Mittelpunkt aller Arbeit; statt einem Elternteil die Schuld zuzusprechen, sollen Familiendynamiken verändert werden, die das betroffene Kind aus den in chronischen elterlichen Beziehungskonflikten so häufig entstehenden »Dreiecksverhältnissen« zu »detriangulieren«. Es ist nämlich höchst problematisch für Kinder, durch die widersprüchlichen Forderungen der Eltern eingeengt, dominiert oder buchstäblich »geteilt« und gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen gezerrt zu werden. Familiäre Bindungen können eben sowohl positive als auch negative Aspekte haben: Einerseits helfen sie Kindern, sich gehalten und sicher zu fühlen, und fördern so ihre psychosoziale Entwicklung. Andererseits können familiäre Bindungen im Falle schwerwiegender familiärer Konflikte nach der Trennung der Eltern Kindern das Gefühl vermitteln, an einen Elternteil auf Kosten des anderen »gekettet« zu sein.
Der Family-Ties-Ansatz fokussiert expliziert auf die Stärkung positiver familiärer Verbindungen und Beziehungen und die Befreiung der Kinder von den Einschränkungen und »Fesseln«, die sich leider so oft in stark zerstrittenen Familien entwickeln. Diese Arbeit vollzieht sich in sieben einander überlappenden Arbeitsphasen (siehe Kasten 1.1).
1Netzwerktreffen
2individuelle parallele Arbeit mit beiden Eltern
3individuelle Arbeit mit Kind(ern)
4Identifizieren der Triangulationsprozesse und Planung der Interventionsschritte
5Paararbeit mit den Eltern
6Arbeit am Umgangskontakt
7Familienarbeit
Kasten 1.1: Die Family-Ties-Arbeitsphasen
Family Ties integriert Bindungs- und Mentalisierungskonzepte in einen systemischen Rahmen, also in die Familie und die verschiedenen »Systeme«, denen sie angehört, etwa die Großfamilie, den Freundeskreis und die Unterstützer wie auch das umfassendere soziale und kulturelle Umfeld. Entscheidend sind bei alledem die wohlverstandenen Interessen und das Wohl des jeweiligen Kindes sowie die Fähigkeit der Eltern, ihre Aufgaben zu erfüllen und die psychosoziale Funktionsfähigkeit und die entwicklungsspezifischen Bedürfnisse des Kindes zu fördern.
Kapitel 1 steckt den familiären Kontext ab, in dem sich Kinder und ihre Eltern nach der Trennung bewegen und, wenn es zu keiner Einigung kommt, wo ihre gemeinsamen Kinder leben und wie viel Zeit sie bei jedem von ihnen verbringen sollen. Der konzeptionelle Rahmen und das Modell des Family-Ties-Ansatzes werden in Kapitel 2 erläutert. Die rechtlichen Zusammenhänge und Probleme, die im Falle einer juristischen Auseinandersetzung drohen, werden in Kapitel 3 beschrieben. Die Kapitel 4 bis 6 erörtern recht detailliert die Untersuchung von Eltern, Kindern und Familienbeziehungen, die ein integraler Aspekt für die Planung therapeutischer Interventionen ist. In Kapitel 7 geht es darum, wie man Kindern und ihren Eltern helfen kann, eine »hinreichend gute« (Winnicott 1965) Beziehung zu einem bisher abgelehnten Elternteil wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten. Kapitel 8 gibt Anregungen, wie man die oft sehr belastende Arbeit mit stark zerstrittenen Familien durch reflektierende Praxis erleichtern kann. Kapitel 9 enthält für Eltern, die juristische Streitigkeiten und Gerichtsverhandlungen vermeiden wollen, Empfehlungen bezüglich frühzeitiger therapeutischer Interventionen, die bei diesem Bemühen von Nutzen sein können.
Ein Hinweis noch zu juristischen Zusammenhängen: Das Buch nimmt auf einige rechtliche Bestimmungen Bezug, die für Großbritannien gelten. Diese Bezugnahmen müssten für andere Länder entsprechend modifiziert werden. Sie sind allerdings weder prinzipiell anderer Natur als in anderen Ländern unseres Kulturkreises, noch betreffen sie in irgendeiner Weise die inhaltliche und therapeutische Substanz dieses Buches. Insofern lag es nahe, sie aufgrund ihrer paradigmatischen Gültigkeit in der vorliegenden Übersetzung unverändert zu übernehmen.
Zum Abschluss möchten wir nachdrücklich darauf hinweisen, dass man vor raschen Lagebeurteilungen und vor der anschließenden Entwicklung therapeutischer Interventionen bei Elterntrennungen ein wenig Zeit vergehen lassen sollte, damit sich der fast unvermeidliche »Staub« setzen kann: Ein gewisses Chaos am Anfang ist (leider) normal, und wenn eine Familie buchstäblich zerfällt, hilft es nicht, die Handlungen der einzelnen Mitglieder, die einen neuen Modus Vivendi zu finden versuchen, zu pathologisieren.
1Zurzeit findet eine breitere Diskussion über die Frage statt, wie in der deutschen Sprache alle realen Geschlechter – das männliche, das weibliche, die diversen – angemessen repräsentiert werden können bzw. sollen. Wir möchten darauf hinweisen, dass wir in diesem Buch zwar die traditionellen Schreibweisen verwenden, dass aber bei Nennung eines grammatischen Geschlechts immer alle realen Geschlechter gemeint sind.
1Chronische Elternkonflikte: Der familiäre Kontext
Als Frau und Herr B. sich vor etwa 15 Jahren kennenlernten, erlebten sie etwas, das sie noch immer als »Liebe auf den ersten Blick« bezeichnen. In den ersten fünf Jahren waren sie glücklich miteinander, bis das Baby Rahul geboren wurde. Schwangerschaft und Geburt waren sehr schwierig, und Rahul war ein ziemlich anstrengender Säugling. Herr B. hatte eine sehr anspruchsvolle berufliche Position und arbeitete oft lange. Frau B., die früher einmal eine Vollzeitstelle in einer Apotheke gehabt hatte, blieb nun bei dem Baby zu Hause. Beide Eltern waren gestresst und erschöpft und verwickelten sich in Streitigkeiten wegen der Kindesbetreuung, wegen unterschiedlicher Erwartungen und kultureller Gepflogenheiten, wegen der Rolle der beidseitigen Schwiegereltern sowie wegen anderer Dinge. Als zwei Jahre später das zweite Kind, Marina, geboren wurde, befand sich die Beziehung der Eltern in einer tiefen Krise, wie sie sie noch nie erlebt hatten. Frau B. hatte das Gefühl, ihr Mann sei nicht der stets hilfsbereite Vater, der zu sein er ihr versprochen hatte. Er war nur selten zu Hause, und wenn, war er meist gestresst und verhielt sich, als wolle er jeden Schritt seiner Frau und der Kinder kontrollieren. Seiner Frau gegenüber ließ er nur wenig Zuneigung erkennen, und er würdigte auch kaum ihre Arbeit im Heim der Familie. Sie vermutete, er habe eine außereheliche Affäre, doch das stritt er vehement ab. Herr B. seinerseits hatte das Gefühl, das Leben im Heim seiner Familie werde von seiner Schwiegermutter bestimmt, die sich in der Nähe eine Wohnung gesucht hatte und fast täglich auftauchte. Frau B. und ihre Mutter kritisierten ihn oft und bezogen ihn in wichtige Entscheidungen fast nie ein. Deshalb fühlte er sich ausgegrenzt, als würde seine Rolle als Vater seiner Kinder unterminiert, als blieben seine Ansichten und Meinungen ungehört und als wollten die Kinder des Paars nur Kontakt zu ihrer Mutter.
Die Atmosphäre in der Familie wurde immer angespannter, und es kam täglich zu Streitigkeiten; das passierte zunächst nur, wenn die Kinder nicht anwesend waren oder schliefen, doch später fanden die Auseinandersetzungen zunehmend auch vor den Kindern statt. Schon bald häuften sich bei Rahul Wutausbrüche, und Marina bekam Probleme mit dem Essen und litt unter Schlafstörungen. Die Beziehung der Eltern verschlechterte sich immer weiter. Rahul war drei Jahre alt und Marina noch nicht einmal ein Jahr, als Herr B. sich entschloss, aus dem Haushalt der Familie auszuziehen. Er fühlte sich von seiner Frau nicht mehr respektiert und glaubte, ihm werde »verboten«, der Vater zu sein, der er sein wolle. Frau B. hingegen fühlte sich von ihrem Mann verlassen und sah in seiner Entscheidung auszuziehen einen Beweis dafür, dass er sich seiner Familie nicht wirklich verpflichtet fühle. Das Paar vereinbarte, dass Herr B. die Kinder jedes zweite Wochenende zu sich nehmen solle und dass sie außerdem in der Wochenmitte einmal bei ihm übernachten dürften. Frau B. erklärte, sie wolle die Beziehung der Kinder zu ihrem Vater erhalten, machte sich aber andererseits Sorgen wegen seiner mangelnden Erfahrung im fürsorglichen Umgang mit ihnen. Jedes Mal wenn die Kinder von einem Besuch bei ihrem Vater zurückkamen, hatte die Mutter das Gefühl, sie kämen nicht zur Ruhe, und in den folgenden Tagen sei es schwieriger, mit ihnen zurechtzukommen. Nach zwei Monaten erklärte Frau B., sie könne nicht zulassen, dass Marina weiter bei ihrem Vater übernachte, wogegen er erfolglos protestierte. Rahul besuchte den Vater nun allein, sagte aber, er vermisse seine Schwester und seine Mutter. Drei Monate später weigerte er sich, das Wochenende bei seinem Vater zu verbringen. Er wollte sich nicht auf den Besuch vorbereiten und verhielt sich der Mutter gegenüber sehr anklammernd. Er sagte: »Papa ist mürrisch, und er brüllt.« Frau B. rief ihren Mann an und sagte, sie habe »buchstäblich alles« versucht, um Rahul dazu zu bringen, seinen Vater zu besuchen, aber er weigere sich.
In den folgenden vier Monaten sah Herr B. keines seiner Kinder, obwohl er an jedem zweiten Wochenende mit seiner telefonierte, um die Übergabe der Kinder abzusprechen; doch Frau B. erklärte jedes Mal: »Ich habe alles versucht, aber Rahul will dich nicht sehen. Er ist jetzt so alt, dass ich ihn nicht mehr zwingen kann, dich zu besuchen.« Herr B. reagierte zunehmend frustriert darauf, dass die Mutter nicht mehr tat, um seine Beziehung zu ihren gemeinsamen Kindern zu fördern. Er sprach mit Freunden der Familie über seine Sorgen, die daraufhin mit Frau B. redeten und ihr vorwarfen, sie versuche, Herrn B. mithilfe der Kinder dafür zu bestrafen, dass er seine Familie verlassen habe. Im Beisein der Kinder kam es zwischen den Eltern auf der Straße zu hitzigen Auseinandersetzungen, und in einer dieser Situationen rief ein Nachbar die Polizei hinzu. Frau B. erklärte, sie erlebe Herrn B. als verärgert und kontrollbesessen – als tyrannisch –, und die Kinder interessierten ihn im Grunde nicht. Herr B. hingegen erklärte, Frau B. »entfremde« ihm die Kinder absichtlich. Er engagierte einen Anwalt, und zwischen diesem und dem Anwalt seiner Frau entwickelte sich ein immer feindseliger werdender Schriftverkehr. Einige Monate später landete der Streitfall vor Gericht, und unabhängige Sozialarbeiter und andere professionelle Helfer wurden einbezogen. Als Rahul acht Jahre alt war, hatten schon zehn Gerichtstermine stattgefunden, und mehrmals hatten Richter angeordnet, dass die beiden Kinder Zeit bei ihrem Vater verbringen sollten – aber dies passierte einfach nicht. Als das Gericht der Familie schließlich die Auflage machte, unsere Klinik aufzusuchen, hatten beide Kinder ihren Vater seit vier Jahren nicht gesehen und auch nicht mit ihm gesprochen. Rahul sagte, er »hasse« seinen Vater, weil er »mich und meine Mama anbrüllt«, und Marina schien keinerlei Interesse an ihrem Vater zu haben.
1.1Hochstrittige Eltern und resultierende Familiendynamiken
Die Familie wird oft als sicherer Hafen bezeichnet. Sie kann aber auch ein gewaltiges Schlachtfeld sein oder dazu werden. Nach Schätzungen enden in den USA und in Großbritannien über 40 % aller Ehen mit einer Scheidung, und in vielen europäischen Ländern scheint es sich ähnlich zu verhalten (OECD 2018). Die Anzahl der minderjährigen Scheidungskinder in Deutschland ist in den letzten Jahren zwar gesunken, aber immerhin gab es 2019 mehr als 122 000 (Statista 2020).2 Etwa zehn Prozent aller Scheidungsfälle sind mit sehr starken Konflikten verbunden (Bream a. Buchanan 2003). Konflikte zwischen Eltern nach der Trennung führen häufig zu Auseinandersetzungen über das Umgangs- und Sorgerecht: zu schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten darüber, wer das alleinige Sorgerecht für die Kinder erhalten soll, wo und bei wem die Kinder leben sollen und wie viel direkten (persönlichen) und indirekten (z. B. telefonischen oder brieflichen) Umgangskontakt sie mit einem oder beiden Elternteilen haben sollen. Solche Meinungsverschiedenheiten und Konflikte greifen oft auch auf die erweiterte Familie sowie auf Freunde und berufliche Netzwerke über. In Szenarien dieser Art können Kinder emotionalen Schaden erleiden, weil sie dem problematischen Konfliktmanagement der Eltern und deren Unfähigkeit, sich zu einigen, schutzlos ausgesetzt sind.
Die meisten Eltern, die sich trennen, sind in der Lage, sich vorrangig um das Wohl ihrer Kinder zu kümmern und sie vor ihrer eigenen Verbitterung über den Expartner zu schützen. Sie tun alles, um ihre Kinder zu unterstützen, eine Beziehung zu beiden Eltern und deren erweiterten Familien- und Freundeskreisen aufrechtzuerhalten. Es gibt allerdings auch Eltern, denen es unmöglich erscheint, von ihren eigenen Konflikten abzusehen – was dann, wie in unserem Beispielfall, dazu führt, dass die Kinder Schritt für Schritt in den elterlichen Konflikt hineingezogen werden und oft am Ende für eine Seite Partei ergreifen. Weil starke Gefühle und noch stärkere Reaktionen bestehende Konflikte noch stärker anfachen, sammeln sich Freunde und Mitglieder der erweiterten Familien um die Partner und unterstützen die eine oder die andere Partei, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis in solche Konflikte Anwälte und professionelle Helfer einbezogen werden. Die Ausweitung solcher Auseinandersetzungen auf das Rechtssystem kann derartige Situationen noch weiter polarisieren und verschärfen. Die Aufmerksamkeit der beteiligten Erwachsenen ist dann zunehmend darauf gerichtet, den »Fall« zu gewinnen, und die Leidtragenden sind fast immer die Kinder, deren komplexe Emotionen und Loyalitätsprobleme nicht mehr angemessen berücksichtigt werden, weil zwischen ihren Eltern und den Angehörigen des erweiterten Systems ein stark von Emotionen geprägter Krieg tobt, an dem auch Freunde und manchmal sogar professionelle Helfer parteiisch beteiligt sein können.
Wenn Elternpaare sich trennen oder sich scheiden lassen, haben manche schon seit Langem Partnerschaftsprobleme, und dabei spielen auch vor der Trennung oder Scheidung meist Mitglieder der jeweiligen Ursprungsfamilien eine Rolle. Solche Streitigkeiten können sich über viele Jahre hinziehen, in deren Verlauf die Erzählungen der beteiligten Erwachsenen, oft unter dem Einfluss langwieriger juristischer Auseinandersetzungen, immer starrer werden (Blow a. Daniel 2002; Gorell Barnes 2005). Kinder sind sich der langjährigen Verbitterung ihrer Eltern und deren Streitigkeiten in der Regel sehr wohl bewusst, auch wenn die Eltern beteuern mögen, dafür zu sorgen, dass die Kinder nicht damit konfrontiert würden. Werden die Kinder – direkt oder indirekt – in die Auseinandersetzungen der Eltern verwickelt, geraten sie in Loyalitätskonflikte, die bei ihnen das Gefühl hervorrufen, sie müssten sich einen festen Standpunkt zu eigen machen, indem sie beispielsweise für einen Elternteil gegen den anderen Partei ergreifen. Leben Eltern nach der Trennung in separaten Wohnungen, beginnen die Kinder oft, zunehmend den Elternteil zu idealisieren, bei dem sie leben, manchmal allerdings auch den anderen Elternteil. In vielen Fällen läuft der Elternteil, bei dem die Kinder nicht regulär wohnen, Gefahr, marginalisiert zu werden, und manchmal wird er sogar aktiv verleumdet oder dämonisiert. Wird dann nicht bewusst gegengesteuert oder wird der Zustand absichtlich oder unabsichtlich verstärkt und gefördert, kann er das Geschehen in der Familie über Gebühr belasten. Manchmal werfen Kinder dem ihnen ferner stehenden oder häufiger abwesenden Elternteil frühere schlechte Behandlung vor, wozu sie auf angebliche Situationen von Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung verweisen, was der Elternteil, bei dem sie wohnen, dann nutzt, um den Kontakt zum früheren Partner einzuschränken oder völlig zu unterbinden oder um durchzusetzen, dass fortan jeder Kontakt unter amtlicher Aufsicht stattfindet.
Der elterliche Trennungsprozess ist oft eine schwierige Übergangssituation, die eine Umstrukturierung und Anpassung innerhalb der Familie erforderlich macht; in dieser Situation verstricken sich Eltern nicht selten in juristische Auseinandersetzungen, weil sie ihre Identität wahren wollen oder weil sie ihre bisherige Rolle oder Position innerhalb der Familie gefährdet sehen (Gorell Bernes 2017). Sie hegen dann oft die Erwartung, dass die rechtlichen Klärungsversuche ihre komplexen Emotionen, die den früheren Partner betreffen, lindern werden (Trinder et al. 2008). Hat außerdem ein ehemaliger Partner oder haben beide neue Partner gefunden, können sich weitere komplexe Dynamiken entfalten, welche die Beziehungen der Kinder zu einem Elternteil oder zu beiden Eltern negativ beeinflussen. Wie Kinder mit der Trennung ihrer Eltern kurz- wie auch langfristig fertigwerden, hängt stark von Fähigkeit und Bereitschaft der Eltern ab, ihre Kinder trotz der Trennung weiterhin gemeinsam zu betreuen.
1.2Elterliche Trennung und ihre Auswirkungen auf Kinder
Die Trennung der Eltern verursacht bei Kindern normalerweise starke Gefühle, die von Kummer bis hin zu Angst und von Traurigkeit bis hin zu Wut reichen können (Kelly a. Emery 2003). Häufig werden Kinder von den Eltern über eine bevorstehende Trennung oder Scheidung und die Gründe dafür unzureichend informiert, und ihnen wird nur wenig über die langfristigen Implikationen für die zukünftige Familienstruktur und für Kontakt- und Wohnregelungen mitgeteilt – meist weil sich die Eltern darüber selbst nicht im Klaren sind. Zieht ein Elternteil aus dem Heim der Familie aus, kann es sein, dass der zurückbleibende Elternteil den Auszug des Expartners anders darstellt als derjenige, der das Heim verlässt. Die Kinder wissen dann oft nicht, welche Darstellung die »richtige« ist. Vom Zeitpunkt der physischen Trennung an ist es oft so, dass die Kinder den Elternteil, der sich entfernt hat, seltener und manchmal wochenlang gar nicht sehen.
Es ist gut belegt, dass Zwistigkeiten und erbitterte Konflikte zwischen Eltern meist negative Auswirkungen auf die Kinder und ihre psychosoziale Entwicklung haben (Barletta a. O’Mara 2006; Holmes 2013; Bernet et al. 2016; Harold a. Sellers 2018) und dass dies so häufig der Fall ist, dass im DSM-5 (2013) die diagnostische Kategorie »Kindliche Beeinträchtigung aufgrund von Beziehungsproblemen der Eltern« (Z62.898) eingeführt wurde. Dabei geht es nicht um die Trennung selbst, sondern um den destruktiven Konflikt zwischen den Eltern, der häufig zu einer schlechten psychosozialen Anpassung der Kinder in den Jahren nach der Trennung führt (Emery 1982; Kline et al. 1991), wobei auch eine Rolle spielt, wie stark die Kinder in die Konflikte hineingezogen werden (Davies a. Cummings 1994; Buchanan a. Heiges 2001; McIntosh 2003) und ob sie das Gefühl haben, sie selbst hätten die schlechte Beziehung ihrer Eltern zueinander verschuldet (Harold et al. 2007). Obzwar einige Kinder stärker beeinträchtigt werden als andere, beinhaltet das wiederholte und längerfristige direkte Miterleben elterlicher Konflikte und Streitigkeiten grundsätzlich für alle Kinder ein beträchtliches psychisches Risiko. Dieses kann sich in Form von Angst und Depression niederschlagen sowie in Form von Verhaltensproblemen, darunter aggressiven und feindseligen Verhaltensweisen (Johnston et al. 1987; Buchanan a. Heiges 2001; Grych a. Fincham 2001; Cummings a. Davies 2002; McIntosh 2003; Harold a. Murch 2005; Jenkins et al. 2005; Holt et al. 2008; Pinnell a. Harold 2008), Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen (Bolgar et al. 1995), Loyalitätskonflikten und kognitiven Dissonanzen (Amato a. Afifi 2006) sowie starken psychosozialen Anpassungsschwierigkeiten (Kline et al. 1991). Außerdem haben betroffene Kinder später im Leben häufiger Schwierigkeiten mit dem Aufbau und der Erhaltung von Vertrauensbeziehungen.
Wenn getrennte Eltern sich in einem Dauerstreit befinden, kann sich das negativ auf ihre emotionale Offenheit ihren Kindern gegenüber auswirken, weil viele ihrer Aktionen und Reaktionen mit den laufenden Konflikten zusammenhängen, also nichts direkt mit den Bedürfnissen ihrer Kinder zu tun haben. Jeder Elternteil mag für sich in Anspruch nehmen, dass es ihm nur um das Wohl der Kinder geht, macht aber gleichzeitig dem anderen Elternteil Vorwürfe; hingegen fällt es meist beiden schwer, den eigenen Anteil an der verbitterten Atmosphäre zu erkennen. Häusliche Gewalt setzt sich nicht selten auch nach der Trennung von Eltern fort, wobei die Kontakte der Kinder zu dem Elternteil, der das Heim der Familie verlassen hat, zum Fokus weiter eskalierender Konflikte zwischen den Eltern werden. Das beeinflusst nicht nur die Kindesbeziehung zum »entfremdeten« Elternteil, sondern zu beiden Eltern negativ.
1.3Die Debatte über Eltern-Kind-Entfremdung
Der Begriff »Elternentfremdung« – »Parental Alienation Syndrome« (PAS), Gardner 1985) – bezeichnet die (augenscheinlich) ungerechtfertigte und dauerhafte Zurückweisung und Herabsetzung eines Elternteils durch ihr Kind (bzw. ihre Kinder), ausgelöst und gefördert durch die Indoktrinierung des betreuenden Elternteils, der dem anderen bewusst Liebe und Respekt des eigenen Kindes vorzuenthalten versucht (Lowenstein 2007). Das Kind entwickelt mit dem Elternteil, bei dem es wohnt, eine starke Koalition und lehnt eine Beziehung zum »zurückgewiesenen« Elternteil »ohne plausible Begründung« ab (Gardner 1998). Die Diagnose des »Elternentfremdungssyndroms« (Gardner 1985) bleibt umstritten, weil sie impliziert, dass das Kind infolge absichtlicher oder unbewusster Indoktrinierung durch einen »entfremdenden« Elternteil eine »Störung« entwickelt, oft verbunden mit allem Anschein nach banalen, falschen oder unbelegten Anschuldigungen dem entfremdeten Elternteil gegenüber. Bestätigungen der Auffassung, dass Kinder die falschen Anschuldigungen, die sie gegen den Elternteil, den sie zurückweisen, erheben, lassen sich aus einem beträchtlichen Fundus an Untersuchungen herleiten, die unter anderem auch zeigen, dass Erinnerungen leicht verzerrt und dass »falsche Erinnerungen« eingepflanzt werden können (Loftus 1997; Bruck a. Ceci 1999; Schacter 2001; Tavris a. Aronson 2007; Lilienfeld et al. 2010).
Man hat festgestellt, dass bei Kindern von stark zerstrittenen getrennten Eltern typischerweise bestimmte Verhaltensweisen zu finden sind (Baker a. Darnall 2006; Baker 2007; Baker a. Chambers 2011; Ben-Ami a. Baker 2012). Darnall (1998) unterscheidet drei Kategorien von »entfremdenden Eltern«:
1.»Naive Entfremder« verhalten sich der Beziehung der Kinder zum anderen Elternteil gegenüber weitgehend passiv und sagen oder tun nur gelegentlich etwas, das einen Entfremdungsprozess initiieren kann.
2.»Aktive Entfremder« wissen, dass das, was sie tun, falsch ist, wirken aber trotzdem entfremdend, um mit ihrer persönlichen Verletztheit und Wut fertigzuwerden – aufgrund ihrer eigenen emotionalen Verletzlichkeit oder ihrer mangelnden Impulskontrolle.
3.»Besessene Entfremder« fühlen sich im Recht, wenn sie den anderen Elternteil verletzen und die Beziehung des gemeinsamen Kindes zu ihm zerstören, und lassen nur selten Selbstkontrolle oder Einsicht erkennen.
Weitere, einander überschneidende Begriffe und Kategorien existieren, die erklären sollen, warum Kinder sich auf die Seite eines Elternteils schlagen und den anderen ablehnen. Der Begriff »zu rechtfertigende Entfremdung« (siehe Bala a. Hebert 2016; Whitcombe 2017) wurde geprägt zu dem Zweck, die »verständliche Zurückweisung« eines misshandelnden oder vernachlässigenden Elternteils durch sein Kind zu charakterisieren. Von »hybriden Fällen« wird gesagt, sie würden »Entfremdung« und »zu rechtfertigende Entfremdung« kombinieren, um die Zurückweisung eines Elternteils zu legitimieren (Friedlander a. Walters 2010). Andere Begriffe und Konzepte wie »Ausgrenzung von Familienmitgliedern« (Scharp a. Dorrance 2017) und »kontraproduktives schützendes Elternverhalten« (Drozd a. Williams Olesen 2004) oder unfaire Verunglimpfung eines Elternteils durch den anderen werden ebenfalls zur Beschreibung dessen, was dazu geführt hat, dass ein Kind einen Elternteil nicht sehen will, benutzt. Kelly und Johnston (2001) haben versucht, das »Elternentfremdungssyndrom (PAS)« umzuformulieren und sich auf das »entfremdete Kind« zu konzentrieren, und in diesem Zusammenhang haben sie untersucht, warum und wie die Beziehungen von Kindern zu ihren Eltern nach deren Trennung beeinflusst werden. Das Konzept der »unversöhnlichen Feindseligkeit« (Sturge a. Glaser 2000) ist ein weiterer Versuch, die starke und nicht nachlassende Feindseligkeit zu erfassen, die oft zwischen dem Elternteil, dem das Sorgerecht für das Kind zugestanden worden ist, und dem anderen Elternteil besteht. Das letztgenannte Konzept hat insofern Schwächen, als man denken könnte, es würde implizieren, dass es unmöglich wäre, die Situation zu verbessern – was davon abhalten könnte, veränderungsfördernde Interventionen auch nur auszuprobieren.
Es wurde und wird weiterhin viel darüber diskutiert, ob Elternentfremdung tatsächlich ein Syndrom ist (siehe hierzu beispielsweise Andre 2004; Bernet et al. 2010; Rand 2011; Gottlieb 2012; Baker et al. 2016; Cantwell 2018). Nach unserer Auffassung hat das Konzept der Entfremdung zwar einige Vorzüge, aber andererseits auch Grenzen, da es einen in eine Richtung verlaufenden linearen und kausalen Prozess postuliert, der bewirken soll, dass sich Kinder in die verbitterte Beziehung ihrer Eltern hineingezogen fühlen und aufgrund dessen einem Elternteil gegenüber eine Abneigung entwickeln. Zwar erkennen wir an, dass in sehr extremen Fällen ein Elternteil bei der Unterminierung der Beziehung eines Kindes zum anderen Elternteil die treibende Kraft ist, doch sind in den meisten Fällen umfassendere und komplexere Dynamiken – wie »Triangulierungsprozesse« und Loyalitätskonflikte – im Spiel, die ein differenzierteres Verständnis und entsprechende Formulierungen erfordern.
Fidler und Bala (2010) zitieren zahlreiche Studien, die potenziell negative Auswirkungen von Entfremdungsprozessen auf die betroffenen Kinder thematisieren. Dabei kann es um folgende Aspekte gehen:
•Mängel der Realitätsprüfung
•unlogische kognitive Operationen
•übermäßig vereinfachende und starre Informationsverarbeitung
•unzutreffende oder verzerrte interpersonale Wahrnehmungen
•gestörte und beeinträchtigte interpersonale Funktionsfähigkeit
•Selbsthass
•schwaches oder übertrieben starkes Selbstwertgefühl oder sogar Allmachtsgefühle
•Pseudoreife
•Probleme hinsichtlich der Geschlechtsidentität
•Schwierigkeiten mit Grenzziehungen, wie z. B. »Verstrickung«
•Aggression und Störungen des Sozialverhaltens
•Ablehnung von sozialen Normen und Autoritäten
•mangelnde Impulskontrolle
•emotionale Einengung, Passivität oder Abhängigkeit
•Mangel an Reue oder Schuldgefühlen.
Retrospektive qualitative Untersuchungen an Erwachsenen, die in ihrer Kindheit Entfremdungsprozessen ausgesetzt waren, stehen mit den beschriebenen Erkenntnissen in Einklang (Baker 2007; Verrocchio et al. 2018). Die meisten Betroffenen berichten, sie könnten sich zwar deutlich daran erinnern, in ihrer Kindheit erklärt zu haben, sie hassten oder fürchteten den zurückgewiesenen Elternteil und hätten oft negative Gefühlen ihm gegenüber gehabt, hätten sich aber nicht gewünscht, dass er sich seinerseits von ihnen distanziert hätte, und hätten sogar insgeheim gehofft, irgendwann wäre jemandem klar geworden, dass sie das tatsächlich Gesagte nicht so gemeint hätten. Diese Erkenntnisse sind keineswegs neu, denn schon vor fast drei Jahrzehnten berichteten Clawar und Rivlin (1991), 80 % der Kinder ihrer Stichprobe hätten erklärt, sie wünschten sich, der Entfremdungsprozess werde entdeckt und gestoppt.
1.4Familienbindungen und Triangulierungsprozesse
Dem Family-Ties-Modell gemäß ist der Prozess des Hineingezogenwerdens der Kinder in anhaltende elterliche Konflikte – die »Triangulierung« – der Grund für die spezielle Art von Beziehungen, die man in Familien vorfindet, in denen nach der Trennung der Eltern starke Konflikte bestehen bleiben. Im Gegensatz zum psychoanalytischen Konzept der »frühen Triangulierung« (Abelin 1975) handelt es sich bei systemisch begründeten Triangulierungsprozessen darum, dass Kinder in die Streitigkeiten von Erwachsenen hineingezogen werden und aufgrund dessen zusammen mit einem Elternteil eine problematische Allianz gegen den anderen Elternteil entwickeln. Das ist keineswegs ein neues Konzept, denn schon Bowen (1966) beispielsweise spricht von der »pathologischen Triangulierung«: einer generationenübergreifenden Koalition, in der ein Elternteil das Kind als Vertrauensperson benutzt und den anderen Elternteil ausschließt und herabwürdigt. Das »perverse Dreieck« (Haley 1985) ist eine weitere Beschreibung des Prozesses, wie ein Elternteil sein Kind für ein verdecktes Bündnis vereinnahmt, um den anderen Elternteil zu isolieren; dadurch gerät das Kind in eine »No-win«-Situation, in der die Einwilligung in die Wünsche des einen Elternteils den Verlust der Liebe des anderen nach sich zieht. Selvini Palazzoli et al. (1992) beschreiben spezielle »Familienspiele«, denen Kinder und Jugendliche zum Opfer fallen und die schwerwiegende psychische Störungen verursachen können. Boszormenyi-Nagy und Spark (1973) verweisen auf die »unsichtbaren Loyalitäten« und die »Rollenkorruption«, die Kinder in Szenarien dieser Art erleiden und welche oft zu den von Minuchin (1977) so genannten »dysfunktionalen Machthierarchien« und »verstrickten« Eltern-Kind-Beziehungen führt. In Szenarien dieser Art befinden sich Kinder verstärkt in Gefahr, »adultifiziert«, »parentifiziert« oder »infantilisiert« zu werden (Garber 2011).

Abb. 1.1: Triangulierungsprozesse
Triangulierung beinhaltet drei unterschiedliche und einander überschneidende Distanzierungs- und Entfremdungsprozesse, die man zum Verständnis grafisch repräsentieren (siehe Abbildung 1.1) und auch therapeutisch nutzen kann, um die verschiedenen eigenen Sichtweisen jedes Elternteils und des Kindes darzustellen. Die Distanzierung eines Elternteils vom Kind ist der erste dieser Prozesse, den man mit dem Ausmaß in Verbindung bringen kann, in dem der eine Elternteil die laufende Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil unterstützt. Eltern, die trotz ihrer Wut oder Aufgebrachtheit dem früheren Partner gegenüber die Beziehung ihres Kindes zum anderen Elternteil bedingungslos unterstützen, sind am einen Ende eines Spektrums zu positionieren, auf dem sich auch die indirekte und unbeabsichtigte Unterminierung dieser Beziehung verorten lässt und an dessen entgegengesetztem Ende die absichtliche, permanente und konsistente Unterminierung der Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil und dessen Herabwürdigung zu lokalisieren ist. Ein zweiter Faktor, der zur Triangulierung beiträgt, ist das Ausmaß, in dem das Kind dem elterlichen Konflikt ausgesetzt ist und in ihn einbezogen wird. Am einen Ende des Spektrums kann das Kind völlig von den Konflikten seiner Eltern abgeschirmt sein, während es am anderen Ende des Spektrums permanent den feindseligsten Interaktionen seiner Eltern ausgesetzt ist und oft direkt in ihre Dispute verwickelt wird.
Ein dritter Triangulierungsfaktor, der zu Distanzierungs- und Entfremdungsprozessen beiträgt, betrifft die tatsächliche physische und emotionale Nähe zwischen Kind und Eltern. Am einen Ende des Spektrums liegt eine sehr nahe und abhängige Beziehung zwischen Kind und Eltern, am anderen Ende befindet sich die völlige Unabhängigkeit des Kindes von den Eltern. Welche Position in diesem Spektrum für die Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil optimal ist, hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise vom realen Alter, vom Entwicklungsstadium, von den geltenden gesellschaftlichen Normen sowie von den situativen, sozialen und kulturellen Umständen, unter denen die Familie lebt. Wird ein Kind von seinen Eltern in eine Triangulierung hineingezogen, ist seine Nähe zu dem Elternteil, bei dem es lebt, oft größer und die zum anderen Elternteil geringer, als es für eine gesunde psychosoziale Entwicklung optimal wäre.
Ist ein Kind tatsächlich von einem Elternteil erheblich misshandelt oder vernachlässigt worden, macht das eine gewisse physische oder emotionale Distanzierung von diesem Elternteil nicht nur verständlich, sondern liegt gewöhnlich auch im wohlverstandenen Interesse des Kindes – insbesondere wenn weiterhin die reale Gefahr der erneuten emotionalen oder physischen Schädigung des Kindes besteht. Diese Dynamik unterscheidet sich von der als »Triangulierung« bezeichneten Verstrickung in die elterlichen Konflikte, weil wir von »Triangulierungsprozessen« nur sprechen, wenn sich ein Kind von einem Elternteil emotional und/oder physisch distanziert, da die Beziehung durch den anderen Elternteil unterminiert wird und/oder da das Kind dem Konflikt zwischen den Eltern ausgesetzt ist – es also nicht um einen Schaden geht, den das Kind in der Obhut des distanzierteren Elternteils erlebt hat.
Die entstehenden Dynamiken und Prozesse lassen sich vielleicht am besten erörtern und entflechten, wenn man die Sichtweisen und Haltungen aller an dem Dreieck Beteiligten zu verstehen versucht: die des Elternteils, mit dem das Kind die meiste Zeit verbringt (den wir von nun an den »näheren Elternteil« nennen werden); die des Elternteils, bei dem das Kind weniger oder keine Zeit verbringt (den wir von nun an als den »distanzierteren Elternteil« bezeichnen werden); und die des betroffenen Kindes.
1.5Die Konzepte des näheren und distanzierteren Elternteils
Der nähere Elternteil kann zu den Triangulierungsprozessen beispielsweise beitragen, indem er sich kritisch bzw. übermäßig kritisch dazu äußert, wie der distanziertere Elternteil das Kind behandelt oder behandelt hat. Dies kann zur Folge haben, dass der dem Kind nähere Elternteil aufrichtig und ohne jede böse Absicht glaubt, die Beziehung zwischen dem Kind und dem distanzierteren Elternteil müsse eingeschränkt oder völlig unterbunden werden, um das Kind vor inadäquater oder gar schädlicher elterlicher Betreuung zu bewahren. Solche Sorgen können verstärkt werden, wenn es Eltern schwerfällt, ihre eigenen Gedanken und Gefühlszustände (beispielsweise Wut oder Angst) von denjenigen ihres Kindes zu unterscheiden. In Ermangelung dieser Fähigkeit kann der betreffende Elternteil es als sehr schwierig empfinden, die Beziehung des Kindes zum Expartner zu unterstützen, was die Distanz zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil noch vergrößert. Eine weitere Dynamik, die zum Triangulierungsprozess beitragen kann, besteht darin, dass sich der nähere Elternteil immer stärker auf die emotionale Unterstützung und Gesellschaft des Kindes verlässt – wodurch das Kind in die »Sache« des näheren Elternteils hineingezogen wird und dessen negativen Gefühlen dem früheren Partner gegenüber ausgesetzt ist. So wird das Kind indirekt mit dem elterlichen Konflikt konfrontiert: Es sieht die Wirkung dieses Konflikts auf den ihm näheren Elternteil und distanziert sich aus Loyalität und um seine Beziehung zu schützen weiter von dem anderen Elternteil.
Manche Eltern äußern sich zwar nicht negativ über den Expartner, doch aufgrund ihrer eigenen negativen und belastenden Gefühle oder aufgrund ihrer Wut ihm gegenüber fällt es ihnen leichter, gar nicht über ihn zu sprechen. Es kann ihnen auch widerstreben, sich mit Fotos oder Gegenständen, die an den Abwesenden erinnern, zu befassen. Dies ist der Beziehung des Kindes zum distanzierteren Elternteil eher abträglich, weil es ihm die Reaktivierung positiver Erinnerungen erschwert und zudem die physische und emotionale Distanz zwischen ihm und dem anderen Elternteil vergrößert. In extremeren Fällen kommt es vor, dass sich der dem Kind nähere Elternteil gekränkt fühlt und es deshalb für gerechtfertigt hält, direkt und wiederholt die Beziehung des Kindes zum Expartner zu unterminieren. Der nähere Elternteil kann das Kind auch direkt in den weiterhin akuten elterlichen Konflikt hineinziehen, beispielsweise indem er an wirkliche oder angebliche Vorfälle häuslicher Gewalt erinnert, für die er den distanzierteren Elternteil verantwortlich macht. Manchmal statten Eltern ihre Kinder für den Umgangskontakt mit dem distanzierten Elternteil sogar mit verborgenen Aufnahmegeräten aus, um »Beweise« für dessen Elternunfähigkeit zu liefern. Kinder können auch instruiert oder »gecoacht« werden, selbst Anschuldigungen gegen den anderen Elternteil vorzubringen. Auch Mitglieder des engeren Kreises der Ursprungsfamilie eines Elternteils und loyale Freunde können zu Triangulierungsprozessen beitragen, indem sie durch parteiische Äußerungen negative Informationen verstärken.
Der distanziertere Elternteil kann durch seine Reaktion auf das Gefühl, vom näherstehenden Elternteil und von dessen Netzwerk kritisiert zu werden, den Triangulierungsprozess verstärken. Dies kann zur Folge haben, dass er sich niedergeschlagen fühlt und sich aus der Beziehung zum Kind zurückzieht, das dann mit Wut oder mit Schuldgefühlen und Ablehnung reagiert. Der distanziertere Elternteil kann aber auch selbst mit Kritik und Feindseligkeit reagieren, ohne das Kind von diesen starken negativen Gefühlen gegenüber dem näherstehenden Elternteil und anderen Mitgliedern von dessen Ursprungsfamilie abzuschirmen, und das Kind dadurch indirekt seinem eigenen Konflikt mit dem Expartner aussetzen. Die Folge kann sein, dass sich das Kind noch stärker vom distanzierteren Elternteil abwendet, und sei es nur, um seine eigene positive Sicht auf den ihm näheren Elternteil aufrechterhalten zu können.
Eine weitere Dynamik, die zu Triangulierungsprozessen beitragen kann, sind die oft aggressiven oder deprimierten Reaktionen des distanzierteren Elternteils auf den offensichtlichen Rückzug des Kindes aus der Beziehung zu ihm. Dies wiederum kann beim Kind schmerzhafte Gefühle hervorrufen, wie Angst vor oder Enttäuschung über augenscheinliche Missbilligung und Abfuhr, auch Schuldgefühle, die Kinder oft herunterzuspielen oder zu vermeiden versuchen, indem sie sich noch stärker vom betroffenen Elternteil distanzieren. Manchmal streitet der distanziertere Elternteil ab, dass er seine elterlichen Aufgaben schlecht oder nachlässig erfülle, oder er leugnet tatsächlich begangene körperliche Misshandlungen oder andere inadäquate oder schädliche Verhaltensweisen dem Kind gegenüber. Ist dokumentiert und belegt, dass solche Vorfälle vorgekommen sind, entwertet deren Leugnung die vorangegangene Darstellung des Kindes, was die bereits bestehende Distanzierung wahrscheinlich erneut verstärkt. Werden die Fakten, die das Verhalten des distanzierteren Elternteils betreffen, bestritten, bringt weiteres Abstreiten das Kind in die schwierige Lage, zwischen zwei möglichen »Wahrheiten« wählen und somit entscheiden zu müssen, welcher Elternteil »richtig-« und welcher »falschliegt«.
Das betroffene Kind kann einen Elternteil aus vielen Gründen bevorzugen und nach der Trennung der Eltern abgeneigt oder widerwillig sein, den Kontakt zu dem distanzierteren Elternteil aufrechtzuerhalten. Kinder nehmen die Ängste des ihnen näher stehenden Elternteils angesichts eines bevorstehenden Umgangskontakts mit dem distanzierteren Elternteil wahr und entwickeln so selbst von Angst getriebene Reaktionen. Manchmal entsteht bei ihnen sogar eine irrationale Furcht oder Aversion dem ihnen ferneren Elternteil gegenüber, die an eine phobische Reaktion erinnert. Dies kann einander verstärkende Zyklen von Angst, Panik und Vermeidungsverhalten hervorrufen, wenn der dem Kind nähere Elternteil auf dessen Angst und Aufgebrachtheit reagiert, indem er sich noch schützender und gereizter verhält. Der nähere Elternteil ist somit nicht in der Lage, das Kind zu beruhigen oder ihm zu helfen, seine Angst zu überwinden und adäquate Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Es registriert die Voreingenommenheiten und Reaktionen des ihm näheren Elternteils, womit sein Gefühl verstärkt wird, bei dem distanzierteren Elternteil »nicht sicher« zu sein. Das vermeidende Verhalten des Kindes wird dann leicht zu einer fest verwurzelten und erlernten Reaktion (Fidler et al. 2013; Judge a. Deutsch 2017).
Weitere Gründe, warum Kinder ihre Beziehung zu einem Elternteil einschränken oder völlig unterbinden wollen, können frühere unbefriedigende oder üble Erlebnisse unter der Obhut des betreffenden Elternteils sein; es kann sich auch um Erinnerungen an Erlebnisse handeln, die die psychische Gesundheit eines Elternteils oder dessen Substanzmissbrauch betreffen und die im Geist des Kindes eine übertriebene Bedeutung erlangen, wenn der ihm nähere Elternteil seine Beziehung zum distanzierteren Elternteil nicht unterstützt oder sogar aktiv behindert. Kinder, die einem elterlichen Konflikt ausgesetzt waren und sich daran erinnern, dass der distanziertere Elternteil den ihnen näheren schlecht behandelt hat, weisen den distanzierteren Elternteil manchmal aus Loyalität dem ihnen näheren Elternteil gegenüber zurück oder versuchen, auf diese Weise die Beziehung zu letzterem zu schützen. Gelegentlich werden Kinder den verbalen Beschreibungen angeblich inakzeptablen Verhaltens des distanzierteren Elternteils ausgesetzt, obwohl die Darstellungen nicht den Tatsachen entsprechen, übertrieben oder verzerrt sind, aber sie glauben, dass die Schilderungen zutreffen, weil ihnen keine Beweise für das Gegenteil bekannt sind und weil die Darstellungen weiterhin zur Rechtfertigung der Distanzierung benutzt werden.
Und schließlich können Kinder sich auch aus eigenem Antrieb von einem Elternteil distanzieren, um schmerzhafte Gefühle von Angst, Schuld oder Verlust zu verringern, die sie infolge von Zurückweisung erleben oder weil sie mit widersprüchlichen Darstellungen beider Eltern über Geschehnisse aus der gemeinsamen Zeit der Familie fertigwerden müssen. Auch Druck von Geschwistern kann erschwerend wirken, wenn ein Kind mit einem Elternteil besser auskommt als etwa sein Bruder oder seine Schwester. Es kommt zum Beispiel vor, dass ein Kind von einem Elternteil favorisiert wurde – vielleicht auch nur nicht vernachlässigt oder nicht misshandelt wurde –, wohingegen sein Bruder oder seine Schwester schlecht behandelt worden ist. Wenn Kinder von einem Elternteil körperlich misshandelt oder emotional oder sexuell missbraucht worden sind, ist es oftmals mehr als verständlich, dass sie sich von dem Elternteil, bei dem sie sich nicht sicher fühlen, distanzieren. Natürlich verlassen sie sich dann stärker auf den anderen Elternteil und suchen auch eher den Kontakt zu ihm.
Die Interaktionen zwischen hochstrittigen Eltern entsprechen in der Regel einem der drei folgenden Muster:
•dem des gegenseitigen Beschuldigens
•dem des Beschuldigens und Blockierens, wobei ein Elternteil den anderen beschuldigt, der sich daraufhin zurückzieht und jede weitere Kommunikation unmöglich macht
•dem des Blockierens, wobei sich beide Eltern zurückziehen und jede Kommunikation verweigern.
Dadurch fällt dem Kind die wenig beneidenswerte Rolle zu, den Raum zwischen den Eltern ausfüllen zu müssen und als Vermittler, Bote und Faktotum zu fungieren (van Lawick 2016). Im Raum zwischen streitenden Eltern leiden Kinder am stärksten, und dieses Leiden wird unmittelbar vor dem Wechsel, während des Wechsels und nach dem Wechsel von einem Elternteil zum anderen akut.
2Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/484867/umfrage/anzahl-minderjaehrige-scheidungskinder-in-deutschland/ [6.5.2021]
2Konzeptueller Rahmen und Forschungsstand
Das Hauptziel von Family Ties ist es, Kinder aus ihrer Verstrickung in elterliche Beziehungskonflikte zu befreien und, sofern dies als ratsam erscheint, den distanzierteren Elternteil dem Kind näherzubringen, damit das Kind eine »hinreichend gute« (Winnicott 1965) Beziehung zu beiden Eltern unterhalten kann. Dies kann die Wiederherstellung des indirekten und direkten Umgangskontakts zu einem Elternteil beinhalten, den ein Kind seit Monaten oder sogar Jahren nicht gesehen hat. Darüber hinaus zielen die therapeutischen Interventionen darauf, dauerhafte Beziehungen zu beiden Eltern herzustellen und das Kind aus den elterlichen Konflikten herauszuhalten, was hauptsächlich erreicht wird, indem man beide Eltern dazu bringt, sich intensiver an der Betreuung des Kindes zu beteiligen. Unabhängig von jedweden darüber hinausgehenden Fortschritten ist es in komplexen Fällen oft so, dass allein eine erneute und positive Begegnung mit dem distanzierteren Elternteil dem Kind hilft, verzerrte negative Erinnerungen und Repräsentationen zu überprüfen und vielleicht sogar zu korrigieren; das kann zu einer besseren Integration der Aspekte, die das Kind mit dem betreffenden Elternteil assoziiert, beitragen und sich so positiv auf das entstehende »Selbst« auswirken. Außerdem hilft dies Kindern, mit Schuldgefühlen fertigzuwerden, die sie wegen ihrer Ablehnung eines Elternteils haben, und sie gegebenenfalls aufzulösen; es hilft ihnen auch, Gefühle zu verarbeiten, die sie haben, weil sie vom distanzierteren Elternteil im Stich gelassen worden zu sein glauben oder tatsächlich gelassen worden sind.
Im Laufe der Jahre wurden einige therapeutische Ansätze entwickelt, die dazu dienen, die Situation von Kindern zu verbessern, die unter Entfremdungs- und Triangulierungsprozessen leiden (Gardner 2001; Everett 2006; Lowenstein 2006; Major 2006; Lebow a. Rekart 2007; DeJong a. Davies 2012; Gottlieb 2012; Baker a. Sauber 2013; Fidler et al. 2013; Woodall a. Woodall 2017; Hertzmann et al. 2016; Hertzmann et al. 2017). Sie umfassen viele nützliche Konzepte und Interventionstechniken, die Lebow (2003) unter der Bezeichnung »multi-level systemic therapy« zusammengefasst hat. Der zusätzliche auf das Mentalisieren gerichtete Fokus – also das zentrale Interesse an den eigenen mentalen Zuständen und denen von anderen – unterscheidet den Family-Ties-Ansatz von anderen Modellen der Arbeit mit hochstrittigen Eltern und ihren triangulierten Kindern.
Family Ties wurde in den ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts in London von einem multidisziplinären Team entwickelt, zunächst im Rahmen des National Health Service und dann im Anna Freud National Centre for Children and Families. Der Ansatz verbindet systemische und mentalisierungsbasierte Konzepte und nutzt außerdem kognitive, behaviorale und psychoedukative Verständnisrahmen und Interventionen.
2.1Systemische Aspekte
Der Family-Ties-Ansatz versteht die Familie als System innerhalb eines umfassenderen Systems: der unmittelbaren und der erweiterten Familie in ihren sozialen und kulturellen Settings (Ackerman 1967; Bowen 1978). Man kann die Familie selbst als System mit unterschiedlichen Teilen – den Familienmitgliedern – verstehen, deren Verhalten sich an einer Anzahl expliziter und impliziter Regeln orientiert, die im Laufe der Zeit und manchmal über Generationen hinweg entstanden sind und die Beziehungen und Kommunikationsweisen der Mitglieder des Systems prägen (Watzlawick et al. 1969). Diese Regeln können für die Probleme in zerrütteten Familien ausschlaggebend sein, insofern sie zu ihrer Entstehung beitragen können, was die Verbitterung beider Parteien und nachteilige Auswirkungen auf Emotionen und Verhalten der Kinder zur Folge haben kann. Bei der Begutachtung und bei der therapeutischen Arbeit können die in betroffenen Familien gültigen Regeln und Muster entdeckt und enthüllt, hinterfragt und schließlich so modifiziert werden, dass zwischen den Familienmitgliedern neuartige Interaktionen möglich werden. Im Sinne des systemischen Ansatzes stehen außerdem die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und innerhalb des umfassenderen Systems auf dem Prüfstand, was, abgesehen vom sozialen Netzwerk der Eltern, auch das Netzwerk professioneller Helfer einschließen kann, das sich um die elterliche Beziehung gebildet hat, sowie das Rechtssystem, das im Laufe der Zeit einbezogen wurde und das bei den Konflikten eine wichtige Rolle spielt.
Die Arbeit strukturell und strategisch orientierter Familientherapeuten (Haley 1985; Minuchin 1977) und ihr Interesse an dem, was sie als »dysfunktionale« Hierarchien zwischen den Generationen oder als inadäquate Grenzen zwischen Eltern und ihren Kindern bezeichneten, ist bei der Beurteilung von Familien, in denen massive Streitigkeiten dominieren, von besonderer Bedeutung. Ein weiterer wichtiger Einfluss auf den Family-Ties-Ansatz ist die Wirkung des Verhaltens und der Überzeugungen von Familienmitgliedern auf die übrigen Familienangehörigen, was mithilfe von zirkulärem und reflektierendem Fragen untersucht wird (Selvini Palazzoli et al. 1981; Cecchin 1987). Auch narrative Ansätze haben unser Arbeitsmodell inspiriert (White u. Epston 2009), insofern sie sich damit beschäftigen, wie kindliche Erlebnisse von anderen Menschen und insbesondere von den Eltern zu einer »Geschichte« verarbeitet werden. Solche Geschichten oder »Geschichtchen« stimmen mit der Realitätswahrnehmung der betreffenden Kinder möglicherweise ganz und gar nicht überein – beispielsweise kann ihre reale Wahrnehmung eines distanzierteren Elternteils dem dominierenden Narrativ widersprechen (White a. Epston 1990) und deshalb als problematisch erlebt werden.
2.2Die Bindungstheorie
Ein weiterer für den Family-Ties-Ansatz wichtiger theoretischer Rahmen ist die von John Bowlby (1953) entwickelte Bindungstheorie. Bowlby postuliert die Existenz eines universellen menschlichen Bedürfnisses nach der Entwicklung enger affektiver Bindungen. Bindung kann als biologisches und evolutionsrelevantes System verstanden werden, das uns vor Raubtieren und anderen Gefahren zu schützen sucht. Es handelt sich um ein offenes biopsychosoziales homöostatisches System, welches das emotionale Erleben und die physiologische Erregung beeinflusst. Wollte man dem Bindungssystem ein Ziel zuschreiben oder würde man glauben, es sei für einen bestimmten Zweck geschaffen worden, so wäre es das Gefühl der Sicherheit. Mit der Fähigkeit, unsere emotionalen Reaktionen zu steuern, werden wir nicht geboren, sondern sie entwickelt sich aufgrund des regulierenden Systems, das beinhaltet, dass die primäre Bezugsperson die Signale des Säuglings, welche die inneren Zustände des Kindes zum Ausdruck bringen, versteht und darauf reagiert. Auf diese Weise lernt das Kind, dass die Bezugsperson beeinflussen kann, wie es sich fühlt. Befindet sich ein Säugling in einem Zustand starker, anscheinend oder scheinbar unkontrollierbarer Erregung – etwa weil er sich fürchtet –, verhält er sich so, dass physische Nähe zur primären Bezugsperson hergestellt wird, damit sie ihn schützt und beruhigt. Wie und wann Bindungsverhalten initiiert wird, hängt stark von der Beurteilung einer Anzahl von Umgebungssignalen ab und davon, ob diese Signale Gefühle der Sicherheit oder Unsicherheit bzw. der Sicherheit oder Furcht auslösen.
Der Bindungstheorie gemäß werden Säuglinge mit einem Repertoire an Verhaltensweisen geboren, die sie benutzen, um die Aufmerksamkeit ihrer primären Bezugspersonen auf sich zu lenken und Nähe herzustellen, wenn sie sie zu brauchen glauben. Sie erreichen das beispielsweise durch Weinen oder Anklammern oder durch Lächeln und liebevolle Empfindungen weckende stimmliche Äußerungen. Auf solche Bemühungen der Bindungssuche gehen die primären Bezugspersonen in der Regel ein – indem sie beispielsweise das Baby halten, berühren oder beruhigen –, und diese Reaktionen stärken das Bindungsverhalten des Kindes den primären Bezugspersonen gegenüber. Begriffe wie »Affekteinstimmung« oder »empathische Responsivität« beschreiben einen Prozess des Austauschs, der zwischen Kindern und ihren primären Bezugspersonen stattfindet. Sie meinen die Fähigkeit, den Affekt eines Kindes wahrzunehmen und gemäß dem Verhalten und dem diesem wiederum zugrunde liegenden Affekt zu reagieren – was bewirkt, dass das Kind die entsprechenden Verhaltensweisen der Bezugspersonen als Reaktion auf den eigenen Affektzustand wahrnimmt (Stern 1998). Das Eingehen der Bezugspersonen auf die Bedürfnisse erzeugt beim Säugling ein Gefühl der Sicherheit, das ihm in seiner weiteren Entwicklung zugutekommt.
Nach Bowlby (1969) war die primäre Bindungsfigur für einen Säugling in der Regel die Mutter, und infolge dieser Einschätzung blieb die Mutter-Säugling-Einheit einige Jahrzehnte lang der Fokus der Forschung und Theorie, wodurch andere wichtige Familienmitglieder, insbesondere Väter, aber auch Geschwister und Großeltern, meist ausgeschlossen blieben. Seither wurde das Bindungsparadigma erweitert, sodass es nun auch die Väter und andere Betreuer im Netzwerk des Kindes einschließt. Allerdings besteht weiterhin die Tendenz, sich hauptsächlich auf die Mutter-Kind-Dyade zu konzentrieren. Gorell Barnes (2017) weist darauf hin, dass die Bindungstheorie, statt die Deprivation eines Kindes hauptsächlich auf die Abwesenheit der Mutter zu beziehen, im Sinne der »Systeme von zuverlässigen Beziehungen«, die einem Säugling oder Kind zur Verfügung stehen, umgestaltet werden müsste, und den Schaden für die normale Entwicklung, wenn diese Beziehungen zusammenbrechen, berücksichtigen müsste. Tatsächlich gehen Familien in verschiedenen Kulturen mit den Bedürfnissen eines Kindes sehr unterschiedlich um. So übernehmen in manchen Kulturen mehrere wichtige Personen aus dem Umfeld eines Kindes die Betreuung gemeinsam, statt sie ausschließlich einer einzigen Person zu überlassen, wie es in dem afrikanischen Sprichwort »Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen« zum Ausdruck kommt. Wie Menschen sich umeinander kümmern und wie sie miteinander verbunden sind, unterliegt dem Einfluss kulturell geprägter Praktiken – und ist in sie eingebettet –, und die Kindererziehung und damit zusammenhängende Interaktionen werden im kulturellen Kontext der betreffenden Familie geformt. Dominierende Narrative beispielsweise bezüglich der Geschlechterrollen müssen in jedem Fall entschlüsselt werden, wenn wir verstehen wollen, wer für ein Kind was tut, um seine Bindungsbedürfnisse zu befriedigen. Im Übrigen haben sich Muster elterlicher Betreuung im Laufe der Zeit verändert, und neue sind aufgetaucht, beispielsweise in Form der Zunahme gleichgeschlechtlicher Paarbeziehungen. Insofern kann jeder Mensch, der im Leben eines Kindes eine signifikante, verlässliche, konstante und etablierte Rolle spielt, eine primäre Bezugsperson sein, sofern er Bindungsbedürfnisse eines Kindes erfüllt.
2.3Innere Modelle
Im Säuglingsalter und in der frühen Kindheit spiegelt sich die Organisation des Bindungssystems eines Menschen in seinem Verhalten. Die Art von Betreuung, die ein Kind erhält, wirkt sich auf die Herausbildung kognitiver Strukturen, die die Beziehungen betreffen, aus. Das Kind verinnerlicht im Laufe der Zeit sein Erleben der Ansprechbarkeit und Sensibilität seiner primären Bezugsperson in Form von »inneren Modellen«: einer Anzahl unbewusster Überzeugungen und Erwartungen, die die Beziehungen betreffen und die in Stresssituationen aktiviert werden und Aufmerksamkeit, Kognition und Verhalten beeinflussen (Bretherton 1987). Wiederholte Erlebnisse mit primären Bezugspersonen werden im Laufe der Zeit im Repräsentationssystem der inneren Modelle registriert – und fungieren dann als Prototypen für das Verhalten in späteren Beziehungen. Beispielsweise ermöglichen positive Erlebnisse von Trost einem Menschen im aufgebrachten oder verängstigten Zustand, andere Menschen um Hilfe zu bitten, wenn er sie braucht.
Mary Ainsworth (Ainsworth et al. 1978) entwickelte Verfahren zur Beobachtung innerer Modelle in Aktion. Sie demonstrierte, dass kleine Kinder, wenn sie in einer ihnen nicht vertrauten Situation (der sogenannten fremden Situation) von ihren Bezugspersonen getrennt wurden – und sei es auch nur kurz –, deutlich andere Verhaltensmuster zeigten als normalerweise. Dieses Verhalten wurde als entweder »sicher« (in Reaktion auf eine in der Regel zuverlässige und gut eingestimmte Bezugsperson) oder »unsicher« klassifiziert; Letzteres kann dann weiterhin entweder als ängstlich/vermeidend (in Reaktion auf eine generell emotional oder physisch nicht erreichbare Bezugsperson) oder als ängstlich/widerständig (in Reaktion auf unzuverlässige Betreuung) klassifiziert werden. Diese Muster werden in der Fachliteratur ausgiebig beschrieben (siehe z. B. Solomon a. George 2008), und das Modell wurde später weiterentwickelt und um die Kategorie einer »desorganisierten/desorientierten« Bindung ergänzt (Main et al. 1985). Letztgenannter Zustand soll in verängstigten/beängstigenden Betreuungssituationen entstehen oder infolge von Traumata, und es wird angenommen, dass als »desorganisiert« klassifizierte Kinder später im Leben kontrollsüchtig werden und somit »organisiert« auftreten. George et al. (1999) vertreten die Auffassung, dass die Präsenz kontrollierender Verhaltensweisen bei Kindern mit desorganisierter Bindung eine unbewusste Strategie sein könnte, die darauf zielt, das separierte »Material« (Ereignisse und Erlebnisse) vom Bewusstsein fernzuhalten und zu verhindern, dass das Kind emotional überflutet wird und die Kontrolle über sein Verhalten verliert.
2.4Elterliche Verbitterung und die Veränderung von Bindungsrepräsentationen
Kinder haben häufig vor der Entstehung von Gefühlen der Verbitterung zwischen ihren Eltern eine gute und sichere Bindung zu ihrem Vater und ihrer Mutter entwickelt. Ihr Bindungsverhalten kann sich jedoch in Reaktion auf einen starken und lange anhaltenden elterlichen Konflikt verändern, weil sie versuchen, sich die elterliche Zuwendung zu erhalten. Das liegt an ihrem biologisch basierten Antrieb, die Beziehung zu ihren primären Bezugspersonen nicht zu gefährden – ein überlebenssichernder Mechanismus, der auch bei Primaten beobachtet wurde (Bowlby 1953; Harlow 1960). Sind Kinder jedoch elterlichen Konflikten ausgesetzt, können sie zu der Auffassung gelangen, dass es nicht wünschenswert oder vielleicht sogar gefährlich ist, beiden Eltern Liebe zu zeigen, also auch dem Elternteil gegenüber, bei dem sie nicht leben, weil ihnen das wie ein Verrat an dem ihnen näheren Elternteil vorkommt. Kinder in solchen Situationen lernen möglicherweise auch, dass der ihnen nähere Elternteil loyales Verhalten mit Zuneigung, Aufmerksamkeit und sogar Geschenken belohnt, wohingegen er scheinbar illoyales Verhalten durch Gereiztheit, strafende Blicke und gar Drohungen, sie zu verlassen, sanktioniert – ein Risiko, das ein Kind normalerweise nicht eingehen kann, wenn es ohnehin schon einen liebenden und geliebten Elternteil verloren hat (Fidler a. Bala 2010). In solchen Szenarien entwickeln Kinder leicht eine »Spaltung« in ihren Bindungsrepräsentationen der beiden Eltern: Sie beschreiben ihre Beziehung zu dem ihnen näheren Elternteil dann stark idealisiert und tun negative Erlebnisse als unwichtig ab. Oft sagen sie, der ihnen nähere Elternteil sei »immer liebevoll und fürsorglich« oder »niemals bösartig«, wobei es ihnen manchmal schwerfällt, solche positiven Äußerungen anhand konkreter Beispiele zu belegen. Die Beziehung zum distanzierteren Elternteil hingegen beschreiben sie oft abwertend, beispielsweise in Form von Aussagen wie »Er hat sich eigentlich nie richtig um mich gekümmert« oder »Er ist ein entsetzlicher Mann und war mir gegenüber immer gemein«. Oft fixieren sich Kinder auf ganz bestimmte, banal wirkende negative Ereignisse, die nach ihrer Überzeugung in Gegenwart des distanzierteren Elternteils vorgekommen sind und die zu erklären scheinen, weshalb sie diesen Elternteil ablehnen.
Insofern wird das Bindungsverhalten eines Kindes in Szenarien dieser Art häufig als dem ihm näheren Elternteil gegenüber »unsicherabweisend/vermeidend« und als dem distanzierteren Elternteil gegenüber »unsicher-geistesabwesend/ambivalent« kategorisiert, wobei in besonders schweren Fällen »Merkmale von Desorganisation« erkannt werden. Solche dichotomen Repräsentationen scheinen interdependent zu sein, da das Kind die Betreuung des ihm näheren Elternteils durch Idealisierung zu schützen versucht, ebenso dadurch, dass es eventuell vorhandene negative Gefühle wie Wut und Frustration, die dem ihm näheren Elternteil gelten, abspaltet und auf den distanzierteren Elternteil projiziert. Klein (1946) nennt dieses Phänomen »Abspaltung« und bezeichnet so einen unbewussten Prozess, der dem Schutz der primären Bindungsbeziehung(en) dient, indem er das Kind von Empfindungen wie Ambivalenz, Konflikt und Schuld abschirmt. Welche Bedeutung dieser Abwehrmechanismus im Einzelfall hat, hängt von Art und Stärke der Triangulierungsprozesse ab. Das unbewusste Bedürfnis eines Kindes, solch einen Abwehrmechanismus zu nutzen, könnte abnehmen, wenn seine Bindungsbedürfnisse nicht nur durch einen Elternteil, sondern durch ein System verlässlicher Beziehungen erfüllt werden; dies ist besonders wichtig, wenn die erweiterte Familie und der Freundeskreis nicht eng mit dem näheren Elternteil verbunden sind. Der Abwehrmechanismus der Abspaltung erklärt zumindest teilweise den oft erstaunlichen Mangel an Ambivalenz oder Empathie angesichts des Verlustes der Beziehung zum anderen Elternteil und zu Mitgliedern der erweiterten Familie; problematische Gefühle und Gedanken, die diesen Verlust betreffen, werden abgespalten und nach außen projiziert, jedoch nicht – und das ist wichtig – aufgelöst.
Wenn nur wenig oder kein Kontakt zum distanzierteren Elternteil besteht, können dessen Repräsentationen beim Kind im Laufe der Zeit immer stärker verzerrt werden. Es hat dann oft das Gefühl, dass eine wichtige Bindungsfigur nicht erreichbar ist und es sich nicht auf sie verlassen kann. Außerdem kann keine »Realitätsprüfung« bezüglich dessen stattfinden, ob die bei ihm entstandenen negativen Überzeugungen (noch) gerechtfertigt sind. Extreme Beispiele für diese Situation schließen ein, dass das Kind beim bloßen Erwähnen des Namens des distanzierteren Elternteils, beim Anblick eines Fotos von ihm oder bei Erwähnung eines indirekten oder direkten Kontaktes mit ihm akut phobisch reagiert. Allem Anschein nach phobische Reaktionen dieser Art rufen häufig verstärktes Fürsorgeverhalten des dem Kind näheren Elternteils hervor, der so reagiert, als müsse er das Kind vor dem distanzierteren Elternteil schützen. Das Kind bekümmert zu sehen kann auch als »Beweis« dafür dienen, dass es unter dem Einfluss des distanzierteren Elternteils leidet, und kann den ihm näheren Elternteil dazu bringen, seine Bemühungen, das Kind dem Einfluss des distanzierteren Elternteils zu entziehen, zu verstärken. Den extremen Endpunkt des Abspaltungsprozesses bildet der Versuch des Kindes, die Existenz des distanzierteren Elternteils völlig zu leugnen und buchstäblich alle Erinnerungen an ihn zu »tilgen«.
2.5Widerstreitende Narrative und Bindungsverhalten
Ein Merkmal getrennter Familien, in denen weiterhin starke Konflikte schwelen, ist gewöhnlich die Existenz einer Anzahl unterschiedlicher Narrative über die Familiengeschichte und bestimmte frühere Ereignisse, die nebeneinanderbestehen. Dies gilt vor allem für die Entstehungsgeschichte der elterlichen Beziehung und für ihre Auflösung. Diese Entwicklung kann für ein Kind grundsätzlich rätselhaft sein, aber wenn das Narrativ ausschließlich von dem einem Kind näheren Elternteil stammt und andere Sichtweisen und divergierende Fakten ausgeklammert werden, verstärkt das die Verwirrung des Kindes noch zusätzlich. Sind einem Kind nur negative Erzählungen über ihren distanzierteren Elternteil bekannt – etwa dass dieser sie nie geliebt und sie verlassen hat –, glauben sie diese Darstellung schließlich – auch wenn vieles auf das Gegenteil hinweist oder hingewiesen hat. Hat es trotzdem irgendwelche positiven Gefühle für und Erinnerungen an den distanzierteren Elternteil, kann es sie nur geheim halten, um den ihm näheren Elternteil nicht zu belasten. Defensives Abspalten und Geheimhalten können beim Kind die Identitätsbildung stark beeinträchtigen, und es kann auch zur Entstehung starker psychischer Probleme kommen. Die fortgesetzte Nutzung dieser unbewussten Defensivstrategie hindert ein Kind daran, Erlebtes generell und insbesondere in Beziehung zu beiden Eltern zu integrieren. Solche Schwierigkeiten werden manchmal erst in der Adoleszenz erkennbar, wenn der junge Mensch mit der Notwendigkeit der Selbstintegration konfrontiert wird, weil er dann nicht mehr ohne Weiteres verschiedene Erlebensbereiche voneinander abtrennen kann. Wenn Kinder und insbesondere Jugendliche versuchen, einen Elternteil aus ihrem Leben auszuklammern, zerstören und verleugnen sie damit auch die Eigenarten und Persönlichkeitsmerkmale, die sie von diesem Elternteil geerbt haben. Halten Kinder an der Sicht fest, dass es über einen Elternteil nichts Gutes zu sagen gibt, so kann das zur Folge haben, dass sie versuchen, sich von den ihnen scheinbar »wesensfremden« Anteilen des abgelehnten oder dämonisierten Elternteils, die sie in sich selbst erkennen, zu trennen. In extremen Fällen nimmt das die Form einer Selbstschädigung an, wobei sie die unerwünschten und manchmal sogar verachteten Aspekte, die zu einem Teil ihres »Selbst« geworden sind, beispielsweise (mit Rasierklingen oder Messern) »herausschneiden« oder (mit Alkohol oder Drogen) ertränken oder zudecken (Farber 2008; Roussow 2012).
Wenn Kindern klar wird, dass sie von einer primären Bezugsperson, in der Regel dem ihnen näheren Elternteil, hinsichtlich des abwesenden Elternteils getäuscht oder belogen worden sind, so wirkt sich das meist stark auf ihre Bindungsrepräsentation aus, weil die Zuverlässigkeit der primären Bezugsperson dadurch infrage gestellt wird. Die Repräsentation von Bindungsfiguren bei Kindern bildet die Grundlage für Interaktionen mit anderen Menschen, und wenn deren Integrität nicht mehr zweifelsfrei gegeben ist, kann die Verbindlichkeit dieser Grundlage Schaden nehmen.
2.6Mentalisierungsbasierte Konzepte
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) entstand als spezielles Behandlungsmodell insbesondere für Borderline-Persönlichkeitsstörungen (siehe z. B. Bateman u. Fonagy 2008). Seitdem hat sich dieses Modell auch bei der Arbeit in anderen Bereichen bewährt (siehe Fonagy et al. 2015) – in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wie auch mit Paaren (Rottländer 2020) und Familien (Asen u. Fonagy 2014; Asen u. Weinblatt 2018; Asen a. Fonagy 2021). Auch in deutschsprachigen Ländern setzt sich MBT als therapeutisches Verfahren durch (siehe z. B. Schultz-Venrath 2013; Taubner 2015). Family Ties ist von mentalisierungsbasierten Konzepten und Interventionen inspiriert. Man kann das Mentalisieren als eine Form imaginativer mentaler Aktivität beschreiben. Dies schließt die Wahrnehmung und Deutung menschlichen Verhaltens im Sinne der damit verbundenen absichtlichen, »mentalen« (also psychischen und geistigen) Zustände ein, beispielsweise von Gefühlen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Überzeugungen, Zielen und Gründen (Fonagy et al. 1991). Diese Aktivität ist größtenteils vorbewusst. Es gibt große Unterschiede zwischen Einzelnen und Familien hinsichtlich der Fähigkeit oder der Bereitschaft, sich eine mentalisierende Haltung zu eigen zu machen sowie hinsichtlich dessen, wie akkurat sie sich diesbezüglich bemühen, wenn sie Annahmen über die inneren Zustände anderer Menschen oder ihre eigenen Zustände entwickeln.
Die Bindung schafft die Grundlage für das Wissen darüber, was im menschlichen Geist und der eigenen Psyche vor sich geht: Sie ist der Kontext, in dem das Mentalisieren stattfindet, und gewöhnlich entwickelt sie sich im Kontakt mit primären Bezugsperson. Säuglinge und kleine Kinder versuchen, ihre eigenen inneren Erlebnisse und die Aktivitäten derjenigen, die ihnen am nächsten sind, zu verstehen; sie versuchen zu entschlüsseln, was in ihnen selbst und in ihren Eltern, Geschwistern, Großeltern und anderen für sie wichtigen Personen vor sich gehen mag. Mentalisieren ist ein bidirektionaler sozialer Prozess (Fonagy a. Target 1997). Er entwickelt sich im Kontext der Interaktionen mit anderen Menschen, und seine Qualität hinsichtlich der Fähigkeit, andere zu verstehen, wird durch das Mentalisierungsvermögen der Menschen im näheren Umfeld beeinflusst. Die Familie ist der natürliche Kontext von Bindungsbeziehungen, in denen man etwas über die inneren geistig-seelischen Befindlichkeiten anderer Menschen lernen kann. Tatsächlich könnte man meinen, dass es eine positive Assoziation zwischen Mentalisierungsfähigkeit und Bindungssicherheit gibt (Fonagy et al. 2015b; Slade et al. 2005). Säuglinge und Kleinkinder entwickeln eine Vorstellung von ihren eigenen inneren Zuständen, indem sie die psychischen und geistigen Zustände ihrer primären Bezugspersonen – meist der Mutter und des Vaters – erleben. Dieser Prozess findet in Form von Mikrointeraktionen statt, wobei Eltern und/oder andere Betreuungspersonen die mentalen Zustände des Kleinkindes imitieren, sie dem Kind gegenüber aber als »nicht meine, sondern deine« etikettieren; dies geschieht vor allem mithilfe eines kongruenten und »markierten« Stimmklangs oder Gesichtsausdrucks (Fonagy et al. 2015). Dieses Erleben des Mentalisiertwerdens wird verinnerlicht und ermöglicht es dem Kind, allmählich selbst die Fähigkeit zur Empathie und zum besseren Eingehen auf interaktive soziale Prozesse zu entwickeln (Sharp a. Fonagy 2008). Die Beziehung zwischen Bindung und Mentalisieren ist im Übrigen bidirektional, wenn nicht sogar zirkulär: Probleme beim Mentalisieren wirken sich wahrscheinlich auch nachteilig auf Bindungsbeziehungen aus, und eine problematische Bindungsbeziehung – zu erleben, dass eine wichtige Bezugsperson nicht sensibel auf uns eingeht – unterminiert die natürliche Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit (Kelly et al. 2005).
Die Nutzung eines Mentalisierungsansatzes für die Interventionsarbeit bei schweren Trennungskonflikten beinhaltet die Stärkung der oben genannten Komponenten und das aktive Blockieren nichtmentalisierender Interaktionen und Kommunikationen. Letztere sind daran zu erkennen, dass sich Eltern beispielsweise nicht darüber im Klaren sind, welche Wirkung ihre Handlungen auf ihr Kind oder auf den Expartner haben, daran, dass sie sich grundsätzlich sicher sind, dass ihre Sicht der Dinge korrekt ist, oder daran, dass sie keine Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen können.
Anders gesagt, sollte die generelle Unterentwicklung oder der kontextbezogene Zusammenbruch der elterlichen Mentalisierungsfähigkeit Kliniker3 dazu bringen, die Nutzung von Interventionen in Erwägung zu ziehen, die effektives Mentalisieren wieder möglich machen (Asen u. Fonagy 2015). Family Ties geht von der Annahme aus, dass fundamentale Zusammenbrüche in Mentalisierungsprozessen bei den betroffenen Kindern Triangulierungsprozesse verstärken und es den Eltern – temporär oder permanent – unmöglich machen, auf die komplexen und fluktuierenden mentalen Zustände ihrer Kinder sowie ihrer selbst zu fokussieren. Mentalisierungsbasierte Therapien mit Einzelklienten (Bateman u. Fonagy 2008) und Familien (Asen u. Fonagy 2014) zielen darauf, bei Eltern und ihren Kindern – sowie bei den Angehörigen der erweiterten Familie und bei involvierten professionellen Helfern – eine mentalisierende Haltung wiederherzustellen.
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