Kitabı oxu: «Jeder des anderen Feind»

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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Leipzig
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2020
Coverfoto: Collage des Autors
1. Auflage, Oktober 2020
ISBN 978-3-941935-71-6
ISBN 978-3-941935-80-8 (EPUB)
ISBN 978-3-941935-81-5 (MOBI)
Der Familie Klammer gewidmet.
Frieden.
Zur Hilfe bei einer Naturkatastrophe oder bei einem besonders schweren Unglücksfall kann ein Land Polizeikräfte anderer Länder, Kräfte und Einrichtungen anderer Verwaltungen sowie des Bundesgrenzschutzes und der Streitkräfte anfordern.
Grundgesetz der Bundesrepublik, Artikel 35
Was immer die Folgen eines Krieges sein mögen, in dem jeder des anderen Feind ist, die gleichen Folgen werden auftreten, wenn Menschen in keiner anderen Sicherheit leben als der, die ihr eigener Körper und Verstand ihnen verschafft.
In einem solchen Zustand gibt es keinen Fleiß, denn seine Früchte werden ungewiss sein, keine Bebauung des Bodens, keine Schifffahrt, keinerlei Einfuhr von überseeischen Gütern, kein behagliches Heim, keine Fahrzeuge zur Beförderung von schweren Gütern, keine geographischen Kenntnisse, keine Zeitrechnung, keine Künste, keine Literatur, keine Gesellschaft.
Stattdessen: Ständige Furcht und die drohende Gefahr eines gewaltsamen Todes. Das Leben der Menschen: einsam, arm, kümmerlich, roh und kurz.
Thomas Hobbes: Leviathan
Carrington-Ereignis
Am 1. September des Jahres 1859 gegen elf Uhr vormittags befasst sich der britische Amateur-Astronom Richard Carrington in seinem privaten Observatorium gerade mit dem Abzeichnen von Sonnenflecken, als plötzlich zwei gleißende Lichtpunkte auf dem Papier erscheinen. Sie nehmen schnell an Größe und Helligkeit zu und verschmelzen schließlich zu einem einzigen Objekt. Sofort verlässt er den Platz, um seine Entdeckung einem befreundeten Wissenschaftler zu zeigen. Als beide eine Minute später zurückkehren, ist die Erscheinung jedoch bereits wieder verschwunden.
Genau achtzehn Stunden später strahlt der gesamte Nachthimmel der nördlichen Erdhalbkugel von grünen und lilafarbenen Polarlichtern. So hell sind sie, dass Menschen und Gebäude Schatten werfen. In den Rocky Mountains halten zeltende Männer das Licht für den Sonnenaufgang und bereiten sich Stunden zu früh ihr Frühstück zu. Über die Telegrafenleitungen wandern knisternde Sankt-Elms-Feuer. Obwohl die Angestellten sofort den Strom abschalten, bleiben die Leitungen weiter unter Spannung. Aus den Geräten sprühen Funken, die schmerzhafte elektrische Schläge austeilen und stark genug sind, das Papier der Telegrafen in Brand zu setzen.
Die rätselhaften Phänomene dauern eine ganze Woche an, bis sie allmählich schwächer werden. Die letzten Polarlichter werden am 6. September gesichtet.
Da Mitte des 19. Jahrhunderts die Welt noch vergleichsweise wenig technisiert ist, halten sich die Folgen des Ereignisses in Grenzen. Das nach seinem Entdecker benannte Carrington-Event wird zu einer kuriosen Fußnote in den Geschichtsbüchern.
Seitdem werden auf der Erde zahlreiche weitere solare Ausbrüche registriert. 1967 blendet ein Sonnensturm das Raketen-Frühwarnsystem der NATO und löst beinahe den 3. Weltkrieg aus. Während des Vietnamkrieges lässt ein Magnetsturm an der Küste von Hon La Seeminen explodieren, 1989 bricht in Teilen Kanadas die Stromversorgung zusammen und 2003 trifft eine Partikelwolke, dreizehnmal so groß wie die Erde, auf den Planeten, stört den Funkverkehr und führt im schwedischen Malmö zum Zusammenbruch des Stromnetzes.
Keines dieser Ereignisse erreicht jedoch die Stärke des Sturms von 1859.
Außer im Jahr 2012. Mitte Juli lösen sich nacheinander zwei riesige Plasmawolken von der Sonne und vereinigen sich zu einem Supersturm, dessen Magnetfeld um ein Drittel stärker ist als das des Carrington-Events. Er verfehlt die Erdbahn nur um wenige Tage.
Niemand kann sagen, welche Auswirkungen er auf eine ohnehin angespannte Gesellschaft gehabt hätte. Das US-Militär jedenfalls vergleicht sie in einer Studie mit denen eines militärischen Konflikts.
Warum ist dieser Rasende zu dir gekommen? Thomas Hobbes, Leviathan
Prolog
Warten auf die Dunkelheit
Der Himmel vor dem Fenster unseres Schlafzimmers war von einem makellosen Blau. Kein Wolkenschleier zeigte sich. Auf der Bettdecke lag die Sonntagszeitung. In Brasilien raste ein Airbus beim Landeanflug in eine Tankstelle und tötete zweihundert Menschen, in Süd- und Südosteuropa kamen bei einer Hitzewelle Hunderte ums Leben, in Italien wüteten Waldbrände und in England wurde wegen einer Jahrhundertflut der Notstand ausgerufen. Ferne Dramen, die ich zur Kenntnis nahm.
Penny und ich hatten gerade einen harmlosen Streit über die Folgen des Klimawandels und die Verantwortung der Politik beendet, als das Telefon klingelte. Penny ging ran. Ich angelte nach einer Brötchenhälfte und bestrich sie mit Butter.
Warum ich aufblickte, weiß ich nicht mehr. Hatte ich eine Bemerkung gemacht, ohne dass meine Frau darauf antwortete? War es die plötzliche Stille?
Pennys Hand krampfte sich um den Telefonhörer. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
»Maja …«
Ich verspürte ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust, als sie den Namen unserer Tochter flüsterte; ein Gefühl der Besorgnis, das sich zu aufschießender Angst steigerte.
Es kostete mich eine übermenschliche Willensanstrengung, auf der Stadtautobahn das Geschwindigkeitslimit einzuhalten. Die Fahrt zur Spielhalle, wo Maja an den Wochenenden arbeitete, schien nicht enden zu wollen. Als wir endlich dort waren, stritt ich mich mit dem Polizisten an der Absperrung, um durchgelassen zu werden, während Penny nah an einem Nervenzusammenbruch war.
Hinter dem Absperrband stand ein Rettungswagen mit eingeschaltetem Blaulicht. Ein Notarztwagen parkte daneben. Die Heckklappe stand offen.
Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl unendlicher Erleichterung, das mich in diesem Augenblick erfasste. Ein Krankenwagen! Ärzte! Dem Himmel sei Dank! Alles würde gut werden!
Die Straßen waren still. Die Morgensonne lachte. Vögel zwitscherten. Schmetterlinge umtanzten eine Baum-Insel auf dem Parkplatz. Dann öffnete sich die Tür und sie fuhren die Trage mit der verhüllten Gestalt heraus. Der Reißverschluss war zugezogen, und einen Augenblick konnte ich mich der Illusion hingeben, es wäre nicht unsere Tochter, die dort lag, nicht Maja, sondern jemand anderes, ein fremder Mensch, mit dem mich nichts verband.
Jemand trat an mich heran und redete auf mich ein.
Die Worte drangen nicht zu mir durch. Es fühlte sich an, als würde ich in einem Fahrstuhl stehen, dessen Halteseile gerissen sind und der nun in die Tiefe rast. Als Penny neben mir zu schreien anfing, verkrampfte sich in mir alles – die Fäuste, die Kiefermuskeln, die Eingeweide. Ein fürchterlicher Schmerz wühlte in meinem Brustkorb. Ich biss in meine Hand und presste die Kiefer aufeinander. Statt des Schreis drang nur ein unartikulierter Laut aus meiner Kehle: »Ggggghhhhh …«
Danach war nichts mehr wie vorher.
Penny machte von dem Angebot des Beamten Gebrauch und ging raus, bevor dieser mit den Einzelheiten des Berichtes rausrückte.
Ich wünschte, ich hätte es ihr gleichgetan.
Ich wünschte, ich hätte nie erfahren, was in dieser Nacht passiert war. Was unserer Tochter angetan wurde.
Der Mörder hatte Maja gefesselt und geknebelt, bevor er sich über die Kasse hermachte. Als er fertig war, kehrte er dorthin zurück, wo er unser Mädchen zurückgelassen hatte. Er benutzte alles, was er in die Finger kriegen konnte: einen Besen, einen Hocker, eine herausgetretene Strebe aus dem Treppengeländer, den Feuerlöscher. Im Obduktionsbericht stand, in Majas Gesicht waren Abdrücke von Schuhen zu sehen.
Meine Finger krallten sich um das Papier.
Penny machte Überstunden, um nicht nach Hause zu müssen, wo der leere Esstisch wartete und das Jugendzimmer mit den Postern von den Rockstars an den Wänden, den alten Puppen und Kuscheltieren, mit denen Maja gespielt hatte, als sie noch klein war. Wo die Stille lauerte und das Schweigen und all die schlimmen Erinnerungen.
In den Nächten lag ich wach und lauschte den fernen Geräuschen des Verkehrs und den Atemzügen meiner Frau. Wenn ich mich umdrehte, schaute ich in ihre geöffneten Augen.
Penny hatte nicht gewollt, dass unsere Tochter in Berlin aufwächst. Zu laut, meinte sie, zu gewalttätig, zu gefährlich. Ich hatte ihr widersprochen und mich am Ende durchgesetzt. Maja sollte früh genug das Leben kennenlernen. Beziehungsweise das, was ich für »das Leben« hielt. Die Stadt war laut, ja. Aber sie war auch bunt, aufregend und bot viel Inspiration für einen gerade flügge gewordenen Schriftsteller wie mich. Auf jeden Fall war sie anders als der provinzielle Mief der Kleinstadt, in dem ich aufgewachsen war. Berlin zog Schicksale an wie ein Schwamm, erzählte Geschichten, die nur auf einen Chronisten wie mich warteten. Hier konnte man erfolgreich sein oder aber in Würde scheitern.
»Berlin verzeiht alle Fehler«, hatte ein Freund behauptet.
Penny machte mir keine Vorwürfe. Trotzdem glaubte ich, die stumme Anklage in ihren Augen zu lesen.
Wenn ich nicht schlafen konnte, stand ich auf, ging zum Fenster und starrte hinaus. Unter mir entfaltete sich ein architektonischer Alptraum aus Betonklötzen, zwischen denen sich kilometerlange Flüsse aus Asphalt ergossen. Dort draußen lebten Menschen, die miteinander redeten, stritten, sich liebten, träumten. Die nichts von der dünnen Mauer ahnten, die sie vor dem Einbruch völliger Barbarei trennte.
Es gab Zeiten, da hasste ich sie mit einer Verbitterung, die mich erschreckte. Ich hasste ihre satte Zufriedenheit, ihr Glück. Sie konnten schlafen, ich nicht.
Vor Majas Tod schrieb ich Bücher: Gedichte, Märchen, Gute-Nacht-Geschichten für Kinder, die ich ihr vorlas, als sie noch klein war. Nach ihrem Tod konnte ich es nicht mehr. Ich versuchte es, aber es wurden keine guten Geschichten. Das Wenige, was ich zu Papier brachte, war miserabel geschrieben. Ich fand keinen roten Faden, mir fielen keine Happy Ends ein.
Es war, als hätte ich vierzig Jahre meines Lebens im Innern einer Seifenblase zugebracht. Nun war sie zerplatzt. Ich war in der harten Realität angekommen. Irgendwann gab ich das Schreiben auf. Ich packte den Stapel unfertiger Manuskripte in einen Karton und trug ihn runter in den Keller, wo es bis heute liegt und verstaubt.
Vor Majas Tod verschlang ich Kriminalromane. Der ewige Einheitsbrei aus zwei gegensätzlichen Ermittlern machte mir nichts aus. Rätsel-Krimis – ich liebte sie. Die Taten waren ausgeklügelt, die Täter gingen raffiniert vor und hatten immer irgendein besonderes Motiv: Rache, eine Erbschaft, verschmähte Liebe, die Vertuschung von irgendwas. Während ich in der Therapiegruppe für die Angehörigen von Gewaltopfern saß und mir ihre Geschichten anhörte, wurde mir klar: die Meisten trifft es in Wirklichkeit zufällig. Es geht um Nichts, um einen Blick, ein falsches Wort, eine Geste, ein paar Euro. Die Erkenntnis, dass unser Leben nicht unserer Kontrolle unterliegt, sondern der Willkür anderer, traf mich wie ein Faustschlag.
Abend für Abend stemmte ich in meinem Arbeitszimmer Gewichte. Ich lieferte mir zwölf Runden mit einem zusammengerollten Teppich, bis unser Nachbar an die Wand hämmerte und brüllte, ich solle endlich aufhören. Ich schrie zurück, er könne seinen Arsch rüberschieben und es mir ins Gesicht sagen.
Maja war Anfang zwanzig gewesen, in einem Alter, wo du als Vater glaubst, dein Kind hätte das Gröbste hinter sich: die Pubertät, das Rasen mit dem Motorrad, den ersten Liebeskummer, den ersten Alkoholrausch, Kontakt mit Drogen.
Und nun das.
Warum hatte sie auch diesen beschissenen Job annehmen müssen? Warum die Nachtschichten? Was hatten wir bloß falsch gemacht? Maja behauptete, sie hätte nachts ihre Ruhe. Könnte lernen und nebenbei Geld verdienen. Hätten wir ihr mehr Geld fürs Studium geben müssen? An welcher Stelle war das Leben umgekippt von etwas, was man plant, zu etwas, was passiert, was über einen hereinbricht wie eine Naturkatastrophe?
Es waren unfruchtbare Fragen. Es war zu viel für einen Menschen, erst recht zu viel für zwei. Dieser Belastung hatte unsere Ehe nicht standgehalten.
Mein Hausarzt verschrieb mir Beruhigungstabletten; ich sollte sie nach Bedarf nehmen. An einem dieser stillen Abende, als ich allein zu Hause saß und der Schmerz und die Verzweiflung unerträglich wurden, schluckte ich sie wie Bonbons.
Als meine Frau von der Arbeit kam, fand sie mich im Flur auf dem Boden sitzend, den Rücken an die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt, die leere Packung Tabletten daneben.
Penny rief sofort den Rettungswagen.
Ich kam zu mir, als mich zwei Gestalten untergehakt durch das Treppenhaus zum Fahrstuhl führten. Dem Kerl rechts von mir rammte ich den Ellenbogen ins Gesicht. Was ich mit dem anderen machte, weiß ich nicht mehr. Der Boden stürzte auf mich zu, als sie mich losließen.
Irgendwann erwachte ich auf einem Bett, an einen Tropf angeschlossen. Vor dem Fenster war Nacht. Sie hatten mir nicht den Magen ausgepumpt. Sie ließen mich einfach ausschlafen.
Ich schleppte mich zum diensthabenden Arzt und unterschrieb ein Formular, dass ich auf eigene Verantwortung das Krankenhaus verlasse. Erst als ich vor der Haustür nach dem Schlüssel tastete, bemerkte ich die Kanüle, die immer noch in meinem Handrücken steckte.
Eines Tages lud mich ein früherer Arbeitskollege, mit dem ich mich hin und wieder traf, in den Schützenverein ein. Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, an das Gewicht der Pistole, den Geruch von Öl und Verbrennungsrückständen, den Widerstand des Abzugs und an den Rückschlag danach. Ich fühlte die Energie, die vom Griff der Waffe in meine Arme strömte. Nur widerwillig trennte ich mich von ihr, als die Zeit rum war.
Ich kam auch beim nächsten Mal mit. Und auch beim übernächsten.
An einem dieser Wochenenden trat Milton in mein Leben.
Ich wurde auf ihn aufmerksam durch die Art wie er schoss. Anders als ich, anders als die anderen, feuerte er stets Doppelschüsse ab. Und immer schoss er, sobald er die Waffe in Anschlag gebracht hatte. Es gab kein Zögern, kein langes Aufnehmen des Ziels. Peng-Peng, drang es, gedämpft durch den Gehörschutz, an mein Ohr. Und wieder: Peng-Peng.
Er schoss gut. Er schoss besser als die meisten von uns. Manchmal verdächtigte ich ihn, er platzierte absichtlich einen Treffer daneben, um die übrigen Schützen, mich eingeschlossen, nicht all zu schlecht aussehen zu lassen.
Im Vereinsraum setzte er sich so, dass er den Eingang und jeden, der kam oder ging, sofort im Auge hatte. Bei einem Kaffee kamen wir ins Gespräch.
Er sagte Sätze wie diesen: »Die Menschen, die ihre Schwerter zu Pflugscharen schmiedeten, wurden umgebracht durch Menschen, die das nicht taten.«
Es hätte pathetisch klingen können, doch Milton hatte nichts Pathetisches an sich. Seine Sätze fielen hart wie Knüppelhiebe. Sie trugen eine brutale Wahrheit in sich, die mir bis dahin entgangen war.
In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen getroffen, der einerseits so ruhig und bestimmt sprach und dessen Augen gleichzeitig immerfort in Bewegung waren. Ständig scannten sie die Umgebung, erfassten Dinge, die mir verborgen blieben. Nie habe ich erlebt, wie sein Blick verträumt in die Ferne ging. Er war wie ein Kundschafter, der sich im Land eines Feindes aufhält, neugierig und gleichzeitig wachsam.
»Die Welt ist am Arsch, Outis«, behauptete er. »Aber das war sie schon immer. In dreieinhalb Jahrtausenden Menschheitsgeschichte herrschten 3250 Jahre Krieg und nur 250 Jahre Frieden.«
Er lachte laut und unbekümmert. An einem entfernten Tisch begannen sich bereits Leute nach uns umzudrehen.
Ich wollte von ihm wissen, ob er schon mal auf einen Menschen geschossen hatte.
»Nein«, erwiderte er.
»Aber du könntest es?«, hakte ich nach.
»Ja«, sagte er, »es ist mehr eine Kopfsache als alles andere. Du musst den Schalter bei dir umlegen können, den Gegner in der Eskalation überholen, rücksichtsloser sein als er.«
Seine grauen Augen sahen mich an und in mich hinein. Einen Augenblick später war der kalte Ausdruck verschwunden und er lächelte wieder warm und gewinnend. Irgendwann erzählte ich ihm von Maja. Er war interessiert, fragte mich geradezu aus: wie ich mich fühlte an dem Tag, als sie gefunden wurde, wollte die Einzelheiten des Obduktionsberichtes wissen, ob ich Fotos vom Tatort gesehen hatte und ob es ein Überwachungsvideo des Mordes gab. Kein anderer Mensch hatte mir zuvor solche Fragen gestellt. Er war nicht befangen wie die Anderen, wenn sie davon hörten und die einen danach behandelten, als ob man aus Glas wäre.
Wir wurden Kameraden und später wurden wir Freunde. Seine unsentimentale Weltsicht faszinierte mich. Er zeigte mir, wie verwundbar ich über all die Jahre hinweg gewesen war. Nie wieder wollte ich dieser Mensch sein. Nie wieder sollte jemand, den ich liebte, sterben oder in Angst leben müssen.
Milton war schlagfertig, selbstbewusst, unkompliziert, optimistisch und konzentriert bei allem, was er anpackte, sei es nun Joggen, Krafttraining, Kampfsport oder eben Schießen. Manchmal fragte ich mich, ob er vielleicht ein Zen-Anhänger war. Er schien selten über vier Wochen hinaus zu planen, lebte in der unmittelbaren Gegenwart.
Milton war einer von der Sorte Mensch, den du dir nie alt, krank, verletzt oder als Opfer vorstellen kannst. Er war einfach nicht der Typ aus den Filmen, von dem du schon nach fünf Minuten weißt, dass er nur ein Statist ist, der die erste Viertelstunde nicht überlebt. Kurz gesagt: Milton war genau der Kerl, den du an deiner Seite wissen willst, wenn es Stress gibt.
Obwohl er wenig von sich erzählte, hatte ich das Gefühl, ihn schon seit Ewigkeiten zu kennen. Später wurde mir klar, warum. Er erinnerte mich an den älteren Jungen aus der Straße, in der ich aufgewachsen war. Er zeigte mir all den Kram, auf den Jungen so abfahren. Wie man Karten spielt, schnitzt, Gürtel aus Stricken flechtet, das Taschenmesser so wirft, dass es mit der Spitze im Boden steckenbleibt und noch ’ne Menge anderes Zeug, was man prima fürs Leben gebrauchen konnte.
Milton hatte mich nie zu sich nach Hause eingeladen. Ich wusste nicht mal, wo er wohnte. Von seiner Vergangenheit erzählte er nichts, und ich stellte ihm keine Fragen.
Außer einmal. Ich fragte ihn, ob er Kinder hätte.
»Kinder bedeuten Schwäche«, winkte er ab. »Du musst sie beschützen. Du musst deine Ressourcen mit ihnen teilen. Jemand könnte sie als Druckmittel gegen dich einsetzen. Wenn ein Kerl behauptet, erst Kinder hätten seinem Leben einen Sinn gegeben, dann tut er mir ernsthaft leid. Es muss ein trauriges Leben sein, wenn man sich von der Existenz eines Anderen abhängig macht.«
Ich wollte ihm widersprechen. Wollte ihm sagen, die Jahre der Ehe, die Jahre mit meiner Tochter, wären die besten meines Lebens gewesen. Doch dann hatte ich wieder das Bild der verhüllten Gestalt auf der Trage vor meinen Augen und mein Brustkorb verengte sich schmerzhaft.
Ich fragte ihn weiter aus, begierig in seine Welt einzudringen, die Welt der Bewaffneten, der Vorbereiteten. Ich abonnierte ein Prepper-Magazin, las Survival-Bücher und bunkerte Lebensmittel und Medikamente. In einer Ecke meines Kleiderschrankes stand fertig gepackt ein Notfallrucksack. Wenn ich nicht einschlafen konnte, zog ich ihn hervor und breitete meine Ausrüstung auf dem Boden aus: Kochgeschirr, Schlafsack, Notfallrationen, das Erste-Hilfe-Set. Ich schob die Dinge hin und her und zählte sie, wie andere Schäfchen zählen. Der Anblick beruhigte mich.
Als ich die Sachkundeprüfung bestanden hatte und mein Schussbuch die erforderliche Zahl Termine aufwies, beantragte ich den Besitz einer eigenen Waffe. Die Produkte im Katalog trugen Namen, die sich wie die einer internationalen Klasse von Studenten anhörten: Beretta, Astra, Benelli, Heckler und Koch. Beim Bund hatten sie dagegen Buchstaben und Zahlen, wie Dinge aus einem Werkzeugkasten: AG36, P8, G36, MP-sonst was.
Milton riet mir zu einer Glock, aber ich entschied mich letztlich für eine Walther P22. Die Waffe war leicht, zielgenau und ihre Anschaffung verschlang kein halbes Monatsgehalt. Zudem war die Munition vergleichsweise billig.
»Kleinkaliber-Spielzeug«, urteilte Milton abfällig, »aber zum Üben reicht’s.«
»Sie brauchen ein Hobby, Ablenkung!«, beschwor mich die Leiterin der Therapiegruppe, zu der ich jeden Freitagabend ging. »Sie müssen loslassen!«
Ich nickte und dachte an die Walther, die zu Hause im Tresor auf mich wartete. Fast konnte ich ihr Gewicht spüren, wenn ich die Augen schloss und unter der Tischplatte meine Faust ballte.
Ich ging nicht mehr zu den Gruppensitzungen. Stattdessen verbrachte ich jeden vierten Samstag auf dem Schießstand, die Knie leicht gekrümmt, die Füße fest auf dem Boden, die Waffe im beidhändigen Griff. Meine Welt bestand aus Kimme und Korn und dem schwarzen Maul des Ziels.
Wenn ich hinterher nach Hause fuhr, fühlte ich mich seltsam leer, wie nach einem intensiven, berauschenden Erlebnis. Es war eine Leere, die mir gut tat. Es war, als ob das Dröhnen der Schüsse das Lärmen in meinem Kopf übertönt und zum Verstummen gebracht hätte.
Als Penny früher von der Arbeit nach Hause kam, fand sie mich am Küchentisch sitzend, wie ich mit einem Lappen die auseinandergebauten Teile der Pistole abwischte. Die Patronen waren auf der Tischdecke aufgebaut, akkurat wie eine Kompanie Soldaten beim Fahnenappell.
Schweigend ging sie an mir vorbei ins Schlafzimmer. Am nächsten Abend fand ich auf dem Wohnzimmertisch einen Brief, in dem stand, dass sie zu ihren Eltern gezogen war.
Danach verbrachte ich jedes Wochenende auf dem Schießstand.
An einem dieser Samstage drückte mir mein Freund eine Werbebroschüre der RSUKr – der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskräfte – in die Hand, und es war darin dieses eine Wort gewesen, Heimatschutz, was sich in meinem Kopf einbrannte.
Heimat. Es klang nach Frieden, nach Zuhause. Und ich sehnte mich nach männlicher Kameradschaft, nach ihrem Schutz, nach Härte. Meine Grundausbildung war mehr als zwanzig Jahre her. Ich verspürte das Gefühl, das ein Schüler hat, wenn er nachsitzen muss – ein wenig trotzig, ein wenig schuldbewusst, aber mit der Stimme der Erwachsenen im Ohr, dass man den Stoff fürs Leben brauchen wird und man was verpasst, wenn man’s nicht aufholt. Die Trainingsroutine, die strikte Disziplin und Unterordnung bewahrten mich davor, wahnsinnig zu werden. Jedenfalls redete ich mir das ein.
Ich absolvierte die vorgeschriebenen Lehrgänge, nahm an den Wettbewerben der Reservisten teil, verbesserte meine Pfadfinder-Skills und trainierte das Arbeiten im Team bei Personenkontrollen.
Und ich wartete.
Ich wartete …
Auf den Tag, an dem der Rest der Welt dort angekommen sein würde, wo ich in meiner Dunkelheit ausharrte.
Die größte menschliche Macht ist diejenige, welche aus der Macht sehr vieler Menschen zusammengesetzt ist. Thomas Hobbes, Leviathan
Erstes Kapitel
Montag, 23. Juli, Vormittag
»Morgen geht die Zeitung in Druck, oder es passiert was!«
Ich stand an der Tür der Redaktion und schaute fasziniert zu, wie es mein Chef immer wieder schaffte, den Raum zu durchqueren, ohne dabei über das Antennenkabel des Satellitentelefons zu stolpern, das sich zum Fenster schlängelte. Es war der dritte Tag des Blackouts.
Aus dem Telefonhörer drangen Gesprächsfetzen. Herold unterbrach sie. »Himmel, ich weiß, dass wir einen Notstand haben! Was meinen Sie, was hier erst los ist? Dagegen ist Ihr Kuh-Dorf eine Oase des Friedens. Deshalb brauchen wir dringend die Druckerei! Wir müssen … Hallo? – Ja, ich bin noch dran! – Also hören Sie zu: besorgen Sie sich ein Netzersatzgerät oder gehen Sie meinetwegen ins Heimatmuseum und beschlagnahmen Sie da eine Druckerpresse und … Hallo? Hallo?!«
Entweder hatte der Gesprächspartner aufgelegt oder die Verbindung war zusammengebrochen. Die GPS-Satelliten waren nicht die Einzigen, die in den letzten Tagen was abgekriegt hatten.
»Scheißkerl!«, fluchte mein Chefredakteur. »Scheißzeit! Scheißwelt!«
Für einen Moment sah es aus, als wollte er das Telefon auf den Tisch knallen. Doch dann schien er sich zu besinnen und legte den Apparat so vorsichtig ab, als wäre er aus Glas.
»Was gibt’s Neues?«, fragte er betont friedlich, indem er sich mir zuwandte. »Wieso bist du nicht im PIA?«
»Da war ich schon.«
»Ah. Und was sagen sie?«
»Dass die Serie von Sonneneruptionen zu zeitlich überlappenden Beeinflussungen des Erdmagnetfeldes geführt hat, die sich immer höher geschaukelt haben. Zitat Ende.«
»Das ist allgemein bekannt.« Herold wedelte ungeduldig mit der Hand. »Was sagen sie noch?«
»Dass der geomagnetische Sturm auf die Stärke G5 auf der NOAA-Skala raufgestuft worden ist. G5 bedeutet …«
»… extrem. Die höchste Stufe«, vollendete Herold den Satz.
Während der letzten Tage hatten wir ausreichend Gelegenheit gehabt, uns mit Astrophysik und Weltraumwetter zu befassen. Das Internet war hopsgegangen, die hauseigene Bibliothek gab auch nicht viel her, aber in den Fluren der Machtetagen trieben sich eine Menge Physiker auf dem Weg zu den Krisenstäben herum, die wir ausquetschen konnten. Die meisten von denen waren drollige Nerds, die sich halbwegs Mühe gaben, verständlich zu reden. Sie quatschten von Sonnenzyklen, Fleckengruppen, KMAs, rotierenden Feldern, Schockwellen, Messwerten und dergleichen. Ich verstand nicht mal die Hälfte.
»Erzähl mir irgendwas, was ich noch nicht weiß!«, forderte Herold unwirsch. »Na setz dich erst mal.« Er fuhr sich durch die talgigen Haare, bis sie wie elektrisiert vom Kopf abstanden. »Bist du mit dem Artikel fertig?«
Wortlos drückte ich ihm den Entwurf in die Hand und sah mich nach einer Sitzgelegenheit um. Das Büro gab die derzeitige allgemeine Lage im Land treffend wieder. Auf den Tischen und Stühlen lagen Papiere, Bücher und Broschüren verstreut. Unter den Tischen türmte sich Elektroschrott: Computer, Drucker, Telefone, Faxgerät, Flachbildschirme und eine verkalkte Kaffeemaschine, die wir längst ausmustern wollten. Auf dem Feldbett stand eine nagelneue Brennstoffzelle in Koffergröße, hinter deren Geheimnis wir allerdings noch nicht gekommen waren. Die Bedienungsanleitung lag aufgeschlagen darauf. Auf der Seite prangte ein Kaffeefleck.
Ich fegte ein benutztes Kochgeschirr, eine Blechtasse und eine Packung Entkeimer-Tabletten beiseite und schob meinen Hintern auf das schmale Fensterbrett.
Der Redaktionsraum lag in der Rheinhardstraße und damit so nahe am Olymp, wie es nur ging. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich in der Schneise zwischen zwei Bürogebäuden ein Stück von der Kuppel der Bundestags-Kita sehen. »Die kleine Märchenkuppel« hatte ein launiger Stadtführer sie mal vor ein paar Jahren genannt. Das Gewölbe des Reichstages war für ihn »Die große Märchenkuppel«.
Unter dem Fenster verlief ein Viadukt der Eisenbahn. Tagsüber waren die blauen Sankt-Elms-Feuer auf den Oberleitungen nicht zu sehen. Nur der stechende Ozon-Geruch, der ab und zu aufkam, wenn der Wind richtig stand, erinnerte daran, dass über unseren Köpfen seit drei Tagen pausenlos unsichtbare geladene Teilchen auf die Atmosphäre einprasselten.
Herold räusperte sich. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meinem Redakteur zu.
Zwischen seinen Brauen stand eine steile Falte. Die Lippen waren schmal wie ein Strich.
»Was soll der Mist hier?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Du meintest, ich soll was Motivierendes schreiben. Die Leute aufrütteln und so.«
»Aufrütteln, hmm …« Er sah mich über die Ränder seiner Brille hinweg an, rückte dann das Gestell zurecht und überflog das Blatt Papier vor sich.
»Hier steht was von Tarzan, der von Affen aufgezogen wurde, Robinson Crusoe, der es ganz alleine ohne Strom auf einer einsamen Insel geschafft hat und von Huckleberry Finn, der ein glücklicher kleiner Penner gewesen sei. Hmm … Dieser motivierende und aufrüttelnde Satz hier gefällt mir ganz besonders. Du schreibst, dass wir uns nicht so anstellen sollen, bloß weil wir plötzlich kein fließendes Wasser mehr haben und zum – ich zitiere wörtlich – Kacken in den Park müssten.«
Er sah auf. »Sag mal, willst du mich verarschen?«
»Wenn du willst, kann ich es in Defäkieren abändern, wenn es damit besser klingt.«
»Nichts klingt besser!«, knurrte er. »Legst du es auf deinen Rausschmiss an oder warum lieferst du mir diesen Dreck ab?«
»Lachen ist die beste Medizin«, versuchte ich eine lasche Verteidigung. »Und Medizin muss bitter schmecken. Hab ich mal gelesen.«
»Wer schreibt so was?«
»Die TITANIC.«
»Ah. Wir sind aber kein Satireblatt, Outis, wir sind die ›Bundeswehr aktuell‹. Und das hier ist zynischer Mist! Als nächstes kommst du noch mit unseren Jungs, die es vor Stalingrad ausgehalten haben.«
»Jetzt wirst du geschmacklos.«
Herold zerknüllte meinen Artikel-Entwurf zu einer perfekten Kugel und brachte es fertig, den Papierkorb am anderen Ende des Raumes zu treffen.
»Was ist bloß los mit dir?« Kopfschüttelnd musterte er mich. »Warst mal ein guter Autor. Konntest schreiben. Hab zu Hause sogar eins von deinen Büchern im Regal.«
»Dein Urteil war wenig schmeichelhaft«, erinnerte ich ihn. »Meine Metaphern wären überzogen. Zu literarisch – oder so ähnlich.«
»Zu gut gemeint«, verbesserte er mich. »Nicht zeitgemäß. Wir leben in der Ära der Kurznachrichten. Der Stil muss knapp sein. Und lebensbejahend.« Er zog das Wort in die Länge, indem er jede Silbe einzeln betonte. »Zynismus ist was für Verlierer. Das Magazin schreibt für Macher, nicht für Leute, die sich aufgegeben haben.«
Ich winkte verdrossen ab. »Im Moment schreibt es für Niemanden, wenn die Druckerei nicht bald ein Netzersatzgerät aus dem Hut zaubert. Das einzige Massenmedium, was noch funktioniert, ist der Rundfunk. Besser gesagt die Stationen, die über Notstrom verfügen. Und die senden auch bloß ins Blaue rein, in der Hoffnung, irgendwo sitzen ein paar Leute mit batteriebetriebenen Radios. Hast du dir mal den Mist reingezogen?«
»Ich hör kein Radio«, behauptete er. »Dafür hab ich zum Glück dich. Was sagen sie denn?«
»Denselben Blödsinn, den alle Offiziellen daherquatschen: Die Lage sei kritisch oder ernst, eine Herausforderung – aber nie hoffnungslos. Jeder ist zuversichtlich, allen geht’s den Umständen entsprechend gut. – Ungefähr so muss sich ’ne Therapiegruppe von Krebspatienten anhören.«
»Stimmt wenigstens die Musik?«
»Heute morgen lief REM. ›It’s the end of the world … and I feel fine‹.«
Herold zog die Brauen hoch. »Ernsthaft?«
»War ’n Scherz.«
»Ah.«
»Sie senden Nachrichten, Kochrezepte und Hygienetipps. Das war schon früher schlimm, dieser weichgespülte Mist!« Ich verdrehte die Augen und verstellte meine Stimme zur Parodie einer oberlehrerhaften Belehrung: »Die unsachgemäße Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid ist zu unterlassen.«
»Du redest vom Pressekodex.«
»Ich rede davon, die Dinge nicht beim Namen zu nennen, um ja nicht irgendwo anzuecken! Wozu gibt’s schließlich ein Synonymwörterbuch? Da findet man hundert verschiedene Umschreibungen für Blut, Kotze und Gewalt. Was zum Teufel soll eine angemessene Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid sein, frage ich dich? Gebt mir für jeden dieser Heuchler lieber einen waschechten Zyniker!«
Herold hatte meinem Ausbruch schweigend zugehört. »Hast du immer noch nichts von Penny gehört?«, forschte er dann behutsam nach.
Genervt winkte ich ab. Ich hatte keine Lust, über mein eigenes verpfuschtes Leben zu reden. Ich wollte über die ganze verpfuschte Welt reden.
»Wenn du auf so was stehst, hättest du Youtube-Blogger werden sollen«, brummte er. »Aber dann solltest du dir überlegen, ob Journalismus noch das richtige für dich ist. Ich meine richtigen Journalismus, nicht diesen reaktionären Blogger-Dreck.«
»Die Sache ist doch die«, sagte ich müde. »Hier gibt’s für mich nichts zu tun. Du jagst mich von einer Pressekonferenz zur nächsten und ich fühl mich wie ein Papagei, der alles nachplappert.«
Herold schaute mich aufmerksam an. »Willst du freigestellt werden? Willst du zu deiner Familie?«
Ich schüttelte den Kopf, verärgert darüber, dass er mich anscheinend für einen Drückeberger hielt. »Gib mir einfach was zu tun. Ich gehe hier die Wände hoch, verstehst du? Gib mir eine Aufgabe.«
Ich hatte mit einer flapsigen Antwort gerechnet, etwa die, dass alle ihre Probleme hätten. Stattdessen lehnte er sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und fixierte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand. Unter seinen Achseln lagen Schweißflecken in der Größe von Bowlingkugeln.
»In der Nacht, als die ersten Polarlichter über den Himmel flackerten, da tanzten unten auf der Straße Leute vor meinem Haus.« Es klang beiläufig, als erzählte er vom Frühstück. »Die beklatschten jedes Aufflammen, als ob’s ein Feuerwerk zu Silvester wäre. Diese Zeit bringt nicht gerade das Beste im Menschen zum Vorschein.«
Ich behielt für mich, was ich über diese Zeit und ihre Werte dachte.
»Vor ein paar Jahren kam ich mal an einem Unfall vorbei, Outis. Der Notarzt war gerade dabei, einen Mann wiederzubeleben. Vielleicht hatte der einen Herzanfall, vielleicht war er gestürzt – ich weiß es nicht. Während der Arzt sich um den Mann kümmerte, stiegen ungerührt Leute über beide hinweg. Manche schimpften. Sie hatten keine Zeit. Wollten ihre Straßenbahn noch erwischen. Es war ihnen egal, dass vor ihnen ein Mensch lag und sie seine Rettung behinderten.«
»Ich hoffe, diese empathielosen Wichser hat es gleich als Erstes erwischt, als der Blackout losging«, sagte ich hasserfüllt.
Er tat, als hätte er mich nicht gehört. »Und das war zu einer Zeit, als es uns gut ging. Was wir gerade erleben, kann man ohne Übertreibung als moralische Auszeit bezeichnen.«
»Das ist gut, das muss ich mir merken.« Ich versuchte gar nicht erst, den Sarkasmus aus meiner Stimme fernzuhalten. »Darf ich das für meinen Artikel verwenden? Es klingt irgendwie so … aufbauend. So lebensbejahend.«
Ein verlorenes Lächeln huschte über Herolds Gesicht. »Glaub nur nicht, ich würde dich nicht verstehen. Als in den 90er Jahren die große Oderflut kam, war es das Militär, das eine Katastrophe verhinderte. Ich war einer von denen, die sich auf den Deichen den Arsch abschufteten, damit das Oderbruch nicht voll lief. Damals waren wir Helden. Aber jetzt? Der Kalte Krieg ist vorbei. Die alten Feinde sind verschwunden. Die Truppe hat ein Image-Problem. Wir brauchen Aufgaben. Aber vor allem brauchen wir Vorbilder.«
»Wenn du glaubst, ich will mich vor der Arbeit drücken, bist du schief gewickelt«, sagte ich, seinen letzten Satz wieder auf mich beziehend.
»Ach Unsinn!« Das Leder des Bürosessels knarrte, als sich mein Chef nach vorne beugte. »Machen wir uns nichts vor; wir sitzen gerade tief in der Scheiße. Und wie es aussieht, haben wir den Grund der Gülle noch gar nicht erreicht. Was mich wieder zurück zum Thema bringt. Was wir in dieser Zeit mehr denn je brauchen, sind – bitte entschuldige meinen Pathos – Helden. Wir brauchen Leute, die zupacken, zu denen die Leute aufschauen können. Leute mit Mut, Grips, Opferbereitschaft, moralischer Stärke …«
Ich unterbrach ihn, ehe er weitere heroische Superlative bemühen konnte. »Einen Action-Held wie im Kino meinst du?«
Herold schüttelte unwillig den Kopf. »Was ist bloß los mit diesem Land? Wieso sagt jeder immer wie im Kino? Irgendwo passiert was, ein Unfall, eine Katastrophe, ein Verbrechen – und immer heißt es gleich: Es sah aus wie im Kino!«
»Schon gut«, winkte ich ab. »Du willst also, dass ich über einen Helden schreibe, hab ich das richtig verstanden? Kannst du mir auch verraten, wo ich einen solchen Ritter ohne Furcht und Tadel finden soll?«
»Hier ganz sicher nicht. Misch dich unters Volk. Fahr mit den Einsatzkräften mit. Geh dorthin, wo Action ist. Bist du nicht Reservist?«
Die Frage war rhetorisch. Natürlich wusste mein Arbeitgeber davon. Schließlich hatte er mich für die Lehrgänge freistellen müssen.
»Hab gehört, der Marschbefehl ist gerade rausgegangen«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Der Pressesprecher der Regierung wird’s wahrscheinlich in Kürze bestätigen. – Dabei fällt mir ein: Der Presse-Feldwebel deines Paten-Bataillons soll sich angeblich mit einer Salmonelleninfektion krankgemeldet haben. Wäre das nichts für dich?«
Er war bemerkenswert gut informiert. Ich fragte mich, wozu er mich noch brauchte, wenn er sowieso schon alles vor mir wusste.
»Die lassen mich nie an seine Stelle«, sagte ich überzeugt. »Du kennst die Richtlinien. Der PR-Mann der Truppe darf selbst kein Journalist sein. Soll Loyalitätskonflikte verhindern.«
»Ach was, im Moment geht hier doch sowieso alles drunter und drüber. Lass den alten Herold nur machen. Glaub mir, die werden dich mit Kusshand nehmen, wenn ich ihnen erst mal unter die Nase reibe, dass du Schriftsteller bist.«
»War«, verbesserte ich ihn.
»Dann wirst du wieder einer sein. Schreib, sei pathetisch, gebrauche Metaphern bis zum Abwinken – nur tu mir den Gefallen und stell diesen beschissenen Zynismus ab, ja? Werd wieder ein Mensch!«
»Sie werden mich nicht nehmen«, wiederholte ich verärgert. Herolds Optimismus wirkte auf mich zunehmend anstrengend.
»Sie werden, Outis!«
»Warum sollten sie das tun?«
Herold angelte wieder nach dem Satellitentelefon.
»Aus Eitelkeit?«, schlug er vor. »Für George Orwell war der Gedanke an den allgegenwärtigen Big Brother ein Alptraum. Unsere Generation hat sich dagegen dran gewöhnt, ihre Ansichten und Vorlieben überall raus zu posaunen. Die Vorstellung von einer Welt ohne Facebook, Instagram und Twitter muss für die Meisten der blanke Horror sein.« Er schaute mich an. »Wir haben kein Fernsehen mehr, keine Talkshows, kein öffentliches Casting, keine Youtube-Channels, keine fünfzehn Minuten Ruhm für Jedermann. Niemand ist da, der über uns Geschichten erzählt. Deshalb werden sie dich nehmen. Wer würde sich heute noch an Achilles erinnern, wenn Homer nicht die ganze vertrackte Story aufgeschrieben hätte?« Er nickte mit dem Kinn in Richtung Ausgang und streckte gleichzeitig die Hand nach dem Telefon aus. »Und jetzt geh rüber. Hör dir an, was sie zu sagen haben.«
An der Tür blieb ich stehen. »Was hältst du eigentlich von der Geschichte, dass Homer angeblich blind gewesen ist? Er war nicht mal dabei, als es Achilles erwischte.«
Ich sah, wie Herolds Silhouette vor dem hellen Viereck des Fensters mit den Schultern zuckte. »Wahrscheinlich konnte er gut zuhören.«
»… hat daher die Bundesregierung den Ländern die Weisung erteilt, die Streitkräfte zur Unterstützung der Polizei hinzuzuziehen.«
Der Pressesprecher der Regierung war ein früherer Fernsehjournalist, dessen Moderation zu 9/11 mit dem Preis der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde. Als er geendet hatte, herrschte einen Augenblick Schweigen. Dann brach erregtes Stimmengewirr aus. Mehrere Journalisten hoben gleichzeitig die Hand und versuchten, den Regierungssprecher auf sich aufmerksam zu machen.
»Schließt das den Einsatz militärischer Mittel mit ein?«, rief jemand aus der vorderen Reihe. Ich hatte meinen Platz ganz hinten und konnte nicht erkennen, wer es war. Er hatte einen französischen Akzent.
Der Sprecher schien auf diese Frage vorbereitet zu sein. Seine Antwort kam ohne das geringste Zögern.
»Die Unterstützung erfolgt in erster Linie logistisch, durch Schiffe, Hubschrauber, Räumfahrzeuge und Transporter. Allerdings stehen unsere Streitkräfte auch bereit, unsere Polizei bei Absperrungen und Objektschutz zu unterstützen. Sie haben eine Frage?«
»Danke. Bedeutet das auch die Übernahme hoheitlicher Befugnisse?«
»Davon können Sie ausgehen. Selbstverständlich dürfen unsere Streitkräfte im Rahmen ihrer Aufgaben Durchsuchungen und Verhaftungen vornehmen.«
»Halten Sie das nicht für gefährlich?«
»Inwiefern?«
»Nun, die Bundeswehr ist für polizeiliche Aufgaben nicht ausgebildet.«
Der Pressesprecher richtete einen Zeigefinger auf den Fragesteller. Er hatte dabei Ähnlichkeit mit einer Plakat-Karikatur von Uncle Sam, der zur Einberufung animiert.
»Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich setze vollstes Vertrauen in die Professionalität unserer Streitkräftebasis. Im Übrigen arbeitet sie eng mit unseren zivilen Stellen zusammen.«
Mir fiel auf, wie oft der Staatssekretär den Begriff unsere gebrauchte.
In der ersten Reihe wurde erneut eine Hand gehoben. »Es erreichen uns Meldungen über Plünderungen. Können Sie uns dazu Näheres sagen?«
»Es ist vereinzelt zu Vorfällen gekommen, ja, aber entgegen allen Prognosen und Spekulationen ist es verhältnismäßig ruhig geblieben. In Krisenzeiten überwiegen in Solidargemeinschaften – lassen Sie mich das ganz deutlich sagen! – pro-soziale Reaktionsmuster und altruistische Verhaltensweisen.«
Er brachte die Sätze so flüssig heraus, als hätte er sie vorher hundertmal geübt.
»So haben etliche Supermärkte ihre Türen geöffnet und Lebensmittel unentgeltlich an die Bevölkerung verteilt. Zu Wucher-Verkäufen ist es meines Wissens nicht gekommen.«
»Stimmt es, dass wegen des Blackouts schon tausende Häftlinge aus den Gefängnissen entlassen werden mussten?«
Der sonore Tonfall wirkte auf mich zunehmend einlullend. Was er von sich gab, wurde zu einem Wortbrei, aus dem von Zeit zu Zeit einzelne Phrasen aufstiegen. »Diese Frage … der jeweiligen Bundesländer … Pressekonferenzen, die … bin zuversichtlich, dass … Stärke des Landes … gemeinsame Herausforderungen …«
Ich hatte seit Tagen kaum geschlafen und wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen, mitten in seinen Ausführungen aus einem Halbschlaf aufzuschrecken. Ich stand auf und verzog mich ins Bistro.
Offenbar war ich nicht der Einzige, der auf die Idee kam, sich abzusetzen. An den Futternäpfen hatten sich weitere Reporter eingefunden.
Ich ging den Kettenhunden von der Yellow Press aus dem Weg, deren geistiger Zustand sich am ehesten mit dem von Rauschgiftsüchtigen auf Entzug vergleichen ließ. Nachrichten waren rar. Kein Wunder, dass jeder Reporter der Stadt, mich eingeschlossen, nach den seltenen Nuggets der Wahrheit schürfte. Die Neurosen blühten und in den Kantinen machten Gerüchte die Runde. Zum Beispiel, dass es in Wirklichkeit gar kein Sonnensturm war, der den halben Kontinent ins vorindustrielle Zeitalter zurückgebeamt hatte, sondern ein Angriff der Russen, Chinesen, Amis oder von den kleinen grünen Männchen vom Mars.
Während ich mich in der Schlange anstellte, lauschte ich den Unterhaltungen der Reporter.
»Hast du den Quadrat-Unsinn mitgekriegt?«, fragte ein Typ seinen Nebenmann.
»Du meinst die lahme Story von den Supermärkten, die aus lauter Menschenfreundschaft ihre Lebensmittel verteilt haben?«
Der Angesprochene schnaufte verächtlich. »Sind das etwa dieselben, die vor dem Blackout die Leute wegen Containern verklagt haben?«
»Immerhin war’s das Schlauste, was sie machen konnten. Stunden später hätten die Leute ihnen eh die Schaufenster eingeschmissen.«
»Ohne Kühlung wäre das Zeug sowieso vergammelt. – Und der Typ faselt was von Altruismus! Was wir jetzt dringend brauchen …«
Was er und seine Agentur brauchten, bekam ich nicht mehr mit. In dem Moment, wo sie ihre Rationen ergattert hatten, zogen sie sich in Richtung der Tischreihen zurück. Ihr Geschnatter entfernte sich.
Die Küchenkraft wirkte wie jemand, der schlafwandelt. Ich musste meine Bestellung zweimal wiederholen, ehe sie sich in Bewegung setzte und nach hinten schlurfte. Nach einer Ewigkeit konnte ich endlich ein königliches Bankett in Empfang nehmen, an dem Thilo Sarrazin seine Freude gehabt hätte, als er noch Berliner Finanzsenator war. Ein Teller Hühnersuppe, zwei belegte Brötchenhälften und einen Pappbecher mit heißem Wasser, in dem ein Teebeutel schwamm; dazu zwei Zuckerwürfel – die Standardration, die meinen Organismus bis zum Abend am Leben erhalten würde.
Ich nahm mein Tablett und schaute mich nach einem Sitzplatz um. Mein Blick blieb an einer Uniform hängen, deren Besitzer abseits an der Fensterfront saß und mir lässig mit einer Hand zuwinkte. Ich musste zweimal hinschauen, ehe ich ihn erkannte.
»Milton!«
In den letzten Tagen fragte ich mich oft, wo er steckte und was er so trieb. Am ersten Tag des Blackouts hatte ich vergeblich versucht, ihn zu erreichen. Das Handynetz war völlig überlastet. Sechs Stunden später, als die letzten mit Notstrom betriebenen Basisstationen ihren Dienst quittiert hatten, war dann endgültig Schicht im Schacht.
Milton gehörte zu den Menschen, die sich in einer Menge bewegen konnten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Wäre ich jemals auf die Idee gekommen, ihn in eine Geschichte einzubauen, hätte ich ihm vermutlich die Rolle des Schnüfflers angedichtet.
Nun allerdings wirkte er verändert. Nicht nur, dass er Uniform trug, auch seine Haltung war neu, gestraffter. Er erinnerte mich an eine Schlange, die sich gehäutet hatte. Seltsam, was eine Uniform aus einem Menschen macht.
Er schob mir einen Stuhl zu. »Was treibst du so? Bist du immer noch bei der Feldzeitung?«
»Immer noch.«
»Ein Papiertiger«, lachte er.
»Gibt Leute, die das wichtig finden.«
Komisch, ich hatte das Gefühl, meine Arbeit verteidigen zu müssen, obwohl die mir im Grunde nichts mehr bedeutete. Ich war kein guter Journalist. Nicht mal jetzt brachte ich die Wahrheit raus. Aber war das nicht meine Aufgabe?
»Was ist mit dir?«, fragte ich ihn. »Wie kommst du zurecht?«
»Womit?«
Ich breitete die Arme aus. »Na mit allem. Mit der Katastrophe.«
»Katastrophe?« Milton hob eine Braue. »Junge, die Zerstörungen nach dem letzten Weltkrieg – das war eine Katastrophe! Das Land am Boden. Trotzdem ging’s irgendwann wieder aufwärts.«
»Dank des Marshallplanes«, wandte ich ein, »weil die Amis eine Basis gegen den bösen Kommunismus brauchten.«
»Und so wird’s auch diesmal sein«, erwiderte er unbekümmert. »Wir sind noch lange nicht am Ende der Welt angelangt.«
»Was macht dich so sicher?«
»Ich glaube an den Kapitalismus, mein Freund. Ein echt geniales System. Nicht totzukriegen, egal was passiert.« Er hob die Hände, die Handflächen nach oben wie ein Prediger. »Ich glaube an den Fleiß und den Optimismus, an Innovation, Kreativität, Mut und harte Arbeit, an die Gier, an Gewinn und Wachstum.«
Milton war stockkonservativ. Gegen ihn war Potter Huntington ein Waisenknabe. Sein Hohelied auf den Kapitalismus hätte gut und gern als Leitartikel eines Wirtschaftsmagazins getaugt. Ich winkte ab, bevor er noch auf die Idee kam, mir irgendwas verkaufen zu wollen, eine Versicherung zum Beispiel. Milton war der Typ, der einem alles andrehen konnte. Sein Optimismus überrollte einen geradezu. Er erinnerte mich an den Frosch aus dieser altbackenen Geschichte, der erst in die Milch fällt und dann statt abzusaufen so lange strampelt, bis die Milch zu Sahne wird. Und wahrscheinlich würde er einem anschließend noch die Sahne verkaufen.
»Erzähl mir lieber von deiner Aufgabe«, sagte ich.
»Wir schützen Kasernen, Flugplätze, Rundfunksender, Lebensmittel- und Treibstoffdepots, Banken … So was halt. Weißt du, dass es in der ganzen Stadt nur fünf Tankstellen gibt, die mit Notstrom betrieben werden können?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Tja, wusste ich bis heute auch nicht. Die werden gerade abgesichert wie ein Konsulat. Aber das machen Andere. Wir wurden für einen Flugplatz abgestellt. Auf den Weg dorthin sollen wir noch was erledigen.«
Wieder spürte ich die alte Faszination, die mich schon bei unserer ersten Begegnung gepackt hatte. Die Katastrophe schien ihn nicht zu berühren. Mehr noch, anscheinend betrachtete er sie als Herausforderung. Herold … Milton … Der Regierungssprecher … In meiner Umgebung schienen sich eine ganze Menge Macher zu tummeln. Anderswo wurde Geschichte gemacht, während ich in der Etappe versauerte.
Ich rückte den Pappbecher mit dem erkaltenden Tee auf dem Tisch hin und her. »Reden wir von deinem Einsatz. Was sollt ihr auf dem Weg zum Flugplatz erledigen? Oder ist das geheim?«
»Ach wo«, winkte er ab. »Den alten Windisch kennst du noch?«
»Oberst Windisch vom Landeskommando?«
»Der ist jetzt bei der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit. Und redet immer noch dieselbe Sülze wie eh und je, von wegen wir Soldaten wären Mittler zwischen Armee und Gesellschaft. Die alte Leier. Du kennst ihn.«
»Der Einsatz«, brachte ich ihn aufs Thema zurück.
»Richtig. Also ich werd‹ zu einer Besprechung gebeten, und als ich reinkomme, sitzt da Windisch mit drei Zivilisten zusammen: eine Referatsleiterin von der IIIA, ein Typ vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt … Wozu der dritte da war, hab ich vergessen. Jedenfalls diskutieren die gerade die Evakuierungen der ersten Hochhaussiedlungen.«
»Steht es schon so schlimm?«
»Du warst wohl in den letzten Tagen nicht zu Hause?«, erkundigte er sich mit gutmütigem Spott.
»Ich schlafe seit drei Tagen in der Redaktion.«
»Dann lass mich dich mal kurz briefen. In den Hochhaussiedlungen herrscht gerade SHTF.«
SHTF. Shit Hits The Fan. Die Kacke war am Dampfen. Fast so schlimm wie WC – Worst Case – aber nicht ganz so heftig wie EOTW – The End Of The World. Nerd-Sprache. Wenn sich Prepper unterhielten, war’s, als würdest du besoffen einer Folge von Raumschiff Enterprise folgen.
»In dem Fall kannst du das ruhig wörtlich nehmen«, fuhr Milton fort. »Ohne Strom reicht der Wasserdruck nur bis zur dritten Etage. Alles darüber hat nicht mal mehr Wasser zum Spülen der Klos.«
Er lehnte sich zurück, kramte in seinen Taschen und fingerte eine zerdrückte Schachtel Pall Mall raus. Ich wartete darauf, dass er zum Punkt kam.
»Im Moment werden die Leute noch aus großen Tanks versorgt«, fuhr er nach den ersten Zügen fort. Er kam gar nicht auf den Gedanken, mir eine Zigarette anzubieten. »Aber kein Mensch schleppt jeden Tag fünfzehn Liter Wasser in den zehnten Stock hoch. Oder nimmt das Treppenhaus, um unten die Dixi-Klos zu benutzen. Die scheißen in Kübel und kippen’s ganz einfach aus dem Fenster.« In seiner Stimme fand sich keine Spur von Betroffenheit.
»Also wie eh und je.« Ich nickte. »Die Oberen bescheißen die Unteren.«
Ich stellte fest, wie mich Miltons Kaltschnäuzigkeit ansteckte. Flüchtig dachte ich, dies müsse das Geheimnis von archaischen Kriegerbünden sein, wo man gegenüber den Kameraden keine Schwäche zeigt. An Fantasie mangelte es mir nicht. Die Bilder, die Miltons Worte heraufbeschworen, tauchten lebhaft vor meinem inneren Auge auf: in der Dämmerung aufragende stockdunkle Wohntürme, in deren Fensterhöhlen vereinzelt Kerzen brannten; in den Klüften dazwischen Spielplätze, die sich langsam in Müllhalden verwandelten und verdorrte einstige Grünflächen, die wie ein gedüngtes Feld stanken.
Trotzdem – Seuchengefahr hin oder her, wäre es nicht besser, die Leute in ihrer gewohnten Umgebung zu lassen? Dort hatten sie wenigstens ein Dach über dem Kopf. Soziale Kontakte. Ich machte eine entsprechende Bemerkung.
Milton winkte ab. »Allein in der Gropiusstadt brauchen sie eine Million Liter Wasser pro Tag. Und das auch nur, wenn sie sparsam sind. Zwar gibt’s übers Stadtgebiet verteilt um die 2000 Straßenbrunnen, allerdings ist nur bei etwa einem Drittel die Wasserqualität ausreichend. Wie willst du da die Massen an Wasser und Lebensmitteln heranschaffen? Wie verteilen, ohne dass einer zu kurz kommt?«
»Nachbarschaftshilfe?«, schlug ich halbherzig vor.
Milton schnaufte verächtlich durch die Nase. »Das sind anonyme Bettenburgen, Outis. Glaubst du, da denkt irgendwer ans Teilen?«
Er schnippte mit dem Finger, um anzudeuten, wie wenig er in der Krise ans Teilen denken würde. »Die Leute stehen schon jetzt viele Stunden am Tag an den Versorgungspunkten und Straßenbrunnen Schlange.«
»Na dann haben sie ja jetzt genug Gelegenheit, sich kennenzulernen.«
»Witzbold.« Milton grinste. »In der Stadt ist für die Masse an Leuten kein Platz. Die haben schon genug Probleme, die ganzen gestrandeten Touristen unterzubringen. Es ist Sommer. Hochsaison. Die Notunterkünfte platzen aus allen Nähten.«
»Ob es überall so aussieht?«
»Da geh ich jede Wette ein. Was glaubst du, was erst in zwei Wochen los ist, wenn der halbe Ruhrpott abgesoffen ist?«
Ich schaute ihn fragend an. Er erklärte es mir. Wegen des Kohlebergbaus hatte sich der Boden in den letzten Jahrzehnten immer mehr abgesenkt. Ein Großteil der Städte lag inzwischen in Mulden, aus denen ständig das Niederschlagswasser abgepumpt werden musste.
»In nicht mal einem Monat haben sich Bottrop und Gladbeck in Vineta verwandelt«, prophezeite er. »Dann werden fünf Millionen auf Wanderschaft sein.«
»Zurück zu unseren Problemen hier«, forderte ich. »Was ist mit den Evakuierungen?«
»Nun, sie bauen im Brandenburger Umland Notquartiere auf. Überall da, wo sich Verkehrsknotenpunkte befinden: Autobahn, Wasserstraßen, Kleinstflugplätze …«
»Ich verstehe. Das vereinfacht den Transport, nicht wahr?«
»Vor allem vereinfacht es die spätere Versorgung.«
»Was hat das Wasser- und Schifffahrtsamt damit zu tun?«
Er sah mich mit dem Blick eines Lehrers an, der irritiert darüber ist, dass sein Schüler nicht mal die einfachsten Zusammenhänge kapiert.
»Allein in Gropiusstadt hausen 38 000 Leute. Das ist fast die Größenordnung von Pribjat. Als dort der Reaktor hochging, brauchten die Russen für die Evakuierung zwei Tage. Aber die hatten tausend Busse, über hundert LKWs und mehrere Sonderzüge. Die Straßen waren frei, das Schienennetz funktionierte und es gab ein sicheres Umland. Hier herrschen ganz andere Zustände. Die Schienen sind mit liegengebliebenen E-Zügen verstopft, die Stellwerke funktionieren nicht, die Weichen müssten über die gesamte Strecke festgeschraubt werden. Die Verkehrsleitsysteme sind ohne Strom, die Tunnel ohne Licht. Trotzdem wollen die das Ganze in drei Tagen durchziehen.«
»Drei Tage? Du lieber Himmel!«
»Du gestattest?« Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern bediente sich gleich von meinem Teller.
»Tja, Realitätssinn war noch nie die Stärke der Politik«, fuhr er kauend fort. »Die Köpfe in den Wolken, ohne das geht’s bei ihnen nicht. Aber Gedanken haben sie sich schon gemacht, das muss man ihnen lassen.«
Er wischte sich die Finger an der Serviette ab und griff wieder nach der Zigarette. »Wenn man die Kanäle dazu zählt,kommt man in Berlin auf zweihundert Kilometer Wasserstraßen. Durchgehend frei, man muss nur die Schleusen kontrollieren. Rechne nach: Hundertfünfzig Fahrgastschiffe, die rein rechnerisch knapp zehntausend Leute auf einen Schlag transportieren können. Was übrig bleibt, geht mit Bussen ab.«
»Und die Reedereien machen da freiwillig mit?«
»Sicherlich nicht aus schierer Menschenfreude. Aber sie kriegen Diesel für die Hilfe. Und später, wenn das große Aufräumen losgeht, winken großzügige Entschädigungen. Da wird man doch gern zum Patrioten.«
»Erzähl mir lieber, was das alles mit deinem Auftrag zu tun hat.«
Milton schnippte eine Aschenflocke in seine leere Tasse. »Tja, da gibt’s nicht viel zu sagen. Wir schippern auf einem der Flüsse zum Flugplatz und nehmen dabei eine Inspektorin vom Wasserstraßen-Amt mit. Wegen des Sonnensturms haben die wohl immer wieder Funkprobleme, also sagen sie sich: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.«
»Warum erledigt das nicht die Wasserschutzpolizei?«
»Vergiss es, das sind Oldtimer. Die Boote, die gerade nicht in der Werft liegen, sind seit Tagen ununterbrochen im Einsatz.«
Die Flamme seines Feuerzeugs züngelte, als er sich eine neue Zigarette ansteckte. In einer wirren Vision sah ich uns beide in einer Höhle vor einem Lagerfeuer hocken wie zwei Jäger eines urzeitlichen Stammes, der eine Treibjagd plant.
»Rechnet der Senat denn mit Problemen?«, wollte ich wissen. »Warum fährt diese Inspektorin nicht allein in ’nem Tretboot den Fluss runter? Das ist die brandenburgische Provinz, nicht das Herz der Finsternis.«
»Ist halt so ne fixe Idee von Windisch. Reine PR, wenn du mich fragst. Als wir allein waren, sagte er zu mir: Es liegt in unserem Interesse, im Angesicht der Krise unsere Daseinsberechtigung zu beweisen.«
Ja, dieser geschraubte Tonfall sah Windisch ähnlich. Der Auftrag klang nach langweiliger Routine. Aber gut, das sind Wach- und Sicherungseinsätze häufig.
Milton sprach weiter, aber ich hörte nicht mehr richtig zu. Meine Augen wanderten über seine schon grau werdenden Haare. Er hatte seinen Zenit überschritten. Wie ich. Wie die anderen Reservisten, denen ich auf den Lehrgängen begegnet war. Die meisten waren in einem Alter, wo man sich in seinem Leben mehr oder weniger eingerichtet hatte. Sie hatten Jobs, eine Familie, einen Alltag. Und doch musste ihrem Leben irgendwas fehlen. Vielleicht verspürten sie Langeweile angesichts des Trotts. Vielleicht fühlten sie, dass das, was sie im Zivilleben taten, keinen Sinn ergab. Vielleicht suchten sie nach Herausforderungen, nach mehr Verantwortung, nach etwas, was größer war als sie selbst. Vielleicht suchten wir alle ein anderes, ein besonderes Leben.
Der Oberst von der zivil-militärischen Zusammenarbeit wollte eine Existenzberechtigung für seine Truppe, Herold einen Helden, wie ihn die Zeit gerade so nötig zu brauchen schien und Milton einen Auftrag, bei dem er Gelegenheit bekam, seine heiligen Werte des Kapitals zu schützen. Jeder suchte irgendetwas. Und jeder wollte im Grunde das Gleiche: Anerkennung.
Nun gut. Ich gab mir einen Ruck. Herold sollte seinen Helden bekommen. Ich würde den Job annehmen, von dem er geredet hatte. Ich würde Milton begleiten, Geschichten sammeln und über Helden schreiben. Vor allem aber würde ich endlich aus dem Mief rauskommen – ein bisschen herumreisen, ein bisschen Action erleben und alles gewürzt mit dem Salz des Pathos, des Gerechten und Wahren.
Am Ende bekam ich mehr von all dem, als gut für mich war.
Wenn er eine Reise macht, versieht er sich mit Waffen und sucht zu seinem Schutz eine sichere Begleitung. (…) Dabei weiß er doch, dass es Gesetze gibt und Männer, deren Pflicht es ist, ihn für jedes nur mögliche Unrecht mit Waffengewalt zu rächen. Thomas Hobbes, Leviathan
Zweites Kapitel
Dienstag, 24. Juli, Abend bis Morgendämmerung
An der Kreuzung vor uns eilten Tankwagen und die Fahrzeuge des THW, der Feuerwehr und der Energiekonzerne vorbei. Sie hatten Vorrang – noch vor der Polizei oder den zivilen Blechkisten mit aufgesetztem Blaulicht, mochten deren Fahrer hinter den Frontscheiben auch schimpfen und gestikulieren. Die Verkehrsposten ließen sich davon nicht beeindrucken; sie hatten ihre Befehle.
Es waren Bilder und Töne aus etwas, was wir noch eine Woche zuvor als Dritte-Welt-Land bezeichnet hätten. Eine allgegenwärtige Gereiztheit lag in der Luft, wie ein Sirren, das mir bis unter die Schädeldecke drang. Vielleicht waren es doch die Auswirkungen des Sonnensturms. Obwohl sämtliche Wissenschaftler behaupteten, dass dies unmöglich war. Aber auch Wissenschaftler können irren. Eigentlich gehört der Irrtum ja zu ihrem Handwerkszeug.
Als wir das Ende der Oberbaumbrücke erreicht hatten, stieß mich Milton an und deutete durch das Seitenfenster des Wagens. Auf den Gehwegen unter dem Brückengewölbe lagen dunkle Gestalten in Decken und Kokons aus Thermofolie gehüllt. Sie sahen aus wie Tote. Es mussten hunderte sein. Für einen Moment stockte mein Atem. Dann bemerkte ich, wie sich eine der Gestalten aufrichtete, erblickte Rucksäcke, Koffer, Taschen und Einkaufstüten. Ein Junge, ein Kind noch, starrte zu uns herüber und strich sich zähnefletschend mit dem Daumen über die Kehle. Obdachlose, dachte ich. Gestrandete. Milton hatte davon gesprochen.
Doch nicht das war es, was er mir zeigen wollte. Ich folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger weiter mit den Augen.
An einer Hauswand prangte Street-Art, einen Riesen mit weit aufgerissenem Mund darstellend. Das Bild wirkte grob, wie von einem Kind gemalt. Als wir näher ran waren, entpuppten sich die Pinselstriche als ein Gewimmel nackter Menschen. Das Maul des Riesen war eine schwarze Höhle, geformt aus sich aneinanderklammernden rosafarbenen Winzlingen. Eine einzelne Figur balancierte auf dem ausgestreckten Zeigefinger des Ungeheuers, augenscheinlich darum bemüht, nicht verschlungen zu werden.
Ich erinnerte mich, irgendwo was darüber gelesen zu haben, und kramte in meinem Gedächtnis, bis es mir wieder einfiel.
»Leviathan«, sprach ich leise vor mich hin.
»Was meinst du?«, fragte Milton.
»Das Gemälde«, erklärte ich, »es heißt Leviathan. Stammt von ›nem Künstler namens Blur.«
»Klingt nach ’nem Froschfresser«, brummte der Mann auf dem Platz am gegenüberliegenden Fenster, der mich an eine jüngere Ausgabe des Schauspielers Peter Lohmeyer erinnerte. Vor allem wegen seiner hemdsärmeligen Art und weil er beim Sprechen näselte. Auf seinem Brustschild hatte ich den Namen Scharon gesehen. Er schaute kurz auf und widmete sich dann wieder seiner Lektüre.
Was er las, ließ sich im Halbdunkel nicht ausmachen. Aber ich wäre jede Wette eingegangen, es war ein Heftroman. Einer von der Sorte, die angeblich authentische Soldatengeschichten versprach. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als er in der Kaserne einen ganzen Stapel davon aus seinem Spind in den Rucksack packte. Der Landser, Schicksale deutscher Schiffe, Fliegergeschichten – auf den Scheiß fuhr er völlig ab. Wenn man sah, was er sich alles an reaktionärem Nationalkitsch reinzog, hätte man meinen können, einen pubertierenden Sechzehnjährigen vor sich zu haben. Dabei verrieten die ausgeprägte Glatze und der graue Vollbart, dass er einer der Ältesten unter uns war.
Ich ließ meinen Blick über die anderen wandern. Im Fahrzeug war es so eng, dass sich unsere Knie berührten.
Aus der Spiegelung der Scheibe blickte mir Aslans hageres Raubvogelgesicht entgegen. Er war eine Sportskanone, durchtrainiert bis zur letzten Faser, dabei lang und schmal wie eine Pappel. Er lachte oft und gern. In seine Wangen hatten sich Grübchen gegraben. Seine Schlagfertigkeit imponierte mir. Zumal sein Humor nie bösartig war.
Neben ihm saß Kubiak. Ich kannte ihn erst seit wenigen Stunden, aber sein Ordnungsfimmel war mir sofort aufgefallen. Er hatte irgendeine Zwangsstörung, die ihn dazu trieb, Dinge symmetrisch auszurichten. Dieser Perfektionismus konnte einen zur Verzweiflung treiben, wenn er in der Kaserne minutenlang an irgendwelchen Falten an den Gardinen herumzupfte, bis sie exakt waagerecht hingen. Oder wenn seine Augen nervös über einen wanderten und sich an einem schräg sitzenden Koppel oder nicht perfekt ausgerichteten Kragen stießen. Darin war er schlimmer als jeder Kasernen-Spieß in meiner Grundausbildung.
»Ich frag mich bloß, wie der es schafft, über ’n Supermarktparkplatz zu laufen, ohne beim Anblick schief parkender Autos wahnsinnig zu werden«, hatte Aslan die Eigenheit des Kameraden kopfschüttelnd kommentiert.
Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Außenwelt zu. Das Bild des gefräßigen Riesen verfolgte mich, bis wir daran vorbei waren. Die Metapher war deutlich. Ich hatte vor Jahren Hobbes‹ Buch gelesen, in dem er die Gesellschaft mit einem Ungeheuer verglich, dem biblischen Leviathan, der von einem starken Staat gezähmt werden müsse. Es war der Alptraum eines jeden Liberalen, der aber in den letzten Jahren den Umfragen und Wahlergebnissen zufolge wieder zunehmend Akzeptanz gefunden hatte.
Ein paar hundert Meter weiter mussten wir wieder halten. Jemand klopfte an die Scheibe. Ein Schwall Luft, in dem Brandgeruch lag, drang in den Wagen, und ich hörte, wie jemand zum Fahrer sagte: »Ihr könnt nicht weiter. Da vorne ist Vollsperrung.«
Milton beugte sich vor. »Was ist passiert? Ein Unfall?«
»Stress«, sagte die Stimme. »Eine Tankstelle. Die kapieren einfach nicht, dass die Zapfsäulen keinen Strom haben. Die randalieren da schon seit Stunden. Arschlöcher!«
Die Tür wurde zugeschlagen.
»Was sagt das Navi?«, fragte Milton den Fahrer.
»Das Scheißding zeigt alles mögliche an, nur nicht wo genau wir sind. Die Satelliten haben wohl ne ordentliche Strahlendusche abgekriegt.«
»Scheiß drauf, der Osthafen muss in der Nähe sein«, sagte Milton. »Vielleicht ein Kilometer oder zwei. Zu Fuß sind wir schneller.«
Wir stiegen aus und formierten uns. Ich blickte auf, als ich das Rumoren von Hubschraubern hörte. Eine Staffel von fünf Helikoptern flog in der Dämmerung in einiger Höhe vorbei. Ich sah ihnen nach, bis mich Milton anstieß. »Penn nicht! Wir müssen los.«
Im Gewirr der Straßen hatte ich bald die Orientierung verloren. Milton schien sich jedoch hier auszukennen. Mal lotste er uns durch ruhige Nebenstraßen und über schmale Fußgängerbrücken, dann durch einen dunklen Tunnel von Bäumen, die sich scherenschnittartig gegen den Himmel abhoben. Irgendwann waren wir wieder auf der Hauptstraße. Die zerklüfteten Silhouetten der Dächer und Schornsteine zeichneten das düstere Panorama einer mittelalterlichen Stadt. Vereinzelt flackerten Lichter in den Fenstern, und zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass Häuser nichts anderes sind als Höhlen. In Felsen gehauene Steinzeithöhlen, bewohnt von Urmenschen.
Meine Uhr zeigte an, dass es längst Nacht war. Trotzdem wurde es nicht dunkel. Über den Himmel wehten Vorhänge aus grünen und violetten Lichtern. Es ist schon Ironie: Seit Jahrtausenden haben wir die Dunkelheit gefürchtet. Finsternis war eine Metapher für Gefahr, für Unwissenheit, Licht für Wissen, Fortschritt, Sicherheit. Und jetzt stand die Katastrophe im Zeichen von Nächten, die hell genug waren, dass man noch mit einiger Anstrengung ein Buch oder eine Zeitung hätte lesen können.
»Jetzt schaut euch bloß mal das an …«
Kubi war stehengeblieben und zeigte zu einem Dach hinauf, auf dem sich die Schattenrisse von Menschen gegen den brennenden Himmel abzeichneten. Sie hielten die Arme ausgebreitet und schwenkten Bengalos und Wunderkerzen wie Fans bei einem Fußballmatch. Ich hörte Rufe und die Fetzen von Gesang.
Etwas schlug vor uns auf dem Gehweg auf. Wir sprangen zur Seite, als Glassplitter durch die Luft segelten.
Scharon fluchte. »Ich würde den Scheiß-Yuppies am liebsten ’ne Feier machen, von der sie sich nicht mehr erholen.«
»Weitergehen!«, sagte Milton. »Das ist nicht unsere Party.«
Ich nahm an, der Fluss müsste irgendwo links von uns liegen. Sicher war ich mir nicht. Wir ließen die dunkle Masse eines Fabrikgebäudes hinter uns – und da sah ich ihn, eine verschwommene, grün und lila schillernde Straße, an deren Rändern Boote dicht an dicht lagen. Ich erblickte Lastkähne neben Barkassen, ein paar Schubkähne und Ausflugsboote von einem halben Dutzend Reedereien.
Wir suchten eine gute Viertelstunde herum, ehe wir das Schiff fanden. In Natur wirkte die Calypso noch eine Spur eindrucksvoller als auf dem Flyer, den mir Milton im Dingo in die Hand gedrückt hatte. Ich schätzte die Länge auf etwas weniger als vierzig Meter und die Höhe über der Wasserlinie auf vielleicht drei Meter. Am Bug verunzierten mehrere hässliche und augenscheinlich frische Schrammen den Anstrich. Der Aufbau am Heck musste das Steuerhaus sein.
Wir wurden bereits erwartet. Eine schmale Gestalt lehnte mit aufgestützten Unterarmen an der Reling. Ich hielt sie der kurzen Haare und des glatten Gesichts wegen zuerst für einen jungen Mann.
»Hab mich gefragt, wann Sie’s endlich finden.« Die Stimme war dunkel, rau, aber unverkennbar weiblich. »Sie sind zweimal vorbei gegangen.«
»Warum haben Sie uns nicht angerufen?«, wollte Milton wissen.
»Ich war neugierig, ob Sie’s schaffen«, gab sie zurück. »Himmel, dachte ich, so blind kann man doch nicht sein. Fünf Kerle und keiner kommt auf die Idee zu fragen?«
»Ich bitte Sie!«, flachste Aslan. »Sie wissen doch, dass Männer nie nach dem Weg fragen. Liegt in unseren Entdecker-Genen.«
»Wohl eher am männlichen Stolz. Na, jetzt haben Sie mich zum Glück ja entdeckt«, sagte sie nachsichtig. »Ich bin Carmen Weber.«
»Freut mich, Frau Weber«, sagte Milton. »Wo finden wir Ihren Mann?«
Ich nahm die Andeutung eines Achselzuckens im Zwielicht vor mir wahr. »Versuchen Sie es mal auf Sylt. Jedenfalls hat er vor einem Jahr von dort eine Karte geschickt.«
»Dann Ihren Vater.«
»In Weissensee. Auf dem Friedhof.«
Sie wartete, bis bei Milton der Groschen fiel.
»Sie sind der Kapitän?«
»Bei uns sagt man schlicht Schiffsführerin. Falls Sie einen graubärtigen Seebären mit Schiffermütze und Pfeife im Mund erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Ich bin Eignerin, Matrose und Maschinistin des Motorkabinenbootes Calypso. Sprüche über Frauen am Steuer können Sie sich also getrost verkneifen.«
Milton schien sich zu sagen, hier wäre ein offenes Wort angebracht. »Frau Kapitän, Frau Eignerin, Ihre Eminenz oder wie auch immer Sie angesprochen zu werden wünschen. Wir haben nicht erst seit gestern Frauen in der Bundeswehr.«
»Na wie schön für Sie.« Die Hände aufs Geländer gestemmt, ließ sie ihre Blicke über unseren Trupp schweifen. »Und das ist also die tapfere Streitmacht, die uns vor dem Bösen schützen soll.«
»Frau Weber«, sagte Milton, »ich hab keinen Schimmer, was für furchtbare Filme Sie übers Militär gesehen haben. Aber wir sind erstens nicht die Nazi-Wehrmacht – schon lange nicht mehr – und zweitens nicht im Krieg, sondern auf dem Weg zu einem humanitären Einsatz, der uns …«
»Bewaffnet?«, unterbrach sie ihn.
Aha, daher wehte also der Wind. Offenbar hatten wir eine waschechte Pazifistin vor uns. Da hatte es nun bei unserer Ausbildung vollmundig geheißen, wir wären »Multiplikatoren«, Vermittler zwischen Armee und Zivilleben. Das Zivilleben schien die Vermittlung bitter nötig zu haben. Bisher multiplizierte sich nur die Abneigung gegen uns.
»Jetzt halten Sie mal bitte den Ball flach, ja?«, sagte Milton. »Wir sind Soldaten. Dachten Sie, wir rücken mit Faustkeilen und Keulen an? Eine bewaffnete Gesellschaft ist eine höfliche Gesellschaft.«
Ich merkte an ihrem angriffslustig gereckten Kinn, dass es ein schlechter Anfang war. Sie widersprach sofort und mit Nachdruck. »Eine bewaffnete Gesellschaft ist vor allem eine unsichere Gesellschaft.«
»Für die bösen Jungs auf jeden Fall«, hörte ich Scharon neben mir knurren.
Milton hob eine Hand. »Wir sind Reservisten. Ganz normale Staatsbürger in Uniform. Aslan arbeitet bei einer Versicherung, Outis hat Bücher geschrieben, Kubi ist Handwerker. Aber keine Sorge. Selbst der hat inzwischen gelernt, beim Essen Messer und Gabel zu benutzen.« Scharons Affinität zu kitschiger Kriegsliteratur erwähnte er taktvollerweise nicht.
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir jetzt gerne an Bord kommen und unseren Auftrag erfüllen. Ich verspreche Ihnen auch, dass wir keine Massaker an unschuldigen Zivilisten anrichten.«
»Na kommen Sie schon.« Die Schifferin gab den Weg frei.
Als ich das Deck erklomm, passierte etwas Merkwürdiges. Eine Kraft schien meine Bewegung zu hemmen, wollte mich zurück an den Steg ziehen. Ich bin kein abergläubischer Mensch. War es nie gewesen. Erst recht nicht nach Majas Tod. Doch für einen Augenblick richteten sich meine Nackenhaare auf und unter dem Hemd brach mir der Schweiß aus. Dann war der Moment vorbei, der Bann gebrochen. Ich redete mir ein, ich wäre nur mit einem Teil meiner Ausrüstung irgendwo hängen geblieben.
Eine zweiflügelige Tür führte vom Oberdeck in einen mit dunklem Holz getäfelten Salon. An den Wänden glänzten Messingbeschläge. Ein Kronleuchter hing von der Decke. Die Tische und Stühle wirkten in ihrer nüchternen Strenge fehl am Platz. Am Ende einer Treppe lag ein schmaler Gang, von dem rechts und links Türen abgingen.
»Wir haben sechs Gästekabinen«, hörte ich die Schifferin im Halbdunkel sagen. »In der Eignerkabine hab ich die Inspektorin einquartiert. Sie ist vor einer Stunde angekommen. Wir fahren los, sobald es hell ist.«
»Warum nicht gleich?«, fragte Milton. »Ist hell genug.«
»Die Schleuse öffnet um sechs«, erwiderte sie. »Krise hin oder her, Sie können die Leute nicht vierundzwanzig Stunden am Tag an ihren Arbeitsplatz anketten. Haben Sie sonst noch Vorschläge, wie ich meinen Job zu machen habe?«
Ich sah ihr nach, wie sie durch die Tür zum Crew-Bereich verschwand. Die Art, wie sie gerade auf die Dinge zusteuerte, erinnerte mich an Penny. Die beiden Frauen waren sich ähnlich; sie hätten Schwestern sein können.
Mein Quartier war königlich mit Toilette und Waschbecken ausgestattet. Ich knipste das Licht in der Badezelle an und probierte den Wasserhahn aus. Irgendwo brummte eine elektrische Pumpe. Das Wasser, das aus dem Hahn perlte, sah sauber aus, musste aber vermutlich vor dem Trinken entkeimt oder abgekocht werden. Dennoch ein unerwarteter Luxus. In der Julius-Leber-Kaserne waren wir aus großen Spezialtanks versorgt worden.
Ich knipste das Licht aus, kehrte in meine Kabine zurück und legte mich aufs Bett.
Ich erwachte, als die Maschine unter meinen Füßen zu brummen begann. Vor dem Bullauge war das violette Zwielicht der Morgendämmerung gewichen. Die Calypso legte ab, beschrieb einen engen Wendekreis und nahm langsam Fahrt auf.
Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging ich an Deck. Das Licht hatte einen unwirklichen Glanz wie auf uralten Fotografien in verblassten Sepia-Tönen. In der kupferfarbenen Dämmerung wirkten die dunklen Steinwaben weit weniger bedrohlich, als noch in der Nacht zuvor im brennenden Himmel. Wir fuhren unter Brücken durch, auf denen uns Menschen zuwinkten. Auf Bänken an der Uferpromenade saßen alte Männer und Frauen, die Knäufe ihrer Gehstöcke zwischen den Fingern drehend. Sie schwatzten und warteten – ich weiß nicht worauf.
Es war ein friedliches Bild. Ein ganz normaler Morgen im Hochsommer. Von der Katastrophe, die uns heimgesucht hatte – dem Blackout, dem Ausfall der Handy-Netze, dem Benzinmangel, den Hygiene-Problemen, der Furcht – war nichts zu bemerken. Eine warme Brise wehte. Es würde ein heißer Tag werden.
Eben waren wir noch an Speichern, Bürogebäuden und Wohnhäusern vorbeigefahren, nun lag Wald zu beiden Seiten des Flusses. Wir hatten die Stadt hinter uns gelassen. Über den Bäumen stieg die Sonne auf. Man konnte vergessen, dass es derselbe Stern war, der uns gerade so viel Ärger machte. Für einen Augenblick dachte ich nicht mehr an den Tod meiner Tochter, nicht an das Scheitern meiner Ehe, nicht an die Katastrophe und auch nicht an Herold und meinen Auftrag.
Ich hatte nur Augen für den langsam aufsteigenden dunkelroten Ball.
Ein Gedanke begann in mir zu keimen, eine absurde Hoffnung. Wenn so was Riesiges wie die menschliche Zivilisation sich wieder aus dem Niedergang erheben konnte, warum nicht auch ich? Bestand nicht das chinesische Schriftzeichen für Krise aus zwei Teilen, dem Zeichen für Gefahr und dem für Chance?
Ich starrte in den Sonnenaufgang, bis das Licht greller wurde und ich mich blinzelnd abwandte.
Pulsuz fraqment bitdi.