Kitabı oxu: «Das lange Echo»

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Elena Messner

DAS LANGE ECHO

Roman


warum

Sie wisperten schon wieder. Die Schatten in den Straßen, durch die er irrte, waren ein schwarz-graues Karussell, die Formen, die sie angenommen hatten, starrten immer wilder in ihn hinein. Eine Nacht mag dunkel sein, doch nicht dunkler als das, was der Milan Nemec in sich selbst vorfand. Man hätte meinen können, er sei ein schwermütiger Skeptiker geworden, wo er bislang ein besonnener Taktiker gewesen war. Wie sollte bloß alles, was er gesehen und gehört hatte, in seinen Kopf hineingehen? Sollte es wirklich der bloße Zufall sein, der die Geschichte lenkte? Der Zufall, das Chaos, sie waren ihm doch immer als gesetzlich vorgegebene Feinde aller Logik und Ordnung erschienen. Um ihn herum war kaum etwas zu vernehmen, nur vereinzelt eine Stimme, ein Kichern aus einem Innenhof, der Wind, und von irgendwoher, scheinbar, oder doch nicht?, fernes Flüstern.

Wieso glaubst du, die Schatten in diesen Gässchen seien Menschen, wo doch niemand da ist, nur du und die Luft, und in ihr das Wispern, das vielleicht doch nur dein lautloses Selbstgespräch ist? Da liegen dir plötzlich die Hände um den Hals, von dem du dir sicher bist, dass er bald durchgebissen sein wird. Du verfluchst es, in einem christlichen Land zu leben, in dem sie die Toten begraben, denn nur in diesen Ländern können die Begrabenen als Scheintote wiederauferstehen, während dort, wo man sie verbrennt, nur Geister und Schattenwesen existieren, existieren als Angst und als Vorstellung.

In dem christlichen Land, in dem er sein vorübergehendes Zuhause eingerichtet hatte und das seine Toten in der Erde bestattete, war es in den letzten Jahren oft zu einem Verbrennen, einem Auseinanderplatzen oder einem In-Luft-Auflösen von Menschen gekommen. Und daher musste man sich nun nicht nur vor den Aus-den-Gräbern-Gestiegenen fürchten, sondern man konnte auch vor keinem Schatten mehr sicher sein und vor keinem Licht, weil darin die Geister, die Echos festsaßen. Nein, das alles war keine bloße Nervenüberspannung, das konnte er nicht mehr glauben.

Von diesen Dingen hatte der Milan Nemec in den Kafanas in dieser Stadt die Menschen flüstern gehört, wenn sie sich sicher wähnten. Sie träumten von Geisterarmeen, die kommen würden, um sie zu befreien, wenn sie sich nur endlich aus den Schatten lösten. Sie träumten von Krankheitsdämonen, die sich in der neuen Verwaltung und der neuen Herrschaft einnisten würden. Und sie träumten von den Wiederkehrern, die im Schlaf einen jeden österreichisch-ungarischen Beamten einfach – zack, zack – in die Brust, warmes Blut und fertig. So träumte der Mensch, wenn ihm nichts mehr übrig blieb. Und zum Träumen hatte man in dieser unfreundlichen Gegend den Menschen viel Nahrung gegeben.

Als er eines Abends in einer dieser finsteren Kafanas saß, in ein dunkles Eck gedrückt, erzählte am Nebentisch eine alte Frau davon, dass Wiederkehrer immerhin Seelentiere seien, die jede beliebige Form annehmen könnten. Ungeheuer verkleinerte und ungeheuer vergrößerte Formen, sodass sie sich durch noch so kleine Ritze und Löcher in die Quartiere der Militärverwalter schleichen könnten, unsichtbar oder sichtbar, ganz wie es ihnen passte. Da wurde ihm ganz grau vor Augen, alles um ihn herum schien des Wahnsinns. Er stand auf, ging an den Menschen vorbei, die nicht wussten, dass er trotz seiner Uniform verstand, was sie redeten. Wie ein Falter, der sein Gleichgewicht suchte, weil man ihm mit einem Nagel ein paar Löcher in die Flügel geschlagen hatte, und dem seither die Luft durch die Löcher pfiff, schwirrte die Stimme der Frau ihm hinterher, bis er sie endlich in seinem Verwaltungsalltag vergrub. Aber nun war in einer finsteren, schlaflosen Nacht diese Stimme, oder ihr Echo, wiederauferstanden. Sie flatterte nah an seiner Nase, an seinem Ohr umher und war noch heiserer, noch unheimlicher als die echte, die er tatsächlich gehört hatte.

Kalt war diese durchwachte Nacht, die einem großen Skandal vorausging, von dem der Milan Nemec noch nichts ahnte, der jedoch so folgenschwer für ihn sein würde. Nachdem die wilden Schatten und Träume ihn in die Stadt vor seinem Fenster hinausgetrieben hatten, hing er schweigend und vor sich hinstapfend seinem Zorn nach. Zorn auf die Stadt, in der er leben musste [Belgrad], und auf die Stadt, aus der er vor einigen Jahren gekommen war [Wien], Zorn auf seine Umwelt, die schmutzige, gemeine, verräterische. Alles der gleiche Dreck, dort wie hier. Wozu war er eigentlich ausgezogen?

Es war ein halb blindes, taumelndes Rundenziehen durch die Gassen, an verbretterten Fenstern vorbei, weiter durch schlecht oder gar nicht gepflasterte Straßen und Gässchen, weiter über gerupfte Rasenstücke, immer noch weiter. Da, an einer kleinen Brandstätte kurz stehen geblieben, aus der noch Rauch aufstieg, beißender, eiskalter Rauch, der nichts von dem verstohlenen Feuer erahnen ließ, das hier vielleicht für kurze Zeit Wärme gespendet hatte. Ein Rauch, der nur Gestank verbreitete, den Blick vernebelte, im Hals kratzte. In den Rauchschwaden blieb allerlei zu erblicken, je länger er in sie hineinstarrte, aber bevor er sich an andere, größere Brandstätten, an tote Felder, Scheunen, Lehmhütten und kleine Dörfer in hellem Feuer erinnerte, war er schon daran vorbei, und vergib uns unsere Schuld, dein Reich und dein Wille, die Wiederauferstehung des Fleisches, das ewige Leben, und um die nächste Straßenecke gebogen.

Es trieb ihn in eine weitere Runde, höher, noch höher, ein paar Gässchen hinauf. Vielleicht zum Kalemegdan, vielleicht auch rechtzeitig abbiegend, um die beiden Flüsse nicht vor sich liegen zu haben, in denen er allerlei hatte verschwinden sehen, auch Menschen, die nur noch Haut, Venen und daraus hervortretendes Blut waren, zerquetschte Menschen, bläuliche, halbe und ganze. Er hatte die Vorstellung aufgegeben, dass in der hässlichen Stadt, die er zu besetzen und zu verwalten hatte, dass in dieser europäischen Welt, in der er leben musste, Logik und Anstand zu den Bürger- und Christenpflichten gehörten. Besonders nachts schien ihm die Idee, dass der Mensch auch moralisch leben könnte, geradezu verrückt.

Er betrachtete die ins Dunkel gedrückten weißen Leiber, die in den Straßen neben, hinter, vor ihm auftauchten und vor seinem erschöpften, aufgerissenen Auge zurückzuckten, als würden sie Scham kennen. Lüge! Ganz im Gegenteil strahlten diese Leiber trotz ihrer öffentlichen Entehrung so voller stolzer Lust, dass er bei jedem schweißperlenden Rücken, bei jedem nackten, weißen Bauch stehen bleiben musste vor Schreck, ja, sich mit immer weiter aufgerissenem Auge hier und da sogar eine Zeit lang nicht vom Platz rühren konnte.

Ein sündiger Mensch wäre bei diesem Anblick vor Scham vergangen. Doch er selbst hatte nur eine schmerzliche Ahnung, wie es wäre, in den öden Belgrader Nächten nicht seinen Besatzungs- und Verwaltungspflichten, sondern seinen Bürger-, nein, seinen Offiziersrechten nachzugehen. Auch wenn er selbst vor wenigen Tagen in eine Hütte spaziert war ohne anzuklopfen. Aber das schien ihm bereits wie ein böser Traum, entstanden aus übler Nachrede und Gerüchten, die ihn zu Fall bringen sollten. Das Geschrei oder das boshafte Geflüster und Gelächter, das von diesen Bäuchen, von diesen Schamhaaren, den im Mondlicht schimmernden Häuten, von den rosig-braunen Arschfalten und den Wirbelsäulen hungriger Körper zu ihm herüberschallte, nahm er nur als seltsame Deformierung einer Sprache wahr, die er nicht verstehen wollte.

Finstere Gesichter, weiße Leiber und Hände: Es sind mit Gewissheit Gespenster, Wiedergänger, dachte er, die ich da sehe, böse Kreaturen, die nachts nach frischem Fleisch jagen. Sie flüsterten, lachten, stießen ihn weg, wenn er in ihrem Anblick versank, verjagten ihn mit grellem Gelächter. Abgesehen davon taten sie ihm nichts, wie ihm auch die grinsend vorbeimarschierenden Uniformierten nichts taten.

Die nächtlichen Patrouillen machten ihm keine Angst. In der besetzten Stadt, in der noch immer für alle außer die Offiziere eine totale Ausgangssperre galt, obschon sich immer weniger Menschen an sie hielten, wie ihm schien, hatte man nachts ausschließlich Offizierspatrouillen aufgestellt. So sorgten bloß Offiziere für Ordnung unter Offizieren, man blieb unter sich, feierte ein großes letztes Fest. Der Befehl war klug: Konflikten vorbeugen und keine einfachen Streifenpolizisten einsetzen. Wo käme man da hin, wenn ein ins Dunkel gedrückter, schwitzender Offizier sich halb entblößt von einem rangniedrigeren Streifenpolizisten zurechtweisen lassen müsste.

Er lief an den Vergnügungssüchtigen vorbei, die sich den bleichen Gespenstern hingaben, ihnen ihre Hälse, Arme und Beine gegen die geröteten Münder drückten, gesellte sich nicht zu ihnen, beobachtete stumm. Um ihn herum die Nacht und alles andere, das ihm ganz ton- und sinnlos vorkam. In seinem Kopf, da flüsterten nur die Echos – Wispert ihr nur! –, dann endlich wurde er müde.

Es ging die Sonne über Belgrad auf, die schmutzigen Gässchen leerten sich rasch, Licht vertrieb das hungrige, räudige Pack. Vielleicht waren es doch nur Schatten gewesen, die in der Morgendämmerung vor der Sonne zurückwichen. Ein erschreckend weiter Himmel öffnete sich über ihm, die Stadt streckte sich ihm durch den weißen Nebel seiner müden Augen entgegen. Er konnte sie kaum noch ansehen, versuchte, ihrem Anblick, versuchte, den Stimmen, dem nachhallenden Gelächter mit halb geschlossenen Augen zu entkommen. Da stolperte ein Wahnsinniger, von all den Echos in ihm wirklich schon fast völlig wahnsinnig Gewordener, durch die Gässchen zu seinem Quartier. Zurück, zurück, solange du noch kannst! Erst kurz bevor er aufzustehen und sich für den neuen Tag anzuziehen hatte, wachte er, ohne sich erinnern zu können, wie er dorthin gekommen war, im breiten Lehnsessel in seinem Schlafzimmer auf. War das der versprochene Schlaf gewesen? Er war es und war es nicht.

Der Zufall, dass es an dem Tag, der dieser schrecklichen Nacht folgte, ausgerechnet seine Aufgabe war, Besuch aus Wien zu empfangen, nach vorgeschriebenem Protokoll durch die besetzte Stadt zu führen und danach gut zu unterhalten, dieser Zufall steht in starkem Widerspruch zu den Annahmen, dass große historische Ereignisse, etwa Kriege, aber auch private Karrieren, planbar seien, woran der arme Milan Nemec aber kraft seines Berufes glauben musste und unbedingt weiterhin glauben wollte. Wie sehr hatte er an die Planbarkeit, gewährleistet durch Ordnung und Moral, durch Strategie und Aufmarschplan, geglaubt, in seinem ersten Leben. Doch hier und heute, in diesem plötzlich angebrochenen zweiten Leben, da konnte er nicht einmal einen beliebigen Herbsttag ordnen, konnte sich der Unlogik allen Geschehens um ihn herum nicht entziehen.

Seine Gedanken wurden durch das Gespräch mit dem Besuch aus Wien nicht unbedingt klarer, dafür umso dringender. Er fand sich überrascht, übermüdet, überfordert, mit diesem Gesicht an einem gemeinsamen Tisch gefangen, über ein schimmerndes Gläschen gebeugt, aus dem es in goldgelben Sternenformationen funkelte, ein fratzenhaftes Gesicht ihm gegenüber, mit dem er nichts anzufangen wusste.

Dieses Gesicht aus Wien hatte er nach dem amtlichen Teil des Empfangens, Berichterstattens, Speisens durch die Stadt geführt, mit dem Plan, schließlich auf ein paar Schnäpse in eine Kafana im Zentrum der besetzten Stadt einzukehren, damit sich die Anspannung zwischen ihnen endlich löste. Die Sonne legte beim Spaziergang ein kaltes Licht auf ihre Wangen und ihre Umgebung. Ein nüchternes Licht, das die innere und äußere Verwahrlosung der Stadt noch verdeutlichte, weil es in demokratischer Manier den Straßenkot auf Fenstern, Türen und Pflaster ebenso hell und kalt beschien wie … hier, da: die einsam sich durch Kanäle oder an Häuserfassaden hervorkämpfenden Kletterrosen, was für ein hilflos wirkendes Giftgrün, und … dort, drüben: die vergilbten letzten Farne an den steilen Gässchen, ein noch hilfloser wirkendes Gelbbraun.

Mit roten Augen starrte er den Mann aus Wien an. Wer mochte wissen, welche Nächte der hinter sich hatte! Die Farben seiner Wangen und seiner Augen verrieten nichts darüber. Er war bleicher als bei seinem letzten Besuch im frühen Sommer, aber das musste nicht ausschließlich auf die politische Situation zurückgeführt werden [obwohl die schon bleich machen konnte, keine Frage]. Vier gerötete Augen, die einander aus weißen Gesichtern anstarrten: eine Warnung.

Das Gespräch nahm Wege, die das Protokoll nicht erlaubte. Es drehte sich um die Kriegssituation, um den deutschen Kaiser, die Verräter, die Verpflegungsengpässe. Dann sprach man über die Verbündeten, denen man misstraute, die Feinde, die man vernichten wollte, innere und äußere. Bald schon drehte sich alles um das große Schlamassel, den ersten Feldzug in diesem Weltkrieg, der nur ein mickriges Scharmützel hätte werden sollen und den man so kläglich verloren, bei dem man fast das Gesicht verloren hatte, dem dann all das gefolgt war, der Große Krieg und die Eiserne Zeit, und wohin jetzt und wie, um nicht nach dem Warum und Wozu zu fragen.

Entsetzen in den Worten des Gegenübers. Nachdem man im zweiten Feldzug vorläufig seine Ehre wiederhergestellt habe, dadurch wieder Herr der Lage, Herr dieser Stadt und neuer Ländereien sei, deute sich jetzt plötzlich an, dass der Kriegsausgang vielleicht doch kein erfreulicher, vielleicht sogar ein katastrophaler … War das alles noch in guter, alter Ordnung wiederherzustellen – die Ehre, der Sieg, das Reich? Das Bangen um die unsicher gewordenen Gewissheiten und um das ihm bislang zugesicherte Privileg, das war den immer zackiger werdenden Ausführungen seines Gegenübers deutlich anzumerken. Der Milan Nemec, bekannt für sein diplomatisches Schweigen, war mit zerstreutem Nicken beschäftigt, achtlosem Bejahen der Dummheiten, die der Besuch aus Wien vor ihm ausbreitete. Er ertappte sich immer öfter bei einem Kopfschütteln, wo ein Nicken besser, bei einem Hinhören, wo er nur weghören wollte.

Es scheint aus heutiger Sicht nachgerade unerklärlich, wie aus dem diplomatischen, schweigenden Milan Nemec innerhalb weniger Stunden ein Skandalmacher hatte werden können. Das Kopfschütteln, Nicken, das Murmeln – wie war es in den unglaublichen Disput übergegangen, der in die Geschichte der Okkupation Belgrads eingehen sollte?

Der Fall Milan Nemec sollte Jahrzehnte später, in einem neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, Anlass dazu geben, dass die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, jene Direktorin, die es geschafft hatte, die Besucherzahlen des Museums zu verdreifachen, und zwar nicht auf dem Wege der Eintrittspreisreduzierung, diese Direktorin also und eine zwanzig Jahre jüngere Militärhistorikerin, die sich mit ihrer militärhistorischen Dissertation über den Fall Milan Nemec als Balkanexpertin ausgewiesen hatte, sich fiebrig in einem wehrwissenschaftlichen Disput keilten.

Die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums – das ist ein Mensch, aber was für einer? – hatte bereits ihre zehn Karrieren und noch zehnmal mehr Erfolge hinter sich. Eine Frau der Ehrungen und Auszeichnungen. Das liest sich auf dem Papier fließend und kann in hundert Jahren nicht infrage gestellt werden: Vorstandsmitglied des Österreichischen Museumsbundes und der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, stellvertretende Vorsitzende des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport sowie Großoffizier des Verdienstordens des Großherzogtums Luxemburg. Dekoriert. Hat erhalten: das Große Silberne Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich, ein Jahrzehnt später das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich, außerdem das Großkreuz des Gregoriusordens, das Sportehrenzeichen ihrer Geburtsstadt und das Goldene Komturkreuz mit dem Stern des Ehrenzeichens für Verdienste um jenes Bundesland, in dem ihre Geburtsstadt lag. Zudem war sie Oberstleutnant des höheren militärfachlichen Dienstes im Österreichischen Bundesheer. Kein Mitglied bei angesehenen Verbindungen, weil diese – womit die Direktorin ganz einverstanden war – keine Frauen aufnahmen, dafür Mitglied bei einer Damenverbindung. Kunstmäzenin und private Sammlerin mittelalterlicher Schlachtengemälde. Freundin der Pferde. Erhalten hat sie auch wissenschaftliche Preise, dem Karriereverlauf entsprechend noch überschaubar. Darunter den deutschen Werner-Hahlweg-Preis für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften, vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Deutschland vergeben, im Namen eines schon toten Militärhistorikers, der, was die Öffentlichkeit erst letztes Jahr durch das Fernsehen erfahren hat, ein bisschen zu sehr ins Dritte Reich, in den Nationalsozialismus, sagen wir, verwickelt gewesen war. Weswegen dieser Preis nicht unbedingt etwas Vorzeigbares in ihrer Karriere darstellte. Bloß, zurückgeben tut man so etwas nicht, wenn man es erst einmal erhalten hat. Denn – Zeichen zu setzen, das ist eher was für Druckereien und nicht unbedingt für Direktorinnen.

Sie setzte ja außerdem ganz andere Zeichen, stattdessen, in ihrem Museum. Das war ja kein Spontanmuseum auf Abruf, sondern ein großes zu verwaltendes Erbmuseum. Sie setzte Zeichen, die der Unterhaltung und der Wirtschaft, aber auch der Traditionspflege dienten. Tausende Besucher konnte sie mit ihrem Spektakel »Montur und Pulverdampf« in das früher in den Sommermonaten oft leere Museum locken. Die freundliche Einladung an ihre österreichischen Mitbürger und Mitbürgerinnen, dem Alltag zu entfliehen, wenn schon nicht mit dem Pulverdampf, dann beim Anblick der Reitenden Artilleriedivision Nr. 2, die die Besucher und Besucherinnen im Juli und August mit dem zu Mittag ertönenden »K. u. k. Kanonendonner« immer wieder daran erinnerte, dass es in Wien noch Traditionsvereine gibt, falls es jemand vergessen haben sollte.

Pflichtbewusste Innovationsfähigkeit und kreativen Umsetzungsgeist, das hatte sie bewiesen, um das Museum, ein Zauberwerk aus glänzendem Staub in einer ehemaligen Kaserne, einladender zu machen. Da es um Ererbtes ging, sollte es zu modern dann doch nicht sein. Trotzdem verstand sie ihr Museum als ein zeitgemäßes, eines zum Angreifen, eines zum Zuschauen. Daher ein Sommerfestival wie »Montur und Pulverdampf« – Nutz’ doch die Gelegenheit! –, daher die Militärfahrzeuge in Bewegung, zum Anschauen, alles da, vor dir, zum Staunen, zum Glänzende-Augen-Kriegen. Komm mit auf die Zeitreise, auf das kleine Abenteuer, lass dich entführen, erlebe es hautnah, das Damals, in einem Frack des Kaisers, in voller Montur, auf einem Militärfahrzeug, ab in die Schlacht, im Kanonendonner, alles so schön, so schön ordentlich. Denn das, was nach dem Aufbruch in die Schlacht kam, musste man dann ja nicht mehr zeigen.

Für alle, die nicht persönlich vorbeikamen, machte das Museum schöne, farbige Bücher, da war alles drin: die Uniformen, die Waffen, die Fotos fescher Offiziere, für jeden Geschmack etwas. Die Direktorin: ein Leben im Staatsdienst. Dabei bekleidete die Wehrwissenschaftlerin, das war sie durch und durch, fast alle ihre Positionen als erste Frau – mit Charme, Esprit und Eleganz, wie es eine Wiener Illustrierte über die erfolgreiche weibliche Leitungskraft geschrieben hatte, sich der Sprache des Feindes bedienend.

Die ihr gegenübersitzende junge Kollegin wurde von ihr seit Jahren als Assistentin ausgebildet. Sie war ihr zur Seite gestanden, hatte sich nie böse über ihre jugendliche Aggression geäußert, sie freundlich, so war sie eben, wie die sprichwörtliche Schlange am Herzen herangezogen, sich ihre übervollen, dabei ganz leeren Floskeln angehört, ihr ein wenig Innenraum gegeben, in der Nähe des eigenen Büros, im Museum. Ein Innenraum, den sie nachts heimlich betreten hatte, um einen Büchervergleich anzustellen. Dabei war sie auf das ungehemmt vulgäre Moment dieser Person gestoßen.

Und nun das. Wenn solch ein Gespräch explodierte, da war der k. u. k. Kanonendonner der Reitenden Artilleriedivision Nr. 2. nichts dagegen. Beide suchten seit Stunden ihre weit auseinanderklaffenden Interpretationen der gemeinsam in einem Projekt erforschten Quellen zu verteidigen, indem die eine der anderen immer neue Nuancen aus dem Schlagabtausch zwischen dem Nemec und seinem Wiener Besucher verdeutlichte. Was einer inneren Logik folgend in einem Gespräch über die Frage von Sachzwängen endete. Zugegebenermaßen war der Schlagabtausch zwischen dem Nemec und seinem Besuch aus Wien nur in Auszügen aus den vorhandenen Akten und Dokumenten rekonstruierbar. Das machte die Interpretationsmöglichkeiten umso vielfältiger, die Analyse fantasiereicher, das Gespräch lebhafter und die Nacht so unglaublich lang.

Betonte die eine ständig, dass der Nemec bei Tatsachen geblieben war, hielt die andere alles, was er gesagt hatte, für Provokation, wofür sie seine Herkunft als Grund heranzog. Sah die eine die Aussagen des Nemec im Kontext eines Stammtischgeplänkels als eher irrelevant an, meinte die andere, gefährliche Agitation eines Slawen darin zu erkennen, die man früher hätte entdecken müssen, was eventuell den Kriegsverlauf geändert hätte. Was reichlich übertrieben war, bedachte man, dass es sich bei der Gegend, in der der Nemec stationiert gewesen war, nur um einen Kriegsnebenschauplatz gehandelt hatte, der ja, im Gesamtbild betrachtet, völlig irrelevant war für diesen Kriegsverlauf, den die Direktorin noch nachträglich gerne korrigiert hätte, und berücksichtigte man zudem, dass der Kriegsausgang zu diesem Zeitpunkt längst schon entschieden war. Die zwei Streitenden zogen jeweils unterschiedliche Aspekte aus dem Verwaltungsschriftgut zu Rate, zitierten im Gespräch aus den Akten des Armeeoberkommandos, des Kriegsministeriums, des Militärgouvernements. Und sie waren in ihrem Ringen um einen inhaltlichen Sieg im Gespräch bald auch richtig besoffen.

Die Meinungsverschiedenheiten fußten auf einer grundsätzlich unterschiedlichen Interpretation der Lage, in der sich der Nemec überhaupt befunden hatte. Während die eine der Meinung war, er sei Teil eines etablierten Systems totalisierter, repressiver Besatzungsherrschaft gewesen, hielt die andere mit dem Argument dagegen, dass diese damalige Besatzungsverwaltung in einem außerordentlichen Maße an Regeln und Normen gebunden blieb und dass es sich um eine der humansten Besatzungen der menschlichen Besatzungsgeschichte überhaupt gehandelt habe, von der die Belgrader und Belgraderinnen nur profitieren konnten. Solchen Ansichten konnte sich ihr Gegenüber wiederum nicht anschließen.

Jedenfalls – da waren sich beide einig – hatte sich der Nemec in einer zwiespältigen, verunsichernden Situation befunden, deshalb hatte er an jenem Abend so überreagiert und sich ungebührlich verhalten. Ja, sie waren sich einig, dass es diese zwiespältige, verunsichernde Situation gewesen war, die ihn durcheinandergebracht haben musste, den Offizier der österreichisch-ungarischen Armee, der mit dem vom k. u. k. Armeeoberkommando im Jahre 1916 errichteten Militärgeneralgouvernement in Belgrad stationiert worden war, mit der Aufgabe, die Unterstützung der Kriegsmaschinerie zwischen Front und Heimat aufrechtzuerhalten. Das bedeutete nämlich, dass er in einem Etappengebiet festsaß und nicht mehr in Kampfhandlungen eingesetzt wurde, wodurch ihm zu viel Zeit blieb, über seine Situation und die seines Reiches nachzudenken. Nicht ungefährlich. Zu berücksichtigen blieb außerdem, dass der Nemec seine Anwesenheit in Belgrad nur als demütigend empfinden konnte.

Denn was sonst als demütigend war es schließlich, dass er und sein militärisches Personal hier meist mit unmilitärischen Aufgaben beschäftigt waren. Auf Schlachten hoffend, waren sie in Belgrad in der k. u. k. Wetterstation gelandet, mussten nun als Lehrer des k. u. k. Internats-Realgymnasium oder im k. u. k. Versatz- und Versteigerungsamt arbeiten, oder, im schlimmsten Falle, sogar im k. u. k. Fiakerbetrieb. Ein gebildeter Mann von Welt konnte von Glück reden, wenn er für die Belgrader Nachrichten schreiben durfte, eine von Offizieren herausgegebene Zeitschrift, die offizielle Besatzungszeitung mit Amtsblattcharakter, in der auf Deutsch, Serbokroatisch und Ungarisch Befehle veröffentlicht wurden oder Benachrichtigungen von Todesstrafen. Bei dieser Arbeit konnte er sich zumindest damit trösten, dass er militärisch sinnvolle Propagandaarbeit machte. Dennoch – Schreibarbeit! Eine Demütigung für den militärisch ausgebildeten Mann. Da war das Wacheschieben schon fast ein ehrenvoller Akt, der am nächsten an die militärische Arbeit, die er auszuüben ausgezogen war, herangekommen wäre. Aber für so etwas durfte ja ein Offizier wie der Milan Nemec nicht mehr eingesetzt werden, dafür war er schon zu weit aufgestiegen, da gab es kein Zurück zum Wachpostendasein, dem glücklichen! Nein, er war zum Unterschreiben abkommandiert worden, eine ratternde Signiermaschine.

Die Verwaltungsarbeiten langweilten Milan Nemec entsetzlich. War er einst ein Führer von Kompanien gewesen, musste er sich nun mit Dingen herumschlagen wie der zentralen Übernahmestelle für Milch in Belgrad, in der die gesamte Milch gesammelt und ein einheitlicher Fettanteil festgelegt wurde. Oder er hatte Briefe an das Reservespital Brčko zu schreiben, das eine Meierei, Schweinezüchterei, einen Hühnerhof, eine Schlachtbank und 40.000 Quadratmeter Gemüsegarten in Eigenregie betrieb, Dinge, die auch er haben wollte, für sein militärisches Verwaltungspersonal, Dinge, die auch die zu verwaltende Zivilbevölkerung haben wollte, aber nicht bekam, weshalb mit Konflikten zu rechnen war, was sich wiederum in neuen Unterschriften für neue Vorschriften niederschlug. Schreibarbeit, Lesearbeit, verfluchte!

Das alles hast du mir angetan, Belgrad. Du üble Halbstadt, mit der ich nicht Freund werde, warum braucht es mich bloß hier?

wir

Der Offizier Milan Nemec war in der Stadt, um im Rücken der Front für Ruhe und Ordnung zu sorgen, um zu helfen, die Landesressourcen bestmöglich auszunutzen und um die Kommunikationslinien, die immer unüberschaubarer wurden, am Laufen, sei es auch am Irrlaufen, zu halten. Glücklich machte das einen Mann nicht. Seit Kinos und Schwimmbäder extra für Offiziere eingerichtet worden waren, war alles etwas leichter auszuhalten. Aber nein, glücklich, das konnte man nicht behaupten, dass er das war, der Nemec.

Warum er jedoch in diesem Ausmaß überreagierte an jenem Herbsttag, bleibt bis heute zu einem gewissen Grad unerklärlich. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass es der trommelnde Einsatz des Wortes Wir gewesen war, der ihn irritiert hatte, oder, noch wahrscheinlicher, das ebenso schlagende Wort Palatschinken, weil ihm sofort der Geruch von verbranntem Fett in die Nase stieg, wenn er dieses Schreckenswort hörte.

Wir, meinte dieser Besuch etwa, wir haben unsre militärische Niederlage ja bloß eing’steckt, weil wir den Frieden geprobt haben, in den letzten Jahrzehnten. Unsre Armee: ein depperter Lipizzaner, der nur für Paraden taugt, unsere Truppen, die man erst niederpeitschen muss, damit sie lernen, was Galopp ist. Das konnte ja wohl kein Erfolg werden, nicht wahr, wenn wir die Herrn Soldaten schlafend an die Front transportieren müssen, anstatt dass sie selbst dahinfinden, auf ihren zwei Beinen. Diese Soldaten, die wir erst von ihrem weißen Kaffee und ihrem Guglhupf entwöhnen mussten, bis sie kapiert haben, was das heißt, Krieg. Und als wir sie aus allen Teilen unseres Reiches zusammenmobilisieren mussten, von ihren Feldern holen, mitten aus der Ernte: Was wir ihnen da nicht alles mitgegeben haben auf die schöne Reise: neues Schuhwerk und sauberes G’wand, Brotsäcke, Tornister, Taschenlampen und Kompasse. Wie für eine Abenteuerexpedition, eine kleine Entdeckungsreise ausgerüstet haben wir sie, samt ihren Backhenderln und dem Paprikasch und den Palatschinken, lauter Herren, die vor dem Krieg nichts waren und nichts gehabt haben, und dann auf einmal, im Krieg, haben sie Zahnbürsterl im Sackerl. Wer weiß, ob die überhaupt schon jemals ein Zahnbürsterl in der Hand gehabt haben vor dem Krieg. Na, da haben sie sich dann ang’schaut, die Herren Soldaten, wie’s aus war mit den Henderln und den Palatschinken und dem Tabak und den Zahnbürsterln. Da war die Moral am Anfang noch hoch, bei der Truppe, aber die Moral, die ist gleich mit bergab, mit der Verpflegung. Weil als sie im Dreck gelandet sind und die Decke feucht und plötzlich, Überraschung, die Sackerln alle leer war’n im Krieg – aus mit den Palatschinken, mitten im Schlamm und im Graben –, da sind sie aufg’wacht, die Herrschaften. Natürlich hat er sie überrascht, der Krieg, der sie ihr Leben hat kosten können, der schon ihre Kameraden das Leben gekostet hat. Und dann, als sie das verstanden haben, unsere Soldaten, die vor dem Krieg nichts waren und nichts gehabt haben, und erst recht, nachdem sie zurückgejagt wurden vom Feind, nur zum Teil zurückgejagt, der andere Teil war im Graben geblieben, da war die Überraschung groß. [Hüsteln] Ja, zugegeben, auch unsre Überraschung war recht groß, so haben wir den nicht vorberechnet, den Feldzug. [Abermaliges Hüsteln] Aber dafür war dann die Vorbereitung für den zweiten Feldzug umso besser, und da war’s dann vorbei mit sauberen Sackerln voll mit Zahnbürsteln, darum geht’s. Ein Krieg ist keine Hochzeit, zu der man mit sauberen Zähnen hingeht. Dann aber haben wir den Feldzug, den zweiten, gewonnen, von dem wir nicht gedacht hätten, dass er nötig sein würde, bei diesem blöden Feind. Bloß, das kommt eben davon, wenn wir die Soldaten mit Würschteln und Palatschinken in so einen Feldzug schicken. Aber! Beim zweiten Ins-Feld-Ziehen, da war klar: Nichts ist’s mehr mit Palatschinken an der Front. [Schlag auf den Tisch, zufriedenes Zurücklehnen] So haben wir endlich unsre und die Ehre unsres Kaisers wiederhergestellt, und nur darauf kommt’s an, ob man das kann.

Der Milan Nemec war in seinen nicht sehr begeisterten Gedanken gefangen. Er murmelte unvorsichtigerweise vor sich hin, anstatt zu schweigen, wie er immer geschwiegen hatte, wenn es sein musste. Sein Murmeln blieb jedoch unverständlich für sein Gegenüber. Es waren ganz unwirkliche Gedanken, die ihn gefangen hielten, in etwa solche:

Ja, aber. Das ist ja ein seltsames Gesicht. Was schaut mich dieses nach Seife riechende Gesicht so an und schaut dabei so blöd aus? War das Gesicht da denn überhaupt an der Front? Hat es denn auch den Dreck nicht mehr aus den Stiefeln gekriegt? Welche Ehre? Ja, welche Ehre denn bitte wiederhergestellt? Gesiegt! hätten wir doch niemals! Ohne die Preußen und diese seltsamen Balkanpreußen dazu. Das kommt jetzt davon, diese Balkanpreußen teilen sich das ohnehin zu kleine Gebiet mit uns, das ganze östliche Land und das mazedonische daneben mussten wir abtreten an sie. Schaut denn so überhaupt ein echtes Gesicht aus oder ist es nur eine eingecremte, ölig glänzende Maske, die mich da so blöd anschaut? Ob der wohl glaubt, dass diese ganze Einseiferei und Eincremerei ihm einen himmlischen Wohlgeruch verpasst, der ihm dann, sollte er doch mal krepieren, was im Krieg ja schneller passieren kann, als man glaubt, die Unverweslichkeit garantiert? Deshalb das ganze verfluchte Fett und Öl in seinem Gesicht, während er von unseren großen Eroberungen spricht? Wo uns doch nur Belgrad bleibt, dieses Loch, das nur dazu da ist, den lausigen Rest der westlichen und südlichen Landesteile zu verwalten und Etappenaufgaben zu erledigen, die eine Demütigung sind für unsere Offiziere und Soldaten. Ja, welche Ehre denn bitte, bei so einem ganzen und großen Schlamassel? Du dummes Gesicht; da möchte ich bloß wegschauen, mich bloß wegdrehen von dir, bei so viel Seife und Creme und öligem Grinsen.

Hinter diesem unhörbaren Murmeln war ein noch ungehörigeres Denken zu erahnen, eines, das den Milan Nemec seit einigen Tagen nicht mehr verlassen wollte. Ein zweifelndes, verzweifeltes Denken, das mit dem Galgen zu tun hatte, an dem er vor wenigen Tagen vorbeispaziert war. Dabei war er schon an vielen Gehängten vorbeispaziert, nicht nur in Belgrad, auch in den nördlichen und nordwestlichen Sümpfen dieses Landes. Keine dieser Gestalten hatte einen Platz in seinen Erinnerungen beansprucht, keiner dieser Toten wollte ihm im Gedächtnis hängen bleiben. Das blieben nur kleine schwarze Fragezeichen, ganz unauffällige, die sich in den scheinbar endlosen Weideflächen wie überflüssige Vogelscheuchen ausmachten. In seinen seichten Erinnerungen an die Maisfelder und kleinen Dörfer, durch die er mit den Truppen gezogen war, waren diese Vogelscheuchen untergegangen, ganz wie die kleinen Dörfer selbst, die sich so tief in diese Maisfelder hineinduckten, als wollten sie sich vor den herannahenden Truppen verstecken. Da war wohl nach ihrem Abzug das eine oder andere struppige Dorf inmitten der wüsten, weiten Landschaft gewesen, im Dorf ein paar verkohlte Scheunen und Hütten, davor ein paar Bäume mit Gehängten, manchmal noch ein Feuer, ein Rauch, der aufstieg, durch die Baumkrone, und dann übers Land zog. Ein Land, das eine Zeit lang ganz bissig und verkohlt wirkte, bis sich all das legte, bis sie endlich vorbeigezogen waren und alles Gesehene in beißendem Nebel verschwand, wie nie da gewesen. Dinge, vor denen ihm grauste, als er sie sah und hörte, die er aber in nicht deutbare Traumbilder hatte zerrinnen lassen. Was sie niederbrannten, konnte wieder aufgebaut werden. Als es später um die Landesressourcen ging, die sie ausnutzen mussten, sah alles ganz anders aus, da trauerten sie um jedes tote Feld, das ihre Truppen hinterlassen hatten, das schon. Die Galgen und das Hängen in den Bäumen jedoch … nur kleine schwarze Fragezeichen in einer fremden Gegend, einer unfreundlichen. Nichts, woran tagsüber zu denken Zeit blieb, wenn man, wie der Milan Nemec, mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt war, nichts, woran in hundert Jahren zu denken Zeit bliebe.

Genauso undeutlich waren ihm die späteren Belgrader Galgen in Erinnerung, die so häufig seinen Weg versperrt hatten. Sehr verschwommen war zum Beispiel – in Grauschattierungen wie eine alte Fotografie – eine kleine Darstellung in seinem Kopf haften geblieben: ein Mann in der Mitte, an einem Strick, Schaulustige drumherum positioniert, ein Offizier verliest das Urteil, ein zweiter hält mehrere Schlingen in der Hand, daneben der Priester wie eine lustige Erscheinung in einer Komödie, hinter ihm der Henker, rechts zwei neugierige Sanitäter, schau, wie lustig, alle starren sie dich an, starren aber eigentlich den Fotografierenden an, der sich ihnen gegenüber aufgestellt hat und hinter dem du stehst, sodass alle scheinbar dich anvisieren, während sie für die Kamera posieren. Der da am Strick hängt, das merkst du beim Vorbeigehen, wird nicht wirklich hingerichtet, hier wird geprobt. Du verstehst: Diese Szene bietet sich dir nur dar, weil dringend neue Henker ausgebildet werden müssen. Man kam zu diesem Zeitpunkt, in dieser Anfangszeit der Besatzung, mit der großen Anzahl an Todesurteilen schon nicht mehr hinterher, und da musste die Militärverwaltung für den Henkersnachwuchs sorgen.

Aber kein Bild, keine Szene hatte sich auf solch eine Weise in seine Hirnritzen eingekratzt wie das Bild des Galgens im Herbstbelgrad 1918, der nur für ihn … oder doch nicht, wer weiß. Nicht weil es ein besonderer Galgen gewesen war, keineswegs, noch weniger wegen des jungen Mannes, der gehängt worden war, auch nicht wegen des Mütterchens, das sich da so klagend an die Füße des Gehängten klammerte. Sondern nur aufgrund des leise gejammerten Namens, den dieses Mütterchen dabei vor sich hinmurmelte: Milane! Milane! In unaufgeregter Monotonie murmelte es den Namen, der unglücklicherweise … ausgerechnet! … der seinige sein musste. Dieses murmelnde Jammern hatte sich bis in seine Schläfen vorgearbeitet, drückend, pochend, andauernd, das Echo dieser Stimme blähte ihn innerlich auf. Als nun der Mann vor ihm so überzeugend sprach, machte sich in seinem Kopf undeutlich die Vorstellung breit, dass es ein großes Wir gab, das er nicht mehr ganz fassen konnte, seit das Mütterchen am Galgen seinen Namen gejammert hatte, und dass es dann noch ein kleines Ich gab, das er zwar besser fassen konnte, an das er aber kraft seines Ranges und seiner Moral nicht glauben durfte. Es war eine ganz primitive Todesangst, die ihn stutzig gemacht hatte. Seit damals murmelte es in ihm immer mal wieder, ein auf das andere Mal, tage- und wochenlang, besonders wenn jemand das Wort Wir in den Mund nahm, leise, aber immerzu, es murmelte wiederholt seinen Namen, Milan, Milan, hör her, hör doch mal, hör zu, du!

Standhaft bis in den Tod, das war die Vorstellung, das war die Devise, die alles beherrschende militärische Idee, an der er immer festgehalten, die er anderen gepredigt hatte. Was war das für eine Idee? Heimlich hatte der Stratege in ihm bereits beim ersten Feldzug gegen das Land, das er nun besetzte, Überlegungen angestellt: über die unnötigen Personal- und Materialverluste, über taktische, also eigentlich gute Gründe, Gelände aufzugeben, die es immer wieder gegeben hatte, auf die er aber in Diskussionen nicht hinweisen durfte, denn da war sie eben, omnipräsent, diese Vorstellung, an der es festzuhalten galt: standhaft, ja, bis in den, seinen, unseren Tod, und dann? So dachte er bereits vor Jahren, nach Kriegsbeginn, manchmal, kurz, wirr. Jetzt, Jahre später, hatte sich dieses Fragezeichen rund um die Standhaftigkeit bis zum Tode zu einem Rufzeichen entwickelt, das ihn jedoch nur nachts quälte. Tagsüber verlor sich zumeist jede Spur davon.

Wie viele gerettet hätten werden können, wenn sie, ja, nicht standhaft bis in den Tod und so weiter hätten gehen müssen. Verstehst du denjenigen nicht, der seine Waffen niederlegen will, der nicht standhaft bleiben und weitergehen will, in den Tod, der ihm gewiss ist? Ähnlich hatten ihn im Feldzug – dem ersten – Zweifel ergriffen, manchmal [obwohl, ja, zugegeben: immer öfter, je länger der Feldzug dauerte], wenn er an seine Militärhandbücher dachte, an sein Exemplar von Zum Studium der Taktik, in dem der Franz Conrad von Hötzendorf die Grundgedanken der österreichisch-ungarischen Militärführung darlegte, die da waren: um jeden Preis Offensive und Angriff.

Dass diese Grundgedanken richtig und wichtig und vor allem in ihrer Wirkung unbestreitbar zielführend waren, zeigte sich ja schon daran, dass so ein Conrad sehr erfolgreich alles, was zu rebellieren, was sein Recht einzufordern wagte, niederzuwerfen vermochte. Wie schon sein Vater Jahrzehnte davor geholfen hatte, eine Revolution in Wien zu machtlosem Gepolter verkommen zu lassen, half auch er entschlossen mit, süddalmatinische Aufständische oder später italienische Hafenarbeiter niederzuschlagen. Er annektierte vorbildlich jenes Bosnien mit, von dem der Kaiser beschlossen hatte, es sich zu Regierungsjubiläum und Namenstag selbst zu schenken. All das in nur wenigen Jahrzehnten. Bei dieser Annexion forderte der Taktiker – daran erinnerte sich der Milan Nemec, ganz gut erinnerte er sich daran – mehrmals den Krieg gegen Serbien, im Zuge dessen er auch eine Eroberung, oder zumindest eine notwendige »Einengung« Montenegros mitvorschlug, wie auch die »Gewinnung« Albaniens und des westlichen Mazedoniens, all das mit dem Ziel, sich am Ende in Thessaloniki siegreich feiern zu lassen. Was der Milan Nemec davon zu halten hatte? Nun, auch wenn manche den Aktivismus eines Conrad von Hötzendorf, dessen taktische Schriften seine Kollegen und Schüler jahrzehntelang nach seinem Ableben begleiten würden, hinein in neue Reiche, die es zu verteidigen galt, auch wenn manche diesen Aktivismus als kadaveristischen Bellizismus und größenwahnsinnigen Imperialismus ansehen mochten, und auch wenn seine jahrzehntelang vorgetragenen Pläne, endlich das lästige Italien, bitte präventiv!, anzugreifen oder lästige slawische Ländereien im Süden endlich, auch präventiv!, zu annektieren, am Hofe doch mehrmals abgelehnt worden waren, weil das alles schließlich auch zu bezahlen war, hielt ihn das nicht davon ab, diese als patriotisch maskierten Forderungen immer wieder zu stellen, ein ums andere Mal, jahrzehntelang.

Dieser Conrad! So einer starb am Ende keineswegs zufällig an einem Gallenleiden und hatte naturgemäß ein Ehrengrab in Wien, bis ins Jahr 2012. Erst danach stuften sie es herab, das Grab, auf ein »historisches«. Aber die dutzenden Straßennamen, die Gebäudenamen, die Gedenktaferln, die ihm ihre eiserne Treue halten, die konnte man so schnell nicht herabstufen oder herunterstoßen, und was hieß das denn schon: Judenhasser? Was hieß das: Fremden- und Rassenhasser? Was hieß das: Kriegsfreund und Kriegstreiber? Was hieß das: Kriegsverbrecher? Gegen einen Conrad von Hötzendorf, gegen seine angriffsfreudige Entschlusskraft, seinen zielbewussten Tatendrang und seinen unbeugsamen Willen schien kein Einwand möglich, nicht in hundert Jahren schien da ein Einwand möglich.

Doch warum kam dann doch der Zweifel im Milan Nemec hoch, manchmal, wahrscheinlich unbegründet, ob der Angriff wirklich immer die beste Option war? Ob so ein Angriff wirklich eine Verteidigung … und wenn ja, ob eine gute, ob wirklich die beste … Oder doch nicht?

Der Nemec hatte, von auftauchenden Zweifeln an seiner Sache schon geschwächt, so ließe sich schlussfolgern, die größtmögliche Kränkung erlitten: von einem jammernden Mütterchen aus dem Feindesland an den blöden eigenen Tod erinnert zu werden, diesen lächerlichen eigenen Tod im trockenen Kehllaut einer müden Frau als Gewissheit zu erkennen, als seine fest vorgezeichnete Zukunft. Nun war aus diesem Erlebnis die leise Ahnung in ihm aufgetaucht, dass es ein dummes Ich gab, nämlich seines!, dem er, wenn er recht ehrlich war, inniger verbunden war als dem Wir, von dem in den Ausführungen des Besuches die Rede war, einem Wir, das ihm zunehmend ein wenig ins Abstrakte und Philosophische abgesunken war, ungreifbar und umso bedrohlicher.

Dazu trällerte ihm zu allem Überfluss ein Wind, der durch die Löcher in den zitternden Flügeln eines Falters pfiff, das Lied von jenem Wir, das zu besiegen er ausgezogen war und das er hier in dieser scheußlichen Stadt zu kontrollieren, zu verwalten hatte. Dabei hatte er bislang nie das Gefühl von Mitleid mit dem empfunden, was sich amtlich Zivilbevölkerung nannte, die er nicht wie einige seiner Kollegen als Abschaum, jedoch auch nicht als eine echte Menschenansammlung wahrnahm, sondern als bloßes Objekt seiner Etappenaufgaben. Nur militärische und verwaltungstechnische Überlegungen waren ihm wichtig erschienen, wenn er an diese Zivilbevölkerung dachte.

Auf jeden Fall, so schien ihm, musste diese vorsichtig behandelt werden. Es kam drauf an, je nachdem, ob sie nämlich nahe der Kampfzone oder im Landesinneren gelebt hatte. In der Kampfzone waren manchmal Zivilpersonen in besonderem Maße von Gewaltexzessen betroffen gewesen, das konnte nicht geleugnet werden. Gerade dieses dumme Belgrad hatten seine Truppen mehrmals einnehmen und wieder räumen müssen. Da passiert allerlei, beim Einnehmen, Räumen, Wiedereinnehmen. Daher war nur vorsichtig abzuschätzen, welche Vorerfahrungen die Zivilbevölkerung, deren Leben er hier mit seinen Beamten und Soldaten verwaltete, erlebt hatte. Je nachdem waren sie entweder eine kleinere, eine große oder gar keine Gefahrenquelle. Je nachdem, wie viele Menschen ihnen weggestorben, wie viele Beine oder Arme sie verloren, wie viel Prügel sie hatten einstecken müssen. Je nachdem, ob ihr Haus noch stand, ob es zerbombt oder niedergebrannt worden war. Das musste er an ihren Gesichtern und Körpern ablesen lernen.

Sein Umzug hierher hatte ihn anfangs in einen Schockzustand versetzt, in fast den gleichen Schockzustand, in dem auch die Stadt selbst sich befand. Da war alles die Demonstration einer totalen Zerstörung. Spürbar waren für ihn vor allem die Lebensmittelengpässe, an denen selbst sie, die Offiziere, zu Beginn litten. Spürbar war zudem eine Leere, die etwas unheimliche Veränderung in den Einwohnerlisten. Eine Stadt kann nicht nur von Gefangenen, Kranken, Alten, Kindern und Frauen verwaltet werden, das steht außer Frage. Da konnte diese Stadt nur froh sein, dass sich die neue Militärverwaltung um ihren geordneten Fortbestand kümmerte. Es war nur sinnvoll, dass – weil die frühere Regierung und Verwaltung zu bestehen aufgehört hatte, oder aus unterschiedlichen Gründen an der Ausübung ihrer Geschäfte gehindert wurde, dass also die österreichischen Militärs auch die zivilen Aufgaben übernehmen mussten. Wobei diese zivilen Aufgaben naturgemäß den militärischen Notwendigkeiten unterzuordnen waren, wie es in den Vorschriften vermerkt wurde.

Deshalb braucht es mich hier, ja, genau!

Er hatte diese Stadt, die zerstörte, mit Leben zu füllen. Hatte sich um Ämter und Straßen zu sorgen, um Zeitungen und Wohnungen. Um den Verkehr und die Kommunikationslinien. Um die Eisenbahnzüge, die laufend Kranke und Verletzte von der Front brachten oder Truppenteile an andere Kampfplätze verschoben, die bald sogar Urlauber nach Belgrad transportierten, etwa die Frauen und Kinder der Besatzer, der Beamten und Offiziere.

Während er mit dem Besuch durch die Straßen des verödeten Belgrads spazierte, schämte er sich für die Hässlichkeit der Stadt, als sei er allein dafür verantwortlich – nicht, weil er sie mitverursacht hatte [hatte er das?], nein, vielmehr, weil er diese Hässlichkeit nicht durch die Aufrechterhaltung der notwendigen Ordnung wieder beseitigt hatte, notfalls unter Einsatz von Zwang und Gewalt. Keine Mauer, die nicht beschädigt, keine Fassade, die nicht abgeblättert, keine Straße, die nicht voller Krater oder ganz aufgerissen, kaum ein Fenster, das nicht mit Holzbrettern verschlossen, kein Gras, das nicht niedergetreten war. Der Winter war hart, erklärte er an jeder Ecke seinem Besuch, der Winter 1917, das wissen Sie ja, anderswo war es ebenfalls nicht leicht, so auch hier nicht, und nicht einmal der Sommer war gemütlich.

Da blickte ihn alles abweisend an, in dieser Stadt: fremde Fenster, grauer Nebel, grau die Schatten an den Wänden. Dieser Nebel und diese Schatten schienen nur für ihn gemacht. Nach Jahren der Besatzung hatte er das Gefühl, dass Belgrad in Trauer war, verkohlt, mürrisch, kalt, innerlich wie äußerlich. Hier gab es keine spielenden Kinder mehr, keine gurrenden Tauben, keine freundlich weiß bemalten Eingänge, nur noch Schluchten zwischen schmalen Gassen, daneben Tore, die in finstere Innenhöfe führten. Die Stadt war zu still für jemanden, dessen Stimmen im Kopf so laut waren. Da regte sich immer wieder etwas, das ihm Angst machte, im Herbstnebel. Zugleich wirkten die Gässchen leer, die wenigen Menschen in ihnen stumpf. Eine schreckliche Öde, ein beständiger Hunger, die allgegenwärtige Angst, an den Ecken die Uniformierten, manchmal eine zerschlissene schwarz-gelbe Fahne, das zerschlagene Bild des deutschen Kaisers in einem Schaufenster, daneben, ebenfalls zerschlagen, mehrere Schnapsflaschen, darunter oder weiter weg ein hockender alter Mann mit einer noch nicht zerschlagenen Schnapsflasche an den Lippen, der dir die Hände entgegenstreckt, auf sein Holzbein deutet, murmelt, in einer Sprache, die du verstehst, und auch wieder nicht: Kalt ist mir, so kalt, am Ende verbrenn’ ich noch mein Holzbein, damit mir warm wird, geben Sie doch, geben Sie doch, Herr, ein paar Münzen, dann hab ich wenigstens meinen Branntwein, das einzige, was wärmt.

Besonders schämte sich der Milan Nemec seit Jahren für die Entwicklung auf manchen Belgrader Straßen, die die Besatzungsnachrichten als Gemüsegärten in der Stadt bezeichnet hatten, Gartenflecken, in denen die Soldaten Kohl und Erdäpfel anpflanzten. Auf Parkplätzen, Rasenstückchen, an Straßenrändern, überall wurden Holzzäune um einen solchen Gemüsegarten herumgezogen, und nun, im Herbst 1918, waren diese Holzzäune allesamt in kleinen Feuern geendet. Diese Gemüsegärten der Kompanien lagen brach, sie deuteten bereits die nächste, wahrscheinlich noch schlimmere Hungerzeit an [ging das noch – schlimmerer Hunger als der im Winter 1917?]. Es ekelte ihn vor Belgrad, dem zerstörten, schmutzigen, dem ganz und gar scheußlichen Belgrad, das zu grinsen schien: Ja, ich bin vielleicht bloß noch Schlamm und Dreck, aber ich stehe immer noch. Wie ein schlecht rasiertes Soldatenkinn erschien ihm die raue Oberfläche der Stadt. Und im schlecht rasierten Soldatenkinn kündigt sich schließlich der Untergang an.

Der Spaziergang hatte den Nemec und seinen Besuch in die Nähe des Kalemegdans geführt, bald standen sie auf einer Fläche, von der aus sie die Donau sehen konnten und die zugleich auch den Blick auf die Save erlaubte, wenn sie sich ein wenig drehten. Diese schmutzige Stadt, die nur als Verkehrsknotenpunkt Sinn machte, wie war sie an dieser glorreichen Kreuzung der Flüsse gelandet, als Stadt ohne jedes weitere Bedürfnis? Aus der Krankheit, Eiter, Dreck und Scheiße nicht wegzubekommen waren, die trotzdem weiterwucherte. Was wurde hier nicht alles stationär zwischengelagert in den letzten Jahren, den verfluchten: Fleischberge von Soldaten, die nicht mehr oder noch nicht wieder einsetzbar waren für die Ostfront. Hier standen türkische Unterstützungstruppen unter Quarantäne, ehe sie weitertransportiert wurden, überall die Verwundeten oder jene Heimaturlauber, die mit ansteckenden Geschlechtskrankheiten stationär untergebracht waren, faules und geiles Pack!, bevor sie als urlaubsfähig deklariert und weitertransportiert wurden.

Gab es etwas Schönes in dieser Stadt, dann nur jene Dinge, die du, der neue Verwalter, selbst mitgebracht hast. Ja, zum Beispiel die österreichischen Soldaten und Beamten. Na, vielleicht weniger die Soldaten, aber zumindest ihre Uniformen, die das Stadtbild aufwerteten, so ordentlich und so sauber. Schön waren die deutschsprachigen Schilder mit dem Kaiseradler, das gepflegte Kaiserbild in den Kanzleien, die hübschen Bilder des Chefs des Generalstabs, die in allen Bahnhöfen und Schulen hingen. Manch ein Beamter oder Offizier dachte, wenn er wie der Milan Nemec und sein Besuch am Kalemegdan vorbeispazierte, mit sanfter Rührung das Gleiche, nämlich, wie schön oben auf der Festung, von leichtem Wind entfaltet, die schwarz-gelbe Fahne wehte. Sehr schön waren auch die Militärmusikkapellen gewesen, mit ihrer flotten österreichischen und ungarischen Marschmusik, die durch die Straßen zogen, oder auch die Militärparaden und Empfänge, die man – zugegebenermaßen – nur gefeiert hatte, um zu Beginn der Besatzung die eigene Stärke und Präsenz zu demonstrieren und um jene Kräfte in der Stadt einzuschüchtern, die immer noch glauben mochten, Belgrad sei von Habsburg wieder befreibar.

Besonders schön fand der Milan Nemec, ein gemütlicher Gelegenheitsraucher, dass auf den Schachteln der monopolisierten Zündhölzer sein Doppeladler prangte. Wenn du da so ein Zündholz an die Lippen führst, das ist warm und weich, es leuchtet, es ist dein Sinn und dein Stolz. Auch wenn dieses Zündholz später abgebrannt im Müll landet: Immerhin, seinen Dienst hat es treu getan. Wie du. Immer und überall: Der Adler, der doppelte, der den Weg weist. Das Streichholz ist eine kleine Fackel, die du an deinen Mund führst, begleitet von des Kaisers Schwefelgeruch, langsam an den Mund führst, um den kurzen Moment der Ruhe, des Zurücklehnens erleben zu können, den kurzen Moment der einsamen Lust mit deinem rauen Tabak, nie alleingelassen von deinem Kaiser, nicht in hundert Jahren.

Wo war all das hin? Die Kapellen, die Märsche, die Paraden? Die Zündhölzer und der Tabak? Die Feste und die Backhenderln? Warum diese Trübheit, dieser Nebel vor seinem Auge, dem inneren und äußeren, warum das Gefühl, in der eigenen Uniform ersticken zu müssen, warum der ständige Griff an den Hals? Musste das alles denn so flott, wie es sich bei den Paraden und Märschen angehört hatte, wieder vorbeigehen? Hatte das noch Sinn und Ziel?

Obschon jedoch zu Beginn alles so herrlich erschienen war, obwohl die eigene Präsenz in wohlwollend aufgenommenen und wohltuenden Spazierereien und Märschen recht erfreulich gewesen war, obwohl man nach außen hin Zufriedenheit hatte demonstrieren können, wusste der Nemec, wie es im Inneren dieser Verwaltung ausgesehen hatte, wie es um das Drinnen in den Ämtern und Kanzleien bestellt gewesen war. Denn wirklich einig war sich hier niemand, gut geordnet und reibungslos lief es schon am Anfang nicht immer ab: Da schrien die einen, aus Wien, nach Annexion, und die anderen, aus Budapest, meldeten ihr Nein. Und er selbst saß fest, mitten im Schlamassel, nicht an der Front, wo er Schlachten schlagen, auch verlieren konnte, sondern er saß fest in den Kanzleien, zwischen den Verordnungen und Provokationen, den Vorschriften, Unterschriften, Streitgesprächen mit den Ungarn, den Deutschen oder den Bulgaren. Jedes Gespräch, das er führen musste, begann mit einem »Das kommt drauf an« und einem »Aber«. Inwendig ist alles viel maroder, als von außen betrachtet, denn einen Glanz hat man halt außen schneller erzeugt als innen.

Darin meinten die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums und ihre jüngere Kollegin die Gründe vorzufinden, die den Nemec in eine aus seiner Sicht wohl deprimierende Zwangslage gebracht hatten, die sich auf seine Psyche, so meinten sie, und daher auf seine Handlungen nur negativ hatte auswirken können.

Das große Problem, meinte die Direktorin, sei natürlich gewesen, dass innenpolitisch gesehen zwischen der österreichischen und der ungarischen Führung der Doppelmonarchie kein echtes Einverständnis darüber geherrscht hatte, was mit dem besiegten Land zu geschehen habe. Da dachte Ungarn, dass dieses Land ungarisches Interessengebiet sei und daher ungarisch dominiert zu sein habe. Dies folgte aus dieser ungarischen Sicht einer sehr klaren Logik [aber wir wissen schon, es ist nicht Logik, die die Welt und unser Handeln lenkt], denn keinesfalls sollte durch eine Annexion eine Ausweitung des slawischen Elements in der Donaumonarchie riskiert werden.

Dies stand, logischerweise!, im Widerspruch zu manchen Plänen in Wien, die in der Militärverwaltung für das eroberte Land eine Vorstufe zur Annexion im Sinne einer südslawischen Union unter kroatischer Führung sahen, was ja, wie doch alle wüssten, eine empfindliche Reduktion des ungarischen Teils der Doppelmonarchie bedeutet hätte und daher wiederum klarerweise im Interesse Österreichs gewesen sei.

Dass dieser Interessengegensatz im Streit kulminieren musste, war vorbestimmt, und dieser schon vorbestimmte Streit eskalierte rund um einzelne Personen oder um Dinge. Da konnte es schon vorkommen, dass Budapest einem österreichischen Offizier aus den kroatischen Gegenden vorwarf, er bevorzuge als Kroate den Feind. Schließlich traute man in Ungarn den kroatischen Menschen, würde man ihnen das eroberte Land in einer südslawischen Union zuschlagen, nicht genügend Widerstandskraft gegen südslawische Vereinigungsbestrebungen zu. Die würden doch – einmal vereint – noch störrischer eine Unabhängigkeit anstreben, nur wären sie dann mehr als bisher, was ja keinesfalls gut sein konnte und gut ausgehen konnte, in einem ohnehin von solchen Grundsatzproblemen geplagten Großreich. Es wurde daher recht kompliziert, ein gemeinsames Kriegsziel zu formulieren, auf Kongressen und bei Geheimtreffen.

Diese und ähnliche Konflikte sowie weitere Streitereien nahmen Zeit und Kraft in Anspruch. Das wiederum verhinderte zu Beginn der Besatzungszeit den Eintritt der totalen Ordnung, wie sie vorgesehen war, so entschuldigte die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums die merkwürdigen Kompromisse, die die Militärverwaltung seit ihrer Arbeitsaufnahme oftmals hatte machen müssen, und die sich in einer für die Besetzenden anstrengenden Situation niederschlugen, in einer zu lange andauernden Unordnung, die sich wiederum zwangsläufig auf die Psyche des Milan Nemec, so wiederholten und bestätigten beide, auswirken musste.

Gerade zu Beginn sei die tägliche Umsetzung militärischer Vorgaben für das Personal sehr schwer gewesen, führte die Direktorin aus. So brauche Ihre Kollegin sich beispielsweise doch bloß die Formulierung der Aufgabe anzuschauen, man habe den der Bevölkerung innewohnenden Starrsinn zu brechen, aber auch Vertrauen zu erwecken. Wie sollte da rasch Ordnung gemacht werden, wenn das Verwaltungspersonal laut Geschäftsordnung angehalten blieb, im Verkehr mit den Parteien strengste Objektivität und Unparteilichkeit zu wahren, das Personal jedoch zugleich schon über den Starrsinn dieser Parteien mitinformiert wurde, einen Starrsinn, den es, um hernach Vertrauen erwecken zu können, streng objektiv und unparteilich zu brechen galt.

Die strikt organisierte Militärverwaltung sei aber dennoch von Beginn an bemüht gewesen, es zu keinen eigenmächtig durchgeführten Justifizierungen mehr kommen zu lassen. Aus den Akten gehe doch deutlich hervor, dass die Kreisgerichte zwar des Öfteren Todesstrafen verhängten, viele doch bitte dann gar nicht vollstreckt wurden, da manche standrechtliche Verfahren mit der Niederlegung aufgrund mangelnder Beweise, Freisprüche und Begnadigungen durch den zuständigen Kreiskommandanten endeten. Was im Zuge der Feldzüge erlaubt gewesen war, das wurde, je länger die Besatzung dauerte, zunehmend unmöglich, darunter standrechtliche Erschießungen, Hängungen oder Prügel der Zivilbevölkerung. Dass diese Ordnung ihre Zeit brauchte, sei nicht die Schuld der Besatzungsmacht gewesen, die, wie die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums wiederholte, eine im Sinne des zivilisatorischen Fortschritts handelnde gewesen sei. Von diesem Standpunkt stelle sie sich nicht mehr weg. Es war ja im Grunde fast eine friedliche Situation gewesen, diese Okkupation.

Na, so was, murmelte die Jüngere, so was.

Es ging noch lange Zeit weiter, das Gespräch, ohne dass die beiden sich in vielen Punkten einigen konnten, außer in den unwesentlichen. Das Gespräch blieb ein wechselseitiges Predigen, Agitieren und Propagieren, für und wider und doch und weil und immer wieder ein »Das kommt darauf an« und ein »Gehn S’ bitte«, »Aber das werden Sie mir wohl nicht« und ein »Weshalb« und »Weshalb nicht«, ein »Zu betrachten wäre auch« und ein »Verdeutliche ich Ihnen gerne des Weiteren«, ein »Bitt’schön«, ein »Natürlich« oder ein »Natürlich nicht«.

Es ging hin und her, ohne große Freude an der Sache, jedoch mit umso größerer Freude am Bier, Freude an dem stumm mittrinkenden Dritten, der zwischen ihnen festsaß, hilflos mal an den Ärmel der einen, dann den der anderen stieß, fast als wollte er sich die Nase damit wischen. Die erhitzten Wangen der beiden Frauen blühten in gefährlichem Rot, sie blieben wortgewandt und neben dem jungen Kollegen festgenagelt, bis in alle schreckliche Ewigkeit, so schien es. Das sanfte, junge Gesicht des Kollegen ruhte in ihrer Mitte, blieb fast bewegungslos, auf jeden Fall reaktionslos, auch wenn die beiden Frauen, sobald sie das Wort an die jeweils andere abgaben oder abgeben mussten, sich ihm zuwandten, die Augen auf ihn richteten, sie mal verdrehten, mal zwinkernd zudrückten, um ein Lächeln bei ihm hervorzurufen, oder wenigstens ein Nicken, ein Kopfschütteln, im Wunsch, er möge endlich das von ihnen Gesagte bestätigen, sie selbst bestätigen.

So viel sie aber zwinkerten, Augen verdrehten, den Kopf neigten oder die Augenbrauen hochzogen, der junge Kollege blieb, mit ängstlichem Gesicht, unbewegt und wortlos.

uns

Bevor er mit Verwaltungsaufgaben betraut worden war, hatte der Milan Nemec an zwei Feldzügen teilgenommen, Aufmarschpläne umgesetzt, Truppen befehligt. Sein Leben erschien ihm in dieser Zeit wie ein andauernder Schockzustand. Das Gesehene, das Gehörte fiel aus dem ordentlichen Goldrahmen, den er sich für seine Tätigkeit zurechtgedacht hatte.

Dass Offiziere mal dem einen oder anderen Soldaten beim Habtachtstehen eine übers Maul hauten, das war in einer Kriegszeit im Grunde keinen Seitenblick wert. Der Nemec, eher Diplomat als Krieger, ließ sich aber manches Mal von solchen Bildern ablenken, wenn er seine Kollegen bei ihrem Armheben und Arm-in-einen-Menschen-Dreschen betrachtete. Da haute einer nicht mehr nur aufs Maul, sondern mit dem Gewehr oder dem Stock in die Rippen und auf den Rücken, auch das gehörte zur Grundausbildung des Studiums der Taktik. Wie viele sinnlose Befehle du gehört hast, aus deinem eigenen Mund, aus den Mündern zu vieler anderer – du weißt schon ziemlich genau, was das ist, so eine Willkür und so ein Privileg eines Offiziers, über die du Soldaten nachts schimpfen hörst.

Sie schreiben, dort zu Hause, dass es kein Einzelschicksal mehr gibt, keine Einzelgefühle, sie schreiben, dass nur noch das österreichische Herz schlägt. So schön beschreiben sie deine Welt, deine Schützengräben, dein Feld und dein Vorfeld, bei dem der Satan selbst mit seinen Heerscharen dagegen anrennen möge. Und doch, du schaust und vermagst nichts davon zu entdecken, von dem, was die in ihren Kämmerchen schreiben, von dem, was in ihren Berichten euch allen vorgeschrieben wird, der Taumel, der allgemeine. Vom Herzschlag für die Nation, dem in runden Sätzen ausgeschriebenen, von dem suchst du die Spur in deiner Mannschaft, die sich irgendwie verloren hat. Nun ja, wenn’s verordnet wird, beim Losmarschieren, da – ja, da wird herzgeschlagen und getaumelt, für den Kaiser, und gesungen, lauthals. Aber wenn’s nicht mehr verordnet werden kann, so in der Schlacht selbst, wo alles fliegt und braust, zischt und kracht, wenn das Große losgeht, das Allergrößte, nun, dann wird zwar ebenfalls getaumelt, und der Herzschlag bleibt genauso wild, nur von Freude gibt es keine Spur mehr. Da endet das Taumeln plötzlich in einem großen, gemeinsamen Fallen, und am Ende ist es mit dem Herzschlag dann auch vorbei.

Während in den Zeitungen zu Hause steht, wie froh die Soldaten alle und feierlich und begeistert in den Krieg ziehen, freiwillig freilich, da fragst du dich doch, woher bloß deine Truppe gekommen ist, die so gar nicht dazupassen möchte, zu diesen Freiwilligen, Fröhlichen, Feierlichen. Du denkst dir plötzlich, wenn die nicht freiwillig wollen würden, in den Krieg, könnten sie dann daheimbleiben? Wären sie nicht doch dazu gezwungen oder als Deserteure erschossen worden? Ob die Freiwilligkeit, die in der Presse gefeierte, wirklich immer eine echte oder doch eine eher notwendige war, so eine aus einem Sachzwang heraus? Hätte die kriegerische Strategie eines Conrad von Hötzendorf erlaubt, dass ein junger Soldat, der grad’ entdeckt hat, was sich alles machen lässt mit dem Leben, dass so einer einfach daheimbleibt und sagt: Bitte lieber später eine Verteidigung, wenn die angreifen, aber einen Angriff, nein danke, das möchte ich erst mal lieber nicht.

Der Milan Nemec – innerlich manchmal doch immer schon ein bisschen ein Skeptiker gewesen – war als diplomatisch bekannt, als schweigsam, besonnen. Die Galgen und die Rauchschwaden, die seine Truppen bei dem ersten Feldzug hinterlassen hatten, die hatten ihn nachdenklich machen können. Besonders beim hopp, hopp, Rückzug, der auf diesen ersten Feldzug gar nicht hätte folgen sollen, da eine Niederlage nicht Teil des Plans gewesen war.

Weil wenn du dich zurückziehen musst, dahin, wo du hergekommen bist, wenn du wieder auf dem Weg bist, den du eigentlich schon einmal gemacht hast, nur in die umgekehrte Richtung, da siehst du, ob du willst oder nicht, alles, was du hinter dir gelassen hat. Du siehst zum Beispiel die Notfriedhöfe, die ihr angelegt habt, um die Gefallenen zu verscharren. Einscharren, richtig tief und fest und dunkel eingraben, eins, zwei, drei, zu- und vergraben, das ist es, was wir tun sollten, tun müssten. Wir wollen die Leiche versenken, fest zubuddeln, ein Kreuz drauf stellen, eine echte Bestattung, eine feine Beisetzung, um unsre Ruh’ mit dem Toten zu haben. Aber ein Notfriedhof, das ist kein echter Friedhof, und das Verscharren der Leichen, das passiert da bloß notdürftig. Dieses Begraben bleibt eine ziemlich unwürdige Sache, recht hässlich, und beim Rückzug gehst du dann, erschöpft, besiegt, an all dem vorbei, siehst die Kadaver, halb unter und halb über der Erde oder schon gar nicht mehr begraben, nur übereinandergeworfen, und du siehst unsre und ihre, und du weißt: Unter den ihrigen, neben den Resten ihrer Truppenteile, liegen Zivilpersonen, und darunter Frauen und Kinder.

Die Echos, die auf solchen Friedhöfen eingesperrt bleiben, die kommen da nicht wieder weg, sie werden in den Morgenstunden besonders laut, bevor der Wind sie übertönt, sie pfeifen dir um die Ohren, wenn du vorbeiziehst. Manches Mal schaut dich ein totes Gesicht an, beim Vorbeiziehen, du weißt nicht wohin mit dir, wohin mit all dem, wozu eigentlich und ziehst weiter. Da bist du froh, wenn dich am nächsten Tag nur noch Stiefel und Beine aus dem Schlamm heraus anschauen, und der Rest liegt unter der Erde, wie es sein soll. Das Gehen, vorbei an dem, was du zurückgelassen hast, das ist keine Parade mehr, kein stolzer Marsch, es geht nicht vorüber und nicht vorbei, nie, es wird dir nur eine ewige Durchreise daraus, die nicht enden will, aber das kommt eben davon, denkst du manchmal.

Wenn die Leichen notdürftig verscharrt sind, ist die Gefahr des Wiederauferstehens gegeben, verbrennen wäre besser, doch dazu bleibt nicht immer Zeit. Einmal siehst du zwei kroatische Soldaten aus deiner Mannschaft, die um ein paar Gefallene herumlaufen, sie stopfen ihnen Lehm und Erde in die offenen Münder, werden barsch angebrüllt von einem Major: Wozu dieses Affentheater? Sie erklären ihm, dieses Land, Sie haben ja keine Ahnung, in diesem Land wandern ganz andere Wesen über die Felder und stehen aus den Gräbern auf. Ich hab es genau gesehen, seine beiden Augen sind so und so hervorgequollen, dem ist der Übergang missglückt, weint einer der beiden. Wir wollen doch nicht, dass das unseren Kameraden passiert, dass sich einer, der wiederaufgestanden ist, zu ihnen legt, in den Schlamm, und sie aufbläst, sie ganz aufgeblasen macht, bevor man noch mit einem Messer hineinstechen kann, damit sie zusammenfallen. Wo es doch keinen Knoblauch gibt, da muss eben Erde oder Lehm in den Mund, na, vielleicht könnte man einen Nagel in den Nabel, das soll auch helfen. Weil Bibeln und Kruzifixe haben wir ja keine hier, nicht mehr.

Da hat er gebrüllt, der Major, und geprügelt. Geekelt hat er sich vor dieser gesichtslosen, dummen Ausgeburt einer kranken oder korrupten Imagination, vor den Hirngespinsten der gemeinen slawischen Trotteln, der armen und ungebildeten Bauern von der Südostgrenze unsrer westlichen Zivilisation. Ausgetrieben hat er den Soldaten, zwei grobschlächtigen, nicht mehr ganz jungen Kerlen, den dummen Aberglauben, den fremdländischen, dieses so unerklärliche von Menschen selbstgesponnene Bedeutungsgewebe, das sich in ein Nichts auflöst, sobald die Vernunft ihm beizukommen versucht, in das der Mensch aber dennoch verstrickt bleibt. Aber nach der gut gedroschenen Aberglaubensaustreibung, da überantwortete der Major, nur zur Sicherheit, doch noch die Leichen dem Feuer, man weiß ja nie. Unerklärliche Epidemien hatten schon des Öfteren ganze Mannschaften ergriffen, während Ärzte danebengestanden waren, auch ließ sich in den Habsburger Militärberichten der letzten Jahrhunderte allerlei nachlesen, das halb suspekt oder gar ganz suspekt blieb. Und wilde Zeichen für das eine oder das andere, die sind an jedem Ort zu finden, an dem sich Menschen gegenseitig vernichtet haben.

Zum Glück stürzen viele der Gefallenen ohnehin in Erde und Schlamm, sie stürzen mit offenem Mund, die meisten, ihr letzter Schrei fällt in den Lehm, die Zunge erspürt noch die Erde, sodass meist keine Gefahr besteht, dass da ein Wiederkehrer kommen könnte und sie aufbläst für seine Zwecke. Die Stelle erkennst du ganz genau wieder, an der die gefallenen fünf Männer mit der Erde im Mund von ihren geprügelten Kameraden hingelegt, dann angezündet worden waren. Ein Feuer musst du anmachen und schüren, zünden muss das, richtig, rasch, rasch, du musst es an-, musst dich selbst mitentzünden, musst daran reiben, es legen, immer wieder zulegen, im Schwefelgeruch. Die Hölzer zischen, es breitet sich der Geruch des Kaisers aus, der Doppeladler auf den Zündholzschachteln brennt, du ziehst wieder weiter, aber den Geruch kriegst du nicht aus der Nase, die Stimmen nicht aus dem Hirn, das nur ein Gewächs ist und wuchert, manchmal aus einem Kopf herauswuchert, ganz unkontrolliert.

Du erkennst vielleicht einen Baum wieder, an den ein Offizier ein paar seiner Soldaten stellte und brüllte: Wenn du nicht dies und das, mich, am Arsch. Die Pistole an ihre Stirn, dann mit der Pistole zuschlagend, auf den Kopf, in den Magen. Sie hatten einem Höherstehenden gemeldet, die jungen Soldaten, gerade volljährig geworden, dass ihr Major einen verwundeten Gefangenen und einen weiteren und noch einen einfach herausgeholt hatte und mit der Pistole zuerst auf sie eingeschlagen und dann … obwohl sie ihm zuvor schon gemeldet hatten, dass diese Gefangenen nicht einmal einen Arzt … wenn schon, dann nur einen Priester. Diese Meldung kam nicht gut an. An diesen Baum hängten die zwei Soldaten mit ihren blau geschlagenen Augen später widerspruchslos jemanden, den sie nicht kannten, von dem sie wussten: Der hat nichts und niemandem etwas getan, aber, der kommt uns nicht davon, das kommt manchmal davon.

Von dem am Baum Hängenden bleibt kein Echo, weil der Baum später gefällt wird und sich alles, was von dem Echo übrig bleibt, in den Erdboden zurückziehen möchte. Daneben die Scheune, in die sie eingesperrt werden, ein paar Junge, ein paar Alte, und als die Scheune dann mit ihnen drin abbrennt – du weißt schon, was ein Feuer ist und wie es entzündet werden kann –, da werden am Ende alle Echos frei und verstecken sich wer weiß wo, in einer Donauseerose, einem Sonnenblumenkern, zwischen zwei weißen Steinen, um irgendwann viel später wieder, wenn überhaupt, hervorzukriechen, flüsternd.

Müde war der Milan Nemec, müde vom Feldzug, vom Rückzug, vom Augen-offen-halten-Müssen, jeden Tag, jede Nacht. Er war durchgezogen durch diese sumpfige, traurige Gegend, hatte in jedem Dorf, durch das sie kamen, zu seiner Truppe gesagt: Nichts anrühren!, und gewusst, es wird immer etwas angerührt, wenn nicht bei uns, von uns, dann von der nächsten Kompanie, die diesen Führer mit dem böse gezwirbelten Schnurrbart hat, der Schnurrbart, der immer so zittert, knirschend zittert, wenn er sagt: Der Befehl, das bin ich!, wenn er sagt: Ich und mein Befehl, daneben hat euch nichts zu gelten!, wenn er sagt: Hinknien! Das ist dann ein Grauen, das den Nemec nachts verfolgt, dieser zittrige, knirschende Schnurrbart.

Beim Zurückziehen, beim Zurückgejagt-Werden, das magst du leicht erraten, was da zu sehen blieb – genau. Die Spur, die du gezogen hast, die ihr alle gezogen habt, sie klafft wie eine schwarz-gelbe Wunde zwischen den Hügeln, Feldern, den Schatten der Bäume und Dörfer. Eingestürzte Häuser, Lehm, das Dach am Boden, wie du. Diese Echos – woher? Es liegt doch jetzt alles hinter dir, oder nicht?, wieso liegt es jetzt wieder vor dir?

Du erkennst die Gräben nicht mehr wieder, keine Stelle; diese hier … vielleicht nicht … dort, wo ihr zunächst nur kleinere Schützenlöcher gegraben habt – du weißt schon, was das Graben, das Buddeln ist, wozu es taugt und wie es aussieht; aus einem gegrabenen Loch wird später eine komplette Grabenanlage, denn ihr habt eine – nämlich unsere! – Linie zu halten. Doch es liegt alles so anders vor dir da, beim Rückzug, wie willst du da noch einen Graben wiedererkennen, in dem du gestanden oder gelegen, in dem du vielleicht anfangs ein fröhliches Liedchen gepfiffen hast. Später nicht mehr, da hast du nur noch auf den Soldaten vor dir geblickt, der die Munition, die nicht in seinen Patronentaschen lag, sondern in den Hosentaschen, mit seinen zwei Händen umklammert, eine Art Trost, während du ihm immer wieder befahlst zu schießen und er vor lauter Zittern und Klammern die Hände nicht aus den Hosentaschen ziehen konnte. Was ein Zittern und Klammern ist, weißt du auch schon. Es ist ein Bibbern und Klappern, ein großer Schauder, wie geschüttelt, ein reines Nerven- und Muskelproblem, das einen zappelig und wackelig macht, zum Umfallen bereit macht, sich rhythmisch wiederholend, zyklisch wiederkehrend, der treue Tremor, ein Wegbegleiter im Felde, dein Freund, manchmal als feines Zittern auftauchend, manchmal schon als grobes Ausschlagen deines Körpers, das deine Hände und Füße zu einem Glockenläuten macht, hoch ausschlagend, nach oben und unten und links und rechts, da hilft nichts, da hilft nur das Festklammern an der Munition in den Hosentaschen und das Schauen, ob das vorbeizieht und vorübergeht. Aber es zieht ja nicht vorüber, es zieht nur immer etwas Neues in dich ein, eine neue Fieberschwester mit einem neuen Namen. Die eine macht dich gelb, die andre taub, die dritte macht dir die Knochen glühend, die nächste wiederum die Glieder kalt, eine der ganz bösen, die nimmt dir den Atem, wieder eine andre zieht dir die Arm- und Beinadern zusammen oder verschließt sie dir, eine andere bricht dir die Knochen, ganz anders als die, die dich anschwellen lässt. Oder die schlimmste, die allerschlimmste, die lässt dich einfach nicht schlafen, nie wieder, und bringt dich so um den Verstand, schön langsam und quälend.

Du, Milan, den metallenen Blutgeschmack im Mund, die schwere Zunge, die diesen Geschmack auskostet in deiner Angst, in deiner Wut, manchmal, leise und ganz heimlich, hattest du den Traum, nachts, oder auch tagsüber im Graben, gegen deinen Willen nahezu, tief im Hirn verborgen, vom Frieden der Völker und einer großen Aussöhnung, aber geahnt hast du: Vergiss es … nicht in hundert Jahren, so eine Aussöhnung. Da fragst du dich plötzlich, ob du wirklich dermaßen schwarz-gelb bis in die Knochen bist. Es entwickelt sich in dir ein völlig neues Kreaturgefühl, du verstehst deine Abhängigkeit, die dir immer eine bewusst angenommene war, auf einmal völlig anders. Es scheint dir nämlich, dass du plötzlich in Abhängigkeit von vollkommen unbegreiflichen Übermächten stehst. Nicht mehr in Abhängigkeit von jener verstehbaren Macht deines Reiches, des Kaisers oder der ordnenden Struktur deiner Gesellschaft. Sondern, ganz und gar hilflos, hier, im Freien, neben den zehntausend anderen, bist du nur noch ein dem Zufall, dem Chaos und der völlig unlenkbaren Welt, die sie Krieg nennen, ausgesetztes Wesen. Hier und heute, wo in unhörbar lautem Lärm alles in Licht und Schatten verschwimmt, da lässt sich, was du als nicht infrage gestellte Macht über dir kanntest, die dich schützen sollte und die du schützen solltest, diese Macht lässt sich plötzlich mit anderen Augen, nämlich weit aufgerissenen, ansehen, und so wirkt diese alte Macht, die dir nun gar nicht mehr als beruhigende Gewohnheit vertraut ist, plötzlich unglaublich fremd auf dich. Das Licht, diese grelle Sonne über dem weiten Feld, auf dem du stehst, wo dich die halb eingegrabenen Beine und Arme anderer Kreaturen anstarren, in diesem unglaublichen Licht bist du ganz fremd geworden. Es zerbricht alles um dich herum in unzählige kleine Farbflecke, die du nicht mehr fassen kannst, die Welt zersplittert dir in tausend blendende Lichtstückchen. Du siehst alles und begreifst es nicht. Und weißt doch nur eines: In diese dem Zufall und dem täglichen Tod ausgesetzte Welt, die sie Krieg nennen, hat dich gerade dein Reich, das dich zu schützen versprochen hatte, entlassen. Ist es eine Erkenntnis, das, was du da hast? Wenn es eine ist, dann muss sie ganz rasch wieder in die Dunkelheit zurück, aus der sie ausgebrochen ist, weg mit dir, weg mit dir, das darf doch alles nicht wahr sein!

Du warst ja immer unpolitisch, kaisertreu und ordentlich, nie hast du dich etwas gefragt, wenn du Dinge gesehen hast, die störten, die andere verstört zurückließen. Nie hast du Sympathie für wirre Ideen gehabt, stolz warst du, als Slowene, in dieser Armee, als Offizier, hart erkämpft, schon von deinem Vater, der ja auch unter dem gleichen Kaiser, diesem ewig lebenden Kaiser diente, der dir später den Vater ersetzte, nachdem dein leiblicher Vater gestorben war. Besser unpolitisch bleiben, da warst du ganz sicher. Du wärst ja schön blöd, dich von den krausen Überlegungen mancher Landsmänner und Landsfrauen anstecken zu lassen, über das sogenannte Schicksal deines Volkes nachzudenken. Welches Volk denn bitte, was soll das mit dir zu tun haben und wie? Oder von den Parolen anderer, die von einem Mehr an Demokratie fantasierten … was für ein Firlefanz, diese Idee, dass ein Volk echte Macht haben könnte und regieren sollte, und dass alle gleich sein sollten in einem Land. Das war ein dummer Witz, den du dir manchmal hast erzählen lassen. Stolz warst du, ohne Unterschied der Race und der Religion, da warst du ganz sicher, ganz ohne Unterschied behandelt zu werden. Weil der Unterscheid zwischen dir und dem einfachen Soldaten, zwischen dir und dem hungrigen slowenischen Menschen in Ottakring, zwischen dir und dem böhmischen Wiener Mäderl, das ihr Kind in der Fabrik neben dem Ziegelofen zur Welt bringt, oder dem kroatischen Bauernsohn mit seinen zerfurchten, schwarzen Händen, zwischen dir und den in Schichten arbeitenden Bettgehern, den Bäckerinnen und den Briefträgern, den Wäscherinnen und den Druckern, mit ihrer von der »Wiener Krankheit« grau gefärbten Haut, die du nie zu Gesicht bekamst, zwischen dir und dem italienisch stammelnden Matrosen oder der grimmigen slowakischen Marktfrau, zwischen dir und dem griesgrämigen Wiener Trambahnfahrer mit seiner dir unverständlichen Hernalser Sprache, dieser Unterschied war ja viel größer als, zum Beispiel, der Unterschied zwischen dir und dem deutsch sprechenden Offizier, mit dem du auf Du warst, weil du ja mit allen Offizieren auf Du warst, weil ihr alle die letzten Ritter der Reiches … Wieso hättest du auch politisch sein sollen, es war alles schön geordnet in deinem Haushalt, du warst gut unterhalten in deinem Wien und sehr gut bewirtet, wie es sich für einen Offizier gehörte. Doch jetzt, auf einmal, wirst du etwa, was?, politisch? Panisch, würde der Conrad von Hötzendorf sagen, reine Panik, und da ist überall ein Zweifel.

Da ist dir der Offizier, der Gefangene erschießen lässt, der die Frauen in ihren bunten Trachten vor sich hertreibt mit seiner Pistole – wer weiß, wohin –, der ist dir plötzlich widerwärtiger als deine Soldaten, die vor dem Krieg nichts hatten und niemand waren, bei denen du aber doch irgendwie verstehst, wenn sie nach Hause wollen, zum Nichtssein und Nichtshaben zurück, und wenn sie zittern, weil du ja selbst auch! zitterst, bloß inwendig. Ja, weil du vielleicht, innerlich, weißt, nachdem du gesehen hast, wie selbst die Offiziere reihenweise nachbesetzt werden, weil alle gefallen sind, weil du gesehen hast, wie der Nachschub immer so spät einsickert, langsam, in deine Mannschaften, wie weitere Soldaten nachkommen und weiter nachkommen müssen, weil da alle, der Reihe nach, umfallen in den Schlamm. Weil du weißt, wirklich und endgültig, dass dein Leben und das deiner Mannschaft keinen Scheißdreck wert ist. Sind ja andere auch nicht zurückgekommen, und hat das jemandem was ausgemacht? Wem denn, bitteschön? Ahnst du nicht, wie das weitergeht, wenn du dich umsiehst, gestern, heute, morgen: die Tauglichkeitskriterien, die gesenkt werden, die Landsturmpflicht, die ausgedehnt wird? Das ist ein bloßes Zahlenspiel, eines, das du nicht durchschaust, oder du durchschaust es wohl, aber es gruselt dich so sehr, wenn du da hindurchschaust, wenn du durch diese Zahlen und die damit Spielenden hindurchschaust, es graut dir, sodass du es sein lässt, das Hindurchschauen. Würdest du noch weiter mit den Krankenzahlen und den Gefangenenzahlen und den Gefallenenzahlen jonglieren, dann würdest du schon sehen, dass es irgendwie unheimlich ist, dieses Herumrechnen, komisch und unheimlich. Also tust du es nicht. Das Jonglieren überlässt du den Clowns in Wien, mit ihren angemalten, geölten Gesichtern. Du merkst nur, merkst dir gut, wie viele in den Schlamm gefallen sind. Auch das muss man, kann man, in die Nacht schieben, in einem Traum auflösen, diese Zweifel und Ängste, denn es geht um ein Weitergehen, Vorbeigehen, um ein Vorwärts, nur jetzt in die andere Richtung.

Du gehst noch immer, auf deinen Beinen, gehst vorüber. An den Orten vorbei, wo … Rade aus Likodra, 60, Bauer, beraubt, von zwei Männern ins Feld geführt und mit dem Bajonett … einer in die Brust, der andere durchs Ohr. Ljubomir, 45, Bauer, aus seinem Haus geholt, auf der Straße erschossen. Miloš, 55, noch so ein dummer Bauer, im eigenen Haus ermordet, ins Feuer geworfen, das später sein Haus verschwinden lässt. In diesem oder jenem Ort sind alle Kinder und Frauen aus den Lehmhütten geflohen, als deine Truppen kamen, nur zwei Invalidinnen blieben im Ort; daran erinnerst du dich nicht, das wurde dir nur erzählt, du warst nicht dabei. Man kam in ihre Häuser, sie dachten, ihr Alter sei ein heiliger Schutz, gedankenlos wie sie waren, eine fand man in ihrem Bett, die andere hinter der Tür, man hatte ihnen die Brüste abgeschnitten, die Brüste wurden nicht gefunden. Beim Waschen der Leichen ließ sich feststellen, dass es vor dem Töten zu anderen Formen der Gewalt als nur dem Zustechen gekommen war, die eine 66, die andere 80. Aber das wurde dir nur erzählt, und du musst nicht alles, was man dir erzählt, auch immer glauben.

Denn wenn du es glauben würdest, da müsstest du dich doch fragen: Hat das alles noch etwas mit Taktik zu tun und wie ist das mit dem Aufrechterhalten der Truppenmoral? In den Bäumen hängt nie nur eine oder einer, immer mehrere. Es schlingt sich um einen Hals, es bricht ein Genick, nur deines nicht, noch nicht. Man hängt den Feind nicht während der Kampfhandlungen, das hätte das Studium der Taktik verboten, es behindert den siegreichen Weiterkampf. Hängen, das passiert mit Gefangenen und Geiseln, passiert in Ruhe und überlegt. So ein Hängen, das bedeutet anbringen, irgendwo festmachen, vielleicht auch einhaken, gut verhaken, manchmal rasch aufziehen und fallenlassen oder auch hochziehen – da schwebt sie dann, sichtbar, nachdem sie zunächst noch gezappelt hat, jetzt schon ganz ruhig, die Scheuche, die zu einem Pendel werden kann und ein- und ausschlägt zum Zeichen eines noch größeren Unheils oder eines noch größeren Sieges. Nein, das geht sich nicht aus, das Drumherum zu einem Hängen, während du in einer Schlacht steckst und kämpfst, das geht sich nur aus, wenn du die Zeit hast dazu, und den Willen.

Du erinnerst dich, wie du zum ersten Mal hörtest, sie wollten drei alte Bauern hängen. Hin wolltest du plötzlich, verhindern, das muss sich doch verhindern lassen, dachtest du damals noch, wolltest die Befehlshaber fragen: Haben Sie denn dazu die Erlaubnis? Aber dann wurde schon ein Gegenangriff gemeldet, und woher kam diese Erleichterung über den Gegenangriff, der alles vereitelte, zuallererst deinen Verhinderungsversuch vereitelte, von dem du zu fürchten hattest, dass er misslingen könnte, dass du mit deinem Nicht-verhindern-Können von heute an der Zuarbeiter eines Henkers wärst, ein Erfüllungsgehilfe. Was für ein Glück, so denkst du, der Gegenangriff vereitelt ja auch die Hängungen. Ach, wie froh du da warst über die anbrechende Schlacht. Der Gegenangriff war hart, aber er war auch wie ein Trost, ein Kampf, in dem zwei Seiten aufeinander losgehen, nicht bloß du, die deinen, gegen diese da, die nicht bewaffnet … Das geht so weiter, abseits der Schlachten, in den ruhigeren Stunden vor dem nächsten Aufmarsch: Jovan, 80, getötet und gefunden mit seinem Geschlecht im Mund. Der immer kranke Sima, 72, im eigenen Haus verbrannt. Frauen, die nach Abzug der Truppen zuerst noch lautstark über die ihnen angetane Gewalt fluchten im Dorf und später nur den Kopf schüttelten, wenn einer danach fragte; mit Schande geht man nicht hausieren. Da werden Menschen geprügelt, zu Krüppeln, all das hast du entweder gesehen oder gehört und dachtest oft: Aha, die haben zu viel Zeit übrig, diese Dummköpfe. Das war die und die Kompanie, der und der Major oder der und der Offizier, dort zum Beispiel waren es ungarische Truppen, nicht wir, denkst du, sicher nicht wir, und weiter geht es, denn etwas anderes würdest du ohnehin nicht glauben können. Was war aber mit dem göttlichen und kaiserlichen Auftrag, mit dem du ausgerückt warst?

Du weißt genau, was sie später schreiben werden über deinen Feldzug, deine Schlachten, schriftlich festlegen in den Erinnerungen und Berichten, du weißt, dass du deinen Krieg darin nicht so wiederfinden wirst, wie du ihn gesehen hast. Es wird von Stolz und Ehre und Opfermut die Rede sein, du wirst mit deinen finsteren Erinnerungen alleine bleiben, mit den wirren Echos von Männern, mit den Schmerzen, dem Stöhnen, dem der deinigen und der ihrigen: Warum kann ich nicht sterben, was habe ich getan, dass ich so leiden muss, keinem Menschen hab ich was getan, warum gerade ich, das kommt davon, meine Gedanken waren wohl schlecht. So ein Stöhnen, es ist ein Jammer, das anhören zu müssen. Da kommen dir die Tränen, da lernst du erst recht das Furchtbare des Krieges kennen, das du nicht vergessen kannst, das dir aber nur zu einem stillen Echo in der Nacht verschwimmt.

Ja, deine private Auswertung des Krieges – das war da schon klar, war jedem klar –, die wird später nicht gehört und gesehen werden, weil sie ja nur sehr bedingt nützlich sein wird für den Staat, vielmehr häufiger gegen ihn arbeiten könnte, ja, weil sie – eben – eine private und nicht eine öffentliche Auswertung sein wird, eine nur in dir drinnen, die bloß aus Echos bestehen wird. Es wird sich immer einer finden, der sagt: Schön war’s doch, weißt du noch, damals!

Irgendwie ahnst du, dass auch du, wenn du nur deinen Feldzug gewonnen hättest, diesen ersten in diesem Krieg, und wenn jetzt eine Parade organisiert worden wäre, dass du dann ebenfalls denken würdest, na, das ist einmal ein Volkserlebnis und ein Erfolgserlebnis, das ist einmal ein Kollektivgefühl und eine Begeisterung. Dass dir dann nur innendrin vielleicht ein Echo pfeifen würde, lieber nie wieder, so schön’s auch gewesen sein mag, nur bitte nie wieder.

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