Kitabı oxu: «In die Weite leben»
ELENA SCHULTE

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22981-3 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26959-8 (lieferbare Buchausgabe)
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Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (gnb)
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Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (lut)
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft,
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.
Alle Rechte vorbehalten. (ngü)
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus
in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen (elb)
Lektorat: Mirja Wagner, www.lektorat-punktlandung.de
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
Titelbild: © Natalya Letunova (unsplash)
Autorenbild: © René Schulte
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Für meinen Ehemann René.
Mit dir ist kämpfen so wertvoll, feiern so fantastisch,
leben so einzigartig.
Danke für dich.
INHALT
Über die Autorin
Vorbemerkung
Prolog
Teil 1 | Sehnsuchtsland
(Fast) wie im Paradies
Und dann ist alles anders
Chaos trotz Sehnsucht nach Ruhe und Frieden
Zurück an den Anfang
Und weiter geht‘s mit dem Chaos
Gott oder ich – wer ist hier eigentlich der Chef?
Teil 2 | Kampfland
Der Teufel trägt Prada
Wenn Armageddon aussieht wie Bullerbü
Was Abraham, tote Schlangen und uns verbindet
Wecke den Tiger in dir
Lieber lassen und endlich tun
Mit Gott unter einem Schirm
Zusammen ist man weniger allein
Raus aus dem »Wenn erst«-Modus
Intermezzo
Teil 3 | Abenteuerland
Von vergangenen Kämpfe(r)n lernen
Gut sortiert mit Überblick
Sei still, Krieger
Die Seele ins Fitnessstudio schicken
Komm, wir feiern das Leben!
Epilog
Anmerkungen
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ÜBER DIE AUTORIN

Elena Schulte (Jg. 1982) lebt mit ihrer Familie im südlichen Rheinland. Sie ist beim Missions- und Bildungswerk »Neues Leben e.V.« angestellt und arbeitet als Speakerin und Autorin. Ihr Herz brennt dafür, Frauen herauszufordern, mitten in ihrem Leben Jesus zu begegnen und mutig ihren Platz in seiner Geschichte mit dieser Welt einzunehmen. Dafür nutzt sie ihre Liebe zur Kreativität, zur Schönheit und zum Umgang mit Worten.
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VORBEMERKUNG
Die Idee für dieses Buch fiel mir im Herbst 2018 ins Herz. Geschrieben habe ich es dann im Laufe des Jahres 2019. Damals gab es noch keinen Gedanken an Corona.
Natürlich weiß ich nicht genau, welches Datum heute ist, heute, wo du nun dieses Buch in den Händen hältst. Was ich aber weiß, ist: Du und ich und die ganze Welt, wir haben Corona erlebt, stecken immer noch mittendrin oder haben es hinter uns gelassen. Dieses Buch ist kein spezielles Corona-Buch – wie sollte es auch: Es wurde ja davor geschrieben. Aber das, was Gott schon vor über zwei Jahren an Themen in mir vorbereitet hat, das passt in unser Während-oder-Nach-Corona-Leben so unerwartet gut, dass ich nur staunen kann. Wundere dich also nicht, wenn sich dieses Buch um die Kämpfe unseres Lebens dreht und dennoch an keiner Stelle explizit auf Corona eingeht.
Gott ist derselbe – gestern, heute und morgen. Und er hält immer weites Land für uns bereit, ganz unabhängig von den Umständen.
Elena Schule,
im November 2020
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PROLOG
Ich habe das große Privileg, auf dem Land zu wohnen. Zugegeben – wenn man die neuesten Trends shoppen möchte, muss man das online machen, und auch angesagte Locations sind eher spärlich gesät. Aber wenn es zum Beispiel um unvergleichliche und atemberaubende Sonnenaufgänge geht, möchte ich meinen Wohnort gegen kein noch so hippes Großstadtapartment eintauschen. Unser Wohnzimmer hat eine große Fensterfront, die gen Südosten ausgerichtet ist, und gleich hinter unserem Haus beginnt nahezu unberührte Natur!
Wenn am frühen Morgen die Sonne aufgeht, bietet sich uns bei klarem Himmel fast immer ein wunderschönes Bild: Der Horizont leuchtet in einer sich ständig wandelnden Mischung aus Feuerrot und Orange über Violett bis hin zu Zartrosé – Farben, die nur die Natur selbst zu malen vermag. Die Felder, die sich hinter unserem Haus erstrecken, sind noch vom Tau der Nacht bedeckt und das angrenzende Tal sieht aus, als hätte jemand eine riesengroße Kanne schneeweißen Nebels darin entleert. Auch wenn das jetzt wie die Szene eines zu kitschigen Heimatfilmes klingt, so ist es doch nicht selten, dass ein Hase durch dieses Bild unberührter Schönheit hoppelt oder ein Reh mit seinen Kitzen kurz zum Äsen anhält. (Okay, die Rehe haben auch schon einen Abstecher in unseren Garten gemacht und die frischen Rosenknospen abgefressen – aber das tut an dieser Stelle eigentlich nichts zur Sache.)
Da ich ein Morgenmensch bin, stehe ich gerne früh auf, setze mich in unser noch dunkles Wohnzimmer, beobachte dieses Naturschauspiel und genieße den Frieden und die Reinheit des neuen Tages. Und nahezu jedes Mal wünsche ich mir, dass ich solche Momente konservieren könnte, um sie bei Bedarf mitten im lauten, vollen und herausfordernden Alltag einfach hervorzuholen und mich in sie hineinzuflüchten. Mehr noch: Ich wünsche mir, dass ich meinen lauten, vollen und herausfordernden Alltag eintauschen könnte gegen diese Stille, diese Schönheit und diese einladende Weite. Da wäre Raum zum Gestalten, Raum für weise Gedanken, Raum für tiefe Begegnungen, Raum für bedeutungsvolles Nichtstun, Raum für zielgerichtetes Handeln, Raum für Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Glück und Wesentliches.
Ein Lebensland, das vor Möglichkeiten nur so strotzt.
Aber machen wir uns nichts vor: Das wahre Leben hat meist wenig zu tun mit Unberührtheit, Idylle und sonnendurchflutetem Frieden. Diese Erkenntnis holt mich immer spätestens dann wieder ein, wenn nur wenige Sekunden später entweder ein forderndes »Maaaaaaama, ich bin waaaaaaaach« von unserer Jüngsten kratzig durch das Babyfon schallt oder in der oberen Etage eine Tür knallt, weil sich mein Sohn und meine Tochter – noch sehr unfertig für den Tag – im Bad begegnet sind und sich erst mal ordentlich angeblafft haben. Die meisten Tage unseres Lebens gleichen eher einer Krisengebietsreportage als einem Heimatfilm.
Und noch während ich diese Worte schreibe, ahne ich bereits, dass vermutlich noch so mancher Kampf vor mir liegen wird, bis ich den letzten Buchstaben dieses Buches getippt haben werde. Alleine in den letzten fünf Minuten habe ich mehr Zeilen wieder gelöscht als hinzugefügt, weil sich meine Gedanken heute nur schwer sortieren lassen und ich auch schon wieder mindestens vier Mal unterbrochen wurde. Dabei freue ich mich so auf jeden Gedanken, den ich hier festhalten werde, auf die Reise, die sich beim Schreiben von Zeit zu Zeit wie von selbst entwickeln wird, und auf das fertige Buch, das am Ende hoffentlich vielen Leserinnen und Lesern ein segensreicher Wegbegleiter auf einem Abschnitt ihres Lebens werden wird. Ich freue mich, es kribbelt in meinen Fingern, das Gestalten und Erschaffen lockt mich – und doch weiß ich jetzt schon, dass es nicht immer leicht sein wird und ich bestimmt zwischendurch sogar das ganze Projekt abbrechen möchte – wieder dicht gefolgt von neuem Mut und neuer Vorfreude auf das, weswegen ich einmal angefangen habe.
Hand aufs Herz: Lässt sich darin nicht ein grundsätzliches Muster für unser Leben erkennen? Etwas liegt vor uns wie ein Stück friedliches, unberührtes und einladendes Land. Dieses »Etwas« lässt sich ganz unterschiedlich füllen: eher klein mit »ein neuer Tag« oder »ein neues Projekt« oder weitaus größer mit »ein Umzug«, »ein neuer Lebensabschnitt« oder »ein großes Wagnis«. Wir sind hoch motiviert, unser vor uns liegendes Lebensland zu genießen, zu erkunden, es einzunehmen und all seine Winkel zu entdecken. Schon Hermann Hesse schrieb in seinem Gedicht »Stufen« sehr passend: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!«1
Aber dann geschieht irgendetwas. Es scheint, als würde sich etwas zusammenbrauen. Manchmal sind es nur ein paar einzelne Störenfriede – kleinere Unterbrechungen –, manchmal scheint es aber auch eine ganze Armee zu sein, die in unser Land einfällt und in verschiedenen Gebieten und Landstrichen fast unaufhaltsam Kriege und Schlachten anzettelt.
• Wir erleben Streit in einer sonst so harmonischen Beziehung.
• Alte Muster unserer Vergangenheit lähmen immer wieder unser Verhalten in der Gegenwart.
• Unser Kind hat plötzlich massive Schulprobleme.
• Auf der Arbeit entpuppt sich ein Kollege als zunehmend schwierig.
• Wir empfinden unsere eigene Schaffenskraft als minderwertig und unbrauchbar.
• Die persönlichen Finanzen schwinden durch unvorhersehbare Geschehnisse dahin.
• Eine Krankheit überfällt uns oder einen uns lieben Menschen.
• Unser Terminkalender führt ein Eigenleben und frisst uns auf.
• Sorgfältig geplante Veränderungen für die Zukunft werden durch unsere Inkonsequenz dahingerafft.
• Der Glaube an Gott wird zunehmend einengend, anstatt uns auf weiten Raum zu stellen.
Die Kampfplätze sind vielfältig, so wie es auch unser Leben selbst ist. Doch die Konsequenzen sind immer dieselben: Leichtigkeit wird schwer. Motivation wird gebremst. Weite wird eng. Mut wird eingeschüchtert.
Mit anderen Worten könnte man auch sagen: Das Leben passiert. Über uns und der ursprünglichen Harmonie unseres Lebenslandes prangen plötzlich die wenig verheißungsvollen Worte »gestört«, »irritiert« und »durcheinandergebracht«: irritierte Identität, gestörte Beziehungen, durcheinandergebrachte Pläne und Gaben.
Doch was passiert da eigentlich genau? Wer sind diese feindseligen Störer? Wieso haben sie überhaupt Zutritt zu meinem Lebensland? Werde ich sie je wieder los, und wenn ja, wie? Und ist es möglich, sich in seinem Lebensland zufrieden und erfüllt zu entfalten, auch wenn noch nicht jeder Kampf beigelegt wurde?
Ich möchte dich auf den folgenden Seiten einladen, mich durch verschiedene Länder zu begleiten. Das heißt, eigentlich ist es ein und dasselbe Land, wir wollen es lediglich aus verschiedenen Perspektiven beobachten.
Zunächst liegt das Sehnsuchtsland vor uns. Stell dir vor, du sitzt wie ich frühmorgens am Fenster und schaust hinaus aufs Leben. Es bietet weiten Raum, der dich aufatmen lässt, Freiheit, die dir im Herz und in den Fingern kribbelt, und Platz zum Gestalten, der dich einlädt und täglich neu deine Abenteuerlust weckt. Und ganz viele »Landabschnitte« deines Lebens erfüllen tatsächlich diese Weite-Attribute: deine Ehe, deine Familie, dein Job, deine Berufung, deine Träume, deine Freundschaften, dein Glaube – zumindest in ihrer ursprünglichen Version. Doch plötzlich werden der Friede und die Freiheit in diesem Sehnsuchtsland bedroht und eine andere Realität zieht auf.
Wir wechseln die Perspektive und befinden uns im Kampfland. Es gilt, aus einem sicheren Unterschlupf genau zu beobachten, was da vor sich geht, denn wenn wir das nicht machen, werden uns das Chaos, die Unsicherheit und die Kämpfe in unserem Land letztlich niederringen. Wir müssen also sehr aufmerksam hinschauen und auseinanderdividieren: Wer fällt da in unser Land ein? Was genau, welches Gebiet, welcher Landstrich, wird gestört? Mit welcher Strategie wird dieses Ziel verfolgt? Das klingt erst mal düster und bedrohlich, doch wir werden sehen, dass wir nicht schutzlos ausgeliefert sind: Gott selbst, der König und Herrscher der ganzen Welt, bietet uns seine Hilfe an und will unsere Kämpfe kämpfen. Denn der Sieg ist doch längst errungen. Die Frage ist: Wie wird er in unserem Leben Realität? Und welche Rolle spielen wir – du und ich – eigentlich in all diesen Gefechten? Außerdem werden wir entdecken, dass in unserem Land auch noch Gefährten leben, die uns in alldem beistehen, und dass es wertvolle Räume des Schutzes und der Sicherheit gibt, in die wir uns flüchten können.
Sind die Fronten geklärt, können wir es wieder neu sehen und lieben lernen: unser Abenteuerland, ein Land voller Möglichkeiten. Sicher ist nicht alles rosarot und röhrende Hirsche kommen auch nur selten vorbei – aber wer will das eigentlich? Unser Abenteuerland gibt uns die Chance, uns zu entwickeln. Vielleicht ist das Tempo manchmal langsamer, als wir es uns wünschen, aber wir dürfen und werden Fortschritte machen, wichtige Siege erringen und die Einstellung entwickeln, jeden noch so kleinen Erfolg gebührend zu feiern.
Doch nicht jeder Kampf gehört in unser Land und muss deswegen auch gar nicht von uns gekämpft werden. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Kampf und Frieden, Sehnsucht und Realität, Mitgestalten und Aushalten. Wo genau diese Wahrheit in deinem Leben liegt, lernt sich nicht in der Theorie, sondern wird erst dann zur Realität werden, wenn du dich auf den Weg machst und losgehst. Wir sind von Gott ausgestattet worden mit einer himmlischen Identität und einer kraftvollen Autorität. Und in diesem Wissen dürfen wir mutige Schritte wagen. Das Leben wartet schon auf uns.
Ich kenne dich nicht, weiß nicht, wie du tickst. Vielleicht bist du der Typ, der sich gerne einen Kaffee oder Tee kocht und es sich zum Lesen in einem Sessel bequem macht. Hier lässt du die neuen Gedanken erst einmal auf dich wirken und reflektierst sie mit gesundem Abstand. Vielleicht bist du aber auch eher der Typ, der bildlich gesprochen die Wanderschuhe schon angezogen hat. Neben dir steht der Rucksack, der nur darauf wartet, noch mit ein paar guten Inspirationen gefüllt zu werden, damit es dann gleich losgehen kann und die neuen Gedanken in der Realität erprobt werden können.
Was auch immer dir mehr entspricht: Ich freue mich, mit dir gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen.
Über unseren Weg kann ich dir nur so viel sagen: Es wird ehrlich werden, abenteuerlich, lebensnotwendig, heilig, auch mal bunt und träumerisch, und von all diesem hoffentlich genau so viel, dass du am Ende sagen kannst: Ich habe wichtige Schlachten gekämpft, gute Erkenntnisse für mich gewonnen und befreiende Siege errungen. Ich will mich, meinen Gott und das Leben mit allem, was dazugehört, feiern!
Auf eine wertvolle Reise
deine Elena

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(FAST) WIE IM PARADIES
Mein Lebensland ist mit viel Gutem ausgestattet
Mein Blick ist verschwommen und unscharf in die Weite gerichtet. Ich sitze an unserem Esstisch und mache gerade einfach mal nichts – dass ich das das letzte Mal getan habe, ist schon eine ganze Weile her, weil einfach so unglaublich viel los war. Aber jetzt habe ich einen Moment der Ruhe und des Nichtstuns. Wie gut! Und so wandert mein Blick durch die großen Fenster nach draußen und bleibt an den Bäumen und Sträuchern hängen, die nach dem Winter endlich wieder austreiben, und ich genieße das frische und zarte Grün, das mir entgegenleuchtet. Heute ist wunderschönes Wetter, die Luft ist zwar noch frühlingsfrisch, aber der Himmel ist nach einigen grauen Tagen endlich wieder blau, und ich sauge die leuchtenden Farben der erwachenden Natur nur so in mich auf.
Doch wie so häufig: Kaum scheint die Sonne, sieht man, wie dreckig die Fenster sind. Ich zumindest. Und wie! Meine Augen stellen sich scharf und nehmen die bodentiefen Scheiben wahr: Fingerabdrücke, Fliegenschiss, getrocknete Regentropfen, Abdrücke vom Fußball unseres Sohnes. Ich muss dringend Zeit finden, die Fenster zu putzen. Mein Blick wandert weiter. Durch die Scheiben hindurch betrachte ich unsere Terrasse. Einige Sträucher habe ich bereits beschnitten und die Beete im Garten sehen auch ganz ordentlich aus. Doch der Boden muss dringend gefegt werden, und bevor wir uns an unseren Tisch draußen setzen können, muss ich ihn und die Stühle drum herum abwaschen. Der Winter hat einfach seine Spuren hinterlassen. Ich versuche, die Arbeitsaufträge, die an mein inneres Appellohr dringen, beiseitezuschieben …
Gedankenreise
Mein Blick wandert wieder in die Weite und nimmt meine Gedanken mit. Wie voll doch meine letzten zwei Wochen waren.
Unsere jüngste Tochter hatte ihre dritte Mittelohrentzündung in drei Monaten. Deswegen war ich mehrfach bei verschiedenen Ärzten.
Mein Mann hat einige wichtige Gespräche bezüglich seiner beruflichen Zukunft geführt und die damit einhergehenden Fragen haben uns als Ehepaar sehr beschäftigt. Wie geht es weiter? Welche Richtung sollen wir einschlagen? Wir können die Zukunft noch nicht klar sehen.
Ich selbst bin Hunderte von Kilometern gefahren, habe an verschiedenen Stellen Vorträge gehalten und dabei viele Menschen kennengelernt. Das ist immer ein Segen und eine totale Bereicherung für mich, zugleich aber auch anstrengend und oftmals sehr herausfordernd. Vor allem, wenn ich müde wieder nach Hause komme und sich meine Familie darauf freut, dass ich endlich wieder da bin und wir nun bestimmt etwas ganz Tolles unternehmen können!
Unsere beiden großen Kinder haben viele Klassenarbeiten geschrieben, für die wir gemeinsam gelernt haben. Das hat nicht immer zu guter Laune geführt. Und dann hatten sie gestern ihren ersten Schwimmwettkampf und waren sehr erfolgreich. Das haben wir natürlich gefeiert und sind so stolz auf sie!
Ach, und dann war da auch noch der Lobpreisabend in unserer Gemeinde, bei dem ich das Gefühl hatte, dass Gott so deutlich und klar mit mir gesprochen, mich in seine Arme geschlossen und mir einfach gutgetan hat.
Beim Revuepassieren der vergangenen Tage und Wochen bin ich mir nicht ganz sicher, worauf ich meine inneren Augen scharf stellen soll. Waren diese Zeiten schwer – mit Arztbesuchen, Klassenarbeiten, weitreichenden Entscheidungen? Oder waren sie erfolgreich – mit Schwimmmedaillen, guten Zensuren, einer überstandenen Krankheit und viel positivem Feedback auf meine Vorträge? Bin ich heute erschöpft, weil es alles in der Summe irgendwie viel zu viel war und ich gar keine Zeit hatte, zwischendurch mal mit einer Tasse Kaffee in der Sonne zu sitzen und durchzuatmen? Oder bin ich zutiefst dankbar, weil ich so gesegnet und beschenkt bin und mein Leben einfach bunt und frech und wild und wunderbar ist?
Es fordert mich immer wieder aufs Neue heraus, einen ausgewogenen und gesunden Blick auf mein Leben zu haben. Dieser ist so abhängig von meiner Tagesform, meinem Energielevel, den Terminen im Kalender, den Erfolgen oder Misserfolgen der letzten Zeit, den Menschen um mich herum, ja sogar vom Wetter oder der Tatsache, ob ich mich heute in meinen Klamotten wohlfühle. Gerade letzte Woche suhlte ich mich in meinem Leid über das Dauerkranksein von meiner Tochter, als ich mit einer Frau ins Gespräch kam, die ihren 5-jährigen Sohn bei einem Unfall verloren hatte und danach von ihrem Mann sitzen gelassen worden war. Paff – ich hörte sofort auf zu klagen und war einfach nur noch dankbar darüber, wie klein meine Probleme eigentlich sind …
Den Fokus ausrichten
Wenn wir nun dabei sind, uns auf die Reise durch unser Lebensland vorzubereiten, sollten wir zunächst einmal entscheiden, was wir dabei in den Blick nehmen wollen. Es ist sicher leicht, über ganz viel zu klagen und zu stöhnen, unzufrieden zu werden und neidvoll in die Lebensländer der anderen zu spähen. Andererseits können wir natürlich auch versuchen, uns das Trommeln der Regentropfen an den Fenstern als Applaus des Himmels schönzureden und über jedes Problem einfach hinwegzulächeln. Beides hilft uns am Ende aber nicht weiter. Ich bin kein großer Fan vom Mittelweg – dafür aber umso mehr von der Wahrheit.
Bezogen auf meinen Ruhe-Kaffee-Gedankenmoment sage ich es so: Meine Fenster sind absolut dreckig und die Terrasse hat dringend eine Putzattacke nötig – aber dennoch scheint die Sonne und ich möchte den beginnenden Frühling in vollen Zügen genießen. Meine letzten Wochen waren ein Auf und Ab und ich komme alldem emotional noch nicht ganz hinterher – aber ich bin so dankbar, dass mein Leben vor Leben nur so strotzt! Es sind eben beide Seiten der Medaille, die die Wahrheit zur Wahrheit werden lassen. Und darum wird es Buchabschnitte geben, die eher die Probleme in den Fokus nehmen werden, und wiederum andere, bei denen der Blick absolut und in vollem Umfang auf das Verheißungsvolle und Leuchtende und Gute gerichtet sein wird. Das ist richtig und wichtig und nur so werden wir uns der Wahrheit nähern können.
Auch wenn ich deine Lebensumstände und die Besonderheiten deines Lebenslandes nicht kenne, so bin ich mir sicher, dass es auch voller Gegensätze und Kontraste ist. Nun ist die Frage, wie deine »innere Lupe« ausgerichtet ist. Nimmst du eher die Täler und dunklen Ecken in den Blick, die dir Angst machen oder dir viel abverlangen? Oder bist du doch mehr der positive Typ, dem die Sonne meistens ins Gesicht scheint und der bildlich gesprochen gerne tanzend neue Weiten entdeckt?
Zunächst möchte ich dir sagen: Beides ist gut. Beides ist wichtig. Es ist eine unterschiedliche Wahrnehmung, aber keine ist richtiger als die andere. Die eine ist vielleicht leichtfüßiger und wünschenswerter, aber die andere darum nicht per se schlecht.
Ich selbst befinde mich in der Darstellung und Bewertung meines Lebenslands oft bei meinen Baustellen. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, kommt mir ein »Alles bestens!« nur schwer über die Lippen, denn das stimmt in den wenigsten Fällen. Selbst wenn diese Frage meist eher rhetorisch gemeint ist, so ist es mir ein Anliegen, nicht den Anschein zu erwecken, dass bei mir immer alles easy peasy ist und ich die Dinge – von Ehe und Familie über Job und Ehrenamt bis hin zu Selbstmanagement und persönlichem Befinden – komplett im Griff habe. Demnach strengen mich Leute, die gefühlt immer drei Zentimeter über dem Boden schweben, auch ziemlich an, denn ich kann mir kaum vorstellen, wie perfekt mein eigenes Leben verlaufen müsste, um es so durchweg positiv und fröhlich zu bewerten.
Gerade weil mein Negativ-Sonar grundsätzlich sehr sensibel ist und von Natur aus schneller anschlägt, halte ich mich oft selbst dazu an, das Gute meines Lebens nicht für selbstverständlich zu nehmen und es im Blick zu behalten. Dabei geht es mir nicht um beteuerte Relevanz, gespickt mit einem Haufen »eigentlich«, sondern um eine gesunde und wohlwollende Wahrnehmung. Ich selbst kann nur wenig anfangen mit Sätzen wie: »Aber guck doch mal hin. Dir geht es doch eigentlich so gut. Du müsstest eigentlich aufhören zu klagen! Du müsstest doch eigentlich viel glücklicher und dankbarer sein! Was willst du denn eigentlich noch?«
Ich bin der festen Überzeugung, dass so ein selbstauferlegtes Mantra kein gesundes Fundament ist, um den Umgang mit dem eigenen Leben auf ein zufriedeneres Level zu heben. Denn im selben Moment werden Stimmen in mir laut, die flüstern: »Ach ja, jetzt sucht sie wieder nach dem Guten, um das Schlechte nicht so deutlich zu spüren. Aber ihr Herz denkt und fühlt doch sowieso ganz anders. Warten wir einen Moment ab. Dann ist wieder ausreichend Raum für negative Gedanken.«
Das Gute im Hier und Jetzt
Aber wie gelangen wir zu einer guten und wahren Wahrnehmung unseres Lebens? Ich denke, wir müssen wieder neu lernen, eine grundsätzlich positive und lebensbejahende Haltung zu gewinnen. Wir sind so gut im Meckern – aber können wir noch lachen, feiern, jubeln und genießen? Dabei brauchen wir das so sehr und es tut uns so gut.
Vielleicht denkst du jetzt: »Ja, aber ich bin doch krank! Mein Chef ist gemein! Und mein Auto ist kaputt!« Das sind blöde Umstände, keine Frage – aber sie machen nicht alles aus! Oft sind die negativen Erlebnisse sehr laut und wirken daher vorherrschend, und genau darum brauchen wir wieder einen feinen Blick und ein sensibles Gespür für die besonderen und heilsamen Augenblicke unseres Lebens. Wir können diesen guten und wohltuenden Momenten helfen, eine spürbare Präsenz in unserem Leben zu haben.
Ein erster Schritt ist, die Dinge wieder wirklich zu erleben und sie dadurch auch viel sicherer im eigenen »System« zu speichern. Wie oft spiele ich mit meiner kleinen Tochter oder mache ein Puzzle mit ihr, aber in meinen Gedanken plane ich das Essen für die nächste Woche oder überlege, wen ich dringend mal wieder anrufen müsste. Oder ich sitze mit einer Tasse Kaffee in der Sonne, lasse mich aber von den Gedanken gefangen nehmen, dass der Rasen gemäht werden müsste, und terminiere, wann ich das tun könnte. Und so verstreicht unglaublich viel Gutes völlig ungesehen und »ungespürt«. Das Leben wieder wahrzunehmen, wenn es passiert, ist eine wichtige Strategie, um sich vor dem ständig negativen und schweren Blick zu schützen. Und ja, man wird auch mit dieser Sichtweise Schwierigkeiten begegnen – aber das darf ja sein, denn sie gehören zum Leben dazu. Sie bestimmen es allerdings nicht ausschließlich.
Nimm dir doch mal einige Momente Zeit und reflektiere auf diese Weise deinen vergangenen Tag, die letzte Woche oder den letzten Monat.
Hand aufs Herz
• Wo gab es Augenblicke und Erlebnisse, die wie eine Aussichtsplattform auf weites Land, wie ein Schmetterling im Frühling oder ein leckeres Eis mit Erdbeeren für deine Seele waren?
• Gab es vielleicht eine tolle Begegnung mit einem lieben Menschen?
• Gab es außergewöhnliche Zeiten der Ruhe?
• Oder Zeiten, in denen du stark gefordert warst, die dir aber Raum für deine Gaben und Talente eröffnet haben, sodass du über dich hinauswachsen konntest?
• Hast du dich an etwas besonders gefreut, neue Entschlüsse gefasst, Erfolge gehabt oder Pläne geschmiedet?
• Konntest du der Umsetzung eines Traums näher kommen?
• Den nächsten Sommerurlaub planen?
• Hast du Lob bei der Arbeit bekommen oder außergewöhnlichen Zuspruch von deiner Partnerin/deinem Partner?
• Gab es kleine, aber feine Momente mit deinen Kindern, in denen du über sie und ihre Entwicklung gestaunt hast? Oder mit Nichten und Neffen, mit Kindern von Freunden?
• Oder war da vielleicht auch »nur« ein unerwarteter Sonnenstrahl, der durch die dichte Wolkendecke brach?
Gerade in Zeiten, in denen mein Blick eher auf die brachliegenden Flächen und Ruinen meines Lebenslandes ausgerichtet ist, spüre ich, wie solche Gedanken über das Gute in meinem Leben in der Enge ein Fenster aufmachen. Frische Luft strömt herein und ich ahne, dass es viel mehr gibt als die Grenzen meines Denkens und Fühlens. Ich bin beschenkt und gesegnet, längst ist nicht alles gut und geklärt, aber dennoch bin ich geliebt und für wert geachtet. Mein Leben ist bunt und reich und vielseitig und schön! Gott beschenkt mich mit so viel Großem und Kleinem und Offensichtlichem und Unscheinbarem.
Vor allem in der unberührten Version ihrer selbst sind die Farben, Klänge und Gerüche meines Lebenslandes unvergleichlich schön und einladend. Natürlich ist das, was uns tagtäglich begegnet, oft ein verzerrtes Bild der Dinge, doch in ihrer Ursprünglichkeit steckt so viel Aussichtsreiches und Vielversprechendes in den einzelnen Bereichen.
Rundflug
Vor einigen Jahren erhielt ich die Gelegenheit, einen Rundflug über meine Heimat mit einem Segelflugzeug zu machen. Als ich mich an die Aufwinde und Luftlöcher gewöhnt hatte und vor allem mein Magen nicht mehr rebellierte, war es absolut faszinierend, die Umgebung, in der ich lebe und die ich tagtäglich von »innen« sehe und erlebe, nun mal zu überfliegen und aus einer ganz anderen und weiteren Perspektive zu betrachten. Vieles wirkte von oben viel grüner und auch die Dimensionen und Verhältnismäßigkeiten der Orte und Landstriche zueinander veränderten sich.
Es ist ähnlich überraschend, solch einen »Rundflug« auch mal über das eigene Lebensland zu machen. Von »oben« sieht vieles auch hier ganz anders aus, bekommt eine andere Verhältnismäßigkeit – gewinnt an Bedeutung oder verliert an Schrecken.
Ich möchte dich gerne zu einem Rundflug einladen, einem Rundflug mit Positiv-Fokus über mein persönliches Lebensland. Diese Flugreise kann und darf dich inspirieren, (wieder) einmal wahrzunehmen, was für wunderschöne Orte und verheißungsvolle Plätze es auch in deinem Lebensland gibt:
Da bin zunächst einmal ich selbst. Ich bin gesund, und auch wenn ich keine Modelmaße vorzuweisen habe, so kann ich meinen Körper doch weitestgehend gut annehmen. Viel zu oft vergesse ich, dass Gesundsein ganz und gar nicht selbstverständlich ist und ich es als großes Geschenk empfangen darf. Ich verfüge über Gaben und Fähigkeiten, die ich sowohl in meinem Beruf als auch in meiner Freizeit vielseitig einsetzen kann. Ich habe außerdem das Privileg, in einem sicheren und wohlhabenden Land zu leben, wo ich mich entfalten und im Großen und Ganzen frei entscheiden kann, was meine Religion, meinen Beruf und sonstige Lebensumstände angeht. All diese Punkte sind für viele Menschen auf unserer Erde nicht normal, sodass an dieser Stelle schon klar ist: Alles Klagen findet auf maximal hohem Niveau statt.
Aber fliegen wir noch ein wenig weiter.
Die Familie, in die ich hineingeboren wurde, war nicht heil. Ich bin Einzelkind und musste die Scheidung meiner Eltern miterleben. Außerdem starb mein Vater verhältnismäßig früh. Dennoch hatte ich eine gute und behütete Kindheit und erlebte immer eine liebevolle und umsorgende Mutter, zu der ich auch heute noch ein sehr gutes Verhältnis habe und die mir zugleich Vertraute und Freundin ist. Auch meine Großeltern waren toll und ich durfte so vieles mit ihnen erleben und von ihnen lernen, was mich sehr gut auf mein selbstständiges Leben vorbereitet hat. Ziemlich früh lernte ich meinen heutigen Mann kennen und lieben und wir heirateten mit Anfang zwanzig. Durch ihn gewann ich noch eine tolle Schwiegerfamilie hinzu. Nach fünf Jahren Ehe bekamen wir unsere erste, gesunde Tochter und sind heute Eltern von drei verrückten, lustigen, einzigartigen und wundervollen Kids.
Nach meiner Ausbildung am Theologischen Seminar Rheinland2 wurde mir dort eine Stelle als Evangelistin angeboten. Ich war überrascht und so beschenkt, nun auch beruflich für und mit Jesus unterwegs sein zu dürfen, und schätze das bis heute sehr. Mein Job ist so flexibel, dass ich ihn gut mit Familie und dem Schreiben vereinbaren kann, und gleichzeitig bietet er mir Raum, meine Gaben zu entfalten und immer wieder Neues auszuprobieren. Ich habe tolle Kolleginnen und Kollegen und erlebe viel Ermutigung und Unterstützung.
Fliegen wir noch ein Stückchen weiter?
Einen ganz wesentlichen Raum in meinem Lebensland nehmen meine Freunde ein. Ich habe so tolle und wertvolle Freundinnen und Freunde. Einige davon stehen mir wirklich nahe, sind richtige Herzensmenschen – auch wenn sie zum Teil Hunderte von Kilometern entfernt wohnen. Dennoch begleiten wir einander schon eine ganze Weile auf unseren Lebenswegen und ich erlebe es als puren Segen, um Menschen zu wissen, denen ich wichtig bin und zu denen ich jederzeit mit allem kommen kann. Bei ihnen weiß ich, dass ich Liebe, Verständnis, Anteilnahme, Hilfe und Korrektur finde – und dass sie immer für eine Überraschung gut sind. Erst neulich rief uns ein befreundetes Ehepaar an und lud uns ein, sie im Sommer nach Schweden in ein Ferienhaus zu begleiten!3 Darüber hinaus schenkt Gott mir auch immer wieder neue Menschen in mein Leben hinein, und sie kennenzulernen gleicht dem Heben eines Schatzes.
Hast du noch Lust für eine letzte Flugrunde?
Wie du wahrscheinlich schon bemerkt hast, ist der Glaube an Gott ganz zentral für mich. Auch wenn ich nicht im klassischen christlichen Elternhaus groß geworden bin, so durfte ich Jesus dennoch sehr früh kennenlernen und gab ihm mein Leben mit ungefähr neun Jahren. Seitdem hat ein Abenteuer begonnen, das mich durch viele Höhen und Tiefen geführt hat – aber das ich um nichts in der Welt missen möchte! Ich habe viele verschiedene Phasen erlebt, wie sich mein Glaube entwickelt hat, und kann im Rückblick auf die letzten knapp dreißig Jahre erkennen, wie Gott mich immer geführt, getragen, geliebt, gefordert und gefördert hat und mein Glaube kontinuierlich gewachsen und zu dem geworden ist, was ihn heute ausmacht. Auch wenn ich es nicht immer fühle, so weiß ich sicher: Gott ist in jedem Moment da und absolut vertrauenswürdig.
Meine Gemeinde ist wie ein zweites Zuhause für mich. Wir gehen als Familie in eine relativ große freie Gemeinde hier am Ort und dort begegnen wir von jung bis alt, von laut bis leise, von bunt bis schlicht Menschen aller Art – geeint durch die Liebe zu Jesus und den Wunsch, dieser Liebe mitten im Leben Ausdruck zu verleihen. Was für ein Vorrecht, Teil dieser absolut verrückten Truppe sein zu dürfen4. In unserer Gemeinde gibt es ein reichhaltiges Angebot an Veranstaltungen und Aktivitäten, in denen man geistlich wachsen, seine Gaben einbringen oder einfach sein kann. Ich selbst darf mit einem tollen Team die Frauenarbeit »Frollein Wundervoll« leiten und wir erleben, wie Gott uns Wunder erleben und Erfolge feiern lässt. Diesen Raum zu haben, in dem ich mich geistlich entwickeln und ausprobieren darf, und zugleich um Menschen zu wissen, die mit ähnlicher geistlicher Sehnsucht ihren Weg gehen, ist ein unglaublicher Segen. Hier sind wir einander Freunde und Vertraute, die sich bei allen Fragen und Antworten, Hoffnungen und Grenzen, Träumen und Sorgen begleiten und unterstützen.
Kurz Durchatmen – und dann weiter …
Nach diesem Rundflug über die großen und wesentlichen Schauplätze meines Lebens brauche ich selbst eine kleine Verschnaufpause. Kennst du das Gefühl, von Altbekanntem und Wohlvertrautem völlig überrascht zu werden? Ungefähr so geht es mir gerade. Die Summe der guten Dinge meines Lebens ist für mich einfach überwältigend – nicht zuletzt, weil ich sie mir selten so geballt vor Augen führe. Und das Aufgezählte war ja bei Weitem noch längst nicht alles! Ich könnte noch von vergangenen Urlauben, erfüllenden Hobbys, bestimmten Lebensabschnitten, erlebten Abenteuern oder bevorstehenden Projekten erzählen.
Ich hoffe, du verstehst, dass es mir hier keineswegs darum ging, einen auf dicke Hose zu machen oder mal so richtig anzugeben. Im Gegenteil. Für die meisten Dinge bin ich ja gar nicht verantwortlich, es sind einfach unglaublich großzügige Geschenke eines Gottes, bei dem Segen und Gnade im Überfluss zu finden sind. Darum blüht mein Lebensland bunt! Er hat mich auf weiten Raum gestellt, in dem ich aufatmen kann. Er hat mir eine Freiheit geschenkt, die mir im Herz und in den Fingern kribbelt, und mir Platz zum Gestalten gegeben, der mich einlädt und täglich neu meine Abenteuerlust weckt.
Dich mit auf diesen Rundflug zu nehmen hatte nur ein Ziel: dir Lust zu machen, auch mal eine Runde über deine Welt zu drehen und ebenfalls dabei mit Kopf und Herz den Fokus auf das Gute darin zu richten.
Hand aufs Herz
• Wo kommst du her? Welche Menschen haben dich geliebt und geprägt, dir Wichtiges beigebracht und dich gefördert?
• Wie sieht dein Umfeld aus? Wo lebst du? Auf welchem (Lebens-)Weg bist du dort hingekommen? Gibt es Lieblingsorte (ganz reale oder auch für deine Seele), an die du dich gerne zurückziehst oder wo du Kraft tanken kannst?
• Wer sind deine Freundinnen und Freunde? Wer von ihnen ist wirklich ein Herzensmensch? Wie hast du sie kennengelernt? Wann hattest du das letzte Mal eine schöne Zeit mit ihnen?
• Wie steht es um deine Familie? Wer gehört dazu? Zu wem hast du eine gute und tiefe Beziehung?
• Welchen Job hast du? Was gefällt dir daran? Welche Rolle spielst du in deinem Unternehmen? Gibt es Kollegen, die deinen Arbeitstag bereichern?
• Welche Gaben und Hobbys hast du? Wo fühlst du dich lebendig? Welche Tätigkeiten geben dir mehr Kraft, als dass sie dir Kraft rauben? Woran hast du richtig Spaß, sodass du regelrecht die Zeit vergisst?
• Gibt es Ziele in deinem Leben, die dich im Hier und Heute motivieren und beflügeln? Was würdest du gerne noch lernen oder erreichen? Welche Weichen stellst du heute schon, damit du in einem, in drei oder in zehn Jahren da bist, wo du hinwillst? Was würdest du tun, wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten?
• Hast du eine Gemeinde? Was macht diese Gemeinde aus? Was liebst du an ihr? Welchen Platz nimmst du dort ein? Und wo siehst du dich und deine Gemeinde in ein paar Jahren?
• Und was macht dich sonst noch zu einem beschenkten und reichen Menschen?
Vielleicht erscheint es dir gar nicht so einfach, manche der Antworten zu finden, oder du merkst, dass du bei allem Guten immer so schnell wieder auch die negativen Aspekte siehst. Dann kann es dir helfen, andere Menschen zu fragen. Du könntest zum Beispiel deine Partnerin/deinen Partner oder gute Freunde fragen, welche Gaben sie in dir sehen oder was sie denken, wo du für andere oder für deine Gemeinde wertvoll bist, wo es dir gut geht und warum du ein unglaublich tolles Lebensland hast.
Mir hilft auch oft ein Perspektivwechsel wie ein Spaziergang oder eine kleine »Belohnung« wie ein leckerer Kaffee, wenn ich mich »festgedacht« habe oder mir das Konzentrieren schwerfällt. Auf jeden Fall mache ich dir Mut, diesen Teil nicht einfach zu überlesen oder nur maximal zwei bis drei Antworten grob anzudenken, denn so werden dir wichtige Sichtweisen und Perspektiven für die weitere Reise durch dein Lebensland fehlen. Nimm dir Zeit, einen Stift und ein Blatt Papier oder auch dein Tagebuch und halte fest, wie sehr dein Lebensland beschenkt und gesegnet ist, wo du saftige Wiesen und bunte Blumen findest und was dort alles zum Leben einlädt. Am Ende wirst du staunen, was dir alles auf- und eingefallen ist! Versprochen.5
Zu gerne würde ich mir jetzt von dir erzählen lassen, wo dich dein gedanklicher Rundflug hingeführt hat und welche Orte dir dabei begegnet sind. Wie geht es dir jetzt? Sprudelt da etwas von Lebenslust und Dankbarkeit, weil dir ganz neu klar geworden ist, welche Schätze dein Land in sich birgt? Und im Betrachten des vielen Guten haben sich vielleicht Ideen, Wünsche und Träume entwickelt, was alles noch werden kann und wo dich deine weitere Lebensreise hinführen soll?
Möglicherweise bist du aber beim Lesen der Fragen auch traurig oder ärgerlich geworden. Hattest gar keine Motivation, das Flugzeug abheben zu lassen und loszufliegen, weil du ganz genau um jede Schlucht, jedes brachliegende Feld, jede Ruine und jede Baustelle deines Lebenslandes Bescheid weißt. Hast beim zögerlichen und ziellosen Rundendrehen gedacht: »Die hat gut reden. Wessen Land saftig grüne Wiesen und hübsch geschnitzte Bänke an sonnigen Wegesrändern beherbergt, macht natürlich gerne einen kleinen Rundflug darüber. Aber flieg mal über (m)ein Kriegsgebiet! Wenn von oben so vieles zerstört und abgestorben aussieht. Jetzt fühle ich mich in meinem Leben noch verlorener und unglücklicher als sowieso schon.«
Vielleicht erlebst du gerade Schweres: Verlust. Angst. Trauer. Resignation. Oder du wirst gemobbt. Überfordert. Verkannt. Oder, oder, oder. Dinge, die es kaum zulassen, den Blick auf das Gute zu richten. Dinge, die ein Gefühl von Selbstbetrug zurücklassen, so als würde man von einem bedrohlichen und lauten Trommelwirbel überrollt, sich aber überschwänglich und übertrieben über den leisen und kurzen Ton einer Piccoloflöte freuen.
Was auch immer gerade in dir vorgeht und was dein Herzensrundflug dir für einen Blick eröffnet hat: Lass es zu! Es bringt weder etwas, sich weniger zu freuen, weil man weiß, dass es anderen Menschen schlechter geht, noch, sich zur Freude zu zwingen, obwohl sie sich einfach nicht entdecken lassen will. Unser Leben ist unser Leben und es durchläuft immer wieder verschiedene Phasen und Zyklen, die ihre Berechtigung haben und denen wir Raum geben dürfen. Aber auch wenn das Schwere und Veränderungswürdige im Moment die größere und lautere Rolle in deinem Leben übernimmt, so mag ich dir Mut machen: Schenke auch den feinen, vielleicht sehr leisen Melodien der guten Momente Gehör. Sie werden den momentanen Krach deines Lebens wahrscheinlich nicht dämpfen, aber sie geben dennoch der Seele kurze Momente des Durchatmens und Weiterhoffens.
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UND DANN IST ALLES ANDERS
Wenn das Chaos in mein Land einfällt
Auf unserem kleinen Rundflug haben wir unterschiedliche Lebensbereiche passiert. Vielleicht ist dir dabei aufgefallen, dass ich wenig Details des alltäglichen Geschehens beschrieben habe. Es war mehr ein Vorbeistreifen an Themenfeldern in ihrer Ursprünglichkeit: die Ehe, die Familie, der Glaube, die Gemeinde, der Job. Alles an sich Dinge, die – solange sie das Leben noch nicht berührt hat – zum Gestalten einladen und viel Raum eröffnen. Wie gesagt – solange sie das Leben noch nicht berührt hat. Aber die wenigsten Lebensfelder bleiben unberührt und ursprünglich – und das ist gut so, denn wenn sie nicht belebt und durchwandert werden, sind sie bloß Entwürfe in unseren Gedanken oder Ideale, von denen wir träumen. Ein Land, in dem kein Leben stattfindet, ergibt wenig Sinn!
Wenn nun die Realität auf unser Lebensland trifft, entsteht etwas Spannendes: Ideen in unserem Kopf werden zu Möglichkeiten vor unseren Füßen. Vorstellungen in unserem Herzen werden zu Gelegenheiten in unserer Hand. Hier beginnt das echte »Darinleben«!
Vieles an Weite und Freiheit können wir nun erobern und ausfüllen. Träume werden zu Taten und grundsätzlich erschlossenes »Bauland« wird zu unserem ganz persönlichen Lebensraum.
Allerdings sind wir uns wahrscheinlich darüber einig, dass uns im Leben nicht nur Gutes begegnet. Wir leben eben nicht in unberührter Idylle und sonnendurchflutetem Frieden. Das, was sich eben noch ausschließlich gut, bereichernd und (er)lebenswert präsentierte, scheint in der Realität doch oft weitaus weniger einfach und unbeschwert. Mit unserem Land passiert »etwas«. Es wird bedroht, erschüttert, angefeindet, durchgerüttelt. Hier und da tauchen kleine Störenfriede auf, immer mal stürmt und grollt es am nicht mehr wolkenlosen Himmel und manchmal scheint es sogar so, als würde ein Heer von Feinden alles bedrohen und mit sich reißen, was uns lieb und vertraut ist. Vorsichtig ausgedrückt: Etwas ist durcheinandergeraten. Etwas krasser formuliert: Wir sind im Krieg.
Ein weiterer Rundflug
Vermutlich brauchst du weniger Hilfe, dir die Schwierigkeiten des Lebens vor Augen zu führen, und dennoch halte ich es für sinnvoll, wenn wir noch mal einen kurzen, aber aufschlussreichen Rundflug über unser Lebensland machen – über deins und meins. Zum besseren Verständnis und ganz persönlichen »Hineindenken« habe ich die Flugroute über mein Lebensland mit ein paar Fragen umsäumt, die auch dir dabei helfen können, ein wenig Klarheit in all die Gedanken über dein Lebensland zu bekommen, wenn du sie dir selbst stellst und mit ein bisschen Zeit und Ruhe ehrlich beantwortest – gerne auch wieder mit Stift und Papier.
Da bin zunächst einmal wieder ich selbst als Person: als Mensch mit einem Körper, einer ganz eigenen Geschichte, einem persönlichen Umfeld und ganz individuellen Gedanken, Gaben und Träumen. Und schon klopfen die Zweifel und Herausforderungen unüberhörbar an die Tür und es tauchen Fragen auf:
• Wie lebe ich mit den Folgen meiner Geschichte und Herkunft, den Stellen, die bis heute Wunden hinterlassen und falsche Vorzeichen gesetzt haben?
• Wie definiere ich meine Identität? Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie will ich sein? Und wie sollen andere mich wahrnehmen?
• Welche Rollen habe ich inne und wie fülle ich sie? Macht mir das Ausgestalten Freude oder fordert es mich dauernd nur heraus?
• Wem gestatte ich, meinen Wert zu bestimmen? Habe ich wirklich verstanden, dass mein Tun nicht mein Sein definiert? Oder spricht mein Leben eine ganz andere Sprache?
• Wie gehe ich mit unerfüllten Wünschen, Niederlagen, Sehnsüchten um? Lasse ich mich von ihnen in einen Sog der Unzufriedenheit ziehen?
Diese Fragen versuchen, das Wesentliche und eher Große unseres Lebens zu definieren. Hinzu kommen noch viele kleine Kampfplätze und Baustellen des alltäglichen Entscheidens und Ringens.
In meinem Fall heißt das: Da ist meine Inkonsequenz, die meinen guten Vorsätzen so oft einen Strich durch die Rechnung macht. Und ich ärgere mich über mich selbst, verurteile mich selbst. Außerdem kämpft da meine eigentlich wohlüberlegte, aber leider doch so theoretische Terminplanung ständig mit meinen Prioritäten und meiner praktischen Zeiteinteilung. Ich komme dauernd ins Schleudern. Dann frage ich mich:
• Welche Themen lasse ich zu meinen Themen werden? Bio? Karriere oder/und Familie? Nachhaltigkeit? Ehrenamt? Fair Trade? Sicherheit? Wagemut? Die Liste ist unüberschaubar lang …
• Und habe ich das Recht, so wichtige Themen dennoch nicht zu meinen Themen zu machen? Werde ich das nicht irgendwann bereuen?
• Und last but not least: der ständige Anspruch, sportlich und fit, gesund und attraktiv, gepflegt und doch nicht oberflächlich, geistlich und bodenständig zu sein und in allem eine gute Ausgewogenheit zu finden. Uff …
Nach der nächsten Flugkurve begegnen wir der Familie und allen Themen, die dazugehören. Jeder, der selbst verheiratet ist und dazu vielleicht noch Kinder hat, weiß, wie umfassend dieser Bereich ist. Neben all dem Glück, Segen und Reichtum, den wir hier finden können, lauert aber eben auch der komplette Alltagswahnsinn:
• Wie gestalten wir unsere Partnerschaft?
• Wie finden wir Zeit für uns – neben den Verpflichtungen, der Erziehung, tausend Terminen und den eigenen Grenzen?
• Wo müssten wir uns eigentlich verändern, aufeinander zugehen, aber uns fehlt die Kraft oder der Wille?
Konflikte entstehen vor allem da, wo wir müde und ausgelaugt sind. »Es passiert leicht, dass man schwindende Kraft mit schwindender Liebe verwechselt«, schreibt Tomas Sjödin.6 Der volle Alltag ist da keine Hilfe, kurze Nächte durch kleine Kinder, die noch nicht durchschlafen, ebenso wenig. Außerdem drängt einen das Leben mit Kindern schnell in eine Ecke, in der man als Paar nur noch wie eine Arbeitsgemeinschaft funktioniert, Termine koordiniert, schnelle Lösungen für Erziehungsfragen sucht und sich mit müden Augen darüber informiert, was für die nächste Woche auf dem Programm steht. Wie bleibt man bei all dem Druck von außen ein leidenschaftliches Liebespaar?
Das Thema Erziehung bringt dann noch mal seine eigenen Minenfelder mit sich:
• Welchen Weg schlage ich ein? Eher streng oder doch lieber mit Weite zur Eigenverantwortung?
• Orientiere ich mich an Vorbildern? Wenn ja, welche sind das und warum?
• Und wie verteidige ich meine Entscheidungen gegenüber denen, die es so ganz anders machen?
• Schaffe ich es, Erziehung und Beziehung in gutem und ausgewogenem Maß zu leben?
• Finde ich gute Möglichkeiten, meine persönlichen Überzeugungen und meinen Glauben an meine Kinder weiterzugeben, ohne mit Druck oder Manipulation zu arbeiten?
• Hat die Liebe das letzte Wort bei uns?
Jede Partnerin, jeder Partner oder jedes Elternteil weiß, dass diese Fragen oder Gedanken nur an der Spitze des Konflikt-Eisberges kratzen …
Aber auch wenn du Single bist, stehst du vielen Fragen gegenüber, die deine ganz persönlichen Antworten einfordern:
• Bist du zufrieden und versöhnt mit deinen Lebensumständen oder wartest du nur darauf, dass eine Partnerin/ein Partner dich endlich glücklich und vollständig macht?
• Kannst du anderen ihre Partnerschaft und Familie gönnen oder spürst du dauernd (nachvollziehbaren) Neid?
• Gestaltest du dein Leben oder nimmst du es nur so hin?
• Kannst du Gott dankbar vertrauen, dass er gute Wege mit dir geht, oder nimmst du es ihm übel, dass du noch keine Partnerin/keinen Partner gefunden oder sie/ihn bereits verloren hast?
• Lebst du im Jetzt oder immer nur im erinnerungsvollen Gestern oder einem sehnsuchtsvollen Morgen?
Fliegen wir noch ein wenig weiter. Nun überqueren wir das Lebensfeld Arbeit. Wenn wir einen Beruf haben, der unseren Gaben und unseren Wünschen entspricht, ist das ein großer Segen, für viele jedoch leider nicht selbstverständlich. Aber egal ob im Traumberuf oder »nur« in einem Brotjob – Fragen stellen sich viele, Möglichkeiten für kleine und große Kämpfe tun sich immer wieder auf:
• Habe ich eine Arbeitsstelle, an der ich meine Gaben wirklich entfalten kann, oder wäre eigentlich dringend Veränderung nötig?
• Wie viel Arbeit ist gut, wo ist das »Genug« oder sogar das »Zuviel« erreicht?
• Kann ich mein »Nein« auch gegenüber meinem Chef oder den Kollegen selbstbewusst vertreten? Und kann ich mit den Konsequenzen daraus leben?
• Versuche ich, freiwillig Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen? Oder erfordern es meine finanziellen Umstände, dass ich gegen meinen Willen arbeiten muss, obwohl ich mich lieber ausschließlich der Familie widmen würde?
Und hier befinden wir uns weitgehend »nur« im Feld der eigenen Entscheidungen. Einen ganz neuen Charakter bekommt das Ringen und Sorgen, wenn wir Opfer von Mobbing werden, unser Chef uns unter Druck setzt oder wir trotz Hunderter Bewerbungen einfach keine geeignete Stelle finden.
Auch wenn es ums Thema Freundschaft geht, wird es nicht unbedingt nur leichter. Ich stelle für mich persönlich fest: Je älter ich werde, desto herausfordernder finde ich es, gute Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen, vor allem, wenn ich den oder die andere noch nicht ewig kenne – also die Beziehung erst einmal aufbauen muss.
Ich habe in meiner Geschichte einige enttäuschende Erlebnisse mit Menschen gehabt, die mich tief verletzt haben, und ich merke noch heute die Auswirkungen davon. So fällt es mir nicht leicht, mich neuen Menschen zu öffnen und Vertrauen zu fassen, da immer eine gewisse Angst mitschwingt, bereits Erlebtes könnte sich wiederholen. An meinen Kindern sehe ich, wie schnell sie davon sprechen, dass sie »einen besten Freund« oder eine »beste Freundin« haben, und dies zwischen heute und morgen durchaus jemand anders sein kann.
Dieses kindliche Freundschafts-Empfinden habe ich als Erwachsene nicht mehr und ich merke, dass ich manches regelrecht kaputtdenke:
• Wie gut ist eine Freundschaft?
• Komme ich dem anderen so nah, dass ich ihm oder ihr vielleicht auf die Nerven gehe – der andere aber nur zu viel Anstand hat, um es mir zu sagen?
• Was teile ich mit wem, was teilen andere mit mir?
• Ist eine Freundschaft stark genug, dass ich auch Kritik üben kann und sie sogar mal einen handfesten Streit aushält?
• Kann ich den anderen in einer Notsituation mitten in der Nacht anrufen? Oder sind wir noch nicht so weit?
Hinzu kommt für mich persönlich, dass ich mich mit Job, Ehe, Kindern, Ehrenämtern etc. auch nicht mehr so leicht mal eben verabrede, wie es früher noch möglich war. Die Terminkalender von zwei (oder mit befreundeten Ehepaaren sogar vier) Individuen jenseits der dreißig nebeneinanderzustellen und eine gleichzeitige Lücke zu finden, reicht bisweilen an ein Wunder heran! »Ich möchte lernen, Gast zu werden im Leben des anderen!«, heißt es in dem Buch »Herzheimat« von Daniela Mailänder.7 Wie treffend. Ja, das ist Freundschaft! Das will ich – denn es klingt gut und erstrebenswert. Aber wenn ich ehrlich mit mir selbst bin: Habe ich dazu wirklich Kapazität und Kraft? Sind die Themen meines Lebens nicht ausreichend, um meine ganze Festplatte zu belegen? Und wenn der andere mir sein Lebensland zeigt – bin ich dann auch bereit, an seinen Baustellen mit Hand anzulegen, wenn ich um Hilfe gebeten werde?
Ein noch minenreicheres Feld ist vielleicht das Gebiet Glaube und Gemeinde. Auch hier möchte ich noch einmal betonen, dass beides in seiner Ursprünglichkeit vor Weite und Freiheit nur so strotzt. Doch der von einem unperfekten Menschen gelebte Glaube und das Zusammentreffen von unperfekten Menschen in einer Gemeinde lassen das Potenzial für Schwierigkeiten nur so in die Höhe schnellen.
Für mich gilt: Genau wie alle anderen Themen meines Lebens hat mein Glaube bereits eine Geschichte. Ich habe Gutes und Wunder erlebt, habe Dinge verstanden und erfasst und durfte schon so oft erleben, wie mein Glaube gewachsen und stärker geworden ist. Doch zugleich holen mich auch immer wieder dieselben Themen und Probleme ein:
• Wie gehe ich mit Enttäuschungen um? Den Punkten, an denen ich Gott einfach nicht verstehe?
• Wie lerne ich Vertrauen entgegen aller Vernunft?
• Kann ich das Wachstum meines Glaubens begünstigen oder hemmen?
• Wie viel liegt im Glauben an mir, wie viel ist Gottes Part?
• Mache ich Dinge wie Stille Zeit oder den Gottesdienst besuchen, weil ich sie brauche? Oder habe ich sie erlernt und gar nicht bemerkt, dass sie mit der Zeit zu leeren Ritualen geworden sind? Kann ich sie wieder mit Leben füllen?
• Wie sieht es mit meinem Gottesbild aus? Ist es starr oder weit? Entspricht es der Realität oder ist es durchzogen von Lügen, die mir aber vielleicht gar nicht bewusst sind?
• Und wie gehe ich damit um, wenn ich in sogenannten Wüstenzeiten überhaupt nichts von Gottes Gegenwart, Liebe oder Fürsorge spüre?
Das alles ist natürlich eng verknüpft mit der Gemeinde. In der heutigen Zeit gibt es unzählige Gemeindeformen: von hip bis konservativ, von missional bis charismatisch, von liturgisch bis frei von jeglicher Form. Die Weite ist positiv gemeint, kann aber auch total überfordern:
• Halte ich es in meiner kleinen, vielleicht alten Gemeinde aus und versuche, mitzugestalten und zu verändern?
• Oder gehe ich und suche mir auch eine junge, frische, moderne Gemeinde, weil es leichter ist? Aber ist es dort wirklich leichter, besser?
• Und ist mein Befinden in der Gemeinde überhaupt ein zulässiger Gradmesser dafür, ob ich richtig bin? Heißt Glaube nicht auch schon mal durchhalten? Mich investieren und kämpfen?
• In dem bereits angesprochenen vollen Alltag stellt sich noch eine weitere Frage: Wie viel Gemeinde ist »genug«? Wo bringe ich mich ein, wo grenze ich mich ab? Muss ich überall mithelfen, wo es »brennt« – auch wenn die Arbeit unter Kindern oder Beamerdienst überhaupt nicht meinen Gaben entspricht?
Bis hierher ging es nur um Gemeindeformen und persönliches Engagement in der Gemeinde. Von den zahlreichen Konflikten, die die verschiedenen Menschen mit ihren verschiedenen Ansichten und Geschmäckern mit sich bringen, will ich erst gar nicht sprechen …
Die verschiedenen Typen des Kampfes in meinem Lebensland
Zoome ich ein wenig raus und nehme mein Lebensland auf dem Rundflug in seiner Gesamtheit in den Blick, dann stelle ich fest, dass die einzelnen Kämpfe meines Lebens einen unterschiedlichen Charakter haben. Im Wesentlichen kann ich drei Typen voneinander unterscheiden:
• Ich kämpfe mit mir: mit meinem inneren Schweinehund, meinen zu hohen Ansprüchen, meinen erlernten Mustern, meinen Grenzen …
• Ich kämpfe mit meinen Mitmenschen: zum einen mit denen, die mir nahestehen – und gerade deshalb, weil sie mir so nahestehen (wie mit meinem Partner, meinen Kindern oder meinen Eltern) –, oder zum anderen mit Menschen, die mir eben gar nicht nahestehen und es aus diesem Grund nicht gut mit mir meinen.
• Ich kämpfe gegen Umstände: wie eine Krankheit, Schwierigkeiten im Job, meine finanzielle Situation und, und, und …
Manche Kämpfe sind zugegeben hausgemacht, für andere kann ich rein gar nichts. Demnach haben auch die Kämpfe unterschiedliche Dimensionen und eine große Bandbreite. Sie reichen von den kleinen Alltagsthemen (ich will mal wieder eine Diät machen oder strample mich durch einen zu vollen Terminkalender) über langwierige und nagende Kriege (Erziehung eines Teenies oder Streitigkeiten in der Nachbarschaft) bis hin zu den alles erschütternden Lebenskrisen (wie eine Scheidung oder die schlimme Diagnose des Arztes).
Summa summarum stelle ich aber fest, dass in meinem Leben mehr ungeklärt als geklärt ist. Manchmal sogar längst Geklärtes plötzlich und unerwartet wieder ins Wanken gerät. Und angesichts der vielen offenen Fragen und Baustellen, die doch eigentlich einladende und fertiggestellte Lebensräume sein sollten, schwinden meine Motivation und Leichtigkeit, weil es so scheint, als sei alles nur Arbeit und Kampf.
Sooo viele Fragen: nicht immer leicht zu beantworten
Fragen über Fragen. Große Fragen. Wichtige Fragen. Weitreichende Fragen. Nagende Fragen. Auch kleine Fragen, die aber genauso geklärt werden wollen. Manchmal empfinde ich das Finden der Antworten als leicht, horizonterweiternd und erhebend. So, wie das Erringen eines Erfolges. Aber genauso kann es auch den absoluten Kampf bedeuten. Ich ringe um das Richtige, frage mein Herz, meinen Gott, meine Freunde und werde in meinen Antworten doch immer wieder hin und her geworfen, weil ich einfach nicht den Durchblick habe. Und selbst da, wo ich nicht mehr um Antworten ringen muss, weil ich gute gefunden habe, hört das Kämpfen nicht auf. Denn nun lautet die Aufgabe, an meinen Überzeugungen festzuhalten (aber bitte, ohne starr und eingefahren zu werden!) und sie auch zu leben.
Gottes Hilfestellung: nicht immer leicht anzunehmen
Als Christen haben wir den großen Vorteil, dass Gott in der Bibel viele oder nahezu alle Lebensthemen anspricht und gute Antworten sowie praktische Anweisungen für die Gestaltung gibt. Doch ich merke, dass es mir oft schwerfällt, ihnen wirklich Glauben zu schenken. Denn nicht selten widersprechen Gottes Prinzipien und Maßstäbe denen der Welt um mich herum und es erscheint mir naheliegender, zunächst meine eigenen Erfahrungen zu machen, anstatt einfach zu glauben und dem zu folgen, was Gott vorschlägt. Den anderen höher achten als mich selbst? Den Sabbat einhalten? Meine Eltern ehren? Um Vergebung für meine Schuld bitten? Dinge aufgeben, die mir zwar Spaß machen, mir aber nicht guttun? Echt jetzt? Wäre es nicht vielleicht doch besser, wenn … Ein bisschen ist es so, wie wenn man einem Kind gute Ratschläge gibt, es aber erst einmal selbst gegen die Wand laufen muss, bevor es glaubt, dass das nicht der geschmeidigste Weg ist.
Und selbst wenn ich Gottes Wahrheiten theoretisch Glauben schenke, ist das erst der erste Schritt. Die Frage ist nämlich: Bekomme ich sie auch in mein Leben übertragen? Schaffe ich es, sie mitten im Alltag und entgegen all der Anfragen, die ich und andere daran haben, umzusetzen?
»Wahrheiten« des Lebens: nicht immer leicht zu durchschauen
Oftmals bemerke ich über die ganz konkreten Baustellen meines Lebens hinaus noch zusätzlich allgemeine »Wahrheiten«, die das Leben mich lehrt und die auf alles Einfluss haben. Jedenfalls will das Leben mich diese »Wahrheiten« glauben lassen.
Da wäre zum Beispiel »Man bekommt nix geschenkt« oder »Wer ganz vorne mitspielen möchte, muss da erst mal hinkommen«. Und schwups, beginnt der Motor in mir zu brummen und lässt mich kämpfen und ringen. Ich schaue andere Menschen und ihre Leben an und bemerke im Vergleich: Ich stehe ihnen (zumindest von meiner Warte aus gesehen) in so manchem nach.
»Chancen verstreichen, wenn ich sie nicht ergreife« ist noch so eine Wahrheit. Sicher richtig – aber auch nicht gerade befreiend. Denn es gibt tausend Chancen. Ich muss jeden Tag x-mal wählen und weise Entscheidungen treffen. Alles geht nicht. Aber wie treffe ich die richtige Wahl? Welche Chancen lasse ich getrost verstreichen, welche Chancen ergreife ich? Und wie gehe ich mit den Chancen um, die ich besser ergriffen hätte, die mir aber durch die Lappen gegangen sind? Ergibt sich eine solche Chance vielleicht noch mal – und bin ich gefordert, einen Fehler nicht zu wiederholen?
Bei allem scheint die Zeit gegen mich zu arbeiten. Ich werde nicht jünger. Jugendlichkeit, Kraft, Esprit, Schwung verfallen. Lebensumstände werden eingefahrener. Heute noch einmal für ein Jahr um die Welt zu reisen würde sich als deutlich herausfordernder gestalten, als es nach dem Abi gewesen wäre. Akzeptiere ich Grenzen, die sich durch den Lauf der Dinge in meinem Leben ergeben? Oder kämpfe ich gegen sie, weil es sich lohnt, sich nicht zu früh zu ergeben?
Die Masse der heutigen Möglichkeiten spielt mir dabei nicht gerade in die Karten: Ja, es ist ein Segen, wie viel ich erleben und erreichen kann – aber es ist gleichermaßen auch ein Fluch. Es kommt vor, dass ich mein Leben anschaue (in dem ich nicht wenig erreicht und nicht wenig erlebt habe) und es mich fast fertigmacht, was ich vermutlich nie erleben werde. Da gibt es Leute, die die ganze Welt bereist haben, die Berufe erlernt haben, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt, die völlig abgefahrene Lebenskonzepte gewählt haben, die wahnsinnige Projekte ins Leben gerufen haben, die tolle Ämter innehaben, die große Erfolge erzielt haben, die unglaubliche Erfahrungen gemacht haben, die schier unmögliche Ziele erreicht haben. Unzählige Blogs, Instagram-Accounts und Facebook-Seiten gewähren mir faszinierende und bisweilen sehr einschüchternde Einblicke. Und dann muss ich mir eingestehen, dass ich keine von ihnen bin. Dass das meiste bei mir (zumindest mit meinen Augen betrachtet) maximal oberen Durchschnitt erfüllt. Aber kann ich mich damit zufriedengeben? Glücklich werden? Ist das meine Bestimmung, meine Berufung – und wenn ja: Finde ich ein Ja zu ihr, auch wenn ich mir mein Leben spektakulärer wünsche? »Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind«, soll Charles-Louis de Montesquieu gesagt haben.8 Ist mir vom Kopf klar, will mein Herz aber nicht so leicht glauben.
Angestachelt durch diese Gesetzmäßigkeiten meines Lebens entsteht in mir dann eine innere (oder bisweilen auch äußerliche) Unruhe, dass ich etwas verlieren könnte, dass ich zu spät sein könnte, dass ich etwas verpassen könnte, dass ich den Kürzeren ziehen könnte. Natürlich ist mir das mitten im Alltag oft nicht präsent und beschäftigt mich nicht unentwegt. Aber viele dieser Fragen, Kämpfe und ungeklärten Themen schwingen unbewusst mit oder versetzen mich in eine unbestimmte Getriebenheit. Ich verliere noch mehr meine Gelassenheit und das Vertrauen in Gott, dass er mich und meine Bedürfnisse im Blick hat. Manchmal macht sich sogar fast ein bisschen Panik breit. Das Ergebnis: Ich renne und renne und renne weiter und weiter.
Mit anderen Worten: Ich befinde mich mitten im Kampf.
Noch eine Pause
Nun sind wir schon mittendrin, auf unserer Reise. Wir haben einen Rundflug über die saftigen Höhen und bunt blühenden Wiesen gemacht. Und wir haben auch schon mal einen Blick auf die eher steinigen Täler und holprigen Feldwege gewagt und so manchen Kampfplatz überflogen.
Lass uns nach der Landung kurz einen Moment auf der Bank am Wegesrand Platz nehmen, ein wenig verschnaufen und dem Gesehenen und Überflogenen Raum geben, sich zu sortieren. Wie gerne würde ich mir jetzt ein paar deiner Herzensbilder anschauen, die bei dir entstanden sind. Was ist dir wieder neu wichtig geworden? Wo hast du gestaunt und dich gefreut? Was hat dich erschreckt und dir vielleicht sogar Angst gemacht? Gibt es Baustellen und Kampffelder, die dir klar vor Augen stehen?
Ganz egal, wie es gerade in dir aussieht, möchte ich dir einen Gedanken mitgeben: Du bist nicht allein. Jeder Mensch deines Lebens – egal wie erfolgreich, unbeschwert oder perfekt er auf dich wirkt – hat Glücksmomente und Hochphasen, kennt aber genauso auch Fragen, Zweifel und Kämpfe. Sich sein Leben und seine noch brachliegenden Landstriche vor Augen zu führen, kann leicht den Effekt auf uns haben, dass wir die erfolglosesten, ärmsten und kümmerlichsten Menschen überhaupt sind. Aber das stimmt nicht. Am Ende des Tages bewegen uns alle dieselben Fragen. Weil wir alle Menschen sind. Und weil wir alle ein Leben leben, das eben so manche Frage mit sich bringt. Wir leben ja alle zum ersten Mal. Und müssen alle unseren Weg finden.
Nun gilt es, auf keinen Fall enttäuscht oder mutlos sitzen zu bleiben. Schau mal, dort ist ein Aussichtspunkt! Er gibt uns den Blick frei auf ein buntes, lebendiges, vielseitiges Land voller Abenteuer und Freiheit. Was für ein Ziel. Folgende Fragen wollen wir darum im weiteren Verlauf des Buches bzw. auf dem Weg in dieses Land in den Blick nehmen und uns überraschen lassen, welche Antworten Gott für uns bereithält:
• Für welche Ziele lohnt es sich zu kämpfen? Sprich: Was ist ein lebenswertes, erstrebenswertes, erfülltes und sinnvolles Leben?
• Wo ist Kämpfen richtig und wichtig, wo ist es müßig und ermüdend?
• Wer garantiert dir den Erfolg für deine Kämpfe? Und was ist überhaupt Erfolg?
• Funktioniert das Leben wirklich nur als Kampf oder kann es nicht viel mehr von Leichtigkeit geprägt sein, so, wie die Dinge es in ihrer Ursprünglichkeit beinhaltet haben?
Zugegeben: große Fragen. Keine einfachen und schnellen Antworten. Aber Themen, mit denen ausführlich zu beschäftigen es sich lohnt. Wir werden uns ihnen mit der nötigen Ausführlichkeit, Sensibilität und Geduld nähern. Ich wünsche dir, dass Vorfreude, Lebenslust und Hoffnung dich auf unserem Weg begleiten!
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CHAOS TROTZ SEHNSUCHT NACH RUHE UND FRIEDEN
Warum ich das Chaos nicht einfach wieder meines Landes verweisen kann
Ich mag die Dinge gerne einfach. Auf jeden Fall verkompliziere ich sie nicht gerne unnötig. Deswegen bin ich versucht, auch an diesem Punkt eine schnelle und einfach Lösung herbeizuführen.
Wir alle haben ein Lebensland. Dies ist in seiner Ursprünglichkeit weit, saftig, einladend und voller Gestaltungsfreiraum. Dann aber bemerken wir, dass die Ursprünglichkeit gestört wird und Feinde (ich belasse es zunächst bei diesem allgemeinen Wort und werde später noch genauer darauf eingehen, wen oder was ich damit meine) mein Land bedrohen – sei es das Leben als solches oder auch andere Menschen, Umstände und Erfahrungen, die ich gemacht habe und die mich in eine gewisse Habachtstellung versetzen. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn ich mein Lebensland wieder in dem Zustand erleben und gestalten könnte, wie es zu Beginn gedacht war. Also sollte es doch eigentlich möglich oder zumindest einen Versuch wert sein, alle Störenfriede einfach wieder meines Landes zu verweisen.
In der konkreten Umsetzung würde das bedeuten: Ich weiß, wer ich bin, was ich will und wie mein Land aussehen soll. Das ist nicht unbedingt jedem klar, aber daran kann man arbeiten und das kann man herausfinden. Außerdem weiß ich, dass ich einen Gott an meiner Seite habe, dessen Wunsch es ist, dass ich in meinem Land gesegnet und erfüllt lebe (was auch immer das im Detail bedeutet, aber wenn ich ihn ernsthaft danach frage, wird er es mich wissen lassen). Was für eine gute Grundlage und vielversprechende Basis! Davon ausgehend kann ich dann ziemlich klar mit Menschen umgehen: Ich kann sie herzlich in mein Land einladen und aufnehmen, aber wenn sie meinem Lebenskonzept widersprechen oder entgegenarbeiten, bekommen sie zunächst ein klärendes Gespräch, und wenn das nicht hilft, leider Zutrittsverbot zu meinem Lebensland. Auch der Umgang mit Umständen wird eindeutig: Was mich daran hindert, mein Land so zu gestalten, wie es für mich richtig ist, wird aussortiert. Und wenn sich manches auch nicht ändern lässt, so kann ich doch gelassener mit Störfaktoren umgehen, weil das große Ganze stimmt und weil sich Eindringlinge oder sogar Feinde von einer sicheren Festung aus sehr gut in Schach halten lassen.
Klingt in der Theorie gar nicht schlecht und auch nicht unmöglich. Die Praxis lehrt mich dann aber doch etwas anderes, und du hast beim Lesen vielleicht auch geschmunzelt und gedacht: »Ja, ja, wenn das nur immer so einfach wäre …«
Einfache Lösungen sind schön, hier aber dann doch nicht wirklich realistisch. Warum? Es gibt zwei wesentliche Probleme im Umgang mit den einfallenden Angreifern:
Wir sprechen über Feinde, nicht über ungelegene Gäste
Ich bin noch nie in einem Gebiet gewesen, in dem Krieg herrscht. Dennoch kann ich mir aus Berichten und Bildern eine gewisse Vorstellung davon machen, wie es dort sein muss. Der Feind kommt überraschend, aus einem Hinterhalt, bei Nacht oder in großer Überzahl. Er ist unberechenbar, gewaltsam, zerstörerisch und nicht kooperativ. Auf jeden Fall kann der Angegriffene nicht sagen: »Ich weiß, ihr wolltet hier bei mir einfallen, aber heute passt es gar nicht gut. Ich bin einfach nicht in der Stimmung für Krieg, denn die Sonne scheint gerade so schön. Morgen stehen auch schon ganz andere Dingen auf meinem Plan, aber ab Dienstag hätte ich Zeit und wäre auch für etwaige Kämpfe gerüstet. Kommt doch einfach dann noch mal wieder!« Rums, Tür zu, Problem vorerst erledigt.
Quatsch.
So läuft es nicht im Leben, und auch in meinem Leben erlebe ich es so, dass ein Feind, wenn er auf der Matte steht, nicht vorher gefragt hat, ob er grade gelegen kommt. Er fällt ein, und ehe ich mich versehe, hat er schon damit begonnen, alles ins Chaos zu versetzen. Das wiederum bewirkt bei mir, dass ich meinen kühlen Kopf und die nötige Klarheit verliere, die ich mir vorher so fest vorgenommen hatte. Zack – willkommen im Durcheinander.
Erst neulich habe ich genau eine solche Situation in Reinform erlebt: Es war ein Samstag und in unserer Gemeinde wurde zum Lobpreisabend eingeladen. Obwohl unser Wochenende ziemlich voll war, hatte ich große Lust und auch das Gefühl, dass mir diese auf Gott ausgerichtete Zeit sehr guttun würde. Ungefähr eine halbe Stunde bevor ich das Haus verlassen wollte, fragte ich meinen Mann, ob er nicht doch Lust hätte, mich zu begleiten. Er hatte sich zuvor noch nicht eindeutig dazu geäußert und mir hätte es gut gefallen, gemeinsam diese Zeit mit Gott zu erleben. Doch er war aufgrund der Fülle unserer Termine und der noch offenen To-dos auf seiner Liste eher unmotiviert und entschied sich, zu Hause zu bleiben. Ich bohrte ein wenig nach, ob er denn nicht doch … und dass es für ihn doch sicher auch gut wäre … und sowieso und überhaupt …
Es dauerte keine dreißig Sekunden und wir befanden uns in einem handfesten Streit. Plötzlich kamen noch ganz andere, viel grundlegendere Themen mit auf den Tisch. Wir verletzten einander und mein Mann verließ irgendwann total genervt das Zimmer. Da saß ich mit Tränen in den Augen und fühlte mich, als hätte ich einen Krieg nur knapp überlebt. Das Schlimme daran: Ich hatte es nicht kommen sehen, hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, dass mein Wunsch und meine Worte nur Augenblicke später eine ganze Lawine ins Rollen bringen würden. Das war doch nie meine Absicht gewesen! Aber ein Wort hatte das andere ergeben, Müdigkeit und der Stress vieler Aufgaben und Termine hatten das Ihrige dazu getan und das Chaos war perfekt!
Mir war während unseres Streits sogar immer wieder klar, was hier gerade passierte und dass ein Feind dabei war, unseren Frieden zu stören (schließlich war ich ja gerade damit beschäftigt, ein Buch über genau dieses Thema zu schreiben). Trotzdem gelang es mir nicht, einen Schritt zurückzutreten, weisere und liebevollere Worte zu wählen und der ganzen Situation zu einem positiven Ausgang zu verhelfen. Ich war total gefangen in meinen Emotionen, meinem Stolz, meiner verletzten Eitelkeit, meinen missverstandenen Motiven und allem Sonstigen, was der Feind noch so nutzte, um sein Ziel erfolgreich zu erreichen. Das Ende der Geschichte: Die Stimmung bei uns zu Hause war auf dem Nullpunkt, mein Selbstwertgefühl am Boden und meine Lust und Vorfreude, Gott zu begegnen, waren komplett futsch.
Der Feind hatte mich in einem für ihn perfekten Moment überfallen, mich mit den richtigen Fallen zur Strecke gebracht und genau dahin geführt, wo er mich haben wollte. Auch wenn es eher ein banaler und nicht sehr weitreichender Streit war, so führte er mir doch noch mal vor Augen, wie schnell sich vieles ändern kann. Wie angreifbar ich bin. Wie genau der Feind weiß, mit welchen Mitteln er mich erledigen kann. Und wie einfach ich es dem Feind bisweilen mache, weil ich auf seine Strategie hereinfalle.
Uns fehlt die Gelassenheit
Und damit sind wir auch schon beim zweiten Problem: Wir behalten keinen kühlen Kopf. Keinen gesunden Abstand. Wir lassen uns hinreißen, vorschnell Dinge zu tun oder nicht zu tun, die wir mit ein bisschen Nachdenken anders viel besser hätten handhaben können.
Manches müsste nämlich durchaus nicht im Chaos oder Krieg enden. Vieles ließe sich entspannter und unkomplizierter lösen. Aber das würde erfordern, dass ich selbst mich entspanne. Die Waffen wieder einpacke. Bis zehn zähle und dabei tief durchatme. Mich und auch den Rest nicht ganz so ernst und vielleicht auch nicht so wichtig nehme. Aber warum will das in der Praxis in vier von fünf Fällen nicht klappen? Was lässt uns so verkrampft sein und nimmt uns die Gelassenheit? So schön ist Kämpfen doch gar nicht, dass ich es wirklich dauernd bräuchte …
Letztendlich ist es das fehlende Wissen um meine wahre Identität, meinen wahren Wert und meine wahre Bestimmung. Würde ich zutiefst davon überzeugt sein, dass ich ein bedingungslos von Gott geliebter Mensch bin, dass ich mir keinen Wert verdienen muss oder kann und dass Gott immer umfassend für mich sorgt, könnte ich im Angesicht meiner Angreifer erst mal gelassen einen Liegestuhl auspacken und eine Runde relaxen. Sogar eine lebensbedrohliche Diagnose oder ein Schicksalsschlag würden an Schrecken verlieren, weil ich trotz allem sicher sein könnte, dass ich geliebt und umsorgt bin und dass Gott nichts zulässt, was er nicht zuvor auf seinen Segenswert für mich geprüft hat. Auch wenn das in manchen Situationen mehr als schwer zu glauben ist!
Doch wenn ich glaube, dass meine Identität und vor allem mein Wert antastbar sind, dass ich mir meine Daseinsberechtigung und meinen Platz im Leben immer wieder erarbeiten und sogar erkämpfen muss, dass ich viel zu viel verpassen könnte und dass ich mir der Güte und Versorgung Gottes niemals umfassend sicher sein kann, treibt mich das ständig an, dann verkrampfe ich und bin das genaue Gegenteil von gelassen. Schnell bekomme ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft, dass meine Ressourcen wie Kraft, Geld oder Möglichkeiten zu begrenzt sind, um mich an meine Ziele zu bringen, und dass meine Konkurrenz viel zu übermächtig ist, als dass ich als etwas Besonderes hervorstechen könnte.
Ich glaube der Lüge, dass ich erst dann endlich zufrieden bin, wenn ich zu den Schönsten, Erfolgreichsten, Beliebtesten zähle. Ich erliege der Versuchung, für meine eigene Sicherheit und mein eigenes Wohl zu sorgen, damit ich mich endlich entspannen kann. Ein zerbrechliches Fundament – wie lange kann ich diesen Status halten, sollte ich ihn überhaupt je erreichen? Ich fange an, alles als Bedrohung wahrzunehmen, und Bedrohungen muss man niederringen. Ich kann auf keinen Fall zulassen, dass ich vielleicht ungerecht behandelt oder übervorteilt werde. Oder dass ein Umstand meine wackelige Sicherheit ins Wanken bringt.
Und auch etwas anderes mag mein Herz kaum glauben oder sich zumindest nicht drauf verlassen: Das, was Gott für mich vorbereitet hat und mir schenken will, ist alles, was ich brauche. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer ganz lieben Herzensfreundin9. Ich klagte ihr mein Leid über mein derzeitiges Leben, dass die Kinder und die Umstände so viel Raum einnehmen und mir so wenig Zeit zur freien Verfügung bleibt, dass ich mit all meinen Aufgaben hinterherhänge, dass ich meine Pläne nicht in die Tat umsetzen konnte und dass ich mich irgendwie dauernd vergessen fühle. Sie brachte mir viel Verständnis entgegen und fragte mich dann aber ganz ehrlich, ob ich auch in solchen Zeiten Psalm 23 Glauben schenken könne: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!« (LUT). Tja. Gute Frage. Kann ich das glauben? Dass mir nichts fehlt, wenn ich annehme, dass Gott mich gut versorgt? Dass er mich an die Wiesen und die Quellen führt, die meinen Hunger und Durst tiefer stillen können als alles, was ich je selbst finden kann? Auch wenn das vielleicht nicht all das umfasst, was ich mir vorgestellt hatte? Wenn am Ende des Tages immer noch offene To-dos und Wünsche auf meiner Liste stehen? Und wenn ich mich vom Leben überrollt fühle? Kann ich dann angesichts der Güte und der Versorgung Gottes trotz aller meiner scheinbaren Mängel und Unzulänglichkeiten ruhig und gelassen werden?
In einem Lobpreislied bekennen wir:
Wenn die Meere toben, Winde wehn, werd ich mit dir übers Wasser gehen.
Du bist König über Wind und Flut.
Mein Herz wird still, denn du bist gut.10
Gott ist gut. Nicht nur, wenn die Sonne scheint und der Kaffee heiß und lecker ist. Auch im Sturm, im Regen und wenn die Wellen und das Chaos über unserem Kopf zusammenschlagen. Ist das ein Lippenbekenntnis oder eine Glaubensüberzeugung? Theoretischer frommer Wunsch oder fester Grund, auf dem ich stehe? Denn wenn mein Kopf, mein Herz und mein Körper das glauben, dann könnte doch alles in mir in dem Wissen um diesen meinen Gott zur Ruhe kommen! Oder bleibe ich getrieben und kämpfe, weil ich letzten Endes lieber selbst bestimmen möchte, was ich haben will, anstatt mir das schenken zu lassen, was ich haben soll …?
Sich im Angesicht eines Kampfes trotz aller widrigen Umstände entspannen zu können – wie schön wäre das. So wünschenswert. So erstrebenswert. Aber doch so unrealistisch. Denn im Kampf gibt es Gewinner und Verlierer – und ich möchte so gerne Gewinner sein. Dieser Wunsch treibt mich und wirkt aller Ruhe und Gelassenheit entgegen. Ich will es richtig machen. Die richtigen Antworten finden und leben. Die richtigen Entscheidungen treffen und umsetzen. Von mir und anderen anerkannt sein. Erfolgreich sein. Zufrieden sein. Glücklich sein. Und vieles mehr.
Nun bleibt die Frage, ob unsere Definition von »gewinnen« sich mit dem deckt, was Gott als wirklich lohnenswerte Ziele in diesem Leben sieht. Dazu werde ich später im zweiten Teil dieses Buches noch einiges schreiben (»Ich brauche eine Strategie. Oder: Lieber lassen und endlich tun!«). Außerdem ist es unumgänglich, danach zu fragen, wie unser ursprüngliches Lebensland eigentlich beschaffen und erdacht war. Hatte Gott all diese Kämpfe und Schlachten für uns vorgesehen? Oder kamen sie erst später hinzu – und wenn ja, warum halten sie bis heute an? Und um dies zu klären, müssen wir uns erneut auf die Reise machen und zeitlich eine ganze Ecke eher beginnen …
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ZURÜCK AN DEN ANFANG
Wie Gott sich das ursprüngliche Lebensland gedacht hat
Bei all dem, was wir über die Anfänge der Welt nicht wissen, ist eines aber ganz sicher: Als Gott diese Erde gemacht hat, gab es keinen Kampf. Der Garten Eden war eine perfekte Symbiose aus dem, was die Lebewesen darin brauchten, und dem, was sie bekamen. Die Papageien machten ihre Loopings in der Luft, die Wale sprühten große Fontänen aus ihren Atemlöchern, Eichhörnchen kletterten von Ast zu Ast und Grillen sangen dazu ihr fröhliches Gezirpe. Und inmitten dieser Harmonie bekam der Mensch seinen Lebensraum. Er war Teil der Geschöpfe, der Schöpfung, und nahm zugleich doch eine ganz besondere Rolle darin ein. Wer weiß, vielleicht bewegte Gott ähnliche Gedanken in seinem Kopf wie die folgenden:
Nun haben wir so viel Feines gemacht.
Schokolade. Libellen. Mimosen. Pflaumen.
Und Großes.
Elefanten. Die Zugspitze. Den Marianengraben. Blitze.
Und Verrücktes.
Vulkane. Hängebauchschweine. Tornados.
Eine Drachenfrucht.
Und Gelbes.
Die Sonne. Zitronenfalter. Küken. Butterblumen.
Honigmelonen.
Das ist uns wirklich alles gut gelungen.
Ich staune darüber und genieße es.
Aber ich will noch etwas erschaffen.
Etwas Großartiges. Wundervolles. Einmaliges.
Ich will mich selbst übertreffen.
Es soll etwas können.
Häuser bauen können. Trösten können. Hoch springen können. Leben spenden können. Kuchen backen können. Studieren können. Schlafen können. Bücher schreiben und Bücher lesen können. Stricken können. Witze erzählen können. Aus vollem Herzen lachen können. Politik machen können. Multiplizieren können. Kinder erziehen können.
Es soll etwas träumen.
Große Einfälle träumen. Einzigartige Visionen träumen.
Verrückte Ideen träumen. Bunte Träume träumen.
Inspirierende Fantasien träumen.
Es soll etwas erschaffen.
Eine Zukunft, für die es sich zu leben lohnt. Räume, die Gemeinschaft beherbergen. Energie, die andere freisetzt. Eine Realität, die bunt und wild und wunderbar ist.
Es soll etwas geben.
Liebe geben. Geborgenheit geben. Sicherheit und Wärme.
Es soll etwas haben.
Ideen haben. Mut haben. Abenteuerlust haben.
Es soll eine Seele haben. Einen Geist. Ein Herz.
Aber mehr als all das soll es etwas sein. Ein Kunstwerk.
Ein Meisterstück. Die Krone der Schöpfung.
Und weil meine Ideen geradezu explodieren wie ein gewaltiges Feuerwerk, werde ich viele davon machen.
Und jeden einzigartig. Wunderschön. Auf seine Weise gewaltig. Stark und doch verletzlich. Kreativ und doch bedürftig. Einmalig und doch auf der Suche nach Gemeinschaft. Witzig und zugleich ernsthaft. Endlich und doch mit der Sehnsucht nach Ewigkeit tief in sich.
Und ich werde sie lieben. Jeden Einzelnen von ihnen.
Von ganzem Herzen. Weil jeder Einzelne das Prädikat sehr gut bekommt. Und ich werde ihnen begegnen.
Mich ihnen vorstellen. Ihnen meine Hand reichen.
Mit ihnen leben. Und … und hoffen, dass sie meine Liebe erwidern.
Und ich weiß auch, wie ich all das in einer einzigen Kreatur vereinen kann: Ich werde ein Stück meiner selbst in jeden Einzelnen hineinlegen. Sie werden mein Ebenbild sein, mir ähnlich. Und ich werde es Mensch nennen.
Was Gott wichtig war
Ich liebe solche Gedankenspiele, denn sie offenbaren mir etwas über Gottes Herz und seine unglaublich große Liebe zu mir. Ob es so war oder nicht, wissen wir nicht. Aber dennoch können wir an der ersten Schöpfung eine Menge erkennen. Hier sehen wir, was Gott wichtig war, als er uns mit allem versorgte, was unser Lebensland braucht, damit wir darin in vollem Umfang aufblühen können:
Er schuf Licht und Dunkelheit (vgl. 1. Mose 1,3-5.16-18). Und damit verbunden einen Rhythmus, der uns guttut. So vieles in unserem Leben folgt einem wohltuenden und lebenswichtigen Rhythmus: die Jahreszeiten, Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Hunger und Durst, unser Herzschlag und noch vieles mehr. Ein solcher Lebenstakt schenkt uns gleichermaßen Sicherheit sowie Raum zum Geben und Nehmen, zum Schaffen und zum Ruhen. Wir wissen, dass wir stark und schwach sein dürfen, dass wir uns investieren und dann auch wieder Kraft tanken dürfen. Beides ist gut, beides gehört zu uns dazu. Für beides ist eine Zeit vorgesehen.
Er schuf den Himmel und die Erde, Land und Wasser (vgl. 1. Mose 1,6-9). Das heißt, es gab Ordnung. Lebensraum, der nicht für jeden gleich ist. Aber der für jeden das umfasst, was er benötigt. Weil Gott jeden Einzelnen durch und durch kennt und um jedes Bedürfnis weiß. Das wiederum spricht unserer Unterschiedlichkeit Wert zu. Männer sind keine Frauen. Kinder sind keine Erwachsenen. Introvertierte sind nicht extrovertiert. Aber jeder findet ein Land, in dem er sein darf, wie er ist, und eine Ordnung, die seinen Gaben und Eigenschaften entspricht.
Er schuf Pflanzen und Tiere (vgl. 1. Mose 1,11.20-25). Leben in Hülle und Fülle. Unterschiedlichkeit. Großes und Kleines. Zartes und Machtvolles. Jede Menge Abwechslung und jede Menge Grund zum Staunen! Unsere Sinne werden gefordert, unsere Kreativität erwacht zum Leben. Wünsche und Träume werden geweckt, unsere Gabe, sich Dinge vorzustellen, kann sich entfalten, weil das Umfeld sie dazu einlädt.
Er schuf Nahrung (vgl. 1. Mose 1,29-30). Gott versorgte den Menschen auch körperlich und das Gewinnen der Nahrung war ohne Blutvergießen und Teil des gesunden Rhythmus (denn die Menschen sollten Samen und Früchte essen, so, wie die Pflanzen sie hervorbrachten [vgl. 1. Mose 1,29]). Der Mensch darf ganz umfassend sehen, schmecken, fühlen, riechen und erleben: Ich bin versorgt. Keines meiner Bedürfnisse – auch nicht mein Hunger oder mein Durst – ist zu banal, als dass Gott es nicht im Blick hat!
Er schuf Wachstum (vgl. 1. Mose 1,11-12). Wenn etwas wächst, heißt das zum einen, dass es einem lebensspendenden Rhythmus folgt, zum anderen aber auch, dass es sich weiterentwickelt. Es war nicht alles fertig, damals, als Gott diese wunderbare Erde erschuf. Dinge folgten einer verheißungsvollen Dynamik. Man durfte gespannt bleiben, was noch alles Wunderbares in der Zukunft lag. Hier berührt auch die Ewigkeit unsere Herzen. Was Gott macht, macht er gut – und zugleich hält er noch immer Dinge bereit, die wir nie geahnt hätten!
Er schuf Aufgaben (vgl. 1. Mose 1,28). Der Garten Eden war weder ein Spieleparadies noch ein Arbeitslager. Auch die Tätigkeit folgte einem Rhythmus und war vor allem von Sinn und Bedeutung erfüllt. Gott vertraute seine wundervolle Schöpfung der Fürsorge der Menschen an. Sie sollten achthaben, pflegen, beschneiden, leiten, schützen, vorstehen und bewahren. Arbeit im Sinne Gottes, so, wie sie Teil des ersten Lebenslandes war, ist kein Fluch, sondern ein Segen, weil der Mensch hier mit seiner Schaffenskraft und Kreativität Raum findet, um sich zu entfalten. Diese Form des erfüllenden Tuns gibt uns Wert – und zwar einen Wert, der nicht auf dem Ergebnis unseres Tuns fußt (hast du es geschafft, bist du gut; hast du versagt, bist du schlecht), sondern der die Grundlage für unser Tun ist (du bist wertvoll, darum übertrage ich dir Verantwortung).
Und nicht zuletzt schuf er Gemeinschaft (vgl. 1. Mose 2,18-23; 3,8). Die Tiere lebten untereinander in Frieden und Einheit, Mensch und Tier begegneten sich respektvoll, Mann und Frau waren füreinander bestimmt und Gott selbst suchte die Nähe und den Austausch von Herz zu Herz mit seinen Geschöpfen. Hier begegnet Gott unserer Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Wir passen zu jemandem, wir können lieben und werden geliebt. Hier finden wir Identität – weil es keine skeptische Distanz gibt und keine Sorge, Ablehnung zu erfahren.
Die eigene Sehnsucht nach dem Paradies
Was für ein Lebensland. Kannst du es vor deinem inneren Auge sehen? So satt, so reich, so bunt, so gut, so lebenswert. Bis an die Grenzen gefüllt mit Sinn, Zufriedenheit und Weite. Wenn ich im frühen Morgengrauen auf das Land hinter unserem Haus schaue, dann bekomme ich eine leise Ahnung davon, wie es einst gewesen sein könnte. Und in mir wächst die Sehnsucht, ein bisschen davon schon heute zu erleben:
• einen gesunden Rhythmus, der meinen wechselnden Bedürfnissen Raum gibt;
• eine Ordnung, die mich nicht einengt, sondern mir durch klare Grenzen hilft, Halt zu erleben und mich zu entfalten, ohne mich zu überfordern;
• Vielfalt, die mich wieder staunen, träumen und kreativ werden lässt;
• köstliche Speisen, die mich an Geist, Seele und Leib gesund versorgen;
• Wachstum, das meine Erwartung auf noch mehr weckt und mich immer wieder zum Staunen bringt;
• Arbeit, die nicht meinen Wert bestimmt, aber die mich erfüllt und meinen Gaben entspricht;
• Gemeinschaft, die Leben verheißt und in der ich mich fallen lassen darf, weil ich bedingungslos dazugehöre;
Das Lebensland, das Gott zu Beginn aller Zeiten erschuf, war das vollendete Zusammenspiel aus Bedürfnis und Erfüllung. Adam und Eva wachten jeden Morgen auf und erlebten, wie sie in vollem Umfang gesehen, geachtet, geliebt, wertgeschätzt, gefordert und gebraucht wurden. Sie wussten: Der, der uns gemacht hat, ist vertrauenswürdig. Bei ihm finden wir alles, wonach unser Herz sich sehnt, denn er selbst ist all das, was das Leben reich macht. Ihr Vertrauen war ungetrübt, ihr Glaube rein, ihre Erfahrungen durch keinen Schatten verdunkelt.
Paradies mit Notausgang
Aber Gott sorgte für noch etwas, was auf den ersten Blick vielleicht komisch wirkt: Er sorgte für die Möglichkeit, sich entscheiden zu können. Er ließ mitten in diesem Garten zwei besondere Bäume wachsen: den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Schlechten (vgl. 1. Mose 2,9). Und an beide Bäume war das Verbot gekoppelt, nicht von ihren Früchten zu essen. Warum war das so wichtig? Warum hat er es nicht dabei belassen, dass er und nur er entscheidet, was gut für seine Menschen ist und was nicht?
Schauen wir uns vor allem den Baum der Erkenntnis einmal genauer an. Gott sagt, dass Adam und Eva durch das Essen der Frucht das Wissen darüber bekommen, was gut und was schlecht ist. Hast du schon mal überlegt, dass das eigentlich völlig absurd ist? Im Garten Eden gab es doch überhaupt nichts Schlechtes! Hier gab es das reinste, das prallste, das erfüllteste Leben, das man sich überhaupt nur vorstellen kann. Kein Krieg, keine Lüge, keine Sorgen, kein Missbrauch, kein Mangel, keine Ängste, kein Versagen. Was sollte an diesem Erkenntnisgewinn und somit dem Baum überhaupt attraktiv für die beiden sein?
Es ging bei dem Baum der Erkenntnis also zunächst eigentlich gar nicht um das Ergebnis seiner Wirkung, sondern vielmehr um die an ihn geknüpfte Bitte Gottes: Esst nicht davon. Akzeptiert mein Nein, auch wenn ihr es umgehen könnt. Vertraut mir, dass alles hier im Garten zu eurem Besten dient und dass ihr nichts anderes braucht. Glaubt meinen Worten, dass ich euch immer mit allem versorge, was ihr benötigt – und weit darüber hinaus. Lernt mein Herz kennen und lieben und seht, dass es vollkommen gut ist. Erwartet alles von mir! Ich beschenke euch mit Leben, das reicher nicht sein könnte. Sogar, wenn es ein Nein umfasst!
Und damit wären wir auch bei dem Grund für diesen Baum: Er gibt Adam und Eva die Möglichkeit, Gott aus freien Stücken zu vertrauen. Seinen Worten Glauben zu schenken und ihnen zu gehorchen, obwohl sie anders hätten handeln können. Wäre der Baum gar nicht da gewesen, wären ihr Gehorsam und ihr Glaube nur ein Ergebnis mangelnder Entscheidungsfreiheit gewesen – und somit letztendlich Zwang und Unfreiheit. Aber durch den Baum der Erkenntnis stellt Gott seine geliebten und umsorgten Menschen in die Freiheit, sich für oder gegen sein Wort und seinen Willen entscheiden zu können. Seine Wege oder eigene Wege gehen zu können. Ein Lebensland in Gemeinschaft oder ein Lebensland in Autonomie zu wählen. Und genau darum weiß der Feind und macht es sich bitterböse zunutze …
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UND WEITER GEHT‘S MIT DEM CHAOS
Wie das Chaos in die Welt kam und welche Auswirkungen das heute noch auf mich hat
Ich mag Instagram. Und ich hasse Instagram. Ich meine behaupten zu können, dass ich nicht sehr viele Laster habe. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, es gibt auch sonst keine fragwürdigen Abhängigkeiten (gut, mein Mann würde an dieser Stelle noch hinzufügen, dass ich gerne »Der Bachelor« gucke, aber mit dem Laster kann man leben, oder?). Instagram übt aber eine gewisse Faszination auf mich aus, sodass es an manchen Tagen wesentlich mehr Raum einnimmt, als nötig oder gut wäre. Da ich keine Influencerin bin und sich die Zahl meiner Follower in Grenzen hält, bin ich nur ab und an damit beschäftigt, meinen Feed mit wunderschön gefilterten Bildern und schlauen Texten zu füttern. Vielmehr scrolle ich mich durch die Fotos von Familien, Wohnzimmern, Fitnessstudios, Hobbys, Urlauben und Freizeitbeschäftigungen anderer. Auch wenn das Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram eine nette Idee ist, so müssen wir doch alle ehrlich zugeben, dass dort selten ein zerstrittenes Ehepaar, dunkle Augenringe nach einem Migräneanfall oder der Spülberg in der Küche verewigt werden. Und wenn doch, dann wird es so nett mit Filtern bearbeitet und mit fein-tiefsinnigen Untertiteln versehen, dass man das Gefühl bekommt, unbedingt auch mal den schlechten Tag des anderen erleben zu müssen, weil der so schön ist …
Es kann nun sein, dass ich mich gut gelaunt an einem sonnigen Tag bei einem leckeren Stück Kuchen in unserem blühenden Garten in die Instagram-Paradies-Welt begebe und nach nur wenigen Minuten leise, aber deutliche Veränderungen in meiner Stimmung und meiner Gefühlswelt erlebe. Boah, hat der andere schöne Deko. Boah, ist die schlank. Boah, was für coole Klamotten. Boah, schon wieder ein neues Auto. Boah, auf die Insel würde ich auch gerne mal. Boah, wie talentiert. Boah, boah, boah. Die reale Welt um mich herum wird plötzlich grau, langweilig, fad. Wo ich lebe? Peinlich. Wie unser Haus aussieht? Kein bisschen stylish. Was ich kann? Maximal durchschnittlich. Unsere Ziele? Nicht erwähnenswert.
@eva_liebt_adam_wendennsonst
Ich weiß nicht, wie es Eva ergangen wäre, wenn sie schon Instagram gehabt hätte (vermutlich nicht so schlecht wie uns heute, weil sie mit @adamthefirst und @dreisindeins genau zwei Follower hätte haben können und auch die Auswahl der Bilder – »Rehe in der Abendsonne«, »Durstig wie ein Büffel«, »Wunderschöner Klatschmohn« oder »Oh, ein Kolibri!« – wahrscheinlich überschaubar gewesen wäre), aber letztendlich ist das, was sie bei der Begegnung mit der Schlange im Paradies erlebte, dasselbe, was mir mit dem Handy in der Hand und dem Blick auf mein Leben immer wieder passiert: Ich lasse mich verwirren, ich werde unzufrieden und ich schäme mich.
Genau diese drei Dinge kamen nämlich mit der Entscheidung der ersten beiden Menschen, gegen Gottes Willen zu handeln, ins Paradies: Verwirrung, Unzufriedenheit und Scham. Und sie veränderten alles – bis heute.
Lass uns zunächst noch einmal kurz ins Paradies schauen, bevor Eva die Frucht des Baumes nimmt. Alles ist so klar. Die Menschen sind wundervoll und kunstvoll gemacht. Ihr Schöpfer hat einen Teil seiner selbst in sie hineingelegt, was ihnen Wert und Sinn verleiht. Es gibt Ordnungen und Systeme, die guttun, die funktionieren, die nicht einengen und die Raum für Entwicklung und Kreativität geben. Die Gemeinschaft aller Kreaturen ist ungetrübt und die Liebe zueinander rein. Jeder kann und will einfach der sein, der er ist, weil es keinen Zweifel daran gibt, dass es genau so richtig und gut ist. Es gab keine Kämpfe, keine schlechten Erfahrungen, keinen Mangel. Bedürfnisse erlebten ihre Erfüllung – durch Gottes Güte und seinen überfließenden Segen. Das perfekte Lebensland.
Nun nutzt der Teufel die Möglichkeit des Menschen, eine eigene Entscheidung zu treffen, schamlos aus. Und damit die Entscheidung des Menschen den Interessen des Teufels entspricht, bringt er die Klarheit und Echtheit des Paradieses ins Wanken.
»Hat Gott wirklich gesagt …?« (1. Mose 3,1).
Alles steht Kopf
Im Altgriechischen ist das Wort für den Teufel Diabolos. Dies setzt sich zusammen aus dia – »auseinander« – und bállein – »werfen«. Man könnte dies also auch mit »Durcheinanderwerfer«, »Verwirrer« oder »Faktenverdreher« übersetzen. Er ist der Urheber jeder Verwirrung, jeder Lüge, aller alternativen Fakten.
Bei seiner Begegnung mit Eva kommt all das in seiner reinsten Form zum Tragen. Er wählt die Angriffsmethode Nummer 1 und stellt Geordnetes auf den Kopf und Gottes Wahrhaftigkeit infrage.
»Hat Gott wirklich gesagt …?«
Ich möchte im zweiten Teil dieses Buches noch näher auf die Strategie des Teufels, uns durcheinanderzubringen, eingehen, aber an dieser Stelle doch schon in einige erste Gedanken hineinführen. Wenn wir die Kampffelder unseres Lebens anschauen, werden wir immer eine Gemeinsamkeit feststellen, wie sich der Feind Zugang zu unserem Lebensland verschafft hat:
Er hat es geschafft, Wahrheiten durcheinander zu bringen, er konnte unsere Klarheit verwirren und so bekam unser Vertrauen in Gott und, dass er immer gut ist, Risse.
Sobald es dem Teufel gelang, die Dinge in unserem Leben durcheinanderzubringen, hatte er seinen Fuß in der Tür.
Im Garten Eden beziehen in diesem Moment die feindlichen Truppen ihre Posten, obwohl Eva keine Ahnung hat, wie weitreichend die Folgen ihres Tuns sein werden. Und auch in unserem Leben verläuft es ähnlich: Wenn wir es zulassen, dass der Feind die Klarheit und Glaubwürdigkeit der Worte Gottes anzweifeln darf, werden die Folgen weiter reichen, als uns wahrscheinlich bewusst und lieb ist. Der Krieg beginnt, wenn auch oft auf leisen Sohlen.
Schlechte Konstellation
Auf den Faktor »Durcheinanderbringer« muss ein weiterer Faktor treffen, damit das Chaos seinen Lauf nimmt: die, die sich durcheinanderbringen lassen.
Wäre Eva tatsächlich in vollem Umfang davon überzeugt gewesen, dass Gott uneingeschränkt gut ist, hätte die Schlange bei ihr mit ihrem Anliegen auf Granit gebissen. Eva hätte mit einer klaren Antwort dem Teufel die Tür vor der Nase zuschlagen können und er hätte sich das Paradies bestenfalls noch von außen anschauen können. Aber sie lässt kleine Zweifel zu und die Tür einen Spaltbreit offen. Und auch ein noch so kleiner Spalt ist für den Teufel die herzliche Einladung, bitte doch noch mehr Verwirrung zu stiften.
»Hat Gott wirklich gesagt …?«
Ja, hat Gott wirklich? Neiiiin, hat er nicht. Obwohl … Warte kurz … Hmmm … Sollte er vielleicht doch?
Wir lassen uns durcheinanderbringen. Hegen Zweifel. Lassen uns verunsichern. Stellen infrage – allerdings leider oft das Falsche. Auch unserem Umgang mit der Strategie des Durcheinanderbringens möchte ich im zweiten Buchteil mehr Aufmerksamkeit widmen. Dennoch auch hier schon ein paar erste Gedanken dazu. Hast du dir mal überlegt, wie die Geschichte weitergegangen wäre, wenn Eva einen kühlen Kopf und die nötige Distanz zu Schlange und Zweifel gewahrt hätte?
»Hat Gott wirklich gesagt …?«
»Nein, hat er nicht. Er hat einen Wunsch geäußert und hat damit unser Wohl im Blick. Dessen bin ich mir sicher – weil ich ihn bisher als vollkommen vertrauenswürdig und gut erlebt habe. Warum sollte sich das ändern? Und wer bist du eigentlich? Ich kenne dich gar nicht und habe auch kein Interesse an einem Gespräch mit dir, geschweige denn an deinen Spielchen. Darum beende ich unsere Unterhaltung jetzt und hier.« Abgang Eva. Wäre doch auch ein durchaus schlauer Umgang mit der Situation gewesen. Und auch gar nicht abwegig. Kam Eva aber leider nicht in den Sinn.
(Zu) viel räumliche Nähe, viel innerer Zweifel, viel unendliche Liebe
Obwohl ich die Geschichte von Adam und Eva schon unzählige Male gelesen habe, sind mir doch in letzter Zeit drei Dinge ganz neu aufgefallen.
Warum hielt sich Eva eigentlich in der Nähe des Baumes auf, von dem sie nicht essen sollte? Denn als die Schlange mit ihr ins Gespräch kommt, fällt ihr Blick auf die wunderschön saftigen Früchte des Baumes, und die Versuchung ist perfekt. Sie muss also irgendwie im Umfeld des Baumes gewesen sein. Ich stelle fest, dass (vielleicht geprägt durch fragwürdige Flanellbildchen aus meiner Kindergottesdienst-Vergangenheit, vielleicht aber auch durch falsche Assoziationen, die meine Synapsen ungefragt hergestellt haben) der Garten Eden in meinem Kopf nicht besonders groß war und dass außer dem unglaublich mächtigen und dicht mit leuchtenden Früchten behangenen Baum der Erkenntnis auch nicht viele andere Bäume dort standen. Aber lesen wir die Geschichte aufmerksam, muss es ganz anders gewesen sein.
In 1. Mose 2,8-9 steht, dass es dort alle Arten von Bäumen gab – Kokospalmen, Kiefern, Pflaumenbäume, Eichen, Affenbrotbäume, Mangobäume, Feigenbäume, Mammutbäume, Kirschbäume, Kakaobäume – und dass sie prächtig waren und ihre Früchte alle verschieden und sehr lecker. Außerdem gab es ja noch unendlich viele andere Pflanzen, Büsche, Blumen und Tiere, die für genügend Ablenkung und Erntevergnügen sorgten. Ein riesiger Garten, ein großzügiges Lebensland mit unzähligen Plätzen und Möglichkeiten. Aber Eva hält sich in der Nähe des verbotenen Baumes auf. Er übte wohl doch irgendwie eine Faszination auf sie aus. 20 oder 200 oder 20 000 erlaubte Bäume. Ein verbotener. Einer, der sie auf die Probe stellt. Einer, von dem sie besser Abstand gewonnen hätte. Aber wo genau ist sie zu finden? Genau.
Und wo findet man mich in meinem Land? Mitten in den grünen Wäldern, bei den blühenden Feldern, in Gemeinschaft mit anderen Lebewesen? Oder doch gerne auch an dem verbotenen Baum? Dem Baum, dessen Früchte mir verwehrt bleiben? Mit sehnsüchtigem Blick auf das, was ich nicht haben kann? Wo mir das Wasser im Mund und das Unverständnis im Herzen zusammenlaufen, ich mich so ungerecht behandelt fühle, weil ich nicht zugreifen darf? Das kann bei jedem etwas anderes sein: bei dem einen ist es die Lebenssituation als Single, bei dem anderen das Ausbleiben von Macht oder Anerkennung, bei dem Nächsten vielleicht die Sehnsucht nach dem großen Geld. Und dabei geht es hier nicht mal um die Sachen an sich (denn auch der Baum der Erkenntnis war ja an sich kein schlechter Baum), sondern vielmehr darum, dass ich mich mit einer Grenze oder einem »Nicht-haben-Dürfen« nicht abfinden kann. Ich fürchte, dass ich mich an diesem Baum immer wieder aufhalte – und der Feind seinen Posten schon bezogen hat, um mir und meiner Unzufriedenheit mit seiner Heimtücke zu begegnen …
Eine zweite Entdeckung ist diese: Im Garten Eden gab es bisher noch nichts Schlechtes. Bedürfnis und Erfüllung trafen in vollem Umfang aufeinander. Es gab keine schlechten Erfahrungen, keine bitteren Erinnerungen. Eva und Adam hatten noch nie ein Erlebnis, bei dem sie Gott nicht verstanden hatten. Kein Leid. Keine Not. Keine unbeantworteten Fragen. Gott hatte sich zu hundert Prozent als vertrauenswürdig und liebevoll erwiesen. Und dennoch fallen die Samen des Zweifels bei Eva und Adam auf fruchtbaren Boden. Ist das nicht unglaublich seltsam und verrückt? Sie lassen völlig unberechtigte Fragen und absolut grundlose Zweifel überhandgewinnen. Das, was der Teufel ihnen vorgaukelt, entbehrt jeder Logik und jeder Grundlage. Aber dennoch gelingt es ihm, bei den beiden anzudocken und sich Zutritt zu ihrem Lebensland zu verschaffen.
Der Mensch lässt seinen Fokus verschieben: weg vom Weiten, vom Guten, von der Freiheit und hin zum Engen, zum Kleinen, zur Rebellion. Mit unserem zeitlichen Abstand und aus unserer heutigen Sicht mit unserem Drumherumwissen im Hinterkopf – ziemlich dumm. Aber Hand aufs Herz: Verfolgt der Teufel in unserem Lebensland nicht ganz ähnliche Strategien und ist damit ziemlich erfolgreich?
Natürlich sind wir mit Erfahrungen und Erinnerungen und Erlebnissen »vorbelastet«. Wir verstehen Gott nicht immer und finden auf so manche Frage keine Antwort. Wir kennen Leid durchaus und mussten manchen Verlust oder Misserfolg verzeichnen. Aber ich glaube, dass die Zweifelstüren und Misstrauenstore, die wir offen stehen lassen, manchmal gar nicht viel mit der Realität zu tun haben und oft jeglicher Grundlage im wahren Leben widersprechen. Denn wenn ich bei mir eine ehrliche Sorgen-Bilanz ziehe, dann bange ich doch nicht um meine Gesundheit, weil ich schon mal sterbenskrank war, und stelle auch Gottes Großzügigkeit nicht infrage, weil ich dauernd am Hungertuch nage. Im Gegenteil: Ich habe unendlich viele gute, vertrauenerweckende und lebensspendende Erfahrungen gemacht – und lasse dennoch zu, dass der Teufel seine Argwohn-Pflänzchen bei mir züchten darf. Ob das so viel schlauer ist als Adam und Eva es waren …?
Eine dritte Beobachtung lässt mich staunen, grübeln, stutzen: Da Gott ewig und allwissend ist, wusste er auch, wie die Geschichte mit dem Baum der Erkenntnis ausgeht. Er war nicht überrascht, dass die Menschen sich gegen ihn entschieden! Sicher war er traurig, wie die Dinge ihren Lauf nahmen – aber zu keinem Moment war er aus dem Konzept gebracht. Denn sein Versöhnungsplan mit den Menschen stand schon damals fest. Seine Liebe war zu keinem Zeitpunkt getrübt. Sein Wunsch nach Nähe zu jedem Einzelnen fast übermächtig – obwohl er keinen von uns je nötig hatte.
Ich stelle mir vor, wie Gott abgewogen hat: Im Paradies war es so schön. So hätte es für immer bleiben können – wenn er den Baum der Erkenntnis gar nicht erst gepflanzt hätte. Es hätte keine Schuld gegeben. Keine Trennung zwischen ihm und den Menschen. Es hätte nicht des Opfertodes seines Sohnes bedurft, um für die Sünden der Menschen zu bezahlen. Niemand hätte je verloren gehen müssen.
Hätte, hätte, hätte.
Aber es wäre eben auch keine Liebe aus freien Stücken gewesen. Dann lieber eine schlechte Entscheidung als gar keine Entscheidung. Wie sehr muss Gott den Menschen lieben, dass er diese Entscheidung zulässt und damit diesen langen, steinigen, aufwendigen Weg geht – übrigens immer in dem Bewusstsein, dass noch lange nicht jeder Mensch das Opfer seines Sohnes annehmen und zu ihm zurückkommen wird. Aber nichts konnte ihn abhalten. Eine größere Liebe gibt es nicht.
Neue Spielregeln
»Hat Gott wirklich gesagt …?«
Mit diesem Satz begegnet der Durcheinanderbringer denen, die sich durcheinanderbringen lassen. Im Garten Eden zum ersten Mal und bis heute unzählige Male.
So kamen Verwirrung und Misstrauen in das bis eben noch perfekte Lebensland. Und am Ende standen Adam und Eva mitten in ihrem selbst gewählten Desaster und schämten sich (vgl. 1. Mose 3,7). Dies führte dazu, dass sie sich vor Gott versteckten – letztendlich hatte der Baum ihnen tatsächlich das gewünschte Ergebnis gebracht: Sie konnten nun unterscheiden, was gut und was schlecht ist. Und sie wussten jetzt ganz genau, dass das, was sie getan hatten, schlecht war. Außerdem wurde ihnen der große Graben zwischen dem wahren Gott und ihrer eigenen Möchtegern-Gottheit bewusst. Unglaublich, wie hinterlistig die Schlange sie aufs Kreuz gelegt hatte! Noch mal langsam, um sich wirklich bewusst zu machen, was hier gerade passiert: Es gab bisher nichts Schlechtes. Dann lockte die Schlange Adam und Eva mit der Aussicht darauf, so zu sein wie Gott und Gut und Schlecht unterscheiden zu können. Und die beiden ließen sich darauf ein. Als sie erkannten, dass sie genau diese Fähigkeit nun hatten, begriffen sie im selben Moment, dass ihre Tat das erste Schlechte war, was es überhaupt je gegeben hatte. Unendlich dumm gelaufen …
Neue Bedingungen bedürfen neuer Spielregeln – und die stellte Gott auf, als er Adam und Eva am Abend hinter einem Feigenbaum mit rotem Kopf und gesenktem Blick vorfand. So lesen wir in 1. Mose:
Dann sprach er zu der Frau: »Mit großer Mühe und unter Schmerzen wirst du Kinder zur Welt bringen. Du wirst dich nach deinem Mann sehnen, doch er wird über dich herrschen.«
Und zu Adam sprach er: »Weil du auf deine Frau gehört und von der verbotenen Frucht gegessen hast, soll der Ackerboden deinetwegen verflucht sein. Dein ganzes Leben lang wirst du dich abmühen, um dich davon zu ernähren. Dornen und Disteln werden auf ihm wachsen, doch du musst dich vom Gewächs des Feldes ernähren. Dein ganzes Leben lang wirst du im Schweiße deines Angesichts arbeiten müssen, um dich zu ernähren – bis zu dem Tag, an dem du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du genommen wurdest. Denn du bist aus Staub und wirst wieder zu Staub werden.«
1. Mose 3,16-19; NLB
Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass sich im Wesentlichen eine Sache ändert: Bedürfnis trifft nun nicht mehr auf umfassende Erfüllung.
Die Frau sehnt sich nach Beziehung, Nähe, Liebe, Aufmerksamkeit und Achtung – und muss doch feststellen, dass sich das Verhältnis zu ihrem Mann zum Negativen verändert hat und sie all das nicht mehr so bedingungslos bekommt. Außerdem wird auch ihre Berufung, Leben zu bringen und zu erhalten, mit großen Mühen verbunden sein. Der Mann hingegen steht in der Verantwortung, seine Familie zu versorgen, und wünscht sich, für seinen Auftrag Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen. Doch auch er wird erleben, dass sowohl auf dem Feld als auch im Lebensland seines Herzens Dornen und Disteln wachsen, die alles schwer machen, was bisher von Leichtigkeit geprägt war.
Und noch ein Zustand wird verändert: Die Beziehung zu Gott ist zerstört. Ungestörte Nähe, reger Austausch, tiefe Liebe sind nun nicht mehr möglich, weil die Entscheidung gegen Gottes Willen das negative Vorzeichen ist, das Adams und Evas Leben nun bestimmt. Sie hatten dem Zweifel an Gottes liebevollem Vaterherz mehr Raum gegeben als dem Vertrauen, und so müssen sie nun erleben, wie Unsicherheit, Sorge, Mühe und Not wie dunkle Wolken über ihrem Paradies aufziehen.
Satte Weite, einladende Freiheit, tiefe Gelassenheit und göttlicher Friede waren gestern.
Kämpfen ist das neue Leben.
Eigentlich wollten Adam und Eva sich »nur« emanzipieren, eigene Entscheidungen treffen, sich nichts vorschreiben lassen. Aber mit dieser Entscheidung führten sie herbei, was Emanzipation von seiner ursprünglichen Wortbedeutung her meint: Sie nahmen sich aus Gottes Hand heraus (emancipatio aus dem lateinischen: e: aus, manus: Hand, capere: nehmen). Und so nahm Gott sie aus dem Garten Eden heraus. Vorerst für immer. Die Tür war zu, kein Weg zurück. Die Entscheidung hatten Adam und Eva getroffen und mit den Konsequenzen mussten sie nun leben.
Auch wenn die vergangenen Zeilen irgendwie etwas melodramatisch klingen, so beschreiben sie doch den Ursprung für den Grundzustand, in dem wir bis heute alle leben. Die Entscheidung, die Adam und Eva getroffen haben, und der Same des Misstrauens, der noch heute in unserem Lebensland tief verwurzelt ist, bestimmen jeden einzelnen Tag unseres Daseins. Und so ist das Leben, wie es ist.
Wir kämpfen: mit uns. Mit unserem Nächsten. Mit Gott.
Wir ringen: um Antworten. Um Bedeutung. Um Sinn.
Wir sehnen uns: nach Liebe. Nach Versöhnung. Nach Heilung.
Pulsuz fraqment bitdi.