Kitabı oxu: «KALEWALA»
Elias Lönnrot
KALEWALA
Published by

Books
- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
musaicumbooks@okpublishing.info
2021 OK Publishing
EAN 4066338114778
Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
Erste Rune.
Zweite Rune.
Dritte Rune.
Vierte Rune.
Fünfte Rune.
Sechste Rune.
Siebente Rune.
Achte Rune.
Neunte Rune.
Zehnte Rune.
Eilfte Rune.
Zwölfte Rune.
Dreizehnte Rune.
Vierzehnte Rune.
Fünfzehnte Rune.
Sechszehnte Rune.
Siebzehnte Rune.
Achtzehnte Rune.
Neunzehnte Rune.
Zwanzigste Rune.
Einundzwanzigste Rune.
Zweiundzwanzigste Rune.
Dreiundzwanzigste Rune.
Vierundzwanzigste Rune.
Fünfundzwanzigste Rune.
Sechsundzwanzigste Rune.
Siebenundzwanzigste Rune.
Achtundzwanzigste Rune.
Neunundzwanzigste Rune.
Dreißigste Rune.
Einunddreißigste Rune.
Zweiunddreißigste Rune.
Dreiunddreißigste Rune.
Vierunddreißigste Rune.
Fünfunddreißigste Rune.
Sechsunddreißigste Rune.
Siebenunddreißigste Rune.
Achtunddreißigste Rune.
Neununddreißigste Rune.
Vierzigste Rune.
Einundvierzigste Rune.
Zweiundvierzigste Rune.
Dreiundvierzigste Rune.
Vierundvierzigste Rune.
Fünfundvierzigste Rune.
Sechsundvierzigste Rune.
Siebenundvierzigste Rune.
Achtundvierzigste Rune.
Neunundvierzigste Rune.
Fünfzigste Rune.
Namenverzeichniß.
KALEWALA, das National-Epos der Finnen,
Vorwort.
Inhaltsverzeichnis
Im Jahre 1682 gab der gelehrte Polyhistor Daniel Georg Morhof in seinem zu Kiel erschienenen Unterricht von der deutschen Sprache wohl zuerst in Deutschland eine Probe der finnischen Volkspoesie, indem er ein aus Bång’s Historia ecclesiastica Sveo-Gothorum entnommenes Bärenlied finnisch nebst einer nicht sehr ansprechenden deutschen Übersetzung mittheilte. Seit dieser Zeit war es also bekannt, daß es eine finnische Volkspoesie gäbe, doch hatte sich dieselbe nur einer zufälligen Beachtung zu erfreuen. Eine solche wurde ihr sogar von dem Meister Göthe zu Theil, dem wir die Bearbeitung eines finnischen Liebesliedes verdanken. In Finnland selbst war der mit Recht hochgefeierte Professor Porthan der erste, der der Volkspoesie eine umfassendere Aufmerksamkeit zuwandte. Unter seinem Einfluß arbeiten Ganander und Lencquist, die in ihren mythologischen Leistungen auf den in den Volksliedern enthaltenen Stoff näher eingehen mußten. Doch blieben diese Versuche alle mehr fragmentarisch. Eine größere Sammlung veranstaltete der Doctor Zacharias Topelius und gab sie in fünf Theilen während der Jahre 1822–1836 heraus. Bereits im Jahre 1820 hatte der Prof. von Becker in der zu Åbo in finnischer Sprache erscheinenden Wochenschrift einen Versuch gemacht eine Menge Lieder über Wäinämöinen in ein Ganzes zu vereinigen. Diesem Beispiele verdanken wir es wahrscheinlich, daß D:r Lönnrot den Gedanken faßte die noch unter dem Volke lebenden Lieder von Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen u. s. w. zu einem Epos zusammenzufügen. Schon in den Jahren 1828 und 1831 machte er verschiedene Wanderungen in Finnland, um seine Runensammlung zu vervollständigen. Ergiebiger waren jedoch seine Reisen außerhalb des eigentlichen Finnlands von dem Jahre 1832 an, namentlich in den von Finnen bewohnten Strecken der Archangelschen Gouvernements. Während nun in Deutschland im Jahre 1834 G. H. von Schröter die bereits 1819 zu Upsala von seinem Bruder finnisch und deutsch gedruckten „finnischen Runen“ für das größere Publikum veröffentlichte, konnte Dr. Lönnrot bereits im nächstfolgenden Jahre (1835) mit seiner Sammlung der epischen Lieder der Finnen hervortreten. Sie erschien in zwei Bänden unter dem Titel Kalewala und umfaßte etwas über 12000 Verse in 32 Gesängen. Die Wichtigkeit dieser Sammlung für die epische Poesie überhaupt wurde von dem berühmten Begründer germanischer Sprach- und Mythenforschung, Jacob Grimm in das hellste Licht gestellt in seinem Aufsatz „über das finnische Epos“ in Hoefer’s Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache, Band I S. 13–55 (1846). Wie Grimm selbst bekennt, ist ihm beim Studium der finnischen Poesie die treffliche schwedische Übersetzung der Kalewala, welche wir dem der Wissenschaft, dem Vaterlande und den Freunden zu früh entrissenen M. Alexander Castrén verdanken (1841) zur Hand gewesen. Ist diese Übersetzung auch eine höchstgelungene, welche bei aller Treue den Eindruck einer selbständigen Schöpfung macht, so ist doch die Zahl derer, denen die schedische Sprache geläufig ist, unter den deutschen Forschern eine sehr beschränkte. Endlich erschien im J. 1845 eine französische Übersetzung von Léouzon Le Duc, die den Wünschen des größeren Publikum’s entgegenkommen sollte. In Deutschland ward bald dieser, bald jener Name für eine zu erwartende Übersetzung genannt. Unterdessen hatte die finnische Litteraturgesellschaft dafür Sorge getragen, daß durch eine umfassendere Sammlung epischer Runen in den verschiedensten Gegenden finnischer Zunge eine neue Ausgabe der Kalewala ebenfalls unter der Redaction von Dr. Elias Lönnrot ins Leben treten konnte. Sie erschien im J. 1849 und umfaßt in 50 Gesängen 22,793 Verse. Eine sehr interessante Beurtheilung derselben ließ Castrén im Bulletin histor. philol. der Akademie der Wissenschaften Band VII N:o 20, 21 abdrucken. Seinem Einflusse hauptsächlich ist das Entstehen vorliegender Übersetzung zuzuschreiben. Er trug Sorge, daß mir die einzelnen Bogen der neuen Ausgabe während des Druckes von der finnischen Litteraturgesellschaft zugesandt wurden, so daß ich die Übersetzung bald nach dem Erscheinen des Originals gegen Ende des Jahrs 1849 beendigen konnte. Im nächstfolgenden Jahre wanderte die Handschrift nach Helsingfors, wo die Litteraturgesellschaft auf Betrieb Castrén’s für eine Revision der Übersetzung sorgte, an welcher Castrén selbst manchen Antheil hatte. Endlich war die Arbeit druckfertig, fand jedoch erst gegen Ende des vorigen Jahrs einen Verleger an der ältesten Buchhandlung Finnlands. Da der Druck in Helsingfors selbst bewerkstelligt werden konnte, ließ Castrén es sich wiederum angelegen sein, die Correctur zu überwachen, welche er der gewissenhaften Leitung des Herrn Carl Gustav Borg übertrug, der als gewandter Übersetzer und gründlicher Kenner der finnischen Poesie sehr viel dazu beigetragen hat, vorliegende Übersetzung von ihren Mängeln zu reinigen. Und dennoch ist so manches Mangelhafte stehen geblieben. Mein Trost ist der, daß nach mir Andere kommen werden, welche das Werk weiter fördern werden. Einstweilen beurtheile man meinen Versuch mit Nachsicht und entschuldige namentlich die kleineren Druckversehen, welche sich bei meiner Entfernung vom Druckort nicht ganz verhüten ließen.
St. Petersburg den September 1852.
A. Schiefner.
Inhaltsverzeichniß.
| I. | Eingang V. 1–102. Die Tochter der Luft läßt sich ins Meer hinab, wo sie von dem Winde und den Wogen geschwängert zur Wassermutter wird 103–176. Eine Ente baut ihr Nest auf ihrem Knie und legt dort Eier 177–212. Die Eier rollen ins Meer hinab und zerbrechen, aus ihren einzelnen Theilen entstehen Erde, Himmel, Sonne, Mond und Sterne 213–244. Die Wassermutter schafft Landzungen, Busen, Uferland, Tiefen und Untiefen des Meeres 245–280. Wäinämöinen wird von der Wassermutter geboren und treibt lange auf den Wogen einher, bis er endlich ans Ufer gelangt 281–344. | S. 1–5. |
| II. | Wäinämöinen steigt ans Land, das baumlos ist und läßt Sampsa Pellerwoinen Bäume säen 1–42. Die Eiche will anfangs nicht gedeihen, als sie aber nach wiederholtem Säen endlich üppig emporschießt, breitet sie sich über die ganze Gegend aus, so daß die Strahlen der Sonne und des Mondes nicht durchdringen können 43–110. Ein kleiner Mann steigt aus dem Meere und fällt die Eiche; worauf Sonne und Mond wieder zum Vorschein kommen 111–222. Vögel singen in den Bäumen, Kräuter, Blumen und Beeren wachsen auf dem Boden, nur die Gerste wollte noch nicht gedeihen 223–236. Wäinämöinen findet einige Gerstenkörner in dem Sande am Ufer, fällt die Waldung und läßt nur eine Birke als Ruheplatz für die Vögel stehen 237–262. Aus Dankbarkeit dafür schlägt der Adler ihm Feuer an, womit die Waldung verbrannt wird 263–284. Wäinämöinen säet Gerste, sendet Gebete um Wachsthum empor und hofft das beste Gedeihen 285–376. | S. 6–10. |
| III. | Wäinämöinen wird durch seinen Gesang und seine Weisheit berühmt 1–20. Joukahainen macht sich auf, um mit ihm im Gesange zu wetteifern; da er es nicht vermag, fordert er ihn zum Zweikampf heraus, den Wäinämöinen zurückweist und Joukahainen in den Sumpf zaubert 21–330. Dort geräth Joukahainen in große Drangsal und verspricht endlich dem Wäinämöinen ihm seine Schwester zur Ehe zu geben, was Wäinämöinen annimmt und ihn wieder aus dem Sumpfe läßt 331–476. Schlimmgelaunt geht Joukahainen nach Hause und berichtet seiner Mutter, wie es ihm schlimm auf seiner Reise gegangen sei 477–524. Die Mutter freut sich, als sie hört, daß sie Wäinämöinen zum Schwiegersohn bekommt, die Tochter aber kommt in trübe Stimmung und beginnt zu weinen 525–580. | S. 11–17. |
| IV. | Wäinämöinen bewirbt sich um Joukahainen’s Schwester, als er sie im Busche trifft 1–30. Weinend eilt das Mädchen nach Hause und berichtet es der Mutter 31–116. Die Mutter verbietet ihr zu trauern und fordert sie auf sich zu freuen und sich stattlich anzukleiden 117–188. Das Mädchen weint und weint und sagt, daß es keinem alten Manne als Gattin zu Theil werden wolle 189–254. Sorgenvoll geht sie in den Wald, eilt zum Meeresstrande, will sich baden und sinkt ins Wasser 255–370. Die Mutter weint Tag und Nacht über den Verlust der Tochter 371–518. | S. 18–24. |
| V. | Wäinämöinen will Joukahainen’s Schwester aus dem Meere auffangen und bekommt sie in Fischgestalt an seine Angel 1–58. Er will den Fisch in Stücke schneiden, dieser entkommt aber ins Meer und erklärt, wer er eigentlich sei 59–133. Vergebens bemüht sich Wäinämöinen mit Worten und Netzen den Fisch wieder in seine Gewalt bekommen 134–163. Niedergeschlagen geht er nach Hause und läßt sich von seiner Mutter rathen, nach dem Nordland zu gehen, um dort zu freien 164–241. | S. 25–27. |
| VI. | Joukahainen trägt Haß gegen Wäinämöinen und lauert ihm auf, als er nach dem Nordland zieht 1–78. Er sieht ihn durch den Fluß reiten und schießt auf ihn, trifft jedoch nur sein Pferd 79–182. Wäinämöinen stürzt ins Wasser; ein heftiger Sturmwind trägt ihn hinaus auf den Meeresrücken, Joukahainen aber meldet seine That der Mutter 183–234. | S. 28–30. |
| VII. | Wäinämöinen schwimmt mehrere Tage auf dem offenen Meere, der Adler trifft ihn dort an und noch immer dankbar dafür, daß Wäinämöinen die Birke beim Fällen der Waldung stehen ließ, nimmt er ihn auf seinen Rücken und trägt ihn an den Strand des Nordlands, von wo ihn des Nordlands Wirthin in ihre Behausung nimmt und ihn auf das Beste empfängt 1–274. Wäinämöinen hat dennoch Verlangen nach seiner Heimath, des Nordlands Wirthin will ihn aber nicht allein dahin ziehen lassen, sondern ihm auch die Tochter zur Ehe geben, falls er ihr den Sampo schmieden könne 275–322. Wäinämöinen verspricht, daß er in der Heimath angekommen den Schmied Ilmarinen senden werde, damit er den Sampo schmiede und erhält so von ihr sowohl Schlitten als Pferd um nach der Heimath zurückzukehren 323–368. | S. 31–35. |
| VIII. | Auf dem Wege sieht Wäinämöinen die reizend gekleidete Jungfrau des Nordlands und bewirbt sich um sie 1–50. Die Jungfrau will sich endlich seinen Wünschen fügen, wenn er aus den Splittern ihrer Spindel ein Boot zimmert und es ins Wasser bringt, ohne es irgendwie zu berühren 51–132. Wäinämöinen fängt an zu zimmern, schlägt sich aber mit der Axt eine große Wunde ins Knie und kann den Lauf des Blutes nicht stillen 133–204. Er geht um einen Zauberkundigen zu suchen, der ihm das Blut stillen könnte und findet einen alten Mann, der dem Blutstrom Einhalt zu thun verspricht 205–282. | S. 36–39. |
| IX. | Wäinämöinen erzählt dem Alten die Entstehung des Eisens 1–266. Der Alte schilt das Eisen und spricht die Worte des Blutstillens; das Blut hört auf zu fließen 267–418. Der Alte läßt seinen Sohn eine Salbe bereiten, salbt und verbindet die Wunde; Wäinämöinen geneset und danket Gott für die erhaltene Hülfe 419–586. | S. 40–46. |
| X. | Wäinämöinen kommt nach Hause und fordert Ilmarinen auf um des Nordlands Jungfrau zu freien, die er sich erringen könne, wenn er den Sampo schmiede 1–100. Ilmarinen will jedoch nimmermehr nach dem Nordland, Wäinämöinen weiß ihn aber gegen seinen Willen durch List dahin zu bringen 101–200. Ilmarinen kommt nach dem Nordland, wird aufs Beste empfangen und den Sampo zu schmieden aufgefordert 201–280. Ilmarinen schmiedet den Sampo, den des Nordlands Wirthin in des Nordlands Steinberg einschließt 281–432. Ilmarinen verlangt die Jungfrau als Lohn; diese giebt Hindernisse vor und sagt, daß sie noch nicht von Hause könne 433–462. Ilmarinen erhält ein Boot, kehrt heim und erzählt dem Wäinämöinen, daß er bereits den Sampo fertig geschmiedet habe 463–510. | S. 47–53. |
| XI. | Lemminkäinen macht sich auf, um sich um die vornehme Saarijungfrau zu bewerben 1–110. Anfangs verspotten ihn die Saarijungfrauen, werden aber gar bald sehr vertraut mit ihm 111–186. Nur Kyllikki, deretwegen er gekommen, kann er nicht gewinnen, weßhalb er sie endlich mit Gewalt ergreift, in den Schlitten rafft und sich auf den Weg begiebt 187–272. Kyllikki weint und wirft dem Lemminkäinen besonders sein Kriegesgelüste vor; dieser verspricht ihr, nicht in den Krig zu ziehen, falls sie verspräche, nicht an den Tanzesfreuden des Dorfes theilzunehmen; beide beschwören sie ihr Versprechen 273–314. Lemminkäinen’s Mutter freut sich über die junge Schwiegertochter 315–402. | S. 54–58. |
| XII. | Kyllikki vergißt ihren Schwur und begiebt sich ins Dorf, worüber Lemminkäinen gar ärgerlich wird und sie auf der Stelle zu verstoßen und nach dem Nordland auf die Frei zu gehen beschließt 1–128. Die Mutter sucht den Sohn auf alle Weise abzuhalten und sagt, daß ihn dort Untergang treffen könnte; Lemminkäinen, der sein Haar bürstet, wirft voll Ärger die Bürste aus der Hand und meint, daß eben so sehr aus dieser Bürste als aus seinem Leibe Blut fließen werde 129–212. Er rüstet sich, begiebt sich auf den Weg, kommt nach dem Nordland und singt alle Männer fort aus der Behausung des Nordlands; nur einen einzigen garstigen Hirten läßt er unverzaubert 213–504. | S. 59–64. |
| XIII. | Lemminkäinen wirbt bei des Nordlands Wirthin um ihre Tochter, die Alte fordert, daß er zuvor Hiifi’s Elennthier einholen soll 1–30. Lemminkäinen macht sich keck daran, das Elennthier zu jagen, hat es auch schon erreicht, als es ihm wieder entkommt, er aber seinen Schneeschuh zerbricht 31–270. | S. 65–68. |
| XIV. | Lemminkäinen wendet die den Jägern geläufigen Gebete und Zauberworte an, bekommt endlich das Elennthier in seine Gewalt und bringt es nach dem Nordland 1–270. Zweitens wird ihm auferlegt, Hiifi’s feuerschnaubendes Roß zu zügeln; er zügelt es und bringt es nach dem Nordland 271–372. Als dritte Aufgabe wird ihm gestellt, den Schwan aus dem Tuoniflusse zu schießen. Lemminkäinen kommt zum Fluß des Todtenreiches; dort lauert ihm der von ihm mißachtete Hirte auf, tödtet ihn und wirft ihn in den Wasserfall des Todtenlandes. Tuoni’s Knabe haut den Leib in Stücke 373–460. | S. 69–74. |
| XV. | An einem Tage fängt in Lemminkäinen’s Heimath Blut an aus seiner Bürste zu tropfen, woraus die Mutter den Schluß zieht, daß bereits Untergang ihren Sohn ereilt habe; sie eilt nach dem Nordland und frägt von des Nordlands Wirthin, wo sie Lemminkäinen hingethan habe 1–62. Des Nordlands Wirthin gesteht endlich, auf welche Arbeit sie ihn ausgeschickt, und die Sonne giebt ihr genauen Bescheid über den Tod Lemminkäinen’s 63–194. Lemminkäinen’s Mutter geht mit einer langen Harke in der Hand zu den Gewässern unterhalb des Wasserfalls von Tuoni, durchharkt das Wasser, bis sie alle Theile von dem Leibe ihres Sonnes beisammen hat, fügt sie dann zusammen und bringt sie dann vermittelst der Zaubersprüche und der Salben wiederum ins Leben 195–554. Lemminkäinen erzählt, nachdem er zum Bewußtsein gekommen, wie er im Strom des Todtenlandes umgekommen sei und geht mit seiner Mutter nach Hause 555–650. | S. 75–82. |
| XVI. | Wäinämöinen sendet Sampsa Pellerwoinen um Holz für sein Boot zu suchen, zimmert dann das Boot und vermißt drei Worte 1–118. Da er diese nicht anderswoher bekommt, begiebt er sich ins Todtenreich, wo man ihn festzuhalten gedenkt 119–362. Wäinämöinen befreit sich dennoch durch seine Zauberkraft, warnt, als er zurückkehrt, davor, sich dahin zu begeben und erzählt von den Schrecknissen, die daselbst bösen Menschen bevorstehen 363–412. | S. 83–87. |
| XVII. | Wäinämöinen geht die Worte von Antero Wipunen holen und weckt diesen aus seinem tiefen Schlafe unter der Erde 1–98. Wipunen verschlingt Wäinämöinen und dieser beginnt ihn in seinem Leibe auf das Heftigste zu quälen 99–146. Wipunen sucht durch alle nur mögliche Beschwörungen den Unhold los zu werden, Wäinämöinen droht aber, daß er nicht früher von dannen ziehen werde, als bis er von ihm die ihm zur Beendigung des Bootes fehlenden drei Worte erhalten hätte 147–526. Wipunen singt nun dem Wäinämöinen seine ganze Weisheit vor, dieser zieht endlich fort aus dem Leibe, kehrt zu seiner Arbeit zurück und beendigt das Boot 527–628. | S. 88–95. |
| XVIII. | Wäinämöinen segelt in seinem neuen Boote hin nach dem Nordland, um des Nordlands Jungfrau zu freien 1–40. Ilmarinen’s Schwester sieht ihn und spricht mit ihm vom Strande her, erhält Auskunft über seinen Weg und eilt es dem Bruder zu melden, daß ein anderer seiner Braut nachstrebe und er auf seiner Hut sein möge 41–266. Ilmarinen rüstet sich und eilt gleichfalls zu Pferde dem Strande entlang nach dem Nordland 267–470. Als des Nordlands Wirthin die Freier kommen sieht, räth sie der Tochter, den Wäinämöinen zu wählen 471–634. Die Tochter selbst will Ilmarinen, der den Sampo geschmiedet, heirathen und empfängt Wäinämöinen, der früher in die Stube tritt, mit einer abschlägigen Antwort 635–706. | S. 96–104. |
| XIX. | Ilmarinen tritt in des Nordlands Stube, wirbt um die Tochter, es werden ihm gefahrvolle Arbeiten auferlegt 1–32. Durch den Rath der Nordlandsjungfrau besteht er diese Arbeiten glücklich und ackert zuerst ein Schlangenfeld, fängt zweitens den Bären Tuoni’s und den Wolf Manala’s, drittens den furchtbaren Hecht aus dem Strom des Todtenreiches 33–344. Des Nordlands Wirthin verlobt ihre Tochter dem Ilmarinen 345–498. Schlechtgelaunt kehrt Wäinämöinen aus dem Nordland heim und warnt jeden mit einem jüngeren Mann zugleich auf die Frei zu gehen 499–518. | S. 105–111. |
| XX. | In dem Nordland wird ein gewaltig großer Stier zur Hochzeit geschlachtet 1–118. Es wird Bier gebraut und Speise bereitet 119–516. Es werden Boten ausgesandt, um zur Hochzeit einzuladen; nur Lemminkäinen bleibt ungebeten 517–614. | S. 112–119. |
| XXI. | Der Bräutigam und seine Gefolge werden im Nordland empfangen 1–226. Die Gäste werden zur Genüge mit Speise und Trank bewirthet 227–252. Wäinämöinen singt und verherrlicht die Schaar des Hauses 253–438. | S. 120–125. |
| XXII. | Die Braut wird zur Abreise gerüstet und wie an die früheren so an die kommenden Tage erinnert 1–124. Die Braut geräth in Traurigkeit 125–184. Man bringt sie zum Weinen 185–382. Die Braut weint 383–448. Man tröstet sie 449–552. | S. 126–132. |
| XXIII. | Die Braut wird unterwiesen und ermahnt, wie sie in der Wohnung ihres Mannes leben soll 1–478. Eine alte Bettlerin erzählt ihre verschiedenen Lebenserfahrungen als Mädchen, bei dem Manne und nachdem sie von ihm fortgegangen 470–850. | S. 133–143. |
| XXIV. | Der Bräutigam wird ermahnt, wie er seine Braut behandeln soll und ihm gerathen, nicht schlecht mit ihr umzugehen 1–264. Ein alter Bettler erzählt, wie er vormals sein Weib zur Vernunft gebracht habe 265–296. Die Braut ist betrübt, daß sie nun ihre liebe Geburtsstätte auf immer verlassen muß und sagt Allen ein Lebewohl 297–462. Ilmarinen schwingt seine Braut in den Schlitten, macht sich auf den Weg und kommt am Abende des dritten Tages heim 463–528. | S. 144–150. |
| XXV. | Der Bräutigam, die Braut und das Gefolge werden in der Wohnung Ilmarinen’s empfangen 1–382. Die Schaar wird zur Genüge mit Speise und Trank bewirthet; Wäinämöinen singt und preiset den Wirthen, die Wirthin, den Freiwerber, die Begleiterin der Braut und das übrige Gefolge 383–672. Auf dem Heimwege von der Hochzeit bricht der Schlitten Wäinämöinen’s, den er wieder ausbessert und nach Hause fährt 673–738. | S. 151–159. |
| XXVI. | Lemminkäinen voll Ärger darüber, daß er nicht zur Hochzeit eingeladen worden, beschließt dennoch nach dem Nordland zu ziehen, ohne auf das Verbot seiner Mutter und das vielfache Verderben zu achten, daß ihm nach den Worten seiner Mutter daselbst droht 1–382. Er begiebt sich auf den Weg und kommt durch seine Zauberkraft glücklich durch alle gefahrvollen Stellen 383–776. | S. 160–169. |
| XXVII. | Lemminkäinen kommt nach dem Nordland und benimmt sich höchst übermüthig 1–204. Der Wirth des Nordlands geräth in Zorn und da er gegen Lemminkäinen nichts durch seinen Zauber vermag, wendet er sich zum Schwerte 205–282. Bei dem Zweikampfe schlägt Lemminkäinen dem Nordlandswirthen den Kopf von den Schultern; um diesen Mord zu rächen, sendet die Nordlandswirthin ihre Kriegsschaaren gegen ihn 283–420. | S. 170–174. |
| XXVIII. | Lemminkäinen entflieht eiligst aus dem Nordland, kehrt heim und frägt seine Mutter, wo er sich vor dem Nordlandsvolke bergen könne, welches bald in Masse gegen ihn allein erscheinen werde 1–164. Die Mutter verweist ihm den Zug nach dem Nordland, schlägt ihm zuvor diesen und jenen Versteck vor und räth ihm zuletzt sich auf eine Insel jenseits mancher Meere zu begeben, wo zuvor ihr Mann während des großen Kriegsjahres in Frieden gelebt hatte 165–294. | S. 175–178. |
| XXIX. | Lemminkäinen segelt nun übers Meer und kommt glücklich auf die Insel 1–78. Dort lebt er gar frevelhaft mit den Mädchen und Weibern, bis die Männer ergrimmt sich anschicken ihn zu tödten 79–290. Eilends macht sich Lemminkäinen aus dem Staube und verläßt die Insel zu seinem eignen Verdrusse und zu dem der Mädchen 291–402. Auf dem Meere zertrümmert ein heftiger Sturm das Schiff Lemminkäinen’s, er selbst rettet sich schwimmend ans Land, erhält ein neues Boot und gelangt an die Ufer seiner Heimath 403–452. Er sieht das frühere Wohngebäude verbrannt und die ganze Stelle verheert, fängt an zu weinen und zu klagen, zumal da er auch seine Mutter todt glaubt 453–514. Die Mutter lebt aber noch und befindet sich in einem Versteck in dem Walde, wo sie Lemminkäinen zu seiner großen Freude auffindet 515–546. Die Mutter erzählt, wie das Volk des Nordlands gekommen und die Stube in Asche gelegt; Lemminkäinen verspricht neue, noch bessere Stuben zu bauen, wenn er zuvor am Nordlande für seine Mühsal Rache genommen und erzählt seiner Mutter von seinem üppigen Leben während er auf dem Eiland im Versteck lebte 547–602. | S. 179–186. |
| XXX. | Lemminkäinen zieht aufs Neue mit seinem frühern Kampfgenossen Tiera aus, um das Nordland zu bekriegen 1–122. Des Nordlands Wirthin sendet ihnen heftigen Frost entgegen, welcher ihr Boot auf dem Meere einfrieren läßt und auch beinahe die Helden selbst umgebracht hätte, wenn ihn nicht Lemminkäinen mit seinen kräftigen Zauber- und Bannsprüchen davon abgebracht hätte 123–316. Lemminkäinen wandert mit seinem Kampfgenossen auf dem Eise zum Strande, irrt lange in trauriger Lage durch die Wildniß, bis er endlich in seine Heimath gelangt 317–500. | S. 187–192 |
| XXXI. | Untamo erhebt Krieg gegen seinen Bruder Kalerwo, tödtet Kalerwo sammt seiner Schaar, es bleibt nur ein einziges Weib, das gesegneten Leibes ist, von dem ganzen Stamme nach; man führt sie fort und sie gebährt in Untamo’s Behausung den Knaben Kullerwo 1–82. Kullerwo denkt schon in der Wiege an Untamo Rache zu nehmen und Untamo versucht ihn auf verschiedene Art zu tödten, vermag es aber nicht 83–202. Größer geworden verdirbt Kullerwo jegliche Arbeit und Untamo verkauft ihn in seinem Ärger als Knecht dem Ilmarinen 203–374. | S. 193–197. |
| XXXII. | Ilmarinen’s Hausfrau macht Kullerwo zum Hüter ihrer Heerde und backt ihm aus Bosheit einen Stein in seine Wegkost 1–32. Entsendet dann ihre Heerde unter den üblichen Gebeten und Beschwörungen des Bären auf die Weide 33–548. | S. 198–204. |
| XXXIII. | Kullerwo nimmt gegen Abend das Brot aus seinem Ranzen, beginnt zu schneiden und zerbricht zu seinem Leidwesen das Messer, was ihm um so mehr zu Herzen geht, da das Messer ihm als einziges Andenken an seinen Stamm geblieben war 1–98. Er gedenkt an der Wirthin Rache zu nehmen, treibt die Heerde in den Sumpf, sammelt eine Heerde Wölfe und Bären, welche er am Abend nach Hause treibt 99–184. Als die Wirthin sie melken geht, wird sie von den wilden Thiern zerrissen und getödtet 185–296. | S. 205–208. |
| XXXIV. | Kullerwo geht fort von Ilmarinen, wandert kummervoll durch den Wald und erfährt endlich von einer Alten, daß seine Eltern und Geschwister noch am Leben seien 1–128. Er findet sie nach der Anleitung der Alten an den Gränzen der Lappen auf 129–188. Die Mutter erzählt, wie sie ihn bereits längst todt geglaubt und ferner, wie ihre ältere Tochter auf dem Wege zu den Beeren verschwunden sei 189–246. | S. 209–211. |
| XXXV. | Kullerwo beginnt bei seinen Eltern verschiedene Arbeiten zu verrichten, da er jedoch keine Hülfe gewährt, schickt ihn der Vater aus, um die Abgabe für das Land zu entrichten 1–68. Auf dem Heimwege trifft er die ihm unbekannte, auf dem Wege zu den Beeren verschwundene Schwester, die er zu sich lockt und mit sich fortführt 69–188. Als es am nächsten Tage offenbar wird, wer sie sind, stürzt sich die Schwester in den Fluß, Kullerwo eilt nach Hause, erzählt der Mutter sein grauenhaftes Erlebniß mit der Schwester und will auch seinem eignen Leben ein Ende machen 189–344. Die Mutter sucht ihn vom Selbstmord abzubringen und räth ihm in irgend einem Versteck Erleichterung seines Kummers zu suchen, Kullerwo will jedoch vor allen Dingen zuerst an Untamo Rache nehmen 345–372. | S. 212–216. |
| XXXVI. | Kullerwo rüstet sich zum Kriege und verläßt gar leichten Herzens seine Heimath, da dort niemand, außer der Mutter, über seinen etwaigen Tod Kummer zu empfinden behauptet 1–154. Er kommt nach dem Wohnsitz Untamo’s, haut alles nieder und steckt die Stuben in Brand 155–250. Er kehrt heim, findet den Wohnsitz verlassen und kein anderes lebendes Wesen, als einen alten schwarzen Hund, mit welchem er in den Wald geht um sich Nahrung zu schießen 251–296. Auf dem Wege dahin kommt er an die Stelle, wo er seine Schwester zu sich gelockt und macht dort mit dem Schwerte seinem Leben ein Ende 297–360. | S. 217–221. |
| XXXVII. | Lange weint Ilmarinen nach seinem Weibe, schmiedet sich dann aus Gold und Silber eine Frau, die er nach großer Mühe endlich zu Stande und zum Leben bringt 1–162. Er ruht in der Nacht an der Seite der goldenen Braut, findet aber, als er am Morgen erwacht, die Seite, welche er dem goldenen Bilde zugewandt hatte, gar kalt 163–196. Er will die goldene Braut dem Wäinämöinen überlassen, dieser will aber nichts von ihr wissen, sondern giebt ihm den Rath, sie zu andern Dingen zu verschmieden oder in ein anderes Land zu golddürstenden Freiern zu führen 197–250. | S. 222–224 |
| XXXVIII. | Ilmarinen geht nach dem Nordland um sich um die jüngere Schwester seines früheren Weibes zu bewerben, erhält aber nur böse Schmähworte zur Antwort, ergrimmt darüber, raubt das Mädchen und begiebt sich auf den Heimweg 1–124. Auf dem Wege beschimpft die Jungfrau den Ilmarinen und bringt ihn dermaaßen auf, daß er sie zuletzt in seinem Zorn in eine Möve verwandelt 125–286. Darauf kehrt er heim und erzählt dem Wäinämöinen, wie das Nordland im Besitz des Sampo sorgenfrei lebe und zugleich wie seine Brautwerbung abgelaufen 287–328. | S. 225–228. |
| XXXIX. | Wäinämöinen treibt Ilmarinen an mit ihm zusammen nach dem Nordland zu ziehen, um sich des Sampo zu bemächtigen; Ilmarinen geht auf diesen Vorschlag ein und die Helden begeben sich zu Boot auf den Weg 1–330. Lemminkäinen erblickt sie vom Strande aus und als er gehört, wohin sie ziehen, bietet er sich als dritten Mann an; er wird gern als dritter aufgenommen 331–426. | S. 229–234. |
| XL. | Die Sampofahrer kommen an einen Wasserfall und unterhalb des Wasserfalles haftet das Boot auf dem Rücken eines großen Hechtes 1–94. Der Hecht wird getödtet, die obere Hälfte ins Boot geschafft, gekocht und zerstückelt 95–204. Wäinämöinen macht aus den Backenknochen des Hechts seine Kantele, auf welcher der eine und der andere zu spielen versuchte, ohne es jedoch zu vermögen 205–342. | S. 235–239. |
| XLI. | Wäinämöinen spielt die Kantele und alle lebenden Wesen in der Luft, auf der Erde und in dem Meere eilen herbei, um seinem Spiele zu lauschen 1–168. Die Herzen aller werden dermaaßen durch das Spiel bewegt, daß ihnen Thränen in die Augen treten; selbst aus den Augen Wäinämöinen’s fallen große Tropfen herab auf die Erde und rollen ins Wasser, wo sie in schöne bläuliche Perlen verwandelt werden 169–200. | S. 240–243. |
| XLII. | Die Helden kommen nach dem Nordland und Wäinämöinen sagt, daß sie nach dem Sampo gekommen seien; würden sie ihn nicht mit Güte bekommen, so würden sie ihn mit Gewalt entführen 1–58. Des Nordlands Wirthin will ihn weder mit Güte noch mit Gewalt herausgeben und bietet gegen sie das Kriegsvolk auf 59–64. Wäinämöinen ergreift die Kantele, fängt an zu spielen und versetzt mit seinem Spiel das ganze Volk des Nordlands in Schlaf; dann geht er mit seinen Gefährten um sich des Sampo zu bemächtigen; sie schaffen ihn aus dem Steinberg in ihr Boot 65–164. Mit dem Sampo in dem Boote ziehen sie vom Nordland fort und eilen glücklich ihrer Heimath zu 165–308. Am dritten Tage erwacht des Nordlands Wirthin aus ihrem Schlafe und als sie den Sampo entführt sieht, sendet sie einen dichten Nebel, einen starken Wind und andere Hindernisse um die Samporäuber aufzuhalten, bis sie dieselben erreicht hätte; bei dem Sturme fällt Wäinämöinen’s neue Kantele ins Meer 309–562. | S. 244–250. |
| XLIII. | Des Nordlands Wirthin rüstet ein Kriegsboot aus und eilt den Samporäubern nach 1–22. Als sie dieselben einholt, entsteht ein Kampf auf dem Meere zwischen dem Nordland und Kalewala, in welchem letzteres siegt 23–258. Dennoch glückt es der Nordlandswirthin den Sampo aus dem Boot ins Meer zu schaffen, wo er bricht und in Stücke geht 259–266. Die größeren Stücke sinken unter und begründen den Reichthum des Meeres, die kleineren treibt die Fluth ans Ufer, worüber Wäinämöinen froh wird und auch daraus neue Wohlfahrt seiner Heimath hofft 267–304. Des Nordlands Wirthin droht alles Gedeihen aus Kalewala zu schaffen, welche Drohung Wäinämöinen nicht achtet 305–368. Betrübt über den Verlust ihrer Macht kehrt sie nach dem Nordland zurück, wohin sie von dem ganzen Sampo nur den leeren Deckel zurückbringt 369–384. Wäinämöinen sammelt sorgsam die Sampotrümmer am Ufer, läßt sie wachsen und wünscht beständige Wohlfahrt 385–434. | S. 251–25. |
| XLIV. | Wäinämöinen geht um seine ins Meer gefallene Kantele wiederaufzusuchen, kann sie aber nicht wiederfinden 1–76. Er macht sich aus einer Birke eine neue Kantele, auf welcher er darauf spielt und alles erfreut, was sich in seiner Umgebung befindet 77–334. | S. 257–260. |
| XLV. | Des Nordlands Wirthin sendet außergewöhnliche Krankheiten nach Kalewala 1–190. Wäinämöinen heilt das Volk durch zauberkräftige Sprüche und Mittel 191–362. | S. 261–265. |
| XLVI. | Des Nordlands Wirthin hetzt einen Bären auf Kalewala’s Heerden 1–20. Wäinämöinen tödtet den Bären, worauf das bei solcher Gelegenheit übliche festliche Mahl in Kalewala gehalten wird 21–606. Wäinämöinen singt, spielt auf seiner Kantele und hofft für die Zukunft freudiges Leben für Kalewala 607–644. | S. 266–273. |
| XLVII. | Mond und Sonne steigen herab um dem Spiele Wäinämöinen’s zu lauschen; des Nordlands Wirthin bekommt sie in ihre Gewalt, birgt sie innerhalb eines Berges und stiehlt das Feuer aus Kalewala’s Stuben 1–40. Ukko, der Gott in dem Luftraume, empfindet Mißbehagen über die Dunkelheit in dem Himmel und schlägt Feuer zu einem neuen Monde und zu einer neuen Sonne an 41–82. Das Feuer fällt auf die Erde hinab und Wäinämöinen zieht mit Ilmarinen aus, um es zu suchen 83–126. Die Tochter der Luft berichtet ihnen, daß das Feuer in den Alue-See gestürzt und daselbst von einem Fische verschlungen sei 127–312. Wäinämöinen und Ilmarinen ziehen aus um den Fisch mit einem Netz aus Bastschnur zu fangen, was ihnen jedoch mißglückt 313–364. | S. 274–278. |
| XLVIII. | Es wird ein leinenes Netz angefertigt und dann mit diesem ausgezogen um den Fisch, der das Feuer verschluckt hatte, zu fangen; er wird gefangen 1–192. Das Feuer wird im Bauche des Fisches gefunden, eilt aber sogleich wieder davon und richtet Ilmarinens Wangen und Hände übel zu 193–248. Das Feuer greift um sich bis in den Wald hinein, verheert viele Länder und schreitet immer weiter, bis man endlich seiner habhaft wird und es in die dunkeln Stuben Kalewala’s führt 249–290. Ilmarinen erholt sich von den Brandwunden 291–372. | S. 279–283. |
| XLIX. | Ilmarinen schmiedet einen neuen Mond und eine neue Sonne, kann sie jedoch nicht zum Leuchten bringen 1–74. Wäinämöinen erfährt durch das Loos, daß Mond und Sonne sich im Berge des Nordlands befinden, geht nach dem Nordland und haut das ganze Volk dort nieder 75–230. Er geht um Mond und Sonne aus dem Berge zu holen, kann aber nicht hineingelangen 231–278. Er kehrt heim, um sich dort die Geräthschaften schmieden zu lassen, um den Berg zu öffnen. Als Ilmarinen dieselben schmiedet, befürchtet des Nordlands Wirthin, daß es ihr schlimm gehen könne und läßt Mond und Sonne aus dem Berge 279–362. Als Wäinämöinen sie wieder am Himmel erblickt, begrüßt er sie und wünscht, daß sie immer schön emporsteigen und den Ländern Wohlfahrt bringen mögen 363–422. | S. 284–288. |
| L. | Der Jungfrau Marjatta wird ein Knabe geboren 1–350. Als Kind geht er verloren und wird endlich im Sumpfe wiedergefunden 351–424. Ein Alter soll ihn taufen, will den vaterlosen nicht taufen, ehe er besichtigt worden 425–440. Wäinämöinen kommt um ihn zu besichtigen und fällt das Urtheil, daß man ihn tödten müsse doch, das Preiselbeer-Knäblein weiset sein Urtheil, zurück 441–474. Der Alte tauft ihn jetzt zum König von Karjala, worüber Wäinämöinen mißmüthig wird und davonzieht, sagt aber vorher, daß er noch ein Mal einen neuen Sampo, eine neue Kantele und neues Licht schaffen werde; er segelt mit einem kupfernen Boot zu dem Rande des Horizonts, wo sich Himmel und Erde berühren und wo er noch weilt; die Kantele und seine großen Gesänge hinterläßt er zur Freude des Suomivolks 475–512. Schlußgesang 513–620. | S. 289–296. |
Erste Rune.
Inhaltsverzeichnis
Werde von der Lust getrieben,
Von dem Sinne aufgefordert,
Daß ans Singen ich mich mache,
Daß ich an das Sprechen gehe,
Daß des Stammes Lied ich singe,
Jenen Sang, den hergebrachten;
Worte schmelzen mir im Munde,
Es entschlüpfen mir die Töne,
Wollen meiner Zung’ enteilen,
Wollen meine Zähne öffnen.
Goldner Freund, mein lieber Bruder,
Theurer, der mit mir gewachsen!
Komme jetzt mit mir zu singen,
Komme um mit mir zu sprechen,
Da wir nun zusammentraten
Von verschiednen Seiten kamen;
Selten kommen wir zusammen,
Kommt der eine zu dem andern
In den armen Länderstrecken,
Auf des Nordens armem Boden.
Laß die Hände uns verbinden,
Unsre Finger du verein’gen,
Wollen wir nun munter singen,
Mit dem besten Sange kommen,
Daß die Theuern ihn vernehmen,
Ihn die Wohlgeneigten hören,
In der Jugend, die jetzt wächset,
In dem steigenden Geschlechte,
Diese Worte, die erhalten,
Diese Lieder, die entnommen
Sind dem Gürtel Wäinämöinen’s,
Aus der Esse Ilmarinen’s,
Von dem Schwerte Kaukomieli’s,
Von dem Bogen Joukahainen’s,
Von der Gränz’ der Nordgefilde
Von den Fluren Kalewala’s.
Diese sang zuvor mein Vater,
Wenn er an dem Beilschaft schnitzte,
Diese lehrte mich die Mutter,
Wenn sie ihre Spindel drehte,
Da ich als ein Kind am Boden,
Vor den Knien ich mich wälzte,
Als ein jämmerlicher Milchbart,
Als ein Milchmaul klein vom Wuchse.
Über Sampo fehlten nimmer,
Über Louhi Zauberworte:
Alt ward in den Worten Sampo,
Louhi schwand sammt ihrem Zauber,
In den Liedern starb Wipunen,
Bei dem Spiele Lemminkäinen.
Giebt noch manche andre Worte,
Zaubersprüche, die ich lernte,
Die vom Weg ich aufgelesen,
Von der Haide abgebrochen,
Vom Gesträuche abgerissen,
Von den Zweigen ich genommen,
Von den Gräsern abgepflücket,
Von den Stegen aufgehoben,
Als ich ging als Hirtenknabe,
Als ein Kindlein auf die Weide,
Auf die honigreichen Wiesen,
Auf die goldbedeckten Hügel,
Folgend Muurikki der schwarzen,
An der bunten Kimmo Seite.
Lieder gab mir selbst die Kälte,
Sang gab mir der Regenschauer,
Andre Lieder brachten Winde,
Brachten mir des Meeres Wogen,
Worte fügten mir die Vögel,
Sprüche schuf des Baumes Wipfel.
Sammelt’ sie zu einem Knäuel,
Band zusammen sie in Bündel;
That den Knäuel auf das Schlittchen,
Auf den Schlitten jenes Bündel;
Führte sie in meine Wohnung,
Mit dem Schlitten zu der Scheune,
That sie auf des Bodens Sparren
In den kupferreichen Kasten.
Lagen lange in der Kälte,
Weilten lange im Verwahrsam;
Soll das Lied ich aus der Kälte,
Aus dem Frost den Sang ich holen,
Meinen Kasten nach der Stube,
Zu dem Tische meine Kiste,
Unter diese schönen Sparren,
Und dieß Dach das weitberühmte,
Meinen Liederkasten öffnen,
Diese Kiste voll Gesanges,
Soll des Knäuel’s End’ ich lösen,
Lösen dieses Bündels Knoten?
Werd’ ein hübsches Lied so singen,
Daß es wunderschön ertöne
Von dem Bier, das ich genossen,
Von dem schönen Gerstentranke;
Sollte man kein Bier mir bringen
Und kein Dünnbier mir hier reichen,
Singe ich mit magrem Munde,
Singe ich bei bloßem Wasser
Zu der Freude unsers Abends,
Zu des schönen Tages Zierde,
Oder zu der Lust des Morgens,
Zum Beginn des neuen Tages.
Hörte oftmals also sagen,
Hörte oft im Liede singen:
Einzeln nahen uns die Nächte,
Einzeln leuchten uns die Tage,
Einzeln ward auch Wäinämöinen,
Dieser ew’ge Zaubersprecher,
Von der schönen Lüftetochter,
Die ihm Mutter war, geboren.
Jungfrau war der Lüfte Tochter,
Sie, die schöne Schöpfungstochter,
Trug gar lang’ ihr einsam Dasein,
Alle Zeit ihr Mädchenleben
In der Lüfte langen Räumen,
Auf den flachgebahnten Fluren.
Einsam ward ihr dort das Leben
Und das Sein gar unbehaglich,
Immerfort allein zu weilen,
So als Jungfrau dort zu wohnen
In der Lüfte langen Räumen,
In der weitgestreckten Öde.
Nieder ließ sich da die Jungfrau,
Senkt sich auf des Wassers Wogen,
Auf des Meeres klaren Rücken,
Auf die weitgedehnte Öde;
Fing ein Sturmwind an zu blasen,
Aus dem Osten wildes Wetter,
Treibt das Meer zu wildem Schäumen,
Daß die Wellen wüthend wogen.
Sturmwind wiegte dort die Jungfrau,
Mit ihr spielt des Meeres Welle
Auf dem blauen Wasserrücken,
Auf den weißbekränzten Fluthen;
Schwanger blies der Wind die Jungfrau
Und das Meer verlieh ihr Fülle.
Und es trug des Leibes Härte,
Seine Fülle sie mit Schmerzen
Ganze siebenhundert Jahre,
Trug sie neun der Mannesalter,
Ohne daß das Kind geboren,
Daß zum Vorschein es gekommen.
Also schwamm als Wassermutter
Bald nach Osten, bald nach Westen,
Bald nach Norden, bald nach Süden,
Sie zu allen Himmels Rändern,
Angstvoll ob der Frucht des Windes,
Bei des Leibes argen Schmerzen,
Ohne daß das Kind geboren,
Daß zum Vorschein es gekommen.
Fing da leise an zu weinen,
Redet Worte solcher Weise:
„Weh mir armen ob des Schicksals,
Wehe mir ob meines Wanderns!
Wohin jetzo ich gerathen,
Daß ich aus der Luft gekommen,
Daß der Sturmwind mich hier wiege,
Daß die Welle mit mir spiele
Auf den weiten Wasserstrecken,
Auf den ausgedehnten Fluthen.“
„Besser wäre es gewesen,
Wär’ ich Jungfrau in den Lüften,
Als in diesen fremden Räumen
Wassermutter jetzt zu werden.
Frostvoll ist mir hier das Leben,
Mühvoll ist hier die Bewegung,
In den Wogen so zu weilen,
In dem Wasser so zu wandern.“
„Ukko, du, o Gott dort oben,
Du des ganzen Himmels Träger!
Komm herbei, du bist vonnöthen,
Komm herbei, du wirst gerufen,
Lös’ das Mädchen von den Qualen
Von den Wehen du die Jungfrau,
Komm’ geschwind und eile schneller,
Schneller, wo man dich ersehnet!“
Wenig Zeit war hingegangen,
Kaum ein Augenblick verflossen,
Sieh, herbei eilt eine Ente,
Fliegt herbei der schöne Vogel,
Suchet sich zum Nest ein Plätzchen,
Suchet eine Wohnungsstelle.
Flog nach Osten, flog nach Westen,
Flog nach Norden und nach Süden,
Kann kein solches Plätzchen finden,
Nicht die allerschlechtste Stelle,
Wo ihr Nest sie machen könnte,
Eine Stätte sich bereiten.
Flieget langsam, schauet um sich,
Dachte nach und überlegte:
„Baue ich mein Haus im Winde,
Auf den Fluthen meine Wohnung,
Würd’ der Wind das Haus zerstören,
Weit die Wogen es entführen.“
Da erhob des Meeres Mutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter
Aus dem Meere ihre Kniee,
Aus der Fluth die Schulterblätter,
Wo die Ent’ ein Nest sich bauen,
Wo sie friedlich weilen könnte.
Entlein nun der schöne Vogel
Flieget langsam, schauet um sich,
Sieht das Knie der Wassermutter
Auf dem blauen Meeresrücken,
Hielt’s für einen Wiesenhügel,
Meint’es wäre frischer Rasen.
Hin nun fliegt sie, schwebet langsam,
Läßt sich auf das Knie dann nieder;
Bauet dort ihr Nestlein fertig,
Legt hinein die goldnen Eier,
Goldner Eier ganze sechse,
Siebentens ein Ei von Eisen.
Setzt sich brütend auf die Eier,
Wärmte rasch des Kniees Wölbung;
Brütet einen Tag, den zweiten,
Brütet auch am dritten Tage;
Schon bemerkt die Wassermutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter,
Merket, daß es heißer wurde,
Daß die Haut erwärmet wurde:
Meinte, daß die Knie ihr brennen,
Alle Adern ihr zerschmelzen.
Hastig rührt sie ihre Kniee,
Schüttelt heftig ihre Glieder,
Daß die Eier in das Wasser,
In die Fluth des Meeres stürzen;
In der Fluth in Stücke brechen
Und in Splitter sich zerschlagen.
Nicht verkommen sie im Schlamme,
Nicht die Stücke in dem Wasser,
Sondern werden schön verwandelt,
Schön gestaltet alle Splitter:
Aus des Eies untrer Hälfte
Wird die niedre Erdenwölbung,
Aus des Eies obrer Hälfte
Wird des hohen Himmels Bogen;
Was sich Gelbes oben findet,
Strahlet schön als liebe Sonne,
Was sich Weißes oben findet,
Leuchtet hold als Mond am Himmel;
Von dem Hellen in dem Eie
Werden Sterne an dem Himmel,
Von dem Dunkeln in dem Eie
Wird Gewölke in den Lüften.
Und die Zeiten schwinden rascher,
Immer fort und fort die Jahre
Bei der jungen Sonne Leuchten,
Bei des jungen Mondes Glanze;
Immer schwamm die Wassermutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter,
In den schlummerstillen Wellen,
Auf der nebelreichen Fläche,
Vor sich hatte sie die Fluthen,
Hinter sich den hellen Himmel.
Endlich in dem neunten Jahre,
Zu der Zeit des zehnten Sommers
Hebt ihr Haupt sie aus dem Meere,
Ihre Stirn sie aus dem Wogen,
Jetzt beginnt bei ihr das Schaffen,
Fängt sie an hervorzubringen
Auf dem klaren Meeresrücken,
Auf den weiten Wogenflächen.
Wo die Hand nur hin sie wandte,
Da entstanden Landesspitzen,
Wo sie mit dem Fuße ruhte,
Grub gar rasch sie Fischesgruben;
Wo ins Wasser sie sich tauchte,
Senkten sich des Meeres Tiefen.
Wo die Hüfte hin sie wandte,
Da erschienen ebne Ufer,
Wo den Fuß zum Land sie lenkte,
Da entstanden Lachsesschluchten,
Wo der Kopf dem Lande nahte,
Da erwuchsen breite Buchten.
Schwamm noch weiter von dem Lande,
Ruht’ ein wenig auf dem Rücken,
Schuf so Klippen in dem Meere,
Riffe, die dem Aug’ verborgen,
Wo die Schiffe oft zerschellen,
Wo der Männer Leben endet.
Schon geschaffen waren Inseln,
Klippen in dem Meer begründet,
Festgestellt der Lüfte Pfeiler,
Flur und Felder schon geschaffen,
Bunt die Steine schon gesprenkelt,
Schön gefurchet schon die Felsen,
Wäinämöinen nur der Sänger
War und blieb noch ungeboren.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Wandert noch im Leib der Mutter
Dreißig Sommer nach einander,
Eine gleiche Zahl von Wintern
In den Wellen voller Ruhe,
Auf der weichen Wogenfläche.
Dachte nach und überlegte,
Wie zu sein und wie zu leben
In dem nimmerhellen Raume,
In der unbequemen Enge,
Wo er nicht das Mondlicht schaute,
Nicht den Sonnenschein gewahrte.
Sprach darauf mit diesen Worten,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Bring, o Mond, und bring, o Sonne,
Bringe mich, o Bär am Himmel,
Von den ungewohnten Thüren,
Von den unbekannten Pforten,
Hier aus diesem kleinen Neste,
Aus dem engen Aufenthalte!
Daß ich auf der Erde wandre,
Wie ein Menschenkind im Freien,
Daß des Himmels Mond ich schaue,
Daß die Sonne ich gewahre,
Daß den Bären ich erblicke,
Daß die Sterne ich betrachte!“
Da der Mond ihn nicht befreiet,
Nicht die Sonne ihn erlöset,
Wird das Sein ihm unbehaglich,
Ihm das Leben dort verdrießlich;
Sprengt der Feste schmale Pforte
Mit dem Finger ohne Namen,
Schlüpfet durch das Schloß, das starre,
Mit des linken Fußes Zehe,
Kriechet mit der Hand zur Schwelle,
Auf den Knieen durch das Vorhaus.
Stürzte häuptlings in das Wasser,
Wendet mit der Hand die Wogen;
Also blieb der Mann im Meere,
So der Held im Naß der Wogen.
Ruht’ im Meere fünf der Jahre,
Fünf der Jahre, ja gar sechse,
Selbst das siebente und achte;
Endlich hält er auf dem Meere,
An der Landzung’ ohne Namen,
An dem baumberaubten Strande.
Rafft sich auf den Knien zum Lande,
Wendet mit der Hand sich hastig,
Hebt sich um den Mond zu schauen,
Um die Sonne zu gewahren,
Um den Bären zu erblicken,
Um die Sterne zu betrachten.
Also wurde Wäinämöinen,
Dieser kräft’ge Zaubersprecher,
Von der Lüfte schöner Tochter,
Die ihm Mutter war, geboren.
Zweite Rune.
Inhaltsverzeichnis
Nun erhob sich Wäinämöinen
Mit den Füßen zu der Fläche,
Auf zum meerumspülten Eiland,
Auf zur baumentblößten Strecke.
Weilte darauf manche Jahre,
Lebte immerwährend weiter
Auf dem wortberaubten Eiland,
Auf der baumentblößten Fläche.
Dachte nach und überlegte,
Hielt es lang’ in seinem Haupte,
Wer das Land ihm wohl besäen,
Wer den Samen streuen sollte?
Pellerwoinen, Sohn der Fluren,
Sampsa ist’s, der schlanke Knabe,
Der das Land ihm gut besäen,
Der den Samen streuen konnte.
Er besä’t das Land gar fleißig,
Wie das Land, so auch die Sümpfe,
Wie der Haine lockern Boden,
So die festen stein’gen Flächen.
Tannen sä’t er auf die Berge,
Fichten sä’t er auf die Hügel,
Haidekraut giebt er der Haide,
Zarte Schößlinge den Thälern.
Birken pflanzt er in die Brüche,
Erlen in die lockre Erde,
Feuchtes Land bekommt der Faulbaum,
Weichen Boden auch die Weide,
Heil’gen Ort die Sperberbäume,
Wasserland die Wasserweide,
Schlechten Boden der Wachholder,
Stromesufer Eichenbäume.
Höher wuchsen schon die Bäume,
Schon erstanden junge Sprossen,
Fichten mit den Blüthenwipfeln,
In die Breite wuchsen Föhren,
Birken stiegen in den Brüchen,
Erlen in der lockern Erde,
In dem feuchten Land der Faulbaum,
Schlechtgebettet der Wachholder,
Schöne Beeren am Wachholder,
Gute Frucht am Faulbeerbaume.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Macht sich auf um zuzuschauen,
Wie des Sampsa Saat gerathen,
Wie die Arbeit Pellerwoinen’s;
Sah die Bäume sich erheben,
Junge Sprossen munter wachsen,
Nur die Eiche will nicht keimen,
Wurzeln nicht der Baum des Höchsten.
Ließ die Böse in der Freiheit
Ihres eignen Glücks genießen,
Wartet annoch drei der Nächte,
Wartet eben soviel Tage,
Ging dann hin um zuzuschauen,
Als die Woche hingeschwunden;
Wachsen wollte nicht die Eiche,
Wurzeln nicht der Baum des Höchsten.
Schaute dann der Mädchen viere,
Ja gar fünf der Wasserbräute
Auf dem weichen Wiesenboden,
Auf dem feuchtbethauten Grase,
Auf der nebelreichen Spitze,
Auf des Eilands wald’gem Ende.
Harkten da, was sie gemähet,
Zogen alles dann in Schwaden.
Aus dem Meere stieg ein Riese,
Stieg ein starker Held nach oben,
Drückt die Gräser, daß sie brennen,
Sie sich lichterloh entflammen,
Bis in Asche sie zergehen,
Bis sie ganz und gar verglühen.
Dort nun stand der Aschenhaufen,
Dort die Masse trocknen Staubes,
Dahin that ein Blatt voll Zärte,
Mit dem Blatt er eine Eichel,
Draus erwuchs die schöne Pflanze,
Stieg der schlanke Sproß voll Frische
Aus dem beerenreichen Boden,
Aus dem neugeharkten Lande.
Breitet aus die vielen Äste,
Bauschet sich mit seiner Krone,
Hebt den Wipfel bis zum Himmel,
Weit hinaus dehnt sie die Zweige,
Hält die Wolken auf im Laufe,
Läßt die Wölkchen selbst nicht ziehen,
Gönnt der Sonne nicht zu strahlen,
Gönnt dem Monde nicht zu leuchten.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Dachte nach und überlegte:
Könnte man den Stamm doch stürzen,
Diesen schlanken Baum hier fällen!
Traurig ist der Menschen Leben,
Seltsam ist des Fisches Schwimmen,
Wenn ihm nicht die Sonne scheinet,
Nicht das liebe Mondlicht leuchtet.
Nirgends gab es einen Helden,
Nirgends einen solchen Riesen,
Der den Eichenstamm ihm fällte
Und der Eiche hundert Wipfel.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Sprach dann selber diese Worte:
„Mutter, die du mich getragen,
Schöpfungstochter, die mich nährte!
Leihe mir des Wassers Kräfte,
(Viel der Kräfte sind im Wasser),
Diese Eiche umzustürzen,
Auszurotten ihre Bosheit,
Daß die Sonne wieder scheine,
Daß das liebe Mondlicht leuchte.“
Stieg ein Mann da aus dem Meere,
Hob ein Held sich aus den Wogen,
Nicht gehört er zu den größten,
Keineswegs auch zu den kleinsten:
Lang gleich einem Männerdaumen,
Hoch wie eine Weiberspanne.
Kupfern war des Mannes Mütze,
Kupfern an dem Fuß die Stiefel,
Kupfern an der Hand die Handschuh,
Kupfern ihre bunten Streifen,
Kupfern war am Leib der Gürtel,
Kupfern war das Beil im Gürtel,
Daumenslänge hat der Beilschaft,
Seine Schneide Nagels Höhe.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Dachte nach und überlegte:
„Hat das Aussehn eines Mannes,
Hat das Wesen eines Helden,
Doch die Länge eines Daumens,
Kaum die Höh’ des Rinderhufes.“
Redet’ darauf diese Worte,
Ließ sich selber also hören:
„Scheinest mir der Männer rechter,
Und der Helden jämmerlichster,
Besser kaum als ein Verstorbner,
Schöner kaum als ein Verkomm’ner.“
Sprach der kleine Mann vom Meere,
Antwort gab der Held der Fluthen:
„Bin gar wohl ein Mann, wenn einer
Von dem Heldenvolk im Wasser,
Komme um den Stamm zu fällen,
Um den Baum hier zu zertrümmern.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Nimmer hast du solche Kräfte,
Nimmer ist es dir gegeben,
Diesen großen Stamm zu stürzen,
Diesen Wunderbaum zu fällen.“
Konnte kaum noch dieses sagen,
Kaum den Blick auf ihn noch lenken,
Als der Mann sich rasch verwandelt
Und zu einem Riesen wurde,
Schleppt die Füße auf der Erde,
Mit dem Haupt hält er die Wolken,
Über’s Knie reicht ihm der Bartschmuck,
An die Fersen seine Haare,
Klafterweit sind seine Augen,
Klafterbreit steh’n ihm die Beine,
Anderthalb der Klafter haben
Seine Knie’ und zwei das Hüftbein.
Wetzte hin und her das Eisen,
Strich behend die ebne Schneide
Mit sechs harten Kieselsteinen
Und mit sieben Schleifsteinsenden.
Fängt dann hastig an zu schreiten,
Hebt behende seine Beine
Mit den überbreiten Hosen,
Die gar weit im Winde flattern,
Schwankt mit seinem ersten Schritte
Hin auf lockern Sandesboden,
Taumelt mit dem zweiten Schritte
Hin auf Land von dunkler Farbe,
Mit dem dritten Schritte endlich
Tritt er an der Eiche Wurzeln.
Haut den Baum mit seinem Beile,
Schlägt ihn mit der ebnen Schneide,
Einmal haut er, haut das zweite,
Schon zum dritten Male schlägt er,
Funken sprühen aus dem Beile,
Feuer fliehet aus der Eiche,
Will die Eiche niederwerfen,
Will den mächt’gen Baumstamm beugen.
Endlich bei dem dritten Male
Konnte er die Eiche fällen,
Brechen den gewalt’gen Baumstamm
Und die hundert Wipfeln senken;
Streckt der Eiche Stamm nach Osten,
Wirft die Wipfel hin nach Westen,
Schleuderte das Laub nach Süden,
Und die Äste nach dem Norden.
Wer dort einen Zweig genommen,
Der gewann sich ew’ge Wohlfahrt,
Wer den Wipfel an sich brachte,
Hatte ew’ge Zauberkunde,
Wer vom Laube ’was geschnitten,
Ward beständ’ger Wonne inne.
Was von Spänen ausgestreuet,
Was von Splittern fortgeflogen
Auf den klaren Meeresrücken,
Auf den flachen Wellenspiegel,
Ward vom Winde dort gewieget,
Von den Wellen dort beweget
Wie ein Boot im Wasserspiegel,
Wie ein Schiff in Meeresfluthen.
Nach dem Nordland trugen’s Winde,
Nordlands schlankgewachsne Jungfrau
Spülte ihren weiten Kopfputz,
Spült’ und klopfte ihre Kleider
Auf des Strandes Wassersteinen,
Auf des Landes langer Spitze.
Sah die Späne in den Fluthen,
Sammelt sie in ihren Ranzen,
Trägt im Ranzen sie nach Hause,
Nach dem Hof im langberiemten,
Daß der Zaubrer daraus Pfeile,
Waffen sich der Schütze schaffe.
Als die Eiche nun gefället,
Als gebeugt der stolze Baumstamm,
Konnt’ die Sonne wieder scheinen,
Konnt’ das liebe Mondlicht leuchten,
Weit die Wolken sich verbreiten,
Wölben sich des Himmels Bogen
Auf der nebelreichen Spitze,
Auf des Eilands wald’gen Ufern.
Schön erhoben sich die Haine,
Ganz nach Wunsche wuchsen Wälder,
Baumesblätter, Erdenkräuter,
Vögel sangen in den Bäumen,
Lustig lärmten heitre Drosseln
Und der Kuckuck ließ sich hören.
Beeren wuchsen aus dem Boden,
Goldne Blumen auf den Fluren,
Kräuter mancher Art entstanden
Und Gewächse jeder Weise;
Nur die Gerste wollte noch nicht,
Nicht die schöne Saat gedeihen.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Gehet hin und überleget
An dem Strand des blauen Meeres,
An des mächt’gen Wassers Rande;
Fand daselbst der Körner sechse,
Sieben schöne Samenkörner
An dem Strand des großen Meeres,
In dem lockern, sand’gen Lande,
Barg sie in dem Marderfelle,
In des Sommereichhorns Beinhaut.
Ging den Boden zu besäen,
Ging den Samen auszustreuen
An den Rand des Kalewbrunnens
An den Saum des Osmofeldes.
Sieh, da lärmt vom Baum die Meise:
„Nicht gedeihet Osmo’s Gerste,
Nicht der Hafer von Kalewa,
Wird der Boden nicht bereitet,
Wird die Waldung nicht gelichtet,
Nicht mit Feuer gut gesenget.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ließ ein scharfes Beil sich machen,
Fing die Waldung an zu fällen
Und den Hain mit Kraft zu schwenden,
Fällte Baume aller Weise,
Ließ nur eine Birke stehen
Als ein Ruheplatz den Vögeln,
Wo der Kuckuck rufen könnte.
Her vom Himmel kam ein Adler,
Kam geflogen durch die Lüfte,
Kam die Sache anzuschauen:
„Weshalb ward denn so gelassen
Diese Birke unbeschadet,
Nicht der schlanke Baum gefället?“
Wäinämöinen gab zur Antwort:
„Deshalb ward sie so gelassen,
Daß die Vögel auf ihr ruhten,
Daß des Himmels Aar hier säße.“
Sprach der Aar, des Himmels Vogel:
„Gut gewiß ist deine Sorge,
Daß die Birke du gelassen,
Daß der schlanke Baum geblieben
Als ein Ruheplatz den Vögeln,
Daß ich selber hieselbst sitze.“
Feuer schlug der Lüfte Vogel
Und verbreitet rasch die Flamme,
Bald versengt den Busch der Nordwind,
Nordost setzte ihn in Asche,
Brannte alle Bäume nieder,
Bis in Staub sie ganz zergingen.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Holt hervor der Körner sechse,
Holt die sieben Samenkörner
Aus dem Mardersack behende,
Aus der Haut des Sommereichhorns,
Aus dem Sommerfell des Iltis.
Ging sodann das Land besäen,
Ging den Samen auszustreuen,
Redet selber diese Worte:
„Werfe jetzo diesen Samen
Durch des Schöpfers Fingerspalten,
Mit der Hand des Machterfüllten
Hin auf dieses Land zu wachsen,
Aus dem Boden hier zu sprossen.“
„Alte, die du unten weilest,
Erdenmutter, Flurengöttin,
Bring’ den Rasen nun zum Drängen,
Bring’ die Erde du zum Treiben;
Nimmer wird die Kraft der Erde,
Nimmer ihre Macht je fehlen,
Wenn die Geberinnen Gnade,
Huld der Schöpfung Töchter leihen.“
„Steig, o Erde, auf vom Schlafe,
Von dem Schlummer, Land des Schöpfers,
Laß die Halme sich erheben,
Laß die Stengel auf sich richten
Tausend Ähren auferstehen,
Hundertfach sie sich verbreiten
Durch mein Ackern, durch mein Säen,
Da ich also mich bemühe!“
„Ukko, du, o Gott dort oben,
Du, o Vater in dem Himmel,
Der du in den Wolken waltest
Und die Wölklein alle lenkest!
Halte Rath du in der Wolke,
Guten Rath du in den Lüften,
Schick’ aus Osten eine Wolke,
Laß aus Nordost sie erscheinen,
Sende andre her von Westen,
Schneller welche aus dem Süden,
Sende Regen von dem Himmel,
Laß die Wolken Honig träüfeln,
Daß die Ähren sich erheben,
Daß die Saaten munter rauschen.“
Ukko, er, der Gott dort oben,
Er, der Vater in dem Himmel,
Hielt nun Rath im Wolkenraume,
Guten Rath im Raum der Lüfte,
Schickt’ von Osten eine Wolke,
Ließ in Nordwest eine steigen,
Sandte eine aus dem Westen,
Früher eine aus dem Süden,
Fügt die Säume an einander,
Stößt die Seiten rasch zusammen,
Sendet Regen von dem Himmel,
Tröpfelt Honig aus den Wolken,
Daß die Ähren sich erhoben,
Daß die Saaten munter rauschten;
Es erhoben sich die Halme,
Es erstanden farb’ge Ähren
Aus der Erde weichem Boden
Durch die Mühe Wäinämöinen’s.
Es verging der Tage nächster,
Zwei, ja drei der Nächte schwanden;
Als die Woche abgelaufen,
Geht der alte Wäinämöinen
Hin zur Saat um nachzusehen,
Wie sein Ackern, wie sein Säen,
Wie die Arbeit wohl gediehen;
Sieh, es wuchs die Saat nach Wunsche,
Ähren gab es mit sechs Kanten,
Halme fand er mit drei Knoten.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schaute um sich, wandt’ die Blicke,
Sieh, da kam des Frühlings Kuckuck
Und erblickt’ die schlanke Birke:
„Weshalb ward denn so gelassen
Unbeschadet diese Birke?“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Deshalb ist sie hier gelassen,
Diese Birke, daß sie wachse,
Dir ein Platz zum muntern Singen;
Rufe hier, o lieber Kuckuck,
Singe schön aus weicher Kehle,
Singe hell mit Silberstimme,
Singe klar mit Zinnesklange,
Rufe Morgens, rufe Abends,
Rufe um die Mittagsstunde,
Zum Gedeihen dieser Stätte,
Zu des Waldes besserm Wachsthum,
Zu des Strandes größerm Reichthum,
Zu der Raine Kornesfülle.“
Dritte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Lebte nun sein liebes Leben
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s,
Sang dort seine lieben Lieder,
Sang beständig voller Weisheit.
Sang von einem Tag zum andern,
Nahm die Nächte selbst zu Hülfe,
Sang Geschichten alter Zeiten,
Sang den Ursprung aller Dinge,
Was die Kinder nimmer können,
Nicht ein jeder Held verstehet
Jetzt in diesen schlimmen Zeiten
Bei dem sinkenden Geschlechte.
Weithin hörte man die Nachricht,
Weit verbreitet sich die Kunde
Von dem Liede Wäinämöinen’s,
Von dem Sang des starken Helden;
Hin nach Süden dringt die Nachricht,
Nach dem Nordland kommt die Kunde.
Dorten lebte Joukahainen,
Dieser magre Lappenjüngling;
Einst als er zu Gast gegangen,
Hört er wundersame Worte,
Daß man schöner singen könnte,
Bess’re Lieder schaffen könnte
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s,
Als er selbst im Stande wäre,
Als vom Vater er gelernet.
Wurde drob gar weidlich böse,
War die ganze Zeit voll Neides
Ob des Sangs von Wäinämöinen,
Daß er besser sei denn seiner;
Schreitet hin zu seiner Mutter,
Hin zu ihr, der greisen Alten,
Sagte, daß er gehen würde
Und sofort sich hinbegeben
Zu den Stuben von Wäinölä,
Um mit Wäinö dort zu streiten.
Wohl verbot’s dem Sohn der Vater,
Wie der Vater, so die Mutter,
Hin nach Wäinölä zu gehen,
Um mit Wäinö dort zu streiten:
„Bannen wird man dich gewißlich,
Bannen dich und dir versenken
Mund und Kopf in Schneegefilde,
Deine Hand in rauhe Lüfte,
Daß die Hand du nimmer rührest,
Daß die Füße du nicht regest.“
Sprach der junge Joukahainen:
„Gut wohl ist des Vaters Wissen
Und der Mutter Wissen besser,
Doch das eigne steht am höchsten;
Will mich gegenüberstellen
Und den Mann zum Kampfe fordern,
Singe selber meine Lieder,
Spreche selber meine Weisen,
Singe, daß der beste Sänger
Bald als schlechtester erscheinet,
Schaff’ ihm singend Steines Stiefel,
Holzes Hosen an die Hüften,
Steines Lasten auf das Brustbein,
Steines Bogen auf die Schultern,
Steines Handschuh an die Hände
Steines Mütze auf den Schädel.“
Darauf ging er ungehorsam,
Nahm sein Roß rasch aus dem Stalle,
Feuer sprühte dessen Schnauze,
Funken schlugen dessen Hufe;
Schirrte an das Roß voll Feuer,
Spannt’es an den goldnen Schlitten;
Setzt sich selber in den Schlitten
Hebt sich auf dem Hintersitze,
Schlägt das Roß mit seiner Gerte,
Mit der perlenreichen Peitsche;
Lustig lief das Roß von dannen,
Leichten Laufes seine Wege.
Stürmte ungestüm von dannen,
Jagte einen Tag, den zweiten,
Jagte noch am dritten Tage;
Endlich an dem dritten Tage
Hält er auf Wäinölä’s Fluren,
Auf den Flächen Kalewala’s.
Wäinämöinen alt und wahrhaft,
Er, der ew’ge Zaubersprecher,
War gerade auf dem Wege,
Fuhr gar ruhig seine Straße
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s.
Joukahainen jung und stürmisch
Kam ihm auf dem Weg entgegen,
Deichsel haftet an der Deichsel,
Riemen reibet sich am Riemen,
Kummet klappert an dem Kummet,
Krummholz an des Krummholz Kante.
Blieben beide darauf stehen,
Blieben stehn und überlegten,
Wasser tropfte von dem Krummholz,
Von der Deichsel stiegen Dünste.
Fragt’ der alte Wäinämöinen:
„Woher bist du denn von Hause,
Der so dumm drauf losgefahren,
Unbeholfen mir begegnest,
Hast das Kummet mir zerschlagen
Und zerbrochen mir das Krummholz,
Meinen Schlitten mir beschädigt
Und zersplittert seine Leisten?“
Sprach der junge Joukahainen
Selber Worte solcher Weise:
„Bin der junge Joukahainen,
Aber sage lieber selber,
Woher bist denn du von Hause
Und aus welcher schlechten Sippe?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ließ sich also nun vernehmen,
Redet Worte solcher Weise:
„Bist du, Jüngling, Joukahainen,
Nun so weich mir aus dem Wege,
Jünger bist du ja an Jahren.“
Doch der junge Joukahainen
Redet Worte solcher Weise:
„Minder gilt hier Mannes Jugend,
Mannes Jugend, Mannes Alter;
Wer an Wissen höher stehet,
Wer an Weisheit mehr umfasset,
Der nur mag die Bahn behalten
Und der and’re mag ihm weichen;
Bist du, Alter, Wäinämöinen,
Du der ew’ge Zaubersprecher,
Nun so wollen wir an’s Singen,
An die Lieder wir uns machen,
Daß der Mann vom Mann was höre,
Einer mit dem andern streite.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet Worte solcher Weise:
„Werde wohl nicht viel vermögen,
Nicht gar viel zu singen wissen,
Habe ja mein liebes Leben
Nur gelebt in ödem Lande,
Höchstens in der Heimath Fluren,
Nur den Kuckuck dort vernommen;
Doch dem sei nun wie ihm wolle,
Sage du mein goldnes Knäbchen,
Was denn weißt du mehr als andre,
Worin geht dein Wissen weiter?“
Sprach der junge Joukahainen:
„Weiß gar wohl so manche Dinge,
Dieses weiß ich voller Klarheit,
Seh’ ich ein mit großer Klugheit:
In dem Dache ist das Rauchloch,
Und der Herd steht an dem Ofen.“
„Lustig ist der Robbe Leben,
Herrlich sind des Seehund’s Tage,
Frißt die Lachse, die ihm nahen,
Schlingt die nachbarlichen Schnäpel.“
„Schnäpel haben flache Felder,
Und die Lachse ebne Stätten;
Hechte laichen in der Kälte
In den wilden Winterstürmen;
Bange schwimmt der Barsch zur Herbstzeit
Krummen Nackens in den Tiefen,
Sommers laichet er im Trocknen,
Raschelt dann am Meeresufer.“
„Sollte das genug nicht scheinen,
Weiß ich noch so manche Dinge,
Kann so manche Sache sagen:
Nordland pflügte mit dem Rennthier,
Südland mit dem Mutterpferde,
Hinterlappland mit dem Stiere;
Kenn’ die Bäum’ des Pisaberges,
Auf dem Hornafels die Föhren,
Schlank sind auf dem Berg die Bäume,
Auf dem Hornafels die Föhren.“
„Drei nur giebt es Wasserfälle,
Ebensoviel schöne Seeen,
Ebensoviel hohe Berge
Unter diesem Himmelsbogen:
Bei den Jaemen Hälläpyörä,
Kaatrakoski in Karjala,
Nicht bestritten wird der Wuoksen,
Übertroffen der Imatra.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Kinderklugheit, Weiberweisheit
Ziemet nicht dem bärt’gen Braven,
Nicht dem Manne, der beweibet;
Sage mir der Dinge Ursprung
Und erzähle mir ihr Wesen.“
Sprach der junge Joukahainen,
Redet Worte solcher Weise:
„Kenne wohl der Meise Ursprung,
Weiß gar wohl, daß sie ein Vogel,
Daß die grüne Natter Schlange,
Fisch im Wasser sei der Kaulbarsch,
Daß das Eisen schwächer werde,
Sauer werde schwarze Erde,
Schlimmer auch das heiße Wasser,
Und des Feuers Hitz’ gefährlich.“
„Wasser ist der Mittel ält’stes,
Schaum der Zaubermittel erstes,
Von den Ärzten ist der Schöpfer,
Von den Helfern Gott der erste.“
„Aus dem Berge kam das Wasser,
Hoch vom Himmel fiel das Feuer,
Aus dem Rost entstand das Eisen
Und das Kupfer kam aus Felsen.“
„Ält’stes Land sind feuchte Bühle,
Wie die Weid’ der Bäume erster,
Tannen sind die ersten Häuser,
Blöcke sind die ersten Grapen.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Weißt du weiter was zu sagen,
Oder ist der Unsinn alle?“
Sprach der junge Joukahainen:
„Werd’ wohl noch ein wenig wissen,
Wissen von der grauen Vorzeit,
Als ich ackerte die Meere
Und des Meeres Hügel hackte,
Dort der Fische Grotten graben,
Dort die Tiefen senken mußte,
Als die Seen ich ließ erstehen,
Berge aus dem Boden steigen,
Felsen sich zusammenhäufen.“
„Ferner habe ich als sechster,
Ich als siebenter der Helden
Diese Erde hier erschaffen,
Hab’ den Luftraum ich gegründet,
Fest die Pfeiler in den Lüften,
Aufgebaut des Himmels Bogen,
Auf den Weg den Mond gewiesen,
Aufgestellt die liebe Sonne,
Bracht’ den Bär an seine Stelle,
Streute Sterne aus am Himmel.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Bist ein überfrecher Lügner;
Nimmer warst du da zugegen,
Als geackert sind die Meere,
Als gehackt des Meeres Hügel,
Als man grub der Fische Grotten,
Als die Tiefen man gesenket,
Als die See’n man ausgestreuet,
Als die Berge sich erhoben,
Als die Felsen sich gethürmet.“
„Nimmer hat man dich gesehen,
Nicht gesehen, nicht gehöret,
Als die Erde ward erschaffen,
Als der Luftraum ausgebreitet,
Als die Pfeiler in den Lüften
Und der Himmel ward begründet,
Als dem Mond der Weg gewiesen
Und die Sonne aufgestellet,
Als der Bär zum Ort geführet,
Ausgestreut die Sterne wurden.“
Doch der junge Joukahainen
Gab zur Antwort solche Worte:
„Soll ich selbst Verstand nicht haben,
Werd’ ich ihn vom Schwerte fragen,
Nun du alter Wäinämöinen,
Sänger mit dem breiten Munde,
Laß du uns die Schwerter messen,
Laß die Klingen uns beschauen!“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Nimmer fällt’s mir ein zu fürchten
Deine Schwerter, deine Weisheit,
Deine Klugheit, deinen Scharfsinn,
Doch dem sei nun, wie ihm wolle,
Mit dir, der du so erbärmlich,
Werd’ das Schwert ich nimmer messen,
Nie mit dir, dem armen Wichte.“
Doch der junge Joukahainen
Zieht gar schief den Mund und schüttelt
Sammt dem Haupt die schwarzen Haare,
Selber sprach er diese Worte:
„Wer sich scheut das Schwert zu messen,
Und die Klinge zu beschauen,
Den werd’ ich zum Schweine singen,
Ihn zum Rüsselträger zaubern,
Stecke Helden solchen Schlages
Diesen hierhin, jenen dorthin,
Drück’ ihn in den Düngerhaufen,
Stoß’ ihn in die Eck’ des Viehstalls.“
Unwirsch ward da Wäinämöinen,
Unwirsch ward er und ergrimmte,
Fing dann selber an zu singen,
Hob so selber an zu sprechen;
Keine Kinderlieder sang er,
Kinderkram und Weiberwitze,
Sondern Sang des bärt’gen Helden,
Den die Kinder nimmer können,
Auch die Knaben kaum zur Hälfte,
Freiersleute fast ein Drittel
Jetzt in diesen schlimmen Zeiten,
Bei dem Sinken der Geschlechter.
Wäinämöinen sang drauf wacker,
Seeen schwankten, Länder bebten,
Kupferberge selbst erdröhnten,
Starre Steine selbst erschraken,
Felsen flogen von einander,
Klippen an dem Strand zerschellten.
Wandelte so Joukahainen’s
Krummholz um in junge Zweige
Und in schlechtes Stroh das Kummet,
Singet Ruthen an die Riemen,
Singt den schöngeschmückten Schlitten
In den See als schlechtes Strauchwerk,
Bannt die perlenreiche Peitsche
An den Meeresstrand als Schilfrohr.
Singt das Roß mit weißer Stirne
An den Wasserfall als Steinblock.
Sang das Schwert mit goldnem Schafte
Dann als Blitzstrahl an den Himmel,
Bannt des Bogens bunte Wölbung
Singend auf des Wassers Fluthen,
Wandelte die flücht’gen Pfeile
Um zu Habichten, die kreischen,
Dann den Hund mit krummer Schnauze
Um zum Felsblock auf dem Boden.
Sang dem Mann die Mütz’ vom Kopfe,
Wandelt sie in Wolkenhaufen,
Singt die Handschuh von den Händen
In den See als Wasserblumen,
Läßt das blaue wollne Wämmschen
Lämmerwolken an dem Himmel,
Läßt den weichen Gurt vom Gürtel
Dort zu Sternenschaaren werden.
Sang den Joukahainen selber
Bis zum Gurt in tiefe Sümpfe,
Bis zur Hüft’ in Wasserwiesen,
Bis zum Arm in Sandestiefen.
Jetzt wohl mußte Joukahainen,
Mußt’ er merken und begreifen,
Daß er diesen Weg gekommen,
Diese Fahrt er unternommen,
Um zu streiten und zu singen
Mit dem alten Wäinämöinen.
Wollte seine Füße rühren,
Konnte seinen Fuß nicht heben,
Wollt’ den andern darauf wenden,
Doch er war mit Stein beschuhet.
Schon geräth jetzt Joukahainen
In gar große Angst und Sorge
Und versank in starken Jammer;
Redet Worte solcher Weise:
„O du weiser Wäinämöinen,
Einzig ew’ger Zaubersprecher,
Wende deine Zauberworte,
Nimm den Zauberspruch zurücke,
Laß mich aus dem Schreckensloche,
Aus der unbequemen Enge,
Zolle dir gar gute Zahlung
Und gelob’ ein kräftig Lösgeld!“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Was denn wirst du mir wohl geben,
Wenn den Zauberspruch ich wende,
Und zurück den Zauber nehme,
Aus dem Schreckensloch dich lasse,
Aus der unbequemen Enge?“
Sprach der junge Joukahainen:
„Hab’ zu Haus’ zwei schöne Bogen,
Wohl ein Paar gar prächt’ger Bogen,
Schnell kann man den einen spannen,
Scharf zum Ziele schießt der andre;
Welcher dir gefällt, den wähle.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Nicht begehr’ ich deine Bogen,
Nicht, o Narr, sind sie mir nütze,
Habe deren selber welche,
Alle Wände sind behangen,
Jeder Nagel eingenommen,
Geh’n von selbst stets in die Waldung,
Ohne Helden zu dem Jagdwerk.“
Sang den jungen Joukahainen
In den Sumpf sofort noch tiefer.
Sprach der junge Joukahainen:
„Hab’ zu Haus’ zwei schöne Böte,
Wohl ein Paar gar prächt’ger Böte,
Läuft das eine leicht im Meere,
Trägt das andre schwere Lasten,
Welches dir gefällt, das wähle!“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Nicht begehr’ ich deine Böte,
Fühl’ nach ihnen kein Verlangen,
Habe deren selber welche,
Schon besetzt sind alle Walzen,
Alle Buchten voll von Böten,
Manche ziehen mit dem Winde,
Andre gehen ihm entgegen.“
Sang den jungen Joukahainen
In den Sumpf sofort noch tiefer.
Sprach der junge Joukahainen:
„Hab’ zu Haus’ zwei hübsche Hengste;
Wohl ein Paar gar prächt’ger Pferde,
Läuft das eine leichten Hufes,
Zieht das andre rasch in Riemen,
Welches dir gefällt, das wähle.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Nicht begehr’ ich deine Hengste,
Brauche nicht die buntgefleckten,
Habe deren selber welche,
Stehen mir an jeder Krippe,
Stehen mir in jedem Stalle,
Wasser regt sich auf dem Rücken
Und ein Teichlein trägt das Kreuzblatt.“
Sang den jungen Joukahainen
In den Sumpf sofort noch tiefer.
Sprach der junge Joukahainen:
„O du alter Wäinämöinen,
Wende deine Zauberworte,
Nimm den Zauberspruch zurücke,
Geb’ dir eine Mütz’ voll Goldes,
Schenk’ dir einen Hut voll Silber,
Aus dem Kriege bracht’s mein Vater,
Holt’ es aus dem harten Kampfe.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Sehn’ mich nicht nach deinem Silber,
Frage nicht nach deinem Golde,
Hab’ genug davon wohl selber,
Jede Kammer voll gekramet,
Jeden Nagel eingenommen,
Gold mit ew’gem Mondesglanze,
Silber mit dem Sonnenschimmer.“
Sang den jungen Joukahainen
In den Sumpf sofort noch tiefer.
Sprach der junge Joukahainen:
„O du alter Wäinämöinen,
Laß mich aus dem Schreckensloche,
Aus der unbequemen Enge,
Gebe dir Getreidehaufen,
Und versprech’ dir meine Felder,
Um mein Leben auszulösen,
Um mich selber zu befreien!“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Geh mit den Getreidehaufen,
Fort mit deinen fetten Feldern,
Habe deren selber welche,
Felder fast an jeder Ecke,
Hab Getreid’ auf jedem Grunde,
Eigne Felder sind die besten,
Eigne Ernten stets die liebsten.“
Sang den jungen Joukahainen
In den Sumpf nur immer tiefer.
Ward dem jungen Joukahainen
Endlich gar zu angst und bange,
Steckte bis zum Knie im Sumpfe,
Mit dem Barte in dem Boden,
Hat den Mund voll Moos und Erde,
Streift die Sträucher mit den Zähnen.
Sprach der junge Joukahainen:
„O du weiser Wäinämöinen,
Einzig ew’ger Zaubersprecher,
Nimm den Zaubersang zurücke,
Laß mir noch mein liebes Leben,
Laß mich aus dem Loche kommen,
Fort schon zieht der Fluß die Füße
Und vom Sande schmerzt das Auge.“
„Wendest du die Zauberworte,
Nimmst du ab den bösen Bannspruch,
Geb’ ich Aino, meine Schwester,
Geb’ ich meiner Mutter Tochter,
Daß sie dir die Stube kehre,
Rein den Raum dir immer halte,
Blank die Bütten spül’ und scheure,
Deines Bettes Tücher breite,
Goldne Decken wirk’ und webe,
Honigbrod dir immer backe.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Wurde nun gar froh und munter,
Daß er Joukahainen’s Schwester
Für sein Alter so gewonnen.
Setzt sich auf den Freudefelsen,
Stellt sich auf den Stein des Sanges,
Singt ein Weilchen, singt von neuem,
Singt dann noch zum dritten Male.
Wendet so die Zauberworte,
Nimmt den Zauberspruch zurücke.
Kam der junge Joukahainen
Aus dem Sumpfe mit den Knieen,
Mit dem Barte aus dem Boden,
Kam sein Pferd vom Felsenblocke,
Aus des Ufers Strauch sein Schlitten,
Aus dem Schilfrohr seine Peitsche.
Stellt in Ordnung seinen Schlitten,
Wirft sich selber in denselben,
Fährt davon mit trüber Laune,
Mit gar schlechter Herzensstimmung,
Hin zu seiner lieben Mutter,
Hin zu ihr, der greisen Alten.
Fuhr gar rauschend nach der Heimath,
Fuhr gar wunderlich nach Hause,
Bricht den Schlitten an dem Dreschhaus,
Und die Deichsel an der Pforte.
An zu rathen fing die Mutter
Und der Vater sprach die Worte:
„Wohl zum Scherz hast du den Schlitten,
Hast die Deichsel du zerbrochen!
Weshalb kommst so wunderseltsam
Und betroffen du nach Hause?“
Mußt’ der junge Joukahainen
Nun gar reichlich Thränen weinen,
Tiefen Hauptes, trüben Sinnes,
Schief geschoben seine Mütze,
Ließ er breit herab die Lippen
Und zum Mund die Nase hängen.
Früher fragte ihn die Mutter,
Suchte sie ihn auszuforschen:
„Sag’, was weinest du, mein Söhnchen,
Murrest du, mein Erstgeborner,
Läss’st die Lippen also hängen,
Und zum Mund die Nase sinken?“
Sprach der junge Joukahainen:
„Theure, die du mich getragen,
Wohl ist Grund ob des Gescheh’nen,
Ursach’ ob des Vorgefallnen,
Wohl ist Grund zum Weinen heute,
Hab’ ich Ursach’ heut’ zu murren,
Ewig werde ich nun weinen,
Trauernd nun mein Leben tragen,
Da ich Aino, meine Schwester,
Meiner lieben Mutter Tochter,
Wäinämöinen hab’ versprochen,
Ihm, dem Sänger, eine Gattin,
Ihm, dem Schwachen, eine Stütze
Und ein Schutzdach an dem Hause.“
Munter schlug alsdann die Mutter
Hand an Hand mit Hast zusammen,
Redet Worte solcher Weise:
„Weine nicht, mein liebes Söhnchen,
Hast nicht Grund zum Weinen heute,
Nicht zum Weinen, nicht zum Trauern,
Immer hegt’ ich diese Hoffnung,
Hielt sie fest im Lauf der Jahre,
Wünschte mir den wackern Helden,
Ihn, den starken Wäinämöinen,
Mir zu meinem Schwiegersohne,
Mir zum Tochtermann den Sänger.“
Doch die Schwester Joukahainen’s
Weinte selbst gar bittre Thränen,
Weinte einen Tag, den zweiten,
Weinend stand sie an der Pforte,
Weinte ob des großen Kummers,
Ob des bittern Grams im Herzen.
Hob die Mutter an zu sprechen:
„Warum weinst du, liebe Aino,
Hast ja einen großen Freier,
Kommst ins hohe Haus des Mannes,
Um am Fenster dort zu sitzen,
Um die Bänke blank zu halten?“
Doch die Tochter sprach die Worte:
„Mutter, die du mich getragen,
Wohl kann ich, o Liebe, weinen,
Weinen ob der schönen Flechte,
Ob des jungen Schmucks des Hauptes
Ob der Weichheit meiner Haare,
Daß sie ganz und gar verborgen
Und bedeckt nun wachsen werden.“
„Weine nun mein junges Leben
Ob der lieben Sonne Liebe,
Ob des schönen Mondscheins Milde,
Ob der Lust des ganzen Lebens,
Da als Mädchen ich gelassen
Und als Kind vergessen wurde
Auf dem Schnitzplatz meines Bruders
Unter meines Vaters Fenster.“
Sprach die Mutter zu der Tochter,
So die Alte zu der Jungen:
„Geh, o Thörin, mit dem Grame,
Mit den Thränen, Mißgerathne,
Keinen Grund hast du zum Grame,
Anlaß nicht dich abzuhärmen,
Scheint doch Gottes schöne Sonne
Wohl auch anderswo auf Erden,
Nicht bloß in des Vaters Fenster,
Nicht bloß auf des Bruders Schnitzbank,
Beeren giebt es auf den Bergen,
Auf den Fluren viele Erdbeer’n,
Kannst sie dort, o Kummervolle,
Fort und fort dir selber pflücken,
Nicht stets auf des Vaters Feldern,
Nicht bloß auf des Bruders Boden.“
Vierte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Aino, dieses junge Mädchen,
Joukahainen’s schöne Schwester,
Ging nun in den Busch nach Besen,
Ging um Quasten dort zu holen;
Brach dort eine für den Vater,
Eine brach sie für die Mutter,
Bindet dann den dritten Besen
Für den jüngsten ihrer Brüder.
Ging schon graden Wegs nach Hause,
Macht sich auf aus dem Gebüsche,
Sieh, da kommet Wäinämöinen
Und erblickt im Busch die Jungfrau,
Auf dem Gras die schöngeschürzte,
Redet Worte solcher Weise:
„Nicht für andre trag, o Jungfrau,
Nein für mich nur trag, o Jungfrau,
An dem Halse hübsche Perlen,
Auf der Brust ein blankes Kreuzchen,
Trag für mich die feine Flechte,
Bind für mich das Haar mit Seide.“
Ihm zur Antwort gab die Jungfrau:
„Nicht für dich und nicht für andre
Hänget mir am Hals das Kreuzchen,
Schmücke ich mein Haupt mit Seide,
Brauch’ ja nicht des Schiffes Balken,
Brauche nicht des Bootes Leisten,
Geh’ in einfachem Gewande,
Nähr’ mich von des Brotes Kanten,
Bleib’ bei meinem lieben Vater,
In der Nähe meiner Mutter.“
Warf drauf von der Brust das Kreuzchen,
Von den Fingern fort die Ringe,
Fort vom Halse dann die Perlen,
Von dem Haupt die rothen Faden,
Warf sie unwirsch auf den Boden,
Warf sie in den Busch behende,
Ging dann weinend ihrer Wege
Und mit Heulen fort nach Hause.
An dem Fenster saß der Vater,
Schnitzte dort am schönen Beilschaft:
„Weshalb weinst du, arme Tochter,
Arme Tochter, junges Mädchen?“
„Hab’ wohl Grund zum Weinen, Vater,
Grund zu weinen und zu trauern,
Deshalb wein’ ich, lieber Vater,
Wein’ und bin ich voll von Kummer,
Von der Brust warf ich das Kreuzchen,
Von dem Gurt die schöne Spange,
Silbern war das schöne Kreuzchen,
Und von Kupfer meine Spange.“
An der Pforte saß der Bruder,
Schnitzte dort am schönen Krummholz:
„Weshalb weinst du, arme Schwester,
Arme Schwester, junges Mädchen?“
„Hab’ wohl Grund zu weinen, Bruder,
Grund zu weinen und zu trauern,
Deshalb wein’ ich, armer Bruder,
Wein’ und bin ich voller Kummer;
Warf den Ring mir von den Fingern,
Von dem Hals die schönen Perlen,
Golden war der Ring am Finger,
Silbern meines Halses Perlen.“
An der Schwelle saß die Schwester,
Webte dort am goldnen Gürtel:
„Weshalb weinst du, arme Schwester,
Arme Schwester, junges Mädchen?“
„Hab’ wohl Grund zu weinen, Schwester,
Grund zu weinen und zu trauern,
Deshalb wein’ ich, arme Schwester,
Wein’ und bin ich voller Kummer:
Warf das Gold von meinen Schläfen,
Warf das Silber aus den Haaren,
Von dem Aug’ die blauen Bänder,
Von dem Kopf die rothen Schnüre.“
An der Thür des Vorrathshauses
Sammelte die Mutter Sahne:
„Weshalb weinst du, arme Tochter,
Arme Tochter, junges Mädchen?“
„Mutter, die du mich getragen,
Mutter, die du mich gesäuget,
Hab’ wohl Grund mich sehr zu grämen
Und mich ernstlich zu betrüben,
Deshalb wein’ ich, arme Mutter,
Mach’ mir deshalb, Mutter, Sorgen:
Ging hin in den Busch nach Besen,
Ging um Quasten dort zu brechen,
Brach dort eine für den Vater,
Brach die zweite für die Mutter,
Band darauf den dritten Besen
Für den jüngsten meiner Brüder,
Fing dann an nach Haus zu gehen,
Ging gar hastig durch die Fluren.
Aus der Saat sprach da Osmoinen,
Kalewainen von dem Felde:
„Nicht für andre trag, o Jungfrau,
Nur für mich, o theures Mädchen,
An dem Halse hübsche Perlen,
Auf der Brust ein blankes Kreuzchen,
Trag für mich die feine Flechte,
Schmück für mich das Haar mit Seide.“
Warf drauf von der Brust das Kreuzchen
Von dem Halse fort die Perlen,
Von dem Aug’ die blauen Bänder,
Von dem Kopf’ die rothen Schnüre,
Warf sie unwirsch auf die Erde,
Warf sie böse ins Gebüsche,
Sprach dann selber diese Worte:
„Nicht für dich und nicht für andre
Hängt mir an dem Hals das Kreuzchen,
Schmücke ich mein Haupt mit Seide,
Brauche nicht des Schiffes Balken,
Brauche nicht des Bootes Leisten,
Sitz’ zu Haus’ in schlichten Kleidern,
Nähr’ mich von des Brotes Kanten,
Bleib’ bei meinem lieben Vater,
In der Nähe meiner Mutter.“
Sprach die Mutter zu der Tochter,
So die Alte zu der Jungen:
„Weine nicht, o theure Tochter,
Murre nicht, mein liebes Mädchen,
Iß ein Jahr lang schöne Butter,
Wirst bedeutend schlanker werden,
Iß das zweite Jahr nur Schweinfleisch,
Wirst gar stattlich dann gedeihen,
Und im dritten Schmantgebäcke,
Wirst gar schön dich dann gestalten;
Geh zum Vorrathshaus am Berge,
Öffne dort die beste Kammer,
Kiste stehet dort auf Kiste,
Kasten stehet dort auf Kasten,
Öffne dort die beste Kiste,
Hebe ab den bunten Deckel,
Findest goldner Gürtel sechse;
Sieben schöne blaue Röcke,
Die des Mondes Tochter webte,
Die der Sonne Tochter nähte.“
„Ging in meinen jungen Jahren,
In den Jahren meiner Jugend
In den Busch und suchte Beeren,
Suchte Himbeer’n an dem Berge,
Hört’ des Mondes Tochter weben,
Und der Sonne Tochter spinnen
An dem Rand des blauen Haines,
An dem Saum der schönen Waldung.“
Nahte ihnen und trat näher,
Stellte mich an ihre Seite
Und begann sie sanft zu bitten,
Sprach dann selber diese Worte:
„Gieb dein Gold, o Mondes Tochter,
Gieb dein Silber, Sonnentochter,
Diesem Mädchen ohne Mittel,
Diesem Kinde, das dich bittet.“
„Gold gab mir des Mondes Tochter,
Silber mir die Sonnentochter,
Gold mir an die schönen Schläfen,
Auf das Haupt mir schimmernd Silber,
Mit den Blumen ging behend ich
Freudig nach dem Haus’ des Vaters.“
„Trug es einen Tag, den zweiten,
Aber schon am dritten Tage
Nahm das Gold ich von den Schläfen,
Und das Silber mir vom Haupte,
Bracht’ es hin zum Haus’ am Berge,
That es sorgsam in die Kiste;
Hat bis heute dort gelegen,
Hab’ es nie mehr angesehen.“
„Schmück mit Seide nun die Augen,
Schmück mit Gold du deine Schläfen,
Deinen Hals mit prächt’gen Perlen,
Mit dem blanken Kreuz das Brustlatz,
Leg dir an ein Hemd von Leinwand,
Von dem allerfeinsten Flachse,
Zieh dir an den schönen Tuchrock,
Schnüre ihn mit seidnem Gürtel,
Schmücke dich mit seidnen Strümpfen,
Mit den Schuh’n von schönem Leder,
Zier dein Haupt dann mit der Flechte,
Binde sie mit seidnen Bändern,
Schmück’ mit Ringen deine Finger
Und die Hand mit hübschen Krausen.“
„Kommst drauf also in die Stube,
Schreitest also aus dem Hause
Wohl zur Freude der Verwandten,
Zu des ganzen Hauses Zierde,
Wandelst dann wie eine Blume,
Wie die Erdbeer’ auf dem Wege,
Stattlich bist du mehr denn früher,
Schöner als zu andern Zeiten.“
Also sprach sie zu der Tochter,
So die Mutter zu dem Mädchen;
Nicht beachtet sie die Worte,
Hört nicht auf der Mutter Rede,
Ging um auf dem Hof zu weinen,
Eilte hin mit raschen Schritten,
Sprach dort Worte solcher Weise,
Ließ sich also dort vernehmen:
„Wie wohl ist der Sinn der Sel’gen,
Wie die glückbegabte Seele?
Also ist der Sinn der Sel’gen,
So der glückbegabten Seele,
Wie das Wasser, das da fluthet,
Wie die Woge in dem Troge.
Wie der Sinn der Unglücksel’gen,
Wie der Sinn der grauen Ente?
Also ist der Armen Stimmung,
So der Sinn der grauen Ente,
Wie das Eisstück an dem Dache,
Wie das Wasser in dem Brunnen.“
„Oft ach! schweift der Sinn der Schwachen,
Oft der Sinn des schwachen Mädchens
Angstvoll durch die Stoppelfelder,
Streift mit Mühe durch die Sträucher,
Wälzt sich weiter durch die Wiesen,
Dringet durch die dicken Büsche,
Besser ist er nicht als Schwärze
Und das Herz so weiß wie Kohlen.“
„Besser wär’ es mir gewesen,
Besser wär’ ich nicht geboren,
Wär’ ich nicht herangewachsen,
Wär’ ich nicht so alt geworden
Während dieser bösen Tage,
In dem freudenleeren Zeitraum;
Wär’ ich doch nach sechs der Nächte,
In der achten schon gestorben,
Wäre da nicht lang gewesen,
Brauchte nur ein wenig Leinwand,
Nur ein kleines Fleckchen Erde,
Wenig hätte da die Mutter,
Hätt’ der Vater mich beweinet
Und der Bruder kaum ein Bißchen.“
Weinte einen Tag, den zweiten,
Wieder fragte da die Mutter:
„Weshalb weinst du, liebes Mädchen,
Weshalb härmst du dich, o Arme?“
„Deshalb wein’ ich, armes Mädchen,
Härm’ ich mich mein ganzes Leben,
Daß du also hingegeben
Und dein eigen Kind versprochen
Ihm, dem alten Mann, zum Troste,
Ihm zu seines Alters Freude,
Ihm, dem Schwankenden, zur Stütze,
Und zum Schutz ihm in der Stube;
Hätt’st mich lieber du versprochen
Unten in des Meeres Tiefe
Schwester dort zu sein den Schnäpeln,
Freundin dort den flinken Fischen;
Besser ist’s im Meer zu schwimmen,
In den Wogen dort zu weilen,
Schwester dort zu sein den Schnäpeln,
Eine Freundin flinken Fischen,
Als den alten Mann zu trösten,
Ihn, den Schwankenden, zu stützen,
Ihn, den Fallenden, zu halten,
Ihm, dem Taumelnden, zu helfen.“
Ging drauf zu dem Haus am Berge,
Schreitet in die Vorrathskammer,
Öffnete die schönste Kiste,
Hebet ab den bunten Deckel,
Findet goldner Gürtel sechse,
Sieben schöne Weiberröcke,
Kleidet damit ihren Körper,
Schmückt sich damit auf das Schönste,
Legt das Gold an ihre Schläfen,
Auf das Haar das helle Silber,
Blaue Bänder an die Augen,
Rothe Schnüre an die Stirne.
Fängt dann an davonzuschreiten
Über Feld und über Wiese,
Schweift durch Sümpfe, schweift durch Felder,
Schweift durch schattenreiche Wälder,
Selber sang sie bei dem Gehen,
Sprach sie, als umher sie schweifte:
„Jämmerlich ist mir zu Muthe,
Schmerzen habe ich am Haupte,
Doch nicht größer ist der Jammer,
Stärker nicht die heft’gen Schmerzen,
Wenn ich armes Mädchen sterbe,
Wenn mein Leben ich beende,
Bei der großen Last des Kummers,
Bei der gar zu schlimmen Laune.“
„Meine Zeit ist schon gekommen,
Fort von dieser Welt zu eilen,
Unten hin zum Reiche Mana’s
In des Todtenreiches Räume,
Laß, o Vater, du das Weinen,
Mutter, werde nur nicht böse,
Trockne, Schwesterchen, die Wangen,
Bruder, laß die Thränen bleiben,
Wenn ich in das Wasser sinke,
In der Fische Fluth mich werfe,
In die Meerestiefe gehe,
Zu dem schwarzgefärbten Schlamme.“
Schreitet einen Tag, den zweiten,
Endlich an dem dritten Tage
Kam sie an die Meeresküste,
An das schilfbewachsne Ufer,
Langte dorten an zur Nachtzeit,
Machte Halt daselbst im Dunkeln.
Daselbst weinte sie den Abend,
Wimmert’ sie die ganze Nacht durch
Auf des Strandes Wassersteinen,
An des breiten Busens Kante;
Bis sie an dem andern Morgen
Vor sich auf die Spitze blicket;
Drei der Jungfrau’n saßen dorten,
Schwammen munter in den Wogen,
Aino macht sich rasch zur vierten,
Fünftens kam hinzu die Ruthe.
Warf das Hemd hin auf die Weide,
Auf die Espen ihre Kleidung,
Auf die Erde ihre Strümpfe,
Auf die Steine ihre Schuhe,
Auf den Sand die schönen Perlen,
Aufs Gerölle ihre Ringe.
Stand ein Stein dort voller Streifen,
Dort ein Felsblock goldenglänzend,
Stürzt sich auf den Stein, will schwimmen,
Hin zum Felsblock sich bewegen.
Als sie nun dahin gelanget,
Und zum Sitzen sich bereitet
Auf dem buntgestreiften Steine,
Auf dem glanzerfüllten Felsblock,
Stürzt der Stein rasch in die Tiefe,
Fällt der Felsblock hin zum Grunde,
Mit dem Stein zugleich das Mädchen,
Aino auf des Felsblocks Fläche.
Also stürzte hin das Hühnchen,
So verschwand das arme Mädchen,
Sprach noch selber beim Verscheiden,
Selber, als hinab sie rollte:
„Ging zum Meere um zu schwimmen,
Auf des Wassers klarem Rücken,
Fiel hinein, ich armes Hühnchen,
Starb alsbald, ein armes Vöglein;
Nimmer fange du, mein Vater,
Nimmer während deines Lebens
Fische aus des Meeres Fluthen,
Nie aus dieser Wasserstrecke.“
„Ging zum Strande dort zu waschen,
Ging zum Meere mich zu baden,
Fiel hinein, ich armes Hühnchen,
Starb alsbald, ein armes Vöglein,
Nimmer magst du, meine Mutter,
Nimmer während deines Lebens
Wasser in den Brotteig gießen,
Aus der breiten Bucht am Hause.“
„Ging zum Strande dort zu waschen,
Ging zum Meere mich zu baden,
Fiel hinein, ich armes Hühnchen,
Starb alsbald, ein armes Vöglein;
Nimmer magst du, lieber Bruder,
Nimmer während deines Lebens,
Hier dein muntres Streitroß tränken,
Nie am Strande dieses Meeres!“
„Ging zum Strande dort zu waschen,
Ging zum Meere mich zu baden
Fiel hinein, ich armes Hühnchen,
Starb alsbald, ein armes Vöglein;
Nimmer magst du, liebe Schwester,
Nimmer während deines Lebens
Deine lieben Augen waschen
Mit dem Wasser dieser Gegend!
Alles Wasser aus dem Meere
Ist ja Blut aus meinen Adern,
Alle Fische in dem Meere
Sind ja Fleisch von meinem Körper,
Alle Sträucher an dem Strande
Sind ja meine Seitenknochen,
Alles Gras dort an dem Ufer
Hat mit meinem Haar Gemeinschaft.“
Also starb das junge Mädchen,
So verschwand das schöne Hühnchen.
Wer wird wohl die Worte melden,
Wer die Rede wohl berichten
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,
Nach dem Heimathshof der Hübschen?
Wird der Bär die Worte melden,
Er die Rede hin berichten!
Kann die Worte nicht berichten,
Stürzet auf die Rinderheerde.
Wer wird wohl die Worte melden,
Wer die Rede wohl berichten
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,
Nach dem Heimathshof der Hübschen?
Wird der Wolf die Worte melden,
Er die Rede hinberichten?
Kann die Worte nicht berichten,
Stürzet auf die Lämmerheerde.
Wer wird wohl die Worte melden,
Wer die Rede wohl berichten
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,
Nach dem Heimathshof der Hübschen?
Wird der Fuchs die Worte melden,
Er die Rede hinberichten?
Kann die Worte nicht berichten,
Stürzet auf die Gänseheerde.
Wer wird wohl die Worte melden,
Wer die Rede wohl berichten
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,
Nach dem Heimathshof der Hübschen,
Wird der Has’ die Worte melden,
Er die Rede hinberichten?
Dieser gab gar wahr zur Antwort:
„Bei mir soll das Wort nicht bleiben.“
Hastig lief sodann der Hase,
Lief voll Eile fort der Langohr,
Gar behende er, der Krummbein,
Gar geschwind mit schiefem Munde
Nach dem Haus der schönen Jungfrau
Nach dem Heimathshof der Hübschen.
Lief behende hin zur Badstub’;
Hockte an der Schwelle nieder,
Voll von Mädchen ist die Badstub’,
Haben Besen in den Händen:
„Wirst, o Schielaug’, bald gekochet,
Bald, o Breitaug’, du gebraten
Als des Wirthes Abendessen,
Als der Wirthin Morgenbissen,
Als der Tochter Zwischenspeise,
Als des Sohnes Mittagsnahrung.“
Doch der Hase gab zur Antwort,
Laut verkündet es der Großaug’:
„Möge Lempo hierher kommen,
Um im Kessel hier zu kochen!
Bin gekommen zu berichten,
Und zu melden euch die Worte:
Hingeschwunden ist die Schöne
Mit dem Zinnschmuck auf dem Brustlatz,
Mit der schönen Silberspange,
Mit dem kupferreichen Gürtel,
In die Wellen hingesunken,
In des Meeres weite Tiefen,
Schwester dort zu sein den Schnäpeln,
Freundin dort den flinken Fischen.“
Weinen mußte da die Mutter,
Reichlich Thränen fließen lassen,
Hob dann selber an zu sprechen,
Sprach mit Schmerzen diese Worte:
„Arme Mütter, treibet nimmer,
Nimmer während eures Lebens,
Eure Töchter an zur Ehe,
Treibt sie nimmer an zur Heirath,
Wenn der Mann nicht nach dem Sinne,
So wie ich, die arme Mutter,
Angetrieben hab’ die Tochter,
Dieses heißgeliebte Hühnchen!“
Weinte, daß die Thränen tropften,
Bittre Thränen reichlich tropften
Aus den alten, blauen Augen
Auf die armen, alten Wangen.
Eine Thräne floß, die zweite,
Bittre Thränen rannen reichlich
Von den armen, alten Wangen
Auf die starkbewegten Brüste.
Eine Thräne floß, die zweite,
Bittre Thränen rannen reichlich
Von den starkbewegten Brüsten
Auf den schönen Saum des Kleides.
Eine Thräne floß, die zweite,
Bittre Thränen rannen reichlich
Von dem schönen Saum des Kleides
Auf die rothgestreiften Strümpfe.
Eine Thräne floß, die zweite,
Bittre Thränen rannen reichlich
Von den rothgestreiften Strümpfen
Auf der schönen Schuhe Leder.
Eine Thräne floß, die zweite,
Bittre Thränen rannen reichlich
Von der schönen Schuhe Leder
Unter ihre beiden Füße,
Auf die Erde, ihr zu Gute,
In das Wasser, ihm zu Gute.
Als sie auf den Boden kamen,
Bilden sie drei breite Bäche,
Flossen als drei große Flüsse
Aus dem reichen Thränenwasser,
Das vom Haupt herabgekommen,
Von den Schläfen abgeflossen.
Und in jedem dieser Bäche
Braust ein Wasserfall voll Feuer,
In dem Schaum’ des Wasserfalles
Stehen drei vereinte Felsen,
An dem Rande jedes Felsens
Hebet sich ein hübscher Hügel,
Auf der Spitze jedes Hügels
Wachsen drei gar schöne Birken,
In dem Wipfel jeder Birke
Sitzt ein hübsches Kuckucks-Kleeblatt.
Fangen alle an zu rufen,
Einer rufet: Liebe, Liebe,
Dann der andre: Freier, Freier,
Und der dritte: Freude, Freude.
Welcher „Liebe, Liebe“ rufet,
Rufet also drei der Monde
Jener Jungfrau ohne Liebe,
Die nun in den Wogen ruhte.
Welcher „Freier, Freier“ rufet,
Rufet also sechs der Monde
Jenem Freier, der für immer
Ohn’ Erhörung bleiben sollte.
Welcher „Freude, Freude“ rufet,
Rufet so das ganze Leben
Jener Mutter ohne Freude,
Die nun alle Tage weinte.
Also sprach die arme Mutter,
Wenn des Kuckucks Ruf sie hörte:
„Höre nicht, o arme Mutter,
Gar zu lang des Kuckucks Rufen;
Wenn des Kuckucks Ruf ertönet,
Wird das Herz mir hart beweget,
Thränen treten in die Augen,
Wasser rollet auf die Wangen,
Tropfen wie die Erbsenkörner,
Breiter als die dicksten Bohnen,
Älter wird mein Ellenbogen,
Schwächer mir die Handgelenke,
Ja, der ganze Körper zittert,
Wenn des Kuckucks Ruf ich höre!“
Fünfte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Schon gemeldet war die Kunde,
Hinbefördert schon die Nachricht
Von dem Untergang der Jungfrau,
Von dem Tod des schönen Mädchens.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Wurde darob gar verdrießlich,
Weinte Abends, weinte Morgens,
Weint’ die ganzen lieben Nächte,
Da die Schöne hingeschwunden,
Da die Jungfrau so versunken
In des Meeres weiten Spiegel,
In die flutenreiche Tiefe.
Ging voll Sorgen und mit Seufzen,
Mit gar schwerbewegtem Herzen
An den Strand des blauen Meeres,
Redet Worte solcher Weise:
„Sag’ mir, Untamo, du Träumer,
Sage deine Träume, Fauler,
Wo des Wassers Götter weilen,
Wo Wellamo’s Jungfrau’n ruhen?“
Sprach drauf Untamo der faule,
Also that er kund die Träume:
„Dorten sind die Wassergötter,
Dort die Jungfrau’n von Wellamo:
Auf der nebelreichen Spitze,
Auf dem waldbedeckten Eiland,
In des Meeres dunkler Tiefe,
Auf dem schwarzgefärbten Schlamme.“
„Dorten sind die Wassergötter,
Sind die Jungfrau’n von Wellamo,
Sitzen in dem schmalen Stübchen,
Sitzen in der engen Kammer,
In dem buntgestreiften Steine,
In des dicken Felsblocks Wölbung.“
Ging der alte Wäinämöinen
Zu dem Stapelplatz der Böte,
Schaut mit Sorgfalt auf die Angel
Und betrachtete die Schnüre,
Nimmt die Angel in die Tasche,
In den Sack den Widerhaken,
Fängt dann rüstig an zu rudern,
Rudert zu des Eilands Ende,
Kommt zur nebelreichen Spitze,
Zu dem waldungsreichen Ufer.
Machte dort sich an das Angeln,
Weilte stets bei seiner Fangschnur,
Wandte sich mit seinem Handnetz,
Ließ die Angel dort ins Wasser,
Angelte und zog den Haken;
Zitternd schwankt die Kupferruthe,
Zischend rauscht der Silberfaden
Und das goldne Schnürchen sauset.
Endlich nun an einem Tage
Und an einem schönen Morgen
Biß ein Fischlein in die Angel,
Faßt’ ein Lachs am Eisenhaken;
Rasch zog er den Fisch ins Fahrzeug,
Zog ihn auf des Bootes Boden.
Wendet und beschaut das Fischlein,
Redet selber diese Worte:
„Ist ein wunderschönes Fischlein,
Hab’ dergleichen nie gesehen:
Glatter ist es als der Schnäpel,
Schimmernder denn Lachsforellen,
Grauer ist’s als große Hechte,
Flossenärmer als ein Weibchen,
Und zu nackend für ein Männchen,
Hat nicht Binden wie ein Mädchen,
Nicht den Gurt der Wassertochter,
Hat nicht Ohren wie ein Hühnchen,
Ist als Meereslachs gestaltet,
Als ein Barsch aus tiefen Fluthen.“
Wäinämöinen hat im Gürtel
Stets mit Silberscheid’ ein Messer,
Nimmt das Messer von der Seite,
Aus der silberreichen Scheide,
Um das Fischlein zu zerstückeln,
Um den Lachs rasch zu zerschneiden
Sich zu einem Morgenbissen,
Sich zur Speise in der Frühe,
Sich zu gutem Mittagsmahle,
Sich zur Abendkost ein Stückchen.
Fing den Lachs an zu zerschneiden,
Will den Bauch des Fisches spalten,
Hurtig schlüpft der Lachs ins Wasser,
Springt ins Meer das bunte Fischlein
Aus des braunen Bootes Boden,
Aus dem Nachen Wäinämöinens.
Hob den Kopf dann aus den Wellen,
Hob hervor die rechte Schulter
Mit dem fünften Stoß des Windes,
Bei dem sechsten Netzgestelle,
Reicht hervor der Hände rechte,
Läßt der Füße linken blicken
Auf der siebenten der Flächen,
Auf der neunten Wogenwölbung.
Sprach dann selber diese Worte,
Ließ sich selber so vernehmen:
„O du alter Wäinämöinen!
Nimmer bin ich hergekommen
Als ein Lachs recht zum Zerschneiden,
Als ein Fischlein zum Zerstückeln,
Dir zu einem Morgenbissen,
Dir zur Speise in der Frühe,
Dir zu gutem Mittagsmahle,
Dir zur Abendkost, o Alter.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Weshalb bist du denn gekommen?“
„Deshalb war ich hergekommen,
Dir im Arm zu ruhn als Hühnchen,
Stets zur Seite dir zu sitzen,
Dir als Gattin für dein Leben,
Dir das Lager zu bereiten,
Dir das Kissen hinzulegen,
Dir die Wohnung rein zu halten,
Auszukehren dort den Boden,
Feuer in die Stub’ zu bringen,
Dort die Flamme anzufachen,
Dir zu backen dicke Bröte,
Honigbrot dir zu bereiten,
Dir den Krug voll Bier zu bringen,
Vorzusetzen dir die Speise.“
„War ja nicht ein Lachs des Meeres,
Nicht ein Barsch aus Fluthentiefen;
Bin ein muntres, junges Mädchen,
Joukahainen’s junge Schwester,
Die du lange hast gewünschet
Und dein Lebenlang geliebet.“
„O du alter Thor voll Dummheit,
Wäinämöinen ohne Einsicht,
Nicht verstandst du festzuhalten
Mich, Wellamo’s Wellenjungfrau,
Mich, der Fluthen einz’ge Tochter!“
Sprach der alte Wäinämöinen
Schiefen Hauptes, schlechter Laune:
„Bist du Joukahainen’s Schwester,
O so komme, bitt’ ich, wieder.“
Nimmer kommt sie nochmals wieder,
Nimmer während dieses Lebens,
Tauchte hastig in die Fluthen,
Von des Meeres Oberfläche
In die buntgestreiften Steine,
In die leberfarbnen Spalten.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Überlegte nun und dachte,
Wie zu sein und wie zu leben;
Zog voll Fleiß das feine Netzlein
Kreuz und quer durch das Gewässer,
Durch die Buchten, durch die Engen,
Zieht es durch das stille Wasser,
Zieht es durch des Lachses Klippen,
Durch die Fluthen von Wäinölä,
Durch die Klippen Kalewala’s,
Durch die dunkelfarbnen Tiefen,
Durch den großen Meeresrücken,
Durch die Flüsse von Joukola,
Durch der Lappen Buchtenstrecken.
Fing gar viel von andern Fischen,
Fast von allen Meeresfischen,
Fing nur nicht das liebe Fischlein,
Das er stets im Sinne hatte,
Nicht Wellamo’s Wogenjungfrau,
Nicht der Fluthen einz’ge Tochter.
War der alte Wäinämöinen
Schiefen Hauptes, schlechter Laune,
Hatte gar zu schief die Mütze,
Redet selber diese Worte:
„O ich Narr mit meiner Thorheit,
O ich Mann mit wenig Einsicht,
Wohl war mir Verstand verliehen,
Einsicht mir gewiß gegönnet,
Mir ein großes Herz gegeben;
Hatte es in frühern Zeiten,
Nun ist es gewiß verschwunden,
Jetzt in diesen schlimmen Zeiten,
Bei dem Sinken meiner Kräfte,
Mein Verstand ist wie gestorben,
Fort die Einsicht mir geflohen,
Alle Klugheit steckt bei andern!“
„Welche ich mir immer wünschte,
Mir mein Lebelang ersehnte,
Sie, Wellamo’s Wogenjungfrau,
Sie, der Wogen jüngste Tochter,
Mir als Freundin für das Leben,
Mir als Gattin für das Alter,
Diese fing ich mit der Angel,
Zog sie rasch in meinen Nachen,
Konnte sie jedoch nicht halten,
Nicht nach meinem Hause bringen,
Ließ sie wieder in die Fluthen,
In des Meeres dunkle Tiefen!“
Ging dann fort des Wegs ein wenig,
Wohl voll Sorge und mit Seufzen,
Ging geraden Wegs nach Hause
Redet Worte solcher Weise:
„Ehmals rief der liebe Kuckuck,
Früher er der Freuden-Kuckuck
Wie am Morgen, so am Abend,
Manchmal auch zur Mittagsstunde;
Was hat nun die schöne Kehle,
Was den schönen Ruf verdorben?
Kummer brach die schöne Kehle,
Wehmuth hat sie mitgenommen;
Höre nun nicht mehr das Rufen,
Nicht nach Untergang der Sonne,
Mir zur Freude an dem Abend,
Mir zum Zeitvertrieb am Morgen.“
„Kann fürwahr nun nicht begreifen,
Wie zu sein und wie zu leben,
Wie in dieser Welt zu weilen,
Wie auf Erden hier zu wandeln;
Wär’ die Mutter noch am Leben,
Wär’ auf Erden noch die Alte,
Würde sie gewiß mir sagen,
Wie ich mich verhalten solle,
Um dem Grame nicht zu weichen,
Um in Trübsinn nicht zu sinken,
Jetzt in diesen schlechten Tagen,
Bei der allerschlimmsten Laune!“
Aus dem Grab erwacht die Mutter,
Aus der Tiefe gab sie Antwort:
„Noch am Leben ist die Mutter,
Wach noch ist die alte Mutter,
Um dir deutlich es zu sagen,
Wie du dich verhalten sollest,
Um dem Grame nicht zu weichen,
Um in Trübsinn nicht zu sinken,
Jetzt in diesen schlechten Tagen,
Bei der allerschlimmsten Laune:
Gehe zu des Nordens Töchtern,
Findest dort weit schön’re Kinder,
Zweimal schön’re, zarte Mädchen,
Tücht’ger sind sie fünf- und sechsmal
Nicht dergleichen Plauderdirnen,
Keine Lapp’sche Zaudrerinnen.“
„Dorther nimm, o Sohn, ein Weibchen
Von des Nordlands netten Töchtern,
Die von Aussehn reich an Anmuth,
Die im Wuchse schöngestaltet,
Immer rasch ist auf den Füßen
Und voll Flinkheit in den Gliedern.“
Sechste Rune.
Inhaltsverzeichnis
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schickt sich an um aufzubrechen
Nach dem Dorfe voller Kälte,
Nach dem nimmerhellen Nordland.
Nahm sein Roß, das strohhalmleichte,
Dieß sein erbsenstengelgleiches,
Thut ihm an die goldnen Zügel,
Legt ihm Riemen um voll Schönheit,
Setzt sich selber auf den Rücken
Und beginnt davonzureiten;
Jaget hastig auf dem Wege
Und durchmißt die Bahn geschwinde
Mit dem Roß, dem strohhalmleichten,
Mit dem erbsenstengelgleichen.
Jagte durch Wäinölä’s Fluren,
Durch die Flächen Kalewala’s,
Ritt gar rasch mit seinem Rosse,
Immer weiter von der Heimath,
Kam schon an des Meeres Rücken,
An die weitgedehnte Öde,
Trocken blieb der Huf des Rosses,
Unbefeuchtet seine Füße.
Doch der junge Joukahainen,
Dieser schwache Lappenjüngling,
Hatte Groll seit langer Zeit her,
War schon lange, lange neidisch
Auf den alten Wäinämöinen,
Auf den ew’gen Zaubersprecher.
Macht zurecht den Feuerbogen,
Schmückt die wunderschöne Wölbung,
Bildet sie aus bestem Eisen,
Gießt das Rückenstück aus Kupfer,
Legt es aus mit gutem Golde,
Läßt’s an Silber auch nicht fehlen.
Woher nimmt er wohl die Sehne,
Woher mag den Strang er schaffen?
Aus des Hiisi-Elenn’s Sehnen,
Aus des Lempo-Flachses Fäden.
Fertig war des Bogens Krümmung,
Fertig waren seine Enden,
Schön von Anblick war der Bogen,
Mußte wohl nicht wenig kosten;
Auf dem Rücken stand ein Rößlein,
An den Ecken lief ein Füllen,
Auf der Wölbung schlief ein Bärlein,
Und ein Hase an der Kerbe.
Schnitzt’ sich dann genug der Pfeile,
Dreifach waren sie befiedert,
Drechselte den Schaft aus Eisen,
Macht’ die Spitz’ aus harz’gem Holze;
War er mit dem Schnitzen fertig,
So befiedert er die Pfeile
Mit der Schwalbe schmalen Federn,
Mit des Sperlings feinen Flügeln.
Härtet dann die fert’gen Pfeile
Und verleihet ihnen Schärfe
In dem schwarzen Saft der Schlange,
In dem Blute gift’ger Nattern.
Fertig hatte er die Pfeile,
Wohl bespannet seinen Bogen,
Wartete auf Wäinämöinen,
Daß den Wogenfreund er fasse,
Spähet Morgens, spähet Abends,
Spähet selbst zur Mittagsstunde.
Wartet lang’ auf Wäinämöinen,
Wartet lange, wird nicht müde,
Sitzet fleißig an dem Fenster,
Wachet an des Zaunes Ecke,
Horchet an des Weges Ende,
Spähet an dem Ackersaume,
Auf dem Rücken hängt der Köcher,
In dem Arm der schöne Bogen.
Spähet dann noch weiter draußen,
Drüben an dem andern Hause,
An der Feuerspitze Ende,
An der langen Landzung’ Biegung,
Dicht am Wasserfall voll Feuer,
An des heil’gen Stromes Strudel.
Einst an einem Tage endlich
Warf er um die Morgenstunde
Gegen Nordwest seine Blicke,
Wandte seinen Kopf zur Sonne,
Sah was Schwarzes auf dem Meere,
Auf den Fluthen etwas Blaues:
„Ist das ein Gewölk im Osten,
Ist es etwa Morgendämmrung?“
Nicht war es Gewölk im Osten,
Keineswegs die Morgendämmrung,
Wäinämöinen war’s der alte,
Dieser ew’ge Zaubersänger,
Zog dort seinen Weg zum Nordland,
Ritt drauf los zum Düsterlande,
Auf dem Roß, dem strohhalmleichten,
Auf dem erbsenstengelgleichen.
Hastig faßte Joukahainen,
Dieser schwache Lappenjüngling,
Seinen Bogen voller Feuer,
Wendete den wunderschönen
Zum Verderben Wäinämöinen’s,
Um den Wogenfreund zu tödten.
Vorher fragte ihn die Mutter,
Forscht ihn aus die greise Alte:
„Gegen wen schufst du den Bogen
Und beschlugst du ihn mit Eisen?“
Joukahainen gab zur Antwort,
Redet Worte solcher Weise:
„Schuf den Bogen gegen diesen,
Hab’ mit Eisen ihn beschlagen
Zum Verderben Wäinämöinen’s,
Um den Wogenfreund zu tödten,
Wäinämöinen will ich treffen,
Ihn, den ew’gen Zaubersänger,
Durch das Herz und durch die Leber,
Durch das Schulterfleisch ihm schießen.“
Sie verbietet ihm zu schießen,
Nicht erlaubte es die Mutter:
„Schieße nicht auf Wäinämöinen,
Auf den Heldensohn Kalewa’s,
Wäinö ist von großem Stamme,
Meiner Schwester Sohn, mein Neffe.“
„Tödtest du den Wäinämöinen,
Ihn, den Helden von Kalewa,
Dann ach! schwindet alle Freude,
Schwindet der Gesang von hinnen,
Besser ist die Freud’ auf Erden,
Schöner der Gesang hier oben,
Als in Unterweltsgefilden,
In des Todtenreiches Stuben.“
Doch der junge Joukahainen
Dachte nach ein kleines Bißchen,
Hielt zurück sich nur ein wenig;
Trieb die eine Hand zum Schießen,
Schien die andre es zu hindern,
An die Sehne dringt der Finger.
Redet endlich noch die Worte,
Läßt sich selber also hören:
„Möge immerhin verschwinden
Alle Freude von der Erde,
Mögen alle Lieder schwinden,
Schießen werd’ ich, nichts beachtend.“
Spannte seinen Feuerbogen,
Stützt die kupferreiche Waffe
Auf dem linken seiner Kniee,
Stemmt den rechten seiner Füße,
Nimmt den Pfeil dann aus dem Köcher,
Holt hervor den federreichen,
Wählte wohl den allergradsten,
Mit dem allerbesten Schafte,
Diesen that er auf den Bogen,
Fügt’ er an die Flachsessehne.
Richtet dann den Feuerbogen
An der rechten seiner Schultern,
Stellt sich hin um loszuschießen
Auf den alten Wäinämöinen,
Redet selber diese Worte:
„Geh nun los, du Birkenspitze,
Strecke dich, du Tannenrücken,
Gleite ab, du Flachsessehne;
Wenn die Hand zu niedrig zielet,
Mag der Pfeil sich höher richten,
Zielt die Hand zu sehr nach oben,
Mag der Pfeil nach unten gehen!“
Rasch bewegt er nun den Drücker,
Schoß den ersten Pfeil behende,
Viel zu hoch enteilet dieser,
Über seinen Kopf zum Himmel,
Daß die Wolken schier zerbersten,
Er die Lämmerwolken sprenget.
Schoß dann weiter unbekümmert,
Schoß den zweiten seiner Pfeile,
Viel zu niedrig eilte dieser,
Tief hinein in unsre Erde,
Wollt’ zur Unterwelt selbst dringen,
Um den Sandberg zu zerspalten.
Grade schoß er ab den dritten,
Grade ging der Pfeile dritter
In die Milz des blauen Elenns,
Traf des alten Wäinämöinen’s
Roß mit strohhalmleichtem Körper,
Traf das erbsenstengelgleiche
Durch das Fleisch, am Kummet-Knochen
Durch die linke seiner Schultern.
Darauf stürzte Wäinämöinen
Rasch ins Naß mit seinen Fingern,
Mit den Händen in die Wogen,
Stürzte mit der Faust zum Schaume
Von des blauen Elenns Rücken,
Von dem Roß, dem überleichten.
Es entstand ein großer Sturmwind,
Mächt’ge Wallung in dem Meere,
Trug den alten Wäinämöinen,
Schwemmt ihn weiter fort vom Lande
Auf den weiten Wasserstrecken
Auf den ausgedehnten Fluthen.
Darauf prahlte Joukahainen
Selber laut auf diese Weise:
„Wirst, o alter Wäinämöinen,
Nimmermehr in deinen Leben
Nimmermehr mit deinen Augen,
Nie solang das Mondlicht leuchtet,
Seh’n die Fluren von Wäinölä,
Nie die Flächen Kalewala’s!“
„Schwimm im Meere sechs der Jahre,
Folg’ den Wogen sieben Sommer,
Rausche jetzo acht der Jahre
In den weiten Wasserstrecken,
In den ausgedehnten Fluthen,
Wie die Fichte sechs der Jahre,
Wie die Tanne sieben Jahre,
Acht der Jahre wie ein Baumstumpf!“
Ging dann wieder in die Stube,
Wo die Mutter also fragte:
„Hast den Wäinö du getroffen,
Ihn, den Helden von Kalewa?“
Gab der junge Joukahainen
Ihr zur Antwort diese Worte:
„Hab den Wäinö schon getroffen,
Ihn, den Helden von Kalewa,
Daß er nun das Meer durchfege,
Er die Fluthen munter kehre,
In den schlummerreichen Wellen;
In der Fluthen weiten Spiegel
Fiel der Alte mit den Fingern,
Stürzt’ er mit dem Handgelenke,
Krümmte sich auf eine Seite,
Blieb dann auf dem Rücken liegen,
Um so durch die Fluth zu treiben,
Durch die Wellen hinzusteuern.“
Doch die Mutter sprach die Worte:
„Schlecht hast du gethan, o Ärmster,
Daß auf Wäinö du geschossen,
Auf den Helden von Kalewa,
Auf den Helden Suwantola’s
Auf die Zierde Kalewala’s.“
Siebente Rune.
Inhaltsverzeichnis
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schwamm so durch die tiefen Wogen,
Wandert wie ein Zweig der Fichte,
Wie ein dürres Reis der Tanne
Sechs der schönsten Sommertage,
Sechs der Nächte nach einander,
Vor sich hatte er die Fluthen,
Hinter sich den klaren Himmel,
Schwimmet ferner zwei der Nächte,
Zwei der allerlängsten Tage;
Endlich in der Nächte neunter,
Nach Verlauf des achten Tages
Ward der Alte ungehalten,
Fühlt er großes Mißbehagen,
Denn der Zehe fehlt der Nagel
Und dem Finger die Gelenke.
Wäinämöinen, er, der alte
Sprach da selber diese Worte:
„Wehe mir, dem armen Manne,
Wehe mir, dem Unglückskinde,
Daß das eigne Land verlassend,
Aus der Heimath ich gegangen,
Um nun unter freiem Himmel
Tag’ und Monde hier zu wandern,
Von dem Sturme stark geschaukelt,
Von den Wogen arg gewieget
Auf den weiten Wasserstrecken,
Auf den ausgedehnten Fluthen;
Frostig ist mir hier das Leben,
Schmerzhaft ist es hier zu weilen
Immerfort in diesen Wogen,
Auf dem Wasser hinzuziehen.“
„Weiß ja nicht, wie ich hier leben,
Wie ich mich verhalten solle
Jetzt in diesen schlechten Zeiten,
In den harten Unheilsstunden:
Soll mein Haus im Wind’ ich bauen,
Auf den Wogen meine Stube?“
„Baute ich mein Haus im Winde,
Fänd’s im Winde keine Stütze,
Baut’ ich meine Stub’ im Wasser,
Würd’ das Wasser sie entführen.“
Her von Lappland kam ein Vogel,
Aus dem Dämmerland ein Adler,
Nicht gehört er zu den größten,
Keineswegs auch zu den kleinsten,
Streift das Meer der eine Flügel,
Reicht der andre an den Himmel,
Durch die Wogen fegt der Bürzel,
An die Klippen schlägt der Schnabel.
Fliegt umher und hält dann inne,
Schaut sich um und blickt nach hinten,
Sieht den alten Wäinämöinen
Auf dem blauen Meeresrücken:
„Weshalb bist du, Mann, im Meere,
Du, o Held, im Naß der Wogen?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Deshalb bin ich Mann im Meere,
Ich, der Held, im Naß der Wogen,
Ging zum Nordland um zu freien
Um des Düsterlandes Jungfrau.“
„Hastig jagt’ ich auf dem Wege
Längs der großen Meeresfläche,
Da gerieth ich eines Tages
Um die Zeit der Morgenstunde
An die Bucht von Luotola,
An die Strömung von Joukola,
Wo mein Roß mir todt geschossen,
Wo man mich zu treffen dachte.“
„Stürzte darauf in das Wasser,
Mit den Fingern in die Fluthen,
Daß der Sturm mich heftig wiegte,
Daß die Wogen mich bewegten.“
„Her von Nordwest kam ein Sturmwind,
Her von Ost ein starker Windstoß,
Dieser trieb mich weit vom Lande,
Führt’ mich fort in ferne Strecken;
Ward gewieget viele Tage,
Schwamm umher gar viele Nächte
In den weiten Wasserstrecken,
In den ausgedehnten Fluthen;
Kann auch nimmer hier erfahren,
Merken nicht und nicht begreifen,
Wie ich endlich sterben werde,
Was wohl früher wird geschehen,
Ob vor Hunger ich verkomme,
Ob ins Wasser ich versinke.“
Sprach der Aar, der Lüfte Vogel:
„Sei du keineswegs voll Kummer,
Setze dich auf meinen Rücken,
Richt dich auf am Bürzelknochen,
Will dich aus dem Meere tragen,
Wohin sich dein Sinn auch sehnet;
Wohl gedenk’ ich noch des Tages,
Denke noch der guten Zeiten,
Als die Waldung von Kalewa,
Osmo’s Hain du niederbranntest,
Doch die Birke du verschontest,
Ihn, den schlanken Baum, dort ließest
Als ein Ruheplatz den Vögeln,
Selber mir zu einem Sitze.“
Drauf erhebet Wäinämöinen
Seinen Kopf rasch aus den Fluthen,
Steigt dann muthig aus dem Meere,
Hebt sich kräftig aus den Wogen,
Setzt sich auf des Adlers Flügel,
Auf des Vogels Bürzelknochen.
Fort trägt drauf der Lüfte Vogel
Wäinämöinen, ihn, den alten,
Führt ihn längs der Bahn der Winde,
Längs des Laufs des Frühlingswindes
Zu des Nordens weiten Gränzen,
Nach dem trüben Sariola;
Ließ dort Wäinämöinen nieder;
Selber rauscht er durch die Lüfte.
Wäinämöinen weinte dorten,
Weinte dort und wimmert’ ängstlich
An dem Strand des weiten Meeres,
An der unbekannten Spitze,
Wohl mit hundert Seitenwunden,
Tausendfach vom Wind geschlagen,
Mit dem Barte voller Unrath
Und den wild zersausten Haaren.
Weinte zwei, ja drei der Nächte,
Weinte eben so viel Tage,
Wußte keinen Weg zu gehen,
Keinen Pfad dort aufzufinden,
Der ihn nach der Heimath führte,
Nach bekannten Länderstrichen,
In das Land, wo er geboren,
Wo bis dahin er gelebet.
Nordlands schlankgewachsne Jungfrau
Mit der schönen, weißen Farbe
Hatte mit der Sonn’ gewettet,
Mit der Sonne, mit dem Monde,
Stets zugleich sich zu erheben,
Und zusammen zu erwachen;
Kam jedoch bei weitem früher,
Vor dem Mond und vor der Sonne,
Eh’ den Hahn sie hören konnte,
Eh’ der Henne Sohn gekrähet.
Schor dann fünf der schönsten Schafe,
Sechs der allerbesten Lämmer,
Sammelte zum Tuch die Wolle,
Wählt’ sie aus zu dem Gewande,
Lang’ bevor der Morgen graute,
Eh’ die Sonne sich erhoben.
Wusch darauf die langen Tische,
Kehrte rein des Bodens Bretter
Mit dem zweigereichen Besen,
Mit der blätterreichen Quaste,
Scharrt den Kehricht dann zusammen
Auf der kupferreichen Schaufel,
Bringt den Unrath fort nach außen,
Durch die Thür zum Ackerfelde,
Zu des letzten Feldes Kante
An des untern Zaunes Ende;
Bleibt dort bei dem Kehricht stehen,
Horchet auf und dreht den Körper,
Hörte von dem Meer’ her weinen,
Jammern von dem andern Ufer.
Hastig eilte sie nach Hause,
Eilt’ behende in die Stube,
Sprach, als sie dort angekommen,
Und berichtet solcher Weise:
„Hörte von dem Meer her weinen,
Jammern auf dem andern Ufer.“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Nordlands zähnearme Alte,
Eilte nach dem Hof geschwinde
An die Öffnung ihrer Pforte,
Horchte fleißig auf die Laute,
Redet selber diese Worte:
„Also weinen nimmer Kinder,
Also jammern nimmer Weiber,
Also weinen bärt’ge Helden,
Männer mit behaartem Kinne.“
Stieß den Nachen in das Wasser,
In die Fluth den dreibretthohen,
Selbst beginnt sie schnell zu rudern,
Ruderte und eilt’ voll Raschheit
Hin zum alten Wäinämöinen,
Zu dem Helden, der da weinte.
Wirklich weinte Wäinämöinen,
Jammerte der Wogen Gönner
In dem schlechten Weidenbusche,
In dem dichten Faulbaumhaine,
Mund und Bart, die bebten beide,
Doch der Mund ließ sich nicht öffnen.
Sprach die Wirthin von Pohjola,
Sprach und redet’ solche Worte:
„O du alter Mann voll Thorheit,
Bist in fremdes Land gerathen!“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Hebt sein Haupt da in die Höhe,
Redet Worte solcher Weise:
„Weiß das selber zur Genüge,
Daß ich bin in fremdem Lande,
Auf ganz unbekannten Strecken;
In der Heimath war mir wohler
Und zu Hause stand ich höher.“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„Möchte gern von dir erfahren,
Und erlaubt sei es zu fragen,
Wer denn bist du von den Männern,
Wer wohl aus der Zahl der Helden?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber solche Worte:
„Ward genannt in frühern Zeiten,
Ward zuvor betrachtet immer
Als Erfreuer an dem Abend,
Als ein Sänger in den Thälern,
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s;
Glaube mich in meinem Elend
Selber fast nicht recht zu kennen.“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„Steig, o Mann, nun aus der Nässe,
Komm’, betritt die neuen Pfade,
Daß dein Unglück du erzählest,
Dein Geschick du mir berichtest!“
Nahm den Mann so fort vom Weinen,
So den Helden vom Gewimmer,
Ziehet ihn ins Boot behende,
Setzt ihn an des Fahrzeugs Ende,
Selber macht sie sich ans Rudern,
Ruderte mit allen Kräften
Graden Weges nach Pohjola,
Nach den fremden Wohngebäuden.
Speisete den Hungermatten,
Trocknete den ganz Durchnäßten,
Wärmte ihn gar manche Stunde,
Wärmte ihn und schafft ihm Hitze,
Macht den Mann gar bald genesen
Und gesund den starken Helden;
Fragt ihn dann und forschet fleißig,
Redet selber diese Worte:
„Weshalb hast, o Wäinämöinen,
Du, o Wogenfreund, geweinet
In dem schlechten Aufenthalte
An dem Strande dieses Meeres?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet Worte solcher Weise:
„Habe Grund genug zum Weinen,
Grund genug mich abzuhärmen,
Hab’ gar lang’ im Meer geschwommen
Und die Wogen fortgestoßen
In den weiten Wasserstrecken,
In der ausgedehnten Öde.“
„Deshalb weine ich so lange,
Quäl’ ich mich so lang’ ich lebe,
Daß ich aus dem Heimathlande,
Aus bekannten Länderstrecken
Zu der fremden Thür gekommen,
Zu den unbekannten Pforten;
Alle Bäume hier verwunden,
Jeder Ast scheint mich zu schlagen,
Jede Birke bringt Beschwerden,
Jede Erle sucht zu schneiden;
Nur der Wind ist mein Bekannter,
Nur die Sonne mir befreundet
In den fremden Länderstrecken,
Bei den unbekannten Thüren.“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet darauf diese Worte:
„Weine nicht, o Wäinämöinen,
Klage nicht, o Freund der Wogen,
Gut ist’s hier für dich zu weilen,
Schön die Zeit hier zuzubringen,
Lachs vom Teller hier zu essen,
Nebenbei das Fleisch der Säue.“
Sprach der alte Wäinämöinen
Selber Worte solcher Weise:
„Nimmer mag ich fremde Speise
In der allerbesten Fremde;
Besser ist der Mann im Lande,
Und zu Hause steht er höher;
Gieb, o güt’ger Gott dort oben,
Du, o Schöpfer voller Liebe,
Daß nach Hause ich gelange,
Nach dem lieben Heimathlande!
Besser ist’s im eignen Lande
Wasser aus dem Schuh zu trinken,
Als im fernen fremden Lande
Honigtrank aus goldner Schale.“
Louhi, sie, des Nordlands Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„Was denn wirst du mir wohl geben,
Wenn ich dich nach Hause schaffe,
An den Saum des eignen Feldes,
Hin zur Badstub’ deiner Heimath?“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Was wohl wünschst du zu erhalten,
Wenn du mich nach Hause schaffest,
An den Saum des eignen Feldes,
Daß den Kuckuck dort ich rufen,
Dort die Vögel singen höre;
Willst du eine Mütz’ voll Goldes,
Einen Hut voll schönen Silbers?“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„O du weiser Wäinämöinen,
Einzig ew’ger Zaubersprecher,
Nimmer werd’ nach Gold ich fragen,
Nimmer mich um Silber kümmern;
Gold ist wie der Kinder Blumen,
Silber wie der Rosse Zierath;
Kannst du mir den Sampo schmieden,
Mir den bunten Deckel hämmern
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Einem einz’gen Gerstenkorne,
Aus der Wolle eines Schafes,
Ja, dann geb’ ich meine Tochter,
Dieses Mädchen dir zum Lohne,
Bringe dich zum Heimathlande,
Daß du dort die Vögel singen,
Dort den Kuckuck rufen hörest
An dem Saum des eignen Feldes.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet Worte solcher Weise:
„Nicht kann ich den Sampo schmieden,
Nicht den bunten Deckel hämmern;
Bring mich nach dem Heimathlande:
Werde Ilmarinen senden,
Daß den Sampo er dir schmiede,
Dir den bunten Deckel hämmre,
Deine Tochter sich gewinne,
Daß die Jungfrau er beglücke.“
„Dieser ist ein Schmied, wenn einer,
Ist ein Meister in den Künsten,
Hat den Himmel schon geschmiedet,
Hat der Lüfte Dach gehämmert,
Nirgend sieht man Hammerspuren,
Nirgend eine Spur der Zange.“
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Redet Worte solcher Weise:
„Dem nur geb’ ich meine Tochter
Und versprech’ mein Kind nur jenem,
Der den Sampo für mich schmiedet,
Der den bunten Deckel hämmert
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Einem einz’gen Gerstenkorne,
Aus der Wolle eines Schafes.“
Schirrte an das muntre Füllen,
Spannt’ das braune vor den Schlitten,
Setzt’ den alten Wäinämöinen,
Setzt’ den Helden in den Schlitten,
Sprach drauf Worte solcher Weise,
Ließ sich selber so vernehmen:
„Heb dein Haupt nicht in die Höhe,
Strecke nicht hervor den Körper,
Wenn das Roß nicht schon ermüdet,
Wenn nicht schon der Abend da ist;
Hebst dein Haupt du in die Höhe,
Reckest du den Kopf nach außen,
Wird gewißlich Unheil kommen,
Dich ein bös’ Geschick ereilen.“
Trieb der alte Wäinämöinen
Rasch sein Roß und jagt’ von dannen,
Ließ die Leinen lustig schweben,
Lärmte so des Weges weiter
Aus dem nimmerhellen Nordland,
Aus dem düstern Sariola.
Achte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Nordlands wunderschöne Jungfrau,
Eine Zier von Land und Wasser,
Saß grad’ auf der Lüfte Bogen,
Glänzte an des Himmels Wölbung
In dem strahlendsten Gewande,
In dem glänzendweißen Kleide;
Webte ein Gewand von Goldstoff,
Sorgsam schmückt sie es mit Silber
Mit dem goldnen Weberschiffchen,
Mit dem Weberkamm von Silber.
Lustig fliegt das Weberschiffchen,
Fliegt die Spuhle durch die Hände,
Rasch bewegten sich die Schäfte
Und der Silberkamm nicht minder
Am Geweb’ der schönen Jungfrau,
Die mit Silber sorgsam wirkte.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Jagte lärmend auf dem Wege
Aus dem nimmerhellen Nordland,
Aus dem düstern Sariola;
War gar wenig noch gefahren,
War sehr weit nicht fortgekommen,
Hört des Weberschiffleins Schnurren
Grade über seinem Haupte.
Hob den Kopf da in die Höhe,
Schaute rasch empor zum Himmel:
Steht ein Bogen schön am Himmel,
Eine Jungfrau auf dem Bogen,
Webet ein Gewand von Goldstoff,
Wirket rauschend mit dem Silber.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Hält gleich an mit seinem Rosse,
Redet Worte solcher Weise,
Läßt sich selber also hören:
„Komm, o Jungfrau, in den Schlitten,
Setze dich an meine Seite!“
Antwort gab ihm so die Jungfrau,
Redet’ selber so und fragte:
„Was wohl soll ich in dem Schlitten,
Was die Jungfrau dorten machen?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Gab ihr selber diese Antwort:
„Deshalb sollst du in den Schlitten,
Du, o Jungfrau, dich hier setzen,
Daß du Honigbrod mir backest,
Daß das Bier du mir bereitest,
An dem Tische munter singest,
An dem Fenster dich erfreuest
In den Räumen von Wäinölä,
Auf den Höfen Kalewala’s.“
Doch die Jungfrau redet also,
Gab zur Antwort diese Worte:
„Ging zum bunten Blumenfelde,
Schaukelte am gelben Anger
Gestern in der Abendspäte
Nach dem Sonnenuntergange,
Hörte dort ein Vöglein singen,
Hörte eine Drossel zwitschern,
Singen von dem Sinn des Mädchens,
Von dem Sinn der Schwiegertochter.“
„Fragte da den guten Vogel,
Sprach zu ihm auf diese Weise:
O du liebe Ackerdrossel,
Singe, daß ich’s recht vernehme,
Wie es besser ist zu leben,
Wie zu leben angenehmer:
Als ein Mädchen bei dem Vater
Oder bei dem Mann als Gattin?“
„Auskunft gab der liebe Vogel,
Also zwitscherte die Drossel:
Hell und warm sind Sommertage,
Wärmer doch noch Mädchenfreiheit,
Kalt wohl ist im Frost das Eisen,
Kälter noch der Frauen Freude,
Gleicht das Mädchen, das zu Hause,
Einer Beer’ auf gutem Boden,
Ach! so ist die Frau beim Manne
Wie ein Hund nur an der Kette,
Selten wird dem Knechte Gnade,
Nimmermehr der Frau gewähret.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Albern ist des Vogels Singen,
Dummes Zeug der Drossel Zwitschern;
Kind stets bleibt zu Haus’ das Mädchen,
Wird als Frau erst recht geehret;
Komm, o Jungfrau, in den Schlitten,
Setze dich an meine Seite;
Bin als Mann nicht zu verachten,
Schlimmer nicht als andre Helden.“
Klüglich antwortet das Mädchen,
Redet Worte solcher Weise:
„Möchte dann für einen Helden,
Dann für einen Mann dich halten,
Wenn du mir ein Haar gespalten
Mit dem Messer ohne Schneide,
Wenn ein Ei du eingeschlungen,
Ohne daß die Schling’ zu merken.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Spaltete das Haar behende
Mit dem Messer ohne Spitze,
Das der Schärfe sehr entbehrte,
Bracht’ das Ei dann in die Schlinge,
Ohne daß die Schling’ zu sehen;
Bat das Mädchen in den Schlitten,
Bat sie auf den Sitz zu kommen.
Klüglich antwortet das Mädchen:
„Nimmer komm’ ich in den Schlitten,
Wenn den Stein du mir nicht schälest,
Eine Gert’ aus Eis mir hauest,
Ohne daß die Splitter springen,
Daß ein Stäubchen weiter flieget.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ist dabei nicht sehr verlegen,
Schälet rasch des Steines Rinde,
Haut aus Eis ihr eine Gerte,
Ohne daß die Splitter sprangen,
Daß ein Stäubchen sich verirrte;
Rief die Jungfrau in den Schlitten,
Rief auf seinen Sitz das Mädchen.
Klüglich antwortet das Mädchen,
Redet Worte solcher Weise:
„Möcht’ zu dem mich nur begeben,
Der ein Boot mir zimmern könnte
Aus den Splittern meiner Spindel,
Aus den Trümmern meiner Spuhle,
In das Wasser dann es führte,
In die Fluth das neue Schifflein,
Ohne mit dem Knie zu stoßen,
Ohn’ es mit der Hand zu fassen,
Mit dem Arme es zu wenden,
Mit der Schulter es zu ziehen.“
Sprach der alte Wäinämöinen
Selber Worte dieser Weise:
„Niemand ist wohl auf der Erde,
Niemand unter’m Himmelsdache,
Der gleich mir ein Fahrzeug bauet,
Niemand der gleich mir es zimmert.“
Nahm darauf der Spindel Splitter,
Nahm der Spuhle krummes Ende,
Eilet fort das Boot zu zimmern,
Hundert Bretter zu verbinden
Zu dem stahlgefüllten Berge,
Zu dem eisenreichen Felsen.
Zimmert eifrig an dem Boote,
Baut das Fahrzeug unverdrossen,
Zimmert einen Tag, den zweiten,
Zimmerte am dritten Tage;
Nicht gerieth die Axt an Steine,
Nicht die Schneide an den Felsen.
Endlich an dem dritten Tage
Lenkte Hiisi rasch den Beilschaft,
Lempo faßte an der Schneide,
Gab dem Schafte kräft’ge Stöße,
Daß die Axt zum Steine schnellte
Und die Schneide hin zum Felsen,
Ab vom Steine prallt’ das Eisen,
In das Fleisch fuhr da die Schneide,
In das Knie des armen Mannes,
In die Zehe Wäinämöinen’s,
Lempo trieb in’s Fleisch das Eisen,
Hiisi fügt’ es in die Adern,
Heftig fluthete der Blutstrom,
Quillt hervor mit allen Kräften.
Wäinämöinen alt und wahrhaft,
Dieser ew’ge Zaubersänger,
Redet Worte solcher Weise,
Läßt auf diese Art sich hören:
„O du Beil mit scharfem Schnabel,
O du Axt mit ebner Schneide,
Solltest in die Bäume beißen,
Solltest in die Tannen hauen,
An die Fichten dich wohl machen,
Birken anzufeinden streben,
Nicht ins Fleisch auf die Art fahren,
Nicht die Adern so zerschneiden!“
Hob dann an mit Zaubersprüchen,
Selbst beginnt er da zu sprechen
Ursprungsworte für die Übel,
Jedes Grundwort recht vollkommen,
Nicht besinnt er sich auf ein’ge
Große Worte von dem Eisen,
Daß er einen Riegel schaffe
Und ein festes Schloß bereite
Jenen Wunden durch das Eisen,
Die der blaue Mund gerissen.
Schon in Bächen floß der Blutstrahl,
Brauste wie ein Strom voll Lärmen,
Er bedeckt der Beeren Stengel,
Und die Kräuter auf den Fluren;
Gab gewiß dort keinen Rasen,
Der nicht überschwemmet worden
Von dem übermächt’gen Blutstrom,
Der gar rauschend vor sich jagte
Aus dem Knie des braven Helden,
Aus der Zehe Wäinämöinen’s.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Pflückte Flechten von den Steinen,
Sammelt Moos sich aus dem Sumpfe,
Rupfet Rasen von dem Boden
Um das große Loch zu stopfen,
Um die Wunde zu verschließen,
Brachte aber nichts zu Stande,
Kann das Blut durchaus nicht stillen.
Wurde von dem Schmerz gedrücket,
Schon empfand er große Mühsal;
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Fing gar heftig an zu weinen,
Schirrte dann sein Roß behende,
Spannt das braune vor den Schlitten,
Setzt sich selber dann mit Mühe
Und erhebet sich im Schlitten.
Schlug das Roß mit seiner Gerte,
Klatschte mit der prächt’gen Peitsche;
Munter lief das Roß von dannen,
Daß der Weg gar bald entschwindet,
Bis er auf ein Dorf gestoßen,
Wo der Weg sich dreifach theilet.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Fuhr den untersten der Wege
Hin zum untersten der Höfe,
Fragte an der Schwelle stehend:
„Ist wohl in dem Hause jemand,
Der des Eisens Thaten schauen,
Der des Helden Schmerz erkennen,
Der die Wunde heilen könnte?“
Saß ein Knabe auf dem Boden,
An dem Ofen dort ein Kindlein;
Gab zur Antwort diese Worte:
„Niemand ist in diesem Hause,
Der des Eisens Thaten schauen,
Der des Helden Schmerz erkennen,
Der dem Leid ein Ende setzen,
Der die Wunde heilen könnte;
Wohnt vielleicht in anderm Hause,
Fahre du zu anderm Hause.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schlug das Roß mit seiner Gerte,
Rauschte hurtig fort des Weges,
War ein wenig nur gefahren
Auf dem mittelsten der Wege
Zu dem mittelsten der Höfe,
Fragte an der Schwelle stehend,
Forschte also an dem Fenster:
„Ist wohl in dem Hause jemand,
Der des Eisens Thaten schauen,
Der den Blutfluß hemmen könnte,
Der den Adern Strömung stillte?“
Lag ein altes Weib bedecket,
Vor dem Ofen die gespräch’ge,
Gab sofort zur Antwort dieses,
Klappert mit der Zähne Dreizahl:
„Niemand ist in diesem Hause,
Der des Eisens Thaten schauet,
Der des Blutes Ursprung wüßte,
Der die Schmerzen stillen könnte,
Wohnt vielleicht in anderm Hause,
Fahre du zu anderm Hause.“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Schlug das Roß mit seiner Gerte,
Rauschte rasch dahin des Weges,
War gar wenig noch gefahren
Auf dem obersten der Wege
Zu dem obersten der Höfe,
Fragte an der Schwelle stehend,
An des Schirmdachs starker Stütze:
„Ist wohl in dem Hause jemand,
Der des Eisens Thaten schauen,
Der die Blutfluth hemmen könnte
Und dem Strom ein Ende setzen?“
Auf dem Ofen saß ein Alter,
An der Ofenfirst ein Graubart,
Von dem Ofen kreischt der Alte,
Ruft der Greis mit grauem Barte:
„Ist schon Größeres gedämmet,
Ist schon Stärkeres bezwungen
Durch drei Worte nur des Schöpfers,
Durch Erzählung von dem Ursprung,
Bäch’ und Seeen selbst bezähmet,
Ströme selbst mit jähem Sturze,
Buchten an des Landes Spitzen,
Baien an den schmalsten Zungen.“
Neunte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Nun erhob sich Wäinämöinen
Selber rasch auf seinem Schlitten,
Steiget ohne alle Hülfe
Und erhebt sich ungehoben,
Tritt heran zu dem Gebäude
Und begiebt sich in die Stube.
Dort wird eine Silberkanne,
Eine goldne hergetragen,
Doch sie fasset nur gar wenig,
Nur die allerkleinste Menge
Von dem Blute Wäinämöinen’s,
Aus der Wunde dieses Helden.
Von dem Ofen kreischt der Alte,
Ruft der Greis mit grauem Barte:
„Wer denn bist du von den Männern,
Wer wohl aus der Zahl der Helden?
Von dem Blut sind sieben Bootvoll,
Acht der allergrößten Zuber
Dir von deinen Knieen, Ärmster,
Auf den Boden hingeflossen;
Andre Worte möcht’ ich wissen,
Leider weiß ich nicht den Anfang
Von dem Ursprunge des Eisens,
Von des Erzes erstem Wachsen.“
Sprach der alte Wäinämöinen,
Redet’ Worte solcher Weise:
„Kenn’ ja selbst des Eisens Ursprung,
Weiß gar wohl des Stahls Entstehung:
Luft vor Allem ist die Mutter,
Wasser ist der ältste Bruder,
Eisen ist der jüngste Bruder,
In der Mitte steht das Feuer.“
„Ukko, er, der Schöpfer oben,
Selber er, der Gott im Himmel
Schied das Wasser von den Lüften,
Von dem Wasser dann die Erde,
Ungeboren war das Eisen,
Ungeboren, konnt’ nicht wachsen.“
„Ukko, er, der Gott der Lüfte,
Rieb sich seine beiden Hände,
Drückt sie beide an einander
Auf des linken Kniees Spitze;
Da entstanden drei der Mädchen,
Drei der schönsten Schöpfungstöchter,
Mütter von dem Eisenroste,
Von dem Stahl mit blauen Munde.“
„Fingen schwankend an zu gehen,
Von dem Wolkenrand zu schreiten,
Ihre vollen Brüste strotzten,
Daß die Warzen ihnen schmerzten,
Lassen ihre Milch zur Erde,
Ihrer Brüste Fülle fließen
In die Erde, in die Sümpfe,
In die schlummerreichen Wogen.“
„Schwarze Milch entsendet eine,
Die an Jahren reichste Jungfrau,
Weiße Milch vergießt die zweite,
Welche in der Mitte stehet,
Rothe Milch zuletzt die dritte,
Die an Jahren allerjüngste.“
„Wo die schwarze Milch geflossen,
Da entstand das weiche Eisen,
Wo die weiße Milch vergossen,
Da ward harter Stahl geschaffen,
Wo die rothe Milch geströmet,
Da ergab sich sprödes Eisen.“
„Dauerte ein kurzes Weilchen,
Will das Eisen schon besuchen
Seinen lieben ältern Bruder,
Will das Feuer kennen lernen.“
„Doch das Feuer raset furchtbar,
Wächst gar sehr mit seinen Kräften,
Will den Armen da verbrennen,
Seinen lieben Eisenbruder.“
„Doch das Eisen flieht von dannen,
Rettet sich durch rasches Laufen
Aus des tollen Feuers Fäusten,
Aus der bösen Flamme Rachen.“
„Darauf fliehet fort das Eisen,
Fliehet es und nimmt die Zuflucht
In den schwankungsreichen Sümpfen,
In den sprudelreichen Quellen,
Auf der Sümpfe breitem Rücken,
An des jähen Berges Abhang,
Wo die Schwäne Eier legen,
Wo die Gänse fleißig brüten.“
„In dem Sumpfe steckt das Eisen,
Dehnt sich aus im Wasserlande,
Ist verborgen zwei der Jahre,
Bleibt verborgen noch im dritten
Zwischen zweien Baumes Stumpfen,
Unter dreier Birken Wurzeln,
War jedoch noch nicht entronnen
Seines Bruders wilden Händen,
Sollte noch zum zweiten Male
Kommen in des Feuers Stube,
Daß zu Speeren und zu Schwertern
Es daselbst geschmiedet würde.“
„Auf dem Sumpfe liefen Wölfe
Von der Haide kamen Bären,
Bei dem Wolfstritt bebt der Morast,
Bei dem Bärenschritt die Felder,
Und zum Vorschein kam das Eisen,
Kamen starke Stahles Stangen,
Wo des Wolfes Füße gingen,
Wo des Bären Tatzen weilten.“
„Ilmarinen war geboren,
War geboren und gewachsen,
Auf dem Kohlenberg geboren,
Auf der Kohlenflur gewachsen,
In der Hand den Kupferhammer,
In der Faust die kleinen Zangen.“
„In der Nacht ward er geboren,
Baut am Tage seine Schmiede,
Sucht zur Schmiede eine Stelle,
Wo der Blasbalg auszubreiten:
Siehet einen Sumpf mit Hügeln,
Land, das wohl nicht ohne Nässe;
Ging dorthin es anzuschauen,
In der Nähe zu betrachten,
Dorthin schafft er seine Bälge,
Dorthin setzt er seine Esse.“
„Eilet auf des Wolfes Tritten,
Folgt der Bärentatzen Spuren,
Sieht des Eisens junge Sprossen,
Sieht die Barren schönen Stahles
In des Wolfes großen Spuren,
In des Bären breiten Tritten.“
„Redet Worte solcher Weise:
„„O du armes, liebes Eisen,
Bist fürwahr an schlechter Stelle,
Bist gar niedrig hier gebettet,
Wo der Wolf im Sumpfe schreitet,
Stets des Bären Tatzen drücken!““
„Dachte nach und überlegte:
Was wohl würde daraus werden,
Wenn ich es in’s Feuer brächte,
In die Esse es versetzte?“
„Sehr erschrickt das arme Eisen,
Ist voll Schreckens, ihm wird bange,
Als vom Feuer es nur hörte,
Von des Feuers tollem Treiben.“
„Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„„Also sei es keinesweges,
Nicht verbrennt das Feuer Freunde,
Schadet nimmer den Verwandten!
Kommst du in des Feuers Stube,
Zu dem Aufenthalt der Flamme,
Wirst gar schön empor du wachsen,
Wirst gar kräftig du gedeihen,
Wirst zum schönen Schwert des Mannes,
Wirst zur Schnall’ am Weibergürtel.““
„An dem Ende dieses Tages
Ward das Eisen aus dem Sumpfe,
Aus dem Wasserland gegraben,
Nach der Esse hingetragen.“
„In das Feuer that’s der Schmieder,
Legt es in die Feueresse,
Setzt den Blasbalg in Bewegung,
Läßt ihn dreimal kräftig blasen:
Da zerfließt zu Brei das Eisen,
Es zerdehnet sich in Blasen,
Wurde gleich dem Waizenteige,
Weich wie Teig zum Roggenbrote
In des Schmiedes großem Feuer,
Durch die Kraft der lichten Flamme.“
„Da ach! schrie das arme Eisen:
„„Ilmarinen, lieber Schmieder,
Nimm mich lieber fort von hinnen,
Aus des rothen Feuers Qualen!““
„Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„„Nehm’ ich dich jetzt aus dem Feuer,
Wirst gar furchtbar du gerathen,
Viel zu wild du dich gebehrden,
Deinen eignen Bruder schneiden,
Deiner Mutter Kind verwunden.““
„Darauf schwor das arme Eisen,
Schwor’s den stärksten aller Eide
Bei der Esse, bei dem Amboß,
Bei dem Hammer, bei dem Klopfer,
Redet Worte solcher Weise,
Läßt auf diese Art sich hören:
„„Giebt wohl Bäume noch zu beißen,
Kann der Steine Herz verzehren,
Werde nicht den Bruder schneiden,
Nicht der Mutter Kind verwunden;
Besser ist es mir zu leben
Und vorzüglicher mein Dasein,
Wenn ich in Gesellschaft wandre
Und als Händewerkzeug diene,
Als den eignen Stamm zu zehren,
Als Verwandte zu verwunden.““
„Darauf riß Schmied Ilmarinen,
Dieser ew’ge Schmiedekünstler,
Aus dem Feuer rasch das Eisen,
Legt es auf die Amboßfläche,
Schmiedet bis es weich geworden,
Hämmerte gar scharfe Dinge,
Hämmert Speere, hämmert Äxte,
Hämmert Waaren jeder Weise.“
„Fehlt dem Eisen noch ein wenig,
War dem Armen noch ’was nöthig:
Noch nicht kocht des Eisens Zunge,
Noch nicht wuchs der Mund des Stahles,
Hart gedieh noch nicht das Eisen,
Von dem Wasser nicht befeuchtet.“
„Darauf denkt Schmied Ilmarinen
Selber nach und überlegte,
Streute aus ein wenig Asche,
Legte von der Lauge etwas
Zu des Stahles Schmiedewasser,
Zu des Eisens Härtungssafte.“
„Kostet drauf mit seiner Zunge,
Prüfet gut mit seinem Sinne,
Redet selber diese Worte:
„„Nein, es taugt die Masse nimmer
Zu des Stahles Schmiedewasser,
Zu des Eisens Härtungssafte.““
„Eine Biene flog vom Boden,
Blaugeflügelt aus dem Grase,
Fliegt umher und hält dann inne
An der Schmiede Feueresse.“
„Sprach der Schmieder diese Worte:
„„Bienchen, du behendes Männchen,
Bringe Honig auf den Flügeln,
Hole Süße mit der Zunge
Aus der Krone von sechs Blumen,
Aus der Spitz’ von sieben Kräutern,
Um den Stahl hier zu bereiten,
Um das Eisen anzurichten!““
„Hiisi’s Vöglein, die Hornisse
Schaute zu und hört die Worte,
Schaute von des Daches Firste,
Sitzend in der Birkenrinde,
Als das Eisen dort bereitet,
Als der Stahl geschmiedet wurde.“
„Fliegt mit Schnelligkeit von dannen,
Streuet alle Schrecken Hiisi’s,
Bringt das Zischen böser Schlangen,
Bringt das schwarze Gift der Nattern,
Bringt die Ätze der Ameisen,
Bringt geheimes Gift der Frösche
Zu des Stahles Schmiedewasser,
Zu des Eisens Härtungssafte.“
„Selbst der Schmieder Ilmarinen,
Er, der ew’ge Schmiedekünstler,
Glaubte da und war der Meinung,
Daß das Bienchen angelanget,
Ihm gebracht des Honigs Süße,
Honigseim ihm hab’ geholet,
Redet Worte solcher Weise:
„„Sieh, das ist mir gar erprießlich
Zu des Stahles Schmiedewasser,
Zu des Eisens Härtungssafte.““
„Dahin taucht er dann den Stahl ein,
Taucht er ein das arme Eisen,
Als er’s aus dem Feuer holte,
Aus der Esse endlich brachte.“
„Böse mußt’ der Stahl da werden,
Und erzürnen mußt’ das Eisen,
Brach erbärmlich seine Eide,
Fraß nach Hundeart die Schwüre,
Schnitt den Bruder ohn’ Erbarmen,
Wüthet gegen die Verwandten,
Läßt das Blut gar reichlich fließen,
Aus der Wunde heftig brausen.“
Von dem Ofen rauscht der Alte,
Rauscht er mit dem Bart und Kopfe;
„Kenne nun des Eisens Ursprung,
Kenn’ des Stahles böse Sitten.“
„O du armes, böses Eisen,
Armes Eisen, rauhe Schlacke,
Du, o Stahl, voll großer Stärke,
Also bist du aufgewachsen,
Also schrecklich du geworden,
Gar zu groß fürwahr gerathen!“
„Warst gewißlich ohne Größe,
Ohne Größe, ohne Kleinheit,
Ohne sonderliche Schönheit,
Ohne Kräfte von Bedeutung,
Als in Milchgestalt du ruhtest,
Als du frisch noch warst geborgen
In der Jungfrau schönen Brüsten,
In des Mädchen vollem Busen
An dem langen Wolkensaume,
Unterhalb des Himmels Wölbung.“
„Warst gewißlich ohne Größe,
Ohne Größe, ohne Kleinheit,
Als dem Wasser gleich du ruhtest,
Gleich dem klaren Quellenstrahle
Auf des Sumpfes breitem Rücken,
An des Felsen jähem Abhang,
Als ein Erdenkloß du wurdest,
Als zu rost’gem Staub verwandelt.“
„Warst gewißlich ohne Größe,
Ohne Größe, ohne Kleinheit,
Als das Elenn dich im Sumpfe,
Als das Rennthier dich geschlagen,
Als des Wolfes Tritt dich drückte,
Dich die Bärentatzen kratzten.“
„Warst gewißlich ohne Größe,
Ohne Größe, ohne Kleinheit,
Als du aus dem Sumpf gezogen,
Aus der schwarzen Erd’ gefördert,
Zu der Schmiede wardst geführet,
In die Esse Ilmarinen’s.“
„Warst gewißlich ohne Größe,
Ohne Größe, ohne Kleinheit,
Als in Klumpenform du zischtest
Und wie siedend Wasser walltest
In der wilden Feuerstätte,
Als den starken Eid du schworest
Bei der Esse, bei dem Amboß,
Bei dem Hammer, bei dem Klopfer,
Bei des Schmiedes Aufenthalte,
Bei der Esse heißen Fluren.“
„Jetzt wohl bist du groß geworden,
Bist in große Wuth gerathen,
Hast den starken Eid gebrochen,
Fraß’st nach Hundeart die Ehre
Da du deinen Stamm gestreifet,
Mit dem Munde ihn berühret!“
„Wer denn trieb zu schlechten Thaten,
Wer ermahnte dich zur Bosheit,
War’s dein Vater, deine Mutter,
War’s der älteste der Brüder,
War’s die jüngste deiner Schwestern
Oder sonst ein Mann des Stammes?“
„Nicht dein Vater, nicht die Mutter,
Nicht der älteste der Brüder,
Nicht die jüngste deiner Schwestern,
Nicht ein Mann von deinem Stamme,
Nein, du selber hast das Unheil,
Hast das Schreckenswerk begonnen.“
„Komme jetzt und sieh dein Machwerk,
Komm dem Übel abzuhelfen,
Eh’ ich’s deiner Mutter sage,
Ehe ich’s der Alten klage,
Mehr bekommt zu thun die Mutter,
Hat gar große Müh’ die Alte,
Wenn der Sohn ’was Böses thuet,
Wenn das Kind verwegen handelt!“
„Hör, o Blut, nun auf zu fließen,
Warmer Strahl, hervorzuquellen,
An die Stirne mir zu sprützen,
An die Brust mir herzubrausen,
Steh, o Blut, gleich einer Mauer,
Stehe still gleich einem Zaune,
Stehe wie ein Schwert im Meere,
Wie das Riedgras in dem Moose,
Wie ein Felsblock auf dem Felde,
Wie ein Stein im Wasserfalle!“
„Sollt’ jedoch dein Sinn dich treiben,
Daß behende du dich rührest,
Nun, so rühre dich im Fleische,
Lauf geschwinde in den Knochen;
Drinnen ist es dir viel besser,
In der Haut bedeutend schöner,
In den Adern dort zu rauschen,
In den Knochen dich zu rühren,
Als zur Erd’ herabzufließen,
In dem Staube zu verrinnen.“
„Wirst, o Milch, nicht auf den Boden,
Wirst nicht auf den Rasen fließen,
In das Heu nicht, Zier der Männer,
Auf den Hügel, Gold der Helden,
In dem Herzen mußt du wohnen,
In der Lunge ist dein Keller,
Dahin ziehe rasch zurücke,
Dahin eile recht behende,
Brauchest nicht als Bach zu fließen,
Noch als See dich auszubreiten,
Nicht als Sumpfes Quell zu sprudeln,
Nicht als Lache hinzurieseln.“
„Stehe still, hör auf zu fließen,
Rothes Blut, hör auf zu rinnen,
Werde still und hemm’ dich selber!
Stand ja selbst der Fall von Tyrjä,
Inne hielt der Fluß der Todten,
Trocken wurden Meer und Himmel
In dem großen Dürresommer,
In dem Feuerjahr voll Qualen.“
„Wenn du dieses nicht beachtest,
Weiß ich wohl noch andre Wege,
Weiß was ich zu suchen habe:
Ruf’ herbei des Hiisi Grapen,
Daß darin das Blut ich koche,
Es gar heftig dort erhitze,
Daß kein Tröpflein mir entrinne,
Von dem rothen Saft entkomme,
Nicht das Blut zur Erde fließe,
Aus der Wunde niederbrause.“
„Sollt’ in mir der Mann nicht stecken,
Nicht ein Held im Sohn des Alten,
Der des Blutes Strömung hemmet,
Der der Adern Gießbach dämmet,
O, so wird der Vater droben,
Er, der Schöpfer im Gewölke,
Er, der mächtigste der Männer,
Er, der kräftigste der Helden
Wohl den Mund des Blutes stopfen,
Seine Strömung endlich stillen.“
„Ukko du o Schöpfer oben,
Gott und Vater in dem Himmel!
Komm herbei, du bist vonnöthen,
Komm, du wirst herbeigerufen,
Drücke mit den kräft’gen Händen,
Dränge mit dem dicken Daumen
Fest zusammen diese Wunde
Und verschließ die böse Öffnung,
Lege drauf gar zarte Blätter,
Streue aus die goldnen Blumen,
Daß des Blutes Bahn geschlossen,
Daß gedämmt die Strömung werde,
Daß sie nicht zum Bart mir sprütze,
Auf die Kleider mir nicht brause!“
So nun stillte er die Strömung,
Hemmte so die Bahn des Blutes,
Schickte seinen Sohn zur Schmiede,
Um dort Salbe zu bereiten
Aus des Grases zarten Fasern,
Aus der Blüth’ der Tausendkrone,
Aus dem Honig, der getröpfelt,
Aus des süßen Seimes Theilchen.
In die Schmiede ging der Knabe,
Um die Salbe zu bereiten,
In den Weg kam eine Eiche,
Von der Eiche fragt er also:
„Hast du Honig in den Zweigen,
Hast du Seim an deiner Rinde?“
Klüglich antwortet die Eiche:
„Ja noch gestern tropfte Honig
Mir an meine breiten Zweige,
An dem Wipfel blieb er hängen
Von den Wolken, die da rauschten,
Von dem Duft der Lämmerwolken.“
Nimmt der Eiche seine Spänchen,
Nimmt des Holzes mürbste Brocken,
Nimmt gar viele gute Gräser,
Nimmt verschiedenart’ge Kräuter,
Welche nicht in diesen Ländern,
Nicht an allen Stellen wachsen.
That sie auf der Esse Feuer,
Ließ die Masse tüchtig kochen,
Brocken von der Eichenrinde,
Gräser von dem schönsten Aussehn.
Bei dem Kochen lärmt der Grapen
Drei der Nächte nach einander,
Drei der Tage in dem Frühling;
Schaute dann nach seiner Salbe,
Ob sie nun schon recht gerathen,
Ob das Mittel jetzt schon tauge.
Noch nicht fertig war die Salbe,
Nicht nach Wunsche noch das Mittel,
Fügt noch Gräser in die Masse,
Kräuter mannigfacher Arten,
Die von anderswo geholet,
Wohl aus hundert Meilen Ferne,
Dort gepflückt von neun der Zaubrer
Und von acht der besten Seher.
Kochte nun noch drei der Nächte,
Neun der Nächte nach einander,
Hob den Grapen ab von Feuer,
Und beschaut die Salbe sorgsam,
Tüchtig war die Salbe endlich
Und das Zaubermittel fertig.
War dort eine äst’ge Espe,
Wuchs am Rande des Gefildes,
War gar böslich durchgebrochen,
War fast völlig umgeworfen:
Salbte diese mit der Masse,
Schmiert sie mit dem Zaubermittel,
Spricht selbst Worte solcher Weise:
„Dadurch, daß mit dieser Salbe
Ich den wunden Fleck bestreiche,
Ich den Bruch damit verschmiere,
Soll die Espe gleich genesen,
Schöner als sie je gewesen.“
Und sogleich genas die Espe,
Wurde schöner noch denn früher,
Wuchs gar stattlich mit der Krone,
Ward gar kräftig mit dem Stamme.
Also prüfte er die Salbe,
Prüfte er das Zaubermittel:
Strich damit gespaltne Steine,
Strich gesprungne Felsenblöcke,
Rasch vereinten sich die Hälften
Und zusammen flog Getrenntes.
Aus der Schmiede kam der Knabe,
Als die Salbe er bereitet
Und das Mittel angerichtet,
Legt es in die Hand des Alten:
„Hier nun hast du kräft’ge Salbe,
Hast du ein bewährtes Mittel,
Füget Berge fest zusammen,
Einet Felsen ohne Weiters.“
Mit der Zunge prüft der Alte,
Kostet es mit seinem Munde,
Fand das Mittel gar vortrefflich,
Fand die Salbe gut gerathen.
Schmierte darauf Wäinämöinen,
Heilte ihn, den Schlechtgefahrnen,
Schmiert ihn oben, schmiert ihn unten,
Schmiert ihn gleichfalls in der Mitte,
Redet Worte solcher Weise,
Läßt auf diese Art sich hören:
„Wandle nicht mit eignem Fleische,
Wandle mit dem Fleisch des Schöpfers,
Schwebe nicht mit eignen Kräften,
Schwebe mit des Mächt’gen Kräften,
Spreche nicht mit eignem Munde,
Spreche mit dem Mund des Höchsten,
Ist in meinem Munde Anmuth,
Ist des Schöpfers Mund dran reicher,
Sind voll Schönheit meine Hände,
Sind des Höchsten Hände schöner.“
Als die Salbe aufgestrichen,
Als das Mittel aufgeleget,
Wirkt es, daß zusammen sinket
Von dem Schmerze Wäinämöinen,
Hierhin sich und dorthin wendet,
Nirgends aber Ruhe findet.
Da verbannt der Greis die Schmerzen,
Treibt er fort die starken Qualen
Nach des Schmerzenberges Mitte,
Zu des Qualenhügels Gipfel,
Um den Steinen Schmerz zu bringen,
Um die Felsen abzumartern.
Griff nach einem Bündel Seide,
Schneidet Streifen in die Breite,
Reißt dieselben von einander,
Macht aus ihnen gute Binden,
Bindet dann mit dieser Seide
Und umwickelt gar geschmackvoll
Wäinämöinen’s Knie, das kranke,
Und des armen Mannes Zehen.
Redet Worte solcher Weise,
Läßt auf diese Art sich hören:
„Gottes Seide dient zur Binde,
Gottes Stoff dient zur Umhüllung
An dem guten Knie des Mannes,
An den Zehen voller Kräfte!
Blicke her, o Gott voll Schönheit,
Schütze uns, o starker Schöpfer,
Daß wir nicht in Unglück kommen,
Wir dem Schaden nicht verfallen!“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Ward gar bald der Hülfe inne,
Wurde bald gesunden Leibes,
Schön gedieh das Fleisch am Leibe,
Wurde unten ganz geheilet,
In der Mitt’ des Schmerzes ledig,
Auf den Seiten ohne Schaden,
Oben ohne alle Narben,
Wurde trefflicher denn früher,
Besser als es je gewesen;
Schon vermag der Fuß zu gehen,
Schon das Knie sich zu bewegen,
Schmerzte ihm nicht im geringsten,
Macht ihm keineswegs Beschwerden.
Es erhob da Wäinämöinen
Seine Augen in die Höhe,
Blickte mit gar großer Freude
Auf zum Himmel über’m Haupte,
Redet’ Worte solcher Weise,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Dorther kommet stets die Gnade,
Dorther die bewährte Hülfe,
Dorther, von dem Himmel droben,
Von dem machterfüllten Schöpfer.“
„Sei gepriesen nun, o Höchster,
Hoch gelobet du, o Schöpfer,
Daß du Hülfe mir gewähret,
Deinen Schutz mir zugewendet
Bei den gar zu harten Schmerzen,
Bei dem Leib durch Eisenschärfe!“
Sprach der alte Wäinämöinen
Ferner Worte solcher Weise:
„Zimmre nicht, o Volk der Zukunft,
Nicht, o Volk, das nun emporsteigt,
Und die Wette je ein Fahrzeug,
Prahlend nicht des Bootes Wölbung,
Gott nur setzt dem Lauf ein Ende,
Er, der Schöpfer, nur Vollendung,
Nimmer wird der Held sie finden,
Nie des Kräft’gen Hand sie bieten.“
Zehnte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Nimmt sein Roß mit brauner Farbe,
Schirrt den Hengst nun gar behende,
Spannt den braunen vor den Schlitten,
Setzt sich selber in den Schlitten
Und erhebt sich auf dem Sitze.
Schlug das Roß mit seiner Gerte,
Ließ die perlenreiche tönen,
Rasch enteilt das Roß des Weges,
Machte, daß der Weg entschwindet,
Heftig lärmt des Schlittens Kufe
Und es knarrt das trockne Krummholz.
Rauschend jagte er von dannen
Über Sümpfe, über Felder,
Über flachgebahnte Fluren,
Reiste einen Tag, den zweiten,
Endlich an dem dritten Tage
Kam er an die lange Brücke
Auf die Fluren Kalewala’s,
An den Rand des Osmofeldes.
Sprach dort Worte solcher Weise,
Ließ sich selber so vernehmen:
„Friß, o Wolf, den Träumegucker,
Tödt, o Krankheit, jenen Lappen!
Sagte, daß ich nicht nach Hause
Nie so lang’ ich seh’ gelange,
Nimmermehr in diesem Leben,
Nie, solang das Mondlicht leuchtet,
Auf die Fluren von Wäinölä,
Auf die Flächen Kalewala’s.“
Fing der alte Wäinämöinen
Darauf kundig an zu singen,
Sang da eine schöne Fichte
Mit der Kron’ und goldnen Zweigen
Bis zum Himmel reicht der Wipfel,
Ragt gerade ins Gewölke,
In die Lüfte gehn die Zweige,
Dehnen sich bis an den Himmel.
Singet ferner zauberkundig,
Singet einen Mond zum Leuchten
In der Fichte goldnen Wipfel,
Singt den Bären in die Zweige.
Jagte lärmend drauf von dannen,
Grade nach der goldnen Heimath,
Schiefen Hauptes, trüben Sinnes,
Schief geschoben seine Mütze,
Da den Schmieder Ilmarinen,
Ihn, den ew’gen Schmiedekünstler,
Er als Lösung hat versprochen,
Um sein eigen Haupt zu retten,
Nach dem nimmerhellen Nordland,
Nach dem düstern Sariola.
Als sein Roß er angehalten
An dem neuen Felde Osmo’s,
Hob der alte Wäinämöinen
Rasch sich aus dem bunten Schlitten;
Aus der Schmiede hört man Klopfen,
In dem Kohlenhause hämmern.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Gehet selber nach der Schmiede,
Findet dort Schmied Ilmarinen,
Der gar unverdrossen hämmert,
Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„O du alter Wäinämöinen,
Wo hast du so lang’ gestecket,
Bist so lange du gewesen?“
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Redet selber diese Worte:
„Dort hab’ ich so lang’ gestecket,
Meine ganze Zeit verlebet,
In dem nimmerhellen Nordland,
In dem düstern Sariola,
Mich im Lappenland befunden,
Bei den Männern voller Zauber.“
Sprach der Schmieder Ilmarinen,
Redet Worte solcher Weise:
„O du alter Wäinämöinen,
Einzig ew’ger Zaubersprecher,
Was erzählst du von der Reise,
Von der Fahrt zum Heimathlande?“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Habe viel dir zu erzählen:
Eine Jungfrau ist im Nordland,
In dem kalten Dorf ein Mädchen,
Das sich keinem Freier füget,
Das den besten Mann verschmähet;
Wohl das halbe Nordland preiset
Sie als wunderschöne Jungfrau:
Von den Schläfen strahlet Mondlicht,
Von den Brüsten Licht der Sonne,
Von den Schultern Licht des Bären,
Von dem Rücken sieben Sterne.“
„Ilmarinen du, o Schmieder,
Du, der ew’ge Schmiedekünstler,
Geh die Jungfrau heimzuführen,
Geh die Flechte zu betrachten,
Wenn den Sampo du ihr schmiedest,
Du den bunten Deckel zierest,
So hast du zum Lohn das Mädchen,
Für das Werk die schöne Jungfrau.“
Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„O du alter Wäinämöinen,
Hast mich ja bereits versprochen
Nach dem nimmerhellen Nordland,
Um dein eignes Haupt zu lösen,
Um dich selber zu befreien!
Gehe nicht, so lang’ ich lebe,
Nicht, so lang’ das Mondlicht leuchtet,
Nach des Nordlands Wohnungsstätten,
Nach den Häusern Sariola’s,
Wo die Männer man verzehret
Und in’s Meer die Helden senket.“
Sprach der alte Wäinämöinen
Selber Worte solcher Weise:
„Giebt noch ein viel größres Wunder,
Eine Ficht’ mit Blüthenkrone,
Blüthenkron’ und goldnen Zweigen
An dem Rand des Osmofeldes,
In dem Wipfel leuchtet Mondlicht,
Und der Bär weilt auf den Zweigen.“
Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„Glaube nicht, daß dieses wahr sei,
Wenn ich’s selber nicht gesehen,
Mit den Augen nicht geschauet.“
Sprach der alte Wäinämöinen:
„Glaubst du es auf keine Weise,
Nun so komm und laß uns schauen,
Ob es wahr ist, ob gelogen!“
Gingen drauf um zuzuschauen
Dieser Fichte Blüthenkrone,
Erst der alte Wäinämöinen,
Dann der Schmieder Ilmarinen;
Als sie dahin angekommen,
An den Rand des Osmofeldes
Trat der Schmieder in die Nähe,
Um die Fichte zu bewundern,
Daß der Bär dort in den Zweigen,
In dem Wipfel Mondlicht weilet.
Sprach der alte Wäinämöinen
Selber Worte solcher Weise:
„Steig hinauf, o lieber Bruder,
Um den Mond herabzuholen,
Um den Bären herzubringen
Von der Fichte goldnem Wipfel!“
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Klettert auf des Baumes Wipfel
Hoch empor zum Himmelsbogen
Um den Mond herabzuholen,
Um den Bären mitzubringen
Von der Fichte goldnem Wipfel.
Sprach die Föhr’ mit goldnem Wipfel,
Sprach die Föhr’ mit schöner Krone:
„O du Mann, der ganz von Sinnen,
O du Held, der unerfahren!
Stiegest, Dummer, in die Zweige,
In die Wipfel wie ein Knabe
Um des Mondes Bild zu holen,
Falsche Sterne mitzunehmen.“
Rasch begann da Wäinämöinen
Und mit voller Kraft zu singen,
Sang, daß starker Sturmwind brauste,
Wild der Wind die Luft bewegte,
Redet Worte solcher Weise,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Nimm, o Wind, ihn in dein Fahrzeug,
Trage ihn mit deinem Boote
Rasch davon, daß er gelange
Nach dem nimmerhellen Nordland!“
Es erbraust ein starker Sturmwind,
Wild durchwühlet er die Lüfte,
Führt den Schmieder Ilmarinen
Eiligst fort von dieser Stätte
Nach dem nimmerhellen Nordland,
Nach dem trüben Sariola.
Also fuhr Schmied Ilmarinen
Fort von dannen, eilet weiter,
Fährt so auf der Bahn des Windes,
Auf dem Pfad der frischen Lüfte,
Über Mond und unter Sonne,
Auf des Bären breiten Schultern;
Hielt dann bei dem Hof Pohjola’s,
An dem Badeweg Sarjola’s,
Ungehöret von den Hunden,
Nicht gewittert von den Kläffern.
Louhi, sie, Pohjola’s Wirthin,
Nordlands zähnearme Alte,
Stand dort selber auf dem Hofe,
Sprach geschwinde diese Worte:
„Wer denn bist du von den Männern,
Wer wohl aus der Zahl der Helden?
Kamst hieher auf Windes Bahnen,
Auf dem Schlittenpfad der Lüfte,
Wardst nicht angebellt vom Hunde,
Nicht bemerkt vom Wollschwanzträger.“
Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„Bin fürwahr nicht hergekommen,
Daß die Hunde mich hier schänden,
Diese Wollschwanzträger schaden
An den unbekannten Thüren,
Bei den fremden Eingangspforten.“
Darauf sucht des Nordlands Wirthin
Den Gekommnen auszuforschen:
„Bist du je bekannt geworden,
Hast gehört du und erfahren
Von dem Schmieder Ilmarinen,
Dem geschickten Schmiedekünstler?
Lange wird er schon erwartet,
Lange hier herbeigesehnet,
An des Nordlands weiten Gränzen,
Daß er neu den Sampo schmiede.“
Sprach der Schmieder Ilmarinen
Selber Worte dieser Weise:
„Bin gewiß bekannt geworden
Mit dem Schmieder Ilmarinen,
Bin ja selber Ilmarinen,
Selbst geschickt als Schmiedekünstler.“
Louhi, sie, des Nordlands Wirthin,
Nordlands zähnearme Alte,
Ging geschwinde in die Stube,
Redet Worte solcher Weise:
„Meiner Töchter allerjüngste,
Du das beste meiner Kinder,
Kleid dich auf das Beste heute,
Lege an die schönsten Röcke,
Schmück dich mit den schönsten Perlen,
Mit dem Hübschsten deinen Busen,
Mit dem Nettsten deinen Nacken,
Mit dem Buntsten deine Schläfen,
Sorge du für rothe Wangen,
Für den Glanz des Angesichtes;
Schon gekommen ist der Schmieder,
Der geschickte Ilmarinen,
Daß er uns den Sampo schmiede,
Uns den bunten Deckel hämmre.“
Nordlands wunderschöne Tochter,
Eine Zier von Land und Wasser
Nahm die ausgewähltsten Kleider,
Der Gewänder allerreinste,
Schichtet fünfe auf einander,
Legt zurecht den Schmuck des Hauptes,
Thut sich um das Kupferbändchen,
Schmückt sich mit dem goldnen Gürtel.
Kam vom Vorrathshaus zur Stube,
Von dem Hofe in die Stube,
Ist voll Schönheit an den Augen,
An den Ohren hochgestaltet,
Mit gar strahlendem Gesichte,
Mit der Wangen schöner Röthe,
Gold erglänzte an dem Busen,
Silber schimmert’ auf dem Haupte.
Nordlands Wirthin führte selber
Ilmarinen, ihn, den Schmieder,
In des Nordlands Wohngebäude,
In das Haus von Sariola,
Sättigt dort den Mann mit Speisen,
Giebt ihm auch genug zu trinken
Und bewirthet ihn gar trefflich;
Fing drauf also an zu sprechen:
„O du Schmieder Ilmarinen,
Ewig tücht’ger Schmiedekünstler,
Kannst du mir den Sampo schmieden,
Mir den bunten Deckel hämmern
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Aus dem kleinen Korn der Gerste,
Aus des Sommerschafes Wolle,
So erhältst die Maid zum Lohne,
Für das Werk du meine Tochter?“
Sprach der Schmieder Ilmarinen,
Redet’ selber diese Worte:
„Werde wohl den Sampo schmieden,
Dir den bunten Deckel hämmern
Aus der Schwanenfeder Spitze,
Aus der Milch der güsten Stärke,
Aus dem kleinen Korn der Gerste,
Aus des Sommerschafes Wolle,
Da den Himmel ich geschmiedet,
Ich der Lüfte Dach gehämmert,
Ohne den geringsten Anfang,
Ohn’ ein Bändchen vorzufinden.“
Ging den Sampo dann zu schmieden,
Ging den bunten Deckel hämmern,
Fragte nach der Schmiedestätte,
Suchte nach dem Schmiedezeuge,
War dort keine Schmiedestelle,
Keine Schmiede, keine Bälge,
Keine Esse und kein Amboß,
Keine Hämmer, keine Klopfer.
Sprach der Schmieder Ilmarinen,
Redet’ Worte solcher Weise:
„Alte Weiber nur verzweifeln,
Schufte lassen ’was zur Hälfte,
Nicht ein Mann, ein schlechtrer selber,
Nicht ein Held von wen’gern Kräften!“
Suchte für die Ess’ ein Plätzchen,
Für die Bälge eine Stelle
Auf den dort’gen Landesstrecken,
An dem Rand der Nordgefilde.
Suchte einen Tag, den zweiten,
Endlich an dem dritten Tage
Kam ein buntgestreifter Steinblock,
Kam ein Fels ihm zu Gesichte:
Dahin läßt der Schmied sich nieder,
Dort bereitet er sich Feuer,
Einen Tag stellt er die Bälge,
An dem andern Tag die Esse.
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Dieser ew’ge Schmiedekünstler,
Drängt die Stoffe in das Feuer,
In die Esse seine Arbeit,
Stellte Knechte an den Blasbalg,
Stellt’ sie hin, um stets zu schüren.
Hastig trieben sie den Blasbalg,
Schürten voller Fleiß die Kohlen
Drei der schönsten Sommertage,
Drei der Sommernächte emsig,
Steine wuchsen an den Fersen,
Blöcke an der Zehen Spitzen.
An dem ersten Tage beugte
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Sich herab um zuzuschauen
Auf dem Boden seiner Esse,
Was wohl aus dem Feuer käme,
Aus der Flamme sich erhöbe.
Aus dem Feuer drang ein Bogen
Mit dem Goldesglanz des Mondes,
Golden ganz mit Silberspitzen,
An dem Schaft von buntem Kupfer.
Schön von Anblick ist der Bogen,
Aber leider bösgeartet:
Frägt nach einem Kopfe täglich,
Zwei verlangte er am Festtag.
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Freut sich seiner keinesweges,
Bricht den Bogen von einander,
Wirft ihn wieder in das Feuer;
Ließ die Knechte wieder blasen,
Ließ sie unverdrossen schüren.
An dem zweiten Tage beugte
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Sich herab um zuzuschauen
Auf dem Boden seiner Esse;
Aus dem Feuer drang ein Nachen,
Drang ein Boot mit braunem Scheine,
Golden ist der Bord verzieret,
Kupfern sind die Ruderhaken.
Schön von Anblick ist der Nachen,
Aber leider bösgeartet:
Zieht ganz ohne Noth zum Kampfe,
Ohne Anlaß zu dem Streite.
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Freut sich seiner keinesweges,
Bricht das Boot in tausend Trümmer,
Wirft es wieder in das Feuer;
Ließ die Knechte munter blasen,
Ließ sie unverdrossen schüren.
An dem dritten Tage beugte
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Sich herab um zuzuschauen
Auf dem Boden seiner Esse;
Eine Kuh dringt aus dem Feuer,
Golden strahlen ihre Hörner,
An der Stirn der Bär vom Himmel,
Auf dem Kopf das Rad der Sonne.
Schön vom Anblick war die Kuh wohl,
Aber leider bösgeartet:
Schlief beständig in dem Walde,
Ließ die Milch herab zum Boden.
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Freut sich ihrer keinesweges,
Schneidet sie in kleine Stücke,
Wirft sie wieder in das Feuer;
Läßt die Knechte munter blasen,
Läßt sie unverdrossen schüren.
An dem vierten Tage beugte
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Sich herab um zuzuschauen
Auf dem Boden seiner Esse;
Aus dem Feuer drängt ein Pflug sich,
Golden strahlet seine Spitze,
Kupfern ist der Schaft desselben,
Silbern ist der Knopf am Schafte.
Schön vom Anblick ist der Pflug wohl,
Aber leider bösgeartet,
Er durchwühlt die fremden Felder
Und durchfurcht die schönsten Wiesen.
Selbst der Schmieder Ilmarinen
Freut sich seiner keinesweges,
Bricht den Pflug gar rasch in Stücke,
Wirft ihn wieder in die Esse;
Läßt die Winde kräftig blasen,
Läßt den Sturm das Feuer schüren.
Rasch erbrausten da die Winde,
Ostwind blies und Westwind brauste,
Kräftig war des Südwinds Blasen,
Gar gewaltig stürmt der Nordwind,
Blasen einen Tag, den zweiten,
Blasen fort am dritten Tage,
Aus dem Fenster sprüht das Feuer,
Aus der Thüre fliegen Funken,
Auf zum Himmel Staubgewölke,
Mit den Wolken mischt der Rauch sich.
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Beugte an dem dritten Tage
Sich herab um zuzuschauen
Auf dem Boden seiner Esse;
Sah den Sampo schon entstehen,
Sah den bunten Deckel wachsen.
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Dieser ew’ge Schmiedekünstler,
Schmiedet mit behenden Schlägen,
Klopfet mit gar kräft’gem Hammer,
Schmiedet gar geschickt den Sampo,
Daß er Mehl auf einer Seite,
Auf der zweiten Salz er mahlet,
Auf der dritten Geld in Fülle.
Frisch geschmiedet mahlt der Sampo,
Schaukelt hin und her der Deckel,
Mahlt ein Maaß beim Tagesanbruch,
Mahlt ein Maaß, daß man es esse,
Mahlt ein zweites zum Verkaufen,
Mahlt ein drittes zum Verwahren.
Freudvoll war des Nordens Alte,
Brachte dann den großen Sampo
Nach des Nordlands Felsenberge,
In den festen Berg von Kupfer,
Hinter neun der besten Schlösser,
Wurzeln läßt er dorten schießen,
Neun der Klafter in die Tiefe,
Eine Wurzel in die Erde,
Eine an den Rand des Wassers,
In des Hauses Berg die dritte.
Darauf bittet Ilmarinen
Gar bescheiden um die Jungfrau,
Redet Worte solcher Weise:
„Wirst du nun die Jungfrau geben,
Da der Sampo fertig worden
Und gar schön der bunte Deckel?“
Nordlands wunderschöne Tochter
Redet selber diese Worte:
„Wer würd’ wohl im nächsten Jahre,
Wer im übernächsten Sommer
Hier zum Ruf den Kuckuck bringen,
Wer die Vöglein hier zum Singen,
Wenn ich in die Fremde zöge,
Ich die Beer’ in fremde Länder!“
„Ging’ das Hühnchen hier verloren,
Und verirrte sich das Gänslein,
Ging der Mutter Kirsch’ von hinnen
Und die rothe Preiselbeere,
Würd’ der Kuckuck ganz verschwinden,
Hastig fort die Vöglein flattern
Von dem Gipfel dieses Hügels,
Von dem Rücken dieser Höhe.“
„Werde in der Welt wohl nimmer
Diesen schönen Mädchentagen,
Werd’ der Arbeit nie entsagen,
Nie den sommerlichen Sorgen,
Ungepflücket blieb’ die Beere,
Unerfüllt von Sang das Ufer,
Undurchwandelt blieb’ die Waldung,
Nicht würd’ in dem Hain ich spielen.“
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Dieser ew’ge Schmiedekünstler,
Schlechtgelaunt, gesenkten Hauptes,
Seine Mütze schief geschoben,
Fing nun an zu überlegen,
Hielt gar lange es im Kopfe,
Wie er sollt’ nach Hause reisen,
In bekanntes Land gelangen
Aus dem nimmerhellen Nordland,
Aus dem düstern Sariola.
Sprach die Wirthin von Pohjola:
„O du Schmieder Ilmarinen,
Weshalb bist du schlechter Laune,
Schiebest schief du deine Mütze,
Treibet dich dein Sinn zu gehen
Nach dem frühern Heimathlande?“
Sprach der Schmieder Ilmarinen:
„Dahin gehen die Gedanken,
Nach der Heimath, dort zu sterben,
In dem Land zur Ruh’ zu kommen.“
Nordlands Wirthin drauf verpflegte
Wohl mit Speis’ und Trank den Helden,
Setzt ihn an des Bootes Ende,
Hin zum kupferreichen Ruder,
Ließ den Wind dann kräftig wehen,
Ließ den Nordwind heftig blasen.
Ilmarinen, er, der Schmieder,
Dieser ew’ge Schmiedekünstler,
Reist nach seinem Heimathlande
Auf dem blauen Meeresrücken;
Reiste einen Tag, den zweiten,
Endlich an dem dritten Tage
Kommt der Schmied nach Hause glücklich,
Nach dem Ort, wo er geboren.
Fragt der alte Wäinämöinen
Von dem Schmieder Ilmarinen:
„Ilmarinen, du mein Bruder,
Einzig ew’ger Schmiedekünstler,
Hast den Sampo du geschmiedet,
Du den Deckel schön verzieret?“
Sprach der Schmieder Ilmarinen,
Selber redete der Meister:
„Ja, schon mahlt der neue Sampo,
Schwingt sich hin und her der Deckel,
Mahlt ein Maaß beim Tagesanbruch,
Mahlt ein Maaß, daß man es esse,
Mahlt ein zweites zum Verkaufen,
Mahlt ein drittes zum Verwahren.“
Eilfte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Müssen jetzt von Ahti sprechen,
Von dem muntern Burschen singen.
Ahti, dieser Inselländer,
Lempi’s Sohn, der Gutgelaunte,
Wuchs im hochgebauten Hause,
An der lieben Mutter Seite,
An dem Rand der breiten Meerbucht,
An dem Bug der fernen Spitze.
Kauko nährte sich mit Fischen,
Wuchs empor, verzehrte Barsche,
Wurde Mann, der besten einer,
Blühte auf mit rothem Blute,
War am Haupte gar vortrefflich,
Und von Wuchs wohl ausgezeichnet;
War jedoch nicht ohne Fehler,
Frevelhaft in seinen Sitten:
Stets bei Weibern war sein Leben,
Wanderte umher zur Nachtzeit,
Bei der Mädchen muntern Freuden,
Bei dem Tanz der Zopfgeschmückten.
War auf Saari eine Jungfrau,
Eine Jungfrau, eine Blume,
Wuchs sie in dem hohen Hause,
Schoß gar herrlich in die Höhe,
Sitzend in des Vaters Wohnung,
Wo die Hinterbank sich beugte.
Lange wuchs sie, weit gepriesen,
Weither kamen Freiersleute
Nach dem Haus der schönen Jungfrau,
Nach dem Hof der Vielgepriesnen.
Für ihr Söhnchen wirbt die Sonne,
Nicht will sie zum Sonnenlande,
An der Sonne Seit’ zu leuchten,
Bei der sommerlichen Eile.
Für den Sohn wirbt auch der Goldmond,
Nicht will sie zum Haus des Mondes,
An des Mondes Seit’ zu leuchten,
Um den Luftkreis zu durchlaufen.
Für den Sohn wirbt auch ein Sternlein,
Nicht will sie zur Sternesheimath,
Lange in der Nacht zu flimmern
An dem winterlichen Himmel.
Freier kamen selbst aus Ehstland,
Andre kamen von den Ingern,
Nimmer will die Jungfrau gehen,
Selber giebt sie dieß zur Antwort:
„Ganz umsonst wird Gold verschwendet,
Wird verbraucht von euch das Silber,
Werde nicht nach Ehstland gehen,
Werd’ nicht gehen, werd’ nicht wollen
In dem Wasser Ehstlands rudern,
Werd’ nicht Saari’s Wogen messen,
Nicht die Fische Ehstlands essen,
Nicht die Fischsupp’ Ehstlands schlürfen.“
„Geh’ auch nicht zum Ingerlande,
Zu den Rändern, zu den Strändern,
Hunger ist dort und nur Hunger,
Fehlt an Holz und fehlt an Spänen,
Fehlt an Wasser, fehlt an Waizen,
Fehlet selbst an Roggenbröten.“
Doch der muntre Lemminkäinen,
Selbst der schöne Kaukomieli,
Übernimmt es nun zu gehen
Um die Saariblum’ zu werben,
Um ein Bräutchen hochgefeiert,
Um die schöne Zopfgeschmückte.
Ab will ihn die Mutter bringen,
Warnen will die greise Alte:
„Werbe nicht, mein liebes Söhnchen,
Um ein Mädchen bess’rer Herkunft;
Nicht wirst du geduldet werden
In dem großen Stamme Saari’s.“
Sprach der muntre Lemminkäinen,
Selbst der schöne Kaukomieli:
„Bin ich nicht aus hohem Hause,
Nicht aus gar zu großem Stamme,
Werde ich nach meinem Wuchse,
Nach dem Aussehn eine wählen.“
Immer noch verbot die Mutter
Lemminkäinen hin zu gehen
Zu dem großen Stamme Saari’s,
Zu dem weitbegränzten Hause:
„Lachen werden dort die Mädchen,
Dort die Weiber dich verspotten.“
Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Redet selber diese Worte:
„Werd’ der Weiber Lachen hemmen,
Werd’ der Mädchen Kichern dämpfen,
Schlag’ mit Füßen an den Busen,
Schlage nach dem Arm des Säuglings,
Das beendigt wohl das Schmähen,
Ist ein guter Schluß des Spottens.“
Solche Worte sprach die Mutter:
„Weh mir Armen um mein Leben!
Sollten Saari’s Weiber lachen,
Sollten es die keuschen Jungfraun,
Wird ein großer Streit entstehen,
Wird ein arger Kampf erwachsen,
Werden alle Saarifreier,
Hundert Mann mit ihren Schwertern
Auf dein Haupt, o Armer, stürzen,
Auf den einen alle fallen.“
Nicht beachtet Lemminkäinen
Seiner lieben Mutter Warnung,
Nahm sein Roß, das gutgebaute,
Schirrte rasch sein edles Füllen,
Jagte rauschend dann von dannen
Nach dem großen Saaridorfe,
Um die Saariblum’ zu freien,
Um ein Bräutchen hochgepriesen.
Es verlachten ihn die Weiber,
Schmähten ihn die Mädchen weidlich,
Als er seltsam in die Gasse,
Seltsam auf den Hof gefahren,
Seinen Schlitten umgeworfen,
Hastig an die Pfort’ geschleudert.
Zog der muntre Lemminkäinen
Schief den Mund und schiefen Hauptes
Schüttelt er die schwarzen Haare,
Redet selber diese Worte:
„Hab’ dergleichen nie gesehen,
Nie gesehen noch gehöret,
Daß die Weiber mich verlachen,
Nie der Mädchen Spott erlitten.“
Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Redet selber diese Worte:
„Giebt’s wohl Platz hieselbst auf Saari,
Land auf Saari’s weiten Flächen,
Daß ich hieselbst munter spiele,
Giebt es Platz zu einer Scheune
Zu der Freud’ der Saarijungfraun,
Zu dem Tanz der Zopfgeschmückten?“
Sprachen da die Saarijungfraun,
Gaben Antwort an der Landzung’:
„Platz genug ist hier auf Saari,
Land genug auf Saari’s Flächen,
Dir ein Raum zu muntern Spielen,
Platz ist da für eine Scheune,
Kannst ein Hirt am Schwendenlande,
Daselbst Hirtenknabe werden;
Mager sind die Kinder Saari’s,
Fett genug der Pferde Füllen.“
Wenig achtet’s Lemminkäinen,
Trat in Dienst als Hirtenknabe,
War bei Tage auf der Weide,
Nachts beim Jubel muntrer Mädchen,
Bei den Spielen dieser Jungfraun,
Bei dem Tanz der Zopfgeschmückten.
Lemminkäinen voller Frohsinn,
Selbst der schöne Kaukomieli,
Hatte bald der Weiber Lachen,
Bald gedämpft den Spott der Mädchen,
Gab dort keine einz’ge Tochter,
Keins der noch so keuschen Mädchen,
Die er nicht alsbald umfaßte
Und an ihrer Seite weilte.
Unter allen gab’s nur eine
In dem großen Stamme Saari’s,
Die sich nichts aus Freiern machte,
Nicht den Männern Gunst ertheilte:
Kyllikki, die schöne Jungfrau,
Saari’s allerschönste Blume.
Lemminkäinen voller Frohsinn,
Selbst der schöne Kaukomieli
Trug zu Ende hundert Stiefel
Und zerrudert hundert Ruder,
Als er um das Mädchen freite,
Um Kyllikki sich bemühte.
Kyllikki die schöne Jungfrau
Redet selber diese Worte:
„Weshalb weilst du hier, o Schwächster,
Weshalb winselst du am Strande,
Wirbst du um ein hiesig Mädchen
Mit dem zinngeschmückten Gürtel;
Habe keine Zeit zu gehen,
Eh’ den Stein ich ganz zerrieben,
Eh’ den Stößel ich zerstampfet,
Eh’ den Mörser ich zerstoßen.“
„Nicht beacht’ ich solche Wichte,
Solche Wichte, solche Wische,
Wünsche einen schlanken Gatten,
Da ich selber schlanken Leibes,
Will, daß stattlich er erscheine,
Da ich selber wohlgestaltet,
Wünsch’ ihn von dem schönsten Wuchse,
Da ich selber schön gewachsen.“
Wenig Zeit war hingegangen,
Kaum verfloß ein halber Monat,
Als an einem schönen Tage,
Um die Zeit der Abendstunde
Munter dort die Jungfraun spielten,
Alle Schönen munter tanzten
In dem Hain am Wiesenrande,
Auf der schönen Bodenfläche,
Kyllikki vor allen andern,
Saari’s weitberühmte Blume.
Kam der lebensfrische Bursche,
Kam der muntre Lemminkäinen
Mit dem eignen Hengst gefahren,
Mit dem auserwählten Pferde
Mitten auf den grünen Spielplatz,
In den Tanz der schönen Mädchen;
Rafft Kyllikki in den Schlitten,
Reißt die Jungfrau hin zum Sitze,
Ziehet rasch das Leder über,
Bindet schnell zurecht die Leiste.
Schlug das Roß mit seiner Peitsche,
Lärmte heftig mit den Riemen,
Jagte voller Hast von dannen,
Sprach beim Jagen diese Worte:
„Nimmer dürfet ihr, o Mädchen,
Von mir irgend Kunde geben,
Daß ich zu euch hergefahren,
Daß die Jungfrau ich entführet!“
„Falls ihr nicht gehorchen solltet,
Wird’s euch, Mädchen, schlimm bekommen,
Sing’ zum Kriege eure Freier,
Unter Schwerter eure Männer,
Daß in Tagen und in Monden
Ja für immer nichts zu hören,
Sie nicht gehen auf den Gassen,
Auf den Fluren nimmer fahren!“
Wohl genugsam klagt Kyllikki,
Wimmert Saari’s schöne Blume:
„Laß mich endlich doch in Freiheit,
Laß das Kind aus deinen Händen,
Laß nach Haus’ mich lieber wandern
Zu der Mutter, die da weinet!“
„Wirst du mich nicht von dir lassen,
Daß ich fort nach Hause gehe,
O, so hab’ ich fünf der Brüder,
Sieben Vaterbrüdersöhne,
Die des Häsleins Spur verfolgen,
Die die Jungfrau wiederfordern.“
Als sie nun nicht losgelassen,
Macht die Jungfrau sich ans Weinen,
Redet selber diese Worte:
„Froh bin, Ärmste, ich geboren,
Froh geboren, froh gewachsen,
Froh verbrachte ich mein Leben;
Jetzt jedoch gerieth voll Unlust
Ich zu diesem Thunichtgute,
Zu dem kampfbereiten Manne,
Zu dem ewig wilden Streiter.“
Sprach der muntre Lemminkäinen,
Er, der schöne Kaukomieli:
„Liebes Herzblatt, o Kyllikki,
Du mein honigsüßes Beerchen,
Sei nun ohne alle Sorge,
Nie werd’ ich dich schlecht behandeln,
In den Armen bei dem Essen,
An den Händen bei dem Gehen,
An der Seite bei dem Stehen
Neben mir, so lang’ ich ruhe!“
„Sage, wozu diese Sorgen,
Dieses kummervolle Seufzen,
Klagst du deshalb voller Kummer,
Seufzest darum voller Sorgen,
Daß ich ohne Küh’ und Nahrung,
Und an Vorrath Mangel leide?“
„Sei nun ohne alle Sorge,
Habe wohl genug der Kühe,
Wohl genug, die Milch mir spenden,
Auf dem Sumpfe Ackerbeerchen,
Auf dem Berg die Erdbeerfarbne,
Preiselbeerchen auf dem Felde,
Sind gar schön auch ungefüttert,
Hübsch von Aussehn ungehütet,
Nicht braucht Abends sie zu binden,
Morgens man nicht sie zu lösen,
Nicht das Futter vorzuwerfen,
Nicht das Salz zur Morgenstunde.“
„Oder klagst du deshalb sorgend,
Seufzest darum voller Kummer,
Daß ich nicht von großem Stamme,
Nicht aus hohem Haus geboren?“
„Bin ich nicht von großem Stamme,
Nicht aus hohem Haus geboren,
Hab’ ich doch ein Schwert voll Feuer,
Eine flammenreiche Klinge,
Dieß gewiß ist großen Stammes,
Ist aus breitem Haus geboren,
Ist bei Hiisi scharf geschliffen,
Bei den Göttern blankgescheuert,
Damit will dem Stamm ich Größe,
Breite meinem Hause geben,
Mit dem Schwerte voller Feuer,
Mit der flammenreichen Klinge.“
Angstvoll seufzete das Mädchen,
Redet’ selber diese Worte:
„O du Ahti, Lempi’s Söhnlein,
Willst du mich, die schöne Jungfrau,
Dir zur steten Ehehälfte,
Als ein Hühnchen dir im Arme,
So beschwör’ mit ew’gem Eide,
Daß du nimmer ziehst zum Kriege,
Wenn nach Gold du Sehnsucht trügest,
Wenn nach Silber ein Gelüste.“
Selbst der muntre Lemminkäinen
Redet Worte solcher Weise:
„Ich beschwör’s mit ew’gem Eide,
Werde in den Krieg nicht ziehen,
Wenn nach Gold ich ein Gelüste,
Ich nach Silber Sehnsucht trage!
Schwöre du von deiner Seite,
Daß du nicht zum Dorfe gehest,
Wenn zum Tanzen ein Gelüste,
Wenn zum Spiel dich Sehnsucht treibet!“
Also schwuren sie die Eide,
Legten ab ein stark Gelübde
Vor dem offenkund’gen Gotte,
Unter ihm, dem Allmachtsvollen,
Ahti, daß er nicht zum Kriege,
Kylli nicht zum Dorfe wolle.
Lemminkäinen voller Frohsinn
Traf den Hengst mit seiner Peitsche,
Schlug das Rößlein mit den Zügeln,
Redet selber diese Worte:
„Lebet wohl, o Wiesen Saari’s,
Fichtenwurzeln, Tannenstumpfe,
Die im Sommer ich durchwandelt,
Die im Winter ich betreten,
Wo bei Regennächten oftmals
Ich zu schlechter Zeit gestecket,
Während ich dieß Hühnchen suchte,
Dieses Entlein hier erstrebte!“
Ließ das Rößlein munter springen,
Bald erschien die liebe Heimath,
Solche Worte sprach die Jungfrau,
Ließ sich selber also hören:
„Luftig scheint mir dort die Hütte,
Gleichet einem Hungerloche,
Wem wohl sollte sie gehören,
Welchem ehrberaubten Manne?“
Sprach der muntre Lemminkäinen
Selber Worte solcher Weise:
„Quäle dich nicht ob der Stube,
Seufze nicht ob dieser Stätte,
Werde andre Stuben bauen,
Werde bessere dir zimmern
Aus bei weitem schönern Balken,
Aus den allerbesten Sparren.“
So gelangte Lemminkäinen
Grade nach der lieben Heimath
An die Seite seiner Mutter,
In die Nähe dieser Alten.
Solche Worte sprach die Mutter,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Lange bist du fortgeblieben,
Lange, Sohn, in fremden Ländern.“
Sprach der muntre Lemminkäinen
Selber Worte dieser Weise:
„Haben doch die Weiber müssen
Und die keuschen Jungfern zahlen
Für den Spott, für das Gelächter,
Daß sie über mich gekichert,
Nahm die beste in den Schlitten,
Setzte sie auf meine Decke,
Setzt’ zurecht sie auf dem Boden,
Schwang sie unter’s Fell behende,
So vergalt ich das Gelächter,
So der Mädchen lang’ Gespötte.“
„Mutter, die du mich getragen,
Theure, die mich auferzogen,
Hab’ erlanget, was ich wollte,
Hab’ erreicht das Angestrebte,
Breite aus die besten Pfühle,
Für den Kopf die weichsten Kissen,
Daß im eignen Land ich schlafe
An der jungen Jungfrau Seite.“
Sprach die Mutter diese Worte,
Ließ sich selber also hören:
„Gott sei nun dafür gelobet,
Hochgepriesen sei, o Schöpfer,
Gabst mir eine Schwiegertochter,
Welche gut das Feuer schüret,
Trefflich am Gewebe wirket,
Kunstvoll ihre Spindel drehet,
Ausgezeichnet ist im Waschen,
In dem Walken der Gewänder!“
„Preise selber du dein Schicksal,
Hast es gut getroffen, Beste,
Gut gefüget hat’s der Schöpfer,
Er, der liebevolle Vater;
Rein ist auf dem Schnee die Ammer,
Reiner auf dem Gatten, Theure,
Weiß der Schaum zwar auf dem Meere,
Weißer auf dem Ehemanne,
Schlank im Meere wohl die Ente,
Schlanker noch an deinem Schützer,
Glänzend ist der Stern am Himmel,
Glänzender an deinem Manne.“
„Weiter mache nun den Boden,
Größer baue du die Fenster,
Zimmre fertig neue Wände,
Baue um die ganze Stube,
Vor der Stube auch die Schwelle,
An der Schwelle neue Thüren,
Da du diese Maid gewonnen,
Da die Schöne du erlesen,
Sie, die Jungfrau bessrer Abkunft,
Die aus größrem Stamm geboren.“
Zwölfte Rune.
Inhaltsverzeichnis
Ahti Lemminkäinen selber,
Er, der schöne Kaukomieli,
Lebte nun beständig weiter
An der jungen Jungfrau Seite,
Weder zog er hin zum Kriege,
Noch Kyllikki nach dem Dorfe.
Da geschah’s an einem Tage
Um die Zeit der Morgenstunde,
Fort ging Ahti Lemminkäinen,
Ging zum Ort, wo Fische laichen,
War am Abend nicht zurücke,
Nicht beim Anbruch selbst der Nachtzeit,
Nach dem Dorfe ging Kyllikki,
Zu dem Tanz der muntern Mädchen.
Wer wird wohl die Sache melden,
Wer die Bothschaft überbringen?
Ahti’s Schwesterlein Ainikki,
Diese meldete die Sache,
Überbrachte so die Bothschaft.
„Ahti, du mein lieber Bruder!
Nach dem Dorfe ging Kyllikki,
Hin zu fremden Eingangspforten,
Zu dem Spiel der Dorfesjugend,
Zu dem Tanz der Schöngelockten.“
Ahti, seiner Mutter Söhnlein,
Selbst der muntre Lemminkäinen
Ward gar unwirsch und verdrießlich,
Ward gar lange überböse,
Selber sprach er diese Worte:
„Mutter, du, o theure Alte,
Wirst mein Hemd geschwinde waschen
In der Jauche schwarzer Schlangen,
Wirst mit Schnelligkeit es trocknen,
Da zum Kampf ich mich begebe,
Zu der Nordlandskinder Feuern,
Zu der Lappensöhne Fluren,
Nach dem Dorfe ging Kyllikki,
Hin zu fremden Eingangspforten,
Zu dem Spiel der muntern Mädchen,
Zu dem Tanz der Schöngelockten.“
Sprach Kyllikki solche Worte,
Redet’ rasch auf diese Weise:
„O geliebter Mann, mein Ahti,
Ziehe nimmer hin zum Kriege!
Ich erblickte eingeschlafen,
Eingeschlummert solche Träume:
Feuer flog wie in der Esse,
Flammen schlugen hastig um sich,
Unter dieses Hauses Fenstern,
Von dem Rande dieser Wände,
Flogen dann in diese Stube,
Schäumten gleich dem Wasserfalle
Von dem Boden auf zur Decke,
Von dem Fenster hin zum Fenster.“
Selbst der muntre Lemminkäinen
Redet Worte solcher Weise:
„Glaube nicht an Weiberträume,
Gebe nichts auf Weiberschwüre;
Mutter, die du mich getragen,
Bringe her mein Kriegeshemde,
Trag herbei den Rock des Kampfes;
Dorthin treibt mich das Gelüste;
Bier des Krieges will ich trinken,
Honigtrank des Krieges kosten.“
Sprach die Mutter solche Worte:
„Lieber Ahti, du mein Söhnchen,
Ziehe nimmer hin zum Kriege!
Haben selber Bier im Hause
In den Erlenholzgefäßen,
Hinter starken Eichenzapfen,
Dieses ist für dich zum Trinken,
Kannst den ganzen Tag selbst trinken.“
Sprach der muntre Lemminkäinen:
„Nimmer mag ich Bier zu Hause,
Trinke lieber reines Wasser
Von betheerter Ruderspitze,
Süßer ist mir das Getränke,
Als zu Hause alle Biere;
Bringe mir mein Kriegeshemde,
Trag herbei den Rock des Kampfes!
Nach des Nordlands Stuben zieh’ ich,
Zu der Lappensöhne Fluren,
Gold von ihnen dort zu fordern,
Silber mir dorther zu holen.“
Sprach die Mutter Lemminkäinen’s:
„Lieber Ahti, du mein Söhnchen,
Haben selber Gold zu Hause,
Silber in der Vorrathskammer,
Noch am letztverflossnen Tage,
In des Morgens frühster Stunde
Ackerte der Knecht den Acker,
Pflügte er das Feld voll Schlangen,
Einen Deckel hob die Pflugschar,
Aus dem Kasten Geld in Fülle,
Hunderte die waren dorten,
Tausende dort angesammelt,
Bracht’ den Kasten in die Kammer,
Setzt’ ihn an des Sparrens Ende.“
Sprach der muntre Lemminkäinen:
„Mag des Hauses Vorrath nimmer,
Hol’ mir Silber aus dem Kriege,
Halte dieß bei weitem höher,
Als das ganze Gold zu Hause,
Als das ausgepflügte Silber;
Bringe mir das Kriegeshemde,
Trag herbei den Rock des Kampfes!
Nach dem Nordland werd’ ich ziehen,
In dem Streit mit Lappenkindern.“
„Dorthin treibt mich das Gelüste,
Dorthin denken meine Sinne,
Will mit eignen Ohren hören,
Seh’n mit meinen eignen Augen,
Giebt’s im Düsterland ein Mädchen,
Eine Jungfrau in dem Nordland,
Die sich nicht um Freier kümmert,
Nicht den Männern Beifall spendet.“
Sprach die Mutter Lemminkäinen’s:
„Lieber Ahti, du mein Söhnchen,
Hast im Hause ja Kyllikki,
Eine Hausfrau, die weit schöner;
Seltsam wären zwei der Weiber
In dem Bette eines Mannes.“
Sprach der muntre Lemminkäinen:
„Kyllikki läuft gern im Dorfe,
Laß sie nur zu jedem Spiele
Und in jedem Haus’ sie schlafen,
Bei der Dorfesjugend Freuden,
Bei dem Tanz der Schöngelockten!“
Abzuhalten sucht die Mutter,
Warnet ihn die theure Alte:
„Gehe nicht, mein liebes Söhnchen,
Nach des Nordlands fernen Stuben,
Ohne irgend Zauberkunde,
Ohne Weisheit zu besitzen,
Zu der Nordlandskinder Feuern,
Zu der Lappensöhne Fluren!“
„Dorten singt der Lappenjunge,
Dränget dich der Turjaländer
Mit dem Munde in die Kohlen,
Kopf und Arm dir in das Feuer,
Mit der Hand in heiße Asche,
Auf die glutherfüllten Steine.“
Sprach der muntre Lemminkäinen:
„Schon bezauberten mich Zaubrer,
Bannten mich schon einstmals Schlangen,
Drei der Lappen wohl vereinet
In der Nacht zur Zeit des Sommers,
Nackt auf einem festen Felsen
Ohne Gurt und ohne Röcke,
Ohne daß ein Band sie deckte;
Haben das von mir gewonnen,
Haben das von mir erhalten,
Was die Axt vom Stein gewinnet,
Was der Bohrer von dem Felsen,
Was der Absatz von dem Eise,
Was der Tod aus leerer Stube.“
„Anders hatte man gedrohet,
Anders ging die Sach’ von Statten,
Drohten zaubernd mich zu bannen,
Drohten tief mich zu versenken
In den Sumpf, daß ich getreten,
In den Schmutz gestecket würde
Bis zum Kinn in Morasterde,
Bis zum Bart in argen Boden,
Aber ich ein Mann, wenn einer,
War auch dabei nicht in Nöthen,
Wurde selbst ein Zaubersprecher,
Fing da selber an zu singen,
Sang die Zaubrer mit den Pfeilen,
Sang die Schützen mit den Waffen,
Sang die Kund’gen mit den Messern,
Sie, die Sänger mit dem Stahle,
Zu dem jähen Wasserfalle,
Zu dem grausenhaften Strudel,
Zu den allerhöchsten Strudeln,
Zu den allerschlimmsten Wirbeln;
Dorten mögen sie nun schlummern,
Dort die Zaubrer ruhig schlafen,
Bis das Gras nach oben schießet
Durch den Kopf und durch die Mütze,
Durch der Zaubrer Schulterblätter,
Durch das Fleisch an ihren Seiten,
Der in Schlaf versunknen Zaubrer,
Der in Schlummer festgebannten.“
Immer mahnet ab die Mutter
Lemminkäinen von dem Gehen,
Will den Sohn die Mutter halten,
Und das Weib den Mann bestimmen:
„Gehe, Liebster, nicht von hinnen
Nach dem Dorfe voller Kälte,
Nach dem nimmerhellen Nordland!
Schaden drohet dort beständig,
Schaden dort dem armen Manne,
Unglück dir, o Lemminkäinen;
Sprichst du auch mit hundert Zungen,
Ist’s doch schwer gewiß zu glauben,
Nimmer bringst mit deinem Singen
Du des Nordens Söhn’ ins Wasser,
Kannst ja nicht die Turjasprache,
Nicht der Lappen Sprache reden.“
Lemminkäinen kämmte grade,
Selbst der muntre Kaukomieli
Seines Hauptes schöne Haare,
Bürstet fleißig diese Zierde,
Wirft zur Wand die Bürste heftig,
Schleudert sie zum Ofenpfosten,
Redet Worte solcher Weise,
Läßt sich selber also hören:
„Dann trifft Unglück Lemminkäinen,
Schaden dann den wackern Knaben,
Wenn die Bürste Blut vergießet,
Aus derselben roth es fließet.“
Ging der muntre Lemminkäinen
Nach dem nimmerhellen Nordland,
Trotzend dem Verbot der Mutter,
Nicht beachtend ihre Warnung.
Rüstet sich, legt um den Gürtel,
Ziehet an das Hemd von Eisen,
Thut sich in den Stahlesgürtel,
Redet selber diese Worte:
„Kräft’ger ist der Mann im Panzer,
In dem Eisenhemde besser,
Mächt’ger mit dem Stahlesgürtel
Unter jenen Zauberkund’gen,
Daß den Schlechtsten er nicht fürchte,
Nicht den Stärksten selbst beachte.“
Griff darauf nach seinem Schwerte,
Raffte rasch das Feuerschneid’ge,
Das bei Hiisi scharf geschliffen,
Bei den Göttern blankgescheuert,
Band es sich an seine Seite,
Steckt’ es in der Scheide Leder.
Wo ist’s, wo der Mann sich hütet,
Sich der kecke Held beschirmet?
Schützet dorten sich ein wenig,
Dort beschirmet sich der Kecke,
An der Thüre bei dem Sparren,
In der Stub’ am Fackelpfosten,
Auf dem Hofe an der Straße,
An der Pforte letztem Ende.
Hütet sich der Mann auch dorten
Fleißig vor dem Weibervolke,
Doch nicht stark genug ist solches,
Nicht will solche Vorsicht helfen,
Ferner mußte er sich hüten
Vor dem Volke starker Männer
Wo der Weg sich doppelt theilet
An des blauen Steines Rücken,
Auf dem Sumpfe voller Schwanken,
An der Quelle mit dem Sprudel,
An des Wasserfalles Steinen,
Bei der Wendung heft’ger Strömung.
Sprach der muntre Lemminkäinen
Selber Worte solcher Weise:
„Steigt empor, ihr Schwertes Männer,
Ihr, der Erde ew’ge Helden,
Aus der Tief’, ihr Sichelträger,
Aus den Bächen, Bogenschützen!
Komm, o Wald, mit deinen Männern,
Dickicht, du mit deinen Schaaren,
Berggreis, du mit deinen Kräften,
Wasser-Hiisi, mit den Grausen,
Wassermutter, mit den Mächten,
Wasser-Alte, mit den Haufen.
Mädchen ihr, aus allen Thälern,
Zartbesäumt aus allen Quellen,
Zu dem Schutz des einz’gen Mannes,
Als Genossenschaft des Helden,
Daß der Zaubrer Pfeil erstumpfe,
Ihre Schneiden nichts vermögen,
Nichts des Kund’gen Eisenmesser,
Nichts der Bogenschützen Waffen.“
„Sollte das genug nicht scheinen,
Kann ich noch ganz andre Mittel,
Wende seufzend mich nach oben
Hin zum Alten in dem Himmel,
Der die Wolken all’ beherrschet,
Der die Lämmerwolken lenket.“
„Ukko, du, o Gott dort oben,
Alter Vater in dem Himmel,
Der du durch die Wolken redest,
Durch die Luft dich offenbarest!
Reiche mir ein Schwert voll Feuer
Mit der Scheide voller Feuer,
Daß den Schaden ab ich wende,
Daß den Unfall ich verhindre,
Daß die Zaubrer aus der Erde,
Aus dem Wasser ich bezwinge,
Alle die nach vorne stehen,
Und die hinten sich befinden,
Über mir und an den Seiten,
An den Hüften sich versammelt,
Sammt den Pfeilen alle Zaubrer
Mit den Eisenmessern banne,
Sie mit ihren scharfen Schneiden,
Sammt dem Schwert die schlimmen Männer!“
Pfeifend zaubert Lemminkäinen,
Selbst der schöne Kaukomieli
Rasch sein Füllen aus dem Busche,
Von dem Feld das Goldbemähnte
Spannt sein Roß in das Geschirre,
Spannt das braune in die Deichsel,
Setzt sich selber in den Schlitten
Und erhebt sich auf dem Sitze,
Schlug das Roß mit seiner Peitsche,
Knallte mit der knotenreichen;
Hurtig läuft sein Roß von dannen,
Rasch enteilt der schöne Schlitten,
Daß der Silbersand errauschte,
Daß die goldne Fläche dröhnte.
Reiste einen Tag, den zweiten,
Reiste noch am dritten Tage,
Endlich an dem dritten Tage
Traf ein Dorf er auf dem Wege.
Selbst der muntre Lemminkäinen
Jagte rauschend auf dem Wege,
Auf der Straße dicht am Rande
Nach dem Hofe an dem Rande
Fragt dort an des Hauses Schwelle,
An des Daches Pfosten also:
„Ist wohl in der Stube jemand,
Der die Brustbedeckung lösen,
Der die Deichselstangen senken,
Der das Kummet heben könnte?“
Sprach ein Kindlein von dem Boden,
Von der Schwelle da ein Knabe:
„Niemand ist in dieser Stube,
Der die Brustbedeckung lösen,
Der die Deichselstangen senken,
Der das Kummet heben könnte.“
Wenig kümmert’s Lemminkäinen,
Schlug das Roß mit seiner Peitsche,
Lärmte mit der perlenreichen,
Stürmte hastig auf dem Wege,
Auf der mittelsten der Straßen
Nach dem Hofe in der Mitte,
Fragte an des Hauses Schwelle,
Redet an dem Schirmdach also:
„Ist wohl in der Stube jemand,
Der die Zügel abzunehmen,
Der von Brust und Joch die Riemen
Abzulösen wohl verstände?“
Von dem Ofen ruft die Alte,
Von der Bank die gar Geschwätz’ge:
„Findest wohl in diesem Hause,
Wer die Zügel ab dir nehmen,
Wer die Brustbedeckung lösen,
Wer die Deichsel senken könnte;
Findest hier wohl zehn der Männer,
Hundert selbst, wenn du begehrest,
Welche dich von hier befördern,
Pferde dir zum Reisen geben,
Schurke, dich nach Haus’ zu bringen,
Nach der Heimath, schlimmer Bursche,
Hin zu deines Vaters Sitze,
Zu dem Aufenthalt der Mutter,
Zu dem Bruder an der Pforte,
Zu den Schwestern auf dem Boden,
Eh’ der Tag zu End’ gekommen,
Eh’ die Sonne sich gesenket.“
Wenig kümmert’s Lemminkäinen,
Redet Worte dieser Weise:
„Todt sollt’ man die Alte schießen,
Sie, die Wackelkinn’ge schlagen.“
Ließ sein Roß von dannen eilen,
Stürmte hastig auf dem Wege
Auf der obersten der Straßen
Hin zum obersten der Höfe.
Als der muntre Lemminkäinen
Nun zu diesem Hof gekommen,
Sprach er Worte solcher Weise,
Ließ auf diese Art sich hören:
„Stopf, o Hiisi, du dem Hunde,
Stopfe, Lempo, ihm die Schnauze,
Schließe du das Maul dem Kläffer,
Zügle du des Hundes Zähne,
Daß er nicht die Stimm’ erhebe,
Wenn der Mann vorübergehet!“
Als er auf den Hof getreten,
Schlug er mit der Peitsch’ die Erde,
Aus dem Boden stieg ein Nebel,
In dem Nebel stand ein Männlein,
Löste rasch die Brustbedeckung,
Senkte dann die Deichselstangen.
Selbst der muntre Lemminkäinen
Lauschte dann mit offnen Ohren,
Ohne daß es jemand merket,
So daß niemand es gewahret,
Pulsuz fraqment bitdi.