Kitabı oxu: «Gnade ist immer trotzdem»

Elisabeth Schulz
Gnade ist immer trotzdem

Sofern nicht anders gekennzeichnet, entstammen die Bibelverse
den Übersetzungen:
Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden bei Personenbezeichnungen entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet. Diese verkürzte Form beinhaltet keine Wertung. Jede und jeder kann das Gesagte für sich mitempfinden.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
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http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2022 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtgestaltung: Miriam Gamper-Brühl, 3Kreativ, Essen
unter Verwendung von Bildern © Sloth Astronaut (Shutterstock.com)
Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans
DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com
Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln
ISBN 978-3-7615-6788-3 (Print)
ISBN 978-3-7615-6789-0 (E-Book)
www.neukirchener-verlage.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Zwischen den Fronten
II. Glaubenssätze zum Wesen der Sünde
Sünde ist real
Gott und Sünde sind sich spinnefeind
Sünde zerstört den Menschen und trennt ihn von Gott
Sünde führt auf Dauer zum (geistlichen) Tod
Jesus als Gott selbst hat durch seinen Tod und seine wahrhaftige Auferstehung der Sünde die Macht genommen
III. Kann Sein Sünde sein?
Die Ursünde
Unreinheit von Geburt an
Homosexualität als Folge des Sündenfalls
Eine Pro-These
IV. Du bist, was du tust?!
Der unnatürliche Verkehr
Zwischenfazit
V. Gesetz ist Gesetz
Was geht es mich an?
Gottes Geschmack
VI. In Ordnung
Eine Frage der Frucht
Angriff auf die Schöpfungsordnung
Eine Frage des Gewissens
Blick voraus
Danke
Zitierte und erwähnte Texte und Vorträge
Vorwort
Während des ersten Lockdowns stand ich als evangelischer Pfarrer in der Jakobikirche in Lippstadt für seelsorgerliche Anliegen zur Verfügung. Es suchte mich eine Frau auf, der ich bis dahin nur flüchtig begegnet bin. Ich wusste, dass sie in eine Freikirche geht, und hatte schon erlebt, wie beeindruckend und erfrischend sie ihren Glauben an Jesus lebte. Ihr Name: Elisabeth Schulz.
Ob ich mir vorstellen könne, das erste Kapitel ihres Buches zu lesen, das ausschließlich der Selbstklärung diene und von dem sie noch gar nicht wisse, ob sie es am Ende überhaupt fertigstellen würde. Schon ein flüchtiger Blick ins Manuskript zeigte mir: Ausgangspunkt ist ihre homosexuelle Orientierung, von der ich vorher nichts wusste. Sie war es, die buchstäblich infrage stand. Und Elisabeth wollte wissen, wie sich diese Orientierung aus theologischer Sicht darstellt. Kommt ein homosexueller Mensch in die Hölle, also an Dantes Ort „der wandellosen Bitternisse“? Wie verhält sich Homosexualität zum Wesenskern der Sünde? Kann man bzw. frau Christ und zugleich homosexuell sein? Ist es möglich, dass sich ein homosexueller Christ – wie jeder andere Christ auch – als von Gott geliebt und zur Mitarbeit in seiner Gemeinde und an seiner Welt berufen und befähigt versteht, und zwar ohne das Gefühl, bloß ein Christ zweiter oder dritter Klasse zu sein?
Diese Fragen waren für mich bis dahin eher abstrakt gewesen. Nun bekam ich sie als „theologischer Flügelmann“ aus der Sicht einer Person vor Augen geführt, der die biblisch fundierte Gottesbeziehung über alles geht, der Jesus wirklich am Herzen liegt, für die der Heilige Geist eine lebensbestimmende Realität ist, und die sich auf der anderen Seite mit der Tatsache auseinandersetzen muss, dass Homosexualität etwas ist, das unausblendbar zu ihrer Persönlichkeit dazugehört, weil sie ihr Selbstverhältnis, ihre Sehnsucht, ja ihr Sein mit ausmacht. Eine Erkenntnis, zu der sie gerade deshalb kam, weil alle Versuche, hier etwas zu ändern, vom persönlichen Gebet bis hin zu Konversionstherapieversuchen, allesamt kläglich gescheitert sind.
Herausgekommen ist jetzt ein Buch, in dem Elisabeth zunächst einmal sich selbst Rechenschaft gibt, wie sie auf die oben skizzierten Fragen Antworten gesucht hat. Darüber hinaus gibt diese ergebnisoffene Auseinandersetzung aber auch anderen Menschen die Möglichkeit, Zeugen von Elisabeths ganz persönlichem Ringen zu werden und sich mit ihren Fragen und Antworten auseinanderzusetzen – ob als persönlich Betroffene oder Interessierte.
Elisabeth tritt mir im Buch als eine leidenschaftliche Leserin von Gottes Wort entgegen, die gerade den schweren und dunklen Passagen der Bibel, wie etwa den Ausführungen des Paulus im Römerbrief zum Gesetz oder der Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen im Johannesevangelium, in existenzieller Perspektive, das heißt in dem Wissen, dass es um sie ganz persönlich geht, auf den Grund zu kommen versucht. Man spürt ihrem Buch auf Schritt und Tritt auch die studierte Juristin ab, die sich in der kontroversen Diskussionslage sowie der einschlägigen Literatur zum Thema gründlich auskennt, sich durch logischen Scharfsinn auszeichnet und auf klare Begrifflichkeit pocht. Der „archimedische Punkt“ des Buches besteht aber, theologisch gesprochen, in dem Wissen um den Vorrang des Evangeliums gegenüber dem Gesetz. Das schlägt sich direkt im Titel nieder: „Gnade ist immer trotzdem“. Und darin kommt die fundamentale Überzeugung zum Ausdruck, dass der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, und an den die Kirche glaubt, ein Gott ist, der den Menschen voraussetzungs- und bedingungslos liebt und ihm unabhängig von aller sexuellen Orientierung eine unverlierbare Würde schenkt.
Ich nehme in dem Buch zwei Gesprächspartner wahr, mit denen sich Elisabeth faktisch auseinandersetzt. Da ist zum einen der – vielleicht etwas vorschnell – als fundamentalistisch oder evangelikal apostrophierte Standpunkt, der aus bestimmten Stellen der Bibel den Schluss zieht, praktizierte Homosexualität ziehe den Bruch und Verlust der Gottesbeziehung nach sich. Da ist zum anderen aber auch eine gewisse Laissez-faire-Haltung, die mit dem breiten, medialen Strom schwimmt und – mit dem Hinweis auf die alles überflügelnde Kraft der „Liebe“ – gewichtige Passagen der Bibel wie etwa den Schöpfungsbericht ausblendet und schon den Ansatz einer Differenzierung zwischen einer homosexuellen und einer heterosexuellen Beziehung ablehnt und skandalisiert.
Die Größe von Elisabeths Buch erblicke ich darin, dass diesen beiden Positionen gegenüber ein anderer und besserer, eben ein dritter Weg aufgezeigt wird. Ich denke an homosexuelle Christen, die in kirchlichen, aber auch familiären und gesellschaftlichen Kontexten „die Hölle auf Erden“ erleben und sich nach einem Ausweg sehnen, ohne ihr Christsein preisgeben zu müssen. Hier kann das Buch seine heilende und segensreiche Kraft entfalten. Ich bin überzeugt, dass auch diejenigen Menschen von dem Buch profitieren, die nicht homosexuell sind, sich aber orientieren wollen und das direkte Gespräch mit denjenigen suchen, die das Thema in der Tiefe betrifft.
Ich wünsche dem Buch, dass es sich angesichts einer Kontroverse, die schon Gemeinden zerrissen hat, einen Weg in die Herzen der Menschen bahnt. Dass es festgefahrene Positionen auflöst und als Brücke wirkt. Dass es Mut macht, sich auf die Suche nach Antworten zu machen. Und dass es zur Erfahrung beiträgt, dass Gott kein erhobener Zeigefinger ist, sondern jemand ganz anderes.
Pfarrer Dr. Roland Hosselmann, im August 2021
I. Zwischen den Fronten
Homosexualität (praktiziert oder nicht) ist in vielen christlichen Gemeinden nach wie vor der Inbegriff von Sünde.1 Gibt man bei christlichen Verlagshäusern online das Wort Sünde als Suchbegriff ein, erscheint unter den ersten Titeln ein Buch über Homosexualität (Stand Mai 2020), ohne dass sich das Wort „Sünde“ im Buchtitel befindet.
Nach vielen Jahren des Nachdenkens, Betens, Flehens und Erlebens komme ich zu dem Kernpunkt, dass wir uns die Beurteilung, ob etwas Sünde ist oder nicht, sehr oft sehr einfach machen – aus Gewohnheit, Unwissen, Faulheit, Lieblosigkeit, Verbohrtheit, Selbstüberschätzung und auch Überforderung. Meine Vermutung ist, dass es essenziell wichtig sein könnte, das Wesen der Sünde an sich zu kennen und zu verstehen, um sie auch zu erkennen – nicht nur auf das Thema der Homosexualität bezogen, aber eben auch da.
In der aktuellen Literatur der beiden Pole – pro und kontra Homosexualität, in welcher Ausformung auch immer – wird das Wesen der Sünde jedoch nicht erarbeitet oder nur am Rande gestreift.
Der Pol „kontra Homosexualität“ setzt die Sündhaftigkeit (gelebter) Homosexualität voraus, während der Pol „pro Homosexualität“ die Bewertung von Homosexualität als Sünde schlussendlich ablehnt; eine schlüssige Begründung liefern jedoch beide Seiten für ihre Auffassungen nicht. Während „kontra Homosexualität“ damit argumentiert, dass es eindeutige und allseits bekannte Bibelstellen gegen praktizierte Homosexualität gebe und darüber hinaus Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen habe, weshalb Homosexualität wider die Schöpfungsordnung Gottes stünde, argumentiert „pro Homosexualität“ dahingehend, dass der biblische Befund zur praktizierten Homosexualität nichts mit andauernden, treuen Liebesbeziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu tun habe und es Anomalien verbreitet in Gottes ganzer Schöpfung gebe, die ebenfalls unter dem Ja der Liebe Gottes stünden. Dass Gott es zumindest zulässt, dass ein Mensch sich als homosexuell empfindet, widerspräche der Barmherzigkeit und Liebe Gottes, wenn Gott im gleichen Atemzug diesem Menschen auferlege, enthaltsam zu leben und im Übrigen seine Gefühle für das gleiche Geschlecht als widerwärtig (ein Gräuel) oder zumindest als krankhaft und möglicherweise heilbar, jedenfalls als nicht schöpfungskonform zu bewerten.
Beide Pole überschneiden sich in ihrer Ausgangsposition: Man kommt nicht um den Eindruck herum, dass Streitschriften lediglich zur Bestätigung eines bereits festgelegten Ziels zu Papier gebracht werden und von den Autoren nicht etwa mit einem offenen Ergebnis angegangen werden. Die äußeren Ränder der beiden Pole stehen sich nach wie vor sehr verhärtet gegenüber. Es ist als Betroffene kaum auszuhalten, zwischen diesen Fronten zu stehen. Denn mir gelingt es auch nach Jahren nicht, mich einem Pol zuzuordnen. Gerade von der sich als bibeltreu darstellenden Kontra-Seite sind in den sozialen Medien so viel Anfeindung, hässliche Beschimpfungen, Verwünschungen und gottloses Gerede zu lesen, dass sich einem der Magen zusammenzieht. Auf der Pro-Seite könnte man wiederum eine Beliebigkeit beklagen, die unter der rhetorischen Frage „Kann denn Liebe Sünde sein?“ alles als gottgewollt bezeichnet.
Mit diesen Gedanken im Blick mache ich mich selbst auf die Suche. Ich will – soweit das möglich ist – unvoreingenommen an diese Fragestellung nach der Sünde in Bezug auf Homosexualität herangehen. Vorhanden ist lediglich das, was ich aus 34 Jahren „christlicher Biografie“, leben und kämpfen mit Gott an Erfahrung gesammelt habe. Um diese Erfahrungen soll es aber nur in zweiter Linie gehen. Ich kann sie nicht außen vor lassen, sind doch mein Glauben und Denken und Fühlen Ergebnis auch all meiner Erfahrungen und gewonnenen Überzeugungen. Vielmehr will ich aber den Kern, den biblischen Befund zur Sünde und ihrem Wesen verstehen und daran – in allererster Linie für mich selbst – herausfinden, ob praktizierte Homosexualität Sünde ist. Dabei werde ich nicht umhinkommen, praktizierte Homosexualität an sich zu betrachten, zu hinterfragen, was das eigentlich ist, welche Ausgestaltungen sie hat und ob dieser Begriff im Zweifel nicht eine Blase aus der Kontra-Ecke ist, die vor allem mit Nichtwissen gefüllt ist. So jedenfalls meine Ausgangsvermutung. Ob es auf Wissen ankommt, wenn es um das Wesen der Sünde geht, hoffe ich auch herauszufinden.
Aber warum überhaupt? Warum ist das für mich so wichtig? Mein Konfirmationsvers steht in Matthäus 10,39, wo Jesus sagt: „Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ Diesen Vers habe ich selbst gewählt, in dem Wissen und der klaren Entscheidung, so leben zu wollen. Er bedeutet für mich, dass nichts, was sich in meinen Umständen befindet, noch etwas, das in meinem Innersten ist (sei es von Geburt an oder im Nachhinein hinzugekommen) über meinem Leben mit Jesus steht. Bereit zu sein, alles, auch mein Tiefstes und meine Sehnsüchte, für ihn aufzugeben – das war die Grundentscheidung, die ich damals getroffen habe. Ich bin seitdem viele Umwege gegangen und in den letzten Jahren gerade über die „homosexuelle Identitätsfrage“ zu dieser Entscheidung von damals und zu der Überzeugung, mein Leben daran auszurichten, zurückgelangt. In allem, was ich bin und was ich mir wünsche, bin ich abhängig von Jesus und hänge bewusst an seiner Barmherzigkeit. Das gilt meinem Empfinden nach gerade für mich, die ich als homosexuell empfindende Frau in den meisten der mir nahen Kirchen und Gemeinden hier auf der Erde keinen Raum und keinen Zuspruch erhalte. Mir ist bewusst, dass das Ergebnis meiner Ausarbeitung darüber entscheidet, ob ich in dem Gemeindeumfeld, in dem ich mich befinde (und aufgewachsen bin), bleiben kann. Das wäre dann der Fall, wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass jedenfalls gelebte Homosexualität Sünde ist. Das betrifft nicht nur meine Gemeinde und damit mein engstes soziales Umfeld, meinen Lebensrahmen, sondern auch meine Herkunft, meine Familie. Einige werden ein anderes als dieses Ergebnis – mit welchen Folgen für unsere Beziehung auch immer – nicht akzeptieren. Das klingt dramatisch – und ist es auch, nicht nur für mich. Viele, die in diesem Kampf stehen, entscheiden sich weniger aus Überzeugung als aus Resignation entweder für die eine oder für die andere Lebensweise. Und mit der Zeit, wenn sie Glück haben, passt sich ihre innere Überzeugung ihrer Lebensweise an – oder es zerreißt sie irgendwann.
Entweder sie werden zerrissen durch die sich vielleicht nicht erfüllende Hoffnung, dass ihre Sexualität sich mit der Zeit „zum Guten“ verändern würde und sie dadurch gleichwertiges Geschwisterkind unter Christen sein können. Denn, bei allen Bestrebungen, die es auch mittlerweile in evangelikalen Kreisen gibt: Gleichwertig ist der homosexuell empfindende Mensch in der Gemeinde Christi nicht. Dabei rede ich noch nicht von Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben, sondern von dem Umstand, dass homosexuelles Empfinden (insbesondere unter Männern) als widerwärtig, pervers und krankhaft gesehen und bewertet wird. Die meisten frommen Männer weichen vor einem schwulen Bruder ausdrücklich körperlich zurück. Weibliche Homosexualität wird daneben als ein Wunsch nach tiefer Mädchenfreundschaft belächelt und abgetan, wobei gerade Christinnen, denen man im freundschaftlichen oder auch seelsorgerlichen Gespräch die eigenen homosexuellen Empfindungen anvertraut, häufig davon ausgehen, sie seien direkt auch Adressat dieser Empfindungen. Bereits an diesen Reaktionen auf schwule und lesbische Empfindungen zeigt sich eine hohe Selbstbezogenheit derjenigen, die von diesem Thema nur tangiert werden. Der auch in evangelikalen Kreisen nun aufkommende Gedanke, den homosexuell empfindenden Bruder oder die homosexuell empfindende Schwester genauso zu integrieren, solange sie eben ihre Homosexualität nicht leben, ist ein frommer Wunsch, der jedenfalls zurzeit nichts mit der tatsächlichen Realität in den Gemeinden und christlichen Kreisen zu tun hat. Vom Umgang mit Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben oder das befürworten, möchte ich hier gar nicht erst anfangen …
Oder aber sie werden zerrissen durch die ungeklärte Fragestellung, ob Gott wirklich mit der gelebten Homosexualität leben kann. Denn der oft gehörte Vorhalt, gelebte Homosexualität führe direkt in die Hölle (und das ist nicht überspitzt ausgedrückt!), kann schwerlich vollständig abgestreift werden. Mit diesem Damoklesschwert zu leben und es nicht abschließend, so viele gute Argumente es auch geben mag, entfernen zu können, kann einen Menschen zutiefst verzweifeln lassen. Es ist nicht lange her, dass mir eine befreundete evangelische Theologin sagte, dass der „Geist der Homosexualität ein Dämon“ sei. Auf die Nachfrage, ob ich in ihren Augen also von einem Dämon besessen sei (wohlgemerkt nicht in einer homosexuellen Beziehung lebend), kam nur aus gepresster Nächstenliebe ein zögerndes: „Ich weiß es nicht“ anstatt des eigentlich gemeinten: „Ja“. Diese Begegnung ist einer der Gründe, die mich letztendlich an den jetzigen Punkt geführt haben, dringend eine Antwort zu suchen. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal gewesen, dass mir die Hölle in Verbindung und als Folge homosexuellen Empfindens und Lebens vor Augen geführt worden ist – mit dieser Aussage bin ich aufgewachsen –, aber dieses Gespräch war aufgrund der Beziehung, die wir zueinander hatten der Gipfel, der berühmte Tropfen in das überfüllte Fass.
In diesem Moment befinde ich mich an der Weggabelung, von dem einen oder von dem anderen möglichen Lebensweg zerrissen zu werden. Die Aussicht ist denkbar düster. Von daher entsteht in mir die Sehnsucht nach einer Antwort, die nicht zerreißt, sondern Zerbrochenes heilt; einer Antwort, die eine Zukunft hat. Dabei bin ich mir zum Jetztzeitpunkt nicht sicher, ob es diese Antwort geben wird, aber ich bete, dass Jesus in seiner Barmherzigkeit Klarheit und Wegweisung schenkt. In dem Wissen, weil ich es erfahren habe, dass er mir alle Dinge zum Guten dienen lassen kann (so auch Paulus in Römer 8,28), will ich mit jeder Antwort leben und sie, wenn ich sie zu meiner eigenen Überzeugung erhalten habe, auch vertreten. Letzteres mag selbstverständlich klingen, ist es aber nur in dem Fall, dass ich zu dem Ergebnis komme, dass gelebte Homosexualität Sünde ist. Sollte ich zu einem anderen Ergebnis kommen, gebe ich in dem Fall, dass ich diese Haltung vertrete, mein geistliches Zuhause, meine Gemeinde und mein nahes soziales Umfeld auf und riskiere auch Beziehungen innerhalb meines engsten Familienkreises.
Aber das erlebe ich als Abhängigkeit von Jesus. Ich will darauf vertrauen und innigst hoffen, dass er überhaupt eine Antwort schenkt und dass er dann auch den Umgang mit ihr und ihren Folgen – für mich und andere – vorbereitet. Denn eine Antwort auf eine an Gott gerichtete Frage bleibt nie nur in der Theorie, sondern muss ins Leben. Was auch immer das für meine Frage bedeuten mag.
Warum mache ich mir diesen massiven inneren Stress, eine Antwort auf die Frage nach der Sünde zu finden? Mit dem Damoklesschwert der Hölle nicht leben zu können und zu wollen, ist sicherlich nachvollziehbar. Aber ich könnte doch auch den „sicheren“ Weg der Ehelosigkeit beschreiten. Dass das als Entscheidung kein einfacher Weg ist, setze ich als bekannt voraus – wird es auch häufig so nebenbei von uns homosexuell empfindenden Menschen verlangt, wobei die Verlangenden in der Regel heterosexuell verheiratet sind und vielleicht gerade aufgrund ihres eigenen Eheerlebens die Ehelosigkeit als einen durchaus erstrebenswerten Weg ansehen. Dass das nicht nur polemisch gemeint ist, wird sich später noch niederschlagen. Ein Leben auf dem scheinbar sichersten Weg, aber ohne Antwort auf brennende Fragen, ist für mich allerdings erst akzeptabel, wenn ich tatsächlich keine Antwort finde. Denn das Leben auf dem sichersten Weg fühlt sich für mich an wie ein Leben, das von Angst vor der Hölle und Gottes Gericht bestimmt wird. Darauf will ich mein Leben nicht aufbauen, sondern auf die Kraft der Auferstehung Jesu. Die Antwort auf meine Frage kann so oder so ausfallen – und ja, vielleicht bekomme ich auch keine Antwort –, aber wenn ich nicht einmal danach suchen würde, würde ich mir Faulheit vorwerfen und auch ein Zurückschrecken vor Auseinandersetzungen, vor dem, was die Antwort für mich bedeuten könnte. Ein Leben auf dem sichersten Weg wäre angstgesteuert und steht für mich dem Wort Jesu entgegen, der selbst gesagt hat, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Johannes 14,6). Bereits der Psalmist sah in der Wahrheit Gottes keine Gefahr, keine lieblose Entblößung schambehafteter Umstände, sondern er bezeichnete sie als seinen Schirm (Psalm 91,4 nach Luther 2017). Die Wahrheit Gottes ist ein Schutz vor meinen eigenen subjektiven Vorstellungen und Zuschreibungen und auch vor den Vorstellungen anderer über mich. Bei Jesus finde ich diese Wahrheit. Das hat er versprochen. Und die Wahrheit wird mich frei machen, auch das hat er versprochen (Johannes 8,32). Alles Denken und das Bearbeiten dieser Fragestellungen unternehme ich in dem Glauben und der Hoffnung, dass Jesus diese beiden Versprechen wahr macht. Nicht mehr. Aber auch ganz bestimmt nicht weniger.
1 Dabei ist mir bewusst, dass „die eine christliche Gemeinde“ nicht existiert, sondern es durch die ganze Kirchen- und mittlerweile auch Freikirchenlandschaft sehr unterschiedliche Haltungen dazu gibt. Spreche ich also von Gemeinde, meine ich mein gewohntes, auch in vielem geliebtes, überwiegend als evangelikal zu bezeichnendes Gemeindeumfeld.