Kitabı oxu: «Das Virus in uns»

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INHALT

Cover

Titel

DAS VIRUS IN UNS

1. Ground Zero

Wuhan: Wie die Pandemie begann

Wo kommt das Virus wirklich her?

Europa bleibt gelassen

Italien: Die Welle schwappt nach Europa

2. Wir sind der Gast

Lebendige Flüssigkeit

Viren, so groß wie Bakterien

Erhöhte Wachsamkeit

3. Die Covid-Lawine

Lawinenwarnung

Ankunft in Europa

Feiern bis zum Untergang

Pingpong aus Island

Aus Urlauberwelle wird Coronawelle

Feiern trotz Schließung

Lockdown ins Chaos

Ground Zero der Alpen

4. Viren als Motor der Evolution

War am Anfang das Virus?

Ein 50 Millionen Jahre alter Phönix

Ohne Viren keine Kinder

Wir erinnern uns durch Viren

5. Europa sperrt sich ein

Der Anfang: Zwischen Ignoranz und Panik

Viren sind schlecht in Mathematik

Autoritäres Domino

Die Manipulation der Angst

Die Pandemie der panic news

Epidemien und Politik

Wie der Lockdown wirkte

6. Viraler Charme im Darm

Dunkle Materie

Therapie aus der Dreck-Apotheke

7. Es geht auch ohne Lockdown

Südkorea: Kein Lockdown, kaum Wirtschaftskrise

Hongkong und Taiwan

Japan

Das schwedische Experiment

8. Viren als Schwimmkünstler

Die Algenvernichterv

Symbiose als Dreiecksbeziehung

9. Warum so viele starben

Die Geschichte von Covid-19 beginnt viel früher

Die Krise beginnt im Februar

Postleitzahl als Risikofaktor

Der Tod der alten Menschen

Belgien zählt anders

Schlechte Luft ist gut für Viren

Der fatale Irrtum mit der Beatmung

Die Therapie der falschen Hoffnungen

10. Wie Pandemien entstehen

Verwandlungskünstler

Die tödlichste Pandemie

Von Vögeln und Schweinen

Menschengemachtes Problem

Katastrophen auf beschränktem Raum

11. Das Leiden der anderen

Alle Altersgruppen betroffen

Covid-19 als VIP

Die Opfer des Lockdowns

Die größte Wirtschaftskrise

Der Globale Süden leidet wieder

12. Viren als Medikament

Wählerische Phagen

Im Fokus der Mediziner

Therapie gegen Antibiotika-Resistenzen

Neue Chance gegen resistente Keime

Keine Nebenwirkungen, und doch nicht ungefährlich

Virenreiches Essen kann gesund sein

13. Corona: Ein Porträt

Wo SARS-CoV-2 herkommt

Superspreader und Cluster

Wie immun ist, wer Covid-19 hinter sich hat?

Unzuverlässige Tests

Vielschichtige Erkrankung

Mehr als Influenza

Die Sache mit der Sterblichkeit

Medikamente und Impfstoffe: Der mühevolle Weg

14. Und dann?

Lasst uns die Vernunft desinfizieren

Neue Sicht auf das Gesundheitswesen

Tracking versus Lockdown

Ein Neubeginn?

Quellen

Impressum

Über den Autor

DAS VIRUS IN UNS
Vorwort

Gesundheitsthemen stehen seit Jahrzehnten im Mittelpunkt unserer Arbeit als Journalisten. Das Wissen um Krankheit und Gesundheit hat sich enorm erweitert. Heute ist klar, dass nicht die Gene allein, sondern durch unser soziales Zusammenleben und unsere Umwelt geprägte epigenetische Faktoren darüber entscheiden, ob wir krank und auch wieder gesund werden. Und wir wissen eine Menge über die Ursachen der großen Killer der Menschheit wie Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall und Diabetes, im Globalen Süden auch Malaria.

Aber an den Ursachen – meist sind es Lebensumstände im weitesten Sinn – hat sich wenig zum Guten verändert. Oft haben wir uns gewünscht, dass die Regierungen konsequent auf diese Erkenntnisse reagieren, dem weisen Spruch des bedeutenden Mediziners Rudolf Virchow folgend: »Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.«

Beim SARS-Coronavirus 2 hat die Politik reagiert wie nie zuvor. Gegen die eigenen Maximen der freien Marktwirtschaft wurde alles stillgelegt, gegen die Grundsätze der Verfassungen wurden fast alle Bürgerrechte aufgehoben. Das hat wirtschaftliche, soziale und auch gesundheitliche Folgen, deren Ausmaß wir gerade erst zu erahnen beginnen.

War die Reaktion der meisten Regierungen auf das neue Virus zumindest gute Medizin im Großen? Es ist nicht erkennbar, dass diese Lockdowns viele Leben gerettet hätten – Belgien, Spanien, Italien gehörten zu den ersten Ländern, die alles und alle sehr früh und mit großer Konsequenz blockierten, und diese Länder beklagen dennoch mehr oder gleich viele Tote durch Covid-19 wie Schweden, das Wirtschaft, Kultur, Bildung und Zusammenleben weitgehend offen hielt. Umgekehrt haben Länder wie Südkorea oder Taiwan ohne Lockdown wenige Infizierte und Tote zu beklagen, ähnlich wie Österreich, Deutschland oder Norwegen mit Lockdown.

Es waren überwiegend andere Umstände, die die Schwere der Erkrankungen beeinflussten. Denen sind wir nachgegangen und davon werden wir im Folgenden erzählen.

Noch wichtiger ist uns allerdings, zum Verständnis beizutragen, welch wichtige und positive Rolle Viren in allem Leben spielen. Die Koexistenz zwischen Viren und Zellen ist der Motor der Evolution und hat auch uns hervorgebracht. Doch wir stören diese Koexistenz so tiefgreifend, dass Pandemien unausweichlich werden. Das zu verstehen bringt ein neues Denken hervor: Statt Viren zu jagen, können wir ergründen, was zu tun ist, um den Übergang einzelner Mikroben auf den Menschen zu verhindern. Wenn diesen Erkenntnissen auch Taten folgen, würde das die Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generationen ebenso erhalten wie die Eindämmung der Klimakatastrophe.

Immerhin: Die Politik hat bewiesen, dass sie handlungsfähig ist – auch gegen massive ökonomische Zwänge.

Wien, im August 2020

Kurt Langbein, Elisabeth Tschachler

1
Ground Zero

Die offizielle Geschichte vom Übergang des SARS-Coronavirus 2 auf den Menschen ist fragwürdig. Wahrscheinlich ist es schon im Herbst 2019 auf den Menschen übergesprungen. Doch identifiziert wurde es erst zum Jahreswechsel.

Wuhan: Wie die Pandemie begann

Ende Dezember 2019 ist es in der Elf-Millionen-Stadt Wuhan im Nordosten Chinas noch geschäftiger als sonst. Viele Menschen bereiten sich auf das Neujahrsfest Ende Januar vor, Geschäfte und Märkte sind gut besucht. Die Luft ist schwer von Schadstoffen wie Stickoxiden und Schwefeldioxid, auch der omnipräsente Feinstaub macht sich bemerkbar: Selbst an schönen Tagen ist es düster, die Sonne ist nur als rötliche Scheibe sichtbar.

Am 26. Dezember kommt eine ältere Frau mit Fieber und Atembeschwerden in eine Wuhaner Klinik. Nichts Ungewöhnliches, es ist Grippezeit und da gibt es solche Erkrankungen häufig. Aber die Computertomografie zeigt eine schwere, außergewöhnliche Lungenentzündung. Ein zweiter Patient mit ähnlichen Symptomen wird kurz darauf eingeliefert. Auch in anderen Krankenhäusern der Metropole werden solche Fälle registriert und der Behörde gemeldet. Das ist Pflicht seit dem SARS-1-Ausbruch 2002 – SARS steht für »Severe acute respiratory syndrome« –, als ein Coronavirus, ausgehend von China, ähnlich schwere Atemwegserkrankungen auslöste. Wuhan war damals stark betroffen. »Ausbruch einer rätselhaften Lungenerkrankung in Wuhan nährt Verdacht einer neuen Sars-Welle«, titelt die Wissenschaftszeitschrift »Caixing« am 31.12.2019.1

Zum Jahreswechsel bringen Analysen der Körperflüssigkeit der Patienten Klarheit: Es handelt sich um eine Virusinfektion, um ein SARS-Coronavirus. Jedoch keines der bis dahin bekannten.2 Der Großteil der zu dieser Zeit erkannten Erkrankten war davor auf dem zentralen Fischmarkt, deshalb wird dort der »Patient null« vermutet. Das Coronavirus dürfte am oder um den Markt von Fledermäusen auf den Menschen übergegangen sein.

Am 7. Januar bestätigt der chinesische Virologe Xu Jianguo, dass es sich bei dem neuartigen Virus um ein neues Coronavirus handelt. Doch am 10. Januar wird diese alarmierende Information wieder relativiert: Wang Guangfa, ein Vertreter des aus Peking nach Wuhan entsandten Untersuchungsteams, erklärt im staatlichen Fernsehen, dass das Virus »nicht von Mensch zu Mensch übertragbar« und »unter Kontrolle« sei.3 Bittere Ironie dabei: Dr. Wang Guangfa war zu diesem Zeitpunkt bereits selbst infiziert und erkrankte wenig später. Die Ärzte, die schon Anfang des Monats von einer Epidemie gesprochen haben, werden ermahnt, zu schweigen.

Doch einzelne Klinikärzte verfolgen weiter die Spur der Infektion und wehren sich gegen Vertuschung und Zensur, als sie die Anomalie der Erkrankungen erkennen und das Ausmaß der Gefahr begreifen. Um die Öffentlichkeit zu warnen, setzen Doktoren wie Ai Fen und Li Wenliang ihre Karriere aufs Spiel – sie werden unter Drohungen mundtot gemacht.

Zu dieser Zeit dürfte es schon einige tausend Infizierte in Wuhan gegeben haben, vermuten amerikanische Wissenschaftler.4 Und die Infektion verbreitete sich in der pulsierenden Metropole rasch. Aus Handydaten wurde errechnet, wie rasch: An einem einzigen Tag verließen 175.000 Menschen die Millionenstadt, viele davon über den Hauptbahnhof, einige hundert Meter vom Fischmarkt entfernt.

Im anfänglichen Chaos rund um die Epidemie können sich manche Wissenschaftler in der betroffenen Region auch offen äußern. Und die Zivilgesellschaft ist übers World Wide Web aktiv.

»Selbst eine gewöhnliche Bürgerin wie ich hatte bereits von der Ansteckungsgefahr des neuen Virus gehört und trug ab dem 18. Januar eine Schutzmaske«, schreibt die in Wuhan lebende Schriftstellerin Fang Fang in ihrem Tagebuch, das inzwischen als Buch erschienen ist. »Und die Medien? Am 19. Januar berichteten sie begeistert vom ›Festmahl der 10.000 Familien‹, am 21. Januar über die riesige Neujahrsgala in Anwesenheit der Führungspersönlichkeiten. Tag für Tag erfreute sich die missgeleitete Bevölkerung an den üppigen Festlichkeiten einer ›Welt in Frieden und Wohlstand‹, ohne ein Wort der Warnung.«5

Erst am 22. Januar erklärt die Regierung die schweren Erkrankungen als Folge einer Epidemie und warnt die Bevölkerung. Am 23. Januar dann der absolute Lockdown für die gesamte Provinz Hubei mit 37 Millionen Bewohnern: Ausgangssperre, Stilllegung der öffentlichen Verkehrsmittel und der Produktion, alle Lokale und Geschäfte geschlossen. Die Zahl der mit dem neuen Coronavirus positiv Getesteten steigt auf 876 und die Krankenhäuser melden, dass bereits 26 Patienten an der schweren Lungenerkrankung gestorben sind.6

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Mehr als 6000 Mediziner und Pfleger werden in die Krisenprovinz geflogen, riesige Behelfs-Kliniken errichtet. Aber das Virus verbreitet sich rasant, täglich werden mehr als 3000 Infektionen festgestellt.

»Es ist vorbei. Er kann nicht atmen«, sagt die Frau verzweifelt. Ihr Vater liegt in einem Krankenbett im Hospital Nr. 5 der Metropole Wuhan. »Es gibt keine Lebenszeichen mehr.« Der Blogger Fang Bin zeichnet die traurige Szene auf Video auf. Vor dem Krankenhaus filmt er in einem Kleinbus acht gelbe und orange Säcke mit Leichen. Er will die Wahrheit in den überfüllten Krankenhäusern der schwer von der Lungenkrankheit betroffenen Provinzhauptstadt von Hubei ans Tageslicht bringen, stellt seine Aufnahmen ins Internet; seine Bilder von überforderten Krankenhäusern. Ein anderes Video auf Twitter zeigt die gleichen gelben und orangen Leichensäcke in einem unbekannten Hospital in Wuhan auf dem Boden direkt neben Betten mit Kranken – selbst auf Sitzen im Wartesaal, wo auch Patienten warten. In Schutzanzügen vermummte Krankenpfleger können sich gar nicht mehr um alles kümmern.7

Am 4. Februar schließlich die offizielle Selbstkritik: Chinas Führung räumt »Unzulänglichkeiten und Defizite« in der Reaktion auf den Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit ein. Nach einem Treffen unter Vorsitz von Staats- und Parteichef Xi Jinping lässt das Politbüro nach Angaben des Staatsfernsehens mitteilen: »Wir müssen die Erfahrungen zusammenfassen und Lehren daraus ziehen.« Das nationale Krisenmanagement müsse verbessert werden.8

Die Regierung versucht zu retten, was sich retten lässt. Es ist ein nie dagewesenes Experiment. 37 Millionen Menschen eingekesselt, eine hermetische Abriegelung dieses Ausmaßes hat es in der Menschheitsgeschichte nicht gegeben. Europas Politiker schauen mit Skepsis und Ablehnung auf diesen Lockdown, der so wohl nur in einer Diktatur möglich ist. »Wer eine Stadt wie das chinesische Wuhan mit elf Millionen Einwohnern unter Quarantäne stellt, der wirkt so, als wolle er die Biopolitik der Pestzeit einfach hochskalieren für die Ära der Megacitys«, schreibt Jörg Häntzschel in der »Süddeutschen Zeitung« am 31. Januar, »andererseits waren insgeheim wohl dennoch viele erleichtert darüber, dass Peking zu diesem harten Mittel griff, dass es per Erlass die Menschenrechte Millionen gesunder Menschen über Nacht radikal einschränkte.« Und schließt prophetisch: »Die Wahrheit ist: So drakonisch und ineffektiv die Maßnahme auch erscheint – Millionen flohen kurz vor dem Lockdown aus der Stadt –, und so viel Zeit auch verloren ging, weil anfangs niemand wagte, die ersten Fälle zu melden, so zeitgemäß ist sie.«9

Wo kommt das Virus wirklich her?

In den ersten Februartagen 2020 sind außerhalb von Festland-China bereits in mehr als zwei Dutzend Ländern über 270 Infektionen und zwei Todesfälle bestätigt. In Deutschland gab es den 14. positiv Getesteten. Der Erreger wurde bei der Frau eines Infizierten aus Bayern nachgewiesen.

Inzwischen wird die offizielle Geschichte von der Herkunft des Virus vom Fischmarkt in Wuhan immer mehr infrage gestellt. Auf diesem Markt, von den Medien inzwischen meist »Wildtiermarkt« genannt, soll das Coronavirus von illegal verkauften Tieren auf den Menschen übertragen worden sein – der Ausgangspunkt einer Pandemie. So stellte es Chinas oberster Seuchenschützer Gao Fu am 22. Januar bei einer Pressekonferenz dar. Den Markt hatten die Behörden drei Wochen zuvor geschlossen, die Waren vernichtet.

Zur selben Zeit verfassen Botao Xiao und sein Kollege Lei Xiao eine Studie, die kurz Aufsehen erregen sollte. »Die Fledermäuse, von denen das neue Virus auf den Menschen überging, leben in Yunnan, 900 Kilometer von Wuhan entfernt«, schreiben die beiden Biologie-Professoren an zwei verschiedenen Universitäten im Wissenschaftsportal »Researchgate«.10 Es seien nur einige der Erst-Infizierten tatsächlich auf dem Markt gewesen, und Befragungen hätten ergeben, dass keine Fledermäuse auf dem Markt verkauft wurden. Allerdings steht nur 280 Meter vom Markt entfernt ein Labor des »Zentrums für Seuchenbekämpfung und Prävention«, wo mit Coronaviren und Fledermäusen als Wirtstieren geforscht wird. Die Tiere werden dort obduziert, die Viren analysiert, berichten die Forscher, es herrsche dort lediglich Sicherheitsstufe zwei von vier. Es sei daher wahrscheinlich, dass das Virus entweder durch Verunreinigung oder durch einen infizierten Labormitarbeiter in die Stadt und zum Fischmarkt gelangt sei.

Einen Tag später ist die Publikation gelöscht, auch das Profil von Professor Botao Xiao von der South China University of Technology ist verschwunden. Er erklärt später in einem Telefonat mit dem »Wall Street Journal«, er habe die Arbeit zurückgezogen, weil es an Beweisen für den Verdacht fehle.11 Allerdings hatte eine andere chinesische Forschergruppe im angesehenen Fachblatt »The Lancet« schon Ende Januar Ergebnisse publiziert, die ebenfalls die Markt-These infrage stellen. Die erste positiv getestete Covid-19-Patientin sei bereits am 1. Dezember erkrankt und habe keinerlei Kontakt zum Fischmarkt gehabt, schreiben sie.12 Und von den ersten 47 Erkrankten hätten sich lediglich 27 auf dem Markt aufgehalten.

Europa bleibt gelassen

Noch am 20. Januar sagt einer der erfahrensten Virologen, John Oxford von der Queen Mary University of London: »Ich bin immer noch nicht sehr besorgt. China hat aufgrund von Sars 1 Erfahrungen mit solchen Coronaviren.«13 Und am 22. Januar beschwichtigt der Präsident des deutschen Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler, das Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung sei derzeit »eher gering«. Obwohl das Virus offenbar von Mensch zu Mensch übertragen werden könne und die Möglichkeit bestehe, dass Erkrankte nach Deutschland einreisen, sagt Wieler: »Allerdings ist die Übertragungsrate nicht kontinuierlich, nach dem jetzigen Wissensstand. Wir gehen also davon aus, dass nur wenige Menschen von anderen Menschen angesteckt werden können.«14 Auch der deutsche Bundesgesundheitsminister Jens Spahn meint am 23. Januar: »Das Infektionsgeschehen ist deutlich milder, als wir es bei der Grippe sehen.«15 Am 24. Januar werden die ersten drei Infizierten aus Frankreich gemeldet. Damit ist die Krankheit in Europa gelandet. Ende Januar treten die ersten Fälle in Deutschland auf – die meisten tatsächlich mit einem milden Krankheitsverlauf.

Am 29. Januar kommt der Gesundheitsausschuss im Deutschen Bundestag zusammen. Das Thema Coronavirus ist Tagesordnungspunkt 5.b – am Ende der Sitzung. Wieler beklagt die »mangelhafte Informationspolitik Chinas«. Es sei immer noch nicht genau geklärt, wie das Virus übertragen werde.16

Für den Krisenfall gibt es ein Papier aus dem Jahr 2012: »Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz«.17 Darin steht, was zunächst bei Pandemiegefahr nötig ist: rasche Diagnose, Eingrenzen der Kontaktpersonen und Quarantäne aller Verdachtsfälle. Und falls die hohen Fallzahlen dies nicht mehr möglich machen: Schulen schließen, Großveranstaltungen absagen, Schutz des medizinischen Personals.

Davon ist in dieser Sitzung laut Protokoll keine Rede. Der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Universität Bremen hält das für ein Versäumnis: »Im Prinzip hat man diesen Bericht nicht ausreichend zur Kenntnis genommen und hat letzten Endes nicht darauf reagiert, dass man längst Vorkehrungen getroffen hat für die nächste Epidemie oder Pandemie.«18

Die drastischen Maßnahmen der chinesischen Regierung werden als diktatorisch kritisiert – auch von Publizisten, die später die europäischen Lockdowns hochleben lassen. »Dass die Weltgesundheitsorganisation diesen schweren Eingriff in die Freiheitsrechte von Millionen ohne Weiteres unterstützt, ist eine Schande«, schrieb etwa Lea Deuber in der »Süddeutschen«. »Niemand will gerne krank werden. Aber China ist in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen, weil die Menschen kein Mitspracherecht haben. Dass die Staatengemeinschaft das ausnutzt, ist unwürdig.«19 Und weiter: »Die Entscheidung hat zu Panik geführt. Sinnvoll wäre es gewesen, die Menschen aufzufordern, zu Hause zu bleiben. Nun stürmen sie die Krankenhäuser, weil sie nicht mehr einschätzen können, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Die Isolation hat die Menschen nicht geschützt. Sie hat sie in Gefahr gebracht.«20

Im österreichischen Innenministerium tagt am 26. Januar ein Einsatzstab zur weiteren Vorgehensweise zum Thema Coronavirus. Im Anschluss an die Lagebesprechung treten Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) vor die Presse. »Es gibt absolut keinen Grund zur Panik«, sagt Anschober.21

Italien: Die Welle schwappt nach Europa

»Das war der Punkt, an dem wir nervös wurden«, sagt der Intensivmediziner Maurizio Cecconi.22 Er meint den 20. Februar 2020. In Codogno, einer Stadt mit knapp 16.000 Einwohnern in der Region Lombardei etwa 60 Kilometer südöstlich von Mailand, ist an jenem Tag ein 38-jähriger Mann mit schwerer Atemnot in die Intensivstation eingewiesen worden.

Es ist feuchtkalt in der Lombardei, der Smog verhindert gelegentlich sogar die Landung von Flugzeugen in Mailand. Die Grippewelle ist spürbar in den Kliniken, wie jeden Spätwinter. Ältere und kranke Menschen sterben um diese Zeit regelmäßig häufiger. Aber der neue Patient in Codogno ist jung und ohne Vorerkrankungen, ein ungewöhnlicher Fall. Als die konventionellen Behandlungsmethoden gegen Lungenentzündung nicht anschlagen, werden die Ärzte hellhörig. Und tatsächlich: Der Test auf SARS-CoV-2 ist positiv. Die Ärzte recherchieren sofort in seinem Umfeld: Der junge Mann hat zwei Wochen zuvor einen Freund getroffen, der aus China eingereist ist.

Um diese Zeit kehrten etwa 10.000 Menschen von den chinesischen Neujahrsfeiern in die Textilzentren der Lombardei zurück. 50.000 Chinesen nähen dort für die trendigen Modelabels Norditaliens zu günstigen Preisen, die meisten seit vielen Jahren, sie sind längst italienische Staatsbürger.

Intensivmediziner Cecconi, der Leiter des »COVID-19 Lombardy ICU Network«, lässt sofort die Patienten in anderen Intensivstationen testen. 38 von ihnen waren infiziert, hatten aber keinen Kontakt mit »Patient 1« gehabt. Sie mussten sich also bei anderen Personen angesteckt haben. Nun ist klar, dass das Virus schon massiv im Umlauf sein muss und eine dramatische weitere Ausbreitung wahrscheinlich ist.

Die Politiker der Region fordern einen shut down in den betroffenen Gemeinden. Menschen mit Fieber oder Husten strömen besorgt in Scharen in die Klinik-Ambulanzen, um sich testen zu lassen und Hilfe zu erhalten.

Inzwischen stellte sich heraus, dass »Patient 1« bereits am 16. Februar bei der Notaufnahme der Klinik mit hohem Fieber und Grippesymptomen vorstellig wurde. Nach einer Untersuchung schickte man den »grippekranken« Mann allerdings wieder nach Hause.

Drei Tage später wurde er von seiner Ehefrau, die im achten Monat schwanger und inzwischen auch infiziert war, abermals in die Klinik von Codogno gebracht – mit noch höherem Fieber und akuter Atemnot.

Dem Spitalspersonal fehlte weitgehend Schutzkleidung. Bald stellte sich heraus, dass auch Dutzende Ärzte und Spitalsmitarbeiter infiziert waren – inzwischen sind es Tausende. Pensionierte Ärzte wurden zu Hilfe gerufen – von ihnen sollten besonders viele sterben. Weil die Kliniken in der Region bald voll waren, wurden Patienten mit leichteren Symptomen in Pflegeheimen untergebracht, was dort zu massiven Ansteckungen des ungeschützten und wegen Sparmaßnahmen im Zuge vorangegangener Privatisierungen schlecht ausgebildeten Personals und der anderen Insassen führte.

Erst am 23. Februar riegelte Italien die betroffenen Gebiete ab. Trotz harter Quarantäne-Maßnahmen stieg die Zahl der Infizierten rasant. Heute ist bekannt: Etwa die Häfte der Covid-19-Erkrankten in Italien hat sich im Krankenhaus angesteckt.

Weil dort überwiegend alte und schwerkranke Menschen liegen, war bald auch die Sterblichkeit der neuen Viruserkrankung mit 5,8 Prozent viel höher als in China. Die Erfahrungen in Wuhan hatten gezeigt, dass fast nur Menschen über 65 mit Krebs, Herz- oder Lungenerkrankungen durch Covid-19 einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sind.

Bis zum 26. Februar waren in Italien 374 Menschen mit dem Virus angesteckt, zwölf davon waren gestorben. Die Lombardei ist eine der reichsten Regionen der Welt. Aber die Politik der vergangenen Jahrzehnte hat Spuren hinterlassen, es fehlte an allem: Intensivbetten wurden knapp, Schutzkleidung war nicht vorrätig. Weil inzwischen Deutschland und Österreich die Grenzen geschlossen hatten, kamen Lieferungen mit der lebenswichtigen Schutzkleidung erst drei Wochen später an.

An diesem 26. Februar appellierte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides an die Mitgliedsstaaten der Union, die Pandemiepläne zu aktivieren und anzupassen. »Noch befinden wir uns in der Eindämmungsphase«, betonte die griechische Politikerin. Aber es wurde nichts eingedämmt.

»Wir haben es vergeigt. Wir haben zu spät begonnen zu bremsen«, sagt auch Alexander Kekulé, Professor für Virologie an der Universität Halle-Wittenberg.23 Er hat genau an diesem 26. Februar der deutschen Regierung vorgeschlagen, in allen Kliniken Patienten mit verdächtigen Symptomen testen zu lassen. »So hätten wir sichergestellt, dass kein größerer Ausbruch unentdeckt bliebe.«

Deutschlands Politiker verzichteten zunächst auf Ausgangssperren. Virologe Kekulé findet das sinnvoll: »Wenn die Sonne scheint, sollen die Leute raus, da sind die Viren im Eimer, die lieben Innenräume. Wenn sie die Leute einsperren, machen sie genau das Falsche. Auch aus psychologischen und sozialen Gründen. Das ist für mich unzumutbar und ein überzogenes Mittel.«

2
Wir sind der Gast

Sie sind viele. Sie sind überall. Und sie sind keine Killer: Viren. Diese raffinierten Überlebenskünstler, so alt wie das Leben selbst, haben die Evolution entscheidend vorangetrieben, auch die des Menschen.

Wer an Viren denkt, denkt an grässliche Krankheiten, an outbreaks aus Katastrophenfilmen. An Ebola oder Aids, an Pocken und Influenza, an Masern und Schnupfen und in letzter Zeit an das Coronavirus SARS-CoV-2. Viren werden gleichgesetzt mit Bedrohung, mit Epidemie und Pandemie, mit Abwehr und Abscheu, mit Tod. Das ist offenbar schon länger so, denn das lateinische Wort virus bedeutet Schleim oder Gift.

Aber dieses Bild hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten gründlich gewandelt. Erst seit 100 Jahren kann man Viren und Bakterien voneinander unterscheiden, seit 80 Jahren können Viren sichtbar gemacht werden. Erstmals war es seit der Entwicklung der gigantisch schnellen Sequenziermaschinen in den vergangenen zwei Jahrzehnten möglich, nicht nur das menschliche Genom zu entschlüsseln, sondern auch das der vielen Mikroben, die uns umgeben. Und da zeigt sich nach und nach, dass Viren keineswegs ausschließlich Krankheitserreger sind. Diese winzigen Eiweißpartikel, in die Erbinformation verpackt ist, sind unerlässliche Wegbegleiter, ja Architekten sämtlichen Lebens. »Galten Viren bislang nur als die Feinde von Mensch und Tier, ja allen Lebens, so zeigt sich nun, dass sie zur Entstehung und Entwicklung des Lebens entscheidend beigetragen haben«, schreibt die in der Aidsforschung bekannt gewordene Berliner Virologin Karin Mölling in ihrem Buch »Supermacht des Lebens«.24

Viele Forscher meinen nach wie vor, Viren seien keine Lebewesen. Aber so richtig leblos sind sie auch nicht: Seit Milliarden Jahren reproduzieren und verändern sie sich und sie spielten bei der Entstehung der ersten komplexen Lebensformen wahrscheinlich eine entscheidende Rolle. Viren sind überall, sie sind die ältesten biologischen Elemente auf unserem Planeten. Und sie sind auch mit Abstand die häufigsten. Oft wird immer noch der Mensch als »Wirt« der Mikroorganismen beschrieben. Aber angesichts der Erkenntnisse über deren Rolle in unserem Leben und deren Menge ist man geneigt, das Bild umzudrehen: Wir sind der Gast. In unserem Körper gibt es hundertmal mehr Viren als menschliche Zellen, und unser Erbgut wird von Viren maßgeblich mitgestaltet: Immerhin zur Hälfte besteht das menschliche Erbgut aus Viren oder, genauer, aus Virenresten.25

Viren sind raffinierte Überlebenskünstler, so alt wie das Leben selbst, und sie haben als Motoren der Evolution andere Lebewesen vorangebracht – auch den Menschen. Mit ihm und seinen Vorfahren verbindet sie eine jahrmillionenalte Wechselbeziehung. Dabei sind Viren und Menschen eine vorwiegend friedliche Koexistenz eingegangen. Krankheiten entstehen erst dann, wenn die Balance des Systems gestört wird, durch reduzierte Artenvielfalt, bedrohte Lebensräume für einzelne Arten, übervölkerte Städte.

Wollte man den Erfolg einer Kreatur danach bemessen, wie viele Exemplare es davon gibt, dann wären Viren die Sieger der Evolution. 1033 Virenpartikel gibt es auf dem Planeten, damit sind sie zehnmal häufiger als Bakterien. Wären einzelne Virenpartikel so groß wie ein Sandkorn, dann würde allein ihre Menge die gesamte Erdoberfläche mit einer 15 Kilometer dicken Schicht bedecken.26

In jedem Kubikmillimeter Meerwasser finden sich zehn Millionen Viren27, 100 Millionen verschiedene Virentypen werden insgesamt vermutet, 320.000 davon kommen in Säugetieren vor. Und unser Wissen ist trotz der rasanten Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren immer noch marginal: Gerade einmal 5630 Virenarten sind bisher identifiziert und beschrieben.28

Viren sind – mit Ausnahme der sogenannten Riesenviren – winzig, wesentlich kleiner als Bakterien, selbst unter dem Lichtmikroskop nicht auszumachen. Wäre ein Mensch so groß wie ein Fußballstadion, hätte ein Bakterium die Größe eines Fußballs und ein Virus wäre so groß wie eines der schwarzen achteckigen Felder auf dem Ball. Oder ein anderes Bild: 20.000 von ihnen aneinandergereiht, messen gerade einmal einen Millimeter.29

Viren sind allgegenwärtig – im Meer, an Land, tief unter der Erde, zu finden überall dort, wo es Zellen gibt. Denn sie brauchen, um sich fortzupflanzen, andere Mikroorganismen. Im Grunde sind Virenpartikel (Virologen nennen sie »Viria«) nichts anderes als proteinbesetzte Kapseln mit Erbgut darin, manchmal noch mit einer Hülle rundherum. Träger der Erbinformation sind die Nukleinsäuren DNA oder RNA.

Dass sich Viren nicht selbst vermehren können, ist der Grund, warum sie bei den meisten Wissenschaftlern auch nicht als Lebewesen gelten. Als solche müssten sie zudem wachsen, Energie und Eiweiß erzeugen können. Dazu sind Viren nicht in der Lage. Auf der Suche nach dem geeigneten Wirt, den sie für ihre Fortpflanzung brauchen, helfen Rezeptoren an der Oberfläche der Viruskapsel, die zu jenen der Wirtszelle passen. Einmal angedockt, schleust das Virus seine Erbinformation in das Innere der Zelle und veranlasst sie, Viren-Bruchteile zu produzieren, die sich in der Zelle zu Viren-Kopien zusammenfügen. Damit ist der Reproduktionszyklus komplett, und die aus der Wirtszelle austretenden Abertausenden Viren-Kopien kapern ihrerseits weitere Zellen.

Manchmal ist dieser Vorgang allerdings äußerst aggressiv. Die befallene Zelle wird dann veranlasst, so viele Kopien herzustellen, dass sie vor Erschöpfung zerplatzt. Ein Beispiel dafür ist das Ebolavirus, das beim Menschen nicht nur die Zellen der Leber und anderer Organe befällt, sondern auch Lymphknoten und Abwehrzellen des Immunsystems. Ein Großteil seiner Opfer stirbt rasch. Aus Sicht der Viren sind Menschen damit freilich ein Fehlwirt, da sie oft nicht lange genug leben, um die Viren-Kopien weiterzugeben. Die meisten der bisher beobachteten Ebola-Ausbrüche waren deshalb auch schnell wieder zu Ende.

Die überwiegende Mehrzahl der Viren pflegt einen deutlich weniger radikalen Stil. Besonders schlau machen es Rhinoviren, die häufigsten Auslöser von Schnupfen. Sie verbreiten sich in der Nasenschleimhaut von Zelle zu Zelle. Als Immunreaktion schwillt die Nasenschleimhaut an und bildet größere Mengen eines schleimhaltigen Sekrets: Die Nase läuft – und Unmengen frisch geschlüpfter Viren laufen mit, um sich neue Wirte zu suchen, die sie mit Schnupfen anstecken können. Die Viren verwenden das Immunsystem also gleichsam als Helfer bei ihrer Vermehrung.

Lebendige Flüssigkeit

Das erste Virus, das sichtbar gemacht werden konnte, war der Erreger der Mosaikkrankheit auf Tabakpflanzen, die sich in gekräuselten Blättern und mosaikartiger Marmorierung äußert.30 Das war 1940, doch diesem Fund war eine 50 Jahre dauernde Suche vorangegangen. Der deutsche Agrikulturchemiker Adolf Mayer hatte sich bereits seit 1889 bemüht, die Ursache für die welkenden Tabakpflanzen zu finden, konnte im Mikroskop jedoch keinen Erreger ausmachen. Dabei musste es einen solchen geben, denn Mayer hatte den Saft kranker Pflanzen gesunden injiziert, deren Blätter sich ebenfalls zu verfärben begannen. Selbst wenn der Pflanzensaft ganz fein gefiltert wurde, blieb er infektiös. Der russische Biologe Dmitri Iwanowski, der sich der Sache ebenfalls annahm, vermutete, eine lebendige Flüssigkeit müsse Ursache der Infektion sein, und sprach von einem »Virus«, einem Gift. Das wurde allerdings nicht schwächer, wenn man es verdünnte, es musste sich also irgendwie vermehren.

Viel wurde spekuliert, was dahinterstecken könnte, zumal zur selben Zeit auch die Jagd nach bis dahin unbekannten Erregern anderer Krankheiten begonnen hatte.31 Etwa nach jenem der Maul- und Klauenseuche, bis heute eine der gefährlichsten Infektionserkrankungen bei Tieren.

Immer wieder vertieften sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt in das Problem des unsichtbaren Tabakpflanzenschädlings, ohne eine Lösung zu finden. Erst 1935 entdeckte der US-amerikanische Biochemiker und Virologe Wendell M. Stanley winzige Kristallnadeln im Saft einer befallenen Pflanze. Bestätigt werden konnte Stanleys Fund mithilfe des ersten Elektronenmikroskops 1940. Sechs Jahre später bekam er dafür den Nobelpreis für Chemie.

Lange Zeit nach ihrer Entdeckung beschäftigten die Viren die Forscher jedoch hauptsächlich wegen ihrer krankmachenden Eigenschaften. Das ist nicht verwunderlich, denn gegen viele der Krankheiten, die die Menschheit – oft seit Jahrtausenden – plagten, gab es lange kein Mittel: Die Masern haben ganze Kulturen ausgelöscht, die Pocken hinterließen bei jenen, die sie nicht dahinrafften, bleibende Entstellungen, die Spanische Grippe forderte mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg.

Dass wir mit jedem Salatblatt eine große Anzahl harmloser Viren mitessen und bei jedem Gang nach draußen durch einen Schwarm Virenpartikel wandern, die uns nichts anhaben, ist eine relativ neue Erkenntnis.

Viren, so groß wie Bakterien

Im Wasser eines Kühlturms in England hatten Mikrobiologen 1992 eine bis dahin unbekannte Mikrobe entdeckt – und hielten sie aufgrund ihrer Größe für ein Bakterium. Zehn Jahre sollte es dauern, bis ein Team um den südfranzösischen Infektiologen Didier Raoult, der während der Corona-Krise mit der Propagierung des Medikaments Hydroxychloroquin überregionale Bekanntheit erlangte, den Irrtum entdeckte. Es handelte sich um ein Virus, er nannte es »Mimivirus« – ein Virus, das so tut, als wäre es eine Mikrobe, ein lebendiger Organismus. In den folgenden Jahren wurden noch etliche weitere solcher Riesenviren gefunden, die allesamt ganz besondere Merkmale tragen. Ihr Wirt sind Amöben und ihre Erbsubstanz ist von einer Doppelhülle umgeben, deren äußere einen vieleckigen Körper darstellt. Andere, etwas später isolierte Riesenviren haben die Form einer griechischen Amphore und werden deshalb Pandoraviren genannt. Im Gegensatz zu ihren winzigen Verwandten verfügen sie alle über ein üppiges Erbgut. Bei Pandoraviren ist es nahezu so umfangreich wie jenes von Einzellern, und genetisch verfügen sie über fast alles, was zur Eiweißproduktion benötigt wird. Damit verschwimmt die Grenze zwischen Viren und Lebewesen. 2013, als die französische Forschergruppe weitere Riesenviren entdeckte, hieß es im Wissenschaftsmagazin »Nature«, diese neu identifizierten Mikroben würden einen bis dahin unbekannten Teil des Lebensbaums sichtbar machen.32

Auch wenn die Existenz der Riesenviren erst unlängst bekannt wurde, so sind sie doch steinalt. Mindestens 30.000 Jahre, denn in einem so alten Stück sibirischen Permafrostbodens wurde ebenfalls ein Riesenvirus entdeckt. Seine DNA hatte überdauert und das Virus konnte wieder infektiös gemacht werden.33

Obwohl Viren für gewöhnlich immer noch nicht zu den Lebewesen gezählt werden, können sie sich verändern. Oft sind sie schlampig, wenn es um Vermehrung geht, und mutieren innerhalb des Reproduktionszyklus. Danach können sie anders aussehen oder sich anders verhalten. Das kann langsam vor sich gehen, oder es können mit einem Schlag mehrere Eigenschaften verändert werden. Und aus einer harmlosen Mikrobe kann, wenn sie einen anderen Wirt befällt, etwa von Tieren auf Menschen überspringt, eine Bedrohung werden, ein Supervirus, das sich schnell verbreitet und schwerwiegende Gesundheitsschäden verursacht.

Erhöhte Wachsamkeit

»Wir brauchen eine permanente Beobachtung und erhöhte Wachsamkeit gegenüber dem Auftauchen neuer Virusstämme durch zoonotische Übertragung«, sagt Rasmus Nielsen, Evolutionsbiologe an der University of California.34 Er untersucht, was auf molekularer Ebene passiert, wenn Viren ihre Wirtszellen wechseln. Dass Viren den Sprung über die Artengrenze schaffen, ist kein neues Phänomen. Wenn sie dann nicht nur von Tieren auf Menschen übergehen, sondern sich so anpassen, dass sie von Mensch zu Mensch übertragen werden können, wird es wirklich unangenehm. Denn dann können sie sich schnell ausbreiten und je nachdem, wie ansteckend sie sind, zu Epidemien oder Pandemien führen. Die Zahl der Säugetier- und Vogelviren, die theoretisch den Menschen zum Wirt nehmen können, wird auf 700.000 geschätzt, 260 haben es bisher tatsächlich geschafft.35

Das war vor mehr als 130 Jahren so, als ein im Nachhinein Betacoronavirus genannter Keim von Mäusen auf Kühe und dann auf den Menschen übersprang und wahrscheinlich Auslöser einer Pandemie war, die weltweit mehr als eine Million Menschen tötete.36 Das war bei HIV so, da kam das Virus von Schimpansen und Gorillas; das ist beim Influenzavirus so; und bei den Coronaviren SARS 1 und MERS, die sich ursprünglich in Fledermäusen und dann Schleichkatzen bzw. Dromedaren breitmachten. Und beim Coronavirus SARS 2.

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Die Covid-Lawine

Ein Wintersportort in den Tiroler Alpen wurde zum Hotspot für das neue Virus. Wie in China reagierten Behörden und Verantwortliche zunächst mit Leugnen und Vertuschen. Schließlich sorgte die Vertreibung der internationalen Gäste für die rasche Verbreitung von SARS-CoV-2 in Nord- und Westeuropa.

Im Winter nach Ischgl reisen, tagsüber die Skipisten runterbrettern und abends das Leben feiern – so stellen sich viele Europäer ihren Urlaub im Schnee vor. Für zahlreiche Wintersportfreunde gehört ein Trip in den berühmten wie beliebten Skiort in Tirol einfach dazu, wenn sich die weiße Pracht im Land ausbreitet. Denn hier befindet man sich unter Gleichgesinnten. Mit 1,4 Millionen Nächtigungen belegt Ischgl Rang zwei in der Tiroler Urlauber-Statistik, aber im »Ibiza der Alpen« drängt sich vermögenderes Volk als am Mittelmeer, dafür sorgen schon allein die Preise.

Paris Hilton hat sich hier ebenso sehen lassen wie Bill Clinton, gehobener Mittelstand aus ganz Nord- und Westeuropa trifft sich hier zum Schwingen auf den autobahnähnlichen Pisten. Danach geht es zunächst zur Hüttengaudi neben den Pisten und am Abend dann weiter in die Bars, Pubs und Klubs im Zentrum des Skiortes. Junge Frauen in Lederhosen oder in kurzen Dirndl-Röckchen tanzen dort auf dem Tresen, der Rest ergibt sich.

Die Saison 2020 sollte wie üblich Anfang Mai mit einem Groß-Event zu Ende gehen. »Starke Gefühle übernehmen die Regie, wenn beim letzten Top of the Mountain Concert der Saison Eros Ramazzotti die Idalp in seinen Bann zieht«, kündigt die Fremdenverkehrswerbung stolz an, »mit seinen Klassikern und Ohrwürmern im Gepäck kommt der italienische Großmeister am 2. Mai 2020 und begeistert die Besucher und Skifahrer in der Silvretta-Arena.«37

Im Jahr davor feierten 18.000 Besucher den Schluss der Skisaison und bestaunten zwei Jets des österreichischen Bundesheers und die aus Helikoptern springenden »Skydiver« in ihren Fledermauskostümen. Aber 2020 wurde alles anders. »Abgesagt«, steht lapidar neben der Ankündigung auf den Webseiten der Tiroler Tourismuswerbung.

Lawinenwarnung

Die Geschichte, die zu dieser Absage führte und Ischgl zum Wuhan Europas machen sollte, begann offenbar bereits im Januar 2020. Das Dorf mit 1600 Einwohnern und 10.600 Gästebetten befand sich im Vollbetrieb. »Born to be Wahnsinn«, betitelt das Ischgler Lokal »Kuhstall« seine Après-Ski-Werbung: »Zeigs der Welt: So schön kann schräg sein.«38

Daren Bland aus East Sussex, England, kam am 15. Januar für eine Woche mit seinen Freunden, zwei aus Dänemark und einer aus den USA. Und erlebte, wie schön »schräg« sein kann. Bis zu 25.000 Menschen drängen sich tagsüber durch die Tunnel-Anlagen unter dem Dorf über Rolltreppen, die an U-Bahn-Stationen erinnern, zu den Liftanlagen und den 238 Pistenkilometern. Die werden meist schon von den Lautsprechern der immer noch »Hütten« genannten Mega-Restaurants und Schirmbars am Pistenrand beschallt.

Und abends ging’s zum Feiern. »Die Bar war gerammelt voll, die Leute sangen und tanzten auf den Tischen«, berichtet der englische IT-Berater über Après-Ski im »Kitzloch«, einer weiteren Bar gleich neben dem »Kuhstall«. »Die Leute waren heiß und verschwitzt vom Skifahren, und die Kellner haben zu Hunderten Shots an die Tische gebracht.«39 Seine Handyvideos zeigen, wie die Menschen sich anschreien und in enger Umarmung tanzend Lieder wie »Highway to Hell« grölen.40 Bland berichtet auch von durchaus extravaganten Spielen. Die Bar sei bekannt für »Beer Pong« – ein Trinkspiel, bei dem die Après-Ski-Sportler abwechselnd versuchen, denselben Tischtennisball in ein Bierglas zu werfen. Manchmal werden die Bälle auch in den Mund genommen und gespuckt.

Schon in der Woche davor, am 9. Januar, warnte die EU-Kommission alle Mitgliedsländer mittels »Early Warning and Response System« (EWRS) vor einer »ernsten, grenzüberschreitenden Bedrohung für die Gesundheit« durch ein neues Virus aus China. Die Plattform wurde 1998 für den Austausch von Informationen zu Infektionskrankheiten etabliert und vernetzt die Europäische Kommission, die Seuchenbehörde und die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten. So sollen Infektionsausbrüche durch geeignete Diagnosemethoden rasch erkannt und durch Quarantäne-Maßnahmen für die Kontaktpersonen von Infizierten sofort gebremst werden, um eine Pandemie zu verhindern.

Am 12. Januar übermittelte China das Genom des neuen Coronavirus an die Weltgesundheitsorganisation WHO. Vier Tage später, am 16. Januar, vermeldet der Virologe Christian Drosten an der Charité Berlin, dass bereits ein Test zum Nachweis entwickelt wurde.41 Die Virologie in Berlin entwickelte sich zusehends zur weltweiten Drehscheibe für den teuren Test.

Ab dem 20. Januar vermeldeten auch die Medien die massive Verbreitung der Erkrankung in China. Die Börsen reagierten, der Ölpreis sank, auf den Flughäfen wurden erste Kontrollen eingeführt, und die WHO berief am 20. Januar den Notfallausschuss ein. »Wir haben Isolationsrichtlinien erarbeitet, sowohl für Heimquarantäne als auch für Spitäler, und wir haben einen ersten Kapazitätscheck für die Krankenhäuser vorgenommen«, erinnert sich Reinhild Strauss, Epidemiologin im österreichischen Gesundheitsministerium.42

Ankunft in Europa

Am 24. Januar wird Wuhan abgeriegelt, erste Studien zeigen, dass das neue Virus durchaus gefährlich ist. Am selben Tag meldet das Frühwarnsystem des ECDC (Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten) drei SARS-CoV-2-Infizierte in Frankreich. Das Virus ist in Europa angekommen.

Zwei Tage später erlässt der neue Gesundheitsminister Österreichs, Rudolf Anschober, seine erste Verordnung. Die »neue Erkrankung an 2019-nCoV« wird zur anzeigepflichtigen Infektion nach dem Epidemiegesetz.43 Von da an sind die Ärzte und Behörden verpflichtet, bei jedem Verdacht »unverzüglich die zur Feststellung der Krankheit und der Infektionsquelle erforderlichen Erhebungen und Untersuchungen einzuleiten«. Betroffene müssen Auskunft geben, und bei Gefährdung sind Betriebsstätten zu schließen und auch für Kontaktpersonen von Infizierten Quarantänen zu verhängen.

Inzwischen gibt es erste positiv Getestete auch in Deutschland und mit der Untersuchung der von ihnen Angesteckten neue Erkenntnisse. Eine Person des Clusters hatte gar keine Symptome, andere Infizierte nur sehr milde. Dennoch trugen sie alle eine hohe Viruskonzentration im Rachen. Die Forscher schließen, dass auch Menschen, die sich gesund fühlen, infiziert sein und das Virus weitergeben können. Das war bei SARS-1 nicht der Fall. »Ab dem Moment war mir klar: Das Virus marschiert durch«, sagt Dorothee von Laer, Professorin am Lehrstuhl für Virologie der Medizinischen Universität Innsbruck.44 Von Laer wendet sich an die Tiroler Behörden: »Ich habe an die Landessanitätsdirektion geschrieben und angeboten, dass wir testen können. Ich habe aber keine Antwort erhalten.«45 So wurde in Tirol wochenlang auf die Durchführung von Tests zum Erkennen der Infektionen verzichtet.

Die WHO ruft am 30. Januar eine internationale Gesundheitsnotlage aus. Aber in den Hotelburgen der Alpen nimmt davon niemand Notiz.

»Nach meiner Rückkehr war ich zehn Tage lang krank. Ich konnte nicht aufstehen, ich konnte nicht arbeiten, ich hatte Atemnot«, berichtet Daren Blank. Er hat auch seine Frau angesteckt. Seine Freunde reisten nach dem Urlaub zurück nach Dänemark und in die USA. Dort wurden sie etwas später positiv auf das Coronavirus getestet.

Feiern bis zum Untergang

Aber in den Tiroler Skigebieten wurde munter weitergefeiert, von Infektionen in der Gegend erfuhren die Fremdenverkehrs-Mitarbeiter und die Gäste nichts.

Im Februar erkrankten in Ischgl Dutzende Mitarbeiterinnen von Hotels und Restaurants sowie auch Gäste an Grippe mit merkwürdigen Symptomen – zu Fieber und Husten kam oft auch Erbrechen. Zumindest in einem Fall – bei einer Kellnerin, die am 8. Februar erkrankte –, wurde nachträglich von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) nachgewiesen, dass es sich um Covid-19 handelte.46

Aber niemand meldete das und bei den Gesundheitsbehörden nahm davon niemand Notiz. »Es wurde Mitarbeitern verboten, nach Landeck ins Krankenhaus zu fahren, um sich testen zu lassen, damit keine Panik entsteht. Man wollte das so lang wie möglich rauszögern«, berichtete ein Seilbahn-Mitarbeiter in der ORF-Sendung »Am Schauplatz«.47

»Beer Pong« erfreute sich weiter großer Beliebtheit im »Kitzloch« und anderen Bars, erzählt Henrik Lerfeldt dem US-Sender CNN aus seiner Quarantäne, in die er nach dem Skiurlaub wegen der SARS-CoV-2-Infektion musste. Der 56-jährige Däne berichtet, dass die »Kitzloch«-Barkeeper mit Trillerpfeifen unterwegs waren, um die Leute dazu zu bringen, den Weg frei zu machen. Mehrere Gäste hätten zum Spaß in dieselbe Trillerpfeife geblasen. Und die Gläser, in die die Tischtennisbälle gespuckt werden, machten weiter die Runde.48

Am 25. Februar wurde in Tirol der »erste Covid-19-Fall« offiziell. Eine Angestellte des Hotels Europa in Innsbruck kam mit Symptomen aus ihrem Urlaub in Italien zurück, wurde positiv auf SARS-CoV-2 getestet und separiert. Hier reagierten die Gesundheitsbehörden, wie es im Epidemiegesetz festgelegt ist: Am selben Abend wurde das Hotel von Polizisten abgesperrt. Es wurden alle Angestellten getestet und das Hotel konnte erst wieder öffnen, als alle weiteren Speichelproben negativ waren. Die Landesregierung bildete einen Krisenstab. Bundeskanzler Sebastian Kurz verkündete am 26. Februar die weitere Marschrichtung: Es bräuchte rasche und harte Maßnahmen, um das Virus bestmöglich einzudämmen.

Pingpong aus Island

Sonntag, 1. März: Alle Passagiere eines Flugs von München nach Island werden nach der Landung auf das Coronavirus getestet. Torolfur Gudnason, Chefepidemiologe in Island, meldet am 3. März 16 Corona-Fälle über das EU-weite Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten »Early Warning and Response System« nach Wien.49 Alle Betroffenen sind Ischgl-Heimkehrer. Die isländischen Gesundheitsbehörden geben eine Reisewarnung für Ischgl heraus.

Der Österreichische Verbraucherschutzverband hat präzise dokumentiert, was dann geschieht: Am 4. März etwa fragt eine Touristin im Hotel garni Martina via WhatsApp an: »Hallo zusammen. Denke wir kommen gegen 16/17 Uhr. Was macht der Corona V bei Euch????« Die Hotelmitarbeiterin antwortet darauf ebenfalls via WhatsApp: »Hallo, wir wünschen euch eine gute Anreise. Das Corona Virus ist noch nicht in Ischgl und bleibt hoffentlich noch lange weg.«50

Am 5. März wird eine E-Mail aus Island vom Wiener Gesundheitsministerium nach Tirol weitergeleitet. »Dear colleagues«, schrieben die isländischen Behörden, »we have a total of 14 cases with travel history to Ischgl via Munich.« Die Tiroler Behörden wissen also spätestens jetzt, dass das Virus bereits seit Ende Februar in Ischgl im Umlauf ist. Und: Die Isländer listen in der E-Mail auch alle fünf Hotels auf, in denen sich die isländischen Gäste aufgehalten haben.51

Zunächst geschieht nicht viel. Ein eigens einberufener Krisenstab tagt in Ischgl – vertreten sind die Größen der Hotellerie und der Seilbahngesellschaft, der Gemeindearzt und die Polizisten des Ortes. »Vom TVB (Tourismusverband) konnten 14 Hotels, welche zu dem in Frage kommenden Zeitraum Isländer beherbergt hatten, ausfindig gemacht werden«, protokollieren die Beamten. »TVB Mitarbeiter werden persönlich die Hotels informieren, bzw. dort Nachfrage halten. Die Polizei wird dann in zivil die Gästeblätter abholen.«52

Aber in den genannten Hotels wurde nur eine einzige Mitarbeiterin ergebnislos getestet, nirgends wurde die gesetzlich geforderte Quarantäne verhängt. Selbst nachdem am 7. März ein Barkeeper im »Ibiza der Alpen« positiv getestet wurde, teilte Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber mit, es erscheine »wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist«. Die Touristen aus Island hätten sich wohl im Flugzeug angesteckt – das war schon allein aufgrund der Inkubationszeit erkennbar falsch. Auch eine Übertragung des Virus »auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich«. Besorgten Hoteliers wurde versichert, dass kein Risiko bestünde.

Aus Urlauberwelle wird Coronawelle

Am selben Tag – es ist Samstag, 7. März – reisten mehr als 100.000 Urlauber aus den Tiroler Wintersportorten ab, ebenso viele kamen an. Busse und Sammeltaxis brachten wieder 10.000 nach Ischgl. Informationen über Infektionsgefahren gab es nirgends, erzählen die Touristen. Das Partywochenende in Ischgl, in Sölden, am Arlberg und im Salzburger Land konnte wie geplant starten. Alle Skilifte, Hütten und Bars waren offen. Der Tourismusverband Paznaun-Ischgl versandte am Abend eine E-Mail an alle Hotels, in der die falsche Darstellung, dass sich die infizierten Isländer im Flugzeug angsteckt hätten, wiederholt wurde.

In den Bars mussten sich die Kellner weiter mit Trillerpfeifen den Weg durch die Menge bahnen. »Wir haben getanzt, geschmust und aus denselben Gläsern getrunken«, erzählt ein deutscher Urlauber, dessen Freund inzwischen an Covid-19 gestorben ist. Mitarbeiter einiger Hotels berichten, dass sie die Anweisung erhalten hatten, bei Grippesymptomen ausschließlich den Gemeindearzt Andreas Walser aufzusuchen.

»100, 200 Mitarbeiter waren da schon bei mir«, berichtet Walser. »Da standen Hunderte vor der Praxis und wollten sich testen lassen«, erzählt dagegen ein Mitarbeiter, »der Doktor hat niemanden drangenommen.«53 Schließlich habe der Gemeindearzt am Ohr Fieber gemessen und ihm eine Bescheinigung ausgestellt, dass er sich bester Gesundheit erfreue und »es keinerlei Kontakt mit Covid-19-getesteten Personen gab«.

Eine Restaurant-Mitarbeiterin berichtet, dass allein in ihrem Gasthaus fünf Mitarbeiterinnen schon Anfang März erkrankt waren. Der Gemeindearzt habe bei der ersten Betroffenen lediglich Bettruhe verordnet, die habe dann weitergearbeitet und alle anderen angesteckt.54

Doch allmählich scheint das Raunen um die Epidemie Ausmaße angenommen zu haben, sodass es die Verantwortlichen nicht mehr wegschieben können. Am 8. März entsendet die Tiroler Landessanitätsdirektion Ärzte nach Ischgl, um dort zu testen – allerdings nur ausgewählte Personen. Immer noch geben die Behörden öffentlich Entwarnung. »Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich«, informiert Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion Tirol. »Für alle BesucherInnen, die im besagten Zeitraum in der Bar waren und keine Symptome aufweisen, ist keine weitere medizinische Abklärung nötig. BarbesucherInnen, die aktuell grippeähnliche Symptome haben, sollen die Gesundheitshotline 1450 wählen und werden in der Folge ärztlich abgeklärt. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.«55

In Norwegen registriert man unterdessen bereits 500 Corona-Fälle, bei denen die Ansteckung in Österreich erfolgt sein musste. Die große Mehrheit davon in Ischgl. Tirol wird daher auch dort auf die Liste der Risikogebiete gesetzt. Am Morgen des 9. März leitet das Gesundheitsministerium in Wien diese Meldung an die Landessanitätsdirektion Tirol weiter. Auch Dänemark hat Ischgl mittlerweile auf die Liste der Hochrisikogebiete gesetzt.

Am selben Tag wird bekannt, dass die Tests von 16 Mitarbeitern und Kontaktpersonen im »Kitzloch« positiv ausgefallen sind. Erst jetzt ordnet die Bezirkshauptmannschaft Landeck die sofortige Schließung des Lokals an. Die Touristen werden allerdings immer noch nicht informiert, Hotels und Skilifte bleiben im Vollbetrieb.

Und inzwischen ist durchgesickert, dass es auch in anderen Skiorten wie St. Anton und Lech am Arlberg zahlreiche Infizierte gibt.

Feiern trotz Schließung

»Bei allen in der Gemeinde Ischgl bewilligten Après-Ski-Lokalen ist der Après-Ski-Betrieb unverzüglich einzustellen.« So steht es in der Verordnung der Bezirkshauptmannschaft Landeck, die für Ischgl zuständig ist, vom 10. März. Aber kaum ein Wirt hielt sich daran: Noch am selben Abend wurde in Bars gefeiert, als gäbe es weder das Coronavirus noch die behördlichen Betriebssperren. Das belegen unter anderem Fotos und Videos, die sechs deutsche Urlauber der Zeitschrift »profil« zur Verfügung stellten – die Aufnahmen aus dem Après-Ski-Lokal »Trofana Alm« stammen vom 10. März um 21:31 Uhr, das geht aus den Metadaten hervor.56

Das Lokal war zu dieser Zeit voll, die meisten Gäste sangen und tanzten eng an eng zur Musik. Zurück in Deutschland, wurden die sechs Urlauber alle positiv auf Corona getestet. Der Betreiber der »Trofana Alm« ist Obmann des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl. Auch andere Après-Ski-Bar-Betreiber wollten das verfrühte Saisonende nicht so recht einsehen. Zunächst versuchten sie, ihre Partybuden mit anderen Konzessionen – etwa für den Betrieb eines Restaurants – weiterzuführen. Noch am Vormittag des 11. März stellte die Bezirkshauptmannschaft per E-Mail klar: »Es ist nicht relevant, welche zusätzlichen Konzessionen das Lokal besitzt. Es sind daher die betreffenden Lokale spätestens mit 16:00 Uhr zu schließen.«

Bei einer Kontrolle um 16 Uhr stellten Ischgler Polizeibeamte fest, dass sich mehrere Lokale dennoch nicht an diese Vorgaben hielten, schreiben die Beamten in ihren Aktenvermerk. Die »Schatzi-Bar« etwa hatte ihren Ausschank kurzerhand ins Freie verlegt. Die Eigentümerin, die im Aufsichtsrat des Tourismusverbands sitzt, erklärte den Beamten, dass »der Betrieb als Restaurant geführt werde« und »kein Après-Schi veranstaltet werde«. Die Beamten schritten nicht ein. Sie berichteten der Bezirkshauptmannschaft Landeck bloß, dass eine »zwangsweise Durchsetzung der Verordnung aufgrund des wetterbedingt starken Personenverkehrs und dem Umstand, dass damit lediglich eine Verlagerung der Menschenansammlungen erzielt würde, nicht verhältnismäßig erschien«. Die Polizisten regten bei der Bezirkshauptmannschaft an, dass den Betreibern am folgenden Tag »nochmals die Einhaltung der Verordnung nahelegt wird«, berichtet das »profil«.

Der Skibetrieb ging weiter. Alle anderen Restaurants waren weiter offen, ebenso die Skilifte.

Lockdown ins Chaos

Erst am Freitag, dem 13. März, reagierten die Gesundheitsbehörden und die Landesregierung. Sie verhängten eine Quarantäne über das Paznauntal, in dem Ischgl liegt, und St. Anton am Arlberg. »Ausländische Urlauber dürfen die Gebiete noch verlassen, müssen aber an den Kontrollpunkten ein Formular mit den wesentlichen Kontaktdaten vorweisen«, wurde verlautbart, »Personal der Tourismusbetriebe und Gäste aus Österreich dürfen die Gebiete nicht mehr verlassen.« Die Benutzung von Seilbahnanlagen wurde ebenfalls verboten.

Doch die Seilbahnen liefen weiter. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz gab Freitagmittag eine Pressekonferenz. Er verkündete höchstpersönlich die Quarantäne über die Skiorte. Und während die Behörden den ausländischen Gästen lediglich die Möglichkeit einräumten, nach Bekanntgabe ihrer persönlichen Daten auszureisen, forderte Kurz diese via TV auf, die Urlaubsorte zu verlassen. Dass diese Gäste genauso unter Quarantäne gestellt werden müssten, sagte er nicht. Die Folge waren hektische Stunden. Auswertungen von Mobilfunkdaten zeigen es deutlich: Nachdem das Land Tirol am 13. März die Quarantäne über das Paznauntal verhängt hatte, verließen Massen an Urlaubern die Skigebiete Richtung Heimat. Viele von ihnen brachten das Virus mit nach Hause.

Wäre es besser gewesen, die Touristen vorher zu testen oder für zwei Wochen zu isolieren? Dominik Oberhofer, Abgeordneter zum Tiroler Landtag (NEOS) und selbst Hotelier, vermutet finanzielle Interessen hinter der verordneten Massenausreise: »Die wollten natürlich nicht die Logie und die Verpflegung der Urlauber für 14 Tage Quarantäne zahlen.« Etwa 7000 Gäste reisten in dicht gedrängten Bussen, Pkws, Taxis ab, aus der vorgesehenen Registrierung wurde meist nichts.

Statt wie vorgeschrieben die potenziell Infizierten unter Quarantäne zu stellen, wurden die Nicht-Österreicher in einen höchst infektiösen Massen-Exodus geschickt. Der österreichische Verbraucherschutzverein, der inzwischen im Namen von 6000 Geschädigten agiert, die sich in den Tiroler Bergdörfern das Virus geholt hatten, listet die weiteren Folgen auf:

57 Prozent der in Österreich aufgetretenen Corona-Fälle lassen sich auf Ischgl zurückführen, mehr als zwei Drittel der im Ausland infizierten Deutschen haben sich in Österreich angesteckt, 90 Prozent davon in Tirol. Dazu kommen jeweils Hunderte Infizierte in Norwegen, Schweden, Island, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz.

Ground Zero der Alpen

»Home Of Wahnsinn«, »Ground Zero« der europäischen Corona-Pandemie – an internationaler Negativpresse fehlt es der Skigemeinde im Paznauntal in den letzten Wochen und Monaten nicht. Im Eintrag auf Wikipedia wird Ischgl schon im vierten Satz mit Corona in Verbindung gebracht, der deutsche »Spiegel« ortet in Ischgl »Gier und Versagen«. Der Vorwurf: Zu lange hätte die Tiroler Landespolitik mit der mit ihr verbandelten Tourismusindustrie auf einen Shutdown der Skisaison zugewartet.

Wie groß der Einfluss der Superspreader-Location auf die Infektionswelle in Deutschland ist, ließ sich bislang nur mutmaßen. Das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) konnte im Mai nun Daten vorlegen. Diese Studie basiert auf Daten des Robert-Koch-Instituts aus 401 deutschen Landkreisen.57 Dabei wurden die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. So werde die »geografische Nähe zu Ischgl in Tirol« als »einer der Hauptrisikofaktoren für eine vergleichsweise hohe Infektionsrate« in der deutschen Bevölkerung angesehen.

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts, wird hinsichtlich Ischgl konkreter: »Nicht nur Deutschland wäre ohne die Ischgl-Fälle wohl deutlich glimpflicher davongekommen. So hätten Daten vom 20. März aufgezeigt, »dass ein Drittel aller Fälle in Dänemark und ein Sechstel aller Fälle in Schweden auf Ischgl zurückgeführt werden konnten«.58

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Viren als Motor der Evolution

Viren sind uralte Überlebenskünstler und haben die Evolution der meisten Lebewesen, auch von uns Menschen, vorangetrieben. Ohne sie gäbe es wohl heute keine Sexualität, würden dem Menschen manche Gene fehlen und sein Abwehrsystem wäre weniger leistungsfähig.

»Viren gehören zu unserem Ökosystem, zu unserem Leben, zu unserer Umwelt, zu unserer Verdauung. Rund 50 Prozent des menschlichen Erbguts stammt von Viren«, sagt die deutsche Virologin Karin Mölling. »Viren sind die Treiber der Evolution, nicht primär Krankmacher«, erklärt die Grande Dame der Virenforschung vom Berliner Max-Planck-Institut, die seit ihrer Forschung an HIV weltweiten Ruf genießt.59 Für sie deutet alles darauf hin, dass Viren am Anfang des Lebens standen und eigentlich lebendig sind, auch wenn ihnen die Fähigkeit zur Fortpflanzung und zum Stoffwechsel fehlt und sie von den meisten Forschern für leblose Partikel gehalten werden. Für eine Zuordnung zum Lebendigen sprechen einige immer stärker werdende Argumente. Immerhin können Viren sich genetisch verändern – durch Mutationen. Und wenn sie ihren Bauplan in eine Biozelle eingebaut haben, dann sind sie auch Bestandteil eines lebenden Systems.60

War am Anfang das Virus?

Viren bestehen hauptsächlich aus Erbgut – DNA, viel öfter noch RNA. Die Nukleinsäure, für deren englisches Wort das Kürzel NA steht, ist die materielle Basis der Gene. Im Gegensatz zu den doppelsträngigen DNA-Molekülen kommen die RNA-Moleküle für gewöhnlich einzelsträngig vor. Das ermöglicht mehr dreidimensionale Strukturen und chemische Reaktionen, die es bei der DNA nicht gibt. Bei Schäden oder Mutationen kann sich allerdings die DNA durch den zweiten Strang viel eher selbst reparieren, deshalb mutieren Viren mit RNA-Strukturen auch viel schneller.

Im Labor lässt sich RNA relativ einfach herstellen. Das gelang 2009 erstmals Wissenschaftlern der Universität Manchester aus Substanzen, wie sie wahrscheinlich auch in der Urerde vorhanden waren. Sie nahmen dazu ein einfaches Molekül, das als Gerüst zum Aufbau von Nukleinsäure-Bausteinen diente.61 Ein solcher chemischer Vorgang könnte auch in der Urerde möglich gewesen sein, meinen Forscher, die der Virus-first-Hypothese anhängen, also davon ausgehen, dass Viren am Anfang des Lebens standen. Die Idee dahinter: Bei der Entstehung des Lebens sind zuerst nicht Biozellen, sondern Virus-Vorläufer aus RNA entstanden, die als chemische Schnipsel in die Umwelt freigegeben wurden und sozusagen als Informationsträger umherschwirrten. Beweise dafür gibt es nicht, weil fossile Viren aus der Zeit vor vier Milliarden Jahren fehlen. Die Suche danach auf anderen Planeten könnte helfen, eine Bestätigung für die These zu finden, etwa auf dem Mars, weil es dort noch sehr altes Gestein gibt, wesentlich älter als auf der Erde. Würden dort Überreste von Virenpartikeln isoliert, aber keine Zellen, dann wäre das ein Hinweis darauf, dass in der Evolution zuerst RNA-Systeme entstehen und erst dann biologische Zellen. Doch das ist alles noch Gegenstand von Experimenten und Annahmen.

Viel weiter sind die Forschungen, die sich auf die Entstehung und Entwicklung des Menschen beziehen. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts und die Genomanalysen anderer Lebewesen haben gezeigt: Alles, ob Nahrungsmittel, Raubtiere oder potenziell krankmachende Mikroben, hatte einen Einfluss auf die Evolution des Menschen.62 Dieser sogenannte horizontale Gentransfer – die Übertragung von Genen zwischen zwei Organismen, die nicht miteinander verwandt sind – hat zu vielgestaltigen Genomen geführt. Und Viren haben dabei eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. »Viren haben sich gemeinsam mit ihren Wirten weiterentwickelt, und ihre Verwandtschaftslinien können als Lianen betrachtet werden, die sich um den Stamm, die Äste und die Zweige des Lebensbaums schlingen«, sagt Patrick Forterre, vor der Pensionierung Direktor der Abteilung für Mikrobiologie des Pariser Pasteur-Instituts.63

»Jede einzelne Spezies hat zahlreiche auf sie spezialisierte Viren«, erklärt Forterre. Der Mikrobiologe, auch er überzeugter Verfechter der Virus-first-Theorie, bezweifelt die Lehrbuch-Hypothese von Viren als »Taschendieben«, die sich aus den Zellen Erbgut klauen und damit selbstständig machen. Die umgekehrte Variante sei biologisch wesentlich plausibler. Im Lauf der Evolution hätte es einen gewaltigen Nachteil bedeutet, parasitäre Mikroben, die nur ihren eigenen Vorteil bedienen, in lebendige Systeme einzubinden. Stattdessen wurde die Bildung von Symbiosen, also kooperativen Systemen, klar bevorzugt. Organismen, die es nicht schafften, sich mit ihren Mikroben abzustimmen, starben aus. Mittlerweile gibt es schon etliche Funde, die Forterres These untermauern sowie gleichzeitig zeigen, welche Überlebenskünstler Viren sind und wie sehr sie zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im globalen Ökosystem beitragen. So wurden im Erbgut eines zwölf Millionen Jahre alten Kaninchens Viren gefunden, die jenen des Aids-Verursachers HIV ähnlich sind; Ähnliches fand sich in 13 Millionen Jahre alten Lemuren auf Madagaskar.64 Und Forscher im Berliner Naturkundemuseum konnten vor Kurzem nachweisen, dass ein eidechsenähnliches Tier, das vor 289 Millionen Jahren in der Permzeit lebte, an einer Erkrankung des Knochenstoffwechsels litt, hervorgerufen durch masernähnliche Viren.65

Ein 50 Millionen Jahre alter Phönix

»Phönix«, so nannte Thierry Heidmann das Virus, das er 2006 in seinem Labor zu neuer Aktivität erweckte.66 Dem französischen Biophysiker war etwas gelungen, was Forscherkollegen als »Jurrasic-Park-Experiment« bezeichneten. Er hatte Kopien eines – wie sich herausstellte – 50 Millionen Jahre alten Retrovirus, dessen genetischen Bauplan er im menschlichen Genom entdeckt hatte, wieder in die Lage versetzt, von einer Wirtszelle neue Virenpartikel produzieren zu lassen. Diese Partikel konnten dann ihrerseits wieder Zellen infizieren und ihre kopierten Gene in die Zelle einfügen. Bis dahin waren die Virus-Kopien inaktiv gewesen, denn in den Jahrmillionen hatte sich ihr Erbgut ein paarmal verändert, ohne sich jedoch einen neuen Wirt zu suchen.

Gleich dem mythologischen Vogel, der aus seiner eigenen Asche wiederersteht, entstand so ein vollständiges und aktives Virus, zusammengesetzt aus seinen in menschlicher DNA festgeschriebenen Teilen. Wie kam der Ursprungs-»Phönix« in die menschliche DNA? Er muss in Urzeiten Keimzellen menschlicher Vorfahren infiziert haben und dann von Generation zu Generation weitergegeben worden sein. Die Überbleibsel solcher Viren-Kopien werden humane endogene Retroviren genannt – ihr Kürzel ist HERV. »Phönix« ist nicht das einzige – immerhin rund 8 Prozent des menschlichen Erbguts bestehen aus solchen HERVs. Identifiziert wurden bereits mehr als 30 HERV-Familien.

Aber welchen evolutionären Sinn ergibt das? Lange Zeit blieb der Grund, warum sich die Genbruchstücke im menschlichen Erbgut eingenistet haben, im Dunkeln. Für die Wissenschaft waren sie einfach »Junk-DNA«, nutzloser Abfall. Doch nach und nach hat sich herausgestellt, dass sie nicht von ungefähr eng mit dem Menschen verbunden sind. Einerseits treiben sie die Evolution voran, weil die Gene, die sich nicht vom Virus infizieren lassen, ausgeschieden werden. Aber neue Forschungen zeigen, dass sie auch zu Neuerungen im Genom beitragen, etwa indem sie neue genetische Codes für die Herstellung bestimmter Moleküle einbringen.67 Ein Beispiel dafür ist das Enzym Amylase, das notwendig ist, um Stärke abzubauen. Die meisten Säugetiere bilden dieses Enzym nur in der Bauchspeicheldrüse. Nicht so der Mensch. Bei ihm bildet es sich auch in der Speicheldrüse – eine Voraussetzung für die Ackerbaukultur: Nur wer Getreide leicht verdauen kann, für den ist Ackerbau sinnvoll. Zu verdanken ist diese Eigenschaft einem Retrovirus68, das sich in der Nähe von drei Amylase-Genen ins Genom einnistete und dafür sorgte, dass auch die Speicheldrüsen den Stoff herstellen.69

Ohne Viren keine Kinder

Eigentlich gehören Viren zu den sich am schnellsten verändernden Mikroben. Doch die Genbestandteile der endogenen Retroviren sind, wie »Phönix« bewiesen hat, erstaunlich dauerhaft, was ihren Verbleib bei einem Wirt betrifft. Das deutet darauf hin, dass das jeweilige neue Gen vom befallenen Organismus sehr oft gut gebraucht werden kann.70 Erste Erkenntnisse dazu, wie nützlich die Virusgene im Menschen sein können, gab es bereits 1978. Da stießen Forscher vom Cancer Institute in San Francisco auf Retroviren-ähnliche Partikel in menschlichem Plazentagewebe. Erst mehr als 20 Jahre später wurde klar, was ihre Funktion ist: Sie unterstützen die Produktion bestimmter Eiweißstoffe, die ursprünglich dem Virenpartikel halfen, seine Hüllmembran mit der der Wirtszelle zu verbinden. Später trugen die Eiweißstoffe dazu bei, Zellen in der Plazenta so zu verbinden, dass eine schützende Barriere entsteht. Die verhindert, dass das Immunsystem der Mutter den Embryo als Fremdkörper abstößt, während er sich in die Gebärmutter einnistet.71 Dieser wichtige Schritt – eine Voraussetzung für die Lebensfähigkeit von Säugetieren – hat sich vor zwölf bis 80 Millionen Jahren ereignet72, bei Beuteltieren dagegen konnte dieses endogene Virus nicht nachgewiesen werden. Der Mensch und alle anderen Säugetiere mit Plazenta dürften eine der entscheidenden Voraussetzungen für die Fortpflanzung einem Virus verdanken.

Viren haben im Lauf der Evolution auch dazu beigetragen, das menschliche Immunsystem zu modulieren. US-amerikanische Wissenschaftler fanden heraus, dass virale Erbgutschnipsel hauptsächlich in der Nähe von jenen Genen zu finden sind, die die Immunantwort steuern. Werden die ursprünglich von Viren stammenden Basenpaare im Labor entfernt, fällt die Immunantwort auf eine Virusinfektion weitaus schwächer aus.73

Die Nähe mancher endogenen Retroviren zum Immunsystem lässt sie jedoch nicht immer nur freundlich wirken. Einige werden mit der Entstehung von Autoimmunkrankheiten wie der Arthritis oder anderen rheumatischen Erkrankungen, mit Multipler Sklerose und Schuppenflechte in Zusammenhang gebracht. Eine mögliche Beteiligung von Viren wurde auch bei Brust- und Hautkrebs festgestellt.74 Doch wenn alle Retroviren schädlich für den Menschen wären, wären sie im Zuge der Evolution wohl nicht weitergegeben worden.

Auch andere Bestandteile im menschlichen Genom sind viralen Ursprungs. Die Virologin Anna Marie Skalka und ihr Team vom Krebsforschungsinstitut in Pennsylvania fanden im menschlichen Genom die Gensequenzen der Vorfahren von Bornaviren, gefürchteten Krankheitserregern. Der Fund war unerwartet, zumal die Genabschnitte dieser und anderer Keime wie dem Marburgvirus auch in der DNA von 19 Wirbeltierarten gefunden wurden. Skalka vermutet, dass das Virus-Erbgut vor rund 40 Millionen Jahren in die Keimbahn der Tiere gelangt ist und dass damit infizierte Tiere einen Überlebensvorteil gehabt haben müssen. Möglicherweise haben die Genbruchstücke zu einer Immunantwort gegen eine Infektion durch das jeweilige Virus beigetragen und auf diese Weise wie eine Impfung gewirkt.75

Die Berliner Virologin Karin Mölling meint gar, dass die gesamte menschliche Erbsubstanz auf Viren zurückgeht.76 »Unser Erbgut wird ergänzt durch das 150-Fache an zusätzlichem Erbgut von Mikroorganismen, die uns besiedeln«, erklärt sie, und das ergibt Sinn: »Sie bieten neues Erbgut, also neue Information und auch Schutz.« Denn befinden sich Viren in einer Zelle, lassen sie andere Viren nicht hinein.

Wir erinnern uns durch Viren

Anscheinend hat auch das menschliche Gehirn vor langer Zeit ein Virus für seine Zwecke eingespannt. Seitdem geistert es durch unser Zentralnervensystem und ermöglicht uns, uns Dinge länger zu merken.

Wie das Gedächtnis funktioniert, wissen wir noch immer nicht genau. Aber das Protein Arc dürfte für die dauerhafte Speicherung von Informationen unentbehrlich sein. Zumindest können sich Mäuse, denen es gentechnisch entfernt wurde, nichts länger als 24 Stunden merken.77 Oder, wie es der Hirnforscher Jason Shepherd von der University of Utah in Salt Lake City ausdrückt: Im Leben gibt es ein Zeitfenster, in dem sich das Gehirn wie ein Schwamm verhält, also Wissen und Fähigkeiten aufsaugt. Ohne Arc bleibt dieses Fenster geschlossen.

Bei Arc handelt es sich um das Überbleibsel eines Virus, das vor Hunderten von Millionen Jahren ins Erbgut der Vorläufer von Mensch und Tier geriet und seitdem von Generation zu Generation weitervererbt wurde. So weit, so gewöhnlich. In aller Regel haben solche Partikel aber ihre ursprünglichen viralen Eigenschaften längst verloren.

Nicht so bei Arc. Im Elektronenmikroskop lassen sich verblüffende Entwicklungen zeigen: Liegen in Zellen ausreichend Arc-Proteine vor, organisieren sich diese zu Hohlkörpern, die einer Virushülle, dem sogenannten Kapsid, sehr ähnlich sehen. »Als wir die Kapside sahen, wussten wir, dass wir auf etwas Interessantes gestoßen waren«, erzählt Shepherd, der seit Jahrzehnten an diesem Protein forscht.78

Das Team begann mit weiteren Untersuchungen. Und so stellte sich heraus, dass die Kapsel aus Arc-Proteinen immer noch die Fähigkeit hat, ihre eigene RNA-Bauanleitung festzuhalten und sich dabei immer wieder andere vorbeischwimmende RNA-Sequenzen zu schnappen und einzuverleiben. Mitsamt dieser Fracht, beobachteten Shepherd und Kollegen, wandert die Arc-Kapsel an die Zellmembran, umhüllt sich dort mit der Außenschicht der Zelle und driftet ins umgebende Medium. Trifft sie auf ein Nachbarneuron, dockt sie an, wird aufgenommen, zerfällt und gibt die RNA frei.

Damit funktioniert Arc fast noch genauso wie ein Virus, das auf diese Weise seinen Wirt überfällt, also infiziert – mit dem Unterschied, dass in diesem Fall der Wirt ausschließlich einen Nutzen davon hat. Als wahrscheinlich gilt, dass das Exvirus mit seiner Transporttätigkeit einen zusätzlichen Kommunikationskanal zwischen den Gehirnzellen und uns damit die Erinnerung eröffnet.

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Europa sperrt sich ein

Innerhalb nur einer Woche sorgten die Regierungen der meisten europäischen Staaten unter dem Applaus der meisten Medien für die Aufhebung fast aller Grundrechte. Ausgangssperren wie im Krieg, um Leben zu retten – ein einmaliger Vorgang.

Dumpfe Bässe, dunkle Bilder von Schweinen und Männern in Gummistiefeln. Aus dem Off die Stimme einer Nachrichtensprecherin mit unheilverkündendem Tremolo: »Es begann in gesund aussehenden Schweinen, vor Monaten, vielleicht schon vor Jahren. Ein neues Coronavirus breitete sich unerkannt in den Herden aus.« Das elfminütige Video stand am Beginn eines Treffens, zu dem am 18. Oktober 2019 eine hochkarätige Runde in New York zusammentraf.79 Avril Haines war dabei, die ehemalige nationale Sicherheitsberaterin von US-Präsident Barack Obama; Martin Knuchel, der Leiter der Krisenabteilung der Lufthansa; Latoya Abbott, die Risikochefin der US-Hotelgruppe Marriott International, der größten Hotelkette der Welt; Brad Connett, Vorstandschef der Henry Schein Group, eines internationalen Medizinprodukte-Herstellers; dazu eine Vertreterin der Gates-Stiftung; und ein hochrangiger Gast aus China: George F. Gao, Direktor des China Centre for Disease Control and Prevention.

Die 15 waren zu einem speziellen Meeting zusammengekommen: Sie wollten eine Pandemie durchspielen. Der fiktive Erreger aus dem Video, der die Teilnehmer des »Event 201« die nächsten Stunden beschäftigen sollte, war dem seit 2002 bekannten SARS-Coronavirus nachempfunden. Es war von einer Fledermaus auf ein Schwein und schließlich auf einen Menschen übergesprungen und sollte infektiöser sein als SARS, mit einerseits milden, für viele Menschen aber doch lebensbedrohlichen und tödlichen Symptomen. Irgendwo in Brasilien wurde der Anfang der Seuche angenommen. Zuerst fast unbemerkt, breitete sie sich dann in größeren Ortschaften aus, in den südamerikanischen Megacitys und schließlich rund um den Erdball. Es gab keine Impfung, antivirale Medikamente wirkten nicht in jedem Fall, das Virus hatte also leichtes Spiel. Mit einer wöchentlichen Verdopplung der Infektionszahlen schnellte die Kurve des Schreckens exponentiell in die Höhe. Das Szenario endete nach 18 Monaten, nachdem der Keim 65 Millionen Menschen getötet hatte und die Wirtschaft am Boden lag.

Dreieinhalb Stunden lang diskutierten die 15 Vertreter internationaler und nationaler Institutionen und Unternehmen auf Einladung der Johns Hopkins University, der Bill & Melinda Gates Foundation und des Weltwirtschaftsforums, was im Fall eines solchen Falls zu tun sei. Es ging um medizinische Maßnahmen, Reisebeschränkungen, die gerechte Verteilung von Medikamenten und Schutzmasken, um das Eindämmen von Falschinformationen und das Auffangen der desaströsen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, die bis zu zehn Jahre anhalten würden.80 Am Ende war klar: Regierungen, Behörden und Unternehmen müssen enger als bisher üblich zusammenarbeiten, anders würde es nicht gehen. Und: Mit der Vorbereitung könne nicht früh genug begonnen werden, immerhin zählt die WHO 200 Epidemien pro Jahr, fast jede kann sich zu einer Pandemie auswachsen.81

Das Medienecho war gering, bloß ein paar Zeitungen berichteten über die Veranstaltung, die meisten mit dem Tenor, dass die Welt wohl nicht auf eine Pandemie vorbereitet sei. Und auch sonst fand der Katastrophen-Plot nicht viel Widerhall.

Ebenso wenig wie die Szenarien, die die Weltgesundheitsorganisation WHO mit der fiktiven Infektionskrankheit »Disease X« durchgespielt hat. Ebenfalls im Oktober 2019 wurden von der WHO die Handlungsweisen bei einer Virus-Pandemie evaluiert und alle nichttherapeutischen »Gesundheitsmaßnahmen zur Reduktion des Risikos einer Influenza-Epidemie oder -Pandemie« auf ihre wissenschaftliche Stichhaltigkeit hin untersucht.82 Die Experten analysierten vier Gruppen von Maßnahmen:

a.Personenbezogene Schutzmaßnahmen wie Handhygiene, spezielles Nies- und Hustenverhalten und den Einsatz von

b.Schutzmasken. Umgebungsbezogene Maßnahmen wie Oberflächenreinigung, den Einsatz von UV-Licht oder Belüftungstechniken.

c.Contact Tracing, Isolation von Kranken und Quarantäne von Risikogruppen sowie Social-Distancing-Maßnahmen wie Schul- und Arbeitsplatzschließungen und die Meidung großer Menschenmassen.

d.Reisebezogene Maßnahmen wie Reisewarnungen, Screenings von Flugreisenden, Inlandsreiseverbote und Grenzschließungen.

Das Resümee ist eindeutig: Lediglich für die Wirksamkeit von Handhygiene und Schutzmasken gäbe es ausreichende Evidenz, stellten die Experten der WHO fest. Auch die Isolation von Erkrankten und ihren Kontaktpersonen seien effektiv. Für die Wirksamkeit von Ausgangssperren, Schließungen von Arbeitsplätzen, Grenzschließungen und Reisebeschränkungen dagegen gebe es keine gesicherte Evidenz, so die WHO-Fachleute. Die europäische Seuchenbehörde ECDC hat schon 2009 eine ähnliche Studie veröffentlich, mit den gleichen Resultaten.83

Warum hat dann mit März 2020 ein Großteil der Regierungen Europas genau diejenigen Maßnahmen ergriffen, deren Effektivität von den internationalen Gesundheitsexperten als unbewiesen angesehen werden? Warum wurden die bürgerlichen Freiheiten radikal eingeschränkt, Ausgangssperren verhängt, das Recht auf Bildung, auf Ausübung eines Gewerbes für ungültig erklärt, Religionsausübung verboten und sogar Kontakte mit nahen Verwandten unter Strafe gestellt, dazu noch drastische Reisebeschränkungen verhängt?

Der Anfang: Zwischen Ignoranz und Panik

Zunächst, sind sich die meisten Infektiologen, Epidemiologen und Virologen einig, hätten es die Gesundheitsbehörden durchaus in der Hand gehabt, die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen. Die Informationen aus China lagen inklusive Gencode des neuen Virus ab Mitte Januar 2020 vor, die europäische Seuchenbehörde ECDC warnte alle Regierungen, ausreichende Vorkehrungen zu treffen. Alle antworteten: Wir sind gut vorbereitet. »Es gab einen Pandemieplan, aber der war nur auf Influenza abgestimmt«, sagt Christoph Wenisch, Infektiologe an der Wiener Klinik Favoriten. »Es gab da wohl mahnende Stimmen, die aber im akademischen oder wissenschaftlichen Kontext verhallt sind. Und deshalb hat uns diese Pandemie, wenn man so möchte, kalt erwischt.«84

Noch gab es Infizierte fast nur in China. Einreisekontrollen wären eine wirksame Präventionsmaßnahme gewesen, um rechtzeitig den Import der Infektion zu verhindern. Im zweiten Schritt wäre die rasche Testung aller Menschen mit den bekannten Symptomen und im Fall eines positiven Befundes die Quarantäne aller Kontaktpersonen angezeigt gewesen, zieht Alexander Kekulé, Epidemiologe und Virologe an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, Bilanz.85 Einige Handvoll Infektionen ließen sich so gut in Grenzen halten, und auch die Tests waren bereits ab Ende Januar in Europa verfügbar.

Anfangs ist das auch geschehen. Am 28. Januar werden Mitarbeiter eines Auto-Zulieferers in Bayern positiv getestet, nachdem eine aus China angereiste Expertin ihnen in Workshops in Vierergruppen neues Know-how vermittelt hat. Die Kontaktpersonen der ersten Covid-Fälle in Deutschland waren rasch identifiziert, die Symptome relativ harmlos. Eine dieser Betroffenen besucht zwei Tage später eine Berghütte im Tiroler Kühtai und hat dort niemanden angesteckt, obwohl sie zwei Nächte mit 24 anderen Menschen auf engstem Raum verbrachte.86

Die Experten beginnen sich über Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten auszutauschen, aber mit Augenmaß: »Die Gesamtabschirmung von Wuhan ist in Europa weder umsetzbar, noch dürfte sie wirklich sinnvoll sein«, sagt Niki Popper, dessen Wiener Institut in der Folge die Modellberechnungen für den Lockdown in Österreich erstellen sollte, noch am 26. Januar.87

Auch Ende Februar scheint die Epidemie unter Kontrolle zu sein. Aber als erstmals zahlreiche Fälle in Norditalien registriert werden, werden auch die Warnungen lauter. Das Immunsystem der Menschen kennt das Virus nicht, es gibt keine Abwehr dagegen, auch speziell wirksame Medikamente oder Impfungen sind nicht vorhanden. »Es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit«, lässt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité am 28. Februar über die dpa verlauten. Entscheidend sei das Tempo der Ausbreitung. »Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger«, sagt er weiter. Problematisch werde das Infektionsgeschehen vor allem, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftrete. »Darum sind die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verlangsamen.« Die benötigte Zahl der Therapiebetten auf den Intensivstationen könne man schwer vorhersagen, aber, »wenn wir jetzt nichts tun, dann werden die vielleicht nicht ausreichen«.88 Angela Merkel übernimmt Drostens Prognose, dass zwei Drittel der Deutschen infiziert würden, samt den Folgen für die Kliniken. Ein Ruck geht durch die Politik.

In den letzten Februartagen gibt es erste größere Cluster in Italien, es werden in fast allen Ländern größere Veranstaltungen im Freien und die meisten Veranstaltungen in Innenräumen untersagt und die Menschen aufgerufen, Hygieneregeln und Abstand einzuhalten.

Am Aschermittwoch, es ist der 26. Februar, berichtet die WHO von weltweit 81.109 bestätigten Fällen von Covid-19, davon erst 2918 außerhalb von China, wo die Zahlen bereits zurückgehen und mehr als 30.000 Betroffene schon wieder gesund sind. In Europa ist Italien mit 322 Fällen am stärksten betroffen, 18 gibt es in Deutschland, 13 in Großbritannien, zwölf in Frankreich und zwei in Österreich.89

TV und Printmedien haben längst ein neues Hauptthema, im Stil von Kriegsberichten wird von nun an täglich und über Monate von neuen Superlativen an Opferzahlen, neuen Ansteckungswellen und Krisen in Spitälern oder anderen Strukturen berichtet. Und die sozialen Medien kochen über vor aufgeregten Horrorprognosen und Ausgrenzung von »Panikmachern« respektive »Verharmlosern«. Virologen wie Christian Drosten werden zu Popstars der »Vernunftpanik«, wie Sascha Lobo die Stimmung beschreibt, und treiben mit millionenfach gesehenen Podcasts die Politikerinnen und Politiker vor sich her.

»Wir wurden damals beauftragt zu berechnen, wie viele Klinikbetten in Wien im Worst Case gebraucht werden«, erinnert sich Niki Popper, »da mussten wir natürlich die Annahme von Professor Drosten als Grundlage nehmen.«90 Die gängige Annahme: Verdoppelung der Zahl der Infizierten innerhalb von drei Tagen, 20 Prozent der Infizierten müssen ins Krankenhaus, 5 Prozent in die Intensivstation, und 3 Prozent sterben.91 Dann braucht es in Wien 6500 Klinikbetten nur für Covid-19-Patienten, fast die Hälfte der 14.000 vorhandenen Spitalsbetten. Die Betten wurden frei gemacht, Operationen verschoben, zusätzlich 800 Betten in einer Halle des Messegeländes aufgestellt. Um Katastrophen wie in Italien zu verhindern, wo sich das Virus über Wochen unbemerkt in den Intensivstationen verbreitet hat, werden in Wien sicherheitshalber ca. 1000 Patienten, die mit Lungenentzündung oder ähnlichen Atemwegsinfektionen im Krankenhaus liegen, getestet – prompt wird einer von ihnen, ein älterer Rechtsanwalt, als erster Covid-Patient ohne Auslandsbezug identifiziert. »Damals waren aber in Ischgl sicher schon viele infiziert«, weiß AGES-Experte Franz Allerberger.92 »Leider wurde ein derartiges proaktives Vorgehen nur von den Wiener Behörden gewählt.«

Die Behörden in Ischgl reagierten, wenn überhaupt, mit Ignoranz. Und dann werden viele Tausend, die Kontakt zu Infizierten hatten, aus den Tiroler Skigebieten statt in Quarantäne einfach quer durch Europa nach Hause geschickt. »Im Februar haben wir das Fenster verpasst, das Virus einzudämmen, mit intensivem Testen und der Quarantäne für alle Kontaktpersonen, wie es die Südkoreaner und Taiwanesen getan haben«, resümiert Medizinstatistiker John Ioannidis von der Stanford University.93 Im Gegensatz zu China, Taiwan oder Südkorea, wo seit der SARS-1-Epidemie 2002 das Personal der Gesundheitsbehörden spezielle Schulungen im raschen Finden von Kontaktpersonen von Infizierten absolviert hat, sind die Behörden nicht vorbereitet und reagieren anfangs träge.

Bei mehr als etwa 200, 300 neuen Infektionen pro Tag in einer Region ist eine rasche Eingrenzung ohne gut geschultes Personal kaum möglich. Dann geht es nur noch um Schadensbegrenzung in der Infrastruktur und im Gesundheitswesen. Immerhin werden in Deutschand und Österreich Menschen, die den Verdacht haben, infiziert zu sein, dringend gebeten, daheimzubleiben und telefonisch Rat zu suchen, statt in die Spitalsambulanz zu gehen. Das verhindert Infektionswellen innerhalb des Medizinbetriebs.

Anfang März schnellt in den Tiroler Skigebieten, in Skandinavien und in Deutschland die Zahl der positiven Testergebnisse sprunghaft in die Höhe – zunächst hauptsächlich unter Urlaubs-Heimkehrern aus dem »Ibiza der Alpen«, dann in Deutschland auch in der Folge einiger Karnevalsumzüge. Gleichzeitig gibt es die ersten drastischen Berichte aus Norditalien, wo die Infektionswelle erst erkannt wird, als sie bereits Patienten in den Intensivstationen und das Klinikpersonal erreicht hat.

»Ganz Deutschland stillzulegen, das ist ein sehr gewagter Versuch«, sagt Virologe Kekulé Mitte März. Aber dieses Experiment startet gleichzeitig in den meisten Staaten Europas. Nachdem Israels Premier Netanjahu am 9. März das Land komplett abriegelt und radikale Ausgangssperren ankündigt, verkündet Österreichs Kanzler Sebastian Kurz am 13. März den absoluten Lockdown für den 16. März. An diesem Tag verhängen auch Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Norwegen, Dänemark, Finnland, die Niederlande und die Schweiz das Ende der bürgerlichen Freiheiten in einem nie dagewesenen Ausmaß. Deutschland und Großbritannien folgen eine Woche später.

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