Kitabı oxu: «Das lange Leben leben - aber wie?»

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Die Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. phil. Hans-Werner Wahl ist Psychologe und Gerontologe, Universität Heidelberg.

Prof. Dr. med. Hans Förstl ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie/Geriatrie, Technische Universität München.

Prof. Dr. phil. Ines Himmelsbach ist Bildungswissenschaftlerin und Gerontologin, Katholische Hochschule Freiburg.

Prof. Dr. rer. soc. Elisabeth Wacker ist Soziologin und Theologin, Technische Universität München & Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, München.

Hans-Werner Wahl Hans Förstl Ines Himmelsbach Elisabeth Wacker

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038757-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038758-4

epub: ISBN 978-3-17-038759-1

Inhalt

1  Einleitung – Altern ist alt und neu zugleich

2 

3  1 Von Alternsfakten

4 

5  1.1 Immer länger leben als Segen und Fluch

6  1.2 Lebenserwartung im internationalen Vergleich

7  2 Von Alternsfiktionen

8 

9  2.1 Fiktion »Altwerden muss man nicht lernen – das kann man«

10  2.2 Fiktion »Langes Leben ist gutes Leben«

11  2.3 Fiktion »Wir haben die alternde Gesellschaft akzeptiert«

12  2.4 Fiktion »Wir haben Pflegebedürftigkeit im Alter im Griff«

13  3 Von der Wissenschaft des Alterns

14 

15  3.1 Altern als Forschungsthema

16  3.2 Biogerontologische Blicke auf Altern – Caenorhabditis, Süßwasserpolypen, Alternsverlangsamung und mehr

17  3.3 Geriatrische Blicke auf Altern – Bewegung, Stürze, Frailty und mehr

18  3.4 Psychologische Blicke auf Altern – geistige Leistung, Wohlbefinden und mehr

19  3.5 Sozialwissenschaftliche Blicke auf Altern Diversität, Armut und mehr

20  3.6 Geropsychiatrische Blicke auf Altern Depression, Demenz und mehr

21  4 Von Wagnissen des heutigen Alterns

22 

23  4.1 Wagnis 1 – Negativen Altersstereotypisierungen individuell und gesellschaftlich widerstehen

24  4.2 Wagnis 2 – Offen und kritisch sein zum Altern mit Robotern, Assistenzsystemen und Alexa & Co.

25  4.3 Wagnis 3 – Gut altern mit Offenheit und ohne Leistungsstress

26  Literatur

27 

Einleitung – Altern ist alt und neu zugleich

Altern ist alt und neu zugleich. Altern ist alt, weil Menschen nach dem heutigen Stand geschichtlicher Homo sapiens Forschung nicht nur seit mehr als 300.000 Jahren existieren und wie alle anderen Lebewesen von Anfang an einem Alterungsprozess unterliegen, an dessen Ende bis heute (fast) ausnahmslos der Tod steht (Callaway, 2017). Altern ist gleichzeitig neu, weil das heutige Altern phänotypisch gesehen wohl ein deutlich anderes Altern darstellt, als jemals zuvor und zwar nach Quantität und Qualität.

Die älteren Menschen selbst sind eine besonders heterogene Gruppe geworden. Einige markante Beispiele: Arme Ältere sind derzeit die am stärksten wachsende Gruppe bei Tafelangeboten in Deutschland. Dabei sind Ältere heute gleichzeitig ganz überwiegend materiell ziemlich gut gestellt, und sie nutzen Urlaubsangebote wie keine Generation vor ihnen. Ältere sind heute ebenso eine deutlich wachsende Gruppe in deutschen Gefängnissen; es befinden sich mehr als 200.000 über 55-Jährige in Haft. Ältere sind in großem Maßstab pflegebedürftig, stellen aber auch neue Rekorde auf: Der Weltrekord im 100m-Lauf für 60-jährige Männer liegt derzeit bei 11,7 Sek.; der Weltrekord im 100m-Lauf bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahre 1896 lag bei 12,0 Sek.!

Aber wo ist eigentlich das »Alter« in unserer Gesellschaft jenseits solch medial gern inszenierter Hoch- und Höchstleistungen? Viele »ältere« Menschen sagen, dass sie sich überhaupt nicht »alt« fühlen. Wann beschreiben wir uns selbst heute als »älter« oder »alt«? Dies hängt in starkem Maße vom Kontext ab: Im Berufsleben sind wir spätestens ab 50 Jahren sogenannte »ältere« Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sind wir mit 65 bis vielleicht 75–80 Jahren in der nachberuflichen Phase – diese Lebensphase wird heute in der Alternsforschung (Gerontologie) als das Dritte Alter bezeichnet (Laslett, 1995) – wechseln wir häufig die Perspektive: »Alt« sind nun die »anderen Alten«, vor allem die Hochaltrigen, also Menschen im sog. Vierten Alter etwa jenseits von 80 Jahren. Wir fühlen uns im Dritten Alter zwar »älter«, aber bitte nicht »alt«. Erreichen wir das Vierte Alter zögern viele nicht mehr, sich als »alt« zu bezeichnen. Allerdings fühlen sich Menschen selbst im Vierten Alter immer noch deutlich jünger als sie chronologisch sind. Alt sind jetzt »Die im Pflegeheim« oder »Die nicht mehr raus können« oder »Die mit Alzheimer«. Es sieht fast so aus, dass wir heute so alt werden wie nie, aber gleichzeitig so jung wie möglich sterben möchten. Das könnte ein grundsätzlicher Widerspruch des heutigen Älterwerdens, vielleicht sogar der conditio humana der Moderne generell, sein.

Gleichzeitig gibt es eine andere Sicht der Dinge: Das Vierte Alter nimmt quantitativ durch die permanent steigende Lebenserwartung immer mehr zu, die Hochaltrigen sind die am stärksten wachsende Gruppe unserer Bevölkerung. Wir sind demnach auf dem Weg in eine Gesellschaft der »hochaltrig-Gebrechlichen« (im angloamerikanischen Raum ist häufig von »Frailty« die Rede). Durch den weiteren Anstieg der Lebenserwartung haben viele eine letzte Lebensphase vor sich, in der möglicherweise die Würde des menschlichen Lebens gefährdet ist. Man kann sich sehr konkret die Gruppe der ca. 15 Prozent sehr alten Frauen mit sehr geringem Einkommen vor Augen führen, deren Würde schon materiell in Frage steht (Götz, 2019). In Städten wie München, auch wenn dies Extreme sein mögen, könnten es 2035 etwa ein Drittel der über 65-Jährigen sein, der Großteil Frauen.

Die erste Grundthese unseres Buches lautet: Älterwerden zeigt sich heute in vielen Facetten, aber auch in Ambivalenzen, ist wahrscheinlich die vielschichtigste Lebensphase überhaupt. Das wollen wir zeigen. Und dabei auf keinen Fall in Pessimismus verfallen. Es lassen sich, so werden wir argumentieren, durchaus Wege aufzeigen, die Verluste, aber auch die Gewinne des späten Lebens als EINE in sich geschlossene Form in den Fokus zu rücken, und diese nicht durch eine in Drittes und Viertes Alter teilbare Lebensgestalt in ihrer Kontinuität in Frage zu stellen. Eine Lebensgestalt zumal, die in ihrer Anforderung, Würde, Möglichkeit und Begrenzung sich grundsätzlich nicht anders darstellt als andere Lebensphasen.

Die zweite Grundthese dieses Buches schließt sich unmittelbar an: Wir argumentieren, dass die wissenschaftliche Evidenz der aktuellen Alternsforschung hilfreich ist, um den Anforderungen und Widersprüchlichkeiten des heutigen Älterwerdens proaktiv zu begegnen: Zum einen kann der Erwerb von gesichertem und aktuellem Wissen in Bezug auf Alternsprozesse dazu beitragen, die Kontrolle über das eigene Älterwerden zumindest bis zu einem gewissen Grad zu bewahren. Wir verfügen heute über eine Stärke an wissenschaftlicher Evidenz, die uns mehr als jemals zuvor helfen kann, den Prozess des Alterns besser zu verstehen und evidenzgetrieben positiv zu beeinflussen.

Das hat nichts mit »Anti-Aging« zu tun. Es geht uns schlicht um eine allgemeinverständliche Darstellung von neuen Forschungsbefunden und kritischen Blicken auf diese. Nicht alles, was wir an alternswissenschaftlichem Glanz haben, ist Gold, und in Zeiten von »Fake Science« führt die Alternsforschung durchaus kein behütetes Inseldasein jenseits jeder Hinterfragbarkeit. Dennoch: Wir haben dieses Buch geschrieben, weil Alternsforschung aus unserer Sicht insgesamt heute gut aufgestellt ist, aber auch mit anderen Perspektiven vernetzt und kritisch begleitet werden muss. Was wir nicht wollen: vollständig sein oder eine Einführung in die Alternsforschung bieten. Wir konzentrieren uns dabei auf Themenfelder der Alternsforschung, die wir sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich und versorgungsbezogen als zentral erachten.

Das wollen wir in diesem Buch in allgemeinverständlicher Weise versuchen. Dabei haben wir die Zusammensetzung unseres Teams mit Bedacht gewählt: Hans-Werner Wahl ist als Alternspsychologe zwar stolz auf die heute erzielten Befunde der Psychologie des späten Lebens und der Lebensspannenpsychologie, die vor allem das individuelle Altern in den Blick nimmt. Altern ist aber stets gesellschaftlich gerahmt und in Zeiten von »Diversity« wohl sogar als eine der stärksten Audrucksformen von gesellschaftlicher Vielfalt und Heterogenität zu sehen. Da hilft es sehr, eine Diversitätsforscherin, Elisabeth Wacker, als Mitautorin zu haben. Auch laufen Betrachtungen des Älterwerdens immer Gefahr, sich entweder auf die Seite von »gesunden« oder »kranken« Alternsprozessen zu schlagen, oft ohne irgendeine Brücke dazwischen zu bauen. Da ist es von großem Vorteil, Hans Förstl als Arzt im Autorenteam zu haben, der sich mit den Untiefen psychischer und körperlicher Belastungen spät im Leben seit Jahrzehnten in seiner täglichen Arbeit konfrontiert sieht. Und das alles vor dem Hintergrund einer neuen Generation von älteren Menschen, die nicht zuletzt und trotz aller Diversität eines gemeinsam haben: eine höhere Bildung und das Bedürfnis, diese im Alter zu erhalten und auszubauen. Die historisch gesehen auf das frühe Lebensalter und privilegierte Gruppen beschränkte Schulbildung hat sich heute auf breite Schichten und das ganze Leben ausgedehnt. Die Schulbank ist gerade spät im Leben noch nie so intensiv von Älteren gedrückt worden. Da ist es sehr hilfreich, wenn eine Bildungswissenschaftlerin mit gerontologischem Schwerpunkt, Ines Himmelsbach, ihre Fachkenntnisse einbringt. Zudem hat glücklicherweise kein Geringerer als der römische Konsul und Dichter Cicero unsere Einladung angenommen, jedes Kapitel mit einem Zitat aus seinem Büchlein »Cato der Ältere über das Greisenalter«, veröffentlicht im Jahre 44 v. Chr., einzuleiten.1 Wir bieten zudem Anregungen zum Umgang mit zentralen Fragen des heutigen Älterwerdens an.

So lädt die dritte Grundthese dieses Buches ein, gut informiert, gerne auch durch dieses Buch angeregt, über das eigene Älterwerden nachzudenken, über die großen Chancen, die sich somit ausschöpfen lassen sowie über die anspruchsvollen Anforderungen, denen man zugleich beherzt gegenübertreten kann.

Dabei geht es uns vor allem darum, Differenzierungen in die oftmals einseitig geführten Diskussionen zum Älterwerden in unserer Gesellschaft zu bringen. Bisweilen findet man nämlich meist einen Belastungsdiskurs. Danach kommt Altern die Gesellschaft teuer zu stehen, ja Altern wird sie mittel- und langfristig überfordern, wenn wir uns nicht zu signifikanten Einschnitten durchringen können. Oft gebrauchte Begrifflichkeiten in diesem Zusammenhang sind »Überalterte Gesellschaft«, »Demografiefalle«, »Rentnerschwemme« oder »Rentner-Tsunami«. Bisweilen finden wir, genauso einseitig, einen »Alles ist easy«-Diskurs zum Älterwerden. Hier sind die Begrifflichkeiten dann z. B. »Anti-Aging«, »Silver-Ager«, »Best-Ager« oder »Power-Oldies«. Beides taugt aus unserer Sicht nicht dazu, eine ausgewogene und mehrperspektivische Sicht des heutigen Alterns zu gewinnen.

Vor diesem Hintergrund lauten zentrale Fragen dieses Buches: Kann es gelingen, die vielen Stärken des Alterns auszukosten und gleichzeitig die Probleme des Alters, vor allem des hohen Alters, als unvermeidbaren Teil des »lange-Leben-Lebens« zu akzeptieren? Kann es gelingen, die Gewinne und Verluste des Älterwerdens, beide sind heute ausgeprägt, im Sinne einer überzeugenden Sinnhaftigkeit zu versöhnen? Es ist unsere Hoffnung, dass unser Buch hilft, Ihre ganz persönlichen Antworten auf diese Fragen zu finden.

1 Cicero (44 v. Chr.). Cato Maior de Senectute. Reclam Ausgabe 1965. Über das fehlende Genderbewusstsein bei Cicero sehen wir hinweg. Was er primär in Bezug auf ältere Männer schrieb, kann man heute getrost auch auf ältere Frauen verallgemeinern. Bezeichnungen wie »Greis« sind der historischen Zeit geschuldet. Wer Cicero folgen will, findet die Seitenzahl, nicht aber jedesmal das Erscheinungsdatum.

1
Von Alternsfakten
1.1 Immer länger leben als Segen und Fluch

»›Wer lange lebt, sieht vieles, was er nicht begehrt.‹ Und vieles vielleicht, was er begehrt.«

(Cicero, S. 15, Cäcilius zitierend)

Schönes langes Leben!

Die neuen Bundesländer sind dabei

Viel Hoffnung, aber auch Trauerflor

Immer länger leben – Die »graue Revolution« findet demografisch längst statt

Wir werden heute so alt wie nie zuvor, vor allem wenn wir das Glück haben, in weit entwickelten Industrieländern zu wohnen. Aber auch in ärmeren Ländern wächst der Anteil älterer Menschen fast überall (Salomon et al., 2012). Im Senegal z. B. betrug die Lebenserwartung bei Geburt 1990 bei Männern 56,8 Jahre, bei Frauen 60,9 Jahre. Im Jahr 2010 waren es dann schon 63,5 (M) bzw. 67,1 (F) Jahre. In Ägypten betrug die Lebenserwartung 1990 62,4 (M) bzw. 67,0 (F) Jahre; im Jahr 2010 waren es 68,0 (M) bzw. 73,4 (F) Jahre. In Deutschland lag die Lebenserwartung in 1990 bei 71,9 (M) bzw. 78,4 (F) Jahre. Im Jahr 2010 waren es 77,5 (M) bzw. 82,8 (F) Jahre. In 2020 dürfte sie bei 79,1 (M) bzw. 84,1 (F) liegen. Das ist nach einer geschätzten mittleren Lebenserwartung bei Geburt in der Bronze- und Eisenzeit von ca. 18 Jahren, im Mittelalter von ca. 25 Jahren und in Deutschland Anfang des 20. Jahrhundert von ca. 46 Jahren eine unglaubliche Steigerung der Lebenserwartung des komplexen Systems Mensch. Eine mehr als Vervierfachung gegenüber der Zeit vor etwa 3000 Jahren, eine Verdreifachung gegenüber der Zeit vor 1000 Jahren und fast eine Verdopplung gegenüber der Zeit vor gut 100 Jahren! Ein großer Teil des mittleren Anstiegs der Lebenserwartung bei Geburt ist dem gewaltigen Rückgang der Kindersterblichkeit zu verdanken. Starben im Mittelalter etwa 30 von 100 aller Kinder vor dem 5. Lebensjahr, so sind es heute nur noch etwa 5 von 1000 Kindern. Es sei betont, dass dies durchschnittliche Werte sind. Es gab schon immer auch Menschen mit sehr vielen Lebensjahren, und hatte man erst einmal 60 Jahre erreicht, so war die Wahrscheinlichkeit, die 70 Jahre zu »nehmen«, durchaus nicht gering. Aber dies waren eben Ausnahmeerscheinungen, die heute zur Regel geworden sind. Das ist vor allem der Unterschied zu früheren Zeiten. Der bislang eindeutig verifiziert älteste Mensch, die Südfranzösin Jeanne Calment, ist übrigens 122 Jahre und 164 Tage (122,4 Jahre) alt geworden und starb im Jahr 1997.

Zoomen wir noch etwas tiefer in die demografischen Entwicklungen in Deutschland und nehmen einmal exemplarisch die Zeit zwischen 1958 und 2015 ( Abb. 1.1). Bis Ende der 1980er Jahre hatte sich hinsichtlich der verbliebenen Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren ein deutlicher West-Ost-Unterschied zugunsten der westdeutschen Männer und Frauen herausgebildet, der bei den Frauen noch stärker ausgeprägt war als bei den Männern. Nach der deutschen Vereinigung stieg allerdings die fernere Lebenserwartung 65-jähriger ostdeutscher Frauen besonders stark und schnell an, so dass heute bei den Frauen keine West-Ost-Unterschiede mehr zu beobachten sind. Bei den ostdeutschen Männern verlief der Anstieg der Lebenserwartung im Alter 65 etwas langsamer; hier haben sich seit dem Jahr 2000 die Unterschiede zuungunsten der ostdeutschen Männer nur wenig verändert, sind also auch heute noch in abgemilderter Form vorhanden. Auch bei den ostdeutschen Frauen könnte eventuell die sehr positive Entwicklung in der Lebenserwartung wieder gedämpft werden, denn nach der Wende stieg z. B. bei jüngeren Frauen das Rauchen gegenüber der vormaligen Zeit in der DDR deutlich an (Vogt et al., 2017).

Eine weitere Abbildung enthält die bei der Fertigstellung dieses Buches aktuellste Vorausberechnung zum Anteil der 67-Jährigen und Älteren des Statistischen Bundesamts ( Abb. 1.2).

Zunächst beachte man, dass das Statistische Bundesamt nun das Alter 67 Jahre, im Einklang mit der aktuellen Rentengesetzgebung, als neuen Startpunkt für »ältere Menschen« nimmt. Auch zeigt sich, dass es in unterschiedlichen Rechenvarianten zu einem Anstieg der Älteren bis etwa 2040 kommen wird. Im Jahr 2040 wird von 21,4 Millionen Älteren ausgegangen. Derzeit sind es rund 18 Millionen. Es wird also in den kommenden 20 Jahren zu einem weiteren Anstieg der Älteren um ca. 16 Prozent kommen.

Warum wir älter werden

Zentrale Gründe für den sehr starken Anstieg der Lebenserwartung sind: (1) signifikanter Rückgang der Kindersterblichkeit, (2) signifikanter Rückgang der Sterblichkeit gebärfähiger Mütter im Kindbett, (3) Fortschritte in der Behandlung der großen Lebensbedrohungen durch Krankheiten, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen


Abb. 1.1: Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren in West- und Ostdeutschland nach Geschlecht auf der Grundlage von Sterbetafeln 1958 bis 2015 (Quelle: BIB – Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, leicht modifiziert).

und Krebserkrankungen sowie (4) bessere Schulbildung mit (5) Verbesserungen von Hygiene, Ernährung und Gesundheitsbewusstsein. (6) Auf die mittlere Lebenserwartung vor allem der Männer wirkt sich sicherlich auch aus, dass es in Mittel- und Westeuropa seit mehr als 75 Jahren keinen großen Krieg mehr gegeben hat. Älterwerden und Langlebigkeit sind also ein multifaktorielles Geschehen, das nicht auf eine Ursache reduziert werden kann.


Abb. 1.2: Anteil der Menschen in Deutschland über 67 Jahre in Millionen – 3 Varianten der Abschätzung für die Zeit bis 2060 (Quelle: Statistisches Bundesamt, leicht modifiziert)

1.2 Lebenserwartung im internationalen Vergleich

»Sodann, inwiefern würde Ihnen das Greisenalter weniger beschwerlich sein, wenn Sie im achthundertsten Jahre ständen, als im achtzigsten? Denn das vergangene Lebensalter, mochte es auch noch so lang sein, könnte, wenn es verflossen ist, durch keinen Trost das Greisenalter eines Toren sanfter machen.«

(Cicero, S. 5)

Hitparade des langen Lebens

Wer sind die Gewinner und warum?

Ungleichheit besteht weiter

Die Lebenserwartung ist, wie eben primär am Beispiel Deutschland verdeutlicht, in historisch ungewöhnlich kurzer Zeit angestiegen. Ihr Anstieg in den neueren Industrienationen wie Südkorea sowie in den Ländern des Globalen Südens scheint sich hingegen in immer kürzerer Zeit zu vollziehen. In Südkorea lag die mittlere Lebenserwartung um 1960 noch deutlich unter 60 Jahren, in 2016 lag sie, gemittelt über beide Geschlechter, mit über 82 Jahren höher als in Deutschland.

Wer steigt hoch in den Lebenserwartungs-Charts?

Bleiben wir noch bei Südkorea. Voraussichtlich wird dieses sich höchst dynamisch entwickelnde Land im Jahr 2030 Rang 1 auf der weltweiten Lebenserwartungsskala einnehmen, zumindest aber in einer Liga zusammen mit Ländern wie Island, Japan, Hongkong und der Schweiz spielen, während Deutschland bis 2030 etwas abgeschlagen im Mittelfeld der hinsichtlich steigender Lebenserwartung erfolgreicheren Länder liegen wird (Kontis et al., 2017).

Deutlich besser schneidet Deutschland bereits heute im europäischen Vergleich ab (Eurostat, 2021), wenn es um den Zugewinn an gesunden Lebensjahren geht: Dieser ist hierzulande zwischen 2010 und 2018 um mehrere Jahre gestiegen, während es in anderen Ländern gar zu einem Rückgang in der Zahl an hinzugewonnenen, gesunden Lebensjahren gekommen ist (z. B. in Griechenland, Serbien). Im Vergleich mit allen OECD-Ländern, wahrscheinlich dem angemessensten Maßstab, weil die ökonomischen Leistungen dieser Länder allesamt gut bis sehr gut sind, schneidet Deutschland in aktueller Betrachtung allerdings recht schlecht ab; es erreicht mit seiner Lebenserwartung bei Geburt nur einen mittleren Platz (OECD, 2019). Doch es ist noch dramatischer: In Westeuropa beträgt die Lebenserwartung für Neugeborene mittlerweile im Schnitt 79,5 Jahre (männlich) und 84,2 Jahre (weiblich). Deutschland liegt mit 78,2 und 83 Jahren deutlich darunter. Verglichen mit allen 22 westeuropäischen Nationen bilden die Deutschen bei der Lebenserwartung der Männer sogar das Schlusslicht. Von der derzeitigen Lebenserwartung etwa von Männern bei Geburt in Japan (87 J.) oder »nur« der Schweiz (82 J.) sind wir noch ziemlich weit entfernt.

Warum gibt es bedeutsame Länderunterschiede in der Lebenserwartung?

Die Gründe für die durchaus großen Unterschiede in der Lebenserwartung bzw. in den hinzugewonnenen gesunden Lebensjahren zwischen Ländern sind kompliziert und am wenigsten in biologischen Zusammenhängen zu suchen. Genetische Unterschiede erklären nach heutigem Kenntnisstand etwa 25 Prozent der verschiedenen Lebenslänge. Das ist für einen einzelnen Faktor durchaus viel. Neben einer möglicherweise regional etwas unterschiedlichen Verteilung genetischer Faktoren, spielen ökonomische, bildungs-, ernährungs- und wohn- sowie gesundheitsversorgungsbezogene Unterschiede zwischen den Ländern die weit größere Rolle. Der mittlere sozioökonomische Status in Deutschland ist im internationalen Vergleich recht hoch, kann also kaum die Lebenserwartung »drücken«. Gesundheitsrelevante Stresseffekte des Arbeitslebens scheinen hingegen in Deutschland weniger gut abgefedert als in anderen Ländern; Präventionsanstrengungen greifen hier zudem bei Menschen im mittleren Lebensalter und frühen Alter weniger gut als in anderen Ländern, wie etwa in Skandinavien. Schaut man auf Lebensstilfaktoren, so zeigt sich derzeit in Deutschland ein relativ starker Anstieg von Lungenkarzinomen bei älteren Frauen als Folge des wachsenden Tabakkonsums bei jungen Frauen ab den 1960er Jahren, vor allem in Westdeutschland. Auch dürften ein relativ höheres Übergewicht, ein relativ höherer Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, und eine in größeren Subpopulationen nicht optimale Ernährung zur eher unkomfortablen Position Deutschlands im Lebenserwartungswettstreit beitragen. So scheint z. B. die sog. Sekundärprävention nach Eintritt und Behandlung einer koronaren Herzerkrankung im Vergleich zu anderen Ländern nicht so gut zu funktionieren, d. h. die notwendige Umstellung des Lebensstils, um weitere Verschlechterungen bzw. Komplikationen zu vermeiden, scheint in Deutschland weniger »nachhaltig« zu wirken als in anderen Ländern. Hinsichtlich der medizinischen Versorgung gibt es konvergierende Hinweise, dass auch in Deutschland trotz hoher Versorgungsqualität noch deutliches Verbesserungspotenzial besteht.

Die historisch schnelle Zunahme der Lebenserwartung hat übrigens rein gar nichts mit Evolution zu tun, die sehr, sehr viel längere Zeiträume benötigen würde, um Auswirkungen auf den Phänotyp zustande zu bringen. Darwinistisch lässt sich argumentieren, dass die Evolution nur wenig Interesse an einer Verlängerung oder gar höheren Adaptivität der postreproduktiven Lebenszeit haben kann, weil diese nur bedingt zur Arterhaltung beiträgt. Es sind also eher die von den Menschen selbst geschaffenen, gewollten bzw. ungewollten, bislang nicht veränderten bzw. nicht veränderbaren kulturellen Bedingungen, welche unsere Lebensdauer unterschiedlich »alt« aussehen lassen.

Unterschiede der Lebenserwartung innerhalb von Ländern nicht vergessen

Gerne wird an dieser Stelle auf die USA verwiesen, in der die Unterschiede der Lebenserwartung zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der 50 Bundesstaaten bei Geburt leicht um sieben Jahre variieren können. So lag die Lebenserwartung 2018 in West Virginia bei 74,8 Jahren gegenüber 82,3 Jahren auf Hawaii. Auch im Hinblick auf die Lebenserwartung in Deutschland sind Differenzierungen nach dem sozioökonomischen Status notwendig. Von Armut betroffene Frauen haben in Deutschland eine etwa um acht Jahre kürzere Gesamtlebenserwartung verglichen mit Frauen, die keine Armutserfahrung machen; im Alter von 65 Jahren sind es immer noch gut sechs Jahre Differenz (Robert-Koch-Institut, 2010). Landkreise wie Starnberg und Breisgau-Hochschwarzwald liegen in Deutschland an der Spitze der Lebenserwartung mit etwa 81–82 Jahren für Männer und 84–85 Jahren bei Frauen. Nach Klie (2020) variiert die Lebenserwartung von pflegebedürftigen Menschen in Deutschland regional sehr stark, nämlich um neun Jahre. Das ist ziemlich gewaltig.

2
Von Alternsfiktionen
2.1 Fiktion »Altwerden muss man nicht lernen – das kann man«

»Aber denkt bei all dem immer daran, daß ich nur ein solches Alter lobe, für das die Jugend eine feste Grundlage geschaffen hat!«

(Cicero, S. 33-34)

Altern lernen wäre schön!

Altern ist noch jung

Ist gutes Altern eine Kunst?

Frühere Generationen haben sich durchaus frühzeitig auf das Älterwerden eingestimmt. Lassen wir uns zunächst inspirieren von einer sogenannten Lebenstreppenabbildung ( Abb. 2.1). Derartige Abbildungen waren etwa ab dem 16. Jahrhundert in Deutschland sehr verbreitet. Sie hingen in vielen guten Stuben und sollten zeigen, wie das Leben abläuft und was in welchem Lebensalter zu tun ist.


Abb. 2.1: Beispiel für die Darstellung der »Lebenstreppe« (Holzschnitt, Abraham Bach, Augsburg um 1660 (nach Jörg Breu d. J., 1540)

Bemerkenswert an diesen Lebenstreppendarstellungen ist aus heutiger Betrachtung, dass sie in der Regel bis zum Alter von 100 Jahren ausgelegt waren ( Abb. 2.1 rechts unten), also einem Alter, das damals nur sehr wenige erlangten (vermutlich wurden die traditionellen »Jahrsiebte« der Antike einfach in Jahrzehnte transponiert). Insofern sind Lebenstreppen in gewisser Weise hochaktuell bzw. haben das, was dann vor allem ab Beginn des 20. Jahrhunderts an höherer Lebenserwartung eintrat, bereits visionär vorweggenommen. Und die 100 lebt als »kulturelle« Realität in unseren Köpfen fort: Obwohl damals und auch heute noch kaum jemand 100 Jahre alt wird, gehen wir seit Jahrhunderten davon aus, dass ein »voll ausgelebtes Leben« zehn Dekaden umfasst. Dies bleibt nicht folgenlos für unsere Vorstellung vom Altern. So gilt ein Alter von 50 Jahren allgemein als »Mitte des Lebens«.

Gut alt werden – Alles easy?

Das glauben wir nicht. Die Alterung unserer Gesellschaft ist zwar spätestens seit den 1970er Jahren in unser Bewusstsein eingedrungen, aber das heißt noch längst nicht, dass sie Teil einer gesellschaftlichen Identität geworden ist. Das ist auch gar nicht verwunderlich, denn solche gesellschaftlichen Bewusstseinsprozesse benötigen Zeit. Es hat viele Jahrhunderte gedauert, bis die Kindheit als eine eigenständige Lebens- und Entwicklungsphase anerkannt wurde. So lange muss es für die Anerkennung der Lebensphase Alter nicht dauern, denn gesellschaftliche Transformationsprozesse verändern sich. Mit Sicherheit geht es jedoch um viele Jahrzehnte, nicht um ein paar Jahre.

Wie brüchig eine positive Sichtweise auf Altern noch ist, zeigte sich in der Berichterstattung zur pandemischen Lage des Coronavirus in Deutschland: Adressiert wurden Ältere – zumindest zu Beginn der Pandemie – als ausschließlich schutzbedürftig; (fast) jede Bezugnahme auf die überaus große Unterschiedlichkeit (Heterogenität) der Älteren heute blieb auf der Strecke (Ayalon et al., 2020).

Älterwerden ist eine noch unreife Frucht unserer Kultur

Wir wagen die These, dass Altern noch kein ausgereiftes Element unserer gesellschaftlichen Identität darstellt. Wo nehmen wir dann unser Handlungswissen her, um so zu altern, wie wir es wünschen? Wir können auf unsere Eltern und Großeltern schauen, aber deren Altern sah noch völlig anders aus. Wir können in die schöne Literatur schauen, etwa in Goethes »Maximen und Reflexionen«, wo wir lesen können: »Älterwerden heißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören, oder mit Willen und Bewußtsein das neue Rollenfach übernehmen.« Das ist schön, hat Tiefgang – aber geht es heute wirklich um ein neues Rollenfach beim Altern? Oder doch eher um eine möglichst weitgehende Bewahrung des »alten« Rollenfachs? Wir sollten auch Märchen nicht als kulturelle Bildgeber unterschätzen. Im Märchen »Der alte Großvater und der Enkel« der Gebrüder Grimm heißt es: »Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm.« Hexen sind häufig als »alt« dargestellt. Die Mutter von Rotkäppchen, ein weiteres Märchen der Gebrüder Grimm, sagt: »Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben.« Ließen wir uns von derartigen Überlieferungen für Gegenwart und Zukunft des Alterns leiten, nähmen wir womöglich ein völlig falsches Maß. Wir würden einfach darauf hoffen, dass uns das Älterwerden als Lebenswissen gleichsam automatisch zur Verfügung stünde. Doch auch Lebenswissen muss gelernt, vermittelt werden – wo und wie geschieht dies in unserer Gesellschaft?

Wir können sagen »Ach, lasst mich doch in Ruhe. Wenn es soweit ist, stelle ich mich darauf ein«. Doch Lebensvorbereitung ist an sich eine bewährte Tugend: Berufliche Lehre zielt z. B. darauf ab, einen sich anschließenden Beruf gut und erfolgreich auszuüben. Frühe Partnererfahrungen bereiten den Boden für spätere tragfähige Beziehungen. Wo aber hat in einer immer stärker alternden Gesellschaft die Bildung für das Altern ihren Ort? Aber: Möchten wir dies überhaupt institutionalisiert haben? Vielleicht sogar als Schulfach? Eventuell aber auch eher mit Formen des informellen Lernens jenseits formaler Institutionen? (Himmelsbach, 2018) Dabei geht es um sehr konkrete Dinge: Wann soll ich mich mit dem Wohnen spät im Leben auseinandersetzen? Was sollte wann aufs Gleis gesetzt sein, damit ich in der nachberuflichen Phase darauf zurückgreifen kann? In welcher Weise kann ich schwierige Fragen von Pflegebedürftigkeit und Demenz vorwegnehmen? Ist das überhaupt sinnvoll? Eigentliche Lernorte und systematische Lerngelegenheiten für den Umgang mit derartigen Fragen fehlen in unserer Gesellschaft noch weitgehend. Die »Kunst«, gut alt zu werden, ist heute ein Paradebeispiel für das, was die Lernpsychologie als inzidentelles Lernen bezeichnet: Zufälliges, wenig zielgesteuertes Lerngeschehen, dessen Lernergebnisse dann eben weitgehend unvorhersagbar sind. Mal funktioniert’s, mal nicht.

2.2 Fiktion »Langes Leben ist gutes Leben«

»Und jeder Lebensabschnitt hat seine Zeit zugemessen bekommen: die Schwäche der Kinder, die Wildheit der Jugend, der Ernst des Mannesalters und die Reife des Greisenalters haben etwas Naturgemäßes, das zu seiner Zeit ergriffen sein will.«

(Cicero, S. 19)

Je länger desto besser?

Leben kann zu lang sein

Leben kann zu kurz sein

Wir altern heute völlig anders als unsere Vorfahren auch in der Art und Weise, wie wir es gesellschaftlich bzw. individuell organisieren, gestalten und vorbereiten: Mit relativ längeren weitgehend gesunden Phasen selbst spät in der Lebensspanne, mit immer länger werdenden Perioden auch mit recht großer kognitiver Stabilität und mit einer grundlegend anderen Sichtweise auf Altern als einem Möglichkeits- und nicht als einem Unmöglichkeitsraum. Mit einem etwas paradoxen Unterton könnte man sagen: Wir haben uns im Alter noch nie so lange Zeit als »jung« erlebt wie heute (Wahl, 2017). Historisch gesehen haben wir noch nie so spät im Leben so viel Neues angepackt, ja »gewagt«, neue Wohnformen, neue Partnerformen, neue Familienformen, neue Freizeitformen, neue Mobilitätsformen. Müssen wir einen Preis für diese historisch völlig neuen Sonnenseiten des heutigen Alterns bezahlen?

Immer länger gesund und krank – Wie kommt das?

Wissenschaftliche Studien dazu, in welcher Weise wir die neu gewonnenen Jahre spät im Leben mit einer bedeutsamen statistischen Wahrscheinlichkeit individuell verbringen, zeigen uns zumindest einen gewichtigen Teil dieses Preises. Die Phase der sog. gesunden Lebenserwartung, gemeint ist die späte Lebensphase in weitgehend guter Gesundheit und mit wenig funktionalen Einschränkungen, wird im Mittel immer länger. Das ist schön und genau die wesentliche Grundlage dafür, dass wir oben sagen, wir hätten uns spät im Leben noch nie zuvor so lange jung gefühlt. Zugleich wird jedoch, wie Salomon et al. (2012) anhand von Daten aus 187 Ländern gezeigt haben, die späte Lebensphase mit Krankheit, Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit (Jahre in »schlechter« Gesundheit) immer länger.

In Deutschland betrug die gesunde Lebenserwartung bei Männern 1990 62,3 Jahre, im Jahre 2010 waren es 65,8 Jahre. Die gesamte Lebenserwartung ist demgegenüber, wie bereits oben beschrieben, von 71,9 (1990) auf 77,5 (2010) Jahre gestiegen. Einem Zuwachs in der gesamten Lebenserwartung von rund 6 Jahren standen also nur 3,5 Jahre an Zunahme in der aktiven Lebenserwartung gegenüber (Kontis et al., 2017). Ähnliches gilt aufgrund der insgesamt höheren Lebenserwartung auf etwas höherem Niveau auch für Frauen in Deutschland. Insgesamt stellt sich die Situation heute etwa so dar, dass die gesunde Lebenszeit mit weitgehend stabiler Gesundheit im Mittel etwa 15 bis 18 Jahre jenseits von 60 Jahren betragen dürfte; die sog. krankheitsbehaftete und durch viele körperliche Verluste gekennzeichnete Lebenserwartung, die sich anschließt, dauert noch einmal ca. 4 bis 5 Jahre. Parallele Entwicklungen oder gar ein gegenüber dem Anwachsen der gesamten Lebenserwartung beschleunigter Anstieg der gesunden Lebenserwartung wären natürlich wünschenswert, jedoch reicht dafür das Zurückdrängen der großen, zum Tod führenden Krankheiten (siehe oben) nicht aus, denn andere, derzeit nur begrenzt beeinflussbare chronische Erkrankungen wie Erkrankungen des Bewegungsapparats, Parkinson und Demenz attackieren weiterhin die Qualität der Lebenserwartung und lassen die »beeinträchtigte« Lebenszeit ansteigen.

Wir stehen also einer immer länger werdenden gesunden und aktiven Lebensperiode spät im Leben gegenüber, in der wir uns häufig noch gar nicht alt fühlen. Das ist an sich eine großartige Entwicklung hinsichtlich des heutigen Älterwerdens. Auch sieht es so aus, dass die weitere Zunahme dieser aktiven Periode in der Zukunft durch einen immer stärkeren Anstieg der hochaltrigen Menschen nicht gefährdet ist. Doch danach ist das Leben noch längst nicht vorbei. Es folgt ein keineswegs kurzes »Viertes Alter« mit vielen Widrigkeiten und gesundheitlich-funktionalen Einschränkungen. Bewusst überspitzt könnte man sagen: Wir müssen heute statistisch gesehen meist in der »schlechten« Phase des Vierten Alters sterben, nicht dann, wenn wir im Dritten Alter gewissermaßen noch mitten im Leben stehen.

Risiken eines langen und immer länger werdenden Lebens

Bislang hat es, außer Jeanne Calment, niemand sonst über die Marke 120 Jahre geschafft und Männer sind ohnehin weit abgeschlagen: Unter den 100 ältesten Menschen mit gut dokumentiertem Alter finden sich derzeit nur fünf Männer! Allerdings sind diese fünf Männer so etwas wie »Super-Survivors«, also vielleicht die untypischsten Vertreter der Subspezies »Mann«, die man sich vorstellen kann. Und wenn sich, wie bei Jeanne Calment, die Lebensdauer zu fast monströser Länge ausdehnt, kann der Preis des superlangen Lebens im umschriebenen und direkten Sinne hoch sein. So ist Jeanne Calments Ehemann in einem durchaus zeitbezogen »hohen« Alter von 74 Jahren im Jahr 1942 gestorben; sie selbst lebte danach noch länger ohne ihn, als sie mit ihm verheiratet war (46 Jahre verheiratet, danach 55 Jahre verwitwet). Über 100-Jährige haben ferner nicht selten bereits eines ihrer Kinder verloren. Jean Calments Tochter starb sogar schon im Jahr 1934 mit 36 Jahren an einer Lungenentzündung. Sie hat das eigene Kind demnach um sage und schreibe 63 Jahre überlebt. Im Jahr 1965 verkaufte sie im Alter von 90 Jahren ihre Wohnung einem Anwalt für eine Leibrente von 2500 Franc monatlich. Als dieser 1995 mit 77 Jahren starb, musste seine Witwe noch zwei Jahre weiterbezahlen. Insgesamt kam über die Jahre ein Betrag von ca. 1 Mio. Franc zusammen, weit mehr als der Marktpreis ihrer Wohnung im Jahr 1997.2

Wie sehen wir als Autorinnen und Autoren das Thema der Langlebigkeit? Durchaus verschieden!

Ines Himmelsbach

Aus den Ausführungen wird meines Erachtens deutlich, dass es ein Für und Wider abzuwägen gilt: Sollen wir ein hohes Alter um jeden Preis erwarten wollen? Hilft uns eine Gesundheitspolitik, die Langlebigkeit um jeden Preis befördern will und uns zu wenig über die Konsequenzen des Vierten Lebensalters informiert? Ist es in Anbetracht der heterogenen Folgen des Alternsprozesses schlimm, dass wir in der Lebenserwartung nur Mittelmaß sind?

Elisabeth Wacker

Da halte ich es mit Walter Gropius: »Bunt ist meine Lieblingsfarbe«. Oder in eigenen Worten: Die Neugierde ist groß, auf das Jetzt und das Morgen. Als Wissenschaftlerin weiß ich, dass es kein schwarz-weiß, also auch kein krank-gesund gibt, sondern wir in einem Prozess stehen, der Leben heißt. Hier findet sich die Kraft, viele gute Tage zu leben – jenseits der einzelnen Funktionalität sind Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden möglich. Je mehr Einfluss wir haben – also je mehr Kraft wir schöpfen können –, umso besser gelingt das. Gerne auch lange und nicht nur alleine. Also greife ich in die Literaturkiste: Placet experiri – so heißt es im Zauberberg nicht ohne Ironie. Es bleibt zu erkunden.

Hans Förstl

Das Leben hat schon gewisse Qualitäten, die man nicht einfach missen möchte. Schwer leiden mag man natürlich auch nicht. Aber so lange es einigermaßen geht, ist noch etwas länger noch etwas schöner. Man muss ja keinen Kult aus der Langlebigkeit machen, da man aber nicht genau weiß, was danach kommt, bleibe ich lieber auf der vertrauten Seite, also am Leben.

Hans-Werner Wahl

Den Hype um ein immer längeres Leben habe ich nie verstanden. Fragen wie »Können wir 160 Jahre alt werden?« fand ich immer pseudoprovozierend und letztlich wichtigtuerisch. Was wir heute an Lebenszeitrahmen erreicht haben, ist doch ganz ordentlich. Vor allem ist es gelungen, den Tod im statistischen Mittel weit in den letzten Abschnitt der heute lebbaren Zeit abzudrängen – wir sterben ganz primär im Alter und nicht durch Kindersterblichkeit, Pandemien oder unheilbare Krankheiten früh im Leben. So ist doch eine behutsame Planung mit dem, was wir heute an relativ sicherer Lebenszeit haben, eine anregende, wenngleich anspruchsvolle Aufgabe. Mir hilft es, diese Aufgabe immer wieder, häufig zusammen mit meiner Familie, ins Bewusstsein treten zu lassen. Nachdenken über den Tod ist ausdrücklich erlaubt.

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01 avqust 2025
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9783170387591
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