Kitabı oxu: «Liebe in Gefahr»

Şrift:

Ell Wendt

Liebe in Gefahr

Saga

Liebe in GefahrCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1939, 2020 Ell Wendt und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629255

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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1.

Sibylle wurde von einem Sonnenstrahl geweckt, der sich in ihre Augenlider stahl. Neben ihr atmete Alexander in tiefen, gleichmäßigen Zügen. Sein Gesicht war ihr zugewandt, eine kleine, steile Falte stand zwischen seinen Brauen, das hellbraune Haar hing wirr in die schöne Stirn.

Wie fest er schlief! Sibylle lächelte zärtlich. Sie war bereit, zehn zu eins zu wetten, daß er beim Aufwachen behaupten würde, er habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Künstler dürfen nicht mit gewöhnlichem Maß gemessen werden; irgendwie haben sie alle etwas von der Prinzessin auf der Erbse an sich. Sie stand leise auf und zog den grünen Fenstervorhang fester zusammen, damit Alexander nicht von der Sonne gestört werde. Draußen war der Himmel von einem kalten, blankgeputzten Blau, Glockengeläut schwang feierlich in der klaren Luft.

Sibylle schlüpfte ins Bett zurück und zog die Decke eng um ihre Schultern. Sonntag! Das bedeutete: schlafen, so lange man Lust hatte, heißen Toast und Orangenmarmelade zum Frühstück, spazierengehen mit Alexander und Polster, Mittagessen im Hause Birk. — —

Hier machten Sibylles freundlich schweifende Gedanken halt. Das Mittagessen war nicht unbedingt den Reizen des Sonntags zuzuzählen. Alexanders Vater besaß einen ungewöhnlich stark entwickelten Sinn für Familie und Tradition. Ihm war es zu verdanken, daß alles, was Birk hieß, sich allsonntäglich zu gemeinsamem Mittagsmahl zu versammeln hatte. Alexander behauptete boshaft, nur ein Amtsgerichtsrat sei imstande, mit soviel pedantischer Hartnäckigkeit auf einem Brauch zu bestehen, der sich im Zeitalter der Wochenendausflüge überlebt habe und alle Beteiligten empfindlich in ihrer Freiheit beschränke.

Er entstammte einer Familie von Rechtsgelehrten, strengen, nüchternen Herren, die es im Dienst der Justiz zu Ehre und Ansehen gebracht hatten. Es schien selbstverständlich, daß er ihrem Beispiel folgen würde, obwohl seine starke musikalische Begabung schon in früher Kindheit zutage getreten war. Sein Entschluß, Pianist zu werden, schlug im Hause Birk ein wie eine Bombe. Es war etwas noch nie Dagewesenes, daß ein Sproß dieser wohlbestallten Beamtenfamilie die gesicherte Existenz im Dienste des Staates einer Laufbahn opferte, die den Birks ebenso zweifelhaft erschien wie Trapezakrobatik oder Drahtseillauf. Nach Auftritten, bei denen Alexander den Donnerworten des Vaters mit dem zähen Widerstand eines eigensinnigen Esels begegnet war, hatte der Amtsgerichtsrat endlich, vollkommen erschöpft, die Waffen gestreckt.

„Tu’ was du willst“, hatte er gesagt, „aber gib dich nicht der Hoffnung hin, daß ich dich in alle Ewigkeit unterstützen werde. Ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn du als Hungerleider in einer Dachkammer endest.“

In den Augen des Amtsgerichtsrats hing jede Art von Kunst auf das engste mit Hunger und Dachkammern zusammen. Hinweise auf Künstler, die es zu etwas gebracht hatten, pflegte er mit der lakonischen Bemerkung abzutun, da habe halt mal einer Glück gehabt.

Es erleichterte Alexander das Leben durchaus nicht, daß der Vater, seiner düsteren Prognose zum Trotz, von Tag zu Tag auf die Früchte seiner Opferbereitschaft wartete. Selbst, wenn der Amtsgerichtsrat es bisweilen unterließ, seine Gedanken in dieser Hinsicht in Worte zu kleiden, glaubte Alexander ewigen Vorwurf in seinen Blicken zu lesen.

Er litt darunter, ohne es zuzugeben. Wie viele zarte Naturen, verbarg er innere Unsicherheit unter einer Maske undurchdringlichen Hochmutes. Aber er vibrierte vor nervöser Gereiztheit, und es gab Tage, an denen er einem Vulkan glich, brodelnd, und jeden Augenblick bereit, auszubrechen.

„Er hat Launen wie eine Primadonna“, behauptete sein Freund Andreas, während Tante Gudula Sibylle anvertraut hatte, Alexander arte seiner Urgroßmutter nach, deren Porträt in zarten Pastellfarben im Birkschen Eßzimmer hing.

Rein äußerlich betrachtet, glich er ihr in der Tat auf überraschende Weise: das ausdrucksvolle Oval des Gesichtes, die tiefblauen Augen unter hellbraunem Haar, nicht zuletzt der weiche, schön geschwungene Mund mit dem kleinen, spöttischen Lächeln in den Mundwinkeln. Alles sprach dafür, daß sie Alexander auch die Liebe zur Musik vererbt hatte, denn sie hatte eine sehr hübsche Stimme ihr eigen genannt, deren Ausbildung einem italienischen Gesangsprofessor, namens Martinuzzi oder Martinelli — des Namens entsann Tante Gudula sich nicht mehr genau — übertragen worden war. Die Familie tat jener Urgroßmutter ungern und selten Erwähnung. Es war nämlich geschehen, daß sie eines Tages mit besagtem Martinuzzi auf und davon gegangen war, unter Hinterlassung eines Briefes, in dem sie Kaspar Birk wissen ließ, sie langweile sich in der Ehe mit ihm zu Tode. Niemand wird es den Birks verdenken, wenn dieser Grund für sie der Stichhaltigkeit ermangelte. Sie scheuten weder Mühe noch Kosten, die Pflichtvergessene ohne Skandal dem häuslichen Herd wieder zuzuführen, und es ging ein Aufatmen durch die Familie, nachdem es gelungen war. Eheliche Fahnenflucht war in den Annalen der Birks ohne Beispiel und ganz und gar unerhört.

Was übrigens Alexanders Heirat mit Sibylle betraf, so war sie der zweite Schlag gewesen, den Alexander den Seinen zugefügt hatte. Sibylle war sich schamhaft bewußt, genau das Gegenteil von dem zu sein, was Birks sich als Schwiegertochter gewünscht hatten. Als Tochter eines Privatgelehrten und Kunstsammlers, der gestorben war, ohne ihr etwas zu hinterlassen außer einigen schönen alten Möbeln und einem Bilde von Spitzweg, dessen Echtheit jedoch angezweifelt wurde, hatte sie keinerlei Anspruch auf Ansehen in der Familie. Weder ihr anmutiges Äußere, noch die Fähigkeit, Kunstgewerbliches geschmackvoll anzufertigen, hatte den Amtsgerichtsrat von ihren Qualitäten zu überzeugen vermocht. Er nannte die Ehe seines Sohnes einen glatten Wahnsinn und weigerte sich hartnäckig, Alexanders Zuschuß auch nur um einen roten Heller zu erhöhen.

Dieser Zuschuß, verbunden mit dem Honorar für einige Klavierstunden, und dem kärglichen Erlös aus Sibylles kunstgewerblichen Arbeiten, bildete die Basis, auf der sie ihr gemeinsames Leben aufbauten.

Unnötig, zu sagen, daß sie nicht auf Rosen gebettet waren! Alexander, dem die Existenz des freien Künstlers aus der Perspektive selbstverständlicher bürgerlicher Gesichertheit romantischer erschienen sein mochte, als sie es tatsächlich war, litt unter den Beschränkungen, die der Mangel an Geld ihm allenthalben auferlegte. Obwohl er behauptete, den „Mammon“ zu verachten, konnte er ihn nicht im geringsten entbehren. Hieraus ergab sich ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, der das Leben oft sehr schwierig machte. Aber sie liebten einander. Es war zwar nicht mehr so oft die Rede davon, wie im Anfang, als die Wunder der Welt nur darauf zu warten schienen, im Sturm von ihnen erobert zu werden; aber sie wußten um das Gefühl tiefer Zusammengehörigkeit, das sie den Schwierigkeiten des Alltags zum Trotz, oder vielleicht gerade um ihretwillen verband.

Ein Kratzen an der Tür ließ Sibylle aufhorchen. Sie sprang aus dem Bett und drückte behutsam die Klinke herab. Draußen saß der Hund Polster; er sah sie mit schief geneigtem Kopf aus bernsteingelben Augen an, sein Schwanz klopfte in heftiger Gemütsbewegung den Boden.

Sibylle mußte lachen.

„Pst“, sagte sie, „wir müssen leise sein.“

Der Hund jedoch drängte sich an ihr vorbei ins Zimmer. Er liebte Sibylle über alles, jede Begegnung mit ihr war ein jubelndes Wiedersehensfest. Winselnd vor Glück umkreiste er sie und brachte, springend und tanzend, den Hocker vor dem Toilettentisch zu Fall.

Alexander fuhr verstört auf.

„Siehst du“, sagte Sibylle vorwurfsvoll, „jetzt haben wir ihn aufgeweckt.“

Sie ging zum Fenster und zog den Vorhang zurück. Die Sonne flutete in breitem Strom ins Zimmer.

Es war ein sehr merkwürdiges Schlafgemach. Sibylle haßte Betten, sofern es sich nicht um Lagerstätten aus der Zeit des Barock, des Empire oder der Renaissance handelte, wie sie in Museen und Schlössern zu finden waren. Sie hatte der Banalität des zweibettigen bürgerlichen Schlafzimmers zu entgehen versucht, indem in ihrer Wohnung zwei große Matratzen, am Tage von einer grünen Decke verhüllt, mit zahllosen bunten Kissen als Diwan prunkten, während sie zur Nacht mit ein paar Handgriffen in Betten verwandelt wurden. Auf diese Weise war ein gewichtiges Möbelstück entstanden, das den kleinen Raum vollkommen beherrschte. Kaum, daß ein gebrechliches Toilettentischchen, mit einem halbblinden Barockspiegel darüber, nahe beim Fenster Platz fand. Kleider und Wäsche waren in einem Wandschrank untergebracht, während ein winziges Gelaß neben der Küche mit einer hochbeinigen Blechwanne den stolzen Namen Badezimmer führte.

„Guten Morgen“, sagte Sibylle und lächelte Alexander gewinnend an, „sieh nur, welch herrlicher Tag!“

Alexander jedoch erwies sich als unempfänglich für die Schönheit des Sonntags. Er gehörte zu den Menschen, die Morgensonne als persönliche Kränkung empfinden. Nachdem er den freudetrunkenen Polster zornig von seinem Bett verscheucht hatte, zog er die Decke über den Kopf, so daß nichts als ein Büschel brauner Haare hervorschaute, und tauchte nur noch einmal auf, um Sibylle vorwurfsvoll mitzuteilen, er habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.

Sibylle zog den Bademantel über ihr Pyjama, sie gab ihrem kurzen, glatten Blondhaar einen kräftigen Bürstenstrich und verschwand im Badezimmer, wo sie sich aus Gründen der Sparsamkeit mit einer kalten Dusche begnügte. Dann begab sie sich daran, das Frühstück zu bereiten und den Tisch im Atelier zu decken.

Das Atelier — ein richtiges Maleratelier mit einem Riesenfenster — war ihr „Zimmer für alles“. Hier stand der große schwarz glänzende Konzertflügel, hier prangte die Barockkommode aus der Hinterlassenschaft des Kunstmalers mit üppig geschwungenen Formen und kunstvollen Beschlägen. Vor das Sofa aus der Zeit der Madame Récamier war der niedrige Tisch geschoben, an dem sie ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten; ein paar ebenso dekorative wie unbequeme Stühle paradierten an den Wänden, die mit dem angezweifelten Spitzweg und einigen schönen alten Stichen geschmückt waren.

Sibylle war der Atelierromantik hoffnungslos verfallen. Es focht sie nicht im geringsten an, daß das Zimmerthermometer sich im Winter hartnäckig weigerte, über 15 Grad zu steigen, den Kohlenmengen zum Trotz, die Jeremias, das häßliche, schwarze Öfchen, wie ein Moloch verschlang. Dafür schien am Vormittag die Sonne hinein, ein Umstand, der alle Kunstmaler auf die Dauer zwang, das Atelier aufzugeben. Sibylle liebte den schwachen Duft von Farbe und Terpentin, den sie hinterlassen hatten; sie liebte den Blick über Dächer und Türme — an föhnigen Tagen schweifte er ungehemmt bis zur blauen Kulisse des fernen Gebirges. Sie liebte den Himmel vor dem Fenster mit dem Spiel ziehender Wolken, dem tiefen Blau stiller Sommertage und dem funkelnden Sternenmeer klarer Nächte.

Die Familie hatte die Wahl der Wohnung seufzend den mancherlei Verstiegenheiten zugerechnet, an die Alexander und Sibylle sie im Lauf ihrer vierjährigen Ehe gewöhnt hatten. Aber das Badezimmer erfüllte Mama immer aufs neue mit stiller Trauer, ebenso wie es sie verdroß, daß das Atelier vom Schlafzimmer lediglich durch einen Vorhang abgetrennt war. Sie begriff nicht, wie Alexander, von jeher an solide Behaglichkeit gewöhnt, sich im Milieu eines „bohémien“ — ein Wort übrigens, das die Familie mit unsäglicher Verachtung aussprach — wohlfühlen konnte. Nichts jedoch hätte Alexander und Sibylle zu bewegen vermocht, um größerer Bequemlichkeit willen auf die mannigfachen und unbeschreiblichen Reize des Ateliers zu verzichten.

Alexander kam aus dem Badezimmer in seinem dunkelblauen Bademantel, rote Saffianpantoffel an den Füßen. Sibylle goß Kaffee ein und bestrich heiße Toastschnitten mit Butter. Zwischendurch bedachte sie Polster mit einem Stückchen Zucker. Er saß zwischen ihr und Alexander, ein ungewöhnlich schwarzer Hund von fragwürdiger Herkunft. Sein Kopf glich einer zerzausten Chrysantheme, über den gelben Augen sträubte sich das Haar zu kleinen Dächern. Der Mann, der ihn Alexander verkauft hatte, behauptete, er sei ungarischer Abkunft, ein Sohn der Pußta, wo seinesgleichen die Herden bewache. Wie dem auch sein mochte, Sibylles Seligkeit kannte keine Grenzen, als sie das struppige, schwarze Knäuel zum ersten Male im Arm hielt. Der Hund war Alexanders erstes Weihnachtsgeschenk gewesen, von Rechts wegen hieß er Janosz, aber seine wollige Beschaffenheit hatte ihm alsbald den Namen Polster eingetragen.

„Du verwöhnst den Hund“, sagte Alexander mißmutig.

Er saß in dem einzigen bequemen Sessel, den sein schönheitsdurstiger Schwiegervater hinterlassen hatte, während Sibylle auf dem Récamiersofa Platz genommen hatte, dessen stilvolle Unbequemlichkeit notdürftig durch einige Kissen gemildert wurde. Gewöhnlich war Alexander nach der ersten Zigarette imstande, den Dingen des täglichen Lebens ins Auge zu sehen. Sibylle beschloß, den günstigen Augenblick zu nutzen.

„Hast du schon darüber nachgedacht, was du am Mittwoch bei Osterwalds spielen wirst?“ begann sie behutsam.

Alexander blies den Rauch seiner Zigarette unwillig durch die Nase.

„Ich werde überhaupt nicht spielen“, sagte er kurz.

„Du bist wahnsinnig“, stellte Sibylle kopfschüttelnd fest, „eine derartige Chance auszuschlagen. Frau Konsul Osterwald ist in hundert Vereinen und Ausschüssen, sie kann dir bestimmt von Nutzen sein.“

„Glaubst du etwa, es sei eine Ehre für mich, in Wohltätigkeitsvereinen und Hauskonzerten zu spielen?“ fragte Alexander höhnisch zurück, „ich bin kein Salonmusikant und wünsche ernstgenommen zu werden, verstehst du mich?“

„Ja.“ Es ging Sibylle durch den Kopf, daß Künstler vom Range Chopins und Liszts es nicht verschmäht hatten, in Salons zu spielen, aber sie wagte nicht, Alexander in diesem Augenblick darauf aufmerksam zu machen.

Sie stand auf und setzte sich auf seine Sessellehne.

„Lexl“, schmeichelte sie, „tu es mir zuliebe. Schau, man darf nicht allzu wählerisch sein. Wie willst du bekannt werden, wenn man dich nirgends hört? Frau Osterwald ist immer sehr freundlich zu uns — —“

„Sie sieht wie ein Marzipanschweinchen aus“, unterbrach Alexander grimmig.

Sibylle mußte lachen.

„Sie ist aber ein einflußreiches Marzipanschweinchen, und wir können ein bißchen Protektion sehr gut gebrauchen. Denk’ nur an die unbezahlten Rechnungen drüben auf dem Schreibtisch. Vor ein paar Tagen hat Herr Gareisl gemahnt wegen der Kohlen, und was den Schneider betrifft —“

Alexander stöhnte laut auf. „Welch grauenhafter Materialismus! Man könnte meinen, du seist Papas leibliche Tochter.“

Sibylle schwieg. Sie dachte, daß das Leben einen zwinge, praktisch zu denken, wenn man mit einem Mann verheiratet ist, der die Lösung aller irdischen Probleme einer glücklichen Fügung überließ.

„Schneekopf ist übrigens auch eingeladen“, spielte sie nach einer Pause ihren letzten Trumpf aus.

Endlich horchte Alexander auf. Professor Schneekopf, Direktor der musikalischen Akademie und Dirigent der Odeonkonzerte, war immerhin ein Faktor, mit dem zu rechnen es sich verlohnte.

„Sagst du nun auch noch nein?“ fragte Sibylle frohlockend. Sie wußte ihn besiegt, obwohl er murrend erklärte, er laufe niemandem nach, auch Schneekopf nicht.

„Du unverbesserlicher Querkopf!“ Sibylle erhob sich und begann, den Frühstückstisch abzuräumen. „Wenn es nach dir ginge, würden wir bald an den Hungerpfoten saugen.“

Während sie hin- und herging, erzählte sie lachend, wie sich ihr als Kind schreckliche Vorstellungen mit dieser Redensart verbunden hatten, ein ewiges Daumenlutschen etwa, dessen grausame Unergiebigkeit nur durch die Erfahrung gemildert worden war, daß ein in Zuckerwasser getauchter Daumen gar nicht übel schmecke.

Auch Alexander mußte lachen.

„Also, das Zuckerwasser bleibt uns immer noch, wenn alle Stricke reißen. Arme Billie, mache ich dir das Leben so schwer?“

„Manchmal — ein bißchen“, sagte Sibylle und lächelte.

Sie stand mitten im Zimmer, das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr in den Händen, eine schmale Gestalt mit einem nachdenklichen Kindergesicht.

„Woran denkst du?“ fragte Alexander.

„Du hast lange nicht mehr Billie zu mir gesagt —“

„Nanu!“ Alexander schien sehr erstaunt. „Wie sage ich denn jetzt zu dir?“

„Eigentlich gar nicht. Du sagst: ,hallo’, oder: ,du hör’ mal’, und da außer Polster niemand in der Wohnung ist, weiß ich, daß ich gemeint bin.“

Alexander verschanzte sich raschelnd hinter die Sonntagszeitung.

„Darauf kommt es ja letzten Endes auch nicht an“, sagte er abweisend.

Sibylle trug das Geschirr in die Küche. Sie mußte an einen Ausspruch denken, den sie einmal irgendwo gelesen hatte: „Wenn die Männer aufhören, Reizendes zu sagen, hören sie auch auf, Reizendes zu denken.“

Dies hielt sie jedoch, was Alexander betraf, zumindest für übertrieben. Verliebter Überschwang läßt sich nicht in einen Dauerzustand verwandeln. Sibylle war vernünftig genug, das einzusehen. Trotzdem konnte sie es nicht hindern, daß die Erkenntnis ein wenig bitter schmeckte. Wer wäre nicht geneigt, die eigene Ehe für eine Ausnahme zu halten?

Von der Ludwigskirche kamen zwölf hallende Schläge.

Sibylle stürzte ins Schlafzimmer. „Um Gottes willen, Lexl, wir müssen uns beeilen! Du weißt, wie Papa auf Pünktlichkeit hält!“

Alexander, vor dem halbblinden Spiegel mit seiner Krawatte beschäftigt, schnitt seinem Spiegelbild eine Grimasse. Er verabscheute das Sonntagsessen im Familienkreise aus Herzensgrund. Er verabscheute Familiensinn und Tradition, des Amtsgerichtsrats ehernes Despotentum und die ängstliche Betulichkeit seiner Mutter, die er sklavenhaft nannte. Ganz besonders verabscheute er die heuchlerische Demut, mit der sich die Familie den Ansichten des Amtsgerichtsrats unterwarf.

Als Kind hatte er eine heftige Abneigung gegen die Ausflüge verspürt, die sommers und winters ins Isartal unternommen wurden. An einem Aussichtspunkt, es war immer der gleiche, pflegte Papa die Seinen gebieterisch zur Bewunderung der Natur aufzufordern. Man hatte alsdann eine Weile in stummer Andacht zu verharren. Dieses auf Befehl andächtig sein hatte Stürme des Widerstandes in der Seele des jungen Alexander entfesselt. Selbst die Aussicht auf das übliche Stück Torte beim Kaffee hatte ihn nicht vermocht, die Miene scheinheiligen Entzückens zu wahren.

Im Atelier klingelte das Telefon.

„Ach, bitte, geh’ du!“ Sibylle, notdürftig bekleidet, war mit der Rückverwandlung der Betten in einen Diwan beschäftigt. Als sie damit fertig war, holte sie Nadel und Faden herbei und begann, einen abgerissenen Knopf an Alexanders Jackett zu nähen.

Alexander kam zurück. „Es war Andi ’, sagte er.

Sibylle sah fragend auf.

„Er fährt über Mittag mit Lili hinaus und möchte uns durchaus mitnehmen.“

„Aber er weiß doch —“

„Natürlich weiß er! Aber das hindert ihn nicht, uns für ausgemachte Narren zu halten. Zeige mir den Menschen, der den Birkschen Familienterror begreift!“

„Andi hat keinen Sinn für Tradition“, sagte Sibylle. „Was, glaubst du, würde geschehen, wenn wir einfach nicht zu Tisch erschienen?“

Alexander zuckte die Achseln.

„Ich habe es einmal versucht. Damals ging ich noch zur Schule. Ein Freund überredete mich, bei ihm zu bleiben. Ich tat es, weniger aus Vergnügen, als um zu sehen, was daraus entstehen würde.“

„Und was entstand?“ fragte Sibylle erwartungsvoll.

„Der Amtsgerichtsrat sprach zwei Wochen lang kein Wort mit mir, Mama lief umher wie eine verängstigte Henne, ich wurde wie ein Verworfener behandelt. Es war sehr unerfreulich.“

Sibylle lachte; sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Alexander wider den Stachel gelöckt hatte.

„Übrigens erregt Andi Anstoß mit seine Lili“, sagte sie, um ihn abzulenken, und gab eine Geschichte zum besten, in der Andreas eine sittenstrenge alte Dame mit der Mitteilung chokiert habe, die schönsten Stunden seines Lebens seien die, die er mit seiner Lili im Grünen verbringe. „Ja, ja, die jungen Leute heutzutage“, hatte die alte Dame kopfschüttelnd gesagt.

„Natürlich hatte sie von der Existenz eines Autotyps ,D. K. W. Liliput’ keine Ahnung“, schloß Sibylle lachend.

„Wie sollte sie auch!“ sagte Alexander, „übrigens würde ich mich an deiner Stelle etwas beeilen. Zum Spazierengehen kommen wir heute sowieso nicht mehr.“

„Sofort!“ Sibylle lief zum Kleiderschrank. „Was soll ich anziehen: das rote vom vorigen Jahr, oder das dunkelblaue mit den Biesen?“

„Welches blaue?“ fragte Alexander im Hinausgehen.

Während Sibylle in das dunkelblaue mit den Biesen schlüpfte, überlegte sie, ob es wohl einen Mann gebe, der in bezug auf die Kleidung seiner Frau nicht mit Blindheit geschlagen sei. Auch ihr verstorbener Vater hatte niemals bemerkt, wenn sie ein neues Kleid getragen hatte, obwohl es selten genug vorgekommen war.

Sie zog ihr graues Lammfelljäckchen an und setzte den runden, ringsum aufgeschlagenen Hut auf, in dem sie wie eine Sechzehnjährige aussah.

Draußen stand Alexander schon in Hut und Mantel.

„Auf in den Kampf!“ zitierte Sibylle fröhlich.

Alexander lächelte wie ein Märtyrer.

2.

Die Straße, in der Sibylle und Alexander wohnten, unterschied sich in nichts von anderen Vorstadtstraßen mit ihrem vollkommenen Mangel an Grün, mit hohen, eintönigen Häusern, in deren Erdgeschoß sich kleine Läden befanden, mit einem trübseligen Café an der Ecke, von dem man sich nicht vorstellen konnte, daß es jemals von irgend jemandem besucht wurde.

Aber sie war in Schwabing gelegen, jenem Stadtteil Münchens, der sich eines gewissen Nimbus’ erfreut, dank der Tatsache, daß von jeher Künstler ihn mit Vorliebe zu ihrem Wohnsitz erwählten. Um keinen Preis hätte Sibylle in einer anderen Gegend leben mögen. Ihre Kindheit, die Erinnerung an den Vater, waren auf das engste mit Schwabing verknüpft, ganz abgesehen von dem unbestimmbaren Reiz, der sich ihr mit Ateliers und dämmerigen Künstler-Weinstuben verband.

Die Sonne, am Morgen von frühlinghaftem Glanz, war hinter Dunstschleiern verschwunden, ein rauher Wind fegte durch die Straßen. Sie wanderten eilig und schweigsam dahin, überschattet von der Gewißheit, zu spät zu kommen. Aber wie immer, wenn sie durch das Siegestor in die Ludwigstraße kamen mit ihren strengen, klassizistischen Fassaden, die von den beiden spitzen Türmen der Ludwigskirche unterbrochen wurden, ging ihnen das Herz auf ob der herben Schönheit der Stadt, die ihre Heimat war.

Als sie das alte Haus in der Nymphenburgerstraße betraten, schlug es ein Uhr. Sibylle seufzte beklommen. Das Mittagessen begann um eins, aber die Tradition erforderte, daß man sich eine halbe Stunde früher einfand, um plaudernd im Salon beisammenzusitzen. In der Tat, die Familie war vollzählig versammelt. Sie saßen und standen umher, die Eltern, Tante Gudula, Wallmosers mit dem fünfjährigen Kurt, Burschi genannt, und der jugendliche Kaspar.

Alexanders und Sibylles Eintritt vollzog sich unter unheilverkündendem Schweigen. Aller Augen waren auf sie gerichtet, die der jüngeren Generation mit einem Gemisch aus Mitleid und Schadenfreude, wie es Schüler beim Zuspätkommen eines Kameraden zur Schau tragen.

„Wir bitten um Verzeihung“, sagte Sibylle zaghaft.

Die Familie sah erwartungsvoll den Zorn wie eine rote Welle in das Gesicht ihres Oberhauptes steigen bis zu den silbernen Schläfenhaaren hinauf. Nur Mama wagte ein begütigendes Lächeln, das jedoch im Keim erstickt wurde, denn der Amtsgerichtsrat setzte zu einer längeren Rede an, in derem Verlauf er erklärte, er dulde keine Bohemewirtschaft in seinem Hause und werde sie niemals dulden.

„Sogenannte Künstlerfreiheiten“, sagte er mit erhobener Stimme, „haben vor meiner Schwelle haltzumachen. Ein für allemal!“

Sibylle sah, wie Alexanders Gesicht sich verfinsterte. Sie versetzte ihm einen kleinen, ermutigenden Puff, bevor sie sich neben Tante Gudula auf einen quastengeschmückten Hocker niederließ. Mit einem Gefühl leichter Benommenheit, wie man es beim Betreten von Museen zu empfinden pflegt, atmete sie die Atmosphäre des Birkschen Salons. Alles verriet jahrzehntelange Überlieferung, die schweren Portieren an Fenstern und Türen ebenso wie die samtgepolsterten Sessel, um einen hochbeinigen Tisch gruppiert, der eine silberne Visitenkartenschale im Jugendstil trug. Verstaubte Visitenkarten ruhten auf ihrem Grunde; zuoberst lagen seit Jahr und Tag Herr und Frau Direktor Melander mit einem zierlichen p. p. c. in der rechten unteren Ecke.

Die olivgrüne Tapete des Salons war durch eine Überfülle von Ölgemälden den Blicken fast ganz entzogen. So wenig der Amtsgerichtsrat von jeder Art von Kunstbetätigung hielt, der Malerei brachte er eine ebenso große wie wahllose Neigung entgegen. Vor allem liebte er Bilder, auf denen Eßbares in verlockenden Farben und Formen dargestellt war, Stilleben mit Hummern, Fasanen und Früchten, oder fröhliche Zecher, mit überschäumenden Humpen um ein Faß versammelt. Das Prunkstück des Salons aber war das lebensgroße Bildnis einer jungen Frau mit wallendem Goldhaar, die, nur mit einem himmelblauen Lendentuch bekleidet, an einen Marterpfahl gebunden war. Rote Flammen züngelten gierig an ihr empor, sie jedoch lächelte, ein verklärtes Lächeln, als sei es eine Lust, den Flammentod zu erleiden. Das Bild hieß „Die Hexe“; der Amtsgerichtsrat hatte es in einem Anfall von Großmut einem malenden Jugendfreund abgekauft und seine Frau zur zehnten Wiederkehr ihres Hochzeitstages damit überrascht, aber die Familie konnte sich nicht des Argwohns erwehren, als habe nicht allein Großmut, sondern in erster Linie die anmutige Beschaffenheit der Hexe eine Rolle beim Kauf des Bildes gespielt.

Die Unterhaltung kam wieder in Gang.

„Du solltest Susannchen Fencheltee geben“, sagte Mama zu Ella. Ella Wallmoser, geborene Birk, zuckte die Achseln. Sie sah blaß und glanzlos aus, so, als habe das Leben nichts von allem gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatte.

„Burschi war leichter zu haben“, seufzte sie und strich ihrem Ältesten über den runden Kopf.

„Burschi ist ganz der Großpapa“, bemerkte Otto Wallmoser mit einem öligen Lächeln an Papas Adresse.

Alexander warf seinem Schwager einen feindseligen Blick zu. Er und Sibylle hatten ihn den „Kastanienkopf“ getauft, seines runden Gesichts wegen, das, von bräunlicher Glätte, immer wie auf Hochglanz poliert aussah.

Der „Kastanienkopf“ bewies dem Amtsgerichtsrat eine gleisnerische Unterwürfigkeit, er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, sich bei ihm in Gunst zu setzen. Unbegreiflich, daß Ella diesen Mann geheiratet hatte! Schließlich war sie einmal ein ganz hübsches Mädchen gewesen, wenn auch immer ziemlich farblos. Es war erstaunlich, wie wenig man von seinen Geschwistern wußte, sobald man erwachsen wurde. Kaspar war ja um vieles jünger als Alexander, aber mit Ella hatte es Zusammenhänge gegeben, gemeinsame Freuden, gemeinsame Kümmernisse, das Verbündetsein den Erwachsenen gegenüber. Alexander erinnerte sich, wie er einmal eine Ella zugedachte Strafe auf sich genommen hatte; es war ein unbeschreibliches Hochgefühl von Edelmut und Ritterlichkeit gewesen.

Man ging zu Tisch. Das Eßzimmer mit eichenholzvertäfelten Wänden stand dem Salon an Feierlichkeit nicht nach. Das Büfett an der einen Längsseite stellte ein wahres Bollwerk altdeutscher Behaglichkeit dar, während der Kamin ihm gegenüber französische Anklänge aufwies und mit kunstvoll geschichteten Holzscheiten prunkte, die niemals vom Feuer aufgezehrt werden konnten, weil sie mit Gas zu entzünden und dem Gesetz der Vernichtung nicht unterworfen waren.

Eine große Glastür, von Samtportieren umrahmt, bot Ausblick in den kleinen Garten hinter dem Hause. Es nieselte aus einem eintönig grauen Himmel, Bäume und Sträucher reckten feuchte, schwarze Äste in die silbrige Luft.

Sibylle fröstelte; ihre Augen hefteten sich hilfesuchend auf das Porträt der leichtfertigen Urgroßmutter über dem Kamin. Ihr reizendes Lächeln schien das einer Bundesgenossin zu sein. Ich hätte sie sicher liebgehabt, dachte Sibylle.

Nach der Suppe — jeden Sonntag gab es die gleiche Suppe, klare Bouillon mit Markklößchen — wurde ein Roastbeef von unwahrscheinlichen Ausmaßen aufgetragen. Der Amtsgerichtsrat band sich die Serviette um den Hals und griff zu dem blanken Tranchiermesser mit dem Hirschhorngriff.

„Hoffentlich ist das Fleisch zart“, sagte Mama ängstlich.

Das Essen spielte eine große Rolle im Hause Birk; der Amtsgerichtsrat konnte sich stundenlang über dessen Beschaffenheit ergehen, und ein zäher Sonntagsbraten verdarb seine Stimmung auf lange Sicht.

Sibylle sah, wie sich eine dünne, rosige Scheibe nach der anderen vom Braten löste. Warum sagt Alexander kein Wort, dachte sie, wenn Papa es bemerkt, wird er wieder eine boshafte Bemerkung machen. Sie versuchte, ihm einen ermunternden Blick über den Tisch zu schicken, aber Tante Gudula fing ihn auf und lächelte Sibylle gütig zu.

„Wie geht es, Sibylle? Du siehst ein bißchen blaß aus, mein Kind.“

„Nein, nein“, sagte Sibylle hastig, „es geht mir wundervoll.“

„Von der Kunst und der Liebe allein wird niemand satt“, kicherte der Amtsgerichtsrat hinter seinem Braten.

„Aber Kaspar“, sagte Mama mit sanftem Vorwurf, und der „Kastanienkopf“ rief, Sibylle müsse mehr essen, die allzu schlanke Linie sei nicht mehr modern.

„Wie denkst du darüber, Alexander?“

„Ich möchte Sibylle kein bißchen anders haben, als sie ist“, sagte Alexander kurz.

„Siehst du!“ rief Ella ohne ersichtlichen Grund und richtete die blaßblauen Augen anklagend auf den „Kastanienkopf“.

Der Amtsgerichtsrat nahm die Serviette ab und versah sich reichlich mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln. Er wünschte „Guten Appetit allerseits“ und begann, mit Hingabe zu essen. Die Familie schickte sich an, seinem Beispiel zu folgen, aber bei Burschi gab es eine Stockung. Er wollte durchaus keinen Spinat essen.

„Er mag ihn nicht“, erklärte seine Mutter verzagt. „Schon als Baby —“

„Unsinn!“ rief der Amtsgerichtsrat dazwischen, seine Eichhörnchenaugen funkelten zornig in dem roten Gesicht, „Kinder haben alles zu essen!“

Alexander lächelte ingrimmig in sich hinein. So war es von jeher gewesen: man hatte alles zu essen, man hatte dem Amtsgerichtsrat bedingungslos zu gehorchen, man hatte keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung zu haben! Vielleicht war man darum zu einer Art von Igel geworden, der beim geringfügigsten Anlaß die Stacheln hervorkehrte; man fühlte sich immer und überall in Verteidigungsstellung gedrängt.

Burschi hatte sich inzwischen bewegen lassen, ein winziges bißchen Spinat zu essen, unter Hinweis auf eine doppelte Portion Schokoladenpudding zum Nachtisch.

„Eine Erziehung ist das heutzutage“, brummte der Amtsgerichtsrat, „so etwas hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben!“

Burschi verzog weinerlich das Gesicht.

„Wir sind am Mittwoch bei Osterwalds eingeladen“, sagte Sibylle, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, „Alexander wird spielen.“

„Oh, wie schön!“ rief Tante Gudula erfreut, Mama stimmte zaghaft zu, während der Amtsgerichtsrat sich mißtrauisch erkundigte, ob etwas dabei „herausspringen“ werde.

Geld, Geld, und nochmals Geld! Es schien das einzige zu sein, worauf es in diesem Hause ankam!

Alexander tat schon den Mund auf zu einer ungeduldigen Antwort, aber Sibylle winkte ihm mit den Augen, zu schweigen.

„Schneekopf wird dort sein“, sagte sie hastig. „Wenn er Alexander erst einmal gehört hat, wird er sich bestimmt für ihn einsetzen.“

„Schneekopf? Ist das der von der Oper?“ fragte der Amtsgerichtsrat, indem er eine zweite Portion Spinat auf seinen Teller häufte.

„Professor Schneekopf“, sagte Alexander, „dirigiert die Odeonkonzerte und leitet außerdem die Kapellmeisterklasse an der Akademie.“

„So, so“, machte der Amtsgerichtsrat und fügte hinzu, er kenne sich unter diesen Musikbonzen nicht aus. „Wozu geht man überhaupt noch in Konzerte, nachdem man heutzutage Musik per Radio viel gemütlicher und billiger haben kann?“

Der „Kastanienkopf“ ließ ein meckerndes Beifallsgelächter hören; Alexander erstarrte in hochmütiger Verschlossenheit.

Wäre nur erst das Essen vorüber, dachte Sibylle verzweifelt. Es galt, noch den traditionellen Schokoladenpudding zu überstehen, die Krönung des sonntäglichen Familienessens. Die Unterhaltung ging zu allgemeinen Dingen über. Es war vom Einkochen die Rede.

„Morgen fange ich mit der Orangenmarmelade an“, verkündete Mama, und Ella erwog, ob sie Susannchen schon ein wenig Orangensaft geben dürfe. Papa und der „Kastanienkopf“ gerieten in eine geschäftliche Debatte, und der jugendliche Kaspar vertraute Sibylle flüsternd an, er habe im Osterzeugnis mit Bestimmtheit einen Fünfer im Latein zu erwarten.

Endlich hob der Amtsgerichtsrat die Tafel auf. Man begab sich wieder in den Salon, um einen Mokka einzunehmen, bevor die Eltern und Tante Gudula sich zum Mittagsschläfchen zurückzogen.

„Gehen wir einen Augenblick in den Garten!“ schlug Sibylle nach einem Blick in Alexanders blasses Gesicht vor.

Sie stiegen die feuchten Stufen hinab. Er war ein kleines Wunder, dieser Garten hinter dem alten Biedermeierhaus, eingeschlossen von den Brandmauern benachbarter Mietskasernen. Efeu kletterte an ihnen empor, ein mit rotem Sand bestreuter Weg umrundete den Rasenplatz; in seiner Mitte befand sich ein Springbrunnen mit einer halbverfallenen Sandsteinfigur, eine Nixe darstellend, aus deren emporgehobenen Händen im Sommer ein silberner Wasserstrahl in die Lüfte sprang.

Sibylle atmete tief auf. Es rieche nach Frühling, behauptete sie.

„Sieh nur, die Schneeglöckchen kommen schon!“

Aber Alexander stand mit hängenden Armen, seine blauen Augen waren müde und glanzlos.

„Ach“, sagte er, „diese Sonntage!“

Es klang so hoffnungslos, daß Sibylle lachen mußte.

„Sie meinen es nicht so schlimm“, sagte sie begütigend. „Du darfst dich nicht zu sehr beeindrucken lassen.“

„Es ist ja immer das gleiche.“ Alexander steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. „Für sie gilt nur der äußere Erfolg. Künstler werden in Bausch und Bogen als Faulpelze und Taugenichtse abgetan. Schon Menschen, die Bücher lesen, sind dem Amtsgerichtsrat verdächtig. Wie oft habe ich das gehört: ,Was, du liest schon wieder? Du hast wohl nichts Besseres zu tun?‘ “

Sibylle griff nach seiner Hand. „Warum nimmst du es tragisch? Eines Tages wirst du auch Papa von dir überzeugen.“

„Ich lege keinen Wert darauf“, behauptete Alexander verbissen. Aber Sibylle wußte, wie er nach Anerkennung hungerte und immer aufs neue unter dem Unverständnis der Seinen litt.

„Du wirst es schaffen“, sagte sie mit Nachdruck, „und wenn du eines Tages ganz groß dastehst — —“

„Dein Glaube an mich ist rührend“, unterbrach Alexander spöttisch, aber der warme Druck, mit dem seine Hand die ihre umschloß, widerlegte den Klang seiner Worte.

Schweigend umkreisten sie das Rasenrondell; ein Sonnenstrahl stahl sich durch die Wolkendecke, die dünne Eisschicht am Boden des Brünnleins glitzerte, und der steinerne Leib der Nixe schimmerte feucht. „Im Hofgarten gibt es gewiß schon Krokusse“, sagte Sibylle träumerisch.

„Optimist!“ knurrte Alexander.

3.

Sibylle räumte auf. Sie breitete die Decke über den Diwan und wedelte mit dem Staubtuch spielerisch über die Gegenstände auf dem Toilettetisch hin. Die Tür zum Vorflur stand offen und gewährte ihr einen Ausblick auf die beträchtliche Rückseite ihrer Zugeherin, Frau Genoveva Natterer. Frau Natterer — Alexander hatte sie die Natter im Komparativ getauft — kniete am Boden, eifrig bestrebt, die Wasserfluten wieder aufzuwischen, die sie reinigungshalber kurz zuvor aus einem Eimer in den Flur ergossen hatte. Sie war, rein äußerlich betrachtet, eine Frau von Format. Außerdem besaß sie neben den Vorzügen des Fleißes und der Ehrlichkeit einen starken Sinn für das Quadratische. Nachdem sie aufgeräumt hatte, standen alle Dinge viereckig zueinander. Vergebens hatte Sibylle sich bemüht, Frau Natterers Auge für die zwanglose Anordnung der Gegenstände in ihrer Wohnung zu schärfen, die Natter im Komparativ beharrte eisern auf einer Weltanschauung, in der Quadrate gleichbedeutend mit Ordnung waren.

Aus dem Atelier kam Alexanders Stimme: „Eins, zwei und drei! Rhythmus, wenn ich bitten darf! Und Fis! Herrgott, Mensch, spielen Sie doch endlich Fis! Vorzeichen sind kein Buchschmuck!“

Sibylle lächelte in sich hinein.

Armer Herr Dimpflinger! Seine Begabung stand im umgekehrten Verhältnis zu der glühenden Begeisterung, die er dem Klavierspiel entgegenbrachte. Er mühte sich buchstäblich im Schweiße seines Angesichts, er rang mit dem Genius, der sich ihm hartnäckig versagte. Wenn er zur Stunde kam, die gelbe Notenmappe unter dem Arm, ein erwartungsvolles Lächeln um die Lippen, war es ihm anzusehen, daß er geübt und sich redlich geplagt hatte. Aber waren es Hemmungen, die ihn befielen in dem Augenblick, da es galt, sein Können zu beweisen, war es seine unglückliche Liebe zur Kunst? Sobald er am Flügel saß, schien er von allen guten Geistern verlassen.

Nach den Stunden mit Herrn Dimpflinger lief Alexander händeringend im Atelier umher und rief, es sei hoffnungslos, ganz und gar hoffnungslos, er habe als anständiger Mensch die Pflicht, von jeder weiteren musikalischen Betätigung abzuraten. Aber Sibylle widersprach. Man dürfe keinen Menschen seines Steckenpferdes berauben; es sei sehr wahrscheinlich, daß die Stunden, die Herr Dimpflinger am Klavier verbringe, zu den glücklichsten seines Lebens zählten.

„Ausgerechnet Beethoven will er spielen, der Unglücksmensch“, berichtete Alexander, „die Appassionata! Hat man so etwas schon gehört! Ich schwöre dir: eher bringe ich es zum Trapezakrobaten, als Dimpflinger zur Appassionata!“

Sibylle mußte daran denken, während sie Herrn Dimpflinger an einer Haydn-Sonate herumstottern hörte. Der Montag war ein schwarzer Tag für Alexander. Am Nachmittag kam der 12jährige Gustl Felgentreff. Justizrat Felgentreffs hatten die unter der Birkschen liegende Wohnung im dritten Stock inne. Gustl, ihr einziges Kind, das sich obendrein erst nach fünfzehnjähriger Ehe eingestellt hatte, war ein Lausbub von hohen Graden. Seine Eltern jedoch hielten ihn für ein Wunderkind, und es war Sibylle zu Ohren gekommen, daß Frau Felgentreff den übrigen Hausbewohnern gegenüber Alexander für die mangelnden Fortschritte ihres Sohnes verantwortlich machte.

Den Beschluß bildete an diesem Tage Fräulein Glut, Mimi Glut. Ohne eigene Ambitionen in bezug auf die Kunst des Klavierspiels, gehorchte sie dem Gebot ihrer Eltern, die der altmodischen Ansicht huldigten, eine gewisse Fertigkeit auf dem Klavier lasse ein junges Mädchen begehrenswert erscheinen. Dabei gab sich Mimi Glut durchaus keinem Irrtum hin, wenn sie sich auch ohne dies begehrenswert fand. Schwarzlockig, mit Mandelaugen und dem törichten Lächeln eines Mannequins hatte sie alle Aussicht auf Erfolg beim männlichen Geschlecht.

Sibylle war fertig. Sie beschloß, auszugehen und bei dem Geschäft, für das sie arbeitete, nachzufragen, ob etwas von ihren Sachen verkauft worden sei. Ein Blick in die Zigarettenschachtel, darin sie ihr Haushaltungsgeld aufbewahrte, hatte sie belehrt, daß wieder einmal Ebbe drohte.

Sie setzte vor dem Spiegel den Hut auf. Polster, seine Chance witternd, sprang jaulend und kläffend an ihr hoch, er rannte in dem kleinen Flur hin und her und gebärdete sich wie ein Besessener.

„Hundsviech, greisliches“, schalt die Natter im Komparativ, während Alexanders Kopf, rot wie eine Päonie, aus der Tür fuhr.

„Ruhe!“ donnerte er. Sibylle hatte ihn im Verdacht, daß seine ganze Verzweiflung über Herrn Dimpflinger sich in diesem Ausruf entlud.

Draußen flutete ihr heller Sonnenschein entgegen. Die häßlichen Häuser waren freundlich übergoldet, eine Ölpfütze am Straßenrand spiegelte die Sonne in allen Regenbogenfarben wieder. Es war einer jener Föhntage, die auf eine beglückende Weise über das wahre Gesicht der Jahreszeit hinwegtäuschen.

Neben dem trübseligen Café an der Ecke betrieb die Witwe Penzkofer einen Obst- und Gemüseladen. Sie stand, an etwas Grauwollenem strickend, in der Ladentür und grüßte freundlich.

„Frische Orangen hättn mer do! Geht nix ab, Frau Birk?“

„Danke, nein“, sagte Sibylle, bemüht, Polster an sich zu locken, der im Begriff war, einen mit Kartoffeln gefüllten Korb neben der Ladentür als Laternenpfahl zu benutzen.

„Ja, der Polster“, sagte die Penzkoferin wohlwollend, „da geh her, Polsterl, i hob was für di.“

Sie brachte aus der Tiefe des Ladens ein fettig glänzendes Päckchen mit Wurstresten zum Vorschein; der Hund machte sich gierig darüber her.

„A Wetter is dees heit!“ nahm sie die Unterhaltung wieder auf, „da mecht mer fei a spaziern gehn.“

Sibylle fühlte den dunklen Drang, sich zu entschuldigen, weil sie am hellichten Alltag den Anschein sorglosen Lustwandelns erweckte. Aber just in diesem Augenblick geriet Polster in Händel mit einem pudelähnlichen Hund, der die Absicht kund tat, sich an den Wurstresten zu beteiligen. Sibylle hatte alle Mühe, die streitenden Parteien zu trennen.

„Er ist rauflustig“, sagte sie verlegen, nachdem Polster an die Leine genommen war, „aber wenn ich ihn daheimlasse, stört er meinen Mann bei der Arbeit.“

„Jo freili, der Herr Birk“, erwiderte die Witwe verständnisvoll, obwohl sie in ihrem umfangreichen Busen eine tiefe Verachtung nährte für Künstler und ähnliches „G’schwerl“, das dem lieben Herrgott die Tage stehle.

„Leicht tut sich die Frau Birk nicht mit dem spinneten Uhu“, hatte sie eines Tages zu ihrer Tochter geäußert und nach einer gedankenvollen Pause hinzugefügt: „Aber a schöner Mensch is halt!“

Sibylle wanderte stadtwärts. Sie atmete mit Entzücken die milde Luft, sie freute sich am lichten Grün der Theatinerkuppeln vor der blauen Kulisse des Himmels. Zwischen der Ludwigskirche und dem pompösen Bau der Staatsbibliothek gab es hinter Bogengängen einen kleinen Hof mit alten Bäumen; jedesmal, wenn Sibylle daran vorbeikam, dachte sie, so müsse es in Italien sein. Sie stellte sich Italien unbeschreiblich herrlich vor, dank den Erzählungen ihres verstorbenen Vaters, der alljährlich hinuntergefahren war, ohne sie jemals mitzunehmen. Sibylle war indessen in der Obhut von Fräulein Rosina Schupfinger zurückgeblieben. Rosina, ein ältliches Mädchen mit einem Pferdegesicht, betreute sie und den Vater mit der gleichen grämlichen Sorgfalt. Sibylle hatte ihre Mutter nie gekannt, aber Rosina tat, was sie konnte, sie die mütterliche Liebe nicht vermissen zu lassen. Ihre Zärtlichkeit war rauh und stachlig, so, als schäme sie sich ihrer. Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie schon mit zwanzig ein altes Mädchen gewesen und hatte die Liebe niemals kennengelernt. Alles, was ihr unerschlossenes Herz an Güte barg, schenkte sie Sibylle. Es war für Sibylle, als verliere sie die Mutter zum zweiten Male, als sie sich nach dem Tode des Vaters von Rosina trennen mußte, weil die Verhältnisse sie zwangen, die Wohnung aufzugeben. Rosina hatte bald darauf auf Grund einer Zeitungsannonce einen Oberpostsekretär geheiratet und lebte seitdem in Pirmasens. Von Zeit zu Zeit bekam Sibylle kleine, karge Briefe von ihr, die sie lächeln machten, weil Rosina nicht aufhören konnte, sie als Kind zu behandeln. „Ziehe dich nicht zu leicht an bei dem kalten Wetter“, hieß es in den Briefen, „du weißt, wie schnell du einen Schnupfen hast.“ Oder: „Hoffentlich achtet dein Mann darauf, daß du nicht zu wenig ißt —“ Gute Ros’l! Zärtlich geliebte Erinnerung an Kindheit und Vaterhaus!

Am Hofgartentor angelangt, konnte Sibylle der Versuchung nicht widerstehen, einzutreten und nachzusehen, ob schon Tische und Stühle herausgestellt waren für die Unentwegten, die beim ersten Sonnenstrahl ihren Kaffee im Freien trinken wollten. Vielleicht gab es auch schon Krokusse und Leberblümchen auf den Rasenflächen.

Sie schlenderte, Polster an der Leine, die Wege entlang. Nein, es war noch nichts mit Krokussen und Leberblümchen; die Rabatten, auf denen es im Sommer in allen Farben blühte, glänzten schwarz und feucht, und der Musiktempel mit der graziösen Diana auf dem Dach steckte noch in seiner hölzernen Winterverschalung. Aber ein paar Tische standen tatsächlich draußen, und an einem von ihnen saß, die Beine weit von sich gestreckt, den weichen Hut genießerisch ins Genick geschoben — —

„Andi!“ rief Sibylle überrascht.

„Hallo, Billie!“ Andreas Keller stand auf und kam Sibylle entgegen. Er war ein breitschultriger, gut aussehender Bursche mit einer Vorliebe für englische Sportsakkos und starkfarbige Krawatten. Sein krauses, blondes Haar hatte die Neigung, widerspenstig vom Kopf wegzustehen, eine Neigung, der Andreas entgegenkam, indem er bei jeder Gemütsbewegung mit allen Fingern hineinfuhr. Innenarchitekt von Beruf, begabt und fleißig, freundlich und zuverlässig, erfreute er sich großer Beliebtheit und war auf dem besten Wege, es zu Erfolg und Ansehen zu bringen.

Sein gutmütiges Gesicht erglänzte in einem breiten Grinsen, während er Sibylle unter vielen Hallos die Hand schüttelte.

„Ein guter Engel führt dich mir in den Weg“, behauptete er, „trinken wir einen Vermouth zusammen! Wenn man zwei Stunden lang mit Frau Direktor Nothnagel verhandelt hat, ist man trost- und stärkungsbedürftig.“

„War es so schlimm?“ erkundigte sich Sibylle teilnahmsvoll.

Sie ließen sich am Tisch nieder, Andreas bestellte den Wein.

„Schlimm ist gar kein Ausdruck“, sagte er. „Es ist eine Art Fegefeuer, ich weiß nicht, womit ich es verdient habe. Seit Wochen geht das nun hin und her, ich mache einen Entwurf nach dem anderen, aber sie ist phantasielos wie eine Kuh —“

„Aber Andi! Eine würdige, ältere Dame!’

„Wozu fragen die Leute einen Innenarchitekten, wenn sie sich nicht von türkischen Rauchtischchen und wollenen Schlummerrollen trennen können?“ rief Andreas aufgebracht.

Sibylle lachte. Der Vermouth schmeckte süß und aromatisch, es war herrlich, in der Sonne zu sitzen und sich vorzustellen, es sei Frühling. Sie nahm den Hut ab, ein sanfter Wind spielte in ihrem kurzen Haar.

Andreas betrachtete sie sinnend durch eine Wolke von Zigarettenrauch.

„Ich mag das“, sagte er unvermittelt, „deine bubenhaften Haare, deine Art, dich zu kleiden. Eigentlich bist du gar keine Frau, Billie.“

„Erlaube mal“, verwahrte sich Sibylle, aber er fuhr eifrig fort: „Frauen sind kokett, Frauen haben Launen. Du bist alles andere als kokett, und ich habe dich noch nie launenhaft gesehen. Mit dir kann man Pferde stehlen. Beneidenswerter Tonkünstler!“

Sibylle lachte ihn an. „Seit wann bist du so frauenfeindlich? Wenn Elisabeth dich so reden hörte!“

Andreas vollführte eine Armbewegung, die eine Frau namens Elisabeth weit aus seinem Gesichtskreis zu schieben schien.

„Habt ihr euch etwa gestritten?“ fragte Sibylle ahnungsvoll.

„Sie ist nach Berlin gefahren“, gestand Andreas. „Beim Abschied sagte sie, sie hoffe mich nie im Leben wiederzusehen.“

„Ach, Andi! Und ich glaubte, ihr wolltet heiraten. Arme Elisabeth!“

Sibylle sah die kleine, dunkellockige Malerin vor sich, wie sie vor der Staffelei stand und ihr ungebärdiges Temperament in leuchtenden Farbklecksen auf expressionistische Manier austobte. Seitdem sie Andreas auf einem Faschingsfest begegnet war, hing sie ihm blindlings an, und es hatte den Anschein gehabt, als sei auch er — —

„Es ist immer das gleiche“, unterbrach Andreas ihre Gedanken, „die wenigsten Frauen können Maß halten. Am liebsten fräßen sie uns mit Haut und Haar. Männer wollen zuweilen alleingelassen werden. Als ich dies Elisabeth klarzumachen versuchte, behauptete sie, ich liebe sie nicht mehr. Ich nannte sie eine dumme Gans. Ein Wort gab das andere, und da es nicht der erste Streit dieser Art war —“

Er drückte grimmig seine Zigarette aus. „Noch einen Vermouth, altes Mädchen?“

„Um Gottes willen, nein!“ Sibylle warf einen erschrockenen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich muß nach Hause. Wenn Alexander sein Mittagessen nicht pünktlich bekommt, wird er fürchterlich wie der Amtsgerichtsrat. Eigentlich wollte ich ins Geschäft, um zu fragen, ob etwas verkauft worden sei.“

„Wieder mal Ebbe?“ grinste Andreas teilnahmsvoll.

„Ein chronischer Zustand, an den man sich trotzdem nicht gewöhnt. Gehen wir durch die Arkaden?“

Sie liebten beide die Arkadengänge, die den Hofgarten von zwei Seiten umschließen, mit dem warmen, pompejanischen Rot der Wände und den Fresken, die in verblichenen Farben sehr bevölkerte Bilder aus Bayerns Geschichte darstellen. Da war beispielsweise Herzog Ludwig des Reichen Sieg bei Giengen im Jahre 1462. Sibylle wußte nicht, wo Giengen gelegen war, noch, wen Ludwig der Reiche besiegt hatte. Auf jeden Fall hatte er es unter einem gewaltigen Aufwand an bäumenden Rossen, schimmernden Rüstungen und wallenden Federn getan. Der Krieg schien im Jahre 1462 eine sehr prunkvolle Angelegenheit gewesen zu sein.

Am Odeonsplatz verabschiedeten sie sich.

„Lili befindet sich mal wieder in Reparatur“, sagte Andreas, „sonst würde ich dich nach Hause fahren. Es ist ein Kreuz mit den Weibern!“

Sibylle gab ihm die Hand. „Servus, Andi. Überleg dir’s noch mal mit Elisabeth!“

„Grüß den Tonkünstler!“ rief Andreas. Er winkte ihr nach, während sie auf der Plattform der Straßenbahn davonfuhr; seine kirschrote Krawatte wehte, weithin sichtbar, im Winde.

Als Sibylle die Treppen zur Wohnung hinaufhastete, hörte sie Alexander üben. Gott sei Dank, er hatte sie noch nicht vermißt! Aufatmend verlangsamte sie den Schritt. Hinter der Tür von Amesmeiers im zweiten Stock erscholl wütendes Kindergeschrei, aus allen Wohnungen drangen Küchendüfte und vermischten sich zu einem unbeschreiblichen Ganzen, darüber der Geruch siedenden Krautes schwebte, wie eine triumphierende Fanfare.

Dem Treppenhaus mit seinen knarrenden Stufen, den gelb gestrichenen Wohnungstüren und den bunten, im wildesten Jugendstil bemalten Fenstern, konnte selbst Sibylle nicht den bescheidensten Reiz abgewinnen. Es war jedesmal, als betrete sie eine selige Insel, wenn sie die eigene Tür hinter sich schloß.

Sie warf Mantel und Hut ab und entzündete in der Küche die Gasflamme unter der am Morgen vorbereiteten Suppe. Kochen gehörte nicht zu Sibyllens starken Seiten, sie fand Essen unwichtig und begriff nicht, wie jemand viel Aufhebens davon machen mochte. Zu der Zeit, da sie nach dem Tode des Vaters als Kunstgewerbeschülerin ein möbliertes Zimmer bewohnte, hatte es ihr nichts ausgemacht, tagelang von Brot und einem Viertel billigen Aufschnitts zu leben.

Nicht so Alexander! An die zarten Braten und erlesenen Gemüse im Hause Birk gewöhnt, legte er großen Wert auf eine gepflegte Küche. Das Essen und seine Beschaffenheit war ein wunder Punkt in ihrer Ehe. Es kam auf die jeweilige Stimmung an, ob Alexander Sibyllens kochkünstlerische Erzeugnisse mit der Miene des stillen Dulders herunterschlang, oder aber mit verletzendem Hohn Vergleiche zwischen Beefsteaks und alten Schuhsohlen anstellte.

Gefolgt von Polster, trug Sibylle das Geschirr ins Atelier und deckte den Tisch vor dem Récamiersofa.

Pulsuz fraqment bitdi.

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