Kitabı oxu: «Der Untergang des Abendkleides»

Şrift:

Ella Carina Werner

Der Untergang des Abendkleides


Ella Carina Werner

wuchs in Ostwestfalen als Tochter einer Bauchtänzerin und eines Psychologen auf. Seit 2016 ist sie Redakteurin des Satiremagazins Titanic in Frankfurt am Main und betreibt die Lesebühne »Liebe für alle« in Hamburg, wo sie mit ihrer Familie lebt. Außerdem schreibt sie regelmäßig humorvolle Texte für das Missy Magazine, die Satireseite der taz, die Frankfurter Rundschau und andere Medien.

Mit ihren komischen Geschichten und politischen Satiren tritt sie im deutschsprachigen Raum auf. 2011 war sie Mitbegründerin und ist seither Mitorganisatorin des »Diary Slam«, des ersten deutschen Tagebuch-Wettlesens, in Hamburg.

2012 erschien ihr autobiografischer Roman »Die mit dem Bauch tanzt. Eine ostwestfälische Familiengeschichte« bei Ullstein sowie 2017 »Rastavati«, gemeinsam mit Jutta Weber, bei Rowohlt.

E-Book-Ausgabe September 2020

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2020

www.satyr-verlag.de

Cover: Katharina Greve, Berlin

Korrektorat: Jan Freunscht

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

E-Book-ISBN: 978-3-947106-49-3

Inhalt

Vierzig

Menschen

Der schönste Tag

Menopause Turbosause

Pro und Kontra

Theater mit Tante

Das hält die Liebe jung

Sommerbalkonweingeschichte

Junge deutsche Männer

Ein guter Abgang

So wird das Matriarchat

Enten

Gedankenspiel

Zack bumm

Mein Steuerberater, die Ehe und ich

Dicke, haarige Hamster

Hinter den Fensterscheiben

Lachen

Trinke, Liebchen, trinke

Ding dong

Mutter, Schwester, Kind

Welches Tier wären Sie am liebsten?

Draußen heulen die Heringe

Finnland, erwache

Liebeslied

Das letzte Kind

Beim Frauenarzt

Gute Vorsätze

Fünfundneunzig Prozent

Wo es wehtut

Lebensfreude

Seltener Besuch

Danke, danke!

Fanny Müller gewidmet

Vierzig

Gut, dass ich bald vierzig bin. Mit vierzig kann man Dinge tun, die man sich mit zwanzig nicht traut. Zum Beispiel Tassen mit passenden Untertassen kaufen. Ich liebe Tassen mit passenden Untertassen, aber sag das mal mit zwanzig den Leuten in deiner verranzten WG-Küche.

Mit vierzig kann man sich um die Rente sorgen. Den ganzen Tag um die Rente sorgen, herrlich. Mit zwanzig kann man das nicht, da wäre man sogar aus der Jungen Union rausgeflogen.

Mit vierzig kann man unbehelligt seine Träume träumen, von einer Karriere als Primaballerina oder Klaviervirtuosin, und niemand ruft: »Ja geil, mach doch! Die Welt steht dir offen.«

Mit vierzig steht dir die Welt überhaupt nicht mehr offen, das ist das Gute. Das nimmt den Druck raus, entspannt.

Mit vierzig muss man nicht mehr »fuckable« sein. Verflucht, war das anstrengend, immer dieses »Fuckable«-Sein, in den Schulpausen, in der Unimensa, auch wenn es das Wort früher noch gar nicht gab. »Bumskompatibel« hieß das damals, wenn ich mich recht erinnere: »Ella, du musst bumskompatibel sein«, lagen mir meine Tanten in den Ohren, jeden Tag.

Mit vierzig muss man als Frau nicht mehr andauernd nach einem Stift suchen. Den kann man sich jetzt unter die Brust klemmen, und er fällt nicht mehr runter. Das ist praktisch. Alternativ geht auch eine Filterzigarette oder ein Schokoriegel. Man kann auch zwei Stifte nehmen, um sich von anderen abzugrenzen. »Oh, da kommt Ella Carina Werner, die mit den zwei Stiften«, wird es von überall tönen.

Mit vierzig kann man Foxtrott tanzen und makellos Bridge spielen. Dafür braucht man keinen Kurs zu belegen, das kann man dann von selbst.

Mit vierzig kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Partner angeln, so wie diese coole Sau Brigitte Macron. Mit zwanzig ist das nach unten hin begrenzt.

Zwanzig war schlimm. Ich darf gar nicht daran denken. Mit zwanzig musste man immer Tomate-Mozzarella zu Partys mitbringen, sonst kam man gar nicht rein. Tablettweise aufgeschichtetes Tomate-Mozzarella, balanciert auf dem Gepäckträger des klapprigen Hollandrads. Fiel das Tablett auf halber Strecke herunter, galt es, die balsamicodurchtränkten Scheiben vom Bordstein zu kratzen, neu zu platzieren und die schwarzen Geröllsteinchen als grobkörnigen Pfeffer auszugeben.

Mit zwanzig muss man Sachen sagen wie »Portugal soll echt schön sein«, »Schon mal Rucola gegessen?« oder »Wie geil ist das denn!«. Mit vierzig muss man überhaupt nichts mehr sagen. Mit vierzig sitzt man einfach da, schädelt einen Eierlikör nach dem anderen, studiert die ZEIT-Bildungsreisen-Angebote und wartet auf den Tod. Okay, das habe ich auch schon mit zwanzig gemacht, aber jetzt ist es legitimiert.

Mit vierzig sind viele große Fragen oftmals schon gelöst. Zum Beispiel die Verhütungsfrage.

»Pille? Spirale?«, fragt mein 25-jähriger Fantasieverehrer.

»Nee, FUB. Finale Unfruchtbarkeit.«

»Wie geil ist das denn!«, ruft der Grünschnabel. »By the way, hast du schon mal Rucola gegessen?«

Mit vierzig muss man nicht mehr seine Eltern brauchen. Die brauchen jetzt dich. Guter Egoschub.

Mit vierzig kriegt man die ganzen guten Charakterrollen, in Spielfilmen und auf Familienfeiern.

Mit vierzig darf man die Dinge verniedlichen, darf »Stößchen« sagen und »Weinchen« und »noch ein Weinchen« und »Nahostkonfliktchen«.

Mit vierzig kann man alles, aber wirklich alles auf die nahenden Wechseljahre schieben, auch die neue SPD-Mitgliedschaft.

Mit vierzig kann man einen Platz im Seniorenstift vorreservieren. Das ist albern, aber immer noch weniger albern, als ungeborene Kinder in Kitas anzumelden.

Ab vierzig ist jede Geburtstagsfeier ein Bergfest.

Mit vierzig kann man in der Schweiz Sterbehilfe beantragen.

Mit vierzig ist man so alt, wie Marilyn Monroe nie war.

Mit vierzig kann man zu Fasching als Ursula von der Leyen gehen oder Ulrike Meinhof.

Mit vierzig muss man nicht mehr Cola-Rum trinken. Mit vierzig lässt man die Cola einfach weg.

»Ella, was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag?«, fragt meine Schwester. Meine Schwester ist noch jung, sechsunddreißig.

»Stifte. Nur Stifte«, sage ich gedankenschwer. »Am liebsten zwei silberne Füllfederhalter. Und Schokoriegel, Filterzigaretten, eine Meinhof-Perücke und ein Fläschchen Rumchen.«

Herrlich. Ich freue mich darauf. Nur noch ein paar Tage.

Menschen

Es ist wahr: Lustige Geschichten sind umso lustiger, je grantiger und misanthropischer sie sind. Grummelige Griesgrame, Sauertöpfe, Menschenhasser – so lustig!

Das ist mein Problem. Ich mag Menschen. Ich mag den jungen Mann mit dem Seitenscheitel, die alte Frau mit den hängenden Mundwinkeln und den Rentner mit dem stechenden Blick, der mich stumm in der S-Bahn fixiert.

Herrgott, ich mag sie! Sie sehen mich an, und ich mag sie. Sie reichen mir die Türklinke, und ich mag sie. Sie verkaufen mir ihre S-Bahn-Tageskarte 20 Cent billiger, und ich liebe sie.

Andere mögen Reptilien oder Starkbier, ich Menschen.

Ich mag ihre Augen, Zehen und Ohren, die knolligen Nasen, ihre Bauchnabel und die Fusseln in ihren Bauchnabeln auch. Ich mag, wie sie gucken. Wie sie aussehen gleich nach dem Aufwachen. Wie sie ihre Münzen an Fahrkartenautomaten reiben oder ihre Geschlechtsteile.

Wie sie sagen: »Ich muss mich mal kurz entschuldigen.«

Wie sie reden, wenn sie betrunken sind. Wie sie reden, wenn sie nicht betrunken sind. Ihre traurigen Lieder. Ich mag sie. Sogar in Internetforen. Sogar im Flixbus bei Nacht.

Ich mochte meine Lehrer. Immer. Alle. Sogar meine Sportlehrer. Das ist doch nicht normal. Stets versuchte ich, sie nicht zu mögen, aber sobald mir einer von ihnen Hilfestellung am Doppelreck gab, dachte ich: Hey, er gibt mir Hilfestellung, das ist aber nett.

Ich mochte alle meine Vermieter. Und die Frauen der Vermieter, auch wenn die meist gerade mit irgendeinem jüngeren Handwerker durchgebrannt waren. Und die Makler. Himmel, den Makler nicht auch noch, dachte ich jedes Mal. Aber immer wenn mich einer von ihnen ansah mit seinen eitertriefenden Axtmörderaugen, von Apfelkorn und einsamen Wichsnächten gezeichnet, schloss ich ihn in mein Herz.

»Die Wohnung kostet siebenhundert kalt. Staffelmiete nach Paragraf 557a«, sagte sein Mund.

»Niemand wird später mein Grab besuchen«, entgegneten seine Augen. Ich unterschrieb den Mietvertrag und gab noch etwas Trinkgeld.

Ich mag alle. Selbst meine Eltern. Nie habe ich sie gehasst.

»Jetzt hass doch mal deine Eltern«, nölten meine Schulkameraden immer, wenn wir uns dreckige Elternschwänke im versifften Oberstufenkeller erzählten (es waren so etwas wie frühe Poetry Slams).

»Jetzt hass uns doch mal«, ermutigte mich mein Vater, studierter Psychotherapeut, der wollte, dass ich mich endlich mal »abnabelte«.

Ich mag meine Kinder, alle beide, auch im Dämmerlicht morgens um fünf, wenn sie mir mit den kleinen Fäusten auf die Stirn hämmern. Ich mag, wie arglos sie dabei gucken. Ich mag ihre übergroßen Kinderköpfe, und die Lehrer und Ärzte und geldgeilen Kieferorthopäden meiner Kinder mag ich auch.

Was soll ich machen. Ich mag Rüstungsindustrielle. Ich mag Kohlekraftwerksbetreiber, Insolvenzverwalter, ich mag Hütchenspieler, Fußballfans, Österreicher und sogar Markus Lanz. Ich mag Lateinlehrerinnen und meinen Zahnarzt aus Kindertagen, der stets ohne Betäubung bohrte. Irgendwas hat sich der Mann dabei gedacht.

Gerne würde ich die Menschen ein bisschen weniger mögen. Dann wären meine Texte lustiger. Zum Beispiel dieser. So lustig!

Gerne schriebe ich zum Beispiel eine freche Polemik über Christian Lindner. Wie gern würde ich Lindner verbal massakrieren, so richtig runterputzen. Blödfisch, Holzkopf, Nervensäge! Aber dann stelle ich mir Christian Lindner als Schulbub vor, den kleinen Christian, zwischen seinen hilflosen Händen ein ungeplant steifes Glied. Wie er mit diesen Händen das Glied verzweifelt wieder nach unten drückt, in der Umkleidekabine, drei Minuten vor Beginn des Schulschwimmens; aber nichts da, plopp, schnellt es wieder nach oben, das gottverdammte Stehaufmännchen, auf das bereits die ersten Tränen tropfen, wie in seiner Autobiografie »Der lange Weg zur Freiheit« beschrieben, wenn ich das nicht irgendwie verwechsele. Da zerfließt mir das Herz.

Immer versuche ich, die Menschen ein bisschen weniger zu mögen. Wenigstens ein paar, wenigstens alleinerziehende Witwen und Bioladenbetreiber mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, weil die eh schon jeder mag, weil die meine Sympathie gar nicht nötig haben. Wenigstens Schnaps-an-Kinder-Verkäufer, aber ich kenne keine Schnaps-an-Kinder-Verkäufer, auch wenn viele, zum Beispiel meine beiden Brüder, genau so aussehen.

Ich möchte nicht, dass andere von meiner Menschenliebe erfahren, zum Beispiel meine Arbeitskollegen in der Titanic-Redaktion.

»Hey Ella, wie findest du eigentlich Menschen?«

»Och pfff …«, wegwerfende Handbewegung, Lippen verächtlich verzogen. »Nicht so meins.«

Es heißt, wer Tiere liebt, hasst Menschen.

Und: Wer Menschen liebt, hasst Tiere.

Genau das ist mein Glück. Tiere mag ich nicht so gerne. Wenn ich die auch noch alle mögen würde, das Herz würde mir überlaufen. Tiere sind das Letzte. Wie die schon gucken. Vor allem Enten. Enten könnte ich alle erdrosseln. Je mehr Tiere ich kennenlerne, desto mehr liebe ich Menschen.

Der schönste Tag

Meine Cousine Albertine hat ein Kind geboren. Mutter und ich betrachten das erste Beweisfoto auf dem Handy.

»Wie süß«, sage ich und bekomme glasige Augen.

»Das musst du nicht sagen«, sagt meine Mutter. »Wir sind hier unter uns.«

Sie betrachtet den Bildschirm: »Die roten Flecken, der verbeulte Kopf, ja, gibt’s dafür nicht Photoshop?«

Wir sitzen an Mutters Küchentisch, trinken Tee.

»Mama«, sage ich und rühre in meinem Glas. »Erinnerst du dich eigentlich noch an meine Geburt?«

»Nein«, sagt meine Mutter und schüttelt so energisch den Kopf, dass ihre Ohrgehänge klimpern.

Sie schaut aus dem Küchenfenster in den Nieselregen.

»Doch«, sagt meine Mutter. »Oh doch, doch, doch.«

Sie lehnt sich auf ihrem Küchenstuhl zurück. Ihre Augen sind auf einmal geweitet.

»Na dann. Erzähl doch mal«, stupse ich sie an.

»Nein«, sagt Mutter.

»Och komm, nur ein bisschen«, sage ich. »Das betrifft auch mich. Ich habe auch mitgemacht.«

»Du und mitgemacht?«, ereifert sich Mutter. »Das wüsste ich aber.«

Lange sitzt sie einfach so da, schaut in ihr Teeglas, als ob auf dessen Grund etwas Geheimnisvolles schwimmt.

»Na gut«, sagt Mutter. »Ja, ich erinnere mich.«

Sie senkt die Stimme.

»Es ist November, es ist Nacht. Durchs Fenster schimmert der Vollmond. Ich liege so da. In diesem blütenweißen Kreißbett. Mit vollem Bauch. Darin steckst nämlich nicht nur du, sondern auch ein komplettes Käsefondue. Appenzeller, junger Gruyère, ich weiß es noch wie heute. Wir hatten am Abend bei den Nachbarn gefeiert, es war zwei Wochen vor dem Termin. Ja, hätte ich denn ahnen können, dass du schon kommst? Sonst warst du ja immer eher fürs Trödeln, Stichwort Uniabschluss. Bei Gott, dieses Käsefondue war wirklich eine Wucht. – Wo war ich noch mal? Ach ja. Die ersten sachten Wehen sind bereits verebbt, keine große Sache. Zwei Hebammen sitzen gelangweilt in der Ecke, spielen Bridge. Der Arzt ist eine rauchen. Wir warten. Und warten und warten, während ich darüber brüte, was schlimmer ist: das Warten oder dieser schlecht geschnittene Gebärkittel, den ich tragen muss. Ab und an linse ich quer durch den Kreißsaal zum anderen Kreißbett, zu dieser dauergrinsenden Rotblonden. Mehrfachbelegung, das war ja damals so, aber da tut sich auch nichts. Nach Mitternacht warten wir immer noch, hier und da eine mickrige Wehe, mehr nicht. Dann flößt mir eine der Hebammen ein Mittelchen ein. So einen süßlich schmeckenden, wehenfördernden Saft. Und dann kommt es raus.«

»Du meinst, ich?«, frage ich.

»Nein, das Käsefondue natürlich«, sagt Mutter. »Was habe ich gereihert. Quer über das ganze Kreißbett. Die Hebamme flucht, will gerade meinen Kittel abwischen, da kommt sie auch schon. Die erste starke Wehe. Die erste Austreibungswehe, die diesen Namen verdient hat. Hoppala. Das war ein Schmerz, wie soll ich das beschreiben …? Ich könnte mir vorstellen, eine solid gezimmerte Streckbank in einer mittelalterlichen Folterkammer hat denselben Effekt. Doch ehe ich darüber nachdenken kann, kommt auch schon die zweite. Bam bam bam bam bam …«

»Klingt wie Krieg«, sage ich.

»Es ist Krieg«, sagt meine Mutter. »Bei Gott, es ist, als ob du schwer verletzt versuchst, den rettenden Hubschrauber zu erreichen, verfolgt von einem Dutzend Vietcongs. Hast du Platoon gesehen?«

»Mama, du hast Platoon gesehen?«

»Natürlich«, sagt Mutter, »zur Traumabewältigung. Und natürlich gebe ich nicht auf. Ich halte mit allem, was ich habe, dagegen. Da liege ich. Auge in Auge mit dem Russen. Also dem russischstämmigen Arzt, der mittlerweile doch mal eingetrudelt ist und kalt lächelnd am Fuße des Bettes steht. Dr. Karkarow hieß der, hätte aber auch Dr. Guckindieluftkow heißen können oder Meinefingerstinkennachrauchkow, dieser Kurpfuscher.«

»Und dann?«, frage ich.

»Und dann«, sagt meine Mutter, »ist auch schon die dritte Wehe im Anmarsch. Die eine, alles überragende. Die Monsterwehe. Ich spürte sie schon von Weitem. Wie ein Heer spanischer Söldner, ja wie die gesamte deutsche Ostfront bewegt sie sich auf mich zu. Diese gottverdammte dritte. Und ich denke, das war’s jetzt. Das überlebst du nicht. Weißt du, wie es ist, wenn dich eine Handgranate von innen zerreißt? Wie sich ein kalter Entzug nach einer Cracknacht anfühlt?«

»Nein«, sage ich.

»Ich auch nicht«, sagt meine Mutter. »Aber so ungefähr muss es sein.«

»Hattest du denn keine Betäubung?«, frage ich.

»Keine Betäubung«, nickt Mutter und klingt ein bisschen stolz. »Das waren noch nicht diese Wohlfühlgeburten wie heute: PDA, Wassergeburt mit Schaumbad, Duftnote Granatapfel-Limette … Und als ich mich einmal umsehe, zum anderen Ende des Kreißsaals hinüberspähe, durch meinen Vorhang aus schweißnassen Haarsträhnen, sehe ich wieder die Rotblonde, die gerade ihr viertes Kind herauswinkt und zwischendurch noch zu mir herüberlächelt, die Angeberin. Und bei mir ist nichts als die vierte Wehe in Sicht, während am Fenster im selben Moment der Blitz einschlägt … Okay, das Letzte war jetzt hinzugeflunkert, aber nur das. – Kurz, so langsam schlägt mir das Ganze mächtig auf die Laune. So langsam ist da nichts mehr mit klassischer Weiblichkeit, Stichwort Sanftmut. ›Ruhig, ganz ruhig‹, höre ich die Hebammen um mich herum schwadronieren, doch an Ruhe ist nicht mehr zu denken. Ich strample und trete wild um mich. Sooo!«

Meine Mutter tritt gegen einen Küchenstuhl. Der Stuhl fällt zu Boden.

»Alle Achtung«, sage ich.

»Danke«, sagt meine Mutter und rückt den Kragen ihrer Bluse zurecht. »Also, drei Hebammen halten mich fest, das heißt, irgendwann sind es nur noch zwei, der dritten habe ich inzwischen einen Bauchtritt mit der strampelnden Ferse verpasst.«

Mutter sitzt da, die Augen aufgerissen, der Blick seltsam entrückt.

»Mama, alles gut?«

»Unterbrich mich nicht«, bellt sie zurück. »Ich bin gerade so gut drin. Und ich denke, nein, sage, nein, brülle durch den ganzen Kreißsaal, dass es noch von den Neonröhren an der Decke widerhallt: ›Baby, wir werden diesen Krieg nicht verlieren! Ich lebe in einer Welt voller Scheiße, jaaa! Aber ich bin am Leben. Und ich habe keine Angst!‹«

»Krass«, sage ich. »Ist das nicht ein Zitat aus Full Metal Jacket«, denke ich.

»Ja, und dann?«, frage ich.

»Ich sage dir, was dann«, sagt Mutter. »Dann platzt auch noch meine Fruchtblase, oder mein Darm, das ist im Strudel der Ereignisse auch nicht mehr auszumachen. Flüssigkeiten, überall: Blut, Schweiß, Tränen und halb verdautes Käsefondue. Während die Hebamme – so eine dümmliche Dralle mit Schafsaugen, weißt du – sagt, nein, flötet, mit ihrer schönsten Foltermagdstimme: ›Und nun pressen, liebe Frau Werner – pressen!‹ Bei Gott, ich sage dir, ich presse, wie ich nie zuvor im Leben gepresst habe. Ich hätte eine ganze Einbauküche herauspressen können, mit Kücheninsel, wenn das gottverdammte Biest, also du«, Mutter zwinkert mir zu, »sich nicht so störrisch an die Plazenta geklammert hätte.«

»Und der Arzt?«, krächze ich. »Konnte der nicht helfen?«

»Der Arzt?«, hohnlacht Mutter. »Der Trottel feuert mich noch an: ›Sie schaffen das! Ruhig atmen! Und eins und zwei …‹, da brülle ich ihm ins Gesicht: ›Du gottverdammter Höllenhund, verrecke!‹«

»Du gottverdammter Höllenhund, verrecke«, wiederhole ich und präge mir alles gut ein.

»Und Papa?«, frage ich.

Mutter verdreht die Augen. »Der hat sich schon mal voller Vorfreude bei den Nachbarn betrunken, das war ja damals so. Väter waren im Kreißsaal nicht zugelassen. Ich war ihm nicht böse. Irgendwas musste der alte Tunichtgut ja solange machen.«

»Und wann komme ich?«, frage ich.

»Das habe ich mich damals auch die ganze Zeit gefragt«, knurrt Mutter. »Zunächst ist aber noch der Damm gebrochen, beziehungsweise gerissen. Gefolgt von einem ohrenbetäubenden Schrei, ob aus meiner Kehle oder deiner, die du plötzlich irgendwo zwischen meinen Beinen baumeltest. Ja, da warst du.«

»Da war ich«, echoe ich, irgendwie erleichtert.

»›Wenn du dein Baby im Arm hältst, sind alle Schmerzen vergessen‹«, singsangt meine Mutter. »Auch so eine Weisheit. Also bei mir nicht. ›Nie wieder. Nie, nie wieder‹, habe ich nur gestammelt, als ich dich im Arm hielt. Aber das habe ich bei deinen Geschwistern später auch gesagt.«

Mutter trinkt ihren letzten Schluck Tee. Ich fühle mich irgendwie betreten.

»Das tut mir alles sehr leid, Mama«, sage ich und wische mir den Schweiß von der Stirn.

»Das hättest du damals sagen sollen«, schnaubt Mutter, »anstatt auch noch die ersten hundertfünfzig Nächte durchzubrüllen.«

Ihre hellen Augen funkeln mich an.

»Danke für alles«, sage ich reumütig. »Danke, danke, danke.«

»Und ich dachte schon, du würdest es nie sagen«, sagt meine Mutter mit sehr zufriedenem Blick.

Und nun bräuchte sie dringend mal einen Schnaps.

Ich hole kleine Gläser, wir trinken einen Kräuterbitter. Und dann noch einen.

»Soll ich dir was sagen?«, sage ich, schon ein bisschen schnapsselig. »Manchmal, wenn mir das ganze Leben über den Kopf wächst, wünsche ich mich wieder da hinein«, sage ich und zeige auf Mutters Bauch.

»Manchmal, wenn du als Kind mal wieder deine Ausraster hattest, kam mir derselbe Gedanke«, lächelt meine Mutter. »Und willst du auch noch wissen, wie du gezeugt wurdest«, erkundigt sie sich, »jetzt, wo ich gerade so in Fahrt bin?«

Auch wenn das natürlich spannend klänge, sage ich, heute lieber nicht. Ich müsste das eben Gehörte erst mal verarbeiten, so die nächsten sieben, acht Jahre.

»Ein andermal«, sage ich salomonisch. »Ein andermal bestimmt.«

Menopause Turbosause

Freitagabend. Wir hängen in Kirstens Wohnzimmer herum, Kirsten, Lisa, ich und vier leere Flaschen Burgunder. Ich liege in den flauschigen Kissen des Sofas und komme nicht mehr heraus.

»Wie wäre es, wir machen mal wieder was Verrücktes?«, durchbricht Lisa die schläfrige Stille und richtet sich in ihrem Sofakissen auf.

»Was?«, fragt Kirsten. Ihr linkes Auge schimmert durch ihr Weinglas.

»Etwas, das wir schon immer tun wollten«, sagt Lisa. »Etwas, nach dem wir uns immer gesehnt haben.«

»Ein abbezahltes Eigenheim«, haucht Kirsten.

»Globaler Kommunismus«, rufe ich.

Lisa schüttelt den Kopf.

»Wir gründen eine Punkband«, sagt sie. »Das wollten wir doch immer. Damals, in der Schule, da waren wir kurz davor. Bis sich Ella in diesen bibeltreuen Christen verknallt hat, und aus war’s mit dem Traum.«

Kirstens Auge guckt jetzt über ihr Weinglas. Ich sinke noch tiefer in mein Kissen. Die Bandpläne, die hatte ich ganz vergessen. Den bibeltreuen Christen hatte ich auch ganz vergessen, aber jetzt kommt alles wieder hoch.

»Ich bin dabei«, sagt Kirsten und hebt einen Arm. »Ich bin die Sängerin.«

»Ich bin auch die Sängerin«, sage ich.

»Mist. Ich bin auch die Sängerin«, sagt Lisa.

Wir schweigen.

»Ist Punk nicht tot?«, frage ich.

Lisa stellt ihr Weinglas ab. Ihre Wangen geraten ins Glühen.

»Nicht Punk leicht verblühter Akademikerinnen«, sagt Lisa, »die teilweise sogar Kinder haben.«

Was da für Potenzial drinstecke. Für Radikalität, für Wut, für überschüssige Energie, die sich in unseren Texten freisetze und in unseren Kopfsprüngen in die pogende Menge. Ein innerer Aufruhr, der sich in unserem heiseren Brüllgesang Bahn bricht und als wütender Speichel ins Mikro tropft. Der all unsere verworrenen Sehnsüchte herunterbricht in dreckige Dreitonakkorde.

Ob man auch seinen Ärger mit der Autoversicherung in dreckige Dreitonakkorde gießen könne, fragt Kirsten, und Lisa sagt: »Das kann man.«

Wo wir auftreten sollen und in welchen Intervallen, auf welche Körperteile wir die Büroklammern stecken, in welcher Sprache wir singen, ob Deutsch, Englisch oder in irgendeinem radikalen Anarchodialekt, Plattdeutsch oder Nordhessisch, und wer die Instrumental-CD einlegt, wenn wir zu dritt ins Mikro grölen, dass der Speichel spritzt: All das denken wir an, aber nicht zu Ende.

»Wir brauchen Sicherheitsnadeln«, sagt Lisa. »Und wir brauchen richtig steile Iros.«

»Der Punker, den ich mal kannte«, sage ich, »hat seinen Iro immer mit Sperma in Form gebracht.«

Das bringt uns ins Grübeln.

»Wir brauchen Sperma«, sagt Lisa. »Und wir brauchen einen guten Bandnamen, der klassisch-anarchisch ist und doch mit unserer realen Lebenssituation irgendwie verwoben.«

»Eiternde Kaiserschnittnarbe«, schlägt Kirsten vor.

»Tod im Eigenheim«, lege ich nach.

»Kommando Klitoris«, erweitert Lisa die Liste. Lisa sagt, sie habe die aktuellen deutschen Punkbands gegoogelt, Zwangsentsamung hießen die oder Erigiert ist der größer. Nun gälte es, verkrustete patriarchale Strukturen aufzubrechen.

»Oder wie wäre es mit Menopause Turbosause?«

Dann rufen alle durcheinander: Frau Hölle, Blitzkrieg in der Baugemeinschaft, Einstürzende Drittstaaten, Rostige Rosenbüsche, Ausgeleierte Poporitze, Moshende Mütter …

»Mütter, wieso denn Mütter«, mault Lisa. Warum wir sie andauernd diskriminierten, nur weil sie als Einzige von uns keine Kinder hätte. Man könne auch ohne Kinder keine Lebensfreude haben. Man könne auch ohne Kinder richtig scheiße drauf sein.

Ich schließe die Augen. Bildgewaltige Szenen schießen mir durch den Kopf wie der Alkohol durch die Venen. Ja, wir gründen eine Punkband. Wir werden auf rotzigen Festivals spielen, dort, wo die Bratwürste fünfzig Cent kosten und das Bier aus verbeulten Dosen schießt. In rostigen Kupferkesseln blubbert gammeliges Chili sin Carne, während die männlichen Punker uns zaudernd zulächeln. In zerfetzten Leggins und Netzhemden toben wir über die Bühne, und am Ende tritt Kirsten an den Bühnenrand und zeigt allen ihre Kaiserschnittnarbe.

Kirsten holt eine neue Weinflasche, ein guter Grauburgunder.

»Schlechter Grauburgunder«, sage ich, »auch ein guter Bandname.«

Jetzt geraten wir richtig in Wallung. Jetzt ist alles auf einmal klar. Wir werden auf Reisen gehen, in unserem Tourbus, wir sausen durch Rostock, Krakau, Minsk bis hinein in Putins Kreml. Wir werden Sex haben, mit zahnlosen Hausbesetzern und den Leitern der Goethe-Institute, beschwört Lisa.

»Wieso denn Goethe-Institute?«, frage ich.

»Weil eine A-cappella-Punkband von Frauen mit universitärer Bildung total in deren Förderkonzept passt«, erklärt Lisa.

Ob wir nicht lieber die FSJler der Goethe-Institute nehmen könnten, schlage ich vor, und alle sind einverstanden.

Ob ihre Kinder mitkommen dürften, will Kirsten wissen.

»Ja, die Kinder dürfen mit«, sagt Lisa, »aber nur im Gepäckfach.«

Und ihr Mann auch, denn irgendwoher bräuchten wir ja das viele Sperma.

Plötzlich scheint sich alles zu fügen. Plötzlich ist mir klar, warum ich meine Doktorarbeit hingeschmissen habe und warum ich den abgebrochenen Mercedes-Stern am Lederband immer noch besitze. Wir haben genug Kulturjobs gemacht, Windeln gewechselt und Softjazz gehört.

»Ich will nicht mehr jeden Tag die Fußbodenheizung spüren«, verkünde ich, ehe ich mein sechstes Weinglas exe. »Ich will mich nicht mehr fühlen wie in einem Song von Tocotronic!«

»Du hast gar keine Fußbodenheizung«, sagt Kirsten.

»Und natürlich schreibe ich die Texte«, rufe ich, nun kann mich nichts mehr halten.

»Mach richtig dreckige Metaphern rein«, beflügelt mich Kirsten, und Lisa lärmt: »Richtig gute Texte schreiben, das wolltest du doch immer!«

»Das wollte ich immer«, sage ich.

Anarchisches Liedgut spinnt sich in meinem Kopf wie von selbst, Songtitel kommen mir in den Sinn von nie da gewesener Wucht.

»Per Taxi in die Hölle«, »Fußpilz in Flensburg«, »Macht aus dem Staat – Couscoussalat« …

Kirsten sitzt stumm da, schaut auf ihre Socken.

»Eigentlich mag ich den Staat ganz gern«, sagt sie.

»Dumpfbacke«, sagt Lisa. »Das ist doch nur metaphorisch gemeint. Wir wollen aufrütteln, provozieren, sabotieren!«

Ich höre kaum zu, ganze Mitgrölrefrains brechen sich in meinem Kopf Bahn mit ungeahnter Wucht: »Hey, ihr Spießer, unsere Lieder brennen eure Städte nieder«, »Sie fiepen laut, sie kriechen raus – Ratten im Schauspielhaus«, oder Reformhaus? Dürfen sich Punkverse überhaupt reimen? Egal, wüste Liedzeilen fügen sich aneinander, brutaler als Battle-Rap, unappetitlicher als die Geburt meiner Tochter. Und ab und an ein bisschen Diskurs-Punk, aber nur für die Goethe-Institute. Ansonsten: dreckige, eingängige Zeilen, die sämtliche bürgerlichen Werte schreddern.

»Ich mag die bürgerlichen Werte eigentlich ganz gern«, sagt Kirsten.

»Scheiße Mann, ich mag die bürgerlichen Werte auch ganz gern«, sagt Lisa. »Das kann ja ruhig deine faschistische Privatmeinung sein, das musst du ja nicht gerade ins Mikro grölen.«

Kirsten sagt, Lisas Ton sei ihr jetzt zu schroff. Gewalt befürwortende Songtexte gern, aber in dem Ton nicht untereinander. Und wenn sie darüber nachdenke, sei es ihr irgendwie doch zu intim, wenn Lisa und ich das Sperma ihres Mannes im Haar trügen. Überhaupt sei sie sich gerade gar nicht mehr so sicher. Wie solle das mit der Tournee denn laufen, ihre Söhne müssten dienstags zum Hockey.

»Dann nehmen wir halt Analogsperma«, lenkt Lisa ein. »Dann kommt der Hockeylehrer halt mit. Jetzt darf nicht alles wieder platzen. Jetzt, wo wir so weit sind.«

»Analogsperma«, rufe ich. »Auch ein guter Bandname!«

»Wir kündigen unsere Jobs«, glüht Lisa. »Wir kündigen die Kitaplätze, den Generationenvertrag und den bürgerlichen Wertekanon. Fangen wir einfach an.«

»Jetzt gleich?«, frage ich. Lisa nickt. Sie habe dieses Wochenende sonst nichts Wichtiges vor.

»Okay«, sage ich.

»Okay«, sagt Kirsten. »Fangen wir damit an, Löcher in unsere Strickjacken zu schneiden.«

Ich stehe auf, wanke durchs Wohnzimmer.

»Weißt du, wo die Küchenschere liegt?«, ruft Kirsten.

»Ich glaube schon«, sage ich.

Pro und Kontra

Ich war neulich bei meinem 20-jährigen Abijubiläum, und es war richtig nett. Es war nicht mehr dieses Herumgepose wie vor zehn, fünfzehn Jahren, als alle noch beim Sortieren und Ankommen waren. Alle waren inzwischen irgendwo angekommen, wie fragwürdig auch immer. Die Dinge hatten sich ein wenig gesetzt. Wer jetzt kein Kind hatte, gebar keines mehr. Wer jetzt noch rauchte, tat es für immer. Wer jetzt eine nette Ehefrau hatte, verließ sie erst in fünf bis zehn Jahren. Einträchtig stand man beisammen, freute sich, dass man noch am Leben war, und nuckelte an seiner Flasche Herforder Pils.

»Und, Ella, was machst du noch mal?«, fragte Jörn, der draußen zwischen mir und dem Standaschenbecher stand. Wir rauchten. Hinter uns der geräumige Gasthof, in dem die Feier stieg, vor uns der nachtschwarze, westfälische Acker, der sich endlos vor unseren Füßen ausrollte bis zum Horizont.

»Bist du nicht Analytikerin?«

»Satirikerin«, sagte ich.

»Oho«, sagte Jörn.

Er blies den Rauch seiner Zigarette aus in kleinen, schnellen Stößen.

»Also … bist du links?«, fragte er.

»Hm. Schon«, sagte ich.

»Wow«, sagte Jörn. Danach schwieg er eine Weile, sog gedankenvoll an seiner Zigarette, Marke Benson & Hedges.

Dann, sagte Jörn, hätte ich vermutlich eine ganz andere Weltsicht als er. Dann, sagte er, dächte ich in vielen Dingen des Lebens quasi konträr zu ihm.

Das sei möglich, sagte ich.

Das sei fantastisch, sagte Jörn und strahlte mich an.

Ich müsse wissen, seit seinem Studium der BWL und dem ersten Job in der Investmentberatung hätten immer alle dieselbe Weltsicht wie er. Ganz genau dieselbe. Sogar sein fünfjähriger Sohn spare schon sein Taschengeld für einen BMW. Immer alle d’accord, immer alle auf einer Linie, sagte Jörn mit Bedauern in der Stimme. Da erweitere man ja niemals seinen Horizont.

»Für einen Investmentberater bist du richtig reflektiert«, sagte ich.

Das sei er, nickte Jörn. Und ich herrlich schön frech. Ah, das habe ihm die letzten Jahre, ach was, Jahrzehnte, so manches Mal gefehlt. Einmal infrage gestellt zu werden, einmal kontra zu bekommen, wie sehr er sich danach sehne.

Er sah mich an.

»Wir können uns streiten, Ella«, sagte Jörn. »Pro und Kontra, Rede und Gegenrede, hier und jetzt.«

»Okay«, sagte ich.

»Sag mal was«, sagte Jörn.

»Was?«, fragte ich.

»Egal«, präzisierte Jörn. Es interessiere ihn alles. »Greif irgendwas heraus aus der Fülle an Themen.«

Ich entfachte eine neue Zigarette und sagte, die Fülle an Themen würde mich grundsätzlich eher überfordern.

»Dann«, sagte Jörn und raufte sich das dunkle Haar, das auch schon mal voller war: »Sag: Wie findest du Autos?«

Er sah mich erwartungsvoll an.

Jetzt musste ich liefern. Ich wählte meine Worte mit Bedacht.

»Autos sind scheiße«, sagte ich. »Alle abschaffen. Alle ab in die Schrottpresse.«

»Autos … scheiße … alle abschaffen«, wiederholte Jörn. »Unfassbar! Als wäre das so einfach. Als ob da nicht die ganzen Arbeitsplätze dranhingen und die gesamte deutsche Volkswirtschaft.«

Er nahm aus seiner Benson & Hedges einen kräftigen Zug.

»Und Mindestlohn, wie findest du den?«

»Ab 20 Euro okay«, sagte ich.

»20 Euro«, staunte Jörn und schlug sich gegen die Stirn.

»Nein wie herrlich, nein wie realitätsfern«, sagte er und lachte leise in sich hinein. Als sei das nicht Ausweis reinsten Unwissens, ja kompletter Ignoranz.

»Und Flüchtlinge?«, fragte er. »Was sagst du zu den vielen Flüchtlingen?«

»Zu den Flüchtlingen sage ich Geflüchtete«, sagte ich.

»Geflüchtete«, rief Jörn. »Köstlich! Sagt man das so in der Antifa? Salbadert man so in der taz? Und was tun, deiner Meinung nach, mit den vielen Geflüchteten?«

Ich durfte ihn nicht enttäuschen.

»Alle reinlassen«, sagte ich.

»Alle reinlassen, fantastisch«, gluckste Jörn.

Langsam begann das Gespräch, richtig Spaß zu machen. Langsam begann auch ich, endlich einmal wieder zu fühlen, wer ich war und wo ich stand. Das war mir sonst nur selten klar, daheim bei meinen Leuten, in meiner vertrauten Welt.

»Und Walfang, was sagst du dazu?«, durchbrach Jörns übersprudelnde Stimme meine Gedanken.

»Nicht so toll«, sagte ich.

»Okay, finde ich auch«, murmelte er enttäuscht.

Dann fiel ihm etwas ein: »Aber wenn das Arbeitsplätze schafft?«

»Spielt keine Rolle!«, rief, nein, verkündete ich, spieh jede Silbe in den Nachthimmel. So langsam kam ich in Fahrt.

»Spielt keine Rolle«, japste Jörn. »Großartig, ja komplett krank. Was für ein Gespräch!«

Es war wirklich ein tolles Gespräch, das muss ich sagen. Wir hatten uns nichts zu sagen, aber das immerhin diametral.

Es war erstaunlich: Bei Tageslicht hätten wir uns gehasst, im Alltag wären wir uns seit dem Abitur nie mehr über den Weg gelaufen, außer vielleicht beim TÜV, aber hier und jetzt standen wir Seite an Seite, zwei Antipoden, vereint in Differenz, und sahen gemeinsam über den endlosen Acker bis zum Horizont. Der sich, so war es schemenhaft zu erkennen, in diesem Moment noch weiter ausdehnte, immer weiter, unendlich weit, ob bedingt durch literweise Pils oder dieses Gespräch, war nicht zu unterscheiden.

Ich dachte daran, den Arm um Jörns Schulter zu legen, aber ich tat es nicht.

»Ella, sieh auf den Acker«, sagte Jörn, wobei seine Stimme ein leichtes Crescendo hinlegte. »Schau genau hin. Was siehst du?«

»Monokultur«, sagte ich mit Grabesstimme. »Pestizide. Insektensterben. Vanitas.«

»Und ich den Technologiepark, der hier bald gebaut wird«, jubelte Jörn. »So verschieden sind wir. Du Destruktion, ich Konstruktion. Du billige Zigaretten, ich gute Zigaretten. Du Rosa Luxemburg, ich Jeff Bezos!«

Während ich noch versuchte, die beiden Genannten im Geiste zusammenzubringen, riss Jörn bereits beide Arme gen Himmel: »Ella, deine bloße Gegenwart irritiert und inspiriert mich zugleich. Deine herrlichen Denkfehler. Dein komplettes Unwissen. Deine hammergeile«, er sagte wirklich hammergeile, »Ignoranz. Jedes deiner Worte, jeder deiner Blicke, deine selbst gedrehten Ökokippen, ja sogar deine schlecht gefilzte Umhängetasche schreien mir ins Gesicht: Ich weltfremde Gutmenschtante verachte Leute wie dich!«

»Du lieber Himmel, du bist wirklich total bekloppt«, hauchte ich. »Ich verstehe dich nicht. Nichts an dir leuchtet mir ein.«

»Ich dich auch nicht«, strahlte Jörn.

»Oh, hallöchen, ihr beiden.«

Es war der nette Branko aus der Theater-AG.

»Na, was treibt ihr beiden denn so?«, fragte er, während er aus der Tasche seines Anoraks eine Schachtel Zigaretten herausfischte.

»Horizonterweiterung«, rief Jörn. »Zwiesprache. Neue Perspektiven gewinnen.«

»Wir quatschen hier gerade total konträr über die großen gesellschaftlichen Fragen«, krähte ich.

»Ist super«, riefen wir beide im Chor. »Mach mit. Erzähl uns von dir. Wer bist du? Wo stehst du? Was willst du vom Leben?«

Branko entzündete eine Camel und sagte, er arbeite als Berufsschullehrer, spiele Tuba in der Kirchenkapelle, engagiere sich ehrenamtlich bei den Johannitern, fahre einen schmucken Audi A8 und wähle CDU oder auch mal die Grünen. »Reicht das?«

»Uff«, sagte ich.

»Ach du Scheiße«, sagte Jörn und kratzte sich am Kopf. »Das passt jetzt leider gar nicht. Audi A8 und Helfersyndrom zugleich, und dann noch deine Balkanwurzeln, das ist zu mehrdimensional, wo sollen wir dich einordnen?« Das brächte alles durcheinander. Das würde hier noch mal ganz neue Fässer aufmachen.

»Und dann noch Camel-Zigaretten«, stöhnte Jörn. »Die konturloseste Marke der gesamten Tabakindustrie!«

Er sah sich um.

»Hey Branko, guck mal, die Tina. War das nicht deine Jugendliebe? Geh doch mal Hallo sagen«, sagte er und schob Branko ein Stück von uns weg.

»Und Tempolimit, wie findest du das?«, erkundigte sich Jörn, als Branko wieder verschwunden war, aber seine Stimme klang nun schon etwas träger. Das Gespräch hatte ein Stück an Schwung verloren. Frauenquote, Grundrente, die Vor- und Nachteile von Atomkraft, all das rissen wir noch halbherzig an. Ausgelaugt, aber auch zufrieden umarmten wir uns nachts um drei. Dann trennten sich unsere Wege.

Theater mit Tante

Ab 23 Uhr ist mit den Menschen nicht mehr viel los, vor allem in der U-Bahn. Gesichtszüge entgleiten. Oberkörper verlieren an Spannkraft. Schultern sacken gegen Fenster. Wildfremde Menschen schmiegen sich aneinander. Niemand sitzt mehr kerzengerade, außer meine Tante.

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, sagt meine Tante auf dem Sitz neben mir und zupft an ihrem Abendkleid, dessen glänzender Saum den Boden streift.

Das Theaterstück, nun ja, es habe ihr schon ganz gut gefallen. In der Dramaturgie bestünden jedoch einige Mängel. Die Figurenkonstellation sei schwach gewesen und die Handlungsschritte nicht immer klar motiviert.

»Wie hieß das Stück noch gleich?«

»König der Löwen«, sage ich müde und spähe durchs Fenster, über die nachtschwarze Elbe.

»Und dieser junge Protagonist«, sagt meine Tante, »dieser adoleszente Löwe namens Simba war auch etwas eindimensional.«

Meine Tante ist Gymnasiallehrerin. Pensionierte Gymnasiallehrerin, das muss man wissen.

»Es ist ein Musical«, sage ich.

Das spiele keine Rolle, erklärt meine Tante. Bühnenaufführung sei Bühnenaufführung und müsse sich beweisen. Sie bleibe dabei: Einzelne Handlungsstränge seien unverständlich, ja komplett entbehrlich gewesen, genau wie dieses quälende Popcorngeraschel hinter uns.

»In den meisten deiner Opern ist die Handlung auch unverständlich«, sage ich.

»In den meisten Opern ist der Eintritt wenigstens so teuer, dass man sich die Frage gar nicht stellt«, kontert meine Tante. »Und auch dieser Gegenspieler, dieser Scar! Himmel, so durchschaubar wie die Witze in der Damenkloschlange.«

Apropos, eine so vollgepinkelte Klobrille habe sie seit der Uraufführung der Iphigenie in der Staatsoper nicht mehr gesehen.

Uns gegenüber sitzt ein älteres Paar in komplementärfarbenen Multifunktionsjacken. Die Frau umklammert ein Königder-Löwen-Programmheft, blickt uns wortlos an.

»Warum waren wir noch mal da drin?«, erkundigt sich meine Tante.

»Ein Freund arbeitet da und hat mir die Karten geschenkt«, spule ich zum dritten Mal ab. Einmal im Jahr machen meine Tante und ich einen »kulturellen Abend«, nur wir zwei. Die restlichen 364 Tage muss ich mich davon erholen.

»Und leider, leider war das Stück auch sehr epigonal«, stoßseufzt meine Tante. »Dasselbe Motiv des Brudermordes gibt es bereits bei Hamlet. Das muss man doch im Programmheft kennzeichnen.«

Aber gut, all die literarischen Referenzen seien ja auch erfrischend. Das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis, herrlich, genau wie bei Kafka. Aber keine Verweise auf Schillers Räuber.

»Warum eigentlich nicht?«

Neugierig schaut meine Tante in die Runde. Die Frau gegenüber versteckt den Kopf hinter ihrem Programmheft.

»Vor allem dieses alberne Warzenschwein, dieser Pumba«, fährt meine Tante unbeirrt fort, »war doch ein wenig zu typisiert. Immer nur fröhlich, das ist doch niemand, außer diese Grinsekatze Markus Lanz. Und überhaupt, die moralische Essenz des Stücks, dieses ›Hakuna Matata‹, es gibt keine Probleme: Komisch eigentlich, dass das beim deutschen Publikum so gut ankommt. Dass wir, die wir jahrelang über die sogenannte Flüchtlingskrise gejammert haben, jetzt hier ›Hakuna Matata‹ im Takt mitklatschen – wenn es wenigstens im Takt gewesen wäre! –, ist doch ein wenig albern.«

»Die Fahrkarten bitte.«

Ein sehr großer Mann mit sehr großem Schnauzbart ragt plötzlich neben uns auf. Sein Brummbass erfüllt das Abteil. Ein angeklipptes Namensschild weist ihn als Kontrolleur aus.

Ich zeige meine Monatskarte, das Pärchen zeigt seine Wochenkarte, meine Tante ihr König-der-Löwen-Ticket.

»Die Fahrkarte bitte«, wiederholt der Kontrolleur. »Das ist nur eine Eintrittskarte.« Sein buschiger Schnurrbart wackelt bei jedem Wort.

»Huch«, sagt meine Tante. »Nur eine Eintrittskarte? Na so was. Ich dachte, da sei die Hin- und Rückfahrt mit drin.«

»Nope«, sagt der Kontrolleur.

»Bei der Staatsoper und dem Schauspielhaus ist das Bahnticket aber immer mit drin«, ereifert sich meine Tante. »Ich gehe normalerweise nämlich gar nicht in Musicals. Das populäre Musiktheater ist nicht ganz meine Welt, müssen Sie wissen. Das ist mir ein Tickchen zu unterkomplex. Also wenn Sie dann mal weiterwollen …«, sagt meine Tante und legt den silbergrauen Kopf leicht schräg, auf den Lippen ihr schönstes Jungmädchenlächeln.

»Dann steigen Sie beim nächsten Halt mit aus«, sagt der Kontrolleur. »Dann brauche ich Ihre Personalien.«

»Wie? Was?« Das Lächeln meiner Tante entgleist.

»Sie fahren schwarz«, fasst der Kontrolleur die Sachlage zusammen. »Das macht 60 Euro, plus eine namentliche Registrierung. Strafgesetzbuch, Paragraf 265a.«

»Ich und schwarzfahren?«, entfährt es meiner Tante. »Ich bin noch niemals schwarzgefahren. Ich habe noch nie etwas Illegales getan, außer Antidepressiva rezeptfrei aus Rumänien zu bestellen. Sehe ich etwa aus wie ein Schwarzfahrer? Wenn jemand kein Schwarzfahrer ist, dann ich!«

»Wer sieht denn dann aus wie ein Schwarzfahrer?«, fragt der Kontrolleur.

»Na, der da«, sagt meine Tante und zeigt auf einen friedlich dösenden Lederjackenträger einen Vierersitz weiter.

»Oder der«, ihr Zeigefinger weist auf einen jungen Mann mit fettigem Haar und Sporttasche.

So langsam wird die Situation etwas unangenehm.

»Komm, Tantchen, ist schon okay«, zupfe ich sie am Ärmel ihres Boleros. »Kann jedem passieren. Bei der nächsten Station steigen wir …«

»Mein Mann ist Arzt!«, wirft meine Tante argumentativ in die Waagschale.

»Aha«, entgegnet der Kontrolleur und verschränkt die Arme.

»Genau genommen Augenarzt«, verbessert meine Tante. »Mit eigener Praxis. Er praktiziert noch. Wenn Sie mal zu einer Untersuchung vorbeikommen möchten, natürlich kostenlos …«

»Soso«, sagt der Kontrolleur. »Das macht dann 1.500 Euro wegen versuchter Bestechung eines städtischen Mitarbeiters. Paragraf 334«, erklärt der Kontrolleur die veränderte Sachlage.

Meine Tante wird kreidebleich.

»Nur Spaß«, sagt der Kontrolleur. »Aber beim nächsten Halt steigen Sie mit aus. Personalien aufnehmen, 60 Euro Bußgeld, da kommen wir nicht drum herum.«

Meine Tante hockt da, inzwischen nicht mehr ganz so aufrecht, eher in sich zusammengesunken wie eine verletzte Amsel.

Doch dann, wie von einem Marionettenspieler an Schultern und Kopf hochgezogen, richtet sie sich wieder auf. Drückt den Rücken durch, reckt das gepuderte Kinn, fixiert ihren schnauzbärtigen Widerpart und erhebt sich von ihrem Sitz, während die U-Bahn bremst.

»Jetzt hören Sie mir einmal zu«, sagt meine Tante mit bebender Stimme. »Jetzt schauen Sie mich einmal an. Ich bin eine Frau. Ich bin über sechzig. Ich trage handgenähte Pumps. Ich bin das Gegenteil eines klassischen Schwarzfahrers. Ich bin Lehrerin. Pensionierte Gymnasiallehrerin, Deutsch und Latein. Ego in finem!«

Augenlider öffnen sich. Fahrgäste recken die Hälse. Zwei Dutzend Augenpaare sind mittlerweile auf meine Tante gerichtet, gespannt darauf, was kommen mag. Ich ducke mich aus dem Blickfeld und spiele unauffällig an meinem Rucksack.

Der glühende Blick meiner Tante schwenkt wie ein Bühnenscheinwerfer hin und her. Dann reckt sie beide Arme gen Himmel.

»Meine Damen und Herren, sehen Sie mich an, bevor Sie über mich urteilen, ehe ich verdammt werde wie Fräulein Julie, sozial geächtet wie Effi Briest. Ich kann den Erlkönig auswendig. Ich spiele Klarinette. Ich helfe kleinen Igeln über die Straße. Einst, es war letztes Frühjahr, da ging eine arglistige Frau auf mich zu und wollte mir ihre bereits benutzte U-Bahn-Tageskarte weiterverkaufen, aber ich sagte Nein. Ich sagte: Liebe Frau, das ist nicht rechtens, denken Sie an Paragraf …, wie heißt der noch mal?, und ich schritt entschlossen in die Gegenrichtung«, deklamiert meine Tante durchs Abteil und wedelt mit einer Hand durch die Luft, während sie mit der anderen versucht, dem Kontrolleur unauffällig einen Fünfzigeuroschein in die Hand zu schieben, doch vergebens.

»Ich bin eine ehrbare Frau«, ruft meine Tante. »Ich bin belesen, kultiviert, konfirmiert und komplett epiliert. Ich würde nie etwas Böses tun, außer im Bett mit meinem lieben Mann. – Ha, jetzt sind wir vorbeigefahren!«, ruft sie und zeigt auf die Tür, die sich in diesem Moment erneut schließt.

Dann wird ihr Blick wieder ernst.

»Und jetzt, so Gott will, halten Sie über mich Gericht. So sei es.«

Meine Tante gleitet zurück auf ihren Sitz, senkt das Haupt.

»Nu sag doch auch mal was«, knufft sie mir gegen die Schulter.

»Das mit den Igeln stimmt«, nicke ich in die Runde.

»Ich will nicht vorbestraft sein«, bäumt meine Tante sich ein letztes Mal auf. »Ich habe eine Zukunft. Ich brauche eine lupenreine Schufa-Auskunft. Ich brauche diese neue Ferienwohnung auf Föhr!«

Die letzten Worte flüstert sie fast: »Verliere ich jetzt meinen Beamtenstatus?«

»Und Ihre staatliche Beihilfe plus sämtliche überzogenen Pensionsansprüche«, knurrt der Kontrolleur, »wenn Sie Ihre dunkelrot bepinselte Schnute nicht endlich halten und aufhören, mich mit Ihrem Opernglas in den Bauch zu piksen!«

»Ach«, fährt meine Tante hoch, ihre Augen blitzen auf, jetzt ist sie wieder die Alte: »Woher weiß denn überhaupt ein kleiner städtischer Hilfsarbeiter wie Sie, was Beihilfe ist?«

»So viele Staatsdiener, wie hier schwarzfahren, da weiß man das irgendwann«, blafft der Kontrolleur zurück.

»Tantchen«, bemühe ich mich, mediativ einzugreifen, »Tantchen, Hakuna Matata«, versuche ich, die allgemeine Anspannung zu lösen.

»Ach was«, schnaubt sie. »Sein Hakuna Matata kann sich dieses fette Warzenschwein in seinen fellbekränzten Anus stecken!«

So langsam kommt meine Tante richtig in Fahrt. So langsam leuchten ihre Wangen frisch durchblutet.

»Non est bonum«, gellt meine Tante. »Nichts ist in Ordnung, das ist es, in Deutschland, und hier und jetzt! – Haha, schon wieder vorbeigefahren!«

»Ich scheiße auf Ihr Bildungsgeblubber«, verliert der Kontrolleur die Geduld. »Ich bräuchte Ihre Personalien!«

»Brauche, nicht bräuchte«, schrillt meine Tante. »Der fehlerhafte Konjunktiv bringt Ihnen hier gar nichts!«

»Scheiß die Wand an«, dröhnt der Kontrolleur durchs Abteil, dass sämtliche Haltegriffe ins Wanken geraten. »Jetzt schieben Sie gleich Ihren samtverpackten Hintern nach draußen, Sie zahlen und basta. Das hier ist ein Rechtsstaat!«

»Wie viel ein Rechtsstaat wert ist«, höhnt meine Tante, »wissen wir spätestens seit Hamlet. Den Sie vermutlich für ein Möbelstück von Ikea halten. Wissen Sie überhaupt, wer das ist? Wissen Sie, was Schwarzfahren auf Altgriechisch heißt, Sie outgesourcter ÖPNV-Knecht auf freier Mitarbeiterbasis?«, krakeelt meine Tante, wobei sich ihre Stimme dreimal überschlägt.

Wie es ausging, weiß ich nicht, ich bin beim nächsten Halt einfach ausgestiegen. Ich glaube, meine Tante hat es gar nicht bemerkt. Das Letzte, was ich sah, als ich mich auf dem Bahnsteig noch einmal umdrehte und durch die Fenster der wieder anrollenden U-Bahn sah, waren die Funken sprühenden Augen meiner Tante und der gewaltige, zornbebende Schnauzbart des Kontrolleurs.

Ich glaube, es ging noch länger.

Pulsuz fraqment bitdi.

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27 noyabr 2025
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