Kitabı oxu: «Kochwut»

Şrift:

Ella Danz

Kochwut

Angermüllers vierter Fall


Zum Buch

Mord à la Minute Ein entsetzlicher Fund auf Gut Güldenbrook: In einer Vorratskammer liegt Christian von Güldenbrook, eiskalt und tot, und schnell ist klar, dass das kein Unfall war. Auf dem ansehnlichen Herrensitz im Hinterland der Lübecker Bucht lebt und arbeitet der ebenso geniale wie arrogante Meisterkoch Pierre Lebouton, Star der beliebten Kochsendung »Voilà Lebouton!«. Bei seinen Ermittlungen stößt Georg Angermüller, Kommissar und Feinschmecker, auf Konkurrenz und Feindschaft unter den Mitarbeitern der Kochsendung, den Show-Kandidaten und den Bewohnern des Gutes. Und der begeisterte Hobbykoch fragt sich, was dieser Fernseh-Zirkus eigentlich mit Kochen zu tun hat. Auf einmal rückt Lebouton selbst in den Fokus der Ermittlungen, zumal der eitle Kochstar kein überzeugendes Alibi hat. Bis plötzlich jede Spur von ihm fehlt …

Ella Danz, gebürtige Oberfränkin, lebt seit ihrem Publizistikstudium in Berlin. Nach Jahren in der Ökobranche ist sie mittlerweile als freie Autorin tätig. Ihr spezielles Interesse gilt der genauen Beobachtung von Verhaltensweisen und Beziehungen ihrer Mitmenschen. In ihren Büchern wird gern gekocht und gegessen, und das Zusammenleben ihrer Protagonisten mit Genuss und Ironie durchleuchtet.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Neuausgabe 2021

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © sxc.hu

ISBN 978-3-8392-3430-3

Widmung

Für alle, die lieber selbst kochen!

Dank

Danke W. – für Kritik, Bestärkung und die Geduld.

Quod erat demonstrandum

»Unaufhaltsam kroch die Kälte bis zu seinem Herzen.«

Beim Gedanken an diesen Satz legte sich unwillkürlich ein Lächeln auf sein Gesicht. Wie wahr! Seine Ruhe, ja seine Kaltblütigkeit ließen ihn über sich selbst staunen. Auch das Wort ›Kaltblütigkeit‹ rief wieder eine Art alberner Heiterkeit in ihm hervor.

Bei aller Benommenheit fühlte er sich leicht und beschwingt, so als hätte er zwei, drei Gläser perlenden Champagners getrunken. Nein, Champagner wäre es wohl nicht gewesen, eher ein köstlicher Crémant aus dem Elsass. Darauf hätte Pierre sicherlich bestanden, denn er war in allem, was er tat, ein absoluter, ein geradezu gnadenloser Perfektionist. Vermutlich musste er das auch sein. Ohne diese Eigenschaft hätte er niemals eine so beispiellose Karriere machen können. Und ohne Pierre hätte auch er es niemals so weit gebracht. Pierre hatte einen untrüglichen Instinkt für alles, was Geld brachte, und war kompromisslos im Durchsetzen seiner Meinung.

Was hatten sie nicht für Kämpfe ausgefochten in den Jahren ihrer Zusammenarbeit. Doch wenn es Pierre gelang, ihn zu überzeugen, und seine – zugegeben – heiligen Prinzipien es zuließen, hatte er sich letztlich immer gefügt und war gut dabei gefahren – bis auf dieses eine Mal. Aber er konnte eben nicht gegen seine Grundsätze verstoßen, das lag in seiner Natur, und so hatte es dieses eine Mal keine Einigung gegeben. Es würde wohl das einzige Mal bleiben – und vermutlich auch das letzte. Ein einziges Mal hatte er sich gegen Pierre gestellt und hatte sich durch kein Argument von seinem Standpunkt abbringen lassen. Hatte sich dieser Einsatz gelohnt?

Er spürte, wie auf einmal eine lähmende Müdigkeit von seinem Körper Besitz ergriff. Er zwang sich dennoch, diese Frage zu klären. Es war für ihn eine Frage der Ehre, und es erfüllte ihn mit Befriedigung, dass er immer noch überzeugt war, richtig gehandelt und dieses eine Mal nicht nachgegeben zu haben. Allerdings, hätte er nicht auf seiner Sicht der Dinge beharrt, befände er sich jetzt auch nicht an diesem ungastlichen Ort. Er säße drüben im Herrenhaus, in seinem Zimmer vor dem prasselnden Kaminfeuer, bei einem weiteren Glas Bordeaux, einem Château Haut-Brion um genau zu sein, von dem er kürzlich auf eine Empfehlung hin ein paar Flaschen erworben und den er extra für seinen Besuch geöffnet hatte. Dieses Mal hatte er recht behalten und den Nachweis dafür nun selbst erbracht – zu einem hohen Preis, einem sehr hohen Preis.

Mit geschlossenen Augen lag er da. Sie hätten ohnehin nichts schauen können in der undurchdringlichen Dunkelheit der kalten Kammer. Nie hatte er sich bei seinen seltenen Besuchen hier drin sonderlich wohlgefühlt. Zwischen all den Keulen, Rücken und Hüften der Tiere war ihm mehr als einmal die Assoziation mit einer Gruft in den Sinn gekommen. Inzwischen war er zu schwach, um sich auch über diese Ironie des Schicksals noch zu amüsieren.

Eine große Traurigkeit überkam ihn, und er fühlte sich unendlich allein in der alles verschluckenden Finsternis. Mit nachlassender Kraft tasteten seine Hände über seinen Körper. Es war kein böser Traum, wie er einen Moment lang gehofft hatte. Das Messer steckte immer noch an der Stelle, wo es sich in seine Brust gebohrt hatte. Er seufzte. Kurz darauf schwanden ihm die Sinne, und wenig später war sein Leben zu Ende.

Kapitel I

»Ich verspreche dir, eines Tages werde ich diese Frau zum Schweigen bringen.«

Das klang drohend, und es wurde so leise vorgebracht, dass nur sein rechter Tischnachbar es verstehen konnte. Der nickte langsam und einverständig.

Carola war am Ende ihrer kleinen Ansprache angelangt. Wie gewohnt trug sie eines ihrer skurril geschnittenen, weiten Kleider, natürlich schwarz, heute mit einer kiloschweren Sammlung von Ketten aus dicken, dunkelroten Holzkugeln um den Hals. Lässig lehnte sie in ihrem Stuhl und hob ihr Glas. Ihr ebenfalls dunkelrot bemalter Mund deutete ein mildes Lächeln an, und sie blickte zufrieden um sich.

»Auf unseren Gastgeber! Dein Rahmbraten war wunderbar zart, die Soße gut gewürzt und der Semmelkuchen dazu wirklich lecker – ich verleihe dir zweieinhalb goldene Kochlöffel, Georg«, sie machte eine bedeutungsvolle Pause und sagte dann spitz: »Den halben muss ich leider abziehen, weil mein Teller nicht gewärmt war.«

»Irgendwann bring ich sie um, ich schwör’s«, murmelte Steffen noch einmal leise, hob ebenfalls sein Glas und stieß mit Georg zu seiner Rechten an.

»Ich verstehe nicht halb so viel davon wie unsere Freundin Carola«, sagte er dann laut in die Runde. »Ich fand es köstlich! Und in meinen Augen war es perfekt, Schorsch. Prost!«

Beifälliges Gemurmel erhob sich, und auch die anderen an der Tafel schlossen sich dem Toast auf Georg an.

»Danke, Steffen! Dieses Lob aus deinem berufenen Munde freut mich sehr.«

»Sag, was für ein Fleisch hast du genommen? Das war ja butterzart! Ein Stück aus der Blume?«

»Nein, das war ein Tafelspitz vom Biorind, gut abgehangen. Den hab ich schön mit Speckfäden gespickt und zusammen mit ein paar Knochen und Wurzelwerk angebraten …«

»Ah, ein Tafelspitz! Das ist mein Stichwort. Ich werde dir demnächst mal zeigen, was ich für die ideale Art der Zubereitung dieses edlen Stück Fleisches halte, wenn du erlaubst.«

»Gern. Da bin ich gespannt!«

Georg erhob sich, um die Teller abzuräumen, und Steffen half ihm dabei. Der elegante Steffen von Schmidt-Elm war der erste Mensch, mit dem sich Georg Angermüller anfreundete, nachdem es ihn vor ungefähr 15 Jahren aus Oberfranken nach Lübeck verschlagen hatte. Sie waren sich hin und wieder dienstlich begegnet, und ihrer beider Vorliebe für Italienisches, ob Musik, Kunstschätze oder Küche, und überhaupt alles, was mit Kochen und Essen zusammenhing, hatte sie ziemlich schnell zusammengeführt.

»Diese Carola und ihr Geschwätz ertrage ich einfach nicht. Tut mir leid, Schorsch!«, brach es aus Steffen heraus, als sie in der Küche allein waren.

»Da rennst du bei mir offene Türen ein. Astrid möchte halt immer, dass ich sie einlade. Carola wäre so viel allein, meint sie, und da sie ihre älteste Freundin ist, fühlt sie sich ihr irgendwie verpflichtet.«

»Aber ich denke, Carola ist ständig unterwegs als ›Foodjournalistin‹!«, Steffens Häme war nicht zu überhören. »Sie muss doch ihre unsäglichen Gourmet-Tipps recherchieren, die tatsächlich in einigen Blättchen hier veröffentlicht werden. Obwohl ich kaum jemanden kenne, der so wenig Ahnung von der Materie hat wie sie.«

Seit einiger Zeit schon betätigte sich Carola neben ihrem recht geruhsamen Job in der Stadtverwaltung in ihrer Freizeit als ›Gastrokritikerin‹, wie sie es selbst bezeichnete.

»Tja, ich weiß nicht, wie Astrid darauf kommt, dass Carola Gesellschaft braucht. Vielleicht hat sie etwas in die Richtung erzählt.«

»Muss ja nicht unbedingt unsere Gesellschaft sein, oder?«

Georg erkannte seinen sonst so zurückhaltenden Freund kaum wieder.

»Ist es denn so schlimm? Ich habe dich doch recht weit entfernt von ihr platziert, und sie hat sich bisher auch ziemlich zurückgehalten mit ihren Kommentaren, finde ich.«

»Du hast ja recht. Ich bin heute ohnehin etwas gereizt, fürchte ich. Ich hatte mich so gefreut, das Wochenende mit David zu verbringen, und nun hängt mein Liebster in London fest«, seufzte Steffen. »Außerdem haben wir unseren Hochzeitstermin schon zweimal verschoben, und ich glaube, ich bin so nervös, weil ich denke, es kommt auch beim nächsten bestimmt wieder irgendwas dazwischen!«

Georg lachte.

»Mensch, Steffen! Seit wann bist du so pessimistisch? Das wird schon klappen diesmal!«

»Ich wollte, ich hätte deine unerschütterliche Ruhe.«

»So unerschütterlich ist die auch wieder nicht. Aber jetzt: hinaus aus der Küche! Ich muss das Dessert fertig machen.«

Angermüller summte vor sich hin, holte die Schüssel mit dem vorbereiteten Teig aus dem Kühlschrank und begann, dünne Palatschinken in duftender Butter zu backen. Endlich hatte er es wieder einmal geschafft, sich für die Runde der Freunde an den Herd zu stellen. Seine Betätigung als Hobbykoch sah der Kriminalhauptkommissar als idealen Ausgleich zum Polizeialltag. Ganz allein in der Küche, ohne Zuschauer, das empfand Georg Angermüller als Entspannung pur, und Kochen, der kreative Umgang mit Lebensmitteln, war für ihn fast so etwas wie eine Meditation, der Gegenpol zur Beschäftigung mit Mord und Totschlag. Außerdem wusste er, dass Hedi und John, die langjährigen Freunde und Nachbarn, wie auch Margret und Lars, die in einem alten Kontor in der Beckergrube feinste Weine, Spirituosen und Schokoladen vertrieben, seine Mühe in der Küche genau wie Steffen zu schätzen wussten. Dann lohnte sich auch der Aufwand, und die Arbeit machte doppelt Spaß. Bei Carola war er sich nicht ganz sicher, ebenso wenig bei Martin. Und bei Astrid? Bei seiner Frau war ihm seit einiger Zeit sowieso seine Orientierung abhanden gekommen, egal worum es ging. Nach einem Blick auf seine Einkaufsliste für das heutige Essen hatte Astrid die Stirn gerunzelt und hatte etwas gallig gefragt, ob er seinen Wunsch, ein paar Kilos zu verlieren, schon wieder aufgegeben habe. Er hatte nicht darauf geantwortet, und Astrid hatte wohl auch keine Antwort erwartet. Aber die Frage hatte ihm, zumindest für eine Weile, die Vorfreude auf den heutigen Abend verdorben.

»Georg, kann ich dich kurz sprechen?«

»So ganz ideal ist das im Moment nicht. Hat das nicht Zeit, bis das Dessert fertig ist?«

»Ich wollte dich allein sprechen, und es dauert auch nicht lange.«

»Was gibt’s?«

Besonders interessiert war Georg Angermüller nicht an einem Vieraugengespräch mit Carola.

»Ich brauche deine Hilfe als Polizist. Hier.«

Carola legte drei Briefumschläge auf den Küchentisch.

»Was ist das?«

»Schau dir bitte an, was da drin ist!«

Angermüller wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und nahm die Pfanne vom Feuer. Dann öffnete er den ersten Umschlag und holte ein Kochrezept heraus. Es handelte sich um eine Seite aus einem edlen Hochglanzkochbuch, das man nur unter Folie in der Küche benutzen mag, um es vor Fettspritzern und sonstigen Kochspuren zu schützen, und das sich Angermüller schon deshalb niemals zugelegt hätte.

»Das ist ein Rezept für Canard à l’Orange. Was ist damit?«

»Da!«

Carola wirkte ausgesprochen nervös. Ihr Zeigefinger mit dem tiefrot lackierten Nagel deutete auf die ästhetisch sehr ansprechende Fotografie der Ente mit Orangen. Auf den ersten Blick konnte Angermüller nichts Besonderes daran feststellen. Doch dann erkannte er, dass jemand mit feinen Strichen Carolas Konterfei der Ente als Kopf angefügt und die Konturen eines fülligen Körpers auf die knusprig braune Geflügelhaut gezeichnet hatte. Und dann sah er, dass im Text des Rezeptes mit einem Marker Worte angestrichen waren wie: zartes, roséfarbenes Fleisch, Brust, Schenkel und die Tranchieranleitung. Darunter dem Text hinzugefügt der Satz: ›Das wird ein Fest!‹ Er sah Carola fragend an, die einerseits peinlich berührt, andererseits verängstigt schien.

»Hier, sieh dir auch die beiden noch an!«

Und sie schob ihm die Umschläge über den Tisch. Auch sie bargen jeweils ein Kochrezept und entstammten, der Aufmachung nach zu urteilen, offensichtlich dem gleichen Hochglanzkochbuch. An den silbrig glänzenden Leib eines Loup de Mer hatte der Zeichner einen üppigen weiblichen Oberkörper gesetzt, sodass das Ganze an eine Meerjungfrau erinnerte. Das Gesicht und die Haare waren wiederum Carola nicht unähnlich. Begriffe wie festes, weißes Fleisch, delikater Geschmack und im Ganzen zuzubereiten waren markiert und daneben stand: ›Ins Netz gegangen!‹. Im dritten Umschlag ging es um eine Lammkeule, das Foto war in gleicher Weise wie die beiden anderen zeichnerisch bearbeitet, und die handschriftliche Anmerkung umfasste hier nur ein Wort: ›Fleischeslust!‹.

Etwas ratlos sah Angermüller zu Carola.

»Ja und? Was erwartest du von mir?«

»Das fragst du noch? Findest du das etwa völlig normal, wenn einem anonym solche Briefe geschrieben werden?«

Georg schwieg betreten, als er ihre Aufgeregtheit bemerkte.

»Erst einmal möchte ich, dass du diesen Schmierfink verfolgst …«

»Carola, du weißt, ich bin bei der Mordkommission, und so ganz fällt das nicht in mein Ressort, und ehrlich gesagt«, Angermüller hüstelte, »also eine konkrete Bedrohung kann ich in diesen Machwerken noch nicht erkennen.«

»Sag mal, hast du noch nichts von Stalking gehört?«, Carolas Gesicht leuchtete plötzlich so dunkelrot wie ihre Kette, und ihre Stimme kippte fast vor Empörung. »Und außerdem, was soll das sonst sein, wenn keine Bedrohung? Fühlst du dich erst zuständig, wenn ich im Herd dieses Irren gelandet bin?«

Diese Vorstellung erschien Angermüller ziemlich surreal.

»Carola, bitte beruhige dich. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass das ein dummes Gefühl für dich ist. Das ist eine sehr unschöne Art der Belästigung …«, versuchte er zu beschwichtigen. »Könnte es vielleicht ein enttäuschter Verehrer sein?«

»Unschöne Art der Belästigung! Enttäuschter Verehrer! Quatsch! Denkst du vielleicht, ich bin nur hysterisch?«

Angermüller schüttelte demonstrativ seinen Kopf. Offensichtlich nahm das Gespräch nicht den Verlauf, den Carola sich vorgestellt hatte. Ihre anfängliche Nervosität war verschwunden, und sie wirkte zunehmend aufgebracht.

»Dieser Verrückte ist hinter mir her! Und du sollst dem das Handwerk legen! So was ist schließlich dein Job! Und außerdem verlange ich Polizeischutz!«

Da er ahnte, dass es keinen Sinn hatte, Carola zu widersprechen oder ihr klarzumachen, dass Polizeischutz angesichts der Personalsituation der Kollegen eine äußerst seltene Maßnahme und bei einer solchen Lappalie völlig illusorisch war, fragte er sie nur ruhig:

»Also, ich sehe keine Anschrift. Wie hast du die Briefe denn erhalten?«

»Der erste steckte an der Windschutzscheibe meines Wagens, und die beiden anderen wurden in der Redaktion der Lübecker Zeitung für mich abgegeben. In den letzten drei Wochen kam jede Woche einer.«

»Dann hat es vielleicht mit deiner Tätigkeit dort zu tun? Konnte sich denn jemand an den Überbringer der Briefe erinnern?«

Carola schüttelte den Kopf.

»Und hast du irgendeinen Verdacht, wer dahinterstecken könnte?«

»Ja, schon.«

Diese knappe, klare Antwort erstaunte Angermüller. Carola deutete auf die Kochbuchseiten.

»Weißt du, von wem diese Rezepte sind?«

Er verneinte.

»Pierre Lebouton.«

Carola spuckte den Namen aus wie eine faul schmeckende Frucht und sah Georg triumphierend an.

»Ja und? Willst du damit sagen, dass du Lebouton auch für den Urheber der Briefe hältst?«

Sie nickte nur. Angermüller konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen: Pierre Lebouton, Verfasser unzähliger Kochbücher, Kochstar im Fernsehen mit einer eigenen Show, Namensgeber einer hochpreisigen Genussmittelmarke und diverser edler Gourmet-Tempel – warum sollte er Carola derartige Briefe schicken?

»Warum sollte Lebouton das tun?«

»Mein Lieber, du unterschätzt meine Position in der hiesigen Lokalpresse.«

Carola hatte sich wieder voll im Griff.

»Ich habe es schon des Öfteren gewagt, den großen Küchenpapst mit ein paar deutlichen Worten der Kritik in meinen Kolumnen zu bedenken. Er soll geschäumt haben vor Wut.«

»Und du glaubst, deshalb schickt er dir diese Briefe?«

»Ich bin davon überzeugt, ja. Aber ich bleibe trotzdem bei meiner Meinung über ihn. So leicht kann man mich nämlich nicht einschüchtern! Also, ich verlasse mich auf dich, Georg. Du meldest dich, wenn du was rausgefunden hast, ja?«

Georg nickte ergeben.

»Und eine Bitte noch …«

Carola wirkte jetzt wieder etwas verlegen.

»Außer deinen Kollegen brauchst du ja sonst niemandem was davon erzählen.«

Georg nickte erneut. Dann rauschte Carola aus seiner Küche. Er packte die bemalten Kochbuchseiten zurück in ihre Umschläge und legte sie in die Schublade zu seinen gesammelten handgeschriebenen oder aus Zeitschriften ausgeschnittenen Rezepten, damit sie aus dem Wege waren. Nun konnte er sich endlich wieder seinem Nachtisch widmen.

Bald darauf platzierte er je eine der Palatschinken auf den Desserttellern, gab eine Kugel Vanilleeis und einen Klecks Marillenmarmelade darauf und schlug mit geübten Handgriffen den Teig von vier Seiten zusammen. Dann besprengte er das Ganze mit ein wenig Marillengeist, streute karamellisierte Mandelblättchen darauf und staubte Puderzucker darüber – fertig.

Als er ein Tablett mit den ersten vier Portionen zu seinen Gästen trug, grübelte Angermüller noch kurz nach über Carolas Briefe und ihren Verdacht gegen Pierre Lebouton, der ihm völlig abwegig erschien. Ein paar Stunden später beim Zubettgehen fiel ihm die Geschichte noch einmal ein, und als ein paar Tage vergangen waren, hatte er sie schon völlig vergessen.

»Moin! Schön warm habt ihr das hier! Bei der Scheißkälte ist man richtig froh, endlich im Büro zu sein.«

»Hallo Claus! Das kannst du laut sagen. Wenn das so weitergeht, friert noch die ganze Bucht zu.«

»Jo. Früher ist das ja öfter mal passiert.«

»Aber mit der Erderwärmung jetzt …«

»Erderwärmung? Von wegen! Davon hab ich heute aber nix gespürt!«

Auf den Fluren im Behördenhochhaus an der Possehlstraße war das Wetter am Morgen immer ein beliebtes Thema. Claus Jansen erschien im Türrahmen von Angermüllers Büro.

»Moin Georg! Gibt’s was Neues?«

Georg Angermüller blickte kurz vom Bildschirm auf und schüttelte seinen Kopf.

»Nix Neues.«

»Okay, machen wir also wieder in Altlasten. Dann koch ich uns erst mal einen schönen heißen Kaffee!«

Jansen rieb sich die kalten Hände und ging pfeifend in Richtung Kaffeemaschine. Das Telefon auf Angermüllers Schreibtisch klingelte. Angermüller nahm den Anruf entgegen, angelte sich einen Zettel, lauschte aufmerksam, nickte und notierte.

»Ich fürchte, unsere Kaffeestunde müssen wir erst mal verschieben«, rief er hinüber zu Jansen, nachdem er aufgelegt hatte. »Wir haben eine Leiche auf Gut Güldenbrook.«

Ohne Strahlkraft schien eine fahle Sonne vom diesigen Himmel, als Jansen den Passat über die A1 in Richtung Norden jagte. Fast schien es, als ließe er den Wagen dafür büßen, dass er nicht mehr über den schnittigen Audi aus einer Beschlagnahme verfügen konnte, den er durch Beziehungen zu einer jungen Dame bei der Staatsanwaltschaft als Dienstfahrzeug ergattert hatte. Seit ein paar Monaten schon nutzten den die Staatsanwälte selbst, und er und Angermüller mussten sich wie alle Kollegen aus dem Pool der geleasten Dienstwagen bedienen. Zufrieden stellte Jansen bei einem Blick in den Rückspiegel fest, dass der andere Passat, in dem zwei weitere Ermittler zum Tatort unterwegs waren, längst aus seinem Blickfeld verschwunden war.

Bei Lensahn verließen sie die Autobahn. Hin und wieder lag ein bisschen Schnee am Straßenrand. Der Jahresanfang war bisher zwar kalt, aber meist trocken gewesen. Sie rasten an Feldern und Wiesen vorbei, durch winzige Ortschaften, in denen niemand zu sehen war, auf immer schmaler werdenden Straßen weiter nach Norden. Die sanfte Hügellandschaft der Holsteinischen Schweiz hatte sich hier schon wieder in flaches Land aufgelöst, und schließlich tauchte am Ende einer Allee das beeindruckende Torhaus von Gut Güldenbrook auf. Ein Trecker kam ihnen auf dem engen Weg entgegen und zwang Jansen, der höchstens nach rechts in den breiten Graben hätte ausweichen können, auf der engen Zufahrt zu einem abrupten Bremsmanöver. Der Treckerfahrer rauschte mit seinem Gefährt in Millimeterabstand vorbei und zeigte ihnen wütend einen Vogel. Jansen fluchte laut.

»Komm du mir noch mal vors Rohr, du Bauerndödel!«

Hinter dem Torhaus, das zwischen zwei Wirtschaftsgebäude eingefügt war, öffnete sich ein weiter Innenhof, dessen harmonischer Anblick von den zahlreichen Autos, die hier parkten, erheblich beeinträchtigt wurde. Auch ein großer Reisebus stand dazwischen. Rechts begrenzte den Hof eine riesige Reetdachscheune, die wie das Torhaus und seine Nebengebäude aus rotem Backstein gemauert war. Zur Linken lag ein lang gestreckter, hell verputzter Bau, zweistöckig mit einem großen Portal in der Mitte und zwei kleineren Eingängen rechts und links. Vor dem einen wurden Angermüller und Jansen schon von einem uniformierten Kollegen erwartet.

Die Kälte traf sie wie ein Schlag, als sie aus dem Auto stiegen, die Temperaturen schienen hier noch tiefer zu sein als in der Stadt. Angermüller warf einen kurzen Blick auf das Herrenhaus, das sich am anderen Ende des Hofes, teils hinter einer Gartenanlage verborgen, erhob. Es war schon viele Jahre her, dass er mit Astrid und den Kindern einmal einen Ausflug nach Güldenbrook gemacht hatte. An einem Sonntagvormittag im Frühling hatten sie das weitläufige Areal erkundet, waren durch den kleinen Park spaziert, und die Zwillinge hatten Steine in die vielen Teiche, Kanäle und den kleinen See geworfen, die das Gut umgaben. Er erinnerte sich, dass die Anfänge der Anlage aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammten und dem Spätbarock zuzuordnen waren, was nicht sofort an den Bauten erkennbar war, die im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder ihr Gesicht verändert hatten. Im trüben Licht dieses Wintertages heute konnte er den Charme des Ortes, der ihn bei seinem ersten Besuch umfangen hatte, nicht so recht wiederfinden.

Der Streifenbeamte, der sie in Empfang nahm, ein älterer, erfahrener Kollege, war von der Polizeistation Lensahn. Er ließ Angermüller und Jansen durch eine der beiden kleineren Türen eintreten und gab ihnen dabei in knappen Worten einen kurzen Lagebericht.

Er und sein Partner waren am nächsten an Güldenbrook dran gewesen, als der Alarm einging, weshalb sie die Ersten am Tatort waren. Als sie eintrafen, befand sich die Frau, die am Morgen in einer Vorratskammer die Leiche entdeckt und die Polizei gerufen hatte, in Begleitung mehrerer Personen.

»Die war ’n büschen durch’n Wind nach ihrer Entdeckung und hat in ihrer Aufregung alle möglichen Leute hier aufgescheucht. Außerdem waren inzwischen auch Arbeitskollegen von ihr eingetroffen. Wir haben die sofort alle vom Tatort entfernt. Ich hoffe, die haben noch nicht allzu viel kaputt getrampelt.«

»Wieso Arbeitskollegen? Was tun die Leute hier denn?«, wollte Angermüller wissen und sah sich dabei in dem Raum um, einer Art Eingangshalle. Ihm fiel ein, dass dieses Gebäude sich Kavaliershaus nannte. Eine Treppe führte ins obere Stockwerk, an der Tür zur Linken war ein Schild mit der Aufschrift ›Zum Studio‹ angebracht, rechts stand die Tür zu einer großen Küche offen.

»Die sind vom Fernsehen. Die machen hier so eine Show …«

»Voilà Lebouton!«, sagte Jansen.

»Was?«

»Mann, Georg! ›Voilà Lebouton!‹, die ultimative Kochshow! Jetzt sag bloß, du kennst die nicht? Ich dachte, du wärst ein begeisterter Hobbykoch!«

So wie Jansen das sagte, klang es nicht gerade nach Anerkennung.

»Doch ja. ›Voilà Lebouton!‹ – davon hab ich schon mal gehört.«

»Hast du die Sendung etwa noch nie gesehen? Du enttäuschst mich, Georg!«

»Muss man denn Kochshows sehen, nur weil man gern kocht?«

»Natürlich nicht. Aber das ist ganz witzig. Ab und zu guck ich mir das an.«

»Du?«

Angermüller blieb keine Zeit, sich über Jansens höchst erstaunliche Offenbarung den Kopf zu zerbrechen. Ein Mann in Zivil, der Beamte von der Kripo-Bereitschaft Lensahn, der kurz nach der Streife eingetroffen war, kam zu ihnen und erstattete seinen kurzen Bericht zu den Umständen des Leichenfundes – Name des Opfers, Fundort, Fundzeit, Name der Frau, die den Fund gemacht hatte, Uhrzeit des Eintreffens der Streife.

»Wollen Sie jetzt den Toten sehen? Oder wollen Sie erst mit der Grit Fischer sprechen, die ihn gefunden hat?«, fragte er dann.

»Ersteres.«

Die umständliche Art des Lensahners machte Angermüller ganz kribbelig.

»Und ihr könnt gleich mitkommen!«, winkte er Kriminalobermeisterin Kruse und Kriminaloberkommissar Teschner heran, die inzwischen auch eingetroffen waren.

Sie gingen an der Küche vorbei, aus der ihnen neugierige Blicke folgten, und gelangten über den Flur durch eine Tür in einen Lagerraum. Metallregale reihten sich ringsum, in denen Kartons mit Lebensmitteln standen, auf Paletten in der Raummitte stapelten sich Obst- und Gemüsekisten, und daneben gab es zwei riesige Kühltruhen. Der Lensahner Kollege zeigte zur Stirnseite, wo ein weiterer Uniformierter postiert war.

»Dort ist es, bitte schön«, lenkte er sie höflich wie ein Fremdenführer zu der silbrig glänzenden Kühlzelle, öffnete die Tür und schaltete die Innenbeleuchtung ein. Fein säuberlich aufgereiht hingen einige Viertel von toten Tieren von der Decke, in den Regalen ringsum lagerten Fleischportionen in Vakuumverpackungen, und in der Mitte, ausgestreckt auf den metallenen Bodenplatten, lag ein Mann. Leise surrte ein Ventilator. Das Erste, was Angermüller auffiel, waren die edlen dunkelbraunen Wildlederschuhe, in denen die Füße des Toten steckten. Die ganze Erscheinung des Mannes vermittelte selbst in diesem Zustand den Eindruck dezenter Eleganz. Er trug ein Tweedjackett zur Cordhose und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte Angermüller, dass sie den Knauf eines Messers umfassten, der aus seinem Brustkorb ragte. Die Augen waren geschlossen. Seltsam sauber und undramatisch wirkte dieses Opfer auf den Kriminalhauptkommissar, der in vergleichbaren Situationen sonst eher so schnell wie möglich Abstand zum Objekt zu gewinnen versuchte. Das mochte daran liegen, dass es keine sichtbaren Verletzungen gab, keine großen Blutlachen und der Tote tatsächlich aussah, als schliefe er nur.

»So wie es aussieht, ist er hier getötet worden«, sagte der Lensahner Kollege. »Auf den ersten Blick haben wir nichts gefunden, das auf einen anderen Tatort hindeutet.«

»Ist ja da drin noch kälter als draußen, Mann«, meinte Jansen und schüttelte sich, obwohl sie auf der Schwelle stehen geblieben waren, um keine Spuren zu vernichten.

»Ist wohl ein Tiefkühlraum, was?«

»Dachten wir auch«, nickte der Kripomann aus Lensahn. »Aber die Frau Fischer, die das Opfer gefunden hat, meinte, jemand müsse die Temperatur heruntergedreht haben. Normalerweise sind hier so um die null bis zwei Grad, und als sie kam, stand der Regler auf Minus 20. Steht er immer noch – wir haben hier nichts verändert.«

»Das will ich auch meinen! Tach allerseits!«

Die Kriminaltechnik war eingetroffen, allen voran An­dreas Meise, ein kompetenter Fachmann, als Mensch allerdings gewöhnungsbedürftig, wie Angermüller fand.

»So Jungs, seid ihr fertig? Dann lasst mal den Papa zu den saftigen Steaks hier!«

Meise drängte sich an den Kommissaren vorbei. Er und sein Kollege steckten schon im weißen Schutzanzug, und sogleich begannen sie, routinemäßig den Fundort und seine Umgebung auf Spuren zu untersuchen.

»Kannst du gleich mal nachschauen, was der Mann in seinen Taschen hat, Andreas?«, bat Angermüller den Kriminaltechniker, der sich vorsichtig neben den Toten gehockt hatte.

Ameise, wie er von den anderen genannt wurde, da er nicht sehr groß war und immer gern dem Boden eines Tatorts große Aufmerksamkeit schenkte, durchsuchte systematisch Hosen- und Jackentaschen des Toten. Er förderte nur eine Packung Papiertaschentücher und ein Taschenmesser zutage.

»Tscha, das war’s wohl. Da is weiter nix«, stellte Ameise fest.

»Hm, find ich eigenartig. Zumindest einen Hausschlüssel nimmt man doch mit, wenn man rausgeht«, überlegte Angermüller. »Ob das vielleicht auf Raubmord rausläuft?«

»Das ist dann wohl ein Problem, das ihr klären müsst, Kollegen. Und jetzt lasst mich man in Ruhe arbeiten hier.«

»Ist die Rechtsmedizin schon benachrichtigt?«

»Aber selbstverständlich, Herr Kollege! Dein süßer Freund wird bestimmt gleich hier sein«, flötete Ameise in affektiertem Tonfall auf Angermüllers Frage, der gewohnheitsmäßig versuchte, die plumpe Anspielung zu ignorieren. Trotzdem ärgerte er sich darüber. Andererseits war er froh, dass er es mit seinem Freund Steffen zu tun bekam, der als Rechtsmediziner einen sehr guten Ruf genoss und mit dem er hervorragend zusammenarbeitete.

Tumultartiges Getöse war plötzlich zu vernehmen, und Angermüller bemühte sich zu orten, woher es kam.

»Das kommt aus dem Studio«, erklärte der Lensahner Kollege, als er Angermüllers fragenden Gesichtsausdruck sah. »Die haben da so einen Einheizer vor der Show, der die Leute zum Klatschen bringt. Das schneiden die dann später zwischen.«

»Sie kennen sich ja gut aus.«

»Ich bin selbst mit meiner Frau neulich erst hier gewesen als Zuschauer«, erzählte der Mann nicht ohne Stolz. »Der macht so Sprüche, der junge Mann, der ist richtig witzig. Vielleicht kennen Sie den auch aus der Werbung für … na für …«

Es fiel ihm nicht ein. Angermüller schüttelte den Kopf.

»Wahrscheinlich nicht. So, dann wollen wir mal. Claus, besorgst du uns bitte einen Raum, wo wir unsere Zeugen befragen können?«, forderte er seinen Kollegen auf. »Und ihr seht euch auf dem Gelände ein wenig um, bei den Leuten, die sonst hier auf dem Gut wohnen. Wann wurde das Opfer gestern von wem gesehen, gab es fremde Besucher, sonst irgendwas Auffälliges, na ja, ihr wisst schon«, wandte er sich danach an Anja-Lena Kruse und Norbert Teschner.

»Und Sie, Herr Kollege aus Lensahn, Sie sorgen bitte dafür, dass möglichst niemand von den Leuten verschwindet, die heute Morgen dabei waren, bevor wir mit ihnen gesprochen haben.«

Auf dem Tisch lagen zwei Mobiltelefone, die ständig Signale von sich gaben, und eine dicke Klarsichtmappe mit Papieren. Um den Hals der zierlichen Frau hing ein breites Schlüsselband in Blau-Weiß-Rot mit einem Namensschild. Das Band trug fortlaufend einen Schriftzug, den Angermüller nach längerem Rätseln als Pierre Lebouton entzifferte.

»Sie sind also die Chefin hier, Frau Fischer?«

»Chefin?«

»Na ja, wofür Sie so alles verantwortlich sind …«, meinte Angermüller in nettem Ton, da die Frau ihm ziemlich nervös vorkam. Sie lachte nur bitter. Sie war Anfang 30, wirkte aber älter in dem streng geschnittenen, klassischen Hosenanzug und mit dem akkuraten Bubikopf. Mit einer heftigen Bewegung schnippte sie die Asche von ihrer Zigarette in einen Joghurtbecher.

»Da haben Sie was falsch verstanden. Hier gibt es nur einen Chef! Und der fragt sich wahrscheinlich schon, wo ich bleibe. Ich bin nur die Regieassistentin, die immer schuld ist, wenn was schiefgeht.«

»Und wer ist hier der Chef?«, fragte Angermüller.

Grit Fischer hatte Jansen sofort angeboten, dass sie die Gesindeküche des Kavaliershauses für ihre Befragungen nutzen konnten. Jetzt saßen sie hier zu dritt an einem langen Holztisch. Alle anderen hatten die Beamten hinausgeschickt und gebeten, sich zur Verfügung zu halten.

»Pierre natürlich.«

Die Regieassistentin war heute Morgen die Erste hier gewesen. Es war Tag eins von drei Produktionstagen, und wie immer hatte sie zur Sicherheit noch einmal alles durchchecken wollen, bevor die anderen kamen. Sie kontrollierte, ob die Studioküche sauber und dort alles an seinem Platz war, ob die von den Köchen gewünschten Zutaten ausreichend vorhanden waren, ob alle Namensschilder richtig geschrieben, die Sitzplätze der Kandidaten und Mitwirkenden beschildert waren und ob der Ablaufplan in sich logisch war.

»Das ist noch lange nicht alles. Ich will Sie nicht mit den vielen tausend Kleinigkeiten langweilen, die in der Summe aber für das Gelingen der Show unheimlich wichtig sind.«

Sie zog an ihrer Zigarette.

»Eigentlich ist vieles davon gar nicht mein Job. Aber wie gesagt, wenn was schiefgeht … Und dann mache ich es lieber gleich selbst. Dann kann ich mich wenigstens da­rauf verlassen, dass alles in Ordnung ist.«

Alles war so kalkuliert, dass drei Folgen ›Voilà Lebouton!‹ pro Tag aufgezeichnet werden konnten. Man drehte immer am Freitag, Samstag und Sonntag hintereinander.

»Der Chef will nicht nur die Busladungen aus dem Altenheim und lauter Arbeitslose als Zuschauer im Studio haben«, lieferte die Regieassistentin ungefragt die Begründung für die Arbeit am Wochenende. »Außerdem wäre das ja auch ungerecht. Unsere Show ist sehr beliebt, und die Karten sind heiß begehrt. Es gibt Leute, die warten bis zu zwei Jahre auf die Möglichkeit, hier einmal dabei zu sein.«

Es war der Frau anzumerken, dass sie sehr stolz auf ihren Job war, das Gelingen der Show nicht zuletzt ihrer eigenen Person zuschrieb und der damit verbundene Stress ihr Element war. Sie war auffallend klein, doch schien eine ungeheure Energie in ihr zu stecken, die jetzt allerdings von fiebriger Nervosität überlagert wurde. Obwohl sie eine brennende Zigarette in der Hand hielt, holte sie immer wieder ein Zigarettenpäckchen und ihr Feuerzeug aus den Taschen ihres Jacketts und packte die Sachen wieder weg. Auf die Fragen, die Angermüller ihr stellte, antwortete sie schnell und präzise.

»Wann sind Sie heute Morgen hier angekommen? Und ist Ihnen dabei irgendwas aufgefallen?«

Ein kurzes Lachen, eine neue Zigarette.

»Natürlich. Zum einen war die Lagertür nicht abgeschlossen. Aber da mehrere Leute einen Schlüssel dazu haben, dacht ich mir nichts dabei beziehungsweise dachte ich, oh wie toll, ausnahmsweise ist die Praktikantin pünktlich da. Angekommen bin ich auf Güldenbrook so kurz vor 8 Uhr, und im Lager bin ich ungefähr eine halbe Stunde später gewesen.«

»Was wollten Sie im Lager?«

»Ich wollte sehen, ob die Expresslieferung vom ›Gourmet-Profi‹ aus Hamburg schon eingetroffen ist. Das ist wichtig, weil da irgendwelches Zeugs dabei ist, das für die Aufzeichnung heute unbedingt gebraucht wird. Patricia, die Praktikantin, hatte vergessen, das zu bestellen, obwohl ich’s ihr dreimal gesagt hatte, und da hab ich’s halt gestern spätabends noch selbst gemacht. Und natürlich war Pa­tricia auch noch nicht da, jedenfalls ist mir hier niemand begegnet. Und dann hab ich den Stuhl gesehen, der unter dem Türgriff an der Kühlzelle klemmte.«

»Und das kam Ihnen komisch vor?«

»Erst eigentlich gar nicht. Als die Tür vor ein paar Monaten kaputt war und nicht mehr richtig schloss, da hatte auch jemand einen Stuhl drunter geklemmt. Aber als ich dann näher kam und hörte, dass der Kompressor auf Hochtouren arbeitete, und gesehen habe, dass jemand die Temperatur verstellt hatte, da fand ich das schon eigenartig. Und dann hab ich Christian gefunden …«, sie verstummte und starrte einen Moment vor sich hin. »Dann hab ich sofort die Polizei gerufen und Pierre alarmiert. Ich war ziemlich aufgeregt. Man findet ja nicht jeden Tag einen Toten! Ich hab wohl etwas lauter gesprochen beim Telefonieren, denn jedenfalls kamen von oben gleich die Jungs angelaufen.«

»Welche Jungs?«, fragte Angermüller.

»Na die Lehrlinge von Pierre. Die wohnen hier.«

»Hier im Haus?«

»Ja. Im oberen Stockwerk gibt es eine ganze Reihe von Gästezimmern. Die Lehrlinge wohnen da und manchmal auch Leute vom Team.«

»War schon jemand vom Team hier heute Nacht?«

»Offensichtlich Alix. Die kam auch von oben. Wer noch, weiß ich nicht. Ich bin erst heute Morgen von Hamburg aus hierhergekommen.«

»Können Sie uns die Namen der Lehrlinge sagen? Und wer ist Alix?«

»Von den Jungs kenn ich nur die Vornamen: Thorsten, Ernie und Anatol. Alix – das ist unsere Moderatorin: Alix Blomberg. Ich denke, die kennt man.«

»Ach ja?«

Angermüller notierte die Namen auf einen Zettel. Der Name der Moderatorin sagte ihm gar nichts.

»Wie gut kannten Sie Christian von Güldenbrook?«

»Man läuft sich hier immer mal wieder über den Weg. Er war ab und zu bei den Aufzeichnungen dabei, manchmal auch, wenn’s was zu Feiern gab, dann haben wir ein paar Worte gewechselt. Aber gut kennen, nein, das würde ich nicht sagen.«

»Hatte er auch beruflich mit der Show zu tun?«

»Direkt nicht. Er und Pierre kennen sich schon sehr lange, glaube ich. Wie der Name schon sagt, ist das hier sein Stammsitz. Er war immer so eine Art graue Eminenz, Pierres Finanzguru sozusagen, und hatte wohl einigen Einfluss auf ihn. Aber manchmal schien er sich auch in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen. Dann gab’s Ärger mit dem Chef. Jedenfalls war er irgendwie fürs Geld verantwortlich, und darum ging der Streit wohl auch immer.«

»Wie hat denn der Herr Lebouton reagiert, als Sie ihm sagten, was passiert ist?«

Grit Fischer hielt einen Moment inne und schien nachzudenken.

»Gefasst, würde ich sagen. Er war schon irgendwie bestürzt, aber sein erster Gedanke galt der Show. Wir sollten möglichst kein großes Aufhebens darum machen, der normale Betrieb soll so wenig wie möglich davon gestört werden. Verstehen Sie mich nicht falsch«, setzte sie hinzu, als sie die interessierten Blicke von Angermüller und Jansen bemerkte. »Jeder Drehtag hier ist bares Geld, und wir können nicht einfach wieder alle Leute nach Hause schicken. Und die Zuschauer, die zum Teil weite Wege zurücklegen, um an der Show teilzunehmen, die wären stinksauer! Und auf keinen Fall sollte die Presse davon erfahren!«

Angermüller nickte.

»Haben Sie denn eine Vorstellung, wer das getan haben könnte?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Tut mir leid. Aber fragen Sie doch Alix, die kennt oder kannte Christian ganz gut. Jedenfalls erweckte sie immer gern den Eindruck, dass sie mit dem Grafen auf Du und Du war …«

Die Küchentür wurde energisch geöffnet.

»Hi!«

Ein junges Mädchen, wohl Anfang 20, stand in der Tür. Unter der offenen Motorradlederjacke trug sie ein knappes, schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift ›Bitch‹, dazu einen kurzen gemusterten Rock und ein Paar schwere, knielange Stiefel. Ihr dunkles Haar baumelte in zwei Rattenschwänzen vom Kopf. Auch sie hatte das Band mit dem Lebouton-Schriftzug und einem Namensschild um den Hals und in der Hand eine Mappe mit Papieren.

»Sorry, wenn ich störe. Grit, der Chef sucht dich.«

»Wie schön, dass du auch schon da bist, Patricia! Wie oft habe ich dir schon gesagt, an Produktionstagen ist für dich Arbeitsbeginn mindestens zwei Stunden vor der Aufzeichnung!«

Ungerührt sah das junge Mädchen die Regieassistentin an.

»Okay, Frau Fischer, vielen Dank. Wir sind eh fertig. Gehen Sie nur und sagen Sie dem Herrn Lebouton bitte, dass wir ihn gern sprechen würden«, sagte Angermüller.

»Ich werd’s versuchen, aber ich weiß nicht, ob das jetzt ein guter Moment ist …«

»Und jetzt schicken Sie uns bitte die Jungs rein, die hier wohnen. Ach so, Sie müssten nur noch Ihre Aussage kurz bestätigen, Frau Fischer.«

Angermüller kramte ein kleines Formblatt, das ziemlich verknittert aussah, aus seiner Manteltasche und deutete auf das kleine Diktiergerät.

»Spulst du mal zurück, Claus?«

Patricia stand immer noch in der Tür, Kaugummi kauend, und sah neugierig zu Angermüller und Jansen.

»Vielleicht wollen Sie mich ja erst verhören?«

»Wichtige Zeugen wie Sie knöpfen wir uns später vor«, grinste Jansen. »Und außerdem sind wir hier nicht bei der Stasi. Wir verhören nicht, wir befragen Zeugen.«

Patricia blieb lässig in den Türrahmen gelehnt stehen, grinste ebenfalls und wartete auf Grit Fischer.

»Du sollst doch hier nicht Kaugummi kauen!«, zischte diese wütend, als sie kurz darauf aus der Küche stürmte und Patricia an einem Ellbogen mitzog.

»Nimm das Ding sofort aus dem Mund!«

»Ach nee. Ich soll den Kaugummi rausnehmen. Aber in der Küche rauchen ist okay, ja? Seit wann das denn?«

»Na, die haben Spaß zusammen«, meinte Jansen, als die beiden die Tür hinter sich zugezogen hatten. Es dauerte einen Moment, dann klopfte es kaum hörbar.

»Herein!«, rief Jansen und lief, als niemand eintrat, kopfschüttelnd zur Tür und riss sie auf. Zwei junge Männer in Kochkleidung standen davor.

»Ihr seid wohl schwerhörig? Kommt rein!«

Die beiden trotteten in die Küche. Der eine grinste. Er war nicht besonders groß, hatte rote Haare und war ein wenig rundlich. Seine Kochmütze hatte er breit gedrückt und trug sie schief auf dem Kopf, sodass sie einem Barett glich und ihm etwas Verwegenes verlieh. Sein Kumpel, lang und dünn mit weißblonden Haaren, hatte die Mütze abgenommen, da er sich mit seiner beachtlichen Körpergröße ohnehin im Türrahmen etwas beugen musste. Er sah die Beamten nicht an, verzog keine Miene und sagte kein Wort.

»Bitte, setzt euch. Ich bin Kommissar Jansen, das ist mein Kollege Angermüller.«

Jansen stellte das Diktiergerät auf den Tisch.

»Ich lass die Handquatsche hier mitlaufen, okay? Sagt ihr uns eure Namen?«

»Ich bin der Thorsten. Thorsten Bauer.«

Thorsten sah zu seinem Nachbarn, der erst einmal stumm blieb, dann errötete und sich räuspern musste.

»Ernst Lohse.«

»Du kannst ruhig ein bisschen lauter sprechen, Ernst. Habt ihr was dagegen, wenn wir euch duzen?«, fragte Jansen.

»Nö«, meinte Thorsten.

»Du auch nicht, Ernst? Alle sagen hier Ernie zu dir, oder?«

»Is mir egal. Ja, Ernst sagt eigentlich keiner …«

Angermüller fragte dann nach ihrem Alter. Erstaunlicherweise war Ernie erst 18 und damit drei Jahre jünger als Thorsten. Vielleicht wirkte er deshalb so unsicher und ungelenk. Er schien noch tief in der Pubertät zu stecken.

»Ihr wohnt also hier im Haus?«

»Wenn hier Aufzeichnung ist oder wir im Hofrestaurant arbeiten. Manchmal sind wir aber auch im ›Au Lac‹ am Plöner See.«

Das war das mit großem Getöse vor knapp einem Jahr eröffnete, neueste Nobelrestaurant Leboutons, erinnerte sich Angermüller.

»Ihr wisst, was passiert ist?«

Beide nickten stumm.

»Ihr wohnt ja hier im Haus und seid deshalb vielleicht wichtige Zeugen. Also habt ihr gestern oder heute Nacht irgendwas bemerkt? War irgendwas anders als sonst?«

Thorsten und Ernie starrten angestrengt vor sich hin.

»Was habt ihr gestern denn so gemacht?«

Natürlich war es wieder Thorsten, der auf Angermüllers Frage antwortete.

»Vormittags haben wir mit dem Chef Besorgungen gemacht und dann Lieferungen angenommen und eingeräumt. Und da war niemand in der Kühlzelle. Nach dem Mittagessen sind wir mit dem Chef noch einmal die Gerichte für heute durchgegangen, und dann hatten wir frei.«

»Wann war das?«

»So gegen 16 Uhr. Wir waren auf meinem Zimmer, haben Musik gehört und Computer gespielt. Dann bin ich so gegen 19 Uhr mit Anatol nach Lensahn in die Kneipe gefahren. Die vom Fernsehen haben uns mitgenommen.«

»Und du Ernie?«

»Ernie war schon weg, der musste erst noch seine Oma besuchen«, sagte Thorsten mit einem Grinsen.

Ernie bekam sofort wieder rote Ohren.

»Stimmt das Ernie?«

»Ich geh immer Donnerstag zu meiner Oma zum Essen«, sagte der Junge, und es klang wie eine Entschuldigung.

»Die hat ihm ja auch das Auto bezahlt!«, platzte Thorsten heraus.

»Hast du damit ein Problem?«, fragte Ernie und guckte seinen Kumpel böse an, der nur eine Grimasse schnitt.

»Und du bist dann auch noch in die Kneipe gekommen?«, wollte Angermüller wissen.

»So bei 20 Uhr rum«, bestätigte Ernie.

»Wie heißt die Gaststätte?«

»›Bei Gitta‹ heißt die«, kam Thorsten seinem Kollegen zuvor. »Donnerstag war da wieder Oldienacht, und da ist der Laden immer brechend voll. Echt fette Stimmung!«

»Aha«, machte Angermüller. »Ihr drei macht also auch in der Freizeit viel zusammen?«

»So dick wie der«, er zeigte auf Ernie, »bin ich eigentlich nicht mit dem Anatol. Aber Oldienacht ist Pflicht.«

»Und wo ist euer dritter Mann jetzt?«

»Der macht Assistenz beim Chef.«

»Noch mal zu gestern: Ist euch irgendetwas aufgefallen?«

»Nö. War alles wie immer«, sagte Thorsten nach kurzem Nachdenken. »Und wie wir von der Kneipe nach Hause gekommen sind, und wann und so – das weiß ich sowieso nicht mehr. Du?«

»Um 3. Mit ’nem Taxi«, brummte Ernie nur, ohne aufzusehen.

»Wann habt ihr Christian von Güldenbrook das letzte Mal lebend gesehen?«

Thorsten hatte ihn am gestrigen Nachmittag mit dem Auto auf den Hof kommen sehen, und Ernie sagte: »Das ist schon ein paar Tage her, dass ich dem begegnet bin.«

»Was habt ihr mit dem Herrn Güldenbrook zu tun gehabt?«

»Nix, oder?«, meinte Thorsten achselzuckend und sah zu Ernie. »Der ist halt der Gutsherr hier und außerdem ein Freund vom Chef, glaub ich. Manchmal hat er sich aufgeregt, weil das Geld nur so rausgeschmissen wird.«

Ernie nickte.

»Was hat er damit gemeint?«

»Keine Ahnung.«

»Und, macht euch die Arbeit hier Spaß?«, wechselte Angermüller das Thema.

»Mal so, mal so. Kommt ganz drauf an, was grad dran ist. Aber irgendwie schon«, Thorsten klang nicht gerade begeistert. »Irgendwas muss man ja lernen …«

»Was sagst du Ernie?«

Ernie zuckte mit den Schultern, murmelte dann aber: »Macht schon Spaß.«

Glücklich sah der lange Kerl nicht gerade aus.

»Es muss doch toll sein, bei so einem berühmten Mann in die Lehre zu gehen! Bei dem kann man bestimmt ’ne Menge lernen!«

Zum ersten Mal reagierte Ernie etwas lebhafter und nickte voller Überzeugung.

»Was wollt ihr denn nach eurer Ausbildung machen?«

»Weiß nicht«, seufzte Thorsten. »Vielleicht auf ein Kreuzfahrtschiff! Stell ich mir gut vor – Karibik und so!«

Und er grinste breit. Ernie blieb stumm. Erst, als Angermüller ihn noch einmal auf seine Pläne ansprach, überwand er sich.

»Ich mach später ein eigenes Restaurant auf«, sagte er leise und errötete wieder. »Und irgendwann kriege ich einen Stern.«

»Ernie, du bist ein Spinner! So reich ist deine Oma auch wieder nicht! Wo willst du denn die Kohle für ein Restaurant hernehmen?«

Der Junge schüttelte seinen Kopf mit der kecken Mütze. Ernie biss sich trotzig auf die Unterlippe.

»Und wie ist er so, euer Chef?«, fragte Jansen.

»O, o, oh!«, machte Thorsten nur, und sein Kumpel sagte: »Streng.«

»Darauf kannste einen lassen. Wenn der sauer wird, da bleibt kein Auge trocken!«, bekräftigte Thorsten noch einmal. »Und der ist oft sauer! Da fliegt schon mal ’n Topfdeckel!«

»Aber er ist nicht ungerecht«, sagte Ernie. Thorsten zog nur eine Grimasse.

»Na, dann wollen wir euch nicht länger von der Arbeit abhalten. Euer Chef wartet bestimmt schon auf euch.«

»Macht doch nix«, griente Thorsten.

»Sie können jetzt nicht mit Alix reden!«, sagte Grit Fischer verzweifelt. »Die Aufzeichnung läuft, und die sind gerade dabei, die Vorspeisen zu verkosten, das geht jetzt wirklich nicht!«

Die kleine Frau stand vor der Tür mit der Aufschrift ›Studio‹ und verteidigte sie mit vollem Einsatz. Der junge Anzugträger mit Knopf im Ohr und dem Schild ›Security‹ auf der Brust, der eigentlich hier postiert war und auch zum Team gehörte, stand stumm daneben, offensichtlich überwältigt von Grit Fischers engagiertem Auftreten.

»Hören Sie, wir sind keine Fans oder Zuschauer, die unbedingt in Ihre komische Sendung wollen!«

Auch Angermüller konnte anders. Wenn es um seine Arbeit ging, hatte der Spaß ein Ende.

»Müssen wir den Laden hier erst dichtmachen, um unsere Arbeit durchführen zu können?«

»Ich denke nicht, dass Sie dazu befugt wären«, stellte die Regieassistentin erstaunlich unbeeindruckt fest. Dann wieder warb sie flehentlich um Verständnis.

»Ich bitte Sie um ein wenig Geduld – keine zehn Minuten mehr, und Sie können mit dem Chef sprechen, mit Alix, mit wem auch immer. Wir werden die Aufzeichnung unterbrechen. Ich nehm das auf meine Kappe! Aber bitte, lassen Sie uns diesen Durchlauf noch beenden! Sie kennen den Chef nicht!«

Angermüller, der spürte, dass hinter dem forschen Auftreten von Grit Fischer echte Angst steckte, warf einen fragenden Blick zu Jansen, der einverständig nickte.

»Okay, zehn Minuten, sonst lernt Ihr Chef mich kennen!«

Kapitel II

Schwungvoll öffnete sich die Küchentür.

»Meine Herren! Pardon! Wir haben Ihnen keine Ungelegenheiten bereitet, hoffe ich! Lebouton.«

Der Mann in der blütenweißen Kochjacke ging mit weiten Schritten auf die beiden Beamten zu und reichte ihnen mit einem verbindlichen Lächeln die Hand. Er war schlank, mittelgroß, hatte dunkles Haar mit grauen Schläfen und ein schwer bestimmbares Alter. Auch in seiner Arbeitskleidung war er eine durchweg elegante Erscheinung. Angermüller und Jansen stellten sich ebenfalls vor.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Nur ein paar Fragen beantworten zu dem Toten, der heute Morgen in Ihrer Kühlzelle gefunden wurde«, antwortete Angermüller knapp. »Setzen Sie sich doch, bitte.«

Lebouton nahm am Küchentisch Platz. Das Lächeln war wieder ausgeschaltet.

»Eine schlimme Sache«, sagte er. Auf die gleiche Art hätte er auch die eisigen Temperaturen kommentieren können. »Selbstverständlich stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr.

»Wir müssen unser Gespräch protokollieren«, erklärte Jansen und hielt das Diktiergerät hoch. Lebouton nickte kurz. Als Jansen seine Personalien notieren wollte, suchte er nach seinem Ausweis, fand ihn aber nicht.

»Sollte sich der Personalausweis nachher noch anfinden, reiche ich ihn nach«, stellte Lebouton klar. »Aber ich nehme an, Sie glauben mir auch so, dass ich es bin.«

Und er gab Jansen seine Daten. Er war 61, wie Angermüller kurz nachrechnete. Mit seinem glatten Gesicht, den hellen, wachen Augen und dem vollen Haar wirkte er noch sehr jugendlich. Trotz seines französischen Namens sprach er vollkommen akzentfreies Deutsch.

Es klopfte kurz, die Küchentür ging auf, und eine große, gut aussehende Frau in einem knapp sitzenden, lindgrünen Kostüm schwebte auf hohen Absätzen herein. Sie schien sofort vom ganzen Raum Besitz zu ergreifen. Lange, kastanienrote Locken fielen ihr auf die Schultern, und sie hielt ein halbvolles Weinglas in der Hand.

»Die Vorspeise war göttlich, wie immer, Pierre!«, raunte sie zu Lebouton, der nur abwesend nickte, wandte sich dann an die Kommissare und sagte mit ihrer angenehm dunklen Stimme: »Ich bin Alix Blomberg. Grit sagte, Sie wollten mich sprechen?«

Ihre Augen waren auffällig groß und gaben ihrem Gesicht einen Ausdruck ständigen Erstaunens.

»Wir sagen Ihnen Bescheid, Frau Blomberg«, nickte Angermüller und deutete in Richtung Tür.

Jansen hatte sich schnell erhoben und begleitete die Fernsehmoderatorin nach draußen.

»Es dauert nicht lange«, sagte er leise zu ihr und lächelte sie an.

Er lächelte immer noch, als er wieder neben Angermüller am Tisch Platz nahm. Mit seinen Gedanken schien er jedenfalls nicht bei der Zeugenvernehmung und Herrn Lebouton zu sein.

»Sind wir so weit, Claus?«

Zur Eingrenzung des Tatzeitpunktes ergab die Vernehmung Leboutons keine weiterführenden Fakten. Der Kochstar hatte von Güldenbrook am gestrigen Nachmittag so gegen 17 Uhr das letzte Mal gesprochen und ihn danach nicht mehr gesehen. Anschließend hatte er sich in seiner Wohnung aufgehalten und den Abend im Haus seines früheren Verwalters verbracht. Erst durch einen Anruf von Grit Fischer am Morgen hatte er von dem Geschehen erfahren.

»Ich bin sofort hinüber ins Lager geeilt. Da lag Christian. Entsetzlich!«

Lebouton schloss die Augen und presste einen Zeigefinger gegen die Stirn.

»Wenn Sie das so entsetzlich finden, wieso haben Sie nicht Ihre Aufzeichnung heute verschoben?«

Der Meisterkoch hob seinen Blick und sah Angermüller mit unbewegtem Gesicht an.

»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun«, sagte er ungerührt. »Außerdem wäre das auch ganz und gar nicht in Christians Sinn, kann ich Ihnen versichern.«

»In welcher Beziehung standen Sie zu Christian von Güldenbrook?«

»Wir waren Partner.«

»Können Sie das etwas genauer sagen?«

»Christian war zuständig für die Finanzen der Lebouton-Unternehmen.«

»Wie war Ihre Zusammenarbeit?«

»Perfekt.«

»Wie laufen die Geschäfte?«

»Ich weiß zwar nicht, was das hiermit zu tun haben soll, aber dennoch: Sie laufen hervorragend.«

Angermüller und Jansen warfen sich einen kurzen Blick zu.

»Waren Sie Freunde?«

»Wir haben sehr gut zusammengearbeitet. Privat gingen wir eher getrennte Wege.«

»Aber Sie wohnten doch beide hier im Herrenhaus?«

»Zeitweise wohne ich auf Güldenbrook, das stimmt. Mit einer Mietwohnung im herkömmlichen Sinne ist das allerdings nicht zu vergleichen«, der Anflug eines nachsichtigen Lächelns legte sich auf Leboutons Gesicht. »Wenn jeder um die 200 Quadratmeter für sich hat, kommt man sich nicht so leicht ins Gehege, wissen Sie.«

Angermüller ließ sich von Leboutons herablassendem Ton nicht irritieren.

»Hat Herr von Güldenbrook Familie, Angehörige?«

»Er ist geschieden und hat einen Sohn, Clemens.«

»Wohnt der auch hier?«

»Christian lebte allein. Clemens in Lübeck, soweit ich weiß.«

»Wie alt ist er? Was macht er so?«

Lebouton spähte ungeduldig auf seine Armbanduhr.

»Er muss so Mitte 30 sein. Er hat lange studiert, irgendwas und sich dann mit einer Firma selbstständig gemacht. Aber was er genau macht, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich habe ihn in letzter Zeit nur selten gesehen. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater war wohl nicht das beste.«

»Was ist mit der ehemaligen Frau?«

»Die habe ich nie kennengelernt. Soweit ich weiß, lebt sie schon seit Langem mit ihrem zweiten Mann in den USA.«

»Wer, glauben Sie, könnte von Güldenbrooks Tod profitieren?«

Wieder ein Blick auf die Uhr.

»Meine Herren, ich denke, es ist Ihre Aufgabe, das herauszufinden. Meine Zeit ist leider begrenzt.«

Die Ungeduld des Zeugen ließ Angermüller ganz ruhig werden.

»Ich stelle meine Frage noch einmal: Wer könnte von Güldenbrooks Tod profitieren? Sein Sohn? Sie, als sein Geschäftspartner?«

»Was soll das? Ich profitiere davon ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. Mit ist ein sehr kompetenter Partner verloren gegangen, und was seinen Sohn betrifft: Ich kenne Christians Testament nicht.«

Lebouton erhob sich.

»Und jetzt muss ich wirklich zurück ins Studio, meine Herren. Die Zuschauer werden sonst unruhig.«

»Was für ein Mensch war Christian von Güldenbrook?«

Verständnislos sah Lebouton den Kriminalhauptkommissar an.

»Was für ein Mensch Christian war?«

Es schien, als würde er sich zum ersten Mal über diese Frage Gedanken machen.

»Er war ehrlich, zurückhaltend – korrekt würde ich sagen. Ein Mensch mit festen Grundsätzen. Ein Sportsmann.«

»Hatte er Feinde?«

»Was für eine Frage? Niemand wird von allen nur geliebt …«

»Wer könnte einen Grund gehabt haben, ihn aus dem Weg schaffen zu wollen?«

»So habe ich das nicht gemeint. Ich kann Ihnen keine konkreten Namen nennen. Und jetzt verabschiede ich mich. Sie wissen, wo Sie mich finden. Und sollten Sie unbedingt ins Studio kommen müssen, bitte kein Aufsehen!«

»Herr Lebouton, auch wir machen hier unseren Job. Wir wollen den Tod Ihres hoch geschätzten Partners aufklären, und es wäre sehr hilfreich, wenn Sie uns dabei unterstützen würden.«

Sein Unmut war dem Meisterkoch deutlich anzumerken. Mit hochgezogenen Brauen sah Lebouton auf seine Armbanduhr.

»In spätestens zwei Stunden können Sie noch einmal mit mir sprechen, meine Herren, wenn es unbedingt nötig ist. Mehr kann ich jetzt nicht für Sie tun.«

Er drehte sich abrupt um und eilte zur Tür.

»Eine Frage noch, Herr Lebouton!«

Lebouton blieb mit der Hand auf der Klinke stehen.

»Was ist denn noch?«, fragte er verärgert.

»Haben Sie vielleicht einen Schlüssel für die Wohnung von Herrn von Güldenbrook? Wir müssten uns da ein bisschen umschauen.«

»Dürfen Sie das denn einfach so?«

Es war offensichtlich, dass dem Starkoch dieses Ansinnen überhaupt nicht gefiel.

»Seien Sie versichert, wir dürfen«, erwiderte Angermüller bestimmt.

»Klingeln Sie drüben im Herrenhaus bei meinem Büro. Ich sag der Sekretärin Bescheid.«

Ein genervter Seufzer noch, und die Tür fiel laut ins Schloss.

»Ich mag meinen Job – vor allem, weil ich viel mit Menschen zu tun habe«, sagte Jansen langsam.

»Der ist eben ein Star, der Mann, da gelten andere Maßstäbe. Wir sind für den einfach nur zwei lästige kleine Polizisten«, meinte Angermüller gleichgültig. Von Leuten wie Lebouton hatte er sich noch nie die Laune verderben lassen. Dabei interessierte ihn der Mann eigentlich, der in allen Medien als Küchenpapst präsent war und dessen Namen und Beruf wahrscheinlich jedes Kind in Deutschland kannte.

»Schaun wir mal. Vielleicht geht’s ja mit der Dame besser. Holst du sie rein?«

Wie ein Metronom klangen ihre hohen Absätze auf dem gefliesten Küchenboden. Von Jansen eskortiert, schob sich Alix Blomberg wiegenden Schrittes herein und blieb abwartend vor dem Tisch stehen, an dem Angermüller saß. Der stand sofort auf und bot ihr, als er ihre suchenden Blicke sah, einen Platz an. Sie warf die rotbraune Mähne zurück, dankte mit einem Lächeln, setzte sich und schlug die perfekten langen Beine übereinander, die der kurze Rock bis weit übers Knie frei ließ.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie mit ihrer markanten Stimme, die auf Jansen eine überwältigende Wirkung zu haben schien.

»Claus? Würdest du bitte?«, weckte Angermüller seinen Kollegen, der nur dastand und schaute.

»Aber gern. Bitte Frau Blomberg, ich müsste Ihre Personalien …«, sagte Jansen mit einem charmanten Grinsen und waltete seines Amtes.

Alix Blomberg lebte in Hamburg und war am Abend zuvor für die bevorstehende Aufzeichnung angereist.

»Ich bin zusammen mit Ebbo gekommen, Eberhard Prantl, das ist unser Regisseur. Ich hab ihn in meinem Wagen mitgenommen. Wir waren schon vor 19 Uhr hier.«

»Haben Sie einen Schlüssel für das Haus hier?«

»Am Schlüsselbund fürs Zimmer hängt auch ein Haustürschlüssel, aber den hatten wir da ja noch nicht. Hereingelassen hat uns einer von den Jungs, als wir ankamen.«

»Sie meinen, einer von den Kochlehrlingen?«

»Ja, der Anatol hat die Tür aufgemacht.«

»Waren Sie den ganzen Abend hier im Haus?«

Sie schüttelte ihre Locken.

»Nein. Der Ebbo und ich sind gleich nach unserer Ankunft noch zu Toni nach Kellenhusen gefahren. Das ist ein hervorragender Italiener – so was vermutet man hier in der Provinz ja gar nicht. Wir haben zwei von den Jungs bis Lensahn mitgenommen.«

Angermüller betrachtete aufmerksam die schlanke Moderatorin.

»Wann kamen Sie zurück? War da jemand zu Hause?«

»Das muss so gegen 21.30 Uhr gewesen sein. Ebbo und ich waren die Einzigen im Haus. Vom Team hat hier sonst keiner übernachtet. Es war herrlich ruhig, ich habe geschlafen wie in Morpheus’ Armen!«

Alix Blomberg schenkte Jansen einen langen Blick aus ihren strahlend großen Augen.

»Ist Ihnen irgendwas aufgefallen, als Sie vom Essen zurückkamen?«

Ihr war nichts aufgefallen. Sie und der Regisseur hatten in der Küche, in der man jetzt saß, noch einen Wein zusammen getrunken, und dann war jeder auf sein Zimmer gegangen. Als sie am Morgen nach unten kam, um sich einen Kaffee zu holen, waren da Grit Fischer, Pierre Lebouton und andere versammelt und in heller Aufregung. So hatte sie von dem Geschehen erfahren.

»Ist das nicht entsetzlich?«

Alix Blomberg legte leidend eine Hand an die Schläfe und sah die Kommissare mit ihren großen Augen verzweifelt an. In anklagendem Ton fragte sie: »Warum Christian? Er war ein so wertvoller Mensch!«

»Kannten Sie ihn denn näher?«

Versonnen sah Alix Blomberg auf den Küchentisch und spielte dabei mit dem breiten goldenen Armband an ihrem linken Handgelenk.

»Ach ja«, sie seufzte und blickte hoch. »Wir standen uns einmal sehr nahe, Christian und ich.«

Angermüller, dem es nicht leichtfiel, fremde Leute nach wenigen Minuten über Details aus ihrem Privatleben auszufragen, hatte den Eindruck, dass die Blomberg von sich aus gern mehr darüber erzählen wollte. Beim Hereinkommen hatte er ihr Alter auf Mitte 30 geschätzt, nun saß sie ihm direkt gegenüber, und er sah deutlich das starke, wenn auch perfekte Make-up in ihrem Gesicht. Es vermochte die zehn Jahre, um die sie tatsächlich älter war, doch nicht ganz zu tilgen.

»Wie lange ist das her mit Ihnen und Herrn von Güldenbrook?«

»Ich weiß nicht mehr so genau, vielleicht fünf Jahre? Fast hätten wir geheiratet …«, sie lächelte wehmütig in sich hinein. Jansen beobachtete sie fasziniert und überließ es Angermüller, die Fragen zu stellen.

»Warum ist nichts daraus geworden?«

»Ach ja, es waren wohl mehrere Gründe. Mein Leben ist zuweilen recht unstet, mein Job, wissen Sie, unregelmäßig, anstrengend, auslaugend … Aber er ist mir wichtig, ich würde ihn nie für eine Ehe aufgeben. Man hat ja auch eine Verpflichtung seinem Publikum gegenüber, nicht wahr?«

Alix Blomberg lächelte Jansen an, der sogleich zurücklächelte.

»Und dann war da noch die alte Gräfin«, sie schüttelte ihre Lockenpracht. »Eine alte Dame mit dem Charme eines Fallbeils, und dass sie mich nicht mochte, machte sie mir in der ersten Sekunde klar. Ich, weder Adel noch Geldadel, und dann auch noch beim Fernsehen – das war nicht ihre Klasse. Und sie hatte enormen Einfluss auf Christian.«

»Lebt sie hier auf dem Gut?«

»Sie liegt mittlerweile auf dem Friedhof, unter ihresgleichen, nehme ich an. Sie ist letztes Jahr gestorben.«

»Sie sind Herrn von Güldenbrook durch die Arbeit hier ja öfter noch begegnet …«

Alix Blomberg ließ Angermüller nicht ausreden.

»Wir sind gute Freunde geblieben, wenn Sie das meinen! Wir sind schließlich beide erwachsene, zivilisierte Menschen – gewesen. Außerdem war Herr von Güldenbrook ein Gentleman durch und durch«, sie senkte bekümmert ihren Kopf und schloss die Augen. »Ach, Christian.«

»Kennen Sie Clemens von Güldenbrook?«

»Seinen Sohn meinen Sie? Der wurde mir einmal vorgestellt. Das ist ewig her. Seitdem habe ich höchstens mal sein Auto hier auf dem Gelände gesehen.«

Die Moderatorin stutzte einen Moment.

»Jetzt, wo ich so darüber rede, fällt mir ein, der Wagen könnte auch gestern hier gestanden haben, als wir zum Essen losgefahren sind.«

Die beiden Kommissare horchten auf.

»Ach ja?«

»Ja, irgendwie ist mir so. Aber ich habe nicht darauf geachtet. Es ist irgend so ein teurer englischer Sportwagen, den sein Sohn fährt. Es war ja schon dunkel draußen, und ich hab den nur so aus dem Augenwinkel gesehen, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Genauer können Sie das Auto nicht beschreiben?«

»Es ist silberfarben, aber sonst? Tut mir leid.«

»Aber das ist doch kein Problem, Frau Blomberg.«

Claus Jansen war die Liebenswürdigkeit in Person und bekam dafür wieder ein nettes Lächeln.

»Können Sie sich denn vorstellen, wer einen Grund gehabt haben könnte, Herrn von Güldenbrook das anzutun? Hatte er Feinde?«, fragte Angermüller.

Erst schüttelte die Moderatorin den Kopf, dann sagte sie zögernd: »Ich will hier niemanden beschuldigen. Aber Sie wissen ja, wie das ist, bei einer Truppe von Leuten, die zum Teil schon ziemlich lange zusammenarbeitet … aber das ist jetzt wirklich vertraulich!«, sie senkte ihre Stimme. »Es gibt Gerüchte.«

»Welcher Art?«

»Dass es den Lebouton-Unternehmen nicht sonderlich gut geht, und Christian war ja der Verantwortliche für die finanzielle Seite. In letzter Zeit hat es zwischen den beiden öfter gekracht.«

»Zwischen Lebouton und Güldenbrook?«

»Ja«, bestätigte Alix Blomberg und hob gleichzeitig beschwichtigend die Hände. »Aber wie gesagt: Gerüchte.«

Angermüller nickte.

»Tja, wenn du keine Fragen mehr hast, Claus?«

Mit einem besonders netten Lächeln für Jansen hatte sich die Moderatorin verabschiedet.

»Na Claus?«

»Was?«

»Na ja!«

»Nix.«

Jansen grinste, Angermüller auch. Dann wurde er wieder dienstlich.

»Die, mit denen wir noch reden müssen, der Regisseur wie auch dieser Lehrling Anatol, sind bei der Aufzeichnung im Studio. Ich denke, es bringt nichts, da jetzt einen Aufstand zu machen, oder? Es fehlt mir noch, dass uns die ganzen Zuschauer zwischen den Füßen herumlaufen. Ich würde vorschlagen, wir werfen einen Blick in die Wohnung von Güldenbrook.«

Schnell liefen die Kommissare über den Hof in Richtung Herrenhaus. Aber dann blieb Angermüller trotz der schneidenden Kälte in einiger Entfernung stehen, um den schlossartigen, weißen Bau zu bewundern, dessen spätbarocke Fassade sich in zwei Stockwerken vor ihnen erhob. Kunstvoll gearbeitete Simse schmückten die vielen hohen Sprossenfenster. Man musste eine kleine Brücke überqueren, denn das Gebäude war ringsum von einem Wassergraben umgeben, um dann ein paar Stufen zu dem großen, alten Portal hinaufzusteigen.

Angermüller betätigte die Klingel, die unter dem auffälligen, glänzenden Messingschild neben dem Eingangsportal angebracht war. ›Lebouton Unternehmensgruppe‹ stand auf dem Schild. Gleich darauf ertönte ein Summer.

Selbst Jansen, der sich gewöhnlich weniger für historische Gemäuer interessierte, stand erst einmal überwältigt neben Angermüller in der riesigen Eingangshalle. Mit ihren üppigen Deckenmalereien, den Stuckverzierungen und den Marmorbalustraden des weiten Treppenhauses konnte sie nur als prachtvoll bezeichnet werden.

»Guten Morgen! Sie sind bestimmt die Herren von der Kripo. Der Herr Lebouton hat mir schon Bescheid gesagt, Sie wollen die Räume vom Herrn Grafen anschauen. Ist das nicht ein entsetzliches Unglück? Wer macht bloß so was? Herr von Güldenbrook war ein so vornehmer Mensch. Aber es gibt ja so viele Neider, nicht?«

Die kleine rundliche Frau, die etwas verloren in der hohen Flügeltür wirkte, schien auf ihren Besuch schon gewartet zu haben.

»Kommen Sie doch bitte rein, meine Herren. Mögen Sie vielleicht einen Kaffee, der täte Ihnen doch sicher gut bei der Kälte, nicht? Ich bin die Sekretärin von Herrn Lebouton. Na ja, nicht nur. Ich bemuttere ihn auch so ’n büschen. Sie verstehen sicher, wie ich das meine, nicht? Seit zehn Jahren bin ich schon hier. Mein Name ist Hase. Ich beantworte gern alle Ihre Fragen. Man muss die Arbeit der Polizei doch unterstützen, nicht?«

»Vielleicht später, Frau Hase. Hat Ihnen Herr Lebouton wegen des Schlüssels …?«, versuchte Angermüller den Redefluss der Sekretärin zu stoppen.

»Natürlich! Ich weiß doch Bescheid«, und sie holte ein Schlüsselbund aus der Jackentasche und schwenkte es fröhlich hin und her. »Kommen Sie bitte mit.«

Ehe Angermüller sie zurückhalten konnte, eilte Frau Hase, die eine rote Strickjacke über weißer Bluse und Schottenrock trug und sie eben noch zum Kaffee bitten wollte, in ihren Gesundheitslatschen die geschwungene Treppe hinauf. An Putten und Marmorbüsten vorbei, die in Nischen unter arkadischen Landschaftsmalereien standen, führte sie die Beamten über die Galerie nach links zu einer der Flügeltüren.

»Das ist die Wohnung vom Herrn Grafen. Da gegenüber ist der Eingang vom Herrn Lebouton«, erklärte sie etwas atemlos. Sie hantierte mit dem großen Schlüsselbund, an dem viele kleine Schildchen hingen, und suchte nach dem passenden Schlüssel.

»So ’n Schiet aber auch, jetzt habe ich meine Lesebrille im Büro vergessen. Können Sie vielleicht erkennen, welcher der Schlüssel der vom Herrn Grafen ist?«

»Das kriegen wir schon hin, Frau Hase, vielen Dank«, sagte Jansen und nahm ihr das Schlüsselbund ab. »Wir schaffen das allein, denke ich, und wir wollen Ihnen doch nicht Ihre Zeit stehlen.«

Freundlich komplimentierte er sie in Richtung Treppe.

»Aber vielleicht könnte ich Ihnen ja doch so manches erklären. Schließlich war ich schon ein paar Mal bei Herrn von Güldenbrook in der Wohnung.«

»Danke, wir finden uns schon selbst zurecht.«

Leise hörte man im Untergeschoss das Telefon klingeln.

»Sehen Sie, Sie haben Besseres zu tun!«, meinte Jansen erleichtert.

»Wie Sie meinen«, sagte Frau Hase. Die Kränkung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Sollten Sie mich doch noch brauchen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«

Und während sie gemessenen Schrittes die Treppe hinunterstolzierte – das Telefon hatte mittlerweile aufgehört zu klingeln, fing aber kurz darauf wieder an –, schloss Jansen die Wohnungstür auf.

»Ich wusste gar nicht, dass man im Museum wohnen kann.«

Jansens Kommentar gab wieder, was auch Angermüller durch den Kopf ging. Die riesigen Zimmer mit den hohen Decken, ja, es waren fast Säle, waren ausschließlich mit original Mobiliar aus vergangenen Jahrhunderten ausgestattet. Von den Wänden blickten strenge Porträts von Männern und Frauen, wahrscheinlich die versammelten Vorfahren der Grafen von Güldenbrook. Dieses Ambiente war beeindruckend, aber auch auf eine Art leblos, unpersönlich. Außerdem roch es hier drin irgendwie alt, nach Staub, nach Verfall. Aber vielleicht empfand man das anders, wenn man der hier schon seit ewigen Zeiten ansässigen Familie entstammte. Angermüller jedenfalls glaubte nicht, dass er sich wohl gefühlt hätte in diesen mehreren Hundert Quadratmetern, schon gar nicht allein.

Am besten gefiel ihm noch das Arbeitszimmer, das nicht ganz so groß und auch nicht so voll gestellt war. Es war ein Eckzimmer, und dank zweier hoher Fenster an beiden Seiten wirkte der Raum luftig und freundlich. Ungehindert konnte der Blick über die hier flache holsteinische Landschaft bis zum Horizont schweifen.

Jansen zog sich Latexhandschuhe über. Auf einem Tischchen neben dem Kamin stand eine Weinflasche neben zwei benutzten Gläsern.

»Château Haut Brion«, las er in ziemlich deutscher Aussprache vom Etikett.

»Haut Brion heißt das. Ein ziemlich berühmtes Weingut im Bordeaux, und dieses Gewächs ist wahrscheinlich auch sakrisch teuer«, erklärte Angermüller.

»Franzosenkram. Ich trink lieber ein ehrliches Bier. Aber Ameise wird sich drüber freuen.«

Jansen holte ein paar Plastiktüten aus seiner Jackentasche und packte alles sorgfältig ein.

Auch Angermüller hatte Handschuhe übergestreift und dann auf dem Schreibtischstuhl Platz genommen. Er zog die Schubladen auf. Korrespondenz mit Behörden, Versicherungen und Krankenkasse, private Briefe und Rechnungen, alles systematisch abgeheftet.

»Nach einem hastigen Durchwühlen sieht es hier nicht aus. Sollte sich der Täter mit Güldenbrooks Schlüssel hier wirklich Zugang verschafft haben, dann hat er sich viel Zeit gelassen oder sich gut ausgekannt«, stellte Angermüller fest.

»Vielleicht war er ja gar nicht hier und hat die Sachen aus den Taschen des Toten nur mitgenommen, um falsche Spuren zu legen.«

»Tja, alles ist möglich.«

Der große alte Schreibtisch sah sehr aufgeräumt aus. Links ein Stapel Ablageboxen, sauber beschriftet, eine Schale mit Bleistiften und Kugelschreibern, ein neuer Schreibblock und in der Mitte der ledernen Unterlage ein Laptop. Angermüller deutete auf den Computer.

»Den nehmen wir auch mit. Da muss sich Niemann drum kümmern.«

An der Wand neben dem Schreibtisch hing eine ganze Reihe gerahmter Fotografien, Familienaufnahmen wahrscheinlich. Neben einer umfangreichen Sammlung von alten Jazzplatten waren diese Bilder die einzig wirklich privaten Accessoires in den Räumen. Eines davon, in einem silbernen Rahmen, zog Angermüllers besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte Christian von Güldenbrook mit einem vielleicht zehnjährigen Jungen. Der Junge trug ein Reiterdress und hielt ein Pferd am Zügel. Die beiden strahlten glücklich in die Kamera. ›Für Papa! Kuss, Clemens‹ stand in ordentlicher Kinderschrift auf der Aufnahme.

Bad und Küche waren die einzigen Räumlichkeiten in Güldenbrooks Wohnung, die modernen Bedürfnissen angepasst waren. Sie waren mit allem Notwendigen versehen, aber keineswegs luxuriös ausgestattet. Langsam ließ Jansen seinen Blick noch einmal durch das Arbeitszimmer schweifen.

»Ich glaube, wir haben alles gesehen, oder?«

Angermüller nickte.

»Denke ich auch. Komm, wir schauen mal, ob Steffen schon da ist.«

Nachdem sie sich mit Mühe von Frau Hase wieder losgeeist hatten, die ihnen in der Halle förmlich aufgelauert hatte und der Polizei unbedingt wichtige Hinweise geben wollte, die sich aber als vollkommen uninteressant erwiesen, kehrten sie ins Kavaliershaus zurück. Im Lager trafen sie als Ersten auf Ameise.

»Ich hab selten so einen sauberen Tatort gesehen, Kollegen!«, kommentierte der kopfschüttelnd, als er die beiden Kommissare bemerkte, die ihm sogleich ihre Ausbeute aus Güldenbrooks Wohnung in die Hand drückten. Ameise und der andere Kriminaltechniker waren immer noch dabei, in Lager und Kühlraum nach Spuren zu suchen, seien es Fußabdrücke, Faserreste, Fingerabdrücke, Blut oder andere DNA-Träger.

»Soweit wir das bis jetzt feststellen konnten, hat auch niemand Spuren beseitigt. Es waren schlicht keine vorhanden.«

»Das macht es uns nicht gerade leichter«, brummte Angermüller.

»Ihr werdet ja auch nicht dafür bezahlt, dass ihr es leicht habt, oder?«

»Sonst noch was, Meise?«

»Schon nach diesen ersten Eindrücken würde ich sagen, dass es keinen Kampf zwischen Täter und Opfer gab und der- oder diejenige gleich mit dem ersten Stich sauber das Ziel getroffen hat. Wenn du mich fragst: Das Ganze hat sich genau dort abgespielt, wo der Mann gefunden wurde. Mehr hab ich jetzt noch nicht auf der Pfanne.«

»Danke, Meise.«

Als sie an der Kühlzelle ankamen, hockte Steffen im weißen Overall neben dem Toten und war dabei, ihn fotografieren zu lassen. Der Fotograf, ebenfalls im Schutzanzug, drückte sich zwischen die an Fleischerhaken hängenden Tierteile, um die beste Position für seine Aufnahmen zu finden.

»Grüß dich, Steffen! Bist du schon länger hier?«

»Hallo Schorsch! Hallo Jansen! Bin vor einer knappen Stunde eingetroffen. Sehr passende Umgebung. Wenn auch ein wenig frisch.«

»Tja, können wir uns leider nicht aussuchen.«

»Ihr wollt schon was wissen, nehm ich an.«

»Wär’ nicht schlecht.«

»Tja, das ist wieder eine extra harte Nuss, die ihr mir hier zu knacken gebt.«

»Nicht absichtlich, das kannst du uns glauben! Wo ist das Problem?«

»Die Temperaturverhältnisse. Ich fürchte, da werd ich ein Weilchen rechnen müssen, um den Todeszeitpunkt festzulegen, und wie genau das dann sein wird …«

Steffen wiegte zweifelnd seinen Kopf hin und her.

»Normalerweise bestimme ich die Körperkerntemperatur, um den Todeszeitpunkt festzustellen. Ich berechne die Abkühlungszeit unter Berücksichtigung der Außentemperatur, des Körpergewichtes und der Auffindungsumstände. Diese Methode ist ziemlich exakt. Im vorliegenden Fall stellt sich die Frage: Wann wurde der Temperaturregler auf die jetzt angezeigten minus 20 Grad gestellt?«

»Ich würde annehmen, vom Täter gleich nach der Tat«, meinte Angermüller. »Aber wann war das?«

»Siehst du, das ist genau das Problem.«

Der Fotograf hatte seine Arbeit in der Kühlzelle beendet und verließ den engen Raum. Steffen war bekannt für seine akribische Arbeitsweise, und offensichtlich bereitete ihm die Aussicht, seine Ergebnisse nicht vernünftig absichern zu können, echtes Unbehagen. Obwohl er grundsätzlich keine Aussage mit hundertprozentiger Sicherheit traf, dafür war er viel zu genau und zu vorsichtig.

»Außerdem: Welche Temperatur herrschte vorher hier drin und wie lange braucht die Kühlzelle, um auf die jetzt hier angezeigten minus 20 runterzukühlen?«

»Was den Zeitpunkt der Tat angeht: Bisher haben wir eine Aussage, dass von Güldenbrook das letzte Mal lebend so gegen 17 Uhr gesehen wurde«, sagte Jansen. »Und normalerweise soll hier drin eine Temperatur von null bis zwei Grad gewesen sein.«

»Immerhin, das sind zwei Anhaltspunkte«, nickte der Rechtsmediziner. »Zur Todesursache: Da würde ich bereits jetzt die These hämorrhagischer Schock wagen.«

Steffen deutete auf die Stelle, wo das Messer immer noch in Güldenbrooks Brustkorb steckte.

»Ihr werdet auch gleich bemerkt haben, dass es äußerlich kaum sichtbare Blutspuren gibt. Der Stich muss die große Vene in Herznähe getroffen haben, und das Opfer ist so nach innen verblutet.«

»Glaubst du auch, dass es hier drinnen passiert ist?«, fragte Georg seinen Freund.

»Ich gehe davon aus, ja. Ich nehme an, der Täter hat ganz überraschend zugestochen, und das Opfer ist sofort hier zusammengesackt. Eventuell hat der Angreifer sogar selbst den Fall abgefangen und den Mann gestützt, als er zu Boden ging. Aber ich werde das selbstverständlich überprüfen, Hämatome, Abschürfungen, das ganze Spektrum.«

»Gut«, nickte Angermüller.

»Und jetzt wollt ihr wahrscheinlich wissen, wann ich euch mehr erzählen kann.«

»Du kennst uns doch.«

»Ich denke, spätestens morgen Vormittag«, versprach Steffen von Schmidt-Elm den Kommissaren. »Der Wagen, der ihn ins Institut bringen soll, ist schon hierher unterwegs.«

Der Rechtsmediziner erhob sich. Leiser sagte er dann zu Georg Angermüller: »Morgen Nachmittag habe ich einen wichtigen Termin am Flughafen.«

Georg musste erst einen Moment überlegen, was sein Freund damit meinte. Dann fiel ihm ein, dass David kommen würde. David war Steffens englischer Lebenspartner. Die beiden bewohnten seit Dezember ein gemeinsames Haus in Lübeck. David war als auf Kirchenmalerei spezialisierter Kunstrestaurator von internationalem Ruf viel unterwegs, weshalb die geplante offizielle Besiegelung ihrer Lebensgemeinschaft schon mehrfach verschoben worden war. Doch nun sollte das Ereignis, das den sonst so kontrollierten Steffen schon seit Monaten mit Nervosität und Spannung erfüllte, am nächsten Wochenende endlich über die Bühne gehen.

»Und vergiss nicht: morgen Abend, Schorsch!«

»20 Uhr, ich weiß!«

»Das ist vielleicht nicht gerade die richtige Inspiration dafür«, sagte Steffen leise mit einem kurzen Seitenblick auf den Toten und dann die Rinderkeulen ringsum. »Aber ich mach doch einen Tafelspitz.«

Georg war bei Steffen und David zum Essen eingeladen. Sie wollten Einzelheiten der Hochzeitsfeier besprechen, bei der Angermüller als Steffens Trauzeuge fungieren sollte.

»Da habe ich kein Problem mit«, meinte er zu seinem Freund. Im Gegenteil, bei einem guten Essen und einem Glas Wein fand der Kommissar meist seinen Seelenfrieden wieder, wenn ein Fall ihn bis in sein Privatleben verfolgte. Ein echtes Problem sah Georg darin, Astrid erklären zu müssen, warum er sich früher von der Geburtstagsfeier ihrer Schwester Sigrid würde verabschieden müssen. Doch er hatte mit David und Steffen einfach keinen anderen Termin finden können.

»Moin allerseits! Dürfen wir mal? Wir haben hier einen Kunden abzuholen.«

Das laute Auftreten des Mannes, der da die Kommissare von hinten ansprach, passte nicht so recht zu seiner gediegenen Aufmachung. Er und sein Kollege steckten in schicken grauen Jacketts und schwarzen Hosen mit akkurater Bügelfalte.

»Okay, Steffen, dann erst mal danke«, verabschiedete sich Angermüller. »Wir hören von dir.«

Rasch räumten die beiden Kommissare die Kühlzelle und machten Platz für die Mitarbeiter des Bestattungsinstituts mit ihrem Metallsarg.

Im Flur trafen sie auf die Kollegin Kruse und den Kollegen Teschner, die ziemlich durchgefroren waren.

»Ihr braucht euch nicht zu beschweren! In der Kühlzelle sind’s minus 20, sach ich nur! Kommt lieber mit in die Küche und erzählt, ob ihr weitergekommen seid«, forderte Jansen die beiden auf.

»Außer den beiden im Herrenhaus gibt es hier auf dem Gut noch sechs Wohnungen in den Nebengebäuden des Torhauses«, berichtete Teschner, als sie am großen Küchentisch Platz genommen hatten. »Wir haben mit einer jungen Mutter und einem Rentnerpaar dort gesprochen. War ziemlich unergiebig. Interessant ist vielleicht eine Beobachtung, die eine ältere Dame gemacht hat: Gestern gegen Abend soll der Sohn des Opfers hier auf dem Gut gewesen sein. Zumindest hat die Zeugin ein Auto gesehen, das seines gewesen sein könnte. Ansonsten war in den anderen Wohnungen niemand zu Hause. Und dann ist da noch das Verwalterhaus, das etwas versteckt zwischen Herrenhaus und Scheune liegt. Aber da war auch keiner.«

»Dann klärt das ab mit dem Wagen des Sohnes und findet raus, wo der sich aufhält. Das ist schon der zweite Hinweis auf den. Klingt nicht uninteressant«, meinte Angermüller.

»Im Hof hatten wir dann noch eine Begegnung der anderen Art«, grinste Anja-Lena Kruse. »Wir sind mit einem Herrn Mientau aneinandergeraten, der kam mit seinem Trecker angebrettert und hätte uns beinah umgenietet! Als er mitkriegte, dass wir von der Polizei sind, wurde er noch wütender.«

»Wenn das man nicht der Typ war, wegen dem ich vorhin schon eine Notbremsung hinlegen musste! Was macht der hier?«

»Der hat das Land gepachtet, das zum Gut gehört, und züchtet eine spezielle Rinderrasse, und zwar exklusiv für Güldenbrook, jedenfalls schien der eine Mordswut auf den Grafen zu haben. Der und Lebouton, das wären allesamt Halsabschneider und Gangster, die hätten ihn über den Tisch gezogen und so weiter und so weiter.«

»Könnte der Typ was mit der Sache zu tun haben?«, fragte Jansen. Kriminalobermeisterin Kruse zuckte unschlüssig mit den Schultern.

»Ich weiß nicht. Der ist so ein typischer Hochdruckmensch, einer von denen, die gleich laut werden. Kann natürlich sein, dass er dann auch mal so ausrastet, dass er tätlich wird. Angeblich ist er gestern den ganzen Tag nicht hier auf dem Gut gewesen. Sein Hof liegt einen knappen Kilometer von hier entfernt, im Dorf Güldenbrook. Wir haben jedenfalls seine Daten und geben die gleich an Thomas zur Inpol-Abfrage weiter. Danach sprechen wir wieder mit dem.«

»Und sonst?«

Teschner sah auf seinen kleinen Notizblock.

»Ach so, ja. Da sind noch die beiden Bedienungen im Torhaus. Kann man vergessen. Die sind erst heute Morgen gekommen, wohnen in Dörfern in der Umgebung. Das kleine Restaurant und der Laden sind außerhalb der Saison immer nur tagsüber von Freitag bis Sonntag geöffnet.«

»Na gut. Dann habt ihr ja noch einiges zu tun. Wir sehen uns spätestens heute Abend zur Kommissariatsbesprechung.«

»Wann war das noch?«

»18 Uhr.«

»Alles klar«, mit beiden Händen strich Kriminaloberkommissar Teschner über seine kalten Arme. Es klopfte.

»Jetzt könnte ich gut einen heißen Kaffee vertragen«, sagte Teschner und sah sehnsüchtig zu der glänzenden italienischen Kaffeemaschine hinüber. »War verdammt kalt da draußen!«

Der Kopf eines jungen Mannes sah um die Ecke der geöffneten Küchentür.

»Guten Tag!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, kam er herein und ging geradewegs auf die Beamten zu.

»Guten Tag!«, sagte er noch einmal freundlich und gab allen die Hand. »Ich bin Anatol. Anatol Kerbel, wie das Kraut.«

Seine Mütze hatte er in den Gürtel der Kochjacke geschoben, und die dunklen, halblangen Haare waren glatt nach hinten gekämmt. Er trug einen sehr schmalen Bart, der in einem akkuraten Streifen rund um Wangen und Kinn lief und auch die Oberlippe zierte.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Kaffee machen? Ich mein nur, weil ich das gerade gehört habe … Ich weiß, wie man die Maschine bedient.«

Die Beamten sahen sich an.

»Das Angebot nehmen wir dankbar an«, sagte Angermüller dann zu dem jungen Mann, »und anschließend kannst du uns gleich noch ein paar Fragen beantworten.«

»Ja klar, deshalb bin ich ja hergekommen. Ernie und Thorsten haben mir eben gesagt, dass Sie hier sind. Wie hätten Sie Ihren Kaffee denn gern?«

»Kannst du mir bitte einen großen Milchkaffee machen?«, fragte Angermüller. »Darf ich dich überhaupt duzen?«

»Kein Problem!«, grinste Anatol. »Und was darf ich den anderen Herrschaften servieren?«

Bald duftete die ganze Küche nach frisch gemahlenem Espresso, und die Beamten genossen die aromatischen Getränke, ganz nach ihren Wünschen, stärker oder schwächer, mit oder ohne Milch, mit oder ohne Zucker. Der junge Mann gab sich Mühe, ein perfekter Gastgeber zu sein.

Anatol Kerbel war 21, genauso alt wie Thorsten Bauer, wirkte aber auf Angermüller um vieles erwachsener und reifer. Seine Angaben über den Vorabend deckten sich mit denen seiner beiden Kumpel, und er hatte von Güldenbrook ebenfalls das letzte Mal am gestrigen Nachmittag gesehen, als er mit seinem Auto auf den Hof fuhr. Auch er hatte mit dem Grafen eher wenig zu tun gehabt.

»Ab und zu tauchte er auf und kritisierte unseren zu großzügigen Umgang mit den teuren Zutaten. Aber Pierre war eigentlich nie seiner Meinung.«

»Und wie kommst du so klar mit euerm Chef?«, wollte Angermüller wissen.

»Gut, würde ich sagen«, nickte Anatol, als wolle er sich selbst seine Aussage bestätigen. »Man kann eine Menge von ihm lernen. Es ist eine Riesenchance.«

»Ist der nicht manchmal ein bisschen schwierig, der Herr Lebouton?«

»Wenn sich einer dämlich anstellt, dann kann er schon mal ausrasten. Man muss halt gut sein.«

Anatol lächelte breit und zeigte seine makellosen Zähne. Sein Aussehen erinnerte Angermüller an die Popstars, die seine 13-jährigen Töchter auf Plakaten an den Wänden ihrer Zimmer hängen hatten. Er war ein ausnehmend hübscher Junge, und wie ein Kochlehrling sah er nach landläufiger Vorstellung jedenfalls nicht aus.

»Und du bist gut?«

»Ja, ich glaub schon«, nickte Anatol und sah Angermüller dabei direkt an. Solch eine unverschämte Selbstsicherheit konnte man wohl nur in diesem Alter an den Tag legen, dachte Angermüller amüsiert.

»Ich bin der Einzige, der schon öfter Auftritte in der Show hatte. Und auch die Zuschauer fanden mich gut.«

»Aha. Woher weißt du das?«

»Na ja, es kamen halt Mails und Anrufe. Die Leute wollten wissen, wer ich bin und so, und ob ich noch öfter dabei sein werde.«

»Was hast du denn gekocht?«

»Gekocht habe ich nicht direkt. Ich habe assistiert.«

Und sogleich zählte der junge Mann so einiges auf, um seine Fähigkeiten ins rechte Licht zu setzen.

»Ich habe zum Beispiel Orangen filettiert, einen Tafelspitz aus einer Rinderkeule geschnitten, Nudelteig gemacht, einen Seewolf portioniert – das ist vor laufender Kamera nicht ganz leicht.«

»Da gebe ich dir recht. Das ist auch ohne Kamera nicht einfach«, nickte Angermüller. »Und was ist dein Glanzstück? Was gelingt dir beim Kochen am besten?«

»Eigentlich gelingt mir immer alles«, auf Anatols Gesicht erschien wieder dieses unwiderstehliche Lächeln. »Aber wenn ich wählen dürfte, würde ich einen schönen Tafelspitz kochen und dazu mein Kartoffel-Pastinaken-Püree mit gerösteten Walnüssen.«

»Ach, und wie würdest du den Tafelspitz zubereiten?«

Jetzt war Angermüllers Interesse geweckt. Vielleicht würde er ja hier einen Tipp für ein neues Rezept entdecken, mit dem er Steffens Variante, die er am nächsten Abend kennenlernen sollte, noch übertreffen könnte.

»So wie der Chef, in Pinot Noir, nur mit erstklassigen Zutaten. Das ist das A und O. Und Geduld.«

»Würdest du mir denn das Rezept verraten?«

»Oh Mann!«, rief Jansen in gespielter Verzweiflung. »Sind wir mal wieder beim Thema?«

»Also wir haben jetzt keine Zeit, Kochrezepte zu sammeln. Die Pflicht ruft.«

Teschner und Anja-Lena Kruse erhoben sich.

»Der Kaffee war gut, danke!«, meinte Teschner dann noch zu Anatol.

»Freut mich«, nickte der und wandte sich wieder an Angermüller.

»Sehen Sie auch immer unsere Sendung?«

»Äh, nicht direkt. Ich koche nur ab und zu ganz gern.«

»Ach so.«

Diese Aussage schien Anatol eher enttäuschend zu finden, und er erläuterte: »Weil ich wahrscheinlich demnächst den Tafelspitz in der Sendung kochen darf. Dann finden Sie das Rezept sowieso im Internet.«

»Na gut. Dann danke für den Tipp! Was möchtest du denn machen, wenn deine Ausbildung beendet ist?«

»Fernsehkoch.«

»Anatol!«

»Ja, Chef?«

Kaum war vom Flur Leboutons Stimme zu hören, sprang der Junge hoch und lief zur Tür.

»Ah, hier steckst du!«, Lebouton kam herein und gab seinem Lehrling einen leichten Klaps hinters Ohr. »Da kann ich ja lange suchen.«

Aber es war wohl nett gemeint, denn er zeigte auf Anatol und fügte an: »Hier meine Herren: mein bestes Pferd im Stall! Und jetzt ab ins Studio, du wolltest doch noch was für den Spargel vorbereiten, dachte ich!«

Fragend sah Anatol zu den Kommissaren.

»Wir waren ja eh fertig. Dann wollen wir dich nicht länger aufhalten!«

»Tja, dieser hübsche junge Mann wird es einmal weit bringen. Nicht nur weil ihm die Mädchen begeisterte Mails schreiben. Er ist nämlich ein echtes Naturtalent!«, meinte Lebouton und blickte Anatol nach, als er gegangen war. »Er ist ehrgeizig, experimentierfreudig, hungrig auf Neues. Ein wenig erinnert er mich an mich selbst, als ich so jung war wie er …«, nachdenklich sah er zu Boden. »Ist lange her.«

Zum ersten Mal wirkte der berühmte Koch ein wenig menschlicher, nicht mehr so glatt und perfekt. Er strich sich mit der Hand über die Augen. Eine gewisse Müdigkeit schimmerte durch.

»Sind Sie fertig mit der Aufzeichnung?«

»Mit der zweiten heute meinen Sie? Leider noch nicht. Wir mussten unterbrechen, weil unser Kandidat aus der Endrunde sich beim Gemüseschneiden verletzt hat.«

»Oh, so schlimm?«

»Nicht so dramatisch. Es hat halt geblutet, und jetzt muss er erst einmal verarztet werden. Mal sehen, wie wir das hinkriegen, wo die Zuschauer doch glauben sollen, die Sendung wäre live. Na ja, das soll nicht mein Problem sein. Das muss die Regie reparieren.«

»Ihre Sendung ist sehr beliebt«, stellte Angermüller fest.

»Ja, ›Voilà Lebouton!‹ ist auch nach sieben Jahren immer noch sehr erfolgreich.«

Lebouton straffte sich und setzte sein Profilächeln auf.

»Aber man muss auch was dafür tun, dass die Quote stimmt. Von allein läuft da gar nichts, glauben Sie mir. Der Erfolg ist ein zweischneidiges Schwert …«

»Sagen Sie, Herr Lebouton, ich muss noch einmal auf meine Frage von vorhin zurückkommen, die geschäftliche Lage Ihres Unternehmens … Wir haben gehört, Sie hätten mit Ihrem Partner von Güldenbrook in letzter Zeit häufiger Auseinandersetzungen gehabt, wobei es immer um die Finanzen gegangen sein soll. Gibt es Schwierigkeiten?«, formulierte Angermüller sorgfältig.

Die Miene des Starkochs wurde eisig.

»Wer kolportiert solche Dinge? Na ja, ich kann mir schon denken, aus welcher Ecke das kommt. Die Leute haben keine Ahnung. Die Marke Lebouton ist fest im Markt etabliert, und unsere Firmen entwickeln sich für heutige Verhältnisse prächtig.«

»Und Ihr häufiger Streit mit Christian von Güldenbrook in den letzten Wochen?«

»Was heißt hier in den letzten Wochen?«, Lebouton ließ ein trockenes Lachen hören. »Wir haben uns immer heftig auseinandergesetzt! Nur das Wort Streit ist völlig fehl am Platze. Mit Christian konnte man nicht streiten, dazu war er viel zu beherrscht, zu wenig emotional. Ihm ging es nur um die Sache. Christian war ein Buchhalter, ein äußerst korrekter, ein sehr sparsamer! Seiner norddeutschen Puritanerseele war aller Überfluss zuwider, und das mit einer Gourmetküche in Einklang zu bringen, die nur von besten Zutaten lebt und aus dem Vollen schöpft, war ein äußerst schwieriger Prozess. Immer wieder! Er konnte um jedes Stück Butter kämpfen. Und wissen Sie, was ich glaube?«, Pierre Lebouton hielt einen Moment inne und sah zum ersten Mal eindringlich von Angermüller zu Jansen. »Ich glaube, das war das Geheimnis unserer erfolgreichen Zusammenarbeit, dass jeder wieder und wieder seine Argumente überprüfen musste, denn am Schluss haben wir uns ja doch immer geeinigt.«

»Es läuft also alles bestens, und alles war wie immer, nach Ihrer Meinung, und was uns von den verschiedenen Zeugen gesagt wurde …«

»Sind alles aus der Luft gegriffene Gerüchte. Erfolg produziert Neid, besonders bei den Erfolglosen. Es ist verlorene Zeit, darüber zu reden.«

Lebouton sah auf seine Armbanduhr.

»Ich muss jetzt wieder ins Studio. Sie entschuldigen mich …«

Er fragte nicht, ob er gehen könne. Es war klar, dass er bestimmte, wann er wie lange den Beamten Rede und Antwort stand. Schon hatte er die Hand am Türgriff.

»Sind Sie manchmal etwas unbeherrscht, Herr Lebouton?«, fragte Angermüller. Der andere ließ den Türgriff wieder los.

»Wie meinen Sie das?«

»So wie ich es sage: Können Sie aufbrausend sein, sehr wütend werden, vielleicht auch einmal lauter in Auseinandersetzungen oder wenn Sie sich ärgern? Werden Sie handgreiflich oder schmeißen Sie mit Gegenständen?«

»Was soll das? Meinen Sie, ich gehe mit einem Messer auf andere los?«

»Wir haben gehört, dass Sie manchmal etwas impulsiv reagieren.«

»Lehrjahre sind keine Herrenjahre, wenn Sie das meinen. Ich habe noch nie jemandem körperlichen Schaden zugefügt.«

»Na gut, dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten. Sind Sie so nett und schicken uns kurz den Regisseur, den Herrn Prantl, herein?«

»Aber wirklich nur kurz, meine Herren! In einer Viertelstunde wollen wir weiterarbeiten.«

Angermüller nickte.

»Ach, Herr Lebouton, eine allerletzte Frage noch …«

Dem Kommissar war plötzlich etwas eingefallen.

»Sagt Ihnen der Name Carola Dohse etwas?«

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Lebouton ungehalten. »Wer soll das sein?«

»Das ist eine Dame, die Restaurantkritiken schreibt und über alle möglichen Gourmetthemen berichtet, für die Lübecker Zeitung und noch so ein paar Lokalmedien. Ihr Kürzel ist CD.«

Das Gesicht des Meisterkochs drückte Gleichgültigkeit aus.

»Den Namen der Dame habe ich noch nie gehört, und abgesehen davon: Dieses Journalistengeschmiere inte­ressiert mich sowieso nicht. Guten Tag, meine Herren!«

Kapitel III

Nach dem langen Spaziergang durch die Kälte spürte Hilde Dierksen, wie nun ihr Kreislauf wieder richtig in Gang kam. Sie legte ihre Strickjacke ab, die sie über das Flanellhemd gezogen hatte, und bearbeitete die Mischung aus Grießteig, Eiern und Butter im Topf auf dem Herd weiter kräftig mit dem Holzlöffel. Bis auf den leisen metallischen Klang, wenn der Holzlöffel gegen die Topfwand schlug, und ein regelmäßiges Schnarchen war es still im Raum. Hinrich Dierksen saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, und auf seinem Schoß lag der Kater. Die Zeitung war auf den Boden gerutscht, die Lesebrille hatte Hilde vor dem gleichen Schicksal bewahrt. Hinrich hielt seinen ausgiebigen Mittagsschlaf. Fragte ihn jemand danach, dann meinte er, dass er hin und wieder mal ein kurzes Nickerchen machen würde, in Wahrheit schlief er jeden Nachmittag ein bis zwei Stunden. Doch das hätte er nie zugegeben, niemand sollte ihn mit seinen 86 Jahren für einen hinfälligen Greis halten. Ja, er war immer noch sehr eitel, ihr Herr Vater.

Hilde lächelte in sich hinein und gab reichlich Rosinen in den Teig. Dann holte sie die alte Puddingform, den durchwachsenen Räucherspeck und das Semmelmehl aus der Speisekammer. Vater hatte sich zum Abendessen einen Großen Hans gewünscht. Sie hatte gestern noch mitten in der Nacht die Aufzeichnungen der Mutter durchstöbert, um das alte Familienrezept zu finden, da sie sonst wieder lange Diskussionen durchzustehen hätte. War er sonst auch sehr offen für Neues, beim Essen war Hinrich Dierksen pingelig. Er wollte genau den Großen Hans essen, der ihm Zeit seines Lebens vertraut gewesen war. Hilde war froh, sich mit dieser Aufgabe ablenken zu können von dem schrecklichen Ereignis, das diesen Tag auf Gut Güldenbrook zu einem traurigen Tag machte. Auf der anderen Seite überlegte sie, wann und wie sie ihrem Vater die Nachricht von Christians Tod beibringen sollte. Der Arzt hatte gesagt, er solle sich nicht aufregen, das sei nicht gut für ihn und sein Herz. Und sie wusste, dass er sich sehr aufregen würde.

Es war früher Nachmittag, und kraftlos stand die Wintersonne über der kahlen Landschaft. Zwar hatte man an Weihnachten die Talsohle der dunklen Jahreszeit durchschritten, doch bis Licht und Helligkeit zurückkehrten und das Land wieder weit und offen wurde, wie sie es liebte, würden noch ein paar Wochen vergehen.

Vor drei Jahren war Hilde Dierksen aus Berlin hierher gezogen, an den Ort, wo sie geboren und aufgewachsen war. Lange Zeit hatte sie geglaubt, nie wieder auf dem Land leben zu können, erinnerte sich daran, wie beengt sie den Alltag hier gefunden hatte, wo nichts los war, man immer nur die gleichen Leute traf und jeder jeden kannte. Doch mit zunehmendem Alter hatte sich das geändert, und dann hatte es sich einfach so ergeben. Ihre Mutter, auch mit ihren 80 Jahren eine kraftvolle und unverwüstlich wirkende Frau, zog sich einen komplizierten Beinbruch zu, der nicht heilen wollte, weshalb sie schließlich zum Pflegefall wurde. Das nahm Hilde zum Anlass, hierher zurückzukommen.

»Alles passte«, wie Hilde immer gern sagte, wenn die Dinge sich scheinbar nahtlos ineinanderfügten. Auch damals. Sie hatte sich gerade von ihrem langjährigen Lebensgefährten getrennt, mit dem sie nur noch aus Gewohnheit zusammen war, wie sie irgendwann festgestellt hatte. In der Firma, in der sie fast 30 Jahre als Büroleiterin gearbeitet hatte, hatte sich vieles verändert in jüngster Zeit, nicht zum Besseren, und als man ihr eine kleine Abfindung bot, wenn sie freiwillig gehen würde, gab sie den Job ohne Bedauern auf. So nutzte sie die Chance des Augenblicks, die Weichen für ihre Zukunft neu zu stellen, und sah darin einen seltenen Glücksfall des Schicksals. Natürlich war ihr Bruder, der mit Frau und Kind in München lebte, unendlich erleichtert, dass Hilde die Verantwortung für die Eltern einfach so auf sich nahm. Anfangs war sie ein bisschen unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, doch das Leben mit den beiden alten Leuten gab ihr so viel zurück, dass sie sich ausgefüllt fühlte wie lange nicht mehr. Im letzten Jahr war dann ihre Mutter gestorben, und Hinrich hatte sofort gesagt, jetzt gehe er ins Heim.

»Ach Vadder, meinst du nicht, wir zwei kommen auch allein ganz gut miteinander aus?«, hatte sie ihn da gefragt.

»Wenn du das mit mir tüddeligem alten Kerl aushältst, min Deern, dann bleib ich wohl gern bei dir hier auf Güldenbrook. Wird ja man auch nicht mehr ewig dauern«, war seine Antwort.

Und nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten kamen sie inzwischen sehr gut miteinander aus. Nie hätte Hilde gedacht, dass der Vater, der ihr früher oft autoritär und ungerecht vorkam, im Alter einmal so tolerant und erstaunlich selbstkritisch werden würde. Sie sprachen über alle Entscheidungen, die ihren gemeinsamen Hausstand betrafen, und konnten sich meist schnell einigen. Es war mit ihm viel einfacher als damals mit den Jungs in ihrer Wohngemeinschaft in Kreuzberg. Wahrscheinlich gab es doch so etwas wie Weisheit im Alter, jedenfalls bei manchen Menschen.

Auch als sie im Haus einige bauliche Veränderungen vorschlug, hatte er keine Einwände. Sie hatten die Wand zwischen Wohnstube und Küche entfernen lassen, sodass der neue Raum unter der niedrigen Decke eine bisher unbekannte Großzügigkeit ausstrahlte und durch die hinzugekommenen Fenster viel heller geworden war, was auch dem Vater gefiel. Außerdem war er nicht allein, wenn Hilde in der Küche zu tun hatte, und brauchte trotzdem seinen gemütlichen Sessel nicht zu verlassen. Das elterliche Schlafzimmer, das jetzt sein alleiniges war, hatten sie vom ersten Stock ins Parterre verlegt und daneben noch ein Bad einbauen lassen, was Hinrich das beschwerliche Treppensteigen ersparte. Und der erste Stock war Hildes Reich. Es war mehr als genug Platz für ihr Schlafzimmer und ihren ›Salon‹, wie sie es nannte, wo eine Biedermeiergarnitur und ihr Schreibtisch standen, ihre Bücher und ihre Musikanlage. Außerdem gab es hier oben noch ein Gästezimmer und eine Wäschekammer. Sie hatte ihr eigenes Badezimmer, und unter den schrägen Wänden des alten Reetdaches war es im Winter gemütlich warm und im Sommer angenehm kühl.

Hilde fettete die Puddingform, kleidete sie mit Semmelmehl aus und gab großzügig den in Scheiben geschnittenen Speck hinein. Dann griff sie nach dem Topf mit dem Grießteig. Wie so oft beim Kochen wollten ihre Gedanken nicht ruhen. Sie dachte dabei gern über alles Mögliche nach, und gerade in diesen letzten Wochen war vieles passiert. Vieles, das schön war für sie. Aber warum musste auf etwas Schönes immer gleich wieder etwas Trauriges folgen, fragte sie sich.

Sie stellte die Puddingform in einem großen, mit Wasser gefüllten Topf auf den Herd und machte die Flamme an. Vom ersten Moment, als sie hierher zurückgekommen war, hatte sie sich auf Güldenbrook richtig zu Hause gefühlt, war zufrieden, ihre Tage waren ausgefüllt mit Arbeit im Haus, im Garten, manchmal half sie im Hofladen – es gab immer irgendetwas zu tun. Dass sie sich noch einmal verlieben würde, damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet, nicht einmal theoretisch darüber nachgedacht. Eigentlich hatte sie nach der Trennung von Paul mit dem Thema Liebe für sich abgeschlossen. Ihr gefiel ihre Unabhängigkeit, ihr neues Leben, sie vermisste nichts. In diesem Jahr wurde sie 60, lebte mit ihrem alten Vater hier auf dem Lande – wo in Dreiteufelsnamen sollte sie da auch jemanden kennenlernen? Und dann war es doch passiert. Letztes Silvester.

Es klingelte. Der Kater hob den Kopf, und Hinrich schrak kurz zusammen. Sein Schnarchen stolperte, doch er hatte sogleich seinen alten Rhythmus wiedergefunden. Als Hilde durch den Flur zur Haustür ging, sah sie durch die Scheibe zwei Männer im Windfang stehen, und sie konnte sich schon denken, weshalb sie kamen. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und öffnete. Der große, dunkle mit den lockigen Haaren stellte sich und seinen Begleiter, einen Typ mit Allerweltsgesicht in Jeans und Lederjacke, kurz vor, und wie erwartet waren sie von der Polizei.

»Ich würde Sie ja gern hereinbitten, aber mein Vater macht gerade seinen Mittagsschlaf …« Nervös sah sich Hilde nach hinten um.

»Das ist kein Problem. Wir haben nur ein paar kurze Fragen, Frau Dierksen. Sie wissen, was passiert ist, dass Herr von Güldenbrook …?«, fragte der Dunkelhaarige ernst. Sie nickte. Er sah ganz sympathisch aus. Hilde schätzte ihn so um die 40, sein Kollege war bestimmt ein paar Jahre jünger. Mit seinen kurz geschorenen Haaren hatte er etwas Freches, Jungenhaftes. Einen seriösen Polizeibeamten hatte sie sich eigentlich anders vorgestellt. So wie den Älteren allerdings auch nicht.

»Hilde!«

»Ja, Vadder, ich komme gleich!«

Jetzt war er also doch wach geworden. Wahrscheinlich hatte er die Stimmen auf dem Flur gehört. Seine Ohren waren erstaunlich gut für sein Alter. Nun müsste sie den Beamten erklären, warum sie überhaupt nicht wollte, dass ihr Vater etwas von Christians Tod erfahren sollte, jedenfalls nicht jetzt. Doch es war zu spät. Die Tür zur Stube öffnete sich, der Kater marschierte auf die Besucher zu, und dahinter erschien Hinrichs Gestalt.

»Hilde, mit wem sprichst du? Warum steht ihr da in der Kälte? Bitte die Herrschaften doch herein!«

Hinrich hatte nicht nur gute Ohren, er wollte auch immer Bescheid wissen, was vor sich ging. Nun ließ es sich nicht mehr ändern.

»Vadder, es ist etwas passiert. Die Herren sind von der Polizei«, sagte Hilde, während sie die Beamten eintreten ließ. »Komm, wir setzen uns am besten erst mal.«

Sie führte den alten Mann in die Stube, wobei er ihr einen erschrockenen Blick zuwarf. Der Kater folgte mit hoch aufgestelltem Schwanz und sprang elegant auf Hinrichs Lehnstuhl.

»Hilde, was ist denn geschehen?«, fragte der alte Mann ein wenig atemlos, als sie alle um den Esstisch Platz genommen hatten.

»Ich wollte dir das eigentlich schonender beibringen, Vadder«, Hilde seufzte und nahm seine beiden Hände. »Der Christian ist tot.«

»Was?«

Hinrich sah seine Tochter ungläubig an.

»Hatte er einen Unfall? Was ist passiert?«

»Er ist ermordet worden.«

»Um Gottes willen!«

Er bemühte sich sichtlich um Haltung. Doch er quetschte plötzlich Hildes Hände, dass es schmerzte. Sein Atem ging stoßweise.

»Wer hat das getan?«

»Das versuchen wir herauszufinden, Herr Dierksen«, sagte der Beamte mit Namen Angermüller schnell. »Die Tat ist gestern Abend oder gestern Nacht verübt worden, Genaueres wissen wir noch nicht, aber vielleicht können Sie uns sagen, ob Sie irgendwelche Beobachtungen gemacht haben, ob Ihnen irgendetwas Besonderes aufgefallen ist?«

Er ist bestimmt kein Norddeutscher, so wie er spricht, dieser Kommissar, dachte Hilde.

»Gestern Morgen waren wir beim Arzt und zum Einkaufen in Oldenburg, dort haben wir auch eine Kleinigkeit zu Mittag gegessen. Danach waren Vater und ich den ganzen Nachmittag zu Hause. Es war ruhig auf dem Gut. Ich habe niemand Fremden gesehen, auch keinen Lärm gehört oder so. Also, ich wüsste nicht, dass hier gestern etwas anders gewesen wäre als sonst. Du Vadder?«

Hinrich Dierksen schüttelte den Kopf. Die erstaunliche Vitalität, die er für sein Alter ausstrahlte, schien ihn plötzlich verlassen zu haben.

»Ich mag das gar nicht glauben. Der Herr Graf tot. Ermordet.«

In sich zusammengesunken, saß der alte Mann auf seinem Stuhl. Er hatte Christian von Güldenbrook nie anders genannt als den ›Herrn Grafen‹. In der dritten Generation seiner Familie hatte Hinrich Dierksen das Amt des Verwalters auf Güldenbrook innegehabt, erst bei Christians Vater, dann bei Christian selbst, bevor er vor über 20 Jahren in Rente ging. Einen Nachfolger brauchte man nicht, denn das Land war mittlerweile verpachtet und Gut Güldenbrook kein großer landwirtschaftlicher Betrieb mehr.

»Wer tut so was?«, fragte er wieder.

Ratlos sah er von einem zum andern. Mit dem Handrücken versuchte er, den Tränenfluss aus seinen Augen einzudämmen. Er räusperte sich.

»Wie meine Tochter schon sagte, wir beide waren ab dem frühen Nachmittag hier, und dann, so bei 20 Uhr rum, kam der Herr Lebouton zu uns zum Essen. Für mich ist das ja man ein bisschen spät für das Abendbrot, aber wenn Gäste kommen, muss man auch mal zurückstecken.«

Liebevoll sah Hilde ihren Vater an. Wie er sich klaglos allen möglichen Gepflogenheiten anpasste und sich nie beschwerte oder meckerte, war wirklich erstaunlich. Von anderen wusste sie, dass die alten Leute oft sehr starrköpfig und nicht bereit waren, auch nur einen Deut von ihren alt eingefahrenen Gewohnheiten abzuweichen und jede Veränderung als ›modernen Kram‹ abkanzelten.

»Wie lange war der Herr Lebouton denn bei Ihnen?«

»So von 20 bis 22 Uhr etwa, würde ich sagen. Ich bin dann gleich zu Bett gegangen«, sagte er, »und meine Tochter hat noch in der Küche klar Schiff gemacht. Ich bin ihr da leider keine große Hilfe.«

»Du weißt doch, ich bin in meinem Reich sowieso lieber allein, Vadder«, lächelte Hilde, obwohl ihr nicht danach zumute war. Sie hatte nicht nur den Tisch abgedeckt und die Küche aufgeräumt, sie hatte danach auch noch Besuch empfangen. Doch davon wusste ihr Vater nichts. Sie wollte auch nicht, dass er es erfuhr – jedenfalls nicht jetzt und nicht so. Das war im Grunde idiotisch. Sie war mehr als erwachsen und hatte niemandem Rechenschaft abzulegen über ihre privaten Beziehungen, doch sie war sich auch noch nicht ganz sicher, was sich aus dieser Liaison entwickeln würde. Es war alles noch so neu und so aufregend. Ein kurzer, angenehmer Schauer lief ihr über den Rücken. Gerade mal erst sechs Wochen waren seit Silvester vergangen.

»Was ist Pierre Lebouton für ein Mensch? Sie kennen ihn gut?«

»Nee, das würd ich man nich so sagen«, Hinrich Dierksen schüttelte den Kopf. »Wir sind zwar Nachbarn seit langen Jahren, aber Herr Lebouton ist viel unterwegs, und wenn er hier ist, hat er auch meistens gut zu tun. Erst seit die Hilde und ich allein sind, kommt er hin und wieder mal zum Essen zu uns. Meine Tochter ist eine sehr gute Köchin, wissen Sie.«

Hilde wehrte ab.

»Na ja, ich koche ganz gern, und Pierre ist von Berufs wegen an allen Küchen interessiert, auch an der schleswig-holsteinischen Landesküche, und die kann er hier bei uns studieren.«

Das Geräusch kochenden Wassers kam vom Herd herüber und dann hörte man kurze, dumpfe Schläge.

»Entschuldigung!«

Hilde sprang auf, lief zum Herd, nahm den Deckel vom Topf, in dem die Puddingform tanzte, und stellte die Flamme kleiner.

Pulsuz fraqment bitdi.

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25 may 2021
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