Kitabı oxu: «Rahel»

Şrift:

Ellen Key

Rahel

Inhaltsverzeichnis

Vorreden

Vorrede zur ersten Auflage.

Vorrede zur zweiten Auflage.

I. Herkunft.

II. Persönlichkeit.

III. Liebe.

I.

II.

III.

IV.

IV. Religion.

V. Gemeingefühl.

VI. Geselligkeit.

VII. Goethe.

VIII. Schönheitssinn.

IX. Briefe.

Impressum

Vorreden
Vorrede zur ersten Auflage.

Das Folgende ist keine literarhistorische Studie; ich habe keine neuen Quellen aufgesucht und kein Gewicht auf die Buchstabentreue der Quellen gelegt, die ich verwendet habe.

Eine solche Arbeit hat weder in meiner Absicht gelegen, noch war sie im Umfange dieser Schrift durchführbar.

Meine Absicht war vielmehr, ein Bild der größten Frau zu geben, die das Judentum hervorgebracht hat, für mich zugleich die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann.

Dieses Vorhaben kann trotz einer Menge Arbeiten über Rahel nicht überflüssig genannt werden: von zehn gebildeten Deutschen, mit denen man über Rahel spricht, kennen fünf sie gar nicht, vier hatten etwas über sie gehört und nur einer sie wirklich erlebt!

Meine Beschäftigung mit Rahel ist nicht neuen Datums. Ich war ein Kind, als ich zum erstenmal von einigen Worten über sie gefesselt wurde; ganz jung las ich in der Revue des deux mondes zwei Essays von Blaze-Bury und von Karl Hillebrand über sie. Später lebte ich in »Rahel, ein Buch des Andenkens«. Schon vor zwanzig Jahren schrieb ich für eine schwedische Revue meinen ersten Essay über sie, den ich »Rahel, eine Persönlichkeit« nannte. Einige Teile dieses kleinen Essays sind in dieses Buch aufgenommen. Denn es gibt keinen Gesichtspunkt, den ich damals Rahel gegenüber einnahm, der nicht in diesem Buche – allerdings weiterentwickelt – wiederkehrte.

Ich habe hier die Darstellung ausschließlich auf Rahel selbst konzentriert. Wer ein ausführlicheres Bild von Rahels Zeit und Zeitgenossen wünscht, sei auf O. Berdrows großes, gewissenhaftes und liebevolles Werk »Rahel Varnhagen« verwiesen.

Ferner habe ich Rahel, so weit als möglich, durch ihre eigenen Worte gezeichnet. Diese sind hier teils unmittelbar, teils mittelbar angeführt, teils nur in ihren Grundgedanken wiedergegeben. Nur so war die Konzentration möglich, die der Umfang dieser Schrift erfordert hat. Ebenso werden die Briefe nicht immer in der Zeitfolge angeführt, sondern ein früherer kann später kommen und umgekehrt, sowie ein Stück eines Briefes an einer Stelle und ein anderes Stück an anderer, d. h. wo der chronologische Zusammenhang bedeutungslos war, aber es von Wichtigkeit erschien, den psychologischen zu betonen. Auch glaube ich, daß Rahels Gedankengang in gewissen Fällen durch die freien Referate klarer geworden ist, so wie hier und dort eine unbedeutende Interpunktionsänderung das Verständnis der direkten Zitate erleichtert hat. Diese Freiheiten, der wissenschaftlichen Literaturgeschichte nicht gestattet, sind bei der Porträtskizze ebenso erlaubt wie die Freiheiten, die ein Maler sich nimmt, um bei dem Modell, von dem er ein charakteristisches Bild geben will, das Wesentliche zu betonen und das Zufällige auszuscheiden.

Ob es mir gelungen ist, ein solches Bild zu geben, darüber werden natürlich die Meinungen verschieden sein. Meine Hoffnung, das Charakteristische an Rahels Persönlichkeit einigermaßen erfaßt zu haben, stützt sich ausschließlich auf die Liebe, die ich für sie empfinde. Denn eine tiefe Liebe ist ein Pfadfinder, wenn es sich darum handelt, in das Wesen oder das Werk eines Menschen einzudringen, sei es, daß dieser Mensch noch mit uns auf den Wegen wandelt, die man die des Lebens nennt, sei's daß er als einer jener Toten, die ewig leben, auf uns gewirkt hat.

Jedesmal, wenn ich zu Rahel zurückkehrte, ist meine Liebe zu ihr gewachsen. Immer klarer habe ich die Wahrheit von Brandes' Urteil erkannt, daß Rahel »das erste große und moderne Weib im deutschen Kulturleben ist«, immer überzeugter teile ich die Ansicht von Hillebrand, daß Rahel als Weib und Goethe als Mann im gleichen Grade typisch für ihre Zeit sind. Aber neben dieser meiner Erkenntnis von Rahels objektiver Bedeutung ist ihr subjektiver Wert für mich immer größer geworden. Es gibt außer E. B. Brownings Werken kein Frauenbuch in der Weltliteratur, das ich schwerer entbehren könnte als Rahels Briefe.

Indem ich so meinen »Mangel an Objektivität« eingestehe und dazu meine Ueberzeugung, daß dieser Mangel das wesentliche Verdienst dieser kleinen Schrift ist, lasse ich sie jetzt in die deutsche Lesewelt hinausziehen, in der Hoffnung, daß Rahel noch ihre Macht als Seelenführerin und Herzenströsterin zeigen wird.

Florenz, im Oktober 1907.

Ellen Key.

Vorrede zur zweiten Auflage.

Diese neue Auflage ist dem Inhalt nach unverändert. Die Jahre, die verflossen sind, haben an meiner persönlichen Auffassung Rahels nichts geändert, und es ist auch, soviel ich weiß kein neuer Stoff hinzugekommen, der ihr Bild in irgend einer wesentlichen Hinsicht modifizieren würde.

Für mich ist dieses Bild kürzlich durch ein schwedisches Werk noch bekräftigt worden, Frau M. Silfverstolpes Memoiren, von denen der vierte und letzte Teil jetzt erschienen ist. Sie schildert darin ihren Aufenthalt in Deutschland – namentlich in Berlin – in den Jahren 1825–26. Als Freundin Amalie Imhoff-Helvigs kam sie oft in deren Haus oder auch bei ihnen selbst mit Rahel und Bettina in Berührung. Frau Silfverstolpe – damals eine ältere, fein gebildete seelenvolle, enthusiastische Aristokratin – war anfangs viel mehr von Bettina geblendet und bezaubert als von Rahel. Bettina nimmt unvergleichlich mehr Raum in den Memoiren ein als Rahel. Sie spricht da viel von sich selbst, von Goethe, und von Goethe und sich selbst. Aber allmählich verliert Bettina und gewinnt Rahel in Frau Silfverstolpes Sympathie. Und gegen das Ende hat man das Gefühl, daß es Frau Silfverstolpe so ergangen ist wie Rahel selbst: beide haben für Bettina große Bewunderung, aber kein rechtes Vertrauen zu ihr.

Frau Silfverstolpes erstes Urteil über Rahel ist, daß sie klug und denkend scheint, daß die Gespräche in ihrem Hause immer belebt und inhaltsreich sind. Dann steigern sich die Lobesworte, denn »je mehr man Frau Varnhagen sieht, desto mehr gewinnt sie«, sie ist so fein und gebildet, so witzig und ehrlich, so verständig und verständnisvoll! Zwischen dem Ehepaar Varnhagen war das Zusammenleben ein gutes, während Frau Silfverstolpe meint, daß Bettinas Mann und Kinder von der originellen und bezaubernden Bettina, »deren ganzes Herz im Kopf, in der Phantasie sitzt«, nicht das erhalten, was ihnen gebührt. Das innige Gefühl, mit dem Rahel von ihrem Manne sprach, machte hingegen auf Frau Silfverstolpe den Eindruck vollendeter Echtheit. »Das Ehepaar Varnhagen«, schreibt sie, »scheint mir das allgemeine Weltgetriebe aus einer kleinen geschlossenen Proszeniumsloge zu betrachten und mit feinen witzigen Bemerkungen zu glossieren.« Immer häufiger bemerkt sie, wie gut und mit welchem Maß Rahel spricht. Tieferen Einblick in Rahels Leben erhält Frau Silfverstolpe nicht, während Bettina sich rückhaltlos gibt, und in Frau Silfverstolpe die intelligente Zuhörerin geschätzt zu haben scheint.

Ich teile dies mit, weil es mir lieb ist, dass eine Landsmännin persönlich ähnliche Eindrücke von Rahel und von Bettina empfing wie ich sie erhalten habe: von Bettina als eines prachtvoll strahlenden Feuerwerks, von Rahel als eines still glühenden Feuers.

Weil sie so war, kann sie Generation für Generation nicht nur von ihrem Lichte, sondern auch von ihrer Wärme geben.

Dass dieses kleine Buch auch weiter Menschen zu Rahel selbst führen möge, ist meine innige Hoffnung.

Strand, Alvastra, 25. März 1912.

Ellen Key.

I. Herkunft.

Wir begegnen manchmal im Leben oder in der Literatur einem Menschen – zuweilen einem Mann, aber häufiger einer Frau – der nicht die Ausnahmestellung des schaffenden Genies, des ausübenden Künstlertums, der großen Gelehrsamkeit, der Tatkraft oder der Schönheit besitzt. Und doch übt dieser Mensch eine so bestimmende Macht auf unser Schicksal aus, daß unser Leben unter einen unvergänglichen Einfluß kommt, aber einen Einfluß, der nur Selbstbefreiung zur Folge hat.

Denn das Geheimnis der Macht dieser seltenen Menschen besteht darin, daß sie selbst durch und durch Persönlichkeiten sind und bei allen anderen nur die Persönlichkeit suchen. Ein solcher Mensch kann einer verflossenen Zeit angehören und uns doch mit einem wunderbaren Gefühl der Coexistenz beseelen. Weil nichts an ihm zeitgemäß konventionell war, fühlen wir, daß er nicht nur so wie wir Menschen von heute gedacht, sondern auch, was noch seltener ist, so geliebt und gelitten hat. Alles an ihm ist so ursprünglich, so naturstark, daß man ein Spiel der Morgenkraft der Menschheit zu sehen glaubt und zugleich eine Offenbarung der ethischen Tiefe, der ästhetischen Feinfühligkeit und der psychologischen Kompliziertheit empfängt, die das schließliche Resultat der Entwicklung der Menschheit sein wird. Während wir sehen, wie die Gedanken und Gefühle eines solchen herrlichen Wesens in ungezähmter Natürlichkeit dahinstürmen wie ein Dionysoszug, doch nur von Lebenskraft berauscht, fühlen wir uns selbst immer mehr vom Schein und von der Zufälligkeit befreit. Wir lernen glauben, daß das für einen jeden eigentümliche das für das Ganze unentbehrliche ist; unbedenklich, ja gedankenlos beginnen wir wir selbst zu sein, und unter dem Einfluß der Wahrheitsleidenschaft dieser großen Persönlichkeit fassen wir nicht, wie wir unsere schützenden Verkleidungen anlegen konnten – oder wie wir die Maske wieder aufnehmen sollen, hinter der wir unsere wirklichen Züge verborgen haben. Wir ahnen, welche Bedeutung ein Mensch für seine Zeitgenossen besessen haben muß, der uns schon dadurch, daß wir einzelne Züge seines Wesens in einem Tagebuch oder einer Briefsammlung auffangen konnten, in solche Bewegung versetzt hat. Wir sehen ein, daß das bloße Faktum, daß er gelebt hat, ein ungeheurer kulturhistorischer Einsatz war, ein niemals aufhörendes Entwicklungsferment.

Eine solche Persönlichkeit, die in konkreter Fülle das war, was die höchsten Geister unter ihren Zeitgenossen durch ihre Ideen anstrebten, eine Persönlichkeit, die unsere Zeit vorbereitete, indem sie ihre Mitlebenden prophetisch lehrte, auf die Wahrheiten zu hoffen, von denen wir heute leben – war Rahel.

Aber wenn der erste Eindruck, den Rahel mitteilt, ein solch überströmender Lebensreichtum, eine solche Ursprungskraft ist, so ist der nächste, daß hier wie allenthalben die Tragödie der Mittelpunkt der Dionysien war.

Die Wurzel ihres Wesens zeigt – wie die der Orchis maculata – eine lichte und eine dunkle Hand, die eng miteinander verschlungen sind.

* * *

Lange hielt Rahel selbst ihre jüdische Herkunft für den dunklen Teil ihres Schicksals. Und sie hatte in dem Sinne recht, daß ihre Abstammung von einem Jahrtausende hindurch leidenden und gedemütigten Volk ihre eigene Natur und dadurch ihre Erlebnisse bestimmte. Von außen gesehen, war hingegen Rahels Kindheit und Jugend gerade die Zeit der Befreiung, namentlich für die Berliner Juden, eine Zeit, in der sie aus ihrer abgesonderten und verachteten Stellung mit jener Raschheit heraustraten, die selten der Einfluß der Gesetzgebung, wohl aber der des Zeitgeistes ermöglicht.

Friedrich der Große tat nicht viel, um die Stellung der Juden gesetzlich zu ändern. Aber die Vorurteilslosigkeit, die sich von ihm in immer weitere Kreise verbreitete, kam auch den Juden zugute; und zu dieser mittelbaren Einwirkung trat noch die unmittelbare durch Moses Mendelssohn, den Befreier der Juden aus ihren eigenen Vorurteilen, ihren Wecker zur Erkenntnis ihrer eigenen Kräfte. Bisher hatten die Juden nach seinen Worten nur im »Beten und Leiden, nicht im Wirken« ihre Stärke gezeigt. Er weckte in ihnen den Freiheitswillen und den Entwicklungstrieb. Selbst Theist im Geiste der Aufklärungszeit blieb er doch in der jüdischen Religionsgemeinschaft, um von innen heraus Vorurteile jener Art bekämpfen zu können, die z. B. – einige Jahre, ehe Mendelssohns erste Schrift erschien – noch zur Folge hatten, daß ein jüdischer Knabe aus der mosaischen Gemeinde ausgestoßen wurde, weil er jemandem ein deutsches Buch aus einer Gasse in eine andere gebracht hatte! Mendelssohn wagte deutsch zu schreiben und das alte Testament zu übersetzen; er veranlaßte die Eröffnung einer Schule, wo die jüdische Jugend die deutsche Sprache erlernte – die Juden sprachen bis dahin einen Jargon, der weder deutsch noch hebräisch war – und Teil an den Schätzen der deutschen Bildung erlangte. So wurde der erste und stärkste Faden zu dem Bande gesponnen, das die Juden von Jahr zu Jahr immer fester mit dem deutschen Volk verknüpfte.

Das Selbstgefühl, das unter Friedrich II. die preußische Nation in ihrer Gesamtheit erfüllte, steigerte auch das der Juden. Diese selben Juden, die noch immer unter Ausnahmegesetzen standen, von denen eines – noch 1802 erneuert – sie in einer Hinsicht Dieben und Mördern gleichstellte; diese selben Juden, unter denen noch ein Moses Mendelssohn erlebt hatte, daß auf einer Wanderung außerhalb des Judenviertels auf ihn und seine Kinder Steine geworfen wurden, diese selben Juden wurden jetzt nicht allein große Unternehmer auf ökonomischem und große Wohltäter auf philantropischem Gebiet, sie wurden auch in gesellschaftlicher Hinsicht tonangebend. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verkehrte nicht nur der männliche Teil der feinen Welt Berlins in den besten Judenfamilien, diese feine Welt suchte sogar eifrig Zutritt in das Heim dieser Familien zu erlangen.

Gewiß waren diese Prinzen, Edelleute und Diplomaten oft zuerst durch Geldanleihen in Berührung mit den jüdischen Bankiers gekommen. Aber wenn diese Bankiers dann den jungen Herren ihre Salons öffneten, fanden diese dort so viel Anziehendes, daß es bald ein gesuchter Vorzug, dann guter Ton, schließlich eine Mode wurde, in diesen jüdischen Kreisen zu verkehren.

Die jungen Männer, die mehr oder weniger von den Ideen der Zeit durchdrungen waren, fanden in den jüdischen Häusern einen inhaltsreicheren, vorurteilsloseren und ungezwungeneren Gesellschaftston als den, den ihre eigenen weiblichen Verwandten anschlugen. Die jungen, schönen, feingebildeten, lebensvollen Frauen, die in den jüdischen Salons den Ton angaben, luden z.B. Schauspieler und Schauspielerinnen ein, die damals in der Regel noch aus der »guten Gesellschaft« verbannt waren. Es wurde viel Musik gemacht, schöne Kunstwerke schmückten die Räume, Gelehrte, Dichter und Künstler fanden sich nicht nur ein, sondern sprachen sich mit mehr Freiheit aus als anderswo, angeregt durch die Damen des Hauses, die eine Ungezwungenheit, eine geistige Regsamkeit, eine Wärme entfalteten, wie sie den deutschen Hausfrauen dieser Zeit in der Regel fehlte. Und bald bringen die jungen Männer eine Schwester, eine Freundin mit, die auch an dem erlesenen Verkehr teilnehmen will, für den die männlichen Verwandten und Freunde so schwärmen. Auf diese Art erlangen die jüdischen Salons auch einen mittelbaren Einfluß auf die Entwicklung des Gesellschaftslebens in weiteren Kreisen.

Die jüdische Frau erfüllt so zum erstenmal eine Kulturmission in der modernen Gesellschaft. In der eigenen europäischen Geschichte der Juden hatte sich schon früher mehr als eine Frau ausgezeichnet. Z. B. Maria Nunez, die zusammen mit Jakob Tirado die erste spanisch-jüdische Gemeinde in Amsterdam gründete; Donna Gracia Mendoza, die allen Heimatlosen ihres Volkes Schutz und Hilfe angedeihen ließ und dadurch zugleich die jüdische Kultur förderte; Berusia, die auf dem Gebiete des Denkens, Rebekka Tiktiner, die auf dem der Schriftstellerei und Sarah Copia Sullam, die auf dem der Dichtung selbständig tätig waren. Aber erst zur Zeit der jüdischen Berliner Salons zeigt sich die rasche Empfänglichkeit der jüdischen Frau für eine Kultur mit anderen Aufgaben als die rein jüdischen. Es zeigte sich, daß » die Saat auf einen ganz neuen, jungfräulichen Boden gefallen war« Henriette Herz. Wo dies der Fall ist – Rußland, Amerika geben Illustrationen zu diesem Satz – sieht man stets ein Sichhinwegsetzen über überlieferte Formen, einen Mangel an Tradition im wertvollen Sinn des Wortes, während diese Nachteile von anderen Vorzügen aufgewogen werden.

Bei der jüdischen Jugend zeigten sich sowohl die erwähnten Nachteile wie die Vorzüge, nämlich Bildungseifer, geistige Regsamkeit und zuweilen große und tiefe Originalität.

Namentlich die jüdischen Frauen, die mehr Zeit und Ruhe hatten als die jüdischen Männer, entwickelten in ihren geistigen Interessen eine Leidenschaft und eine Geschmeidigkeit, der jedoch nicht immer eine entsprechende Eigenart zur Seite stand. Eine solche fand sich wohl bei manchen dieser Jüdinnen, andere hingegen wirkten nur durch Eigenschaften ihrer Rasse originell. Alle standen sie in eigentümlicher Weise unter dem Druck jenes orientalisch-patriarchalischen Despotismus, der noch heute in vielen Familien herrscht und zwar um so mehr, je mehr man sich der östlichen Grenze Europas nähert.

Die jungen jüdischen Mädchen Berlins erhielten durch ihre verheirateten Freundinnen Gelegenheit zu Lektüre, Studium, Verkehr, wie sie das eigene Elternhaus vielleicht nicht bot. Andererseits empfingen sie Eindrücke der Freiheitsgedanken der Zeit und ihrer feinsten Kultur. Sie lasen Voltaire, Shakespeare und Tasso in der Originalsprache; sie schwelgten in der zeitgenössischen deutschen Literatur, sie wurden feurige Goethebewunderinnen. Der ganze geistige Hunger, der Generation für Generation in ihrem Volke stark geworden, konnte jetzt endlich gestillt werden. Sie lebten in einer Zeit, die ihre Farbe und Form von großen Geistern und großen Ereignissen empfing, und ihre Entwicklung wurde wesentlich durch ihre eigene Zeit, nicht mehr durch tausendjährige Traditionen bestimmt. Die Widerstandsfähigsten und Stärksten – wie Dorothea Mendelssohn – formen das Schicksal um, das die väterliche Gewalt ihnen aufgezwungen; und die soziale und intellektuelle Emanzipation, die ihnen unbewußt als eine Folge der Zeit zuteil geworden, wird nun von ihnen selbst auf den tiefstpersönlichen Gebieten bewußt weiter verfolgt.

Henriette Herz – in gewissem Sinne Rahels Nebenbuhlerin im Berliner Gesellschaftsleben – bezeugt, daß die so neuerwachte jüdische Frauenseele in ihrer »höchsten Blüte« in Rahel verkörpert war.

* * *

Rahel besaß die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volks auszeichnen: eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach Wüstenstille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzugrübeln. Die geistige Energie, die in ihrer nach außen gerichteten Betätigung durch Unterdrückung gehemmt war, hatte sich bei Rahel – wie bei ihrem Volk – nach innen gewendet Rahel war durch ihr Selbstdenken und ihre Freiheitsleidenschaft den Frauen ihrer Zeit weit voraus, den jüdischen wie den europäischen. Aber im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ganzen gesehen, ist Rahel typisch für die große Freiheitsbewegung, die noch heute vor sich geht, die Bewegung, die aus dem weiblichen Geschlechtswesen die vollmenschliche Persönlichkeit entwickeln will. Welche Summen von Kraft dieser Freiheitskampf jede einzelne gekostet hat das zeigt uns Rahel.

* * *

In den unzähligen bewundernden Urteilen, die ihre Zeitgenossen über Rahel fällten, wird – was uns in diesen Zeiten des Antisemitismus beinahe unfaßbar vorkommt – ihrer Rasse kaum Erwähnung getan.

Aber es scheint, daß der Humanismus dieser Zeit so tief war, daß die Rassenfrage zwischen Gebildeten alle Bedeutung verloren hatte. Oder stellte vielleicht Rahels eigene große Persönlichkeit sie außer und über alle gewöhnlichen Gesichtspunkte, die man sonst ihrem Volke gegenüber einnahm? Oder traten bei diesem die Lichtseiten mehr und die Schattenseiten weniger hervor als in unseren Tagen? Mag nun einer dieser Gründe oder alle zusammen ihre Zeitgenossen veranlaßt haben, sie nur als eine ebenso frei wie einzig dastehende Persönlichkeit zu sehen – gewiß ist, daß diese Betrachtungsweise sie selbst nicht von dem Leid befreite, dem solange ausgestoßenen und verachteten Volk anzugehören, um so mehr als sie – wie andere feinorganisierte Juden – doppelt unter all den Folgen litt, die diese Vorgeschichte im Volke selbst hinterlassen hat. Jedes Vorurteil, jede Unfeinheit, jede Niedrigkeit, die ihr in ihrer Umgebung entgegentrat, quälte sie tiefer, als wenn sie ähnlichen Dingen anderswo begegnete. »Ich habe eine solche Phantasie, als wenn ein außerirdisch Wesen, wie ich in diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen hätte: ›Ja, habe Empfindung, sieh die Welt wie sie wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, eins hat man aber vergessen: sei eine Jüdin!‹ Und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung. Mich ruhig halten kann es fristen; jede Bewegung, sie zu stillen, neuer Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tode selbst möglich. Diese Raserei ist wahr, ist zu übersetzen. Lächeln Sie oder fühlen Sie Tränen aus Mitleid, ich kann Ihnen jedes Uebel, jedes Unheil, jeden Verdruß da herleiten.«

»Wie ekelhaft herabziehend, beleidigend, unsinnig, niedrig meine Umgebungen, denen ich nicht entfliehen kann; ein einziges Besudeln, eine Berührung macht mich schmutzig, stört meinen Adel. Dieser Kampf dauert ewig! Alles, was mir Schönes im Leben begegnet, geht mir fremd als Besuch vorüber, und mit Unwürdigen soll ich unerkannt leben müssen!«

Im Zusammenhang mit dieser ungeheuren Empfindlichkeit muß man Rahels spätere Worte verstehen, daß »ganze Vegetationen« in ihr von »Eltern, Geschwistern, Freunden und Freundinnen und elenden Geliebten« verwüstet worden seien.

Daß Rahel ihrer Abstammung alle Leiden zuschrieb, die sie trafen, ist nur in einem tieferen Sinne berechtigt, als Rahel es meinte. Von außen gesehen, ist kaum mehr als ein Schmerz in ihrem Leben – und auch dieser nur teilweise – dadurch verursacht, daß sie eine Jüdin war: der Bruch ihrer ersten Verlobung.

Aber das Entscheidende ist, daß Rahels Blut das Blut einer jüdischen Frau ist, und daß dieses Blut nicht nur stark durch die höchsten Kräfte der Rasse war, sondern auch schwer durch ihr tiefstes Unglück.

Jakob Wassermann, der rassebewußteste jüdische Dichter der Gegenwart, hat in einem Essay »Der Tag«, 24. März 1904. dargelegt, daß »die wehmütige Inbrunst und quälerische Schüchternheit«, unter der Rahel selbst leidet, ihr als dem Urbilde der modernen Kulturjüdin eigen ist; daß die Menschenliebe durch ein geheimnisvolles Schuldgefühl vertieft ist, daß Begeisterung bei ihr zur Ekstase wird, daß das Uebermaß ihr Maß ist, daß ihre Hingebung eine Glut hat, die den Gegenstand ganz umschließt, ja, mit ihm verschmilzt; daß der Mangel an Sicherheit und Gleichgewicht, die nervöse Unruhe, das Abrupte für die Kulturjüdin typisch ist. Rahel hat wahrscheinlich in ihrem Auftreten etwas von jener Unausgeglichenheit gehabt, obschon ihr innerstes Wesen im Gegensatz dazu stand.

Wassermann betont mit Recht diese Schwächen der jüdischen Frauen. Ich habe doch öfter Gelegenheit gehabt, ihre Vorzüge zu bewundern.

Ein jeder kennt – und viele anerkennen – die Verstandesbegabung, die Schaffenskraft, den Wissensdurst des jüdischen Volkes, seine ausdauernde, zielbewußte Energie. Aber allzuwenig spricht man von dem Zuge, der doch dem, der jüdische Frauen und Männer aus nächster Nähe gesehen hat, am charakteristischesten erscheint: von der Liebeskraft, dem Brüderlichkeitssinne, der Hilfsbereitschaft, der Opferwilligkeit

Nicht zufällig ist Jesus aus dem jüdischen Volk hervorgegangen. Man sucht jetzt zwar den Beweis zu erbringen, daß er ein Arier gewesen sei, aber für den, der wie ich seine Eigenschaften häufiger bei Juden als bei Germanen gefunden hat, hat eine solche Hypothese keinerlei Wahrscheinlichkeit

Rahel besaß alle Vorzüge ihrer Rasse, aber in besonders hohem Grade die zuletzt genannten. Das tiefe, heiße morgenländische Gemüt, das leidenschaftliche Blut bekundete sich besonders in ihrer großen Liebe, die wie jede solche bei der ersten Begegnung entstand und in ihr Wesen so eingriff wie kein früheres oder späteres Gefühl. Aber die morgenländische Liebesstärke tritt in allen ihren Empfindungen hervor: im Familiengefühl, in der Freundschaft, in der Anbetung ihrer großen Meister, in ihrer Mütterlichkeit Sie spricht einmal von Elternschmerzen und sagt, daß sie sie wohl versteht, denn » viele Reiche des Schmerzes habe ich ergründet«. Das heiße Blut, der starke, rasche Puls, der sie ihr ganzes Leben lang in der Liebe leben und durch die Liebe leiden läßt, ist ein bei ihr zur höchsten Potenz gesteigerter Rassezug. Ihre Rasse und ihre Eigenart im Verein lassen sie mit unbedingter Hingabe und Treue an dem Gegenstand ihrer Liebe, Zärtlichkeit oder Freundschaft festhalten, auch wenn sie einsieht, daß sie ihr Gefühl ausschließlich aus eigenen Quellen nährt. Sie war dankbar, solange sie fortfahren konnte zu lieben, sie, die eines der bittersten Geheimnisse der Liebe gefunden: daß die Menschen sich nicht nur nicht verstehen, sondern sich »zu ungleichen Stunden lieben!«

Rahel hatte wohl ein theoretisches Selbstgefühl, ein Gefühl, dem sie ebenso ehrlichen wie berechtigten Ausdruck gibt. Aber wie bei allen Menschen, die aus dem einen oder anderen äußeren Grund – z. B. durch ein unvorteilhaftes Aeußeres, schwere Demütigung, verachtete Geburt – unzählige Male verletzt worden sind, war dieses Selbstgefühl bei ihr eben nur theoretisch. Es entsprang keinem spontanen Gefühl, es reichte weder für die im Alltagsleben notwendige Selbstbehauptung hin, noch für die in außergewöhnlichen Fällen notwendige Rücksichtslosigkeit. Zwei unaussprechliche Fehler hab' ich,« sagte Rahel mit Beziehung auf das Relief, das Tieck von ihr gemacht hatte. Dieses – wie auch ein anderes Porträt – fand sie sehr ähnlich; und beide waren ihr widerwärtig, weil sie diese beiden Fehler klar ausgedrückt sah: »Eine zu große Dankbarkeit und zuviel Rücksicht für menschlich Angesicht.« – »Eher kann ich nach dem eigenen Herzen mit der Hand fassen und es verletzen als ein Angesicht kränken und ein gekränktes sehen. Und zu dankbar bin ich, weil es mir schlecht ging und ich gleich an lauter Leisten und Vergelten denke.

Dies alles kommt daher, weil die holde, freigebige, sorglose Natur mir eines der feinsten und stärkst organisierten Herzen gegeben hat, die auf der Erde sind; weil ich keine persönliche Liebenswürdigkeit habe und man es also nicht sieht.

Ich habe viele Gaben, aber keinen Mut, nicht den Mut, der meine Gaben zu bewegen vermag, nicht den Mut, der mich genießen lehrte, wenn es auch einem anderen etwas kostet. Ich setzte jenes anderen Persönlichkeit höher als meine; ziehe Frieden dem Genuß vor und habe nie etwas gehabt.«

Man braucht nicht Jüdin zu sein, um die Erfahrung zu machen, daß Rücksicht und Fürsorge, Nachsicht und Güte nicht zur Folge haben, daß andere gegen uns so sind, wie wir gegen sie, falls sich diese Eigenschaften mit Anspruchslosigkeit für uns selbst verbinden. Der Anspruchslose wird übersehen, während der Anspruchsvolle und Rücksichtslose andere lehrt, ihm Rücksicht und Zartheit zu beweisen. Das ist eine Erfahrung, die man auch bei anderen Familien als der Rahels machen kann. Als Rahels Angehörige ihr einmal als Weihnachtsgeschenk einen ebenso unnötigen wie häßlichen Gegenstand gaben – und man sich damit entschuldigte, daß es »so schwer sei, etwas für sie zu finden« – sie, die für die geringste Freundlichkeit dankbar war und sich selbst so wenig als möglich anschaffte – da bricht Rahel in Klagen über ihren eigenen Mangel an Grazie aus, zu dem sie auch ihre Unfähigkeit rechnet, sich geltend zu machen!

Ein Freund Rahels, W. v. Burgsdorf, sagt mit tiefem Verständnis für ihr Wesen, daß er es gleich lernte, sie nicht buchstäblich zu nehmen, daß er hinter ihren Worten, die oft stärker schienen als der Anlaß, bald heraus fand, daß ein langer Schmerz sie erzogen haben müßte. »Denn – es ist wahr, daß eine Spur des erlittenen Schicksals an Ihnen sichtbar ist, daß man das früh gelernte Schweigen und Verbergen an Ihnen sieht... Jede Narbe, die das Schicksal dem Charakter läßt, stört Ihr Bewußtsein...« Aber er fügte tiefblickend diese Worte hinzu:

»Dieselbe Kraft, die den Schmerz zu erschöpfen strebt, führt Sie auch wieder so schön zur Freude zurück. Sie sind so voll leichten, schönen Lebens.«

Aber dieser lange Schmerz war nicht ausschließlich, ja nicht einmal in erster Linie ihre jüdische Geburt. Daß sie so viel verwundbarer, scheuer, rascher zurückgestoßen, schüchterner ist als die übrigen Jüdinnen ihres Kreises, dies erklärt sich aus den Verhältnissen, die ihre Kindheit und Jugend bestimmten. Rahel bezeichnet selbst die Leiden ihrer Kindheit und Jugend mit den Worten von dem starken Herzen, das die Natur ihr gegeben und das ihr »rauher, strenger, heftiger, launenhafter, genialischer, fast toller Vater übersah und brach. Mir jedes Talent zur Tat zerbrach, ohne solchen Charakter schwächen zu können.« Und so verlor sie auch den »Mut zum Glück«, den die Natur ihr doch gegeben hatte.

* * *

Von diesem Vater, dem Bankier Levin-Markus – die Kinder nahmen später den Namen Robert an – gibt es in Berlin ein Bild, das Intelligenz, Genußsucht, Kraft und Härte zeigt. Das spanische Rohr, das er in der Hand hält war das Szepter, das er über der Familie schwang. Zu dieser Zeit war ja sowohl in christlichen wie in jüdischen Familien die Oberhoheit des Hausvaters ein noch unangetastetes Dogma. Aber dazu kam noch, daß dieser Vater persönlich ein Despot war, der von seiner Umgebung unbedingte Untertänigkeit verlangte, der weder einen selbständigen Willen noch eine der seinen widersprechende Meinung duldete.

Und unter der Gewalt dieses Vaters wuchs Rahel heran, deren Wesensart gerade die ausgeprägteste Selbständigkeit war!

Zu den vielen Machtsprüchen des Vaters gehörte auch der, daß in der Familie keine Geburtstage gefeiert werden durften. Rahel wußte so von dem ihren nur, daß sie am ersten Pfingsttage 1771 geboren war und daß dieser in den Mai gefallen war; ihre Biographen haben festgestellt, daß er in diesem Jahre auf den 19. Mai fiel. Sie war das erste Kind und so überaus zart und schwach, daß sie anfangs in einer Schachtel in Watte lag. Ihren Körper durch geeignete Mittel zu stärken, fiel ihren Eltern ebensowenig ein wie es damals andern Eltern in den Sinn gekommen wäre. Eine Krankheit nach der anderen griff in der Kindheit ihre empfindliche Konstitution an; und diese Empfindlichkeit dauerte das ganze Leben fort, als ein Teil ihrer Leiden, aber auch ihres Glücks. Denn die feine Organisation, die sie durch einen Windhauch erkranken und durch einen Sonnenstrahl genesen ließ, bedingte auch jene ungeheure Empfänglichkeit für alle Sinneseindrücke, durch die ihre Genüsse sich vertausendfachen. Diese Empfänglichkeit, diese »Reizsamkeit« in Lamprechts vertiefter Bedeutung des Wortes, hatte nichts von jener Rücksichtslosigkeit, jenem Mangel an Selbstbeherrschung an sich, den die modernen Menschen mit dem elastischen Begriff »Nervosität« bezeichnen und entschuldigen. Rahel hat vielleicht der Strenge im Hause ihre seltene Selbstbeherrschung zu danken, teils unmittelbar, teils, weil sie ihre Widerstandskraft hervorrief. Trotz alledem zu leben und inhaltsreich zu leben, ihre Umgebung ihre Leiden nicht merken zu lassen, darauf konzentrierte Rahel schon von den Kinderjahren an jene Willenskraft, die sie von ihrer Rasse im allgemeinen und von ihrem Vater im besonderen ererbt hatte.

Die Energie der Selbsterhaltung, die gerade die Kränklichkeit bei ihr noch steigerte, hatte sie in dem noch schwereren Kampf um die Selbständigkeit ihrer Persönlichkeit gegenüber jenem Vater sehr nötig, dessen Zornesausbrüche, unvernünftige Befehle, hohnvolle Worte und rohe Handgreiflichkeiten die ganze Familie vor ihm erzittern ließen. Nur Rahel wagte hie und da Widerstand. Ihre unbestechliche Wahrheitsliebe, ihre unbeugsame Selbständigkeit wurden vom Vater als Trotz und Eigensinn betrachtet, die er – mit demselben Genuß, mit dem der Kannibale Menschenglieder knickt – zu brechen sucht. Man schaudert bei dem Gedanken an die Mißhandlung, die das geistig wie körperlich gleich empfindliche Mädchen durchmachte, die Mißhandlung, die sie in die Worte zusammenfaßt:

»Eine gepeinigtere Jugend erlebt man nicht, kränker war man nicht, dem Wahnwitz näher nicht.«

Jedes Kind, das aus dem einen oder anderen Grande unter schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen ist, hat sein Lebenlang an den Folgen seiner ersten Lebensjahre zu tragen. So auch Rahel. In diesen Jahren litt sie so, daß sie nach ihren eigenen Worten ihre ganze Leidensfähigkeit für immer verbraucht haben sollte! Sie fühlt, daß der Mangel an Grazie – womit sie Freimütigkeit, Selbstvertrauen, Leichtigkeit meint – den sie so bitter empfindet, seinen Grund in dieser mißhandelten und unterdrückten Kindheit hat. Sie weiß, daß das Leben freundlich gegen jene Menschen ist, deren »erste Verhältnisse gesegnet sind«. Und diese nahen in der Tat dem Leben mit sonnigem Vertrauen, während die in der Kindheit Unglücklichen erstarrt und verzagt dastehen, wenn das Glück seine Hand ausstreckt, so wie es ihnen auch an Mut gebricht, sich einen Platz zu erobern und an Kraft, ihn zu behaupten, wenn sie ihn zufällig gefunden haben.

Rahels erste Jugend scheint noch dadurch erschwert worden zu sein, daß der Vater stolz auf die von ihm selbst ererbte Begabung der Tochter war, auf die Einfälle, mit denen sie schon früh in seinem ausgewählten Gesellschaftskreis Aufsehen erregte. Seine eigene glänzende Intelligenz und sein scharfer Witz machten ihn und seinen Salon gesucht; und in der Tochter wollte er eine Verstärkung seines eigenen Einflusses gewinnen. Rahel sagt selbst, daß sie bis zu ihrem vierzehnten Jahr witzig war und sich so in ihrem jüdischen Kreise mißliebig machte – eine Aeußerung, die darauf schließen läßt, daß sie auf anderer Kosten witzig gewesen ist. Mit dem Eintritt der Jugend begann vermutlich ihre bewußte Kritik der Art, wie der Vater seinen Witz gebrauchte, und damit auch der stumme oder offene Kampf nicht nur zwischen ihren Willen, sondern zwischen ihren Seelen. Er wollte die Tochter nach seinem eigenen Bilde prägen, dem Bilde eines äußerlichen glänzenden Gesellschaftsmenschen.

Aber gerade diese Umformungsversuche dürften Rahels Selbstbewußtsein geweckt haben, sowohl was die Versuchungen betrifft, denen sie widerstehen mußte, wie das Ideal dem sie nachstreben wollte. Der Abscheu, den der Vater und sein ganzes Wesen ihr einflößte, tilgte jede Möglichkeit der Eitelkeit und Oberflächlichkeit aus und wendete ihren Sinn nach innen, in der Ueberzeugung, daß sie nur auf einsamen Pfaden ihr eigenstes Ich finden und bewahren konnte.

Goethe bemerkt irgendwo, daß »Beharrlichkeit« und »Unmittelbarkeit des Zweckes« Eigenschaften sind, die man auch bei dem geringsten Juden findet. Wenn sich diese Eigenschaften mit einem reichen Persönlichkeitsstoff verbinden, dann bewirken sie jene Einheitlichkeit, Ganzheit, Geschlossenheit, die Rahel bei sich selbst – wie andere bei ihr – als das erkennt, was sie von anderen Menschen in nachdrücklichster Weise unterscheidet »Mein ganzes Leben lang habe ich mich nur für Rahel gehalten und für nichts anderes«, sagte sie, als sie einmal ihre Verwunderung über die Aufmerksamkeit ausdrückte, die man ihr während einer Krankheit erwies.

Aber sie wurde Rahel in jenem »Schmelzofen der Betrübnis«, aus dem ihre Persönlichkeit wie in Bronze gegossen und ihr Wille wie gehärteter Stahl hervorging.

Rahel nennt es eine Gottesgabe, daß sie immer weiß, was sie will, obgleich sie trotz ihrer Willensstärke »überdummt und überschrieen und überhandelt« worden ist – etwas, was doch nur von dem Peripherischen in ihrem Dasein gilt.

Ihre Willensstärke hielt sie nicht nur trotz ihrer Kränklichkeit aufrecht, sondern verzehnfachte ihre Kräfte, wenn sie für andere benötigt wurden, z. B. als Krankenpflegerin. Aber auch einen anderen im täglichen Leben bedeutungsvollen Zug hatte sie von ihrer Rasse: die Sachlichkeit, Geistesgegenwart und Organisationsgabe, die ihr Macht über die stets mit dem Chaos drohende Mannigfaltigkeit der kleinen Aufgaben des Alltagslebens gab. Dieser rasche, zweckmäßig handelnde Wirklichkeitssinn, der das Geheimnis der Erfolge der jüdischen Rasse bildet, wird durch Rahels reiches Gemüt bei ihr zu einer segensbringenden Ausstrahlung eines ewig frischen »aus lauter wahrem Sein geformten Lebens«, wie Varnhagen sich ausdrückt. Diese Eigenschaften machten sie nicht nur gut, sondern wirklich hilfreich. Diese organische Verbindung von Wirklichkeitssinn und Mystik finden wir überall wieder, wo die Mystik tief ist. Ja, ist sie nicht sozusagen der wahre Religionsstifterzug, und hat nicht auch zum Teil darum der Orient der Welt alle großen Religionen gegeben?

Die germanische Natur und Kultur, in der Rahel aufwuchs, trug ganz gewiß dazu bei, ihr Wesen zu vertiefen, ihm eine größere Mannigfaltigkeit zu geben. Aber das Unbändige ihrer Eigenart, ihr unauslöschliches Feuer, ihr blitzschneller klarer, Blick, ihre tiefe Grübelsucht, die Schärfe ihrer Analyse, die Wildheit ihrer Verzweiflung, der Jubel ihrer Dankbarkeit, all dies ist morgenländisch, so wie der Psalter und der Prediger Salomo es ist.

* * *

Nach dem Tode des Vaters, 1789, gestaltete sich Rahels Leben leichter. Von den täglichen Qualen befreit, wurde sie wie durch eine »glückliche Revolution« auch gesünder. Ihre Freude an jugendlichen Vergnügungen erwachte; sie lernte sogar tanzen – aber hatte bald vom Tanz als Gesellschaftsvergnügen genug. In ihrer »Dachstube« im väterlichen Hause hatte sie reichlich Zeit und Ruhe für ihre innere Entwicklung, aber im Familienkreise bestand z. B. die vom Vater auf die Brüder übergegangene Autorität über die weiblichen Mitglieder der Familie noch fort, eine Autorität, die für Rahel namentlich in Geldfragen sehr drückend war, Fragen, in denen außerdem der Sparsamkeitssinn der Mutter im täglichen Leben sich noch unangenehmer fühlbar machte als der Erwerbssinn der Brüder.

Die Mutter scheint eine unbedeutende, durch die Tyrannei des Mannes gebrochene und schwermütig gewordene Frau gewesen zu sein, bei der Rahels Wesen kein Verständnis fand. Von den Geschwistern scheint die Schwester Rose in einem herzlichen Verhältnis zu Rahel zu stehen, doch ohne tiefere Seelengemeinschaft. Eine solche verband sie hingegen mit dem jüngeren Bruder Ludwig – ihrem »Herzensbruder« – der, selbst Schriftsteller, Rahels Verkehr mit der jungen Dichterwelt Berlins vermittelt. Die älteren Brüder, Moritz und Markus, gehen hingegen in der ökonomischen Interessensphäre auf; und obgleich sie sich in dieser Beziehung gegen die Schwestern gut benehmen, ist doch die innere Gemeinschaft gering.

Und Rahel scheint darauf gefaßt zu sein, im Familienkreise kein Verständnis zu finden. Was sie verlangt, ist, daß man sie in Frieden läßt. Aber wie gewöhnlich sehen Mutter und Geschwister, auch nachdem Rahel die berühmte Rahel geworden ist, in ihr nur die Tochter und Schwester, auf deren jüdischstarke Familienliebe sie stets rechnen konnten, wenn sie in Krankheit oder Mühe, Kummer oder Unruhe ihrer bedurften. In der Zwischenzeit fühlt sie sich übersehen, getadelt, überstimmt, mißverstanden. Die Verwandten ermahnen oder mißbilligen Rahel mit jener Unzartheit, die Familienglieder noch heute als das unbestreitbare Familienprivilegium betrachten. Einem Freunde gegenüber spricht Rahel sich ans: »Ich bin krank durch Gêne, durch Zwang, solange ich lebe; ich lebe wider meine Neigung ... Mein ewiges Verstellen, meine Vernünftigkeit, mein Nachgeben verzehren mich; ich halte es nicht mehr aus, und nichts und niemand kann mir helfen.«

... »Kein Schlag, kein Stich, kein Nagel und kein Stachel blieb mir erspart,« sagt sie in diesem Zusammenhang.

Es ist anzunehmen, daß Rahel wie die meisten starken Naturen solange als möglich duldete, bis sie – aus irgend einem für die übrigen unbedeutenden Anlaß – aufbraust. Sie sagt selbst: »Wenige sind explosiver als ich: zurückhalten kann ich es lange, aber früher oder später kommt es hervor.« Es ist wahrscheinlich, daß sie gegen die Ihren – wie gegen Varnhagen – heftig, ungleich und überempfindlich in Fragen sein konnte, in denen sie doch im Innersten Recht hatte. Sie besaß eben wie andere les défauts de ses qualités.

Im großen ganzen zeigt sie durch die Tat, wie tief ihr Familiengefühl ist. Sie schreibt an die Ihren: »Teil' ich Euch nicht alles mit? Ruhe ich eher, eh' Ihr Intellektuelles, Angenehmes, Geselliges, alles habt, was ich nur erreichen konnte; hab' ich je ich, nicht immer wir gesagt? Und Gott weiß, wie ewig gedacht. Ich bin kein stockiger Selbstler, sondern ein freudiger, empfindlicher Lebensverbreiter.«

Rahel hat das Bedürfnis anzubeten, zu Menschen aufzusehen.

»Ich kann nicht über ihn sprechen – denn ich kann nur gerecht sein«, äußert sie sich einmal. »Bei meiner Natur habe ich mich genug gerächt, wenn ich nicht mehr lieben kann.« Sie ist immer von Anfang an gläubig. »Es gehört zu meinen achtungswerten Dummheiten, die Leute immer ernst zu nehmen«, sagt sie. »Meine einzige Eigenschaft ist, die Dinge im Großen sehen zu können, mein einziger Reiz – und einziger Leichtsinn – mich selbst zu vergessen«, schreibt sie ein andermal. Und diese Eigenschaften konnten auch ihre Nächsten mitgenießen. Aber gerade ihre Eigenschaft der »Lebensverbreiterin« mißfiel vor allem der ängstlichen und kleinlichen Mutter, die eine kühle und dumpfe geistige Atmosphäre um sich verbreitete. Rahels Liebe zu den Ihren war, was sie selbst »Faserliebe« nennt, das Gefühl, das die Natur mit den Fibern unseres Wesens verwebt, und das auch noch dann seine Stärke bewahrt, wenn man kaum mehr einen Gedanken gemeinsam hat. Zeit, Kräfte, Geld, Vergnügen kann sie für ihre Familie opfern, wenn es nötig ist; und alle ihre wirklichen Interessen gehen ihr »durch und durch ins Herz«.

Aber der Kleinlichkeit und Engherzigkeit will sie nicht nachgeben. Der nähere wie der weitere Familienkreis ließ sich von dem Gesichtspunkt bestimmen, den Rahel haßte: »was sich schickt«. Für diese Bewertung wurde das Unbedeutende groß und das Bedeutungsvolle klein. Wenn Rahel sie selbst war – kühn, lebensvoll, überschäumend, vorurteilslos – dann hielt sich der geringste aus dem Verwandtenkreis für berechtigt, ihr Pflichtgefühl, Rücksicht, Maß, Klugheit zu predigen!

Indessen sammelte sich der Zorn in ihr an. Wenn dann der »schwer gefüllte Horizont« ihrer Seele »losgewittert«, ist es selbstverständlich, daß sie durch die leidenschaftliche Heftigkeit ihrer Meinungen erschreckte; daß man sie hochmütig oder herrschsüchtig nannte, wie eben die Menschen, die einer tiefen Ueberzeugung unfähig sind, die starken Ueberzeugungsmenschen zu nennen pflegen. Doch alle jene, die selbst eigene Ansichten hatten, fanden Rahel feinfühlig, taktvoll, nachsichtig, duldsam gegen alles außer gegen die anspruchsvolle Dummheit, Verleumdung und Lüge in jeder – mehr oder weniger bewußten, mehr oder weniger frechen – Form. Wenn Rahel sich z. B. schulmädchenhaft daran freut, »am hellen Sabbath« mit einer Opernsängerin im Wagen zu einer Generalprobe zu fahren, dann begreift man, wie sich der Druck der jüdischen Sitte mit dem des Familienlebens verband. Im ganzen blieb doch Rahels Verhältnis zu den Brüdern ein gutes; und wenn sie ausruft, daß sie sie »weder achteten noch liebten«, dürfen diese Worte nicht absolut genommen werden, sondern nur relativ, im Verhältnis zu Rahels eigener Fähigkeit der Hingebung.

Mit der Mutter hingegen wurde das Verhältnis schließlich so gespannt, daß diese verlangte, Rahel solle das ihr trotz allem liebgewordene Vaterhaus in der Jägerstraße verlassen, wo die Mutter dann in eine »düstere, ruppige, unbequeme« Einsamkeit versank, in »erbarmungswürdigen Geiz«. Aber täglich suchte die so vertriebene Rahel die Mutter auf, obgleich diese sie mit der größten Gleichgültigkeit aufnahm; bis die Mutter 1809 auf dem Totenbett lag und Rahel sie vier Monate hindurch Tag und Nacht pflegte. Die Nähe des Todes zerstreute die kleinen Mißverständnisse, die ihr das wirkliche Wesen der Tochter verborgen hatten. Die dankbare Liebe, die die Mutter Rahel endlich zeigte, sowie die Geduld, die sie im Leiden bewies, ließ Rahel sie mit einer »Leidenschaft von Schmerz« betrauern, obgleich Rahel ihr Verhältnis zu ihr ebensowenig umdichtete wie das zum Vater: ein jeder von ihnen hatte seinen Anteil an den Leiden der Kindheit und Jugend gehabt, unter denen ihr Herz gewehklagt hatte. Aber während sie dem Vater niemals verzeihen konnte, verzieh sie der Mutter, die ebenso wie sie selbst ein Opfer des Vaters gewesen war.

* * *

Die Leiden, die die engherzige Natur der Mutter nur umdüstern konnten, entzündeten in Rahels Natur eine große Glut, die Glut des Mitgefühls und gaben ihr eine große Kraft: die der Einsamkeit. Die Innerlichkeit und Vertiefung, die die Einsamkeit – und nur sie – schenkt, hat Rahels Wesen in entscheidender Weise bestimmt. Wie sehr sie auch später Gesellschafts- und Geselligkeitsmensch wird, so lebt sie doch, bis Varnhagen kommt, in einer steten inneren Einsamkeit, geschaffen durch die Schicksale, von denen sie sagt, daß ihr ganzes Leben durch sie mörderisch beraubt oder unmenschlich zertreten wurde, oder daß sie unwürdig um das Leben selbst bestohlen worden ist. Und die Folge davon ist jener Mangel an Grazie, den sie so bitter empfindet. In einem Brief an Varnhagen, sagt Rahel: »Diese Woche habe ich empfunden, was ein Paradox ist: eine Wahrheit, die noch keinen Raum finden kann, sich darzustellen; die gewaltsam in die Welt drängt und mit einer Verrenkung hervorbricht. So bin ich leider. Hierin liegt mein Tod. Nie kann mein Gemüt in schönen Schwingungen sanft einherfließen, wozu diese Schöne in der Tiefe meines geistigen Seins wie in den tiefen Eingeweiden der Erde verzaubert liegt. Wie richtig, geliebter Freund, und wie traurig vergleichst Du mich einem Baum, den man aus der Erde gerissen hat und dann seinen Wipfel hineingegraben; zu stark hat mich die Natur angelegt.«

Und sowie man Rahels besondere Denkkraft nur aus der Einsamkeit versteht, so versteht man ihren besonderen Gefühlston nur aus dem Leiden.

Rahel gehörte in geistiger Hinsicht zu derselben Art von Menschen, die man körperlich »Bluter« nennt. Eine Schramme, die bei einem anderen leicht heilt, kann bei ihnen zu Verblutung führen, und jedes Häutchen über einer Wunde ist so dünn, daß es bei dem leichtesten Stoß reißt und einen neuen Blutstrom verursacht.

Wer dies nicht einsieht, wird Rahel nie verstehen können, wenn sie mit den stärksten Worten von längstverflossenen Leiden spricht, oder wenn sie durch etwas, das anderen unwesentlich erscheint, zu Tode betrübt wird. Denn mit dieser kleinen Wunde gehen alle anderen Wunden auf, und in dieser Klage widerhallt die Klage ihres ganzen Volkes.

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Ob nun Rahel erkennen lernte, was sie ihrer Rasse zu danken hatte oder nicht: gewiß ist, daß die Bitterkeit, mit der sie in der Jugend von ihrer Geburt spricht, mit den Jahren verschwindet. Vielleicht kam dies ganz einfach von der Entwicklung jenes amor fati, der für den Menschen das ist, was die Blüte für die Aloe: ihre große Kraftprobe vor dem Tode. »Ich beneide keinen Menschen mehr als um Dinge, die niemand hat.« Diese Worte Rahels sind für ihren Seelenzustand in ihrem letzten Lebensabschnitt bezeichnend.

Rahel war stets bereit gewesen, für ihre Herkunft einzustehen. Ja, in Paris hatte sie sogar betont, daß sie eine »Jüdin aus Berlin« sei, und sich gefreut, daß sie ihrer Vaterstadt Ehre machte. So freute sie sich auch, als sie – in den Kriegsjahren – sowohl selbst wie durch ihre Glaubensgenossen den Christen die patriotische Opferwilligkeit der Juden zeigen konnte. Daß sie bei ihrer Verheiratung zum Christentum übertrat, war weder ein Abfall vom Judentum – dem sie nie gläubig angehangen – noch ein Glaubensakt gegenüber dem Christentum, sondern nur die Schaffung eines Gleichheitszeichens zwischen ihr und dem Manne, dessen Lebensstellung sie teilen sollte.

Als der patriotische Taumel nach dem Freiheitskriege Ausbrüche des Antisemitismus hervorrief, war sie tief empört und hielt auch bei ihren christlichen Freunden ihren eigenen Abscheu vor dieser Roheit wach. Je mehr sie – von der Abhängigkeit von ihren eigenen Angehörigen befreit – das Judentum objektiv sehen lernt, desto mehr söhnt sie sich auch mit dem Schicksal aus, das sie zu einem Mitglied dieses Volkes gemacht hat. Und auf dem Totenbette – als sie schließlich ihr ganzes Leben aus dem Gesichtspunkte der Ewigkeit sieht – preist sie in ergreifenden Worten das wunderbare Schicksal, das sie, »den Flüchtling aus dem Lande Aegypten und Kanaan« so geliebt gemacht wie sie es nun von ihren Teuern war. Schön sind diese ihre letzten Worte über die tiefe Qual ihres Lebens: »Mit erhabenem Entzücken denk' ich an diesen meinen Ursprung, und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumformen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht' ich das jetzt missen.«

II. Persönlichkeit.

Wie bei jeder andern ausgeprägten Persönlichkeit lassen sich auch bei Rahel gewisse Bestandteile nachweisen, die aus Rasse und Familie resultieren; und man kann auch den Prozeß des Gusses ahnen. Aber der Verlauf, durch den aus diesen Bestandteilen und dieser Behandlung, die bei anderen ganz andere Formen ergeben hätten, gerade diese Persönlichkeit entsteht, bleibt ewig ein Rätsel. Die besonderen Züge der Persönlichkeit, ihr eigentümlicher Stil, ihr einziger Zauber läßt sich bei dem lebendigen Kunstwerk – der menschlichen Persönlichkeit – ebensowenig beschreiben oder begreifen, wie bei der Statue aus Bronze. Nicht nur das Kunstwerk ist, wie ein Denker sagt, »aus dem Schoß einer flammenden Phantasie entsprungen«: auch die Individualität entspringt einem solchen Schoße, dem der Natur selbst. Ihre Phantasie arbeitet ebenso heiß wie die des Genies, und ihr Stil läßt sich ebenso unmöglich mit den losen grauen Maschen der Worte einfangen. Mehrere von Rahels größten Zeitgenossen haben ihre Persönlichkeit zu schildern versucht. Die dies am besten vermochten, dürften auch zugleich ihrer eigenen Selbstanalyse am nächsten gekommen sein. Denn wenn man von irgend einem Menschen sagen kann, daß er sich selbst wirklich gekannt hat, so ist es Rahel. In der ganzen Frauenwelt gibt es niemand, der sich an Entdeckermut und Entdeckerlust in der eigenen Seele, an Eifer der Selbsterforschung und Ehrlichkeit der Selbstmitteilung mit Rahel vergleichen kann außer Marie Bashkirtseff. Daß Schamlosigkeit nicht mit Ehrlichkeit, Mitteilsamkeit nicht mit Selbsterkenntnis gleichbedeutend ist, das muß ich durch verschiedene moderne Frauenbeichten veranlaßt, scharf betonen.

Rahels nach ihrem Tode herausgegebenen Briefe waren für ihre Zeitgenossen ebensosehr die Offenbarung eines neuen Frauentypus wie Maria Bashkirtseffs Tagebuch für unsere Zeit. Wie verschieden die beiden Naturen auch voneinander sind, so begegnen sie sich doch darin, daß ihr Seelen- und Willensleben so eigenartig, so ausgeprägt war, daß es sich so unmittelbar und zugleich so bewußt offenbarte, daß es mit einem Schlage eine geistige Macht wurde, zu der man in ein, sei es sympathisches, sei es antipathisches Verhältnis treten mußte. Nur Gleichgültigkeit war unmöglich.

Im übrigen ist die Manier der beiden Selbstporträts so verschieden wie die Zeiten, in denen sie hervortraten. Die junge Russin malt sich »plein air«, in schonungslosem, alles verratendem Morgenlicht; Rahels Bild hebt sich von jenem clair-obscur ab, in dem man immer mehr entdeckt, je länger man hineinblickt

* * *

Wenn ich versuchen will, meinen Eindruck von Rahels Persönlichkeit wiederzugeben, bin ich ihrer eigenen Worte eingedenk: daß wir uns selber konkav sehen, andere aber konvex: daß, wenn wir versuchen, uns in einen Menschen zu versetzen, um ihn zu beurteilen, wir immer auf uns selbst stoßen und dies eine wirkliche Objektivität unmöglich macht Denn die Aehnlichkeit, schließt Rahel, die zwischen allen Menschen besteht, »geht nur bis zu den Grenzen des Wesens«! ... Und in diesen tiefen Worten Rahels liegt eben das Geheimnis der Individualität, ihre Unbeschreiblichkeit eingeschlossen.

Wenn man seinen Eindruck einer Persönlichkeit nicht unmittelbar wieder mitteilen kann, versucht man es durch Bilder zu tun. So kann ich z. B. sagen, daß Rahel für mich dieselbe tiefviolette, beinahe schwarze Farbe hat wie Eleonora Duse; daß der Duft, der ihrem Wesen am nächsten kommt, der der gelben Tazette ist während die Musik, die sie am vollsten ausdrückt, Beethovens Apassionata ist. Aber mit diesen Bildern habe ich höchstens jenen, die von dieser Farbe, diesem Duft und dieser Musik Eindrücke mit derselben Gefühlsbetonung wie meine eigene empfangen, eine Ahnung von meiner Empfindung für Rahel gegeben. Stets ist das Bild im Verhältnis zu der großen mystischen Wirklichkeit – der einzigen Persönlichkeit – das, was in der Hieroglyphenschrift das ägyptische Lebenszeichen im Verhältnis zum lebendigen Leben ist. Es gibt nur eine einzige Art, eine persönliche Eigenart zu zeichnen: die eigenen Aussprüche und Handlungen der Persönlichkeit mit dem Eindruck zu vergleichen, den diese Persönlichkeit auf ihre Mitwelt gemacht hat. Denn die eigenen Worte betrügen häufig, die eigenen Handlungen nicht selten, die Urteile anderer am häufigsten. Aber stimmen alle drei überein, dann kann man mit Sicherheit wissen, daß in dem vorliegenden Fall wenigstens die Einheit und Geschlossenheit der Persönlichkeit unzweifelhaft gewesen ist. Und gerade diese oben erwähnte Uebereinstimmung zwischen dem Eindruck, den Rahel auf andere machte, und dem Einblick, den sie in ihr eigenes Wesen gibt, berechtigt zu dem Schlusse, daß sie das war, was sie zu sein behauptet, daß man sich aus ihren eigenen Bekenntnissen das beste Bild von ihr macht.

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Was Rahel vor allem und immer betont, ist, daß »Gott und die Natur« es gut mit ihr gemeint haben, aber daß das Schicksal und das Glück gegen sie gewesen sind; daß die Natur groß, ja übermütig war, als sie zur Welt kam; daß sie eine »Hochgeborene« hätte werden sollen und daß die sprudelnde Kraft zum Glück, die sie besaß, nur ein wenig Befreiung von unmittelbaren Leiden gebraucht hätte, um ihr Lebensfähigkeit zu zeigen. Sie weiß sich dazu geschaffen, das Leben zu genießen, es nicht nur zu durchleiden. Diese Lichtquelle in Rahels Natur, ihre gesunde, schöne Sinnlichkeit, ihr Sonnenwille, ihre »Freude an den nächsten Dingen«, ihre Freude an dem Glück aller Glücklichen macht Rahel so unmittelbar erwärmend. Und nur mit dieser Lebensenergie als Wesensgrund ist ein wirklich tiefes Leiden denkbar, einer Lebensenergie, die sich gegen die Qualen sträubt, die bald besiegt wird, bald siegt, aber niemals dem Schmerz das Recht einräumt, der Sinn des Lebens zu sein. Rahel nennt sich selbst einen »gesünderen, munteren, brünetteren Hamlet«, und ihr Jugendfreund Veit sagt, daß sie mit Philinens fröhlicher Laune Aureliens Geist und Herz verband, ihre Gutmütigkeit und ihren Hang zur Schwermut ... Alle, die Rahel tief verstanden haben, vor allem Varnhagen, heben das, was ich das clair obscur in Rahels Wesen nannte, als das Geheimnis ihres Zaubers hervor. In einem Brief von Jean Paul an Rahel, der mit den Worten beginnt: »Geflügelte – in jedem Sinn« – sagt er: Sie behandeln das Leben poetisch und das Leben daher Sie. Sie bringen die hohe Freiheit der Dichtkunst in die Gebiete der Wirklichkeit und wollen die Schönheiten dort auch als Schönheiten hier wiederfinden.« ...Dies ist ein zentrales Urteil über Rahels Wesen.

Rahel fühlte, daß dieser ihr ursprünglicher Charakter auch ihr Schicksal hätte werden müssen. Nun wurde dieses – infolge der schon erwähnten Ursachen – ein ganz anderes. Sie kann nicht nach ihrem Charakter leben, aber sie stirbt wenigstens danach, so wie es nach ihren Worten im Grunde jeder Mensch tut. Sie weiß: jeder Mensch »hat ein ganz eigenes Schicksal«, da er »ein Moment des Ganzen ist, der nur einmal existieren kann«; und wenigstens dieses ihr besonderes Unglücksschicksal verlangt sie vom Dasein, wenn es ihr ihr Glücksschicksal versagt. So schrieb sie während der Cholera in Berlin: »Ich verlange ein besonderes persönliches Schicksal. Ich kann an keiner Seuche sterben wie ein Halm unter anderen Aehren auf weitem Felde, von Sumpfluft versengt. Ich will allein an meinen Uebeln sterben; das bin ich, mein Charakter, meine Person, mein Physisches, mein Schicksal.«

Und so wie jeder sein Schicksal hat, so war Rahel überzeugt, daß jeder auch seine Eigenart besitzt. Originalität, sagt sie, ist viel häufiger als Ehrlichkeit; ja die meisten könnten originell sein, wenn sie nur wahr sein wollten! Sie kann von sich selbst – ohne daß ihr jemand widerspricht – sagen, daß sie sich einem Gott, der Wahrheit, hingegeben hat; und jedesmal, wenn sie aus dem Elend des Lebens erlöst wird, ist es durch diesen Gott geschehen. Auf keine Frage kommt sie in ihren Briefen häufiger zurück als auf die der Originalität; und wo sie diese findet, verzeiht sie fast alles. »Wer ehrlich fragt und sich selbst antwortet, ist immer mit Wirklichkeiten beschäftigt und entdeckt unaufhörlich ... Um zu denken, bedarf es vor allem der Ehrlichkeit.« ..

Was sie am allermeisten haßt, ist Pedanterie, denn ihr Ursprung ist innere Leere, und darum klammert sie sich an die Formen.

»Ein Mensch, der nicht wahr, ehrlich und unschuldsvoll ist, kann weder Dichter noch Künstler, Philosoph, Mensch, Freund, Familienmitglied, Gesellschaftsmensch, Geschäftsmensch, Regent sein ... Wahrheitsliebe fehlt uns; das ist der kranke Punkt der Menschheit, der Grund all unsrer Seelenepidemien ... Es hängt von uns selbst ab, Menschen (Originale) zu werden. Aber dazu bedarf es eines unendlichen Mutes ... Es ist ganz einerlei, wie man ist, sobald man nicht sein kann, wie man will.« »Ein Teil der Menschen hat zu wenig Verstand, die Wahrheit in sich zu finden, ein anderer nicht den Mut, sie zu gestehen, und die allermeisten weder Mut noch Verstand. Und irren und lügen und tappen oder ruhen das ganze Leben entlang bis nach der Gruft!« Ein andermal ruft sie aus: »Ich bin außer mir: so nennt man es, wenn das wahre Herz spricht!« Ehrlichkeit ist für sie die Voraussetzung bewahrter Jugendlichkeit: »Ehrlich sein im Denken: dann ist man wahr. Und nur bei Wahrheit ist Heil! Wer ohne sie ist, altert; die Runzeln allein machen nicht altern.« Ja, Rahel versichert, daß die treuherzige, reine Roheit sie erquicken kann, wenn die Lügenhaftigkeit sie zur Verzweiflung gebracht hat!

Alle diese Aeußerungen charakterisieren die Natur, die sich in folgender Antwort Varnhagen gegenüber Luft machte, als dieser scherzhaft äußerte, man müsse sie umgießen, damit sie fügsamer werde: »Dann würde ich aus der Gußform spritzen!«

An einen jungen Freund (Bokelmann) schreibt Rahel die tiefen Worte: »Was macht des Menschen Geist und Seele kälter als Stillstand ... Denken Sie immer rastlos! Das ist die einzige Pflicht, das einzige Glück ...«

Und sie fährt fort, ihn anzuflehen, nie aufzuhören, eine Sache stets aufs neue »durchzuackern«, wie oft er sie auch schon durchdacht haben mag; sich von keinen lieben und verehrten Freunden und Freundinnen – nicht einmal von sich selbst – so verführen und beherrschen zu lassen, daß er die Pflicht zu unablässiger geistiger Arbeit vergißt. Immer muß er den Mut haben, sich selbst mit Fragen und Zweifeln zu verwunden, das bequemste und schönste Gedankengebäude, das ein Lebenlang halten könnte, zu zerstören, wenn die Ehrlichkeit es verlangt; es wagen, sich selbst unablässig solche Fragen zu stellen, vor denen jedes Verhältnis zu anderen Menschen in seinen Grundfesten erzittern kann; sich niemals von einer ein für allemal aufgestellten, gutschützenden und kleidsamen Moral einhüllen lassen; niemals nach irgend einer Hinsicht in das Gewohnheitsmäßige herabsinken und so die Pforten seiner Seele verschließen; stets geistig rastlos, unruhig bleiben. Er sollte ihrer – Rahels – ewigen Beweglichkeit und Freiheit, ihrer strengen, untersuchenden Wahrheitsliebe eingedenk sein; sich von niemandem und nichts zu einem Glauben verführen oder von einem Band fesseln lassen, so daß er sein Leben als eine Pflicht durchseufzen muß; nie etwas nur deshalb seinen Tribut zollen, weil es alt und wohlbekannt ist!

Für Rahel selbst war diese Art von ehrlichem Denken und ehrlichem Mitteilen der Gedankenresultate so sehr geistige Lebensbedingung wie das Ein- und Ausatmen es im körperlichen Sinne war. In dieser Lebensnotwendigkeit der Ehrlichkeit liegt das, was Rahel am tiefsten von anderen unterscheidet. Alle denken mehr oder weniger zu gunsten eines bestimmten Glaubens, Gedankens oder Gefühls und enthalten sich selbst und anderen das vor, was diesen widerstreiten könnte. Rahel ist hingegen, wie sie selbst sagt, »unschuldig« in ihrer Gedankenarbeit. Was Rahel bei Angelus Silesius liebt, daß er sich unschuldsvoll fragend an Gott wendet, keine Antwort verlangt, und keine Behauptungen aufstellt, sondern voll von »demütigem Verzicht« ist und zugleich eine »Kinderseele voll Mut«, dies alles kann man von Rahel selbst sagen. Diese Kindlichkeit Rahels heben auch ihre Freunde hervor.

Sie ist die Grundlage ihres Mutes, über alles geradeheraus zu sprechen, unbekümmert wie es wirke, naiv-tiefsinnig wie das Kind es tut, das Kind, dem das Ueberlieferte, das Traditionelle, das Anerkannte noch nicht seinen bewaffneten Hinterhalt, seine Zäune aus Stacheldraht gezeigt hat, sondern das sich unerschrocken und ungezwungen bewegt, solange es voraussetzungslos, selbstdenkend ist, ein Selbstentdecker. Aber das blieb eben Rahel all ihr Lebtag. Rahels Einfluß auf ihre gleichalterigen Freunde wirkt namentlich in dieser Richtung, wie die angeführte Aeußerung gegen Bokelmann zeigt. Der hochbegabte Arzt Daniel Veit, Rahels ältester Freund, erzählt, wie willig er sich von Rahel leiten ließ, denn sie wollte nicht herrschen, obgleich sie es unbewußt durch die Macht der höchstmenschlichen Natur tat, durch ihre »liebe, fürstliche Seele«.

G. von Brinckmann – ein Schwede von Geburt, der aber an einer deutschen Universität seine Bildung erworben und sich dann als Diplomat in Europas Hauptstädten die feinste Kultur der Zeit angeeignet hatte – ist schon in Rahels Jugend einer ihrer verständnisvollsten Freunde. Er, wie Veit, schreibt Rahel einen tiefen Einfluß auf seine Entwicklung zu. Brinckmann sagte, daß er durch Rahels Ermahnungen zum »Geistesmut« einen so starken Eindruck empfing, als wäre er plötzlich in eine neue Geisteswelt versetzt worden. Rahels Geisteskraft, ihre Selbständigkeit, ihre Ueberzeugung, daß man »höhere Sittlichkeit durch höhere Freiheit« erreicht, all dies wandelte in mehreren Fällen seine eigenen Gesichtspunkte um. »Was ich bei den Weisen, den Frommen vergebens gesucht: unverschleierte Wahrheit, Selbständigkeit des Geistes und Innigkeit des Gefühls, kam mir in dem Dachstübchen dieser seltenen Selbstdenkerin als eine geheiligte Offenbarung entgegen«, schreibt Brinckmann. In ihr »heilig klopfendes Herz« zu blicken, vertrauten Gedankenaustausch mit ihr zu pflegen, wurde ihm, sagt er, ein Bedürfnis, so leidenschaftlich wie eine Liebe. Vor Weisen und Fürsten rühmte er sich, Rahels Schüler gewesen zu sein; und sein ganzes Lebenlang dauerte ihr Einfluß auf ihn gleich »geisteskräftig und hochmenschlich« fort.

Ihr ganzes Lebenlang sagt Rahel in hundert verschiedenen Wendungen, sie habe immer gewußt, daß sie nichts anderes besitzen könne und würde als sich selbst; sie habe sich darum »an die Kraft ihres eigenen Herzens« und an das gehalten, »was mein Geist mir zeigt«; sie habe gewußt, daß nur, wenn sie sich in den ihr von der Natur angewiesenen Gebieten halte, sie »mächtig« sei, in allen andern »nichtig«. Oft spricht sie auch über »den großen durchgehenden Zusammenhang aller meiner Fähigkeiten, den ewig unzerstörbaren Zusammenhang und das unaufhörliche Zusammenwirken meines Gemütes und meines Geistes.«

In diesem Sinne kann sie sagen: »Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element, im selben Rang und gehören zusammen.« Diese Aeußerung Rahels muß im Zusammenhang mit ihrer oben geschilderten Wesensart verstanden werden. Wer die angeführten Worte als Ueberhebung auslegt, weiß nichts von der Selbstgewißheit der großen Individualität, einer Gewißheit, die ebenso gebieterisch ist wie die jeder anderen Genialität.

Daß Rahel unablässig den Wert der Individualität verkündigte, hätte nicht viel bedeutet, wenn sie ihn nicht auch zugleich selbst verkörpert hätte. Vom Beginn ihres Lebens bis zu seinem Ende, von der ersten Stunde eines jeden Tages bis zur letzten, kam bei Rahel niemals das vor, was sie mit einem glücklichen Ausdruck »Lebenspausen« nannte. Alle erinnern wir uns an Stunden und Zeiten, die nicht vom eigensten Leben der Persönlichkeit durchdrungen waren; wo wir uns aufs Geratewohl treiben ließen, wo der Bogen des Willens erschlafft war oder ein anderer ihn spannte; wo wir in einer Art Halbschlummer der Seele gehandelt, gesprochen, geurteilt haben. Es gibt kaum eine große Persönlichkeit, bei der man solche Pausen nicht nachweisen könnte: bei Rahel niemals. Betrübt oder fröhlich, krank oder gesund, ruhend oder tätig, schenkte sie aus der Fülle ihres Wesens den Becher des Augenblicks bis zum Rande voll. Dies wird uns durch alles bestätigt was Rahel geschrieben und durch alles, was über sie geschrieben worden ist. Daß sie in einem »Wald von Menschen« lebt, hindert sie wohl wie jedes von uns Gesellschaftswesen ihre eigenen Zweige so weit auszubreiten, als sie reichen könnten. Aber es wandelt ihr Wesen ebensowenig um, als z. B. das Wesen der Buche von dem rings herum wachsenden Tannenwald umgewandelt wird. Sie ist ebenso naturnotwendig und naiv wie der wachsende Baum, sie selbst – wenn auch nicht ihr ganzes Selbst. »Warum sollt' ich nicht natürlich sein?« ruft Rahel aus: »Ich könnte nichts Besseres und Mannigfaltigeres affektieren.« Ein andermal: »Wenn eine Guillotine vor mir stünde, wüßt ich's nicht zu sagen, was ich bin: hilfreich bin ich und atmend, sonst kann ich mich auf nichts besinnen.«

Die hier unten zusammengestellten Aeußerungen sind beide charakteristisch. Denn Rahels Bewußtsein ihres Wesens und Wertes ist ebenso wirklich wie ihre Unbewußtheit, was nur dem in seelischer Beziehung rohen Menschen unmöglich scheint und doch der für alle großen ursprünglichen Naturen charakteristische Zug ist! Gerade weil Rahel in jedem Augenblick einheitlich ist, hält die eine Eigenschaft der anderen das Gleichgewicht: ihre Reizbarkeit wird nicht hysterisch, ihre Empfindsamkeit nicht sentimental, ihr Witz nicht ironisch, ihre Analyse nicht Vivisektion, ihre Unmittelbarkeit nicht kindisch und ihre Bewußtheit nicht Selbstbespiegelung. Geist und Gemüt, Grübeln und Handeln, Ernst und Heiterkeit, alles ist bei ihr aus einem Gusse; nichts widerspricht sich oder hebt sich auf, alles bekräftigt und steigert sich in dieser einheitlichen Natur. Psychologen, vor allem Schleiermacher, betonten gerade diesen Zug als Rahel Grundwesen. Man sehe den Abschnitt »Geselligkeit«

* * *

Daß das Unbewußte die Kraftquelle unserer Natur ist, drückte Rahel unter anderem mit diesen Worten aus: »Im wahren, festen Schlaf geht die Seele nach Hause, sie badet in Gottes See, sonst hielt' sie nicht aus.«

Aber zugleich weiß Rahel, daß der Grundtrieb ihres Wesens der Durst nach Klarheit ist. Ihre ehrliche, scharfsinnige Selbstanalyse sagt ihr, daß dieser Trieb bei ihr nicht nur der allgemeine der Menschennatur ist, sondern zugleich eine Notwehr: nur das Denken über die Dinge hält die Fugen ihres Wesens zusammen, so explosiv wirken die persönlichen Erlebnisse in ihr. Sie kann nichts ruhig nehmen: alles, wofern es überhaupt die Macht hat, sie zu berühren, wird »unübersteiglich wichtig«; und sie hat ohne Zweifel recht, wenn sie sagt, daß sie dem Wahnsinn nahe wäre, wenn sie nicht zu ihren anderen Leidenschaften auch die hätte, über die Dinge nachzudenken, sie nicht nur zu durchleiden. Mit anderen Worten, zu ihren übrigen Leiden hat sie auch noch die Leiden des Denkens.« »Ich muß von allem wissen, wie es wird, wie es ist. So habe ich von Kindheit an den größten Trieb gehabt, Leichen zu besehen.« »Ich wäre ein sehr für aller Augen verkrüppeltes Geschöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir und jenes Vergessen der Persönlichkeit, ohne welches die genialischsten Menschen auf der Erde und in jeder Wissenschaft keine wären.« »Von Jugend an ging es reich und der Wahrheit gemäß in mir her. Natur wirkte scharf und richtig auf scharfe Organe: ein felsenfestes, empfindliches Herz hatte sie mir mitgegeben, das alle anderen Organe immerzu und redlich belebte.« Ein andermal: »Die Gaben, die ich habe, hat man nicht umsonst: man muß dafür ausstehen! Mein scharfes Wissen, Sondern und Scheiden, das große Meer in mir, mein präziser, tiefer großer Zusammenhang mit der Natur; kurz das bißchen Bewußtsein darüber, was hier doch soviel wert ist, kostet mir was! Welche Schmerzen, welche Unruhe, welches Vermissen läßt das aufschießen und wie muß ich es verarbeiten!«

Rahels obenerwähnte kindliche Unbefangenheit tritt am klarsten auf ethischem Gebiet hervor, wo sie landläufige Werte ebenso freimütig wie gründlich umwertet. Sie weiß wohl, daß das Bedürfnis nach Sittlichkeit ewig fortlebt, aber auch, daß die Begriffe der Sittlichkeit nicht unverändert bleiben können. So sagt sie: ... »Die Gegenwart krankt an solchen alten Vorstellungen ... Das ganze Dasein ist progressiv, gewinnt unaufhörlich an intensiver Anschauung; auf diese Art vervollkommnet sich das Erdenleben und jenes Leben, das nicht in seine Grenzen fällt. Je mehr Einsicht wir erlangen, desto mehr werden wir mit dem Leben selbst übereinstimmen ... Das Leben ist keine tote Wiederholung, sondern eine Entwicklung zu Erkenntnis und durch Erkenntnis.« ...

Aber Rahel meint, daß man gerade auf dem Gebiet der Sittlichkeit diese Entwicklung am allerwenigsten anerkennen will. Und dadurch wird das Dasein disharmonisch, weil man die Handlungen, zu denen man von der Entwicklung getrieben wird – die sogenannten »Verbrechen« – nicht mit Gewissensruhe begeht. »Wir zerstückelten Neuerer! ›Ruchlos‹ müssen wir gleich sein, uns schelten lassen und doch Lumpen bleiben, mit unseren Sittchen und auch Gesetzchen! Kranke Europäer nenn' ich uns immer in meinem Kopf ...«

Unter diesen neuen ethischen Begriffen verkündet Rahel auch den, daß die Freiheit eines Menschen das Recht bedingt, wenn er nicht länger leiden will, aufzuhören, zu leben. Sie ruft im Hinblick auf Selbstüberwindung und Geduld im Leiden aus: Unsere Nerven und Fibern, unsere Wünsche können wir doch nicht unterdrücken; sollten diese allein unheilig sein, sollte man sie nicht mit derselben frommen Scheu betrachten wie andere Werke der Natur, ja, als Ausdrucksformen der tiefen Forderung in uns, das Rechte zu erreichen? Ich weiß, daß es nur ein unerträgliches Uebel gibt: wenn man dieses Bedürfnis nicht befriedigt hat, und das Gewissen darum krank ist. In Heinrich von Kleists letzten Jahren war er oft bei Rahel, die unter seinen Leiden litt. Nach seinem Selbstmord sprach Rahel schon die Anschauung der höchstentwickelten modernen Menschen über einen solchen »Freitod« aus, um F. Mauthners neues und schönes Wort für die verfeinerte Auffassung dieser Tat zu gebrauchen. Sie freut sich, daß ihr Freund »das Unwürdige nicht duldet« und weiß, daß ihr Verständnis das einzige ist, womit sie jetzt noch sein Andenken ehren kann. »Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen bis auf die Hefe leiden ... Unglück aller Art dürfte mich berühren! Jedem elenden Fieber, jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? ... Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, incorrigible Leben, wenn er die dunkeln Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon.«

Aber der freiwillige Tod soll eine bewußte, nicht eine verworrene Handlung der Persönlichkeit sein, meint Rahel. Sie weiß, daß wir nur so mit unseren sogenannten Verbrechen wirklich sittliche Handlungen vollbringen. Sie – die Wahrheitsfanatikerin – kann darum sagen:

»Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen, und ein wichtiger Teil unserer Freiheit; erniedrigend aber, wenn wir dazu gezwungen sind.«

Sie kann mit bezug auf einen hochentwickelten Menschen (W. v. Humboldt) sagen:

»Er ist so weit voraus in seinen Ideen, daß doch nicht mehr die Rede davon sein kann, ob er gut oder nicht gut sei, das liegt fern unter ihm.«

Sie weiß, daß es eine erste Unschuld gibt, die das Böse nicht ahnt; eine zweite, die jenseits von Gut und Böse angelangt ist Und sie sagt:

»Unschuld ist schön: Tugend ist ein Pflaster, eine Narbe, eine Operation.« Sie weiß, wie wenig diese Art von Tugend wert ist:

»Gut sind die Menschen alle, aber sie taugen nichts!« Sie weiß, daß die persönliche Sittlichkeit die verantwortungsvollste ist. Sie spricht einen Gedanken aus, der mit einem von George Eliot zusammenklingt: »Unsere Handlungen sind die Kinder unseres Geistes ... Wie sie auch werden, müssen wir sie uns gefallen lassen, sie haben ein so selbständiges Leben, daß sie uns umbringen können ... Sie haben wieder Kinder und werden zu ganzen Geschlechtern.«

Aber während George Eliot diesen ernstesten ethischen Gedanken der neuen Zeit dazu verwendet, die alte Moral einzuprägen, hat Rahel den Mut, diese in wichtigen Teilen zu verwerfen. Aus dem hier Gesagten geht hervor, daß Rahel mit mehr Berechtigung eine Prä-Nietzscheanerin genannt werden kann als eine Romantikerin. So wie Nietzsche übt sie Rücksicht, Pflichttreue, Selbstzucht. Aber sie wie er wollen eine Umwertung gerade jener Tugenden, die sie ausüben, weil sie an sich selbst erprobt haben, welche Gefahren diese Tugenden für ein vollmenschliches Dasein bergen können.

Eine Tugend, sagt Rahel, kann viel schlimmer sein als eine Leidenschaft, und die Pflichterfüllung ist oft nichts anderes als eine Form der Umständlichkeit und Wichtigtuerei. Sie verabscheut die Lehre, daß Leiden und Dulden unbedingt eine Tugend sei. Mutig anzugreifen, was unsere Natur leidenschaftlich verlangt, ist für sie eine größere Tugend, und sie unterschreibt mit vollster Zustimmung Goethes Worte: »In allen Stücken billig sein, heißt sein eigenes Selbst zerstören.« Rahel war zu ehrlich, um zu glauben, daß wir andere ebenso lieben können wie uns selbst, außer in einem sehr großen und seltenen Gefühl. Und sie wußte, daß ihre eigene Neigung, andere höher zu stellen als sich selbst, sich selbst aufzuopfern, eine Schwäche, nicht eine Tugend war. Durch diese allzugroße Rücksicht, sagt Rahel, »zerstör ich mich denn wirklich, die in manchen Stücken stark und zu was anderem von der sorglos verschwenderischen Natur bestimmt war: So ist's! So muß ich weiter sterben: viel bin ich schon gestorben ...«

Im Zusammenhang mit diesen Worten macht sie die Bemerkung, sie wisse, daß »etwas von Adlernatur« unentbehrlich sei, um das Leben zu leben, aber ihr fehle leider diese Art Natur.

Wenn Rahel sich der übertriebenen Rücksicht beschuldigt, die sie gehindert hat – im vollsten Sinne des Wortes – zu leben, dann darf man nicht vergessen, daß sie stets ihren unbedingten Mut auf dem Gebiet des Denkens und der Meinungen betont. Für keines Menschen Liebe opfert sie je ihre »besseren Ueberzeugungen«, sagt sie. Mit Recht sagte F. Schlegel – in bezug auf ihr Fernhalten von den vielen Brüderschaften der Zeit – von ihr: Sie war zu »eminent eine Person«, um sich in irgend einen Zwang finden zu können, der auf ihre geistige Freiheit ausgeübt wurde. Wenn sie also selbst ihre Feigheit tadelt, ist es ausschließlich in dem Sinne, daß sie ihre »persönlichen Lebensforderungen« in jenen Fällen unerfüllt gelassen, wo diese Erfüllung eine Verletzung anderer oder der überlieferten Moral gewesen wäre.

In einer Beziehung fallen die ethischen Ideale Goethes, der Romantik, Rahels und Nietzsches vollständig zusammen: in dem Gefühl, daß echte Sittlichkeit erst dann eintritt, wenn man seine eigene Wesentlichkeit gefunden und das gute Gewissen hat, nach dieser seiner Wesentlichkeit zu leben. Aber während die Romantiker ein »Sich-Ausleben« derselben Art gutheißen, wie heute Nietzsches schlechte Schüler – d. h. ein Sich-Ausleben, wo nicht die Wesentlichkeit, sondern der Zufall die Triebkraft ist – war Rahel wie Goethe, wie Nietzsche durchdrungen von der Notwendigkeit, seine Wahl zwischen der Wesentlichkeit und dem zu treffen, was in unseren Neigungen nur Roheit oder Zufall oder Laune oder Zeitrichtung ist.

So z. B. mißbilligte Rahel wie Goethe das romantische Spielen mit Liebe und Ehe, deren Auflösung beide berechtigt fanden, wenn ein echtes Gefühl sie verlangte, nicht aber auf Grund von Moderichtungen im Gefühlsleben, Richtungen, denen sogar der Ernst zu einer Leidenschaft fehlte. Die Sittlichkeitsfanatiker bedienen sich jetzt einiger – gerade durch eine der leichtsinnigen Scheidungen der Zeit veranlaßt er – Worte Goethes über die Heiligkeit der Ehe, um ihn als Hüter der Heiligkeit der Ehe hinzustellen. Daß er das tiefste Gefühl seines Lebens einer verheirateten Frau entgegenbrachte und sich nur sehr spät entschließen konnte, seine eigene »freie Liebe« zu legalisieren, das müßten doch Tatsachen sein, die Goethe von dem Verdacht befreien, daß er in der Ehe die unerschütterliche Norm der erotischen Sittlichkeit gesehen habe – falls man nicht behaupten will, daß sein Leben und seine Lehren in schreiendem Widerspruch miteinander standen! Aber er, der wollte, daß jede Aufgabe mit Ernst erfüllt werde, betrachtete auch die Aufgabe der Ehe als eine ernste, eine für die er selbst nach seinen eigenen Worten nicht taugte, und die er auch darum erst sehr spät im Leben auf sich nahm.

Aber viel bestimmter als Goethe verficht Rahel in jedem Alter ihres Lebens die Freiheit der Liebe; und daß die Romantiker, sowie später Jungdeutschland dasselbe taten, hat mit ihren Ansichten über diese Dinge nichts zu schaffen. Wie Rousseau, wie Goethe, wie die Romantiker, wie die ganze neue Zeit schöpft sie ihre erotischen Lehren aus ihren eigenen Beobachtungen, aus ihrer eigenen Seele und deren Macht persönlich und leidenschaftlich zu lieben: keiner ist des anderen Lehrer, wenn auch der Zeitgeist den Mut gibt, seine Ansichten zu bekennen und nach ihnen zu handeln. In jeder Epoche ihres Lebens vertritt Rahel das, was man die Weisheit des Herzens nennen möchte, unter der Voraussetzung, daß man wirklich seinem Herzen folgt, nicht eines jener »Simulacres« veranstaltet, deren Jämmerlichkeit die Liebe selbst in Verruf bringt. »Das Herz ist ganz im Dunkeln, ganz allein, möchte man sagen, und weiß ganz allein alles besser. Nur wenn man dahin sieht, findet man Erkenntnis; weil die verwirrenden Lichter der ganzen Welt nicht hinlangen; und es wie ein Maß einer anderen Welt in uns lebet; als ein Ja oder Nein: sonst nichts.«

»Immer toller, alle Tage wahnsinniger kommt es mir vor, je mehr ich die Welthändel sehe und bedenke, daß man seinem innersten Herzen, nicht lebt. Dies zu tun, hat solchen schlechten Ruf, weil Simulacres von ihm herumlaufen ... Aber rein wie ein Keimblättchen in einer Mandel, so zart ist der innere wahre Wunsch, wie heilig!« ...

Bei Rahel wie bei den Romantikern – wie auch bei Schleiermacher – ist die Forderung der Freiheit der Liebe eine notwendige Folge der Forderung des Individualismus, der Eigenart in allen Lebensäußerungen, vor allem auf den Gebieten, wo die Persönlichkeit ihren höchsten Ausdruck findet: der Liebe, dem Glauben, dem Schaffen. Rahel bringt ihre Ueberzeugung – daß der Mensch nur, wenn er den innersten Forderungen seiner Natur folgt, sich selbst treu ist, und nur wenn er sich selbst treu ist, sittlich ist – mit größter Konsequenz in ihrem Urteil über Menschen, die auf erotischem Gebiet nach ihrem Herzen leben, zur Anwendung. Eine ihrer Freundinnen sagte, daß kein Mensch in dem Grade alles verstand wie Rahel. Aber dabei gilt ein Vorbehalt: Nur da, wo sie Natur und Wahrheit begegnete; denn das Gemachte und Unechte hatten in ihr einen unerbittlichen Richter.

* * *

Die Naturen, die man am raschesten bezeichnet, wenn man sie heidnisch-hellenische nennt, besaßen Rahels unbedingte Liebe: Pauline Wiesel, die die Männer als die vollkommenste Offenbarung des »Griechentums« begeisterte, war und blieb Rahels liebste Freundin, durch die volle naive Ehrlichkeit, mit der sie ihrer eigenen heidnischen Natur gemäß lebte. Als Pauline ihren Mann, Kriegsrat Wiesel, verließ, schenkte Rahel ihr ihre volle Zustimmung: »Zum Leiden ist Ihr starkes Herz nicht gemacht«, schrieb Rahel. Als Prinz Louis Ferdinands – und vieler anderen – Geliebte zeigt Pauline in ihrer Liebe eine solche Flatterhaftigkeit, vereint mit einer solchen Unschuld, einer solchen Gewissensruhe, einer solchen Güte, daß sie wie eine lebendig gewordene Philine wirkte. Die Kraft und die Echtheit ihrer Natur flößen Rahel nicht allein unveränderliche Zuneigung ein, sondern auch Bewunderung. Paulinens griechische – oder kindliche oder göttliche – Naivität in bezug auf die Freiheit der Liebe, ein Recht, das ihr ebenso unbestreitbar schien wie den olympischen Göttern, war von Rahels eigener Lebensführung so weit als möglich verschieden. Aber Pauline hatte so nach Rahels Meinung, von der Naturseite gesehen, ein vollmenschlicheres Dasein geführt als Rahel selbst. Ja, sie stellt Pauline mit sich selbst zusammen: »Groß verfuhr die Natur mit uns beiden ... Wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben ...« Und sie bedauert, daß sie selbst nur auf dem Gebiet des Gedankens in Wahrheit gelebt hat, während Pauline den Mut und das Glück hatte, auch in ihrem Leben wahr gegen ihre innerste Natur zu sein. Damals selbst verheiratet, gab Rahel ihrer Sympathie für Pauline Wiesel unbedingten Ausdruck: Sie sah, was ich sah, verstand, was ich verstand; wir lachten, beobachteten, bewunderten und verachteten zusammen. Sie hatte Gefühl für das bekräftigende, verstandene Dasein in einem anderen. Und wenn sie gefühllos schien, war es nur, weil sie – wie ich selbst – unter ihrem allzutiefen Mitgefühl litt, Sie und ich konnten erschüttert werden wie kein anderer. Sie war eine erobernde, kriegerische, leichtsinnige oder besser leichtlebende Natur; tiefer wahrer, klarer fand ich keine.

Rahel hatte nicht nur das Gefühl, daß sie und Pauline beide in seltenem Grade »der großen, dunkeln, hellen, Leben und immer Leben wirkenden Natur« angehörten; nein, sie meint, »einen wollte die Natur aus uns machen, und zwei mußte sie machen«. »Und darum«, sagt Rahel mit einer jener leichthingeworfenen Aeußerungen, die unendliche psychologische Perspektiven eröffnen, »handelt sie für mich«. Varnhagen, der sich für Rahel durch diese Zusammenstellung ihrer selbst mit Pauline Wiesel verletzt fühlte, betont, daß die letztere eine Doppelnatur war, während Rahel ihre außerordentliche Macht und ihren Zauber durch die vollkommene Einheitlichkeit ihrer Natur ausübte. Und ganz gewiß ist Rahel in einem Grade einheitlich, wie man es selten findet: Genie, Gemüt, Instinkte wirken zusammen und stärken sich gegenseitig, anstatt wie bei den meisten im Kampfe miteinander zu stehen. Aber Rahel selbst hat allzuoft ihren Unmut über die Disharmonie zwischen ihrem Willen und ihrem Mut zum Handeln betont, als daß man sie in dieser Beziehung nicht ernst nehmen müßte, und man darf nicht das an ihr preisen, was sie selbst eine Schwäche nannte: daß sie das nicht wagte, was sie ihrer innersten und von ihrem Gewissen gebilligten Natur nach wollte. Sie weiß, daß oft das »bessere Bewußtsein« das verlangt, was die Gesellschaft »Sünde« nennt, und daß es eine größere Sünde sein kann, sich die Glücksmöglichkeiten des Lebens entgehen zu lassen oder seine Lebensirrtümer geduldig weiterzuschleppen. Keine asketische oder christliche Ueberzeugung hemmt Rahel. Aber die tief im Blut steckende Geduld ihrer Rasse, die väterliche Tyrannei, die körperliche Schwäche, die Ueberzeugung, der Anmut zu entbehren – Rahel hielt ihr Aeußeres für unbedeutend, ohne irgend etwas Einnehmendes – all dies zusammen hatte ihren Lebensmut geknickt.

Und ist dieser einmal geknickt, dann kann er ebensowenig wieder flugtauglich werden wie ein gebrochener Flügel Rahel war wie alle großen Naturen opferwillig und anspruchsvoll geboren. Daß sie die erstere Grundforderung vollauf befriedigen konnte, tröstete sie niemals darüber, daß das Leben ihr soviel schuldig geblieben war. Denn sie war ja überzeugt, daß ihre ganze Natur »etwas Gottgewolltes« war, und ihre Forderungen ebenso heilig wie ihre Opferlust.

* * *

Pauline Wiesel ist jedenfalls der schlagendste Beweis für Rahels Stellung zur Freiheit der Liebe, aber es gibt noch viele andere Beispiele. Zu diesen gehört die böhmische Gräfin Josefine Pachta, die durch ihre blonde Schönheit und ihre frische Liebenswürdigkeit wie eine Naturkraft wirkte, ein sonniges Waldkind. Diese Freundin wurde Rahel noch teurer, als sie ihre glänzende äußere Stellung von sich warf, um Meinert, dem Gegenstand ihrer Liebe zu folgen, der sie Ehre und Ansehen opferte. Wenn Rahel die bedeutendsten Eindrücke zusammenfaßt, die sie von Frauen empfangen, nennt sie Josefine Pachta den größten weiblichen Charakter, den sie gekannt, weil nichts sie abhalten konnte, nach ihrer Ueberzeugung zu handeln. Als Dorothea Mendelssohn sich von ihrem Manne trennte und – ehe sie noch gesetzlich vereint werden konnten – jahrelang in einem freien Verhältnis mit F. Schlegel lebte, stand Rahel ihnen getreulich zur Seite. Eine vierte von Rahels Freundinnen, Auguste Brede, lebte in einem »illegitimen« Verhältnis mit dem Grafen Bentheim, und Rahel billigte nicht nur die Handlungsweise der Freundin, sondern wohnte während ihres eigenen Aufenthaltes in Prag bei ihr. Hingegen konnte sich Rahel nicht mit Henriette Herz' erotisch-ästhetischem Flirt aussöhnen, der niemals die Grenzen der »Tugend« überschritt, aber eine solche Art von kaltem »Simulacre« zeigte, wie es Rahel antipathisch war, während sie versichert: »echte Frivolität lieb ich unaussprechlich!« Auch bei den Männern liebte Rahel die so gearteten Naturen wie Pauline Wiesel. Ihre Günstlinge waren z. B. Prinz Louis Ferdinand und Gentz. Wenn Fanny Lewald in ihrem Roman »Prinz Louis Ferdinand« Rahels Verhältnis zum Prinzen eine erotische Färbung gibt, so ist dies eine vollkommen aus der Luft gegriffene Phantasie ohne jede Begründung in der Wirklichkeit. Rahel selbst nennt das Verhältnis »beinahe fast unpersönlich«. Bei Rahel klagte er über Pauline Wiesel, seine flüchtige Geliebte, und Rahel hatte die undankbare Aufgabe, Beider Vertraute zu sein. Oft kam der Prinz in Rahels »Dachstube«, um eine teilnehmende, tröstende Freundin zu finden, deren Freundschaft ihm »viel süßer als alles übrige« dünkte. Rahel sah seine »Vielverworrenheit« ein, während sie zugleich seine feine Seele liebte und ihr Versprechen hielt, ihm »derbe Dachstubenwahrheiten« zu geben, wenn er sie brauchte. Rahel bedauerte, daß ihr Briefwechsel verloren gegangen war, denn – sagt sie – er ehrte sie beide; sie durch die vollkommene Ehrlichkeit, mit der sie dem Prinzen strenge Wahrheiten sagte, ihn durch den Edelmut, womit er sie aufnahm, in dem Gefühl daß »die Kleine«, wie er sie nannte, stets seine feinere Seele gegen die gröbere beschützte.

Denselben Klarblick für seine vielen Fehler und dieselbe Vorliebe für seine innerste Persönlichkeit zeigt Rahel Gentz gegenüber. Bei diesem so verschieden beurteilten – zumeist verurteilten – Weltmann und Staatsmann hatte Rahel ein echtes »Kindergemüt« entdeckt, mit »der ungetrübten, blumenreinen Wahrhaftigkeit, die ewig Naivität gebiert, zum Lächeln und zum Lieben«. Dieses Gemüt liebte Rahel unveränderlich bei diesem Mann, der gerade dadurch charakterlos wurde, daß er wie ein Kind war, ein sorgloser Mensch des Augenblicks, der alle seine Schwächen mit vollster Offenheit zeigte. Die Frauen verziehen ihm wegen seines bezaubernden Wesens; die Männer wegen seiner glänzenden Gaben, zu denen auch die gehörte, alle seine übrigen nur in diskretester Weise zur Geltung zu bringen. Er ergriff z. B. erst nach längerem Schweigen und Zögern, nach schüchternen Versuchen allmählich den Gesprächsfaden in einer Gesellschaft, um ihn – als einer der glänzendsten Causeure seiner Zeit – seidenfein und farbenschimmernd weiterzuspinnen, so wie es kein anderer im gleichen Grade vermochte.

Rahel hinwiederum verzieh ihm wegen jener Eigenschaft, die man nach Belieben Gewissenlosigkeit, Gewissensfreiheit oder Gewissensruhe nennen kann! Rahel war für Gentz wie für Prinz Louis Beichtmutter, Trösterin, Orakel. Er hat dasselbe tiefe Verständnis für ihr Wesen wie sie für das seine. Nichts ist für beide bezeichnender als ihre Briefe, als Gentz sich auf seine alten Tage mit dem Feuer eines Jünglings in die Tänzerin Fanny Elßler verliebte. Rahel beglückwünschte ihn in den wärmsten Worten, daß er in seinem Alter noch zu so schönen Gefühlen imstande war. Während andere für Gentz' Leidenschaft nur frivole Witze hatten, sah Rahel so tief in seine Natur, daß sie sein Gefühl mit ihrem eigenen für ihre Nichte vergleicht, Rahel fühlte durch diese, daß sie noch ein »Liebherz« hatte, aller Qualen und Freuden der Liebe fähig. Mit vollem Recht schrieb Gentz, daß Rahel die einzige war, der er das Gefühl zu beichten wagt, das ihn aus einem Greise wieder zu einem Jüngling gemacht, denn sie allein war tief genug, um darin den Beweis zu sehen, daß er in sich »eine reine und echte Menschlichkeit« bewahrt habe. Durch die »Segensströme«, die durch seine »paradiesischen Briefe« veranlaßt, ihm aus Rahels Herzen entgegeneilen, findet man auch, daß Rahel in der ewigen Jugend des Gefühls – vor allem in der nicht einmal von den Jahren zu besiegenden Stärke der Liebe – den stärksten Beweis für die Unsterblichkeit sieht. »Gut bestellte Herzen können immer verliebt sein, wollen es immer«, das sind Rahels Schlußworte über Gentz' neue Liebe. Und als Fanny Elßler nach Berlin kam, behandelte Rahel die junge Tänzerin – die zugleich eine Meisterin in der Kunst war, die Rahel so sehr bewunderte – wie eine Tochter.

Pulsuz fraqment bitdi.

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