Kitabı oxu: «Der Club der Unzertrennlichen - Skandinavien-Krimi»

Şrift:

Elsebeth Egholm

Der Club der Unzertrennlichen - Skandinavien-Krimi

Saga

Der Club der Unzertrennlichen - Skandinavien-Krimi ÜbersetztGabriele Haefs Original De frie kvinders klubCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1999, 2020 Elsebeth Egholm und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711457917

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

PROLOG
ÅRHUS, OKTOBER 1997

Ohne Furcht vor finstrer Nacht,

geführt vom Sternenlicht,

mit Vater, dir, im treuen Pakt

fürchtet dein Kind sich nicht.

Es war ein gemischter Chor. Aus Brummern und Stimmen, die einen halben Ton daneben trafen; aus einem einzelnen, einigermaßen geschulten Sopran und zwei akzeptablen Altstimmen. Und denen, die wie üblich nur die Lippen bewegten.

Die Gemeinde drängte sich beim Singen um das Grab zusammen. Der Herbstwind peitschte den Regen von der Seite her in ihre Richtung und blies Jacken und Mäntel auf wie Ballons. Die wenigen Regenschirme, die die Umsichtigen mitgebracht hatten, troffen vor Nässe, während die anderen sich damit begnügen mussten, ihre Jackenkragen hochzuklappen und sich mit Taschentüchern das Wasser aus den Augen zu wischen.

Henning Nyborg schaute nach oben und ließ sich den Regen ins Gesicht prasseln. Bei jeder anderen Beisetzung hätte er sich über dieses Wetter geärgert und vielleicht hätte er unter seinem Pastorenkragen gefroren und sich nach seinem warmen Wohnzimmer und einer Tasse Kaffee gesehnt. Vielleicht hätte er sich sogar noch mehr auf den Ruhestand gefreut, den er in vierzehn Monaten antreten würde.

Doch an diesem Tag war alles anders. Es war kein Tag, an dem die Gedanken davonflogen. Es war ein trüber Tag, ein düsterer Tag, vor dem es kein Entrinnen gab. Er merkte, dass alle den Regen offenbar zu schätzen wussten. Als könnten dessen peitschende Schläge die Schuldgefühle davonschwemmen, die auf der ganzen Gemeinde lasteten.

Während des Liedes ließ er seinen Blick über die beiden Gruppen gleiten, die einander am Sarg gegenüberstanden. Die eine Gruppe bestand aus der Familie der Verstorbenen, Solveig Aastrand. Sie standen hocherhobenen Hauptes da, wenn auch mit vor Trauer versteinerten Gesichtern.

Verstohlen musterte er die drei Frauen auf der anderen Seite des offenen Grabes. Die Freundinnen.

Regennass und fröstelnd sangen sie, so gut sie konnten.

Sie mussten irgendwo in den Dreißigern sein, und er erkannte unter ihnen Pernille Gram, die er vor vielen Jahren im selben Jahr wie Solveig Aastrand hier in der Kirche von Tilst konfirmiert hatte.

Eine Stimme klang lauter und klarer als die anderen, eine verbissene Standhaftigkeit schien sie zu tragen und zu verhindern, dass sie im Weinen brach. Einen langen Moment ruhten seine Blicke auf der Besitzerin dieser Stimme. Sie war nicht sonderlich groß, und ihre Figur wäre manchen Männern vielleicht als zu kräftig erschienen, aber nach ihren sanften Kurven würden sich doch die meisten umschauen. Nach Kurven, die an diesem Tag unter einem wenig kleidsamen marineblauen Kostüm nur zu ahnen waren. Sie war eindeutig die Uneleganteste von den dreien, aber dennoch zog etwas an ihr die Blicke auf sich. Dunkle, ausdrucksvolle Augen unter kurzen, blonden Struwwelhaaren verliehen ihr eine intensive Ausstrahlung. Als der Choral beendet war, brach sie in ein leises Schluchzen aus. Ihre Nachbarin, die mit ihrem rätselhaften, ovalen Gesicht Ähnlichkeit mit einem Gemälde von Modigliani hatte, legte tröstend den Arm um sie. Diese Nachbarin war eine elegante Erscheinung. Mittelgroß und gertenschlank in ihrer langen, schwarzen Jacke und den schlichten, engen Hosen. Eine perfekt geschnittene Pagenfrisur gab ihr ein verfeinertes, fast orientalisches Aussehen.

Pernille Gram, die Dritte im Bunde, stand ein wenig von den beiden entfernt, so, als sei ihre langgliedrige Gestalt ihr peinlich. Auch damals, im Konfirmationsalter, hatte Pernille etwas Unbeholfenes, Giraffenhaftes gehabt, und auch an diesem Tag waren die kurze Jacke und der lange, enge Rock, der sie wie ein Rohr umschloss, ihr keine Hilfe. Selbst aus der Entfernung konnte er hinter ihrer Brille die geröteten Augen erkennen.

Pastor Nyborg seufzte unhörbar. Nicht zum ersten Mal in seinem langen Pastorenleben musste er eine Selbstmörderin begraben. Es bedeutete immer einen schmerzlichen Schock für ihn, aber noch nie hatte er sich so ohnmächtig gefühlt wie angesichts dieses einsamen Sarges und der vom Regen gepeitschten Blumen.

Die Feierlichkeiten endeten am Grab. Henning Nyborg schloss sich der Familie an und verabschiedete sich am Kirchentor. Ihm war aufgefallen, dass die drei Freundinnen noch immer am Grab verharrten, und er nahm an, dass sie erst jetzt vortreten und Blumen oder vielleicht irgendeine persönliche Erinnerung auf den Sargdeckel fallen lassen wollten.

Er selber ging in die Kirche und blieb eine Weile vor dem Altar stehen. Wie auf eine plötzliche Eingebung hin faltete er die Hände und murmelte ein Vaterunser. Er hörte ein leises Echo, das ihm die Worte zurückwarf: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Doch das Gefühl der Vergebung schien sich nicht wirklich einstellen zu wollen.

Dann spürte er, wie sein Magen unter dem Talar knurrte, und der Hunger vermischte sich mit dem Gefühl der Ohnmacht. Er dachte an seine Frau, die nach Kopenhagen gefahren war, um die gemeinsame Tochter zu besuchen. Schon am Vortag hatte er die letzten Bratheringe aus der Dose verzehrt, und neue Eier zu kaufen, hatte er auch vergessen.

Er ging in die Sakristei, zog seinen Straßenanzug an und brauchte eine Viertelstunde, um sich mit dem Organisten über die Choräle für den sonntäglichen Gottesdienst zu einigen. Danach verließ er die Kirche und ging mit zielstrebigen Schritten über den Parkplatz auf das Gasthaus zu.

Die drei Freundinnen waren ins Gespräch vertieft und achteten nicht auf ihn. Er selbst hatte zwar Pernille Gram wiedererkannt, wusste aber aus Erfahrung, dass er ohne seinen Talar normalerweise nicht bemerkt wurde.

Das Gasthaus war in gemütliche Essnischen eingeteilt, und von seinem Stammtisch aus hatte er die Kirche im Blickfeld. Der Tisch stand zufällig neben der Nische, in der die drei Freundinnen saßen, und für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich anderswo niederzulassen. Doch Gewohnheit und, wie er zugeben musste, eine gewisse Neugier führten ihn dann an den angestammten Platz. Von dort aus konnte er durch das Flechtwerk der Nischenwände die Gesichter der Frauen sehen, nur nicht jenes von Pernille, die ihm den Rücken kehrte.

Er hörte, wie die drei eine Runde Tuborg Classic bestellten, doch in diesem Lokal gab es nur Ceres vom Fass.

»Sollen wir Solveig wirklich mit diesem faden Zeug hinunterspülen?«, fragte die Frau mit der Singstimme. Wenn sie nicht sang, hatte sie einen jütischen Akzent mit einem Hauch Kopenhagenerisch, und im Moment hörte sie sich aufgesetzt munter an.

»Das trinken eben die Eingeborenen, Isabel. Hast du das in deinem Hauptstadtexil vergessen?«, fragte Pernille. Schon damals, zur Konfirmationszeit, hatte sie eine leicht schrille, lehrerinnenhafte Stimme gehabt. Der Pastor hatte immer angenommen, dass sie dahinter ein übersensibles Gemüt verbarg.

Das Bier wurde gebracht, und über der rotkarierten Tischdecke wurde gebührend angestoßen.

»Solveig«, sagte Isabel leise.

»Solveig«, murmelten die anderen und tranken schweigend.

»Ich kann es noch immer nicht fassen«, sagte die Frau mit dem Modigliani-Gesicht. Ihre Stimme klang wie ein zarter Zweig, der jeden Moment brechen konnte. »Ich war richtig verlegen, als ihre Mutter angerufen hat. Ich hatte Solveig doch seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen.«

»Da bist du nicht die Einzige, wenn dir das ein Trost ist, Mette.«

Das hatte Pernille gesagt.

»Keine von uns hat sich besonders oft gemeldet. Ich jedenfalls nicht. Seit Solveig nach Skörping gezogen ist, haben wir uns fast nicht mehr getroffen.«

Er konnte sehen, wie Mettes Körper sich zu einer Art Verteidigungshaltung versteifte. Sie schien ihre Trauer dadurch beherrschen zu wollen, dass sie sich wütend anhörte.

»Wir hatten doch alle mit unseren eigenen Angelegenheiten genug zu tun.«

Isabel mit der Singstimme hielt mit beiden Händen ihren Bierkrug fest.

»Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber ich fühle mich einfach total mies. Ich glaube, das wäre niemals passiert, wenn wir da gewesen wären.«

Sie schaute die anderen an, und für einen Moment glaubte der Pastor, ihr Blick habe auch ihn gestreift. Ein offener Blick, der keine Gefühle verbergen konnte. In diesem Blick lag eine Unschuld, dachte er und verwarf dieses Wort dann doch. Es passte einfach nicht zu einer erwachsenen Frau von Mitte dreißig.

»Wo ist bloß die Zeit geblieben?«, fragte die Frau. »Warum haben wir nicht besser zusammengehalten? Was hat uns dermaßen beschäftigt, dass es wichtiger war als alte Freundschaften?«

»Kinder«, erklärte Mette. »Wenn etwas ein unternehmungslustiges Leben erfolgreich beenden kann, dann kleine Kinder.«

»Große Kinder nehmen auch Zeit in Anspruch«, warf Pernille dazwischen, während Isabel lächelte.

»Diese Entschuldigung kann ich aber nicht anführen.«

Mette ließ ihren Blick von der einen zur anderen wandern.

»Brauchen wir denn wirklich Entschuldigungen? Ist es nicht ganz natürlich, dass Freundschaften auseinander gleiten und dann später wieder aufgenommen werden?«

»In einigen Fällen vielleicht. Bei uns aber nicht. Uns hätte das niemals passieren dürfen«, erklärte Pernille und fugte nach einer Pause hinzu:

»Bin ich hier die Einzige, die Hunger hat?«

Sie bestellten belegte Brote, und Henning Nyborg fiel ein, dass auch er sich ein verspätetes Mittagessen gönnen sollte. Er hob den Arm, um der Kellnerin zuzuwinken, und freute sich, als seine drei Brote gebracht wurden. Gestärkt vom Imbiss und vom Bier lauschte er dann schamlos weiter, während jede der drei Frauen die anderen auf den neuesten Stand brachte, was ihr Leben anging. Er entnahm dem Gespräch, dass Isabel Pianistin war, in Kopenhagen lebte und die anderen seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Pernille und Mette wohnten beide in der Umgebung von Århus, doch ihre Beziehung war auf Grund von Geburten und beruflichen Verpflichtungen auf Sparflamme gehalten worden, und auch die beiden hatten einander schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Pernille hatte als Sozialarbeiterin viel zu tun, während Mette offenbar eben erst nach Beendigung des Mutterschaftsurlaubs ihre Stelle als Englischlehrerin an einem Gymnasium wieder aufgenommen hatte.

Später, als Teller und Bierkrüge leer waren, saßen die drei plötzlich wieder schweigend am Tisch.

»Wir hätten etwas unternehmen sollen«, murmelte Isabel. »Wir hätten es vielleicht verhindern können.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Wir können auch gleich zugeben, dass wir sie im Stich gelassen haben«, sagte Isabel dann mit harter Stimme. »Das will ich gern als Erste zugeben.«

Er hörte sich diese Geständnisse an. Es war die Rede von nicht erwiderten Kontaktversuchen. Von hektischen, unterbrochenen Telefongesprächen und dem Versprechen, zurückzurufen, wenn das Baby gefüttert und die Sonate zu Ende geübt wäre. Von Briefen, die in der Eile nicht beantwortet, sondern im Stapel der nicht so eiligen Post abgelegt worden waren. Bis selbst die kleinen Lebenszeichen per Telefon verstummt waren.

»Wisst ihr noch, wie anders das früher war?«, fragte Mette mit leiser Stimme. »Damals hatten wir Zeit füreinander.«

Isabel fügte hinzu:

»Damals waren Freundschaft und Freiheit das Wichtigste auf der Welt. Wichtiger als Karriere, Kinder, Paarbeziehungen und der ganz normale Egoismus.«

»Damals hätten wir alles füreinander getan«, sagte Mette.

Isabel machte den Anfang. Schweigend streckte sie die Hand aus und legte sie mitten auf den Tisch. Mette folgte ihrem Beispiel, dann, als Letzte, war auch Pernille dabei, und die drei rechten Hände hielten einander umfasst.

Diese Berührung schien den drei Frauen Kraft zu vermitteln. Eine besondere Energie schien plötzlich von der einen auf die andere überzugreifen. Pastor Nyborg merkte, wie er sich gerader hinsetzte und sich von den drei jetzt mit Bedeutung geladenen Stimmen einfangen ließ.

»Wisst ihr noch, wann wir zuletzt so zusammengesessen haben?«, fragte Mette.

Isabel nickte.

»Damals, als wir noch unsere Träume hatten. Als uns die ganze Welt offen stand und alles möglich war . . . Damals, als Freundschaft nicht nur ein Wort war.«

»Meine Güte, was waren wir jung.« Pernille lachte leicht angespannt.

»Und dumm?«, fragte Isabel.

Mette schüttelte den Kopf.

»Nur jung. Dumm sind wir erst mit dem Alter geworden.« Isabels Augen funkelten lebhaft.

»Wisst ihr noch? Wisst ihr noch, wie wir den ›Klub der Unzertrennlichen‹ gegründet haben? Wie wir als ›Freie Frauen‹ leben wollten?«

SEPTEMBER 1980

ISABEL

Mendelssohn würde sie noch umbringen!

Isabel schaute auf die Uhr. Noch mindestens zwei Stunden. Aber zum Glück würde sie die »Variations Sérieuses«, die sie jetzt pflichtschuldig seit anderthalb Stunden übte, bald beendet haben. In Wirklichkeit war das eine Zeitverschwendung, denn sie wusste genau, dass nicht Zeit, sondern Konzentration entscheidend war. Und ihre Konzentration war wie die einer Fünfjährigen, obwohl sie doch gerade ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Sie wollte viel lieber an den Abend mit den Freundinnen denken, der sie später erwartete.

Sie griff nach dem Metronom, zog es auf und stellte es auf »Allegro vivace«. Wie sie dieses Stück hasste! Die schwierigen Passagen wollten ihr einfach nicht gelingen. Die Fingerhaltung war unlogisch, und für einen Moment betrachtete sie ihre kurzen Finger, die in dem verzweifelten Versuch, den komplizierten Griff zu schaffen, über die Tasten flatterten. Sie dachte an Victor Wozniak, dem sie bei der Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vorgespielt hatte. Als sie die Chopin-Etüde, wie sie glaubte, mit Bravour beendet hatte, hatte der polnische Klavierprofessor ihre Hand genommen und gemustert wie ein Studienobjekt im Biologieunterricht.

»Hmmm«, hatte er gesagt. »Ja, die Physis kann vielleicht zum Problem werden. Wie viel bekommen Sie in den Griff? Eine Oktave?« Er hatte ihre Finger vor seine eigene Hand gehalten, die mit Leichtigkeit eine Dezime schaffte.

Er hatte mit dieser Bemerkung ins Schwarze getroffen, denn mit gutem Willen und einer Portion Einbildungskraft schaffte sie wirklich gerade eine Oktave.

Aber die Aufnahmeprüfung hatte sie bestanden, und jetzt wollte sie ihnen verflixt noch mal zeigen, dass auch ein Winzling von einsfünfundsechzig und mit Wurstfingern es in einer Welt, in der alle im Namen der Kunst einander argwöhnisch bewachten, zu etwas bringen konnte. Die werden schon sehen, zum Henker, dachte sie und drückte das Pedal bis nach unten durch.

Doch wieder versagte ihre Konzentration, und ihre Gedanken flohen von der Musik zur abendlichen Zusammenkunft.

Gereizt warf sie Mendelssohn beiseite und fischte Beethoven hervor. Den hatte sie sich ganz bewusst aufgespart. Er war eine Art Leckerbissen nach der Plackerei mit Mendelssohn, sie war unsterblich in die Pathétique-Sonate verliebt, vor allem in den langsamen zweiten Satz.

»O Herz, o Schmerz«, murmelte sie, während sie sich zur Sonate weiterblätterte. Vorsichtig schlug sie die ersten Takte an. Es klang gut. Nach verlorener Liebe und zerbrochenen Illusionen. Aber sie konnte trotzdem die Tiefe, nach der sie suchte, nicht zu fassen bekommen.

Mitten in einem Crescendo wurde an die Tür geklopft.

»Ja!«

Die Tür wurde geöffnet, und ihre Großmutter schaute herein.

»Der Kaffee ist fertig, Bella. Kommst du nach oben?«

Isabel spielte weiter, nickte aber, während ihre Finger in einem angestrebten Legato über die Tasten glitten.

»Kennst du das hier?«

Die Großmutter lauschte einen Moment, dann legte sie den Kopf schräg und summte mit tiefer, rostiger Stimme das Thema mit.

Sie brauchte nur dem Duft von Kaffee und frisch gebackenem Brot aus dem Übungsraum im Keller bis hinauf in die kleine Wohnung ihrer Großmutter zu folgen, die die Nachbarwohnung zu ihrer eigenen war. Die Großmutter war schon vorgegangen, gazellendünn und fast ebenso adrett, und machte sich an dem Brot zu schaffen, das sie eben erst aus dem Ofen genommen hatte. Mit gewohnt schnellen Bewegungen packte sie drei Brote auf den Rost. Isabel beobachtete sie mit liebevollem Blick. Sie und ihre Großmutter waren jetzt seit einem halben Jahr Nachbarinnen, und das Zusammenleben übertraf alle Erwartungen.

Manchmal schämte sie sich der bangen Ahnungen, die sie damals gehegt hatte, als die einzige freie Wohnung neben der ihrer Großmutter gelegen hatte. Überempfindlich wie sie war, hatte sie damit gerechnet, dass die alte Frau in alles ihre Nase stecken werde. Aber bald hatte sich herausgestellt, dass sie ihre Großmutter einfach nur schlecht gekannt hatte. Immer diskret und niemals aufdringlich hatte diese eine Grenze zwischen Familienleben und Privatsphäre gezogen.

»Hm, das riecht aber gut. Darf ich mal probieren?«

»Das war eigentlich der Sinn der Sache.«

Die Großmutter schnitt zwei Scheiben Weißbrot ab und bestrich sie dick mit Butter.

»Deine Mutter hat angerufen.«

»Mm«, sagte Isabel mit vollem Mund. »Und was wollte sie?« Die Großmutter trug das Tablett ins Wohnzimmer. Isabel hörte die Tassen leise klirren.

»Du könntest ja zurückrufen und sie selber danach fragen.«

»Das mach ich später.«

»Das hast du auch gestern gesagt«, erwiderte die Großmutter und schenkte für beide rabenschwarzen Kaffee ein.

»Jetzt fang du nicht auch noch an. Ich ruf sie ja an. Wenn ich so weit bin.«

Die Großmutter streckte die Hand nach einem Stück Weißbrot aus und lächelte, so dass sich die Runzeln in ihrem Gesicht verdoppelten.

»Das weiß ich doch, kleine Bella.« Sie tippte mit dem Finger auf ein Buch, das, versehen mit einem Lesezeichen, auf dem Sofa lag.

»Kennst du den? Christian Kampmann?«

Isabel schluckte etwas schneller als geplant einen Mund voll glühend heißem Kaffee hinunter.

»Aber Oma. Der ist doch schwul!«

Die Großmutter machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Jaja, das kann schon möglich sein. Aber er ist so witzig . . . und frech.« Sie grinste viel sagend.

Isabel lachte laut.

»Du bist wirklich unbezahlbar. Was sagen sie denn in der Bücherei dazu, dass eine alte Dame von achtzig Jahren sich Schwulenromane ausleiht?«

»Was sollen sie schon sagen«, sagte die Großmutter gelassen. »Ich habe doch inzwischen alle anderen Bücher gelesen, und das psychologische Geschwafel habe ich satt.«

»Dann lieber ein paar offene Worte über knackige Hintern in strammen Hosen?«

Die Großmutter nippte an ihrem Kaffee.

»Du solltest deine Jugend genießen, Bella«, sagte sie ernst. »Als ich jung war, durften wir nichts. Heute dürft ihr machen, was ihr wollt.« Isabel verzog das Gesicht.

»Vielleicht ist das ja gerade das Problem.«

»Aber etwas verstehe ich trotzdem nicht«, sagte die Großmutter ungerührt. »Ich kann mir ja vorstellen, wie zwei Männer das machen. Aber wenn zwei Frauen zusammen ins Bett gehen . . . kannst du mir das erklären, Bella? Ich begreife einfach nicht, wie die das machen!«

Isabel wollte schon den Kopf in den Nacken legen und losprusten, doch dann sah sie, dass ihre Großmutter das ernst gemeint hatte.

»Ich gehe davon aus, dass sie sich gegenseitig zum Orgasmus bringen«, sagte sie nach einer Weile.

»Das ist mir schon klar. Aber wie?«

Isabel wusste nicht so recht, ob diese Wendung, die ihr Gespräch hier genommen hatte, ihr gefiel. »Ach, zum Henker«, sagte sie endlich. »Woher soll ich das wissen?«

Die Großmutter schnaubte skeptisch. »Na, das kann ja auch egal sein. Aber ich kann wirklich noch immer nicht verstehen . . .«

»Hast du ansonsten in letzter Zeit etwas Interessantes gelesen – außer Kampmann?«, fragte Isabel verzweifelt.

Die Großmutter strahlte.

»O ja, das musst du auch lesen . . . einen wunderbaren Krimi von einer Amerikanerin, ich kann den Namen nicht aussprechen. Darin gibt es alles. Gewalt, Sex, Romantik.«

Die Großmutter blickte sie mit unverhohlener Begeisterung an. Isabel verdrehte die Augen.

»Du hättest Schriftstellerin werden sollen. Dann wären wir jetzt Milliardärinnen!«

Sie schaltete ihr Fahrrad in einen anderen Gang und stellte sich auf die Pedale, als sie den Fattiggårdsbakken hochfuhr, vorbei am vertrauten Anblick von Dom und Reitstall. Århus lag eingetaucht im Licht der tief stehenden Septembersonne; klar und frisch, als habe die Stadt eben erst einen Regenschauer abgeschüttelt und wärme sich jetzt in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Nur der schwache Geruch der ewig aktiven Ölmühle störte die ansonsten fast perfekte Idylle ein wenig. Ihre Liebe zu dieser Stadt kannte fast keine Vorbehalte, Århus gehörte beinahe so sehr zu ihrem Leben wie FrühstückskafFee und Käsebrote und die fünf Stunden Üben jeden Tag.

Im Weiterfahren überlegte sie, wie dieser Abend wohl ausfallen würde. Vielleicht würden sie später in der Stadt enden. In der Skolegade oder der Vestergade 58.

Sie hatte lange vor dem Spiegel gestanden und nicht gewusst, was sie anziehen sollte. Am Ende hatte sie sich für ein ziemlich verhüllendes Kleid aus einem Secondhandladen und ein selbst gehäkeltes lila Tuch entschieden. Das Kleid war aus einer alten geblümten Schürze genäht worden, es war ein Relikt aus ihrer Gymnasialzeit. Die Person, die dieses Meisterwerk geschaffen hatte, hatte ein Oberteil aus zwei breiten, silbergrauen Veloursstreifen und ein Mittelteil aus einem handgestickten Kissenbezug hergestellt. Zwei hohe Stiefel ließen die Trägerin angemessen hart und romantisch zugleich aussehen. Isabel hatte sich vor dem Spiegel gedreht und gewendet, hatte mit ungeübter Hand ein wenig Make-up aufgetragen, hatte zwei Pickel mit brauner Creme getarnt und ansonsten resigniert ihre vierschrötige Gestalt gemustert. Eine Sylphide konnte sie wohl niemals werden, aber immerhin hatte sie schöne Augen. Und die dunklen Augenbrauen sahen unter ihren blonden Haaren schließlich interessant aus.

Mit einer Flasche Rioja in einer Plastiktüte auf dem Gepäckträger und mit einer mit Fransen versehenen Wildlederjacke über dem Kleid war sie zu allem bereit, was der Abend bereithalten mochte.

Sie hatte eben auf die Uhr geschaut, als Solveig ihre Tür in der Ålborggade aufriss. Lange, buttergelbe Haare umkränzten ein kerngesundes Gesicht mit sehr wenig Make-up und blaugrauen, fröhlich funkelnden Augen.

»Schön, dass du da bist. Pernille sehnt sich schon nach einem Publikum für ihre Predigt.«

»Worüber denn?«

Solveig verdrehte die Augen.

»Irgendein Greenpeace-Kram. Natürlich die pure Propaganda.«

Sie zwinkerte Isabel zu.

»Tu doch einfach so, als ob du ihr zuhörtest!«

Solveig ging auf Zehenspitzen vor ihr her durch den Flur. Ihr schwarzer ausgefranster Rock schlug ihr gegen die noch immer sommerbraunen Beine.

Isabel beneidete sie um die frisch renovierte Patrizierwohnung mit den hohen Decken. Solveigs Eltern hatten ihr Wohnung und Auto geschenkt, doch bei genauerem Nachdenken zog Isabel ihr Fahrrad und ihr Chaos in Åbyhøj vor. Sie zog auch ihre eigenen Eltern vor, auch wenn die geschieden waren.

Solveig betete ihren Vater an, aber Isabel hatte sich in seiner Gesellschaft immer unwohl gefühlt. Seine Art zeugte von einer Verachtung anderer Menschen, die ihr nicht zusagte. Leo Aastrand mochte ein tüchtiger Sportarzt sein, aber er war auch ein Machtmensch. Macht über seine eigene Tochter hat er auf jeden Fall, dachte Isabel oft.

Pernille saß mit hochgezogenen Beinen auf dem Sofa.

»Bitte sehr. Ein Stück Zuhörerin, während ich mich an die Lasagne mache«, verkündete Solveig.

Sie wollte noch mehr sagen, doch dann hielt sie inne und schnupperte in der Luft herum.

»Es riecht angebrannt . . .«

Solveig stürzte davon, und Isabel hörte sie schimpfen und in der Küche herumhantieren, während der Gestank von verbranntem Käse die Wohnung füllte.

»Was hast du da für ein Projekt am Laufen?«

Isabel ließ sich in einen Sessel fallen und war bereit, sich Pernilles üblichen Vortrag anzuhören. Pernille, die in ihrer Freizeit im Greenpeace-Laden arbeitete, machte sich sofort über ihr Opfer her.

»Uns fehlen noch Leute, die am Mittwoch in der Fußgängerzone Plaketten zur Unterstützung der Antiwalfangaktionen verkaufen«, sagte sie sofort. »Und da habe ich an euch gedacht.«

Es gab keine Fluchtmöglichkeit. Deshalb sagte Isabel einfach:

»Ja, und?«

»Was hast du am Mittwoch vor?«, fragte Pernille mit dem listigen Blick der Fanatikerin.

Isabel dachte nach und hoffte, ihr werde ein wichtiger Termin einfallen. Denn sie war schon längst als schlechteste Lügnerin aller Zeiten entlarvt.

»Da muss ich erst in meinem Terminkalender nachsehen . . . und der liegt natürlich bei mir zu Hause.«

Sie merkte, dass Pernille eine scharfe, belehrende Bemerkung machen wollte. Doch in dem Moment ging die Türklingel, und Solveig rief aus der Küche:

»Würde eine von euch aufmachen?«

Draußen stand Mette, mit feinem, blassem Teint. Die glückliche Mette, die niemals Pickel bekam und niemals Bierhefe essen oder ihr Gesicht mit Clearasil waschen musste. Sie umarmten einander, wie sich das gehörte.

Mette befreite sich von ihrem Fjällräven-Rucksack und ihrem Anorak. Dann rümpfte sie die Nase.

»Hier riecht ’s ja angebrannt.«

»Das kommt aus der Küche. Aber ich glaube, jetzt ist alles unter Kontrolle.«

Mette lächelte nachsichtig, und Isabel dachte wie immer, dass Mette und nicht sie selber aussah wie eine angehende weltberühmte Pianistin. Mettes zartes Aussehen hätte sich auf einer Plattenhülle gut gemacht. Außerdem hatte sie Stil. Obwohl sie studierte und kaum Geld hatte, kaufte sie doch immer klassische, wenn auch wenige Dinge. Hier einen Gürtel, dort ein Paar Schuhe, und damit sah sie aus wie eine diskrete Million.

»Kontrolle! Das will ich sehen, ehe ich es glaube«, verkündete Mette und schaute in die Küche.

Der Wein war fast ausgetrunken, die Lasagne vollständig verspeist. Sie stritten sich um den letzten Rest Birnentorte aus dem Café »Karolines Køkken.« Gerede und Gelächter erfüllten den Raum.

Isabel ließ ihren Blick durch die Runde wandern. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie auch ohne jene Juninacht in ihrer Schulzeit, in der ihre Lebensbahnen so gründlich miteinander verflochten worden waren, noch so eng zusammenhalten würden. Ohne die Nacht, die keine von ihnen vergessen konnte, obwohl sie nie erwähnt wurde; sie war gewissermaßen in eine Abstellkammer verwiesen worden, in der alles versteckt wird, was man nicht zeigen mag.

Sie waren so unterschiedlich.

Pernille, die politisch Bewusste, wollte die Welt retten und hatte deshalb zu allem eine Meinung. Sie war eine ernste Person, doch hinter dem Ernst und der darunter verborgenen Sensibilität lag doch eine gute Portion Humor, was den Umgang mit ihr erträglich werden ließ.

Vor allem Solveig konnte Pernilles Humor wecken. Die beiden waren schon seit der Grundschule befreundet, und Isabel dachte oft, die zwei Freundinnen seien wie Feuer und Wasser. Pernille war das Feuer, die Intensivere, Angespanntere von beiden, die immer wieder gegen allerlei Ungerechtigkeiten in den Krieg zog, Solveig dagegen goss Öl auf die Wogen und stellte die Ruhe wieder her.

Mette war am schwersten zu durchschauen. Die Männer schienen Angst vor ihrer eigentümlichen Schönheit zu haben, und sie lernte einfach nicht den richtigen Umgang mit dem anderen Geschlecht, zeigte eine Verzagtheit und eine Unbeholfenheit, die zu ihrem Aussehen nicht passten. Isabel überlegte sich oft, dass Mette vielleicht einen Mann brauche, der etwas älter wäre als sie. So, wie sie Mette kannte, würde diese sicher auch nicht protestieren, wenn dieser Mann etwas Geld hätte.

In diesem Moment musterte Mette die anderen. Der Wein brachte ihre Augen zum Strahlen und hatte ihre Mutlosigkeit vertrieben. Sogar ihre ansonsten dünne und zaghafte Stimme hatte jetzt an Kraft gewonnen.

»Spürt ihr das nicht auch?«, fragte sie. »Geht es uns nicht einfach fantastisch gut?«

»Redest du hier vom Essen?«, fragte Solveig hoffnungsvoll.

Mette lächelte.

»Davon natürlich auch. Vom Essen, vom Wein, vom ganzen Abend . . . von der Zukunft und . . .« Sie suchte nach dem richtigen Wort. »Von der Freiheit«, sagte sie triumphierend. »Wir haben unsere Freiheit. Ist das nicht fantastisch? Was sollen wir mit der vielen Freiheit anfangen?«

Die anderen tauschten Blicke, als hätten sie eine Offenbarung erlebt. Auch der Wein trug dazu bei, dass Mettes Worte ihnen plötzlich wie Goldstücke vorkamen.

Sie hatte ja Recht. Genau darum ging es, dachte Isabel. Um das Gefühl von Freiheit.

»Wir können alles selber entscheiden«, sagte Mette jetzt. »Von unserer Haarfarbe bis zu der Frage, was wir werden wollen, wenn wir groß sind. Niemand bestimmt über uns.«

»Nicht einmal die Liebhaber. Denn im Moment haben wir ja keine«, kommentierte Solveig, die offenbar von Mettes Eifer mitgerissen worden war. »Wir haben nur einander.«

Das stimmte. Eine Woge der Dankbarkeit durchflutete Isabel. Die Begeisterung der anderen wirkte ansteckend. Hier, an diesem warmen Septemberabend, schien die Luft mit Verheißungen geladen zu sein, und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie, dass etwas mit den Flügeln schlug und hinauswollte. Die Lebensfreude. Die Freude und die Freiheit, die den meisten anderen als Selbstverständlichkeit erschienen.

Mette strahlte, und ein eifriges Lächeln umspielte ihren Mund. Sie ließ sich im Sessel zurücksinken und schaute eine nach der anderen an.

»Ist euch eigentlich klar, dass wir allesamt freie Frauen sind? . . . In jeglicher Hinsicht«, fügte sie hinzu.

Solveig sang mit leiser Stimme:

»Und kein Band hält mich gefesselt . . .«

»Nein, ich meine das wirklich. Wir fangen doch erst an . . . alle Möglichkeiten stehen uns offen.« Mettes Stimme wurde immer mitreißender und wärmer. »Und für nichts ist es zu spät. Wir haben noch immer die Möglichkeit, eine richtige oder eine andere Wahl zu treffen. Solveig kann noch immer von Medizin auf Sinologie überwechseln. Wenn sie das will. Isabel, du kannst eine Popgruppe gründen und reich und berühmt werden.«

Solveig griff diesen Faden auf:

»Und Pernille kann auch noch umsatteln und zu den Rechtspopulisten gehen.«

»Theoretisch«, murmelte Pernille. »Sehr theoretisch.«

»Alles ist möglich. Ist das nicht fantastisch?«, fragte Mette begeistert, und Isabel kam sich sehr lebendig und wach vor. Es stimmte ja, die Freiheit lag vor ihnen und alle Möglichkeiten waren offen. Kein Band hielt sie gefesselt. Sie waren einzigartig. Etwas ganz Besonderes.

Sie kamen überein: dass sie diese Freiheit niemals verlieren würden, sie würden sie füreinander hüten. Dass diese Freiheit immer ihr Kennzeichen sein sollte, und dass sie unzertrennlich bleiben würden.

Pernille, die über organisatorisches Geschick verfügte, sagte:

»Saugut. Wir gründen einen Verein zur Bewahrung von Freiheit und Freundschaft. Jetzt fehlt uns nur noch der Name!«

Und in diesem Moment wusste Isabel, wie der Verein heißen sollte, und was ihr in ihrem Leben bisher gefehlt hatte. Das berauschende Gefühl von Gemeinschaft, die Erkenntnis, dass sie unzertrennlich waren und dass sie und nur sie allein über ihre Zukunft bestimmten.

»Der Club der Unzertrennlichen«, sagte sie feierlich.

»Amen«, psalmodierte Mette.

Solveig legte feierlich ihre Hand mitten auf den runden Tisch.

»Der Club der Unzertrennlichen. Gegründet von Freien Frauen.«

Mettes Hand legte sich mit festem Griff auf Solveigs. Pernilles folgte. Isabel dachte an ihre Großmutter und hörte das Echo von deren brüchiger Stimme: »Du musst deine Jugend genießen, Bella.«

Und sie legte ihre rechte Hand auf die Hände der anderen.

OKTOBER 1997

Der Wind hatte sich ein wenig gelegt. Auch der Regen hatte aufgehört, und die Sonne schien einen zähen Kampf gegen die Wolkendecke auszufechten.

Isabel dachte an das Grab und fragte sich, ob die Blumen wohl den Regenguss überlebt hatten. Sie hätte gern gewusst, wie sie am nächsten oder übernächsten Tag oder in einer Woche aussehen würden, ob jemand sie entfernte, oder ob sie einfach liegen bleiben und verrotten würden.

Während sie sich mit diesen Überlegungen beschäftigte, fiel ihr Blick aus dem Fenster auf eine Gestalt, die sich über den Kirchplatz kämpfte. Es war ein älterer Mann, und sie erkannte in ihm den Pastor, der Solveig begraben hatte.

Sie schaute sich um. Sie hatten sich verändert. Natürlich hatten sie das. Mette sah wie immer traumhaft schön aus, und es war unbegreiflich, dass dieser schmale Leib zwei Kinder zur Welt gebracht haben sollte. Aber ihre unbekümmerte, mädchenhafte Art war verschwunden. Sie war ernster geworden, und Isabel hatte das Gefühl, dass die Schatten in Mettes Blick nicht von Solveigs Tod verursacht worden waren. Pernille ähnelte mehr denn je einem angespannten Windhund vor einem Rennen; lang gestreckt und schlank, wie immer auf dem Stuhl in sich versunken wie eine Feder, die jeden Moment in die Höhe jagen konnte. Trotzdem war auch sie nicht dieselbe wie früher. Ihre Züge waren schärfer, und das, was früher einmal ein offener, idealistischer Blick gewesen war, kam Isabel jetzt eher verbittert vor. Oder irrte sie sich? Hatte Solveigs Tod sie einfach so hart getroffen?

Sie fragte sich, ob die beiden anderen wohl darüber nachdachten, wie sehr sie selber sich verändert hatte. Sie war ja schließlich nicht mehr das junge musikalische Talent, vor dem die Zukunft offen lag. Was lasen die anderen wohl in ihrem Blick? Enttäuschung in der Liebe? Die Angst, alt zu werden, ohne alles erreicht zu haben? Die Trauer über den Verlust der Großmutter, die ihr dermaßen fehlte, dass sie manchmal glaubte, davon noch verrückt zu werden?

Als habe sie diese Gedanken gelesen, sagte Pernille:

»Du warst immer eine seltsame Größe in unserer Gruppe, Isabel.«

»Wer redet hier von seltsam«, entgegnete Isabel wie aus der Pistole geschossen. »Du hattest doch immer allerlei interessante Gebrechen und hast trotzdem für uns andere Gesundheit und Politik gepredigt. Und Vegetarierin warst du zu allem Überfluss auch noch!«

»Nur zur Hälfte«, gestand Pernille. »Aber du hast in deiner eigenen Welt gelebt. Du hattest keine Ahnung davon, was um dich herum vor sich ging.«

Isabel sah Pernille neckend an.

»Das brauchte ich doch auch nicht. Darüber hast du uns schließlich informiert. Mit allen frischen Nachrichten aus der Hochburg des Sozialismus. Und mit immer neuen unterhaltsamen Tatsachen über das Recht der Frau auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper.«

»Es war immer witzig, Pernilles vorbehaltlose Meinung über irgendein aktuelles Thema zu hören.« Mette lächelte. »Da brauchten wir gar keine Zeitung zu abonnieren, und das hätten wir uns ja ohnehin nicht leisten können . . . ich zumindest nicht.«

»Aber Solveig wohl«, erinnerte sich Isabel und begegnete ein weiteres Mal Pernilles Blick. »Sie hatte schon siebzehn Jahre, ehe das modern wurde, die Jyllandsposten abonniert. Ich habe mich so oft gefragt, welche Gemeinsamkeiten ihr beide wohl haben könntet.«

Sie hatte sich nicht so ungeschickt ausdrücken wollen. Jetzt sah sie, dass Pernilles Augen hinter ihren Brillengläsern blank wurden und dass die vertraute Röte sich über Hals und Wangen verbreitete.

»Ganz ruhig, so war das nun auch wieder nicht gemeint«, sagte Isabel besänftigend. »Ich weiß ja schließlich, dass ihr euch schon gekannt habt, ehe du wusstest, dass Marx und Mao die Welt erschaffen haben – als alles noch gut war.«

»Zur Hölle mit Marx und Mao«, murmelte Pernille verbissen. »Und zur Hölle mit ihr. Zur Hölle mit allem«, erklärte sie und leerte ihr Glas mit einem einzigen langen Zug.

Isabel hätte gern den Arm um sie gelegt. Um sie sanft hin und her zu wiegen, was ihre Mutter garantiert nie mit ihr gemacht hatte. Doch das konnte sich bei Pernille keine erlauben. Bei ihr gab es immer diese Distanz, was vielleicht an ihrem hohen Wuchs lag, vielleicht auch an etwas anderem. An etwas sehr Privatem. Nur Solveig hatte es gekonnt. Solveig, die Pernille seit ihrer Kindheit gekannt hatte.

»Ich weiß ja, dass wir nicht das Recht haben, uns verraten zu fühlen«, sagte sie dann. »Aber Gefühle lassen sich nicht diktieren. Und du bist vielleicht die unter uns, die hier die stärksten Gefühle hat.«

Pernille wandte ihr Gesicht ab.

»Du hast sie am besten gekannt, Pernille«, sagte Mette mit ihrer freundlichen Stimme. »Hast du wirklich gar keine Vorstellung davon, was sie dazu getrieben haben kann?«

Sie schaute eine nach der anderen an.

»Wer war Solveig eigentlich? Früher war sie diejenige, zu der wir kommen konnten. Aber wie oft hat sie uns ihre Probleme anvertraut? Wie gut haben wir sie eigentlich gekannt?«

Pernille starrte aus dem Fenster, auf die Kirche und den Friedhof. Isabel sah, dass ihre Unterlippe ganz leicht zitterte. Sie folgte ihrem Blick. Der Kirchplatz war leer, kein Mensch war zu sehen. Ein dünner Fächer aus Sonnenstrahlen war jetzt durch die Wolkendecke gedrungen.

»Ich weiß nicht, wie gut irgendeine von uns sie gekannt hat«, murmelte Pernille fast unhörbar. »Ich glaube, sie hatte immer das Gefühl, uns Dank schuldig zu sein. Aber in Wirklichkeit war es ja vielleicht genau umgekehrt.«

Sie fügte mit ihrer üblichen, schonungslosen Ehrlichkeit hinzu:

»Für mich war sie eine Zeit lang das Einzige, was meinem Leben einen Sinn gab.«

DEZEMBER 1980

PERNILLE

Luxusbad, Lakritze und Illustrierte.

Das war das Rezept für einen entspannenden Donnerstagvormittag, und Pernille und Solveig hatten sich wie immer vor den roten, gefängnisartigen Mauern der Badeanstalt Spanien verabredet.

Ab und zu kamen noch andere Freundinnen dazu, aber die beiden bildeten den harten Kern der Luxustiere. Das war schon so, seit Pernille als Pionierin die ganz spezielle Kombination von Schwimmen, Dampfbad und Sauna getestet hatte und zu der Erkenntnis gekommen war, dass sich Freundinnengeplauder aufs Feinste mit Körperertüchtigung und der Illusion von Gesundheit verbinden ließ. Illusion, weü ihr Aufenthalt in Spanien in der Regel von mehreren Tüten Lakritze begleitet wurde. Schokolade war unmöglich, das hatten sie versucht, die schmolz einfach nur.

Während sie auf Solveig wartete – die immer mit akademischer Verspätung eintraf – kaufte Pernille eine Illustrierte und setzte sich auf die Treppe, die zum Eingang hinaufführte. In der Regel freute sie sich auf die wöchentlichen Treffen, aber an diesem Tag ging ihr etwas die ganze Zeit durch den Kopf und wollte ihr keine Ruhe lassen: ihre Mutter, oder, genauer gesagt, die Geliebte ihrer Mutter, Ruth.

Sie streckte ein langes Bein zur untersten Treppenstufe aus und betrachtete die selbst gestrickten Socken in den neuen Gesundheitsschuhen, die sie sich eben geleistet hatte. Für einen Moment dachte sie über die seltsame Tatsache nach, dass Sockenstricken zu ihren absoluten Lieblingsbeschäftigungen zählte. Eigentlich hätten ganz andere Dinge die Hitliste anführen müssen, zum Beispiel die Lektüre der Diskussionsseiten in der Zeitung Information oder der Verkauf von Plaketten am Greenpeace-Stand in der Fußgängerzone. Aber egal. Auch Sockenstricken war doch ein kleiner Beitrag zum Umweltschutz, denn die Wolle stammte von den Schafen ihrer Mutter, sie hatte sie selber gefärbt, gesponnen und zu Garnsträngen aufgewickelt, und jedes Mal, wenn sie ein Paar Socken verschenkte, wurden anderswo Rohstoffe gespart, und der Umwelt wurden die giftigen Farbstoffe erspart, die in der Industrie verwendet wurden. Natürlich ließe sich theoretisch einwenden, dass sie durch ihr Stricken den Frauen an den Strickmaschinen die Arbeit wegnahm. Aber das wäre nun wirklich arg theoretisch gewesen . . .

»Musst du mal wieder die Probleme aller Welt lösen?«

Sie schaute auf. Solveig stand lächelnd vor ihr, in ihrem Anorak und mit dem Rucksack auf dem Rücken. Die Fahrt mit dem Rad hatte ihre Wangen gerötet, und ihre blonden Haare klebten schweißnass an ihrer Stirn.

Sie gingen die Treppe hoch und begrüßten einige der Schwulen, die sie jedes Mal hier in Spanien trafen.

»Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich in deren Abteilung nicht zu tief nach der Seife bücken«, pflegte Solveig dann immer zu sagen.

Anfangs hatte die Anwesenheit der Schwulen ihr Probleme gemacht, während Pernille diese kaum registriert hatte. So weit sie sich zurückerinnern konnte, hatte ihre Mutter immer Lesben und Schwule in allen Größen und Altersklassen ins Haus geschleppt.

»Also? Was macht dir solches Kopfzerbrechen?«

Solveig konnte ihre Freundin immer durchschauen. Sie kannten einander so gut. Schon seit dem Tag in der dritten Klasse der Lisbjergschule, an dem Solveig als die Neue in der Klasse vorgestellt worden war. Die anderen Bauerngören hatten die Neue mit den wohlhabenden Eltern, die immer nach dem letzten Schrei gekleidet war, sofort argwöhnisch beäugt. Pernille dagegen hatte zu Hause gelernt, dass niemand ausgeschlossen werden durfte, und obwohl ihre Mutter dabei vielleicht nicht gerade an reiche Oberarzttöchter gedacht hatte, wurde Solveig schon bald in das kleine reetgedeckte Haus in Skejby mitgeschleppt.

»Meine Mutter«, teilte Pernille mit Grabesstimme mit.

»Was ist mit ihr?«, fragte Solveig.

»Ruth ist eingezogen.«

»Uakk! Und was sagt dein Vater dazu?«

Pernille zuckte mit den Schultern.

»Nichts, glaube ich. Der ist doch ein Schlappschwanz. Das wissen wir ja.«

Sie lugte zu Solveig hinüber, und die lächelte bekümmert.

»Armer Niller!«

Pernille nickte zustimmend.

»Aber wenn es denn schon sein muss, dann ist es gut, dass es dich trifft«, neckte Solveig, als sie sich im Umkleideraum auszogen.

Pernille stellte sich unter die Dusche und seifte ihren Körper mit einem der Wegwerfschwämme ein, die zum allgemeinen Gebrauch in einem großen Korb lagen. Die benutzten landeten in einem anderen Korb, und beide prägten sich genau ein, welche wo lagen, um sich nicht an den benutzten Schwämmen fremder Leute zu vergreifen.

»Wieso das denn?«

»Weil du so tolerant bist«, keuchte Solveig unter der kalten Dusche. Sie duschte immer kalt.

»Ich bin gar nicht tolerant, wenn es um meine Mutter geht.«

»Betrachte es als Herausforderung. Damit wird dein Charakter auf die Probe gestellt«, erklärte Solveig und streifte ihren lila Badeanzug über.

»Du findest vielleicht, ich hätte es verdient, dass meine Mutter mit ihrer lesbischen Freundin in demselben Haus zusammenlebt, in dem mein Vater noch immer wohnt und in dem Peter und ich aufgewachsen sind? Findest du das?«

Sie wusste genau, dass sie sich unnötig aufregte. Aber manchmal konnte sie einfach nicht anders. Sie wusste, dass sie alles zu wörtlich nahm, und sie wusste auch, dass die Röte jetzt von ihrem Hals her nach oben wanderte.

Solveig lachte nur und schlug mit ihrem Handtuch nach ihr.

»Manchmal bist du einfach nur blöd, du Dussel. Natürlich hast du das nicht verdient. Habe ich das vielleicht behauptet?«

»Du hast es angedeutet.«

»Nichts da. Wer zuerst im Wasser ist!«

Sie rannten los, so gut sich das auf dem glatten Boden machen ließ, doch wie immer erstarrte Pernille vor dem Sprung ins Becken. Solveig dagegen sprang sofort los und tauchte wie ein Fisch zum Boden. Sie war eine Wasserratte; sie war überhaupt eine begeisterte Sportlerin.

Pernille hielt einen Zeh ins Wasser und fröstelte.

»Na los. Mach schnell. Spring, verdammt!«

Sie holte tief Luft. Und dann wurde sie vom kalten, scharfen Chlorwasser umschlungen.

Sie schwammen wie immer fünfzehn Bahnen. Das war nicht viel, aber Kleinvieh macht auch Mist, und es war trotz allem ein Luxusbad. Während das eisblaue Wasser bei jedem Zug ihrer Körperfülle wich und Solveig wie aus einer Kanone geschossen dahinjagte, dachte Pernille an ihre Mutter.

Vor langer Zeit war sie einmal eine ganz normale Mutter gewesen. Eine, die dafür gesorgt hatte, dass Pernille und Peter Pausenbrote mit in die Schule nahmen, die putzte und sonntags Brathähnchen servierte. Doch eines Tages, als Pernille gerade elf war, hatte sie dann erklärt, sie wolle sich jetzt selbst verwirklichen. Von diesem Tag an war das Leben zu Hause auf den Kopf gestellt worden, und das Brathähnchen hatte Linsenpastete und Möhrensuppe weichen müssen. Das Abonnement der Århus Stiftstidende war gekündigt worden, jetzt wurde nur noch die Information gelesen, und Pernilles Mutter war nie mehr zu Hause, weil sie sich allen möglichen Aktionsgruppen angeschlossen hatte, in denen alles zwischen Ozonloch und Selbstentwicklung diskutiert wurde. Pernille wurde in Frauenlager mitgenommen, wo ihre Mutter an einem denkwürdigen Johannisabend eine Offenbarung erlebt und ihre lesbische Identität entdeckt hatte. Pernille konnte sich noch genau an den Abend erinnern, an dem ihre Mutter ihr diese Neuigkeit mitgeteilt und sie selber zum ersten Mal die bodenlose Angst empfunden hatte, die sie seither verfolgte und die sie immer wieder mit Gewalt unterdrücken musste.

Als habe diese Erinnerung sie endgültig eingeholt, schlug plötzlich das Chlorwasser über ihr zusammen. Das dauerte nur einen Moment, war aber so beängstigend wie immer. Diese verdammte Angst. Geh weg. Ich will nicht. Heute nicht.

Sie legte alle Kraftreserven in ihre Schwimmzüge und schoss durch das Wasser davon. Bei jedem Zug wurde die Angst ein wenig gedämpft, und das ängstliche Hämmern ihres Herzens machte Erschöpfung Platz. Müdigkeit, die konnte sie jetzt brauchen. Müde sein tat gut, dann merkte sie nicht mehr so viel.

»He, was ist denn in dich gefahren? Trainierst du für die Olympiade?«

Solveig bespritzte sie von der benachbarten Bahn her und holte sie damit in die Gegenwart zurück, wie nur Solveig das konnte.

Pernille lächelte erleichtert. Es war doch nichts. Und damit nichts, vor dem sie sich furchten musste. Es gab nur das Wasser und das Schwimmen und Solveig und die Erwartung des Dampfbades, das ihr die allerletzten Kräfte nehmen und sie in Leib und Seele läutern würde.

Sie schaute auf die Schwimmbaduhr. Sie waren erst seit zehn Minuten im Wasser.

»Sollen wir nicht aufhören?«

»Ach, noch fünf Minuten«, verlangte Solveig.

Gleich darauf hörte Pernille ein Platschen, und alles um sie herum war nur noch Wasser, Wasser und abermals Wasser. Sie spürte, wie sie für einen Moment nach unten gezogen wurde und wie die Panik sie zu überwältigen drohte. Doch dann wurde sie von einem starken Arm gepackt, und spuckend und prustend erreichte sie wieder die Wasseroberfläche.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Ist alles in Ordnung?«

Es war eine Männerstimme, aber im Moment konnte sie noch nichts sehen, und außerdem war sie vollauf damit beschäftigt, sich über Wasser zu halten. Erst, als sie sich das Wasser aus den Augen gerieben und ausgiebig gehustet hatte, sah sie den Jungen, der sie besorgt musterte und ebenfalls Wasser trat.

»Das war mein Fehler«, gab er zu. »Ich bin einfach losgesprungen.«

Er nickte zum Sprungbrett hoch. »Ohne mich richtig umzusehen«, fügte er hinzu.

Sie war zu geschockt, um wütend zu werden. Und außerdem hatte er schöne Augen, genau von derselben Farbe wie der Beckenboden. Ansonsten konnte sie nur Spekulationen anstellen, denn das Wasser verzerrte seine Körperform. Für einen Moment registrierte sie immerhin Solveigs neckendes Lächeln hinter seinem Rücken und sah ihren erhobenen Daumen.

»Ich heiße Poul«, sagte der Junge unaufgefordert und nickte zum Beckenrand hinüber. »Meinst du nicht auch, wir sollten an den Beckenrand gehen? Vielleicht hast du Wasser geschluckt, und überhaupt.«

›Wir.‹

Pernille wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie folgte ihm einfach, als er zum Beckenrand schwamm. Mit einem Zug war er oben. Und schon hatte er einen Arm ausgestreckt und ihr aus dem Wasser geholfen.

»Ich bin sonst nicht so unvorsichtig«, sagte er mit einem Lächeln, das um Entschuldigung zu bitten schien.

Pernille planschte ziellos mit einem Fuß im Wasser herum.

»Das war wirklich eine Überraschung. Aber so schlimm war es auch wieder nicht.«

»Kommst du oft hierher?«

»Jeden Donnerstag, zusammen mit meiner Freundin.«

»Ich auch. Ich meine, nicht mit meiner Freundin . . . allein.«

Pernille wagte kaum, in seine türkisfarbenen Augen zu schauen. Es war fast zu viel. Sie kam sich davon wie geblendet vor.

»Dann sehen wir uns ja vielleicht wieder«, murmelte sie und mochte ihren eigenen Ohren nicht trauen. Was redete sie da bloß für einen Schwachsinn. Es hörte sich an wie ein Spruch aus einem der beiden Liebesromane, die sie mit dreizehn gelesen hatte.

Sie merkte, dass er lächelte.

»Das wäre nett. Ich werde auch bestimmt nicht wieder versuchen dich zu ertränken.«

»Ach, danke.«

Der Dampf quoll ihr entgegen, als sie die Tür zum Dampfbad öffnete.

»Wo steckst du?«

»Hier.«

»Wo ist hier?«

Solveig hatte sich weit in die Tiefe hineingewagt. Pernille kam sich vor wie in einem Ofen, aber trotzdem war es immer eine angenehme Form von Unbehagen. Das Gefühl, dass der Dampf durch ihre Haut und bis zu ihren Knochen vordrang und seine brennende Hitze durch ihren Leib jagte und die Kälte vertrieb. Die Kälte, die Angst und das Gefühl, so schrecklich viel beweisen zu müssen.

»Jetzt hau deinen Hintern schon irgendwo hin«, sagte Solveig, deren Umrisse aus dem Dampf auftauchten. Sie hatte sich in ihrer ganzen Blöße auf eine der alten Marmorbänke fallen lassen.

Pernille gesellte sich zu ihr. Wie immer bei der Begegnung mit dem Dampf nervös und zugleich erregt.

»Meine Fresse, ist das heiß!«

»Wie in der tiefsten Hölle. Versuch dich zu entspannen. Atme tief durch und denke an diesen Poul Newman. – Oder vielleicht solltest du das lieber lassen«, sagte Solveig bei genauerem Nachdenken. »Der hat sicher die genau entgegengesetzte Wirkung.«

»Sicher«, murmelte Pernille, deren Gedanken an zwei Orten zugleich waren. »Was soll ich mit meiner Mutter machen?«

Solveig legte den Kopf in den Nacken und lehnte sich an die Mauer.

»Was sollst du mit deinem Vater machen? Diese Frage kommt mir wichtiger vor.«

»Wieso das?«

»Weil es ihm sicher total dreckig geht. Weil er ein Mann ist und weil er es nicht schafft, sich wie ein Mann zu verhalten. Weil ihr ihn verachtet, du und deine Mutter.«

Pernille seufzte.

»Verachte ich ihn? Vielleicht. Aber ich liebe ihn doch auch.«

»Das will ich hoffen.«

Solveig setzte sich gerade hin und schaute auf Pernille herab.

»Ich mag deine Eltern wirklich beide sehr gern. Sie sind schon ziemliche Sonderlinge, aber ich mag sie trotzdem, und ich war bei ihnen immer willkommen. Sie werden schon eine Lösung finden.«

»Dreiecksdrama«, sagte Pernille theatralisch. »Wird das nicht so genannt?«

»Ist doch egal, wie das heißt. Los jetzt, Niller. Ich weiß, dass es immer etwas anderes ist, wenn es um die eigene Familie geht. Aber du musst versuchen, sie so zu akzeptieren, wie sie sind.«

Pernille schnaubte.

»Die sind einfach bescheuert!«

»Sind sie nicht. Sie wissen bloß nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie haben einander gern und können sich nicht zu einer Trennung aufraffen. Dein Vater möchte lieber mit seiner Rivalin unter einem Dach hausen, und deine Mutter möchte ihm das lieber zumuten, statt einfach endgültig ihrer Wege zu gehen.«

»Und Ruth?«

Solveig rief ärgerlich:

»Ruth ist im Großen und Ganzen ja wohl eher unwichtig. Vergiss sie. Entspann dich. Denk an etwas anderes. Wir können doch etwas unternehmen. Können in die Stadt gehen, mit den anderen zusammen kochen, wir haben einander!«

Pernille erhob sich von der Marmorbank. Allein diese Bewegung ließ sie die Temperatur viel stärker fühlen und jagte eine Hitzewelle durch ihren Körper. Rasch setzte sie sich wieder.

Solveig musterte sie durch den Dampf hindurch.

»Warum verliebst du dich nicht in den Typen vom Zehnmeterbrett? Verliebte Leute sehen immer alles viel positiver.«

»Woher weißt du das denn?«, fragte Pernille neugierig.

»Das hab ich in einem Buch gelesen.«

»Theorie ist sehr gut, aber Praxis ist besser.«

Solveig stellte sich taub. Und wie immer fragte Pernille sich, ob es ihr jemals erlaubt werden würde, bei Solveig in die Rolle der Zuhörerin zu schlüpfen. Und ob sie bei einer, die allen anderen lieber half als sich selber, überhaupt seelische Erste Hilfe leisten könnte.

OKTOBER 1997

»Bist du sicher, dass das geht? Ich kann doch mit der Bahn fahren.«

Isabel schaute auf die Uhr, während Mettes Volvo Geländewagen über den Randersvej dröhnte. Pernille hatte das Angebot angenommen, sie nach der Beerdigung in ihr Haus in Risskov zu begleiten. Pernilles vierzehnjähriger Sohn Thomas verbrachte das Wochenende bei seinem Vater.

»Natürlich. Wir haben jede Menge Platz. Ich muss nur kurz bei Mackies vorbeischauen. Da gibt es gute Pizzen zum Aufbacken. Donald und Marie sind verrückt danach.«

»Und was ist mit Malthe?«

Mette lächelte Isabel im Rückspiegel strahlend vor Mütter-lichkeit an.

»Der ist noch zu klein für Pizza, damit du’s weißt.«

»Aber die muss doch sicher erst mal belegt werden«, warf Pernille dazwischen.

»Ich freue mich darauf, ihn kennen zu lernen«, sagte Isabel höflich über Mettes acht Monate alten Sohn. Sie hatte keine Ahnung von Kindern und wusste nicht, in welchem Alter die was zu sich nehmen konnten.

Das Auto legte eine scharfe Kurve ein. Fast hätten die Bremsen dabei aufgekreischt. Pernille klammerte sich auf dem Beifahrersitz an ihren Sicherheitsgurt, und auch Isabel hinten schnallte sich an. Sie hatte ganz vergessen, dass Mette Auto fuhr wie andere Leute auf dem Rummelplatz Autoscooter.

Sie waren länger im Gasthaus geblieben, als sie erwartet hatten. Isabel hatte eingesehen, dass sie die für den folgenden Tag angesetzte Probe mit einem der Geiger des Konservatoriums absagen musste. Sie hatte im Grunde auch gar keine Lust, nach Kopenhagen zurückzufahren. Und auch Pernille schien nicht von Heimweh nach ihrer Wohnung in der Tunøgade geplagt zu werden.

»Dann kommt doch mit«, hatte Mette gesagt. »Für eine, die Henkell Trocken mag, ist immer Platz.«

»Freixenet«, korrigierte Pernille, die nicht einmal im Traum auf die Idee kommen würde, Henkell Trocken zu trinken, was Mette übrigens sehr gut wusste.

»Das wird uns nicht auseinander bringen«, sagte Mette friedlich.

Im Wagen schwieg Pernille eine Weile, während Mette erst zu Mackies Pizzeria und dann zum Haus in Risskov fuhr. Eine nervöse Anspannung schien sich der Freundinnen bemächtigt zu haben.

»Ich hoffe, sie hat sich noch verlieben können«, sagte Mette plötzlich.

»Wer denn?«, fragte Isabel, die genau wusste, von wem hier die Rede war.

»Ich glaube nicht, dass Solveig jemals richtig verliebt war. Nicht in den Jahren, in denen ich sie gekannt habe.«

Das stimmte. Das wusste Isabel. Sie starrte in die Oktoberdunkelheit und auf die sparsame Straßenbeleuchtung. Es hatte Männer gegeben, natürlich hatte es das. Aber niemals hatte sie Solveigs Augen mit dieser besonderen Glut leuchten sehen; niemals hatten sie ihren selbstständigen eigenen Tanz aufgeführt, wie verliebte Augen das nun einmal machen, ob wir das wollen oder nicht.

Isabel dachte daran, wie lange sie selber schon nicht mehr verliebt gewesen war. Wenn sie jetzt sterben müsste, würden die anderen vielleicht auch sie bedauern.

Pernille murmelte eine unverständliche Bemerkung. Sie ist müde, dachte Isabel. Sie waren alle müde. Vielleicht hätte sie doch lieber gleich nach Kopenhagen zurückfahren sollen.

Mette blinkte und bog in eine stille Wohnstraße ab.

»Hier sind wir. Nicht Villa, Volvo und Wauwau, sondern Kids, Carport und Katze«, sagte Mette in betont munterem Tonfall. Sie fügte hinzu: »So drückt mein Mann das immer aus.«

Isabel hatte die Familie in Risskov nur wenige Male besucht. Zum einen war sie nicht gerade begeistert von Mettes Mann, Donald. Zum anderen war sie auch von Siamkatzen nicht gerade begeistert. Und da Mette sieben zur Zucht – und bisweilen mehrere Würfe Junge – hatte, empfand sie das als akzeptable Entschuldigung für sich. Wenn sie dann noch auf die beiden Kinder verwies, auf die neunjährige Marie, die von ebenso undurchschaubarem Wesen war wie ihr Vater, und auf Malthe, der noch zu klein war, um ihr besonders viel zu sagen, dann wurde die Entschuldigung vielleicht noch besser. Aber so gut sie auch sein mochte, sie war eben doch nur eine Entschuldigung.

Die Katzen hatte sie ansonsten total vergessen. Was die Katzen aber nicht lange hinnahmen. Kaum hatten die drei Freundinnen das Haus betreten, als auch schon drei blauäugige, silberglänzende Wesen auf sie zujagten und sich an Mettes Beinen anschmiegten, während sie die Fremden aus feindseligen, saphirblauen Augen musterten. Ihr Miauen brachte die Luft zum Zittern.

»Hallo, Barnaby, he, Oliver und Dodger«, grüßte Mette, während die Katzen sie in ihr unsichtbares Netz aus Zuneigung einspannen. Die anglophile Mette hatte sie allesamt nach Personen aus den Romanen von Charles Dickens benannt.

»Ja, du meine Güte, da haben wir ja den ganzen Leichenzug«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Isabel drehte sich um.

»Hallo, Donald, long time, no see.«

Mettes Mann trat einen Schritt vor. Instinktiv wich Isabel einen Schritt zurück. Pernille erhielt den ersten Wangenkuss. Danach ließ auch Isabel ihre Wangen kurz streifen. Donalds Haut war glatt und duftete nach irgendeinem schweinisch teuren Wässerchen.

»Das mit eurer Freundin tut mir Leid.«

Er schien das Wort »Freundin« mit einer für Isabels Ohren spöttischen Distanz auszusprechen.

»Danke«, murmelte sie. »Es war ein ziemlicher Schock.«

»Mmm«, sagte er und blickte sie aus seinen viel zu intelligenten Augen an, die sie immer so sehr an die blöden Siamkatzen erinnerten.

Dieses Gefühl überkam sie wie ein Déjà-vu-Erlebnis. Das Gefühl, das sich immer einstellte und sie durcheinander brachte, wenn sie mit Mette und Donald und den übrigen Angehörigen der Kinder- und Tierwelt dieser beiden zusammen war. Dabei, dachte Isabel, schienen sie allesamt fast unmerklich in einen anderen Tonfall überzuwechseln.

Er war Amerikaner und er war ungeheuer intelligent. Er war außerdem ein Prahlhans und ein Mistkerl, davon war Isabel ehrlich überzeugt, auch wenn sie von seinem beharrlichen Blick hinter den diskreten Brillengläsern fasziniert war. Diskret und teuer, wie alles an ihm, vom Mulberry-Halstuch bis zu der breit geriffelten Cordhose, die er garantiert bei Ralph Lauren gekauft hatte, einer anderen von seinen Lieblingsmarken. Wenn er Haare auf dem Kopf gehabt hätte, wäre er sicher der Typ gewesen, der nur zu dem Zweck nach London fliegt, um sie sich schneiden zu lassen. Aber dieses Problem hatte sich gelöst, denn er war zwar in mancher Hinsicht ein gut aussehender Mann, aber er hatte auch eine Vollglatze, was ihn maßlos ärgerte, das wusste Isabel.

»Bitte, nehmt Platz. Seine Hoheit hat sich schon gesetzt«, forderte Donald sie auf und flatterte mit ausgestrecktem Arm in Richtung Küche davon. Dort saß ein Baby in einem hohen Kinderstuhl und schaute die Besucherinnen mit ernster Miene an.

»Setzt euch doch einfach ins Warme«, fügte Mette atemlos hinzu, während sie ihren Mantel an einen Haken hängte. »Marie und ich müssen noch schnell die Raubtiere füttern.«

Sie verpasste ihrem Sohn einen lauten Schmatz und lief, gefolgt von den Katzen, über den Flur zur Waschküche. Das ungeduldige Geschrei der Tiere hallte im ganzen Haus wider.

Über Donald ließ sich vieles sagen, aber Gäste brauchten bei ihm niemals lange zu darben.

»Wir können sicher schon mal anstoßen, auch wenn die Gnädige noch mit Füttern beschäftigt ist«, sagte Donald. Er schenkte Rotwein ein, trank ihnen höflich zu und erkundigte sich nach der Beerdigung. Pernille erzählte bereitwillig. Isabel merkte, dass der Wein ihr bis in die Zehen hinunter gut tat und dass von unten die Wärme in ihr aufstieg. Versuchsweise griff sie nach Malthes kleiner Hand. Die schob sich weich und willig in ihre, während der Kleine mäuschenstill dasaß und die Gäste anstarrte. Er hatte ungeheure Ähnlichkeit mit Mette. Klein, schmächtig und dunkelhaarig, aber mit einem alabasternen Schimmer auf der Haut.

»Er hat ihren Teint«, sagte Donald, als habe er Isabels Gedanken gelesen.

»Wessen Teint?«

Mette kam zurück, gefolgt von Marie.

»Deinen, mein Schatz. Schneewittchen an einem frostklaren Tag.«

Marie schnaubte verächtlich und lehnte sich an den Rahmen der Küchentür.

»Komm herein, und sag Guten Abend«, sagte Mette lächelnd. »An Isabel kannst du dich doch sicher erinnern, oder? Und Pernille kennst du auch.«

Das Kind rührte sich nicht und starrte zuerst Isabel und dann Pernille an. Sie hatte die Augen ihres Vaters.

»Hallo«, murmelte sie fast unhörbar und ging dann zum Tisch, um die Pizzakartons zu öffnen.

»Hast du keine mit Peperoni gekauft, Mette?«

Isabel hatte immer schon darüber gestaunt, dass Marie ihre Mutter beim Vornamen nannte. Das hatte niemand sie so gelehrt. Sie tat es einfach.

»Doch, natürlich hab ich. Ist die nicht dabei?«

»Ich kann sie nicht finden . . . falls du nicht die hier meinst.«

Marie hielt Mette den Karton unter die Nase.

»Die sieht doch ganz richtig aus«, nickte Mette.

Wortlos nahm das Kind zwei Stück Peperoni von der Pizza. Darunter lagen kleine grüne Pfefferkörner.

»Du hast die mexikanische gekauft«, sagte Marie mit hasserfüllter Stimme. »Die kann ich nicht ausstehen.«

Mit diesen Worten verließ sie die Küche.

»Du meine Güte«, murmelte Pernille. »Was für eine kleine Dame!«

Mette setzte sich mit verletzter Miene.

»Ich habe doch ausdrücklich um Peperoni gebeten«, sagte sie dann.

»Aber offenbar nicht deutlich genug«, meinte Donald.

Isabel hatte gehofft, dass Donald sich zurückziehen würde, wenn die Kinder im Bett lagen. Doch erst, als der Kaffee getrunken und der letzte Rest Wein verschwunden war, erhob er sich und wünschte eine gute Nacht.

»Ich muss noch ein Projekt zu Ende bringen, deshalb überlasse ich euch jetzt euch selber und eurem Gewissen«, teilte er mit einer kleinen Verbeugung mit.

Mette lächelte ehefrauenhaft, als er ihr einen Kuss auf die Stirn drückte.

»Later, honey.«

Sie hörten dem gedämpften Saxofonspiel im Radio ein wenig zu. Dann erhob sich Mette, und Isabel ging davon aus, dass das das Zeichen zum Aufbruch war, und sie und Pernille ins Gästedoppelbett folgen sollten.

»Moment noch«, sagte Mette über ihre Schulter gewandt und erschien gleich darauf mit einer Flasche Hennessy XO und drei Gläsern. »Sollen wir uns nicht erst die richtige Bettschwere geben?«

Pernille hob eine Augenbraue.

»Donalds?«

»Morgen gibt’s Ärger. Aber daran wollen wir jetzt nicht denken.« Mit diesen Worten öffnete sie die Flasche und goss die warme, würzige Flüssigkeit in die Gläser.

»Auf Solveigs Leben. Auch wenn es nur kurz war, hat es doch große Freude bereitet. Jedenfalls uns anderen«, fügte sie leise hinzu.

»Und obwohl es an Verliebtheiten mangelte, hatte es auch seine lichten Momente. Die muss es einfach gehabt haben«, erklärte Isabel.

»Es gibt auf der Welt noch andere Dinge als Verliebtheit«, sagte Mette.

»Was denn?«, fragte Isabel neckend.

»Sex.«

Pernille prustete los.

»Ausnahmsweise sprichst du mir voll aus der Seele.«

Aber Mette war ernst geblieben.

»Ich glaube aber auch nicht, dass Solveig ein Sexualleben hatte«, sagte sie leise.

JANUAR 1981

METTE

Irgendjemand weinte. Ein trockenes, krampfhaftes Schluchzen hallte im Zimmer wider und schwebte aus dem Fenster, das das ganze Jahr hindurch auf Kipp stand.

Mette öffnete die Augen. Und im selben Moment wusste sie, dass das Geräusch von ihr selber stammte. Das leise Schluchzen steckte ihr noch immer im Leib, es reichte bis hinunter in ihre Bauchkrämpfe. Und das Gefühl der Trauer war ebenso überwältigend wie in ihrem Traum.

Sie schauderte. Es war kalt. Sie fror am Hals und sehnte sich nach dem Kätzchen, das sich immer zufrieden unter ihrem Kinn aufrollte, wenn sie schlief. Wo mochte es stecken?

»Oliver!«

Leise rief sie durch ihre kleine Einzimmerwohnung, aber keine Antwort war zu hören. Das allein war schon seltsam, denn der Siamkater hatte sich von Anfang an durch sein »gutes Organ« ausgezeichnet, wie Isabels Großmutter immer sagte, wenn jemand für seine laute Stimme gelobt wurde. Sie benutzte diesen Ausdruck nicht für Katzen, sondern für den Hofreporter Poul Jorgensen aus dem Fernsehen, der immer Rücksicht auf das schlechte Gehör alter Damen nahm.

Mette schob die Decke beiseite, setzte die Füße auf den Flokati und stieg in ein Paar Lammfellpantoffeln. Voller Besorgnis schlüpfte sie dann in einen dicken Pullover und rief noch einmal nach ihrem Kater.

»Oliver, wo steckst du? Miez, Miez!«

Dann fiel ihr sein Versteck ein. Als sie ihn vier Monate zuvor bekommen hatte, war er plötzlich verschwunden gewesen. Später, nachdem Solveig und Pernille zum Suchen geholt worden waren, hatten sie ihn unter dem Sofapolster gefunden. Sie hatte dieses verdammte Möbelstück vorher schon einmal auf den Kopf gestellt, ohne den Kleinen entdeckt zu haben.

Sie fiel auf die Knie und schaute unter dem Sofa nach.

»Oliver«, rief sie leise. »Bist du da?«

Sie musste immer wieder rufen. Geduld war im Umgang mit Siamkatzen eine Tugend, das wusste sie von zu Hause, denn ihre Mutter war eine eifrige Katzenzüchterin. Ihre Katzen waren von ganz eigenem Wesen. Fremden gegenüber waren sie schüchtern und fast schon feindselig, hingen zum Ausgleich aber an ihrem Frauchen wie ein Hund.

Endlich war aus der Tiefe der Federn ein leises Piepsen zu hören.

»Jetzt komm schon«, lockte Mette.

Noch ein Piepsen. Danach ein etwas längeres Miau. Mette wartete. Sie spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Endlich – nach einem langen, klagenden Selbstgespräch – kam der Kater zum Vorschein. Er schaute sie vorwurfsvoll an, als er sich auf drei Beinen über den Boden schleppte und das vierte jämmerlich hinter sich herzog.

Solveig stellte keine Fragen, obwohl es Sonntag und erst neun Uhr morgens war.

»Ich komme«, versicherte sie am Telefon. »Und ich bring uns ein paar von den fertigen Brötchen aus der Schweizer Bäckerei mit . . . ich kenne einen Tierarzt.«

Solveig kannte immer irgendjemanden, entweder aus ihren zahllosen Sportvereinen oder aus dem Kreis der Bekannten, die ihre Eltern wie die Satelliten umgaben. Wie gut sie diese Leute kannte, war eine andere Frage, aber Mette war doch dankbar für jede kleine Empfehlung an jemanden, der ihren Kater retten konnte.

Während sie auf Solveig wartete, saß sie bei dem Kater auf dem Boden und redete auf ihn ein wie auf einen Freund.

»Wo hast du dich heute Nacht bloß rumgetrieben, du Trottel? Hast du im Verkehr gespielt?«

Obwohl er einwandfrei Schmerzen hatte, schnurrte Oliver angesichts von so viel Aufmerksamkeit. Er schmiegte sich an Mettes nackte Beine, und sie legte sich zu ihm auf den Flokati und deckte sie beide mit ihrer Bettdecke zu.

Sie wurde von Solveigs ausdauerndem Klingeln geweckt.

»Und wo steckt der Patient?«

»Hier unten«, sagte Mette schlaftrunken. »Wir waren weggeknackt.«

Solveig warf im Vorübergehen eine Tüte mit Brötchen auf den Küchentisch. Dann sah sie sich Oliver an.

»War er heute Nacht draußen?«

»Das macht er so ungefähr jede Nacht. Wir haben doch die Katzentür.«

»Meine Fresse. Das darfst du? Du Glücksschwein! Du musst ja bei Mikkelsen einen dicken Stein im Brett haben.«

Mette zuckte mit den Schultern. Mikkelsen war der Vermieter, dem die beiden Wohnungen im ersten und zweiten Stock gehörten.

»Nach der Sache mit meinem Vater habe ich ihm wohl Leid getan.«

Solveig nickte verständnisvoll. »Natürlich. Aber trotzdem. Nicht viele Vermieter erlauben Haustiere. Wenn ich danach fragte, würde mein Vater einen Herzschlag erleiden.«

Das Haus, in dem Solveig wohnte, gehörte ihrem Vater. Neben seiner Arbeit als Arzt verdiente er sich als Immobilienmakler noch etwas dazu.

Mette holte den Katzenkorb aus dem Schrank. Vorsichtig schob sie Oliver durch die Tür.

»Und da hilft nicht einmal eine gute Portion altmodischer Nepotismus?«

»Nein, ganz schön mies, was?«, fragte Solveig über ihre Schulter, während sie in die Küche lief. »Ich mach uns schnell einen Tee, wenn dir das recht ist. Ich habe einen Wahnsinnshunger.«

Mette schaute in den Korb, Oliver hatte sich in eine Ecke verkrochen. Normalerweise hätte er lauthals gegen das Eingesperrtsein protestiert.

»Eine Viertelstunde können wir uns wohl leisten«, sagte sie unsicher.

»In zehn Minuten sind wir aus der Tür«, versprach Solveig aus der Küche, wo sie schon den Kessel gefüllt hatte. »Wir nehmen uns ein Taxi.«

Mette schaute dankbar zu, als der Tee serviert wurde und Solveig ihr ein Brötchen reichte. Sie hatte sofort gewusst, wen sie anrufen würde, und das nicht nur, weil Solveig einen Tierarzt kannte. Die beiden anderen wären natürlich ebenfalls verständnisvoll und hilfsbereit gewesen. Aber Isabel konnte Katzen nicht leiden, und Pernille war immer so mit ihren vielen politischen Aktivitäten beschäftigt. Außerdem hatte Solveig eine ganz besondere Eigenschaft. Sie wusste in jeder Lage, was zu tun war. Wie auch jetzt.

»Und wie sieht’s sonst so aus? Geht es dir jetzt besser?«, fragte Solveig, als sie mit dem Taxi zum Tierarzt fuhren.

Es gehörte nicht sehr viel dazu. Nur eine einfache, vorsichtige Frage, schon spürte sie, wie ihre Kehle sich zusammenschnürte. Schon lange, ehe ihr Vater an Krebs gestorben war, hatte dieses bedrückende Gefühl sie wie ein permanenter Schmerz begleitet. So permanent, dass Mette schon geglaubt hatte, sie werde es nie wieder loswerden. Erst in der letzten Zeit hatte es angefangen, seinen Griff zu lockern. Doch das nur, um sich dann wieder energisch zurückzumelden, wenn sie an ihren Kummer erinnert wurde.

»Ich habe letzte Nacht von ihm geträumt«, gestand sie. »Er war so lebendig. Und konnte laufen.«

Jetzt spürte sie, wie ihr wieder die Tränen kamen und ihre Kehle sich zu einem seltsamen, stummen Ächzen öffnete.

»Er konnte wirklich gehen. Kein Rollstuhl und kein Gehgerät. Nicht einmal ein blöder Stock!«

Solveig legte schweigend einen Arm um sie.

»Er war so stolz«, schluchzte Mette und spürte, dass sie ihre mühsam aufgebaute Fassung verlor. »Und jetzt sieh dir doch bloß diesen verdammten Kater an«, fügte sie dann unvermittelt hinzu.

»Bestimmt ist er angefahren worden«, sagte der Tierarzt und musterte sie mit freundlichem Blick.

Er war überhaupt ein freundlicher Mann. Er war auch am Sonntag für sie zu sprechen und sofort bereit, sich um Oliver und dessen gebrochene Pfote zu kümmern. Das Bein musste für sechs Wochen in Gips gelegt werden.

Der Tierarzt war noch jung. Hatte eben erst das Examen gemacht. Die Praxis in Højbjerg gehörte seinem Vater, und er wollte sie später weiterführen. Er kannte Solveig aus dem Tennisklub in Marselis. Ob Mette auch spiele?

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich bin keine Sportkanone.«

»Du siehst aber ganz so aus«, sagte er und maß bei Oliver Fieber.

Wieder spürte Mette seine Blicke und fühlte sich ratlos. Sie wusste nie, ob Männer flirten wollten, oder was sie vorhatten, immer kam sie sich dumm vor. Sie schaute zum Kater hinüber, der ganz still und in sich gekauert auf dem Tisch saß.

»Jetzt hält er doch immerhin den Mund«, sagte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte, falls sie ihm nicht erzählen wollte, dass er liebe Augen habe, dass sie ihn auch sympathisch finde, dass sie nur leider so schrecklich, schrecklich schüchtern sei.

Und dann rief er am nächsten Tag trotzdem an. Dabei klang er überhaupt nicht so, als habe sie ihn weggeekelt, was sonst oft vorkam.

Im Gegenteil, er bot an, ihr Oliver, der jetzt fix und fertig und eingegipst war, persönlich zu bringen.

Sie schaute auf die Uhr. Eine rasche Dusche würde sie wohl noch schaffen.

Als sie im Keller unter der Dusche stand, fragte sie sich ein weiteres Mal, warum es ihr immer die Sprache verschlug, sowie ein Mann Interesse zeigte. Es lag ja nicht einmal daran, dass sie hässlich oder dumm wäre. Pernille hatte einmal, ohne das böse zu meinen, gesagt, sie wirke auf Männer wie eine Eisjungfrau, jage ihnen Angst ein.

»Du siehst einfach zu gut aus. Du musst deinen Charme aufdrehen, damit sie kapieren, dass du aus Fleisch und Blut bist.«

Mette war verletzt gewesen. Vor allem, weil sie wusste, dass Pernille Recht hatte. Vor allem, was die Eisjungfrau anging. Das Problem war nur, dass Mette einfach nicht anders konnte. Jedes Mal kam sie sich vor wie vor einer unüberwindbaren Mauer, und dann kam sie nicht weiter.

Aber Liebschaften hatte es doch gegeben. Einige wenige Liebhaber hatten unbedingt bis zu ihr durchdringen wollen, ihr Ego hatte sie die Kälte, die Mette offenbar ausstrahlte, einfach ignorieren lassen. Aber das Problem war, dass sie in diesen Fällen gewählt worden war, statt selber ihre Entscheidung zu treffen.

Christian war nicht wie die anderen. Er hatte etwas auf freundliche Weise Drängendes, das sie ansprach, wie Tiere sie ansprachen. Er war so freundlich und lieb, dass er beschützt werden musste, so kam ihr das vor.

»Studierst du auch Medizin?«, fragte er höflich bei Tee und Kuchen.

Sie saßen im Wohnzimmer, und die Wintersonne wanderte in warmen Streifen über sie hin. Oliver lag in einem Sonnenflecken und sah mit seinem eingegipsten Bein absolut surrealistisch aus.

»Nein. Ich studiere Anglistik.«

»Und wirst du danach irgendwann am Gymnasium unterrichten?«, fragte er und griff nach seinem Teller mit der Sahnetorte.

Sie nickte.

»So wird es wohl kommen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich Lust zum Unterrichten habe.«

Er blickte sie überrascht an.

»Aber warum studierst du dann Englisch?«

»Weil ich in diese Sprache verliebt bin«, antwortete sie ehrlich. »Das war immer schon so, frag mich nicht, warum.«

Er saß ganz still da und rührte in seiner Tasse. Oliver rappelte sich auf und humpelte in die Küche. Sie hörten sein Gipsbein auf den Boden schlagen.

»Der hört sich an wie Long John Silver«, lachte Mette.

Christian lächelte.

»Solveig hat mir erzählt, dass du deinen Vater verloren hast.«

So viel Freundlichkeit. Es war unerträglich. Das Glücksgefühl hatte ihren Kummer gerade ein wenig in den Hintergrund gedrängt, und nun kam er und wühlte alles wieder auf. Wieder spürte sie den schweren Stein auf ihrem Brustkasten.

»Herzliches Beileid«, sagte er plötzlich ein wenig ungeschickt. »Ich kann gut verstehen, wenn du nicht darüber sprechen möchtest. Aber vielleicht ist das ja der Grund, warum du so traurig aussiehst.«

Und da musste sie einfach lächeln. Sie war also nicht die Einzige, die auf steife, altmodische Ausdrucksweisen verfiel. »Herzliches Beileid«, so etwas sagten doch eigentlich eher ältere Leute.

»Ist schon gut«, sagte sie und spürte ein seltsames Flattern im Bauch. Als werde sie hochgehoben und zehn Meter über der Erdoberfläche wieder fallen gelassen.

Es kam ganz überraschend und es war absolut nicht geplant gewesen. Und das noch dazu an einem Montagnachmittag, an dem sie ihr Referat über Charles Dickens hätte beenden sollen und an dem Oliver mit großen blauen Augen und Gipsbein vor ihr saß und alles, was auf dem Sofa vor sich ging, im Auge behielt.

Aber Christian war so lieb und sagte zwischendurch immer genau das Richtige, was sehr wichtig war. Sie hätte bestimmt geschrien, wenn er zum Beispiel gesagt hätte, er habe »richtig Lust, jetzt mit dir zu bumsen«, denn auf bestimmte Wörter reagierte sie einfach allergisch. Er zog auch kein Kondom aus der Hosentasche, wie ein Magier, der ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Er war einfach nur ganz normal, unnormal wunderbar, und alles tat ihr so gut, sie hätte weinen mögen.

Als die Sonnenstrahlen so schräg fielen, dass die Sonnenflecken auf dem Boden ganz schmal wurden, nahmen sie ihr Gespräch wieder auf und holten sich eine frische Kanne Tee und Käsebrote.

»Da ist Tugend, da ist Anstand, da ist Weisheit und Verstand«, verkündete er mit salbungsvoller Stimme, als sie eine Kerze anzündete, um die Gemütlichkeit vollständig werden zu lassen.

»Was ist mit Solveig?«, fragte Mette vorsichtig.

»Was soll mit ihr sein?«

»Wart ihr mal zusammen?«

Sie hasste sich wegen dieser Frage, aber ihre Neugier siegte über ihre guten Manieren.

Er zuckte mit den Schultern.

»Sie ist ein nettes Mädchen. Und so ein richtiges Jungenmädchen.«

»Was verstehst du unter einem Jungenmädchen?«

Er streichelte sie mit einem Finger im Nacken.

»Ich meine nicht, dass ich glaube, sie steht auf Mädchen. Und ich bin auch nicht so eingebildet, dass ich mich für unwiderstehlich halte . . .«

»Aber?«

Er dachte sorgfältig nach, das konnte sie sehen.

»Wir hatten das, was man vielleicht als kurze Affäre bezeichnen könnte. Aber es gab ein Problem. Ein sexuelles Problem.«

Er schaute sie mit offenem, ehrlichem Gesicht an.

»Sie sagte, es sei nicht so, dass sie nicht wollte. Und manchmal hätten wir es auch fast geschafft. Aber sie konnte das einfach nicht.«

Mette spürte wieder den Klumpen in ihrer Brust, der ihre Tränen nach oben presste.

»Sag mir lieber nicht mehr.«

OKTOBER 1997

An diesem Tag sah alles anders aus.

Isabel war allein unterwegs. Sie ging quer über den Friedhof zum Grab. Sie konnte es mit seinen vielen frischen Blumen und Kränzen schon aus weiter Entfernung sehen. Die Sonne schien, die Grabstätte lag windgeschützt hinter den schweren Steinmauern der Kirche. Isabel setzte sich ein Stück vom Grab entfernt auf eine Bank und stellte ihre Reisetasche neben sich. Aus einem Impuls heraus hatte sie sich von einem Taxi zur Kirche fahren lassen, nach diesem Besuch wollte sie den Zug nach Kopenhagen nehmen.

In der Sonne war es warm. Sie schloss für einen Moment die Augen. Dachte daran, wie die Freundinnen an diesem Morgen bei Mette voneinander Abschied genommen hatten. An ihr Versprechen, Kontakt zu halten und Solveig nicht zu vergessen.

»Von jetzt an wird alles anders, ja?«, hatte Mette gefragt, als sie mit Malthe auf dem Arm vor dem Herd gestanden und den Topf mit dem Haferbrei umgerührt hatte. »Wir müssen uns häufiger sehen. Wollen wir uns das versprechen?«

Pernille hatte sich an den Küchentisch gesetzt und schmierte sich ein Käsebrot.

»Und soll das nun alles gewesen sein? Ich meine, mit Solveig? Kommen wir da wirklich nicht weiter?«

Isabel seufzte. Auch sie hatte nachgedacht. Solveigs Selbstmord war ein Rätsel, egal, wie sie die Sache auch drehten und wendeten. Was hatte Solveig an jenem Abend dazu veranlasst, die Ketogan-Tabletten zu schlucken? Welche Gedanken hatte sie während der letzten Minuten gehabt, ehe sie das Mittel im Kaffee aufgelöst und dann den Becher geleert hatte?

»Ich finde, jede sollte sich das alles noch einmal überlegen, und auf jeden Fall bleiben wir in Kontakt miteinander«, sagte sie. »Vielleicht fällt einer von uns ja etwas ein, das den Beginn einer Erklärung ausmachen kann. Und wir sollten verabreden, dass bis zu unserem nächsten Wiedersehen nicht mehr als ein Monat vergehen soll. Wir wollen doch alle mehr wissen, aber wir haben schließlich auch unsere Arbeit und andere Verpflichtungen.«

Der Brei blubberte, und Mette nahm den Topf von der Platte.

»So viel zu den Freien Frauen.« Isabel zuckte mit den Schultern.

»Wir müssen doch auch realistisch sein. Wir können nicht einfach alles hinschmeißen. Außerdem müssen wir unser Vorgehen ein bisschen planen und brauchen vor allem eine Denkpause.«

Sie dachte an die vielen Termine, die sich in ihrem Kalender angesammelt hatten. Konzerte mit Gesang und Orchester hier und dort, Unterricht und Begleitung. Aber vielleicht ließ sich ja doch bald ein Loch im Termindschungel finden, das einen längeren Ausflug nach Århus gestattete.

Sie hörte Schritte auf dem Kiesweg und öffnete die Augen wieder. Aber nichts war zu sehen. Die Umgebung war für einen Sonntagnachmittag überhaupt seltsam leer.

Isabel erhob sich und griff nach ihrer Tasche. Und dann sah sie die Gestalt, die vor Solveigs Grab kniete. Jetzt richtete die Gestalt sich wieder auf; ein langer, schlaksiger Mensch in Jeans und Wildlederjacke lief mit großen Schritten über den Weg. Instinktiv nahm Isabel die Verfolgung auf. Der Mann schaute sich nicht um, sondern steigerte sein Tempo und bog dann um die Ecke.

Als Isabel das Kirchentor erreicht hatte, war der Mann nicht mehr zu sehen. Aber die schwere Kirchentür war angelehnt, und ohne weiter darüber nachzudenken, drückte Isabel dagegen und trat in das nach feuchter Erde riechende Kircheninnere. Dort war es halbdunkel und ihre Augen mussten sich erst an das trübe Licht gewöhnen. Der Laubengang war leer. Das Regal mit den Gesangbüchern schien darauf zu warten, am kommenden Sonntag von der Gemeinde benutzt zu werden. Isabel öffnete die Tür zum Hauptschiff und schaute sich vorsichtig um. Auch hier war niemand zu sehen. Christus hing einsam an seinem Kreuz hinter dem Altar, und das Taufbecken sah einfach verloren aus.

Eine innere Stimme teilte ihr mit, sie sei eine Idiotin. Es war ja wohl nicht verboten, dass fremde Männer einen Friedhof besuchten, und ebenso wenig war es verboten, außerhalb der Gottesdienstzeit eine Kirche zu betreten. Doch die andere Stimme war lauter, die Stimme, die rief, dieser Mann sehe nicht so aus, als habe er hier etwas zu suchen. Dass etwas hier ganz bestimmt nicht so sei, wie es sein sollte. Warum hätte der Mann sonst so eilig davonlaufen sollen?

Isabel ging durch den Mittelgang auf den Altar zu. Unterwegs ließ sie ihren Blick an den Bankreihen entlangwandern und den Boden nach allem absuchen, was ihr irgendeine Information vermitteln könnte. Sie hatte die Altarbank schon erreicht, als sie die Tür zur Sakristei und danach näher kommende Schritte hörte.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie konnte eben noch einen verzweifelten Blick zu dem blutenden Christus hochschicken, wobei die Inschrift INRI vor ihren Augen tanzte.

»Kann ich irgendwie behilflich sein?«, fragte eine freundliche Stimme.

Isabel fuhr herum. Dann jagte eine Welle der Erleichterung durch ihren ganzen Körper.

»Sie waren gestern hier, nicht war?«, fragte der Pastor sanft. »Auf Solveig Aastrands Beerdigung?«

Sie nickte und fand endlich die Sprache wieder.

»Ich wollte das Grab sehen.«

»Natürlich«, erwiderte er, als erkläre das, warum sie in der Kirche stand.

In diesem Moment wurde vor der Kirche ein Motorrad angelassen. Das Kreischen der Reifen zerfetzte die Luft.

»Heute waren noch andere hier«, sagte der Pastor nachdenklich. »Ihre Familie hat die Hochmesse besucht.«

Er war schon älter. Kurz vor der Pensionierung, nahm Isabel an. Auch ohne Talar, sondern einfach nur in einer dunklen Hose und einer abgenutzten Jacke, strahlte er Würde aus. Etwas, das in Solveig ein gewisses Vertrauen erweckte.

»Na, ich sollte wohl mal nachsehen . . . sollte wohl nach den Blumen sehen«, sagte sie endlich und entfernte sich rückwärts von ihm. Doch mitten in der Kirche blieb sie dann stehen. Der Pastor musterte sie noch immer mit müder Verwunderung.

»Haben Sie Solveig gekannt? Gut, meine ich«, fragte sie.

»Natürlich habe ich sie gekannt«, sagte er traurig und fügte nach einer Pause hinzu: »Aber nicht gut genug.«

Isabel drehte sich um, ging und fragte sich, wie er das gemeint haben mochte.

Sie bezwang ihren Impuls, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Da war ja noch das Grab. Sie musste sich davon überzeugen, dass alles so war, wie es sein sollte.

Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie ein letztes Mal über den Friedhof ging.

Isabel blieb für einen Moment still stehen und dachte an nichts, während sie ihren Blick über die vielen Blumen und Kränze gleiten ließ, die einwandfrei unter dem Regen des Vortags gelitten hatten. Dann erstarrte sie plötzlich. An einem Kranz aus blauen und gelben Blumen lehnte ein frischer Strauß. Es war ein Strauß aus ganz außergewöhnlichen Rosen. Isabel zählte insgesamt zwölf. Zwölf langstielige, dunkle Rosen. So dunkel, dass sie schon fast schwarz aussahen.

Wer aber legte schwarzrote Rosen auf das Grab einer Verstorbeneri? Das tat doch nur ein trauernder Liebhaber. Hatte Solveig einen Liebhaber gehabt?

Das Rattern des Zuges ließ sie in einen traumreichen Schlaf sinken.

Sie träumte, sie fahre zusammen mit Mette Bus. Mette saß neben ihr und hatte ihre Abiturientinnenmütze auf dem Schoß liegen.

»Solveig ist in Alex verliebt«, sagte Mette zu ihr.

»Das weiß ich doch. Alle sind in Alex verliebt«, sagte Isabel, und plötzlich war er da, sein Gesicht, Alex, anderthalb Jahre vor dem Abitur in die Stadt gezogen. Ein Blick, der sein Gegenüber bis auf die Haut auszog. Ein Lächeln, das etwas versprach, was kein anderer halten konnte. Er und Solveig tanzten eng. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein und sich nach zu viel Bier und zu viel Traurigkeit erbrechen zu müssen. Nach zu viel Angst vor der Zukunft und Ekel angesichts eines Körpers, der sich immer mehr und mehr ausdehnte und einfach nicht zu stoppen war.

Die Musik rockte weiter. Sie hörte sich an wie ein Zug, der sich über die Schienen frisst. Kadunk, kadunk. Solveig verschwunden. Pissen müssen. Klo besetzt. Oben versuchen. Abikleid mit Rotweinflecken und Schweißgeruch unter den Armen. Kadunk, kadunk. Das Geräusch erregter Stimmen. Solveig, die weinte. Alles wild durcheinander. Tür auf. Der Körper auf Solveigs, der lospumpte, während sie schrie und weinte und flehte und bettelte. Von hinten Pernilles heisere Stimme, der Kampf in Zeitlupe. Das Messer in seiner Hand. Das Blut auf dem weißen Kleid. Zerrissen. Mette, die dazukam und jammerte und Solveig tröstete. Pernille, die schluchzend den Kampf aufnahm, das Messer aus der Hand lösen konnte, sodass es klirrend auf den Boden fiel. Die Flasche, die neben seinem Kopf gegen die Wand prallte, die Flucht. Durch das Fenster, hinunter auf die Steine. Pernille hinterher, während Solveig rief:

»Halt! Lass ihn laufen, Pernille. Pernille! Halt!«

Nächster Halt Kopenhagen Hauptbahnhof. Bitte alle aussteigen, der Zug endet hier.

Isabel fuhr aus dem Schlaf hoch und versuchte ihren Traum abzuschütteln. Doch als sie den Zug schon verlassen hatte und draußen durch die kühle Luft ging, wollte er sie noch immer nicht loslassen.

In Kopenhagen versuchte sie in den Tagen nach der Beerdigung sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie hatte jede Menge Termine: Unterrichtsstunden, Konzerte, auf die sie sich vorbereiten musste. Aber sie arbeitete rein mechanisch, und das überraschte sie. Sie hatte damit gerechnet, dass ihre Empfindungen im Zusammenhang mit Solveigs Tod in ihre Musik hineinsickern und sie prägen würden wie ein roter Faden der Melancholie. Aber stattdessen erfüllte sie eine Gleichgültigkeit, mit der sie nicht gerechnet hatte. Und sie stellte fest, dass ihre Gedanken ihr immer wieder einen Streich spielten und sich in der Zeit zurück und zum Traum im Zug hinbewegten.

Wenn sie tagsüber keine Zeit zum Nachdenken fand, dann konnte sie sicher sein, dass die Nacht zu Hilfe genommen werden würde. Der immer wiederkehrende Albtraum machte sie nervös. Der Schlafmangel sorgte dafür, dass sie tagsüber bisweilen in Schweiß ausbrach und danach vor Kälte zitterte, während die Arbeit sich auftürmte. Ganz gegen ihre sonstige Art versuchte sie auszurechnen, wann sie sich einen Urlaub gestatten könnte, und wieder machte sie sich an die gefährlichen Spekulationen über das Älterwerden und stellte die Frage, was aus ihrem Leben werden sollte, was sie sich jetzt wünschte und was sie vermutlich niemals erreichen würde.

Ihre kleine Zweizimmerwohnung in Frederiksberg, in der sie zu ihrem Glück im Keller einen Übungsraum für ihren Flügel hatte mieten können, löste jetzt in ihr Klaustrophobie aus. Ihr fehlte ein Mensch, mit dem sie reden konnte. Natürlich fehlte ihr auch ein Mann; das brauchte sie sich weder von einem Psychologen noch von ihrer Mutter erzählen zu lassen. Aber vor allem fehlte ihr ein Mensch, der sie gut kannte. Ein Mensch, mit dem sie eine Vergangenheit teilte. Doch ihre Freundinnen wohnten in Århus, ihre Großmutter lebte nicht mehr, und ihre Mutter war viel zu sehr beschäftigt mit Henry, ihrem Bridgeklub und der nächsten Campingreise.

Also fing Isabel an zu rauchen. Sie war immer eine Gesellschaftsraucherin gewesen, doch jetzt riefen die Zigaretten mit einer ganz anderen Stimme nach ihr, und sie gab nach, weil ihr die Konsequenzen ziemlich egal waren, solange sie auf diese Weise das Gefühl zu leben zurückgewinnen konnte.

Als zehn Tage später der Brief durch den Türschlitz fiel, war sie ohnehin schon bereit, von allem wegzulaufen, den Laden dichtzumachen und die Flucht ins heimische Århus anzutreten, wie es in diesem schrecklichen Lied hieß, bei dem ihr, trotz seiner ganzen Schrecklichkeit, doch immer wieder die Tränen in die Augen traten.

Fast noch in der Sekunde, in der sie die Lektüre beendete, läutete das Telefon, und Pernilles vertraute Stimme wünschte ihr einen Guten Morgen.

»Hast du auch einen Brief von Solveigs Anwalt bekommen?«

Isabel, die eine Zigarette brauchte, sagte eilig:

»Momentchen. Ich hol mir nur schnell einen Kaffee. Gleich wieder da.«

Sie riss ihre Zigaretten und einen Becher Nescafé an sich, dann setzte sie sich in den Le Corbusier-Korbsessel neben dem Telefon.

»Hier bin ich wieder. Ich hab ihn gerade gelesen. Was bedeutet das?«

»Das wollte ich dich auch fragen. Kommst du zu diesem Termin am 22.?«

»Kann ich zwei Tage bei dir wohnen?«

Isabel hoffte, dass ihre Depression nicht allzu deutlich zu merken war.

»So lange du willst. Stimmt irgendwas nicht?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich muss einfach mal weg hier. Hast du was von Mette gehört?«

Pernille und Mette hatten sich zwei Tage zuvor zum Mittagessen getroffen.

»Wie geht es ihr denn?«

Nach einer kurzen Pause sagte Pernille:

»Ich durchschaue einfach nicht, ob Donald das Problem ist oder sie selber. Aber irgendetwas stimmt nicht bei ihr. Ist dir das nicht auch aufgefallen?«

»Ich hatte nur das Gefühl, dass alles so angespannt wirkte«, sagte Isabel. »Aber das kann ja viele Gründe haben. Und das Leben mit Kindern ist sicher auch nicht so leicht.«

Pernille schnaubte ein höhnisches »Ha!«

»Die sind doch immerhin zu zweit«, rief sie dann.

Pernille hatte Thomas allein großgezogen.

»Lass uns hoffen, dass die beiden eine Lösung finden«, sagte Isabel gutmütig. »Was ist mit Thomas, von dem weiß ich gar nicht viel. Geht’s ihm gut? Wie kommt er in der Schule zurecht?«

»Er wird im Dezember fünfzehn.«

»Wirklich? Er war als kleines Kind so niedlich«, sagte Isabel und fand plötzlich, sie höre sich an wie ihre Mutter.

»Er ist noch immer niedlich. Er ist das Beste, was ich habe«, sagte Pernille ernst.

»Hat er eine Freundin?«

Pernille kicherte. »Wenn, dann gibt er das auf jeden Fall nicht zu. Aber er braucht Stunden im Badezimmer, wenn er auf ein Fest geht, also vielleicht will er ja doch auf irgendwen Eindruck machen.«

Isabel zog ausgiebig an ihrer Zigarette. Sie merkte, wie der Rauch ihre Lunge füllte und das wohltuende Gefühl von Nikotin sich in ihrem Körper ausbreitete.

»Ich glaube, Solveig hatte einen Freund«, sagte sie dann.

Sie erzählte Pernille von ihrem Besuch auf dem Friedhof und den schwarzen Rosen auf dem Grab.

»Warum ist er nicht zur Beerdigung gekommen?«, fragte Pernille.

»Ich weiß nicht. Vielleicht war er so neu, dass ihm das peinlich war. Was wissen denn wir? Und wie geht es sonst? Mit der Arbeit und so?«

»Ach, ich weiß nicht«, sagte Pernille. »Im Moment hab ich das alles ein bisschen satt. Behörden, ich kann dir sagen. Es dauert sieben lange und sieben breite Tage, bis überhaupt etwas passiert. Diese vielen Scheißformulare. Ich dreh demnächst noch durch.«

Isabel lachte.

»Das hört sich gar nicht an wie die alte Pernille. Vielleicht solltest du in die Privatwirtschaft überwechseln?«

»Ich habe wirklich meine politische Überzeugung nicht geändert und ich will auch nicht das dicke Geld scheffeln. Aber alles könnte so viel besser organisiert werden, sogar in einem Sozialamt. So meine ich das.«

»Natürlich.«

Isabel drückte ihre Zigarette aus und bekämpfte den Drang nach einer weiteren. Stattdessen trank sie einen Schluck Kaffee und sagte ehrlich:

»Es tut gut, deine Stimme zu hören, Pernille. Du hast mir gefehlt. Und Mette hat mir auch gefehlt. Und Solveig.«

»Ebenso«, erwiderte Permlle mit ernster Stimme. »Schön, dass du kommst. Du kannst Thomas’ Zimmer haben.«

»Ich will ja nicht hoffen, dass du Thomas meinetwegen vor die Tür setzt.«

Pernille lachte.

»Absolut nicht. Aber in der Woche fährt er mit seinem Vater nach Paris, und deshalb brauche ich Gesellschaft, damit du’s weißt.«

»Und du hast noch immer nichts mit Thomas’ Vater am Laufen?«, fragte Isabel, die immer schon gefunden hatte, Pernille und dieser Mann seien füreinander wie geschaffen.

Pernilles Stimme nahm einen kleinen, fast unhörbaren Beiklang an.

»Absolut nicht!«

Isabel lachte.

»Du weißt genau, was Mette jetzt sagen würde, was? ›The lady doeth protest too much, methinks!«‹

»Du mich auch«, erwiderte Pernille, und Isabel wusste genau, wie sie jetzt aussah, mit ihrem kleinen unfreiwilligen Lächeln um die Lippen und einer verärgerten Furche in der Stirn.

APRIL 1981

PERNILLE

Er war nicht immer da. Absolut nicht. Andererseits war auch sie nicht immer da. Manchmal mussten sie und Solveig ihr Luxusbad auf einen anderen Wochentag verlegen oder es ganz einfach ausfallen lassen.

Aber wenn er da war, dann passierte immer etwas mit ihr. Etwas Unerklärliches. Alles schien plötzlich besser auszusehen. Die Welt wurde ganz einfach schöner, und alle ihre dummen Probleme kamen ihr klein und lösbar vor.

Eigentlich wusste sie nicht viel mehr über ihn als damals, vor einigen Monaten, als er sie unters Wasser gedrückt hatte. Natürlich hatten sie manchmal am Beckenrand miteinander gesprochen, aber zumeist hatte es nur Blickkontakt und Lächeln und Grüße gegeben. Bis vor sechs Wochen, als er dann plötzlich nicht mehr gekommen war. Warum, konnte sie sich einfach nicht vorstellen.

Pernille ließ ihren Blick suchend durch das Becken wandern, in dem Solveig bereits umherplatschte. Auch an diesem Tag war er nicht gekommen. Vielleicht würde er nie wieder auftauchen, und sie kannte doch nur seinen Vornamen.

»Komm schon, Niller. Träum hier nicht rum!«, rief Solveig mit Lehrerinnenstimme.

Aber Pernille hatte noch immer keine richtige Lust, und deshalb setzte sie sich an den Beckenrand, ließ ihre Füße ins Wasser baumeln und ihre Gedanken in alle möglichen Richtungen schweifen.

Eigentlich war sie vor allem mit der Angst beschäftigt. Sie habe eine Angstneurose, hatte der Psychiater gesagt. Und das werde sich erst ändern, wenn sie selber die Kontrolle übernehme und sich einfach weigere, sich von dieser Angst tyrannisieren zu lassen. Er könne nicht mehr für sie tun und meinte, ihr Zustand sei nicht so schlimm, dass er ihr Medikamente verschreiben müsse. Immerhin ein Segen. Sie hätte sich auch geweigert. Wer wollte schon wie ein Zombie durch die Gegend laufen? Dann lieber ab und zu einen Angstanfall durchstehen.

»Verzeihung, aber ist der Stuhl neben dir noch frei?«

Das kam so unerwartet, dass sie zusammenfuhr.

Sie schaute hoch. Da stand er. Mit einem neckenden Lächeln in seinen Paul-Newman-Augen und nach der Dusche mit nassen Haaren. Er war nicht besonders groß. Aber er hatte etwas an sich, das ihn sehr präsent erscheinen ließ. Sie hatte versucht, sein Alter zu erraten und ihn auf einige Jahre älter als sich selber geschätzt, aber trotzdem nahm er seinen Platz im Raum ein wie ein richtiger Mann.

Pernille nickte nur.

»Natürlich.« Und dann platzte es aus ihr heraus:

»Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?«

Sofort bereute sie es. Das war zu offensichtlich gewesen. Zu deutlich. Jetzt würde er sicher fragen, ob sie ihn vermisst habe.

Doch er setzte sich einfach nur und starrte mit ernster Miene das Becken an.

»Ich hatte persönliche Probleme, um die ich mich kümmern musste«, sagte er.

Ihr wurde ganz seltsam zu Mute, sie wusste jedoch nicht, warum.

»Ich hoffe, du hast sie lösen können.«

Er erwiderte ihren Blick. Sie konnte seine Miene nicht deuten. Er sah aus, als habe sie ihn mit irgendeiner Bemerkung verletzt.

»Irgendwie schon . . . ich hoffe, es war die richtige Lösung.« Dann saßen sie in unbeholfenem Schweigen da. Sie hatten noch nie ernsthaft miteinander gesprochen. Pernille platschte wieder ein wenig mit den Füßen im Wasser.

Er räusperte sich.

»Ich wollte fragen, ob du vielleicht nachher noch Zeit für einen Kaffee hast.«

In ihrer Überraschung schaute sie ganz schnell auf die Uhr. Wenn sie das Dampfbad sausen ließ, dann hatte sie bis zur Vorlesung Zeit genug. Und an sich konnte sie auch die Uni sausen lassen. Diese Stunde Wissenschaftstheorie konnte ja wohl noch warten. Außerdem war sie fast schon dazu entschlossen, ihr Geschichtsstudium an den Nagel zu hängen, sich einen Job zu suchen und sich in Ruhe zu überlegen, was sie mit ihrem Leben wirklich anfangen wollte.

»Das lässt sich machen. Wo wollen wir denn hin?«

In der Nähe gab es eigentlich kein passendes Café.

»Bist du mit dem Rad hier?«

Natürlich war sie das.

»Kennst du das Casablanca?«

»Diesen eleganten Laden mit den Spiegeln? Doch. Da war ich einmal«, gab sie zu.

»Dann treffen wir uns dort in einer Dreiviertelstunde. Ich bin mit dem Wagen da.«

»Er hat einen Wagen«, sagte sie verärgert zu Solveig, als sie danach unter der Dusche standen. Trotzdem konnte sie ihre Spannung nicht verbergen.

Solveig machte ein entsetztes Gesicht.

»Soll das heißen, dass er sich nicht überlegt hat, dass der private Automobilverkehr der größte Umweltverbrecher ist? Glaubst du, er engagiert sich kein bisschen für öffentlichen Nahverkehr und Pedalkraft?«

Pernille warf einen Schwamm, der mit gedämpftem Klatschen auf Solveigs Hinterteil auftraf.

»Du bist ja bloß neidisch!«

»Natürlich bin ich neidisch. Wenn du dir einen stinkreichen Heini mit eigener Erbfirma und eigenem Jaguar gekrallt hast, dann sterbe ich hier noch vor Neid. Vor allem, weil du das überhaupt nicht zu würdigen weißt«, sagte Solveig und warf den Schwamm zurück. Pernille fing ihn auf und ließ ihn in den Eimer für die benutzten Schwämme fallen. Sie sagte vage:

»Ich weiß so viele andere Dinge zu schätzen.«

»Als da wären? Gemütlichkeit zu Hause, Natur, Spaziergänge und Ehrlichkeit?«, schlug Solveig mit Anspielung auf ihren sonntäglichen Lieblingszeitvertreib vor, da lasen sie in den Zeitungen die Kontaktanzeigen.

»Was gibt’s dagegen einzuwenden?«, fragte Pernille verletzt.

Solveig blickte sie an. Zu Pernilles Überraschung waren ihre Augen feucht geworden. Oder war das nur Einbildung?

Ihre Umarmung ging ganz schnell. Nur eine kurze Berührung und ein feuchter Wangenkuss, als sie noch im Evaskostüm dastanden. »Pass gut auf ihn auf, Niller. Wenn er der Richtige ist, dann halt ihn um Himmels willen fest, und lass ihn nie im Leben wieder los.«

Das Café Casablanca sah tagsüber nicht so cool aus wie abends. Das Tageslicht schien die Magie der Spiegel viel leichter zu durchschauen und damit den Drang der Gäste, zu sehen und gesehen zu werden, auf eine ganz andere, unbarmherzige Weise bloßzustellen.

»Willkommen in den Achtzigern«, grüßte Poul. Er stand am Tresen und wartete auf sie.

»Angezogen siehst du ganz anders aus«, stellte sie fest, und beide lachten leicht nervös.

Aber das war die Wahrheit. Plötzlich ging ihr auf, dass sie ihn immer nur in seiner dunkelblauen, ziemlich neutralen Badehose und mit nassen Haaren gesehen hatte. Und jetzt stand er plötzlich vor ihr und zeigte einen Stufenschnitt wie ein schwedischer Schlagerstar und richtige Herrenhosen mit Bügelfalte und passendem Pullover über hellblauem Hemd – hier war nicht die Rede von Jeans und T-Shirt.

Sie versuchte ihn nicht anzustarren. Sein Aussehen sollte sie nicht umwerfen. Wir sind schließlich zur Toleranz erzogen, dachte sie und hoffte insgeheim, dass diese Toleranz auch noch weiter reichen würde.

Sie bestellten Cappuccino. Während die Kaffeemaschine die Milch in Schaum verwandelte, musterte Poul Pernille von der Seite her mit einem undefinierbaren Lächeln.

»Vielleicht sind wir beide anders, als wir erwartet hatten.«

Sie war noch nicht auf die Idee gekommen, dass ihr Aussehen ihn seinerseits überraschen könnte. Sie war ja schließlich normal angezogen. Alle Welt trug Anorak und Jeans. Na ja, unter dem Anorak hatte sie ja den selbst gestrickten Pullover mit den vielen kleinen Mustern. Und die selbst gestrickten Socken. Und den Rucksack mit der Atomkraft-nein-danke-und der Smiley-Plakette.

Sie schob verstohlen den Rucksack, den sie auf den Boden gestellt hatte, etwas weiter weg und merkte, dass sie keine Lust hatte, den Anorak auszuziehen, obwohl sie schwitzte. O verdammt. Das war ja ein netter Anfang.

Wieder musterte er sie neckend. Und dann lachte er mit seinen türkisblauen Augen, die immer so gut zum Boden des Schwimmbeckens passten, und alles, die ganze Klamottenfrage, war plötzlich nur noch gleichgültig.

»Was, zum Henker«, sagte er. »Schlips und Kragen oder Entenfüße, daraufkommt es ja wohl nicht an.«

Sie entspannte sich ein wenig mehr. Der Cappuccino wurde serviert. Sie wusste nie, ob sie zuerst umrühren oder ihn einfach so trinken sollte wie einen Irish Coffee. Sie hielt sich an Pouls Beispiel. Gab ein wenig Zucker hinein und rührte um. Nicht so sehr, dass der Schaum ganz verschwand, sondern so, dass er sich mit dem Kaffee vermischte und hellbraun wurde, nicht mehr weiß.

Sie setzten sich in eine der braunen Nischen auf der rechten Seite des Tresens.

»Das haben sie doch toll eingerichtet, findest du nicht? Ich glaube, sie haben die ganze Einrichtung aus Paris geholt«, sagte er.

Pernille schaute sich um in dem Café, dessen Wände mit französischen Plakaten aus den zwanziger und dreißiger Jahren geschmückt waren.

»Es sieht jedenfalls sehr französisch aus«, gab sie zu und spürte wieder, wie die Nervosität ihr unter die Haut kroch. Unfreiwillig fröstelte sie.

Das sah er und beugte sich vor, über den Tisch.

»Du bist hier nicht die Einzige, die nervös ist. Ich glaube sogar, dass ich noch nervöser bin als du«, sagte er auffällig langsam und ruhig. Er schien das Verhalten in Situationen, in denen die Nerven Arger machen können, trainiert zu haben.

Sie blickte ihn überrascht an und machte sich an ihrer Kaffeetasse zu schaffen.

»Wieso in aller Welt solltest du das sein?«

»Weil für mich viel auf dem Spiel steht.«

»Hast du eine Wette laufen, oder was?«

Er schüttelte den Kopf.

»So ist das nicht. Das ist kein Jux.«

»Aber was ist es dann?«

Er sprang auf.

»Was hältst du von einem Glas Wein? Ich glaube, ich könnte jetzt eins vertragen.«

Pernille schaute automatisch auf die Uhr.

»Es ist erst drei.«

Und sofort kam sie sich reichlich spießig vor.

»Na gut. Ein einziges Glas Weißwein.«

Bald daraufkehrte er mit zwei Gläsern zurück. Weiß für sie, rot für sich selber. Er setzte sich.

»Dann können wir auch besser anstoßen«, sagte er, noch immer auf diese langsame Weise. Doch jetzt sah sie die kleinen Schweißperlen auf seiner Oberlippe.

Sie sagte vorsichtig:

»Ich glaube, du wolltest mir etwas erzählen.«

Er faltete auf dem Tisch die Hände und setzte sich gerade, wie vor einem wichtigen Diskussionsbeitrag zu irgendeiner Fernsehdebatte.

»Ich habe während der vergangenen sechs Wochen versucht, dich mir aus dem Kopf zu schlagen. Aber das ist mir nicht gelungen.«

Sie wollte schon etwas sagen, freute sich aber, als er die Hand hob, um sie daran zu hindern.

»Lass mich erst ausreden. Du musst wissen, wer ich bin. Ich bin altmodisch. Ich glaube an Treue in einer Beziehung. Und an Offenheit. Ich wohne seit zwei Jahren mit einem Mädchen zusammen. Wir kennen uns seit dem Gymnasium, und ich habe ihr erzählt, dass ich mich in eine andere verliebt habe.«

Er starrte zur Decke hoch, als könne er dort seine weiteren Worte finden. Dann streckte er die Hand nach seinem Glas aus und trank es mit einem einzigen Zug halb leer.

»Ich bin vor drei Wochen ausgezogen. Ich wollte das so.«

Pernille schwieg. Dann nahm auch sie ihr Glas, trank und merkte, wie der Wein ihr das Sprechen ein wenig leichter machte.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Er lächelte, fast wie um Entschuldigung zu bitten.

»Du sollst eigentlich gar nichts sagen. Und du sollst dich auch nicht für mein Privatleben verantwortlich fühlen und glauben, ich wolle dich unter Druck setzen. Taktisch gesehen war es sicher dumm von mir, dir alles zu erzählen.«

Er holte sehr tief Luft.

»Ich hätte dich vielleicht lieber mit süßen Reden und billigem Portwein locken sollen. Aber in der Liebe war ich noch nie ein großer Taktiker«, fügte er leise hinzu.

Pernille schluckte und klammerte sich an ihrem eigenen Glas an. Sie schwiegen eine Weile. Sie versuchte, ihre Gefühle auszuloten. Eigentlich, fand sie, müsse sie mit Pouls Freundin solidarisch sein und Mitleid mit ihr haben. Aber sie kannte diese Frau nicht und stellte fest, dass es ihr absolut egal war, dass irgendwo in der Stadt eine verschmähte Geliebte saß und sich nach ihm sehnte. Das einzige, was sie empfand, war Dankbarkeit. Darüber, dass sie hier sitzen, ihn ansehen und spüren konnte, wie sie nacheinander brannten und wie die Kraft der Pole sie immer weiter über den Tisch zog, der plötzlich nur noch eine dumme, unpassende Sperre war.

»Gut, dass du den Wein geholt hast«, sagte sie endlich. »Soll ich nicht eine ganze Flasche besorgen?«

Er lächelte erleichtert und erhob sich.

»Das sollst du auf keinen Fall. Jetzt gebe ich einen aus.«

Zeit und Raum schienen plötzlich keine Bedeutung mehr zu haben. Es schien nichts anderes mehr zu geben als Pernille und Poul.

Sie redeten. Plapperten drauflos, über alles Mögliche, während sie in Wirklichkeit nur an diesem Tisch sitzen und einander in die Augen starren und sich freuen wollten, lächeln und lachen, die ganze Zeit, bis ihnen schließlich die Wangenknochen wehtaten.

Poul ging auf die Handelshochschule und studierte Wirtschaftswissenschaften. Das konnte sie nicht begreifen, sagte sie. Verstand nicht, was irgendwen ins Wirtschaftsleben locken konnte. Konnte auch nicht verstehen, wie sie sich für jemanden erwärmen konnte, der sich für eine solche Ausbildung entschieden hatte. Sie studierte Geschichte, war überzeugte Sozialistin und müsste ihn eigentlich verabscheuen. Das fanden sie sehr komisch.

Schließlich hatten sie keinen Wein mehr, und sie mussten die Entscheidung treffen, die die ganze Zeit über ihnen in der Luft geschwebt hatte.

»Ich kann dich nicht zu mir nach Hause einladen, ich wohne im Moment nämlich bei meinen Eltern«, sagte er.

Damit hatte er ihr den Ball zugespielt. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie seine Achtung gewinnen könnte, wenn sie es ihm nicht zu leicht machte. Aber dazu hatte sie verdammt noch mal keine Lust.

»Ich hab ein Zimmer, wenn du damit leben kannst. Aldersrovej. Ich lad dich zu einem Tee ein.«

»Kaffee.«

»Tut mir Leid. Ich hab bloß Tee . . . aber ich kann sicher bei den Nachbarn etwas klauen.«

Als sie mit dem Taxi nach Trøjborg fuhren, wobei ihr Fahrrad hinten an einem Gestell befestigt war, dachte sie kurz darüber nach, wie Poul reagieren würde, wenn Asger zu Hause wäre. Asger studierte Theologie. Und zwar seit elf Jahren. In seinem Zimmer standen zwei riesige gebrauchte Fernsehapparate, an denen ein selbstklebender Zettel mit der Aufschrift: »Nimm zwei für 9,95« befestigt war. Dann gab es noch Jes und Lars, die beiden Kommilitonen, die niemals spülten und Töpfe und Pfannen so lange benutzten, bis die Spaghetti Löcher in den Boden fraßen und die Essensreste zum Leben erwachten. Abends lasen sie einander laut Comics vor, wenn sie in ihren gegenüberliegenden Zimmern bei offener Tür im Bett lagen, und riefen alle schönen Comicausdrücke quer über den Flur: Kadonk, urggh, Schwisch, Uach, Wambam. Jes war schwul, und Pernille hatte das Gefühl, dass Lars demnächst sein Coming-out haben würde.

Sie hoffte wirklich, dass keiner von den Nachbarn zu Hause sein würde.

Aber das waren sie natürlich. Denn es war jetzt inzwischen Abendbrotzeit, und Jes und Lars kochten, die ganze Treppe bis zum fünften Stock stank schon nach Knoblauch und Büchsentomaten.

»Hiiimmel, Perniiiille, was hast du denn da mitgebracht? Ist der für mich?«, fragte Jes und musterte Poul von Kopf bis Fuß.

Poul reichte ihm höflich die Hand und stellte sich vor. Lars wischte sich ganz schnell die Hände am Spüllappen ab und machte eine übertriebene Verbeugung.

»Ja, entschuldigt bitte das Chaos. Wir sind nämlich Künstler. Da darf man das.«

Pernille schaute Poul nicht an, sondern lief weiter über den Flur zu ihrem eigenen Zimmer.

»Jetzt hole ich Kaffee«, sagte sie nervös und glaubte plötzlich, seine Gedanken lesen zu können, als er auf dem Boden die Matratze mit der bunten mexikanischen Decke, die tönerne Öllampe und an der Decke die chinesische Reislampe sah. In einer Ecke standen ihre Chinaschuhe, die sie als Pantoffeln benutzte.

Sie hatte schon die Tür erreicht, als er die Hand nach ihr ausstreckte, sie um die Taüle fasste und sie an sich zog. Sie spürte, wie ihr Herz ängstlich unter ihrer Bluse umherhüpfte, und wehrte sich nervös. Aber er hielt sie fest, beharrlich und entschlossen.

»Ganz ruhig«, murmelte er. »Das ist doch alles egal. Hab keine Angst.«

Das war der erste Kuss. Nur ein Kuss. Aber er war auch Balsam für ihre ausgefransten Nervenenden, und sie hatte sich danach gesehnt.

»Ist die Tür abschließbar?«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Sie hakte den Riegel ein, und er zog sie zur Matratze. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ihm zu erzählen, dass sie zwei Matratzen hatte und eine neben die andere legen könnte. Aber sie hatte jetzt Angst vor einer Unterbrechung. Angst davor, die Magie könne verschwinden. Diese zerbrechliche Magie, die immer dann verflog, wenn das Gegenüber die Socken anbehalten wollte.

Doch das passierte nicht. Die Magie war wie eine treue Zuschauerin, als sie einander ungeduldig die Kleider vom Leib rissen.

»Jetzt kann ich dich viel besser kennen lernen«, murmelte er.

Und sie liebten einander, als ob das Wort »später« nicht existiere.

Doch später kam. Als sie immer noch in der gegenseitigen Wärme lagen und sein Gesicht so dicht an ihrem war, wie es noch kein Gesicht geschafft hatte, so lange sie sich erinnern konnte.

»Ich möchte dir noch etwas sagen«, murmelte er.

Wieder setzte ihr Herz aus. Eine bange Ahnung machte sich bemerkbar.

»Was denn?«

Er seufzte.

»Es ist wirklich nicht wichtig. Für mich wenigstens nicht.« Ihre Angst wuchs.

»Was denn?«

Er küsste sie sanft, wie zur Beteuerung.

»Ich bin zweiter Vorsitzender bei der KU.«

Im ersten Moment, als er das gesagt hatte, empfand sie nichts. Aber tief in ihr spürte sie, dass ein Haken zuschnappte.

»Bei der Konservativen Jugend-Union?«, fragte sie dumm. Denn der Name dieser Erzfeindin war ihr schließlich nur zu vertraut.

NOVEMBER 1997

Das Testament war zwei Jahre alt.

Es war vor Solveigs Umzug nach Skörping in Nordjütland verfasst worden, wo sie ihren Traumposten als Ärztin an einer Privatklinik gefunden hatte.

Einen guten Monat nach der Beerdigung fanden sie sich alle in einer Anwaltskanzlei in der Vestergade ein. Sie saßen in zwei Gruppen zusammen. Solveigs Eltern nebeneinander vor dem Schreibtisch. Die Freundinnen etwas zurückgezogen in weicheren Sesseln um einen Couchtisch. Dort standen Tee und Kaffee, und Mette füllte die Plastikbecher und reichte sie herum.

»Ich kann es nicht verstehen. Ich habe sie in finanziellen Fragen immer beraten, und sie hat kein Wort von einem Testament gesagt«, sagte Leo Aastrand mit einer Mischung aus Kummer und Irritation in der Stimme.

Solveigs Vater hatte immer schon Autorität ausgestrahlt, überlegte Isabel. So, wie er dort saß, groß und schlank in seinem Tweedjackett und mit der rahmenlosen Brille auf der Nase, erinnerte er sie unwillkürlich an einen englischen Landedelmann. Er war einwandfrei daran gewöhnt, dass ihm zugehört wurde, und sie ging davon aus, dass das für seine Arbeitskollegen und für seine Frau galt. Die Freundinnen wussten alle, das er für Solveig eine Art Vorbild gewesen war.

Auf jeden Fall hatte sie häufig von seinen Leistungen auf dem Pferderücken und dem Tennisplatz erzählt, von seinem fachlichen Können ganz zu schweigen.

Er nahm den Becher wortlos entgegen, wie aus der Hand einer bezahlten Serviererin. Ohne seinen gequälten Gesichtsausdruck hätte man ihn für den Anwalt halten können, und nicht den verhuschten Wicht, der sich in seinem Sessel auf der anderen Schreibtischseite zurückgelehnt hatte.

Der Anwalt Erling Meinert sah ungefähr so aus wie das, was die Mädchen früher auf der Grundschule als »Kneifarsch« bezeichnet hätten. Er erinnerte Isabel an den Mozart in Milos Formans Film, mit seinen unbezähmbaren Struwwelhaaren und seinen ruhelosen Bewegungen, doch er hatte auch scharfe Augen, die jedes Detail in seiner Umgebung registrierten.

»Ich kann natürlich versichern, dass das Testament gültig ist. Ihre Tochter hat sich bereits 1995 an mich gewandt, um ihre Situation zu diskutieren«, sagte er und drehte seinen Schreibtischstuhl ein wenig zur Seite, was eher wie eine schlechte Gewohnheit aussah als wie eine bewusste Handlung.

Isabel hatte Solveigs Eltern nie sonderlich gut leiden mögen, obwohl sie nicht behaupten konnte, sie zu kennen. Natürlich hatte es Solveig rein finanziell an nichts gefehlt. Mit materiellen Gütern war sie so richtiggehend voll gestopft worden, und ihre Freundinnen hatten häufiger die guten Weine aus Leo Aastrands Keller genossen, wenn Solveig sie zum Essen eingeladen hatte. Aber die Beziehungen in dieser Familie waren ihr nie als besonders herzlich erschienen, trotz der ganz speziellen Beziehung zwischen Solveig und ihrem Vater.

»Aber Solveig hatte doch schon einen Anwalt, den unserer Familie«, sagte Leo Aastrand und fügte rasch hinzu: »Ja, Verzeihung, ich wollte damit nicht sagen . . . Sie müssen verstehen, sie war ja nicht unvermögend.«

Solveigs Mutter, eine eher unauffällige Frau mit hellen Dauerwellen und bleichgrünem Kostüm beugte sich in ihrem Sessel vorsichtig ein wenig vor.

»Mein Vater hatte einen Fonds für sie eingerichtet, über den sie an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag verfügen konnte«, flüsterte sie.

Der Anwalt nickte.

»Das ist mir bekannt, Frau Aastrand. Solveig hat mir fast alles erzählt, glaube ich.«

»Aber warum?« Ihr Vater ließ nicht locker. »Warum hat sie nicht mit uns darüber gesprochen?«

Das Geld stammte von der Mutter, das wusste Isabel. Solveigs Mutter hatte von ihrem Vater, einem erfolgreichen Kunststoffhersteller, ein kleines Vermögen geerbt. Ansonsten war es die übliche Geschichte von Arzt und Sprechstundenhilfe gewesen, die so eng zusammenarbeiteten, dass es in ihrer Beziehung plötzlich um ganz andere Dinge gegangen war.

Der Anwalt setzte sich gerade.

»Vielleicht sollten wir mit dem offiziellen Teil der Besprechung anfangen«, regte er an. »Sind alle anwesend?«

Er leierte die Namen herunter, und alle nickten. Dann öffnete er einen Ordner, der vor ihm auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

»Die Verstorbene hat mit meiner Hilfe ihr Testament zu Gunsten der heute hier anwesenden Personen aufgestellt.«

Erling Meinert schaute wieder auf und betrachtete die kleine Versammlung. Isabel folgte seinem Blick. Solveigs Eltern saßen angespannt dicht nebeneinander. Leo Aastrand starrte vor sich hin. Mette und Pernille schauten den Anwalt an wie zwei Musterschülerinnen einen Lehrer.

»Ich werde mich kurz fassen. Die Hinterlassenschaft der Verstorbenen ist noch nicht taxiert worden, hat aber, durch das Reihenhaus in Aalborg und diverse Aktien und Obligationen sowie eine Lebensversicherung, einen Wert von an die zweieinhalb Millionen Kronen. Dazu kommen Einrichtungsund andere Gegenstände sowie diverse elektrische Apparate, Computer, Stereoanlage und so weiter.« Meinert sagte dann:

»Solveig Aastrand hat – auf meinen Rat hin – das mögliche Erbe in Prozente eingeteilt. Es verteilt sich wie folgt: Leo und Bodil Aastrand bekommen zusammen fünfundzwanzig Prozent, was vor Abzug der Steuern ungefähr eine Summe von sechshundertdreiunddreißigtausend Kronen ausmacht. Der Rest, nämlich fünfundsiebzig Prozent der Hinterlassenschaft, fällt zu gleichen Teilen an Pernille Gram, Isabel Lund Jepsen und Mette Severinsen.«

Isabel spürte eine Hand, die ihre packte. Pernille stieß einen leichten Klagelaut aus. Mettes Schultern zogen sich zu einem unterdrückten Schluchzen zusammen. Dann fand auch ihre Hand Isabels, und wortlos starrten sie erst den Anwalt und dann einander an.

Solveigs Eltern saßen wie erstarrt in ihren Sesseln.

Erling Meinert schloss den Ordner.

»Wenn es Fragen gibt, dann schießen Sie los«, sagte er geradeheraus, was besser zu ihm passte als die förmliche Anwaltssprache.

Das gab Isabel den Mut, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen.

»Hast du Solveig gut gekannt?«, fragte sie. Sie brachte es nicht über sich, einen Mann, der jünger als sie selber war, zu siezen.

Der Anwalt ließ sich in seinem hochrückigen Drehsessel zurücksinken und verschränkte die Hände in seinem Nacken.

»Wie gesagt, Solveig hat mich 1995 erstmals aufgesucht. Ich möchte nicht behaupten, sie gut gekannt zu haben. Aber ich hatte den Eindruck einer sehr entschiedenen Frau, die genau wusste, was sie wollte. Wenn wir über die juristische Seite der Angelegenheit sprachen.«

»Gibt es einen Grund zu der Annahme, dass sie . . . dass sie geahnt haben kann, was passieren würde?«

Der Anwalt schüttelte den Kopf und wollte antworten, doch Solveigs Vater kam ihm zuvor.

»Unsinn. Natürlich hat sie das nicht gewusst«, erklärte er mit schroffer Stimme.

»Jede junge Frau in ihrer finanziellen Situation hätte doch ein Testament gemacht. Das habe ich ihr ja selber eingeschärft. Was ich aber nicht verstehen kann, ist . . .«

Nun fiel Erling Meinert ihm ins Wort.

»Ich muss Herrn Aastrand Recht geben. Es ist ganz normal und vernünftig, ein Testament zu machen, wenn Vermögen vorhanden ist. Aber es stimmt auch, dass es ein früheres Testament gab, das durch das neue ungültig geworden ist. Warum sie das wollte, weiß ich nicht.«

»Und zu wessen Gunsten war das erste?«, fragte Pernille.

Der Anwalt lockerte seinen Schlips, der ohnehin ziemlich lose gehangen hatte.

»Es war ein klassisches Testament, durch das das Vermögen den nächsten Angehörigen zufällt«, sagte er.

Alles schwieg. Die Stille war so bedrückend, dass Isabel sich unruhig bewegte. Sie sprang auf und schenkte sich Kaffee nach.

»Ich würde gern eine Frage stellen. Eine Frage, die vermutlich nicht viel mit der Erbschaft zu tun hat«, sagte sie und sah zuerst Solveigs Eltern und dann den Anwalt an. »Weiß irgendwer, ob Solveig einen Freund hatte?«

In diesem Moment erhob sich Leo Aastrand, dessen Gesicht von einer Art stummen Frustration gezeichnet war. Als sie dem Beispiel ihres Mannes folgen wollte, geriet Solveigs Mutter ins Schwanken und griff nach seinem Arm. Isabel sah, wie er sie verstohlen abschüttelte, indem er seinen Arm plötzlich schlaff nach unten hängen ließ.

»Natürlich nicht«, sagt er dann wie zu einer Untergebenen, die eine dämliche Frage gestellt hatte. »Das hätten wir ja wohl gewusst.«

Bodil Aastrand nickte. »Natürlich hätten wir das gewusst. Solveig hat ihre Freunde doch immer mit nach Hause gebracht.«

»Freunde ja. Aber Liebhaber? Hat sie je einen Liebhaber mit nach Hause gebracht?« Isabel ließ sich nicht beirren, doch Solveigs Eltern gaben ihr keine Antwort, als sie dem Anwalt zunickten und dann das Lokal verließen.

Danach gingen sie durch die Straßen von Århus. Pernille hatte nur Zeit für ein schnelles Glas. Es war Donnerstag um halb zwei nachmittags, und sie hatte einen Termin mit einem Klienten, der wegen seines Alkoholproblems, das derzeit behandelt wurde, seinen Arbeitsplatz verloren hatte. Mette musste um vier Uhr Malthe in der Krippe abholen. Nur Isabel hatte Zeit genug, sie hatte sich die ganze Woche frei genommen und sich in Pernilles Wohnung bereits häuslich eingerichtet.

»Das ist ja ein Vermögen«, sagte Isabel und wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte. Es war schwer, nicht mitten in aller Trauer begeistert zu sein, aber im tiefsten Herzen schämte sie sich ihrer Freude ein wenig. Vor ihrem inneren Auge sah sie schon einen neuen, blanken Steinwayflügel, der ihr gehören sollte. Sie versuchte die prickelnde Erwartung zu unterdrücken, ihre Finger auf die Tasten zu legen und einen wunderschönen Klang hervorzurufen.

Pernille schob ihr Fahrrad neben den anderen her. Auch sie hatte eine Zeit lang geschwiegen.

»Wisst ihr überhaupt, was das bedeutet?«, fragte sie endlich, als sie im Novembersonnenschein zu dritt durch die Vestergade und weiter zum Lille Torv und zum Store Torv wanderten. Die beiden Plätze sahen aus wie sehr nackte, gepflasterte Vorgärten, fand Isabel. Umweltfreundlich hin oder her, die Stadt hatte ihr früher, als Autos und Fahrräder mitten im Zentrum ein Chaos verursacht hatten, besser gefallen.

Mette wich einer somalischen Familie mit zwei Kinderwagen aus und lief hinter den anderen her.

»Das bedeutet, dass Solveig aus irgendeinem Grund ihre Eltern bestrafen wollte«, sagte sie, als sie die Freundinnen eingeholt hatte. »Oder dass sie uns aus irgendeinem Grund etwas Gutes tun wollte. Oder vielleicht auch beides.«

Wie Pferde, die sich an eine bestimmte Route gewöhnt haben, bogen sie fast automatisch in die Badstuegade ein. Plötzlich blieb Isabel stehen. Es war so lange her, aber es kam ihnen trotzdem wie gestern vor, dass sie in den Cafés des Studentenviertels ein und aus gegangen waren. Im Kindrodt, im Jorden, im Englen. Damals hatte sie genau gewusst, was ein Engelbrunch kostete und wie viel Brot beim Mittagstisch im Café Kindrodt serviert wurde, von den Preisen für Fassbier und Cappuccino ganz zu schweigen.

»Das ändert sich wirklich nie«, sagte sie und wusste, dass sie sich wie eine Auslandsdänin auf Heimaturlaub anhörte. In Wirklichkeit lag ihr letzter Besuch hier wohl nur zwei Jahre zurück. Sie hatte aus vielen verschiedenen Gründen einen Bogen um Århus gemacht.

»Ein wenig schon«, korrigierte Pernille, die noch immer mitten in der Stadt wohnte. »Die Cafés unten am Fluss machen den alten inzwischen ganz schön Konkurrenz. Aber bei den Preisen haben die das ja auch nicht besser verdient«, fügte sie hinzu.

»Lasst uns nicht länger um die Sache herumreden«, sagte Mette. »Wir können doch im Carlton einen Kaffee trinken und über alles sprechen.«

Sie holten sich Tee und Kaffee, setzten sich an den kleinen runden Tisch und musterten einander forschend. Mette brach als Erste das Schweigen.

»Ich glaube, Solveig hätte gewollt, dass wir uns über das Geld freuen. Das ist nicht verboten. Und es ist nicht unmöglich, zu trauern und sich gleichzeitig zu freuen.«

Ihre Worte schienen eine Blockade beseitigt zu haben. Sofort redeten alle drei wild durcheinander los. Bekannten, dass die Erbschaft eine große Hilfe sein werde und versprachen einander, sie in Solveigs Sinn zu verwenden.

»Und was ist mit Solveig? Und was ist mit ihrem Liebhaber, wenn sie denn einen hatte?«

Diese Frage hatte Mette gestellt. Sie fügte hinzu:

»Können wir diese Sache einfach so auf sich beruh en lassen und ansonsten ihr Geld ausgeben und vergessen, warum sie gestorben ist? Können wir das?«

Sie begegnete den Blicken der anderen. Isabel konnte es ihnen ansehen, und sie wusste es auch selber. Das konnten sie nicht. Sie trugen Verantwortung.

»Wir sollten lieber versuchen, ihn zu finden«, sagte sie leise und spürte, wie ein Wirbelwind aus unterschiedlichen Gefühlen sich durch den Schock, den sie in der Anwaltskanzlei bei der Verlesung des Testaments erlitten hatte, zu Wort meldete. Sie hatten diese Erbschaft nicht verdient, fand sie. Sie hatten nicht genug getan, hatten sich nicht gut genug um Solveig gekümmert. Als sie diese Gedanken ausgesprochen hatte, sah sie, dass die anderen ebenso empfanden.

»Ich weiß nicht, warum wir sie uns nie vorgeknöpft und dann versucht haben, etwas für sie zu tun«, gab Pernille zu. »Aber sie schien immer total abzublocken, wenn wir ein seltenes Mal versucht haben, ihren Panzer aus Nachdenklichkeit und Hilfsbereitschaft zu durchdringen. Und außerdem . . . ich glaube irgendwie, es hat ihr geholfen, anderen zu helfen. Ich glaube, das hat sie froh gemacht und ihre anderen Sorgen vergessen lassen.«

Mette fügte hinzu:

»Wir müssen ja zugeben, dass sie das wirklich gut gemacht hat. Sie hat so viel für uns getan. Immer hat sie uns auf irgendeine geheimnisvolle Weise Liebhaber besorgt. Aber sie selber scheint nie einen richtigen gehabt zu haben.«

Isabel musterte mit neckendem Lächeln eine nach der anderen.

»Solveig hätte eine Kontaktagentur aufmachen sollen.« »Aber lange gut gegangen ist es ja nicht immer«, meinte Mette, und Isabel wusste genau, woran sie dabei dachte.

JUNI 1982

METTE

Sie sehnte sich noch immer ein wenig nach ihm. Aber im tiefsten Herzen wusste sie, dass sie den richtigen Entschluss gefasst hatte. Wie hätte sie denn sonst mit gestrecktem Sommergalopp im Herzen und mit ihrer neuen Frisur und ihrer neuen Kleidung als Symbol dafür, dass hier eine ganz andere Frau des Weges kam, losziehen können? Als selbstständigere und selbstsicherere Frau.

Mette fuhr den Hang zu Isabels Wohnung im Thorsvej in Åbyhoj hinunter. Der Thorsbakken, wie Isabels Großmutter ihn nannte, war steil und eine arge Plage, wenn es nach oben ging. Aber jetzt ging es im Nu nach unten. Der Club der Unzertrennlichen traf sich bei Isabel, und Mette hatte mehr als eine Überraschung im Ärmel.

Als sie, ohne die Pedale zu berühren, den Hang hinuntersauste, atmete sie tief durch und genoss den Sommerduft des heißen Asphalts und des Parks, der sich auf der anderen Straßenseite den ganzen Hang hinunterzog. Eine Fußballmannschaft trainierte auf der Grünfläche neben dem Spielplatz, und ihre Stimmen waren noch auf der Straße zu hören. Die Luft war warm und roch nach Blumen. Das Leben hatte gerade erst angefangen.

Mit von der Bewegung heißem Körper stieg sie vom Rad und stellte es vor der Nummer 29 ab. Isabels Großmutter saß in einem Klappsessel vor ihrem Wohnzimmerfenster und las das »Familienjournal«. Sie trug eine hellblaue Strickjacke, Nylonstrümpfe und einen dicken Rock, obwohl es doch fast schon Hochsommer war.

»Ist dir denn nicht warm, Oma?«

Anfangs hatte sie Isabels Großmutter »Frau Jensen« genannt, aber diese Gewohnheit hatte sie recht bald abgelegt. Die alte Dame reagierte nicht, deshalb räusperte Mette sich laut.

»Hallo, Oma.«

Die Großmutter schaute auf. Sie kniff im Licht der untergehenden Sonne leicht die Augen zusammen. Ihr Gesicht hatte Farbe bekommen, und das stand ihr gut.

»Wer ist das? Ja, Himmel, bist du das, Mette? Ich hab dich nicht wiedererkannt!«

Mette drehte sich einmal um sich selber, um der Großmutter ihre neue Frisur vorzuführen.

»Du bist aber elegant. Das sieht richtig fesch aus!«

»Ist dir nicht zu heiß in den dicken Kleidern, Oma?« Das rief Mette fast. »Ist es nicht höchste Zeit, dass du dir ein Paar Shorts zulegst?«

»Nein. Himmel, nein. Von unten her gibt es einen so kalten Luftzug. Das sage ich Isabel auch immer. Ihr jungen Mädels solltet auf euren Unterleib achten. Ihr lauft doch fast nackt herum.«

Mette nickte zu Isabels Wohnung hinüber.

»Kennst du das Menü schon?«

Die Großmutter bekam in der Regel etwas ab, wenn die Freundinnen kochten. Aber nicht immer war ihr Magen so glücklich damit.

»Das klingt sehr gut«, sagte sie ohne weitere Begeisterung in der Stimme. »Ihr habt ja immer so gute Ideen.«

Mette lachte.

»Ich hoffe, du kannst es vertragen. Ich glaube, es gibt irgendein Currygericht. Und dir wären Frikadellen bestimmt lieber.«

Die Großmutter nickte.

»Ja«, sagte sie mit geheimnisvollem Grinsen. »Aber ich habe keine Lust, welche zu braten.«

Mette klopfte an und öffnete dann die Tür zu Isabels kleiner Zweizimmerwohnung. Isabel hatte sie nicht gehört, weü der Wasserhahn lärmte, im Duett mit der Rockgruppe Jethro Tull, nach der Isabel aus irgendeinem Grund verrückt war.

Pernille, die nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien, beugte sich in kurzem weißem Rock und Sandalen in unbequemer Haltung über das Spülbecken und säuberte das Gemüse. Isabel, üppig und fröhlich in türkisblauem Flatterrock, weißem T-Shirt und weißen Segeltuchschuhen, schnitt Fleisch in Würfel und summte bei einem Musikstück mit.

»Göttin! Wir haben eine neue Mette«, rief die bereits sommerbraune Solveig aus dem Wohnzimmer und übertönte damit den Lärm. Sie hatte mit ihren Eltern eine Woche auf Rhodos verbracht. Mette konnte gerade noch denken, dass sie jetzt aussah wie eine Reklame für irgendeinen gesunden Markenartikel, so, wie sie dastand in ihrem geknöpften Jeansrock, dem blaukarierten Hemd und den Espadrilles an den Füßen. Für irgendein Sonnenschutzmittel vielleicht.

Pernille legte das Messer beiseite und starrte durch die offene Tür auf den Flur.

»Das ist doch überhaupt nicht Mette«, erklärte sie. »Das ist eine alien.«

Sie nickte zu Mettes neuer, blauweiß gestreifter Hose hinüber.

Mette hatte au f diesen Augenblick und auf die Reaktion der anderen gewartet. Zum zweitenmal innerhalb weniger Minuten drehte sie sich um sich selber, um ihr neues Aussehen vorzuführen. Ein weiteres Mal machte sie sich klar, dass die Hose perfekt saß und ihren flachen Bauch und ihre Taille betonte, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie kam sich dünn und schön vor.

»Na, was sagt ihr? Jetzt sagt schon, dass es sautoll ist!«

»Es ist sautoll«, erklärte Solveig. »Meine Fresse, was für eine Veränderung. Darf ich mal anfassen?«

Mette spürte, wie Solveigs Hand über ihre frisch geschorenen Haare glitt, die wie Borsten von ihrer Kopfhaut abstanden.

»Igel«, neckte Solveig. »Was hast du dir da reingeschmiert? Irgendein Gelee oder so?«

»So ungefähr. Ich komme gerade vom Friseur«, gestand Mette.

Auch die beiden anderen wollten sie jetzt anfassen.

»Das fühlt sich wirklich witzig an. Bist du jetzt zum Punk geworden?«, fragte Isabel, während Pernille meinte:

»Das muss doch ein Vermögen gekostet haben. Neue Haare, neue Klamotten, neues Image.«

Mette dachte kurz, dass sie auf jeden Fall etwas Neues geworden sei. Und auch etwas mit einem Beigeschmack von Aufruhr.

»Christian und ich sind nicht mehr zusammen.«

Sie wusste, dass diese Nachricht wie eine Bombe einschlagen würde. Sie und Christian hatten sich ja nicht zerstritten, und dieses eine Mal hatte sie sich keiner der Freundinnen anvertraut, ehe sie ihren Entschluss gefasst hatte. Etwas in ihr selber hatte sich nicht mehr übersehen lassen. Ein Drang nach etwas Neuem und Spannendem und anderem, und die Angst vor dem Steckenbleiben.

»Aber warum denn bloß?«, fragte Solveig, und Mette konnte sehen, wie ihr Gesicht sich vor Überraschung verzog.

Sie nahmen im Wohnzimmer Platz. Isabel spielte die Gastgeberin, brachte eine kalte Flasche Weißwein und stellte Kartoffelchips und Salzstangen auf den Tisch.

Mette setzte sich auf das von der Großmutter geerbte Cretonne-Sofa, das so klein war, dass es nur für eine Platz bot. Sie schaute Solveig an. Und plötzlich fühlte sie sich absolut nicht mehr so fröhlich und selbstsicher. Sie hatte Solveig enttäuscht, das wusste sie.

»Wir passen nicht zueinander. Wirklich nicht.«

Es ärgerte sie, dass sie sich hier verteidigte.

Solveig musterte sie mit strengem Blick und nahm sich eine Hand voll Salzstangen.

»Du hast ja keine Ahnung, was du da verschmäht hast.«

Mettes Gereiztheit wuchs noch.

»Meinst du nicht, dass ich mehr Ahnung davon habe als du? Wenn du ihn so toll findest, warum hast du ihn dann nicht selber behalten?«

Sie wusste, sie hätte das nicht sagen dürfen, aber trotzdem redete sie jetzt unangefochten weiter.

»Du weißt immer so genau, was gut für andere ist. Aber warum suchst du dir nicht selber einen Liebhaber? Du bist doch verdammt noch mal hier diejenige, die alle tollen Typen kennt.«

Solveig sprang auf. Mette sah, dass sie unter ihrer Bräune leichenblass geworden war. Sie glaubte schon, Solveig werde in Tränen ausbrechen, doch Solveig ging nur zum Fenster, kehrte den anderen den Rücken zu und musterte die Spieler, die noch immer im Park mit Trainieren beschäftigt waren.

Pernille setzte sich mit ihrem Glas leise in eine Ecke, Isabel durchsuchte den Kasten mit den LPs und vertiefte sich demonstrativ ins Abstauben der ausgesuchten Platte.

»Das stimmt ja alles«, sagte Pernille freundlich. »Mette hat doch Recht. Schon seit dem Abifest damals . . . warum willst du nicht darüber reden? Vielleicht können wir dir ja helfen«, fügte sie ungeschickt hinzu.

Solveig drehte sich um. Plötzlich sah sie müde aus.

»Er ist so ein lieber Junge«, sagte sie nachdrücklich, und Mette spürte ihren Blick, der um die Erlaubnis bat, über Christian zu sprechen.

»Hör doch auf, Solveig. Steck nicht immer den Kopf in den Sand, wo du doch wirklich ein Problem hast«, sagte Isabel sanft und legte eine gedämpfte, klassische Aufnahme auf. »Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass wir darüber reden.«

Solveig wandte ihren Blick ab. Mette schämte sich plötzlich. Sie hatte das Gefühl, ein Tier in eine Ecke gejagt zu haben, Solveigs Angst schien dick in der gespannten Luft zu hängen.

»Darüber gibt es nichts zu bereden«, sagte Solveig und drückte sich gegen den Fensterrahmen. »Lasst mich in Ruhe. Das ist einfach nur passiert. Es hat keine Bedeutung.«

Natürlich hätten sie sie weiter bedrängen können, dachte Mette später. Natürlich hätten sie weiter bohren können, bis Solveig am Ende . . . ja, was? Bis sie zusammengebrochen wäre und alles gestanden hätte?

Sie fing Pernilles Blick auf und las darin Mitleid und Hilflosigkeit.

»Natürlich ist Christian ein lieber Junge«, sagte Pernille mit aufgesetzter Munterkeit. »Er ist ein Spitzentyp. Aber wir können ja schließlich nicht mit allen Spitzentypen auf der Welt zusammen sein.«

Mette nahm den Faden auf:

»Wenn er kein lieber Junge wäre, hätte ich es ja wohl nicht über ein Jahr mit ihm ausgehalten. Aber mir fehlt etwas. Intensität, Funkensprühen. Irgendetwas. Vielleicht fehlt mir ein Poul«, fügte sie hinzu und schaute Pernille an. Die verdrehte die Augen.

»Bitte sehr. Er gehört dir. Greif ruhig zu.«

»Das meinst du doch nicht im Ernst.«

Sie mussten eine ganze Weile über Poul und Pernille und deren Hund-und-Katze-Beziehung sprechen, ehe Solveig sich wieder setzte. Doch als sie die Weißweinflasche geleert hatten, lockerte ihre Stimmung sich ein wenig auf, und die gute Atmosphäre wurde wiederhergestellt.

»Poul ist nicht mein Freund. Er ist mein Liebhaber«, teilte Pernille mit. »Wir verstehen uns nicht. Es geht uns nur um reinen, puren Sex.«

»Wirklich?«, fragte Mette skeptisch, denn sie wusste genau, dass es noch anderes und mehr zwischen diesen beiden gab. Sie hatte Poul nicht sehr oft getroffen, aber er und Pernille schienen wirklich etwas zu teilen, was ihr bei Christian fehlte. Die Kombination von Verliebtheit und gegensätzlichen politischen Einstellungen schien eine Spannung in ihre Beziehung zu bringen, die Mette bei ihrer vermisst hatte. Pernille drohte immer wieder mit dem Bruch, wenn Poul zu irgendeiner ihrer Ansicht nach feindlichen Aktivität ansetzte. Was sehr häufig der Fall war, da er ja unleugbar der zweite Vorsitzende der Konservativen Jugend-Union war und alles, was Pernille wichtig war, ganz anders sah.

»Immer, wenn irgendwelche falsch informierten, wohlmeinenden Idioten die Welt retten wollen, geht es schief«, sagte Poul immer wieder neckend. »Wenn wir in Nordeuropawirklich eine atomwaffenfreie Zone einrichteten, glaubst du, dass Russland die bei Kriegsausbruch respektieren würde? Und wenn du Sozialismus willst, dann sieh dich doch in den Ostblockländern um. Nirgendwo geht es korrupter und ungerechter zu als da. Ganz zu schweigen davon, dass Meinungsfreiheit ein Dorf in Sibirien ist.«

»Die Sowjetunion«, korrigierte Pernille dann immer und blickte ihn dabei wütend an. Und dann feuerte sie los, mit ihren eigenen Argumenten über Klassenkampf und Kapitalisten, die durch ihr Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln immer die Unterdrücker sein würden, während alle anderen, Arbeiter und so weiter, unterdrückt waren. Poul hörte sich diese Predigten in der Regel geduldig an und lieferte erst danach seine Gegenargumente. Am Ende herrschte dann zwischen beiden eine Eisfront, aber wenn sie das nicht mehr ertragen konnten, versöhnten sie sich in einer dermaßen heißen Umarmung, dass es richtig peinlich war.

Als alles verzehrt war und die Großmutter wie immer in ihrem Wohnzimmer vor dem Fernseher bei einem Quiz wie ein Vögelchen gegessen hatte, teilten die anderen noch in aller Ruhe die letzte Flasche Rotwein.

Draußen war es noch immer hell. Abendliches Vogelgezwitscher drang durch die offene Verandatür herein, die den Essensgeruch davonziehen lassen sollte.

Isabel hatte wieder gedämpfte Musik aufgelegt. Es war irgendein klassisches Stück mit Geigen und allem, was dazugehört.

Mette machte es sich wieder auf dem Sofa bequem und zog die Beine an.

»Und jetzt, Freie Frauen«, fragte sie. »Was steht ansonsten auf der Tagesordnung?«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Isabel:

»Wir haben keinen Bock mehr auf das Thema Männer, oder?«

Solveig räusperte sich in ihrer Ecke, aus der heraus sie die anderen beobachtet hatte.

»Ich würde gern etwas sagen«, kam dann mit gepresster Stimme. »Über das, wovon wir vor dem Essen gesprochen haben. Über das, was damals passiert ist.«

Keine sagte etwas. Nur die Vögel zwitscherten noch immer, und ein einsames Moped ratterte den Thorsbakken hinunter.

»Ich möchte nur sagen, dass es besser ist, nicht darüber zu reden. Es hilft nichts«, sagte Solveig mit harter Stimme. »Das Einzige, was hilft, ist, es zu ignorieren. Und das habt ihr schon früher versprochen.«

»Aber du willst doch nicht«, begann Isabel, doch Solveig fiel ihr ins Wort.

»Und deshalb verlasse ich mich darauf, dass ihr mir auch in Zukunft helfen werdet.«

Pernille beugte sich vor und musterte sie eindringlich. Mette spürte, dass zwischen den beiden eine wortlose Kommunikation ablief. Jede schien die Gedanken der anderen lesen zu können.

Pernille seufzte resigniert.

»Du bist wirklich das starrköpfigste Kamel, das jemals über Gottes grüne Erde geschritten ist.«

Solveig lächelte versöhnlich.

»Dann ist das abgemacht.«

Als Mette durch den warmen Abend nach Hause fuhr, überlegte sie sich, wie schnell ein Menschenleben eine andere Richtung einschlagen kann. Wo wäre Solveig jetzt, wenn sie sich nicht an einem drei Jahre zurückliegenden Abend allein mit Alex in einem Zimmer aufgehalten hätte? Wo wäre sie selber, wo Pernille und Isabel?

Auf jeden Fall wäre alles ganz anders, das wusste Mette. Denn obwohl es nie erwähnt worden war, hatte dieses Erlebnis sie einander näher rücken lassen, wo andere vielleicht nach dem Gymnasium in unterschiedliche Richtungen getrieben worden wären. Die Vergewaltigung, dachte sie und entdeckte zu ihrer Überraschung, dass sie dieses Wort lange nicht mehr benutzt hatte. Die Vergewaltigung hatte auf irgendeine Weise zwischen ihnen eine Bindung verursacht, die sonst vielleicht zerrissen wäre.

Diese Gedanken riefen ihr Alex vor ihr inneres Auge. Was mochte aus ihm geworden sein? Vergewaltigte er die Frauen immer noch reihenweise, oder war es ein einmaliger Vorfall gewesen? Das war eigentlich nicht so wahrscheinlich. Wenn er es einmal gemacht hatte, konnte er es auch ein zweites Mal tun. Und dann wieder und wieder.

Sie hoffte, dass er erwischt worden war. Denn wie sie es auch drehte und wendete, er hätte schon längst vor Gericht gestellt werden müssen. Dafür hätten sie sorgen sollen. So, wie sie auch eine Möglichkeit hätten finden müssen, um Solveig zu helfen.

Sie seufzte in die Abendluft hinaus und philosophierte darüber, ob Schuldgefühle sich vielleicht mit dem Erwachsenwerden einstellten. Das Gefühl, den Augenblick nicht ergriffen, sondern ihn verstreichen lassen zu haben und auf diese Weise der Verantwortung ausgewichen zu sein.

In gewisser Hinsicht waren sie alle schuldig.

NOVEMBER 1997

Thomas war eine zweite Ausgabe von Pernille, lang wie eine Bohnenstange und windhunddünn. Allerdings hatte er seine langen Glieder und seinen schlaksigen Körper viel weniger unter Kontrolle. Seine Arme bewegten sich wie die Windmühlenflügel, wenn er in Erregung geriet und etwas Wichtiges erklären wollte. So wie jetzt, als Isabel irgendeinen Blödsinn über Fußball von sich gegeben hatte, seine große Leidenschaft.

»Du hast das ganz falsch verstanden. Du hast ja keine Ahnung, wovon du da redest«, sagte er mit rauer Stimmbruchstimme und fuchtelte dermaßen mit dem Arm, dass ein Milchkarton auf dem Tisch in akute Absturzgefahr geriet.

»Aber, aber, junger Mann«, tadelte Pernille. »So redet man nicht mit einer Dame, die deine eigene Mutter sein könnte.«

Isabel lachte.

»Ja, das wäre schön. Aber der Junge hat doch Recht. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass Peter Schmeichel je für Brondby gespielt hat.«

»Hast du schon alles gepackt, Schatz?«, fragte Pernille, um das Thema zu wechseln.

Der vierzehnjährige Thomas nickte mit dem Mund voll Käsebrot.

»Gut. Dann hol ich ein Taxi.«

Thomas schluckte. Einen Moment lang spielte er mit einem Stück Küchenpapier, das als Serviette diente.

»Ich hab gehört, wie ihr darüber geredet habt, dass Solveig vielleicht einen Freund hatte«, murmelte er.

»Hier hat wohl jemand lange Ohren, was?«, sagte seine Mutter. »Und was wäre, wenn?«

»Gar nichts natürlich. Ich meinte nur . . . das hätte ich euch schon längst sagen können.«

Isabel und Pernille tauschten einen überraschten Blick.

»Was hättest du?«, fragte Pernille, zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich an den Küchentisch. »Wovon redest du jetzt?«

Thomas schielte zu den beiden hinüber, wie nur ein unbeholfener Teenager mit Pickeln das kann.

»Ich bin ihr vor kurzem noch in der Stadt begegnet. Zusammen mit ihm . . . das war im Sommer. Sie saßen im Park.«

Er errötete leicht.

»Sie haben sich geküsst. Aber dann hat Solveig mich entdeckt, und dann war er plötzlich verschwunden.« »Verschwunden?«, fragte Isabel.

Thomas zuckte mit den Schultern.

»Er wollte sicher auf die Toilette. Ich habe ihn danach nicht mehr gesehen, obwohl ich noch eine Weile mit Solveig geredet habe.«

»Aber warum hast du mir das nie erzählt?«

Der Junge musterte seine Mutter resigniert.

»Ich konnte doch nicht wissen, dass das wichtig war. Und außerdem . . .«

»Außerdem was?«

»Ja, außerdem hat sie mich ausdrücklich gebeten, euch nichts zu sagen.«

Pernille kippte vor Verblüffung der Kopf nach hinten. »Warum denn das, um Himmels willen?«

»Woher soll ich das wissen?«

Er sah verletzt und wütend zugleich aus. Isabel ging auf, dass Solveig doch jahrelang für ihn wie eine Tante gewesen war, und dass er jetzt versuchte, ihr gegenüber loyal zu bleiben. Selbst jetzt, nach ihrem Tod, fiel es ihm offenbar schwer, sein Versprechen zu brechen.

»Es ist schon in Ordnung, wenn du uns das jetzt erzählst, Thomas«, sagte sie. »Vielleicht kann uns das helfen.«

»Wobei denn?«, fragte er.

Pernille und Isabel wechselten einen raschen Blick. Isabel wusste nicht, wie viel Pernille ihrem Sohn erzählt hatte. Dann sagte Pernille:

»Jemand hat einen Strauß frische Rosen auf ihr Grab gelegt. Wir würden gern mit ihm sprechen und mehr über Solveigs letzte Zeit erfahren. Du weißt doch, dass wir uns nicht mehr sooft gesehen haben.«

»Ja, warum eigentlich nicht?«, fragte er plötzlich. »Warum hast du sie im Stich gelassen, Mutter?«

Es war, als ob er mit einer unsichtbaren Peitsche zugelangt hätte. Pernille keuchte auf. Isabel rechnete mit einer Explosion von scharfen Pernille-Kommentaren, doch Pernille schien sich zusammenzureißen.

»Sprich nicht über Dinge, von denen du keine Ahnung hast, Knabe«, sagte sie freundlich. »Zu einer Freundschaft gehören zwei, und hier hat es auf beiden Seiten Versagen gegeben.«

Thomas schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Du meinst die alte Geschichte mit Vater?«

Er schüttelte den Kopf, bückte sich aber dennoch und gab seiner Mutter einen ungeschickten Kuss. »Das war doch nicht so schlimm«, murmelte er.

Pernille seufzte. »Solveig und ich waren nicht zerstritten, das weißt du. Aber am Ende sind wir einfach auseinander geglitten. Das hatte viele Gründe, Schatz«, sagte sie und musterte ihn liebevoll. »Aber du hast Recht, wenn du von Im-Stich-Lassen redest. Wir haben sie beide im Stich gelassen, und das war eine Schande. Eine richtige Schande, wie sie im Buche steht.«

Ihr Gespräch wurde von einer Autohupe unterbrochen. Thomas holte sich im Flur seine Jacke und warf sich die Tasche über die Schulter.

»Pass gut auf dich auf. Und bestell deinem Vater einen schönen Gruß.«

Sie winkten ihm beide hinterher, als er mit der Tasche im Nacken davonstürzte.

»Macht’s gut«, hörten sie ihn von der Treppe her rufen. »Du kannst gern meinen CD-Player benutzen, Isabel. Und vergiss nicht den Fahrradhelm, wenn du mein Rad nimmst.«

Seine Mutter schüttelte den Kopf.

»Dieser Musterknabe!«

Pernille räumte mit heftigen Bewegungen den Küchentisch ab.

»Der wird dir immer ähnlicher«, erklärte Isabel und wickelte die Ökobutter wieder ein.

»Äußerlich vielleicht. Beim Inneren bin ich mir nicht so sicher.«

»Ein bloßer Klon wäre doch auch langweilig. Glaubst du, Solveig fehlt ihm?«

Pernille band eine Schürze vor und machte sich an den Abwasch. »Schwer zu sagen. In den letzten zwei Jahren hatten sie ja nicht viel Kontakt. Aber ich glaube, er hat Sehnsucht nach der Zeit, wo das anders war. Damals wusste er immer, was er von uns zu halten hatte.«

»Was ist mit deinen Eltern? Die hat er doch noch?«

Pernille warf wütend die Spülbürste ins Wasser, das wild in die Luft spritzte.

»Die haben sich doch nie für ihn interessiert. Meine Mutter hatte sich natürlich eine Enkelin gewünscht, und mein Vater . . . der ist doch so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann.«

»Ist er krank?«

Pernille schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre blonde Pagenfrisur nur so flog.

»So habe ich das nicht gemeint. Ich meine, er ist viel zu sehr damit beschäftigt, den Märtyrer zu spielen, weil das Leben ihn seiner Ansicht nach so schlecht behandelt hat. Auf die Tour. Und deshalb hat Thomas nur mich und Peter und Solveig gehabt.«

Isabel wusste, dass Pernilles Bruder Peter inzwischen als Antiquitätenhändler in England lebte.

»Na ja, und natürlich auch seinen Vater«, sagte Pernille mit kurzem Lachen.

Isabel räusperte sich und sagte mit aufgesetztem Ernst:

»Den dürfen wir ja nicht vergessen.«

Sie griff nach einem Geschirrtuch und machte sich über die tropfende Bodumkanne her. Eine Weile schwiegen sie bei der Arbeit. Ein seltsames Schweigen, dachte Isabel. Keine schien es nach einem Gespräch zu verlangen. Es lag auch nicht die Erwartung in der Luft, die Weltsituation auf den Kopf zu stellen. Pernille hatte sich verändert. Sie war in ihren Aussagen weniger kategorisch, weniger kämpferisch gegenüber anderen, die andere Ansichten vertraten als sie selber. Und vielleicht auch toleranter, auch Menschen wie Isabel gegenüber, die sich einfach nicht für Politik engagieren konnten. Sie war weicher geworden, und Isabel fühlte sich in ihrer Gesellschaft wohl.

»Was ist mit dir?«, fragte Pernille plötzlich. »Willst du nie Kinder haben, oder darf ich dich danach nicht fragen?«

»Natürlich darfst du. Aber ich habe keine Antwort, abgesehen davon, dass ich mir diese Frage ja auch selber stelle. Aber erstens brauchte ich dann doch einen Mann, mit dem ich sie bekommen könnte.«

»Und zweitens?«

Isabel stellte die Kanne fort und sah Pernille an.

»Zweitens brauche ich die Garantie, dass ich ein Kind bekomme, das ich verstehen kann und das seine Mutter versteht.«

»Ha«, rief Pernille und ließ das Spülwasser aus dem Becken ablaufen. »Dann kannst du auch gleich ins Kloster gehen!«

SEPTEMBER 1982

ISABEL

Nach der letzten Unterrichtsstunde am Freitag gab es immer Kaffee bei der Großmutter. An diesem Tag hatte sie einen Gewürzkuchen gebacken, nach dem das ganze Haus duftete.

»Deine Mutter hat angerufen. Sie bittet um Rückruf.«

Isabel ließ sich auf das Sofa fallen. Sie wusste, worum es hier ging. Sie hatte versprochen, später an diesem Nachmittag ihr altes Zimmer auszuräumen. Henry, der neue Bekannte ihrer Mutter, mit dem diese seit drei Wochen zusammen war, wollte einziehen. Isabel war ihm ein einziges Mal bei einem Essen zu Hause begegnet, bei dem er sich ziemlich betrunken, Gassenhauer geschmettert und ihre Mutter in den Hintern gekniffen hatte.

»Nachher. Ich muss mich erst ein bisschen ausruhen.«

Wie immer half sie dabei, den Kacheltisch zu decken.

Es war ein frischer Septembertag, und die Großmutter hatte die weißen, durchsichtigen Vorhänge zurückgezogen, so dass sie den Park sehen konnten. Eine ganze Kinderschar war wie ein emsiger kleiner Bienenschwarm über den Spielplatz hergefallen.

»Hast du deine Tochter jemals verstanden, Oma?«

Die Großmutter machte ein neutrales Gesicht. Isabel kannte ihre Versuche, sich unparteiisch zu verhalten. Die Großmutter wollte Sonne und Wind immer gleich verteilen, doch ab und zu ließ sie sich doch zu Aussagen verlocken, die ihre wirklichen Gefühle verrieten.

Isabel ließ nicht locker:

»Ich verstehe sie nicht. Und sie versteht mich auch nicht.«

»Unsinn«, schnaubte die Großmutter. »Deine Mutter hat es nicht leicht gehabt, vergiss das nicht. Die Scheidung hat ihr schrecklich zu schaffen gemacht«, fügte sie hinzu und ließ Zuckerstücke in ihren Kaffee fallen.

Isabel beugte sich vor und nahm sich ein Stück Kuchen.

»Aber das war doch ihre eigene Schuld«, sagte sie und dachte an die alles andere als diskreten Affären ihrer Mutter. »Warum haben wir so wenig Ähnlichkeit miteinander . . . warum habt ihr so wenig Ähnlichkeit miteinander? Woher hat sie ihre Unruhe und ihr zigeunerhaftes Aussehen? Doch nicht von Opa?«

Sie hatte ihren Großvater niemals kennen gelernt, aber immerhin hatte sie Bilder gesehen. Ihm verdankte sie ihre rundlichen Formen. Ihre Großmutter lachte leise vor sich hin.

»Nein, da kannst du wohl Recht haben«, sagte sie und musterte Isabel neckend. »Aber die Familie soll ja Landfahrerblut in den Adern haben. Ich glaube, bei deinem Onkel Georg war das zu sehen. Und er war auch immer ein wenig wild.«

»Kannst du mir verraten, warum sie ständig die Männer wechseln muss?«, fragte Isabel und hörte zu ihrem Ärger die Empörung in ihrer Stimme.

Die Großmutter machte wieder ihr neutrales Gesicht.

»Jetzt hat sie ja Henry. Deine Mutter war nie gern allein.«

Isabel konnte ein schallendes Lachen nicht unterdrücken. Sie musste sich die Hand vor den Mund schlagen, um die Kuchenkrümel zurückzuhalten.

»Henry! Der soll ihr Gesellschaft leisten? Warum legt sie sich dann nicht lieber einen Hund zu?«

Die Großmutter schwieg. Isabel wusste, dass sie auch nicht gerade begeistert von Henry war und ihn deshalb nicht mit gutem Gewissen verteidigen konnte.

»Was ist mit dir, Oma?«, Isabel ließ nicht locker. »Warum ziehst du nicht zu Mutter, damit sie nicht allein ist?«

Die Großmutter sah ehrlich entsetzt aus. Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass die schütteren selbst gelegten Locken nur so wippten.

»Wer so viele Jahre hindurch Kinder gehabt hat, muss auch ein wenig allein sein.«

Isabel lächelte zufrieden.

»Du kannst sie also auch nicht ausstehen?«

»Das habe ich nicht gesagt«, erklärte die Großmutter und bedachte sie mit ihrem Adlerblick.

Isabel schwieg einen Moment und sah sie an. Der Sommer hatte der Großmutter gut getan, sie sah gesund aus. Doch jetzt kamen Herbst und Winterkälte, die durch die undichten Ritzen drang und aus dem Keller nach oben stieg. In jedem Winter schien die Großmutter plötzlich ein wenig kleiner zu werden.

Sie streckte die Hand aus und nahm die knochige Hand der Großmutter. Die war warm und stark, und das beruhigte sie.

»Kleines Omichen«, sie benutzte den Kosenamen von früher. »Ich würde dir auch nie erlauben, wegzuziehen.«

Das Haus in Hasle erinnerte sie viel, viel zu sehr an ihre Kindheit. Isabel ging so selten hin, wie es nur möglich war. Doch ab und zu ließ es sich eben nicht vermeiden.

Um nicht mehrere Stunden allein mit ihrer Mutter verbringen zu müssen, hatte sie Solveig gebeten, sich in ihrem neuen Auto einzufinden. Das war natürlich ein Geschenk von Solveigs Vater. Isabel hatte nicht genug Platz für alle ihre Habseligkeiten, deshalb hatte Solveig angeboten, sie in ihrer Rumpelkammer zu lagern.

Die Wohnstraße sah aus wie alle anderen Wohnstraßen auch. Die Häuser waren in den sechziger Jahren von Architekten entworfen worden, die davon ausgingen, dass jede Familie aus Mutter, Vater und drei Kindern bestand, und ähnelten einander aufs Tristeste. Isabels Eltern waren aus Årslev hergezogen, als ihre Mutter Helle erwartet hatte, während der Vater als Produktionsleiter in Frichs Maschinenfabrik gearbeitet hatte.

Der Widerwille bohrte sich wie Nadeln in ihr Gemüt, als sie vor der Auffahrt das Fahrrad abstellte. Als sie den Windfang betrat und den vertrauten heimischen Geruch in sich aufnahm, krampfte sich ihr der Magen zusammen. Doch die Familie, die sie einmal gehabt hatte, existierte nicht mehr. Ihre sechs Jahre ältere Schwester, Helle, hatte sich bei der Scheidung für den Vater entschieden und war mit ihm an seinen neuen Arbeitsplatz Odense gezogen. Welche Ironie des Schicksals, hatte Isabel gedacht, denn Helle war die wildere von beiden gewesen. Die, die der Mutter aussehens- und wesensmäßig am meisten ähnelte. Sie selber und Helle hatten nie besonders aneinander gehangen, sicher, weil sie so unterschiedlich gewesen waren. Sie trafen sich bisweilen, meistens bei den wenigen Familienfesten, die immer noch begangen wurden. Doch ihre Mutter litt weiterhin darunter, dass Helle sich zwölf Jahre zuvor auf die Seite ihres Vaters gestellt hatte, und Isabel hatte im tiefsten Herzen immer gewusst, dass sie lieber Helle behalten hätte als sie selber.

Sie hörte Schritte und sah durch die Rauchglasfenster in der Tür eine verschwommene Gestalt.

»Na, da bist du ja endlich«, sagte ihre Mutter als Willkommensgruß und führte sie in ihrem neuen rosa Trainingsanzug ins Wohnzimmer. Nicht, weil die Mutter – auch wenn sie weiterhin gertenschlank war – ein Sportsmensch gewesen wäre, aber das war offenbar auch nicht nötig, solange sie sportlich aussah.

Wie schon sooft dachte Isabel, dass ihre Mutter aussah wie eine Wahrsagerin, mit ihren großen runden Goldohrringen und ihren ihrer Aussage nach von Natur aus nachtschwarzen Locken. Während Isabels Haut hell war und kaum Sonne vertragen konnte, ohne einen krebsroten Farbton anzunehmen, hatte ihre Mutter einen tief olivenbraunen Teint. Sie war dazu eine eifrige Sonnenanbeterin und Winterbaderin, deshalb war schwer zu sagen, was nun ihre natürliche Farbe war. Überhaupt war es schwer, bei ihrer Mutter Natur und Kunst zu trennen, wie Isabel boshaft dachte.

»Möchtest du Tee?«

Isabel schüttelte höflich den Kopf.

»Ich hab eben erst bei Oma Kaffee getrunken.«

»Aber irgendwas möchtest du doch sicher?«

»Dann gib mir ein Mineralwasser.«

Während sie wartend im Wohnzimmer saß, fand ihr Blick die vertrauten Gegenstände, die sie immer mit dem Wort »Zuhause« verbinden würde. Sie standen genauso da wie immer. Auf der Fensterbank alle die königlichen Porzellanfiguren in Reih und Glied, garantiert peinlich sorgfältig abgestaubt, denn ihre Mutter litt an unbehandeltem Waschzwang allererster Güte. An der Wand über dem Sofa hingen die Weihnachtsbilder von Bing und Grøndahl, von denen die Frauen der Familie, auch die Großmutter, immer behaupteten, sie seien ein Vermögen wert. Auf dem Ecksofa lagen Kissen, die nur zur Zierde dienten; die Mutter, eine tüchtige Handarbeiterin, hatte alles selber bestickt; die Disteln wie die Milcheimer. Und dann gab es noch das Klavier, ein großes Hornung & Møller, an dem Isabel erstmals entdeckt hatte, dass etwas sie dermaßen gefangen nehmen konnte, dass sie in eine ganz andere Welt versetzt wurde.

Alles sah so aus wie damals. Wie ein Denkmal für das, was einmal eine Familie gewesen war. Sicher waren sie nicht mehr und nicht weniger glücklich gewesen als andere Familien. Einfach eine normale Familie mit Vater, Mutter, zwei Kindern, einem Hund und einer Großmutter, die immer wie ein Sonnenstrahl von rechts eingeflogen kam und ihre liebevollen Strahlen über alle leuchten ließ. Ganz zu schweigen von Onkel Georg, der inzwischen verstorben war, der aber immer für lustige Stimmung gesorgt hatte.

Isabel spürte, wie die Sehnsucht sich in langsamen Wellen näherte. Wie sehr sehnte sie sich nach diesem entsetzlichen, völlig chaotischen Haushalt, der nach der Scheidung nie wieder so wie früher geworden war. Ein Jahr später war Onkel Georg gestorben, der mit seiner Harmonika immer die ganze Familie in Schwung gebracht hatte. Isabel sehnte sich sogar nach den schrägen Tönen seiner Quetsche: »Das Mädel von Fünen«, »Der Schneewalzer«, »Katinka, Katinka . . .« Ob sie ihre musikalische Begabung vom Onkel geerbt hatte? Vielleicht hatte auch sie ein wenig vom Landfahrerblut der Familie abbekommen.

Sie hatte seit Jahren nicht mehr in ihrem alten Zimmer geschlafen. Aber das Wissen, dass es vorhanden war, war ihr immer wie eine Art Rettungsring vorgekommen. Es war ein seltsames Gefühl, dass es von nun an nicht mehr ihr Zimmer sein würde.

Nach einigem Hin und Her beschlossen sie, einfach alles unsortiert in Kartons zu packen. Isabels Mutter hatte einige alte Umzugskartons aus dem Keller geholt, und bald waren vier davon bis zum Rand mit Büchern und Kleidungsstücken, mit alten Lampen und allem möglichen Kram voll gestopft. Alles, was weggeworfen werden konnte, landete in schwarzen Plastiksäcken.

»Sieh mal, was ich gefunden habe. Die willst du doch sicher mit in den Thorsvej nehmen?«

Ihre Mutter saß auf dem Boden und blätterte in Isabels alten Fotoalben, die bis zum Beginn der siebziger Jahre zurückreichten.

Isabel beobachtete derweil ihr Gesicht. Zuerst zeigte es eifrige Neugier, und die Ohrringe baumelten nur so, während der Blick die Bilder in sich hineinsaugte. Doch dann verstummte das leise Klimpern, und das Wetter im Zimmer schien von sonnig auf bewölkt überzuwechseln. Isabel ging in die Hocke. Das Bild zeigte sie und Helle kurz vor dem Scheidungsdrama. Sie war zehn, Helle war sechzehn, und nur selten hatten zwei Schwestern so unterschiedlich ausgesehen wie die beiden vor dem Campingwagen während der letzten Deutschlandferien der Familie. Das Foto zeigte ein ernstes, untersetztes Mädchen in Jeans, das seine Nase nur widerwillig von seinem Buch gehoben hatte. Neben ihr saß ein magerer, angespannt aussehender Teenager in Shorts mit schwarzen Locken, witzigem Strohhut und einem überaus strahlenden, einnehmenden Lächeln.

»Wie es ihr wohl geht? Wir haben schon lange nichts mehr von ihr gehört«, sagte ihre Mutter leise.

Helle hatte eine Ausbildung als Kosmetikerin gemacht und lebte seit zwei Jahren in Los Angeles. Sicher mit der Hoffnung auf eine Karriere in Hollywood.

»Wie sie heute wohl aussieht?«

Vorsichtig nahm Isabel ihrer Mutter das Fotoalbum weg und klappte es zu.

»Sie sieht dir doch ähnlich, Mutter.«

Ihre Mutter stieß ein Schnauben aus, das eine Mischung aus Weinen und Lachen war.

»Als Kind war sie ein richtiger Wildfang. Und sie hat immer gern einen losgemacht. Wenn sie Ähnlichkeit mit mir hat, dann hat sie sicher viele Verehrer«, sagte sie sehnsüchtig. »Das hatte ich, als ich jung war.«

Ihre Blicke trafen sich. Isabel spürte die Ohnmacht, die sie überkam und schwindelig machte. Und wie schon so oft, dachte sie: Wenn ich mich in Helle verwandeln könnte, würde ich das auf der Stelle tun.

Als Solveig dann endlich auftauchte, war das eine Erleichterung. Sie schnallten Isabels Fahrrad auf den Dachgepäckträger und stopften die vier Umzugskartons in den kleinen Mazda, wo dann für sie selber kaum noch Platz war.

»Hol mich hier raus«, murmelte Isabel, als sie nebeneinander im Wagen saßen.

»Mit Vergnügen, gnä’ Frau. Wo soll’s denn hingehen?«

Isabel hörte ihre eigene heisere Stimme:

»Ich will so richtig einen losmachen.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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9788711457917
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