Kitabı oxu: «Die Eroberung von Plassans»

Şrift:

Emile Zola

Die Eroberung von Plassans

Übersetzt

Gerhard Schewe

Saga

Die Eroberung von Plassans ÜbersetztGerhard Schewe Original La conquête de PlassansCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1874, 2020 Emile Zola und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726683301

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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KAPITEL I

Désirée klatschte in die Hände. Sie war ein Kind von vierzehn Jahren, kräftig für ihr Alter und hatte das Lachen eines fünfjährigen Mädchens.

„Mama, Mama!“ rief sie. „Sieh mal, meine Puppe!“

Sie hatte ihrer Mutter ein Stückchen Stoff weggenommen, an dem sie seit einer Viertelstunde herumarbeitete, um eine Puppe daraus zu machen, indem sie es zusammenrollte und an einem Ende mit Hilfe eines Fädchens abschnürte.

Marthe blickte von dem Strumpf auf, den sie mit einer Sorgfalt stopfte, die man bei einer Stickerei aufwendet. Sie lächelte Désirée zu.

„Das ist ja ein Wickelkind“, sagte sie. „Da nimm, mach eine Puppe. Du weißt, sie muß einen Rock haben wie eine Dame.“ Sie gab ihr einen Flicken Indienne, den sie auf ihrem Arbeitstisch fand; dann machte sie sich wieder sorgsam über ihren Strumpf her.

Sie saßen beide an einem Ende der schmalen Terrasse, das Mädchen auf einer Fußbank zu Füßen der Mutter. Die untergehende Sonne, eine noch warme Septembersonne, badete sie in ruhigem Licht, während der Garten vor ihnen schon in grauem Schatten einschlief. Kein Geräusch stieg draußen von diesem verlassenen Winkel der Stadt auf. Unterdessen arbeiteten sie schweigend reichlich zehn Minuten. Désirée gab sich unendliche Mühe, ihrer Puppe einen Rock zu machen.

Hin und wieder hob Marthe den Kopf und betrachtete das Kind mit etwas trauriger Zärtlichkeit. Als sie sah, daß es Désirée sehr schwerfiel, fing sie wieder an:

„Warte, ich werde ihr die Arme ansetzen.“

Sie nahm die Puppe, als zwei große Burschen von siebzehn und achtzehn Jahren die Freitreppe herabkamen. Sie küßten Marthe.

„Schimpf nicht mit uns, Mama“, sagte Octave heiter. „Ich habe Serge zur Musik mitgenommen . . . Es waren viele Leute auf dem Cours Sauvaire!“

„Ich habe geglaubt, ihr wäret im Gymnasium aufgehalten worden“, murmelte die Mutter, „sonst wäre ich recht unruhig gewesen.“

Aber Désirée hatte sich, ohne weiter an die Puppe zu denken, Serge an den Hals geworfen und klagte ihm laut:

„Mir ist ein Vogel weggeflogen, der blaue, den du mir geschenkt hast.“ Sie hätte am liebsten geweint. Ihre Mutter, die diesen Kummer vergessen glaubte, zeigte ihr vergeblich die Puppe. Sie hielt ihren Bruder am Arm, und während sie ihn zum Garten hinzog, wiederholte sie mehrmals: „Komm sehen!“ Serge folgte ihr in seiner bereitwilligen Sanftheit und suchte sie zu trösten. Sie führte ihn zu einem kleinen Gewächshaus, vor dem ein Käfig auf einen Sockel gestellt war. Dort erklärte sie ihm, daß der Vogel in dem Augenblick entflohen sei, als sie die Tür geöffnet habe, um ihn daran zu hindern, sich mit einem anderen zu balgen.

„Bei Gott! Das ist nicht verwunderlich“, rief Octave, der sich auf das Terrassengeländer gesetzt hatte, „sie ist immerzu dabei, sie anzufassen, sie sieht nach, wie sie beschaffen sind und was sie in der Kehle haben zum Singen. Neulich hat sie sie einen ganzen Nachmittag lang in ihren Taschen spazierengetragen, damit sie es schön warm hatten.“

„Octave!“ sagte Marthe in vorwurfsvollem Ton. „Quäle das arme Kind doch nicht.“

Désirée hatte nichts gehört. Sie erzählte Serge in allen Einzelheiten, auf welche Weise der Vogel weggeflogen war.

„Siehst du, so ist er entwischt, er hat sich nebenan auf Herrn Rastoils großen Birnbaum gesetzt. Von da ist er hinten auf den Pflaumenbaum gehüpft. Dann ist er über meinen Kopf wieder zurückgekommen und ist in die hohen Bäume der Unterpräfektur 1 geflogen, wo ich ihn nicht mehr gesehen habe, nein, überhaupt nicht mehr.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Vielleicht kommt er wieder“, wagte Serge einzuwerfen.

„Meinst du? — Ich möchte die anderen am liebsten in eine Schachtel sperren und den Käfig die ganze Nacht über offenlassen.“

Octave konnte nicht umhin zu lachen; aber Marthe rief Désirée zurück.

„Komm doch mal sehen, komm doch mal sehen!“

Und sie hielt ihr die Puppe hin. Die Puppe war prächtig, sie hatte einen steifen Rock, einen aus einem Stoffbausch geformten Kopf, und ihre Arme waren aus einem Band gemacht und an den Schultern festgenäht. Eine plötzliche Freude erhellte Désirées Gesicht. Sie setzte sich wieder auf die Fußbank, dachte nicht mehr an den Vogel, küßte die Puppe, wiegte sie mit kleinmädchenhafter Kindlichkeit in der Hand.

Serge war neben seinen Bruder getreten und stützte sich mit den Ellenbogen auf das Terrassengeländer. Marthe hatte ihren Strumpf wieder zur Hand genommen.

„Nun“, fragte sie, „hat die Musik gespielt?“

„Sie spielt jeden Donnerstag“, antwortete Octave. „Es ist nicht recht von dir, Mama, nicht hinzukommen. Die ganze Stadt ist da, die Fräulein Rastoil, Madame de Condamin, Herr Paloque, die Frau und die Tochter des Bürgermeisters . . . Warum kommst du nicht?“

Marthe blickte nicht auf; sie murmelte, während sie ein Loch fertigstopfte:

„Ihr wißt doch, Kinder, daß ich nicht gerne fortgehe. Ich bin hier so ungestört. Außerdem muß jemand bei Désirée bleiben.“

Octave öffnete die Lippen, aber er sah seine Schwester an und schwieg. Er blieb da, pfiff leise vor sich hin, schaute zu den Bäumen der Unterpräfektur hoch, die vom Spektakel schlafen gehender Spatzen erfüllt waren, und musterte Herrn Rastoils Birnbäume, hinter denen die Sonne unterging. Serge hatte ein Buch aus seiner Tasche hervorgeholt, das er aufmerksam las. Es herrschte eine andächtige, von stummer Zärtlichkeit warme Stille bei dem angenehmen gelben Licht, das nach und nach auf der Terrasse verblich. Marthe, die inmitten dieses Abendfriedens keinen Blick von ihren drei Kindern ließ, machte lange, regelmäßige Stiche.

„Kommt denn heute alles zu spät?“ fing sie nach einer Weile wieder an. „Es ist gleich sechs Uhr, und euer Vater kommt nicht nach Hause . . . Ich glaube, er ist nach Les Tulettes hinübergegangen.“

„Ach ja!“ sagte Octave. „Dann ist das nicht verwunderlich . . . Die Bauern von Les Tulettes lassen ihn nicht mehr los, wenn sie ihn haben . . . Handelt es sich um einen Weinkauf?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Marthe, „ihr wißt ja, daß er nicht gern von seinen Geschäften spricht.“

Von neuem trat Schweigen ein. Im Wohnzimmer, dessen Fenster zur Terrasse hin weit offenstand, deckte die alte Rose seit einer Weile den Tisch und klapperte mit dem Geschirr und dem Tafelsilber. Sie schien sehr schlechter Stimmung zu sein, stieß die Möbel hin und her und brummelte abgehackte Worte. Dann pflanzte sie sich an der Tür zur Straße auf, reckte den Hals und schaute in die Ferne zum Place de la Sous-Préfecture. Nach einigen Minuten Wartens kam sie auf die Freitreppe und rief:

„Na, kommt Herr Mouret nicht zum Abendessen nach Hause?“ „Doch, Rose, warten Sie“, antwortete Marthe friedfertig.

„Es brennt nämlich alles an. Da ist kein Sinn und Verstand bei. Wenn der Herr solche Ausflüge unternimmt, sollte er doch vorher Bescheid sagen . . . Mir ist es ja schließlich gleichgültig. Das Abendessen wird nicht zu genießen sein.“

„Glaubst du, Rose?“ sagte hinter ihr eine ruhige Stimme. „Wir werden es trotzdem verspeisen, dein Abendessen.“ Das war Mouret, der nach Hause kam.

Rose wandte sich um, sah ihrem Herrn ins Gesicht, war gleichsam drauf und dran loszuplatzen; aber angesichts der absoluten Ruhe dieses Antlitzes, in dem ein Schimmer bürgerlicher Spottlust hervorbrach, fiel ihr nicht ein Wort ein, und sie machte sich davon.

Mouret ging auf die Terrasse hinunter, wo er, ohne sich hinzusetzen, umherstapfte. Er begnügte sich damit, Désirée, die ihm zulächelte, mit den Fingerspitzen einen leichten Klaps auf die Wange zu geben. Marthe hatte aufgeblickt; nachdem sie ihren Gatten angesehen hatte, schickte sie sich an, ihr Nähzeug in ihren Tisch zu räumen.

„Sind Sie nicht müde?“ fragte Octave, der auf die weißbestaubten Schuhe seines Vaters sah.

„Doch, ein bißchen“, antwortete Mouret, ohne weiter von dem langen Weg zu sprechen, den er eben zu Fuß zurückgelegt hatte. Aber er erblickte mitten im Garten einen Spaten und eine Harke, die die Kinder wohl dort vergessen hatten. „Warum werden die Geräte nicht wieder reingebracht?“ schrie er. „Ich habe es hundertmal gesagt. Wenn es geregnet hätte, wären sie verrostet.“ Er ärgerte sich nicht weiter. Er ging in den Garten hinunter, holte selber den Spaten und die Harke, die er hinten in dem kleinen Gewächshaus sorgsam aufhängte. Während er wieder zur Terrasse hinaufstieg, durchstöberte er mit den Augen alle Winkel der baumbestandenen Gartenwege, um zu sehen, ob alles schön aufgeräumt war.

„Lernst du deine Schulaufgaben?“ fragte er, als er an Serge vorbeikam, der nicht von seinem Buch abgelassen hatte.

„Nein, Vater“, antwortete der Junge. „Das ist ein Buch, das mir Abbé Bourrette geliehen hat, der Bericht über die ,Missionen in China‘.“

Mouret blieb plötzlich vor seiner Frau stehen.

„Was ich fragen wollte“, begann er, „ist niemand gekommen?“ „Nein, niemand, mein Freund“, sagte Marthe mit überraschter Miene.

Er wollte weitersprechen, schien sich aber anders zu besinnen. Er stapfte noch eine Weile umher, ohne irgend etwas zu sagen, ging dann zur Freitreppe vor und rief:

„Na, Rose! Und das Abendessen, das anbrennt?“

„Wahrhaftig!“ schrie hinten aus dem Hausflur die wütende Stimme der Köchin. „Jetzt ist nichts mehr fertig, alles ist kalt. Sie müssen warten, Herr Mouret!“

Mouret lachte still vor sich hin; er blinzelte mit dem linken Auge und schaute dabei seine Frau und seine Kinder an. Roses Zorn schien ihn sehr zu ergötzen. Dann vertiefte er sich in den Anblick der Obstbäume seines Nachbars.

„Es ist verblüffend“, murmelte er, „Herr Rastoil hat dieses Jahr prächtige Birnen.“

Marthe, die seit einer Weile unruhig war, schien eine Frage auf den Lippen zu liegen. Sie entschloß sich und sagte schüchtern:

„Hast du heute jemanden erwartet, mein Freund?“

„Ja und nein“, antwortete er und fing an, auf und ab zu wandern.

„Hast du etwa das zweite Stockwerk vermietet?“

„Ja, in der Tat, ich habe es vermietet.“ Und da ein verlegenes Schweigen entstand, fuhr er mit friedfertiger Stimme fort: „Heute früh, ehe ich nach Les Tulettes aufbrach, bin ich zu Abbé Bourrette hinaufgegangen. Er hat mir sehr zugesetzt, und, meiner Treu, da habe ich zugesagt . . . Ich weiß wohl, daß es dich verdrießt. Denk bloß mal ein bißchen nach, du bist unvernünftig, meine Gute. Wir brauchen diesen zweiten Stock überhaupt nicht; er verfällt. Das Obst, das wir in den Zimmern aufbewahrten, hat dort eine Feuchtigkeit aufkommen lassen, die die Tapeten ablöste . . .Weil ich gerade daran denke, vergiß nicht, das Obst gleich morgen wegschaffen zu lassen: unser Mieter kann jeden Augenblick eintreffen.“

„Wir fühlten uns doch so wohl, allein in unserem Haus“, ließ sich Marthe mit halblauter Stimme entschlüpfen.

„Ach was!“ entgegnete Mouret. „Ein Priester, der stört nicht sehr. Er lebt für sich und wir für uns. Diese Schwarzröcke, die verstecken sich, um ein Glas Wasser hinunterzugießen . . . Du weißt, wie gerne ich sie habe. Faulenzer größtenteils . . . Na ja! Das hat mich ja gerade zum Vermieten bewogen, daß ich einen Priester gefunden habe. Bei denen ist nichts wegen des Geldes zu befürchten, man hört sie nicht einmal den Schlüssel ins Schloß stecken.“

Marthe blieb untröstlich. Sie betrachtete um sich her das glückliche, in der scheidenden Sonne badende Haus, den Garten, in dem der Schatten grauer wurde; sie betrachtete ihre Kinder, ihr eingeschlafenes Glück, das dort in diesem engen Winkel lag. „Und weißt du, wer dieser Priester ist?“ begann sie wieder. „Nein, aber Abbé Bourrette hat in seinem Namen gemietet, das genügt. Abbé Bourrette ist ein biederer Mann . . . Ich weiß, daß unser Mieter Faujas heißt, Abbé Faujas, und daß er aus der Diözese Besançon kommt. Er wird sich mit seinem Pfarrer nicht haben verstehen können; man wird ihn hier an der Kirche Saint-Saturnin zum Vikar ernannt haben. Vielleicht kennt er unseren Bischof, Monsignore Rousselot. Schließlich sind das nicht unsere Angelegenheiten, verstehst du . . . Ich, ich verlasse mich in alldem auf Abbé Bourrette.“

Marthe beruhigte sich allerdings nicht. Sie bot ihrem Gatten Widerpart, was bei ihr selten vorkam.

„Du hast recht“, sagte sie nach kurzem Schweigen, „der Abbé ist ein ehrenwerter Mann. Nur erinnere ich mich, daß er mir, als er gekommen ist, um die Wohnung zu besichtigen, gesagt hat, er kenne denjenigen nicht, in dessen Namen zu mieten er beauftragt sei. Das ist einer von diesen Aufträgen, wie man sie sich unter Priestern von einer Stadt zur anderen erteilt . . . Es scheint mir, du hättest nach Besançon schreiben, dich erkundigen können, um schließlich zu wissen, wen du bei dir aufnimmst.“ Mouret wollte sich nicht aufregen; er lachte selbstgefällig.

„Es ist nicht der Teufel, vielleicht . . . Du zitterst ja am ganzen Körper. Ich wußte nicht, daß du so abergläubisch bist. Du glaubst doch wenigstens nicht, daß die Priester Unglück bringen, wie man sagt. Sie bringen auch kein Glück, das stimmt. Sie sind wie andere Menschen . . . Na schön! Wenn dieser Abbé da ist, wirst du sehen, ob mir eine Soutane Angst einjagt!“

„Nein, ich bin nicht abergläubisch, das weißt du“, murmelte Marthe. „Ich bin irgendwie sehr betrübt, das ist alles.“ Er pflanzte sich vor ihr auf, er unterbrach sie mit einer barschen Handbewegung.

„Das genügt, nicht wahr?“ sagte er. „Ich habe vermietet, sprechen wir nicht mehr davon.“ Und im spöttischen Ton eines Bürgers, der ein gutes Geschäft abgeschlossen zu haben glaubt, fügte er hinzu: „Klipp und klar ist jedenfalls eines, ich habe für hundertfünfzig Francs vermietet. Das sind hundertfünfzig Francs mehr, die jedes Jahr ins Haus kommen.“

Marthe hatte den Kopf gesenkt, erhob nur noch durch ein unbestimmtes Wiegen der Hände Einspruch, wobei sie sacht die Augen schloß, wie um die Tränen, von denen ihre Lider ganz geschwollen waren, nicht herabrinnen zu lassen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihre Kinder, die während der Auseinandersetzung, die sie eben mit ihrem Vater hatte, nicht zugehört zu haben schienen, weil sie zweifellos an solche Auftritte gewöhnt waren, in denen sich Mourets spottsüchtige Laune gefiel.

„Wenn Sie nun essen wollen, können Sie kommen“, sagte Rose mit ihrer mürrischen Stimme und trat dabei auf die Freitreppe vor.

„Recht so. Zum Essen, Kinder!“ rief Mouret fröhlich und schien nicht die geringste schlechte Stimmung zu behalten.

Die Familie erhob sich. Da brach in Désirée, die in ihrer armen Einfalt ernst geblieben war, der Schmerz gleichsam wieder auf, als sie jedermann sich bewegen sah. Sie warf sich ihrem Vater an den Hals und stammelte:

„Papa, mir ist ein Vogel weggeflogen.“

„Ein Vogel, mein Liebling? Wir werden ihn wieder einfangen.“ Und er liebkoste sie, er gab sich sehr schmeichlerisch. Aber auch er mußte hingehen und sich den Käfig ansehen.

Als er das Kind zurückbrachte, befanden sich Marthe und ihre beiden Söhne bereits im Wohnzimmer. Die untergehende Sonne, die durch das Fenster schien, machte die Porzellanteller, die Becher der Kinder, das weiße Tischtuch ganz heiter. Das Zimmer war lau, andächtig, mit dem grünen Hintergrund des Gartens.

Als Marthe, durch diesen Frieden beruhigt, lächelnd den Deckel der Suppenschüssel abnahm, entstand ein Geräusch im Hausflur. Rose eilte verstört herbei und stammelte:

„Der Herr Abbé Faujas ist da.“

KAPITEL II

Mouret machte eine ärgerliche Handbewegung. Er erwartete seinen Mieter wirklich erst frühestens übermorgen. Er erhob sich rasch, als Abbé Faujas an der Tür im Hausflur erschien. Es war ein großer und kräftiger Mann, ein vierschrötiges Gesicht mit breiten Zügen, erdiger Hautfarbe. Hinter ihm, in seinem Schatten, hielt sich eine alte Frau, die kleiner war, derber aussah und ihm erstaunlich ähnelte. Beim Anblick des gedeckten Tisches stutzten beide, sie traten taktvoll einen Schritt zurück, ohne sich zurückzuziehen. Die hohe schwarze Gestalt des Priesters bildete einen Fleck Trauer auf der Heiterkeit der weißgetünchten Wand.

„Wir bitten um Entschuldigung, daß wir Sie stören“, sagte er zu Mouret. „Wir kommen von Herrn Abbé Bourrette, er hat Sie wohl benachrichtigt . . .“

„Aber keineswegs!“ rief Mouret. „Der Abbé macht es nie anders; er sieht immer so aus, als ob er aus dem Paradies herabsteigt . . . Noch heute morgen, mein Herr, versicherte er mir, daß Sie nicht vor zwei Tagen hiersein würden . . . Kurzum, man wird Sie trotzdem unterbringen müssen.“

Abbé Faujas entschuldigte sich. Er hatte eine tiefe Stimme mit großer Sanftheit im Tonfall der Sätze. Er war wirklich untröstlich, in einem solchen Augenblick einzutreffen. Als er sein Bedauern ohne Geschwätz, in zehn deutlich gewählten Worten ausgedrückt hatte, wandte er sich um, um den Dienstmann zu bezahlen, der seinen Koffer hergetragen hatte. Seine großen, wohlgeformten Hände zogen aus einer Falte seiner Soutane eine Börse hervor, von der man lediglich die Stahlringe gewahrte; er suchte einen Augenblick darin herum, wobei er gesenkten Kopfes mit den Fingerspitzen sorgfältig herumtastete.

Dann ging der Dienstmann davon, ohne daß man das Geldstück gesehen hätte.

Der Abbé begann von neuem mit seiner höflichen Stimme: „Ich bitte Sie, mein Herr, setzen Sie sich wieder zu Tisch . . . Ihre Wirtschafterin wird uns die Wohnung zeigen. Sie wird mir helfen, dies hier hinaufzuschaffen.“ Er bückte sich schon, um einen Koffergriff zu fassen. Es war ein kleiner, durch Ecken und Bänder aus Blech gesicherter Holzkoffer; an einer Seite schien er mit Hilfe eines Spannriegels aus Fichtenholz ausgebessert worden zu sein.

Mouret blieb überrascht stehen und suchte mit den Augen die anderen Gepäckstücke des Priesters; aber er gewahrte nur einen großen Korb, den die betagte Dame mit beiden Händen vor ihren Röcken hielt, trotz der Müdigkeit eigensinnig darauf bestehend, ihn nicht auf die Erde zu stellen. Unter dem ein wenig hochgehobenen Deckel guckte zwischen Wäschebündeln die Ecke eines in Papier eingewickelten Kammes und der Hals einer schlecht verkorkten Literflasche hervor.

„Nein, nein, lassen Sie das“, sagte Mouret und stieß mit dem Fuß leicht gegen den Koffer. „Er dürfte nicht schwer sein. Rose wird ihn gut allein hinaufbringen.“ Er war sich zweifellos nicht der geheimen Geringschätzung bewußt, die in seinen Worten durchbrach.

Die betagte Dame starrte ihn mit ihren schwarzen Augen an; dann kam sie zurück in das Wohnzimmer, an den gedeckten Tisch, den sie musterte, seit sie da war. Mit zusammengekniffenen Lippen ließ sie den Blick von einem Gegenstand zum anderen schweifen. Sie hatte nicht ein Wort gesprochen.

Indessen willigte Abbé Faujas ein, seinen Koffer stehenzulassen. Im gelben Sonnenstaub, der durch die Gartentür hereinkam, wirkte seine fadenscheinige Soutane ganz rot; an den Säumen war sie mit Ausbesserungen geradezu bestickt; sie war sehr sauber, aber so dünn, so jämmerlich, daß Marthe, die bis dahin mit einer Art unruhiger Zurückhaltung sitzen geblieben war, nun ebenfalls aufstand. Der Abbé, der nur einen raschen Blick auf sie geworfen und sich sogleich abgewandt hatte, sah sie ihren Stuhl verlassen, obwohl er sie keineswegs zu betrachten schien.

„Ich bitte Sie“, wiederholte er, „bemühen Sie sich nicht; wir wären untröstlich, Ihr Abendessen zu stören.“

„Nun ja, ganz recht!“ sagte Mouret, der Hunger hatte. „Rose wird Sie führen. Fragen Sie sie nach allem, was Sie brauchen . . . Richten Sie sich ein, richten Sie sich nach Belieben ein.“

Abbé Faujas wandte sich, nachdem er gegrüßt hatte, bereits zur Treppe, als Marthe an ihren Mann herantrat und flüsterte: „Aber, mein Freund, denkst du nicht an . . .“ „An was denn?“ fragte er, als er sah, daß sie zögerte.

„An das Obst, du weißt doch.“

„Ah, zum Teufel! Das stimmt, da ist ja das Obst“, sagte er bestürzt. Und da Abbé Faujas zurückkam und ihn fragend ansah, begann er von neuem: „Es verdrießt mich wirklich sehr, mein Herr. Pater Bourrette ist sicherlich ein ehrenwerter Mann, nur ist es ärgerlich, daß Sie ihn mit Ihrer Angelegenheit beauftragt haben . . . Er hat nicht für zwei Heller Verstand . . . Wenn wir Bescheid gewußt hätten, würden wir alles vorbereitet haben, statt daß wir jetzt einen Umzug bewerkstelligen müssen . . . Sie verstehen, wir benutzten die Zimmer. Da oben liegt auf dem Fußboden unsere gesamte Obsternte, Feigen Äpfel, Rosinen . . .“

Der Priester hörte ihm mit einer Überraschung zu, die seine große Höflichkeit nicht mehr zu verbergen vermochte.

„Oh, aber das dauert nicht lange“, fuhr Mouret fort. „In zehn Minuten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen zu warten, wird Rose Ihre Zimmer in Ordnung bringen.“

Eine lebhafte Unruhe auf dem erdfarbenen Gesicht des Priesters nahm zu.

„Die Wohnung ist möbliert, nicht wahr?“ fragte er. „Keineswegs, es steht nicht ein Möbelstück drin; wir haben sie nie bewohnt.“

Nun verlor der Priester seine Ruhe; ein Schimmer trat in seine grauen Augen. Er rief mit zurückgehaltener Heftigkeit:

„Wie! Aber ich hatte in meinem Brief ausdrücklich darum ersucht, eine möblierte Wohnung zu mieten. Ich konnte in meinem Koffer wahrhaftig keine Möbel unterbringen.“

„Na, was habe ich gesagt?“ rief Mouret lauter. „Dieser Bourrette ist unglaublich . . . Er ist gekommen, mein Herr, und er hat die Äpfel bestimmt gesehen, denn er hat selber einen in die Hand genommen und dabei erklärt, daß er selten einen so schönen Apfel bewundert habe. Er hat gesagt, daß ihm alles sehr gut erscheine, daß es das sei, was er brauche, und daß er mieten wolle.“

Abbé Faujas hörte nicht mehr hin; eine Zorneswoge war in seine Wangen gestiegen. Er wandte sich um und stammelte mit ängstlicher Stimme:

„Mutter, hören Sie? Es sind keine Möbel da.“

Die alte Dame, die in ihren dünnen schwarzen Schal eingewikkelt war, hatte gerade in verstohlenen Schrittchen, ohne ihren Korb loszulassen, das Erdgeschoß besichtigt. Sie war bis zur Tür der Küche vorgedrungen, hatte deren vier Wände gemustert; dann war sie auf die Freitreppe zurückgekommen und hatte mit einem Blick langsam vom Garten Besitz ergriffen. Vor allem aber interessierte sie das Wohnzimmer; sie blieb wieder gegenüber dem gedeckten Tisch stehen und schaute zu, wie die Suppe dampfte, als ihr Sohn mehrmals zu ihr sagte:

„Hören Sie, Mutter? Wir werden ins Hotel gehen müssen.“

Sie hob den Kopf, ohne zu antworten; ihr ganzes Gesicht weigerte sich, dieses Haus, dessen kleinste Winkel sie bereits kannte, zu verlassen. Sie zuckte unmerklich die Schultern, während die verschwommenen Augen von der Küche zum Garten und vom Garten zum Wohnzimmer schweiften.

Mouret verlor unterdessen die Geduld. Als er sah, daß weder die Mutter noch der Sohn entschlossen zu sein schienen, das Feld zu räumen, begann er wieder:

„Wir haben nämlich keine Betten, leider . . . Auf dem Boden steht wohl ein Gurtbett, mit dem Madame zur Not bis morgen fürliebnehmen könnte; nur sehe ich nicht recht, worauf der Herr Abbé sich schlafen legen soll.“

Da öffnete Frau Faujas endlich die Lippen. Sie sagte kurz in etwas rauhem Ton:

Mein Sohn wird das Gurtbett nehmen. Ich, ich brauche nur eine Matratze in einer Ecke auf dem Fußboden.“

Der Abbé billigte diese Regelung mit einem Kopfnicken.

Mouret wollte laut Einspruch erheben, wollte etwas anderes suchen; aber angesichts des zufriedenen Aussehens seiner neuen Mieter schwieg er und begnügte sich, mit seiner Frau einen Blick des Erstaunens zu wechseln.

„Morgen ist auch ein Tag“, sagte er mit der ihm eigenen, etwas spitzen und biedermännischen Art. „Sie können sich mit Möbeln einrichten, wie Sie es wünschen. Rose wird hinaufgehen, um das Obst wegzuschaffen und die Betten herzurichten. Wenn Sie einen Augenblick auf der Terrasse warten wollen . . . Los, Kinder, bringt zwei Stühle her.“

Die Kinder waren seit der Ankunft des Priesters und seiner Mutter ruhig am Tisch sitzen geblieben. Sie musterten sie neugierig. Der Abbé schien sie nicht bemerkt zu haben; aber Frau Faujas war bei jedem von ihnen einen Augenblick stehengeblieben und hatte sie dabei scharf ins Auge gefaßt, als wollte sie auf Anhieb in diese jungen Köpfe eindringen. Als sie die Worte ihres Vaters hörten, bemühten sich alle drei und brachten Stühle hinaus.

Die alte Dame setzte sich nicht. Als sich Mouret, weil er sie nicht mehr gewahrte, umdrehte, sah er sie vor einem der halbgeöffneten Fenster des Salons aufgepflanzt; sie machte einen langen Hals und beendete ihre Musterung mit gelassener Ungezwungenheit wie jemand, der ein zu verkaufendes Anwesen besichtigt. In dem Augenblick, da Rose den kleinen Koffer aufhob, kam sie in die Diele zurück und sagte einfach:

„Ich gehe nach oben, ihr helfen.“ Und sie ging hinter der Wirtschafterin nach oben.

Der Priester wandte nicht einmal den Kopf; er lächelte den drei Kindern zu, die vor ihm stehengeblieben waren. Sein Gesicht hatte, wenn er wollte, trotz der Härte der Stirn und den strengen Falten des Mundes einen Ausdruck großer Sanftmut.

„Ist das Ihre ganze Familie, Madame?“ fragte er Marthe, die herzugetreten war.

„Ja, Herr Abbé“, antwortete sie, durch den scharfen Blick, mit dem er sie anstarrte, in Verlegenheit gebracht.

Aber er betrachtete wieder die Kinder und fuhr fort:

„Das sind zwei große Burschen, die bald Männer sein werden . . . Sind Sie mit Ihrer Ausbildung fertig, mein Freund?“ Er wandte sich an Serge.

Mouret schnitt seinem Sohn das Wort ab.

„Der hier ist fertig, obwohl er der Jüngere ist. Wenn ich sage, er ist fertig, meine ich damit, daß er Baccalaureus ist, denn er ist wieder ins Gymnasium zurückgekehrt, um ein Jahr Philosophie zu machen: das ist der Gelehrte der Familie . . . Der andere, der Ältere, dieser große Lümmel, ist nicht viel wert, sage ich Ihnen. Er hat es schon zweimal zuwege gebracht, beim Baccalaureat durchzufallen, und dabei ein Taugenichts, immer die Nase in der Luft, führt sich immer auf wie ein Gassenjunge.“

Octave hörte diese Vorwürfe lächelnd an, während Serge unter den Lobsprüchen den Kopf gesenkt hatte.

Faujas schien sie noch einen Augenblick schweigend zu mustern; zu Désirée übergehend und sein sanftes Aussehen wiederfindend, fragte er dann:

„Mademoiselle, werden Sie mir erlauben, Ihr Freund zu sein?“

Sie antwortete nicht; fast erschreckt verbarg sie ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter. Diese drückte sie, anstatt ihr das Gesicht frei zu machen, noch stärker an sich, indem sie ihr einen Arm um die Taille legte.

„Verargen Sie ihr das nicht“, sagte sie mit einiger Traurigkeit, „sie hat nicht viel Verstand, sie ist ein kleines Mädchen geblieben . . . Sie ist einfältig . . . Wir quälen sie nicht mit Lernen. Sie ist vierzehn Jahre alt, und sie weiß noch nichts weiter, als die Tiere zu lieben.“

Désirée hatte sich unter den Liebkosungen ihrer Mutter wieder beruhigt; sie hatte den Kopf gewandt, sie lächelte. Dann sagte sie mit kühner Miene:

„Ich will schon, daß Sie mein Freund sind . . . Bloß tun Sie nie den Fliegen etwas zuleide, nicht wahr?“ Und als sich alles um sie her erheiterte, fuhr sie ernsthaft fort: „Octave zerquetscht sie, die Fliegen. Das ist sehr schlecht.“

Abbé Faujas hatte sich gesetzt. Er schien sehr müde zu sein. Er gab sich einen Augenblick dem lauen Frieden der Terrasse hin und ließ seine träger gewordenen Blicke über den Garten, über die Bäume der angrenzenden Anwesen schweifen. Diese große Ruhe, dieser verlassene Kleinstadtwinkel verursachten ihm eine Art Überraschung. Sein Gesicht überzog sich mit dunklen Flecken.

„Man ist hier sehr gut aufgehoben“, murmelte er. Dann wahrte er Schweigen, gleichsam in Gedanken versunken und verloren. Er fuhr leicht zusammen, als Mouret lachend zu ihm sagte: „Wenn Sie erlauben, mein Herr, begeben wir uns nun zu Tisch.“ Und auf den Blick seiner Frau hin fügte er hinzu: „Sie sollten es uns gleichtun und einen Teller Suppe annehmen. Das würde es Ihnen ersparen, ins Hotel essen zu gehen. Tun Sie sich keinen Zwang an, ich bitte Sie.“

„Ich danke Ihnen tausendmal, wir benötigen nichts“, antwortete der Abbé mit äußerster Höflichkeit, die eine zweite Einladung nicht zuließ.

Da gingen die Mourets in das Wohnzimmer zurück, wo sie sich an den Tisch setzten. Marthe füllte die Suppe auf. Bald gab es ein lustiges Löffelgeklapper. Die Kinder schwatzten. Désirée lachte mehrmals hell auf, während sie einer Geschichte lauschte, die ihr Vater erzählte, der entzückt war, endlich bei Tisch zu sein.

Unterdessen blieb Abbé Faujas, den sie vergessen hatten, reglos, die untergehende Sonne im Gesicht, auf der Terrasse sitzen. Er wandte nicht den Kopf, er schien nicht zu hören. Als die Sonne sich anschickte, zu verschwinden, nahm er seine Kopfbedeckung ab, weil er zweifellos fast erstickte. Marthe, die vor dem Fenster saß, gewahrte seinen dicken bloßen Kopf mit den kurzen Haaren, die zu den Schläfen hin bereits grau wurden. Ein letzter roter Schein setzte diesen harten Soldatenschädel in Brand, auf dem die Tonsur wie die Narbe eines Keulenschlages aussah; dann erlosch der Schein, der in den Schatten eingehende Priester war nur noch ein schwarzes Profil auf der grauen Asche der Dämmerung.

Da Marthe Rose nicht rufen wollte, holte sie selber eine Lampe und trug den ersten Gang auf. Als sie aus der Küche zurückkam, traf sie am Fuß der Treppe eine Frau, die sie erst nicht erkannte. Es war Frau Faujas. Sie hatte eine Leinenhaube aufgesetzt; mit ihrem baumwollenen Kleid, das am Mieder durch ein gelbes, hinter der Taille geknotetes Tuch zusammengehalten wurde, ähnelte sie einer Magd; und mit bloßen Handgelenken, von der Arbeit, die sie gerade verrichtet hatte, noch ganz außer Atem, tappte sie mit ihren derben Schnürschuhen über die Steinplatten des Hausflurs.

„Das wäre geschafft, nicht wahr, Madame?“ sagte Marthe lächelnd zu ihr.

„Oh, eine Lappalie“, antwortete sie, „die Sache ist im Handumdrehen erledigt gewesen.“

Sie ging die Freitreppe hinab, sie gab ihrer Stimme einen sanfteren Klang: „Ovide, mein Kind, willst du nach oben gehen? Oben ist alles fertig.“

Sie mußte ihren Sohn an der Schulter berühren, um ihn aus seiner Träumerei zu reißen. Die Luft wurde kühler. Er fröstelte; er folgte ihr, ohne zu sprechen. Als er an der Tür des Wohnzimmers vorbeikam, das, ganz weiß von der grellen Helle der Lampe, vom Geschwätz der Kinder erfüllt war, steckte er den Kopf hinein und sagte mit seiner geschmeidigen Stimme: „Erlauben Sie mir, Ihnen nochmals zu danken und uns wegen dieser Störung zu entschuldigen . . . Es ist uns außerordentlich peinlich . . .“

„Aber nein, aber nein!“ rief Mouret. „Wir sind untröstlich, daß wir Ihnen für diese Nacht nichts Besseres anzubieten haben.“ Der Priester grüßte, und Marthe begegnete abermals diesem hellen Blick, diesem Adlerblick, der sie erregt hatte. Es schien, als husche auf dem Grunde des Auges, das für gewöhnlich von einem düsteren Grau war, jäh eine Flamme vorüber, wie jene Lampen, die hinter den Fassaden eingeschlafener Häuser herumgetragen werden.

„Er ist anscheinend ein forscher Kerl, der Pfarrer“, sagte Mouret spöttisch, als Mutter und Sohn nicht mehr da waren.

„Ich halte sie für wenig glücklich“, murmelte Marthe.

„Was das anbelangt, so bringt er gewiß nicht das Gold Perus in seinem Koffer mit . . . Der ist aber schwer, sein Koffer! Ich hätte ihn mit der Spitze meines kleinen Fingers hochgehoben.“ Aber er wurde in seinem Geschwätz durch Rose unterbrochen, die eben die Treppe heruntergerannt kam, um die überraschenden Sachen zu erzählen, die sie gesehen hatte.

„Na“, sagte sie und pflanzte sich vor dem Tisch auf, an dem ihre Herrschaften aßen, „das ist mir ein Frauenzimmer! Diese Dame ist mindestens fünfundsechzig Jahre alt, und das merkt man kaum, sage ich Ihnen! Sie stößt einen herum, sie arbeitet wie ein Pferd.“

„Hat sie dir geholfen, das Obst rauszuschaffen?“ fragte Mouret neugierig.

„Das will ich meinen, Herr Mouret. Sie trug das Obst so weg in ihrer Schürze; richtige Wagenladungen, als wolle sie alles kurz und klein schlagen. Ich sagte mir: Bestimmt wird das Kleid dabei draufgehen. — Aber nicht die Spur; das ist haltbarer Stoff, Stoff, wie ich ihn selber trage. Wir haben mehr als zehnmal gehen müssen. Mir waren die Arme wie zerbrochen. Sie brummte, daß es nicht vorangehe. Ich glaube, ich habe sie, mit Verlaub, fluchen hören.“

Mouret schien sich sehr zu ergötzen.

„Und die Betten?“ fing er wieder an.

„Die Betten, die hat sie zurechtgemacht . . . Man muß sehen, wie sie eine Matratze umwendet. Die ist für sie nicht schwer, versichere ich Ihnen; sie nimmt sie an einem Ende, wirft sie in die Luft wie eine Feder . . . Dabei sehr sorgsam. Sie hat das Gurtbett wie ein Kinderbettchen bezogen. Hätte sie das Jesuskind zu Bett bringen müssen, würde sie die Laken mit nicht mehr Andacht zurechtgezogen haben . . . Von den vier Decken hat sie drei auf das Gurtbett gelegt. Genauso mit den Kopfkissen: für sich hat sie keins gewollt; ihr Sohn hat beide.“ „Sie wird also auf der Erde schlafen?“

„In einer Ecke, wie ein Hund. Sie hat eine Matratze auf den Fußboden des anderen Zimmers geworfen und dabei gesagt, daß sie da besser als im Paradies schlafen würde. Ich habe sie nie und nimmer dazu bewegen können, sich anständiger einzurichten. Sie behauptet, sie friere niemals und ihr Kopf sei zu hart, um den Fliesenfußboden zu fürchten . . . Ich habe ihnen Wasser und Zucker gegeben, wie mir Madame aufgetragen hatte, und das wäre es . . . Macht nichts, das sind komische Leute.“

Rose trug das Essen fertig auf. An diesem Abend zogen die Mourets die Mahlzeit in die Länge. Sie plauderten ausführlich von den neuen Mietern. In ihrem Leben, das mit der Regelmäßigkeit einer Uhr ablief, war die Ankunft dieser beiden Fremden ein großes Ereignis. Sie sprachen davon wie von einer Katastrophe, mit jenem kleinlichen Eingehen auf Einzelheiten, das die langen Provinzabende totschlagen hilft. Besonders Mouret fand an den Kleinstadtklatschereien Gefallen. Während er beim Nachtisch die Ellenbogen auf den Tisch stützte, wiederholte er im lauen Wohnzimmer mit der zufriedenen Miene eines glücklichen Menschen zum zehnten Mal:

„Das ist kein schönes Geschenk, das Besançon Plassans macht . . . Habt ihr den Hinterteil seiner Soutane gesehen, als er sich umgedreht hat? — Es sollte mich sehr wundern, wenn die Betschwestern dem da nachliefen. Er sieht zu schäbig aus; die Betschwestern lieben die hübschen Pfarrer.“

„Seine Stimme klingt sanft“, sagte Marthe, die nachsichtig war.

„Aber nicht, wenn er zornig ist“, erwiderte Mouret. „Habt ihr ihn denn nicht gehört, wie er böse wurde, als er erfuhr, daß die Wohnung nicht möbliert ist? Das ist ein rücksichtsloser Mann; der wird in den Beichtstühlen nicht lange fackeln, sage ich euch! Ich bin sehr neugierig, wie er sich morgen einrichten wird. Wenn er nur wenigstens zahlt. Tut mir leid! Ich werde mich an Abbé Bourrette wenden; ich kenne nur ihn.“

Man war wenig fromm in der Familie. Selbst die Kinder machten sich über den Abbé und seine Mutter lustig. Octave ahmte die alte Dame nach, wie sie einen langen Hals machte, um tief in die Zimmer hineinzusehen, was Désirée zum Lachen brachte. Serge, der ernsthafter war, verteidigte „diese armen Leute“. Für gewöhnlich nahm Mouret, wenn er seine Partie Pikett nicht spielte, Punkt zehn Uhr einen Leuchter und ging zu Bett; aber diesen Abend widerstand er dem Schlaf noch um elf Uhr. Désirée war schließlich eingeschlafen, den Kopf auf Marthes Schoß. Die zwei Jungen waren in ihr Zimmer hinaufgegangen. Mouret saß seiner Frau allein gegenüber und schwatzte noch immer.

„Wie alt schätzt du ihn?“ fragte er unvermittelt.

„Wen?“ sagte Marthe, die gleichfalls einzunicken begann.

„Den Abbé, bei Gott! He? Zwischen vierzig und fünfundvierzig, nicht wahr? Das ist ein stabiler Kerl. Wenn das nicht schade ist, daß so einer die Soutane trägt! Er hätte einen ausgezeichneten Karabinier abgegeben.“ Nach kurzem Schweigen sprach er dann allein und führte mit lauter Stimme seine Überlegungen fort, die ihn ganz nachdenklich machten: „Sie sind mit dem Zug sechs Uhr fünfundvierzig angekommen. Sie haben also nur Zeit gehabt, bei Abbé Bourrette vorbeizugehen und hierherzukommen . . . Ich wette, daß sie nicht zu Abend gegessen haben. Das ist klar. Wir hätten sie wohl gesehen, wenn sie herausgekommen wären, um ins Hotel essen zu gehen . . . Ah! Das würde mir zum Beispiel Vergnügen machen, zu erfahren, wo sie wohl gegessen haben.“

Rose strich seit einer Weile im Wohnzimmer umher und wartete, daß ihre Herrschaften schlafen gehen würden, damit sie Türen und Fenster schließen konnte.

„Ich weiß, wo sie gegessen haben“, sagte sie. Und als sich Mouret lebhaft umwandte, fuhr sie fort: „Ja, ich bin noch einmal hinaufgegangen, um zu sehen, ob ihnen nichts fehlt. Da ich kein Geräusch hörte, habe ich nicht gewagt anzuklopfen; ich habe durch das Schlüsselloch geguckt.“

„Das ist aber schlecht, sehr schlecht“, unterbrach Marthe streng, „Sie wissen doch, Rose, daß ich das gar nicht liebe.“

„Laß doch, laß doch!“ rief Mouret, der unter anderen Umständen gegen die Neugierige aufgebraust wäre. „Sie haben durch das Schlüsselloch geguckt?“

„Ja, Herr Mouret, es geschah in guter Absicht.“ „Offensichtlich . . . Was machten sie denn?“

„Nun ja! Also, Herr Mouret, sie aßen . . . Ich habe gesehen, wie sie auf einer Ecke des Gurtbettes aßen. Die alte Dame hatte eine Serviette ausgebreitet. Jedesmal wenn sie sich Wein einschenkten, legten sie die verkorkte Literflasche wieder gegen das Kopfkissen.“

„Aber was aßen sie?“

„Ich weiß nicht genau, Herr Mouret. Es hat mir wie ein Rest Pastete ausgesehen, in eine Zeitung eingewickelt. Sie hatten auch Äpfel, kleine, mickrige Äpfel.“

„Und sie unterhielten sich, nicht wahr? Haben Sie gehört, was sie sagten?“

„Nein, Herr Mouret, sie unterhielten sich nicht . . . Ich habe ihnen eine gute Viertelstunde zugeschaut. Sie sagten nichts, nicht soviel, versichere ich Ihnen! Sie aßen, sie aßen!“ Marthe war aufgestanden, hatte dabei Désirée geweckt und machte Anstalten hinaufzugehen; die Neugierde ihres Gatten verletzte sie. Dieser entschloß sich endlich, ebenfalls aufzustehen, während die alte Rose, die fromm war, mit leiserer Stimme fortfuhr:

„Der arme liebe Mann mußte tüchtig Hunger haben . . . Seine Mutter reichte ihm die größten Bissen und sah ihm zu, wie er mit Behagen schluckte . . . Kurz und gut, er wird in schön weißen Bettüchern schlafen. Sofern ihn der Obstgeruch nicht belästigt. Es riecht nämlich nicht gut in dem Zimmer; Sie wissen, dieser säuerliche Geruch von Birnen und Äpfeln. Und nicht ein Möbelstück, nichts als das Bett in einer Ecke. Ich hätte Angst, ich würde das Licht die ganze Nacht brennen lassen.“

Mouret hatte seinen Leuchter genommen. Er blieb einen Augenblick vor Rose stehen und faßte als ein Bürger, den man aus seinen gewohnten Vorstellungen herausgerissen hat, den Abend in folgendem Ausspruch zusammen:

„Das ist ungewöhnlich.“

Dann holte er seine Frau am Fuß der Treppe wieder ein. Als er noch den leisen Geräuschen lauschte, die aus dem oberen Stockwerk kamen, lag sie schon im Bett, schlief sie bereits. Das Zimmer des Abbé lag genau über dem seinen. Er hörte ihn sacht das Fenster öffnen, was ihn sehr neugierig machte. Er hob den Kopf vom Kissen, kämpfte verzweifelt gegen den Schlaf an, weil er wissen wollte, wie lange der Priester am Fenster bleiben würde. Aber der Schlaf war der Stärkere; Mouret schnarchte fest, ehe er das dumpfe Knirschen des Fensterriegels erneut hatte wahrnehmen können.

Oben am Fenster schaute Abbé Faujas barhäuptig in die schwarze Nacht. Er blieb lange dort, glücklich, endlich allein zu sein, sich in jene Gedanken vertiefend, die ihm so viel Härte auf die Stirn prägten. Unter sich fühlte er den ruhigen Schlaf dieses Hauses, in dem er seit einigen Stunden war, der Kinder reinen Atem, Marthes ehrbaren Hauch, Mourets schweres und regelmäßiges Luftholen. Und es lag eine Verachtung in der Art, seinen Ringkämpferhals geradezurücken, während er den Kopf hob, als wolle er in der Ferne der eingeschlafenen kleinen Stadt bis auf den Grund sehen. Die großen Bäume im Garten der Unterpräfektur bildeten eine düstere Masse; Herrn Rastoils Birnbäume reckten hagere und verrenkte Glieder; dann war das nur noch ein Meer von Finsternis, ein Nichts, aus dem kein Laut aufstieg. Die Stadt war unschuldig wie ein Mädchen in der Wiege.

Abbé Faujas streckte mit einer Miene ironischer Herausforderung die Arme aus, als wolle er Plassans ergreifen, um es mit einer Anstrengung an seiner stämmigen Brust zu ersticken. Er murmelte:

„Und diese Schwachköpfe, die heute abend lächelten, als sie sahen, wie ich ihre Straßen überquerte.“

KAPITEL III

Am nächsten Tag verbrachte Mouret den Morgen damit, seinen neuen Mieter zu belauern. Dieses Nachspionieren füllte die leeren Stunden aus, die er sonst in der Wohnung damit zu verbringen pflegte, daß er sich mit Kleinigkeiten abgab, herumliegende Sachen aufräumte, Streitereien mit seiner Frau und seinen Kindern suchte. Von nun an würde er eine Beschäftigung haben, einen Zeitvertreib, der ihn aus seinem alltäglichen Leben herauszog. Er liebte die Pfarrer nicht, wie er sagte, und der erste Priester, der in sein Dasein hereinplatzte, interessierte ihn in ungewöhnlichem Maße. Dieser Priester brachte einen geheimnisvollen Geruch, ein beinahe beunruhigendes Unbekanntes in sein Heim. Obwohl er den Freigeist spielte, sich als Voltairianer hinstellte, empfand er dem Abbé gegenüber ein Erstaunen, einen spießbürgerlichen Schauder, in dem eine Spitze kecker Neugier durchbrach.

Kein Geräusch kam aus dem zweiten Stock. Mouret lauschte im Treppenhaus; er wagte es sogar, auf den Dachboden hinaufzusteigen. Als er den Schritt verlangsamte, während er den Flur entlangging, erregte ihn ein Pantoffelschlurfen aufs äußerste, das er hinter der Tür zu hören glaubte. Da er nichts Genaues hatte erhaschen können, ging er in den Garten hinab, spazierte hinten unter der Gartenlaube umher, blickte hoch und trachtete, durch die Fenster hindurchzusehen, was in den Zimmern geschah. Aber er gewahrte nicht einmal den Schatten des Abbé. Frau Faujas, die zweifellos keinerlei Vorhänge besaß, hatte einstweilen Bettlaken hinter den Scheiben aufgehängt.

Beim Mittagessen wirkte Mouret sehr verärgert.

„Sind die da oben gestorben?“ fragte er, während er den Kindern Brot schnitt. „Hast du nicht gehört, wie sie sich bewegen, Marthe?“

„Nein, mein Freund, ich habe nicht darauf geachtet.“

Rose rief aus der Küche:

„Sie sind schon eine ganze Weile nicht mehr im Hause; wenn sie immer noch laufen, sind sie weit.“

Mouret rief die Köchin und fragte sie ganz genau aus.

„Sie sind weggegangen, Herr Mouret; die Mutter zuerst, der Pfarrer danach. Ich hätte sie nicht gesehen, so leise gehen sie, wären ihre Schatten nicht über den Fliesenfußboden meiner Küche gehuscht, als sie die Tür geöffnet haben. Ich habe auf die Straße geschaut, um nachzusehen; aber sie waren auf und davon, und zwar blitzschnell, versichere ich Ihnen.“

„Das ist sehr überraschend . . . Aber wo war ich denn?“

„Ich glaube, der Herr war hinten im Garten, um nach den Trauben im Laubengang zu sehen.“

Das versetzte Mouret vollends in eine abscheuliche Laune. Er zog über die Priester her: Das seien alles Geheimniskrämer; sie führen so viele Sachen im Schilde, in denen sich der Teufel nicht auskenne; sie heuchelten eine lächerliche Prüderie, und zwar derart, daß niemand je gesehen habe, wie sich ein Pfarrer das Gesicht wasche. Schließlich bereute er, an diesen Abbé, den er nicht kannte, vermietet zu haben.

„Das ist auch deine Schuld“, sagte er zu seiner Frau und erhob sich vom Tisch.

Marthe wollte sich dagegen verwahren, wollte ihn an ihre Auseinandersetzung vom Vorabend erinnern, aber sie blickte auf, sah ihn an und sagte nichts.

Er entschloß sich indessen, nicht auszugehen, wie es seine Gewohnheit war. Er ging hin und her, vom Wohnzimmer zum Garten, schnüffelte herum, behauptete, daß alles herumliege, daß im Haus alles drunter und drüber gehe; dann ärgerte er sich über Serge und Octave, die, wie er sagte, eine halbe Stunde zu früh zum Gymnasium aufgebrochen seien.

„Geht Papa heute nicht fort?“ fragte Désirée ihre Mutter ins Ohr. „Er wird uns schön ärgern, wenn er bleibt.“ Marthe hieß sie schweigen.

Endlich sprach Mouret von einem Geschäft, das er im Laufe des Tages zum Abschluß bringen müsse. Er habe keinen freien Augenblick, er könne sich nicht einmal einen Tag zu Hause ausruhen, wenn er das Bedürfnis dazu empfinde. Untröstlich darüber, nicht auf der Lauer bleiben zu können, brach er auf.

Als er am Abend heimkam, hatte er ein regelrechtes Neugierfieber.

„Und der Abbé?“ fragte er, noch ehe er seinen Hut abgenommen hatte.

Marthe arbeitete an ihrem gewohnten Platz auf der Terrasse. „Der Abbé?“ wiederholte sie mit einiger Überraschung. „Ach ja, der Abbé . . . Ich habe ihn nicht gesehen, ich glaube, er hat sich eingerichtet. Rose hat mir gesagt, daß Möbel gebracht worden sind.“

„Da haben wir, was ich befürchtete“, rief Mouret. „Ich hätte dasein wollen; denn schließlich sind die Möbel meine Sicherheit . . . Ich wußte genau, daß du dich nicht von deinem Stuhl wegrühren würdest. Du bist nicht ganz bei Trost, meine Gute . . . Rose! Rose!“ Und als die Köchin da war: „Für die Leute vom zweiten Stock sind Möbel gebracht worden?“

„Ja, mein Herr, auf einem Wägelchen. Ich habe das Wägelchen von Bergasse, dem Trödler, erkannt. Ich sage Ihnen, schwer beladen war’s nicht. Madame Faujas ging hinterher. Bei der Steigung in der Rue Balande hat sie dem Mann, der hinten schob, sogar ein bißchen geholfen.“

„Haben Sie die Möbel wenigstens gesehen, haben Sie sie gezählt?“

„Gewiß, Herr Mouret; ich hatte mich an die Tür gestellt. Sie haben alles an mir vorbeigetragen, was selbst Madame Faujas kein Vergnügen gemacht zu haben schien. Warten Sie . . . Zuerst hat man ein eisernes Bett hinaufgebracht, dann eine Kommode, zwei Tische, vier Stühle . . . Meiner Treu, das ist alles . . . Und keine neuen Möbel. Ich würde dafür keine dreißig Taler geben.“

„Aber Sie hätten meiner Frau Bescheid sagen müssen; unter solchen Bedingungen können wir nicht vermieten . . . Ich werde mich auf der Stelle mit Abbé Bourrette aussprechen.“

Er ärgerte sich und wollte hinausgehen; da gelang es Marthe, ihn plötzlich aufzuhalten, indem sie sagte:

„Hör doch, ich vergaß . . . Sie haben sechs Monate im voraus bezahlt.“

„Ach! Sie haben bezahlt?“ stammelte er in fast verärgertem Ton.

„Ja, die alte Dame ist heruntergekommen und hat mir das hier überreicht.“ Sie kramte in ihrem Nähtisch und gab ihrem Gatten fünfundsiebzig Francs in Hundertsousstücken, die sorgfältig in ein Stück Zeitung eingewickelt waren.

Mouret zählte das Geld und murmelte dabei:

„Wenn sie zahlen, können sie tun, was sie wollen . . . Einerlei, das sind komische Leute. Es kann nicht jeder reich sein, das stimmt; nur ist das kein Grund, sich auf solche Art und Weise ein verdächtiges Benehmen zuzulegen, wenn man kein Geld hat.“

„Ich wollte dir auch sagen“, begann Marthe wieder, als sie sah, daß er beruhigt war, „die alte Dame hat mich gefragt, ob wir geneigt seien, ihr das Gurtbett zu überlassen; ich habe ihr geantwortet, daß wir es nicht brauchen, daß sie es behalten könne, solange sie wolle.“

„Das hast du gut gemacht, man muß sie sich verpflichten . . . Ich habe es dir gesagt, es ärgert mich an diesen verteufelten Pfarrern, daß man nie weiß, was sie denken noch was sie tun. Abgesehen hiervon, gibt es unter ihnen oft sehr ehrenwerte Menschen.“

Das Geld schien ihn getröstet zu haben. Er scherzte, quälte Serge mit dem Bericht der „Missionen in China“, den dieser gerade las. Während des Essens tat er so, als kümmere er sich nicht mehr um die Leute vom zweiten Stock. Als aber Octave erzählt hatte, er habe Abbé Faujas aus der bischöflichen Residenz kommen sehen, konnte sich Mouret nicht mehr halten. Beim Nachtisch nahm er das Gespräch vom Vorabend wieder auf. Dann schämte er sich irgendwie. Unter der Unbeholfenheit eines Kaufmanns im Ruhestand hatte er einen klugen Geist; vor allem hatte er einen gesunden Menschenverstand, eine Geradheit des Urteils, die ihn inmitten der Provinzklatschereien meistens das rechte Wort finden ließ.

„Alles in allem“, sagte er beim Schlafengehen, „ist es nicht gut, seine Nase in die Angelegenheiten anderer zu stecken . . . Der Abbé kann machen, was ihm gefällt. Es ist langweilig, immer von diesen Leuten zu reden; ich wasche mir nun die Hände in Unschuld.“.

Acht Tage vergingen. Mouret hatte seine gewohnten Beschäftigungen wieder aufgenommen; er strich im Haus herum, stritt mit den Kindern, verbrachte seine Nachmittage außerhalb, um zum Vergnügen Geschäfte abzuschließen, von denen er nie sprach, aß und schlief wie ein Mann, für den das Dasein ein sanfter Abhang ist, auf dem es keinerlei Erschütterungen und Überraschungen gibt. Die Wohnung schien wieder tot. Marthe saß an ihrem gewohnten Platz auf der Terrasse an ihrem Nähtischchen. Désirée spielte an ihrer Seite. Die beiden Jungen brachten zur gleichen Stunde die gleiche Ausgelassenheit mit. Und Rose, die Köchin, wurde böse, schalt auf jedermann, während der Garten und das Wohnzimmer ihren verschlafenen Frieden wahrten.

„Ich will nicht wieder davon anfangen“, meinte Mouret wiederholt zu seiner Frau, „aber du siehst wohl, daß du dich täuschtest, als du glaubtest, es würde unser Leben stören, den zweiten Stock zu vermieten. Wir leben ruhiger als zuvor, das Haus ist kleiner und glücklicher.“

Und er blickte zuweilen zu den Fenstern des zweiten Stockwerkes hoch, an denen Frau Faujas schon am zweiten Tag grobe baumwollene Vorhänge angebracht hatte. Nicht eine Falte dieser Vorhänge bewegte sich. Sie hatten ein stillzufriedenes Aussehen, jene strenge und kalte Züchtigkeit einer Sakristei. Hinter ihnen schien sich eine klösterliche Stille und Reglosigkeit zu verdichten. Dann und wann waren die Fenster halb geöffnet und ließen zwischen dem Weiß der Vorhänge den Schatten der hohen Zimmerdecken erkennen. Aber Mouret mochte sich noch so oft auf die Lauer legen, nie gewahrte er die Hand, die das Fenster öffnete oder schloß; er hörte nicht einmal das Knirschen des Fensterriegels. Kein menschliches Geräusch drang aus der Wohnung herab.

Am Ende der ersten Woche hatte Mouret Abbé Faujas noch nicht wieder gesehen.

Dieser Mann, der neben ihm lebte, ohne daß er auch nur seinen Schatten erblicken konnte, verursachte ihm schließlich eine Art nervöser Unruhe. Trotz der Anstrengungen, die er unternahm, um gleichgültig zu wirken, verfiel er wieder auf seine Verhöre, begann er eine Untersuchung.

„Siehst du ihn denn nicht?“ fragte er seine Frau.

„Gestern habe ich geglaubt, ihn zu sehen, als er nach Hause gekommen ist; aber ich bin nicht ganz sicher . . . Seine Mutter trägt immer ein schwarzes Kleid; vielleicht war sie es.“ Und als er sie mit Fragen bedrängte, sagte sie ihm, was sie wußte. „Rose versichert, daß er jeden Tag aus dem Haus geht; er bleibt sogar lange auswärts . . . Was die Mutter anbetrifft, so geht bei ihr alles nach der Uhr; morgens um sieben Uhr kommt sie herunter, um ihre Besorgungen zu machen. Sie hat einen stets verschlossenen großen Korb, in dem sie wohl alles mitbringen muß: Kohlen, Brot, Wein, Lebensmittel, denn man sieht nie irgendeinen Lieferanten zu ihnen kommen . . . Übrigens sind sie sehr höflich. Rose sagt, daß sie sie grüßen, wenn sie ihr begegnen. Aber meistens hört sie sie nicht einmal die Treppe herunterkommen.“

„Sie müssen eine komische Kocherei machen da oben“, murmelte Mouret, dem diese Auskünfte nichts besagten.

Als Octave an einem anderen Abend sagte, er habe gesehen, wie Abbé Faujas in die Kirche Saint-Saturnin hineinging, fragte ihn sein Vater, wie er ausgesehen habe, wie die Vorübergehenden ihn angeblickt hätten, was er wohl in der Kirche getan habe.

„Oh! Sie sind zu neugierig“, rief der junge Mann lachend. „Er sah nicht schön aus mit seiner in der Sonne ganz roten Soutane; das ist es, was ich weiß. Ich habe sogar bemerkt, daß er längs der Häuser in dem spärlichen Schattenstreifen ging, wo seine Soutane schwärzer wirkte. Wissen Sie, er sieht nicht stolz aus, er senkt den Kopf, er trabt schnell . . . Zwei Mädchen haben zu lachen angefangen, als er den Platz überquerte. Er hat den Kopf gehoben und sie mit viel Sanftmut angeschaut, nicht wahr, Serge?“

Serge erzählte seinerseits, daß er auf dem Heimweg vom Gymnasium Abbé Faujas, der aus der Kirche Saint-Saturnin zurückkam, mehrmals von weitem begleitet habe. Er gehe durch die Straßen, ohne mit irgend jemandem zu sprechen; er scheine keine Menschenseele zu kennen und Scham über den heimlichen Spott zu empfinden, den er rings um sich fühle.

„Aber man spricht in der Stadt doch über ihn?“ fragte Mouret aufs höchste interessiert.

„Zu mir hat niemand über den Abbé gesprochen“, antwortete Octave.

„Doch“, entgegnete Serge, „man redet über ihn. Abbé Bourrettes Neffe hat mir gesagt, daß er in der Kirche nicht sehr gut angesehen sei; man liebe diese Priester nicht, die von weit her kämen. Zudem sehe er so elend aus . . . Wenn man sich an ihn gewöhnt hat, wird man ihn in Ruhe lassen, diesen armen Mann. In der ersten Zeit muß man wohl viel verstehen.“

Marthe riet den jungen Leuten nun, nicht zu antworten, wenn sie jemand über den Abbé ausfrage.

„Oh! Sie können antworten“, rief Mouret. „Wir wissen über ihn ganz sicher nichts, was ihn Unannehmlichkeiten aussetzen würde.“

Mit dem besten Glauben der Welt und ohne an Böses zu denken, machte er von diesem Augenblick an seine Kinder zu Spionen, die er dem Abbé an die Fersen heftete. Octave und Serge mußten ihm alles wiedererzählen, was in der Stadt gesagt wurde; überdies erhielten sie den Auftrag, dem Priester nachzugehen, wenn sie ihm begegnen sollten. Aber diese Nachrichtenquelle war schnell erschöpft. Die gedämpfte Aufregung, die durch die Ankunft eines fremden Vikars in der Diözese verursacht worden war, hatte sich gelegt. Die Stadt schien „dem armen Mann“, dieser schäbigen Soutane, die im Schatten ihrer Gäßchen dahinglitt, Gnade erwiesen zu haben; sie hegte weiterhin für ihn nur eine große Geringschätzung. Andererseits begab sich der Priester schnurstracks zur Kathedrale und kam von dort immer durch dieselben Straßen zurück. Octave sagte lachend, er zähle die Pflastersteine.

Daheim wollte Mouret Désirée, die nie fortging, zum Auskundschaften benutzen. Abends nahm er sie mit hinter in den Garten, hörte ihr zu, wie sie über das plapperte, was sie tagsüber getan und gesehen hatte; er versuchte, das Gespräch auf die Leute vom zweiten Stock zu bringen.

„Hör mal“, sagte er eines Tages zu ihr, „wenn morgen das Fenster offensteht, wirst du deinen Ball in das Zimmer werfen und hinaufgehen, um ihn zurückzuerbitten.“

Am nächsten Tag warf sie ihren Ball hinauf; aber sie war noch nicht auf der Freitreppe, als der Ball, von einer unsichtbaren Hand zurückgesandt, wieder auf der Terrasse aufsprang. Ihr Vater, der auf die Artigkeit des Kindes gerechnet hatte, um die seit dem ersten Tag abgebrochenen Beziehungen wieder anzuknüpfen, gab jetzt die Hoffnung auf; er stieß offensichtlich auf den unzweideutig gefaßten Willen des Abbé, sich daheim verbarrikadiert zu halten. Aber dieser Kampf machte seine Neugier nur glühender. Es kam so weit mit ihm, daß er in den Ecken mit der Köchin klatschte, zum lebhaften Mißvergnügen Marthes, die ihm Vorwürfe über seinen Mangel an Würde machte; aber er brauste auf, er log. Da er sich im Unrecht fühlte, unterhielt er sich mit Rose über die Faujas nur noch im geheimen.

Eines Morgens machte Rose ihm ein Zeichen, ihr in die Küche zu folgen.

„Nun, Herr Mouret!“ sagte sie und schloß die Tür. „Seit über einer Stunde lauere ich darauf, daß Sie aus Ihrem Zimmer herunterkommen.“

„Hast du etwas erfahren?“

„Sie werden gleich sehen . . . Gestern abend habe ich mehr als eine Stunde mit Madame Faujas geplaudert.“

Mouret fuhr vor Freude zusammen. Er setzte sich auf einen Küchenstuhl, dessen Strohgeflecht ausgefranst war, mitten zwischen Wischlappen und Abfälle vom Vorabend.

„Sag schnell, sag schnell“, flüsterte er.

„Also“, begann die Köchin wieder, „ich war an der Tür zur Straße, um Herrn Rastoils Dienstmädchen guten Abend zu sagen, als Madame Faujas heruntergekommen ist, um einen Eimer Schmutzwasser in den Rinnstein zu entleeren. Anstatt sofort wieder hinaufzugehen, ohne den Kopf zu wenden, wie sie es gewöhnlich tut,ist sie einen Augenblick dageblieben, um mich anzuschauen. Da habe ich zu verstehen geglaubt, sie wolle sich mit mir unterhalten; ich habe ihr gesagt, daß es tagsüber schön gewesen sei, daß der Wein gut sein würde . . . Sie antwortete, ohne sich zu beeilen: ,Ja, ja‘, mit der gleichgültigen Stimme einer Frau, die kein Land besitzt und die solche Sachen überhaupt nicht interessieren. Aber sie hatte ihren Eimer hingestellt, sie ging nicht fort; sie hat sich sogar neben mir an die Mauer gelehnt . . .“

Kurzum, was hat sie dir erzählt?“ fragte Mouret, den die Ungeduld marterte.

„Sie verstehen, ich bin nicht so dumm gewesen, sie auszufragen; da wäre sie abgezogen . . . Ohne es mir anmerken zu lassen, habe ich sie auf Dinge gebracht, die sie angehen könnten. Als der Pfarrer von Saint-Saturnin, dieser brave Herr Compan, vorbeigekommen ist, habe ich ihr gesagt, er sei sehr krank, er werde es nicht mehr lange machen, man könne ihn an der Kathedrale schwer ersetzen. Sie war ganz Ohr, versichere ich Ihnen. Sie hat mich sogar gefragt, was für eine Krankheit Herr Compan habe. Wie eben eines das andere gibt, habe ich dann zu ihr von unserem Bischof, von Monsignore Rousselot, gesprochen. Das ist ein sehr braver Mann. Sie wußte sein Alter nicht. Ich habe ihr gesagt, daß er sechzig Jahre alt ist, daß auch er recht weich ist und sich ein wenig an der Nasenspitze herumführen läßt. Man rede genug über Herrn Fenil, den Generalvikar, der im Bistum alles macht, was er will . . . Sie war gefesselt, die Alte; sie wäre da auf der Straße bis zum nächsten Morgen geblieben.“ Mouret machte eine verzweifelte Handbewegung.

„In alledem sehe ich“, rief er, „daß du ganz alleine geredet hast . . . Aber sie, sie, was hat sie gesagt?“

„Warten Sie doch, lassen Sie mich ausreden“, fuhr Rose seelenruhig fort. „Ich habe mein Ziel erreicht . . . Um sie dazu zu bringen, daß sie sich mir anvertraut, habe ich zu ihr schließlich von uns gesprochen. Ich habe gesagt, daß Sie Herr François Mouret seien, ein früherer Geschäftsmann aus Marseille, der es in fünfzehn Jahren verstanden habe, im Wein-, Öl- und Mandelhandel ein Vermögen zu erwerben. Ich habe hinzugefügt, Sie hätten es vorgezogen, Ihre Jahreszinsen in Plassans zu verzehren, einer ruhigen Stadt, in der die Eltern Ihrer Frau wohnen. Ich habe sogar ein Mittel gefunden, ihr beizubringen, daß Ihre Frau Ihre Cousine ist, daß Sie vierzig Jahre alt sind und Ihre Frau siebenunddreißig ist; daß Sie eine sehr gute Ehe führen; daß man Sie im übrigen nicht oft auf dem Cours Sauvaire trifft. Kurzum, Ihre ganze Geschichte . . . Sie hat sich sehr interessiert gezeigt. Sie antwortete, ohne sich zu beeilen, immer: ,Ja, ja‘. Wenn ich anhielt, nickte sie so mit dem Kopf, um mir zu sagen, daß sie höre, daß ich weiterreden könne . . . Und bis die Nacht hereinbrach, haben wir uns so, mit dem Rücken an der Hauswand, wie gute Freundinnen unterhalten.“ Von Zorn erfaßt, war Mouret aufgestanden.

„Wie!“ schrie er. „Das ist alles! — Sie hat Sie eine Stunde lang schwatzen lassen, und sie hat Ihnen nichts gesagt!“

„Sie hat, als es dunkel geworden war, zu mir gesagt: ,Die Luft wird kühl.‘ Und sie hat ihren Eimer genommen und ist wieder hinaufgegangen . . .“

„Hören Sie, Sie sind ein Schaf! Diese Alte da würde zehn von Ihrer Sorte verkaufen. Na ja! Die können nun lachen, wo sie über uns alles wissen, was sie wissen wollten . . . Verstehen Sie, Rose, Sie sind ein Schaf!“

Die alte Köchin war nicht gerade langmütig; sie begann ungestüm umherzulaufen, stieß die Pfannen und Töpfe durcheinander, drehte die Wischlappen zusammen und warf sie hin. „Wissen Sie, Herr Mouret“, stammelte sie, „wenn Sie in meine Küche gekommen sind, um mir Grobheiten zu sagen, war es nicht der Mühe wert. Da können Sie wieder gehen . . . Was ich getan habe, habe ich einzig und allein getan, um Sie zufriedenzustellen. Würde Ihre Frau uns hier zusammen finden und sehen, was wir machen, würde sie mit mir schimpfen; und sie hätte recht, denn das ist nicht gut . . . Schließlich konnte ich ihr die Worte nicht von den Lippen reißen, dieser Dame. Ich habe die Sache angepackt, wie sie jedermann anpackt. Ich habe geredet, ich habe Ihre Angelegenheiten erzählt. Da ist Ihnen eben nicht zu helfen, wenn die Dame ihre Angelegenheiten nicht erzählt hat. Fragen Sie sie doch danach, wenn Ihnen das so am Herzen liegt. Vielleicht sind Sie nicht so dumm wie ich, Herr Mouret . . .“ Sie hatte die Stimme erhoben.

Mouret hielt es für klug, sich davonzustehlen, wobei er die Küchentür wieder zumachte, damit seine Frau nichts hörte.

Aber Rose riß die Tür hinter seinem Rücken wieder auf und rief ihm in den Hausflur nach:

„Daß Sie’s wissen, ich kümmere mich um nichts mehr; Sie können Ihre schmutzigen Aufträge geben, wem Sie wollen.“ Mouret war geschlagen. Er blieb über seine Niederlage verbittert. Aus Groll gefiel er sich darin zu sagen, diese Leute aus dem zweiten Stock seien sehr unbedeutende Leute. Nach und nach verbreitete er unter seinen Bekannten eine Meinung, die die Meinung der ganzen Stadt wurde. Abbé Faujas wurde als ein mittelloser Priester ohne jeden Ehrgeiz angesehen, der gänzlich außerhalb der Ränke der Diözese stehe; man glaubte, er schäme sich seiner Armut, weil er die schlechtesten Arbeiten an der Kathedrale annahm, sich so tief wie möglich in den Schatten drückte, wo er sich wohl zu fühlen schien. Eine einzige Neugier blieb, nämlich die, zu erfahren, warum er von Besançon nach Plassans gekommen war. Heikle Geschichten waren im Umlauf. Aber die Vermutungen erschienen gewagt. Mouret selbst, der seinen Mietern zum Zeitvertreib nachspioniert hatte, ganz so, als wenn er Karten oder Billard gespielt hätte, begann zu vergessen, daß er einen Priester bei sich beherbergte, als ein Ereignis sein Leben von neuem mit Beschlag belegte.

Als er eines Nachmittags nach Hause ging, erblickte er vor sich Abbé Faujas, der die Rue Balande hinanstieg. Er verlangsamte den Schritt. Er musterte ihn in Ruhe. Seit einem Monat, solange der Priester in seinem Hause wohnte, war es das erste Mal, daß er ihn so am hellen Tag sah. Der Abbé trug noch immer seine alte Soutane; er schritt langsam dahin, seinen Dreispitz in der Hand, barhäuptig trotz des scharfen Windes. Die Straße, deren Steigung sehr steil ist, blieb menschenleer mit ihren großen kahlen Häusern, deren Fensterläden geschlossen waren. Mouret, der den Schritt beschleunigte, ging schließlich auf den Zehenspitzen, aus Angst, der Priester könne ihn hören und enteilen. Aber als sie sich Herrn Rastoils Haus näherten, ging eine Gruppe Menschen, die vom Place de la Sous-Préfecture herkam, in dieses Haus hinein. Abbé Faujas hatte einen kleinen‘ Umweg gemacht, um jenen Herren auszuweichen. Er sah zu, wie die Tür geschlossen wurde. Jäh stehenbleibend, wandte er sich dann zu seinem Hauswirt um, der auf ihn zukam.

„Wie glücklich ich bin, Sie so zu treffen“, sagte er mit seiner großen Höflichkeit. „Ich hätte mir erlaubt, Sie heute abend zu stören . . . Am letzten Regentag haben sich an der Decke meines Zimmers Wasserflecke gebildet, die ich Ihnen zeigen möchte.“ Mouret stand vor ihm hingepflanzt und stammelte, daß er zu seiner Verfügung stehe. Und als sie zusammen nach Hause kamen, fragte er ihn schließlich, zu welcher Stunde er sich einfinden könne, um sich die Decke anzusehen.

„Aber gleich jetzt, bitte“, antwortete der Abbé, „sofern Sie das nicht zu sehr stört.“

Atemlos ging Mouret hinter ihm nach oben, während Rose, die starr vor Erstaunen war, ihnen auf der Küchenschwelle von Stufe zu Stufe nachblickte.

KAPITEL IV

Im zweiten Stock angelangt, war Mouret aufgeregter als ein Schüler, der zum erstenmal das Zimmer einer Frau betreten soll. Die unverhoffte Befriedigung eines lange unterdrückten Verlangens, die Hoffnung, ganz und gar ungewöhnliche Dinge zu sehen, benahmen ihm den Atem. Unterdessen hatte Abbé Faujas den Schlüssel, den er zwischen seinen großen Fingern verbarg, in das Schloß geschoben, ohne daß man das Geräusch des Eisens hörte. Die Tür drehte sich wie auf samtenen Angeln. Der Abbé trat zurück und forderte Mouret schweigend auf einzutreten.

Die baumwollenen Vorhänge an den Fenstern waren so dicht, daß im Zimmer eine kreidige Blässe herrschte, das Zwielicht einer zugemauerten Zelle. Dieses Zimmer war über die Maßen groß, hatte eine hohe Decke, eine verschossene und saubere Tapete von ausgeblichenem Gelb. Mouret wagte sich vor, ging mit kleinen Schritten über den spiegelblanken Fliesenfußboden, dessen Kälte er unter seinen Schuhsohlen zu fühlen glaubte. Er blickte sich heimlich um, musterte das vorhanglose eiserne Bett, dessen Laken so glattgezogen waren, daß man es für eine in eine Ecke gestellte Bank aus weißem Stein gehalten hätte. Die Kommode, die verloren am anderen Ende des Raumes stand, ein kleiner Tisch in der Mitte vervollständigten mit zwei Stühlen, vor jedem Fenster einer, das Mobiliar. Kein Stück Papier auf dem Tisch, kein Gegenstand auf der Kommode, kein Kleidungsstück an den Wänden: das nackte Holz, der nackte Marmor, die nackte Wand. Nur über der Kommode durchschnitt eine große Christusfigur aus schwarzem Holz diese graue Nacktheit mit einem düsteren Kreuz.

„Hier, mein Herr, kommen Sie hierher“, sagte der Abbé, „in dieser Ecke hat sich ein Fleck an der Decke gebildet.“

Aber Mouret beeilte sich nicht, er genoß. Obwohl er die absonderlichen Dinge, die zu sehen er unbestimmt erhofft hatte, nicht sah, hatte das Zimmer für ihn, den Freigeist, einen besonderen Geruch. Es riecht nach Priester, dachte er; es riecht nach einem Mann, der anders beschaffen ist als die anderen, der die Kerze ausbläst, um das Hemd zu wechseln, der weder seine Unterhosen noch sein Rasierzeug herumliegen läßt. Es verdroß ihn, daß sich weder auf den Möbeln noch in den Ecken irgend etwas fand, das dort vergessen worden war und das ihm Stoff zu Vermutungen bieten konnte. Der Raum war wie dieser Teufelsmensch, stumm, kalt, glatt, undurchdringlich. Zu seiner lebhaften Überraschung hatte er dort, sosehr er darauf gefaßt war, nicht den Eindruck von Elend; er rief in ihm im Gegenteil eine Wirkung hervor, die er einst empfunden hatte, als er eines Tages den sehr reich eingerichteten Salon eines Präfekten in Marseille betrat. Die große Christusfigur schien den Raum mit ihren schwarzen Armen auszufüllen.

Er mußte sich jedoch entschließen, der Ecke näher zu treten, in die ihn der Abbé rief.

„Sie sehen den Fleck, nicht wahr?“ begann dieser wieder. „Seit gestern ist er ein bißchen zurückgegangen.“

Mouret stellte sich auf die Zehenspitzen, blinzelte, ohne irgendwas zu sehen. Nachdem der Priester die Vorhänge zurückgezogen hatte, gewahrte er schließlich eine leichte rostfarbene Tönung. „Das ist nicht weiter schlimm“, murmelte er.

„Ohne Zweifel; aber ich habe geglaubt, Sie in Kenntnis setzen zu müssen . . . Es muß am Dachrand durchgesickert sein.“

„Ja, Sie haben recht, am Dachrand.“ Weiter erwiderte Mouret nichts; er betrachtete das Zimmer, das vom grellen Licht des hellen Tages beleuchtet wurde. Es war weniger feierlich, aber es wahrte sein unbedingtes Schweigen. Sicherlich erzählte hier kein Staubkörnchen vom Leben des Abbé.

„Übrigens“, fuhr letzterer fort, „könnten wir vielleicht durch das Fenster sehen . . . Warten Sie.“ Und er öffnete das Fenster.

Aber Mouret rief, daß er ihn nicht länger zu stören beabsichtige, daß es eine Lappalie sei, daß die Arbeiter das Loch wohl zu finden wüßten.

„Sie stören mich keineswegs, versichere ich Ihnen“, sagte der Abbé, in liebenswürdiger Art und Weise darauf bestehend. „Ich weiß, daß Hausbesitzer sich gern selbst ein Bild machen . . . Ich bitte Sie, prüfen Sie alles eingehend . . . Das Haus gehört Ihnen.“ Und was bei ihm selten vorkam: er lächelte sogar, als er diesen letzten Satz aussprach. Als sich Mouret mit ihm dann über die Fensterbrüstung gebeugt hatte und beide zur Dachrinne hochsahen, ließ er sich in bautechnische Erklärungen ein, wie der Fleck sich gebildet haben konnte. „Sehen Sie, ich denke an eine leichte Senkung der Dachziegel, vielleicht ist sogar einer von ihnen gebrochen, falls nicht dieser Riß daran schuld ist, den Sie dort längs des Kranzgesimses erblicken und der sich in der Stützmauer fortsetzt.“

„Ja, das ist schon möglich“, antwortete Mouret. „Ich gestehe Ihnen, Herr Abbé, daß ich nichts davon verstehe. Der Maurer wird nachsehen.“

Der Priester sprach nun nicht mehr von Reparaturen. Er blieb ruhig da und betrachtete die Gärten unter sich. Mouret, der sich neben ihm auf die Ellenbogen gestützt hatte, wagte aus Höflichkeit nicht, sich zurückzuziehen. Er war ganz und gar eingenommen, als sein Mieter nach einigem Schweigen mit seiner sanften Stimme zu ihm sagte:

„Sie haben einen hübschen Garten, Herr Mouret.“

„Oh, einen ganz gewöhnlichen“, antwortete er. „Es standen da ein paar schöne Bäume, die ich fällen lassen mußte, denn in ihrem Schatten wuchs nichts. Das ist nun mal nicht anders. Man muß an das Nützliche denken. Diese Ecke genügt uns. Wir haben die ganze Zeit über Gemüse.“

Der Abbé staunte, ließ sich Einzelheiten berichten. Der Garten war einer jener alten, von Laubengängen umgebenen und durch hohe Buchsbaumsträucher in vier regelmäßige Gevierte eingeteilten Provinzgärten. In der Mitte befand sich ein schmales Becken ohne Wasser. Ein einziges Geviert war Blumen vorbehalten. Auf den drei anderen, die an ihren Ecken mit Obstbäumen bepflanzt waren, wuchsen prächtiger Kohl und herrliche Salate. Die mit gelbem Sand bestreuten baumbestandenen Gartenwege waren peinlich sauber gehalten.

„Das ist ein kleines Paradies“, meinte Abbé Faujas mehrmals.

„Es gibt mancherlei Unannehmlichkeiten, das kann ich Ihnen sagen“, erwiderte Mouret im Gegensatz zu der lebhaften Genugtuung, die er darüber empfand, von seinem Besitz so gut sprechen zu hören. „Es wird Ihnen zum Beispiel aufgefallen sein, daß wir uns hier auf einem Abhang befinden. Die Gärten sind terrassenförmig angelegt. So liegt der von Herrn Rastoil tiefer als meiner, der wiederum tiefer liegt als der der Unterpräfektur. Das Regenwasser richtet oft Schäden an. Und außerdem, was noch weniger angenehm ist, sehen die Leute von der Unterpräfektur zu mir herüber, um so mehr, als sie jene Terrasse gebaut haben, die meine Mauer überragt. Es stimmt, daß ich zu Herrn Rastoil hinübersehe, eine armselige Entschädigung, versichere ich Ihnen, denn ich kümmere mich nie um das, was die anderen tun.“

Der Priester schien ihm aus Gefälligkeit zuzuhören, schüttelte den Kopf, stellte keine Frage. Er folgte mit den Augen den Erklärungen, die ihm sein Hauswirt mit der Hand gab.

„Sehen Sie, dort ist noch ein Ärgernis“, fuhr letzterer fort und zeigte auf ein Gäßchen, das hinten am Garten entlangführte. „Sehen Sie diesen kleinen, zwischen zwei Mauern eingefaßten Weg? Das ist die Chevilottes-Sackgasse, die an einem Einfahrtstor zum Gelände der Unterpräfektur endet. Alle anliegenden Grundstücke haben eine kleine Ausgangspforte zur Sackgasse, und es herrscht dort unaufhörlich ein geheimnisvolles Kommen und Gehen . . . Ich, der ich Kinder habe, habe meine Pforte mit zwei guten Nägeln versperrt.“ Er zwinkerte mit den Augen und sah den Abbé an, wobei er vielleicht hoffte, daß dieser ihn frage, was das für ein geheimnisvolles Kommen und Gehen sei.

Aber der Abbé sagte nichts; er musterte die Chevilottes-Sackgasse ohne mehr Neugier, er lenkte seine Blicke friedfertig wieder zu Mourets Garten zurück.

Unten am Rande der Terrasse säumte Marthe an ihrem gewohnten Platz Servietten. Als sie die Stimmen hörte, hatte sie zuerst kurz aufgeblickt; dann hatte sie sich, erstaunt darüber, ihren Gatten in Gesellschaft des Priesters an einem Fenster des zweiten Stocks zu sehen, wieder an die Arbeit gemacht. Sie schien nicht mehr zu wissen, daß die beiden da waren.

Mouret hatte aus einer Art unbewußter Prahlerei heraus, glücklich darüber, zu zeigen, daß er soeben endlich in diese hartnäckig verschlossene Wohnung eingedrungen war, die Stimme erhoben. Und der Priester ließ mitunter seine ruhigen Augen auf Marthe verweilen, auf dieser Frau, von der er nur den gesenkten Nacken mit der schwarzen Masse des Haarknotens sah.

Schweigen trat ein. Abbé Faujas schien noch immer nicht geneigt zu sein, vom Fenster wegzugehen. Er schien nun die Gartenbeete des Nachbarn eingehend zu betrachten. Herrn Rastoils Garten war nach englischer Art angelegt, mit kleinen Alleen, kleinen Rasenflächen, die von kleinen Blumenbeeten unterbrochen waren. Im Hintergrund war eine Baumrotunde, in der sich ein Tisch und Gartenstühle befanden.

„Herr Rastoil ist sehr reich“, begann Mouret wieder, der der Blickrichtung des Abbé gefolgt war. „Sein Garten kostet ihn was; der Wasserfall, den Sie zwar nicht sehen können dort hinter den Bäumen, ist ihm auf mehr als dreihundert Francs zu stehen gekommen. Und kein Gemüse, nichts als Blumen. Eine Zeit hatten die Damen sogar davon gesprochen, die Obstbäume fällen zu lassen; das wäre ein wahrer Mord gewesen, denn die Birnbäume sind prächtig. Ach was! Er hat recht, seinen Garten nach seinem Belieben einzurichten. Wenn man die Mittel dazu hat!“ Und da der Abbé immer noch schwieg, fuhr er fort und drehte sich dabei zu ihm um: „Sie kennen Herrn Rastoil, nicht wahr? Jeden Morgen geht er von acht bis neun Uhr unter seinen Bäumen spazieren. Ein dicker Mann, ein bißchen untersetzt, kahl, ohne Bart, mit kugelrundem Kopf. Ich glaube, er hat in den ersten Augusttagen die Sechzig erreicht. Seit nahezu zwanzig Jahren ist er nun Präsident unseres Zivilgerichts. Es heißt, er sei gutmütig. Ich verkehre nicht mit ihm. Guten Tag, guten Abend, und das ist alles.“ Er hielt inne, als er sah, daß mehrere Personen die Freitreppe des Nachbarhauses hinuntergingen und sich zu der Baumrotunde hinwandten. „Ach ja“, sagte er und senkte die Stimme, „heute ist Dienstag . . . Man gibt ein Essen bei Rastoils.“

Der Abbé hatte eine leichte Bewegung nicht unterdrücken können. Er hatte sich vorgebeugt, um besser zu sehen. Zwei Priester, die neben zwei erwachsenen Mädchen gingen, schienen ihn besonders zu interessieren.

„Wissen Sie, wer diese Herren sind?“ fragte Mouret. Und auf eine unbestimmte Handbewegung Faujas’ fuhr er fort: „Sie überquerten die Rue Balande in dem Augenblick, als wir uns getroffen haben . . . Der Große, der Junge, der, der zwischen den beiden Fräulein Rastoil geht, ist Abbé Surin, der Sekretär unseres Bischofs. Ein sehr liebenswürdiger Bursche, wie es heißt. Im Sommer sehe ich ihn mit diesen Fräulein Federball spielen . . . Der Alte, den Sie ein bißchen dahinter erblicken, ist einer unserer Generalvikare, Herr Abbé Fenil. Er leitet das Seminar. Ein schrecklicher Mann, flach und spitz wie ein Säbel. Ich bedauere, daß er sich nicht umdreht; Sie würden seine Augen sehen . . . Es überrascht mich, daß Sie diese Herren nicht kennen.“

„Ich gehe wenig aus“, antwortete der Abbé, „ich verkehre mit niemanden in der Stadt.“

„Und das ist nicht recht von Ihnen! Sie müssen sich oft langweilen . . . Oh! Herr Abbé, man muß Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie sind nicht neugierig. Wie! Seit einem Monat sind Sie hier, und Sie wissen nicht einmal, daß Herr Rastoil jeden Dienstag ein Essen gibt! Aber das springt einem an diesem Fenster doch in die Augen!“ Mouret lachte leicht auf. Er machte sich über den Abbé lustig. Dann fuhr er in vertraulichem Ton fort: „Sehen Sie den großen alten Herrn, der Madame Rastoil begleitet? Ja, den Mageren, den Mann mit dem breitkrempigen Hut. Das ist Herr de Bourdeu, der frühere Präfekt des Departements Drôme, ein Präfekt, den die Revolution von 1848 aus dem Sattel gehoben hat. Noch einer, den Sie nicht kennen, wette ich . . . Und Herr Maffre, der Friedensrichter? Dieser ganz weiße Herr mit den großen vorstehenden Augen, der mit Herrn Rastoil als letzter kommt. Zum Teufel! Bei dem da gibt es für Sie keine Entschuldigung. Er ist Ehrendomherr von Saint-Saturnin . . . Unter uns, man beschuldigt ihn, seine Frau mit seiner Härte und seinem Geiz ins Grab gebracht zu haben.“ Er hielt inne, sah dem Abbé ins Gesicht und sagte mit spöttischer Barschheit zu ihm: „Ich bitte Sie um Entschuldigung, Herr Abbé, aber ich bin nicht fromm.“

Der Abbé machte abermals eine unbestimmte Handbewegung, die alles beantwortete und ihn enthob, sich deutlicher zu erklären.

„Nein, ich bin nicht fromm“, wiederholte Mouret spöttisch. „Man muß jedermann gewähren lassen, nicht wahr? — Bei den Rastoils beachtet man die Kirchengebote. Sie müssen die Mutter und ihre Töchter in Saint-Saturnin gesehen haben. Sie sind Ihre Pfarrkinder . . . Diese armen Fräulein! Die Ältere, Angéline, ist gut sechsundzwanzig Jahre alt; die andere, Aurélie, wird vierundzwanzig. Und dabei nicht schön, ganz gelb, mit mürrischem Aussehen. Das schlimmste ist, daß man die Ältere zuerst verheiraten muß. Sie werden schließlich jemanden finden, wegen der Mitgift . . . Was die Mutter anbelangt, diese kleine üppige Frau, die anmutig wie ein Hammel einherschreitet, so hat sie dem armen Rastoil tüchtig zu schaffen gemacht.“ Er zwinkerte mit dem linken Auge, ein Tick, der ihm zur Gewohnheit geworden war, wenn er einen etwas gewagten Scherz zum besten gab.

Der Abbé hatte die Augen niedergeschlagen und wartete auf die Fortsetzung; als der andere dann schwieg, öffnete er sie wieder und sah zu, wie sich die Gesellschaft nebenan unter den Bäumen rings um den runden Tisch niederließ.

Mouret nahm seine Erklärungen wieder auf:

„Sie werden dort bis zum Abendessen bleiben, um die kühle Luft zu genießen. Es ist jeden Dienstag dasselbe . . . Dieser Abbé Surin hat viel Erfolg. Da, er lacht schallend mit Mademoiselle Aurélie . . . Ah! Der Generalvikar hat uns bemerkt. He? Was für Augen! Er liebt mich nicht gerade, weil ich mit einem seiner Verwandten Streit gehabt habe . . . Aber wo ist denn Abbé Bourrette? Wir haben ihn nicht gesehen, nicht wahr? Das ist sehr seltsam. Er fehlt an keinem Dienstag bei Herrn Rastoil. Er muß sich nicht wohl fühlen . . . Sie kennen ihn. Und was für ein ehrenwerter Mann! Das Roß des lieben Gottes.“

Aber Abbé Faujas hörte nicht mehr zu. Seine Blicke kreuzten sich fortwährend mit denen des Abbé Fenils. Er wandte den Kopf nicht ab, er hielt der Prüfung des Generalvikars mit vollendeter Kälte stand. Er hatte sich fester auf die Fensterbrüstung gestützt, und seine Augen schienen größer geworden zu sein.

„Da ist die Jugend“, fuhr Mouret fort, als er drei junge Leute ankommen sah. „Der Älteste ist Rastoils Sohn; er ist gerade als Rechtsanwalt zugelassen worden. Die zwei anderen sind die Kinder des Friedensrichters, die noch auf das Gymnasium gehen . . . Nanu, warum sind denn meine zwei Schlingel noch nicht nach Hause gekommen?“

Gerade in diesem Augenblick erschienen Octave und Serge auf der Terrasse. Sie lehnten sich an das Geländer und neckten Désirée, die sich eben zu ihrer Mutter gesetzt hatte. Als die Kinder ihren Vater im zweiten Stock sahen, senkten sie die Stimme und scherzten mit unterdrücktem Gelächter.

„Meine ganze kleine Familie“, murmelte Mouret selbstgefällig. „Wir, wir bleiben bei uns; wir empfangen keine Gäste. Unser Garten ist ein verschlossenes Paradies, wo es der Teufel gerne bleiben läßt, uns in Versuchung zu führen.“ Er lachte, während er dies sagte, weil er sich im Grunde weiterhin auf Kosten des Abbé lustig machte.

Dieser hatte den Blick langsam auf die Gruppe zurückgelenkt, die die Familie seines Hauswirtes genau unter dem Fenster bildete. Er verweilte dabei einen Augenblick, betrachtete den alten Garten mit den von hohem Buchsbaum umgebenen viereckigen Gemüsebeeten; dann besah er noch Herrn Rastoils anspruchsvolle Gartenwege und ging, als wolle er einen Plan der Örtlichkeiten aufnehmen, zum Garten der Unterpräfektur über. Dort gab es nur eine große Rasenfläche in der Mitte, einen weichgewellten Grasteppich; immergrüne Sträucher bildeten dichte Büsche; hohe, dichtbelaubte Kastanienbäume verwandelten dieses zwischen den benachbarten Häusern eingepferchte Stückchen Erde in einen Park.

Abbé Faujas schaute indessen nachdrücklich unter die Kastanienbäume. Er entschloß sich zu murmeln:

„Das ist sehr hübsch, diese Gärten . . . Auch in dem zur Linken sind viele Leute.“

Mouret blickte auf.

„Wie jeden Nachmittag“, sagte er gelassen. „Das sind die engsten Freunde von Herrn Péqueur des Saulaies, von unserem Unterpräfekten . . . Im Sommer kommen auch sie abends zusammen rings um das Wasserbecken, das Sie da links nicht sehen können . . . Ah! Herr de Condamin ist zurück. Dieser schöne Greis mit dem guterhaltenen Äußeren und der kräftigen Gesichtsfarbe; das ist unser Oberforstmeister, ein fideler Kerl, den man stets zu Pferde trifft, mit Handschuhen und enganliegenden Hosen. Und dabei ein Lügner! Er ist nicht aus der Gegend; vor kurzem hat er eine ganz junge Frau geheiratet . . . Kurzum, das ist glücklicherweise nicht meine Sache.“ Er senkte wieder den Kopf, als er hörte, wie Désirée, die mit Serge spielte, ihr Kleinmädchenlachen lachte.

Aber der Abbé, dessen Gesicht ein wenig Farbe bekam, brachte ihn mit einem Wort zurück:

„Ist das der Unterpräfekt?“ fragte er. „Der dicke Herr mit der weißen Krawatte?“

Diese Frage belustigte Mouret außerordentlich.

„O nein!“ antwortete er lachend. „Man sieht wohl, daß Sie Herrn Péqueur des Saulaies nicht kennen. Er ist keine vierzig Jahre alt. Er ist groß, ein hübscher Bursche, sehr vornehm . . . Dieser dicke Herr ist Doktor Porquier, der Arzt, der die bessere Gesellschaft von Plassans behandelt. Ein glücklicher Mann, versichere ich Ihnen. Er hat nur einen Kummer, seinen Sohn Guillaume . . . Jetzt sehen Sie die beiden Leute, die auf der Bank sitzen und uns den Rücken zukehren. Das ist Herr Paloque, der Richter, und seine Frau. Das häßlichste Ehepaar der ganzen Gegend. Man weiß nicht, wer scheußlicher ist, die Frau oder der Mann. Zum Glück haben sie keine Kinder.“ Und Mouret begann lauter zu lachen. Er geriet in Hitze, ereiferte sich und schlug mit der Hand auf die Fensterbrüstung. „Nein“, begann er wieder und wies mit je einer Kopfbewegung auf den Garten der Rastoils und den Garten der Unterpräfektur, „ich kann diese beiden Gesellschaften nicht ansehen, ohne daß mich das vergnügt macht . . . Sie befassen sich nicht mit Politik, Herr Abbé, sonst würde ich Sie schon zum Lachen bringen . . . Stellen Sie sich vor, daß ich, zu Recht oder Unrecht, als ein Republikaner gelte. Ich komme wegen meiner Geschäfte viel durch das Land; ich bin ein Freund der Bauern; man hat sogar davon gesprochen, mich für den Generalrat zu nominieren; kurzum, mein Name ist bekannt . . . Nun ja! Ich habe hier rechts bei den Rastoils die Blüte der Legitimität und dort links beim Unterpräfekten die großen Tiere des Kaiserreichs. Na! Ist das drollig genug? Mein armer alter Garten, der so ruhig ist, mein kleines Fleckchen Glück zwischen diesen beiden feindlichen Lagern. Ich habe immer Angst, daß sie sich über meine Mauern hinweg mit Steinen bewerfen . . . Sie verstehen, ihre Steine könnten in meinen Garten fallen.“ Dieser Scherz entzückte Mouret vollends. Er rückte näher an den Abbé heran und sah dabei aus wie eine Klatschbase, die lang und breit was erzählen will.

„Plassans ist vom politischen Gesichtspunkt aus sehr merkwürdig. Der Staatsstreich ist hier geglückt, weil die Stadt konservativ ist. Vor allem aber ist sie legitimistisch und orléanistisch, und zwar so sehr, daß sie vom ersten Tag des Kaiserreiches an Vorschriften machen wollte. Da man nicht auf sie gehört hat, ist sie böse geworden und zur Opposition übergegangen. Ja, Herr Abbé, zur Opposition. Letztes Jahr haben wir Marquis de Lagrifoul als Abgeordneten aufgestellt, einen alten Edelmann mit mittelmäßigem Verstand, dessen Wahl die Unterpräfektur aber hübsch verdrossen hat . . . Und schauen Sie, da ist er, Herr Péqueur des Saulaies, er ist mit dem Bürgermeister, mit Herrn Delangre, zusammen.“

Der Abbé blickte rasch hinüber. Der Unterpräfekt, der sehr brünett war, lächelte unter seinem gewichsten Schnurrbart; er war von untadeliger Korrektheit; sein Benehmen glich dem eines schönen Offiziers und liebenswürdigen Diplomaten. Neben ihm führte der Bürgermeister mit einem wahren Fieber von Gebärden und Reden das große Wort. Er wirkte klein, hatte breite Schultern, eine durchfurchte Larve und hatte Neigung zu einem Hanswurst. Er sprach sicher zuviel.

„Herr Péqueur des Saulaies“, fuhr Mouret fort, „wäre darüber beinahe krank geworden. Er glaubte die Wahl des offiziellen Kandidaten gesichert . . . Ich habe mich ergötzt. Am Abend nach der Wahl ist der Garten der Unterpräfektur schwarz und unheimlich wie ein Friedhof geblieben, während bei den Rastoils Kerzen unter den Bäumen brannten und Gelächter und ein richtiger Siegesspektakel herrschte. Auf der Straße läßt man sich nichts anmerken; in den Gärten hingegen tut man sich keinen Zwang an, schüttet man sein Herz aus . . . Sie sehen, ich bin bei sonderbaren Dingen zugegen, ohne irgend etwas zu sagen.“ Er hielt einen Augenblick inne, als wolle er nicht weitererzählen, aber seine Redseligkeit war zu groß. „Jetzt frage ich mich“, begann er wieder, „was sie in der Unterpräfektur machen werden. Ihr Kandidat kommt nie mehr durch. Sie kennen die Gegend nicht, sie sind nicht sehr beschlagen. Man hat mir versichert, daß Herr Péqueur des Saulaies eine Präfektur bekommen sollte, wenn die Wahl gut verlaufen wäre. Da können sie lange warten! Der bleibt noch eine hübsche Zeit Unterpräfekt . . . He! Was werden sie ersinnen, um den Marquis zu Boden zu werfen? Denn irgend etwas werden sie ersinnen, sie werden auf die eine oder andere Weise versuchen, Plassans zu erobern.“ Er blickte zum Abbé hoch, zu dem er seit einer Weile nicht mehr hingeschaut hatte. Als er des Priesters aufmerksames Gesicht mit den leuchtenden Augen und den gleichsam weiter gewordenen Ohren sah, hielt er mit einemmal inne. Seine ganze Vorsicht, die Vorsicht eines friedlichen Bürgers, erwachte; er spürte, daß er soeben viel zuviel gesagt hatte. Deshalb murmelte er mit verärgerter Stimme: „Schließlich weiß ich nichts. Es werden so viele lächerliche Sachen herumerzählt . . . Ich verlange lediglich, daß man mich zu Hause ruhig leben läßt.“

Er wäre gern vom Fenster weggegangen, aber er wagte nicht, jäh davonzugehen, nachdem er so vertraulich geschwatzt hatte. Er begann zu ahnen: falls einer von beiden sich über den anderen lustig gemacht, so hatte er gewiß keine günstige Rolle gespielt.

Mit seiner großen Ruhe blickte der Abbé weiterhin nach rechts und nach links in die beiden Gärten. Er unternahm nicht den mindesten Versuch, Mouret zum Weitersprechen zu ermuntern. Dieser wünschte voller Ungeduld, daß seine Frau oder eines seiner Kinder auf den guten Einfall käme, ihn zu rufen, und er war erleichtert, als er Rose auf der Freitreppe auftauchen sah. Sie blickte hoch.

„Nun, mein Herr!“ rief sie. „Wird es denn heute nichts? — Das Essen steht seit einer Viertelstunde auf dem Tisch.“

„Gut, Rose! Ich komme runter“, antwortete er. Er ging vom Fenster weg und entschuldigte sich. Die Kälte des Zimmers, das er hinter sich vergessen hatte, verwirrte ihn vollends. Es kam ihm wie ein großer Beichtstuhl vor mit seiner schrecklichen schwarzen Christusfigur, die alles gehört haben mußte. Als sich Abbé Faujas mit einem kurzen stummen Gruß von ihm verabschiedete, konnte er diesen jähen Abbruch der Unterhaltung nicht ertragen; er kam zurück und blickte zur Decke hoch.

„Es ist dann also in dieser Ecke da?“ sagte er.

„Was denn?“ fragte der Abbé sehr überrascht.

„Der Fleck, über den Sie mit mir gesprochen haben.“

Der Priester konnte ein Lächeln nicht verbergen. Abermals bemühte er sich, Mouret den Fleck zu zeigen.

„Oh! Jetzt gewahre ich ihn sehr gut“, sagte dieser. „Abgemacht, gleich morgen lasse ich die Arbeiter kommen.“

Er ging endlich hinaus. Er war noch auf dem Treppenabsatz, als sich die Tür hinter ihm geräuschlos wieder geschlossen hatte. Die Stille des Treppenhauses brachte ihn sehr in Harnisch. Er ging hinunter und murmelte dabei:

„Dieser Teufelsmensch! Er fragt nichts, und man sagt ihm alles.“

KAPITEL V

Am folgenden Tag kam die alte Frau Rougon, Marthes Mutter, die Mourets besuchen. Das war dort ein ganz großes Ereignis, denn es bestand eine kleine Mißhelligkeit zwischen dem Schwiegersohn und den Eltern seiner Frau, vor allem seit der Wahl des Marquis de Lagrifoul, den jene beschuldigten, durch Mourets Einfluß auf dem Lande zum Erfolg gekommen zu sein. Marthe ging allein zu ihren Eltern. Ihre Mutter, „dieser Schwarzkopf Félicité“, wie man sie nannte, war mit ihren sechsundsechzig Jahren noch von jungmädchenhafter Magerkeit und Lebhaftigkeit. Sie trug stets mit Rüschen überladene Seidenkleider und hatte Gelb und Kastanienbraun besonders gern.

Als sie sich an jenem Tag einstellte, waren nur Marthe und Mouret im Wohnzimmer.

„Sieh mal an!“ sagte Mouret sehr überrascht. „Da ist deine Mutter . . . Was will sie denn bei uns? Es ist noch keinen Monat her, daß sie hier war . . . Da steckt doch sicher wieder irgendwas dahinter.“

Die Rougons, deren Kommis er vor seiner Heirat gewesen war, als ihr enger Laden im alten Stadtviertel nach Bankrott roch, waren Gegenstand seines ewigen Mißtrauens. Sie vergalten es ihm übrigens mit einem starken und tiefen Groll, verabscheuten in ihm vor allem den Kaufmann, der rasch gute Geschäfte gemacht hatte.

Wenn ihr Schwiegersohn sagte: „Ich verdanke mein Vermögen nur meiner Arbeit“, kniffen sie die Lippen zusammen; sie begriffen vollkommen, daß er sie beschuldigte, ihr Vermögen durch dunkle Machenschaften erworben zu haben. Trotz ihres schönen Hauses am Place de la Sous-Préfecture war Félicité mit der wilden Eifersucht einer alten Händlerin, die ihre Wohlhabenheit nicht dem verdankt, was sie am Ladentisch erspart hat, insgeheim neidisch auf die kleine ruhige Wohnung der Mourets.

Félicité küßte Marthe auf die Stirn, als sei ihre Tochter noch immer sechzehn Jahre alt. Dann reichte sie Mouret die Hand. Beide unterhielten sich für gewöhnlich in einem süßsauren, spöttischen Ton.

„Nun!“ fragte sie lächelnd. „Sind die Gendarmen also noch nicht gekommen, um Sie abzuholen, Sie Aufrührer?“

„Aber nein, noch nicht“, antwortete er ebenfalls lachend. „Sie warten darauf, daß Ihr Gatte ihnen Befehle erteilt.“

„Oh! Das ist sehr hübsch, was Sie da sagen“, entgegnete Félicité, deren Augen flammten.

Marthe richtete einen flehenden Blick auf Mouret; er war soeben wirklich zu weit gegangen. Aber er war in Schwung gebracht, er fuhr fort:

„Wir sind wirklich unaufmerksam; wir empfangen Sie hier im Wohnzimmer. Ich bitte Sie, gehen wir in den Salon hinüber:“ Das war einer seiner üblichen Scherze. Er ahmte Félicités großartiges Gehabe nach, wenn er sie bei sich empfing. Marthe mochte ruhig sagen, daß man sich hier wohl fühle, sie und ihre Mutter mußten ihm in den Salon folgen. Und dort gab er sich viel Mühe, öffnete die Fensterläden, schob die Sessel zurecht. Der Salon, den man nie betrat und dessen Fenster meistens geschlossen blieben, war ein großes verlassenes Zimmer, in dem Möbel mit weißen, von der Feuchtigkeit des Gartens angegilbten Überzügen herumstanden.

„Es ist unerträglich“, murmelte Mouret und wischte den Staub von einer kleinen Konsole, „Rose vernachlässigt alles.“ Und sich zu seiner Schwiegermutter umwendend, fügte er mit einer Stimme, in der die Ironie durchbrach, hinzu: „Entschuldigen Sie, daß wir Sie so in unserer armseligen Bleibe empfangen . . . Es kann nicht jedermann reich sein.“

Félicité blieb die Luft weg. Sie starrte Mouret einen Augenblick an, war drauf und dran loszuplatzen. Sich dann einen Ruck gebend, senkte sie die Lider; als sie sie wieder aufschlug, sagte sie mit liebenswürdiger Stimme:

„Ich habe eben Madame de Condamin guten Tag gewünscht und bin hereingekommen, um zu hören, wie es der kleinen Familie geht . . . Die Kinder befinden sich wohlauf, nicht wahr? Und Sie auch, mein lieber Mouret?“

„Ja, alle befinden sich vortrefflich“, antwortete er, verwundert über diese große Liebenswürdigkeit.

Aber die alte Dame ließ ihm keine Zeit, in die Unterhaltung wieder einen feindseligen Ton zu bringen. Sie fragte Marthe zärtlich nach einer Menge Nichtigkeiten, gab sich als gute Großmama und schalt ihren Schwiegersohn, daß er „die Kleinen und die Kleine“ nicht öfter zu ihr schicke. Sie sei so glücklich, sie zu sehen!

„Ach! Wißt ihr“, sagte sie schließlich nachlässig, „jetzt haben wir Oktober; ich werde meine Empfangstage wiederaufnehmen, donnerstags wie in den anderen Jahren . . . Ich rechne auf dich, nicht wahr, meine liebe Marthe? — Und Sie, Mouret, wird man Sie nicht manchmal sehen, schmollen Sie uns noch immer?“ Mouret, den das rührselige Geschwätz seiner Schwiegermutter schließlich verwirrte, wußte für einen Augenblick keine schlagfertige Antwort. Auf diesen Hieb war er nicht gefaßt, ihm fiel nichts Boshaftes ein, und er begnügte sich zu antworten:

„Sie wissen sehr wohl, daß ich nicht zu Ihnen kommen kann . . . Sie empfangen eine Menge Leute, die entzückt wären, mir unangenehm zu werden. Außerdem möchte ich mich nicht auf Politik einlassen.“

„Aber Sie irren sich“, entgegnete Félicité, „Sie irren sich, hören Sie, Mouret! Würde man nicht sagen, mein Salon sei ein Klub? Das habe ich nicht gewollt. Die ganze Stadt weiß, daß ich mich bemühe, mein Haus liebenswürdig zu machen. Wenn man bei mir über Politik spricht, so geschieht das heimlich in den Ecken, versichere ich Ihnen. Ach ja, die Politik, sie hat mir früher genug Verdruß bereitet . . . Warum sagen Sie das?“

„Sie empfangen die ganze Bande von der Unterpräfektur“, murmelte Mouret mit mürrischer Miene.

„Die Bande von der Unterpräfektur?“ wiederholte sie. „Die Bande von der Unterpräfektur? — Ohne Zweifel, ich empfange diese Herren. Ich glaube dennoch nicht, daß man Herrn Péqueur des Saulaies in diesem Winter oft bei mir trifft; mein Mann hat ihm die Wahrheit über die letzten Wahlen gesagt. Er hat sich hinters Licht führen lassen wie ein Tropf . . . Was seine Freunde anbelangt, so sind sie Menschen aus guter Gesellschaft. Herr Delangre, Herr de Condamin sind sehr liebenswürdig, der biedere Paloque ist die Güte selbst, und gegen Doktor Porquier haben Sie, glaube ich, nichts einzuwenden.“

Mouret zuckte die Achseln.

„Übrigens“, fuhr sie fort und legte ironisch Nachdruck auf ihre Worte, „empfange ich auch Herrn Rastoils Bande, den ehrenwerten Herrn Maffre und unseren gelehrten Freund Herrn de Bourdeu, den früheren Präfekten . . . Sie sehen also, wir schließen uns gegen niemand ab, bei uns sind alle Meinungen willkommen. Aber begreifen Sie doch, daß kein Schwanz zu mir kommen würde, wenn ich meine Gäste nur aus einer Partei aussuchte! Außerdem lieben wir den Geist überall, wo er sich findet; wir erheben den Anspruch, daß zu unseren Abendgesellschaften alles kommt, was Plassans an vornehmen Persönlichkeiten aufzuweisen hat . . . Mein Salon ist neutrales Gebiet, merken Sie sich das gut, Mouret; ja, neutrales Gebiet, das ist das richtige Wort.“ Sie hatte sich beim Sprechen ereifert. Jedesmal wenn man sie auf dieses Thema brachte, wurde sie zum Schluß böse. Ihr Salon war ihr großer Ruhm; wie sie sagte, wollte sie dort thronen, nicht als Parteichef, sondern als Frau von Welt. Es stimmt, daß die vertrauten Freunde behaupteten, sie bediene sich einer Versöhnungstaktik, die ihr Sohn Eugène, der Minister, ihr angeraten habe, der ihr auftrug, in Plassans die Annehmlichkeiten und die Liebenswürdigkeiten des Kaiserreiches zu verkörpern.

„Sie können sagen, was Sie wollen“, brummelte Mouret dumpf, „Ihr Maffre ist ein Pfaffe, Ihr Bourdeu ein Einfaltspinsel, und die anderen sind größtenteils Lumpen. Das ist’s, was ich denke . . . Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, aber das würde mich zu sehr in meinem Tagesablauf stören. Ich habe die Angewohnheit, zeitig schlafen zu gehen. Ich bleibe zu Hause.“

Félicité erhob sich, wandte Mouret den Rücken zu und sagte zu ihrer Tochter:

„Ich rechne immerhin auf dich, nicht wahr, meine Liebe?“ „Gewiß“, antwortete Marthe, die die grobe Weigerung ihres Mannes mildern wollte.

Die alte Dame schickte sich an zu gehen, da schien sie sich eines Besseren zu besinnen. Sie bat, Désirée, die sie im Garten erblickt hatte, einen Kuß geben zu dürfen. Sie wollte nicht einmal, daß man das Kind rief; sie stieg auf die Terrasse hinunter, die von einem am Morgen niedergegangenen leichten Regen noch ganz naß war. Dort floß sie über vor Liebkosungen für ihre Enkelin, die ein bißchen scheu vor ihr stehenblieb; als sie dann wie zufällig den Kopf hob und die Vorhänge im zweiten Stock sah, rief sie aus:

„Nanu! Ihr habt vermietet? — Ach ja! Ich entsinne mich, an einen Priester, glaube ich. Ich habe davon gehört . . . Was für ein Mensch ist dieser Priester?“

Mouret sah sie fest an. Ihm kam gleichsam ein rascher Argwohn; er dachte, daß sie einzig wegen Abbé Faujas gekommen war.

„Auf Ehre“, sagte er, ohne sie aus den Augen zu lassen, „ich weiß darüber nichts . . . Aber vielleicht können Sie mir Auskunft geben?“

„Ich?“ rief sie mit großartig gespielter Überraschung. „Nun! Ich habe ihn nie gesehen . . . Warten Sie, ich weiß, daß er Vikar an der Kirche Saint-Saturnin ist; Pater Bourrette hat mir das gesagt. Und hören Sie, das bringt mich auf den Gedanken, daß ich ihn zu meinen Donnerstagen einladen sollte. Zu meinen Gästen gehören bereits der Direktor des Priesterseminars und Monsignores Sekretär.“ Dann wandte sie sich an Marthe: „Weißt du, wenn du deinen Mieter siehst, solltest du dahingehend bei ihm vorfühlen, daß du mir sagen kannst, ob ihm eine Einladung angenehm wäre.“

„Wir sehen ihn fast nicht“, beeilte sich Mouret zu antworten. „Er kommt und geht, ohne den Mund aufzumachen . . . Außerdem geht mich das nichts an.“ Und er musterte sie weiter mit argwöhnischer Miene. Sicherlich wußte sie viel mehr über Abbé Faujas, als sie erzählen wollte. Im übrigen zuckte sie mit keiner Wimper unter dem aufmerksam musternden Blick ihres Schwiegersohnes.

„Das ist mir schließlich gleichgültig“, fuhr sie mit vollendeter Ungezwungenheit fort. „Wenn er ein anständiger Mensch ist, werde ich immer eine Art und Weise finden, ihn einzuladen . . . Auf Wiedersehen, meine Kinder.“

Sie ging die Freitreppe wieder hoch, als sich auf der Schwelle zum Hausflur ein großer alter Mann zeigte. Er trug einen Überzieher und Hosen aus sehr sauberem blauem Tuch und hatte eine Pelzmütze mit über die Augen hängender Krempe auf. In der Hand hielt er eine Peitsche.

„Ah, Onkel Macquart!“ rief Mouret und warf einen neugierigen Blick auf seine Schwiegermutter.

Félicité hatte eine sehr unwillige Handbewegung gemacht. Macquart, ein unehelicher Bruder Rougons, war dank dessen Hilfe nach Frankreich zurückgekehrt, nachdem er sich in der Erhebung der Landgemeinden von 1851 unmöglich gemacht hatte. Seit seiner Rückkehr aus Piemont führte er das Leben eines fetten Bürgers mit gutem Auskommen. Er hatte sich — man wußte nicht, mit was für Geld — im Dorf Les Tulettes, drei Meilen von Plassans entfernt, ein Häuschen gekauft. Nach und nach hatte er sich herausgemacht und sich schließlich sogar ein Wägelchen und ein Pferd zugelegt, so daß man ihn nur noch auf den Landstraßen traf, wie er Pfeife rauchend die Sonne trank, grinste und dabei aussah wie ein solide gewordener alter Seebär. Die Feinde der Rougons sagten ganz leise, daß die Brüder irgendeinen schlechten Streich zusammen begangen hätten und daß Pierre Rougon Antoine Macquart aushalte.

„Guten Tag, Onkel“, wiederholte Mouret mit betonter Freundlichkeit. „Sie kommen also, uns einen kleinen Besuch abzustatten?“

„Aber ja“, antwortete Macquart in gutmütigem Ton. „Du weißt, jedesmal wenn ich durch Plassans komme . . . Ach, du meine Güte, Fèlicité! Wenn ich darauf gefaßt gewesen wäre, Sie hier zu finden! Ich war gekommen, um Rougon zu besuchen, ich hatte ihm etwas zu sagen . . .“

„Er war zu Hause, nicht wahr?“ unterbrach sie ihn mit ruheloser Lebhaftigkeit. „Es ist gut, es ist gut, Macquart.“

„Ja, er war zu Hause“, fuhr der Onkel seelenruhig fort, „ich habe ihn gesehen, und wir haben geplaudert. Er ist ein guter Kerl, der Rougon.“ Er lachte leicht auf. Und während Félicité vor Angst von einem Fuß auf den anderen trat, redete er weiter mit seiner schleppenden Stimme, die so seltsam gebrochen klang, daß er sich stets über die Welt lustig zu machen schien: „Mouret, mein Junge, ich habe dir zwei Kaninchen mitgebracht; sie sind da in einem Korb. Ich habe sie Rose gegeben . . . Für Rougon hatte ich auch zwei; Sie werden sie zu Hause finden, Félicité, und können mir Bescheid geben. Ah, wie fett die Strolche sind! Ich habe sie für euch gemästet . . . Was wollt ihr, Kinder? Mir macht es Freude, was zu verschenken.“

Félicité war ganz blaß und preßte die Lippen zusammen, während Mouret sie weiter mit heimlichem Lachen ansah. Sie hätte sich gerne zurückgezogen; aber sie fürchtete die Redereien, wenn sie Macquart allein zurückließ.

„Danke, Onkel“, sagte Mouret. „Letztes Mal waren Ihre Pflaumen sehr gut . . . Sie trinken doch einen Schluck?“

„Na, das kann ich nicht abschlagen.“

Und als Rose ihm ein Glas Wein gebracht hatte, setzte er sich seelenruhig auf das Terrassengeländer. Bedächtig trank er aus dem Glas, schnalzte mit der Zunge und hielt den Wein dabei gegen das Licht.

„Der kommt aus der Ecke von Saint-Eutrope, dieser Wein da“, murmelte er. „Mich täuscht man nicht. Ich kenne die Gegend wie meine Rocktasche.“ Er schüttelte den Kopf und grinste.

Da fragte ihn Mouret unvermittelt mit einem eigentümlichen Unterton in der Stimme:

„Und wie geht es in Les Tulettes?“

Macquart blickte hoch, sah alle an; nachdem er ein letztes Mal mit der Zunge geschnalzt und das Glas neben sich auf den Stein gestellt hatte, antwortete er lässig:

„Ganz gut . . . Ich habe vorgestern Nachricht von ihr bekommen. Es geht ihr immer gleich.“

Félicité hatte den Kopf abgewandt. Schweigen trat ein. Mouret hatte eben den Finger auf eine der offenen Wunden der Familie gelegt, als er auf die Mutter Rougons und Macquarts anspielte, die seit mehreren Jahren als Irre in der Anstalt von Les Tulettes eingesperrt war. Macquarts kleines Anwesen lag daneben, und es schien, als habe Rougon den drolligen Alten dort postiert, damit er auf die Ahne aufpasse.

„Es wird spät“, sagte Macquart schließlich und stand auf, „ich muß vor Einbruch der Nacht zurück sein . . . Sag mal, Mouret, mein Junge, ich rechne an einem der nächsten Tage auf dich. Du hattest mir doch versprochen zu kommen.“

„Ich komme, Onkel, ich komme.“

„Darum geht es nicht, ich will, daß alle kommen, verstehst du! Alle . . . Ich langweile mich dort, so ganz allein. Ich werde für euch kochen.“ Und sich zu Félicité umwendend, fügte er hinzu: „Sagen Sie Rougon, daß ich auch auf ihn und auf Sie rechne. Daß die alte Mutter dort nebenan ist, soll Sie nicht hindern zu kommen; da würde es ja überhaupt keine Möglichkeit mehr geben, sich zu zerstreuen . . . Ich sage Ihnen, daß es ihr gut geht, daß man sie gut pflegt. Sie können sich auf mich verlassen . . . Sie sollen ein Weinchen kosten, das ich auf einem Hang an der Seille entdeckt habe; ein Weinchen, das Sie berauscht, Sie werden ja sehen!“

Immer noch sprechend, wandte er sich zur Tür. Félicité ging so dicht hinter ihm her, daß sie ihn hinauszuschieben schien. Alle begleiteten ihn bis auf die Straße. Er band sein Pferd los, dessen Zügel er an einen Fensterladen geknüpft hatte, als Abbé Faujas, der nach Hause kam, mit einem leichten Gruß durch die Gruppe hindurchschritt. Man hätte meinen können, ein schwarzer Schatten eile geräuschlos dahin. Félicité drehte sich flink um, schaute ihm bis zur Treppe nach, weil sie nicht die Zeit gehabt hatte, ihm ins Gesicht zu sehen.

Stumm vor Erstaunen schüttelte Macquart den Kopf und murmelte: „Wie, mein Junge, du beherbergst jetzt Pfarrer bei dir? Und er hat ein eigentümliches Auge, dieser Mann. Nimm dich in acht: Soutanen bringen Unglück!“

Er setzte sich auf die Wagenbank, pfiff leise und fuhr die Rue Balande im leichten Trab seines Pferdes hinunter. Sein runder Rücken verschwand samt seiner Pelzmütze an der Biegung der Rue Taravelle.

Als sich Mouret umwandte, hörte er, wie seine Schwiegermutter zu Marthe sagte:

„Mir wäre es lieber, wenn du ihm die Einladung ausrichtest, damit es nicht so feierlich wirkt. Wenn du eine Möglichkeit fändest, mit ihm darüber zu sprechen, würdest du mir eine Freude machen.“

Sie schwieg, als sie sich ertappt fühlte. Nachdem sie Désirée überschwenglich geküßt hatte, brach sie endlich auf, wobei sie sich durch einen letzten raschen Blick vergewisserte, daß Macquart hinter ihr nicht zurückkehrte, um über sie zu schwatzen.

„Du weißt, daß ich dir ganz entschieden verbiete, dich in die Angelegenheiten deiner Mutter zu mischen“, sagte Mouret zu seiner Frau, als sie wieder ins Haus traten. „Sie steckt immer in einem Haufen Geschichten, die niemand durchschauen kann. Was zum Teufel kann sie mit dem Abbé vorhaben? Wegen seiner schönen Augen würde sie ihn nicht einladen, wenn sie nicht ein heimliches Interesse hätte. Dieser Pfarrer ist nicht umsonst von Besançon nach Plassans gekommen. Dahinter steckt irgendwas.“

Marthe hatte sich wieder an das ewige Ausbessern der Familienwäsche gemacht, das ihr ganze Tage wegnahm.

Er strich noch eine Weile um sie herum und murmelte:

„Die machen mir Spaß, der alte Macquart und deine Mutter. Na tatsächlich, die können sich nicht ausstehen! Du hast gesehen, wie ihr die Luft wegblieb, weil sie ihn hier erblickte. Man möchte meinen, sie hat immer noch Angst, zu hören, wie er Sachen erzählt, die man nicht wissen soll. Er wäre nicht darum verlegen, hübsche Sachen zu erzählen . . . Aber mich wird man nicht bei ihm ertappen. Ich habe geschworen, mich nicht in diesen Wirrwarr hineinzumischen . . . Siehst du, mein Vater hatte recht, wenn er sagte, daß die Familie meiner Mutter, diese Rougons, diese Macquarts, nicht den Strick zum Aufhängen wert sei. Ich habe ebenso wie du Blut von ihm; es kann dich nicht verletzen, daß ich das sage. Ich sage es, weil es stimmt. Heute sind sie zu Vermögen gekommen, aber das hat sie nicht vom Schmutz gesäubert, im Gegenteil.“

Schließlich ging er fort und machte einen Spaziergang über den Cours Sauvaire, wo er Freunde traf, mit denen er vom Wetter, von den Ernten, von den Geschehnissen des Vortages plauderte. Eine große Bestellung Mandeln, die er am folgenden Tag übernahm, hielt ihn mehr als eine Woche lang in ständigem Kommen und Gehen, was bewirkte, daß er Abbé Faujas fast vergaß. Übrigens begann ihn der Abbé zu langweilen; er redete nicht genug, er war zu geheimniskrämerisch. Er ging ihm zweimal aus dem Wege, weil er glaubte, der andere suche ihn einzig und allein, um das Ende der Geschichten über die Bande der Unterpräfektur und die Bande der Rastoils zu erfahren. Als Rose ihm erzählte, daß Frau Faujas versucht habe, sie zum Sprechen zu bringen, hatte er sich vorgenommen, die Lippen nicht mehr aufzutun. Ein anderes Vergnügen füllte seine leeren Stunden aus. Wenn er jetzt die so gut verschlossenen Vorhänge im zweiten Stock betrachtete, brummelte er vor sich hin:

„Versteck dich ruhig, mein Guter . . . Ich weiß, daß du mich hinter deinen Vorhängen belauerst; das bringt dich immer noch nicht groß voran. Wenn du damit rechnest, durch mich die Nachbarn kennenzulernen!“

Dieser Gedanke, daß Abbé Faujas auf der Lauer lag, erheiterte ihn ungemein. Er gab sich viel Mühe, um nicht in irgendeine Falle zu gehen. Aber als er eines Abends nach Hause kam, gewahrte er fünfzig Schritt vor sich Abbé Bourrette und Abbé Faujas, die vor Herrn Rastoils Tür stehengeblieben waren. Er verbarg sich in einem Hauswinkel. Die zwei Priester hielten ihn dort eine gute Viertelstunde fest. Sie sprachen lebhaft, trennten sich, kamen dann wieder. Mouret glaubte zu verstehen, daß Abbé Bourrette Abbé Faujas inständig bat, ihn zum Präsidenten zu begleiten. Dieser entschuldigte sich, lehnte schließlich mit einiger Ungeduld ab. Es war ein Dienstag, ein Empfangstag. Endlich trat Bourrette bei Herrn Rastoil ein; Faujas schlich in seinem demütigen Gang nach Hause. Mouret blieb nachdenklich. Wirklich, warum ging der Abbé nicht zu Herrn Rastoil? Die ganze Pfarre Saint-Saturnin speiste dort, Abbé Fenil, Abbé Surin und die anderen. Es gab keinen Schwarzrock in Plassans, der nicht im Garten vor dem Wasserfall die kühle Abendluft genossen hätte. Diese Weigerung des neuen Vikars war eine wahrhaftig ungewöhnliche Sache.

Als Mouret nach Hause gekommen war, ging er schnell hinter in seinen Garten, um die Fenster im zweiten Stock zu beobachten. Nach einer Weile sah er, wie sich der Vorhang des zweiten Fensters rechts bewegte. Sicherlich stand Abbé Faujas dort, um auszukundschaften, was bei Herrn Rastoil vorging. An gewissen Bewegungen des Vorhangs glaubte Mouret zu erkennen, daß er gleichfalls nach der Seite der Unterpräfektur hinüberblickte.

Als er am nächsten Tag, einem Mittwoch, ausgehen wollte, teilte ihm Rose mit, daß Abbé Bourrette seit mindestens einer Stunde bei den Leuten im zweiten Stock sei. Da kehrte er wieder um und schnüffelte im Wohnzimmer herum. Als Marthe ihn fragte, was er so suche, wurde er wütend und sprach von einem Schriftstück, ohne das er nicht fortgehen könne. Er stieg nach oben, um nachzusehen, ob er es nicht im ersten Stock gelassen hätte. Als er dann nach langem Warten hinter der Tür seines Zimmers im zweiten Stock ein Stuhlrücken zu vernehmen glaubte, ging er langsam hinunter und blieb im Hausflur einen Augenblick stehen, um Abbé Bourrette Zeit zu geben, ihn einzuholen. „Schau mal einer an! Sie hier, Herr Abbé? Was für ein glückliches Zusammentreffen! — Gehen Sie nach Saint-Saturnin zurück? Das trifft sich großartig. Ich gehe in diese Richtung. Ich werde Sie begleiten, wenn Sie das nicht stört.“

Abbé Bourrette antwortete, daß er entzückt sei. Sie gingen beide langsam die Rue Balande hoch und wandten sich zum Place de la Sous-Préfecture. Der Abbé war ein beleibter Mann mit einem gutmütigen, naiven Gesicht und großen blauen Kinderaugen. Sein straffgezogener breiter Seidengürtel ließ einen Bauch von sanfter und glänzender Rundung hervortreten, und er ging mit etwas zurückgeworfenem Kopf, seinen zu kurzen Armen und seinen schon schwerfälligen Beinen.

„Nun!“ sagte Mouret, ohne einen Übergang zu suchen. „Sie kommen von einem Besuch bei diesem vortrefflichen Herrn Faujas . . . Ich habe Ihnen zu danken, Sie haben da einen Mieter für mich ausfindig gemacht, wie es wenige gibt.“

„Ja, ja“, murmelte der Priester. „Das ist ein ehrenwerter Mann.“ „Oh! Nicht der geringste Lärm. Wir merken nicht einmal, daß ein Fremder bei uns ist. Und dabei sehr höflich, sehr gebildet . . . Sie wissen nicht, man hat mir versichert, er sei ein hervorragender Geist, ein Geschenk, das man der Diözese machen wollte.“ Und als sie sich mitten auf dem Place de la Sous-Préfecture befanden, blieb Mouret unversehens stehen und sah Abbé Bourrette fest an.

„Ach! Wahrhaftig“, begnügte sich dieser mit erstaunter Miene zu antworten.

„Man hat es mir versichert . . . Unser Bischof hätte mit ihm für später seine Absichten. Unterdessen würde sich der neue Vikar im Schatten halten, um keine Eifersüchteleien zu erregen.“ Abbé Bourrette hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und ging um die Ecke der Rue de la Banne. Er sagte gelassen:

„Sie überraschen mich sehr . . . Faujas ist ein einfacher Mensch, er hat sogar zuviel Demut. So übernimmt er in der Kirche die kleinen Arbeiten, die wir gewöhnlich den Pfarrgehilfen überlassen. Er ist ein Heiliger, aber er ist kein gewandter Bursche. Ich habe ihn kaum einmal flüchtig bei Monsignore gesehen. Vom ersten Tag an hat er mit Abbé Fenil nicht besonders gestanden. Ich hatte ihm doch erklärt, daß man der Freund des Generalvikars werden müsse, wenn man in der bischöflichen Residenz gut aufgenommen sein wolle. Er hat nichts verstanden; ich fürchte, er hat ein etwas beschränktes Urteil . . . Sehen Sie, das ist wie mit seinen ständigen Besuchen bei Abbé Compan, unserem armen Pfarrer, der seit vierzehn Tagen das Bett hütet und den wir sicherlich verlieren werden. Nun ja! Sie sind unangebracht, sie werden ihm unermeßlichen Schaden einbringen. Compan hat sich nie mit Fenil verstehen können; man muß wahrhaftig aus Besançon kommen, um einen Umstand, der in der ganzen Diözese bekannt ist, nicht zu wissen.“ Er wurde lebhaft. Er blieb seinerseits am Eingang zur Rue Canquoin stehen, pflanzte sich vor Mouret auf. „Nein, mein lieber Herr, man hat Sie getäuscht: Faujas ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind . . . Ich habe keinen Ehrgeiz, nicht wahr? Und Gott weiß, wie ich Compan liebe, ein goldenes Herz! Das hindert nicht, daß ich nur heimlich hingehe, um ihm die Hand zu drücken. Er selbst hat es mir gesagt: ,Bourrette, ich mache nicht mehr lange, mein alter Freund. Wenn du nach mir Pfarrer werden willst, dann trachte danach, daß man dich nicht zu oft an meiner Tür läuten sieht. Komme nachts und klopfe dreimal, meine Schwester wird dir öffnen.‘ Nun warte ich bis zur Nacht, verstehen Sie . . . Es ist unnütz, sich Mißhelligkeiten im Leben zu machen. Man hat schon so viel Kummer!“ Seine Stimme war rührselig geworden. Er faltete die Hände über dem Bauch, er ging weiter und war von einem naiven Egoismus bewegt, der ihn über sich selbst weinen ließ, während er murmelte: „Der arme Compan, der arme Compan . . .“

Mouret war verdutzt. Aus Abbé Faujas wurde er schließlich überhaupt nicht mehr schlau.

„Man hatte mir doch ganz genaue Einzelheiten gegeben“, versuchte er noch zu sagen. „So war davon die Rede, für ihn eine bedeutende Stellung ausfindig zu machen.“

„Ach was! Nein, ich versichere Ihnen, nein!“ rief der Priester. „Faujas hat keine Zukunft . . . Eine andere Sache. Sie wissen, daß ich jeden Dienstag beim Herrn Präsidenten speise. Letzte Woche hatte er mich inständig gebeten, Faujas mitzubringen. Er wollte ihn kennenlernen, sich zweifellos ein Urteil über ihn bilden . . . Nun! Sie würden niemals erraten, was Faujas getan hat. Er hat die Einladung abgelehnt, mein lieber Herr, er hat rundweg abgelehnt. Ich habe ihm vergeblich gesagt, daß er sich sein Leben in Plassans unmöglich macht, daß er sich mit Fenil vollends überwirft, wenn er Herrn Rastoil gegenüber eine solche Unhöflichkeit begeht; er ist halsstarrig geblieben, er hat nichts hören wollen . . . Ich glaube sogar — Gott verzeihe mir! —, er hat mir in einem Augenblick des Zornes gesagt, daß er es nicht nötig habe, sich auf diese Weise durch die Annahme eines Abendessens zu verpflichten.“ Abbé Bourrette begann zu lachen. Er war vor der Kirche Saint-Saturnin angekommen; er hielt Mouret einen Augenblick an der kleinen Kirchenpforte zurück. „Er ist ein Kind, ein großes Kind“, fuhr er fort. „Ich bitte Sie, wie kann er glauben, ein Abendessen bei Herrn Rastoil könne ihn ins Gerede bringen! — Als mich daher Ihre Schwiegermutter, die gute Madame Rougon, gestern mit einer Einladung für Faujas beauftragte, habe ich ihr nicht verheimlicht, daß ich fürchte, sehr schlecht bei ihm damit anzukommen.“

Mouret spitzte die Ohren.

„Ach! Meine Schwiegermutter hatte Sie mit einer Einladung beauftragt?“

„Ja, sie war gestern in die Sakristei gekommen . . . Da ich Wert darauf lege, zu ihr liebenswürdig zu sein, hatte ich ihr versprochen, diesen Teufelsmenschen heute zu besuchen . . . Ich war sicher, er würde ablehnen.“

„Und hat er abgelehnt?“

„Nein, ich bin sehr überrascht gewesen, er hat angenommen.“ Mouret sperrte den Mund auf, dann schloß er ihn wieder. Der Priester blinzelte mit äußerst zufriedener Miene.

„Man muß gestehen, daß ich sehr geschickt gewesen bin . . . Über eine Stunde lang setzte ich Faujas die gesellschaftliche Stellung Ihrer Frau Schwiegermutter auseinander. Er schüttelte den Kopf, entschloß sich nicht, sagte, daß er Zurückgezogenheit liebe . . .

Schließlich war ich am Ende; da ist mir eine Ermahnung dieser lieben Dame eingefallen. Sie hatte mich gebeten, auf das Wesen ihres Salons viel Gewicht zu legen, der, wie die ganze Stadt weiß, neutrales Gebiet ist . . . Da hat er sich anscheinend einen Ruck gegeben und hat eingewilligt. Er hat für morgen ausdrücklich zugesagt . . . Ich werde der trefflichen Madame Rougon zwei Zeilen schreiben, um ihr unseren Sieg anzukünden.“ Mit sich selber sprechend, seine großen blauen Augen rollend, blieb er noch einen Augenblick da. „Herr Rastoil wird schön verärgert sein, aber das ist nicht meine Schuld . . . Auf Wiedersehen, lieber Mouret, baldiges Wiedersehen; schöne Grüße zu Hause.“ Und er trat in die Kirche, ließ die gepolsterte Doppeltür hinter sich sacht wieder zufallen.

Mouret sah diese Tür mit einem leichten Achselzucken an.

„Noch ein Schwätzer“, brummte er vor sich hin, „noch einer jener Menschen, die einen keine zehn Worte anbringen lassen und immerzu sprechen, um nichts zu sagen . . . Ah! Der Faujas geht morgen zum Schwarzkopf; es ist sehr ärgerlich, daß ich mit diesem Dummkopf Rougon verkracht bin.“

Dann lief er den ganzen Nachmittag wegen seiner Geschäfte umher. Am Abend fragte er beiläufig seine Frau beim Zubettgehen:

„Gehst du morgen abend zu deiner Mutter?“

„Nein“, antwortete Marthe, „ich habe zuviel zu erledigen. Ich werde wahrscheinlich nächsten Donnerstag hingehen.“

Er ließ es dabei bewenden. Aber bevor er die Kerze ausblies, begann er wieder:

„Du hast unrecht, nicht öfter hinzugehen. Geh doch morgen abend zu deiner Mutter; du wirst dich ein bißchen unterhalten. Ich werde auf die Kinder aufpassen.“

Erstaunt sah Marthe ihn an. Gewöhnlich hielt er sie in der Wohnung fest, brauchte er sie für tausend kleine Handreichungen, brummte, wenn sie für eine Stunde wegging.

„Wenn du es wünschst, gehe ich“, sagte sie.

Er blies die Kerze aus, legte den Kopf auf das Kissen und murmelte:

„So ist es, und du wirst uns von dem Abend erzählen. Das macht den Kindern Spaß.“

KAPITEL VI

Am folgenden Abend holte Abbé Bourrette Abbé Faujas gegen neun Uhr ab; er hatte ihm versprochen, ihn in den Salon der Rougons einzuführen und dort vorzustellen. Als er ihn mitten in seinem großen kahlen Zimmer stehen und bereits fertig angekleidet antraf, wie er sich schwarze, an den Fingerspitzen ausgeblichene Handschuhe anzog, betrachtete er ihn mit einer leichten Grimasse.

„Haben Sie keine andere Soutane?“ fragte er.

„Nein“, antwortete Abbé Faujas seelenruhig, „diese ist noch anständig, glaube ich.“

„Zweifellos, zweifellos“, stammelte der alte Priester. „Es herrscht eine sehr scharfe Kälte. Nehmen Sie nichts um die Schultern? — Also gehen wir.“

Es waren jetzt die ersten Fröste. Abbé Bourrette, der in einen gesteppten seidenen Überrock warm eingehüllt war, kam außer Atem, als er Abbé Faujas folgen wollte, der nur seine dünne, abgetragene Soutane anhatte. An der Ecke des Place de la Sous-Préfecture und der Rue de la Banne blieben sie vor einem ganz aus weißen Steinen errichteten Haus stehen, einem der schönen Häuser der Neustadt mit in Stein gehauenen Rosetten an jedem Stockwerk. Ein Diener in blauer Livree empfing sie im Vestibül; er lächelte Abbé Bourrette zu, während er ihm den gesteppten Überrock abnahm, und schien sehr erstaunt beim Anblick des anderen Abbé, dieses großen, gleichsam mit Axthieben behauenen Teufels, der bei einer solchen Kälte ohne Mantel ausgegangen war. Der Salon lag im ersten Stock.

Abbé Faujas trat erhobenen Hauptes mit ernster Ungezwungenheit ein, während sich Abbé Bourrette, der sehr aufgeregt war, wenn er zu den Rougons kam, obwohl er auf keiner ihrer Abendgesellschaften fehlte, aus der Affäre zog, indem er in einen anliegenden Raum entschlüpfte. Faujas durchschritt langsam den ganzen Salon, um die Herrin des Hauses zu begrüßen, die er inmitten einer Gruppe von fünf oder sechs Damen erahnt hatte. Er mußte sich selbst vorstellen; er tat es mit drei Worten.

Félicité hatte sich schnell erhoben. Sie musterte ihn mit einem raschen Blick vom Kopf bis zu den Füßen, kehrte zum Gesicht zurück, durchforschte mit ihrem Frettchenblick seine Augen, wobei sie lächelnd flüsterte:

„Ich bin entzückt, Herr Abbé, ich bin wirklich entzückt . . .“ Unterdessen hatte der Priester beim Durchqueren des Salons Verwunderung hervorgerufen. Eine junge Frau, die jäh den Kopf gehoben hatte, machte sogar eine verhaltene Schreckensgebärde, als sie diese schwarze Masse vor sich erblickte. Der Eindruck war ungünstig; er war zu groß, zu breitschultrig; er hatte ein zu hartes Gesicht, zu derbe Hände. Unter dem grellen Licht des Kronleuchters wirkte seine Soutane so jämmerlich, daß die Damen eine Art Scham darüber empfanden, einen so schlecht gekleideten Abbé zu sehen. Sie hielten sich ihre Fächer vors Gesicht, sie fingen wieder an zu tuscheln, wobei sie danach trachteten, ihm den Rücken zuzukehren. Die Männer hatten bezeichnenderweise den Mund verzogen und kurze Blicke gewechselt.

Félicité spürte, wie wenig wohlwollend dieser Empfang war. Sie schien dadurch gereizt; sie blieb mitten im Salon stehen, sprach laut und zwang ihre Gäste, die Komplimente anzuhören, die sie an Abbé Faujas richtete.

„Der liebe Bourrette“, sagte sie mit schmeichlerischer Stimme, „hat mir erzählt, welche Mühe er hatte, Sie zu überreden . . . Eigentlich müßte ich Ihnen deshalb grollen, Herr Abbé. Sie haben kein Recht, sich so der Welt zu entziehen.“

Der Priester verneigte sich, ohne zu antworten.

Lachend fuhr die alte Dame mit besonderem Unterton in gewissen Worten fort:

„Ich kenne Sie besser, als Sie glauben, trotz Ihrer Sorgfalt, uns Ihre Tugenden zu verbergen. Man hat mir von Ihnen erzählt; Sie sind ein Heiliger, und ich will Ihre Freundin sein . . . Wir werden über all das sprechen, nicht wahr? Denn nun gehören Sie zu den Unsrigen.“

Abbé Faujas starrte sie an, als habe er in der Art, wie sie ihren Fächer handhabte, irgendein Freimaurerzeichen erkannt. Er antwortete und senkte dabei die Stimme:

„Madame, ich stehe zu Ihrer vollen Verfügung.“

„So verstehe ich es auch“, erwiderte sie lauter lachend. „Sie werden sehen, daß wir hier das Wohl aller wollen . . . Aber kommen Sie, ich will Sie meinem Mann vorstellen.“

Sie schritt durch den Salon, störte mehrere Personen, um Abbé Faujas einen Weg zu bahnen, schenkte ihm eine Beachtung, die alle Anwesenden vollends gegen ihn aufbrachte. Im Nebenraum waren Whisttische aufgestellt. Sie ging geradewegs auf ihren Mann zu, der mit der ernsten Miene eines Diplomaten spielte. Er machte eine ungeduldige Handbewegung, als sie sich zu seinem Ohr herabneigte; aber sobald sie ihm einige Worte gesagt hatte, erhob er sich rasch.

„Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!“ flüsterte er. Und nachdem er sich bei seinen Spielpartnern entschuldigt hatte, schüttelte er Abbé Faujas die Hand. Rougon war damals ein beleibter bleicher Mann von siebzig Jahren; er hatte das feierliche Aussehen eines Millionärs bekommen. Man fand in Plassans im allgemeinen, daß er einen schönen Kopf habe, den weißen und stummen Kopf einer politischen Persönlichkeit. Nachdem er mit dem Priester einige höfliche Worte gewechselt hatte, nahm er seinen Platz am Spieltisch wieder ein.

Noch immer lächelnd, war Félicité soeben in den Salon zurückgegangen.

Als Abbé Faujas endlich allein war, schien er nicht im mindesten verlegen. Er blieb einen Augenblick stehen, um den Spielern zuzusehen; in Wirklichkeit musterte er die Tapeten, den Teppich, die Möbel. Es war ein kleiner sandelholzfarbener Salon mit drei Bücherschränken aus nachgedunkeltem Birnbaum, die mit kupfernen Beschlägen verziert waren und die drei große Flächen des Raumes einnahmen. Man hätte meinen können, es sei das Arbeitszimmer eines höheren Justizbeamten. Der Priester, der zweifellos großen Wert darauf legte, eine vollständige Besichtigung vorzunehmen, durchquerte von neuem den großen Salon. Er war grün, ebenfalls sehr streng, aber stärker mit Vergoldungen beladen, und ähnelte gleichzeitig der behördlichen Gewichtigkeit eines Ministeriums und dem auffallenden Luxus eines großen Restaurants. An der anderen Seite befand sich noch eine Art Boudoir, in dem Félicité tagsüber ihre Besucher empfing; ein strohfarbenes Boudoir, in dem die Möbel mit violetten Ranken bestickt, und das so mit Sesseln, Puffs und Kanapees vollgestellt war, daß man kaum darin umhergehen konnte.

Abbé Faujas setzte sich in die Kaminecke, als wolle er sich die Füße wärmen. Er saß so, daß er durch eine weit offene Tür eine gute Hälfte des grünen Salons sehen konnte. Der so freundliche Empfang durch Frau Rougon beschäftigte ihn; er schloß halb die Augen, befaßte sich eingehend mit einem Problem, dessen Lösung ihm entging. Nach einer Weile hörte er beim Träumen hinter sich Stimmen; sein Sessel mit der riesigen Rückenlehne verbarg ihn völlig; und er senkte die Lider noch mehr. Gleichsam durch die starke Hitze des Feuers eingeschläfert, hörte er zu.

„Ich bin damals ein einziges Mal zu ihnen gegangen“, fuhr eine fette Stimme fort. „Sie wohnten gegenüber auf der anderen Seite der Rue de la Banne. Sie waren wohl damals in Paris, denn ganz Plassans hat zu jener Zeit den gelben Salon der Rougons gekannt; ein jämmerlicher Salon mit zitronengelber Tapete zu fünfzehn Sous die Rolle; mit Möbeln, die mit Utrechter Samt bezogen waren, und mit behaglichen Sesseln. Schauen Sie sie sich jetzt an, den Schwarzkopf in kastanienbraunem Satin da hinten auf diesem Puff. Sehen Sie, wie sie dem kleinen Delangre die Hand hinhält. Mein Wort! Sie wird sie ihm gleich zum Kuß reichen.“

Eine jüngere Stimme feixte und murmelte:

„Sie müssen hübsch gestohlen haben, um einen so schönen grünen Salon zu haben, denn Sie wissen ja, das ist der schönste Salon der Stadt.“

„Die Dame“, begann der andere wieder, „hat immer leidenschaftlich gern Gäste empfangen. Wenn sie keinen Sou hatte, trank sie Wasser, um ihren Gästen abends Zitronengetränke anzubieten . . . Oh! Ich kenne sie haargenau, die Rougons; ich hatte ihren Werdegang verfolgt. Das sind Leute, die vor nichts zurückschrecken. Sie waren rasend vor Begierden, daß sie imstande gewesen wären, an einer Waldecke jemand mit dem Messer umzubringen. Der Staatsstreich hatte ihnen geholfen, einen Traum von Genüssen zu befriedigen, der sie seit vierzig Jahren folterte. Deshalb sind sie so gefräßig, deshalb schlagen sie sich so den Magen mit guten Dingen voll! Sehen Sie, dieses Haus, das sie heute bewohnen, gehörte damals einem Herrn Peirotte, einem Steuereinnehmer, der bei der Geschichte in Sainte-Roure während des Aufstandes 1851 getötet wurde. Ja, meiner Treu! Sie haben in jeder Beziehung Glück gehabt. Eine verirrte Kugel hat sie von diesem lästigen Mann befreit, den sie beerbt haben . . . Na schön! Hätte Félicité zwischen dem Haus und dem Amt des Steuereinnehmers zu wählen gehabt, so hätte sie sicherlich das Haus genommen. Seit nahezu zehn Jahren wandte sie kein Auge von ihm ab, war von dem rasenden Gelüst einer schwangeren Frau erfaßt, wurde beim Anblick der reichen Vorhänge krank, die hinter den Fensterscheiben hingen. Das waren ihre Tuilerien, wie es in einer Bemerkung hieß, die nach dem zweiten Dezember in Plassans umlief.“

„Aber woher haben sie das Geld genommen, um das Haus zu kaufen?“

„Ah! Das, mein Bester, ist eine dunkle Geschichte . . . Ihr Sohn Eugéne, der, der in Paris eine so erstaunliche politische Karriere gemacht hat, Abgeordneter, Minister, Geheimer Rat in den Tuilerien, erwirkte für seinen Vater, der hier eine sehr hübsche Posse gespielt hatte, mit Leichtigkeit eine Steuereinnehmerstelle und das Kreuz der Ehrenlegion. Was das Haus anbelangt, so wird es durch Absprachen bezahlt worden sein. Sie werden sich bei irgendeinem Bankier etwas geliehen haben . . . Heute sind sie jedenfalls reich, sie spekulieren, sie holen die verlorene Zeit wieder auf. Ich denke mir, daß ihr Sohn mit ihnen in Briefwechsel geblieben ist, denn sie haben noch nicht eine einzige Dummheit begangen.“ Die Stimme schwieg, um fast sogleich mit ersticktem Lachen fortzufahren: „Nein, ich lache unwillkürlich, wenn ich sehe, wie diese verdammte Grille Félicité ihre Herzoginnenmiene aufsetzt! Ich erinnere mich immer noch an den gelben Salon mit seinem abgenutzten Teppich, seinen schmutzigen Konsolen, dem mit Fliegendreck übersäten Musselin seines kleinen Kronleuchters . . . Da empfängt sie jetzt die beiden Fräulein Rastoil. Je! Wie sie mit der Schleppe ihres Kleides herumwedelt . . . Diese Alte, mein Bester, wird eines Tages mitten in ihrem grünen Salon vor Triumph platzen.“ Abbé Faujas hatte den Kopf behutsam so gedreht, daß er sehen konnte, was in dem großen Salon vor sich ging. Er gewahrte Frau Rougon, die dort inmitten des Kreises, der sie umgab, wahrhaft prächtig wirkte; sie schien auf ihren Zwergenfüßen größer zu werden und alle Rücken rings um sich mit dem Blick einer siegreichen Königin zu beugen. Zuweilen verging sie für Sekunden vor Wonne, wobei ihre Augenlider zuckten im goldenen Widerschein der Decke, in der ernsten Anmut der Wandbespannungen.

„Ah! Da ist Ihr Vater“, sagte die fette Stimme. „Da kommt der gute Doktor herein . . . Es ist sehr seltsam, daß der Doktor Ihnen diese Dinge nicht erzählt hat. Er weiß darüber besser Bescheid als ich.“

„Ach! Mein Vater hat Angst, daß ich ihm Unannehmlichkeiten bereite“, erwiderte der andere heiter. „Sie wissen, daß er mich verwünschte, dabei fluchte, ich brächte ihn um seine Patienten . . . Entschuldigen Sie mich bitte, ich erblicke eben Herrn Maffres Söhne, ich will ihnen die Hand geben.“

Das Rücken von Stühlen war zu hören, und Abbé Faujas sah, wie ein großer junger Mann mit schon müdem Gesicht den kleinen Salon durchquerte. Der andere Herr, der mit den Rougons so munter umgesprungen war, erhob sich gleichfalls. Eine Dame, die vorbeikam, ließ sich von ihm sehr liebliche Dinge sagen, sie lachte, sie nannte ihn „lieber Herr de Condamin“. Da erkannte der Priester den gutaussehenden Mann von sechzig Jahren wieder, den Mouret ihm im Garten der Unterpräfektur gezeigt hatte. Herr de Condamin setzte sich an die andere Ecke des Kamins. Dort war er völlig überrascht, Abbé Faujas zu erblikken, den ihm die Sessellehne verborgen hatte; aber er ließ sich keineswegs aus der Fassung bringen. Er lächelte und sagte mit der Dreistigkeit eines liebenswürdigen Mannes:

„Herr Abbé, ich glaube, daß wir eben gebeichtet haben, ohne es zu wollen . . . Es ist eine große Sünde, nicht wahr, über seinen Nächsten üble Nachrede zu führen? Glücklicherweise waren Sie da, um uns Absolution zu erteilen.“

Sosehr der Abbé auch sein Gesicht in der Gewalt hatte, er konnte nicht verhindern, daß er leicht errötete. Er verstand vortrefflich, daß Herr de Condamin ihm vorwarf, den Atem angehalten zu haben, um zu lauschen. Aber dieser war nicht der Mann, einem Neugierigen zu grollen, im Gegenteil. Er war entzückt über dieses bißchen Mitwisserschaft, das er zwischen dem Priester und sich eben hergestellt hatte. Das berechtigte ihn, ungezwungen zu reden, den Abend mit dem Erzählen von Skandalgeschichten über anwesende Personen totzuschlagen. Das war sein bestes Vergnügen. Dieser in Plassans neu angekommene Abbé schien ihm ein ausgezeichneter Zuhörer zu sein; um so mehr, da er häßlich aussah, aussah wie jemand, der dazu gut ist, alles mit anzuhören, und der eine wahrhaft zu schäbige Soutane trug, als daß die Vertraulichkeiten, die man sich mit ihm erlauben würde, Weiterungen nach sich ziehen könnten.

Nach Verlauf einer Viertelstunde hatte es sich Herr de Condamin bequem gemacht. Mit seiner großen weltmännischen Höflichkeit erklärte er Abbé Faujas Plassans.

„Sie sind fremd unter uns, Herr Abbé“, sagte er. „Es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen bei irgend etwas nützlich sein könnte . . . Plassans ist eine Kleinstadt, in der man sich mit der Zeit eine Bleibe einrichtet. Ich stamme aus der Umgebung von Dijon. Na ja! Als man mich hier zum Oberforstmeister ernannt hat, verabscheute ich die Gegend, ich fand es hier sterbenslangweilig. Das war am Vorabend des Kaiserreichs. Vor allem nach 1851 hat die Provinz nichts Heiteres gehabt, versichere ich Ihnen. In diesem Departement hatten die Einwohner eine hündische Angst. Der Anblick eines Gendarmen hätte sie unter die Erde kriechen lassen . . . Das hat sich nach und nach beruhigt, sie haben den gewöhnlichen Alltagstrott wiederaufgenommen, und, mein Gott, ich habe mich schließlich darein gefügt. Ich lebe draußen, ich mache lange Spazierritte, ich habe mir einige Verbindungen geschaffen.“ Er senkte die Stimme und fuhr in vertraulichem Ton fort: „Wenn ich Ihnen raten darf, Herr Abbé, seien Sie vorsichtig. Sie können sich nicht vorstellen, in welches Wespennest ich beinahe gefallen wäre . . . Plassans ist in drei völlig unterschiedliche Stadtviertel eingeteilt: die Altstadt, wohin sie nur Tröstungen und Almosen zu bringen haben; das Saint-Marc-Viertel, das der Landadel bewohnt, ein Ort der Langeweile und Rachsucht, dem sie nicht zuviel mißtrauen können; und die Neustadt, das Viertel, das noch jetzt um die Präfektur herum gebaut wird, das einzig mögliche, das einzig passende . . . Ich hatte die Torheit begangen, in das Saint-Marc-Viertel hinunterzuziehen, wohin mich, wie ich glaubte, meine Verbindungen rufen mußten. Oh, jawohl! Ich habe nur Witwen von Stande, dürr wie Bohnenstangen, und in Armut dahinlebende Marquis gefunden. Alle Welt weint der guten alten Zeit nach. Nicht die geringste Geselligkeit, kein noch so kleines Fest; eine heimliche Verschwörung gegen den glücklichen Frieden, in dem wir leben . . . Ich hätte mir beinahe Ungelegenheiten bereitet, mein Ehrenwort. Péqueur hat sich über mich lustig gemacht . . . Herr Péqueur des Saulaies, unser Unterpräfekt, kennen Sie ihn? — Da bin ich über den Cours Sauvaire gezogen, ich habe dort am Platz eine Wohnung genommen. Sehen Sie, in Plassans ist das Volk nicht vorhanden, der Adel ist unverbesserlich; erträglich sind nur einige Emporkömmlinge, reizende Leute, die sich für die Leute von Rang und Würden in große Unkosten stürzen. Unsere kleine Beamtenwelt ist sehr glücklich dran. Wir leben unter uns, wie es uns behagt, ohne uns um die Einwohner zu bekümmern, als ob wir unser Zelt in erobertem Land aufgeschlagen hätten.“ Er lachte vor Behagen, streckte sich noch mehr und hielt seine Fußsohlen gegen die Flamme; darauf nahm er vom Tablett eines Dieners, der gerade vorbeikam, ein Glas Punsch, trank langsam, wobei er Abbé Faujas weiterhin verstohlen von der Seite betrachtete.

Dieser fühlte, daß es die Höflichkeit von ihm erforderte, sich einen Satz einfallen zu lassen.

„Dieses Haus wirkt sehr angenehm“, sagte er, sich halb zum grünen Salon umdrehend, in dem sich die Unterhaltung belebte.

„Ja, ja“, antwortete Herr de Condamin, der dann und wann innehielt, um ein Schlückchen Punsch zu trinken, „die Rougons lassen uns Paris vergessen. Man würde hier niemals meinen, in Plassans zu sein. Das ist der einzige Salon, in dem man sich vergnügt, weil es der einzige ist, in dem alle Meinungen in nahe Berührung miteinander treten . . . Péqueur gibt gleichfalls sehr nette Gesellschaften . . . Das muß die Rougons tüchtig was kosten, und sie streichen keine Kanzleigelder ein wie Péqueur; aber sie haben Besseres als das, sie haben die Taschen der Steuerpflichtigen.“ Dieser Scherz entzückte ihn. Er stellte das leere Glas, das er in der Hand hielt, auf den Kamin; und näherrückend, sich niederbeugend, fuhr er fort: „Was es hier an Vergnüglichem gibt, sind die fortwährenden Komödien, die sich abspielen. Wenn Sie die Personen kennen würden! — Dort hinten sehen Sie Madame Rastoil zwischen ihren beiden Töchtern, diese etwa fünfundvierzigjährige Frau, die einen Kopf wie ein blökendes Schaf hat . . . Nun ja! Haben Sie das Zucken ihrer Augenlider bemerkt, als sich Delangre ihr gegenüber hingesetzt hat? Jener Herr, hier links, der wie ein Hanswurst aussieht . . . Sie haben sich vor einigen zehn Jahren intim gekannt. Es heißt, eines der beiden Fräulein sei von ihm, aber man weiß nicht mehr recht, welches . . . Das drolligste ist, daß Delangre um die gleiche Zeit herum kleine Sorgen mit seiner Frau gehabt hat; man erzählt, daß seine Tochter von einem Maler sei, den ganz Plassans kennt.“

Abbé Faujas hatte geglaubt, eine ernste Miene aufsetzen zu müssen, um solche vertraulichen Geständnisse entgegenzunehmen; er schloß die Lider gänzlich; er schien nicht mehr zuzuhören.

Herr de Condamin fuhr fort, als wollte er sich rechtfertigen: „Wenn ich mir erlaube, so von Delangre zu sprechen, so deshalb, weil ich ihn gut kenne. Er ist verflixt tüchtig, dieser Teufelsmensch! Ich glaube, sein Vater war Maurer. Vor etwa fünfzehn Jahren führte er die kleinen Prozesse, von denen die anderen Rechtsanwälte nichts wissen wollten. Madame Rastoil hat ihn tatsächlich aus dem Elend herausgezogen; sie schickte ihm sogar das Winterholz, damit er es schön warm hatte. Durch sie hat er seine ersten Gerichtsfälle gewonnen . . . Beachten Sie, daß Delangre damals die Geschicklichkeit besaß, keinerlei politische Meinung zu zeigen. Als man 1852 einen Bürgermeister suchte, hat man deshalb auch unverzüglich an ihn gedacht; er allein konnte eine solche Stellung annehmen, ohne einen der drei Stadtteile in Schrecken zu versetzen. Seit jener Zeit ist ihm alles gelungen. Er hat die schönste Zukunft. Das Unglück ist, daß er sich mit Péqueur nicht sehr versteht. Sie streiten zusammen immer über Dummheiten.“ Er hielt inne, als er den großen jungen Mann zurückkommen sah, mit dem er eine Weile zuvor geplaudert hatte. „Herr Guillaume Porquier“, sagte er und stellte ihn dem Abbé vor, „der Sohn von Doktor Porquier.“ Als Guillaume sich gesetzt hatte, fragte er ihn grinsend: „Na! Was haben Sie da nebenan Schönes gesehen?“

„Wahrhaftig nichts“, antwortete der junge Mann in scherzhaftem Ton. „Ich habe die Paloques gesehen. Madame Rougon bemüht sich immer, sie hinter einen Vorhang zu verstecken, um Unheil zu verhüten. Eine schwangere Frau, die sie eines Tages auf dem Cours Sauvaire erblickt hat, hätte beinahe eine Frühgeburt gehabt . . . Paloque läßt Präsident Rastoil nicht aus den Augen, weil er zweifellos hofft, ihn vor Angst, die nach innen schlägt, umkommen zu lassen. Sie wissen, daß dieses Scheusal Paloque damit rechnet, als Präsident zu sterben.“

Beide erheiterten sich. Die Häßlichkeit der Paloques war in der kleinen Beamtenwelt Gegenstand ewiger Spötteleien. Die Stimme senkend, fuhr der junge Porquier fort:

„Herrn de Bourdeu habe ich auch gesehen. Finden Sie nicht, daß der Mann seit der Wahl des Marquis de Lagrifoul noch magerer geworden ist? Bourdeu wird sich nie darüber hinwegtrösten, nicht mehr Präfekt zu sein; er hat seinen Orleanistengroll in den Dienst der Legitimisten gestellt, in der Hoffnung, das würde ihn geradewegs in die Kammer bringen, wo er die so sehr vermißte Präfektur wieder ergattern könnte . . . Deshalb ist er auch darüber fürchterlich gekränkt, daß man ihm den Marquis vorgezogen hat, einen Dummkopf, einen Erzdummkopf, der überhaupt nichts von Politik versteht, während er, Bourdeu, sehr tüchtig, ungemein tüchtig ist.“

„Er ist todlangweilig, der Bourdeu, mit seinem zugeknöpften Gehrock und seinem flachen Altliberalenhut“, sagte Herr de Condamin mit einem Achselzucken. „Ließe man diese Leute gehen, machten sie aus Frankreich eine Sorbonne von Advokaten und Diplomaten, in der man sich gewaltig langweilen würde, versichere ich Ihnen . . . Ach! Ich wollte Ihnen sagen, Guillaume, man hat mir von Ihnen erzählt; Sie scheinen ein hübsches Leben zu führen.“

„Ich?“ rief der junge Mann lachend.

„Ja, Sie, mein Bester; und ich habe diese Dinge wohlgemerkt von Ihrem Vater. Er ist untröstlich, er beschuldigt Sie zu spielen, die Nacht im Klub und anderswo zu verbringen . . . Stimmt es, daß Sie hinter dem Gefängnis ein anrüchiges Café entdeckt haben, wo sie mit einer ganzen Schar von Strauchdieben hingehen, um Ihr Geld zu verjuxen? Man hat mir sogar erzählt . . .“

Da Herr de Condamin zwei Damen hereinkommen sah, sprach er leise weiter dicht an Guillaumes Ohr, der mit dem Kopf nickte und losprustete vor Lachen. Dieser beugte sich seinerseits nieder, um zweifellos einige Einzelheiten hinzuzufügen. Und näher aneinanderrückend, ergötzten sich beide längere Zeit mit funkelnden Augen an diesem Geschichtchen, mit dem man sich vor Damen nicht herauswagen konnte.

Abbé Faujas war währenddessen dort geblieben. Er hörte nicht mehr zu; er verfolgte Herrn Delangres Bewegungen, der im grünen Salon hin und her lief und Liebenswürdigkeiten verschwendete. Dieses Schauspiel nahm ihn derart gefangen, daß er nicht sah, wie ihn Abbé Bourrette zu sich heranwinkte. Der Abbé mußte herkommen, ihn am Arm berühren und ihn bitten, ihm zu folgen. Er führte ihn mit den Vorsichtsmaßregeln eines Mannes, der irgendeine heikle Angelegenheit zu sagen hat, bis in das Spielzimmer.

„Mein Freund“, flüsterte er, als sie in einer Ecke allein waren, „Sie sind zu entschuldigen, es ist das erste Mal, daß Sie hierherkommen; aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie sich überaus kompromittiert haben, indem Sie solange mit diesen Leuten sprachen, von denen Sie eben weggegangen sind.“ Und da Abbé Faujas ihn sehr überrascht ansah, fuhr er fort: „Diese Leute sind nicht gut angesehen . . . Gewiß, ich beabsichtige nicht, ein Urteil über sie zu fällen, ich will an keinerlei übler Nachrede teilhaben. Aus Freundschaft für Sie mache ich Sie darauf aufmerksam, das ist alles.“

Er wollte sich entfernen, aber der andere hielt ihn zurück und sagte lebhaft:

„Sie beunruhigen mich, lieber Herr Bourrette. Drücken Sie sich bitte deutlich aus. Es scheint mir, daß Sie mir auch ohne üble Nachrede Aufklärung verschaffen können.“

„Nun gut!“ erwiderte der alte Priester nach einigem Zögern, „der junge Mann, Doktor Porquiers Sohn, betrübt seinen ehrenwerten Vater aufs tiefste und gibt der studentischen Jugend von Plassans die schlimmsten Beispiele. In Paris hat er nichts als Schulden zurückgelassen, hier stellt er die Stadt auf den Kopf . . . Was Herrn de Condamin angeht . . .“ Er hielt abermals inne, weil ihn die ungeheuerlichen Dinge, die zu erzählen hatte, in Verlegenheit brachten; dann fuhr er fort und senkte dabei die Lider: „Herr de Condamin ist mit Worten sehr leichtfertig, und ich fürchte, er hat kein Gewissen. Er verschont niemanden, er erregt bei allen ehrbaren Seelen Ärgernis . . . Kurzum, ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen das beibringen soll, man sagt, er habe eine wenig rühmliche Ehe geschlossen. Sehen Sie diese junge, noch nicht dreißigjährige Frau, die so umringt ist. Nun ja! Er hat sie uns eines Tages nach Plassans gebracht, man weiß nicht recht woher. Vom Tage nach ihrer Ankunft an war sie hier allmächtig. Sie war es, die ihrem Mann und Doktor Porquier Orden verschafft hat. Sie hat Freunde in Paris . . . Ich bitte Sie, erzählen Sie diese Dinge nicht weiter. Madame de Condamin ist sehr liebenswürdig, sehr mildtätig. Ich gehe manchmal zu ihr, ich wäre untröstlich, wenn sie mich für ihren Feind hielte. Wenn sie Fehler hat, die zu verzeihen sind, so ist es unsere Pflicht, ihr zu helfen, zum Guten zurückzukommen, nicht wahr? Was den Gatten anbelangt, so ist er ein schlechter Mensch, unter uns gesagt. Seien Sie ihm gegenüber kühl.“

Abbé Faujas sah dem würdigen Bourrette in die Augen. Er hatte eben bemerkt, daß Frau Rougon mit besorgter Miene ihrem Gespräch von ferne folgte.

„Hat Madame Rougon Sie nicht gebeten, mir einen guten Wink zu geben?“ fragte er plötzlich den alten Priester.

„Sieh mal einer an, wieso wissen Sie das?“ rief dieser sehr erstaunt aus. „Sie hatte mich gebeten, nicht von ihr zu sprechen; aber da Sie ja erraten haben . . . Sie ist eine gute Frau und wäre sehr bekümmert, wenn sie sähe, daß ein Priester bei ihr eine schlechte Rolle spielt. Sie ist leider gezwungen, alle möglichen Leute zu empfangen.“

Abbé Faujas dankte und versprach, vorsichtig zu sein. Die Spieler rings um die beiden hatten nicht aufgeblickt. Er ging in den großen Salon zurück, wo er sich wieder in feindseliger Umgebung fühlte; er stellte sogar mehr Kälte, mehr stumme Verachtung fest. Wo er vorbeikam, schoben sich die Röcke beiseite, als würde er sie beschmutzen; die Fracks wandten sich mit leichtem Grinsen ab. Er aber wahrte eine prachtvolle Erhabenheit. Als er zu hören meinte, wie in der Zimmerecke, in der Frau de Condamin thronte, das Wort Besançon mit besonderer Betonung ausgesprochen wurde, schritt er geradewegs auf die Gruppe zu, die sich um sie gebildet hatte; aber bei seinem Nähern legte sich die Unterhaltung mit einemmal, und vor boshafter Neugier glänzend, blickten ihn alle Augen scharf an. Sicher sprach man über ihn, erzählte man irgendeine häßliche Geschichte. Als er dann hinter den beiden Fräulein Rastoil stand, die ihn nicht bemerkt hatten, hörte er, wie die Jüngere die Ältere fragte:

„Was hat er denn in Besançon gemacht, dieser Priester, von dem alle Welt spricht?“

„Ich weiß nicht recht“, antwortete die Ältere. „Ich glaube, er hat in einem Streit beinahe seinen Pfarrer erwürgt. Papa sagt auch, daß er sich auf ein großes Industriegeschäft eingelassen hat, das schiefgegangen ist.“

„Aber er ist dort im kleinen Salon, nicht wahr? — Man hat eben gesehen, wie er mit Herrn de Condamin lachte.“

„Nun, wenn er mit Herrn de Condamin lacht, hat man recht, ihm zu mißtrauen.“

Dieses Geschwätz der beiden Fräulein trieb Abbé Faujas Schweiß auf die Schläfen. Er verzog keine Miene; sein Mund wurde schmal, seine Wangen nahmen eine erdige Tönung an. Jetzt hörte er, wie der ganze Salon von dem Pfarrer sprach, den er erwürgt, von verdächtigen Geschäften, auf die er sich eingelassen hatte. Herr Delangre und Doktor Porquier blieben ihm gegenüber streng; Herr de Bourdeu ließ geringschätzig den Mund hängen, während er leise mit einer Dame sprach; Herr Maffre, der Friedensrichter, betrachtete ihn frommerweise heimlich, beschnüffelte ihn von fern, ehe er sich entschied zuzubeißen; und am anderen Ende des Raumes streckten die beiden Scheusale, das Ehepaar Paloque, ihre galligen Gesichter vor, auf denen die boshafte Freude über die mit leiser Stimme weitergegebenen Grausamkeiten entbrannte. Abbé Faujas zog sich langsam zurück, als er sah, wie sich Frau Rastoil, die einige Schritte entfernt gestanden hatte, wieder zwischen ihre beiden Töchter setzte, um sie gleichsam unter ihre Fittiche zu nehmen und vor seiner Berührung zu beschirmen. Er stützte sich mit dem Ellbogen auf das Klavier, das er hinter sich entdeckte; er blieb da, erhobenen Hauptes, das Gesicht hart und stumm wie ein Gesicht aus Stein. Sicherlich bestand eine Verschwörung; man behandelte ihn als Ausgestoßenen.

In seiner Reglosigkeit machte der Priester, dessen Blicke unter seinen halbgeschlossenen Lidern den Salon durchwühlten, eine sogleich wieder unterdrückte Gebärde. Er hatte hinter einer wahren Barrikade von Röcken Abbé Fenil erkannt, der in einem Sessel ausgestreckt lag und taktvoll lächelte. Als sich ihre Augen begegneten, sahen sie sich einige Sekunden mit der schrecklichen Miene zweier Duellanten an, die einen Kampf auf Leben und Tod beginnen. Dann entstand ein Rauschen von Stoff, und der Generalvikar verschwand wieder in den Spitzen der Damen. Unterdessen hatte es Félicité geschickt bewerkstelligt, sich dem Klavier zu nähern. Sie stellte die Ältere der beiden Fräulein Rastoil dort auf, die recht nett Romanzen sang. Als sie dann sprechen konnte, ohne gehört zu werden, zog sie Abbé Faujas in eine Fensternische.

„Was haben Sie denn Abbé Fenil getan?“ fragte sie ihn.

Sie sprachen sehr leise weiter. Der Priester hatte zuerst Überraschung geheuchelt; aber als Frau Rougon einige Worte geflüstert hatte, die sie mit einem Achselzucken begleitete, schien er mitteilsam zu werden, plauderte er. Sie lächelten beide, schienen Höflichkeiten auszutauschen, während das Aufblitzen ihrer Augen diese gespielte Banalität Lügen strafte. Das Klavier verstummte, und die Ältere der beiden Fräulein Rastoil mußte „Die Taube des Soldaten“ singen, die damals großen Erfolg hatte. „Ihr erstes Auftreten ist ganz und gar mißlungen“, flüsterte Félicité, „Sie haben sich unmöglich gemacht, ich rate Ihnen, für einige Zeit nicht wieder hierherzukommen . . . Sie müssen sich beliebt machen, verstehen Sie? Gewaltstreiche würden Ihr Verderben sein.“

Abbé Faujas verharrte sinnend.

„Sie meinen, diese häßlichen Geschichten sollen von Abbé Fenil erzählt worden sein?“ fragte er.

„Oh! Er ist zu schlau, um sich so herauszustellen; er wird diese Dinge seinen Beichtkindern in die Ohren geblasen haben. Ich weiß nicht, ob er Sie durchschaut hat, aber er hat Angst vor Ihnen, das ist sicher; er wird Sie mit allen denkbaren Waffen bekämpfen . . . Das Schlimmeist, daß er den vornehmsten Leuten der Stadt die Beichte abnimmt. Er hat Marquis de Lagrifoul bei der Wahl aufstellen lassen.“

„Es war falsch von mir, zu dieser Abendgesellschaft zu kommen“, ließ sich der Priester entschlüpfen.

Félicité kniff die Lippen zusammen. Sie entgegnete rasch:

„Es war falsch von Ihnen, sich mit einem Menschen wie diesem Condamin zu kompromittieren. Ich habe mein möglichstes getan. Als die Ihnen bekannte Person mir aus Paris geschrieben hat, habe ich geglaubt, Ihnen nützlich zu sein, indem ich Sie einlud. Ich bildete mir ein, Sie würden es verstehen, sich hier Freunde zu schaffen. Das war ein erster Schritt. Aber statt daß Sie zu gefallen suchen, bringen Sie alle Welt gegen mich auf . . . Warten Sie! Entschuldigen Sie meine Offenheit, ich finde, daß Sie dem Erfolg den Rücken zukehren. Sie haben nichts als Fehler begangen, indem Sie sich bei meinem Schwiegersohn einmieteten, indem Sie sich zu Hause verkriechen, indem Sie eine Soutane tragen, die den Bengels auf der Straße Freude macht.“

Abbé Faujas konnte eine ungeduldige Handbewegung nicht zurückhalten. Er begnügte sich zu antworten:

„Ich werde aus Ihren guten Ratschlägen Nutzen ziehen. Nur helfen Sie mir nicht, das würde alles verderben.“

„Ja, diese Taktik ist klug“, sagte die alte Dame. „Kehren Sie in diesen Salon nur siegreich zurück . . . Ein letztes Wort, lieber Herr. Diese Person in Paris legt großen Wert auf Ihren Erfolg, und darum interessiere ich mich für Sie. Nun ja! Glauben Sie mir, spielen Sie nicht den schwarzen Mann; seien Sie liebenswürdig, gefallen Sie den Frauen. Merken Sie sich das gut, gefallen Sie den Frauen, wenn Sie wollen, daß Plassans Ihnen gehört.“

Die Ältere der beiden Fräulein Rastoil beendete ihre Romanze und schlug einen letzten Akkord an. Man klatschte zurückhaltend Beifall. Frau Rougon hatte Abbé Faujas verlassen, um die Sängerin zu beglückwünschen. Darauf hielt sie sich in der Mitte des Salons und drückte den Gästen, die sich zurückzuziehen begannen, die Hand. Es war elf Uhr.

Der Abbé wurde sehr ärgerlich, als er bemerkte, daß der ehrenwerte Bourrette die Musik benutzt hatte, um zu verschwinden. Er rechnete darauf, mit ihm zu gehen, was ihm einen anständigen Abgang verschaffen sollte. Wenn er jetzt allein aufbräche, wäre das eine völlige Niederlage; man würde am nächsten Tag in der Stadt erzählen, daß man ihn hinausgeworfen habe. Er flüchtete sich wieder in eine Fensternische, spähte nach einer Gelegenheit aus, suchte eine Möglichkeit, einen ehrenhaften Rückzug anzutreten.

Indessen leerte sich der Salon, es waren nur noch einige Damen dort. Da bemerkte er eine ganz schlicht gekleidete Frau. Es war Frau Mouret, die durch leicht gewelltes gescheiteltes Haar jünger wirkte. Sie überraschte ihn sehr durch ihr ruhiges Gesicht, in dem zwei große schwarze Augen zu schlafen schienen. Er hatte sie den Abend über nicht erblickt. Sie war zweifellos in ihrer Ecke geblieben, ohne sich zu rühren, weil sie darüber verärgert war, untätig so die Zeit zu verlieren und die Hände in den Schoß zu legen. Als er sie musterte, stand sie auf, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden.

Diese genoß eine ihrer stärksten Freuden, nämlich zu sehen, wie die vornehme Gesellschaft von Plassans unter Verbeugungen abzog, sich bei ihr bedankte für ihren Punsch, ihren grünen Salon, die angenehmen Stunden, die man soeben bei ihr verbracht hatte; und sie dachte daran, wie die vornehme Gesellschaft ihr einst auf dem Leib herumgetrampelt hatte, wie sie es derb ausdrückte, während zur Stunde die Reichsten kein Lächeln fanden, das für diese liebe Frau Rougon zärtlich genug war.

„Ah! Madame“, murmelte der Friedensrichter Maffre, „hier vergißt man den Lauf der Stunden.“

„Sie allein verstehen einen Empfang zu geben in dieser Gegend, wo die Füchse einander gute Nacht sagen“, flüsterte die hübsche Frau de Condamin.

„Wir erwarten Sie morgen zum Abendessen“, sagte Herr Delangre. „Es gibt, was gerade auf den Tisch kommt, wir machen keine Umstände wie Sie.“

Marthe mußte durch diese Huldigungsszene hindurchgehen, um zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie küßte sie und wollte sich zurückziehen; da hielt Félicité sie zurück, wobei sie sich suchend nach jemandem umsah. Als sie Abbé Faujas gewahrte, sagte sie lachend:

„Herr Abbé, sind Sie ein galanter Mann?“

Der Abbé verneigte sich.

„Dann tun Sie mir doch bitte einen Gefallen und begleiten Sie meine Tochter. Sie, der Sie im selben Hause wohnen, wird das nicht stören; es gibt da ein Stückchen finstere Gasse, die wahrhaftig nicht beruhigend ist.“

Marthe versicherte mit ihrer friedfertigen Miene, sie sei kein kleines Mädchen, sie habe keine Angst; aber da ihre Mutter darauf bestand und sagte, sie sei dann ruhiger, nahm sie die guten Dienste des Abbé an. Und als dieser mit ihr wegging, flüsterte Félicité, die sie bis auf den Treppenabsatz begleitet hatte, lächelnd dem Priester mehrmals ins Ohr:

„Erinnern Sie sich an das, was ich gesagt habe . . . Gefallen Sie den Frauen, wenn Sie wollen, daß Plassans Ihnen gehört.“

KAPITEL VII

Mouret, der nicht schlief, bestürmte Marthe noch am selben Abend mit Fragen, wollte wissen, was bei der Gesellschaft vorgefallen sei.

Sie antwortete, alles sei wie üblich verlaufen, sie habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. Sie fügte lediglich hinzu, daß Abbé Faujas sie begleitet und dabei mit ihr über unbedeutende Dinge geplaudert habe.

Mouret war über das, was er „die Indolenz“ seiner Frau nannte, sehr verärgert.

„Man könnte sich bei deiner Mutter ruhig gegenseitig umbringen“, sagte er und vergrub den Kopf mit wütender Miene im Kissen, „du würdest mir die Nachricht davon gewiß nicht bringen.“

Als er am nächsten Tag zum Essen nach Hause kam, rief er Marthe zu, sobald er sie von weitem erblickte:

„Ich wußte ja genau, du hast Augen, um nichts zu sehen, meine Gute . . . Ah! Wie ich dich da wiedererkenne! Den ganzen Abend lang in einem Salon zu bleiben, ohne auch nur zu ahnen, was man um dich her gesagt und getan hat! — Aber die ganze Stadt redet darüber, hörst du! Ich habe keinen Schritt tun können, ohne jemanden zu treffen, der zu mir davon sprach.“ „Wovon denn, mein Freund?“ fragte Marthe erstaunt.

„Na, von Abbé Faujas’ schönem Erfolg! Man hat ihn aus dem grünen Salon hinausgeworfen.“

„Aber nein, ich versichere dir, ich habe nichts Derartiges gesehen.“

„Ach! Ich habe dir ja gesagt, du siehst nichts! — Weißt du, was er in Besançon gemacht hat, der Abbé? Er hat einen Pfarrer erwürgt oder Fälschungen begangen. Man kann es nicht genau bestätigen . . . Tut nichts, anscheinend hat man ihn hübsch zugerichtet. Er war unerfahren. Er ist ein erledigter Mann.“ Marthe hatte den Kopf gesenkt, ließ ihren Mann über die Niederlage des Priesters frohlocken.

Mouret war entzückt.

„Ich bleibe bei meiner ersten Ansicht“, fuhr er fort. „Deine Mutter muß wohl irgend etwas mit ihm im Schilde führen. Man hat mir erzählt, daß sie sehr liebenswürdig zu ihm war. Sie hat den Abbé gebeten, dich zu begleiten, nicht wahr? Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Ohne zu antworten, zuckte sie sanft die Achseln.

„Du bist wahrhaftig komisch!“ rief er. „Aber diese Kleinigkeiten sind von großer Bedeutung . . . So hat mir Madame Paloque, die ich eben getroffen habe, erzählt, daß sie mit mehreren Damen dageblieben sei, um zu sehen, wie der Abbé weggehen würde. Deine Mutter hat sich deiner bedient, um den Rückzug des Pfaffen zu decken, verstehst du denn nicht! — Versuche dich doch mal zu erinnern, was hat er dir gesagt, als er dich heimbrachte?“ Er hatte sich vor seine Frau hingesetzt, er hielt sie fest unter der scharfen Frage seiner Äuglein.

„Mein Gott“, antwortete sie geduldig, „er hat mir unbedeutende Sachen gesagt, Sachen, wie sie jeder sagen kann. Er hat von der Kälte gesprochen, die sehr scharf sei, von der nächtlichen Stille der Stadt; außerdem, glaube ich, von dem angenehmen Abend, den er gerade verbracht habe.“

„Ah, der Scheinheilige! — Und hat er dich nicht über deine Mutter ausgefragt, über die Leute, die sie empfängt?“

„Nein. Übrigens ist der Weg von der Rue de la Banne bis hierher nicht weit; wir haben keine drei Minuten gebraucht. Er ging neben mir, ohne mir den Arm zu reichen; er machte so große Schritte, daß ich fast gezwungen war zu rennen . . . Ich weiß nicht, was man hat, daß man so versessen hinter ihm her ist. Er sieht nicht glücklich aus. Er bibberte in seiner alten Soutane, der arme Mann.“

Mouret war nicht bösartig.

„Das stimmt“, murmelte er, „seit es draußen friert, ist ihm bestimmt nicht warm.“

„Außerdem“, fuhr Marthe fort, „haben wir uns nicht über ihn zu beklagen: er zahlt pünktlich, er macht keinen Radau . . . Wo würdest du einen ebenso guten Mieter finden?“

„Nirgends, das weiß ich . . . Was ich dir vorhin darüber sagte, habe ich gesagt, um dir zu zeigen, wie wenig du aufpaßt, wenn du irgendwohin gehst. Andererseits kenne ich die Sippschaft, die deine Mutter empfängt, zu gut, um mich bei dem aufzuhalten, was aus dem berüchtigten grünen Salon herausdringt. Immer Klatschereien, Schwindeleien, Geschichten, die aus einer Mücke einen Elefanten machen. Der Abbé hat zweifellos niemanden erwürgt, ebensowenig wie er Bankrott gemacht haben dürfte . . .

Ich habe zu Madame Paloque gesagt: ,Ehe man andere auszieht, täte man gut daran, seine eigene schmutzige Wäsche zu waschen.‘ Wenn sie das auf sich bezogen hat, um so besser!“

Mouret log, er hatte das nicht zu Frau Paloque gesagt. Aber Marthes Sanftmut bewirkte, daß er sich etwas schämte über die Freude, die er eben über die Mißgeschicke des Abbé an den Tag gelegt hatte. Die folgenden Tage stellte er sich rundweg auf die Seite des Priesters. Wenn er jemanden traf, den er nicht ausstehen konnte — Herrn de Bourdeu, Herrn Delangre, Doktor Porquier —, hielt er ihnen eine prächtige Lobrede auf Abbé Faujas, um ihnen nicht nach dem Munde zu reden, um sie zu ärgern und in Erstaunen zu setzen. Seinen Reden nach sei das ein ganz und gar bedeutender Mann von großem Mut, von großer Einfachheit in der Armut. Es müsse doch wahrhaftig sehr boshafte Leute geben. Und er ließ Anspielungen über die Leute einfließen, die bei den Rougons empfangen wurden, ein Haufe Heuchler, Mucker, eingebildete Dummköpfe, die den Glanz der wahren Tugend fürchteten. Nach Verlauf einiger Zeit hatte er die Sache des Abbé ganz zu seiner eigenen gemacht; er bediente sich des Abbé, um der Bande der Rastoils und der Bande der Unterpräfektur eins zu versetzen.

„Falls das nicht jämmerlich ist!“ sagte er manchmal zu seiner Frau und vergaß dabei, daß Marthe eine andere Sprache aus seinem Mund vernommen hatte. „Wenn man sieht, wie Leute, die ihr Vermögen man weiß nicht wo zusammengestohlen haben, so versessen hinter einem armen Mann her sind, der nicht einmal zwanzig Francs hat, um sich einen Karren voll Holz zu kaufen! — Nein, siehst du, diese Dinge empören mich. Ich, zum Teufel, kann für ihn bürgen. Ich weiß, was er macht; ich weiß, wie er ist, weil er ja bei mir wohnt. Daher halte ich ihnen gegenüber mit der Wahrheit nicht hinterm Berge; ich behandele sie, wie sie es verdienen, wenn ich ihnen begegne . . . Und ich werde es nicht dabei bewenden lassen. Ich will, daß der Abbé mein Freund wird. Ich will ihn an meinem Arm über den Cours Sauvair spazierenführen, um zu zeigen, daß ich nicht fürchte, mit ihm gesehen zu werden, ein so ehrbarer und reicher Mann ich auch bin . . . Zuerst empfehle ich dir, sehr liebenswürdig zu diesen armen Leuten zu sein.“

Marthe lächelte verschwiegen. Sie war glücklich, daß ihr Mann über ihren Mieter so gut gestimmt war.

Rose erhielt Anweisung, entgegenkommend zu sein. Wenn es morgens regnete, sollte sie sich erbieten, Frau Faujas’ Besorgungen zu erledigen. Aber diese lehnte die Hilfe der Köchin stets ab. Allerdings legte sie nicht mehr die stumme Strenge der ersten Zeit an den Tag. Als sie eines Morgens Marthe begegnete, die vom Boden herunterkam, wo das Obst aufbewahrt wurde, plauderte sie einen Augenblick, ließ sich sogar dazu herab, zwei prächtige Birnen anzunehmen. Diese beiden Birnen wurden der Anlaß zu einer engeren Verbindung.

Abbé Faujas seinerseits eilte nicht mehr so schnell am Treppengeländer entlang. Das Rascheln seiner Soutane gab Mouret Bescheid, der sich jetzt fast täglich am Fuß der Treppe einfand und glücklich war, wie er sagte, ein Stück Weg mit ihm zu gehen. Er hatte ihm für den kleinen, seiner Frau erwiesenen Dienst gedankt, wobei er ihn geschickt ausfragte, um zu erfahren, ob er wieder zu den Rougons gehen würde.

Der Abbé hatte angefangen zu lächeln. Er gestand ohne Verlegenheit ein, daß er nicht für die Gesellschaft geschaffen sei.

Mouret war bezaubert, bildete sich ein, an dem Entschluß seines Mieters etwas teilzuhaben. Jetzt träumte er davon, ihn gänzlich aus dem grünen Salon zu entführen, ihn für sich zu behalten. Als ihm Marthe am Abend erzählte, daß Frau Faujas zwei Birnen angenommen habe, sah er deshalb hierin einen glücklichen Umstand, der seine Pläne erleichterte.

„Machen die bei der herrschenden Kälte wirklich kein Feuer im zweiten Stock?“ fragte er im Beisein von Rose.

„Freilich nicht, Herr Mouret!“ antwortete die Köchin, die begriff, daß sich die Frage an sie richtete. „Das wäre schwierig, denn ich habe nie gesehen, daß man das geringste Reisigbündel gebracht hätte. Es sei denn, sie verbrennen ihre vier Stühle oder Madame Faujas schafft Holz in ihrem Korb hinauf.“

„Es ist nicht recht von Ihnen zu lachen, Rose“, sagte Marthe. „Diese Unglücklichen müssen in diesen großen Zimmern ja vor Kälte bibbern.“

„Das glaub ich schon“, erwiderte Mouret. „Letzte Nacht sind zehn Grad gewesen, und man fürchtet für die Olivenbäume. Unsere Wasserkanne oben war gefroren . . . Das Zimmer hier ist klein; man hat es sofort warm.“

Das Wohnzimmer war tatsächlich sorgfältig mit Filzstreifen abgedichtet, so daß kein Luftzug durch die Spalten der Holzverkleidung drang. Ein großer Fayenceofen sorgte hier für eine Badestubenhitze. Im Winter lasen oder spielten die Kinder rings um den großen Tisch, während Mouret bis zur Schlafenszeit seine Frau zwang, Pikett mit ihm zu spielen, was für sie eine wahre Qual war. Lange Zeit hatte sie sich geweigert, die Karten anzurühren, und gesagt, sie könne kein einziges Spiel; aber er hatte ihr Pikett beigebracht, und seitdem hatte sie sich darein gefügt.

„Weißt du“, fuhr er fort, „man muß die Faujas einladen, den Abend hier zu verbringen. Auf diese Weise werden sie sich wenigstens für zwei oder drei Stunden aufwärmen. Außerdem haben wir dadurch Gesellschaft, wir langweilen uns weniger . . . Lade du sie ein, sie werden nicht wagen abzulehnen.“

Als Marthe Frau Faujas anderntags in der Diele traf, sprach sie die Einladung aus. Die alte Dame nahm im Namen ihres Sohnes sofort ohne die geringste Verlegenheit an.

„Das ist sehr verwunderlich, daß sie sich nicht geziert hat“, sagte Mouret. „Ich glaubte, man hätte sie mehr bitten müssen. Der Abbé beginnt einzusehen, daß es nicht recht von ihm ist, einsam wie ein alter Wolf zu leben.“

Am Abend wünschte Mouret, daß der Tisch zeitig abgedeckt wurde. Er hatte eine Flasche selbstgezogenen Wein hervorgeholt und einen Teller Gebäck kaufen lassen. Obwohl er nicht freigebig war, legte er großen Wert darauf, zu zeigen, daß nicht nur die Rougons etwas zu bieten verstünden. Die Leute vom zweiten Stock kamen gegen acht Uhr herunter. Abbé Faujas trug eine neue Soutane. Das überraschte Mouret so sehr, daß er als Antwort auf die Artigkeiten des Priesters nur einige Worte stammeln konnte.

„Wahrhaftig, Herr Abbé, es ist eine Ehre für uns . . . Los, Kinder, bringt doch Stühle her.“

Man setzte sich um den Tisch. Es war zu warm, weil Mouret den Ofen übermäßig vollgestopft hatte, um zu beweisen, daß es ihm auf einen Scheit mehr nicht ankomme. Abbé Faujas zeigte sich sehr sanft; er liebkoste Désirée, erkundigte sich bei den beiden Jungen nach der Schule. Marthe, die Strümpfe strickte, blickte zuweilen auf, war verwundert über die geschmeidigen Modulationen dieser fremden Stimme, die sie nicht gewohnt war, im drückenden Frieden des Wohnzimmers zu hören. Sie betrachtete das kräftige Gesicht des Priesters, seine vierschrötigen Züge; dann senkte sie den Kopf wieder, ohne daß sie versuchte, die Anteilnahme zu verbergen, die sie für diesen so stämmigen und so zartfühlenden Mann hegte, dessen große Armut sie kannte. Ungeschickterweise verschlang Mouret die neue Soutane des Abbé geradezu mit dem Blick; er konnte nicht umhin, mit tückischem Lachen zu sagen:

„Herr Abbé, es war nicht recht von Ihnen, Toilette zu machen, um hierherzukommen. Wir machen keine Umstände, das wissen Sie ja.“

Marthe errötete.

Aber der Priester erzählte fröhlich, daß er diese Soutane im Laufe des Tages gekauft habe. Er behalte sie an, um seiner Mutter Freude zu machen, die ihn, so neu eingekleidet, schöner als einen König fände.

„Nicht wahr, Mutter?“

Frau Faujas nickte bejahend, ohne ihren Sohn aus den Augen zu lassen. Sie hatte sich ihm gegenüber gesetzt und schaute ihn im grellen Schein der Lampe mit verzücktem Blick an.

Dann sprach man von allen möglichen Dingen. Es schien, als habe Abbé Faujas seine trübsinnige Kälte verloren. Er blieb ernst, aber mit verbindlichem Ernst voller Gutmütigkeit. Er hörte Mouret zu, gab ihm bei den unbedeutendsten Themen Antwort, schien sich für seine Klatschereien zu interessieren. Mouret war dahin gelangt, ihm die Art und Weise, wie er lebte, zu erklären.

„So, wie Sie es hier sehen“, sagte er schließlich, „verbringen wir den Abend; niemals mehr Umstände. Wir laden niemanden ein, weil man sich in der Familie immer wohler fühlt. Jeden Abend mache ich mit meiner Frau ein Spiel Pikett. Das ist eine alte Angewohnheit, ich hätte sonst Mühe einzuschlafen.“

„Aber wir wollen Sie nicht stören“, rief Abbé Faujas. „Ich bitte Sie, sich unsertwegen keinen Zwang anzutun.“

„Nein, nein, zum Teufel! Ich bin nicht versessen darauf; das eine Mal werde ich deswegen nicht sterben.“

Der Priester bestand darauf. Als er sah, daß sich Marthe noch heftiger wehrte als ihr Gatte, wandte er sich an seine Mutter, die schweigend dasaß und die Hände vor sich gefaltet hatte. „Mutter“, sagte er zu ihr, „machen Sie doch ein Spiel Pikett mit Herrn Mouret.“

Sie sah ihm aufmerksam in die Augen.

Mouret konnte sich gar nicht beruhigen, lehnte ab, erklärte, er wolle den Abend nicht verderben; aber als der Priester ihm gesagt hatte, daß seine Mutter ganz hübsch was davon verstehe, wurde er schwach, murmelte er:

„Wahrhaftig? — Also, wenn Madame es unbedingt will, wenn es niemanden stört . . .“

„Na, Mutter, spielen Sie eine Partie“, wiederholte Abbé Faujas mit lauterer Stimme.

„Gewiß“, antwortete sie endlich, „es wird mir Freude machen . . . Nur muß ich den Platz wechseln.“

„Bei Gott! Das ist nicht schwierig“, erwiderte Mouret entzückt. „Sie wechseln den Platz mit Ihrem Sohn . . . Herr Abbé, haben Sie doch die Freundlichkeit, sich neben meine Frau zu setzen. Madame wird sich hierher setzen, neben mich . . . Sie sehen, jetzt geht es vortrefflich.“

Der Priester, der sich zuerst Marthe gegenüber auf die andere Seite des Tisches gesetzt hatte, fand sich so neben sie gedrängt. Sie waren an einem Ende sogar gleichsam abgesondert, weil die Spieler ihre Stühle nahe aneinandergerückt hatten, um den Kampf zu beginnen. Octave und Serge waren in ihr Zimmer hinaufgegangen. Désirée schlief, wie es ihre Gewohnheit war, am Tisch. Als es zehn Uhr schlug, wollte Mouret, der eine erste Partie verloren hatte, durchaus nicht schlafen gehen; er forderte Revanche. Frau Faujas fragte ihren Sohn mit einem Blick um seine Meinung; dann begann sie mit ihrer ruhigen Miene die Karten zu mischen. Unterdessen wechselte der Abbé mit Marthe kaum einige Worte. An diesem ersten Abend sprach er von gleichgültigen Dingen, vom Haushalt, von den Lebensmittelpreisen in Plassans, von den Sorgen, die die Kinder bereiten. Marthe antwortete verbindlich, hob von Zeit zu Zeit ihren klaren Blick, verlieh dem Gespräch etwas von ihrer klugen Bedächtigkeit.

Es war gleich elf Uhr, als Mouret seine Karten mit einigem Unwillen hinwarf.

„Na also, ich habe noch mal verloren“, sagte er. „Ich habe heute abend kein schönes Blatt gehabt. Morgen werde ich vielleicht mehr Glück haben . . . Bis morgen, nicht wahr, Madame?“ Und als sich Abbé Faujas entschuldigte und sagte, sie wollten das nicht mißbrauchen, sie könnten sie nicht jeden Abend so stören, rief er: „Aber Sie stören uns nicht! Sie machen uns Freude . . . Übrigens verliere ich, zum Teufel! Madame kann mir eine Partie nicht abschlagen.“

Als sie eingewilligt hatten und hinaufgegangen waren, murrte Mouret, wollte es nicht wahrhaben, daß er verloren hatte. Er war wütend.

„Die Alte versteht weniger davon als ich, dessen bin ich sicher“, sagte er zu seiner Frau. „Bloß Augen hat sie! Es ist anzunehmen, daß sie mogelt, mein Ehrenwort! — Man muß morgen aufpassen.“

Von da an kamen die Faujas regelmäßig jeden Tag herunter, um den Abend mit den Mourets zu verbringen. Zwischen der alten Dame und ihrem Hauswirt war ein furchtbarer Kampf entbrannt. Sie schien ihn zum besten zu haben, ihn gerade genug gewinnen zu lassen, um ihn nicht zu entmutigen, was ihn in dumpfer Wut hielt, um so mehr, als er seinen Stolz darein setzte, ganz hübsch Pikett zu spielen. Er träumte davon, sie ganze Wochen hindurch zu schlagen, ohne sie eine Partie gewinnen zu lassen. Sie bewahrte eine wunderbare Kaltblütigkeit; ihr vierschrötiges Bäuerinnengesicht blieb stumm, ihre derben Hände warfen die Karten mit der Kraft und Regelmäßigkeit einer Maschine hin. Gleich um acht Uhr setzten sich beide an das Tischende, versenkten sich in ihr Spiel und rührten sich nicht mehr.

Am anderen Ende waren zu beiden Seiten des Ofens Abbé Faujas und Marthe gleichsam allein. Der Abbé empfand als Mann und Priester Verachtung für die Frau; er schob sie wie ein schändliches, der Starken unwürdiges Hindernis beiseite. Wider seinen Willen brach diese Verachtung oft in einem derben Wort durch. Und von einer seltsamen Bangigkeit erfaßt, blickte Marthe dann auf in einem jener plötzlichen Angstanfälle, die einen veranlassen, hinter sich zu schauen, ob nicht irgendein verborgener Feind gleich den Arm hebt. Andere Male hielt sie mitten im Lachen jäh inne, wenn sie seine Soutane gewahrte; verlegen, erstaunt darüber, so mit einem Mann zu sprechen, der nicht wie die anderen war, verstummte sie. Es dauerte lange, bis zwischen ihnen Vertrautheit entstand.

Abbé Faujas fragte Marthe niemals unumwunden über ihren Mann, ihre Kinder, ihr Haus aus. Nach und nach drang er nichtsdestoweniger in die winzigsten Einzelheiten ihrer Geschichte und ihres gegenwärtigen Lebens ein. Jeden Abend erfuhr er, während Mouret und Frau Faujas sich wütend bekämpften, irgendeine neue Tatsache. Einmal machte er die Bemerkung, daß sich die beiden Ehegatten erstaunlich ähnlich sähen.

„Ja“, antwortete sie mit einem Lächeln, „als wir zwanzig waren, hielt man uns für Geschwister. Das hat uns sogar ein bißchen zu unserer Heirat bewogen; man scherzte darüber, man setzte uns immer nebeneinander, man sagte uns, wir gäben ein hübsches Paar ab. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, daß der würdige Herr Compan, der uns doch kannte, uns zuerst nicht trauen wollte.“

„Sie sind doch Cousin und Cousine?“ fragte der Priester.

„In der Tat“, sagte sie, leicht errötend, „mein Mann ist ein Macquart, ich bin eine Rougon.“

Verlegen schwieg sie einen Augenblick, weil sie ahnte, daß der Priester die in Plassans berühmte Geschichte ihrer Familie kannte. Die Macquarts waren ein Bastardzweig der Rougons. „Das sonderbarste ist“, begann sie wieder, um ihre Verwirrung zu verbergen, „daß wir beide unserer Großmutter ähneln. Die Mutter meines Mannes hat ihm diese Ähnlichkeit vererbt, während sie bei mir nach einer Zwischenstufe wieder zum Vorschein kam. Man möchte meinen, sie hat meinen Vater übersprungen.“

Nun führte der Abbé ein ähnliches Beispiel in seiner Familie an. Er habe eine Schwester, die, wie es ihm vorkomme, das lebende Abbild des Großvaters seiner Mutter sei. Die Ähnlichkeit habe in diesem Fall zwei Generationen übersprungen. Und seine Schwester erinnere in allem an den guten Mann, in ihrem Charakter, ihren Gewohnheiten, sogar in den Handbewegungen und im Klang ihrer Stimme.

„Das ist wie bei mir“, sagte Marthe. „Als ich klein war, hörte ich immerzu: ,Sie ist Tante Dide ganz aus dem Gesicht geschnitten.‘ Die arme Frau ist jetzt in Les Tulettes; sie hatte immer einen leichten Stich gehabt . . . Mit den Jahren bin ich ganz und gar ruhig geworden, ist es mir gesundheitlich besser gegangen; aber ich erinnere mich, mit zwanzig Jahren war ich nicht gerade sattelfest, ich hatte Schwindelanfälle, verschrobene Ideen. Sehen Sie, ich lache immer noch, wenn ich daran denke, was für ein seltsames Mädchen ich abgab.“

„Und Ihr Gatte?“

„Oh! Er hat von seinem Vater, einem Hutmacher, eine vernünftige und überlegte Natur . . . Unsere Gesichter ähnelten sich; aber was das Innere anbelangt, so war das anders . . . Mit der Zeit sind wir einander völlig ähnlich geworden. Wir waren so ruhig, in unserm Laden in Marseille! Ich habe dort fünfzehn Jahre verlebt, die mich gelehrt haben, zu Hause inmitten meiner Kinder glücklich zu sein.“

Jedesmal wenn Abbé Faujas sie auf dieses Thema brachte, spürte er in ihr eine leichte Bitterkeit. Gewiß war sie glücklich, wie sie sagte, aber er glaubte, in dieser nervösen Natur, die sich beruhigt hatte, als sie sich den Vierzigern näherte, frühere Kämpfe zu ahnen. Und er stellte sich dieses Drama vor, diese Frau und diesen Mann, deren Gesichter sich ähnelten, die alle ihre Bekannten als füreinander geschaffen erachteten, während auf dem Grunde ihres Wesens der Gärstoff der Bastardschaft, der Widerstreit des vermischten und stets in Aufruhr befindlichen Blutes den Gegensatz zweier verschiedener Temperamente aufreizte. Dann erklärte er sich das schicksalhafte Abschleifen der Gegensätze durch ein regelmäßiges Leben, den Verschleiß der Charaktere durch die täglichen Geschäftssorgen, das Einschläfern dieser beiden Naturen in jenem innerhalb von fünfzehn Jahren erworbenen Vermögen, das im tiefsten Winkel eines öden Kleinstadtviertels bescheiden verzehrt wurde. Obwohl sie heute beide noch jung waren, schienen sie nur noch Asche in sich zu haben. Der Abbé versuchte geschickt zu erfahren, ob Marthe sich damit abgefundenhatte. Er fand sie sehr vernünftig. „Nein“, sagte sie, „ich bin gerne zu Hause; meine Kinder genügen mir. Ich bin nie sehr fröhlich gewesen. Ich langweilte mich ein bißchen, weiter nichts; ich hätte eine geistige Beschäftigung haben müssen, die ich nicht gefunden habe . . . Aber wozu? Ich hätte mir vielleicht den Kopf zerbrochen. Ich konnte nicht einmal einen Roman lesen, ohne gräßliche Kopfschmerzen zu bekommen; drei Nächte lang tanzten mir alle Personen im Gehirn herum . . . Nur die Näherei hat mich nie angegriffen. Ich bleibe zu Hause, um all dem Lärm von draußen, diesen Klatschereien, diesen Albernheiten, die mich angreifen, aus dem Weg zu gehen.“ Sie hielt bisweilen inne, betrachtete Désirée, die am Tisch eingeschlafen war und im Schlummer ihr Lächeln der Einfalt lächelte. „Armes Kind!“ flüsterte sie. „Sie kann nicht einmal nähen, sie bekommt sofort Schwindelanfälle . . . Sie liebt nur die Tiere. Wenn sie einen Monat bei ihrer Amme verbringt, lebt sie im Hühnerhof und kommt mit rosigen Wangen völlig gesund zu mir zurück.“

Und sie sprach oft mit einer dumpfen Angst vor dem Wahnsinn in Les Tulettes. Abbé Faujas merkte auf diese Weise, daß tief in diesem so friedlichen Hause eine seltsame Verstörtheit herrschte. Marthe war ihrem Mann gewiß in guter Freundschaft zugetan; nur drang in ihre Zuneigung eine Furcht vor Mourets Scherzen, seinen fortwährenden Neckereien. Auch wurde sie durch seine Ichsucht gekränkt, durch die Verlassenheit, in der er sie ließ; sie hegte einen unbestimmten Groll gegen ihn wegen des Friedens, den er rings um sie geschaffen hatte, wegen jenes Glückes, über das sie sich glücklich pries. Wenn sie von ihrem Mann sprach, sagte sie immer wieder:

„Er ist sehr gut zu uns . . . Sie müssen ihn manchmal schreien hören; das kommt vor, weil er in allen Dingen Ordnung liebt, sehen Sie, so sehr, daß es oft lächerlich wirkt; er ärgert sich über einen Blumentopf, der im Garten verrückt worden ist, über ein Spielzeug, das auf dem Parkett herumliegt . . .. Andererseits hat er ganz recht, nur nach seinem Kopf zu handeln. Ich weiß, daß man ihm übel will, weil er einiges Geld zusammengebracht hat und weiterhin dann und wann einen guten Wurf macht, wobei er sich nicht um die Redereien schert . . . Man zieht ihn auch meinetwegen auf. Man sagt, er sei geizig, er halte mich zu Hause fest, er verweigere mir selbst die Halbstiefel. Das ist nicht wahr. Ich bin völlig frei. Zweifellos ist es ihm lieber, mich hier anzutreffen, wenn er nach Hause kommt, statt mich ständig auf den Straßen zu wissen, beim Spazierengehen oder beim Besuchemachen. Übrigens kennt er meine Neigungen. Was sollte ich draußen suchen?“

Wenn sie Mouret gegen die Rederei von Plassans in Schutz nahm, legte sie eine plötzliche Lebhaftigkeit in ihre Worte, als habe sie das Bedürfnis, ihn gleichfalls gegen geheime Anschuldigungen in Schutz zu nehmen, die aus ihr selbst aufstiegen; und sie kam mit einer nervösen Unruhe auf dieses Leben draußen zurück. Von der Angst vor dem Unbekannten erfaßt, an ihren Kräften zweifelnd, irgendein Verhängnis befürchtend, schien sie sich in das enge Wohnzimmer, in den alten Garten mit den hohen Buchsbaumbüschen zu flüchten. Darauf lächelte sie über dieses kindliche Entsetzen; sie zuckte die Achseln, fing langsam wieder an, ihren Strumpf zu stricken oder irgendein altes Hemd auszubessern. Dann hatte Abbé Faujas nur noch eine kühle Bürgersfrau mit ruhiger Gesichtsfarbe und blassen Augen vor sich, die den Duft frischer Wäsche und eines im Schatten gepflückten Straußes in das Haus brachte.

Pulsuz fraqment bitdi.

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