Kitabı oxu: «Erleuchtet»
Emmi Ruprecht
Erleuchtet
Meine Depression, ihr Therapeut & ich
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Warum ich an meinem Tunnelende vergeblich nach Licht Ausschau hielt
Worüber ich nachdachte, bevor ich in den Fluss fiel
Wodurch ich erkannte, dass mein Leben depressiv war
Weshalb eine schwierige Kindheit zu einem schwierigen Chef führt
Wo die Geschichte vom Froschkönig für schwerwiegende Missverständnisse sorgte
Was die Wildsau in meinem Vorgarten zu suchen hatte
Weswegen eine Deutsche Eiche noch nie eine Hauptrolle bekommen hat
Wenn Loslassen doch eine Lösung sein kann
Wie man Probleme mit alten Schachteln beseitigt
Wieso man mit Spikes besser vorankommt als mit Clogs
Wer Waffeln backt, verpasst sein Leben
Impressum neobooks
Warum ich an meinem Tunnelende vergeblich nach Licht Ausschau hielt
Ich fand das Leben schwierig. Nicht, dass ich Grund zum Verzweifeln gehabt hätte ... na ja, vielleicht hatte ich den doch.
Es war nicht so, dass ich ein ganz furchtbar schweres Schicksal zu tragen gehabt hätte. Ich war – bis auf die üblichen Zipperlein wie „Rücken“ und „Kopf“ – grundsätzlich gesund. Ich hatte weder den Tod des Lebenspartners noch eine dramatische Scheidung zu beklagen. Auch hatte ich keine furchtbaren Verbrechen begangen oder gar jemanden umgebracht (nur gedacht hatte ich daran, aber das zählte nicht). Da ich in Deutschland lebte und unter 70 Jahre alt war, konnte ich auch nicht von Krieg, Flucht, Vertreibung oder Hungersnot berichten. Nein, von daher hatte das Schicksal es gut mit mir gemeint und dafür war ich ihm durchaus dankbar!
Was mich verzweifeln ließ war eher die Tatsache, dass all diese traumatischen Dinge nicht passiert waren und mein Leben trotzdem so war, wie es war, nämlich unendlich leer. Wäre in meiner Vergangenheit irgendetwas entsetzlich Traumatisches geschehen, dann hätte ich darin vermutlich eine Erklärung für mein Schicksal finden können. So jedoch musste ich an meinem Dasein verzweifeln, ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, warum es zum Verzweifeln war. Und das brachte mich definitiv zur Verzweiflung!
Das Leben, wovon ich spreche, bestand aus einer geregelten Arbeit, einer Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung, einem überschaubaren Freundes- und Bekanntenkreis und einigen wenig spektakulären Freizeitgestaltungen wie Laufen, Lesen und ab und zu mal Ausgehen. Dagegen war an sich nichts einzuwenden. Wer sich das so ausgesucht hatte, konnte damit glücklich werden.
Ich jedoch hatte definitiv andere Vorstellungen von meinem Leben gehabt, und um die zu verwirklichen hatte ich auch eine Menge getan! Schließlich gehörte ich zu den braven Menschen, die immer – nein, ich will mir gegenüber fair sein – meistens das taten, was man von ihnen erwartete. Ich war fleißig und diszipliniert genug gewesen, um mein Studium mit Erfolg hinter mich zu bringen. Weil ich wusste, dass studienbegleitende Praktika in Unternehmen enorm wichtig waren, um sich potenziellen Arbeitgebern vorzustellen, hatte ich pflichtschuldigst gleich drei von diesen einstiegsfördernden Schnupperkursen in den Berufsalltag absolviert. Natürlich hatte ich sämtliche Haus- und Diplomarbeiten in Kooperation mit Unternehmen geschrieben und mich selbstredend darum bemüht, einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Auf diesem Weg war es mir tatsächlich gelungen, nach dem Studium einen zügigen Eintritt ins Berufsleben zu schaffen. Zwar hatte meine erste Stelle noch kaum bis gar nicht meinen Qualifikationen entsprochen, doch ich war zu allem entschlossen gewesen, hatte nichts dem Zufall überlassen, hart gearbeitet und schließlich tatsächlich einer anspruchsvolleren Tätigkeit nachgehen dürfen, die meiner Ausbildung einigermaßen gerecht wurde. Damit hatte ich es geschafft, zumindest beruflich einen Platz in der Gesellschaft zu finden!
Auch darüber hinaus hatte ich in meinem Leben keinen Pfusch zugelassen. Stets war ich bemüht, den Erwartungen zu entsprechen, die für ein ansehnliches Dasein unerlässlich waren: Ich trieb in meiner Freizeit viel Sport, achtete auf meine Figur und die Frisur, war stets angemessen gekleidet und wusste jederzeit, wie man sich benahm. Außerdem zeigte ich mich im Umgang höflich, freundlich und vermutlich sogar als ein ganz angenehmer Mensch. Dazu war ich kreativ, vielseitig interessiert und engagiert, stets neugierig, probierte gerne alles Mögliche aus, war für jede Schandtat zu haben und mir für nichts zu schade. In einem Wort: Ich war perfekt. Aussehen, Bildung, Benehmen – alles super.
Und weiter?
Nichts weiter. Seit dem geglückten Umstieg vom Studentendasein in den Arbeitsalltag hatte sich äußerlich in meinem Leben so gut wie gar nichts mehr getan: Keine Karriere, kein Mann und selbstverständlich auch keine Kinder. Mein Bekanntenkreis war überschaubar und sogar mein Hobby – eine Theatergruppe, die sich wegen Erfolglosigkeit aufgelöst hatte – existierte in Ermangelung einer neuen Laienspieltruppe, wo ich hätte unterkommen können, nicht.
Als sich an diesem Zustand ein paar Jahre lang nichts geändert hatte, stellte ich mir zum ersten Mal die Frage, was ich falsch gemacht hatte, um mit einer Existenz geschlagen zu sein, die an Belanglosigkeit kaum zu überbieten war. Was war schief gelaufen, wenn ich aus meinem Dasein, obwohl ich mich unermüdlich bemühte, alles richtig zu machen, nur so wenig herausholen konnte? Schließlich hatte ich mir einst etwas anderes erträumt! Ich hatte einen spannenden Job haben wollen, wo ich mit interessanten Menschen zu tun hätte. Ich hatte erwartet, im Beruf Anerkennung zu finden für meinen Einsatz und meine Ideen – was natürlich unfassbar naiv war, aber auch ich war mal jung. Natürlich hatte ich einen erträglichen Partner haben wollen, ein schönes Haus oder meinetwegen eine ebensolche Wohnung. Ich hatte reisen wollen mit romantischen Sonnenuntergängen zu zweit und Lagerfeuer mit Gitarrenmusik am Strand. Ich hatte auf rauschenden Festen bis zum Morgengrauen feiern und bei vielen spannenden Unternehmungen neue Bekanntschaften schließen wollen. Ich hatte das Leben auskosten wollen und ich war bereit gewesen, alles dafür zu geben, was ich zu geben hatte!
Bekommen hatte ich stattdessen viel Ärger und wenig Vergnügen. Selbst gelegentliche unspektakuläre Liebesbeziehungen sorgten höchstens für eine kurze Unterbrechung der alltäglichen Eintönigkeit, bevor sie kompliziert wurden und meistens so endeten, dass man sich auf der Straße nicht mal mehr grüßte.
Nachdem ich mich ausführlich mit dieser ernüchternden Realität auseinandergesetzt hatte, beschloss ich zunächst, meine Ansprüche zurückzuschrauben. Es musste ja nicht gleich das ganz große Glück mit allem drum und dran vor meiner Tür stehen. Es würde ja schon reichen, wenn irgendwo einmal eine klitzekleine Tür aufginge und sich neue Perspektiven zeigten! Wenn vielleicht ein Versuch, mein Leben positiv zu verändern, gelänge und mich einen Schritt weiterbrächte! Wenn wenigstens ein interessanter Mann meinen Weg kreuzte! Wenn sich wenigstens ein kleiner Karriereschritt blicken ließe oder wenigstens eine neue Aufgabe, die mich erfüllte. Irgendwann wäre ich schon dankbar gewesen, wenn ich wenigstens eine neue Theatertruppe hätte finden können, um das Einerlei meines Privatlebens aufzuhübschen. Doch obwohl ich weiterhin unermüdlich an meinem Vorhaben zur Lebensaufbesserung arbeitete, geschah nichts von alledem.
Eine Zeit lang ertrug ich diesen Zustand, weil ich mir sagte: Okay, manchmal verliert man und wer weiß, wozu es gut ist? Doch irgendwann musste ich mich ehrlich fragen: Aber immer verlieren – wozu soll das gut sein?
Was mich am meisten an dieser Situation schockierte war die Erkenntnis, dass ich alles, was ich hatte tun können, um aus dem Dornröschenschlaf meines Lebens zu erwachen, bereits getan hatte. Ich hatte viel in meine Ausbildung investiert und in meinem Beruf hart gearbeitet. Ich kannte alle Formen der Partnersuche vom Speed-Dating bis zu den einschlägigen Vermittlungsbörsen im Internet. Ich hatte nicht einmal davor zurückgeschreckt, mich in diverse Beziehungsabenteuer zu stürzen, und nicht wenige davon waren reine Verzweiflungstaten gewesen. Schließlich hatte ich sogar meine mentale Einstellung durchleuchtet und mich selbst hinterfragt, populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur durchgearbeitet und mithilfe von mehr oder minder wohlmeinenden Ratschlägen aus dem Freundes- und Familienkreis versucht, in meinem Leben nachzubessern. Leider hatte auch das nicht mehr gebracht, als einen großen Schatz an enttäuschenden Lebenserfahrungen, und das schien mir als Selbstzweck für meine Anstrengungen zu wenig zu sein.
Was also konnte ich noch tun, um meinem Leben auf die Sprünge zu helfen?
Ich hatte keine Ahnung.
Spätestens, als ich an diesem Punkt angekommen war, den man im Geschäftsleben „Offenbarungseid“ nennt, schlug sich das Unvermögen, meinem Dasein eine positive Wendung geben zu können, auch auf die Beurteilung meiner selbst nieder. Was sollte ich in Anbetracht dessen, was ich alles nicht erreicht hatte, über mich denken? Was für ein Selbstbild musste ich entwickeln, wenn meine Existenz – außer einem langweiligen Single-Dasein in einer Zweizimmer-Wohnung und einsortiert am unteren Ende der Unternehmenshierarchie – einfach nicht mehr hergab?
Um der vernichtenden Antwort auf diese Frage auszuweichen, die meinen Selbstwert pulverisiert hätte, blieb eigentlich nur eins: Mir mein Leben schönzureden. So etwas ist durchaus üblich und es kann gelingen, wenn man eine passende Lebensentwurfs-Kategorie findet, deren Kriterien man halbwegs erfüllt. Auf diese Weise lässt sich auch aus der objektiv katastrophalsten Situation noch eine Menge machen!
Tatsächlich hatte ich mich bis Anfang dreißig einige Jahre lang in so einer tröstlichen Lebensentwurfs-Kategorie einrichten können. Ich fühlte mich gut situiert in der Rolle einer Frau, die in den Startlöchern des Lebens steht und alles vor sich hat, also auch Karriere, Kerl und Kinder, und die die Zeit bis dahin ganz bewusst damit verbringt, das Leben zu genießen und viel zu erleben.
Allerdings setzt eine erfolgreiche Identifikation mit diesem Lebensentwurf voraus, dass man ihn nach spätestens ein paar Jahren wieder verlässt, indem man seinem Leben einen beruflichen oder privaten Aufstieg hinzufügt. Da mir das jedoch nicht gelang, kam ich mit Mitte dreißig in Erklärungsnöte.
Spätestens ab da wurde es schwierig, einen relevanten Lebensentwurf zu finden, den ich ausfüllen konnte. Dass das ein Problem war, zeigte sich zum Beispiel dann, wenn ich eine x-beliebige Frauenzeitschrift aufschlug und dort mit der Frage konfrontiert wurde, wie man Kinder und Karriere miteinander vereinbarte. Ich hatte beides nicht. Wie vereinbarte ich das mit dem Artikel in der Frauenzeitschrift? Ich las auch von erfolgreichen Frauen, die sich für die Karriere entschieden hatten und deshalb auf ein Privatleben verzichteten. Auch davon konnte ich mich schwerlich angesprochen fühlen, denn es traf auf mich nicht zu. Selbst jene Blätter, die man selbst nie kaufen würde, auf die man aber beim Zahnarzt oder dem Friseur gerne zurückgreift, waren diesbezüglich keine Alternative! Darin fand ich Berichte von Frauen, die im Einklang mit dem immer noch oder schon wieder herrschenden Frauenbild eine viel versprechende Karriere sausen ließen, um ihr Glück selbstvergessen in Partnerschaft und Familie zu finden, weil alles andere ja sowieso komplett unwichtig sei. Diesen Frauen konnte ich nur wünschen, dass ihnen am Ende ihres Lebens der berühmte Orden verliehen wurde oder sie zumindest daran gedacht hatten, sich durch einen Ehevertrag ausreichend abzusichern, um nicht irgendwann vom Ehemann ausgesetzt in der Gosse zu erwachen. Doch obwohl ich mir sicher war, dass so ein selbstloser Verzicht kein Modell für mein eigenes Leben darstellte, so erinnerte es mich daran, dass ich nicht einmal die Gelegenheit hatte, mich dafür zu entscheiden! Es mag ja sein, dass manch eine Frau auf diese Weise eine Entschuldigung dafür gefunden hatte, warum es mit der Karriere nicht klappte. Aber wenigstens konnten diese Frauen sich einreden, gute Gründe dafür zu haben, dass der berufliche Erfolg ausblieb. Da waren sie mir gegenüber klar im Vorteil!
Während also all jene Frauen alleine schon deshalb eine Daseinsberechtigung hatten, weil in Frauenmagazinen von ihrem Leben zu lesen war, hätte ich es besser vermeiden sollen, diese Magazine zu lesen. Doch diesen Umstand kann ich den Illustrierten nicht einmal übelnehmen, denn ganz abgesehen von der Nicht-Erwähnung meiner Lebenssituation in diesen Blättern, war mir auch weder ein Roman noch eine Fernsehserie bekannt, die das in keiner Hinsicht bemerkenswerte Leben einer Frau ohne Familie, Karriere und interessante Männergeschichten erzählte. Meine einzige Chance, dennoch ein filmreifes Leben zu führen, hätte darin bestanden, von einem Kriminalfall in den nächsten zu stolpern. Unnötig zu erwähnen, dass ich damit ebenfalls nicht gesegnet war.
Summe über alles: Erstens passte ich spätestens mit Ende dreißig in keine relevante Lebensentwurfs-Kategorie mehr, die meiner Existenz einen Sinn gab, und zweitens: Als mir das klar wurde, ging es mir gleich noch ein bisschen schlechter. Ich begriff, dass ich am Ende eines langen dunklen Tunnels angekommen war, doch statt eines Lichts war dort nur eine Wand zu sehen, auf der eine „40“ geschrieben stand. Danach kam nichts mehr, und das machte mir Angst!
In meinen abendlichen Gebeten stellte ich deshalb häufig die Frage, was ich falsch machte und warum ich überhaupt auf der Welt war, wenn ich nichts bewirken konnte, nicht einmal für mein eigenes Leben. Lange wartete ich vergeblich auf eine Antwort, bis ich eines Tages im Rahmen einer Familienfeier auf meine blöde Cousine Melanie traf. Melanie, verheiratet, zwei Kinder, Halbtagsjob und Reihenmittelhaus, erklärte mir, dass ich mich doch bitte bescheiden möge, denn schließlich hätte ich nur Luxusprobleme und woanders herrschten Krieg und bittere Armut. Danach fühlte ich mich nicht mehr nur wie ein Versager, sondern auch noch schuld am Elend der Welt. Das legte sich erst dann wieder, als ich auch nach längerem Nachdenken keine Antwort auf die Frage fand, was es Menschen in Krieg oder bitterer Armut half, wenn ich darauf verzichtete, mein Leben positiv zu gestalten.
Diese Erkenntnis half mir jedoch nur kurzzeitig weiter, und bald begann ich mich zu fragen, ob der Grund für meine Verzweiflung vielleicht darin lag, dass ich falsche Maßstäbe an mein Schicksal anlegte. Waren Karriere, Partnerschaft oder Familie eigentlich alles, was zählte? Waren das nicht auch nur austauschbare gesellschaftliche Normen, die einem als wünschenswert beigebracht wurden? Wer sagte denn, dass es toll sein musste, einen Partner zu haben, anstatt alleine und verbittert alt zu werden? War es nicht völlig überflüssig, sich nach menschlicher Wärme in einer Familie zu sehnen, wenn letztendlich doch jeder Mensch immer alleine ist? Und wer sagte eigentlich, dass man wenigstens einen sinnvollen Job brauchte, den man nicht hasste, um gerne zu leben?
Ich brauchte lange, um diese Frage für mich zu klären, doch schließlich kam ich zu dem Schluss, dass ich rettungslos dem Mainstream menschlicher Wunschvorstellungen erlegen war und ungern auf diese Annehmlichkeiten – so gewöhnlich sie sein mochten – verzichten wollte.
Leider wurde mein Leben auch durch diese Einsicht nicht besser und ich konnte nicht umhin, es als einen kompletten Fehlschlag anzusehen! Mag sein, dass das ein kleines bisschen ungerecht war, denn schließlich hatte ich eine Existenz in Form eines Jobs, einer Wohnung und keine Pest, aber das reichte mir eben nicht.
Als ich nun an diesem Punkt angelangt war, gab es nur noch zwei Möglichkeiten mit der Frage nach dem Sinn meines Lebens umzugehen:
Erstens konnte ich beschließen, die Antwort darauf bei irgendwelchen Religionen, Sekten, Gurus oder was auch immer der Esoterik-Markt hergab, zu suchen. Dabei kam für mich selbstverständlich nur eine Institution infrage, die bereits im Diesseits für eine entscheidende Verbesserung meiner Lebensbedingungen sorgte und handfeste, nachprüfbare Antworten lieferte. Ein nebulöses Geschwafel mit undurchsichtigen Glaubenssätzen, die sich jeder Überprüfung entzögen, würde mich nicht weiterbringen und ich hatte auch keine Lust dazu.
Zweitens konnte ich beschließen, einfach weiter vor mich hin zu verbittern, ohne den Sinn des Lebens oder eine Antwort auf die Frage „Warum läuft es nicht besser?“ gefunden zu haben. Wenn ich mir einfach abgewöhnte darauf zu hoffen, dass irgendwann alles gut würde, dass es auch für mich einen passenden Partner gäbe oder eine sinnvolle berufliche Aufgabe, dann konnte ich schließlich auch nicht mehr enttäuscht werden!
Eine Variante dieser zweiten, ich nenne sie mal „Verbitterungs-Lösung“, bestand darin, mein Leben abzukürzen, weil ich alles Wesentliche schon kannte und den Film nicht bis zum Ende anschauen musste, um zu wissen, was für ein frustrierendes Ende er nahm. Und eines Tages, als gerade niemand von meinen Freundinnen Zeit oder Lust hatte auf einen der üblichen Frustabende mit viel Alkohol, noch mehr Zigaretten und vergeblicher Ausschau nach adäquater Beute in angesagten Bars, und weil der Tag sowieso suboptimal gelaufen war, beschloss ich, diese Variante zumindest einmal näher ins Auge zu fassen.
Worüber ich nachdachte, bevor ich in den Fluss fiel
Es war einer jener Abende, den ich unmöglich allein zuhause verbringen konnte. Das furchtbare Gefühl drohte mich zu ersticken, dass meine Zeit gnadenlos ablief. Nur ein beherzter Schritt zur Tat würde mich jetzt noch vor der Talfahrt in die Hölle derjenigen retten können, die während ihres ganzen Lebens keine Spuren auf diesem Planeten hinterlassen hatten. Zwar wusste ich, dass mein Vorhaben riskant war, weil ich in diesem unendlich frustrierten Zustand weder die erforderliche positive Ausstrahlung hatte, um mir eine Bekanntschaft anzulachen, noch das nötige dicke Fell, einen Abend alleine unter Fremden durchzustehen. Aber es musste sein. Schließlich gab es nur die Alternative, allein vor dem Fernseher vor mich hin zu dösen, was unweigerlich dazu führen würde, dass ich mitten in der Nacht erwachen und nicht wieder einschlafen könnte. Und dieses Dahindämmern in der Unendlichkeit zwischen Abend und Sonnenaufgang, wenn die Gedanken nur halb wach sind und umso beängstigendere Bilder der Zukunft fabrizieren, war das absolut Letzte, was ich meinte ertragen zu können.
Also raffte ich mich auf und fuhr mit dem Rad in meine Lieblings-Cocktailbar. Die Hoffnung stirbt zuletzt! Warum sollte nicht ausgerechnet heute mein Glückstag sein? War nicht vielleicht sogar mein desolater Seelenzustand und die damit einhergehende Hoffnungslosigkeit, mit der ich meine Zukunft betrachtete, ein Garant dafür, dass dies die Nacht der Nächte war, die alles ändern würde? Hieß es nicht immer, wenn man endlich „losgelassen“ hätte, dann würde das ersehnte Glück an die Tür klopfen?
Wie oft war ich schon von wohlmeinenden Ratschlägen und den dazugehörigen Erfolgsstorys von Menschen genervt worden, die „loslassen“ konnten und deshalb alles erreichten, was sie sich jemals erträumt hatten? Und wie oft hatte ich mich dann noch unfähiger mit meiner bemitleidenswert verbissenen Suche nach Glück und Erfolg gefühlt? Ich mochte jene Menschen nicht, die angeblich so großartig auf alles Glück verzichten konnten, um gerade deshalb so viel davon zu bekommen. Schließlich hatte das bei mir noch nie funktioniert – oder ich konnte einfach nicht korrekt loslassen.
Was aber, wenn es heute anders wäre? Wenn ich tatsächlich verzweifelt genug wäre, um kompetent und überzeugend loszulassen? Dann müsste genau heute der optimale Zeitpunkt für eine großartige Veränderung meines Lebens sein! Umfassender konnte die Desillusionierung über mein Schicksal gar nicht werden! Außerdem käme der Wandel keine Sekunde zu früh. Ich war 39 und damit exakt in dem berüchtigten Lebensjahr, welches allen Menschen, die den Rest ihres Lebens noch nicht in trockenen Tüchern wussten, einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Also musste es gelingen, aus meinem Leben etwas zu machen – und zwar heute!
Zwei Stunden nach diesem Entschluss saß ich immer noch alleine unter vielen anderen Menschen am Tresen meiner Lieblings-Cocktailbar. Hier gab es niemanden, wirklich niemanden, der ebenfalls alleine wie ich diesen Laden aufgesucht hatte. Alle anderen waren mindestens zu zweit, schauten sich verliebt in die Augen oder unterhielten sich prächtig mit mindestens einem halben Dutzend Freunden. Nicht mal der dürre Blonde mit Brille war da, der fast immer alleine an der Bar saß. Und so war ich heute die einzige bemitleidenswert einsame Kreatur, die nicht mal einen neugierigen Blick von einem der anwesenden Männer einfing. Selbst die Besetzung hinter dem Tresen enttäuschte an diesem Abend, denn die Einzige aus den Reihen des Personals, die ich flüchtig kannte, war eine eher unsympathische, weil arrogante Brünette, von der ich mir keinerlei mentale Unterstützung versprach.
Oh je. War es möglich, dass jemand noch einsamer und verzweifelter war als ich? Ging es desillusionierter und vor allem: Konnte jemand noch mehr jede Hoffnung auf ein besseres Leben losgelassen haben als ich in diesem Moment? Musste deshalb nicht gerade jetzt etwas passieren, was meinem Leben endlich einen Sinn gab? So lief das doch – zumindest in den Geschichten, welche in Zeitschriften oder in Talkshows erzählt wurden, wenn ein schließlich glücklich gewordener Mensch von seinen bemitleidenswert schweren Anfängen und den harten Zeiten berichtet, die er heldenhaft hinter sich gebracht hatte, um endlich von der Schatten- auf die Sonnenseite des Lebens wechseln zu dürfen.
Ich sog an meinem Strohhalm und wurde langsam ungeduldig. Wann ging es denn nun los mit der großartigen Lebensveränderung? Und wenn – was der Himmel verhüten möge – nichts passierte, was sollte ich dann tun?
Über diese nicht weniger als den Rest meines Lebens entscheidende Frage dachte ich nach ... und wartete. Zwischendurch bestellte ich noch ein Getränk und fuhr mit dem Warten fort.
Aber natürlich! Na klar! Jetzt verstand ich! Vermutlich nahm mir das Leben meine Verzweiflung gar nicht richtig ab! Vielleicht dachte es sich: Hey, die Hilde ist gerade ein bisschen schlecht drauf. Aber letztendlich macht sie doch immer alles mit, was ich ihr biete! Sie wird sich wieder fangen und alles kann so bleiben, wie es ist. Richtig loslassen und alle Hoffnungen aufgeben – nee, das kann die gar nicht! Das können nur Leute wie die moppelige Marion, die nach zwei Wochen Trennung von ihrem Lebensgefährten stolz vor aller Welt verkündete, dass sie nun wirklich jede Hoffnung aufgegeben hatte, den passenden Partner zu finden und sich prima damit abfinden konnte. Drei Wochen nach der Trennung hatte sie dann doch endlich die Liebe ihres Lebens gefunden und war mit ihr in den Urlaub geflogen. Tja – das war loslassen!
Also beschloss ich, dem Leben und vor allem mir selbst zu zeigen, dass ich es sehr wohl sehr ernst meinte mit meiner Hoffnungslosigkeit! Denn wenn ich recht überlegte: Was hatte ich schon zu verlieren? Was? Einen Job, der mich frustrierte, weil in dem Unternehmen nur vorankam, wer männlich war, kein Studium hatte, pünktlich um halb fünf nach Hause ging und dumm wie Bohnenstroh alles nachplapperte, was der Chef an Inkompetenz von sich gab? Freunde, die sowieso am liebsten zuhause saßen und fernsahen? Zwei Zimmer, Küche, Bad und einen Nachbarn, der gerne mal seinen Spiegel an einer Eisenstange um den Sichtschutz meines Balkons herum Gassi führte?
Ich erschrak. Wenn ich es genau betrachtete: Dieser Blick auf meine Situation war nicht einmal besonders negativ, so als würde ich versuchen, das Schicksal zum Widerspruch herauszufordern. Das war die krasse, ungeschminkte Wirklichkeit! Ich hatte nichts ausgelassen! So sah mein Leben aus! Und das nicht erst seit gestern, sondern irgendwie schon sehr lange.
Paralysiert von dieser Erkenntnis stocherte ich in meiner Caipirinha herum, die allerdings nur noch aus Eis und ausgewrungenen Limettenvierteln bestand. War das Leben nicht furchtbar humorlos? Da wollte ich ihm zeigen, wie ernst ich es meinte mit dem Loslassen aller Hoffnungen und der perfekten Desillusionierung, und da zeigte mir die Betrachtung über mein Leben, wie ernst es das meinte mit dem, was es mir bislang zugemutet hatte! Ich war schockiert: Konnte es wirklich sein, dass das alles war, was ich zu erwarten hatte? Auch in den nächsten 39 Jahren?
Mir wurde schwindelig. Ich realisierte, wie schwer es mir fiel, das Eis im Glas zu fixieren. Die Bilder schoben sich ineinander und verschwammen. Plötzlich fielen mir auch noch die Augen zu. War das jetzt das Ende? Just in dem Moment, als ich meiner kläglichen Existenz schonungslos gewahr wurde und mir wirklich keinerlei Illusionen mehr darüber machte, dass irgendwann doch noch alles gut werden und der Traumprinz mit Schloss und einem tollen Jobangebot unter dem Arm auftauchen würde, war es vorbei? Hatte ich die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden und musste nun die Augen schließen, bevor ich diese Erkenntnis jemandem mitteilen konnte? Oder verkraftete mein armes Herz den Erkenntnis-Schock nicht, nachdem es schon so lange auf ein besseres Schicksal gehofft hatte? Hatte vielleicht mein Unterbewusstsein in diesem Moment unendlicher Abgeklärtheit entschieden zu gehen, weil es jetzt wirklich keinen Sinn mehr hatte, weiterzumachen?
Panik stieg in mir hoch. Das ging jetzt alles sehr schnell. Ich war nicht wirklich vorbereitet auf diesen Moment. Ob ich gleich mit dem Glas in der einen und dem Strohhalm in der anderen Hand vom Barhocker kippen würde? Wie schrecklich! Das wäre beschämend unelegant!
Das Glas!
Plötzlich begriff ich. Darin war Caipirinha gewesen! Außerdem war es nicht das erste an diesem Abend gewesen, und wann hatte ich heute eigentlich zum letzten Mal etwas gegessen? Seit dem Mittagessen nichts mehr, und das hieß vermutlich – angesichts der Tatsache, dass ich bei einer Studentenparty vor vielen Jahren schon nach einem halben Glas Caipi nicht mehr mit dem Rad fahren konnte und mindestens eine Stunde für einen Zehn-Minuten-Weg nach Hause gebraucht hatte – dass ich sturzbetrunken war. Einfach nur besoffen – nichts weiter!
Ich atmete erleichtert aus.
Allerdings fiel mir auch just in diesem Moment auf, dass es fast an ein Wunder grenzte, dass ich mich noch auf dem Barhocker halten konnte. Darüber hinaus merkte ich plötzlich, dass dieser Hocker keinen ganz festen Stand auf dem Boden hatte, sondern leicht kippelte.
Haaalt!
Ich ermahnte mich, nicht an so etwas zu denken. Stattdessen befahl ich mir, die Augen nach vorne zu richten und einen Punkt hinter der Bar zu fixieren. Meine Wahl fiel auf eine alte Blechschild-Reklame für Johnnie Walker. Dann tastete ich mit vorsichtigen Bewegungen in meiner Jackett-Innentasche nach meinem Portemonnaie. Ganz sachte! Möglichst souverän versuchte ich auszusehen, als ich die Bedienung hinter dem Tresen heranwinkte und zahlte. Stimmt so! Jetzt bloß kein Wechselgeld in die Börse stecken müssen – das könnte schief gehen!
Doch nun stellte sich mir die Frage, wie ich um Himmels willen in diesem Gedränge vom Barhocker auf den Boden und bis zur Tür kommen sollte! War das theoretisch überhaupt möglich?
Irgendwie schaffte ich es – und musste mich auch nur zweimal kurz an jemandem festkrallen, um nicht umzukippen. Ein paar Unmutsäußerungen und giftige Blicke von anderen Gästen später stand ich schließlich auf der Straße und lehnte mich ein paar Schritte weiter an ein Halteverbotsschild. Erstmal abwarten, ob die frische Luft mir gut tat oder den gefühlten Alkoholpegel in meinem Blut nach oben trieb. Danach konnte ich entscheiden, wie es weitergehen sollte.
Was für ein Abend. Was für ein Schicksal! Mein Leben war wirklich sinnlos und vor allem – hoffnungslos!
Obwohl ich reichlich Probleme hatte, meine Glieder und meine Organe – mein Magen wollte sich so gerne übergeben – zu kontrollieren, funktionierte mein Gehirn einwandfrei. Es erkannte mit erschreckender, schonungsloser Klarheit, dass es nur eine einzige konsequente Antwort auf diese Lebenswirklichkeit geben konnte, nämlich sie zu beenden. Alles andere wäre nur ein Hinauszögern des Unvermeidlichen, eine sinnlose Quälerei, ein Abstrampeln an der Wirklichkeit, ohne jemals etwas an der Tatsache ändern zu können, dass das Schicksal mehr als dieses klägliche Dahinvegetieren für mich nicht vorgesehen hatte!
Ich schaute hinauf zum Himmel, um mich zu vergewissern, dass man dort der gleichen Ansicht war, doch umgehend bemerkte ich, dass ich das lieber nicht tun sollte, denn nun wurde mir erst recht schwindelig. Meine Fähigkeit zum aufrechten Gang ließ dramatisch nach – und das, obwohl ich schon genügend Probleme damit hatte zu verhindern, mir selbst vor die Füße zu kotzen!
Dann hörte ich auch noch die Tür zur Bar aufgehen. Lateinamerikanische Rhythmen, Gesprächsfetzen und Gelächter quollen auf die Straße und bis zu mir hinüber. Einige Gäste standen halb auf dem Bürgersteig, halb in der Bar, zogen ihre Jacken an und verabschiedeten sich lautstark von anderen, die noch bleiben wollten. Mir war meine Situation zwischen schwanken, kotzen und vermutlich auch noch lallen, falls ich aus irgendeinem Grund angesprochen werden würde und sei es auch nur, weil sich ein fürsorglicher Mensch nach meinem Gesundheitszustand erkundigen wollte, ausgesprochen peinlich. Wie gesagt: Mein Gehirn funktionierte einwandfrei, nur alles andere entzog sich bedenklich meiner Kontrolle! Also beschloss ich, möglichst rasch von meinem sicheren Halt am Halteverbotsschild – die Ironie dieser Situation fiel mir damals jedoch nicht auf – zur anderen Straßenseite zu wechseln. Dort lag der Stadtpark, in den ich eintauchen wollte, um mich neugierigen und vielleicht auch missbilligenden Blicken zu entziehen.
Ich schaffte die Überquerung der Straße nach meinem Empfinden aufrecht und fand, dass ich auch halbwegs sicher auf meinen zwei Beinen wirkte. Nur den Höhenunterschied zwischen Straße und Bürgersteig hatte ich falsch eingeschätzt. Nach einem kleinen Stolperer fing ich mich schnell wieder – beziehungsweise scheiterte ich glücklicherweise nicht an irgendeinem Hindernis, das meinen Vorwärtsschwung hätte bremsen können – und fand mich auf einem in der Dunkelheit kaum erkennbaren Weg im Park wieder.
Hier beschloss ich abzuwarten, bis die Leute, die soeben die Bar verlassen hatten, endlich nach Hause gehen und die Luft rein sein würde. Dann hoffte ich, ein paar Minuten Zeit zu haben, um in Ruhe mein Fahrradschloss öffnen zu können. Das war schon in nüchternem Zustand schwierig, da der Schlüssel sehr klein war und das Schloss klemmte. Anschließend plante ich irgendwie aufs Rad zu kommen und nach Hause zu fahren. Dabei war ich mir sicher, dass ich auch das Aufsteigen und Losfahren gerne ohne Publikum ausprobieren wollte!
Leider schienen die vier Leute, die nun auf der Straße vor der Bar standen, eine Ewigkeit zu brauchen, um sich voneinander zu verabschieden. Ein Scherzchen gab noch eben das nächste und sie fanden kein Ende.
Währenddessen gewöhnten sich meine Augen an die mich umgebende Dunkelheit. Ich sah mich um: So undurchdringlich, wie zunächst vermutet, war die Finsternis gar nicht. Zwar hielten dicht belaubte Bäume und Büsche das Licht der Straßenlaternen weitgehend ab, doch ich gewann langsam eine Ahnung davon, wie der Weg, auf dem ich stand, weiter verlief, um schließlich, wie ich wusste, auf den Fluss zu stoßen, der die Stadt durchquerte.
Der Fluss!
Wenn ich schon mal hier und der Weg zurück zu meinem Fahrrad wenigstens in diesem Moment keine Option war, warum sollte ich mich dann nicht mal unverbindlich damit auseinandersetzen, wie es sich anfühlen mochte, wenn ich irgendwann das Unausweichliche tun und mich in die Fluten stürzen würde?
Also beschloss ich, weil es naheliegend war, ja geradezu zwingend logisch erschien, dem asphaltierten Weg zu folgen, der mich bis zum Fließgewässer führen sollte. Das war zwar nicht ganz so einfach, wie ich mir das gedacht hatte, weil manche Wegabschnitte zappenduster waren und Bänke oder Papierkörbe richtig weh tun konnten, wenn man mit dem Schienbein dagegen stieß. Doch als ich ein Auto über die Brücke fahren hörte, die den Fluss überquerte, und einige wenige Strahlen der Laterne, die die Straße erhellten, sich auch im dunklen Wasser spiegelten, welches fast lautlos zwischen den schwarzen Ufern hindurchfloss, wusste ich, dass ich es geschafft hatte!
Ich ging – oder besser wankte – ein paar weitere Schritte den Weg entlang, der nun neben dem Fluss verlief. Schließlich erahnte ich mehr, als ich ihn sah, den schmalen Einschnitt in der Böschung, der hinunter zum Wasser führte und der es der Besatzung von Paddelbooten ermöglichte, im Park eine kleine Rast einzulegen. Diesen Abstieg zum Fluss kannte ich von meinen diversen Radtouren durch die Stadt.
Vorsichtig näherte ich mich der Böschung. Es war wirklich dunkel und die wenigen Strahlen der Straßenlaterne, die sich bis hierher verirrten, verhinderten eher, dass meine Augen sich in der Finsternis orientieren konnten, als dass sie halfen, meine Umgebung einzuschätzen. Leicht fiel der Boden ab und ich konnte mittlerweile auch das zarte Plätschern des Wassers hören, welches langsam und sanft vorbeizog. Ich lauschte in die Nacht: Ich war mutterseelenallein! Zu meinen Füßen floss der Fluss, fast einladend schien er zu murmeln, ganz sanft zu überreden, so wie die Schlange Kaa im Dschungelbuch ...
„Hilde, das ist albern!“
Ich rief mich selbst zur Ordnung. Schließlich war ich hier, um ernsthaft zu erwägen, ob ich es tun könnte und wie es wohl wäre, ins Wasser zu gehen!
Eine Weile verharrte ich und starrte in den dunklen Fluss. Ich überlegte, ob es möglicherweise ganz leicht wäre, wenn man sich erst dazu entschlossen hatte. Täte es vielleicht auch gar nicht weh? Besonders dann, wenn man einiges getrunken hatte wie ich – könnte das nicht der ideale Zeitpunkt sein, um ein Leben zu beenden, welches beim besten Willen keine Perspektive bot? Und außerdem: Was hatte ich zu verlieren?
„Nichts“, war meine bescheidende Antwort.
Ich realisierte, dass es mir auf einmal gar nicht mehr schwer fiel, von meiner Zukunft zu lassen, die nicht mehr für mich bereit hielt, als eine Menge Enttäuschungen auf dem Weg in ein trostloses, einsames Rentnerdasein in meiner wohlbekannten Zweizimmerwohnung, die ich bis dahin nicht mehr verlassen würde. Nur, also womit ich immer echt Probleme hatte, wenn sich meine Gedanken tatsächlich einmal mit dieser Thematik befassten: Schmerzen und jegliche Form von Todeskampf waren mir suspekt. Deshalb war es wichtig, so etwas unbedingt zu vermeiden! Mir war klar, dass nur eine angenehme Art, aus dem Leben zu scheiden, für mich infrage käme. Wenn es also schmerzlos und irgendwie auch emotionslos, so ganz ruhig über die Bühne zu bringen wäre – ja, warum nicht? Und warum nicht gleich? Ich könnte mich wenigstens darauf vorbereiten und schauen, wie sich das anfühlen würde ... so ganz unverbindlich ...
Ich beschloss, mich noch näher an das heranzuwagen, was ich als schmalen Weg die Böschung hinunter inmitten tiefer Dunkelheit erahnte. Mein nächster, vorsichtig tastender Schritt führte schon leicht abwärts. Mann, war das feuchte Gras glatt! Auch der darunter liegende Boden war matschig und bot nicht viel Halt. Da konnte man sich aber leicht um Kopf und Kragen bringen, wenn man hier abrutschte! Vermutlich würde man dann auch noch mit dem Schädel auf einen der Steine aufschlagen, die das Ufer befestigten, wie ich von meinen Erkundungstouren bei Tage wusste!
Plötzlich hörte ich etwas knacken. Das Geräusch schien von hinter mir zu kommen. Vielleicht ein Zweig auf dem Weg, den ich entlang gewankt war? Aber warum knackte der? Hier knackte doch sonst nichts! Bis auf ab und zu ein leises Raunen im Blätterwald hoch über mir oder ein fernes Auto auf einer der Straßen rund um den Park, war hier nichts zu hören. Vielleicht sollte ich doch mal eben den Kopf wenden und nachsehen, auch wenn mich das überhaupt nicht mehr interessieren musste?
Ich drehte mich um und merkte in diesem Moment, dass das keine gute Idee war. Der unsichere Stand meiner hohen Absätze auf dem abfallenden Boden, dazu das nachtfeuchte Gras und vor allem drei Caipirinha auf vorwiegend nüchternen Magen ließen jeden weiteren Gedanken zu schmerzlosem Ableben, gefährlicher Uferbefestigung und knackenden Zweigen verstummen. Mit einem Schreckensschrei rutschte ich die matschige Böschung hinab, verlor das Gleichgewicht, meine Beine tauchten ins Wasser ein und mein Kopf schlug unsanft auf etwas Hartem auf. In diesem Moment schoss mir durch den Kopf: „So einfach kann das sein!“
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Als ich erwachte, fühlte es sich an, als wäre eine Ewigkeit vergangen. Um mich herum war es immer noch dunkel. Wo war das Licht, von dem immer gesprochen wurde?
Dann bemerkte ich über mir eine Gestalt, deren Umrisse sich nur wenig von der mich umgebenden Dunkelheit abhoben und vor meinen Augen verschwammen. „Da steht jemand vor dem Licht, das hinüberführt“, dachte ich. Ich fühlte mich seltsam entrückt und ein bisschen benebelt. Schmerzen hatte ich keine, und auch meine Gedanken schienen endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Was für ein herrlich entspannter Zustand! Das war gar nicht so schlecht! Warum hatte ich diesen Schritt nicht schon viel früher gewagt?
Das Verschwimmen der Bilder ließ langsam nach und ich konnte die Gestalt über mir besser wahrnehmen. Doch ich erkannte nicht mehr als die Umrisse eines Ehrfurcht gebietenden Schädels, der von etwas Hellem umgeben war – einem spärlichen Licht, das von einer Quelle weit hinter der Gestalt zu kommen schien. Es sah fast aus ... ja, so sah sicher ein Heiligenschein aus, dachte ich vergnügt ... und ließ mich fallen. Hier war ich richtig! Hätte ich zwei Auswüchse oberhalb der Stirn im Gegenlicht gesehen, hätte mich das vermutlich beunruhigt. Aber diese Gestalt ... mit Heiligenschein ... bewies mir, dass alles gut war. Hier war ich in Sicherheit!
„Bin ich im Himmel?“, fragte ich mit leiser Stimme. Ich fühlte mich noch sehr schwach und so herrlich gelöst! „Wie gut. Ich konnte einfach nicht mehr“, meinte ich erklären zu müssen, als der Wächter vor dem Himmelstor immer noch nichts sagte. Aber ich spürte, dass er mich verstand, denn eine Hand strich mir vorsichtig über die Stirn. Vielleicht war das so etwas wie ein Segen für Neuankömmlinge?
Plötzlich hörte ich von Ferne Musik an- und wieder abschwellen. Bald gesellten sich bunte Lichter dazu. Immer wieder fielen mir die Augen zu und ich wollte auch bloß ausruhen. Wann hatte ich mich das letzte Mal so leicht gefühlt? Herrlich!
Die Gestalt strich mir weiter über die Stirn und sagte etwas, was ich aber nicht verstand. Nur den Klang dieser warmen, tiefen, weichen Stimme hörte ich genau. Was sie wohl sagte? Keine Ahnung. Aber es hörte sich wohltuend beruhigend an. Vielleicht sprach man im Himmel so? Ich würde es sicher auch bald lernen. Nur die Musik – also, ein bisschen nervtötend fand ich sie schon. Waren Harfenklänge wirklich so penetrant? Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie Harfen sich anhörten, aber das war einfach nicht möglich ...
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Als ich das nächste Mal erwachte, hatte sich die Szenerie komplett geändert.
„Guten Morgen“, rief eine herrische Stimme, und sogleich hörte ich auch irgendwelche Gerätschaften klappern. Ich öffnete die Augen. Unangenehm helles Licht strahlte mir von einer weißen Wand entgegen, die sich gegenüber meines weißen Bettes befand. Ich selbst lag unter einer weißen Bettdecke. Ich schloss die Augen wieder, weil die Helligkeit und ein bisschen auch die Trostlosigkeit dieses Ortes mich blendete. Denn trostlos war das, was ich sah – im Gegensatz zu dem, wie ich mir den Himmel, mein neues Zuhause, vorgestellt hatte.
Die Stimme, die mich geweckt hatte, fand sich nun neben meinem rechten Ohr wieder. „So, ich muss mal eben Ihren Bauch freimachen. Ist nur ein kleiner Pieks und gleich vorbei.“
Die zur Stimme gehörende Person zog mir die Bettdecke weg, schob ein Gewand zur Seite, welches meinen Körper bedeckte, griff beherzt in meine Bauchdecke und bevor ich noch irgendetwas tun konnte, spürte ich, wie sie mir eine Nadel in dieselbe bohrte. Diese zog sie nach ein paar Sekunden heraus, bedeckte meinen Bauch, der unangenehm kalt geworden war, wieder mit dem Gewand und warf die Bettdecke über mich. „Ist gegen Thrombose“, erklärte die Stimme. Dann entfernten sich Schritte und eine Tür fiel zu.
Nachdem die Stille ein paar Sekunden angehalten hatte, traute ich mich, vorsichtig meine Augen wieder zu öffnen. Die Luft schien rein zu sein. Aber wo war ich hier bloß hingekommen?
Noch immer ziemlich benommen sah ich mich um. Nach und nach fügte sich ein Puzzleteilchen zum nächsten: Das weiße Bett mit der weißen Bettdecke, die weiße Wand, der graue Linoleumfußboden, der praktische Nachttischwagen auf Rollen zu meiner Linken, daneben ein Infusionsständer, der kleine Sperrholztisch mit grauer Tischplatte unter dem Fenster, flankiert von zwei unbequem aussehenden, hellblauen Plastikstühlen, und zu meiner Rechten ein ebensolches Bett wie das, in dem ich mich befand. Erleichtert nahm ich zur Kenntnis, dass es nicht belegt war. Dahinter sah ich hellblaue Einbauschränke und links davon eine Tür, die sicher in eine Nasszelle führte. Jedenfalls hoffte ich das, denn ich wusste – jetzt da mir klar war, dass dies wohl doch nicht der Himmel, sondern ein Krankenhaus war – dass ich irgendwann, vermutlich recht bald, aufs Klo gehen wollen würde.
Scheiße! Was war passiert?
Ich versuchte mich zu sammeln. Mein Kopf brummte. Außerdem fühlte er sich anders an als sonst ... irgendwie ...
Ich hob meine linke Hand und versuchte, mein Gesicht zu berühren. Die rechte brauchte ich, um mich am Bett festzuhalten. Sicherheitshalber.
Aua! Was war denn das?
Meine linke Hand schien festzuhängen! Entsetzt schaute ich auf meinen Handrücken und entdeckte die gut zugepflasterte Infusionsnadel, die hineingebohrt worden war, und die zu der klaren Flüssigkeit in dem Beutel am Ständer führte.
Oh Gott!
Ich schauderte bei dem Gedanken, wie tief diese Nadel wohl in meiner Ader steckte – die war doch sicher viel zu dünn für so etwas! – und beschloss, meine Linke auf gar keinen Fall mehr zu bewegen. Also musste nun doch meine rechte Hand das Bett loslassen. Glücklicherweise schien diese unversehrt zu sein. Willig gehorchte sie meinem Befehl und tastete nach meinem Kopf.
Ein Schock fuhr mir durch die Glieder. Meine Haare! Wo waren meine Haare?! Ich fühlte nur so etwas wie ... Stoff?
Mittlerweile war ich wach. Auch ohne Kaffee und trotz Brummen im Kopf. Fast panisch schlug ich die Decke zurück. Was war mit meinen Beinen?
Am Ende des Bettes erblickte ich meine Unterschenkel und meine Füße, deren Zehen ich sofort probehalber bewegte. Klappte einwandfrei.
Erleichtert ließ ich mich wieder ins Kissen sinken.
Au! Mein Kopf!
Jede Bewegung schmerzte und hallte dröhnend im Innern meines Schädels nach. „Lieber nicht rühren und einfach liegen bleiben“, dachte ich.
Doch nur einen Moment später drängten sich furchterregende Gedanken in mein Bewusstsein: Wie sah ich aus? War mein Gesicht noch da? Was, wenn ich durch einen Unfall total entstellt wäre und aussähe wie das Phantom der Oper unter seiner Maske? Und aufs Klo musste ich jetzt auch! Deshalb half alles nichts und die Infusionsnadel konnte mich nun auch nicht mehr schrecken. Mühsam setzte ich mich auf, ergriff resolut den Infusionsständer und erinnerte mich daran, dass Tom Hanks in „Streets of Philadelphia“ damit sogar tanzen konnte ...
Was für eine völlig überflüssige Information, die mein Gehirn da ausspuckte! Konnte es sich nicht wenigstens in diesem wirklich existenziellen Moment auf das Wesentliche konzentrieren?
Dann stand ich auf. Und setzte mich gleich wieder. Scheiße, war mir schwindelig! Nur mühsam konnte ich einen Brechreiz unterdrücken. Aber egal: Ich wusste, wo das Klo war – jedenfalls war ich ziemlich sicher, dass es sich hinter der Tür neben dem Wandschrank befand. Und da musste ich jetzt hin! Dort gab es sicher auch einen Spiegel ... außer, das fürsorgliche Krankenhauspersonal hatte ihn vorsichtshalber abgehängt, um mir den furchtbaren Anblick zu ersparen, der mich erwartete, wenn ...
Hilde! Reiß dich zusammen!
Also probierte ich es noch einmal: Ich stellte beide Füße fest auf den Boden, packte den Infusionsständer, atmete tief ein und wieder aus und stand auf. Jetzt passte es. Ich ging ein paar Schritte. Auch das funktionierte. Ich ignorierte das fast hubschraubergleiche Dröhnen in meinem Kopf und das Schwindelgefühl, das mich sofort wieder aufs Bett zwingen wollte, denn ich musste ins Bad, und zwar dringend. Also stieß ich alle Bedenken beiseite, ob ich wirklich dazu in der Lage wäre, den Weg bis dahin zurückzulegen, und hangelte mich zwischen Infusionsständer und Bett durchs Zimmer. Ich riss die Tür auf. Wo war denn hier der Lichtschalter? Verdammt noch mal, warum waren die zu blöd ... ah, gleich rechts neben der Tür, fast verdeckt von dem Handtuch, welches an einem Haken darüber hing.
Ich schaltete das Licht an und ... Gott sei Dank!
Mein Blick war in den Spiegel gefallen, und der Anblick war nicht schön, aber ich erkannte mich auf Anhieb wieder. Bis auf ein etwas verquollenes Gesicht und völlig verlaufene Wimperntusche war auch alles gut. Der restliche Kopf – okay – da war ein Verband, aber das hatte ich schon geahnt. Jedenfalls schien ich noch Haare zu haben! Vielleicht nicht am ganzen Kopf – keine Ahnung, was sich unter dem Turban befand – aber wenigstens ein paar schauten unter den weißen Stoffstreifen hervor.
Erleichtert seufzte ich. Und dann gab es kein Halten mehr und ich reiherte, was das Zeug hielt, ins Waschbecken.
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Zwei Tage später war ich wieder zuhause. Endlich!
Ich stand mitten in meinem Wohnzimmer und sah aus dem Fenster in den trüben Mainachmittag. Nun, da ich wieder in meiner vertrauten Umgebung war, die genauso aussah wie an jenem Abend, als ich sie verlassen hatte, erschien mir die Zeit im Krankenhaus fast wie ein schlechter Traum und komplett irreal. Hatte es meinen Klinikaufenthalt wirklich gegeben?
Erleichtert hatte ich heute Mittag meine Entlassungspapiere und den Brief an meinen Hausarzt, der mir eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde bescheinigte, vom Stationsarzt entgegengenommen. Glücklicherweise hieß das, dass ich wieder nach Hause konnte! Sofort hatte ich meine wenigen Sachen zusammengepackt, das Krankenhaus verlassen und ein Taxi gerufen. Vor ein paar Minuten hatte es mich vor dem Haus abgesetzt und ich hatte die drei Stockwerke bis zu meiner Wohnung erklommen. In den letzten zwei Tagen hatte ich nichts so sehr herbeigesehnt wie diesen Moment, wenn ich endlich wieder in meiner Wohnung, in meinem Leben sein würde!
Huch! Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Ich?
Nun stand ich hier, in meinem Wohnzimmer, blickte aus dem Fenster auf den Baum vor dem Haus und daran vorbei auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sich ebenfalls eine Altbauwohnung an die andere reihte, und konnte mich nicht rühren. In den letzten zwei Tagen hatte ich wohl verdrängt, in was für einem Zustand ich mich befunden hatte, als der Unfall im Park geschah. Die wenig anheimelnde Krankenhausatmosphäre sowie die nicht vorhandene Privatsphäre – ein Krankenhauszimmer ist ein öffentlicher Raum, in den jeder jederzeit, bestenfalls angekündigt durch ein kurzes Klopfen eine Zehntelsekunde vor Aufreißen der Tür, eindringen kann – hatten mich von tiefer gehenden Reflektionen über das Geschehene abgehalten. Meine gut besuchte Bettnachbarin, die mir noch am selben Nachmittag, als ich im Krankenhaus erwacht war, zugeteilt wurde, ebenfalls.
Aber jetzt, hier, in meinem alten, vertrauten Leben, da gab es nichts mehr, was mich ablenkte. Es hätte so gut getan, einfach losheulen zu können, um dem Schmerz eine Möglichkeit zu geben, meinen Körper zu verlassen, aber dafür war der Druck auf meiner Brust viel zu schwer. Es war alles wieder da, was ich vor meinem Sturz gefühlt hatte. Besonders die Aussichtslosigkeit konnte hier, im vertrauten Heim, wo sich nichts verändert hatte, wo mein Leben wieder so war, wie es war, ihre volle, alles verschlingende Wirkung entfalten.
Statt der ersehnten Tränen lief meine Nase. Mechanisch suchte meine Hand in meinem Jackett, das ich erstmals seit Freitag, der Nacht meines Unfalls, wieder trug, nach einem Taschentuch. Dort war aber keines. Stattdessen ertasteten meine Finger etwas anderes: ein kleines, glattes Stück Pappe, das vor meinem Unfall sicher nicht da gewesen war – daran hätte ich mich spätestens jetzt erinnert. Ich zog das Etwas aus der Tasche, legte es auf das Sideboard und suchte erst einmal nach einem Taschentuch, das ich bald fand. Nachdem ich vorsichtig, um nicht mehr Druck als nötig auf meinen Kopf auszuüben, meine Nase geputzt hatte, wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Stück Pappe zu, das auf dem Sideboard lag. Es hatte das Format einer Visitenkarte und war weiß. Eine Schrift war nicht zu sehen – vermutlich befand sich diese auf der nach unten liegenden Seite der Karte.
Hm. Sollte der Freitagabend in der Bar vielleicht doch nicht so völlig ergebnislos verlaufen sein, wie ich ihn in Erinnerung hatte? Hatte ich eventuell einen sehr zurückhaltenden Verehrer gehabt, den ich gar nicht bemerkt hatte? Hatte dieser Jemand heimlich seine Karte in meine Jackentasche gesteckt in der Hoffnung, dass ich genauso neugierig war, wie man es Frauen nachsagte, und anrief?
Huch!
Konnte es vielleicht sogar dieser höchst attraktive große Dunkelhaarige gewesen sein, der mir zwar aufgefallen war, ich ihm jedoch nicht – jedenfalls hatte ich das bis jetzt geglaubt? Hatte ich dem Leben vielleicht doch überzeugend gezeigt, wie ernst ich es gemeint hatte mit dem „Loslassen“? Und hatte sich das Leben entsprechend beeindruckt gezeigt und endlich, aber auch wirklich auf den allerletzten Drücker, den Traumprinzen in mein Leben gezaubert, der schon so lange überfällig war?
Eine Flut von Fragen rund um die Visitenkarte, die unschuldig auf meinem Sideboard lag, türmte sich innerhalb von maximal einer Zehntelsekunde vor mir auf. Die zweite Zehntelsekunde brauchte ich, um zum Sideboard zu hasten, die Karte zu ergreifen und umzudrehen. Und die dritte, um zu lesen, was darauf stand:
Dr. Siegbert Gärtner, Praxis für Psychotherapie und Hypnose. Darunter eine Adresse und eine Telefonnummer.
Ein Psychotherapeut?
„Warum nicht?“, dachte ich gut gelaunt. „Dann ist er eben Psychotherapeut! Von irgendwas muss er schließlich leben. Vielleicht kann ich den ja tatsächlich gerade gut gebrau...“
Ich stockte. War das ein Zufall? Hatte mir das Schicksal, dieses hintertriebene Luder, ausgerechnet einen Psychotherapeuten geschickt, der in der Latino-Bar auf mich aufmerksam wurde? Das war ja wohl die Höhe! Ich war doch nicht bekloppt! Ich war verzweifelt!!! Sollte das einer dieser überflüssigen Scherze sein, die das Leben von Zeit zu Zeit bereit hielt, wenn es Langeweile und schlechte Laune hatte?
Misstrauisch betrachtete ich die Karte genauer. „Siegbert“, las ich noch einmal. Hm. Sollte der hübsche Dunkelhaarige tatsächlich mit so einem Namen gestraft sein? Wie abartig! Kein Wunder, dass er Therapeut geworden war!
Aber irgendwie schien mir das nicht recht wahrscheinlich zu sein. Ich dachte nach. Hatte sich wirklich irgendjemand in dem Laden befunden, der so alt war, wie sich der Name anhörte? Möglich wär‘s. Die Bar war voll gewesen und ich ebenso. Meine Erinnerungen an jenen Abend waren mit Sicherheit nicht die zuverlässigsten!
Irgendetwas an dieser Karte ernüchterte mich. Sie las sich einfach nicht so, wie ich mir eine Karte von meinen Traumprinzen vorstellte. Auch sah sie nicht so aus, als könnte sich dahinter ein neues, erstrebenswertes Leben verstecken, und die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ irritierte mich sehr!
Dennoch – hatte ich eine Wahl?
Ich wusste, ich würde anrufen und versuchen herauszufinden, wer dieser Mensch war. Meine Neugier ließ gar nichts anderes zu! Und meine Überzeugung, dass das Schicksal sich bei dieser Sache irgendetwas gedacht haben musste, auch nicht. Schließlich war ich nachts im dunklen Park fast ertrunken, auch wenn ich wohl nicht in den Fluss, sondern nur auf den schmalen Uferstreifen unterhalb der Böschung gefallen war. Immerhin hatte mir das zweieinhalb Tage im Krankenhaus eingebracht und das fand ich im Vergleich zur sonstigen Ereignislosigkeit in meinem Leben höchst dramatisch! Auch wenn ich diese Ereignisse vielleicht ein kleines bisschen provoziert hatte mit meinem nächtlichen Ausflug zum Fluss, um halbwegs besoffen herauszufinden, wie sich „ins Wasser zu gehen“ wohl anfühlen mochte, so musste es dennoch eine Bedeutung haben, dass diese Karte in meiner Jacke war! Und: Es musste irgendwohin führen, wenn ich diesem Hinweis des Schicksals folgte. Es gab keine belanglosen Zufälle, wenn man vor der Entscheidung zwischen Leben und Tod stand!
Jetzt beschäftigte mich nur noch eine Frage: Wann war die beste Zeit, um diesen Mann anzurufen?
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Es war früher Abend. Ich meinte mich zwar daran erinnern zu können, dass mein behandelnder Arzt im Krankenhaus etwas davon gesagt hatte, dass Alkohol in der nächsten Zeit nicht gut für mich sei, aber so etwas sagen Ärzte immer. Sie können gar nicht anders. Genauso, wie sie sagen, dass man unbedingt das Rauchen aufgeben und sich gesünder ernähren soll. Ich fand, Alkohol war jetzt das Beste, was ich mir antun konnte. Schließlich litt nicht nur mein Kopf an Gehirnerschütterung, sondern vor allem mein Innerstes an Seelenerschütterung! Deshalb tat ich gut daran, mich bei einem Gläschen Prosecco mit einer Winzigkeit Aperol auf Eis zu entspannen. Außerdem konnte ein wenig alkoholbedingte Lockerheit nicht schaden, wenn ich vorhatte, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen und diese Chance, die das Schicksal mir kurz vor knapp vor die Füße geworfen hatte, sorgsam aufzulesen und zu nutzen. Gleich würde ich erfahren, was hinter dieser unscheinbaren und eher nüchtern wirkenden Visitenkarte auf mich wartete!
Ich nahm noch ein Schlückchen zur Aufmunterung, dann mein Telefon in die Hand, legte die Visitenkarte zurecht und wählte die dort angegebene Nummer. Ich war zugegebenermaßen ziemlich aufgeregt: Würde sich jetzt das Geheimnis lüften und ich mich daran erinnern können, wer dieser geheimnisvolle Mensch war, der mir seine Karte unter diesen mysteriösen Umständen zukommen lassen hatte?
Im Hörer tutete es. Ich ermahnte mich zur Ruhe und dazu, damit aufzuhören, die Eiswürfel im Glas mithilfe des Strohhalms hektisch im Kreis zu jagen.
„Gärtner“, ertönte es aus dem Hörer. Es war eine angenehme Stimme, wie ich beruhigt feststellte. Aber auch tatsächlich eine nicht mehr ganz neue.
„Hallo Siegbert“, antwortete ich und bemühte mich möglichst ruhig und tief zu sprechen – und vor allem nicht zu husten, was mir leider häufig passierte, wenn ich aufgeregt war. Dann versuchte ich, möglichst cool den Text zu rezitieren, den ich mir zurechtgelegt hatte. Unvorbereitet würde ich nie einen Mann anrufen, den ich nicht kannte, und der mir in meiner Lieblings-Bar eine Visitenkarte zugesteckt hatte!
„Ich habe hier eine Karte von dir. Dr. Siegbert Gärtner – hübscher Name“, log ich. „Ich heiße übrigens Hilde. Ich hoffe, du weißt noch, wer ich bin?“
Mit dieser Formulierung, die alles Mögliche bedeuten konnte, plante ich, mein Gegenüber ein wenig aus der Reserve zu locken. Wer konnte schon wissen, wo und in welchen Zusammenhängen der Herr Dr. Gärtner seine Visitenkarten unter das Weibsvolk schmiss? Und tatsächlich: Am anderen Ende der Leitung blieb es still. Ich schien Siegbert irritiert zu haben! Vermutlich klapperte er gerade fieberhaft alle Zusammentreffen der letzten zwei Wochen ab, an deren Ende er seine Karte irgendwo hinterlassen hatte.
„Ups“, gurrte ich gut gelaunt, „erwischt! Der Herr Doktor beliebt des Öfteren, seine Visitenkarte konspirativ in die Taschen attraktiver Frauen zu schmuggeln. Und jetzt überlegt er, welcher der vielen auf diese Weise eroberten Kontakte ich wohl sein könnte?“
Ich lachte leise und hoffte, dass es charmant klingen möge. Leider kippte meine Stimme am Ende um zu einem Kiekser und ich schlug erschrocken die Hand auf meinen Mund. Himmelherrgottnocheins! Vielleicht hätte ich doch ein bisschen sparsamer mit dem Aperol umgehen sollen! Die Flüssigkeit im Glas hatte eine gefährlich tieforangefarbene Färbung gehabt!
Am anderen Ende der Leitung war immer noch nichts zu hören.
„Entzückend! Vielleicht sollte ich dir einen kleinen Hinweis geben?“, riet ich und fing an, mich sicherer zu fühlen. Langsam entwickelte ich Spaß an der Angelegenheit! Dieser Siegbert schien ein bisschen schüchtern zu sein, obwohl er Psychotherapeut war. Musste so einer nicht den ganzen Tag reden? Oder nein – er ließ vermutlich reden und saß mit nachdenklich auf seine Hände gestütztem Kopf da und lauschte. Vielleicht reichte er auch ab und an mal ein Taschentuch oder tätschelte beruhigend die Hand einer Klientin, die gerade von ihrer katastrophalen Kindheit berichtete!
„Aaalsoo ...“
Ich zog das „also“ ganz lang und hoffte, dass es unwiderstehlich charmant und selbstsicher `rüberkam. Irgendwie reizte dieser schüchterne Psychodoktor mich dazu, mit ihm zu flirten! Ich war sicher, ihm im Nullkommanichts den Kopf verdrehen zu können. Er schien fast ein bisschen hilflos zu sein, wie er da vor sich hin schwieg. Wahrscheinlich eine leichte Beute, schnell zu beeindrucken und vor allen Dingen – harmlos! Das gab mir ein Gefühl von Überlegenheit und damit die nötige Sicherheit, um ein wenig mit ihm zu spielen. Ich fand, das war genau das, was ich gerade brauchte: Ein kleiner Flirt, der mein Selbstbewusstsein aufbaute, mit einem Mann, von dem keinerlei Gefahr ausging, und vor allem in einer Konstellation, in der ich eindeutig die Souveränität hatte, das Gespräch zu lenken, wohin ich es lenken wollte!
„Ich bin die zierliche, schlanke Rothaarige, die Caipirinha getrunken hat. Schwarzes Jackett und Leopardentop. Ich hoffe, du erinnerst dich?“, fragte ich mit naiv-verführerischer Stimme. Mann, machte das Spaß! Und ich konnte es mir leisten! Schließlich hatte dieser Kerl mir seine Visitenkarte zugesteckt. Also würde er mich auch für entsprechend attraktiv halten und mir aus der Hand fressen!
Doch am anderen Ende der Leitung blieb es immer noch still. Meine Güte, das wurde jetzt aber langsam anstrengend!
„Freitag ...“, flüsterte ich, „... abend“, ergänzte ich nach zwei Sekunden Pause lasziv.
Ich wartete. Ich hörte immer noch nichts. Hatte ich es vielleicht übertrieben? War der Mann am anderen Ende der Leitung vielleicht dermaßen schüchtern, dass eine Frau, die so souverän und weltgewandt auftrat wie ich, und die so erfahren im Umgang mit Männern wirkte, ihn überforderte?
Als nach einer Weile am anderen Ende der Leitung immer noch nichts passierte, flötete ich „Hallo? Jemand Zuhause?“ in den Hörer. Ich hoffte, ich würde damit dem schüchternen Siegbert signalisieren, dass ich zwar eine unheimlich souveräne und weltgewandte Frau war, aber eben auch eine mit Humor, vor der der kleine Siegbert sich nicht fürchten musste, weil sie ganz lieb war und ihm nichts tun würde. Aber auch danach rührte sich am anderen Ende der Leitung nichts.
Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit, während der mich nur die Tatsache, dass ich mir einfach nicht darüber klar werden konnte, was ich von der Angelegenheit halten sollte, davon abhielt aufzulegen, hörte ich endlich ein Räuspern.
Aha! Es lebte!
„Ja, ich bin zuhause“, kam es vom anderen Ende der Leitung, „oder besser gesagt: Ich bin noch in der Praxis. Aber das wissen Sie ja – das steht ja auf der Visitenkarte.“
Nun war ich an der Reihe verwirrt zu sein. Zuhause, Praxis – war das mein Problem, wo er sich gerade befand? Aber vielleicht hatte ich den kleinen Siegbert einfach überrumpelt und er musste halt irgendetwas sagen, um die Zeit zu überbrücken bis zu jenem Moment, wo er wusste, was er der begehrenswerten Frau mitteilen wollte, der er seine Karte zugesteckt hatte. Ich beschloss, ihm diese etwas lahme Eröffnung der Konversation seinerseits nachzusehen. Psychotherapeuten halt. Tse! Von denen war ja bekannt, dass sie selbst ihre besten Kunden waren!
„Und natürlich erinnere ich mich an Sie. Ich fische nicht so oft Frauen aus dem Fluss bei meinen abendlichen Spaziergängen im Park.“
Ich erstarrte. Was hatte er gerade gesagt?
„Es scheint Ihnen wieder besser zu gehen. Wie schön! Ich habe heute im Klinikum angerufen und wollte mich nach Ihnen erkundigen. Man sagte mir aber nur, dass Sie das Haus bereits verlassen hätten. Das hat mich beruhigt.“
„Ah ja“, war alles, was ich dazu sagen konnte.
Obwohl ...
Wie romantisch war das denn!!! Mein heimlicher Verehrer hatte mein Leben gerettet! Just in dem Moment, wo es für mich keinen Sinn mehr gehabt hatte! Wo ich ernsthaft entschlossen war, den aussichtslosen Tatsachen ins Auge zu sehen und alles fast schon vorbei gewesen war, da hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes mein Traumprinz zurück ins Leben gezogen. Unglaublich! Fast hätte ich geseufzt: „Oh Siegbert!“
Doch Siegbert setzte seine Rede bereits fort.
„Sie wirkten etwas verwirrt, als Sie kurzzeitig bei Bewusstsein waren. Ich hatte das Gefühl, sie bräuchten vielleicht meine Hilfe. Deshalb habe ich Ihnen meine Visitenkarte in die Tasche gesteckt. Und ich freue mich wirklich, dass Sie diesen Schritt gewagt und mich angerufen haben.“
Mein Retter!!! Jetzt erinnerte ich mich schemenhaft an die dunkle Gestalt, deren Kopf ich im spärlichen Gegenlicht einer Straßenlaterne gesehen hatte, und der mir erschienen war wie der Heilige Geist persönlich. Natürlich! Diese Stimme! War sie mir nicht gleich so seltsam vertraut erschienen? Diese angenehme, tiefe Anmutung! Aber das war nicht der Heilige Geist gewesen, der mir den Weg in den Himmel bahnte. Das war er gewesen! Mein Held! Mein Siegbert, der mir den Weg zurück ins Leben wies! Und wie ritterlich seine Ausdrucksform: „Ich freue mich wirklich, dass Sie diesen Schritt gewagt haben“. So konnte nur ein Mann mit Erfahrung sprechen! Vielleicht war so ein reiferer Herr genau das Richtige für mich?
„Ich schlage vor, wir kürzen das Ganze hier ab – ich bin auch schon auf dem Sprung meine Praxis abzuschließen.“
Ja!!! Wow, wie schnell das Leben plötzlich in die Hufe kommen konnte, wenn es wollte! Das versprach noch ein ereignisreicher Abend zu werden. Wo würde er mich wohl treffen wollen? Vielleicht wieder im Park, am Fluss, dem Ort unserer ersten Begegnung?
„Wenn Sie Zeit haben – vorhin hat ein Klient abgesagt, der morgen Nachmittag um 16:00 Uhr einen Termin bei mir hat. Die Sitzung können Sie haben!“
Stille, dieses Mal allerdings meinerseits.
Siegbert fuhr fort: „Ich nehme auch Kassenpatienten. Das macht bei mir keinen Unterschied. Bringen Sie einfach Ihre Karte mit. Die Überweisung von Ihrem Hausarzt können Sie auch später nachreichen.“
Wodurch ich erkannte, dass mein Leben depressiv war
Ich weiß nicht, wie ich erklären soll, dass ich nach diesem Telefonat nicht aus dem Küchenfenster meiner Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung in den Hinterhof gesprungen bin, sondern tatsächlich am nächsten Tag um 15:59 Uhr an der Tür eines zu einer Gemeinschaftspraxis umfunktionierten, zweistöckigen Wohnhauses am Stadtrand klingelte. Vielleicht lag es an meiner Wohnung, die in der dritten Etage und damit nicht besonders hoch gelegen war – der Ausgang der Angelegenheit war mir zu ungewiss. Schließlich hatte vor ein paar Tagen mein erster, mehr oder weniger unfreiwilliger Versuch, aus dem Leben zu scheiden, ja auch nicht in den Himmel, sondern nur ins Klinikum geführt, und mit dem Ergebnis war ich nicht zufrieden gewesen!
Ich hatte die dem Telefonat folgende Stunde mit einer Abfolge emotionaler Abgründe verbracht, wie ich sie in dieser Intensität noch nicht gekannt hatte. Zunächst war da die Schockstarre gewesen, die ich minutenlang, immer noch mit dem Hörer in der Hand, auf meinem Sofa zugebracht hatte, obwohl Siegbert – oder in Zukunft wohl doch eher Herr Dr. Gärtner – längst aufgelegt hatte, nachdem er mir noch einen schönen Abend gewünscht hatte. Ich hatte mich gefühlt, als wäre ich von einer Dampfwalze überrollt worden, und war unfähig gewesen zu begreifen, dass sich das, was ich zuvor erlebt hatte, tatsächlich abgespielt hatte. Nachdem ich begann, das Erlebte wenigstens für möglich zu halten – schließlich hielt ich den Telefonhörer noch in meiner Hand – wurde meine Empörung darüber geweckt, wie das Leben, dieses unaussprechlich hintertücksche Luder, mir so einen grausamen Streich hatte spielen können. Wie sehr wollte es mich denn noch demütigen? War ich nicht bereits ausreichend am Boden zerstört? Meine Empörung wanderte vom Leben weiter zu Herrn Dr. Gärtner, der durchaus, wie ich fand, schon etwas früher seinen Teil dazu hätte beitragen können, das Missverständnis aufzulösen. Anschließend überfiel mich siedend heiß die Scham über meinen unter diesen Umständen unsagbar peinlichen Monolog, der auf der Annahme gründete, ich hätte es mit einem heimlichen Verehrer und nicht mit einem altruistischen Menschenversteher zu tun. Und schließlich quälte ich mich mit der Frage, wie unendlich jämmerlich und verzweifelt ich am vorherigen Freitag gewirkt haben musste, wenn der einzige Mann, der mich hatte kennenlernen wollen, ein Psycho-Pate war, der Mitleid mit einer total kaputten Existenz hatte!
An dieser Stelle hatte ich mir einen weiteren Aperol Spritz gemixt, dem Universum zugeprostet und mich für das aufmunternde Selbstbildnis, das es mir gerade großzügig beschert hatte, bedankt. Mehr brauchte es meiner Meinung nach nicht, um mich tief in den schauderhaften Sümpfen der gnadenlosen Realität zu versenken und daran zu verzweifeln. Und hier schloss sich der Reigen und ich begann von vorne, das Leben, das unaussprechlich hintertücksche Luder, zu verfluchen.
Nachdem ich diese Abfolge von Einsichten in mein zweifellos groteskes Schicksal einige Male mithilfe weiterer Prosecco-Mischungen durchexerziert hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich – wenn ich schon in den Augen anderer eine bemitleidenswert kaputte Existenz war – diesen Zustand auch mit Würde tragen konnte. Und das bedeutete, dass eine Klarstellung der Situation gegenüber Herrn Dr. Gärtner unbedingt nötig war! Zumindest sollte mir das dabei helfen können, dieses traumatische Telefonat zu verarbeiten. Da ich glücklicherweise noch krank geschrieben war und mich nicht gleich am nächsten Tag zurück in die vom Wahnsinn umjubelten Hallen meiner Arbeitsstelle begeben musste, war auch der vom Herrn Doktor vorgeschlagene Termin um 16 Uhr für mich realisierbar.
Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, hatte ich endlich ein wenig entspannen und recht angetüdelt auf meinem Sofa einschlafen können.
Und nun stand ich um 15:59 Uhr vor dem Eingang dieses quietschgelb gestrichenen Hauses und wartete. Während ich wartete, sah ich mich um: Oberhalb der Tür war ein JingundJang-Zeichen angebracht, das mich durchdringend musterte. Links von mir, an einem Balken des Vordachs, hing ein Windspiel, welches wegen Flaute gerade nicht spielte. Rechts vom Eingang plätscherte Wasser über ein paar Keramikkugeln und verschwand in einem kleinen Becken.
„Aha“, dachte ich, als ich mit Befremden diese Anzeichen esoterisch geprägter Gestaltungskultur wahrnahm.
Ich warf einen Blick auf das Schild links neben der Tür, welches das Haus als „Zentrum für ganzheitliche Heilkunst“ auswies. Darunter waren Namen von Therapeuten sowie eine beeindruckende Anzahl von unterschiedlichen Professionen vermerkt: Von Ayurveda über Basenfasten, Energiearbeit, Focusing, Heilsingen und Kerala Fußmassage bis hin zu Ohrakupunktur, Schröpfen, Tarot-Beratung und Zungendiagnostik – um nur eine bescheidene Auswahl zu nennen – war alles vertreten, was ich nicht mit mir in Verbindung bringen konnte. Ich nahm es entsprechend distanziert zur Kenntnis.
Unter diesem aufwändig gestalteten Schild war noch ein sehr viel kleinerer, im Gegensatz zu dem obigen auffallend schmuckloser Hinweis angebracht, welcher auf meinen Lebensretter hinwies: Dr. Siegbert Gärtner, Psychotherapie und Hypnose, 1. Stock. Ich fand, dass selbst Hypnose im Zusammenhang mit den oben genannten Aktivitäten geradezu spießig wirkte.
Ich hatte meinen Lebensretter bei unserem ersten Zusammentreffen nur als dunkle Gestalt mit einem hellen Schein um den Kopf herum wahrgenommen. Auch das Telefonat hatte keinerlei Aufschluss darüber gebracht, wie dieser Mann tatsächlich aussah, dem ich gleich gegenüberstehen würde. Nicht einmal sein Alter konnte ich schätzen. Meine diesbezügliche Annahme beruhte einzig und allein auf seinem Vornamen „Siegbert“, und demnach musste er mindestens hundert sein. Dass er mir darüber hinaus unsympathisch sein würde, wusste ich seit unserem gestrigen Telefonat.
Angesichts von Windspiel, Heilsingen und Co. entstand nun in meiner Fantasie das Bild eines kleinen, dicken, einen verwanzten Wollpullover tragenden Mannes mit Nickelbrille, ausgebeulter Cordhose und komplett abgelatschten Gesundheitsschuhen, der einen selbstgetöpferten Becher mit Tee vor sich hertrug, aus dem es ab und zu tropfte, weil er ihn in Ermangelung ausreichender Aufmerksamkeit und Körperspannung ständig gefährlich schräg hielt. Herr Dr. Gärtner wurde mir mit jeder Sekunde, die ich vor der Tür wartete, unsympathischer!
Ich schärfte mir erneut ein, mich auf gar keinen Fall auf eine Therapie oder Ähnliches einzulassen. Zwar hatte mein Lebensretter das gestern Abend ziemlich uncharmant so verfügt, doch ich zog es vor, einfach nur das durch meine Fehleinschätzung entstandene Missverständnis auszuräumen, mich dafür zu bedanken, dass er mich aus dem Wasser gezogen hatte, und dann wieder zu verschwinden. Das Ganze war mir zwar unangenehm, weil Herr Dr. Gärtner einen ganzen Termin für mich freigehalten hatte und sicher erwartete, neue Kundschaft akquiriert zu haben, doch ich plante in dieser Angelegenheit hart zu bleiben. Und vielleicht sollte ich jetzt, solange auf mein Klingeln noch keine Reaktion erfolgte, einfach die Gelegenheit nutzen und wieder verschwinden? Ich hatte es versucht – ehrlich! Aber wenn niemand öffnete – was konnte ich dafür?
Kaum hatte ich das gedacht, da ertönte auch schon der Türsummer. Es war Punkt 16:00 Uhr. Ich seufzte. Schade! Hätte das Schicksal nicht einmal etwas unkompliziert in meinem Sinne regeln können? Aber vermutlich hätte mich dann doch irgendwann das schlechte Gewissen gepackt, weil ich einen verabredeten Termin nicht ordnungsgemäß wahrgenommen hatte. Also fügte ich mich der Vorsehung und drückte die Tür auf. Was hatte ich noch gleich sagen wollen? Ach ja: „Guten Tag, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wie, Sitzung? Nein, nein, das ist wohl ein Missverständnis ...“
In dem kleinen, orangefarben gestrichenen und mit Terracotta-Fliesen ausgelegten Eingangsbereich fiel mir zunächst ein rotes Etwas aus Ringen, Puscheln und Federn auf, das von der holzgetäfelten Decke hing. Vielleicht ein Fliegenfänger, nur ohne Fliegen? Hm. Ich berührte es vorsichtig mit den Fingerspitzen, doch es schien nicht klebrig zu sein. Seltsam. Oder sollte es möglicherweise böse Geister fernhalten? Ich grinste. Dann könnte ich so ein Gerät bei mir im Büro ausprobieren und schauen, ob es auch gegen meinen Chef wirkte!
Unter dem seltsamen Etwas, gleich neben der Tür, die weiter in das Hausinnere führte, stand ein Regal mit Schuhen. Altmodische, ausgeblichene rote Damenstiefel aus Wildleder – wann waren die denn mal modern gewesen? – standen neben klobigen, ausgetretenen Herrensandalen. Darunter befanden sich ein Paar Turnschuhe und dunkelblaue Ballerinas mit Schleifchen. Gleich daneben bemerkte ich ein Schild: „Bitte ziehen Sie die Schuhe aus, um keine schmutzigen Energien in den inneren Raum zu tragen. Danke!“
Ich stutzte. Galt das auch für Besucher? Solche wie mich? Sollte ich wirklich meine Schuhe ausziehen, oder machte ich mich damit in den Augen des Psychotherapeuten, den ich aufzusuchen gedachte, erneut verdächtig, weil sich diese Aufforderung natürlich nur an den Heilsing-Kreis richtete und nicht an normale Menschen? Und würden meine Schuhe noch dort stehen, wenn ich die Praxis wieder verlassen wollte? Wer garantierte das? Wie sollte ich im Falle eines Falles ohne Schuhe nach Hause kommen? Ich überlegte einen Moment lang, ob ich es ohne Aufsehen zu erregen schaffen könnte, auf Socken bis zu meinem Auto zu gelangen. Zumindest theoretisch schien mir das möglich zu sein, wenn es auch Überwindung kosten würde!
Nachdem ich abgewogen hatte, ob es nun unangenehmer wäre, den Hinweis falsch zu deuten und irrtümlich auf Socken durch die Praxis zu rennen oder von einem empörten Insassen auf meine Dreistigkeit hingewiesen zu werden, das Haus durch schmutzige Energien entweiht zu haben, entschied ich mich schließlich dafür, mich vorübergehend von meinen Schuhen zu trennen. Sie waren sowieso nicht mehr ganz neu.
Beim Ausziehen stellte ich erleichtert fest, dass ich morgens ein Paar verhältnismäßig neue Socken erwischt hatte. Zwar achtete ich gemeinhin sehr auf meine Garderobe, doch zugegebenermaßen vernachlässigte ich meine Strümpfe, weil ich normalerweise nicht in die Verlegenheit geriet, diese der Öffentlichkeit präsentieren zu müssen.
Schon ein wenig stolz auf meine zufälligerweise ansehnliche Fußbekleidung verließ ich den Eingangsbereich durch die angelehnte Tür, die in einen großen Flur führte, und stieg die mit grober Naturfaser bespannten Treppenstufen empor. Auf einem Absatz in mittlerer Höhe begegneten mir auf einem kleinen Rattan-Tisch große rosafarbene Salzkristalle, die hinter einer goldfarbenen Statue drapiert waren, die vermutlich Buddha darstellen sollte, aber ich kannte mich da nicht so aus. Gab es noch andere dicke, sitzende Heilige, von denen Statuen gefertigt wurden?
Dann hob ich meinen Blick zur nächsten Etage und erblickte auf einer lachsfarben gestrichenen Wand einen Behang aus Stoff mit einer nackten Figur, die von kreisförmigen Ornamenten bedeckt war. Zugegeben: Mit jedem weiteren Detail, das ich in diesem Haus entdeckte, wurde ich unsicherer, ob es klug gewesen war hierherzukommen, ohne wenigstens meiner Nachbarin Bescheid zu geben, wo ich mich aufhielt. Wo war ich hier nur gelandet?
Vorsichtig schritt ich die letzten Stufen zum oberen Stockwerk hinauf. Währenddessen drangen aus einem der Räume dort oben langgezogene metallische Töne an mein Ohr. Aus dem Erdgeschoss vernahm ich für einen Moment so etwas wie ein Stöhnen, als eine Tür geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen wurde. Doch sonst war es still und niemand war zu sehen.
Als ich fast oben angekommen war, überlegte ich in Anbetracht der vielen Türen, die vom Flur abgingen und die alle geschlossen waren, wie ich verfahren sollte, um zu meinem Lebensretter zu finden. Sollte ich nach ihm rufen? Ich könnte ja auch einfach wieder gehen, wenn sich daraufhin niemand meldete. Vielleicht hatte jemand den Summer nur versehentlich betätigt und Herr Dr. Gärtner war gar nicht da?
Doch kaum hatte ich die letzte Treppenstufe erklommen, da öffnete sich eine der zahlreichen Türen und ein großer, schlanker Herr um die sechzig, bekleidet mit einem weißen Hemd und Krawatte zu einem grauen Anzug stand im Flur. Seinen Aufzug hätte ich sicher in einem Versicherungsfachbüro erwartet, aber bestimmt nicht hier! Einzig und allein die braun-karierten Hausschuhe, die sich in einem seltsamen Kontrast zu der übrigen Kleidung befanden, wiesen darauf hin, dass dieser Mensch hierher gehören musste, denn Klienten brachten sicher in den seltensten Fällen Hausschuhe mit. Oder etwa doch?
Auf den zweiten Blick erkannte ich mit Erstaunen, dass ich hier vermutlich meinen Lebensretter vor mir hatte, denn die kurzen, hellgrauen Locken erinnerten mich sofort an den „Heiligenschein“, den ich Freitagnacht vor mir gesehen zu haben meinte.
Das also war Dr. Siegbert Gärtner?
Herr Dr. Gärtner vermochte – trotz des unpassenden Schuhwerks – eine selbstsichere Autorität zu verströmen, als wäre sein Aufzug in diesem esoterisch geprägten Umfeld das Selbstverständlichste, was man sich denken könnte. Er sah mich an: Nicht unfreundlich, aber beobachtend. Ich schaute zurück, ebenfalls nicht unfreundlich, aber irritiert. So eine Erscheinung hatte ich nicht erwartet!
Nachdem wir einige Sekunden regungslos voreinander gestanden hatten, streckte er mir seine Hand entgegen.
„Gärtner“, sagte er knapp und wies nach einem kurzen Händedruck einladend ins Innere des Raumes, aus dem er herausgetreten war. Ich hatte mir zwar fest vorgenommen, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, mich in die Höhle des Therapeuten zu begeben, sondern das, was ich zu sagen hatte, möglichst in zwei prägnanten Sätzen und zwar noch vor der Tür loszuwerden, doch wie hypnotisiert befand ich mich schon kurze Zeit später in seinem Arbeitsbereich.
Na gut, dann würde ich das Missverständnis eben hier aufklären!
Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass es in seinem Sprechzimmer völlig anders aussah als im Rest des Hauses, soweit ich es gesehen hatte. Hier wirkte alles ganz normal: weiße Wände, ein hellgrauer Teppich und hohe weiße Bücherregale, die fast bis zur Decke reichten. Gegenüber des großen Fensters, welches mit halbgeöffneten Lamellenjalousien verhängt war, stand ein großer weißer Schreibtisch, auf dem sich neben einem Bildschirm, der Tastatur und einigen Büroutensilien wie Locher, Hefter und Stiften, jede Menge Zeitschriften, Schnellhefter und schmale Aktenordner stapelten. In einer Ecke neben dem Fenster befand sich eine kleine Sitzgruppe aus schmalen schwarzen Ledersesseln und einem kleinen Tisch, der aus einem Chromgestell mit einer Glasplatte darauf bestand.
Herr Dr. Gärtner war nach mir ins Zimmer getreten und hatte die Tür geschlossen. Noch bevor ich zum eigentlich Grund meines Besuchs kommen konnte, wies er mit seiner Hand auf die Sitzgruppe.
„Bitte“, sagte er knapp und erwartete vermutlich, dass ich mich setzte.
So, jetzt musste ich aber langsam meine Sprache wiederfinden, sonst würde ich hier am Ende noch tatsächlich zu einer Therapiestunde verhaftet!
„Entschuldigen Sie, ich möchte da etwas klarstellen ...“, begann ich, doch Herr Dr. Gärtner fiel mir ins Wort. „Das können wir auch ganz in Ruhe im Sitzen besprechen. Bitte!“
Sein „Bitte“ war zwar freundlich, aber bestimmt. Da ich mich nicht streiten wollte und weil es mir auch unangenehm war, ihm mitteilen zu müssen, dass er nun nicht, wie vermutlich erwartet, mit einer neuen Kundin rechnen konnte, folgte ich seiner Aufforderung und nahm Platz.
Jetzt aber!
„Möchten Sie Tee?“, fragte mein Gegenüber noch bevor ich Luft holen konnte.
Irritiert schaute ich ihn an. Aber dann fragte ich mich, warum ich nicht ein Tässchen mit ihm trinken sollte? Schließlich hatte er mir wohl das Leben gerettet und da wäre es grob unhöflich, ihm so etwas unverbindlich Harmloses abzuschlagen, wie gemeinsam eine Tasse Tee zu trinken. Was sprach schon gegen einen kurzen Höflichkeitsplausch bei einem Heißgetränk? Außerdem, stellte ich erleichtert fest, hatte ich noch nie davon gehört, dass bei einer Therapiesitzung Getränke gereicht wurden. Vermutlich hatte er längst begriffen, dass ich nicht vorhatte, mich von ihm gehirnwaschen zu lassen? Sicherlich hatte ich unser Telefonat einfach falsch gedeutet.
Also nickte ich und lehnte mich entspannt im Sessel zurück.
„Dann hole ich mal eben eine Kanne. Ich habe festgestellt, dass meine Klienten sich bei Tee leichter entspannen und öffnen können.“
Ich zuckte zusammen.
„Die Küche ist unten, aber ich brauche nur ein paar Minuten. Beginnen Sie doch schon mal damit, den Bogen auszufüllen. Falls Sie mit einer Frage nicht klar kommen – ich bin gleich wieder da“, sagte er und reichte mir einen dünnen Stapel Papier.
„Herr Dr. Gärtner, ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben. Allerdings möchte ich Ihnen sagen ...“
„Machen wir alles gleich“, fiel er mir ins Wort, „wir haben Zeit.“
Damit verließ er den Raum und ließ mich ratlos mit dem Papierstapel zurück.
Was sollte ich jetzt machen? Ihm hinterherlaufen und erklären, dass ich nicht vorhatte, eine Therapie bei ihm zu beginnen? Meine Tasche schnappen, mich auf meine Socken machen und einfach verschwinden?
Ich warf einen Blick auf den ersten Bogen. Das sah aus wie ein Psychotest! Ach, wie spannend! Die gab es ja auch manchmal in Zeitschriften und ich füllte sie immer gerne aus. Hm ... mal sehen ... was wollte der Test denn so wissen?
Ich blätterte den mehrseitigen Bogen auf und überflog die erste Seite. „Grübeln Sie viel?“, lautete eine Frage. Ja, doch, ich denke schon. Obwohl – ich reflektierte mich halt. War das so schlimm?
„Haben Sie Angst davor Entscheidungen zu treffen?“
Entscheidungen treffen? Ich hatte den Aszendent Waage – da fiel es mir natürlich schwer mich zu entscheiden. Aber dafür konnte ich nichts, das war mein Sternbild!
„Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“
Ich fühlte mich ertappt. Obwohl „stimmt teilweise“ kam der Wahrheit doch schon recht nahe, oder? Ich meine, ich hatte ja nicht ernsthaft vorgehabt ... das war ja eigentlich ein Versehen gewesen!
Irgendwann war ich mitten drin und kreuzte an, dass ich bislang noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten war (war das jetzt gut oder schlecht?), dass ich es eher schwierig fand, eine an mich gestellte Bitte abzulehnen, dass Alleinsein kein Problem für mich darstellte und ich anderen Menschen viel zu selten sagte, was ich wirklich von ihnen dachte. Seite für Seite arbeitete ich durch und beantwortete brav einen Punkt nach dem anderen.
Manchmal fand ich die Fragen schon ein wenig unangenehm und musste deshalb die angekreuzten Antworten mit Bemerkungen, die ich an den Rand kritzelte, erläutern: Natürlich war ich absolut davon überzeugt, dass ich ein nützlicher Mensch war und man mich brauchte. Nur andere Menschen wussten das nicht! Aber dafür konnte ich doch nichts? Und woher sollte ich wissen, ob mir Sex noch genauso viel Spaß machte wie früher? Ich hatte keinen!
Als ich die letzte Seite ausgefüllt hatte, fand ich, dass auch mein Gesprächspartner sich mal wieder blicken lassen könnte. Ich sah hoch – und begegnete dem Blick von Herrn Dr. Gärtner. Er saß im Sessel gegenüber und starrte mich unverwandt an. Ich hatte nicht gehört, dass er zurückgekommen war, und nun erschrak ich, als er so plötzlich vor mir saß.
Als ich mich wieder gefasst hatte, überlegte ich, dass er doch Tee hatte holen wollen. Dann fiel mein Blick auf den Tisch, und wie von Zauberhand stand dort plötzlich ein Tablett mit einer Thermoskanne, Milch und Zucker. Eine Tasse mit dampfendem Tee stand genau vor mir auf der Glasplatte.
Erstaunt sah ich wieder zu meinem Gegenüber. Sein Blick hatte sich nicht verändert und war immer noch direkt auf mich gerichtet. Nicht unfreundlich, aber beobachtend. Ich fühlte mich komplett durchleuchtet und mir wurde heiß und kalt.
„Fertig?“, fragte er.
Ich nickte und reichte ihm die Bögen über den Tisch. Dann nippte ich erst einmal an dem Getränk und versuchte mich zu sammeln. Moment mal! Eigentlich wollte ich doch gar nicht von ihm therapiert werden! Und jetzt gab ich ihm sogar die Gelegenheit, Dinge über mich aus den Bögen zu lesen, die ich selbst meinen besten Freunden gegenüber niemals zugegeben hätte? Das lief aber gerade gar nicht optimal!
Mein Gegenüber schien meinen Konflikt nicht zu bemerken und las sich meine Antworten sofort durch. Auch das war mir unangenehm. Da ich befürchtete, irgendeine Reaktion in seinem Gesicht ablesen zu können, was mir erst recht unangenehm gewesen wäre, studierte ich stattdessen lieber seine Bücher in den Regalen, denn von denen gab es eine Menge. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ – das hörte sich ja ganz nett an. Dann sah ich „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ gleich neben „Ich bin Viele – Eine ungewöhnliche Heilungsgeschichte“. Huch, das war ja auch ein Schicksal! Im Regalfach daneben fiel mir „Zur Psychologie des Massenmords“ ins Auge. Daneben stand „Stalking and Psychosexual Obsession“ sowie „Operation Triebtäter – Kastration als ultima ratio“. Ja, sag einmal ... mit so etwas befasste er sich? Um Himmels Willen! Was waren das für Leute, die normalerweise hier in diesem Sessel saßen? Stalker, Triebtäter und Massenmörder?
Umso besser, dachte ich nach einer Schrecksekunde. Dann würde ja nach dem Studium meiner Antworten in diesem Bogen endlich klar sein, dass ich hier nichts zu suchen hatte und sich Herr Dr. Gärtner woanders um Klienten bemühen musste!
Während ich geneigt war, mich an diesem Gedanken festzubeißen, räusperte sich mein Gegenüber, ordnete die von mir ausgefüllten Bögen auf seinem Schoß und sah mich zufrieden an.
„Gut“, sagte er, „das ist doch sehr aufschlussreich.“
„Was genau meint er jetzt damit?“, dachte ich, nun doch wieder verunsichert wegen seines zufriedenen Gesichtsausdrucks. Spätestens jetzt müsste doch klar sein, dass hier, mit mir, für ihn überhaupt nichts zu holen war. Schließlich befasste er sich normalerweise mit Triebgestörten und Traumatisierten. Ich jedoch verfügte über keinerlei nennenswerte Traumata, hatte keine schlimmen Dinge getan und kam so im Großen und Ganzen ganz gut mit meinem Leben zurecht – na ja, bis auf darauf, dass ich manchmal daran verzweifelte, aber das war ja nur zu verständlich. Wir könnten doch jetzt eigentlich unseren Tee austrinken, noch ein paar Artigkeiten austauschen und uns dann voneinander verabschieden? Was suchte ich eigentlich hier? Hatte ich hier überhaupt etwas zu suchen?
Mein Gegenüber hörte nicht auf mich anzustarren. Nicht feindselig oder strafend, weil ich ihm seine Zeit stahl und er vielleicht auf einen interessanteren Fall gehofft hatte. Nein, eher nachdenklich und ... ja, komplett emotionslos! Das verunsicherte mich noch mehr. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was er so dachte! Doch eigentlich gab es in meinem Fall ja auch nichts zu denken. Punkt.
Hm. Vielleicht wusste Herr Dr. Gärtner nur nicht, wie er aus der Nummer wieder herauskommen sollte? Schließlich hatte er mich aufgegabelt, mich zu einem Termin einbestellt und einen ganzen Stapel von Fragen zur Beantwortung vorgelegt. Vielleicht war es ihm peinlich, mich falsch eingeschätzt zu haben? Womöglich überlegte er fieberhaft, wie er mir sagen konnte, dass ich eigentlich ganz okay war und nach Hause gehen konnte!
Aber so, wie er mich ansah, so vollkommen regungslos, konnte es noch eine Weile dauern, bis diese Erkenntnis soweit von ihm verdaut war, dass er sie vorzutragen vermochte. Deshalb beschloss ich ihm zu helfen, die peinliche Situation erträglicher zu machen und zügig aufzulösen. Außerdem hatte ich nun das dringende Bedürfnis, die Stille zu durchbrechen – und sein Starren!
„Wirklich – ein toller Fragenbogen. Superinteressant!“, lobte ich.
Vielleicht würde eine positive Rückmeldung das Eis brechen?
„Hat er denn irgendeinen Aufschluss über mich gebracht?“
Mit dieser Frage signalisierte ich ihm, dass ich das durchaus für möglich hielt, und ich seine Einschätzung, die dazu geführt hatte, dass er mich zur Therapie vorlud, nicht für völlig bekloppt hielt, was ich natürlich tat. Ich muss sogar zugeben, dass ich mir im Geiste zuhause schon einen Kaffee kochte, eine Schachtel Pralinen bereit stellte und Freundin Imke anrief, um ihr von diesem wirklich erstaunlichen Nachmittag brühwarm und ausführlichst zu erzählen.
„Oh, nichts Ungewöhnliches. Alles ganz normal“, sagte Dr. Gärtner.
Ich atmete erleichtert aus. Na, wenn er das jetzt endlich einsah, dann konnten wir die Angelegenheit auch baldigst zum Abschluss bringen. Ich hätte dann auch noch Gelegenheit, den freien Nachmittag zu nutzen, um mal wieder in der Stadt zu shoppen. Man kam ja so selten dazu, wenn man keine Lust hatte, sich nach Feierabend oder samstags ins Gewühl zu stürzen.
Dann dachte ich, dass es mir trotzdem ein bisschen peinlich war, dass ich Herrn Dr. Gärtner enttäuschen musste, weil er keinen neuen, interessanten Fall auf die Couch bekam. Allerdings fand ich, dass das irgendwie auch nicht meine Schuld war und beschäftigte mich bereits mit dem „Wie“ eines geordneten Rückzugs. Diesen Gedanken jedoch konnte ich nicht zu Ende denken.
„Sie leiden unter einer Depression. Keine besonderen Auffälligkeiten. Verbunden mit einer leichten sozialen Phobie, aber das können Sie sich vermutlich selbst denken.“
Ich musste zugeben, dass ich das bislang nicht gedacht hatte. Wollte er mich auf den Arm nehmen?
Natürlich! Ganz bestimmt hatte er einen besonders trockenen Humor! Ganz wie mein Ex-Freund, der todernst die absurdesten Dinge behauptete, und sich dann diebisch freute, wenn man darauf hereinfiel!
Um ihm zu zeigen, dass ich seinen Scherz durchaus verstanden hatte, lächelte ich ihm gönnerhaft zu. Nach einer Zeit merkte ich, wie das Lächeln auf meinem Gesicht einfror, denn Herr Dr. Gärtner stimmte nicht in meine Heiterkeit mit ein. Er schaute mich nur an.
Jetzt nervte er aber! Irgendwann konnte es auch mal gut sein!
„Ernsthaft?“, grinste ich ihn an um zu zeigen, dass ich Spaß verstand. Dabei hoffte ich, dass er die Scharade nun endlich beenden würde. Ich hatte keine Lust, bis in die Unendlichkeit um diesen Scherz herum zu mäandern und hoffte, ihm eine Auflösung der Situation zu entlocken, damit ich endlich gehen konnte. Der Feierabend nahte und dann würde die Stadt wieder entsetzlich voll sein und das Einkaufen überhaupt keinen Spaß machen!
Pulsuz fraqment bitdi.