Kitabı oxu: «Das Lob der Torheit»
Erasmus von Rotterdam
Das Lob der Torheit
Übersetzt von Anton J. Gail
Herausgegeben von Stefan Zathammer
Reclam
2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2022
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961979-8
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014284-4
www.reclam.de
Inhalt
Erasmus von Rotterdam an seinen Freund Thomas Morus
Das Lob der Torheit, eine Lehrrede des Erasmus von Rotterdam
Zu dieser Ausgabe
Literaturhinweise
Nachwort
Inhalt
[5]Erasmus von Rotterdam an seinen Freund Thomas Morus
In den jüngst vergangenen Tagen, als ich von Italien nach England unterwegs war, wollte ich den ganzen langen Ritt (über die Alpen) nicht mit läppischem Geschwätz verbringen und habe mir stattdessen über unsere gemeinsamen Fragen nach Sinn und Aufgabe der Bildung Gedanken gemacht. So konnte ich mich zugleich in die Gesellschaft jener geschätzten klugen Freunde zurückversetzen, die ich verlassen habe. Unter diesen stehst du, mein Freund Morus, an erster Stelle. Auch fern von dir hat mein Geist sich nicht weniger an dir erquickt als damals während unseres täglichen Umgangs. Ich wüsste nichts, was für mich je beglückender gewesen wäre als deine Freundschaft. Da es mich nun drängte, etwas zu schaffen, die Umstände aber keine wissenschaftliche Arbeit zuließen, kam es mir in den Sinn, der Moria, also der Torheit, ein Lob zu singen. Du wirst fragen, wieso mir Pallas (Athene) gerade diese Idee in den Sinn brachte. Zunächst war es dein Familienname, der ebenso auf die Torheit1 anspielt, wie du dich von allem törichten Wesen gründlich unterscheidest. Darin sind alle über dich einer Meinung. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass dir eine ironische Spielerei dieser Art gefallen würde, zumal du gewöhnlich deine unverhohlene Freude an Scherzen dieser Art hast, sofern sie geistvoll und beziehungsreich sind. Du liebst es ja, das menschliche Leben immer ein wenig wie Demokrit2 zu betrachten. Obwohl du, was Intelligenz angeht, weit über die große Masse hinausragst, verstehst du es doch, dir im täglichen Leben durch [6]eine unwahrscheinliche Liebenswürdigkeit überall Freunde zu erwerben. Es macht dir sogar Freude, dich so zu geben. Ich weiß, du wirst diesen Essay nicht nur wohlwollend aufnehmen als Dankesgabe deines Gastes, du wirst ihn auch in sichere Obhut nehmen; denn da er dir gewidmet ist, gehört er schon nicht mehr mir, sondern ist dein Eigentum.
Zweifellos werden die gehässigen Kritiker nicht ausbleiben, die es für unziemlich halten, dass ein theologischer Autor sich mit solchen Spielereien abgebe; andere werden Anstoß nehmen an meiner Bissigkeit, die nicht zu christlicher Bescheidenheit passe. Sie werden mir vorwerfen, dass ich es wie Aristophanes oder Lukian mache und an allem meine Zähne wetze.3 Wen aber Leichtigkeit und Verspieltheit der Behandlung stören, der mag immerhin bedenken, dass ich damit keinesfalls ein Neuerer bin, sondern an großen Autoren der Vergangenheit rühmliche Vorbilder habe. Schon in der grauen Vorzeit hat Homer seinen scherzhaften »Froschmäusekrieg« geschrieben, Vergil seine »Mücke« und sein »Kräutergericht«, Ovid seine »Nuss«.4 So hat Polykrates ein Lob auf Busiris verfasst, ebenso dessen Kritiker Isokrates, Glaukon ein Lob der Ungerechtigkeit, Favorinus ein Lob des Thersites und des viertägigen Fiebers, Synesius ein Lob auf die Glatzköpfigkeit, Lukian ein Lob auf die Fliege und den Schmarotzer.5 Seneca schrieb die »Verkürbissung des Kaisers Claudius«, Plutarch den Dialog des Gryllus mit Odysseus, Lukian und Apuleius einen Eselsroman, dann noch irgendwer das Testament des Schweines Grunnius Corocotta, das [403] der heilige Hieronymus erwähnt.6
Mögen also jene Kritiker sich sagen, ich hätte zu meinem Vergnügen gleichsam die Figuren auf einem Schachbrett [7]hin und her geschoben oder, wenn ihnen das mehr gefällt, mein Steckenpferd geritten7. Ist es nicht eine hanebüchene Ungerechtigkeit, wenn wir jeder Lebenslage ihre eigentümlichen Spiele zugestehen, dem Schriftsteller aber sein Spiel verwehren wollen, besonders wenn es ernsthafte Einsichten vermittelt und seine Kurzweil einem urteilsfähigen Leser doch oft genug mehr die Augen öffnet als die abgenutzten Paradeargumente gewisser Leute. Etwa jene Autoren, die mit zitatenreicher Rede das Lob der Rhetorik oder der Philosophie verkünden, die die Vorzüge eines Fürsten feiern oder zum Türkenkrieg auffordern.8 Wieder andere verlegen sich auf Weissagungen oder machen ihre Problemchen aus einem reinen Nichts. Sicher ist es läppisch, ernsthafte Dinge zu verniedlichen; es ist aber mindestens so eindrucksvoll, wenn jemand witzig schreibt und dabei keineswegs den Eindruck erweckt, er treibe dummes Zeug. Ich stelle mich mit meiner Arbeit dem Urteil der Öffentlichkeit; immerhin, wenn mich meine Eigenliebe nicht blendet, habe ich die Torheit nicht witzlos gelobt.
Was den Vorwurf der Bissigkeit angeht, sollte man immerhin bedenken, dass es zum Vorrecht des Künstlers gehört, sich straflos über das menschliche Leben lustig zu machen, vorausgesetzt, dass die Freiheit nicht in Gehässigkeit ausartet. Umso mehr wundere ich mich über den Geschmack der Zeitgenossen, denen fast nur noch hochtrabende Titel gefallen. Da gibt es unter anderem Leute von reichlich merkwürdigen religiösen Auffassungen, die eher bereit sind, Christus aufs Heftigste anzugreifen, als auch nur den harmlosesten Scherz gegen den Papst oder einen Fürsten zuzulassen, vor allem wenn es um deren Einkünfte oder Amtsgewalt geht. Wenn nun wirklich jemand [8]Lebensgewohnheiten bloßstellt, ohne einen Namen zu nennen, ist das dann Bissigkeit oder nicht vielmehr Unterweisung und Ermahnung? Bitte, wie gründlich nehme ich mich denn selbst unter die Lupe? Wer schließlich keinen Stand ungeschoren lässt, nimmt nicht die Menschen, sondern ihre Fehler aufs Korn. Sollte sich jemand getroffen fühlen, bekennt er sich damit eben schuldig oder hat Angst davor, es zu sein. Der heilige Hieronymus9 legte sich keinen Zwang auf in bissigen Anspielungen, er scheute sich nicht einmal, gelegentlich Namen zu nennen. Ich habe jeden Namen grundsätzlich vermieden und meinen Ausdruck so gemäßigt, dass ein verständiger Leser sofort merkt, es gehe mir mehr um Vergnügen als um Satire. Ich habe es auch nicht gemacht wie Juvenal10, der dauernd der geheimen Spur des Lasters folgt. Statt Schändlichkeiten Revue passieren zu lassen, habe ich Stoff zum Lachen geboten. Sollte nun jemand auch damit noch nicht zufrieden sein, mag er daran denken, wie gut es ist, von der Torheit getadelt zu werden. Wir legen ihr ja alle Worte in den Mund und durften doch nicht aus der Rolle fallen. Doch wozu setze ich dir das alles auseinander? Du bist ein so vorzüglicher Anwalt,11 dass du selbst eine bedenkliche Sache erfolgreich vertreten kannst. Leb wohl, beredter und gewandter Freund Morus, und mach die Sache der Moria zu deiner eigenen. In ländlicher Zurückgezogenheit am 9. Juni 1508.12
[9]Das Lob der Torheit, eine Lehrrede des Erasmus von Rotterdam
Die Torheit spricht:
[405] Was auch immer der große Haufen von mir sagt – ich weiß sehr gut, in welch schlechtem Ruf die Torheit sogar bei den ärgsten Dummköpfen steht –, ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können. Das beweist schon der plötzliche Anflug ungewöhnlicher Heiterkeit auf euren Zügen in dem Augenblick, da ich mich in dieser großen Gesellschaft zu Wort melde. Eure Stirn glättet sich, und ihr zeigt mir froh und liebenswürdig ein beifälliges Lächeln. Wenn ich euch so vor mir sehe, erscheint ihr mir trunken von Nektar wie die homerischen Götter, wo ihr doch eben noch trübsinnig und bekümmert dasaßt. Es ist, als wärt ihr gerade erst aus der Höhle des Trophonius13 zurückgekommen. Wie auf der Erde beim ersten Strahl der goldenen Sonne oder nach dem rauen Winter beim ersten schmeichlerischen Hauch des Frühlings gleich alle Dinge ein neues Gesicht erhalten, neue Farbe und Jugend [406] wiederkehrt, so zeigt ihr bei meinem Anblick gleich ein anderes Aussehen. Während nämlich sonst berühmte Redner kaum mit einer wohlgesetzten Ansprache die lästigen Sorgen verscheuchen können, zerstreut meine Erscheinung allein sie gleich.
Warum ich aber heute so kostümiert auftrete, sollt ihr bald hören. Leiht mir nur geduldig euer Ohr, freilich nicht wie ihr den Predigern zuzuhören pflegt, sondern wie ihr euch den Spielleuten, Possenreißern und Narren widmet, [10]mit sogenannten Midasohren14. Ich möchte mit euch ein wenig Sophisterei15 treiben, will es aber nicht machen wie gewisse Zeitgenossen, die ihre läppischen Angstgebilde Kindern aufdrängen und mehr als weibische Zanksucht zur Mode machen. Lieber will ich mich an die Alten halten, die sich Sophisten nennen ließen, um der fragwürdigen Bezeichnung eines Weisen aus dem Weg zu gehen. Ihr Anliegen war es, den Ruhm der Götter und wackerer Männer in Lobreden zu preisen. Ihr werdet also eine Lobrede hören, nicht zum Preis des Herkules, auch nicht zum Preis des Solon16, sondern zu meiner eigenen, der Torheit, Verherrlichung.
Ich halte nicht so viel von jenen Weisen, die es als besonders dumm und ungezogen bezeichnen, wenn einer sein eigenes Lob singt. Es mag immerhin töricht sein, wenn sie nur zugeben, dass es mir ansteht. Ist es nicht selbstverständlich, dass die Torheit ihr eigenes Lob trompetet und sich selbst die Flöte bläst? Wer könnte mich besser darstellen als ich selbst? Bin ich doch keinem besser vertraut als mir selbst! Das ist doch viel bescheidener als der gemeine Brauch der Ehrenmänner und Weisen, die sich meistens aus falscher Scham [407 oben] gegen Geld einen Lobhudler oder Reimschmied bestellen, um von ihm unter dreisten Lügen ihr Lob zu vernehmen. Und dann schlägt der Biedermann doch auch nach Pfauenart ein Rad, und der Kamm schwillt ihm, wenn der unverschämte Lobhudler den Nichtsnutz zu einem Gott macht, wenn er ihn als höchstes Muster aller Tugend hinstellt, von dem er sich doch selbst meilenweit entfernt weiß, wenn er seine Helmzier mit fremden Federn schmückt, wenn er eine Mohrenwäsche und geradewegs aus der Mücke einen Elefanten macht. [11]Schließlich halte ich es mit dem alten Sprichwort, dass jeder ein Recht hat, sich zu loben, wenn ihm kein anderer den Gefallen tut.
Ich wundere mich manchmal über die menschliche Undankbarkeit und Säumigkeit, da seit Anbeginn der Welt bisher noch keiner aufstand und mit dankbarer Rede das Lob der Torheit feierte, wo doch alle voll Eifer in meinem Dienst stehen und mit Freude meine Wohltaten wahrnehmen. Es fanden sich genug Menschen, die das Lob des Busiris, des Phalaris, des viertägigen Fiebers, der Fliegen, der Glatzen und ähnlicher Absonderlichkeiten in nächtelanger Arbeit gesungen haben.17 Von mir sollt ihr aus dem Stegreif eine mühelose, aber umso treffendere Lobrede hören. Ihr sollt eben nicht glauben, dass sie zur Schaustellung des Geistes ersonnen ist, wie das so [408 oben] Rednerart ist. Ihr wisst, dass diese, wenn sie nach runden dreißig Jährchen eine Rede, manchmal noch fremdes Eigentum, ans Licht bringen, beteuern, ihr Werk in drei Tagen mit spielender Leichtigkeit niedergeschrieben oder gar diktiert zu haben. Mir war es immer am liebsten, alles zu sagen, wie es gerade auf die Zunge kam.
Es soll aber keiner erwarten, dass ich mich nach gemeinem Rednerbrauch selbst erläutere oder gar auslege. Das zu umschreiben, dessen Wirkung so verbreitet ist, oder das zu zergliedern, in dessen Kult alle Welt übereinstimmt, wäre beides ein gleich heilloses Unterfangen. Wozu soll ich in einer Erläuterung meinen Schatten oder mein Abbild vorführen, da ihr mich doch von Angesicht zu Angesicht leibhaft unter euch seht? Ich bin ja, wie ihr wisst, jene Spenderin der Güter, die man im Lateinischen Stultitia, im Griechischen Moria nennt.
[12]Ist es wirklich noch nötig, das zu sagen? Zeige ich denn nicht auf Gesicht und Stirn deutlich genug, wes Geistes Kind ich bin? Wer mich als Minerva18 oder als Weisheit darstellen wollte, müsste sich durch meinen Anblick allein vom Gegenteil überzeugen lassen, da er auch ohne Beweisführung ein untrüglicher Spiegel des Geistes ist. Verstellung gibt es bei mir nicht, und man sieht mir immer an, was ich denke. Ich bleibe mir immer völlig gleich, [407 unten] so dass selbst jene mich nicht verheimlichen können, die für sich besonders nachdrücklich Maske und Titel der Weisheit in Anspruch nehmen und Affen [408 unten] im Purpur und in der Löwenhaut Esel bleiben. Je eifriger sie sich bemühen, umso deutlicher stehen irgendwo die Midasohren19 hervor. Diese Art Menschen ist, bei Gott, undankbar, da sie als unsere unleugbaren [409] Zunftgenossen unsern Namen, dessen sie sich vor der Menge schämen, allgemein als ausgesuchten Schimpfnamen gebrauchen. Werden wir sie nicht mit gutem Recht die Töricht-Weisen nennen, da sie doch in Wirklichkeit überaus töricht sind, aber weise wie Thales20 erscheinen wollen?
Unsere zeitgenössischen Rhetoren machen es offenbar so und kommen sich wie Götter vor, wenn sie doppelzüngig auftreten wie die Blutegel21. Sie tun sich etwas darauf zugute, ihr Latein da und dort mit einigen griechischen Brocken gleichsam zu verbrämen, auch wenn sie gar nicht am Platze sind. Fehlen ihnen Fremdwörter, graben sie vier oder fünf Worte aus vergilbten Pergamenten aus und benebeln den Geist des Lesers. Das soll bei allen, die es verstehen, die Selbstgefälligkeit heben; die es nicht verstehen, sollen umso mehr in ehrfürchtige Bewunderung versinken, je weniger sie begreifen. Gerade uns bereitet es aber [13]ein köstliches Vergnügen, das Gesuchte und Unpassende vor allem zu beargwöhnen. Sind nämlich streberhafte Menschen darunter, lächeln sie beifällig und verständnisinnig, wackeln wie ein Esel mit den Ohren, um den andern ihre gute Auffassung zu bezeigen. So ist es nun einmal.
Wenden wir uns zu unserm Gegenstand zurück! Den Namen des Mannes habt ihr nun. Welches schmückende Beiwort soll ich ihm geben? Am besten »Krone der Torheit«! Mit welchem ehrenvollen Beinamen wird die Göttin Torheit sonst ihre Geweihten antreiben? Da aber kaum einer meine Ahnen kennt, will ich mithilfe der Musen versuchen, sie darzulegen. Mein Vater war weder das Chaos noch der Orkus, Saturn oder Japetus, noch sonst einer von den altersgrauen, abgestandenen Göttern. Plutos, der Reichtum, war es. Ob nun Hesiod und Homer, ja selbst Jupiter wollen oder nicht,22 er allein ist der Vater der Götter und Menschen. Nach seinem Willen regt und bewegt sich heute wie einst alles Geistliche und Weltliche. Seiner Entscheidung unterliegt alles, Kriege, Friedensschlüsse, Reichsgründungen, Verfassungen, Gerichtsbeschlüsse, Wahlen, Heiraten, Verträge, Bündnisse, Gesetze, Künste, Spiel, Ernst, kurz – mir geht schon der Atem aus –, jede private und öffentliche Tätigkeit unter Menschen. Ohne seine Hilfe wäre das ganze Volk poetischer Geister, frei herausgesagt, sogar die höchsten Götter selbst, entweder einfach nicht vorhanden, oder sie führten ein nüchternes, wenn nicht karges Leben. Hat ihn jemand zum Feind, wird ihm selbst die Hilfe der Pallas Athene nichts nützen23. Wer dagegen unter seinem Schutz steht, [410] darf getrost dem blitzeschwingenden Götterhaupt Jupiter den Strick empfehlen. Seiner Vaterschaft rühme ich mich. Er erzeugte mich nicht aus [14]seinem Haupt wie Jupiter jenes finstere Mannweib Pallas, sondern mit der Nymphe Jugend, der hübschesten und ansehnlichsten von allen. Es war auch keine freudlose Ehe, wie sie den lahmen Schmied24 hervorgebracht hat, sondern ein viel schwungvollerer Liebesbund, wie unser Homer sagt. Täuscht euch nicht, der altersschwache und blinde Plutos des Aristophanes25 war nicht mein Erzeuger, sondern es war der einst frische und noch jugendwarme Plutos, der nicht nur von Jugend, sondern ebenso vom Nektar glühte, den er damals gerade reichlich und ungemischt beim Göttermahl getrunken hatte.
Ihr werdet gewiss nach meinem Geburtsort fragen, da die gesellschaftliche Geltung heute davon abhängen soll, wo man das erste Geschrei ausgestoßen hat. Ich bin weder auf dem haltlosen Delos noch auf dem wogenden Meer noch in der glatten Höhle der Kalypso geboren,26 sondern auf den Inseln der Glückseligen selbst, wo alles ungesät und ungepflügt hervorsprießt. Dort gibt es keine Anstrengung, kein Alter und keine Krankheit, nirgendwo auf den Feldern findet man dort Asphodillwurz, Malve, Meerzwiebeln, Wolfsbohnen, Pferdebohnen oder andere »Köstlichkeiten« dieser Art. Weit und breit haben Auge und Nase ihr Ergötzen an Molykraut, Allheilkraut, Zauberkraut, Majoran, Ambrosia, Lotosblumen, Rosen, Veilchen, Hyazinthen und den Gärtlein des Adonis27. Inmitten solcher Köstlichkeiten habe ich das Licht der Welt erblickt und der Mutter zugelächelt, statt zu weinen.
Ich neide dem erhabenen Jupiter nicht seine Nährmutter Ziege; denn zwei neckische Nymphen nährten mich an ihren Brüsten, die Bacchustochter Methe und Apaedia, die Tochter des Pan.28 Ihr seht sie beide hier unter der Herde [15]meiner Trabanten. Wenn ihr die Namen wissen wollt, müsst ihr euch schon [411] an das Griechische halten. Die ihr hier mit finsteren Augenbrauen seht, heißt Eigenliebe. Dort steht die Schmeichelei sozusagen mit verzückten Augen und mit den Händen Beifall klatschend. Vergessen nennt man, die hier fast im Stehen schläft. Trägheit stützt sich mit verschränkten Händen auf beide Ellenbogen. Mit Rosen bekränzt und duftend vor Salben seht ihr das Vergnügen, und jene mit dem unsteten Blick ist der Wahnsinn. Ergötzen nennt man die andere mit der glänzenden Haut und dem geschmackvollen Mantel. Ihr seht gleichfalls zwei Götterknaben unter den Mädchen, von denen einer Ausgelassenheit und der andere Siebenschläfer heißt. Mithilfe dieses meines Anhangs halte ich alle Welt in meinem Bann und bin sogar Herr über die Herrscher.
Herkunft, Werdegang und meine Gesellschaft kennt ihr nun. Damit ihr nun aber nicht glaubt, ich würde mir den Rang einer Gottheit zu Unrecht anmaßen, spitzt die Ohren und vernehmt, was für Annehmlichkeiten ich Göttern und Menschen bereite. Irgendwer hat einleuchtend nachgewiesen, dass hilfreiches Verhalten gegenüber den Menschen die Gottheit ausmacht.29 Wenn man also verdientermaßen alle zum Rat der Götter zählt, die der Menschheit Wein, Getreide oder ähnliche Annehmlichkeiten gaben, warum werde ich dann nicht von Rechts wegen als »Alpha« des Götterhimmels angesehen, wo ich allein die Fülle des Alls schenke?
Was gibt es denn Angenehmeres und Kostbareres als das Leben selbst? Wer anders als ich gibt aber den Auftakt für dieses Leben? Weder die Lanze der hochgeborenen Pallas Athene noch die Ägis30 des Wolkenbewegers Jupiter hat [16]das Menschengeschlecht erzeugt oder vermehrt. Der Göttervater und König des Menschengeschlechts selbst, der den ganzen Olymp mit einem Wink erschüttert, muss doch den dreigezackten Blitz und den Titanenblick, mit dem er nach Belieben alle Götter in Furcht erhält, ablegen und wie ein Schauspieler eine fremde Maske aufsetzen, wenn er seiner Gewohnheit gemäß ein Kind in die Welt setzen will.31 Die Stoiker dünken sich den Göttern [412] am nächsten, aber gib mir nur einmal drei oder vier, meinethalben auch das Sechshundertfache an Stoikern! Wenn sie schon den Bart, das Abzeichen ihrer Gelehrtheit, das sie übrigens mit den Geißböcken gemein haben, nicht beseitigen, müssen sie aber doch sicher auf die finsteren Augenbrauen verzichten, die Stirne glätten und ihre Lieblingsdogmen über Bord werfen, ja, sie müssen eine gute Weile läppischen Unfug machen. Zuletzt muss der weise Mann mich, mich, sage ich, bemühen, wenn er Vater werden will.
Warum sollte ich meiner Art gemäß nicht offener mit euch reden? Erzeugen etwa Kopf, Gesicht, Brust, Hände oder Ohr, die man ja gemeiniglich als edle Teile ansieht, Götter und Menschen? Nein, jener Körperteil, der in seiner Albernheit und Lächerlichkeit eine ernsthafte Erwähnung gar nicht zulässt, ist Erzeuger und Mehrer des Menschengeschlechts. Er ist schließlich mit mehr Anspruch als der vierfache pythagoreische jener heilige Quell,32 aus dem das All sein Leben schöpft. Welcher Mann würde den Kopf unter das Joch des Ehestands beugen, wenn er nach der Gewohnheit jener Weisheitsapostel zuvor bei sich die Nachteile jenes Lebens erwogen hätte? Oder welche Frau würde sich einem Mann hingeben, wenn sie die Mühen und Gefahren der Geburt und die Last der Erziehung kennen würde oder [17]überlegt hätte? Wenn ihr also der ehelichen Vereinigung das Leben verdankt, die Ehe aber der Unbesonnenheit und ihrem Gefolge, seht ihr doch ein, was ihr mir dankt. Welche Frau würde dies alles, nachdem sie es einmal erfahren hat, wiederholen wollen, wenn die Göttin Vergessenheit nicht einspränge? Selbst Venus würde – mag Lukrez abstreiten, soviel er will33 – damit einverstanden sein müssen, dass ihre Macht ohne unsern göttlichen Beistand kümmerlich und wirkungslos ist. So gehen also aus diesem Spiel unserer lächerlichen Benommenheit sogar die finstern Weisheitslehrer hervor, deren Stelle heutzutage die sogenannten Mönche einnehmen, die Purpurträger, die frommen Priester und die dreimal heiligen Päpste. Nicht anders ist es mit dem Gremium der Götter der Poesie, deren große Menge selbst der überaus geräumige Olymp kaum zu fassen vermag.
Was bedeutet es schon, Pflanzstätte und Quell des Lebens zu sein, wenn ich nicht auch zeige, dass alle Bequemlichkeit des Lebens von mir kommt? Was soll denn das? Kann man überhaupt von »Leben« sprechen, wo kein Vergnügen ist? Ihr klatscht Beifall. Ich wusste wohl, dass keiner von euch so weise oder, besser, so geistlos sein würde oder, noch besser, so geweckt wäre, dass er diese Ansicht hätte. Nicht einmal jene Stoiker verschmähen das Vergnügen. Trotzdem heucheln sie eifrig und hecheln es vor dem Volk durch. Offenbar doch nur, [413] um die anderen wegzugraulen und selbst weidlicher zu genießen! Sie sollen, beim Jupiter, einmal sagen, welcher Teil des Lebens denn nicht traurig, freudlos, unansehnlich, witzlos und beschwerlich ist, wenn man das Vergnügen, die Würze der Torheit, davon wegnimmt? Das hat ja der nie genug hervorgehobene Sophokles deutlich bestätigt, von dem wir jenen [18]wunderschönen Lobspruch auf uns haben: »Vergnügen bringt das Leben, wenn die Weisheit fehlt.«34 Immerhin wollen wir den ganzen Sachverhalt im Einzelnen nachweisen.
Jedermann weiß, dass die Kindheit dem Menschen das fröhlichste und lieblichste Alter ist. Was hätscheln, liebkosen und pflegen wir an den Kindern denn so, dass sogar der Feind diesem Alter hilfreich zur Seite steht? Doch nur die verführerische Macht der Torheit! Wohlbedacht legte die Natur den Neugeborenen diese in die Wiege, damit sie durch das Handgeld des Vergnügens die Mühen der Erzieher versüßen und sich die Gunst der Pfleger erschmeicheln. Wie beliebt ist dann bei allen erst die Jugendzeit, wie ausnehmend gewogen sind ihr alle, wie eifrig bilden alle sie und wie pfleglich reichen sie ihr die hilfreichen Hände? Woher rührt denn nun dieser Glanz der Jugend? Woher anders als von mir? Von mir hat sie jenes Mindestmaß an Einsicht und kennt darum auch so wenig Kummer. Ich will ein Lügner heißen, wenn die Menschen nicht bei zunehmendem Alter, sobald sie durch Erfahrung und Zucht männliche Einsicht gewinnen, alsbald die Blüte der Jugend einbüßen, ihr Feuer verlieren, statt Anmut Kälte und statt Frische Lahmheit zeigen. Je mehr der Mensch sich von mir entfernt, umso mehr schwindet seine Lebenskraft, bis schließlich das beschwerliche Greisenalter kommt, das nicht nur anderen, sondern sogar sich selbst zur Last fällt. Dieses selbst wiederum würde keinem Menschen erträglich sein, wenn ich nicht in solch jammervollem Elend meine Hilfe leihen würde. Wie die Götter bei den Dichtern den Gefährdeten in irgendeiner Vermummung beistehen, so rufe auch ich die Menschen hart am Tod nach Möglichkeit noch einmal zur Kindheit zurück. So nennt man diese ja [19]mit gutem Recht allgemein »kindisch«. Wenn jemand das Rezept zu solcher Verwandlung wünscht, will ich es keineswegs geheim halten. Ich führe ihn zum Quell unserer Vergessenheit, die auf den Inseln der Glückseligen entspringt, in die Unterwelt aber nur mehr als dünnes Bächlein gelangt. Wenn er dort einmal langes Vergessen getrunken hat, wird der Kummer der Seele bald abgespült sein, und die Jugend beginnt aufs Neue.
Die Menge spricht in solchen Fällen von Blödheit und Verdummung. [414] Sei’s drum! Darin liegt ja gerade die Verjüngung. Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft? Schätzt man nicht gerade den Mangel an Verstand am meisten an jenem Alter? Hasst und verabscheut nicht jeder ein frühreifes Kind wie eine Missgeburt? Das Sprichwort »Ein Knabe, früh von Weisheit voll, ist uns verhasst«35 stimmt uns darin bei. Wer könnte es aber im geschäftlichen Verkehr bei einem Greis aushalten, der sich bei solcher Lebenserfahrung gleiche Geistesfrische und Urteilsschärfe bewahrt hätte?
Dass er seine geistige Klarheit verliert, verdankt der Greis uns. Dafür enthebt ihn seine Blödheit aber jener elenden Sorgen, denen der weise Mann ausgeliefert ist. Trotzdem ist er kein witzloser Zechbruder und spürt den Lebensüberdruss nicht, den das reife Alter kaum verwindet. Wenn er gescheit ist, kommt der Tiefunglückliche manchmal mit dem Greis des Plautus auf jene drei Buchstaben36 zurück. Ich mache ihn glücklich und beliebt bei den Fremden und sorge dafür, dass er kein unbequemer Zeitgenosse wird. Bei Homer fließt die Rede aus dem Munde Nestors süßer als Honig, wogegen die Worte Achills voll Bitterkeit sind. Bei dem gleichen Dichter sitzen die Greise auf der Mauer [20](Trojas) und führen anmutige Gespräche.37 Darin sind sie sogar der Kindheit voraus, die bei aller Köstlichkeit doch wortlos bleibt und den vorzüglichsten Reiz des Lebens, die Geschwätzigkeit, nicht kennt. Hinzu kommt ja, dass alte Leute an Kindern ihre besondere Freude haben und die Kinder sich wieder zu den Alten hingezogen fühlen, »wie immer«, nach dem Wort Homers,38 »der Gott gleich zu gleich gesellt«. Welcher Unterschied besteht auch zwischen ihnen, als dass die einen mehr Runzeln und ein höheres Lebensalter haben? Sonst passen sie doch zusammen mit ihrem hellen Haar, ihrem zahnlosen Mund, ihrer körperlichen Kleinheit, dem Verlangen nach Milch, ihrem Lallen, ihrer Schwatzsucht, Läppischkeit, Vergesslichkeit und Unbedachtsamkeit, kurz, in allem Übrigen. Je mehr sie sich dem Greisenalter nähern, umso mehr kommen sie auf die Kindheit zurück, bis sie wie die Kinder aus dem Leben gehen, ohne Lebensüberdruss und ohne Todesfurcht.
Wer will, mag nun meine Gnade mit der Verwandlungskraft aller anderen Götter vergleichen. Was die im Zorn anrichten, mag unerwähnt bleiben. Denen sie am meisten wohlwollen, die verwandeln sie gewöhnlich in einen Baum, einen Vogel, eine Grille oder sogar in eine Schlange.39 Als ob die Verwandlung nicht gleichbedeutend wäre mit dem Tod! Die gleichen Menschen schenke ich unter den besten und glücklichsten Auspizien dem Leben wieder. Wenn sich die Menschen von der Berührung mit der Weisheit ganz fernhielten und ihr Leben nur mit mir verbrächten, gäbe es gar kein Greisenalter, und sie genössen das Glück einer ewigen Jugend.
Seht ihr denn nicht, wie sie sich mit Leichenbittermiene der Philosophie oder anderen ernsthaften und [21]anspruchsvollen [415] Aufgaben verschreiben und schon Greise werden, bevor sie noch recht angefangen haben, jung zu sein. Allerlei Sorgen und stete heftige Gedankenarbeit haben ihnen allmählich die geistige Kraft und den Lebenssaft ausgesaugt. Dagegen glänzt meine Narrenherde vor Körperfülle und Glätte der Haut, richtige akarnanische Schweine, wie man so sagt, und sie spüren keine Last des Alters, wenn sie nicht gerade, wie es bisweilen vorkommt, im Verkehr mit weisen Leuten Schaden litten. Ein vollkommenes Glück gibt es nun einmal nicht im menschlichen Leben.
Aufs Beste bezeugt das ja jenes landläufige Sprichwort, wonach die Torheit zugleich die sonst recht flüchtige Jugend erhält und das lästige Alter in die Ferne rückt. Von den Bewohnern Brabants sagt man ja treffend im Volksmund, sie würden umso törichter, je näher sie dem Greisenalter kämen, während doch sonst den Menschen das Alter Weisheit bringt. Es gibt kein anderes Volk, das im täglichen Leben frohsinniger oder weniger anfällig für den Trübsinn des Alters wäre als gerade sie. Nach Siedlung und Lebensart sind meine Holländer ihre Nachbarn. Warum soll ich sie nicht »meine«40 nennen, wo sie mir so eifrig dienen, dass sie sich damit öffentlich einen Spottnamen verdient haben? Das kränkt sie nicht im Geringsten; denn sie tun sich sogar etwas darauf zugute.
Lasst die erzdummen Menschen nur eine Medea, Kirke, Venus, Aurora und ich weiß nicht welchen Quell für ihre Verjüngung suchen,41 die ich allein doch nur zu gewähren vermag und pflege. Ich besitze jenen wunderwirkenden Saft, mit dem die Tochter des Memnon die Jugend ihres Großvaters Tithon verlängerte. Ich bin die Venus, deren Gunst dem Phaon neue Jugendkraft verlieh, so dass Sappho [22]sich unsterblich in ihn verliebte.42 Mein sind die Kräuter, wenn es überhaupt solche gibt, mein die Beschwörungsformeln und mein der Quell, der nicht allein die entschwundene Jugend wiederbringt, sondern, was noch wünschenswerter ist, sie verewigt. Wenn ihr mit mir die Jugend für das Beste, das Alter für das Abscheulichste haltet, seht ihr wohl ein, was ihr mir verdankt, der ich ein solches Gut verlängere und solches Übel von euch fernhalte.
Doch was rede ich immerzu von Menschen? Schaut euch den ganzen Himmel an, und dann mag jeder nach Belieben auf mich losschimpfen, wenn er irgendeine halbwegs erträgliche und annehmbare Gottheit auftreibt, die ihren Charme nicht von mir hat. Warum wird denn Bacchus immer als Jüngling mit lockigem Haar dargestellt? Doch nur, weil er verrückt und berauscht sein ganzes Leben [416] mit Gelagen, Tänzen, Reigen und Schäkerei verbringt und zu Pallas (Athene) nicht die geringsten Beziehungen hat! Weisheit liegt ihm so fern, dass er sich vorzüglich mit Scherz und Kurzweil verehren lässt. Das Sprichwort, das ihm den Beinamen eines Weissagers gibt, nämlich den eines »übertörichten Morychos«, fasst er gar nicht als Beleidigung auf. Den Namen Morychos hat man ihm angehängt, weil die ausgelassenen Bauern ihn, der vor den Toren des Tempels saß, mit Most und frischen Feigen beschmierten.43 Wie viel Sticheleien hat nicht die alte Komödie auf ihn losgelassen? »Du blöder Gott«, heißt es da, »du bist tatsächlich wert, aus der Scham44 geboren zu werden.« Wer möchte nicht lieber albern und ungeschliffen sein, dafür aber immer frohgemut, jugendfrisch und aufgelegt zu Schäkerei und Vergnügen als so ein arglistiger und allen fürchterlicher Jupiter oder ein Pan, der mit seiner Unrast und seinem [23]ältlichen Griesgram alles versauert, oder ein rußiger, vom Werkstatt- und Arbeitsschmutz starrender Vulkan oder gar eine Pallas selbst, schreckhaft mit ihrer Gorgo und ihrer Lanze und immer finster blickend? Doch nur weil er ein neckischer Bursche ist, sinnt und macht der Knabe Cupido nichts anderes als Unfug. Warum steht die Gestalt der goldenen Venus in ewiger Blüte? Nur weil sie mit mir verschwägert ist! Ihr Gesicht spiegelt meinen Vater wider, weshalb sie bei Homer die goldene45 Aphrodite heißt, und sie lächelt immer, wenn wir den Dichtern und deren Rivalen, den Bildhauern, glauben dürfen. Welche Gottheit verehrten die Römer je inniger als Flora46, die Spenderin aller Lust? Wenn nun einer bei Homer und den anderen Dichtern aufmerksam das Leben der gravitätischen Götter durchforscht, wird er auch alles voll Torheit finden. Warum soll man die Taten der anderen aufzählen, wo ihr die Liebeleien des blitzgewaltigen Jupiter selbst sehr wohl kennt? Ihr wisst, wie die ernsthafte Männerfeindin Diana, die nur die Jagd kennen wollte, sich auf einmal sterblich in Endymion verliebte.47
Ihre Taten mögen die Götter lieber von Momus48 vernehmen, auf den sie einst öfter hörten. Jetzt haben sie ihn im Zorn zusammen mit Ate49 kopfüber auf die Erde gestürzt, weil er mit seinen weisen Sprüchen dem Glück der Götter im Weg war. Kein Mensch nimmt den Heimatlosen auf, und keiner denkt daran, ihm Zutritt zu den Fürstenhöfen zu gewähren, wo meine Kolakia (Schmeichelei), mit der Momus ebenso wohl zusammenpasst wie das Lamm mit dem Wolf, den Vorzugsplatz innehat. Seitdem er weg ist, schäkern die Götter viel ausgelassener und vergnüglicher und haben leichteres Werk, wie Homer sagt,50 da kein [24]Tadler da ist. Zu welchen Scherzen gibt nicht der feigenbaumhölzerne [417 oben] Priap51 Veranlassung? Welchen Unfug verursacht nicht Merkur mit seinen Diebereien und Spiegelfechtereien? Sogar Vulkan selbst macht beim Göttermahl den Hofnarr und erheitert die Zecherrunde bald mit seinem Gehumpel, bald mit dummem Gerede oder lächerlichen Aussprüchen.52 [418 oben] Dann ist da Silen, der verliebte Alte, der seinen bäurischen Kordax tanzt, zusammen mit Polyphems Kyklopentanz und dem barfüßigen Reigen der Nymphen.53 Die bocksfüßigen Satyrn führen ihre Atellane54 auf, und Pan bringt mit einem blöden Lied [417 unten] alle zum Lachen. Ihn wollen sie zudem lieber hören als die Musen selbst, besonders wenn der Nektar schon in ihm zu arbeiten beginnt. Soll ich wirklich noch erwähnen, was die weidlich bezechten Götter nach dem Mahl unternehmen? Das ist so albern, dass ich das Lachen manchmal kaum unterdrücken kann. Ein Hinweis auf Harpokrates, den Gott der Verschwiegenheit, mag genügen, damit nicht irgendein göttlicher Denunziant uns behorcht, während wir ausplaudern, was nicht einmal Momus ungestraft an die große Glocke gehängt hat.55
Doch es ist Zeit, dass wir nach dem Vorbild Homers wieder den Himmel verlassen, zur Erde hinabwandern und dort feststellen, wie alle Freude und alles Glück ausschließlich von mir herrühren. Seht nur, mit welcher Voraussicht die Natur, die Allmutter und Bildnerin des Menschengeschlechts, dafür gesorgt hat, dass nirgendwo die Würze der Torheit fehlt! Nach der Lehre der Stoiker ist die Weisheit nichts anderes als die Führung durch die Vernunft, die Torheit dagegen gleich der Abhängigkeit vom Drang der Leidenschaften. Wie viel mehr Leidenschaften als Vernunft [25]gab aber Jupiter den Menschen, damit das menschliche Leben nicht völlig traurig und finster würde? Es ist so viel wie eine halbe Unze gegen ein As.56 Außerdem hat er die Vernunft in einen Winkel des Kopfes verbannt und überließ den ganzen übrigen Körper der Verwirrung.57 Gleichsam zwei äußerst gewalttätige Tyrannen stellte er gegen einen: den Zorn, der [418 unten] die Feste des Zwerchfells beherrscht und so den Quell des Lebens selbst, das Herz; dazu die Begierde, die ganz unten bei der Scham die ausgedehnteste Herrschaft behauptet. Wie viel die Vernunft gegenüber diesen beiden Aufgeboten wert ist, beweist das gemeine menschliche Leben deutlich genug. Während sie sich beim Anpreisen des Ziemlichen und Ehrenhaften heiser schreit, legen jene ihrem König eine Schlinge und gehen mit allem Hass zu Werke, bis er schließlich selbst müde wird, freiwillig weicht und sich gefangen gibt.
Der Mann, der für staatliche Aufgaben bestimmt ist, musste natürlich mit einem Quäntchen mehr an Vernunft besprengt werden, damit er sie nach Kräften bewähre. Wie bei allem anderen zog er mich auch hier zu Rate, und ich beriet ihn nach meiner Weise: Er solle sich ein Weib nehmen, jenes ebenso dumme und läppische wie ergötzliche und reizvolle Wesen. Mit seiner Torheit sollte es in häuslicher Gemeinschaft die finstere Würde des männlichen Geistes würzen und versüßen. Denn mit seinem Zweifel, ob die Frau zu den vernünftigen oder zu den stumpfsinnigen Lebewesen zu zählen sei, wollte Platon nur die auffallende Torheit dieses Geschlechtes kennzeichnen.58 Ein Blaustrumpf ist also in Wirklichkeit nur doppelt töricht, wie wenn jemand ein Stück Rindvieh wider den offenbaren Willen der Minerva, wie man sagt, salben ließe. Es [26]verdoppelt nur den Fehler, wer wider die Natur die Schminke der Tugend auflegt und seine Anlagen verfälscht. Wie nach dem griechischen Sprichwort ein Affe immer ein Affe bleibt, und wenn er in Purpur gewandet wäre, so ist auch ein Weib immer Weib, das heißt töricht, welche Maske es auch immer aufsetzt.
Ich will aber nicht annehmen, dass die Frauen so töricht sind, mir zu zürnen, weil ich ihnen, als Torheit doch selbst eine Frau, Torheit nachsage. Wenn sie die Dinge nämlich recht überlegen, müssen sie dies gerade der Torheit zugutehalten, dass sie in vielen Dingen glücklicher sind als die Männer. Da ist zunächst einmal die Anmut der Erscheinung, die sie mit Recht allem andern vorziehen und mit deren Macht sie die Tyrannen selbst tyrannisieren. Woher kommt denn anders die Unansehnlichkeit des Äußeren, die raue Haut, das Bartgestrüpp, doch offenbar etwas Greisenhaftes beim Mann, als von der unziemlichen Klugheit? Das glatte Kinn, die gleichbleibend hohe Stimmlage und die weiche Haut der Frauen deuten dagegen auf eine stete Jugend. Was wünschen sie auch anderes in diesem Leben, als ihren Männern so viel wie möglich zu gefallen? Darum geht es doch bei all der Körperpflege, bei all diesem Aufwand, diesen Bädern, diesem Schmuck, den Salben und Duftstoffen, bei all dieser Kunstentfaltung im Mienenspiel, im Augenzwinkern und im Schminken. Sind sie denn den Männern durch irgendetwas mehr empfohlen als durch die Torheit? [419] Was lassen sie den Frauen nicht alles durchgehen? Könnte sie aber etwas anderes dazu bewegen als das Vergnügen? Das aber bereiten die Frauen durch nichts anderes als durch die Torheit. Wer überlegt, was ein Mann für läppisches Zeug mit einer Frau schwätzt, was für einen [27]Unfug er treibt, sooft er sich mit einer Frau seine Freude machen will, wird das nicht abstreiten. Da seht ihr also, aus welchem Urquell der Reiz des Lebens vor allem stammt.
Viele, besonders die Greise, haben mehr Liebe zur Flasche als zu den Frauen und finden das höchste Vergnügen in Zechgelagen. Andere mögen untersuchen, ob es überhaupt ein feines Gastmahl gibt ohne Frauengesellschaft, mindestens steht aber fest, dass keines ohne die Würze der Torheit den geringsten Anspruch auf Behaglichkeit hat. Vermisst man irgendwo einen Menschen, der die Gesellschaft mit törichtem Wesen oder Possen zum Lachen reizt, holt man sich wohl gar einen Possenreißer gegen Geld oder sonst einen lächerlichen Schmarotzer, der mit witzigen Sarkasmen der Gesellschaft Stumpfsinn und Trübsal fernhält. Was nützt es, den Bauch mit so viel Zuckerwerk, Leckerei und Feinkost zu beladen, wenn nicht gleichzeitig Augen und Ohren, ja der ganze Sinn sich an Lachen, Scherzen und heiterem Witz weiden können. Köstlichkeiten solcher Art kann ich nur zustande bringen. Die vielerlei beliebten Ergötzungen bei Gelagen, zum Beispiel Den-König-Auswürfeln, Umtrunk, Rundgesang, Tanz und Pantomimen sind nicht von den sieben Weisen Griechenlands, sondern von uns zum Wohl der Menschheit erfunden worden. Es liegt im Wesen dieser Dinge, dass sie dem menschlichen Leben umso bekömmlicher sind, je mehr Torheit sie enthalten. Darum würde das Leben nicht einmal seinen Namen verdienen, wenn es trübselig wäre. Es müsste aber so sein, wenn der angeborene Überdruss nicht mit solchen Reizmitteln weggespült würde.
Vielleicht meiden aber manche derartige Vergnügungen und finden ihr Behagen in liebevollem Freundesverkehr, [28]wobei sie die Freundschaft als das Vorzüglichste anpreisen. Sie sei fast notwendiger als Luft, Feuer und Wasser und dabei so angenehm, dass man dem Leben seine Sonne nähme, wenn man sie beseitigte. Dabei sei sie so angesehen – sofern das hier eine Rolle spielt –, dass sogar die Philosophen keine Bedenken hatten, sie unter die hervorragenden Güter zu zählen. Was würdet ihr aber sagen, wenn ich behaupte, dass ich [420] Alpha und Omega auch dieses erhabenen Gutes bin? Ich will es nicht mit irgendwelchen dialektischen Fechterkunststückchen beweisen, sondern ganz einfach mit dem Finger darauf zeigen. Ein Auge zudrücken, Vorliebe haben, blind sein, die Fehler der Freunde verharmlosen, gewisse auffallende Schwächen sogar als Vorzüge lieben und bewundern, passt das denn etwa nicht zur Torheit? Der eine küsst das Muttermal seiner Freundin, den andern macht die Schnupfennase seiner Agnes selig, und die Schielaugen seines Sohnes nennt der Vater schmachtend. Ich frage euch nun: Was ist das denn anderes als unverfälschte Torheit? Sie mögen es drei- und viermal beklagen, dass das töricht sei, diese Torheit allein aber stiftet und erhält Freundschaften. Ich spreche von den Menschen, von denen keiner fehlerfrei auf die Welt kommt. Der beste ist, der am wenigsten davon bedrückt wird. Dagegen kommt unter jenen Göttern der Weisheit entweder überhaupt keine Freundschaft zustande oder nur eine griesgrämige und freudlose, und diese auch nur in ganz seltenen Fällen; denn sie lassen sich nie zu einem Gespräch mit jemandem herab, weil die meisten Menschen ohne Einsicht sind, ja jeder sogar nach Kräften spinnt und die Freundschaft doch nur unter gleichen bindende Kraft hat. Kommt es unter jenen Gestrengen wirklich einmal zu gegenseitiger Zuneigung, ist [29]sie gewiss unzuverlässig und nicht von langer Dauer. Das ist auch kein Wunder bei Eigensinnigen und so übertrieben Scharfäugigen, dass sie an den Freunden mit Adlerblick und unfehlbar wie die epidaurische Schlange59 auch den kleinsten Fehler ausmachen. Wie blind sind sie dabei gegen die eigenen Schwächen und bemerken nicht, wie ihnen der Mantel schief hängt. Es gehört nun einmal zum menschlichen Wesen, dass jeder Charakter sein gerüttelt Maß an Fehlern hat. Dazu kommen dann die Verschiedenheit der Geistesrichtung und Studien, mancherlei Mängel, Irrtümer und Unvermeidlichkeiten des menschlichen Lebens. Wie könnte unter jenen Argusaugen angenehme Freundschaft auch nur eine Stunde währen, wenn nicht die von den Griechen so genannte euḗtheia60 hinzuträte? Das Wort kannst du mit Torheit oder Umgänglichkeit übersetzen. Was das hier soll? Ist Cupido, der Urheber und Vater jeder Verbindung, nicht geradezu kurzsichtig? Da ihm (nach einem Wort Theokrits61) das Unschöne schön erscheint, bringt er es fertig, dass jedem das Seine prächtig vorkommt, der Mümmelgreis die Vettel und der grüne Junge den Backfisch inbrünstig liebt. So ist es überall und erregt überall Gelächter, und doch fügen und festigen solche Lächerlichkeiten das gesellschaftliche Behagen.
Was von der Freundschaft gilt, muss man auch auf die Ehe anwenden, die doch nichts anderes ist als die ungeteilte Lebensgemeinschaft. Bei Gott, welche Scheidungen und schlimmere Unzuträglichkeiten würden überall im Schwange sein, wenn nicht der häusliche Umgang zwischen Mann und Frau mit Scherz, Freundlichkeit, Irrtum und Verstellung, meiner offenbaren Gefolgschaft, Kraft und Stärke gäbe. Wie wenig Ehen kämen zustande, wenn [30]der Bräutigam sorgsam feststellen wollte, was für Schäkereien die reizende und anscheinend so schamhafte Jungfrau schon lange vor der Hochzeit unternommen hat? Wie selten würden [421] sie den Anfang überdauern, wenn die Gleichgültigkeit oder Beschränktheit des Mannes nicht die meisten Schandtaten der Frau übersähe? Das geht von Rechts wegen alles zulasten der Torheit, denn sie sorgt dafür, dass die Gattin dem Gatten angenehm bleibt und umgekehrt der Gatte der Gattin, dass Ruhe im Hause herrscht und die Verbindung dauerhaft bleibt. Man lacht, und der Kuckuck, Hahnrei, oder wie man ihn sonst nennt, verwindet die Tränen über den Ehebruch bei Schmeicheleien. Wie viel mehr Glück bringt es, so zu irren, als mit kleinlicher Eifersucht das Ganze zu einer Tragödie zu machen?
Es kann schlechthin keine Gemeinschaft, keine Lebensverbindung ohne mich erfreulich oder stetig sein. Das Volk erträgt den Fürsten nicht lange, der Herr seinen Knecht nicht, das Gesinde keinen Herrn, der Lehrer keinen Schüler, der Freund keinen Freund, der Gatte seine Gattin nicht, der Eigentümer keinen Pächter, der Hausgenosse keinen Hausgenossen und der Tischgenosse keinen Tischgenossen, wenn sie nicht gemeinsam bald irren, bald schmeicheln, bald einander weise durch die Finger sehen, bald sich gegenseitig den Honig der Torheit ums Maul schmieren. So einleuchtend das alles ist, ihr sollt noch Besseres hören.
Wird jemand einen andern lieben, der sich selbst hasst? Gibt es Übereinstimmung mit dem andern, wo man sich selbst im Weg ist? Kann man einem andern Vergnügen bereiten, wenn man sich selbst hinderlich und beschwerlich ist? Das wird niemand behaupten, wenn er nicht selbst törichter ist als die Torheit. Wo man mich ausschließt, kann [31]keiner den andern ausstehen und muss sich selbst zur Last fallen; abscheulich erscheint ihm, was er an sich hat, und die eigene Person ist ihm verhasst. Die Natur, die in manchen Dingen mehr Stiefmutter als Mutter ist, hat nun einmal die Menschen, vor allem herzhaftere Charaktere, so geschaffen, dass sie ihrer selbst leicht überdrüssig werden und das Fremde bewundern. Woher kommt es denn, dass alle Talente, aller Geschmack und Glanz des Lebens verderben und schwinden? Was nützt schon die Gestalt, die vorzüglichste Gabe der unsterblichen Götter, wenn sie in Fäulnis übergeht? Wozu haben wir die Jugend, wenn sie vom Trübsinn des Alters entstellt wird? Was willst du denn in den verschiedenen Lagen des Lebens selbst oder bei anderen mit Schicklichkeit erreichen – die Schicklichkeit deines Tuns ist nicht nur in der Kunst, sondern auch im täglichen Leben der Maßstab jedes Handelns –, wenn dir nicht die Eigenliebe zur Seite steht, die ich mit Fug und Recht als Schwester betrachte. So nachdrücklich verficht sie überall meine Sache. Könnte es auch eine größere Torheit geben als die Selbstgefälligkeit und die Selbstbeweihräucherung? Was könnte andererseits geschmackvoll, liebenswert oder schicklich an deinem Tun sein, wenn du dir selbst missfielest? Nimm dem Leben diese seine Würze, und der Redner wird kaltlassen mit seinen Worten, der Musiker wird mit seinen Weisen keinen Beifall ernten, der Schauspieler wird ausgezischt mit seinen Gebärden, der Dichter ruft mit seinen Werken Gelächter hervor, der Maler stößt mit seinem Bild auf Ablehnung, und der Arzt hungert inmitten seiner Heilmittel. So könntest du aus einem (schönen) Nireus leicht zu einem (hässlichen) Thersites, aus einem Phaon ein Nestor, aus einer Minerva ein Schwein, aus einem [32]Redegewandten ein Tölpel, aus [422] einem Weltmann ein Bauernlümmel werden.62 Es muss jeder ohne Ausnahme sich selbst schmeicheln und gewissermaßen sein eigenes Lob singen, ehe er anderen genehm ist.
Schließlich hängt das Glück ja zum großen Teil davon ab, dass du innerlich zu dir Ja sagst. Meine Philautia (Eigenliebe) sorgt aber dafür, dass keiner sich seiner Gestalt, seiner Veranlagung, seiner Herkunft, seiner Lage, seiner Lebensweise und seiner Heimat schämt. Das geht so weit, dass der Ire nicht einmal mit dem Italiener, der Thraker nicht mit dem Athener und der Skythe nicht mit den Inseln der Glückseligen tauschen möchte. O einzigartige Fürsorge der Natur, die bei solcher Vielfalt überall Ausgleich schafft! Wo sie einem Menschen weniger Talent gegeben hat, pflegt die Philautia ein wenig hinzuzutun; dies hier habe ich allerdings so töricht gesagt, weil meine Begabung darin am höchsten ist.
Ja, ich möchte sogar behaupten, dass keine vortreffliche Tat ohne meinen Antrieb und keine hervorragenden Erfindungen ohne meine Urheberschaft gemacht wären. Ist denn nicht der Krieg das Saatfeld und die Quelle jeder rühmenswerten Tat? Was gibt es aber Törichteres, als aus weiß Gott welchen Gründen eine Auseinandersetzung anzuheben, die jedem Beteiligten mehr Schaden als Nutzen bringt? Denn die Gefallenen erwähnt keiner, wie Theokrit von den Megarern sagt.63 Wozu, ich bitte euch, sind denn jene Weisheitsgewaltigen nütze, wenn die Parteien sich erzgeschient zum Kampf stellen und der dumpfe Gesang der Hörner erklingt? Sind sie doch von Studien ausgemergelt und so dünn- und kaltblütig, dass sie nur mit Mühe schnaufen. Kräftige und grobschlächtige Kerle hat man [33]dazu nötig, die tollkühn und geistig unbeschwert sind. Es sei denn, dass jemand die soldatische Tüchtigkeit des Demosthenes sich zum Vorbild nähme, der dem Rat des Archilochos folgte, beim Anblick der Feinde seinen Schild wegwarf und floh, ebenso feig als Krieger wie weise als Redner.64
Nun sagt man aber, dass Einsicht im Krieg sehr viel Bedeutung habe. Soweit es sich um den Feldherrn handelt, gebe ich das zu, doch geht es dabei nur um militärische, nicht um philosophische Einsicht. Im Übrigen wird ein derart ruhmvolles Unternehmen nur von Schmarotzern, Kupplern, Wegelagerern, Meuchelmördern, Bauernlümmeln, Tölpeln, Bankrotteuren und ähnlichem Unrat der menschlichen Gesellschaft durchgeführt, aber nicht von laternentragenden Philosophen. Wie wenig die Letzteren für irgendwelche Aufgaben des täglichen Lebens brauchbar sind, beweist Sokrates, der ja an Weisheit ein ganzes apollinisches Orakel in seiner Person verkörperte, aber für äußerst ungeschickt galt.65 Als er einmal ein öffentliches Amt versehen wollte, musste er unter dem Hohngelächter aller zurücktreten. Trotzdem war der Mann keineswegs ganz ohne Witz, da er auf den Titel eines Weisen verzichtete, dem Gott selbst widersprach [423] und meinte, dass der Weise sich von den Staatsgeschäften fernhalten müsse. Nur hätte er vielleicht besser jeden vor der Weisheit warnen sollen, der als Mensch gewertet sein möchte. Was hat ihn schließlich anderes auf die Anklagebank und zum Schierlingsbecher geführt als die Weisheit? Während er den nebulosen Ideen nachsann, während er die Füße des Flohes nachmaß und die Stimme einer Mücke seine Bewunderung erregte, blieb er im Alltag ungeschickt.66 Dem [34]Lehrer steht in seinem Prozess auf Leben und Tod sein Schüler Platon zur Seite,67 welch trefflicher Verteidiger, eingeschüchtert durch den Lärm der Masse, kaum einen halben Satz herausbrachte. Was soll ich von Theophrast reden, der beim Auftreten in der Öffentlichkeit gleich verstummte, als ob er unversehens einem Wolf gegenüberstände, der doch einen Soldaten im Krieg aufgemuntert hätte.68 Isokrates wagte vor Schüchternheit niemals den Mund aufzutun, und Cicero, der Ahnherr der römischen Beredsamkeit, begann ganz wie ein schluchzender Knabe immer mit kläglichem Lampenfieber.69 Quintilian legt das als Merkmal eines beherzten Redners aus, der die Gefahr erkennt.70 Gibt er mit dieser Erklärung aber nicht offen zu, dass die Weisheit einem erfolgreichen Unternehmen hinderlich ist? Was sollen denn solche Leute im Krieg machen, die schon vor Furcht zittern, wenn es sich um ein bloßes Wortgefecht handelt?
Da soll man nun die vielberufene Ansicht Platons rühmen, dass Staaten glücklich wären, wenn Philosophen regieren und Feldherren philosophieren!71 Wenn du die Geschichtsschreiber befragst, wirst du keine übleren Staatsführer antreffen als Afterphilosophen und Literaten in Regierungsstellen. Die beiden Cato beweisen das augenfällig genug: der eine gefährdete die bürgerliche Ruhe durch verrückte Denunziationen, der andere vernichtete die Freiheit des römischen Volkes vollends, als er sich mit anmaßlicher Weisheit zu ihrem Schutzherrn aufwarf.72 Dazu magst du getrost Brutus, Cassius, die Gracchen und selbst Cicero zählen, der dem römischen Staat nicht weniger Unheil bescherte als Demosthenes dem athenischen Staat.73 Unterstellen wir einmal, dass Marc Aurel ein guter Feldherr [35]gewesen sei;74 fürwahr selbst das könnte ich widerlegen; den Bürgern war er nämlich deshalb peinlich und verhasst, weil sie in ihm den Philosophen sahen. Geben wir immerhin zu, dass er gut gewesen ist, dann stürzte er den römischen Staat mit seinem Sohn und Nachfolger Commodus75 doch in ein Verhängnis, das die Vorzüge seiner eigenen Regierung überschattete. Denn Menschen dieser Art, die sich dem Studium der Weisheit verschrieben haben, pflegen in anderen Dingen, vor allem bei ihrem Nachwuchs, sehr wenig Glück zu haben. Ich glaube, die Natur hat hier gesorgt, dass das Übel der Weisheit unter den Menschen nicht weiter um sich greift. So hatte bekanntlich Cicero einen Sohn, der aus der Art schlug, und der weise Sokrates hatte Kinder, die mehr der Mutter glichen als dem Vater, [424] das heißt dumme Kinder, wie irgendwer treffend geschrieben hat.76
Beides wäre noch zu ertragen, wenn sie nämlich nur zu öffentlichen Ämtern so untauglich wären wie der Esel zur Lyra und eben nicht auch zu jeder Verrichtung des täglichen Lebens. Man hole sich einen weisen Mann zu einem Gelage: Entweder ist er in brütendes Schweigen versunken, oder er stört mit aufdringlichem Problematisieren. Bittet man ihn zum Tanz, möchte man glauben, ein Kamel schwinge das Tanzbein. Bei öffentlichen Vorführungen bringt er das Volk durch seine Miene um das Vergnügen, und man zwingt den weisen Cato, das Theater zu verlassen, wenn er seine finstere Miene nicht ablegen kann.77 Kommt er zu einem Gespräch hinzu, stockt die Unterhaltung gleich. Gilt es einen Kauf zu tun, einen Vertrag zu schließen, kurz, irgendeine unvermeidliche Angelegenheit des täglichen Lebens zu erledigen, vermeinst du in dem Weisen einen Stock zu sehen, aber keinen Menschen. Weder sich selbst [36]noch seinem Vaterland noch seinen Verwandten bringt er jemals den geringsten Nutzen, weil er keine Lebenserfahrung hat, weil er von der öffentlichen Meinung und von den bürgerlichen Gewohnheiten völlig absticht. Natürlich muss solche Ungewöhnlichkeit der Lebensführung und der Geistesart Hass erzeugen. Gibt es denn unter Menschen überhaupt eine Erscheinung, die nicht voll Torheit steckte, bei der Ausführende und Betroffene nicht töricht wären? Wenn einer sich dem gemeinen Wesen widersetzen wollte, würde ich ihm den Rat geben, es wie der Athener Timon zu machen, sich in eine Einöde zu verkriechen und dort allein seine Weisheit zu genießen.78
Doch kehren wir zur Sache zurück! Welche andere Macht als Scharlatanerie kann die klobigen und hölzernen Wilden in eine staatliche Gemeinschaft fügen? Das ist es ja, was die Zither des Amphion und Orpheus meint.79 Was hat denn das römische Volk hart am Abgrund zu bürgerlicher Eintracht zurückgerufen? Etwa die Rede eines Philosophen? Keineswegs! Eine lächerliche Kinderfabel vom Bauch [425 oben] und den übrigen Gliedern des menschlichen Körpers!80 Dasselbe vermochte eine ähnliche Fabel des Themistokles vom Fuchs und dem Igel.81 Welche Rede eines Weisen hätte so viel erreicht wie die trügerische [426 oben] Hindin des Sertorius oder das bekannte Schaustück des Lykurg mit den zwei Hunden oder die Vorführung des eben genannten Sertorius mit den beiden Stuten, denen die Schwanzhaare ausgezogen werden sollten?82 Von Minos und [425 unten] Numa, die beide den dummen Haufen mit gelungenen Fabeln in ihrer Gewalt hielten, will ich gar nicht reden.83 Mit solchem Schwindel kirrt man die [426 unten] großmächtige Bestie Volk. Welcher Staat hat denn [37]jemals die Gesetze Platons oder des Aristoteles oder die Grundsätze des Sokrates sich zu eigen gemacht?84
Was hat denn die Decier dahin gebracht, sich freiwillig den Göttern der Unterwelt zu weihen?85 Was anders als der nichtige Ruhm hat den Quintus Curtius wie eine unwiderstehlich lockende Sirene in den Abgrund gestürzt?86 Umso verwunderlicher ist es, wie jene hochweisen Männer das verurteilen. Was [427] gibt es schon Törichteres, so sagen sie, als einen Amtsbewerber, der vor dem Volk herumdienert, als das scheffelweise Einheimsen der Gunst, die Jagd nach dem Beifall des dummen Haufens, selbstgefällige Freude an öffentlicher Anerkennung, sich wie eine Trophäe unter den Augen des Volkes im Triumph herumfahren zu lassen und ein erzenes Standbild auf dem Markt zu erhalten? Die Annahme von Ehrennamen und Titeln gehört auch dazu, ebenfalls die göttlichen Ehren für ein kümmerliches Menschlein und die feierliche Apotheose auch der verworfensten Tyrannen. Das alles verkörpert freilich ein Höchstmaß an Torheit, und ein Demokrit87 würde nicht ausreichen, um das zu verspotten. Wer wollte es abstreiten? Doch gedeihen auf solcher Weide die Taten der tapferen Helden, die in den Schriften so vieler gelehrter Männer in den Himmel gehoben werden. Solche Torheit gründet Staaten, in ihr sind die Reiche verankert, die Regierung, die Religion, die Ratsbeschlüsse, die Gerichtsentscheide, und das gesamte menschliche Leben sind nichts anderes als ein Spiel der Torheit.
Die Künste will ich aber auch nicht übergehen. Was hat denn im Grunde den menschlichen Geist angetrieben, so viele, wie sie glauben hervorragende, Zweige des künstlerischen Schaffens zu ersinnen und den folgenden [38]Generationen zu vererben, wenn es nicht die Ruhmsucht war? Die Menschen meinten in ihrer aberwitzigen Torheit, in so viel durchwachten Nächten und mit so viel Schweiß fragwürdigen Ruhm einheimsen zu müssen, der doch an Sinnlosigkeit kaum seinesgleichen hat. Indessen verdankt ihr der Torheit so viele so hervorragende Annehmlichkeiten des Lebens, und, was das Ergötzlichste ist, ihr habt euern Genuss am Wahnwitz der anderen.
Nachdem ich also das Lob der Tapferkeit und des Fleißes für mich in Anspruch genommen habe, was hindert mich, auch das Lob der Klugheit mir gutzuschreiben? Es könnte aber jemand sagen, mit demselben Recht möchte ich Feuer und Wasser zusammenbringen. Doch ich glaube, auch das wird mir gelingen, wenn ihr nur wie vorhin mit offenen Ohren und geneigtem Sinn zuhören wollt.
Wenn Klugheit vor allem Erfahrung ist, wem gebührt denn die Ehre dieses Beinamens mehr, dem Weisen, der teils aus Scham, teils aus Vorsicht nichts unternimmt, oder dem Törichten, den weder die Scham, die er nicht kennt, noch die Gefahr, die er nicht berücksichtigt, von irgendetwas abschrecken kann? Der Weise nimmt seine Zuflucht zu den Schriften der Alten und prägt sich da abgeschmackte Spitzfindigkeiten ein. Der Törichte greift einfach zu, schlägt sich mit den Dingen herum und gewinnt dabei die – wenn ich mich nicht täusche – wahre Klugheit. Das scheint Homer schon, so blind er auch war, bemerkt zu haben, wenn er sagt: »Die Wirklichkeit hat sogar der Törichte erkannt.«88 Auf dem Weg der Lebenserfahrung gibt es nämlich hauptsächlich zwei Hindernisse, die Scham, die den Sinn umnebelt, und die Furcht, die die Gefahr zeigt und vom Abenteuer abrät. Die Torheit befreit uns davon gründlich. [39][428] Nur wenige Menschen sehen ein, wie viel Nutzen es allerdings bringt, von Scheu und Bedächtigkeit frei zu sein.
Wenn man lieber jene Klugheit annehmen will, die im Urteilsvermögen besteht, dann vernehmt bitte, wie weit davon alle entfernt sind, die sich etwas darauf zugute tun. Es steht doch nun einmal fest, dass alles im menschlichen Leben seine zwei grundverschiedenen Seiten hat wie die Silene des Alkibiades.89 Was obenhin als Tod erscheint, entpuppt sich bei näherem Zusehen als Leben und umgekehrt. Mit Wohlgestalt und Unförmigkeit, mit Reichtum und Armut, mit Nichtigkeit und Ruhm, Gelehrtheit und Ungelehrtheit, Stärke und Schwäche, Adel und Namenlosigkeit, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Heil und Schaden ist es genauso, kurz, man findet alles unversehens ins Gegenteil verkehrt, wenn man den Silen aufdeckt. Sollte das jemandem allzu philosophisch gesagt scheinen, will ich es mit einfachsten Worten verständlich machen. Wer würde bestreiten, dass ein König reich und Herr ist? Mit Geistesgütern ist er nicht ausgestattet, und es dünkt ihn freilich nichts genug, also ist er wohl sehr arm. Dann ist er seelisch in vielerlei Laster verstrickt, und damit lebt er schon in schändlicher Knechtschaft. Ähnlich könnte man in allen anderen Fällen philosophieren. Doch mag das als Beispiel genügen. Was soll das nun, könnte jemand fragen. Hört zu, worauf wir hinauswollen! Wenn einer versuchen wollte, Schauspielern auf der Bühne die Masken herunterzureißen und den Zuschauern die wirklichen Gesichter zu zeigen, würde er nicht das ganze Stück verderben und verdienen, wie ein Besessener von allen mit Steinen aus dem Theater verjagt zu werden? Es könnte so allzu plötzlich ein neues Bild der Verhältnisse erscheinen: Wer eben noch [40]Frau war, ist jetzt ein Mann, wer eben noch Jüngling war, gleich Greis, wer kurz vorher ein König war, entpuppt sich nun als der namenlose Dama des Horaz,90 wer eben noch Gott war, erscheint plötzlich als Menschlein. Diesen Irrtum beseitigen heißt das ganze Stück verwirren. Dieser Trug und Schein ist es doch, der die Augen der Zuschauer gebannt hält. Was ist denn das menschliche Leben schon anderes als ein Schauspiel, in dem die einen vor den anderen in Masken auftreten und ihre Rolle spielen, bis der Regisseur sie von den Brettern abruft? Oft genug lässt er denselben Spieler in verschiedenen Rollen auftreten, so dass er bald als purpurgeschmückter König, bald als dürftig gekleideter Sklave erscheint. Schein ist zwar alles, aber dieses Stück wird nicht anders gegeben.
Vielleicht erhebt sich hier unversehens vom Himmel herab ein Weiser wider mich und klagt, dass dieser da, [429] den alle als Gott und Herrn betrachten, auch kein Mensch sei, weil er sich nach tierischer Art von Trieben leiten lasse; er sei ein Sklave in elender Lage, weil er so vielen und schmutzigen Herren freiwillig diene. Einen andern, der den Tod des Vaters betrauert, könnte er zur Freude aufmuntern, weil der Vater nun erst zu leben begonnen habe, da doch das Leben hier nichts anderes wäre als eine Art Tod. Einen Adelsstolzen könnte er namenlos und Bankert nennen, weil er kein Verhältnis zur Tugend hätte, die allein die Quelle der Vornehmheit sei. So könnte er über alles sonst seine Sprüche machen. Bitte, was hätte er aber anderes getan als sich vor allen verrückt und besessen gebärdet? Wie nichts törichter ist als unangebrachte Weisheit, so ist nichts weniger klug als verkehrte Klugheit. Verkehrt handelt nämlich, wer sich der augenblicklichen Lage nicht anpasst und [41]seine Fahne nicht nach dem Wind stellt, sich nicht wenigstens des Trinkspruches »Sauf oder lauf!« erinnert und fordert, dass das Spiel nicht mehr Spiel sei. Dagegen zeugt von der rechten Klugheit, wenn du als Mensch nicht über deine Grenzen hinaus weise sein willst und mit dem gemeinen Haufen gern ein Auge zudrückst oder munter irrst. Das aber, sagen sie, sei gerade das Merkmal der Torheit. Ich will es nicht einmal abstreiten, nur sollen jene ihrerseits zugeben, dass man so das Bühnenstück des Lebens spielt.
Pulsuz fraqment bitdi.