Kitabı oxu: «Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee»
Erich Schütz
Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee
Kriminalroman

Zum Buch
Fischerkrieg »Bodenseefisch« steht auf den Speisekarten der Restaurants rund um den See. Doch Insider wissen, zwei Drittel aller Felchen sind aus anderen Ländern importiert. Die Wogen um den Felchen-Bestand, dem Lieblingsfisch der Touristen am Bodensee, schlagen hoch. „Kein Netzgehege zur Fischzucht im Bodensee“, skandieren die Berufsfischer. „Aquakultur deckt die Nachfrage für unsere Felchen“, setzt Martin Ellegast dagegen. Er hat die Genehmigung ein erstes Zuchtgehege für Felchen im Bodensee zu betreiben. Seine Frau, Gerdi Ellegast, bekannt als die Fischerin vom Bodensee, stellt sich mit ihrer Tochter gegen ihn, was in ihrer Ehe für ordentlich Zündstoff sorgt. Bald gibt es die ersten Verdächtigungen, mit welchen illegalen Mitteln Ellegast wohl seine Fischzucht betreibt. Gleichzeitig finden sich plötzlich auch Quallen im Bodensee. Doch was haben sie hier verloren?
Erich Schütz volontierte beim Südkurier in Konstanz, studierte in Berlin und arbeitete danach beim SWR in Stuttgart, doch der Bodensee lockte ihn zurück. „Das Wasser und die Landschaft“, verrät er, „aber vor allem der kulinarische Genuss in den Landgasthöfen.“ Folgerichtig wurde aus dem ehemaligen Polit-Journalisten ein Food-Journalist, Herausgeber des Restaurants-Guide der „Südland Köche“ und Buchautor für spannende Bodensee-Geschichten.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ichthyologie;_ou,_Histoire_naturelle_des_poissons_(Plate_105)_(7064450681).jpg
ISBN 978-3-8392-6706-6
Vorbemerkung
Das ist kein Sachbuch, das ist ein Roman! Es gibt im Bodensee noch keine Felchengehege und auch noch keine genmanipulierten Fische – noch nicht …
1.
»Bodenseefisch« schreibt Max mit weißer Kreide groß und fett auf die schwarze Tafel des Seerestaurants. Eigentlich ist der 25-jährige, schlaksige und langhaarige Max Musiker. Er schlägt das Schlagzeug in einer, leider unbedeutenden, Jazzband. Als Musiker kann er sich kaum über Wasser halten. Also kellnert er in irgendwelchen Restaurants.
Es ist Juni, die Touristensaison startet, da zahlt selbst Peter Ochsner, der Inhaber des größten Restaurants in Überlingen, direkt an der Promenade zum See, überdurchschnittlich hohe Sätze. An Sonnentagen, wenn die Terrasse voll besetzt ist, hat Max verdammt viel zu tun, da würde er mit 15 Prozent des Umsatzes fürstlich entlohnt sein, aber wenn es wochenlang regnet? Also feilschte er zusätzlich um einen Grundlohn, und Ochsner stimmte ihm angesichts der Personalnot im Gastgewerbe notgedrungen zu.
Jetzt schreibt Max, wie von Peter Ochsner angeordnet, unter das mit dicker Kreide geschriebene Wort »Bodenseefisch«, mit etwas dünnerer Kreide untereinander die Fischarten: Felchen, Kretzer, Zander und Waller. Wenn ihn dabei Gerdi, die einst als »Die Fischerin vom Bodensee« berühmt wurde, sehen würde, gäbe es mächtig Ärger. Denn das Angebot des Restaurants liest sich für die Gäste, als wären alle Fische, die sein Chef anbietet, aus dem Bodensee. Das sollen sie auch glauben, das ist volle Absicht!
Aber tatsächlich wissen er und Gerdi, dass die Felchen definitiv nicht aus dem Bodensee stammen. Denn Gerdi kennt jeden Berufsfischer rund um ihren See persönlich, und sie weiß ganz genau, wer seinen Fang wohin liefert. Ochsner steht nicht auf der Liste. Jeder Seeanwohner weiß: Ein Drittel der Felchen, die am Bodensee verkauft werden, mögen aus dem Bodensee sein, aber zwei Drittel kommen garantiert sonst woher, nur nicht aus dem See, der vor den Nasen der Gäste unschuldig in der Sonne glitzert.
Max’ Chef, Peter Ochsner, bezieht seine Fische von Martin Ellegast. Er ist – oder war – so genau weiß es selbst Gerdi zurzeit nicht, Gerdis Mann. Martin Ellegast war, als Gerdi ihren Martin geheiratet hat, ebenfalls Fischer. Wobei er in Wirklichkeit nur der Erbe einer großen Fischerei war und schon immer mehr Betriebswirt als Fischwirt ist. Vorausschauend klug hat er sich als Kaufmann am Bodensee längst zum größten Fischhändler gemausert mit internationalen Handelsbeziehungen.
Während Gerdi ihrem Handwerk als Bodenseefischerin, mit dem von ihrem Großvater ererbten Berufsfischerpatent, mit Stolz treu bleibt, hat Martin Ellegast die elterliche Fischerei nicht nur zu einem fischverarbeitenden Betrieb mit 50 Mitarbeitern ausgebaut, sondern betreibt auch Fischzuchtanlagen im östlichen und nördlichen Europa. In seinem Fischbetrieb am Bodensee wird tatsächlich kaum noch echter Bodenseefisch verarbeitet.
Ellegast lässt sich Fische aus aller Herren Länder, beziehungsweise Seen und Meere, an den Bodensee liefern und verarbeitet sie zu Convenience Food für große Handelsketten. Natürlich hat er immer auch Felchen in seinem breiten Sortiment! Aber eben sicher nie aus dem Bodensee, denn die gibt es immer seltener und wären ihm auch viel zu teuer. Dagegen sind polnische oder russische Felchen, erst recht aus der eigenen Zucht, wesentlich billiger!
»Max, des isch doch g’loge, des wosch du doch au«, provoziert ihn Hanspeter, der dummerweise gerade in dem Augenblick an der Überlinger Promenade entlang geht, als Max die schwarze Tafel mit den frischen Fischangeboten vor dem Seerestaurant so positioniert, dass sie den über die Promenade schlendernden Touristen ins Auge springt.
»Mein Chef sagt, du sollst richtig lesen«, gibt Max Hanspeter mürrisch contra, »wir bieten Bodenseefisch! Und auch Felchen und Kretzer, dass die aber aus dem Bodensee sind, behauptet kein Mensch«, macht Max sich zum Verteidiger seines Brötchengebers, »oder wo liest du das?«
»Du kasch die Tourischte verseckle, aber was sagt deine Gerdi dazu?«, provoziert ihn Hanspeter, der in Max’ Band Posaune spielt. Natürlich weiß Hanspeter, der von seinen Freunden wegen seines runden Schädels mit seinen auffallend großen Glubschaugen und dicken Lippen nur Karpfen genannt wird, von der speziellen Beziehung der beiden.
Gerdi Ellegast ist zwar fast doppelt so alt wie Max, aber immer noch äußerst attraktiv. Schließlich galt sie vor 20 Jahren, als sie Martin Ellegast geheiratet hatte, als die Miss Bodensee. Mit blonden Zöpfen, blauen Augen und rot geschminkten Lippen wurde sie als »Die Fischerin vom Bodensee« als die Botschafterin der Bodensee-Berufsfischer deutschlandweit bekannt.
Bis heute hat sie ihre beeindruckend schlanke Figur behalten. Die wenigen Falten, die sich in ihr mädchenhaftes Gesicht geschlichen haben, machen sie nur noch interessanter. Selbst die angegrauten Strähnen in ihrem Blond, der nun halblangen Haare mit modernem Pagenschnitt, harmonieren wie absichtlich eingefärbt.
Max war ein kleiner Steppke, als Gerdi als »Die Fischerin vom Bodensee« bekannt wurde. Er wohnte mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern in deren bescheidenem Seehaus, neben dem Fischerhaus Gerdis, unterhalb der berühmten Wallfahrtskirche Birnau. Er war der Jüngste und blieb in dem Haus seiner Eltern, auch als seine Brüder längst studieren waren. Gerdi war für ihn wie seine große Schwester. Ihr Großvater hatte sich seiner Enkeltochter angenommen, nachdem Gerdis Mutter allzu früh gestorben und der Papa verschollen war.
Max half als kleiner Knirps seiner Nachbarin, wenn sie auf den See hinausfuhr, um ihre Netze einzuholen. Als Gerdi nach ihrer Hochzeit zu den vornehmen Ellegasts nach Meersburg zog, blieb er natürlich bei seinen Eltern zurück und verlor Gerdi aus den Augen.
Doch seit sie vor ein paar Wochen wieder in das Fischerhaus ihres Großvaters eingezogen ist, sind die alten Sympathien wieder aufgeflammt. Seither ist Max wieder öfters bei der Nachbarin zu sehen, und so blühen die Spekulationen der Tratschmäuler.
»Wo habt ihr die Felchen denn her?«, bohrt Hanspeter provozierend weiter, »und auch Zander gibt es doch fast keinen mehr im See.«
»Vielleicht, weil der Ellegast sie alle gefangen hat«, weicht Max aus, lacht über seinen eigenen Witz und lässt seinen Musikerkollegen einfach stehen. Ihm ist es nicht danach, das leidige Thema Felchen lauthals vor den Gästen zu diskutieren. Peter Ochsner hat nun mal eine andere Meinung als er und als Gerdi erst recht.
Seit Monaten redet Gerdi über nichts anderes mehr als über die Pläne ihres Mannes, oder eben Ex, mehrere Felchenzuchtgehege im Bodensee zu installieren. »Ich bin Fischerin und ich will Wildfische in unserem See fangen!«, ist ihr Credo, »und die Gäste am See wollen auch nur ein Felchen, das frei und wild durch den See schwimmt und keines aus der Gefangenschaft aus einem Gehege.« Ein Fischzuchtgehege zerstört für sie das von Gott gegebene natürliche Gleichgewicht im See.
Doch nicht nur ihr Mann, Martin Ellegast, hält an den Gehegeplänen fest, auch einige Großgastronomen wie Peter Ochsner. Für sie ist klar: »Die Gäste kommen an den See gefahren und wollen Bodenseefisch essen! Also müssen wir ihn servieren. Scheißegal, auch wenn das Felchen1 aus einer Aquakultur stammt!«
Ochsner hat Ellegast von Anfang an zugesagt, Bodenseefelchen aus seinem Gehege zu kaufen und seinen Gästen zu servieren. »Wo ist das Problem?«, schiebt er alle Einwände beiseite, »dabei ändert sich weder für uns noch für unsere Gäste rein gar nichts«, argumentiert er. »Wir bleiben ehrlich und servieren Bodenseefelchen, das wollen doch alle, dann ist alles wieder gut! Wichtig ist nur, wir bekommen genügend Felchen geliefert, die wirklich aus unserem See stammen!«
Ehrliche Gastronomen haben schon den ganzen Juni über nur noch selten Felchen auf ihrer Speisekarte stehen. Es ist wie verhext, aber auch Gerdi zieht jeden Morgen ihre Netze aus dem See und könnte weinen. Saiblinge und Kretzer, sogar auch den seltenen Zander oder einen großen Wels bringt sie mit nach Hause, aber leider keine Felchen. Dabei haben sich die Gäste gerade auf diesen verfluchten Fisch fokussiert. Doch die Fangquoten von Felchen bleiben mau und liegen seit Jahren weit unter der Menge der Nachfrage.
Vor allem Blaufelchen, die kräftig und gesund den ganzen See durchschwimmen, gelten als eine Besonderheit, wie sie nur in wenigen Gewässern der Welt zu finden sind. Sie bieten für die Bodenseefischer ein Alleinstellungsmerkmal! In den 1990er-Jahren haben Fischzüchter versucht, das Blaufelchen in bayerischen Seen anzusiedeln, es hat einfach nicht funktioniert. Dies beweist für die Bodenseefischer erst recht die hohe Wertigkeit ihrer wilden Blaufelchen.
»Ob Blau,- Sand- oder sonst was für -felchen, das ist mir doch scheißegal!«, sagt Peter Ochsner dagegen, »meine Gäste verlangen nach Bodenseefelchen, also bringst du sie mir gefälligst, egal woher und ob blau oder grau«, gab Ochsner Ellegast schon vor Jahren einen Freischein. »Auf meiner Speisekarte steht auch täglich Reichenauer Salat. Für die Menge, die ich verkaufe, müsste die Salatinsel eine Fläche haben größer als der ganze Bodensee.«
Der stete Mangel an Bodenseefelchen heizt die Diskussion um die Felchengehege jährlich erneut an. Alljährlich, wie die Herbsttürme, fegen neue Gutachten und Argumente für und wider die Gehege um den See. Immer wieder neue Nachrichten wirken wie kräftige Böen aus den verschiedensten Himmelsrichtungen. Einem Wirbelsturm gleich sorgt nun der öffentlich gemachte Streit zwischen den Mitgliedern der Familie Ellegast für neue Spekulationen.
Als bekannt wurde, dass Gerdi Ellegast sich den Gehegeplänen ihres Mannes widersetzt, versammelten sich die Berufsfischer mit ihrem Widerstand gegen die Gehege hinter ihr. Jetzt ist die zuerst nur umweltpolitische Diskussion zum Thema »Tierwohl« plötzlich ein tierischer Stoff mit familiären Spitzen und Zutaten für jeden Tratsch und Klatsch.
Überlingen ist eine Kleinstadt. Viele Seeanwohner erinnern sich noch an das Werben des jungen Ellegast aus Meersburg um die schöne Gerdi Gassel in dem Fischerhaus am Rande ihrer beschaulichen Kurstadt, hinter dem Ortsteil Nussdorf. Danach gab es eine große und bombastische Hochzeit auf der Weißen Flotte.
»Dass diese Ehe überhaupt 20 Jahre lang gut ging«, ist jetzt plötzlich das Thema der bösen Lästermäuler. »Der fleißige und erfolgreiche Ellegast und die arrogante Gassel aus dem kleinen Fischerhäuschen«, urteilen sie. »Kinder kitten Ehen«, wissen andere. Aber schon macht sich das nächste Gerücht breit: Auch Töchterchen Lena ist ausgezogen und wohnt nicht mehr bei Papa Ellegast.
Der eheliche Streit wegen des Felchengeheges ist längst zum offiziellen Politikum geworden. Das Thema »Bodenseefischer kontra Ellegast« spitzt sich zum Klatschthema »Ellegast gegen Ellegast« zu.
Ausgang offen.
1 Felchen, der; -s, (ein Fisch) – schreibt Konrad Duden. Aber für
ihn kommt der Seefisch auch aus dem Meer. Meine Lektorin,
Claudia Senghaas, und ich, haben uns bewusst für die Bodensee-
Umgangssprache entschieden. Demnach heißt es das Felchen und ist ein
Seefisch aus dem Bodensee! – Bei Butter geben wir uns geschlagen und
lassen die Fischerin vom Bodensee ihrem Mann die Butter reichen.
2.
Eine schwere Kette verhindert, dass Max die Metallklappe des großen Müllcontainers aufschieben kann. Es ist stockdunkel um ihn. Er nimmt sein Handy, lässt es kurz aufblitzen, dann schmunzelt er. Ein einfaches Marderschloss hält die Kette um den Öffnungsriegel verschlossen. Max schaut sich um, er sieht kaum etwas, so dunkel ist diese Nacht, kein Mond, keine Sterne, nur dunkle Wolken rieseln leichten Sprühregen über Meersburg ab, zusätzlich wabern Nebelschwaden über die Seeregion. Typisches Seewetter, noch am Morgen heller Sonnenschein, am Abend schon trübe Regenwolken und ein empfindlicher Temperatursturz.
Max hantiert an den Müllcontainern Ellegasts im hintersten Winkel des Parkplatzes. Die Hallen der Fischverarbeitungsfirma Ellegast liegen 50 Meter vor ihm. Er sieht sie kaum im Dunkeln, hört aber die Motoren der Kühlanlagen. Der Parkplatz ist verweist. Kein Mensch in Sicht. In Ruhe fingert Max einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und macht sich ans Werk. Ein Marderschloss zu knacken, ist für ihn kein Hexenwerk. Als Halbwüchsige haben sie öfter die Marderschlösser an den Motorbooten im Überlinger Osthafen geknackt, um mit ihnen nachts über den See zu preschen.
In Ruhe sucht er einen passenden Schlüssel aus, er will in den Müllcontainer Ellegasts sehen, vielleicht findet er dort die Verpackungen der Felchen, die der Fischhändler heute Morgen in das Seerestaurant geliefert hat. Max will wissen, woher diese Felchen tatsächlich stammen. Aus dem Bodensee jedenfalls nicht. Felchen werden für die Bodensee-Gasthäuser aus Italien, Polen oder gar aus Sibirien eingekauft, seit Neuestem auch aus Lettland und jetzt auch noch aus Weißrussland. Was zählt, ist allein der Preis. Mitbieten können allerdings nur Zuchtanlagen in Seen, die in den nördlichen Breiten liegen. Das Felchen braucht frisches und kühles Wasser. Bisher schien der im Herzen der Alpen gelegene Bodensee seine ideale Heimat.
Plötzlich schreckt ihn ein klirrendes Geräusch auf, als wäre eine große Glasscheibe zu Bruch gegangen. Gleichzeitig erhellen grelle Scheinwerfer das Firmengelände und den Parkplatz. Verdammt, er hat noch nicht den passenden Schlüssel gefunden. Unsicher schielt er hinter den Müllcontainern hervor. Er sieht drei Gestalten hintereinander, ganz eng im Schatten der Flutlichter schnell an der Hauswand der Fischfabrik entlangwischen. Sie bewegen sich hastig in Richtung der hinteren Zufahrt des Firmengeländes, wo kein Licht hinstrahlt und er seinen alten Renault abgestellt hat.
Gleichzeitig klirrt erneut Glas, noch lauter, und Max sieht, wie plötzlich Flammen aus geborstenen Fenstern des Gebäudes im Erdgeschoss schlagen. Unsicher schaut er sich um. Zeit zu verschwinden, denkt er und huscht im weiten Bogen um das Firmengelände, sich ebenfalls möglichst im Dunkeln haltend, den drei schwarzen Gestalten in den Hinterhof hinterher.
Haben die drei das Feuer in der Fischverarbeitungsfirma gelegt? Angestrengt starrt Max in das Dunkel. Wo sind sie hin? Hinter sich sieht er das Feuer immer höhere Flammen schlagen. Soll er zurückgehen? Muss er Erste Hilfe leisten? Aber wie soll er Ellegast anschließend erklären, was er auf dem Firmengelände gesucht hat? Menschen waren offensichtlich nicht in der Fischverarbeitungshalle, beruhigt er sich, schließlich hat er kein Licht gesehen. Aber er rätselt, woher die drei Gestalten plötzlich kamen und wohin sie jetzt verschwunden sind?
Max entschließt sich abzuhauen, nichts wie weg. Er rennt, ebenso wie die drei Gestalten, im Schatten der grellen Strahler Richtung Hinterausgang des Firmengeländes. Eine Schranke versperrt die Ausfahrt zu dem angrenzenden Wald. Auf dem Waldweg, der direkt zu Ellegasts Firma führt, hat er sein Auto stehen gelassen.
Plötzlich sieht er die drei wieder. Auch sie rennen den gleichen Waldweg hinunter in die Richtung, wo Max’ Auto steht. Max überlegt nicht lange und setzt den dreien nach.
Die zuerst kleinen Flammen entwickeln sich zu einem mächtigen Brand. Max schaut noch einmal zurück und wundert sich, wie die drei solch ein Feuerwerk entstehen lassen konnten. Doch, wo sind sie geblieben? – Egal, er muss jetzt weg.
Kaum an seinem Auto angekommen, setzt er sich hinein und startet den Motor. Bevor die Feuerwehr und die Polizei kommen, muss ich über alle Berge sein, denkt er. Ohne die Schweinwerfer seines Autos aufzudrehen, wendet er auf dem schmalen Feldweg im Dunkeln seinen Wagen und will zur Straße fahren. Im Wald ist es noch dunkler als auf dem Firmengelände, er ahnt mehr den Weg, als dass er ihn tatsächlich sehen kann. Stockdunkel, Nieselregen und Nebel, er muss also sehr langsam fahren.
Plötzlich spürt er einen kräftigen Schlag gegen das Heck seines alten Kasten-Renaults Rapid. Himmel, gerade ist ihm in Überlingen ein alter Herr ins Heck des Autos gekracht, jetzt schon wieder.
Ohne lange zu überlegen, steigt er aus und geht aufgebracht zu dem Hintermann, da brüllt ihm dieser mit heruntergelassener Scheibe aus seinem alten roten Golf heraus schon entgegen: »Verschwinde, du Sekel, was fährst du ohne Licht durch den stockfinsteren Wald?«
»Und du Sekel! Habt ihr das Feuer gelegt?«, schießt Max erbost seine Verdächtigung zurück. Als Antwort ertönt das erste Martinshorn in der Ferne.
»Verschwinde jetzt, wir waren es nicht, und wenn die Bullen uns erwischen, bist du genauso dran, vielleicht hast du das Feuer ja gelegt!«, blafft die unbekannte Stimme aus der dunklen Karre hinter Max’ Auto.
»Ich glaub, du spinnst«, ist Max schnell auf Hundert und geht mit Wut im Bauch auf die Fahrertür zu. »Du fährst mir in den Arsch und drohst mir noch dazu mit der Polizei?« Energisch versucht er, die Fahrertür aufzureißen. Weitere Martinshörner ertönen, sie kommen schnell näher. Schon zucken die Blaulichtblitze durch die Baumstämme bis in den Wald. Max rüttelt an dem Türgriff des Autos, aber der Fahrer hat schnell den Verriegelungsknopf gedrückt.
»Glaub uns, wir bezahlen dir deine Beule, aber jetzt lasst uns hier verschwinden«, hört Max plötzlich eine junge Frauenstimme aus dem Inneren des Wagens. Er bückt sich hinunter, kann aber in dem dunklen Auto nicht viel erkennen. »Warum sollten wir ein Haus anzünden, nur weil darin tote Fische verarbeitet werden, das ist doch Quatsch.«
»Fahr jetzt, bevor die Bullen die Straße da vorne sperren, dann sitzen wir alle fest«, mischt sich der Fahrer des Golfs energisch ein.
»Bitte!«, wird die Frauenstimme aus dem Off energischer, »fahr jetzt weg da vorne!« Gleichzeitig erhellen Scheinwerfer die Waldszenerie. Ein großer Löschwagen der Feuerwehr ist in den Waldweg eingebogen und hält direkt auf die beiden Autos, die mitten auf dem Weg stehen, zu. Das Martinshorn übertönt jedes weitere Wort, der Feuerwehrwagen gibt zusätzlich zu seinem Blaulicht mit Fernlicht Zeichen, den Weg frei zu machen.
»Scheiße!«, brüllt Max, läuft nach vorne zu seinem Auto und springt hinein. So schnell und so weit er kann fährt er auf dem unbefestigten Waldweg auf die rechte Seite. Der Fahrer des Löschfahrzeugs hält unbeirrt auf ihn zu. Max fährt noch weiter rechts ran, schlägt noch stärker ein, er muss fast in den Graben fahren, um Platz zu schaffen, sonst schrammt ihn der Feuerwehrwagen. Der kennt nichts, wird Max bewusst und spürt, wie sein Auto bereits in den Graben abrutscht.
Der Löschwagen schießt, ohne abzubremsen, mit hohem Tempo und ohne Rücksicht an ihm vorbei. Offensichtlich will er das Feuer in den Fabrikhallen der Fischfabrik von der Rückseite her bekämpfen.
Kaum ist der große Feuerwehrwagen durch, gibt Max sofort wieder Gas, er will schnellstmöglich aus dem Graben zurück auf die sichere Fahrbahn, doch die Räder drehen durch. Komm schon, denkt er, nimmt etwas Gas weg und lässt die Kupplung schmieren. Ganz langsam, sagt er zu seiner alten Karre und wohl auch zu sich, nur nicht durchdrehen. Er gibt fast kein Gas mehr, damit die Räder Halt finden. Plötzlich wird es hell neben ihm, da sieht er die Karre der drei dunklen Gestalten, die ihm eben noch in sein Heck gefahren sind, auf fast gleicher Höhe neben sich.
Doch so schnell gibt er sich nicht geschlagen, er will die drei nicht so einfach entkommen lassen. Also drückt er geistesgegenwärtig das Gaspedal ganz durch. Die 58 PS seines 20 Jahre alten Kastenwagens heulen auf, und der Renault macht tatsächlich einen Satz genau vor die Schnauze des Wagens der drei Gestalten. So stimmt die Rangfolge wieder, denkt Max und will sich die drei jetzt nochmals ernsthaft vorknöpfen, da aber biegt der nächste Einsatzwagen mit Blaulicht schon in den Feldweg ein.
Max hat zwar nun, wie auch die drei Gestalten in dem Auto hinter ihm, ordentlich sein Abblendlicht eingeschaltet. Trotzdem muss er aber jetzt hier weg. Er kann gar nicht anders, bleibt in seinem Wagen sitzen, legt den ersten Gang ein und fährt erneut auf dem feuchtschmierigen Waldweg rechts ran, damit der entgegenkommende Wagen an ihm vorbeifahren kann.
Der Wagen mit Blaulicht entpuppt sich schnell als ein Polizeiauto. Max hofft, dass er an ihm vorbeifährt, dem Feuerwehrwagen hinterher. Langsam rollen die beiden Autos aufeinander zu. Aus dem Auto vor ihm streckt der Polizist am Steuer, nachdem er seine Scheibe heruntergelassen hat, seinen linken Arm mit Lichtkelle heraus und deutet Max unmissverständlich an stehen zu bleiben.
Max schaut kurz in den Rückspiegel, der Wagen hinter ihm bleibt ebenfalls stehen. Der Polizeiwagen ist jetzt auf seiner Höhe, auch er kurbelt seine Scheibe herunter und grüßt freundlich zu dem Polizisten hinüber.
»Guten Abend, wo kommen Sie her?«, hält der sich nicht lange mit Höflichkeiten auf.
»Ich war spazieren«, hört sich Max sagen und könnte sich gleichzeitig für die unmotivierte, doofe Antwort ohrfeigen.
»Fahren Sie bitte ganz rechts ran, sodass noch weitere Löschfahrzeuge vorbeikommen können«, weist ihn der Polizist scharf an, »und dann warten Sie auf uns!«
»Aber warum denn?«, will Max wissen.
»Tun Sie, was ich Ihnen sage«, knurrt der Polizist unfreundlich, »und machen Sie keinen Unsinn, Sie kämen heute Nacht nicht weit.«
Der Polizist setzt seinen Streifenwagen nach hinten, aber auf Max’ Straßenseite, sodass seine Motorhaube genau vor dessen Motorhaube steht, als befürchtete er, Max könnte doch noch weiterfahren.
Aber der steigt aus, schaut schnell zu dem Wagen hinter ihm: KN -AK 475, die Autonummer will er sich merken.
Dessen Fahrer setzt brav seinen Blinker links und gibt einfach Gas. Frech fährt der Sekel an Max vorbei. Dieser versucht, noch schnell einen Blick in die Fahrgastzelle zu erhaschen. Doch außer zwei bärtigen, dunkelhaarigen Männern im Fond und einem Blondschopf auf der Rückbank, der ihm jetzt auch noch keck zuwinkt, kann er kein Gesicht deutlich erkennen.
»Sind das Bekannte von Ihnen?«, fragt der Polizist, der schon neben ihm steht.
Max überlegt kurz, ob er seinen Verdacht äußern soll, winkt dann aber ab: »Was wollen Sie von mir?«
»Ihre Papiere!«
Martin Ellegast blickt grimmig, er sagt kein Wort. In seinem erzürnten Gesicht spiegeln sich die Flammen, die noch immer aus seinem fischverarbeitenden Betrieb züngeln. Fünf Wehren aus allen umliegenden Gemeinden hat die Feuerwehr Meersburg zusammengerufen. Fast 100 Männer und Frauen sind im Einsatz.
»Es ist das verdammte Öl«, sagt der Feuerwehrkommandant zu Ellegast, »es müssen Hunderte von Litern sein, die solche Flammen schlagen und die starke Hitze entwickeln.«
»Das ist nur Altöl aus der Fritteuse«, gibt sich Ellegast nach außen cool, »aber wer hat den Brand gelegt? Das ist die Frage.«
»Warum?«, staunt der Feuerwehrkommandant. »Wer hat denn von Brandstiftung gesprochen? Wie es aussieht, hat sich das Feuer in einer der Fritteusen entwickelt, da ist der Brandherd.«
»Was wissen denn Sie«, winkt Ellegast verärgert ab. Trotz der tiefen Nachtzeit steht Ellegast gut gekleidet, in Anzug und Krawatte, neben dem uniformierten Feuerwehrkommandanten. Seine Elvistolle hängt im lässig in sein schmales Gesicht. Seine Stirn liegt leicht in Falten. Seine Augen sind hellwach. »Wir brauchen einen Brandexperten, der die genaue Brandursache ermittelt. Haben Sie solch einen Fachmann? Sonst besorge ich ihn!«
»Die Kripo muss gleich hier sein«, weicht der Feuerwehrmann den versteckten Vorwürfen aus, »machen Sie sich keine Sorgen, bei der Schadenshöhe wird die Polizei Fachleute der Landesdirektion hinzuziehen.«
»Pah!«, blafft Ellegast. »Halten Sie den Ball flach, der Schaden ist überschaubar. Ich will nur die Täter.«
Max begutachtet am nächsten Morgen den Schaden an seinem alten Renault. Die Heckklappe des Kastenwagens lässt sich noch problemlos öffnen und schließen. Aber vielleicht sollte er doch den großen Stand-Tom-Tom und die beiden Bass Drums herausnehmen, nur wegen seinem Schlagzeug hatte er sich den alten Kastenwagen gekauft, doch als Lagerhalle sollte er nicht dienen. »Hopp«, sagt er zu sich selbst und klemmt das Becken unter seinen rechten Arm, mit der Linken packt er die beiden Hänge-Tom-Toms und will sie in sein Haus tragen.
Wie er um sein Auto geht, sieht er hinter einem der Scheibenwischer einen weißen Zettel klemmen. Aber zuerst muss er seine Hände freibekommen, also geht er weiter und stellt den ersten Teil des Schlagzeuges im Flur seines Häuschens ab. Dort haben die Hänge-Tom-Toms einen festen Platz. Da stellt er sie hin und beginnt gedankenverloren, darauf zu trommeln. Schnell findet er einen Rhythmus und spielt den Anfang der ersten Akkorde von »Freak of Natures Rescue Me«.
»Bahnt sich da was an?«, lächelt Gerdi Ellegast, sie steht plötzlich, ganz unvermittelt, vor Max und winkt mit dem kleinen weißen Zettel, den Max gerade hinter seinem Scheibenwischer bemerkt hat. Sie scheint schon auf dem See gewesen zu sein. In Wattstiefeln und in ihrer grünen wasserdichten Fischerhose, deren Latz ihr fast bis unter die Achseln reicht, liest sie ihm mit verführerisch gespielter Stimme vor: »Danke, dass du dichtgehalten hast! Wir bezahlen den Schaden – versprochen, irgendwann.«
»Weißt du, was heute Nacht passiert ist?«, platzt es aus Max heraus, »die haben die Fischhallen deines Mannes abgefackelt!«
»Keine verdammenswerte Tat, aber das wird ihn nicht aufhalten«, ändert sich schnell die Stimmung in Gerdis Gesicht vom Liebesboten zur Kampfamazone. »Ich habe es im Seefunk gehört, aber von Brandstiftung war keine Rede.«
»Ich habe es aber selbst gesehen, ich war dort, woher glaubst du, dass der Zettel ist? Die bedanken sich, dass ich sie nicht bei der Polizei verpfiffen habe.«
»Wer sind sie? Und warum hast du es nicht getan?«
»Das frag ich mich jetzt auch, ich weiß es selbst nicht.«
»Das kannst du gleich nachholen«, zeigt Gerdi Ellegast zum Fenster hinaus.
Max folgt ihrem Blick und sieht zwei uniformierte Polizeibeamte aus einem Streifenwagen steigen. Die beiden gehen zu seinem Renault, bei dem die Ladefläche noch offensteht. Interessiert gehen sie um den Wagen, Max schaut ihnen gespannt zu.
»Ich bin dann mal weg«, sagt Gerdi schnell, wirft ihm mit einem Handkuss den kleinen weißen Zettel zu und verschwindet durch den Hinterausgang.
Max lässt den Zettel schnell in der Hosentasche seiner eng geschnittenen Levis verschwinden und geht zur Vordertür, dabei läuft er einem der Polizisten geradewegs in die Arme.
»Musiker müsste man sein, da kann man morgens wenigstens ausschlafen«, begrüßt ihn der erste Polizist.
»Und bis nach Mitternacht den Bühnenclown geben«, antwortet Max, »und das meist für ein mageres Trinkgeld.«
»Und gestern?«, beendet der zweite Polizist das Geplänkel. »Was haben Sie da mitten in der Nacht im Wald bei Meersburg bei der Fischfabrik Ellegast gemacht?«
»Ich bin noch bei Dämmerung in den Wald gefahren, ich kenne da einen Platz, an dem Morcheln wachsen. Es war den ganzen Juni über heiß, dann gestern der Regen, da wollte ich mal nachsehen«, hatte sich Max schon am Morgen eine bessere Ausrede als die in der Nacht zuvor zurechtgelegt, um gerüstet zu sein, falls die Bullen kommen sollten.
»Auf dem Gelände von Ellegast waren Sie nicht?«
Verdammt, hatten ihn irgendwelche Videokameras aufgezeichnet? Oder blufft der Polizist? »Nein!«, entscheidet sich Max zur dreisten Lüge.
»Und die Insassen in dem Wagen, der Ihnen gestern folgte, als Sie aus dem Wald herausfuhren, wer waren die? Ihre Pilzberater?«
»Weiß ich nicht.« Angriff ist die beste Verteidigung denkt sich Max und legt nach: »Ihre Kollegen haben den Wagen durchgewunken, mich haben sie angehalten, da müssen Sie die fragen.«
Schnell wird Max klar, die Polizei hat nichts in der Hand, das Frage-und-Antwort-Spiel bewegt sich belanglos an der Oberfläche, deshalb will er jetzt wissen: »Gehen Sie von Brandstiftung aus, oder warum sind Sie hier?«
»Wir ermitteln«, antwortet einer der Polizisten.
»Bei mir?«
»Auch bei Ihnen.«
»Lächerlich, ich kenn den Mann kaum, warum sollte ich? Was sollte ich für ein Motiv haben?«, winkt Max ab. Dabei denkt er an die drei Gestalten in dem Wagen, der ihm in das Heck fuhr. Lässig greift er in seine Tasche und spürt den weißen Zettel. KN–AK 475, erinnert er sich, der Wagen müsste sich doch finden lassen.
»Und wo sind Ihre Morcheln?«, unterbricht einer der Polizisten seine Überlegungen.
»Felchenfilets mit Morcheln wären eine feine Sache«, antwortet Max, »aber leider gibt es zurzeit beides nicht.« Freundlich lächelt er den Polizisten ins Gesicht und weiß auch schon, wie er an die Adresse zu der Autonummer kommt.
3.
Auf der Edelstahlfläche der Seziertischplatte liegt ein totes Felchen. Der Körper ist aufgeschnitten, die Innereien davor sind fein säuberlich drapiert. Deutlich zu erkennen sind die Leber, die Nieren und das Herz. Mit einem Handgriff zieht Doktor Simon die Rundleuchte an der Decke über das Zentrum des toten Fischs auf das Wundfeld. Der fokussierbare Lichtstrahl ermöglicht ein punktuelles Ausleuchten der Leber. »Sehen Sie hier, die Leber wie auch die Nieren sind angegriffen, die inneren Organe zeigen Zeichen einer Septikämie wie Petechien, das heißt breiige Nieren und Milzschwellung.«
»Kein Mensch will die Nieren oder gar die Milz der Felchen essen«, herrscht Martin Ellegast den Tierarzt an. Er selbst hat ihn von der Universität Hohenheim abgeworben. Er benötigt einen Sachverständigen, der seinen Testlauf der Felchengehegezucht begleitet, dokumentiert und schließlich wissenschaftlich die Unbedenklichkeit der Fischzucht im Bodensee belegt. Doktor Franz-Josef Simon gilt in der Fachwelt als unbestechlich.
Fischgehegezucht ist nichts Neues, Aquakultur klingt moderner. Die Anfänge der Kescherhaltung geht auf Fischer zurück, die schon immer im Bodensee Netze oder Kescher nutzten, um Fische, die sie unter der Woche gefangen hatten, am Wochenende frisch auf dem Markt anzubieten.
Positiv für Ellegast ist die Tatsache, dass bei den Gehegen im See die Fütterung, Kontrolle und Ernte leicht zu bewerkstelligen sind und gleichzeitig ein stetiger Austausch mit dem Umgebungswasser stattfindet. »Eine kostenlose Frischwasserzufuhr«, lacht Ellegast.
Seine Gegner dagegen bemängeln den ungehinderten Stoffwechselaustausch, Futterreste und eventuell verabreichte Medikamente, die direkt in den See geleitet werden. Dabei kommt es ihrer Meinung nach zur Störung des Ökosystems. »Und das im Trinkwasser!«, monieren nicht nur ausgewiesene Umwelt- oder Tierschützer.
Die von Ellegast neu installierten Netzgehege bestehen aus einem schwimmfähigen Trägersystem und einem Netz, das die Tiere einschließt. Die einzelnen Anlagen kann er leicht in der Größe variieren. Es sind kreisförmige Plastikkonstruktionen mit Netztiefen von 10 bis 40 Metern und einem Volumen von 3.000 bis 30.000 Kubikmetern.
Ellegast hatte die Ministerien in Stuttgart überzeugt, dass die Felchengehege die Wirtschaft und den Tourismus im Ländle stärken. Selbst kritische Politiker der Grünen Partei hatte er eingefangen. Einige von ihnen hatte er kurzerhand in seinem Privatflugzeug von Friedrichshafen nach Finnland geflogen. Dort betreibt Ellegast große Fischzuchtanlagen. Vor Ort konnten die Damen und Herren auch verschiedene Felchengehege inspizieren.
Ellegast lacht noch heute: »Ich weiß nicht genau, was sie gesehen haben, aber ich weiß, dass der Fraktionsvorsitzende am nächsten Morgen einen dicken Kopf hatte.« Geschickt hatte er die Kurzvisite geplant und die kleine Gruppe der Politiker sowie eine junge Journalistin des Lokalblattes nach der Landung in Finnland direkt auf sein Gelände gelotst und dort keine Minute aus den Augen gelassen.
Wie es sich in Finnland gehört, hat Ellegast neben dem Gästehaus auf seiner Fischfarm eine finnische Rauchsauna aufgestellt. Hier servierte er gleich nach der Ankunft am frühen Abend in dem rußigen Holzhaus persönlich das erste Bier und Wodka. Danach bewies er der kleinen Abordnung mit einem Sprung in einen seiner Teiche, wie sauber das Wasser ist.
Die Krönung hatte er sich für den späteren Abend aufgehoben. Gemeinsam ging er mit den Politikern und der Journalistin an einen großen See auf seinem Gelände. Der Redakteurin hatte er zuvor eine Nikon D7500 in die Hände gedrückt: »Damit Sie scharfe Bilder machen können«, hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt und ihr etwas zu lange die Unterarme getätschelt.
Dann mussten sie alle in ein Boot steigen, in dem mehrere Kescher mit Teleskopstielen lagen. Ellegast steuerte das Boot auf den See. Hier sahen die Gäste große runde Netzbassins schwimmen. Drei Stück hatten einen Durchmesser von mindestens 50 Metern, die Tiefe gab er ihnen mit 30 Metern an. Er selbst steuerte das Boot an den Rand eines der runden Gehege und forderte die Gäste auf, sich jeweils mit ihren Keschern einen Fisch aus dem Wasser zu holen: »Ihr Abendessen!«, lachte er. »Ihre ersten Felchen aus einem Gehege!« Er warf eine Handvoll Fischfutter in das Netzgehege, und schon wimmelte die Wasseroberfläche von tummelnden Felchen. Jeder der Gäste hatte so schnell seinen Fisch im Kescher.
Gleich danach servierte die Küche den frischen Fang. Es gab Felchen mit Pfifferlingsoße und Fischrogen, Felchen mit Wildkräutern gefüllt und Felchenfilet mit Krebsen. »So gut wie an iserem See, oder?«, fragte Ellegast und schaute in die zufriedenen Gesichter seiner kleinen Ausflugsgruppe.
Auf dem Rückflug legte er den Reisenden noch eine kleine Ökobilanz vor. »Von Helsinki bis an den Bodensee sind es über 3.500 Kilometer, eine Tonne CO2-Emission kommt so für jeden größeren Transport der Felchen schnell zusammen. Klimafreundlich ist das nicht«, diktierte er der jungen Journalistin in ihren Block, die sich nochmals für die neue Kamera bedankte, während der Grüne Politiker nachdenklich nickte und zustimmte: »Wir sollten alles unternehmen, um den klimaschädlichen Lebensmitteltourismus zu beenden«, ließ der grüne Abgeordnete sich in der Bodenseezeitung zitieren.
»Leider sieht man einigen Felchen ihre äußerlichen Verletzungen an«, reißt Doktor Simon Ellegast aus seinen Erinnerungen. »schon bei Jungfischen zeigen sich dunkle Hautflecken und Rötungen bei den Flossenansätzen.«
»So lange es keine signifikanten Häufungen sind, sollten wir die Sachlage erst einmal unter uns hier klären«, versucht Ellegast zu beschwichtigen, »wir stehen am Anfang unseres Testlaufs, das bekommen wir alles schnell in den Griff. Für die Tiere ist das auch alles neu, das heißt viel Stress für sie, und zu allem hin ist es Sommer, wir haben gerade hohe Wassertemperaturen, das spielt uns nicht in die Karten.«
»Ja,« stimmt ihm Doktor Simon zu, nervös streift er eine graue Locke von seiner Goldrandbrille, sein Gesicht ist blass, seine hellblauen Augen flackern unruhig, »wir sind eben nicht in Finnland, der Bodensee wird jährlich wärmer, es weiß kein Mensch, wie die Felchen auch in freier Wildbahn darauf in Zukunft reagieren.«
»Wir müssen die Gehege einfach tiefer fahren, jeder Meter tiefer bringt uns kältere Wassertemperaturen«, winkt Ellegast ab, »das ist der Vorteil unserer Anlage, wir können den Felchenschwarm dorthin im See steuern, wo er sich am wohlsten fühlt.«
Im Gegensatz zu Doktor Simon sprüht Ellegast vor Zuversicht. Wobei gerade im Sommer, bei erhöhten Wassertemperaturen und Sauerstoffmangel, auch die Forellenzüchter im Schwarzwald das Problem der Furunkulose kennen. Die Veränderungen auf der Fischhaut werden dem erhöhten Stress der Tiere in zu warnem Wasser zugeschrieben. Letztendlich ist es eine bakterielle Infektionskrankheit, die sich im Fischschwarm bei enger Haltung durch Kot und Urin infizierter Fische verbreitet.
»Stellen Sie sich nicht so an, Herr Doktor«, schmunzelt Martin Ellegast, »noch nie ein Furunkel am Arsch gehabt?« Er nimmt den toten Fisch und seine Innereien und wirft alles zusammen in einen Plastikeimer neben dem Seziertisch. »Wir werden uns die Mühe machen müssen und jedes Fischchen liebevoll mit einer kleinen Spritze stärken.«
»Ich werde eine bakteriologische Diagnose erstellen, nach der wir ein wirksames Antibiotikum zusammenbauen«, gibt sich Doktor Simon geschlagen und spritzt mit einem Wasserschlauch das Blut des toten Felchen von der Tischwanne. Über ein leichtes Gefälle verschwinden die letzten Spuren der verletzten Innereien im Abfluss.
Martin Ellegast hatte schon in seinem Betriebswirtschaftsstudium erkannt, dass günstige Angebote immer der Erfolg rationeller Produktion sind. Auto, Fernsehen oder Handy eroberten nur als Massenprodukt den Markt. Dies gilt für ihn auch für Lebensmittel. Fleisch und Fisch liebten die Menschen schon immer, aber nicht immer konnten sie sich die Edelprodukte leisten. Natürlich erkannte auch er die Werbewirksamkeit der Auszeichnung »Wildfisch geangelt«. Doch Insider können darüber nur lachen. Was müsste ein Fisch kosten, wenn ein Angler früh am Morgen auf dem See seine Rute auswirft und am Mittag mit nur einem oder auch zwei Felchen nach Hause kommt. Der Schlüssel zum Erfolg heißt Arbeitsteilung und in seiner Branche Massenaufzucht und Fließbandschlachtung. In seinem Gehege zählt nicht der einzelne Fisch, sondern die Tonnen an Felchen, die er täglich am Fließband zerlegt, filetiert und als Convenience an seine Großkunden liefern will.
»Wir müssen unseren Berufsstand schützen!«, ruft Gerdi Ellegast in den Saal des Nebenzimmers im Gasthaus »Grüner Baum« in Moos. »Wir Berufsfischer sterben aus!« Tatsächlich werden es jedes Jahr weniger, mit den jährlich sinkenden Fangquoten sinkt auch die Zahl der Berufsfischer. Jedes Jahr melden sie neue Minusrekorde. Immer mehr Stichlinge und Quagga-Muscheln finden sich in dem ständig wärmer werdenden Seewasser und immer weniger Felchen. Da hängt so mancher Berufsfischer genervt seine Netze an den Nagel.
Deshalb hat der Wirt Hubert Neidhart zusammen mit Gerdi Ellegast alle noch registrierten Berufsbodenseefischer eingeladen. »Es geht um unseren Beruf, unsere Zukunft und auch um iseren See!«, appelliert Gerdi. Fast alle Berufsfischer, auch aus Bayern, Vorarlberg und der Schweiz, sind gekommen. Sie wollen von den Höri-Bauern lernen, wie man ein Lebensmittel mit einem amtlichen Patent schützen kann, wie dies die Höri-Bauern mit ihrer Bülle geschafft haben.
Die Höri-Bülle ist eigentlich nur eine kleine Speisezwiebel, die seit der Urbanisierung durch die Reichenauer Mönche auf der Bodenseehalbinsel Höri angebaut wird. Auf der Reichenau selbst hatten die Mönche keinen Platz für Zwiebeln, da pflanzten sie lieber ihre Reben für Wein.
Heute wäre die alte Zwiebelsorte längst vom Markt verschwunden, hätten nicht ein paar Hörianer sich für die besondere, kleine rote Zwiebel eingesetzt. Dank einigen Gärtnern und Wirten wie Hubert Neidhart heißt die Zwiebel jetzt Höri-Bülle und ist mit ihrer geografischen Herkunftsbezeichnung und -angabe bei der EU registriert und dadurch amtlich geschützt.
»Genauso müssen wir es auch mit unserem Felchen machen«, fordert Gerdi Ellegast, »ein Bodenseefelchen ist ein Blaufelchen, das kreuz und quer, wild und grenzenlos durch den Bodensee schwimmt!«
Hubert Neidhart erklärt, wie man aus dem Bodenseefelchen eine Marke als Wildfisch macht. »Wir müssen schneller als der Ellegast sein«, sagt er, »wenn er die Marke Bodenseefelchen anmeldet, kommen wir mit dem Wildfelchen zu spät.« Dann lacht er und schaut süffisant zu Gerdi: »Du weißt ja, wie schnell der ist, wie schnell hatte er dich an seiner Angel gehabt.«
»So leicht hab’ ich es ihm auch nicht gemacht«, schmunzelt sie. Sein Werben war tatsächlich lange Zeit ein Thema am See. Die Bodenseehymne der »Fischerin vom Bodensee« erinnert noch heute an Ellegasts Bemühungen, die hübsche Gasselerin zu erobern. Ein Liedtexter hatte ihn gar mit einem Hecht verglichen, der gerne von der Maid gefangen genommen worden wäre, bis aber umgekehrt er sie in seinem Netz gefangen hatte.
»Aber nichts ist von Dauer,« zwinkert Gerdi keck Hubert zu, während sie unterm Tisch einen Tritt von einer blonden jungen Frau bekommt, die aussieht, wie aus ihrem Gesicht geschnitten. »Mama«, zischt diese streng, »bitte!«
»Ja, du hast ja recht, das gehört nicht hierher, aber dass jetzt der Streit durch unsere eigene Familie geht«, schaut Gerdi Ellegast bekümmert zu ihrer Tochter Lena, »und dass dein Papa es so weit kommen ließ, das trifft mich eben besonders.«
»Wir schauen jetzt, dass wir einfach möglichst schnell für das Bodensee-Wildfelchen einen Markenschutz bekommen, dann sehen wir weiter«, antwortet Lena trocken und schaut dabei ihrer Mutter prüfend in die Augen. Die beiden können ihr inniges Mutter-Tochter-Verhältnis nicht verbergen.
Lena könnte heute als die Fischerin vom Bodensee in dem damals über ihre Mutter gedrehten Fernsehfilm als Double ihre Rolle übernehmen, niemand würde einen Unterschied sehen. Sicherlich müsste sie über ihren kurzen, schelmischen Haarschnitt eine Perücke mit Zöpfen ziehen. Die blonden Haare und dunklen Augenbrauen hat sie ohne Zweifel von ihrer Mutter geerbt, die sportliche Figur vielleicht von ihrem Papa. Die weichen Züge und freundlichen Augen aber waren nun einmal typisch Mama.
»Meinst du, dann ist der Brand vergessen?«, flüstert diese ihrer Tochter leise ins Ohr.
»Was meinst du?«, stellt die sich unwissend.
»Danke, dass du dichtgehalten hast!«, lächelt Gerdi wissend. »Seit deiner Grundschulzeit verschnörkelst du das große D wie sonst niemand.«
»Ich verstehe nicht.«
»Max kennt dich nicht, und du ihn auch nicht. Aber woher wusstest du, dass er neben Opas Haus wohnt?«, insistiert sie weiter. »Ich kenne deine Schrift, also: Woher wusstest du, wo du sein Auto findest, an dem du deinen Zettel hinterlassen hast?«
»Ich habe ihn aus deinem Küchenfenster gesehen, als ich dich das letzte Mal besucht habe, und ein Freund kennt ihn von seinen Auftritten als Musiker.« Ohne Luft zu holen, fügt sie schnell hinzu. »Aber wir waren es nicht!«
»Wer ist wir, und was habt ihr dort gesucht, und wer ist dein Freund?«
Lena kann vor ihrer Mutter sowieso kein Geheimnis lange für sich behalten, also packt sie aus: »Wir wollten ein Graffiti auf die Hauswand sprühen, in diesem Moment sehe ich, wie ein kleines Feuer in einer der Fritteusen in der Küche brennt. So sagt es auch die Feuerwehr, es war keine Brandstiftung! Das Öl soll sich an einer nicht ausgeschalteten Heizung entzündet haben, und du weißt, wie groß Papas Fritteusen sind. In der Zeitung stand etwas von über 600 Litern.«
»Ich hoffe, du hast damit wirklich nichts zu tun«, atmet Gerdi Ellegast erleichtert aus, »aber was, bitte, sollte das für ein Graffiti sein, und wer ist verdammt nochmal wir?«
»Njoschi ist ein Künstler, er hätte uns ein Felchen hinter Gitterstäben auf die Hauswand am Eingang gesprüht. Aber als ich das Feuer sah, war mir sofort klar, dass wir verschwinden mussten, dabei kam uns dieser Max in die Quere. Was wollte denn der Sekel da?«
»Morcheln pflücken«, lacht Gerdi Ellegast und schiebt dann ernsthaft nach, »er wollte wohl in den Müllcontainern die Absenderadressen der Felchenlieferanten finden.«
»Uns kam er in die Quere, beinahe hätte uns die Polizei erwischt, das hätte Papa nicht lustig gefunden.«
»Du solltest solche Aktionen sowieso unterlassen, Lena«, warnt die Mutter, »kümmere dich um dein Studium. Du kannst uns mehr helfen, wenn du deinen Professor dazu bringst, öffentlich seine Befürchtungen zu wiederholen, dass die Krankheiten der Felchen aus dem Gehege sich auch auf die Wildfische im See übertragen können.«
Lenas Professor Dierke, er leitet die biologische Fakultät der Uni Konstanz, wo Lena im sechsten Semester studiert, hatte in einem kleineren Kreis der Bodenseefischer seine Befürchtung geäußert, dass Zuchtfische aus dem Gehege ihre Krankheiten an die Wildfische übertragen könnten.
»Mama!«, wird Lena etwas lauter, »der Dierke lässt sich gar nichts sagen. Da müssen wir schon selbst aktiv werden, das sagen auch Tante Hanni und Tante Nanni.«
»Oh nein«, stöhnt Gerdi und verdreht die Augen, »was haben die beiden Schreckschrauben mit unseren Felchen zu schaffen, ich denke die sind Vegetarier?«
»Eben«, schmunzelt Lena, »die sind gegen das Gehege von Papa, aber eben auch gegen deine Netze. Weißt du nicht, die beiden leiten die Regionalgruppe ›Peta‹ am See«, klärt Lena ihre Mutter auf.
»Die beiden leiten gar nichts, die beiden leiden eher an Unterbeschäftigung«, antwortet Gerdi, die von den Zwillingsschwestern und ihrem Treiben meist genervt ist.
Als sie Martin geheiratet hat, traten Hanni und Nanni lautstark und schnatternd in ihr Leben und haben sich seither, in ihren Augen, zu meckernden alten Jungfern entwickelt. »Von Beruf Erbin! Ich kann einfach mit Menschen nichts anfangen, die nicht fähig sind, ihr eigenes Geld zu verdienen, aber meinen, überall wichtig zu sein und ihren Senf beisteuern zu müssen.«
»Warte ab«, antwortet Lena kämpferisch, »die werden uns vielleicht noch nützlich sein im Kampf gegen Papas Pläne.«
4.
Herrschaftlich steht das Schlösschen des ehemaligen Bankiers Aggermann am Bodenseeufer bei Fußach. Es hat den Charme der verblassten noblen Adelszeit. Die Biberschwanzziegel auf dem Dach und den Türmchen sind vermoost, der Putz verwittert, Efeu rankt sich bis in die obersten Stockwerke.
Am alten hölzernen Steg schaukelt ein Riva-Motorboot im Rhythmus der Wellen des Sees. Die Chromteile und der Lack des polierten Mahagoniholzes funkeln in der Morgensonne, als wäre der betagte Oldtimer erst gestern neu aus der edlen Manufaktur Cantiere San Marco geliefert worden.
Ein Hahn begrüßt lauthals krähend den sonnigen Morgen, und schon kommen mehrere Hühner über den einstigen Zierrasen des Schlösschens gelaufen und scharren in dem verbliebenen Grün.
Wo der alte Bankier Aggermann noch seine Rosen gezüchtet hatte, haben seine Zwillingstöchter, Hanni und Nanni, Vogelvolieren und einen Hühnerstall mit Fenster, inklusive Seeblick für die Hühner, vor der historischen Fassade errichtet.
In der Garage, wo früher der alte Rolls Royce des Bankdirektors stand, stehen heute zwei alte Lamas. Im angebauten Chauffeurhaus dreht sich Andrei auf seiner schmalen Pritsche noch einmal um seine eigene Achse. Er ist jeden Morgen der Erste, der auf dem herrschaftlichen Anwesen den Tag begrüßt. Die gurgelnden Geräusche der Lamas rufen ihn zur Fütterung der Tiere. Dann spitzen sie die Ohren und lassen ihre Schwänze baumeln, und Andrei weiß, dass es ihnen gut geht. An Tagen wie heute lässt er sie aus ihrem Stall und legt ihnen Gräser und Heu vor die Nasen. Sie haben, wie auch er, in dem Anwesen der Aggermann-Töchter Asyl gefunden.
Von Hanni und Nanni ist um diese Zeit noch längst nichts zu sehen. Sie schlafen jeden Morgen lange. Für Andrei sind sie die Engel des Schlosses. Vor drei Jahren zog er an einem verschneiten Dezembertag mit einem kleinen Zirkus durch Fußach. Die Kasse war leer, sie brauchten Futter für ihre Tiere. Andrei kam mit seinen zwei betagten Lamas bei dem herrschaftlichen Haus vorbei. Zuerst ging er einfach weiter, doch dann traute er sich doch: Beherzt zog er an der alten Klingel vor dem großen eisernen Schlosstor, sagte sein Sprüchlein auf, und zu seiner Überraschung luden die beiden Frauen ihn mitsamt seinen beiden Lamas in den Schlosshof ein. Seither ist er hier, sie haben ihn als Tierpfleger engagiert. Auch für die beiden Lamas war Platz, als der Zirkus mit den anderen Tieren weiterzog.
Unter Tierfreunden gelten die Zwillingstöchter als die doppelte Brigitte Bardot vom Bodensee. Sie hatten sich schon als Backfische geschworen, dass nie ein Mann zwischen ihnen stehen solle, so sind sie ungeküsste Jungfrauen geblieben, mit einem großen Herz für Tiere.
Den Ziergarten ihres Papas verwandelten sie nach seinem Tod zu einem Tiergarten. Da kam ihnen Andrei gerade recht, denn Tiere zu halten, macht viel Arbeit. Und wie auf einem Gnadenhof wurden es immer mehr herrenlose Hunde und Katzen, gealterte Pferde, Hühner, Schafe und jetzt auch eben auch noch die beiden Lamas.
Andrei ist den beiden Schlossbesitzerinnen ewig dankbar. Er hatte, als verschriener Zigeuner, in Rumänien keine schöne Jugend, seine einzigen Freunde waren schon immer die Tiere. So kam er zu dem kleinen Zoo, der seit Jahren mehr recht als schlecht durch Kleinstädte tingelte. Andrei hatte einen Trick gefunden, wie er die Lamas zum Spucken brachte. Ihre Treffsicherheit war die Attraktion, und zusätzliches Geld bekam er, wenn er Kinder an Nachmittagen die Lamas führen ließ. Doch ein schönes Leben war es in dem alten Zirkuswagen nicht. Das Chauffeurhaus bietet ihm zum ersten Mal in seinem Leben ein gemauertes und sicheres Zuhause.
Nach der Fütterung der Lamas bringt er den Hühnern ihre Körner, stellt dem Wachhund Oskar neues Wasser hin und lässt die beiden Schafe, Lina und Lisa, aus dem Stall, dann muss er noch die beiden betagten Pferde auf die Koppel führen, bevor er sich selbst einen Kaffee aufstellt.
Ganz geheuer sind Andrei die beiden Hausbesitzerinnen nicht. Er kann sie kaum auseinanderhalten, so ähnlich sehen sie sich, und zu allem hin tragen sie täglich die fast immer gleich aussehenden weiten Röcke, Blusen und wallenden Gewänder. Ihre schneeweißen Haare tragen sie meist offen oder lose zu einem wilden Zopf gebunden. Was ihm gefällt, ist, dass die beiden rauchen wie ein Schlot wie er auch.
Was er aber gar nicht versteht, ist, dass sie kein Fleisch essen, keine Wurst oder Käse und nicht einmal die Eier der Hühner. »Hühner sind nicht da, um jeden Tag Eier zu legen«, sagen sie, »das macht ihnen Stress.« Und dann reden sie noch wirre Dinge wie: »Eierklau« und: »Wir stehlen den Hennen ihre Jungen, bevor diese überhaupt geboren wurden.«
Trotzdem, wenn Andrei sich unbeobachtet weiß, nimmt er gerne eines der frisch gelegten Eier und schlürft es noch warm aus der Schale. Das hat schon seine Oma so gemacht, und so erinnert ihn der Geschmack an seine Kindheit. Ebenso heimlich isst er natürlich nach wie vor seine scharfe Lammsalami, Mititei, die gegrillten Hackfleischröllchen vom Lamm, oder Pastramă, geräuchertes Rindfleisch in Paprikamantel. Wann immer er in der Stadt ist, um Einkäufe zu erledigen. kehrt er in einem türkischen Imbiss ein und stopft sich mit Döner und Schafskäse voll.
Wenn Nanni und Hanni Besuch haben, spielt er oft den Kellner. Dann serviert er, was die beiden Frauen zubereitet haben, Hummus und Falafel. Anfangs hat ihn gewundert, dass keiner der Gäste nach anderen Speisen verlangte. »Wir sind Veganer«, wurde er aufgeklärt, »wir lehnen die Ausbeutung der Tiere ab!« Und dann diskutierten sie über ein Fischgefängnis im Bodensee, das gesprengt gehört.
Die Fische sollen sich frei in dem großen See bewegen dürfen und nicht als Zuchthausfische eingesperrt sein. Das leuchtet auch Andrei, dem Freund eines scharfen Fischrogensalates mit Pflaumenschnaps, ein. Im Gefängnis saß er selbst einmal, es war die schlimmste Zeit in seinem Leben. Seine beiden Lamas durften jeden Tag spazieren gehen, das sollte auch allen Fischen möglich sein. »Este clar«, stimmte er der Versammlung zu und genoss es, von den auffallend vielen jungen und schönen Frauen wie ihresgleichen behandelt zu werden.
Peter Ochsner verkauft an schönen Tagen schnell 100 Felchen. Das Felchen ist der Brotfisch am See, und seit die Fischer über den geringen Fang klagen, nimmt die Nachfrage der Gäste dummerweise proportional zu. Martin Ellegast hatte ihm heute Morgen die erste Lieferung seiner Bodenseefelchen aus dem Testgehege geliefert. Der Preis liegt ein Drittel unter dem der Wildfelchen. Da überlegt ein Mann wie Ochsner nicht lange und nimmt, was er bekommt. Doch jetzt schaut er sich die erste Lieferung genauer an und sieht dabei weniger glücklich aus.
Von den 100 Felchen wurden 80 filetiert geliefert. Von ihnen sieht Ochsner nur die weißen Filets, schön sauber zerlegt und geputzt. Doch 20 der Felchen hat er ganz bestellt, sie liegen am Stück, ausgenommen, aber mit Kopf, Schwanz, Haut und Flossen vor dem Großgastronomen auf dem Tisch, doch sie gefallen ihm gar nicht. Bei einigen zeigen sich auf der Hautoberfläche bei genauem Hinsehen kleine Knötchen oder Beulen, vor allem an den Flossen. Ochsner dreht eines der verletzten Felchen um und sieht ein aufgebrochenes, blutunterlaufenes Geschwür. »Was soll der Dreck«, brüllt Ochsner, »die haben die Beulenkrankheit!« Wutentbrannt rennt er zum Telefon.
»Ein Drittel billiger! Das wolltest du doch«, kontert Martin Ellegast gelassen, »und die Filets sind astrein. Was willst du überhaupt mit ganzen Felchen? Die will doch kein Gast mehr, da müssten sie die Gräten selbst freipulen.«
»Du musst mir nicht sagen, was unsere Gäste wollen, schon mal was von Felchen Müllerin Art gehört?«
»Mensch, Peter, bleib auf dem Teppich«, beschwichtigt Ellegast, »und freue dich über die Lieferung der 80 Filets von echten Bodenseefelchen, wer kann dir das sonst bieten? Und dann noch zu dem Preis.«
»Die 20 mit Beulenpest bezahle ich dir nicht, die kann ich doch grad in den Cutter schmeißen.«
»Red’ keinen Nonsens, die filetiertest du, wie wir auch die anderen filetiert haben, und dann verkaufst du sie als Filet.«
»Soll ich die dem Wirtschaftskontrolldienst geben, was die dazu sagen?«, droht Ochsner. »Glaubst du nicht, dass die Beulenpest auch die inneren Organe beschädigt?«
»Was weißt du von Beulenkrankheiten bei Fischen, auch die Wildfische haben immer wieder kleine Verletzungen. Die Felchen leben im Schwarm, da ist nicht jeder immer des anderen Freund«, wird Ellegast ungehalten. Doch mit ruhigerer Stimme appelliert er: »Sprich bitte nicht mehr von Beulenpest, das ist ein großer Unsinn. Ja, es mag ein paar verletzte Felchen im Gehege geben, aber erstens werden wir das Problem lösen, und zweitens, glaub mir, ein paar Pusteln habe alle Fische hin und wieder.«
Max hat seinen Chef in der Küche schreien gehört, seither steht er am Pass und lauscht gespannt. Er wartet, bis Ochsner sich beruhigt hat und die Küche verlässt, erst jetzt traut er sich aus der Deckung und will die Tiere selbst in Augenschein nehmen. Gerdi hatte schon immer vor den engen Gehegen gewarnt.
20 Kilo Felchen auf einen Kubikmeter sei kein Problem, behauptet Ellegast. Doch wenn die einzelnen Felchen der 20-Kilo-Menge beginnen, größer zu werden, ändert sich das Verhältnis. Das ist für den versierten Fischhändler keine Neuigkeit, doch er muss das Ergebnis jetzt verkaufen. Tatsächlich haben einige der Felchen kleine Beulen und Verletzungen, er hat selbst gesehen, wie bei einem Felchen mitten auf der Stirn aus der Beule etwas Eiter austrat.
»Was macht der Chef nur für ein Theater«, sagt trotzdem einer der Köche im renommierten Seerestaurant ungerührt, »wenn ich das Felchen brate, sieht die kleine Verletzung niemand mehr.« Dann lacht er und schiebt belustigt nach: »Und wer isst schon den Kopf?«
Alois verzieht angewidert das Gesicht. »Willst du etwa solche Felchen essen?«
Der Koch lacht noch breiter: »Deshalb putzen wir zuvor, was wir kochen, damit du es schön drapiert servieren kannst. – Wichtig ist nur, dass es schmeckt!«
Jetzt heißt es für Max, schnell zu handeln. Er will unbedingt so ein Zuchtfelchen, das Ellegast am Morgen frisch in das Seerestaurant geliefert hatte, untersuchen lassen. Was heißt das: Beulenkrankheit?, will er wissen. Hat Ochsner in seinem Ärger nur so dahergeredet, oder gibt es diese Krankheit tatsächlich, und wenn ja, was heißt das dann? Er muss dringend Gerdi solch ein Felchen bringen, die muss es sich ansehen. Aber er hat gerade erst mit seinem Dienst begonnen, der Mittagsservice steht bevor, er kann jetzt unmöglich weg, und wer weiß, ob die 20 Felchen nach seinem Dienst nicht schon verarbeitet sind?
Max ruft seinen Kumpel Hanspeter an, er zählt zu den anonymen Millionären der Stadt und hat meist Zeit. Er hat nicht nur ein Häuschen geerbt, sondern auch noch einen großen Garten dazu mit Seeblick. »Panoramablick!«, grinst Karpfen, mit seinen fleischigen Lippen, wenn er Max über sein Erbe reden hört, und pocht dann darauf, dass er sein Geld als anständiger Freiberufler verdient. Er gibt vor, Immobilienmakler zu sein, doch makeln heißt in seinem Fall, einfach mit einem Anruf einen Hausbesitzer mit einem Kapitalbesitzer zusammenzuführen. Das schafft der Kerl meist leicht nebenbei. Er ist der Spross einer alteingesessenen Überlinger Familie. Mit der Hälfte der Menschen in dem Städtchen sind sie verwandt oder verschwägert. Hanspeter kennt Hinz und Kunz und jeder kennt ihn, und selbst seinen Übernamen »Karpfen«. Jede Oma, die ihre Immobilie verkaufen will, ruft Karpfen mit seinen großen vertrauenserweckenden Glupschaugen an, und er sucht in seiner langen Liste der Möchtegern-Geldanleger einen passenden Käufer – und schon hat er seine Provision in der Tasche.
»Lieber Hanspeter«, bittet Max ihn am Telefon, »kannst du mich sofort im Seerestaurant besuchen, bring einen leeren Posaunenkoffer mit und setz dich an den Tisch am Ausgang zur Küche. Du darfst bestellen, was du willst, musst nichts bezahlen, danach bringst du den Posaunenkoffer zu Gerdi.«
»Was soll das, bin ich dein persönlicher Paketausfahrer?«
»Ja, du wirst Gerdi ein kleines Geschenk bringen, über das sie sich sicherlich freuen wird«, kurz nachgedacht fügt er hinzu, »oder auch nicht.«
»Was soll das heißen?«, will Hanspeter wissen.
Pulsuz fraqment bitdi.