Kitabı oxu: «Zum Kontinent des eisigen Südens»

Şrift:

Erich Dagobert von Drygalski

(1865-1949) wurde in Königsberg geboren. Nach dem Studium der Geographie übernahm er die Leitung zweier Expeditionen der Berliner Gesellschaft für Erdkunde nach Grönland. Im Jahr 1898 wurde er zum Leiter der ersten deutschen Südpolarexpedition ernannt. Von 1901-1903 bereiste er mit der Gauß und seiner Besatzung die Antarktisregionen. Nach seiner Rückkehr arbeite er als Professor für Geographie in München, wo er 1949 starb.

Dr. habil Cornelia Lüdecke

(geb. 1954) ist Privatdozentin für Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Hamburg. Sie leitet die Expertengruppe für Geschichte der Antarktisforschung des Scientific Committee on Antarctic Research und ist korrespondierendes Mitglied der Académie International d’Historie des Sciences in Paris.

Zum Buch

„Es war ein gewaltiger Anblick, wie in dem hellen Licht Eisberge geisterhaft aus der Nacht emportauchten und vorüberzogen. Wer konnte wissen, ob nicht der nächste Berg das Schiff treffen und zerdrücken würde? Fieberhaft arbeiteten die Mannschaften (...). Um 3 Uhr morgens war es vollendet (...). Wir waren frei.“ Erich von Drygalski

Erich von Drygalski gehörte zu den anerkannten Koryphäen der Südpolarforschung, als ihm die Leitung der ersten Deutschen Antarktisexpedition anvertraut wird. Mit der Gauß verlässt die Expedition 1901 Kiel und dringt über Kapstadt und die Kergeulen bis zur Antarktis vor. Bis 1903 überwintert die Besatzung der zur Forschungsstation umfunktionierten Gauß.

Erich von Drygalskis Schiff Gauß Everlässt am 11. August 1901 Kiel und gelangt über Kapstadt und die Kergeulen bis zum Antarktischen Festland. Das Schiff bleibt hier fast ein Jahr im Eis stecken und wird kurzerhand zur Forschungsstation umfunktioniert: Die Reise wird so zu einem wissenschaftlichen Erfolg, deren geographische, zoologische und meteorologische Entdeckungen am Ende einen 20-bändigen Forschungsbericht abgeben werden.

DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER


Erich von Drygalski (Quelle: Gazert-Nachlass, Privatbesitz Gazert, Partenkirchen)

Erich von Drygalski

Zum Kontinent
des eisigen Südens
Die erste deutsche
Südpolarexpedition

1901 – 1903

Herausgegeben

von Cornelia Lüdecke


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2013

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: Auf dem Inlandeis, nordwestlich vom Gaußberg, Antarktis

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0350-2

www.marixverlag.de

Inhalt

Vorwort

Zum Kontinent des eisigen Südens

Mitglieder und Organisation

Der »Gauß« und seine Ausrüstung

Von Kiel nach den Kapverden

Im Südatlantischen Ozean

Kapstadt

Über die Crozetinseln nach den Kerguelen

Auf den Kerguelen

Über Heard Island zur Eiskante

Neues Land

Einrichtung der Winterstation

Die Station in Betrieb

Gaußberg und Inlandeis

Freuden und Leiden der Winternacht

Winterstürme und Frühjahrspläne

Die Frühjahrschlittenreisen

Antarktischer Sommer

Der Aufbruch des Eises

Die Drift im Scholleneis

Im Indischen Ozean; St. Paul und Neu-Amsterdam

In der Kapkolonie

Über St. Helena, Ascension und die Azoren nach Kiel

In der Heimat

Literaturverzeichnis

Vorwort

Endlich war es soweit, als am 11. August 1901 in Kiel auf dem Expeditionsschiff »Gauß« die Segel gesetzt wurden. Nach fast vierzigjährigen Bemühungen hatte Georg von Neumayer, Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg, sein Ziel erreicht, indem eine Forschungsexpedition zur Antarktis ausgesandt wurde. Keiner wusste damals, was sie dort erwartete. Neben ersten Kenntnissen von der Antarktischen Halbinsel lagen bislang nur wenige, völlig vereinzelte Küstensichtungen entlang des Südpolarkreises vor. Nachdem eine britische Expedition bereits am 31. Juli London mit dem gleichen Ziel verlassen hatte, und eine schwedische Expedition am 16. Oktober nach Süden folgte, waren die Erwartungen allseits hochgesteckt. Deutschland sollte als aufstrebende Seemacht unter Kaiser Wilhelm II. dem politischen Rivalen Großbritannien zeigen, dass es bei der Erforschung unbekannter Regionen Ebenbürtiges leisten könne.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Zeit reif, um den letzten weißen Flecken auf dem Globus, die »Terra australis incognita« zu erforschen. Neumayer war derjenige, der sich seit 1865 auf der ersten Geographentagung in Frankfurt/Main unermüdlich dafür einsetzte. Allerdings lag zu diesem Zeitpunkt die Erforschung der unbekannten Arktis buchstäblich näher, die vor allem von August Petermann eingefordert wurde, um seine These vom offenen Polarmeer zu verifizieren. Er initiierte die erste deutsche Nordpolar-Expedition, die 1868 die Gewässer zwischen Ostgrönland und Spitzbergen erforschte, weil die damaligen Eisverhältnisse an der grönländischen Küste keine Anlandung zuließen. Die Küste sollte aber unbedingt erreicht werden, sodass die nachfolgende Expedition 1869 mit zwei Schiffen aufbrach, um die unbekannte Ostküste nach einer vorgegebenen Instruktion soweit wie irgend möglich nach Norden zu verfolgen. Allerdings verloren sich beide Schiffe aus den Augen. Die »Hansa« wurde vom Eis zerdrückt, sodass die Mannschaft auf einer Eisscholle überwintern musste, die langsam an der Küste nach Süden driftete. Schließlich konnten sich Männer mit ihren Rettungsbooten zu einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine am Südzipfel Grönlands retten. Das zweite Schiff hatte von alldem nichts gewusst und gelangte zur Küste. Dort wurde der Kaiser-Franz-Josef-Fjord entdeckt und ein weiter Küstenabschnitt bis 77° N kartiert.

Die deutsche Südpolarforschung kam erst in der Osterwoche 1895 in Gang, als der 11. Deutsche Geographentag vom 17.–20. April in Bremen zusammentrat, um aktuelle Forschungsergebnisse und neue Projekte zu diskutieren. Neumayer eröffnete mit seinem Vortrag eine spezielle Sitzung, die sich der wissenschaftlichen Erforschung der Antarktis widmete. Zweiter Redner war der Berliner Geograph Erich von Drygalski, der zusammen mit dem dritten Redner Ernst Vanhöffen, einem Biologen, 1892–1893 in Grönland überwintert hatte, um die Bewegung des Inlandeises und kleinerer lokaler Gletscher zu untersuchen. Drygalski erläuterte die Probleme des Eises und die Aufgaben einer künftigen Südpolarforschung, während sein Freund Vanhöffen das biologische Interesse an dieser völlig unbekannten Region skizzierte. Die Sitzung verlief sehr erfolgreich, sodass anschließend unter Neumayers Vorsitz die Deutsche Kommission für Südpolarforschung (DKSF) mit dem Ziel gegründet wurde, eine deutsche Antarktisexpedition in die Wege zu leiten. Die erste Besprechung der Kommission fand noch in Bremen statt, drei weitere folgten in Berlin.

Ende Juli 1895 lud Sir Clements Markham, Präsident der Royal Geographical Society, Neumayer ein, während des VI. Internationalen Geographen-Kongresses in London einen Vortrag über die Südpolarforschung zu halten. Nach den Antarktisexpeditionen während des sogenannten magnetischen Kreuzzuges, als um 1840 unter der Leitung des Franzosen Jules Sébastian César Dumont d’Urville, des Amerikaners Charles Wilkes und des Briten James Clark Ross der Magnetpol auf der Südhalbkugel gesucht wurde, sowie den Robbenschlag- und Walfangexpeditionen seit den 1880er-Jahren sollte nun die wissenschaftliche Erforschung des Südpolargebietes wieder aufgenommen werden. Damals wusste man ja nicht einmal, ob die Antarktis ein mit Eis bedeckter Kontinent oder ein riesiges mit Eis gefülltes Atoll war. Beispielsweise bezeichneten die damaligen englischen Landkarten das Gebiet um den Südpol herum neutral mit »Antarctica«, während in deutschen Karten »Südliches Eismeer« oder »Unerforschtes Gebiet« geschrieben stand.

Der Kongress in London wurde ein wichtiger Meilenstein für die Polarforschung. Nur zu gerne berichtete Neumayer vor der internationalen Hörerschaft von den neuesten Entwicklungen in Deutschland und dem Plan, dass eine Expedition mit zwei Schiffen von den Kerguelen im Südindischen Ozean aus nach Süden vordringen solle. Außerdem betonte Neumayer die Vorteile einer internationalen meteorologisch-magnetischen Kooperation nach dem Vorbild des Internationalen Polarjahres, als vom Sommer 1882 bis Sommer 1883 zehn Nationen am Rande des Arktischen Ozeans zwölf Beobachtungsstationen für die Dauer von dreizehn Monaten eingerichtet hatten und deren Ergebnisse inzwischen vorlagen. Wissenschaftlich gesehen lag es auf der Hand, dass man ein so großes Gebiet wie die Antarktis nicht mit einer Expedition allein erforschen könnte. Im politischen Zusammenhang durfte aus britischer Sicht eine solche prestigeträchtige Unternehmung nicht anderen Nationen überlassen werden, und schon gar nicht einer aufstrebenden und rivalisierenden Seemacht, wie es Deutschland seinerzeit war. Durch Neumayers Ausführungen versprach sich Markham Unterstützung seiner eigenen Pläne, eine britische Expedition auszurüsten. Sein Plan ging auf, denn die anwesenden Geographen boten Hilfeleistung, indem sie folgende Resolution beschlossen:

»Der zu London 1895 versammelte VI. internationale geographische Kongress hält die Erforschung der antarktischen Regionen für das bedeutendste der noch zu lösenden geographischen Probleme und empfiehlt, in Anbetracht der aus derselben voraussichtlich für alle Disziplinen entstehenden Vortheile, dass die verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften der ganzen Welt auf dem ihnen am wirksamsten erscheinenden Wege danach streben, diese Aufgabe vor Schluss des 19. Jahrhunderts gelöst zu sehen.«

Allerdings war das britische Engagement zunächst sehr zögerlich. Auch das DKSF kam nicht recht voran, weil der Umfang der Expedition hinsichtlich der Anzahl der Schiffe und der Beschaffung der erforderlichen Geldmittel noch nicht festgelegt werden konnte, denn Neumayers vehemente Forderung von zwei Schiffen trieb die Kosten ums Doppelte nach oben. Die zweite deutsche Nordpolar-Expedition hatte jedoch gelehrt, dass ein zweites Schiff keineswegs die sichere Heimkehr aller Beteiligten garantierte. Schließlich wollte ein Aktionskomitee, das auf der fünften Sitzung der DKSF in Jena (1896) gegründet wurde, die konkrete Suche nach Sponsoren in die Hand nehmen.

Im August 1896 meldeten Schlagzeilen, dass der Norweger Fridtjof Nansen, der 1893 an Bord der »Fram« in Richtung Nordpol aufgebrochen war, gesund heimgekehrt sei. Die »Fram« war planmäßig im Eis eingefroren und nach Norden gedriftet, aber nicht weit genug, sodass Nansen zusammen mit dem Seemann Hjalmar Johansen das Schiff verließ, um mit Schlitten und Kajak zum Pol zu gelangen. Sie mussten jedoch bei 86° 04' N umkehren und auf Franz-Josef-Land überwintern, wo sie schließlich von Frederick Jacksons Expedition (1895–1897) gerettet wurden. Inzwischen war die »Fram« wieder freigekommen und gelangte in derselben Woche nach Tromsø zurück wie auch Nansen.

Im darauffolgenden Jahr brach die belgische Expedition (1897–1899) unter der Leitung von Adrien de Gerlache de Gomery auf, um einen Beitrag zur Lösung der Millenniumsaufgabe der Geographen zu leisten. Er hatte den polarerfahrenen Arzt Frederick Cook an Bord, der 1891–1892 Robert Peary nach Nordgrönland begleitet hatte. Gerlaches Expedition wird nach der Erforschung der Antarktischen Halbinsel überraschend westlich von Graham Land vom Eis festgesetzt und muss dann als erste in antarktischen Gewässern überwintern.

Als die DKSF am 19. Februar 1898 in Leipzig ein letztes Mal tagte, wurde Drygalski schließlich zum Expeditionsleiter ernannt, der ab sofort die konkrete Planung der Südpolarexpedition in die Hand nehmen sollte. Erst drei Tage zuvor wurde er unter Vorlage der Ergebnisse seiner Grönlandexpedition in Berlin habilitiert und hatte dadurch die äußerliche akademische Befähigung erlangt, eine so kostenträchtige Expedition ins Ungewisse zu leiten. Als deutsches Prestigeobjekt konnte sie ja nicht von einem jungen, erst 33-jährigen »Dr.« geleitet werden. Die Teilnehmer der beiden Nordpolarexpeditionen kamen dafür nicht mehr in Frage, und sonst gab es keine Persönlichkeit in Deutschland, die genügend Polarerfahrung mitbrachte. Neumayer zog sich nun von der Planung zurück und überließ dem rund vierzig Jahre jüngeren Expeditionsleiter die weitere Organisation, wobei anfangs noch manche Diskussionen auszufechten waren. Drygalski wurde jedoch volle Handlungsfreiheit gewährt, sodass er zunächst die Verwendung nur eines Schiffes durchsetzte, auf die er seinen Kostenplan abgestimmte. Drygalskis Kostenvoranschlag sah außer dem Bau des ersten deutschen Polarforschungsschiffes »Gauß« auch eine erdmagnetisch-meteorologische Basisstation auf den Kerguelen im Südindischen Ozean vor. Daneben sollte ein kleiner Beitrag für die zusätzliche erdmagentisch-seismologische Station auf Samoa geleistet werden, die von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, dem Reich und dem preußischen Staat geplant wurde.

Sowohl Friedrich Graf von Baudissin vom Reichsmarineamt als auch Dr. Friedrich Schmidt vom Königlich Preußischen Kultusministerium, die schon an der Planung und Organisation der Deutschen Tiefsee-Expedition mit der »Valdivia« (1898–1899) beteiligt waren, setzten sich nun auch von Amts wegen für die Expedition ein.

Mittels einer Immediateingabe an S. M. Kaiser Wilhelm II. sollten im Juli 1898 maßgebende Kreise des Deutschen Reichs für die Ausrüstung einer Südpolarexpedition interessiert werden. Die Zeit drängte, denn gerade war eine private britische Antarktisexpedition (1898–1900) unter der Leitung des Norwegers Carsten Borchgrevink aufgebrochen, um erstmals auf antarktischem Boden bei Kap Adare im Victoria Land zu überwinterten. Deutschland sollte aber unbedingt bei der Wiederaufnahme der antarktischen Forschungen mit vertreten sein, galt sie doch der letzten Region der Erdkugel, die noch nicht unter den Großmächten aufgeteilt war. Durch eine große Werbeveranstaltung im Krollschen Theater zu Berlin, zu der Drygalskis Doktorvater und Mentor Ferdinand Frhr. von Richthofen als Präsident der Berliner Gesellschaft für Erdkunde und Prinz Arenberg von der Deutschen Kolonialgesellschaft am 16. Januar 1899 eingeladen hatten, konnten etliche Mitglieder des Reichstags für die Aussendung einer Expedition in die unbekannte Südpolarregion gewonnen werden, denn sie passte gut in den Kontext der auf Expansion ausgerichteten Kolonialpolitik und des Ausbaus der Überseegebiete.

Der persönlichen Initiative des Staatsministers des Reichsamts des Innern, Dr. Graf von Posadowsky-Wehner, ist es zu verdanken, dass im April 1899 1,5 Mio. Mark für die Entsendung einer Expedition im Jahr 1901 bereitgestellt wurden. Aus politischer Sicht galt es, bei der Erforschung der Antarktis nicht zurückzubleiben, denn es handelte »sich um eine nationale Pflicht bei einer internationalen Aufgabe«, »wo Deutschland nicht zurückbleiben dürfe.« (Drygalski 1904, S. 9). Nationale Argumentationen waren damals an der Tagesordnung, als die deutsche Flotte rasant auf- und ausgebaut wurde mit dem Ziel, die Kolonialpolitik zu stützen und ein ernsthafter Rivale der britischen Seemacht zu werden. Unter diesem Gesichtspunkt würde eine erfolgreiche deutsche Expedition durch herausragende Leistungen in Wissenschaft und Seemannschaft das Ansehen im Ausland weiter heben.

In England waren die Vorbereitungen längst nicht so weit fortgeschritten. Erst mit Datum vom 22. April 1899 verschickte Markham einen Spendenaufruf zur Unterstützung der National Antarctic Expedition. Viel Zeit für die Einleitung konkreter Maßnahmen war ihm nicht mehr gegeben, denn vom 28. September bis 4. Oktober 1899 sollte in Berlin unter Richthofens Leitung der VII. Internationale Geographenkongress stattfinden, auf dem wiederum eine ganze Sektion der Polarforschung gewidmet war. Hier bekam Markham die Gelegenheit, seine Ideen über ein gemeinsames Vorgehen in der Antarktis zu präsentieren. Gemäß den damals vorherrschenden imperialistischen Vorstellungen teilte Markham die unbekannte Region um den Südpol in vier Quadranten ein, wobei England aufgrund seiner früheren Forschungsaktivitäten der Victoria- und Rossquadrant auf der australischen Seite zwischen 90° W bis 90° W als Arbeitsgebiet zufielen und Deutschland der Weddell- und Enderbyquadrant auf der Seite von Kap Horn und Kap der Guten Hoffnung zwischen 90° O bis 90° W. Man verständigte sich darauf, dass England die pazifische Seite und Deutschland die indisch-atlantische Seite übernahm, damit die gegenseitige Ergänzung beider Expeditionen in wissenschaftlicher Hinsicht aufs Beste gewährleistet sei. Diese nationalistisch geprägte Aufteilung der Arbeitsgebiete wurde von den Wissenschaftlern, ohne zu hinterfragen, als notwendig akzeptiert.

Anschließend ging Drygalski auf seinen Expeditionsplan ein und erläuterte das Arbeitsprogramm. Nach den Vorträgen gab es eine wohlwollende Diskussion, an der sich namhafte Persönlichkeiten mit zahlreichen Anregungen beteiligten. Unter anderem empfahl Nansen aufgrund seiner Erfahrungen während der »Fram«-Drift, dass Drygalskis Expedition nicht mit zu viel Forschungsaufgaben überschüttet werden solle. Wenn man zu viel Verschiedenes erforschte, würde die Arbeit nicht genau genug gemacht. Es sollten stattdessen mehrere Expeditionen ausgesendet werden, die kleinere Gebiete bearbeiteten. Als einziger Streitpunkt ergab sich im Meinungsaustausch die unterschiedliche Auffassung über die Mitnahme von Hunden, die von Markham kategorisch abgelehnt, von Drygalski jedoch befürwortet wurde. Als es keine Wortmeldungen mehr gab, legte Drygalski mit dem folgenden Antrag den Grundstock für die Verwirklichung einer internationalen Kooperation nach dem Vorbild des Polarjahres:

»Der Kongress nimmt von der für die Erforschung des Südpolargebiets in den erstatteten Berichten vorgeschlagenen Arbeitstheilung Kenntniss und theilt die Erwartung, dass dadurch eine zweckmäßige Grundlage für die internationale Kooperation bei den physisch-geographischen, geologischen, geodätischen und biologischen Forschungen gegeben ist. Für die meteorologisch-magnetischen Arbeiten erklärt der Kongress nähere Vereinbarungen für wünschenswerth und ernennt dazu eine internationale Kommission, deren Aufgabe es ist:

1. den Umfang und die Forschungsmittel für die magnetisch-meteorologischen Arbeiten der Expeditionen selbst zu erörtern;

2. die Organisation gleichzeitiger und korrenspondirender Beobachtungen an geeigneten Orten ausserhalb des Südpolargebietes zu erwirken.«

Durch die Verabredung einer koordinierten Erforschung der Antarktis wurden die jahrzehntelangen Bestrebungen der darüber gealterten Protagonisten Neumayer (1826–1909) und Markham (1830–1916) endlich von Erfolg gekrönt. Beide ähnelten sich sehr, denn sie gehörten einer älteren Generation an, deren Vorstellungen in Bezug auf die Ausrüstung von Polarexpeditionen nicht mit der Zeit gegangen waren. Markham plante eine traditionelle Marineexpedition unter der Leitung eines jungen Offiziers, der sowohl über das Schiff als auch über die Expedition an Land das Kommando hätte. In Deutschland wurde eine besondere Lösung geschaffen, indem die Expedition unter der Flagge des Reichsministeriums des Innern segeln sollte und Drygalski als Vertreter des Deutschen Reiches absoluter Expeditionsleiter würde, dem auch der Kapitän unterstellt sei, soweit nicht Schiff und Mannschaft in Gefahr wären. Unter diesen Vorgaben liefen die Vorbereitungen weiter.

Am 24. März 1900 informierte William Speirs Bruce (1867–1921) Drygalski, dass er dabei sei, unter der Schirmherrschaft der Scottish Geographical Society eine Scottish National Antarctic Expedition vorzubereiten und dass er mit der britischen und deutschen Expedition zu kooperieren wünsche. Bruce hatte schon im Südsommer 1892/93 auf einem Walfänger die Nordspitze der Antarktischen Halbinsel kennengelernt und während seiner Überwinterung auf Franz-Josef-Land (1896/97) als Mitglied der Jackson-Harmsmith-Expedition (1894–1897) wertvolle Polarerfahrung gesammelt.

Im selben Monat wurde das britische Polarschiff »Discovery« von den Dundee Shipbuilders auf Kiel gelegt und schließlich am 30. Juni 1900 der Marineoffizier Robert Falcon Scott (1868–1912) offiziell zum britischen Expeditionsleiter bestellt. Weitere Expeditionsmitglieder waren Leutnant Albert Armitage als Navigator, der während Jacksons Expedition astronomische, meteorologische und magnetische Beobachtungen durchgeführt hatte, und der Arzt Reginald Koettlitz als Botanist und Bakteriologe, der die Expedition auf Franz-Josef-Land vor Skorbut bewahrt hatte. Beide waren versierte Hundeschlittenführer und Skifahrer und verfügten durch ihre Überwinterung in der Arktis bei 80° N über unschätzbare Erfahrungen, auf die Scott bei Bedarf zurückgreifen konnte.

Drygalski hatte die Fähigkeit zu delegieren, sodass er ab April 1900 sukzessive Wissenschaftler und Schiffsoffiziere in die konkreten Vorbereitungen einspannte. Nachdem die deutsche Expedition nicht nur eine vielversprechende neue Route beschreiten sollte, sondern auch wissenschaftliches Neuland, mussten erst gewisse Grundlagen dafür geschaffen werden. Zunächst arbeitete sich der Arzt Hans Gazert in bakteriologische Studien ein, die durch den Begründer der modernen Bakteriologie, Robert Koch, ein aktuelles Forschungsgebiet war. Außerdem kümmerte sich Gazert um den Proviant und die sportliche Ausrüstung. Friedrich Bidlingmaier studierte am Meteorologisch-magnetischen Observatorium auf dem Telegrafenberg bei Potsdam die neuesten Messmethoden. Daneben stellte er das Programm für die Internationale Meteorologische Kooperation vom 1. Oktober 1901 bis 31. März 1903 auf, in dem festgelegt wurde, dass um 12 Uhr mittags GMT Luftdruck, Lufttemperatur, Windrichtung und -geschwindigkeit, Art und Stärke der Bewölkung, sowie die Zugrichtung der Wolken in ein eigens für diesen Zweck angefertigtes Büchlein eingetragen werden sollten. Hierzu wurde auch die Mitwirkung deutscher Kriegs- und Handelsschiffe, die südlich von 30° S unterwegs waren, veranlasst. Das Messprogramm der Internationalen Magnetischen Kooperation betraf nur die Antarktisexpeditionen, die zwischen 1. Februar 1902 und 28. Februar 1903 nach einem vorgegebenen Schema gleichzeitige Messungen durchführen sollten. Dafür konnte auch die argentinische erdmagnetisch-meteorologische Station auf Staten Island im südlichen Feuerland gewonnen werden. Der Geologe Philippi hingegen reiste im Sommer 1900 zur Einarbeitung in Tiefseeablagerungen nach Schottland und im Herbst zur Vorbereitung des chemisch-ozeanographischen Messprogramms nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Vanhöffen studierte für Fischereizwecke neue Einrichtungen in Dänemark und Norwegen und bestellte in Christiania (heute Oslo) mit Nansens Beihilfe Schneeschuhe (d. h. Skier), Schlitten, Hundegerät und weitere Polarausrüstung. Außerdem erhielten die beiden Matrosen Noack und Wienke zur Unterstützung der Biologen am Museum für Naturkunde in Berlin eine Ausbildung zum Präparieren von Vögeln und Säugetieren.

Indessen nahm die Nautische Abteilung des Reichmarineamts den Bau des Polarforschungsschiffes »Gauß« als Dreimast-Marssegelschoner mit Hilfsmotor in den Howaldtswerken in Kiel in die Hand und überwachte die Fortschritte. Der designierte Kapitän des »Gauß«, Hans Ruser, wurde ab Oktober 1900 hinzugezogen, während der ältere Zweite Offizier im Mai und der Obermaschinist im Januar 1901 hinzutraten. Die ersten Seemänner wirkten ab April beim Bau der vorgefertigten Stationshäuser mit. Außerdem nahm Ruser an einer Reise in das nördliche Eismeer teil, um arktische Eisverhältnisse kennenzulernen. Auf einer Fahrt an Bord des norwegischen Fischereidampfers »Michael Sars« studierte er die neuesten Fischereieinrichtungen. Der erste und Zweite Offizier erhielten einen zusätzlichen astronomisch-magnetischen Kurs, damit sie sich während der Überwinterung an den wissenschaftlichen Arbeiten beteiligen konnten. Es sollten nämlich möglichst wenig Wissenschaftler mitgenommen werden, damit auch für das Schiffspersonal während der langen Winternacht, wenn es voraussichtlich keine Schiffsbewegungen gab und die seemännischen Aufgaben entsprechend entfielen, genügend Arbeit vorhanden war. Diese Ansicht war Drygalskis Überwinterung in Grönland geschuldet, die gezeigt hatte, dass viel Arbeit einen davon abhält, in der dunklen Zeit fern der Heimat Trübsal zu blasen.

Die Mitglieder der Kerguelenstation bereiteten sich unabhängig von der Hauptexpedition vor. Karl Luyken ging zur magnetischen Fortbildung ebenfalls nach Potsdam, während der Apotheker Emil Werth dort für den Zeitdienst zur Synchronisation der meteorologischen und magnetischen Messungen am astrophysikalischen Observatorium und für den biologischen Teil seiner Aufgaben in Kiel ausgebildet wurde. Außerdem ließ er sich in die medizinischen Grundlagen einführen, um auf den Kerguelen als Arzt fungieren zu können. Die meteorologischen Vorbereitungen wurden zunächst von Franz Warthmann getätigt. Auf seinen Posten wurde aber kurzfristig im August 1901 Josef Enzensperger berufen, der gerade als erster Meteorologe allein mit seinem Hund in der Wetterstation auf dem Gipfel der Zugspitze überwintert hatte.

Die Organisation der Expedition geschah in Berlin. Dort liefen alle Fäden aus Kiel, wo die Ausrüstung des Schiffes vor sich ging, und aus Potsdam, wo die Stationshäuser und Observatorien vorgefertigt wurden, zusammen. Bei der Auswahl der Instrumente und der Einübung in ihren Gebrauch gaben die Königlich Preußischen Institute auf dem Telegrafenberg großzügige Unterstützung. Des weiteren half die Königlich Preußische Luftschifferabteilung bei der Ballonausrüstung, die zum Rekognoszieren aus der Höhe mitgenommen werden sollte. Drygalski vermerkte mit gewissem Stolz, dass fast die gesamte wissenschaftliche Ausstattung in Deutschland beschafft werden konnte.

Über die Reiseroute der Expedition herrschte von Anfang an Klarheit, da Neumayer schon in seinen ersten Vorträgen die Anreise über die Kerguelen propagiert hatte. Von diesem Stützpunkt aus könne man sehr gut zum vorgesehenen Arbeitsgebiet in Termination Land, das am Südpolarkreis gesichtet worden war, vordringen. Vielleicht gab es dort sogar einen Meeresarm, der über dem Südpol hinweg mit dem tiefen Einschnitt des Weddellmeeres verbunden war? Dann könnte sich auch im antarktischen Ozean ein Schiff wie Nansens »Fram« einfrieren lassen und mit dem Eis zum Südpol driften. Meeresströmungen südlich der Kerguelen hatten eine solche Möglichkeit angedeutet. Aus diesem Grund bekam der »Gauß« (man hatte damals beschlossen, das Expeditionsschiff – ein Schoner – als männlich zu betrachten) nach dem Vorbild der »Fram« ebenfalls einen rundlichen und mit besonders hartem Holz verstärkten Rumpf, damit er bei starken Pressungen keine Angriffsfläche bot, sondern über das Packeis emporgehoben würde. Die weitere Ausrüstung der Expedition orientierte sich an Drygalskis Grönlanderfahrungen. Als Fortbewegungsmittel für die Landexpedition sah er deshalb Hundeschlitten vor und für die Reisenden Fellkleidung, die zudem in der Antarktis jederzeit ergänzt werden konnte. Nicht umsonst nahm er den norwegischen Eislotsen Paul Björvig mit, der sich nebenbei sehr gut auf das Präparieren und Weiterverarbeiten von Fellen verstand. Die Hunde waren zudem nicht nur als Zugtiere unverzichtbar, sondern während der langen Winternacht auch als Haustiere mit ihrem putzigen Nachwuchs, dem entsprechend viel Zuneigung entgegengebracht wurde. Außerdem sah Drygalski für jedes Expeditionsmitglied einen Platz in einem neuartigen hölzernen Einer- oder Zweierkajak vor, falls der »Gauß« bei einer möglichen Drift im Eis verlassen werden musste, um sich damit über offenes Wasser zwischen den Eisschollen auf eine der bisher bekannten Landsichtungen retten zu können. Die Expedition hatte bei ihrer Ausfahrt genügend Proviant und Ausrüstung für zwei Überwinterungen an Bord und die Wissenschaftler waren hoch motiviert, um nach Drygalskis »Prinzip der Freiheit« ohne die früher üblichen detaillierten Instruktionen ihre Forschungen nach eigenen Gesichtspunkten »im Rahmen des Ganzen« zu betreiben (Drygalski 1904, S. 51f). Es war die letzte Expedition ihrer Art, die noch ganz dem Humboldt’schen Forschungsideal verbunden war, alles von allen Richtungen her zu untersuchen. Spätere Expeditionen spezialisierten sich in ihren Aufgaben immer mehr.

Nachdem Drygalski und Scott schon längst unterwegs waren, brach auch die private schwedische Expedition unter der Leitung von Otto Nordenskjöld (1869–1928) an Bord der »Antarctic« auf, um die Antarktische Halbinsel zu erforschen. Während die Landgruppe auf Snow Hill Island überwinterte, hielt sich die »Antarctic« zum Robbenfang in nördlicheren Regionen auf. Als die Landgruppe am Ende des Winters abgeholt werden wollte, wurde das Expeditionsschiff jedoch vom Eis festgesetzt und schließlich zerdrückt, sodass es im Weddellmeer versank. Glücklicherweise konnten alle Expeditionsmitglieder im November 1903 von dem argentinischen Marineschiff »Uruguay« gerettet werden.

Als der »Gauß« am Südpolarkreis keineswegs auf einem Meeresstrom zum Südpol gelangte, sondern am Polarkreis bei 66° S ortsfest eingefroren wurde, machten sich die umsichtigen Vorbereitungen bezahlt. Damals gehörten Drygalski und Vanhöffen neben Armitage, Koettlitz, Bruce, Cook, und Björvig zu den einzigen Personen, die teilweise mehrfach in der Arktis überwintert hatten und über vielfältige Erfahrungen verfügten. So ließ Drygalski den Speiseplan durch Frischfleisch von Robben und Pinguinen ergänzen, was als Antiskorbutmittel wesentlich zur guten Gesundheit der »Gauß«-Männer beitrug. Das Ausbringen von dunklem Material zur Schnee- und Eisschmelze, um den »Gauß« zu befreien, war eine geniale Anwendung von Beobachtungen auf grönländischen Gletschern. Armitage und Koettlitz hingegen konnten ihre besonderen Kenntnisse bei Scott weniger einbringen, weil sie nicht wie Drygalski oder Bruce die Position des Expeditionsleiters innehatten. Drygalski verstand es auch, alle Männer während des Winters zu beschäftigen. Die sinnlosen Versuche, das Schiff durch Hacken, Sägen und Sprengungen freizubekommen, dienten nebenbei ja auch dazu, den Männern an der frischen Luft Arbeit zu geben.

In seinem Reisebericht stellte Drygalski respektvoll jedes Expeditionsmitglied vor, auch wenn es sich nur um einen Heizer handelte, denn jeder hatte in seinem Bereich zum Gelingen der Expedition beigetragen. Wenn er besondere Fähigkeiten zeigte, wurden sie ebenfalls genutzt, unabhängig von Rang und Ausbildung. Beispielsweise erwies sich der 19-jährige blinde Passagier Lennart Reuterskjöld als Glücksfall, der sich hervorragend als Bidlingmaiers Assistent für die diffizilen magnetischen Messungen eignete. Zudem legte Drygalski eine natürliche Autorität an den Tag, der sich alle bereitwillig unterwarfen. Nur das Verhältnis zum Kapitän war wegen der besonderen Machtverhältnisse etwas komplizierter. Es gab zwar sogenannte »Stimmungen« an Bord, insbesondere als man nicht wusste, ob das Schiff nach einem Jahr der Gefangenschaft im Eis wieder freikäme, aber es gelang Drygalski immer, durch geeignete gemeinsame Feste die Stimmung wieder anzuheben. Daneben wurde auch etwas für die Fortbildung der Männer getan, indem verschiedene Vorträge zu wissenschaftlichen und technischen Themen aus dem Umkreis der Expedition gegeben wurden. Zur Abwechslung konnten die Expeditionsmitglieder in ihrer Freizeit auch kleinere Schlittenreisen durchführen. So wuchsen die »Gauß«-Männer immer mehr zusammen. Nicht nur unter den Wissenschaftlern wie Drygalski, Gazert und Bidlingmaier entstanden lebenslange Bindungen, sondern beispielsweise auch zwischen Gazert und dem Steward Besenbrock.

Nach 52 Wochen kam der »Gauß« endlich wieder frei und nahm Kurs auf das nächste Telegrafenamt in Südafrika, um mit dem Bericht über die erfolgreiche Expedition die Aussendung einer Hilfsexpedition nach dem 1. Juni 1903 zu verhindern. Außerdem wollte Drygalski nach einem Wechsel in der Mannschaft mit neuen Instrumenten ein zweites Mal nach Süden vordringen.

Ohne dass Drygalski in der Antarktis davon erfahren konnte, war die Internationale Meteorologisch-magnetische Kooperation inzwischen um ein weiteres Jahr bis 1904 verlängert worden, weil es die Aussicht gab, noch mehr gleichzeitige Messdaten aus dem Süden zu erhalten. Die ozeanographisch ausgerichtete Scottish National Antarctic Expedition war nämlich erst 1902 in das Weddellmeer aufgebrochen und überwinterte 1903 auf Laurie Island, einer der Südorkney Inseln. Dort unterhielt sie für ein Jahr eine Wetterstation, die anschließend dem argentinischen Wetterdienst übergeben wurde und nun die längste Aufzeichnung von Wetterdaten aus der Subantarktis liefert. Zusätzlich war eine unabhängige Basisstation auf Cape Pembroke, Falkland Islands tätig. Außerdem musste die britische Expedition nochmals überwintern, weil die »Discovery« im Rossmeer immer noch vom Eis festgesetzt war. Schließlich war auch eine französische Expedition unter der Leitung von Jean-Baptiste Charcot (1867–1936) zur Antarktischen Halbinsel unterwegs, um dort ein umfassendes Forschungsprogramm durchzuführen. Hätte Drygalski von der Verlängerung der Messperiode gewusst, wäre er vielleicht nicht nach Kapstadt gesegelt, sondern hätte gleich seine Forschungen weiter westlich fortgesetzt.

In der Zwischenzeit hatte das Entsatzschiff »Morning« Scott nicht nur neuen Proviant und Ausrüstung geliefert, sondern neben einigen abgeschobenen Expeditionsteilnehmern wie Ernest Shackleton auch die Nachricht mit heimgebracht, dass Scott am 30. Dezember 1902 bis auf 82° 17' S vorgedrungen sei. Aufgrund dieser Mitteilung wurde über Drygalskis Expedition in Abwesenheit das Urteil gefällt. Kaiser Wilhelm II. war zutiefst enttäuscht, denn der politische Rivale hatte die britische Flagge in die Nähe des Südpols gesetzt, während der eigene Vertreter es nur bis zum Polarkreis geschafft hatte. Dass dort aber ein Jahr lang hervorragende Beobachtungen durchgeführt und Sammlungen angelegt worden waren, spielte hierbei überhaupt keine Rolle, da sie ja erst noch jahrelang ausgewertet werden mussten. Aber nahe dem Südpol eine Stecknadel in das Weiß einer Landkarte zu stecken, war ein unschlagbares Argument für den geographischen Erfolg einer Entdeckungsfahrt.

Drygalski selbst hatte nie zum Südpol gelangen wollen und hätte ihn von seinem Ausgangspunkt bei 66° S auch gar nicht so leicht erreichen können wie Scott, dessen Winterlager auf der Ross Insel bei 77° 51' S dem Pol wesentlich näher lag. Auch war Drygalski zu sehr Wissenschaftler, als dass er kontinuierliche systematische Untersuchungen zugunsten langer Schlittenreisen auf einer eintönigen eisigen Hochebene unterbrochen hätte, die keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn erwarten ließen. Aber allein schon der Name »Südpolarexpedition« implizierte für jeden den Südpol als Ziel der Unternehmung. Auch die zum weiteren Gelderwerb produzierten Grußpostkarten mit der Inschrift »Deutsche Südpolar-Expedition« wirkten in diese Richtung. Eine der Postkarten zeigte sogar eine Boje, auf deren Fähnchen »Zum Südpol« stand. Es wundert nicht, dass alle erwarteten, Drygalski würde hohe Breiten anstreben. Als dies nicht geschah, wurde die Expedition wie eine heiße Kartoffel mit dem Urteil fallen gelassen, dass ja nichts dabei herausgekommen sei. Offiziell wurde Drygalski wegen mangelnder Geldmittel die Heimreise und damit der Abbruch aller weiteren Expeditionspläne befohlen. In seiner Reisebeschreibung reflektierte er ausführlich über alle wichtigen Entscheidungen und seine Beweggründe dafür, um insbesondere darzustellen, dass die Kerguelenroute, die ihn zur Überwinterung am Polarkreis gezwungen hatte, nicht seine Idee gewesen sei. Den Ausführungen im letzten Kapitel seines Buches ist deutlich zu entnehmen, dass er von der fehlenden Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung seiner Expedition sehr enttäuscht war. Davon abgesehen gab er noch Verbesserungsvorschläge für ozeanographische Messmethoden und die Ausrüstung für Untersuchungen in polaren und tropischen Gewässern, damit spätere Expeditionen auf seine Erfahrungen zurückgreifen konnten.

1904 bezog Drygalski in kleines Büro im Gebäude des Reichsministeriums des Innern in Berlin, wo er mit der Organisation der Auswertung begann. Insgesamt kümmerten sich 16 Wissenschaftler um die astronomischen, geographischen, geologischen, magnetischen, medizinischen, meteorologischen und ozeanographischen Daten, während sich 89 Wissenschaftler den biologischen Sammlungen widmeten. 1906 wechselte Drygalski von Berlin nach München, wo er der erste Lehrstuhlinhaber für Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität wurde. Er schaffte es, trotz mehrerer Regierungswechsel und der vierjährigen Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg immer wieder, Geld für die Herausgabe der Ergebnisse vom Reichsministerium des Innern zu erhalten. 1932, gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Regierungswechsel, wurde das Südpolarwerk bestehend aus zwanzig Bänden und zwei Atlanten beendet.

Ursprünglich waren zehn Textbände vorgesehen und zwei Atlanten für die meteorologischen und erdmagnetischen Karten. Statt der zwei geplanten Bände für die Zoologie wurden insgesamt zwölf Bände publiziert, um die 4030 gesammelten Arten zu beschreiben, darunter 1470 neue Arten. Man war völlig überrascht, dass es bei den tiefen Temperaturen im Polarmeer so viel Leben gab. Vanhöffen wollte noch den ersten Vergleich zwischen arktischer und antarktischer Fauna und Flora anstellen, aber leider wurde dieses Projekt durch seinen Tod im Jahr 1918 verhindert. Als Gazert 1914 den Bericht über die Beriberifälle auf den Kerguelen herausgab, konnte er den Vitamin-B Mangel als richtige Ursache nennen, weil zwei Jahre zuvor das Beriberi-Vitamin (Vitamin-B) entdeckt worden war. Die Ergebnisse der Internationalen Meteorologischen Kooperation wurden ab 1909 publiziert. Für die Bearbeitung der meteorologischen Daten lagen aus der gesamten Messperiode von 913 Tagen 100 000 Datensätze mit etwa 600 000 Einzelbeobachtungen von allen verfügbaren Stationen vor. Aus der Analyse der Luftdruck- und Temperatur- und Winddatendaten konnte die mutmaßliche Höhe des antarktischen Kontinents zu 2000 ± 200 m abgeschätzt werden. Für die verschiedenartigen synoptischen Wetterkarten des meteorologischen Atlasses mussten ohne Computer aus allen Luftdruckwerten 913 Tagesmittelwerte, 30 Monatsmittelwerte, acht saisonale Mittelwerte und zwei Jahresmittelwerte berechnet werden. Diese Wetterkarten kamen ab 1911 heraus und sollten der Seewarte in Hamburg dazu dienen, die Zugbahnen der südpolaren Tiefdruckgebiete für den Seeweg um Kap Hoorn besser vorhersagen zu können. Durch Eröffnung des Panamakanals verloren die Karten jedoch an Bedeutung. Die Beobachtung der Südlichter bestätigte den Zusammenhang mit den kurzperiodischen Störungen des Erdmagnetfeldes. Zudem entwickelte Bidlingmaier auf der Rückreise einen Doppelkompass zur Bestimmung der Horizontal-Intensität des Erdmagnetfeldes, der 1928 auf dem Luftschiff »Italia« bis zu seinem Absturz östlich von Spitzbergen und 1930 auf dem LZ 127 »Graf Zeppelin« während der Expedition in die russische Arktis Verwendung fand. Drygalski zeigte, dass die von ihm bestätigte Romanchetiefe die Mittelatlantische Schwelle (heute Mittelatlantischer Rücken) durchbrach und dort vom Brasilianischen Becken kaltes antarktisches Bodenwasser über das Nordafrikanische Becken nach Norden gelangte. Seine ozeanographischen Untersuchungen ergaben ein erstes Bild von der Wasserzirkulation im Südindischen Ozean und er bewies, dass der Meeresstrom über dem Südpol eine Illusion war. Mit seinen Temperaturmessungen in Eisbergen war Drygalski seiner Zeit weit voraus, denn sie wurden erst 1984 in der kanadischen Arktis wieder aufgenommen. Die an der Küste nahe des Gaußberges gemessene Bewegung des Inlandeises in Richtung Meer betrug fast 12 m pro Monat. Schließlich deutete die Entdeckung des Gaußberges auf dem Kontinentalsockel an, dass dort festes Land vorhanden war und auch in der südindischen Region der Antarktis Vulkane existierten. Heute stellt der Gaußberg als eingemessene Höhenmarke einen idealen Indikator für die Bestimmung der Zu- oder Abnahme des Inlandeises zur Beurteilung der Klimaänderung in der Ostantarktis dar, die es zu nutzen gilt.

Auf dem XV. Deutschen Geographentag in Danzig wurden 1905 die vorläufigen Ergebnisse der Südpolarexpedition präsentiert. Drygalski wies am Ende seines Vortrages darauf hin, dass die Durchführung der Expedition ihrem früher allgemein gebilligten Plan entsprach. »Nicht zu sportlichen Leistungen und nicht, um Sensationen zu erregen, sind wir in die Antarktis gezogen, sondern zum Nutzen der Wissenschaft … eine Pflege der verschiedenen Zweige des Wissens, ihre gegenseitige Berührung und ihre Anwendungen auf die Praxis war unser Zweck.« Andere sahen dies auch so und gaben der Expedition später wegen ihrer umfassenden Untersuchungen den Titel »Universitas Antarctica«.

Was ist von dieser Expedition geblieben? Nachdem in der Antarktis keine feste Station eingerichtet werden konnte, zeugt nur ein Steinmann am Gaußberg von der Anwesenheit einer deutschen Expedition. Die Relikte der Basisstation in der Baie de l’Observatoire auf den Kerguelen wurden im Südsommer 2006/2007 von der Mission du Patrimoine des Territoire des Terres Australes et Antarctiques Françaises (TAAF) im Rahmen der archäologischen Ausgrabung »ArchæObs« detailliert untersucht, um etwas mehr über die Kurzzeitbesiedelung dieser Region in Erfahrung zu bringen. Der »Gauß« wurde 1904 nach Kanada verkauft und unter dem Namen »Arctic« in der kanadischen Arktis bis nach Grönland eingesetzt. 1927 wurde das Schiff ausgeschlachtet und im St. Lorenzstrom dem Zerfall überlassen.

Drygalskis Name ziert heute einen Fjord auf Südgeorgien, einen Gletscher in Graham Land auf der Antarktischen Halbinsel, eine Eiszunge nahe dem Rossmeer, Berge im antarktischen Neuschwabenland, die von der dritten deutschen Antarktisexpedition 1938/39 entdeckt wurden, und eine Insel, die vielleicht das damals vermutete Termination Land gewesen sein könnte. Neumayer hingegen wurde durch seinen Jahrzehnte langen Einsatz für die Südpolarforschung 1980 zum Namensgeber der Georg von Neumayer Station auf dem Ekströmschelfeis östlich des Weddellmeeres, als die Bundesrepublik Deutschland die Polarforschung staatlich institutionalisierte, um 1981 gemäß dem Antarktisvertrag Mitglied in der Konsultativrunde zu werden.

Erste Berichte über die Südpolarexpedition hatten Expeditionsteilnehmer von unterwegs abgesandt. Sie wurden ab 1902 in der neuen Zeitschrift Terra Marique vom Institut für Meereskunde zu Berlin veröffentlicht. Sein 668 Seiten umfassendes Reisewerk »Zum Kontinent des eisigen Südens« publizierte Drygalski 1904 ebenfalls in Berlin im Verlag Georg Reimer. Es enthält rund 400 Abbildungen, 15 Tafeln und Karten. Eine englische Übersetzung erschien erst 1989. Für den deutschen Reprint wurden rund 375 Seiten gestrichen und dabei die Abbildungen auf ein Zehntel reduziert. Die Informationen aus Drygalskis erstem Kapitel über die Entstehung der Expedition sind in der Einleitung mit aufgenommen und ergänzt worden. Die ausführliche Beschreibung der Hin- und Rückreise, der Hafenaufenthalte sowie der unterwegs besuchten Inseln wurde stark gekürzt, da sich der Reprint mehr auf die Antarktis konzentrieren sollte. Außerdem wurden lange wissenschaftliche Ausführungen wie beispielsweise zur Geologie oder über Drygalskis Eisuntersuchungen sowie Vanhöffens Fischfänge ausgelassen, da sie nur für Spezialisten von Interesse sind, die jedoch über Fachbibliotheken auf das Original zurückgreifen können. Auch alle Gedichte aus dem »Antarktischen Intelligenzblatt«, die zu verschiedenen Anlässen verfasst wurden, sind der Kürzung zum Opfer gefallen. Darüber hinaus wurde großer Wert darauf gelegt, dass durch die Streichungen der Originaltext mit seinem an manchen Stellen ungewohnten Sprachduktus nicht durch eigene Formulierungen verändert wurde.

Cornelia Lüdecke


Weg des »Gauß«

(Quelle: Ergebnisse der Deutschen Südpolarexpedition Bd. VII Tf. III, 1914)

Erich von Drygalski

Zum Kontinent

des eisigen Südens

Mitglieder und Organisation

Bei der Fülle der Aufgaben, welche der Expedition harrten, musste es nach ihrer Sicherstellung die erste Pflicht sein, geeignete Mitarbeiter zu gewinnen, um schon bei den Vorbereitungen die einzelnen Arbeitsgebiete im Rahmen des Ganzen möglichst nach deren Intentionen durchbilden zu lassen; denn bei einer Expedition in unbekannte Verhältnisse handelt es sich während der Ausführung nicht um eine Arbeitsordnung, für welche in unseren heimischen Verhältnissen oder von früheren Expeditionen her bestimmte Vorbilder vorliegen, sondern um die arbeitsfreudige und arbeitskräftige Initiative, wie sie nur aus der freien Betätigung von Persönlichkeiten entstehen kann; je mehr dieselben deshalb den Aufgaben der Expedition schon vor der Ausreise nähergetreten sind, desto besser werden sie sich später zurechtfinden.

Schon bevor die Expedition gesichert war und in gelegentlicher Mitwirkung an ihrer Entstehung hat mir Ernst Vanhöffen zur Seite gestanden. Das Fach seiner Wahl und besonderen Tätigkeit war die Zoologie, doch daneben übernahm er in der Expedition die Botanik.

Den Augenblick nutzte er, wie es wenigen gegeben ist, und verstand jederzeit, aus den vielen Wechselfällen, wie sie eine Expedition mit sich bringt, das Beste zu nehmen und daraus Resultate zu ziehen.

Als Arzt und Bakteriologe hat Dr. Haus Gazert die Expedition begleitet. Neben seinen gelegentlichen physiologischen Beobachtungen fand auch manches andere Gebiet bei ihm wirksame Förderung und Interesse, bereitwillig übernahm er vor allem im Mai 1902 die Leitung des ganzen meteorologischen Dienstes; auf der Rückreise fielen ihm nach dem Ausscheiden Dr. E. Philippis auch die chemischen Arbeiten zu.

Die geologischen und chemischen Arbeiten der Expedition hatte Dr. Emil Philippi übernommen; als Assistent an den geologisch-paläontologischen Instituten zu Tübingen und Berlin hatte er für Petrographie und Mineralogie das gleiche Verständnis wie für paläontologische Studien, und auch in chemischen Arbeiten war er bewandert.

Die erdmagnetischen und zunächst auch die meteorologischen Arbeiten fielen dem jüngsten wissenschaftlichen Mitglied der Expedition, Dr. Friedrich Bidlingmaier, zu. Erdmagnetische Beobachtungen auf dem Meer dürften noch niemals früher in der Vollständigkeit und mit der kritischen Schärfe durchgeführt worden sein, wie es von ihm auch in den Stürmen und Seen der Westwinddriften geschah. Den meteorologischen Arbeiten zog er es dabei vor, zu entsagen, weil er sie unter den eigenartigen Verhältnissen der Winterstation neben den erdmagnetischen nicht in gleicher Weise selbsttätig durchführen zu können vermeinte, wie diese.

In unserem behaglichen Salon, in dem die fünf Gelehrten und fünf Offiziere der Expedition sich zu den Mahlzeiten und geselligen Veranstaltungen zusammenfanden und bei besonderen Festtagen wie Weihnachten oder Sonnenwendfest auch die ganze aus 22 Köpfen bestehende Mannschaft zugegen war, nahmen im gewöhnlichen Gebrauch die wissenschaftlichen Mitglieder die linke oder Sofaseite ein, während die Offiziere die mit Drehstühlen versehene rechte Seite innehatten, um von dort aus schneller hinausgelangen zu können, wenn es der Schiffsdienst verlangte.

Wenn ich nun nach der Schilderung der linken Seite der Ersten Messe zu der rechten übergehe, habe ich dabei zunächst des Führers des Expeditionsschiffes »Gauß« zu gedenken, des Kapitäns Haus Ruser.

Sein besonderes Interesse galt den Obliegenheiten der Navigation. Hieraus entsprang seine Vorliebe für astronomische Arbeiten, welchen er während der Überwinterung besonders gern und mit gutem Erfolg oblag.

Dem Kapitän stand als Leiter der maschinellen Anlagen der Expedition der Obermaschinist Herr Albert Stehr zur Seite. Er leitete die maschinellen Betriebe einschließlich der Vorrichtungen für die elektrische Beleuchtung und den Betrieb der Dampfwinden mit derselben Sicherheit, wie die uns sehr nützlichen Aufstiege eines Fesselballons und die Handhabung der Sprengmittel, und nahm durch die Ausführung von Bohrungen im Eis bis zu 30 m Tiefe lediglich mit Handkraft, durch laufende Beobachtungen über Eistemperaturen, Hilfeleistungen bei den Schwerkraftsbestimmungen und bei vielen anderen Dingen stets mit Geschick und Pflichttreue auch an den wissenschaftlichen Arbeiten Anteil.


Ludwig Ott, Friedrich Bidlingmaier, Emil Werth, Hans Gazert, Emil Philippi, Richard Vahsel, Ernst Vanhöffen, Erich von Drygalski, Hans Ruser, Wilhelm Lerche

Wissenschaftler und Offiziere des »Gauß«

(Quelle: Terra Marique 1902, Heft 1)

Als Erster Offizier war Herr Wilhelm Lerche in den Dienst der Expedition eingetreten, nachdem er in gleicher Eigenschaft schon bei der Hamburg-Amerika-Linie tätig gewesen war. Er hat sich sodann noch durch Teilnahme an einem wissenschaftlichen Kursus auf dem Marineobservatorium in Wilhelmshaven für seine besonderen Aufgaben vorbereitet.

Der ältere Zweite Offizier der Expedition war Herr Richard Vahsel, ebenfalls aus dem Dienst der Hamburg-Amerika-Linie zu uns herübergekommen. Er pflegte sich seiner Aufgabe zu vergewissern, ehe er sie übernahm, wusste sie dann aber zielbewusst und sicher zu Ende zu führen. In der Wirtschaft der Expedition hatte Herr Vahsel den wichtigen Zweig der Einzeldispositionen über den Proviantverbrauch übernommen.

Der jüngere Zweite Offizier der Expedition war Herr Ludwig Ott. Er hatte vor seinem Eintritt in die Expedition im Dienste der Hamburg-Südamerikanischen Dampfergesellschaft gestanden. Willig ging er dann auf die neuen Probleme ein, die ihm gestellt wurden, und suchte sie zu ergründen. So verdankt ihm die Expedition wissenschaftlich eine pünktliche Teilnahme an dem meteorologischen Dienst und an den Pendelbestimmungen, gute Beobachtungen über das Südlicht und manche praktische Einrichtungen bei den geodätischen und ozeanographischen Arbeiten.

Zu den zehn Mitgliedern der Ersten Messe traten bei der Fahrt von Kiel bis zu den Kerguelen noch Herr Dr. Emil Werth hinzu, um sodann die Leitung der dortigen wissenschaftlichen Station zu übernehmen, und während unseres Aufenthalts in der Beobachtungsbucht auf den Kerguelen, wo die Station lag, im Januar 1902 noch die Herren Josef Enzensperger und Dr. Karl Luyken, welche mit einem Teil ihrer und unserer Ausrüstung auf dem Lloyddampfer "Karlsruhe« bis Sydney und von dort auf dem Lloyddampfer »Tanglin« nach den Kerguelen vorausgeeilt waren.

Herr Dr. Emil Werth war Apotheker gewesen. Er erschien für den isolierten Posten auf den Kerguelen besonders geeignet durch seine bereits vorhandene Reiseerfahrung und bereitete sich denn auch für die Expedition vom Januar 1901 an auf breiterer Grundlage vor, nämlich für ärztliche Leitungen, da die Station eines Arztes entbehrte, für den Zeitdienst sowie für biologische und geologische Studien, worunter ihn die botanischen im Besonderen fesselten.

Als Meteorologe der Kerguelenstation war in letzter Stunde Herr Josef Enzensperger zur Expedition gekommen. Vor seinem Eintritt in die Expedition hatte J. Enzensperger zuletzt im Auftrag der Münchener Zentralstation für Meteorologie das Hochobservatorium auf der Zugspitze ein Jahr lang verwaltet und so auch noch besonders geeignete Erfahrungen für eine Polarfahrt gewonnen. Enzensperger leitete die Abtrennung der Ausrüstung der Kerguelenstation von jener der Hauptexpedition und ihre Verfrachtung über Bremen und Sydney. Mit Herrn Dr. Karl Luyken begleitete er sodann diesen Transport und traf auf dem Dampfer »Tanglin« am 11. November 1901 in dem Dreiinselhafen des Royal Sounds auf den Kerguelen ein.


Franz, Schwarz, Reimers, Heinrich Michael, Lysell, Johannsen, Heinacker, Reuterskjöld, Mareck, Müller I, Dahler, Besenbrock, Klück, Possin, Bähr, Müller II, Fisch, Stjernblad, Berglöf, Noack, Björvig

Mannschaft des »Gauß«

(Quelle: Institut für Länderkunde, Leipzig)

Erst am 9. Juni 1903 haben wir bei der Landung des »Gauß« in Simonstown erfahren, dass Josef Enzensperger am 2. Februar 1903 auf den Kerguelen an Beriberi gestorben war nach treuester Pflichterfüllung bis zum letzten Moment trotz furchtbarer Leiden.

Das jüngste wissenschaftliche Mitglied der Kerguelenstation war Herr Dr. Karl Luyken. Er hatte sich auf der Hochschule zunächst den technischen und sodann den physikalischen Studien gewidmet und schien durch diese Verbindung für den isolierten Posten auf den Kerguelen umso mehr geeignet, als die Station der Mitwirkung eines Technikers entbehrte.

Wenn man unsere Besatzung mit derjenigen anderer ähnlicher Expeditionen vergleicht, so fällt darin die geringe Zahl der Mannschaften auf. Die Hauptexpedition hat seit Kapstadt einschließlich der fünf wissenschaftlichen Mitglieder und der fünf Offiziere aus 32 Personen bestanden, die Kerguelenstation aus drei Gelehrten und zwei Matrosen.

In allem voran stand der Erste Bootsmann Josef Müller, ein Mann von ungewöhnlicher Tüchtigkeit. Während der Überwinterung hat er uns gute Dienste durch den Bau von Eishäusern für magnetische Zwecke geleistet, deren Ausführung vornehmlich seiner Sorgfalt oblag.

Den Zweiten Bootsmann, Haus Dahler, hatten wir in Kapstadt erhalten. Im Polareis war es ihm besonders willkommen, für den Robbenschlag Verwendung zu finden.

Der Erste Zimmermann war August Reimers. Er war frühzeitig in den Dienst der Expedition getreten und hatte sich bei den Arbeiten zur Vorbereitung der Stationshäuser in Potsdam bewährt, auch bei wissenschaftlichen Ablesungen dort geeignete Hilfe geleistet.

Der Zweite Zimmermann war Willy Heinrich, aus dem aktiven Marinedienst für die Expedition übernommen. Wesentliche Dienste hat er uns bei verschiedenen Gelegenheiten durch Taucherarbeiten geleistet, desgleichen wurde er im Ersinnen und Ausführen mechanischer Verbesserungen in den verschiedenen Betrieben geschätzt.

Unter den 9 Matrosen hatten wir 4 deutsche und 5 skandinavische; von den Ersteren war einer, von den Letzteren waren drei erst in Kapstadt zu uns gekommen.

So hatte Georg Noack während der Seefahrt schon teilweise und während der Überwinterung ausschließlich zoologischen Dienst, wofür er an dem Museum für Naturkunde zu Berlin noch eine besondere Ausbildung genossen hatte.

Max Fisch war aus dem Dienst der Marine für die Expedition beurlaubt worden. Für besondere Arbeiten war er wohlgeeignet, sodass er mit der Zeit im meteorologischen Dienst eine ständige Beschäftigung fand, die er mit Geschick und Zuverlässigkeit wahrnahm.

Karl Klück war zu allem gut zu gebrauchen und fungierte bei Schlittenreisen als der sorglich um uns bedachte Gehilfe und Koch. Seine Fähigkeiten ließen ihn für die Rückfahrt zum Schiffskoch aufsteigen.

Albert Possin war in Kapstadt zu uns übergegangen. Besonders geschätzt war er als Matrose am Ruder.

Von den 5 skandinavischen Matrosen waren 2 Norweger und 3 Schweden; Letztere waren erst in Kapstadt zu uns gestoßen.

Der ältere Norweger war Paul Björvig und für den besonderen Posten eines Eislotsen bei uns angestellt. Er hatte zahlreiche Fahrten im Nördlichen Eismeer hinter sich, teils auf Fangschiffen, teils auch bei wissenschaftlichen Expeditionen, bei denen er Erfahrungen aller auch der schwersten Art gemacht hatte. Seine Erfahrungen kamen uns wohl zustatten. Für die Stelle eines Eislotsen im weiteren Sinn war er weniger geeignet, weil er nur das Nächste sah und nur in einer Richtung urteilte.

In der Arbeit und Zuverlässigkeit, wie auch in der polaren Erfahrung ebenso tüchtig, dabei aber bedachter und ruhiger in seinem Urteil, war unser anderer Norweger, Daniel Johannsen. Auch für wissenschaftliche Hilfsleistungen war er trefflich geschult.

Auch unserer Schweden kann ich nur mit Anerkennung gedenken. Der Älteste derselben war Wilhelm Lysell, in Kapstadt angeworben; die beiden jüngeren, Lennart Reuterskjöld und Curt Stjernblad, waren uns in Kapstadt in letzter Stunde zugelaufen.

Sie fanden daher gern bei wissenschaftlichen Arbeiten Verwendung, so Lennart Reuterskjöld während der Überwinterung als ständiger Gehilfe Dr. Bidlingmaiers in dem Betrieb der magnetischen Station. Lennart Reuterskjöld hat das magnetische Observatorium während einer Schlittenreise Dr. Bidlingmaiers einen vollen Monat lang allein verwaltet. W. Lysell war musikalisch und gründete im Winter einen Gesangverein. Am wenigsten zur Entwicklung ist Curt Stjernblad gekommen, weil sich kein rechter Posten für ihn fand.

Als Maschinenassistenten fungierten Paul Heinacker und Reinhold Mareck. Da wir nur einen Maschinisten mit Patent an Bord hatten, hat P. Heinacker, wenn auch noch vor dem Examen, zeitweilig die Stelle des Zweiten Maschinisten versehen.

Reinhold Mareck verstand sein Handwerk vortrefflich und konnte selbstständig handeln, wodurch er bei den vielen und verschiedenartigen Anforderungen, welche an das Maschinenpersonal herantraten, eine sichere Stütze für dessen Leiter wurde.

Ebenso tüchtig waren die Heizer, von denen Emil Berglöf in Kapstadt zu uns gestoßen war, und Leonhard Müller fast ausschließlich im Maschinendienst beschäftigt gewesen sind. Ersterer wurde außerdem für Klempnerarbeiten in Anspruch genommen, konnte jedoch auch Schmiedearbeiten mit gleicher Gewandtheit versehen.

Leonhard Müller, der Senior des Maschinenpersonals, versah er seine Arbeit mit Zuverlässigkeit und unermüdlichem Fleiß, gleichgültig, ob sie in den Tropen oder im Polareis geschah.

Die übrigen drei Heizer waren während der längsten Zeit der Expedition mit den gleichen Arbeiten wie die Matrosen beschäftigt, falls der besondere Dienst der Maschine es nicht anders verlangte. Es waren Gustav Bähr, Karl Franz und Reinhold Michael. Die beiden Erstgenannten waren willige und fleißige Leute. Besonders G. Bähr hatte auch weitergehendes Geschick, sodass er für die Rückreise nach dem Ausscheiden Marecks in Kapstadt an dessen Stelle Maschinenassistent wurde. Reinhold Michael war erst in Kapstadt zu uns gestoßen und wurde nach einigen einleitenden Tagen in der Maschine, später in Nebendiensten verwendet.

Last not least komme ich zu zwei wichtigen und tüchtigen Mitgliedern der Expedition, dem Koch und dem Steward.

Wilhelm Schwarz war seit Kapstadt unser Koch; er wusste mit der Konservenkost Bescheid und verstand dieselbe schmackhaft zuzubereiten. Auch in der Herrichtung der Landesnahrung, wenn man die antarktischen Produkte so bezeichnen darf, also im Wesentlichen der Robben und Pinguine, war er willig und geschickt und versuchte auch hierin, Abwechslung zu bieten.

Sowohl an Menge der Pflichten als auch an Tüchtigkeit zu deren Bewältigung von keinem übertroffen war August Besenbrock, der Steward der Expedition. Er war immer willig und übernahm Arbeiten auch über den Bereich seiner engeren Pflichten hinaus. Sein Wirken in der Pantry verschönte er sich dabei gern durch einen das Schiff durchdringenden Gesang patriotischer Lieder und duldete in seinem dortigen Bereich Eingriffe höchstens gelegentlich von einem der ihm eng befreundeten Hunde.

Auf den Kerguelen ließen wir die Matrosen Josef Urbansky und Georg Wienke zurück. Ersterer, vom Seebataillon für die Expedition beurlaubt, hatte sie bis nach den Kerguelen auf dem »Gauß« begleitet. Er hat seine Pflichten auf den Kerguelen treu und zuverlässig erfüllt, insbesondere auch in seiner Eigenschaft als Schlosser gute Dienste geleistet.

Georg Wienke hatte die Herren Enzensperger und Dr. Luyken bei ihrer Fahrt über Sydney begleitet. Er versah auf der dortigen Station die Küche, außerdem hatte er an dem Museum für Naturkunde zu Berlin Ausbildung im Präparieren und Konservieren von biologischen Sammlungen erhalten.

Über die allgemeine Organisation der Expedition kann ich mich kurzfassen, denn ich war und bin auch heute der Ansicht, dass die wohldurchdachteste Organisation eine leere Form bleibt, wenn nicht die Persönlichkeiten dazu da sind, sie mit lebendigem Inhalt zu erfüllen. Aus diesem Grund habe ich die Expedition hinsichtlich der Durchführung des von mir vorbereiteten Plans wesentlich als ein menschliches Problem gefasst. Ich habe deshalb dagegen Stellung genommen, dass in der Organisation etwa eine wissenschaftliche und eine nautische Leitung vorgesehen würden, da es naturgemäß nur eine Leitung geben kann und infolgedessen auch gab. Auf dieser persönlichen Grundlage galt für die Expedition als Ganzes wie für ihre einzelnen Teile das Prinzip der Freiheit, der verantwortungsvollen Entscheidung an Ort und Stelle für jeden innerhalb seines Gebiets, doch im Rahmen des Ganzen. Dies wurde nicht von allen Mitgliedern und auch nicht immer als leicht empfunden, von der Mehrzahl jedoch als richtig erkannt und dann auch richtig benutzt.

Als besonders förderlich wurde es von allen empfunden, dass wir nicht an ein bestimmtes Programm gebunden waren, wie es in früheren Fällen durch Kommissionen in der Heimat festgestellt wurde. Ich verkenne den Wert solcher Programme nicht, ich glaube jedoch, dass Kommissionen mit solchen Programmen nur beratend, nicht bestimmend wirken können, mögen sie aus noch so kompetenten Fachleuten bestehen. Instruktionen können nur erfüllt werden, wenn sie allgemein gehalten sind und die Ausführung im Einzelnen der Expedition überlassen. Denn selbst an Ort und Stelle ist es häufig schwer, einen Rat zu erteilen, weil es in der unbekannten Umgebung dem anderen leichter sein kann, sich selbst auf irgendeinem Wege durchzuschlagen.

Die uns erteilten Anweisungen waren ganz allgemein gehalten. Die Grundlagen dafür sind in einem Allerhöchsten Erlass niedergelegt, welcher an den Herrn Reichskanzler, Reichsamt des Innern, gerichtet ist und folgenden Wortlaut hat:

Ich bestelle den außerordentlichen Professor an der Universität Berlin, Dr. Erich von Drygalski, zum Leiter der Deutschen Südpolarexpedition. Die Expedition hat im August Kiel zu verlassen und sich nach den Kerguelen zu begeben. Auf denselben ist eine magnetisch-meteorologische Station zu errichten. Alsdann ist die Fahrt nach Süden hin fortzusetzen. Als Forschungsfeld gilt die indisch-atlantische Seite des Südpolargebiets. Falls die Erreichung eines Südpolarlandes gelingt, ist, wenn angängig, auf demselben eine wissenschaftliche Station zu gründen und tunlichst während eines Jahres zu unterhalten. Die Rückkehr ist nach Bestimmungen des Expeditionsleiters im Frühjahr 1903 oder spätestens im Frühjahr 1904 anzustreben. Ich beauftrage Sie, die weiteren Ausführungsbestimmungen zu erlassen.

Gudvangen, an Bord meiner Yacht »Hohenzollern«,

den 18. Juli 1901.

gez. Wilhelm. I. E. gez. Graf von Posadowsky.

Die von dem Herrn Staatssekretär des Innern unter demselben Datum erlassenen Ausführungsbestimmungen waren ebenfalls nach dem Grundsatz der Bewegungsfreiheit für die ausführenden Persönlichkeiten gehalten und berührten nur einzelne fundamentale Fragen der Organisation.

Von besonderer Wichtigkeit war darin das Verhältnis zwischen dem Leiter der Expedition und dem Führer des Schiffs, da, wenn der Leiter kein Seemann ist, rein sachlich Fälle denkbar sind, in welchen der Schiffsführer infolge der ihm rechtlich obliegenden Verantwortung für Leben und Eigentum auf dem Schiff nicht in der Lage ist, den Anforderungen des Leiters nicht zu entsprechen. Diese Tatsache war mit dem unbeschränkten Verfügungsrecht über die personellen und materiellen Bestände der Expedition, welches dem Leiter zustand, in Einklang zu bringen.

Die Lösung wurde in einer Bestimmung gegeben, nach welcher für den Schiffsführer das Recht, den Weisungen des Leiters nicht zu folgen, für den einzigen Fall bestand, dass er in dieser Weisung eine unmittelbare Gefahr für Leben und Eigentum auf dem Schiff erblickte.

Schließlich seien noch wenige Worte über die rechtlichen Verhältnisse der Expedition gesagt, die insofern besondere waren, als die deutsche Schifffahrt in fremden Gewässern sonst den Bestimmungen der Kriegs- oder Handelsmarine unterliegt, für den »Gauß« aber keine von beiden wirkliche Anwendung hatte, da er als Forschungsschiff des Reichs nicht zur Handelsmarine gehörte und andererseits auch den Bestimmungen der Kriegsmarine nicht unterstehen konnte, seiner Zwecke wegen und wegen der Art seiner Besatzung.

Nach langen Erwägungen wurde die Auskunft getroffen, für das Verhältnis des Schiffsführers zur Schiffsbesatzung die Bestimmungen der Handelsmarine, also die Seemannsordnung, gelten zu lassen.

Die Ergebnisse der Expedition und die anzulegenden Sammlungen wurden Eigentum des Reichs, welches über deren Verwertung unter tunlichster Beteiligung der Mitglieder zu verfügen sich vorbehielt. Die Bestimmungen der Dienstanweisung betonen sonst vor allem die Gemeinsamkeit der Interessen aller Mitglieder, die Einheitlichkeit der Expedition nach außen und nach innen sowie den nationalen Charakter des Ganzen.

Der »Gauß« und seine Ausrüstung

Bei der Ausrüstung der Expedition stand naturgemäß die Sorge für den Bau eines geeigneten Schiffes allen anderen voran. Dieser war von dem Reichsmarineamt, in die Wege geleitet worden.

Es wurde am »Gauß« naturgemäß bis zum Moment der Abreise gebaut und gebessert, und noch nach derselben in den Tagen der letzten Vorbereitungen sind Arbeiter der Howaldtswerke auf der Unterelbe dabei tätig gewesen.

Der »Gauß« ist sicherlich das beste Polarschiff gewesen, das je existiert hat, und es hieße seinem hohen Wert nur zu nahezutreten, wenn man unerwähnt lassen würde, was unsere späteren Erfahrungen darin zu verändern gefunden haben.

Nach der üblichen Bezeichnungsweise war der »Gauß« ein Dreimast-Marssegelschoner mit Hilfsmaschine. Auf der Segelschiffstakelage beruhte mithin in erster Linie die Fahrt des Schiffes, doch konnte die Maschine dafür naturgemäß auch für sich allein Verwendung finden, wie es später im Eis sogar fast ausschließlich der Fall war.

Die Abmessungen des »Gauß« stellten sich wie folgt:


Länge zwischen den Perpendikeln 46,00 m
Breite auf Außenhaut 11,27 m
Tiefe des inneren Raumes bis zum Oberdeck 6,30 m
Konstruktionstiefgang mit 546 t Last 4,80 m
Indizierte Pferdestärken 325
Geschwindigkeit mit 728 t Last 7 Knoten
Deplacement bis Konstruktionstiefgang 1442 t

Die Wohn- und Gebrauchsräume, welche den mittleren Teil des Zwischendecks füllten, waren entschieden reichlich bemessen.

Jedes wissenschaftliche Mitglied und jeder Offizier hatte seine eigene Kabine, der Leiter und Kapitän je eine größere.

Im Ganzen gab es 14 solcher Kabinen, von denen 10 durch die 10 Mitglieder der Ersten Messe, die 11. von dem Ersten Bootsmann und Ersten Zimmermann, die 12. von den beiden Maschinenassistenten und die 13. von dem Koch und dem Steward bewohnt wurden, während die 14. während der Hinreise bis nach den Kerguelen Dr. E. Werth anheimfiel und danach mit als Stauraum benutzt wurde. Außer den doppelt belegten Kabinen hatten zwei von den anderen je 2 Kojen, die übrigen nur je eine.


Der »Gauß« im Eis

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Die übrigen 16 Mann der Besatzung waren auf 2 gemeinsame Schlafräume verteilt, indem 6 Mann des Maschinenpersonals in einem größeren Raum an Backbord und 10 Mann der seemännischen Besatzung in einem solchen an Steuerbord wohnten. Die Mannschaft hatte einen gemeinsamen Waschraum mit 3 Ständen, welcher neben der Pantry an Backbord lag.

Für die Mahlzeiten und die geselligen Vereinigungen der Mitglieder dienten 2 größere Räume, der Salon und die Mannschaftsmesse.

Ein Laboratorium im Zwischendeck diente während der Hinfahrt als Stauraum und wurde erst während der Überwinterung teils als Handwerkskammer, teils als Präparierzimmer für zoologische Objekte benutzt, während eine darin gelegene photographische Dunkelkammer meist als solche verwandt wurde. Gefehlt hat bis zuletzt eine Kammer für mechanische Arbeiten.

Das Schiff hatte unmittelbar vor dem Großmast das Hauptlaboratorium und das Kartenhaus. Auf dem Laboratoriumsdeckshaus ruhte die Kommandobrücke mit dem Rudergeschirr, zwei Kompassen und zwischen denselben einem Schlingertisch zu magnetischen Arbeiten auf See.

Unmittelbar vor dem Maschinendeckshaus stand eine Dampfwinde zur Hebung von Lasten bis zu 3,5 t Gewicht bestimmt, während eine größere, die bis 7,5 t Last heben sollte, zwischen Fockmast und Back aufgestellt war. Auf der Trommel dieser waren 4000 m schweres Drahtkabel von 12 mm Durchmesser aufgerollt, für Dredsche-Züge und Vertikalnetzfänge in der Tiefsee bestimmt.

Auf der Trommel der hinteren kleineren Winde waren 6000 m Drahtlitze von 4,5 mm Durchmesser aufgewickelt, für Vertikalfänge mit kleineren Netzen bestimmt.

Während der Hinreise war der freie Decksraum in ausgiebiger Weise noch zum Stauen benutzt; so lagen neben und vor dem Laboratorium bis zur Höhe der Reling die Bauhölzer zur Herstellung der geplanten Observatorien und Wohngebäude im Polareis, und zu beiden Seiten des Maschinenhauses waren die eisernen Bestandteile zur Aufstellung eines Windmotors während der Überwinterung festgelascht worden. Das Schiff war besonders bei der Abreise von den Kerguelen übervoll; auch 14 t Kohle lagen damals noch an Deck.

Für die Arbeiten der Expedition war eine zweckmäßige Dreiteilung des Schiffs geschaffen, welche gestattet hat, dass gleichzeitig an verschiedenen Stellen gearbeitet werden konnte, ohne dass in der Tiefe eine Verwicklung der verschiedenen Drähte und Kabel zu besorgen war. Der Zoologe konnte gleichzeitig vorn seine Netze herablassen, während der Ozeanograph seine Lote und Thermometer zu beiden Seiten der hinteren Brücke zur Tiefe sandte, und der Erdmagnetiker zwischen beiden auf der Kommandobrücke tätig war oder der Kapitän von derselben Stelle aus seine Kompassdeviationen bestimmte. An einer Stütze auf der Kommandobrücke war neben dem magnetischen Schlingertisch auch die meteorologische Hütte angebracht, und mit ihren Thermo- und Psychrometern sowie mit Registrierapparaten versehen.


»Gauß« unter vollen Segeln

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Aus dem Dach des Maschinenhauses ragten zwei breite Ventilatoren für den Heizraum sowie der Schornstein heraus. Der Schornstein musste niedergelegt werden, wenn der Großbaum mit dem Großsegel von der einen zur anderen Seite geholt werden sollte. Dieses war unbequem und in Anbetracht eines unerwarteten Schlagens des Großbaums nicht ohne Bedenken, weil der Schornstein so verloren gehen konnte. Mit Recht wurde deshalb vom Kapitän während der Fahrt wiederholt der Wunsch nach einem sogenannten Teleskopschornstein geäußert, der zum Ineinanderschieben eingerichtet ist. Leider war beim Bau keiner darauf gekommen.

An der Spitze des Großmasts in der Höhe von 33 m über Deck war eine Tonne befestigt, die zum Ausguck diente und deshalb mit einem besonderen Fernrohr ausgestattet war. Sie ist bei der Fahrt durch das Eis viel und mit Vorteil benutzt worden, in besonders spannenden Zeiten so stark, dass man von unmittelbaren Ablösungen der einzelnen Besucher sprechen konnte.

Von Kiel nach den Kapverden

Die letzte Zeit der Vorbereitungen hatte einen lebhaften Betrieb. Nach genauen Besichtigungen und Probefahrten war der »Gauß« Ende Mai von den Howaldtswerken übernommen worden, doch zogen sich die dabei vorbehaltenen Änderungen und Verbesserungen an den Dampfwinden, der elektrischen Beleuchtung, an den Segeln, den Eisverstärkungen und an anderen Einzelheiten bis zum Moment der Abreise hin, und selbst nach der Abfahrt sind auf der Unterelbe noch Handwerker der Howaldtswerke tätig gewesen.

Am 28. Juli begann jene wunderbare Unterbringung zahlloser Instrumente und Ausrüstungsstücke. Die Prüfung und Justierung der Apparate war beendigt. Die Herren Bidlingmaier, Luyken und Ott haben von Mitte Juli an die Verpackung und Versendung dieser Sachen besorgt und kamen darauf nach Kiel, um sie im Schiff zu verstauen. Auch in dem kleinen Bundesratssaal im Reichsamt des Innern, welcher mir zur Verfügung gestanden hatte, war es einsam geworden; der ungewohnte Anblick von Schlafsäcken, Zelten, Schlittenutensilien, Ölzeug und wissenschaftlichen Instrumenten, welcher dort manchen Besucher befremdet hatte, war verschwunden.

Je näher die Zeit der Abreise herankam, desto lebhafter und allgemeiner wurde das Interesse, welches der Expedition und ihrer Ausrüstung von allen Seiten entgegengebracht wurde. Se. Majestät der Kaiser hatte den »Gauß« mit dem Herrn Reichskanzler, Graf von Bülow, und einem größeren Gefolge am 1. Juli in Travemünde besichtigt. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen hatten wiederholt auf dem Schiff geweilt. Se. Hoheit Prinz Ernst von Sachsen-Altenburg, der die ganze Entwicklung der Expedition und ihrer Ausrüstung mit lebhaftestem Interesse verfolgt hat, bereitete uns die Freude, auch bei der Abreise zugegen zu sein und uns auf dem »Gauß« bis Rendsburg zu begleiten.

Der Abreise ist noch eine ärztliche Untersuchung aller Mitglieder durch Herrn Geheimrat Prof. Dr. Renvers vorausgegangen; dann wurden am 11. August in Kiel die Anker gelichtet.

Der Tod Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich brachte es mit sich, dass Feiern unterblieben. So versammelten sich nur am Abend des 10. August auf die Anregung der Universität Kiel sämtliche Mitglieder der Expedition mit ihren Verwandten und Freunden, den Mitgliedern der Universität Kiel, den Behörden der Stadt und wenigen von fern herbeigeeilten Gästen zu einem einfachen Abschiedsabend in Bellevue.

Prachtvolles Wetter herrschte am Tag unserer Ausfahrt. In früher Morgenstunde setzte sich das stolze Schiff nach Holtenau in Bewegung. Von den Kriegsschiffen, die im Hafen lagen und Flaggenschmuck angelegt hatten, erschollen uns dreifache Hurras zum Abschied. In der Schleuse von Holtenau verließen uns die meisten Gäste, in Rendsburg auch unsere nächsten Verwandten und Freunde.

Als ich am Morgen des 12. August nach kurzer Ruhe erwachte, lagen wir auf der Unterelbe bei Feuerschiff 3, in Sicht des Leuchtturms Neuwerk. In dieser Situation haben wir noch drei Tage gelegen und wurden nun, von Besuchern ungestört, bald mit unseren Stauungsarbeiten fertig.

Am 15. August war alles zur Abreise klar, und als gegen die Mittagszeit der eingehende Flutstrom dem ausgehenden Ebbestrom wich, wurden um 1 Uhr mittags die Anker gelichtet, und wir dampften von dem Ebbestrom getragen zur See, sodass wir schon in der Nacht auf den 16. August mit dem Passieren von Borkum-Feuerschiff unsere Heimat verlassen konnten. Es herrschte das Gefühl der Befreiung von schwerer Last und frohe Zuversicht auf die Zukunft.

Wir befanden uns nunmehr im freien Ozean, von zahlreichen Möwen zweierlei Arten umkreist, bei starker günstiger Brise aus Nordost, die uns am ersten Tag eine der größten Distanzen bescherte, die wir überhaupt im Laufe der Expedition zurückgelegt haben.

Am 31. August sahen wir Madeira als hohes felsiges Land, über welchem die Bewölkung stark verdichtet war. Wir dampften bei schönem Wetter unter Feuer von einem Kessel an der Küste entlang. Über Funchal ging abends ein Feuerwerk hoch, und wir dachten darüber nach, ob es vielleicht zu Ehren unserer englischen Kameraden an Bord der »Discovery« sei, die zu dieser Zeit hier sein konnten.

Der »Gauß« war langsamer als wir gedacht hatten. Seine Geschwindigkeit von 7 Knoten unter Dampf hatte er in der Ostsee freilich erwiesen; er erreichte diese jedoch niemals auf den freien Flächen des Weltmeeres, die ständig unter irgendwelchen Dünungen schwanken.

Schon in diesem Teil der Fahrt hatten wir es auch mit einer Leckage zu tun, die an sich nicht schlimm war, doch Aufmerksamkeit erforderte.

Der Nordostpassat hielt in der Stärke, mit der er bei Madeira eingesetzt hatte, leider nicht an und frischte vor den Kapverden nur für kurze Zeit auf, um dann wieder abzuflauen. Erst in der Nähe dieser Inselgruppe trat er so stark auf, wie man es von ihm erwarten darf.

Am 11. September um 11 Uhr vormittags tauchte die Kapverdeninsel São Antonio aus dem Nebel empor. Bald tauchte auch São Vicente hervor und wir fuhren zwischen den beiden Inseln dem Hafen Porto Grande des Städtchens Mindello entgegen, um gegen 6 Uhr abends Anker zu werfen.

Unsere Arbeiten in Mindello waren in erster Linie magnetischer Art, indem Dr. Bidlingmaier die magnetischen Einflüsse des Schiffskörpers auf 8 verschiedenen Kursen im Hafen dadurch bestimmte, dass er die Größe der erdmagnetischen Elemente auf dem »Gauß« maß und sodann mit den auf dem Lande neben dem Hafen gefundenen Werten verglich. Ich selbst nahm am Ufer eine Schwerkraftsbestimmung vor.

Der Zoologe der Expedition, Professor Dr. Vanhöffen, hatte im Hafen seine Netze gestellt und dabei eine reiche Ausbeute an Fischen und an Krebsen erlangt.

Dr. E. Werth gelang es trotz der herrschenden Dürre, über 40 Arten verschiedener Pflanzen zu sammeln, während Dr. Philippi sich den geologischen Verhältnissen widmete und Dr. Gazert der Bevölkerung seine Aufmerksamkeit schenkte, die meist aus Negern, weniger aus Weißen mit Negerphysiognomien und noch weniger aus Weißen besteht.

Die Tage in São Vicente waren vielleicht die heißesten, welche wir während der Reise gehabt haben; besonders in den inneren Räumen des Schiffes war es fast unerträglich.

Am Montag den 16. September hatten wir unsere Arbeiten beendigt und konnten den Hafen verlassen, nachdem uns noch am Vormittag eine Post aus der Heimat zugegangen war. Um 1 Uhr etwa lichteten wir die Anker und dampften hinaus.

Im Südatlantischen Ozean

Ich ließ von Porto Grande den zweckmäßigsten Kurs auf Ascension setzen mit der Maßgabe, dass wir den Äquator etwa in 18° w. L. v. Gr. schnitten, um dort eine von dem französischen Kriegsschiff »La Romanche« seinerzeit erlotete, später mehrfach in Zweifel gezogene besonders große Tiefenangabe auf ihre Richtigkeit prüfen zu können.

Der Nordostpassat verließ uns am 19. September, wenig südlich von São Vicente, und so setzten wir am 20. September Dampf an, um die Kalmen zu durchqueren.

Die Fahrt unter Dampf ging nun aber langsamer, als wir gehofft hatten. So haben wir erst am 1. Oktober den Äquator erreicht.

Gegen den 27. September näherten wir uns der südlichen Grenze der Kalmen. Drei Fregattvögel umkreisten das Schiff, die vermutlich von Ascension herkamen.

Es war auch Zeit, dass die Luft wieder frischer wurde. Am meisten durch die Hitze beeinflusst ist aber unser Koch gewesen, der sich schon auf der Reise bis zu den Kapverden wohl als ein tüchtiger Künstler seines Faches, sonst aber mit manchen Wunderlichkeiten behaftet gezeigt hatte, die er uns in Gestalt von versalzenen Erbsen, ungenießbaren Klößen aus Fischmehl und anderen Gerichten bereitete. So wurde sein Ausscheiden für den Aufenthalt in Kapstadt in Aussicht genommen.

Am 28. September wurden die Segel festgemacht, und wir fuhren allein unter Dampf auf die sogenannte Romanchetiefe zu.

Der guten Stimmung, welche der frischere Luftzug des Südostpassats mit sich brachte, entsprach es, dass die Vorbereitungen zu dem wichtigen Akt der Äquatortaufe nunmehr in bedeutsamem Umfang begannen.

Die Ausführung wurde aber noch etwas verschoben, um zuvor die geplanten Lotungsarbeiten am Äquator vornehmen zu können. Nur die Ankündigung erfolgte am Abend des 30. September durch einen phantastisch gekleideten Neptun, der unter dem Pfiff der Dampfpfeife im Dunkeln dem Meer entstieg und nach poetischem Gruß an den Kapitän und an die neuen Täuflinge unter dem Licht eines Blaufeuers aus der Aussichtstonne des Mastes und dem einer hell brennenden, im Meer schwimmenden Pechtonne wieder verschwand.

Die geplanten Lotungen an der Romanchetiefe erfolgten am 1. Oktober. Sie ergaben die bedeutendsten Tiefen, welche bisher am Äquator überhaupt mit Sicherheit gemessen worden sind, nämlich über 7200 m, und rechtfertigten damit die Berichte des französischen Kriegsschiffes »La Romanche«.

Die zweite dortige Lotung ergab eine noch größere Tiefe von über 7200 m und brachte in einer 80 cm langen Schlammröhre eine Bodenprobe von 46 cm Länge empor. Es war wohl die interessanteste Bodenprobe, welche die Expedition überhaupt gewonnen hat. Die obersten Schichten bestanden aus rotem Ton, dann folgten graue und schwarze Teile, von denen sich die untersten hellgrauen Schichten als kalkreich erwiesen, während die übrigen davon frei waren. In einer derselben war ein Band von rotem Ton, das seinerseits von schwarzen Ringen durchsetzt war, die aus vulkanischem Staub bestanden. Es war ein eigenes Gefühl, mit welchem man dieses Zeichen einer Jahrtausende langen Entwicklung betrachten musste.

Die kalkigen Teile waren augenscheinlich in der Nähe eines Landes gebildet, das heute weit entfernt liegt; der rote Ton kann im Gegensatz dazu nur in großen Tiefen des Meeres entstanden sein, und die vulkanischen Ringe deuten auf Eruptionen hin, welche zwischen die Bildungszeiten dieser hier eng verbundenen kontinentalen und ozeanischen Absätze fielen. Wie uns spätere Lotungen auf der Rückreise noch ergänzend zeigten, hatten wir es hier in der Romanchetiefe mit einem tiefen trichterförmigen Kessel zu tun, in dessen Umgebung sich heute noch lebhafte Spuren moderner vulkanischer Tätigkeit zeigen.

Die fröhliche Äquatortaufe hatten wir am 2. Oktober. Ein Umzug in phantastischen Kostümen unter Musikbegleitung endigte mit der Aufstellung der gesamten Mannschaft. Die Täuflinge wurden dann einzeln an den Trog geführt und auf einem Brett mit dem Rücken dagegen platziert. Es folgte Einseifen des Gesichts unter zeremoniellen Anreden und nach dessen Vollendung ein Sturz rückwärts in den Trog. Als das Einseifen bei mir selbst vollendet war, blickten die umgebenden Gestalten sich verlegen um, ob sie noch Weiteres folgen lassen dürften, bis mich plötzlich die starken Hände des Zimmermanns Heinrich ergriffen und in den Trog warfen. Nicht mit allen ist man dann so glimpflich verfahren. Meine Nachfolger wurden, nachdem sie aus dem Wasser auftauchten, noch mehrfach wieder untergetaucht. Am Abend folgten Feiern bei Bier und Zigarren mit Schaustellungen und Deklamationen der Matrosen, wobei der Koch trotz seines Stotterns ganze Schleusen von Beredsamkeit erschloss.

Schon am 1. Oktober abends hatten wir Kurs direkt auf Ascension gehabt, und am 2. erfahren, wie schwierig es war, diesen einzuhalten, weil er fast direkt gegen den Passat und damit auch gegen die Hauptdünungen verlief.

Mit unserer kleinen Maschine konnten wir gegen Wind und See nicht genügend ankämpfen, wir kamen sehr langsam voran. Schon am 4. Oktober begann ich deshalb, auf Modifikationen des Weges zu sinnen, und am nächsten Tag, als der Fortschritt gering blieb, wurde mir die Nützlichkeit des Anlaufens von Ascension fraglich. Auch waren die wissenschaftlichen Gründe, derentwegen das Anlaufen von Ascension geplant gewesen war, weniger triftig, als man in der Heimat gedacht hatte. So erfolgte schon am Abend des 5. und definitiv am 6. Oktober die Wendung des »Gauß« von Ascension ab zu dem direkten Kurs auf Kapstadt.

Am 5. Oktober haben wir den Geburtstag Dr. Bidlingmaiers gefeiert, und zwar zunächst mit einem Ständchen am frühesten Morgen. Auf dem magnetischen Tisch auf der Kommandobrücke waren Geschenke aufgebaut, und abends folgte ein solenner Kommers, wobei uns freundliche Spenden der Greifswalder Geographischen Gesellschaft vortrefflich gemundet haben und trotz der starken Hitze zum ersten Mal im Salon zu längerer froher Feier zusammenhielten.

Der folgende Teil der Fahrt wurde trotz der flauen Winde fast ganz unter Segeln zurückgelegt und ging deshalb langsam vonstatten. Maßgebend hierfür ist der Gesichtspunkt gewesen, nicht zu viel Kohlen zu verbrauchen.

So nutzten wir die unfreiwilligen Verzögerungen zu wissenschaftlichen Arbeiten aus, so gut es ging, und hatten hierbei den Vorteil, Erfahrungen sammeln zu können.

Zum Loten wurde immer die Sixbeemaschine benutzt, für deren Elektromotor jedoch die elektrische Kraft des »Gauß« nicht ausreichend war, sodass an seine Stelle bis Kapstadt die hintere Dampfwinde und von dort an eine kleine eigene Dampfmaschine treten musste. Bald war in den Lotungen völlige Fertigkeit erreicht, sodass wir Tiefen von 5000 m und darüber alles in allem in wenig über eine Stunde Zeit erloten konnten.

Über der Schlammröhre wurden an dem Vorläufer ein Thermometer und ein Wasserschöpfer befestigt. Als Thermometer wurden hauptsächlich die Kippthermometer von Negretti und Zambra in London verwandt. Als Wasserschöpfer bei den Lotungen haben wir das bekannte Modell von Sixbee benutzt.

Eine andere Klasse von Arbeiten, die wir im Südatlantik vornahmen, waren biologischer Art. Hier wurden Schließnetze verwandt, welche dazu bestimmt sind, bestimmte Wassersäulen in der Tiefsee zu durchfischen, um so die Abstufungen der Tierwelt mit der Tiefe erkennen zu können.

Außerdem gebrauchten wir Vertikalnetze von 1, 2 und 2 ½ m Durchmesser der oberen Öffnung sowie ein besonders großes Horizontalnetz von 9 m Durchmesser. Rote Krebse der Tiefsee zeigten sich schon in 600 m Tiefe, während die schwarzen, der Tiefsee eigentümlichen Fische erst bei 800 m zu beginnen pflegten, aber gelegentlich dann auch bei nächtlichen Fischzügen an der Oberfläche gefangen wurden.

Ein anderer wichtiger Teil unserer damaligen Arbeiten war das Studium der erdmagnetischen Verhältnisse, welches von Dr. Bidlingmaier mit einer Vollständigkeit und Sicherheit durchgeführt wurde, wie es sonst wohl noch nicht geschehen ist.

Zur Verfügung standen für die Seebeobachtungen zwei Apparate. Das Deviationsmagnetometer ist ein rohes Instrument, aber eben darum zu Beobachtungen auf dem schwankenden Schiff geeignet. Mit ihm wurde die magnetische Deklination bestimmt, d. h. der Winkel zwischen der Richtung der Magnetnadel und der Richtung des Meridians, zweitens die sogenannte Horizontalintensität oder die Größe der Kraftart, mit welcher die Magnetnadel sich in ihre horizontale Richtung einstellt, und drittens mit dem zugehörigen Inklinatorium auch die magnetische Inklination oder derjenige Winkel, um welchen die Richtung der Magnetnadel bei freier Aufhängung gegen den Horizont geneigt ist.


Das Vertikalnetz kommt empor.

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Das zweite Instrument, der Lloyd-Creak, diente ebenfalls dazu, die Inklination zu messen. Ferner wurde mit dem Lloyd-Creak auch die Totalintensität gemessen, d. h. diejenige Kraft, mit welcher eine Magnetnadel von der Stärke 1 in die Richtung der magnetischen Kraftlinien im Raum hineingezogen wird.

Die Beobachtungsmethoden für alle Elemente gehen im Allgemeinen einmal dahin, dass man die wirkliche Ruhelage der Magnetnadel an der Skala festzustellen versucht, indem man eine Reihe von Ablesungen macht und aus denselben das Mittel bildet, und zweitens dahin, dass man die Magnetnadel in Schwingungen versetzt, mit denen sie um ihre Ruhelage hin- und herpendelt, und aus der Dauer dieser Schwingungen die Gleichgewichtslage herleitet.

Für die Deklinationsbestimmungen waren außerdem immer gleichzeitige Bestimmungen des astronomischen Meridians erforderlich, die mithilfe der Sonne ausgeführt wurden, indem man die Richtung der Magnetnadel mit der Richtung des Schattens verglich, welchen ein auf die Mitte der Magnetnadel aufgesetzter Stift warf, und so den Winkel ermittelte, welchen die Magnetnadel jeweilig mit der Richtung der Sonne zu einer bestimmten Zeit bildete, woraus man die Richtung gegen den Meridian herleiten konnte.

Die Intensitäten, sowohl die Horizontal- wie die Vertikal- und die Totalintensität wurden dadurch bestimmt, dass man die Magnetnadeln aus bestimmten Entfernungen durch andere Magnete von in der Heimat bestimmter, also bekannter Kraftwirkung aus ihrer Richtung ablenkte, in die sie sich unter dem Einfluss des Erdmagnetismus in der horizontalen bzw. in den vertikalen Ebenen einstellen wollten, und aus der Größe dieser Ablenkung die betreffenden Kraftgrößen des Erdmagnetismus erschloss.

Wenn es gelungen ist, die Werte der erdmagnetischen Elemente längs der ganzen Route des »Gauß« zu verfolgen, so ist es der Tatkraft zu verdanken, welche Herr Dr. Bidlingmaier entwickelt hat, indem ihn nichts bewegen konnte, von den Beobachtungen abzulassen, bevor sie ein Ergebnis gezeitigt hatten.

Von Tag zu Tag mehrte sich nun das Vogelleben. Besonders häufig war ein dunkler Sturmvogel. Bald kamen auch Kaptauben und vor allem Albatrosse in wachsender Zahl. Am 30. Oktober wurde der erste Albatros durch Dr. Gazert erlegt, während das Schiff zum Loten stilllag.

Als der gewaltige Vogel an Deck lag, hatte man zunächst das Gefühl einer traurigen Verwüstung, die der Mensch hier angerichtet hat. Als er dann aber nach allen Richtungen hin untersucht wurde, schwand dieses Gefühl vor dem großen Interesse, welches diese Untersuchungen hatten.

In den Rossbreiten, die wir Ende Oktober unter Dampf durchquerten, hatten wir immer bedeckten Himmel, unstete Winde, vielfach auch Regen. Ähnlich war es in den Westwindregionen, in die wir südlich davon eintraten, um nun schnelle Fahrt bis Kapstadt zu haben.

Unser Leben an Bord war so eingeteilt, dass wir zwischen sechs und sieben Uhr ein erstes Frühstück in Gestalt von Kaffee oder Kakao genossen, und zwar jeder für sich. Um acht Uhr folgte ein gemeinsames Frühstück in den beiden Messen, wobei ein warmes Gericht sowie etwas Käse und Marmelade gereicht wurden; zu den warmen Gerichten gehörten Makkaroni mit Beilage, Bohnen mit Speck, Rührei, aus getrocknetem Eipulver hergestellt, und durchschnittlich zweimal pro Woche schottische Hafergrütze, was bei manchem freilich Missbehagen erregte; dazu wurde Tee getrunken. Um 12 ½ Uhr aßen wir Mittag, das aus einer Suppe und einem Fleischgericht mit Gemüse bestand, wozu später im Eis, als die ruhige Lage des Schiffes den Künsten des Kochs keine Schwierigkeiten mehr bereitete, noch eine Mehlspeise trat, die sehr gern gegessen wurde. Während der Hinreise tranken wir und die Mannschaft dazu einen leichten Fasswein.

Als dieser Vorrat bald nach unserem Einschluss im Scholleneis verbraucht war und wir zu unseren Flaschenvorräten übergehen mussten, tranken wir Wein zu Mittag nur zweimal in der Woche wie auch die Mannschaft; an den übrigen Tagen pflegten wir Wasser mit Zitronensaft, Juchhei genannt, zu trinken, was wohl Spottlust erregte, dann aber allgemein ganz gern gebraucht wurde; zeitweilig trat an dessen Stelle auch Ingwerbier. Gewöhnlich des Nachmittags um drei Uhr tranken wir Kaffee oder Kakao, entweder jeder für sich oder in Kreisen, in welchen man sich dazu an verschiedenen Orten zusammenfand. Abends um Uhr war gemeinschaftliches Abendessen, bei dem wir ein warmes Gericht und kalten Aufschnitt nahmen und dazu wieder Tee tranken.

Unser Alkoholverbrauch war in der ganzen Zeit gering. Er bestand nach Erledigung der anfänglichen Fassvorräte in der Darbietung von Wein an zwei Tagen der Woche zum Mittagessen, in einer halben Flasche Bier am Sonntagabend und späterhin im Polareis noch in einer Darreichung von Grog an zwei Abenden. Durchbrochen wurden diese regelmäßigen Gewohnheiten durch die Feste, deren wir eins bis zwei in jedem Monat hatten, indem Geburtstage, nationale Gedenktage, Weihnachten, Ostern, Pfingsten und sonstige Gelegenheiten den Anlass gaben.


Der große Albatros

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Ende Oktober hatten wir die sogenannte Mittelatlantische Schwelle passiert, einen im Verhältnis zu den anliegenden größeren Tiefen des Meeres flacheren Rücken, welcher das Südafrikanische Becken von dem Brasilianischen scheidet und südlich vom Äquator den Ozean in seiner ganzen Länge durchzieht.

Wir haben bis Kapstadt noch viel gelotet und fischten auch mehrfach mit vortrefflichen Erfolgen; desgleichen wurde erdmagnetisch dauernd gearbeitet, alles in der Weise, wie ich es früher beschrieb.

Ein starker Alarm entstand bei uns am 6. November, als um 2 Uhr nachmittags und dann wieder um 3 Uhr die Dampfpumpen in kurzen Pausen angingen. Gleich darauf meldete Kapitän Ruser, dass ein starkes Leck vorhanden sei, welches im Hinterschiff die unteren Teile des Maschinenraums immer so schnell füllte, dass die Pumpen fast dauernd in Tätigkeit zu halten waren.

Wir vermuteten, dass dieses Leck, welches jetzt scheinbar so plötzlich hervortrat, mit jenem identisch war, welches sich schon in Kiel gezeigt hatte, dann aber ebenso plötzlich wieder verschwand. Es ganz zu bannen, ist uns erst im Eis gelungen und auch dann nur für die Zeiten, in welchen das Schiff in Ruhe lag.

Indessen wurde dieses Leck jetzt der Ausgangspunkt für Veränderungen in dem Personalbestand der Expedition. Schwierigkeiten unter der Mannschaft, die bis dahin verborgen gewesen waren, traten schärfer hervor, und ein wachsendes Murren, durch die Leckage veranlasst und durch die Nähe des Landes vermehrt, bereitete eine Krise vor, die in Kapstadt ihre Lösung finden sollte.

Eine Unterbrechung, kurz bevor wir Kapstadt erreichten, bot uns ein gewaltiger Sturm, der am 18. November hereinbrach. Wir hatten am Nachmittag noch hydrographisch gearbeitet und dieses kaum beendigt, als Böen, die schon rings herum am Himmel gestanden hatten, sich um 6 Uhr abends schnell zusammenballten, um einen Sturm von elementarer Gewalt zu entfesseln. Schnell wurden alle Luken geschlossen, und die Segel bis auf die wenigen zum Stützen des Schiffes gegen die See notwendigen gerefft. Großartig war das Meer in seiner wilden Gewalt. Die hoch erregten Wogen überschlugen das Deck und spülten gleich Leuchtkugeln große Feuerwalzen, Pyrosomen, hinüber, an deren leuchtenden Schwärmen wir uns schon einige Abende vorher erfreut hatten. Zu tun war nicht viel. Die Kraft der Seeleute war stark gespannt, und auch wir waren meist auf der Brücke, um das großartige Schauspiel zu sehen.

Schlimmer noch wurde es am Tag darauf, den ich mir mit Messungen der Wellenhöhen zu vertreiben versuchte. Der kolossale Winddruck legte das Schiff immer ganz auf die Seite; die ausgesetzten Ölbeutel richteten wenig aus; die Wogen schlugen bis über die Brücke, einmal auch das ganze Kartenhaus voll und bis in die Innenräume des Schiffes und in die Kammern hinein.

Am 19. abends sah die See etwas besser aus; der Mond trat hervor, doch der Wind toste fort; erst am 20. trat Ruhe ein.

Es war ein Sturm, wie er nicht oft auftritt. Der »Gauß« hatte sich vorzüglich gehalten und als ein ausgezeichnetes Seeschiff erwiesen. »Der Kahn schwimmt wie eine Ente«, habe ich in jenen Tagen mehrfach von der Mannschaft gehört.

Am 22. November loteten wir geringere Tiefen und erhielten als Bodenprobe jenen grünen Schlick, der sich auf den Sockeln der Kontinente abzusetzen pflegt.

Lebhaftes Interesse hatte der Fang eines Blau- oder Menschenhais, der an die Angel gegangen war. Es war ein großes Tier, über 2 m lang. Seine Bluttemperatur betrug 17,5 °C. Auch wurde die Konzentration seines Blutes von Gazert durch Gefrierversuche untersucht, und es stellte sich dabei heraus, dass es konzentrierter war als das Blut der Landtiere.

Nach dem Sturm hatte sich das Wetter gebessert, wenn auch das Rollen des Schiffes in diesem Gebiet anhaltend stark blieb und viele Schäden im Laboratorium zur Folge hatte.

Am 22. November morgens trat die afrikanische Küste hervor, und zwar zunächst der hohe Tafelberg, wie gewöhnlich auch jetzt von Wolken verhüllt. Wir hielten den Kurs etwas nördlich von ihm und näherten uns so rasch, dass wir die Küste schon am selben Abend erreichten.

Vor uns lag Kapstadt mit übervollem Hafen, mit seinen Häusern sich schon am Abhang des Tafelberges emporziehend, davor die Robbeninsel, ein niedriges sandiges Land, auf welchem heute neben dem Leuchtturm ein Leprahospital steht.

Wir wurden zuvorkommend empfangen, und, obwohl der Hafen und die Tafelbucht davor überfüllt waren, sogleich in den Innenhafen gelotst.

Kapstadt

In Kapstadt hatten wir verschiedenartige Aufgaben. In ihrem wissenschaftlichen Teil waren sie verhältnismäßig einfach und bestanden außer Bestimmungen der magnetischen Schiffskonstanten wesentlich noch darin, die magnetischen Instrumente selbst mit denen eines festen Observatoriums zum letzten Mal zu vergleichen, bevor wir ins Südpolargebiet aufbrachen, um ihre etwaigen Fehler zu kennen. Zum Beobachtungsort hätte sich ein Punkt in der Nähe von Simonstown geeignet, wo schon James Clark Ross die Konstanten seiner magnetischen Instrumente bestimmt und auch neuerdings die englische Südpolarexpedition unter Kapitän Scott in gleicher Weise gearbeitet hatte.

Da es aber aus anderen Gründen wünschenswert war, in Kapstadt selbst zu bleiben, wählten wir zum Beobachtungsort den Signalhügel auf dem Lions-Rump.

Schwieriger als diese wissenschaftlichen Aufgaben waren zwei andere, die wir in Kapstadt zu erledigen hatten, nämlich die Ausbesserung des Schiffs behufs Beseitigung der Leckage und die Ab- und Neuanmusterung eines Teils der Mannschaft.

Für den ersteren Zweck wäre es erwünscht gewesen, ein Trockendock zu bekommen. Dies erwies sich jedoch als unmöglich, weil das Trockendock durch ein schwedisches, stark havariertes Schiff besetzt war. So blieb uns nichts anderes übrig, als unseren »Gauß« mit eigenen Mitteln ausbessern zu lassen so gut, wie es ging, was immerhin einige Schwierigkeiten hatte und schließlich auch nicht gelang. Wir begaben uns sodann an Land, um uns bei dem Kaiserlichen Generalkonsul, Herrn von Lindequist, zu melden, und besprachen mit ihm, was zunächst zu tun war.

Kapstadt stand unter Kriegsrecht, doch merkte man nicht viel davon; nur die gewaltigen Magazine, welche den Hafen in weitem Umkreis umgaben, ließen vermuten, dass dort außergewöhnliche Verhältnisse herrschten.

Aus dem Hinterland fehlte jede Versorgung und erfolgte deshalb zum großen Teil von Australien her; die Proviantfirmen verdienten Millionen. Fast alles Fleisch wurde in gefrorenem Zustand auf großen Eisdampfern herübergeschafft und dann doch zu verhältnismäßig niedrigen Preisen verkauft.

Unter den Ausflügen, die ich selbst gemacht habe, wird mir der eine auf den Tafelberg stets in Erinnerung bleiben, in Begleitung von Vanhöffen, Gazert und Werth und unter der vortrefflichen Führung unseres dortigen Landsmanns Dr. Marloth.

Dr. Philippi hatte unter der Führung des Geologen Herrn Schwarz einen Ausflug in das Innere nach der Karroo unternommen, um die altglazialen Bildungen dort zu studieren. Durch das Entgegenkommen der britischen Behörden vollzog sich derselbe glatt, wenn auch naturgemäß unter militärischer Begleitung. Denn der Krieg war damals bis an die Tore Kapstadts gekommen, und unmittelbar neben der Bahnlinie standen die Burenheere.

Am Donnerstag, dem 5. Dezember, hatten wir Kapstadt zu verlassen gedacht, doch zögerte sich die Abfahrt zwei Tage hinaus, weil die Schiffsarbeiten nicht fertig geworden waren, während die wissenschaftlichen Beobachtungen schon am 30. November beschlossen werden konnten.

Das Hinterschiff war gedichtet worden, soweit dieses ohne Dockung lediglich mithilfe einer Entlastung des Hinterschiffs durch Umstauung möglich gewesen war. In den letzten Tagen wurden etwa 70 Tons englische Kohle eingenommen, die wir zu dem horrenden Preis von 72 Schilling pro Tonne erhielten. Als dieses geschehen war, trat aber die Leckage, welche infolge der Arbeiten verschwunden schien, leider von Neuem zutage; am Nachmittag des 6. Dezember wurde ich, zum »Gauß« zurückkehrend, mit der unerfreulichen Nachricht empfangen, dass das Wasser ebenso hoch stand, wie in den schlimmsten Zeiten vorher.

Hier war nun wenig zu tun. Einen längeren Aufenthalt wünschte ich um keinen Preis, zumal der Sitz der Leckage gar nicht ermittelt war; Zeit und Mühe waren vergeblich gewesen. Ich gab deshalb den Befehl zur Abfahrt und setzte dieselbe auf Sonnabend, den 7. Dezember, vormittags fest in der Hoffnung, dass die Zukunft Rat schaffen würde.

Inzwischen hatten sich die Schwierigkeiten mit der Mannschaft bis zu einem gewissen Grad behoben. Sechs Leute waren entlassen worden, und zwar der Zweite Bootsmann, der Koch und ein Matrose als die Anstifter der Unruhen, zwei andere wegen kleinerer Vergehen gegen die Disziplin und der sechste auf seinen eigenen Wunsch. Ein Ersatz hatte sich wunderbar leicht gefunden, indem viele damals in Südafrika zusammengeströmte Elemente, die teilweise schon ein abenteuerliches Leben hinter sich hatten, durch unsere Expedition angelockt wurden, und so war am Abend des 6. Dezember unser Bedarf an Besatzung wieder gedeckt.

In allerletzter Stunde erschienen über den richtigen Bestand hinaus noch zwei junge schwedische Matrosen an Bord, die einer dort liegenden schwedischen Bark entlaufen waren, beide aus guter Familie und nur von dem dringenden Wunsch beseelt, die Expedition begleiten zu dürfen. Viel Zeit zur Überlegung oder zu Erörterungen gab es nicht mehr; die Gäste hatten sich eingefunden und die Taue wurden losgeworfen.

Um 12 Uhr mittags am 7. Dezember 1901 konnte also die Abfahrt vonstattengehen. Von der Kommandobrücke des »Gauß« entbot uns Herr von Lindequist den letzten Abschied des Reiches; die Schiffe im Hafen hatten Flaggenschmuck angelegt, von dem Kai spielte die Militärkapelle deutsche Lieder, unsere Gäste folgten in einem kleinen Dampfer bis in die äußere Bucht.

Eine starke Dünung aus Südwesten empfing uns, und der »Gauß« begann stark zu rollen. Aus dem Laboratorium erklang das verderbliche Klingen der Gläser; in den Kabinen und im Salon rollten die vielen Blumenspenden und andere Geschenke, die uns Freunde in Kapstadt gesandt hatten, wirr durcheinander. So stürzte, als kaum die letzten Gesänge verklungen waren, alles von der Kommandobrücke herab, um zu retten, was noch zu retten war, wirklich ein starker Kontrast.

Langsam und wehmutsvoll haben wir unsere Kabinen geordnet und begaben uns danach frühzeitig zur Ruhe.

Über die Crozetinseln
nach den Kerguelen

Die Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung ist im Sommer verhältnismäßig leicht, während sie im Winter Schwierigkeiten bereitet.

Auch wir merkten diesen Gegensatz bald. Schon am Tag nach unserer Abfahrt wurde eine starke Erwärmung des Meerwassers beobachtet und seine Farbe wurde blau, während sie am Tag vorher schmutzig grün gewesen war. Wir hatten den Agulhasstrom also erreicht, standen aber noch in Sicht des Landes.

Am 11. Dezember näherten wir uns der südlichen Grenze des warmen Agulhasstroms und nahmen an der wirren Bewegung des Wassers wahr, wie er hier mit der entgegengesetzten Strömung der Westwindregionen kämpfte.

Mit der Wärme der Wasseroberfläche sank auch die Lufttemperatur schnell und die Tropenkleidungen verschwanden. Wir befanden uns in dem kühlen Wasser des subantarktischen Meeres.

Am 11. Dezember haben wir zum ersten Mal wieder gelotet, was bei den heftigen Bewegungen des Schiffes nicht leicht war. In Kapstadt hatten wir aber unsere Ausrüstung durch eine kleine Dampfmaschine ergänzt, die das Aufwinden des Drahtes wesentlich erleichterte; für das Heben von 100 m wurden von nun an gleichmäßig 46 bis 50 Sekunden gebraucht.

Wir fuhren in der Folgezeit meistens nur unter Segeln; doch Dampf war angestellt und wurde immer benutzt, wenn der Wind ungünstiger wurde, sodass wir andauernd schnelle Fahrt hatten. Den Kurs legte ich über die Crozetinseln nach den Kerguelen.

Das Wetter war anhaltend stürmisch, wenn auch vielfach die Sonne dabei schien. Die See war so unruhig, dass alle Arbeiten wesentlich erschwert wurden. Bei den magnetischen Beobachtungen sprang einmal durch das Schlingern des Schiffes die Nadel aus ihren Lagern heraus, und bei den Lotungen musste man sich mit Händen und Füßen halten, weil die Lotungsbrücke bisweilen fast bis ins Wasser tauchte. Das Schiff schöpfte von beiden Seiten und knietief schälte das Wasser auf Deck, mitunter auch bis in die inneren Räume des Schiffes hinein. Bei den Schöpf- und Temperaturserien band ich von nun an nie mehr als zwei Instrumente zugleich an den Draht, weil sie immer stark gefährdet waren.

Am 20. Dezember wurde im Bodenschlamm die erste Verbindung mit dem Eismeer verspürt; kantige Feldspatstücke darin deuteten auf einen Transport durch Eisberge hin. An diesem Tag hatten wir das seltene Schauspiel, eine Herde von etwa hundert Walen in unmittelbarer Nähe zu sehen. Sie spielten um das Schiff, sprangen im Wasser umher, legten sich auf den Rücken oder standen auch senkrecht, nur mit dem stumpfen Kopf oder mit dem Schwanz aus dem Wasser emportauchend. Sie hatten weiße Kehle und Bauch, eine scharfe Rückenflosse und dahinter einen länglichen weißen Fleck; auch weiße Streifen an der Seite wurden gesehen. Es waren alte und junge, die hier mit Sicherheit als Grindwale erkannt werden konnten.

Am Morgen des 21. Dezember wurde ich in aller Frühe gerufen, weil ein großer Dampfer auf uns zuhielt. Es war ein Schiff der White-Star-Linie aus Aberdeen. Er kam dicht an uns heran, brachte drei Hurras, wir hissten »Alles wohl an Bord« und hatten damit unsere letzte Begegnung mit der Kulturwelt gehabt. Am 21. haben wir Hagel gehabt und in der Nacht auf den 22. Schnee. Am 23. Dezember kam dichter Nebel auf.

In einem lichten Augenblick um die Mittagszeit des 24. Dezember war es dann, als plötzlich an Backbord ein großer Eisberg erschien und gleich darauf an Steuerbord noch ein zweiter. Diese ersten so weit nach Norden vorgeschobenen Boten der Antarktis erregten große Sensation.

So gab es am Weihnachtstag Aufregung genug. Nichtsdestoweniger feierten wir ein friedliches, schönes Fest. Bei rollendem Schiff wurden am Nachmittag ein künstlicher Baum geschmückt und die zahlreichen Geschenke aufgebaut, die uns von fern und nah zugeströmt waren. Um 4 Uhr wurden die Lichter angezündet und alle dazu gerufen, die an Deck irgendwie entbehrlich waren. Wir sangen »Stille Nacht, heilige Nacht« und gingen dann zur Bescherung. Jeder Mann erhielt Zigarren, Tabak, Pfefferkuchen und ein Liederbuch, das allen willkommen war; andere Geschenke wurden verlost. In späterer Abendstunde versammelten wir uns dann um eine Punschbowle, bei welcher eine vorzügliche Weihnachtszeitung große Freude erregte. Während das Nebelhorn oben ertönte, der Sturm wuchs und die im Dienst befindlichen Seeleute ab und zu liefen, erfreuten wir uns unten des heimischen Festes.


Lotung in schwerer See

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Am Morgen des 25. Dezember wurde ich um 5 Uhr mit der Nachricht geweckt, dass die Inseln hervorkämen. Vor uns lag die Possessioninsel mit flach geneigten, breiteren Formen, die höheren Gipfel von Nebelwolken gekrönt, und rechts davon die Ostinsel als steiles Kastell aus dem Meer emporsteigend, oben gänzlich von Wolken bedeckt.

Die Küste selbst ist steil und in der Wasserlinie von tiefen Grotten durchbrochen, in welchen die Wogen branden und schäumen. Man erkennt in ihnen den Kampf der Wellen mit dem Land, wie sie dieses mit starker Kraft unterhöhlen, sodass die Steine von oben nachstürzen, die Felsen herunterbrechen und eine Steilküste entsteht.

Wir fuhren an der Südostküste entlang und spähten nach einer Landungsstelle aus; doch keine der Buchten schien dafür groß genug und geeignet zu sein. Ich beschloss, die Ausbootung zu versuchen, und es ging trotz stark bewegter See und schweren, böigen Windstößen wunderbar gut.

Am Ufer fanden wir ein paradiesisches Tieridyll vor. See-Elephanten lagen wie dicke Fettsäcke am Strand, mächtige Tiere, die bis 6 m lang werden können, mit stumpfer Schnauze.

Auf den Felsenstufen umher standen massenhaft Pinguine, von denen zwei Arten erkannt und gesammelt wurden, nämlich der Esels- und der Goldhaarpinguin.

Auf der Höhe der Stufe über der Bucht umschwirrten uns zahlreiche Enten, von denen mehrere erbeutet wurden, und viele Raubmöwen; auch ein Kormoran wurde zwischen den Pinguinen geschossen, und draußen bei der Fahrt längs der Küste waren wir von diesen Vögeln in großen Scharen umschwärmt. Am Ufer liefen die weißen Chionis, der Scheidenschnabel, ein Uferläufer umher, und ließen sich mit leichter Mühe erbeuten, während der Riesensturmvogel (Ossifraga gigantea), eine Mahlzeit erwartend, umherflog.

Wir nahmen von diesen Tieren, so viel wir brauchten, nämlich zwei Seeelephanten, den einen zur Nahrung und den anderen für die Sammlungen; auch acht lebende Pinguine wurden mit an Bord gebracht, welche bei dem Schwanken des Schiffes in komischer Weise allen Bewegungen folgten.

Dr. Werth gelang es, im Ganzen über 13 Arten höherer Pflanzen zu sammeln, wovon bisher nur sechs bekannt gewesen sind, da die Insel noch niemals von einer Expedition betreten worden war.

Bidlingmaier nahm mit Ott magnetische Messungen vor. Die absoluten Bestimmungen der magnetischen Elemente litten bei dem vulkanischen Charakter des Gesteins augenscheinlich unter starken örtlichen Störungen.

Philippi hatte den vulkanischen Kegel besucht und ein junges Alter dafür konstatiert. Werth botanisierte und Vanhöffen sammelte Insekten und Würmer, die er reichlich fand und unter denen eine flügellose Fliege sein besonderes Interesse erregte, deren Umtaufung in »Gehe« des Mangels an Flügeln wegen angeregt wurde.

Mittlerweile fuhr der »Gauß« vor der Küste hin und her; Nebel zogen hin und wieder, die ihn bald unseren Blicken entzogen, bald wieder zeigten; zweimal rauschten Regenböen herab; der Wind umbrauste das Schiff und auch uns oben auf dem Plateau. Wenn die Nebel sich zusammenzogen, hörten wir das Schiff mit der Dampfpfeife locken, ohne dem aber Folge geben zu können, weil die Arbeit noch nicht beendet war.

Zu allgemeiner Befriedigung waren wir gegen 7 Uhr abends auf dem Schiff zurück, reich an Beute und des Erlebten froh. Sofort wurde der Kurs dann ostwärts auf die Kerguelen gesetzt. Bald war das Land außer Sicht.

Wir zehrten von der Insel, aber auch im eigentlichen Sinn des Wortes, indem Enten, Kormorane, Seeelephanten Bestandteile unserer Mahlzeiten bildeten.

Auch die Pinguine mussten ihr Leben lassen und wurden mit Beifall verzehrt. Sie hatten viele Steine im Magen, die sie wohl zur besseren Verdauung aufnehmen.

Am 27. Dezember loteten wir trotz starken Rollens, aufteigender Nebel und Regenböen und erzielten dabei ein interessantes Ergebnis, nämlich die besonders niedrige Bodentemperatur von + 0,2° und eine große Tiefe von etwa 4890 m, wodurch die wichtige Frage nunmehr in positivem Sinn entschieden wurde, dass zwischen den Crozetinseln und Kerguelen eine tiefe Mulde liegt, welche den antarktischen Wassern und kalten Temperaturen den Zutritt zu den Tiefen der indischen Tropenmeere gestattet.

Am 30. Dezember loteten wir überraschend schon geringere Tiefe und schlossen daraus, dass wir uns auf dem Kerguelensockel befanden, welcher also von dem Crozetsockel durch eine tiefe Mulde getrennt ist.

In der Nacht auf den 31. Dezember rollte das Schiff gewaltig. Ich war erst um Mitternacht zur Ruhe gekommen, weil ich die Sichtung der Kerguelen erwarten wollte, doch war von ihnen noch nichts zu sehen gewesen.

Um 5 Uhr morgens trat die Hauptinsel hervor, und zwar die Gegend des Weihnachtshafens an dem nördlichen Ende. Wir fuhren längs der Außenkante der Tange.

Am Nachmittag des 31. Dezember hatten wir die Insel in deutlicher Sicht. Wir erblickten im Hintergrund echt vulkanische Bergformen. Die Berge waren mit Schnee bedeckt. Um 9 Uhr abends fiel der Anker. In dieser Lage haben wir die Neujahrsnacht bei Punsch und Scherzen gefeiert, wie in der Heimat.

Das neue Jahr begann mit einem Sturm aus Süd, der uns verhinderte, dagegen in das Innere des Sundes zu fahren.

Gegen die Mittagszeit hatte der Wind abgeflaut, und der Anker konnte gelichtet werden. Wir fuhren nun in den Sund hinein und nahmen zunächst den Dreiinselhafen als Ziel, wo wir unsere Station oder doch eine Nachricht von ihr zu erwarten hatten. Er wurde gegen 8 Uhr abends erreicht. Als wir uns näherten, wurde auf deren Westseite eine weiße Flagge bemerkt. Unsere Sirene ertönte, erhielt jedoch keine Antwort, obwohl unser Zimmermann Reimers schon das Stationshaus, das Schiff, welches unsere Kameraden dort hingebracht hatte, und alle möglichen Insassen gesehen haben wollte. Als wir um die Ecke bogen, wurden wir gewahr, dass alles ein Trug war. Die Flagge wehte in einsamer Lage, doch von dem Schiff und der Station war nichts zu bemerken. Nur der Katzen-Insel gegenüber auf der Schweine-Insel sahen wir ein weiteres Zeichen früherer menschlicher Anwesenheit in Gestalt einer schwarz-weiß- roten Flagge, die über einem Gerümpel von Holz und anderen Trümmern menschlicher Tätigkeit stand.

Wir warfen nun zwischen den Inseln Anker und entsandten Lerche mit einem Boot, um die Flaggen auf ihre Bedeutung zu prüfen. Die weiße Flagge ergab trotz längeren Suchens nichts; aber neben der schwarz-weiß-roten lag eine leere, zugesiegelte Exportbierflasche mit einem weißen Zettel darin, die aufs Schiff gebracht und geöffnet wurde. Sie enthielt einen Brief von Herrn Enzensperger mit der Nachricht, dass unsere Kameraden bereits am 19. November die Insel mit dem Dampfer »Tanglin« erreicht, aber angesichts des trostlosen Anblicks dieses Dreiinselhafens und seiner Umgebung, welche wohl einen guten Stationsplatz, sonst aber nichts zu bieten versprach, sogleich weitergegangen seien in das Innere des Royal Sounds nach der Beobachtungsbucht, wo die englische Expedition 1874 den Durchgang der Venus vor der Sonnenscheibe beobachtet hatte. So war unser Zusammentreffen noch verzögert.

Bei schönem Wetter hatten wir durch ein Insellabyrinth, welches im Hintergrund die Schneeberge des Rossbergs und des Croziergebirges überragten, eine genussreiche Fahrt bis zur Beobachtungsbucht. Als wir uns dieser gegen drei Uhr nachmittags näherten, sahen wir dort ein weißes Haus; dann erschienen zwei Gräber, dann ein zweites Haus und dann ein großer Stapelplatz von Kohlen und Holz, endlich in einer langen Kette an einem Felsen lebhafte Gestalten, die sich durch ihr lautes Geheul als unsere Hunde vorstellten. Dann öffnete sich die Tür des einen Hauses, und hinaus stürzten drei Gestalten, lebhaft winkend und rufend und wie närrisch bis zum Strand hineilend, immer und immer wieder in Rufe ausbrechend, welche die große Freude über unsere späte, aber glückliche Ankunft kundgaben.

Im Augenblick war das Boot herunter und ebenso schnell von zahlreichen berufenen und unberufenen Insassen erfüllt. In wenigen Minuten waren wir mit unseren Freunden vereint.

Fragen drängten sich nun auf Fragen: woher unsere späte Ankunft, wir seien schon für verschollen gehalten, – wessen sind die Gräber – zwei Chinesen ruhen dort, die auf dem »Tanglin« gewesen und an Beriberi gestorben sind; fast die ganze Mannschaft des »Tanglin« habe diese Krankheit gehabt, daher große Schwierigkeiten mit der Ausladung, endlose Schwierigkeiten bei dem Ausbau der Station.

Das Wohnhaus stand schon und ebenso ein Beobachtungshaus, in welchem Luyken mit der Aufstellung der Instrumente beschäftigt war.

So folgten Erzählungen auf Erzählungen, bei denen uns dieser erste, wie noch mancher andere Abend dort in froher Runde vereint hat.

Auf den Kerguelen

Der Pan, eine Station auf den Kerguelen in Verbindung mit der deutschen Südpolarexpedition zu errichten, rührte im Wesentlichen noch von den älteren Entwürfen her, welche G. von Neumayer aufgestellt hatte. Wie bekannt, sollten nach diesen früheren Plänen zwei Schiffe gleichzeitig in die Antarktis vordringen, von denen das eine die Aufgabe hatte, eine Verbindung zwischen dem eigentlichen Polarschiff und der Heimat zu erhalten, und zwar durch Vermittlung einer Station auf den Kerguelen, welche zugleich mit größeren Vorräten an Kohlen und Proviant versehen sein sollte, um davon der südlicheren Abteilung durch das Verbindungsschiff immer mitteilen zu können. Die Kergueleninsel sollte mithin nicht allein den Ausgangspunkt der Expedition, sondern auch ein Verbindungsglied mit der Heimat bedeuten.

Als dieser Plan dann eingeschränkt und die Expedition nur mit einem Schiff ausgerüstet wurde, ist zunächst an eine Station auf den Kerguelen weniger gedacht worden.

Etwas anders stand es mit den wissenschaftlichen Aufgaben dieser Station, für welche die Frage war, ob es unbedingt notwendig sei, mit den Arbeiten in der Antarktis gleichzeitig magnetische und meteorologische Beobachtungen auf einer der Inseln des subantarktischen Meeres ausführen zu lassen, um dadurch ein wissenschaftliches Verbindungsglied zu haben, da die wissenschaftlichen Stationen der zivilisierten Welt von der geplanten deutschen Station in der Antarktis allzu weit entfernt lagen.

In dieser Beziehung stand die englische Expedition glücklicher da, indem sie ihre antarktischen Beobachtungen auf die Stationen Australiens und Neuseelands beziehen konnte, welche ihrem Arbeitsgebiet weit näher lagen als eine antarktische Station südlich des Indischen Ozeans von irgendeinem Observatorium der Kulturwelt. Noch günstiger war es hierin mit der schwedischen Expedition südlich von Amerika bestellt, zumal die Argentinische Republik sich auf gemeinsames Ersuchen Deutschlands und Englands entschlossen hatte, ihre schon bestehende wissenschaftliche Station bei der Staten-Insel für die Zeit der Südpolarexpeditionen zu einer magnetisch-meteorologischen Station erster Ordnung auszugestalten. Wollte Deutschland daher ähnliche fundamentale Anschlussbeobachtungen haben wie die anderen Expeditionen, so musste es sich eine Station dafür erst schaffen, und da die Kerguelenroute aus den älteren Entwürfen Neumayers übernommen worden war, ist es das Nächstliegende gewesen, an die Kerguelen selbst für die Errichtung dieser Station zu denken.


Drygalski, Ruser, Enzensperger, Werth, Bidlingmaier

(Geographisches Institut, Universität München)

Die Gründung der Zweigstation auf den Kerguelen wurde also wesentlich aus wissenschaftlichen Gründen beschlossen, und zwar auf direktes Ansuchen der Meteorologen und der Magnetiker des deutschen Beirats, welche diese Station für unerlässlich erklärten, um für die antarktischen Beobachtungen ein Fundament zu gewinnen. Ich selbst stand der Angelegenheit nicht ganz in gleicher Weise überzeugt gegenüber. Ich hielt die Station wohl für wichtig, legte ihr aber doch nicht den grundlegenden Wert bei, dass ich die Arbeiten auch der Hauptexpedition in ihrem Wert hiernach bemaß. Ich glaubte und glaube bis heute, dass alle Beobachtungen in der Antarktis für sich allein schon fundamentalen Wert besitzen, der durch Beobachtungen auf den Kerguelen und durch die internationale Kooperation wohl noch gesteigert werden kann, aber in seinem Erfolg nicht dadurch bedingt ist. Waren doch die als unerlässlich geforderten Anschlussbeobachtungen der Station auch nur magnetischer und meteorologischer Art, während alle anderen Forschungen in der Antarktis schon für sich allein und für jeden Ort in ihrem vollen Wert bestanden. Ich konnte mich aber nicht entschließen, bei dem erweiterten Forschungsplan unserer Expedition auf Meteorologie und Erdmagnetismus den Plan der Expedition allein zu begründen und die Kerguelenstation für unerlässlich zu halten, da ich die genannten Wissenszweige wohl für überaus wichtig, aber doch nur für gleichberechtigt mit Biologie, Ozeanographie und anderen Forschungsrichtungen hielt.

Dieses war der Grund, weswegen die Kerguelenstation in meinen ersten Entwürfen nicht enthalten gewesen ist, desgleichen auch nicht in meinem Entwurf der Immediateingabe an Seine Majestät den Kaiser, meinen ersten Vorträgen bei der Reichsregierung und Denkschriften an den Deutschen Reichstag. Wenn ich später aber den erdmagnetisch-meteorologischen Wünschen die Aufnahme der Station in mein Programm einräumte, so geschah es in voller Würdigung der großen Wichtigkeit der Station für diese Disziplinen, aber doch in der Überzeugung, dass sie nur ein Teil der Expedition blieb, welcher für deren ganzes Wesen darum nicht fundamental war.

Unsere Expedition unterschied sich nämlich von den älteren Entwürfen neben manchem anderen dadurch, dass die ausführenden Personen und der Leiter volle Freiheit erhielten, während in älteren Entwürfen bestimmte Instruktionen vorgesehen waren, nach denen die Expedition zu handeln hatte. Bei diesem letzteren Verfahren ist es nun leichter, Stationen zu gründen.

Wo die ausführenden Persönlichkeiten dagegen Freiheit des Handelns haben, ist es durchaus notwendig, dass sie selbst auch die vorzunehmenden Untersuchungen planen und vorbereiten. Da nun aber von vornherein keiner vorhanden war, welcher an die Kerguelenstation für sich gedacht hat, mussten die Arbeiten dieser Station zunächst von solchen vorgezeichnet werden, die an ihrer Durchführung nicht mehr selbst beteiligt sein konnten.


Enzenspergers Grab an der Nordseite des Stationsbergs auf den Kerguelen

(Quelle: Geographisches Institut, Universität München)

Um diesem Übelstand abzuhelfen, wurden die Mitglieder der Kerguelenstation möglichst frühzeitig gewählt und zur aktiven Mitwirkung bei den Vorbereitungen herangezogen. Die Herren Dr. Luyken und Dr. Werth sind im Herbst 1900 zu uns getreten und auch für die Hilfsarbeiten waren in den Matrosen Wienke und Urbansky frühzeitig gute Kräfte gewonnen; ein fünfter Mitarbeiter für meteorologische Zwecke ist seit dem Frühjahr 1901 bei uns beschäftigt gewesen. Die Umstände brachten es mit sich, dass dieser Letztere kurz vor unserer Abreise, im Juli 1901, wieder ausschied. Unter den zahlreichen Bewerbungen, welche noch vorlagen, fielen die Blicke damals sofort auf Enzensperger, der auf der Zugspitze weilte und den meteorologischen Dienst dort gerade ein Jahr lang versehen hatte.

Joseph Enzensperger brachte in hohem Maße die Eigenschaften mit, deren die Kerguelenstation bedurfte. Mit sicherer Kenntnis des eigenen Fachs, der Meteorologie, verband er einen offenen Sinn für die Natur und für alle Erscheinungen, die ihn umgaben, und eine durch viele Alpentouren geschulte Erfahrung in der Bewältigung natürlicher Schwierigkeiten, wo sie am größten sind. Er hielt sich nicht an das einzelne Fach, sondern hatte den Blick auf das Ganze gerichtet.

Wie bekannt, sind Enzensperger, Luyken und der Matrose Wienke mit dem Lloydampfer »Karlsruhe« zunächst nach Sydney gefahren, um dort unsere Hunde, einigen Proviant und die Ausrüstung der Kerguelenstation zu übernehmen und mit dem Lloydampfer »Tanglin«, welchen das Reich für diese Zwecke gechartert hatte, nach den Kerguelen zu bringen. Unsere Vereinbarungen galten der ersten Anlage der Station auf den Kerguelen für den wahrscheinlichen und wünschenswerten Fall, dass der »Tanglin« dort früher eintreffen würde als der »Gauß«. In letzterer Hinsicht wurde verabredet, dass der »Tanglin« zunächst nach dem bekannten, von Wal- und Robbenschlägern am meisten geschätzten Dreiinselhafen des Royal Sound vorgehen sollte, die Herren sollten sich umtun, ob die Inseln des Hafens selbst sich zur Anlage der Station eigneten, und, wenn nicht, unter Hinterlegung einer Nachricht weitergehen, um nach einem anderen passenden Stationsort zu suchen.

Dass die Umgebung des Dreiinselhafens sich nicht für die Anlage der Station eignete, war Enzensperger und Luyken bei ihrer Ankunft klar gewesen, wie uns, als wir mit dem »Gauß« dort einfuhren. Sie waren deshalb noch am 9. November 1901 nach der Beobachtungsbucht weiter gefahren, wo die englische Expedition zur Beobachtung des Venusdurchganges im Jahr 1874 gearbeitet hatte, und hatten sich nach kurzem Suchen dafür entschieden, die Station an diesem Ort zu gründen. Es war zweifellos auch die geeignetste Stelle, denn sie gewährte durch Benutzung der von der früheren Expedition verbliebenen Bestände manche Vorteile.

Mit der Anlage der Station war sogleich begonnen worden, und als der »Gauß« den Stationsplatz erreichte, stand bereits das Wohnhaus am Fuß eines niedrigen Lavaberges, der sich nach Norden hin in Stufen zum Fjord hinabsenkte. Der Berg bot dem Haus Schutz gegen die herrschenden westlichen Winde und war doch nicht so hoch, um die meteorologischen Anlagen in der Umgebung des Hauses störend zu beeinflussen. Ferner stand bereits Luykens magnetisches Variationshaus, wenn auch die Wahl des Platzes dafür wegen des wasserdurchtränkten, schwankenden Bodens schwierig gewesen war, um die Instrumente fundieren zu können. Östlich von dem Stationshaus war ein kleiner See mit trübem, aber brauchbarem Wasser. Sein Abfluss war sogleich vertieft worden, um den Wasserspiegel zu senken und den Boden in der Umgebung des Hauses zu trocknen. Westlich vom Haus senkte sich das Gelände zu einem Bach herab, der im Hintergrund des Fjords mündete und frisches Wasser für alle Zwecke hergab. In der Umgebung des Stationshauses waren nicht allein die astronomischen Beobachtungspfeiler und die Wegeanlagen der früheren englischen Expedition noch erhalten, sondern in zahlreichen Rundhöckerfelsen, den Spuren früherer größerer Vergletscherung, auch natürliche Pfeiler gegeben, auf welchen sich wissenschaftliche Arbeiten zweckmäßig ausführen ließen. In der Nähe des Hauses lag zwischen steilen Felsen eine kleine Bucht, in welcher das Boot der Station guten Schutz fand. Die Küste war 10 bis 20 m hoch, aber in dieser Bucht und in dem erwähnten Bach für alle Zwecke zugänglich.


Aufbau der Kerguelenstation am Stationsberg im Sommer

(Quelle: Geographisches Institut, Universität München)

Der erste Rundgang um die Stationsanlagen, welchen wir unmittelbar nach der Ankunft am Nachmittag des 2. Januar machten, zeigte, was noch zu tun war. Wir ließen unsere Zimmerleute Heinrich und Reimers an Land gehen, um die Stationsanlagen weiter zu fördern, während der »Gauß« am ersten schönen Tag die Bucht wieder verlassen sollte, um etwas weiter draußen, aber noch vor dem Dreiinselhafen, zur Bestimmung magnetischer Konstanten auf verschiedenen Kursen zu drehen. Dann sollte er beginnen, die für ihn auf den Kerguelen gestapelte Bagage einzunehmen, welche aus der neuseeländischen Westportkohle, etwas Proviant, Holzmaterial für den Bau der Stationshäuser in der Antarktis und vor allem in unseren Hunden bestand, die in vortrefflicher Gesundheit, wenn auch etwas mager, um den Felsen des Stationshauses angekettet waren und sich bereits reichlich vermehrt hatten. Junge Tiere spielten um die alten herum und fielen nur ab und zu den Raubmöwen (Lestris) zur Beute, welche in großen Scharen den Stationsfelsen umschwärmten und in ihrer dummen Dreistigkeit nicht allein Kaninchen und junge Hunde, sondern auch Menschen zum Ziel ihrer Begehrlichkeit wählten, was aber natürlich zu ihrem Unheil ausfiel.

Am 3. Januar konnten wir das Drehen nicht vornehmen, weil ein böiger Sturm herrschte, bis zur Stärke 11 oder mehr. Der Tag wurde deshalb mit kleineren Ausflügen verbracht, wobei Philippi geschrammte Geschiebe fand, welche von der früheren Vergletscherung herrührten, und Vanhöffen an einem unzugänglichen Steilabfall noch zwei prächtige Stauden Kerguelenkohl konstatierte, welche die Kaninchen übrig gelassen hatten, weil sie dorthin nicht gelangen konnten. In diesem Sturm setzte sich der »Gauß« ungewollt in Bewegung und begann um 4 Uhr nachmittags zu treiben. Die Schiffsmannschaft wurde schnell alarmiert, der zweite Anker fiel, und die Katastrophe war verhütet. Abends um 6 Uhr versuchten an Land gewesene Mitglieder der Expedition, zum Schiff zurückzugelangen. Unter der Steuerung Vanhöffens kamen sie auch quer zum Wind bis in unmittelbare Nähe des »Gauß«, vermochten die ihnen zugeworfene Fangleine aber nicht zu erhaschen und trieben nun rettungslos an der Schiffswand vorbei nach außen hinaus. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Boot hinter eine vorspringende Landzunge zu steuern, was auch gelang, und so entstand dort die erste jener unfreiwilligen Landungsstellen, welche sich im Laufe des Monats infolge des unberechenbaren Kerguelenwetters noch stark vermehren sollten und zu Ehren der jeweilig gestrandeten Mitglieder mit Namen wie Stehrs-Ruh, Vanhöffens-Ruh, Lerches-Ruh und anderen an die Schicksale der Unternehmer erinnerten.


Magnetisches Variationshaus auf den Kerguelen

(Quelle: Geographisches Institut, Universität München)

Am 4. Januar war das Wetter besser, und in aller Frühe begann das Ankerhieven, um mit dem Schiff hinauszugehen. Natürlich ging es nicht glatt vonstatten, indem an der großen Winde die Pleuelstange brach und die schweren Anker mit der Hand aufgeholt werden mussten. Störend war auch das viele Kraut, welches sich um sie geschlungen hatte, und auch deshalb, weil es die Seeventile verstopfte und in der Zufuhr des Wassers zu den Kesseln Störungen brachte. Wir haben selbst im Eis noch einige Zeit Kerguelenkraut in den Seeventilen gehabt. Gegen 10 Uhr kamen wir aber vom Fleck und drehten mit dem »Gauß« bis 6 Uhr abends zwischen den Inseln Blackeney, Pemb und Heugh auf kleinem Raum, welcher zwar nicht gestattete, längere Zeit auf demselben Kurs zu liegen, aber dennoch alles gut erledigen ließ. Am Vormittag wurden die Konstanten für Horizontalintensität und zum Teil für die Deklination, am Nachmittag für Inklination, für Vertikalintensität und die übrigen Teile der Deklination bestimmt. Trotz zeitweiliger heftiger Böen lag der »Gauß« in dem ruhigen Wasser des Sunds stetig und fest auf seinem Kurs. Kapitän Ruser ließ dabei vom Fockmast noch die beiden obersten Rahen entfernen, um dem Wind nicht zu viele Angriffspunkte zu lassen. In der Maschine wurden für diese Arbeiten nicht weniger als 96 verschiedene Manöver ausgeführt.

Gegen 7 Uhr abends waren wir in der Bucht zurück, und gleich darauf kamen die übrigen Mitglieder der Expedition an Bord, die den Tag am Land zugebracht hatten. Dort war von den Zimmerleuten mittlerweile ein Windfang für das magnetische Variationshaus gebaut worden, im Wohnhaus waren Konsolen befestigt und Instrumente ausgepackt. Philippi hatte reichliche Jagd an Enten und Kaninchen gemacht.

Der nächste Tag war ein Sonntag und sollte allgemein gefeiert werden, weil die Mannschaft seit Kapstadt wegen des bösen Wetters keine Feierstunden gehabt hatte. Sein schönes sonniges Wetter lud auch zu Ausflügen ein. So begaben sich die Offiziere Vahsel und Ott schon in früher Morgenstunde auf Jagd.

Die Mannschaft hatte sich in den Sonntag geteilt, weil das Schiff bei dem unberechenbaren Wetter nicht zugleich von allen verlassen werden konnte. Die erste Partie, aus Urbansky, Franz, Berglöf, Bähr und anderen bestehend, kam am Nachmittag mit großem Hallo zurück und brachte einen Schafbock mit, der von den sie begleitenden Hunden aufgespürt und ins Wasser getrieben worden war, in dem sie ihn fingen. Es war einer der beiden entlaufenen Böcke, welche die Mitglieder der Station auf dem »Tanglin« nach den Kerguelen gebracht hatten und dort laufen liefen, weil die beiden zugehörigen Schafe, mit welchen sie Zucht treiben wollten, auf der Reise von den Hunden zerrissen worden waren. Das Tier stand nun in ödem Stumpfsinn auf dem »Gauß« einige Zeit lang unter der Back, wurde dann aber wieder freigelassen, weil wir nichts mit ihm anzufangen wussten und auch zu seinem Genuss keine Neigung verspürten. Nahrung gab es für ihn auf den Kerguelen reichlich in Acaena, Gräsern und anderen Pflanzen, sodass man für sein Fortkommen nicht besorgt zu sein brauchte. Auch viele Vögel brachten die Leute mit, die sie aus Erdlöchern ausgegraben hatten, und ermunterten dadurch die zweite Partie, am Nachmittag mit Hacke und Spaten auszuziehen, um dieses Werk fortzusetzen, vielleicht auch in der Hoffnung, auf der unbekannten Insel noch Gold und Diamanten zu finden.

Auch sie brachten Vögel und Kaninchen mit. Assistent Heinacker, der in seinem Leben zum ersten Mal auf Jagd ging, hatte es sich dabei nicht versagen können, auch das Gewehr zu benutzen. Da die Tiere ihm dazu nun wenig Gelegenheit boten, weil sie sich ohne Feuerwaffe erreichen ließen, hatte er schließlich ein Kaninchen eingefangen und es angebunden, um es so aus der Ferne zu schießen. Die Fama sagte dann aber weiter, dass er die Schnur durchschoss, sodass gerade dieses Tier ihm schleunigst entlief. Philippi brachte acht Enten und einige Chionis; auch Kormorane und Raubmöwen wurden erlegt. Vahsel und Ott hatten noch reichlichere Beute, derentwegen sie allerdings bis zum Leib und darüber im Moor versunken waren, und Stehr schoss einen Pinguin, der nachher aber in seinem Rucksack wieder auflebte und zu schnarchen begann. So hatten wir für die nächsten Tage frische Nahrung genug.

Ich selbst begab mich mit Gazert und Enzensperger von der Station in das breite Tal, welches nordwestlich von ihr mündet. Es mag fast 1 km breit und nur 3 km lang sein, ist an seinem Boden von vielverschlungenen Seen bedeckt und in der Mitte von einem Rundhöckerfelsen (Mittelberg) in zwei parallele Talzüge geteilt. Wir gingen in der rechten Hälfte dieses Tales aufwärts und hatten zunächst von dem Mittelberg eine schöne Umschau über das Land. Er besteht aus Basalt und Mandelstein, die sich in verschlungenen Grenzen gegeneinander absetzten; oben und unten war Basalt und dazwischen Mandelstein, den die Basalte noch mehrfach durchdrangen. An seinem westlichen sanft geneigten Abhang lag ein grober Sand, der aus weißen Kristallsäulen und Platten bestand.

Von der Höhe dieses zweiten Rundhöckers, welcher das Tal im Westen abschloss und später von den Mitgliedern der Station nach mir benannt wurde, hatten wir eine schöne Umschau über das Land. Nach Westen sahen wir in ein weiteres, vielverschlungenes Seengebiet hinunter, in dem einzelne Teile durch ihre schwarzen, mit Tangen besetzten Uferlinien deutlich erkennen ließen, dass es schon Fjorde waren, die mit dem Royal Sound in Beziehung stehen, während in anderen Seearmen, die sich mit ihnen begegneten, diese Kennzeichen fehlten.

Ich hielt es damals für möglich, dass sich die Fjorde nach Süden zu weit hindurch bis in die Nähe des Rossbergs hineinziehen und so eine gute Gelegenheit zum Eindringen in die Insel mit Kajaks darbieten mochten.

Weit in der Ferne, im Südwesten, blickten wir auf das grandiose Massiv des Rossbergs. Er selbst ist der dritte Gipfel einer Halbinsel und besteht aus zwei Gipfeln, die durch eine vergletscherte Scharte voneinander getrennt sind. Mehr gegen Westen hin sah man noch sieben bis acht weitere Schneegipfel, hohe Kegel, seltener Rücken mit Kuppen, teilweise fast kraterförmig gestaltet. In den Mulden lagen Firnmassen, die an steilen Felskanten abbrachen. Aus der Scharte zwischen den beiden Gipfeln des Rossbergs führte eine Lawinenbahn hinab. Jene Gegend hat eine mächtige Gletscherentwicklung, welche von der Höhe teils in steilen Fällen, teils auch in ruhiger geformten Strömen zur Tiefe, vielleicht bis zum Meer herabsteigen. Ausgeprägt ist in jenem höchsten Teil der Insel nicht die Gratform, sondern die Kegelform auf den Höhen, sodass es aus der Ferne den Anschein hat, als hätten wir es mit einem vulkanischen Gebirge zu tun. Dieses gewaltige Massiv zu durchstreifen, bildete in unseren langen Betrachtungen über den Verlauf der Gletscher und Grate darin das Ziel unserer Sehnsucht. Namentlich Gazerts und Enzenspergers Blicke waren heute wie noch bei folgenden Gängen immer wieder auf diese Bergmassen gerichtet, doch sollte es auch für Enzensperger nicht dazu kommen. Denn dieses wie andere hohe Ziele, die ihn beschäftigt hatten, wurden durch das furchtbare Schicksal, das ihn ereilte, zunichtegemacht.

Auf unserem Gang hatten wir viele von unseren Hunden getroffen, die auf der Kaninchenjagd waren, von Raubmöwen, die schon Junge ausgebrütet hatten, umschwärmt, die besonders auf die jungen Hunde herniederstießen, um sie zu holen, stets aber erfolglos.

Mit dem Januar hatte die Verstauung unserer Bagage begonnen. Die Kohlen an Land wurden in Säcke getan, diese unter der Aufsicht Otts mit einem Hundeschlitten über Acaenapolster zum Fjord gefahren und dort mit Booten zum Schiff verfrachtet; unser Naphthamotorboot »Leipzig« unter der Führung Stehrs bugsierte die Kohlenboote zum Schiff und zurück. Etwa 20 solcher Säcke machten eine Tonne aus und etwa 2 Tons gingen in ein Boot; 18 bis 20 Tons pro Tag ließen sich auf diese Weise hinüberschaffen. So war die Kohleneinnahme eine mühsame und zeitraubende Arbeit, doch ließ es sich nicht anders machen. Der »Tanglin« hatte zum Löschen der Kohlen unmittelbar am Ufer gelegen und sich mit ihm durch eine Landungsbrücke verbunden, was Kapitän Ruser jedoch wegen des größeren Tiefgangs des »Gauß« nicht versuchen wollte. Immerhin ging die Arbeit rüstig vonstatten, zeitweilig so schnell, dass die Leute an Bord die ihnen zugeführten Kohlen nicht schnell genug in die unteren Schiffsräume wegstauen konnten und die Arbeit dann unterbrochen werden musste, um ihnen Zeit zu lassen. Die größte hierbei erreichte Leistung ist wohl 500 Sack gleich 25 Tons an einem Tag gewesen.

Mittlerweile gingen die Arbeiten an der Landstation ihren ruhigen Gang. Nachdem der Windschutz vor dem magnetischen Variationshaus beendigt war, wurde von den Zimmerleuten ein Schuppen zur Stapelung der Bagage an dem Ostgiebel des Wohnhauses erbaut, nach Norden hin zunächst offen, später aber, wie ich gehört habe, notwendigerweise auch dorthin noch geschützt. Dann ging es an die Aufstellung des magnetischen Beobachtungshauses für absolute Messungen, an die Einrichtung einer Landungsstelle für das Boot durch Spannung eines Drahtkabels quer über die kleine Bucht nördlich vom Wohnhaus, späterhin vervollständigt durch Anlage einer Landungsbrücke mithilfe von beschwerten Kisten. Die inneren Einrichtungen des Wohnhauses wurden durch Anbringung von Konsolen und Regalen ergänzt, auf denen die Bibliothek und die Instrumente Platz fanden. Schon am 8. Januar stand die meteorologische Hütte und kam in Betrieb.

Schwierigkeiten machte allseitig die große Feuchtigkeit, die den Boden durchzog; ich merkte es bei der Aufstellung des astronomischen Instruments, mehr noch Dr. Luyken bei der Fundierung der magnetischen Registrierapparate in dem neuen Variationshaus. Der Boden war überall schwankend; er quoll und schob sich, wohin man ihn drückte.

Im Variationshaus wurden deshalb Fundamente gebaut durch Einrammen von Holzpfählen und durch Schamottelagen dazwischen, wodurch eine genügend feste Aufstellung für die Instrumente erreicht wurde. Schlimmer war es mit der Aufstellung der Erdbodenthermometer, indem sich tatsächlich in der ganzen Umgebung des Hauses kein Ort fand, wo nicht schon in geringer Tiefe im Boden Wasser stand. Enzensperger beschloss daher mit Recht, die Bodenthermometer einfach in die wassererfüllten Löcher zu stellen, indem er von der Annahme ausging, dass er durch Temperaturmessungen in ihnen eben die natürlichen Verhältnisse auf den Kerguelen treffen werde. Um das Variationshaus wurde ein Graben gezogen, um ein Ansteigen der Feuchtigkeit innerhalb des Hauses zu verhindern; derselbe konnte aber nur einen bedingten Erfolg haben, weil das Grundwasser allseitig hoch stand und sich dort vom Felsen herabzog.

Von besonderer Wichtigkeit waren magnetische Arbeiten, welche jetzt einmal darin bestanden, eine kleine Rundvermessung in der Umgebung der Station vorzunehmen, um den am wenigsten durch die vulkanischen Gesteine lokal gestörten Ort für die Aufstellung des absoluten Hauses kennenzulernen, sodann aber in Messungen auf den Inseln, zwischen welchen der »Gauß« zu den Bestimmungen der Schiffskonstanten gedreht hatte; Ersteres wurde durch die Herren Bidlingmaier und Luyken erledigt, während zu letzterem Zweck Bidlingmaier mit dem Zweiten Offizier Ott auszog. Sie hatten ursprünglich geplant, es mit Kajaks zu tun, doch hatte ich dem nicht zugestimmt, weil in dem schon genügend bekannten Kerguelenwetter die Verwendung von Kajaks in den äußeren Teilen des Sundes bedenklich erschien. Sie unternahmen die Tour deshalb auf der Naphthabarkasse »München«, welche zur Station gehörte, und wurden für den Anfang noch durch die andere Naphthabarkasse »Leipzig« bugsiert, bis sie günstigen Wind bekamen und segeln konnten, weil die Maschine von »München« momentan nicht verwendbar war. Verabredet war, dass sie jeden Abend um 9 Uhr von der Höhe derjenigen Insel, auf der sie sich gerade befanden, farbige Leuchtkugeln abschießen sollten, und zwar rote, wenn alles in Ordnung war, grüne dagegen, wenn sie Hilfe benötigten.

Sie zogen mit Zuversicht hinaus, und man sah sie am Nachmittag des ersten Tages auf der Heughinsel arbeiten. Am Abend dieses und des nächsten Tages signalisierten sie rot; es war also alles in Ordnung. Dann aber kam in der Nacht auf den 10. ein Sturm, einer der schwersten, die wir gehabt hatten. Der Kapitän wurde in der Nacht gerufen, weil Bedenken bestanden, dass das Schiff sich losriss und ins Treiben geriet; es war derselbe Tag, an dem Herr Stehr mit der Naphthabarkasse »Leipzig« rettungslos davontrieb und die Einnahme von Kohlen eingestellt werden musste, weil kein Verkehr mit dem Land möglich war. Gazert war in einem Kajak fortgefahren und kam nur mit Mühe zurück; ich selbst brauchte vier Mann zum Rudern, weil ich ans Land kommen musste. An diesem Tag war auch unserer magnetischen Partie ein Unglück passiert, welches uns durch am Abend zur verabredeten Stunde von Blakeney Island emporsteigende grüne Leuchtkugeln kundgetan wurde.

Wir antworteten vom »Gauß«, dass das Signal verstanden war, und am Morgen des 11. Januar zogen die Offiziere Vahsel und Stehr mit Dr. Gazert und dem kundigen Norweger Björvig auf der Naphthabarkasse »Leipzig« hinaus, um nach den Schiffbrüchigen zu sehen; sie fanden dieselben auf Blakeney Island selbst in gutem Wohlsein und noch zur Fortsetzung ihrer Arbeiten bereit; für die Nächte hatten sie noch nicht einmal den Schlafsack gebraucht. Wohl aber war ihr Boot zu Schaden gekommen. In der offenen Bucht, in welche sie es gelegt hatten, war das Ankertau im Sturm gerissen und es selbst auf die Felsen getrieben; dabei war die Schraube verbogen, eine Naphthazuflussröhre verletzt und ein Leck entstanden. Auch einige Sachen waren verloren gegangen. Da Bidlingmaier seine Arbeiten noch fortsetzen wollte, wurde zunächst nur Björvig zurückgelassen und ihnen selbst Abholung mit dem »Gauß« für den nächsten Tag versprochen, was denn auch am Sonntag, dem 12. Januar, geschah. Ihre Arbeit war inzwischen glücklich erledigt worden in elf Stationen auf drei verschiedenen Inseln.

Das Wetter war auch in der Folgezeit anhaltend scheußlich; ozeanische Weststürme kamen und gingen, Kumuli jagten über die Felsen, verdichteten sich oben zu Nebel und verdeckten den Himmel. Das Schlimmste war die Plötzlichkeit dieser Wetterveränderungen. Die Stürme brachten aber auch Schnee, Regen und Hagel mit sich, sodass das Schiffsdeck mit Glatteis überzogen wurde, und alles dieses im Januar, dem Hochsommer der südlichen Halbkugel in einer Breite, wie sie im Norden dem südlichen Deutschland entspricht.

Wir ließen uns aber nicht abhalten, auch weitere Touren zu machen. Die größte nahm Philippi vor, der dabei interessante Sammlungen an Gesteinen, glazialen Resten und vornehmlich auch Photographien mit heimbrachte. Vanhöffen machte eine Reihe von Exkursionen, fischte vom Schiff aus mit Netzen und Reusen im Sund und sammelte die an den großen Tangen festsitzenden Tiere.

Von großen Tieren wurden Königspinguine gefunden und für die Sammlung gesichert; von kleineren nenne ich eine Nacktschnecke, die wahrscheinlich eingeschleppt und noch für dieses Gebiet neu war, sowie zahlreiche Insekten von der Art unserer Fliegen, hier aber vielfach flügellos oder mit Flügelrudimenten wie auf den Crozetinseln, daher je nach ihrer Bewegungsart in unseren Diskussionen nicht mehr als Fliege, sondern als Gehe, Hüpfe, Falle oder Springe bezeichnet.

Ich selbst führte in den Tagen um den 20. Januar Schwerkraftsbestimmungen aus, und zwar im Zelt, wobei ich mehrfach unter den Stürmen mit ihren Schnee- und Regenschauern zu leiden hatte, die am 18. Januar so stark gewesen waren, dass Bidlingmaiers Zelt, in dem er magnetische Beobachtungen machte, zusammenbrach und Luykens Variationshaus, das mit Weber-Falkenbergscher Leinwand umnagelt war, von dieser entblößt wurde, während mein Pendelzelt glücklicherweise hielt. Ich wurde nur insofern in Mitleidenschaft gezogen, als der Erste Offizier Lerche, der mich zum Schiff hinüberholen sollte, mit dem Boot an der üblichen Landzunge strandete, sodass wir mehrere Stunden unfreiwilligen Aufenthalt hatten.

Am 14. Januar waren die Arbeiten im magnetischen Observatorium so weit gediehen, dass die Aufstellung der Instrumente versucht werden konnte. Prüfungen mit Libellen, ob die Stative ruhig und konstant stünden oder ob der Boden sich noch bewegte, hatten befriedigende Resultate ergeben. Um innen eine konstante Temperatur zu erhalten, wurde mit einem kupfernen Ofen geheizt; es wurde dadurch bewirkt, dass die Temperatur im Laufe des Tages innen nur um ein Minimum schwankte. Am 24. Januar wurden die ersten Registrierungen versucht und am 26. die ersten Kurven gezeigt; aus denselben ging hervor, dass wir der Zukunft dieser Station mit Vertrauen entgegensehen konnten. Dazu war die meteorologische Station schon längst im Gang und wurde nur noch in Einzelheiten verbessert.

Auch die Einnahme der Kohlen näherte sich um den 20. Januar ihrem Ende; einschließlich der an Deck verstauten Kohlen betrug unser Bestand bei der Abfahrt 370 Tons, wozu noch 40 Tons Anthrazit zum Betrieb der Füllöfen kamen.

Als Depot auf den Kerguelen und zum Gebrauch der dortigen Station blieben etwa 170 Tons übrig, dazu ein Vorrat an Naphtha, Brennholz, Brettern, Mehl und noch einigem anderen Proviant, was wir nicht mehr unterzubringen vermochten. Sie konnten uns für den Fall dienen, dass wir zu einem unfreiwilligen Rückzug nach den Kerguelen gezwungen werden sollten, sonst aber auch zur Verfügung der Kerguelenstation für ihren Bedarf oder für die Schiffe, die mit ihr verkehrten.

Am 24. Januar war auch die Holzlast an Bord und kunstvoll an Deck verstaut derart, dass sie von der vorderen Winde nach hinten zu bis in die Mitte des Laboratoriums reichte; wenn man den vorderen Teil des Schiffes aufsuchen wollte, musste man über sie hinwegturnen, da sie bis zur Höhe der Reling lag. Die Taue der Segel waren für diese Zeit an den Wanten befestigt, damit ihr Gebrauch durch die Verstauung der Holzlast nicht behindert war. Großen Umfang nahmen auch die Platten von Korksteinen ein, die ebenfalls für den Bau von Stationsgebäuden in der Antarktis zur besseren Isolierung derselben mitgeführt wurden. Sie fanden auf der Lotungsbrücke über dem Maschinenhaus Platz. Die Arbeiten mit diesen Platten hatten Augenkrankheiten bewirkt aus Ursachen, die uns nicht recht klar waren; sie gingen auch bald vorüber. Schon am 23. Januar war unser Naphthamotor »Leipzig« aufgehisst und in ihm die Netze des Zoologen verstaut, wodurch den immer wiederholten Strandungen mit diesem Boot ein Ziel gesetzt war. Am 27. Januar wurden Kajaks und Schlitten wie bei der Ausreise auf einem Gerüst zwischen den beiden Deckshäusern untergebracht. Danach folgten noch Einzelheiten, die mit einem letzten überladenen Boot am 30. Januar an Bord gebracht wurden. Der »Gauß« lag nunmehr 20,4 Fuß hinten und 19,8 Fuß vorne tief, also etwas mehr, als bei der Abreise von Kiel; was wir bei der nun folgenden Fahrt auch genügend merken sollten.

Mehrfach waren in den letzten Tagen noch Touren unternommen worden, deren eine im Hintergrund der Beobachtungsbucht vier See-Elefanten gezeigt hatte; außerdem wurde noch viel photographiert. Ich selbst hatte auf einem kurzen Gang die beiden Chinesengräber besucht, einfache Hügel, auf jeden ein Bündel mit Reisstroh gestellt und chinesische Schrift an einfachen Kreuzen. Sie waren die Opfer von Beriberi geworden, die sechs Monate später auf unserer Station so namenloses Unglück anrichten sollte. Sonst oblag es mir, in diesen letzten Tagen noch den Plan für eine Hilfs- und Ersatzexpedition für den »Gauß« niederzulegen.

Nach Nachrichten, die ich auf den Kerguelen erhalten hatte, lag diese Sache derart, dass die Kaiserliche Marine eine Ersatzexpedition schon für das Jahr nach unserer ersten Überwinterung für nötig hielt, falls also die Gaußexpedition bis zum 1. Juni 1903 nichts von sich hören lassen würde, während dieses meinen eigenen, vor der Ausreise niedergelegten Ansichten nicht entsprochen hatte, weil der »Gauß« auch für eine zweite Überwinterung vollkommen ausgerüstet war und eine solche in der ganzen Anlage seines Plans, sowie im Bereich der erteilten Instruktionen lag. Angesichts nun des bestimmten Wunsches der Marine arbeitete ich deshalb einen Plan aus, welcher die Entsendung der Hilfsexpedition schon nach dem 1. Juni 1903 zur Grundlage hatte.

Dieser Plan sah in erster Linie die Vereinigung mit der Hauptexpedition an einem bestimmten Punkt vor, als welcher mir nach reiflicher Überlegung das Knoxland als der geeignetste erschien, und zwar sowohl deshalb, weil er der verhältnismäßig sicherste Punkt war, den uns die Expedition von Wilkes in jenem ganzen großen Gebiet hinterlassen hatte, als auch weil es ein Punkt war, den die Gaußexpedition, falls ihr Schiff scheiterte, zu Schlitten voraussichtlich erreichen konnte, weil er von der Stelle ihres Eindringens in das Eis nicht allzu weit entfernt lag. Denn die so frühzeitige Entsendung einer Hilfsexpedition hatte nur dann einen Zweck, wenn sie mit einer frühzeitigen Beschädigung des »Gauß« rechnete, also mit Vorgängen, die in der Nähe seines Eintritts in das Südpolareis lagen.

Falls die Vereinigung am Knoxland nicht gelang, sollte die Hilfsexpedition auch das Kemp- und Enderbyland in den Bereich ihrer Forschungen ziehen. Diese Pläne, die ich hier kurz skizziere, wurden in einer Denkschrift niedergelegt und dem Reichsamt des Innern übersandt. Vorher habe ich sie meinen Begleitern vorgelegt und bei denselben, von einer kleinen Vervollständigung, die Vanhöffen angab, abgesehen, ungeteilte Zustimmung gefunden. Insbesondere finde ich von Kapitän Ruser unbedingte Billigung gerade auch dafür vermerkt, dass die Hilfsexpedition schon im Jahr 1903 ausreisen sollte, weil es, wie er meinte, sonst zu spät werden könne.

Vor allen Dingen erörterte ich diese Pläne mit Herrn Enzensperger, der in dieselben mit scharfer Auffassung eindrang. Enzensperger verstand völlig, was ich in den Anweisungen für die Route der Hilfsexpedition meinte, und gab mir das volle Vertrauen, dass dieselbe unter seiner aktiven Mitwirkung in dem Sinn geführt werden würde, wie sie mit den Auffassungen der Gaußexpedition in Einklang stand.

Die letzten Tage des Kerguelenaufenthalts wurden von der Mannschaft noch zu einer großen Wäsche benutzt, da anzunehmen war, dass der folgende Teil der Schifffahrt wenig Gelegenheit dazu bieten würde. Ich selbst badete am 28. Januar mit Bidlingmaier in dem kleinen Bach westlich von der Station, da das Wasser im Sonnenschein verlockend erschien, machte aber bei 10 Grad Wassertemperatur und bei 8 Grad Luftwärme, dass ich schleunigst wieder herauskam, weil diese Sommererfrischung auf den Kerguelen doch zu schneidend ausfiel. Sonst wurde am Land noch ein Bootshafen angelegt, ein Segeltuchboot neu bezogen und die letzten Zimmerarbeiten vollendet. Am 29. löste ich meine astronomische Station auf oder richtiger, ich übergab sie an Herrn Dr. Werth, nachdem ich während des Monats unseres Dortseins Zeitbestimmungen gewonnen hatte, um den Gang unserer Chronometer zu kontrollieren und den Anschluss derselben an eine feste Station für die Fortsetzung der Fahrt nach Süden zu haben. Für die künftigen diesbezüglichen Arbeiten auf den Kerguelen waren durch Anlage von Marken noch geeignete Vorbereitungen getroffen worden.

Am 27. Januar haben wir mit den Mitgliedern der Station gemeinsam den Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers gefeiert, wobei es in beiden Messen hoch herging; bis zu später Nachtstunde erschollen von hüben und drüben fröhliche Lieder. Der Bedeutung des Tages, auch als des Ausgangspunktes unserer Expedition für die Fahrt ins Unbekannte wurde gedacht. Der Morgen graute, ehe wir uns trennten. Am Tag darauf sah man nachdenkliche Gesichter, doch alle blickten auf das Fest befriedigt zurück. Hier und da bestand etwas Unwohlsein, das auf den nächtlichen Genuss von Wasser infolge quälenden Durstes geschoben wurde, dem dabei alle möglichen Bakterien zugeschrieben wurden, die es nicht hatte.

Dann nahte die Trennungsstunde. Beim frühesten Morgengrauen begab ich mich am 31. Januar noch einmal an Land, um einen kurzen Rundgang vorzunehmen; mit mir waren Leute und zwei Boote gekommen, um die Hunde zu holen. Diese hatten sich die ganze Zeit dort wohlgefühlt; nur Einzelne waren eingegangen, und zwar an Krämpfen. Widerlich war es zu sehen, wie die Raubmöwen diese Tiere ständig umkreisten, um sich auf etwa gefallene Hunde zu stürzen. Einmal sah ich, wie sie gierig einen räudigen Hund in Angriff nahmen, während sie einen nicht mit dieser Krankheit behafteten, an Krämpfen eingegangenen Hund unberührt ließen.

Die Einbootung der Hunde geschah unter einem immensen Geheul; einer stürzte sich ins Wasser, um der Einbootung zu entgehen, ein anderer, der zurückbleiben sollte, wollte seinen Kameraden nachschwimmen, als diese vom Ufer abstießen. Gegen 40 schöne Tiere kamen dann glücklich an Bord und lagen zunächst, ehe ihnen ein geeigneter Raum angewiesen war, auf den Säcken und Kohlen und Brettern umher. Erst am Abend dieses Tages wurden sie unter der Back untergebracht, wo sie verblieben. Paul Björvig hat die ganze Zeit rührend für sie gesorgt; sie selbst aber waren unverträgliche Gesellen, bei denen Kämpfe zu den Alltäglichkeiten gehörten, die freilich meistens nicht so schlimm ausfielen, wie es den Anschein hatte, weil ihr dickes zottiges Fell sie vor Bisswunden schützte; immerhin sind einige Hunde auch bei diesen Kämpfen zugrunde gegangen.

Die Mitglieder der Kerguelenstation hatten mich an Bord begleitet und nahmen mit uns noch ein gemeinsames Frühstück ein. Unser Postbeutel wurde fertig gemacht und ihnen übergeben.

Gleich nach 8 Uhr wurden die Anker gelichtet, was diesmal sogar möglichst glattging, und gleich nach 9 Uhr fuhren wir aus der Stationsbucht heraus. Der »Gauß« grüßte mit der Flagge, und vom Ufer her antworteten uns in gleicher Weise Urbansky und Wienke. Werth, Enzensperger und Luyken waren auf den Felsvorsprung östlich vor dem Stationshaus gegangen und winkten uns von dort einen herzlichen Abschiedsgruß zu. Ihre Rufe setzten sich fort, solange wir sie sehen konnten, und wurden von uns erwidert; wir waren alle guten Mutes und ahnten nicht, dass wir damals Enzensperger zum letzten Mal gesehen hatten.

Über Heard Island zur Eiskante

Die Ausfahrt aus dem Royal Sound ging rascher vonstatten, als einen Monat früher die Einfahrt, weil uns die westlichen Winde jetzt halfen. Wir machten einen kurzen Aufenthalt im Dreiinselhafen, um von der dortigen verfallenen Hütte Fensterglas mitzunehmen, weil das für uns bestimmte Glas beim Transport über Sydney zerbrochen war. Dieser Transport hatte auch sonst noch Minderungen unserer Ausrüstung zur Folge gehabt, deren empfindlichste das Abhandenkommen aller Messingteile für die magnetischen Stationsgebäude war, sodass schon Enzensperger und Luyken sich auf den Kerguelen durch Anfertigung neuer Messingnägel aus Draht oder auch mit Holznägeln hatten helfen müssen. Viel brauchbares Glas fand Herr Lerche allerdings nicht, und schon um 2 Uhr wurde die Fahrt durch dichte Tangstreifen mit unendlichen Scharen von Mantelmöwen wieder fortgesetzt.

Die Felsen des Sunds waren bei der Ausfahrt wunderbar klar. Der Schnee war im Januar stark zusammengeschmolzen, wie wir es auch auf der Station beobachtet hatten. Um 4 Uhr hatten wir die Buchananinsel erreicht, die äußerste vor der südlichen Umrandung des Sunds, ein Vulkankegel, wie die weiter innen gelegenen auch. Vor ihr und der Küste brandete die Dünung auf Percy Rock, und auch weiter nördlich auf Balfour Rock war ein heftiger Anprall der Wellen, sodass diese untermeerischen Klippen dadurch leicht erkannt werden konnten. Hinter denselben wandten wir uns sogleich südlich und betrachteten die steilen Kaps der südlichen Küste, in welchen die Insel im Meer verläuft, während in der Ferne das hohe Wyville-Thomsen-Gebirge ein Wahrzeichen blieb. Noch am Abend des 31. Januar war die Küste in Sicht, doch die meisten Mitglieder der Expedition waren wenig genussfähig, da mit der Umschiffung der äußeren Klippen ein starkes Schaukeln begonnen hatte, welches akute Anfälle von Seekrankheit bewirkte, die sich bei dem einen in Gereiztheit, bei dem anderen in Schläfrigkeit und einem dritten noch direkter äußerte. Am folgenden Morgen war von der Küste nichts mehr zu sehen.

Wir hatten eine unruhige Nacht gehabt, und ständig rauschte viel Wasser über Deck. Die Bewegungen des »Gauß« waren minder heftig als vor den Kerguelen, weil die Stauung der Ladung jetzt zweckmäßiger war, doch ihr Ausmaß war größer und man konnte nun häufig sehen, wie das Schiff von beiden Seiten schöpfte. Im Laboratorium entstand starke Verwüstung an Glassachen, leider auch an photographischen Platten, und die Hunde fühlten sich unter der Back nicht gerade behaglich, weil sie mehrfach überschwemmt wurden, was für die übrigen Teile des Decks eine genügende, für den Hunderaum selbst aber noch lange nicht ausreichende Reinigung war. Die Leckage des »Gauß«, welche bei der ruhigen Lage auf den Kerguelen wenig Arbeit gemacht hatte, zeigte sich in aller Stärke von Neuem. Dreimal täglich musste gepumpt werden, und es wurde klar, dass alle diesbezüglichen Dichtungsversuche, welche auf den Kerguelen wieder gemacht worden waren, den Schaden nicht beseitigt hatten, weil er zweifellos in einer Lockerung des Gefüges durch die heftigen Bewegungen des Schiffes bestand und vorzugsweise im Rudertunnel saß.

Sonntag, der 2. Februar, war ein schöner, ruhiger Tag; der Fortschritt der Fahrt war gering und wurde auch durch Dampf nicht beschleunigt, da wir uns der Heardinsel näherten und sie auch bei langsamer Fahrt in der Nacht auf den nächsten Tag schon erreichen mussten. Der Tag wurde in Ruhe verbracht; wir lebten von frischen Vögeln, von denen ein Kormoranragout vortrefflich schmeckte, während die kleinen Hunde, um sich gleiche Genüsse zu verschaffen, eine Sammlung von Vogelbälgen aufgefressen hatten, die aber zu ihrem Schaden schon mit Arsen vergiftet waren, was ihnen zeitweilige, aber nicht nachhaltige Beschwerden verursachte.

Am 3. Februar wurde ich um 4 Uhr gerufen, weil Heard Island in Sicht kam. Wir standen westlich von Shag Island, einem scharfen zackigen Grat mit mindestens drei Klippen davor, und steuerten direkt auf die noch in nebliger Ferne nur undeutlich erscheinende Heardinsel zu. Um 5 Uhr lichteten sich die Nebel, und für kurze Augenblicke zeigte sich klar der mächtige Kaiser-Wilhelm-Berg, von dem deutschen Kriegsschiff »Arkona« seinerzeit so genannt, als ein runder vereister Gipfel zu riesigen Höhen emporsteigend und nach allen Seiten Gletscher über stufenförmig abfallende Felsen bis zum Meer entsendend. Er bildet die Hauptmasse der Insel und wird nur gegen Nordwesten durch eine niedrigere vulkanische Landzunge fortgesetzt, von der sich wiederum ein kleiner jungvulkanischer Rücken ablöst, welcher die Corinthian Bay im Westen begrenzt und mit Rogers Head endigt.

An der Nordseite der Insel, vor der wir standen, zählte ich sieben mächtige Gletscher, die mit Ausnahme des vierten von Westen gesehen mit steilen Eiswänden dicht am Meer abbrechen, aber nicht im Meer selbst, wie es zunächst erschien; denn bei größerer Annäherung sahen wir vor den steilen Wänden noch heruntergebrochene Eisblöcke gelagert. Auf der Nordseite sind zwei Häfen bekannt, die Mechanics Bay, durch eine Klippe gegen Westen geschützt, sonst aber offen und mit stark bewegter See, sodass sie jedenfalls keinen günstigen Liegeplatz hat. Etwas besser geschützt war die weiter westlich gelegene Corinthian Bay, auf die wir zuhielten; doch war auch sie gegen Osten und Norden hin offen. Wir fuhren in ihr bis auf etwa 3 km Abstand ans Land heran und warfen um 6 ½ Uhr morgens Anker im Angesicht des jungen Vulkangebiets von Rogers Head.

Die Felsen dieser Landzunge bestehen aus einer Folge von dünnen Lagen, weißlich und grau gefärbt. Es hatte aus der Ferne den Anschein, als ob wir es hier mit einem schmutzdurchsetzten Eis zu tun hätten, doch erwies sich das Material als eine weißliche feldspatreiche Lava. In einer steilen Scharte dieser Landzunge, die nach Osten herabzieht, waren endlose Scharen von Pinguinen aufgestellt, wie Stecknadeln in einem Kissen erscheinend, hauptsächlich Eselspinguine; später wurden auch einzelne Exemplare des Königspinguins gefunden. Von dem jungen Vulkangebiet zog ein Lavastrom mit schlackiger Oberfläche nach Süden hinab und stellte jetzt die Verbindung mit der Hauptinsel her. Das ganze Gebiet war noch sehr junger Natur.

Sogleich wurde das Boot hinabgelassen, und von dem stark rollenden Schiff stiegen wir in das schwankende Boot, ich mit den vier wissenschaftlichen Mitgliedern, dazu Kapitän Ruser, der Zweite Offizier Vahsel, der Bootsmann Dahler und die Matrosen Björvig, Johannsen und Fisch. Scharen von Riesensturmvögeln umkreisten uns bei der Fahrt, große bräunliche Tiere mit schmutzig gelbem Schnabel, der nachher vielfach rot von Blut gefärbt war; sie standen am Ufer wie Gänseherden und entflohen in eiligem Lauf, wenn man sich ihnen näherte, falls sie nicht schon zu vollgefressen waren; auch von der Wasserfläche erhoben sie sich, indem sie zunächst darauf zu laufen schienen. Dazu sahen wir massenhaft Kaptauben, Möwen, Pinguine und Prione. Mit der Annäherung an den Hintergrund der Bucht hob sich ein gelber Streifen von Bachwasser in dem sonst blauen Meerwasser ab. Wir versuchten, darin vorwärtszukommen, um zu landen, doch es war zu flach. Die Landung erfolgte deshalb neben der Bachmündung im blauen Meereswasser; von einer größeren Woge ließen wir uns hinaustragen, sprangen dann schnell heraus und kamen meist trocken ans Land.

Hier im Hintergrund der Bucht ist der Strand niedrig, flach und sandig, aus grobem Sand mit Geröllen bestehend. Es sind glaziale Schotter, welche die Hauptinsel mit dem Lavastrom der jungvulkanischen Landzunge heute verbinden. An Tümpeln und Vertiefungen, mit Moospolstern und unscheinbaren Ranken des Wassersterns bekleidet, lagen an 400 See-Elefanten in träger Ruhe; mächtige Tiere waren darunter, und zwar Männchen und Weibchen. Die Ersteren sind größer und an dem starken Fettwulst kenntlich, der, wenn sie gereizt sind, die Schnauze rüsselartig überragt; die Weibchen sind kleiner und friedlicher. Bidlingmaier und Ruser versuchten, auf ihnen zu reiten, freilich ohne Erfolg, da sich dieselben dabei heftig drehten. Rechts vom Bach lagen zwei einzelne Weibchen, die wir mitzunehmen beschlossen; es geschah, indem sie Björvig zunächst ruhig zum Strand trieb, um sie dort erst zu töten und zu zerlegen. Wir nahmen Fleisch als wohlschmeckende Nahrung für uns und für die Hunde, außerdem Schädel und Häute für unsere Sammlungen mit. Das Boot schwamm freilich von Blut, als wir es zur Rückfahrt bestiegen.

Links von der Bachmündung, wo der Lavastrom aus den jungen Schottern emporsteigt, stand auf Ersterem ein verfallenes Holzhaus von einem hohen, mit Gras und Kerguelenkohl bewachsenen Erdwall umgeben. Es hatte einfache Bretterwände und innen fünf Pritschen zum Schlafen, als Inventar verrostetes Eisenwerk zum Rudern und zum Fangen. Vorne neben der Tür fanden wir eine Inschrift in Holz geschnitzt, welche die Strandung einer amerikanischen Bark verkündigte und schließlich die Rettung der Gestrandeten durch ein amerikanisches Kriegsschiff. Vor dem Haus lagen noch viele gefüllte Tranfässer umher, als ein Zeichen für die Tätigkeit der Schiffbrüchigen. Das Haus sah romantisch und von außen mit seinem grünen Erdwall fast wohnlich aus, doch täuschte der Graswuchs, denn innen war es verfallen und öde.

Wir teilten uns nun zu verschiedenen Arbeiten; Bidlingmaier nahm mit Vahsel erdmagnetische Beobachtungen vor, Philippi besuchte die jungvulkanische Landzunge westlich von der Bucht, Vanhöffen sammelte Insekten und Pflanzen, Ruser oblag der Jagd und ich selbst ging mit Gazert zu dem großen Baudissin-Gletscher hinauf.

Über die Schotter und Sande im Hintergrund der Bay war es mühsam zu gehen, weil man vielfach einsank. Am besten ging es noch auf den Bahnen, welche auf dem Sand von den See-Elefanten geschaffen waren, wenn sie darüber hinwegkrochen. Nahe dem Gletscher fanden wir eine andersgeartete Robbe am Strand liegen, mit kleineren Augen, spitzerem und schmalerem Schädel und geflecktem Fell, zweifellos ein Seeleopard, der sich langsam vor uns ins Wasser schob, als wir ihn ärgerten. Ein Eselspinguin sprang daneben plötzlich aus dem Wasser heraus. Ich warf nach ihm mit einem kleinen Stein und traf ihn vor die Brust; das arme Geschöpf verlor das Gleichgewicht und fiel schreiend auf den Rücken, um dann aber schnell zu verschwinden.

Der Baudissin-Gletscher endigt dicht am Meer auf Sand, der noch kurz vor dem Ufer in einer niedrigen Stufe absetzt, welche die Brandung darin geschaffen hat. Einzelne Eisbrüche waren von der steilen Wand des Gletschers heruntergekommen, andere mussten bald folgen, denn der Gletscher blättert sich vorne an Spalten ab, sodass diese Teile dann zusammenstürzen, wenn die Brandung sie unterspült. Das Gletschereis war luftreich, aber sonst sehr rein; Bänderung war vorhanden und gegen die Westseite hin unten mit 21 bis 25 Grad Neigung, oben noch steiler emporsteigend.

Die höheren Stufen über der Zunge hatten wir angeseilt überschritten, weil die Spalten immer dichter und breiter wurden. Als dann Nebel und Schnee aufkamen und uns die Aussicht nahmen, machten wir halt und gingen nach einem Frühstück von gefrorenen Sardinen und Brot über die Moränen wieder zum Meer hinab. Auch die Arbeiten unserer Gefährten in der Tiefe waren bald beendigt, die Sammlungen geborgen, desgleichen die reichliche Beute an Nahrung. Mit einbrechender Dunkelheit kehrten wir zum »Gauß« zurück, nachdem uns noch beim Einsteigen am Strand eine Welle überrascht und vollkommen durchnässt hatte.

An Bord fanden wir unseren Hundebestand durch sieben Junge vermehrt. Mit zunehmender Dunkelheit fuhren wir nun mit östlichem Kurs an der Insel entlang, um sie noch vor Eintritt der Nacht im Osten zu umschiffen.

Die folgenden Tage waren überaus nass; an beiden Seiten kam Wasser über die Reling, das knietief über das Deck schälte und auch seinen Weg zu den inneren Räumen fand, sodass die Teppiche aus den Kabinen entfernt werden mussten. Die große Belastung des Schiffes machte sich jetzt störend bemerkbar, wenn auch die gute Verteilung der Ladung eine bessere Lage im hohen Seegang bewirkte, wie vor den Kerguelen. Wir hatten jetzt meist zwei westliche Dünungen, etwa aus Westen und Südwesten gerichtet, die sich durchkreuzten und zu Spitzen türmten, welche das Schiff überragten. Einmal schlug das Wasser direkt durch den Ventilator in die ozeanographische Kammer hinein und von dort in den Maschinenraum, wo die Lichtmaschine stand, sodass Kurzschlüsse entstanden und ein Funkenregen die sofortige Abstellung der Maschine erforderlich machte. Auch die Deckslast litt unter diesen Verhältnissen; so waren in der Nacht auf den 5. Februar die dort noch befindlichen Kohlen in Bewegung geraten und zum Teil über Bord gespült. Dabei fiel das Barometer ständig und rasch und ließ noch unruhigere Verhältnisse erwarten. Dass das Leck unter diesen Umständen erheblich war, bedarf keiner Erwähnung.

Am Morgen des 6. Februar hatten wir Schnee, doch besserte sich damit das Wetter, sodass wir am Nachmittag dieses Tages eine Lotung und andere hydrographische Arbeiten vornehmen konnten, die glücklich verliefen, obgleich der »Gauß« heftig rollte. Am 7. Februar hatten wir etwas freundlicheres Wetter, sodass die Hunde aus ihrem nassen Gelass einmal herausgebracht werden konnten, um sich auf den Brettern zu sonnen. Die armen Tiere litten viel an der Räude, was sich aber späterhin im Eis mehr und mehr gebessert hat.

An diesem Tag wurde des Morgens der erste Eisberg bemerkt, ein mächtiger Koloss mit ausgeprägter Tafelform und steilen Wänden. Gleich darauf erschien auch der zweite; gleichzeitig fuhren wir durch eine lange Zunge kleinerer Eistrümmer hindurch, die wohl Trümmer eines Eisberges darstellen mochten, aber auch die Reste einer Scholleneisbank sein konnten.

Dem schönen Tag folgte eine sehr unruhige Nacht; schon gegen Abend war Wind aufgekommen, in dem wir sieben bis acht Knoten liefen, und das Barometer war schnell gesunken. Abends verdichtete sich das Wetter, und wir hatten viel Regen und Schnee; es wurde ganz unsichtig. Der Schnee peitschte uns ins Gesicht und verhinderte jegliche Aussicht; dazu war ein starkes Geschaukel, das Schiff tanzte von Woge zu Woge und schöpfte stark, sodass die Leute bis Brusthöhe auf Deck im Wasser standen. In den Hunderaum wurde viel Wasser gespült, und zeitweilig tauchte das Schiff so tief, dass der Klüverbaum bedeckt war. Gegen zwölf Uhr nachts mussten die Segel eingezogen werden, weil das Wetter zu wild wurde, und es war eine harte Arbeit; das Reffen des Focksegels allein hat drei Viertelstunden gedauert.

Währenddessen entstand eine plötzliche Helle, die wohl ein Südlicht war, aber innerhalb des Dunstes nicht als solches erkannt werden konnte. Gegen zwei Uhr tauchte ganz in der Nähe aus dem Nebel ein Eisberg hervor. Von den Segeln stand nur noch das Marssegel, und das Schiff lag beigedreht am Wind. Der Kapitän versuchte es steuern zu lassen, um von dem Eisberg freizukommen, doch es war vergeblich. Wie von einer magischen Kraft angezogen, trieben wir gerade auf den Eisberg zu. Mit großer Geschwindigkeit wurde nun die Zuflucht zur Maschine genommen, die schnell in Gang kam, und gleichzeitig wurden trotz des rasenden Sturms auch Segel gehisst. Beides wirkte zusammen, um dem Schiff eine geringe Steuerkraft zu gewähren, und es gelang, an dem Eisberg vorbeizukommen. Es war vielleicht die schwierigste Situation, die wir auf See gehabt haben.

Am nächsten Morgen war es besser, wenn die Wogen auch noch bis über die Brücke schlugen und mir, als ich oben stand, ein eiskaltes Bad bereiteten. Es war aber sichtiger und auch die Steuerung leichter. In der Nacht war versucht worden, mit unseren Öltropfapparaten die Wogen zu glätten, doch war das Öl darin dick und tropfte nicht mehr. Der Luftdruck war bis 719 mm gesunken, wo in diesem Gebiet sonst ein mittlerer Barometerstand von 744 herrscht, und er fiel auch noch weiter. Bidlingmaier zeichnete die meteorologische Situation dieses Sturms und machte uns klar, dass wir schon seit dem Tag vorher mit einem Minimum um die Wette fuhren, welches annähernd unseren Kurs verfolgte, sodass wir bald auf seiner Vor-, bald auf seiner Rückseite standen, bald in seinem Zentrum, und dann alle die Erregungen durchzukosten hatten, die es bewirkte.

Am Abend des 8. Februar hatten wir das erste deutliche Südlicht; es stand in Süd und Südwest, hatte seine größte Entwicklung aber über uns im Zenit, wohin es sich von Süden hinaufzog. Es war ein feiner Schimmer, der sich von Zeit zu Zeit zu einem geschlungenen Band verdichtete, das sich dann auch zu den Falten einer Draperie entwickelte und in langsamer Bewegung umherschlang. Wolken zogen darüber hinweg und entzogen es zeitweilig unseren Blicken, doch es hielt lange an und ließ sich die ganze Nacht verfolgen. Am 9. Februar war ein schöner Tag.

Ich feierte an diesem Tag in Gemeinschaft mit dem Zweiten Offizier Vahsel unseren Geburtstag, der in frühester Morgenstunde durch das übliche Ständchen unter starken Klängen von Triangel, Trommel, Tamburin und Harmonika eingeleitet war und am Abend mit einem fröhlichen Fest in beiden Messen seinen Abschluss fand. Am 10. Februar haben wir gelotet, hydrographiert und gefischt; das Vertikalnetz brachte neue Formen herauf. Außerdem war es fast gänzlich von Diatomeen verstopft. Diese mit Kieselpanzer versehenen einzelligen Pflanzen, die häufig zu Ketten geordnet erscheinen, konnten hier in großer Mannigfaltigkeit studiert werden. Die Hauptmasse in der Bodenprobe bildete aber zum ersten Mal Gesteinsmaterial, das kontinentalen Ursprungs war.


Der Zoologe beim Oberflächenfang

(Quelle: Drygalski-Nachlass, Privatbesitz Mörder, Feldkirchen-Westenham)

Am 11. Februar ist eine auffallend starke Annahme an Eisbergen zu verzeichnen gewesen, meistens aber auch hier nicht von Tafelform, sondern verwaschen und abgespült. Stellenweise trieben auch kleinere Eisblöcke am Schiff vorüber. Am 12. wurden circa 30 Berge im Umkreise gezählt, darunter auch solche mit Schmutzbändern, während andere die regelmäßige blaue Schichtung zeigten. Es war auffallend, in dieser Gegend so viele unregelmäßige Formen zu sehen, deren stark verwittertes Aussehen auf langen Transport hindeutete. Am Morgen des 13. Februar lag der Schnee über 5 cm Deck, und er fiel noch weiter, große Flocken in lockerem Fall. In der Nacht war die Lufttemperatur zum ersten Mal unter 0 Grad gesunken.

Ein Fischzug auf 2000 m, den wir hier vornahmen, missriet; auch die magnetischen Arbeiten wurden schwieriger, weil mit Annäherung an den magnetischen Pol die horizontale Richtkraft für die Nadel immer geringer wird, und damit die Störungen durch die Schwankungen des Schiffes relativ größer, während die Neigung der Magnetnadel gegen den Horizont (Inklination) und gleichzeitig die vertikale Richtkraft (Vertikalintensität) zunehmen.

So waren wir nunmehr bis zum Eis gekommen und standen davor. Ehe ich aber den Eintritt des »Gauß« in die dichten Schollen schildere und damit den Anfang einer folgenschweren Entwicklung, sei es gestattet, einen kurzen Rückblick auf die Pläne zu werfen, welche die deutsche Südpolarexpedition an diese Stelle des Südpolargebietes geführt hatten und insbesondere an diesen Punkt, wo seine Fahrt im Eis begann.

Wie schon erwähnt wurde, ist die sogenannte Kerguelenroute zur Erforschung des Südpolargebiets zwischen etwa 60° und 90° östl. L. v. Gr. und zwischen den beiden letzten dort sicher bekannten Landstämmen des Knox- und des Kemps-Landes von den älteren Plänen G. v. Neumayers übernommen gewesen, und ich finde in der Literatur dafür im Wesentlichen drei Gründe angeführt.

Erstens wird die günstige Lage dieses Gebiets für magnetische Arbeiten betont. Zweitens liegt das Gebiet südlich der Kerguelen auch für astronomische Arbeiten günstig, indem es sich bei der ersten Ausarbeitung der Südpolarpläne wesentlich darum gehandelt hatte, sie mit Beobachtungen des Venusdurchgangs vor der Sonnenscheibe zu verbinden. Drittens hatte G. v. Neumayer die Ansicht von einem Strom gehabt, der, von den Kerguelen südwärts führend, durch seine Wärme die Eisgrenze dort polwärts verschiebt, vielleicht dann auch höhere südliche Breiten kreuzt, um erst durch das Weddellmeer seinen Austritt zu nehmen. Viertens wurde Neumayer zur Befürwortung der Kerguelenroute durch den Umstand bestimmt, dass hier früher noch niemals ein ernstlicher Vorstoß versucht worden ist.

Von diesen vier Gründen ist der letzte für mich bestimmend gewesen. Wenn mich das gänzlich Unbekannte anzog, musste damit das Problem des Kerguelenstroms und der Küstenlage im Vordergrund stehen.

Pulsuz fraqment bitdi.

37,83 ₼