Kitabı oxu: «Jürgen Klinsmann - Fußball ohne Grenzen»

Şrift:

Erik Kirsch­baum

Jür­gen Klins­mann

Fuß­ball ohne Gren­zen



Inhalt

An­mer­kun­gen des Au­tors

Teil I: Klins­mann – die frü­hen Jah­re

Wie al­les be­gann

Der An­fang: die deut­sche Ein­stel­lung

Der Auf­stieg

Stutt­gar­ter Kickers

Schu­le oder Fuß­ball?

Die „Jung­fern­fahrt“ nach Ame­ri­ka

Teil II: Deutsch­land, Ita­li­en, Mo­naco und Eng­land

Der Durch­bruch in der Bun­des­lie­ga

Fünf Tore

Das Tor, das ihn be­kannt mach­te

Das De­büt ge­gen Bra­si­li­en

Der Um­zug nach Ita­li­en

Ge­winn des Welt­meis­ter­ti­tels 1990

Stark in Schwe­den

Von Mai­land nach Mo­naco

Die Welt­meis­ter­schaft in den USA

An­de­res Kli­ma in Lon­don

Zu­rück in Deutsch­land

Ge­winn der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Eng­land

Die letz­te Welt­meis­ter­schaft

Teil III: Die deut­sche Re­vo­lu­ti­on

Ein Job, den an­de­re nicht an­fas­sen woll­ten

Ein Gril­l­abend mit Fol­gen

Kei­ne Zeit zu ver­lie­ren

Der neue Stil

„Made in USA“ für Deutsch­land

Der Con­fed Cup

Kri­tik wird laut

Pa­trio­tis­mus ame­ri­ka­ni­scher Art

Zeit für et­was Neu­es

Zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort

Teil IV: Bay­ern Mün­chen

Bay­ern Mün­chen aus an­de­rer Per­spek­ti­ve

Teil V: Der Auf­stieg des Fuß­balls in den USA

Eine Vi­si­on für den Fuß­ball in Ame­ri­ka

Die Lage der Din­ge

Das Puzz­le wird zu­sam­men­ge­fügt

Die In­ten­si­tät des Wett­be­werbs

Der bes­te Col­le­ge-Fuß­ball der Welt

Die Be­geis­te­rung für Col­le­ge-Sport

Lan­don Do­no­van

Er­fah­run­gen in Eu­ro­pa

Warum gibt es in Eu­ro­pa so we­ni­ge ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­spie­ler?

Wie die ame­ri­ka­ni­schen Ski­fah­rer da­durch ge­wan­nen, dass sie nach Eu­ro­pa gin­gen

Be­schuss aus den ei­ge­nen Rei­hen

Ame­ri­ka­ni­sche An­oma­li­tä­ten

Zehn-Punk­te-Plan

Nach­wort

Glän­zen­de Zu­kunft

Li­te­ra­tur­hin­wei­se

Bü­cher

In­ter­views mit dem Au­tor

Im­pres­s­um


Danksagung

Manch­mal lohnt es sich, gleich­sam ge­dul­dig und hart­nä­ckig zu sein. Seit fast zehn Jah­ren heg­te ich den Wunsch, die­ses Buch mit und über Jür­gen Klins­mann zu schrei­ben, und ich hät­te es ohne die vie­le Hil­fe, die mir zu­teil wur­de, nicht ge­schafft. Ich möch­te zu­al­ler­erst Jür­gen Klins­mann dan­ken, dass er schließ­lich da­mit ein­ver­stan­den war, mich die­se Ge­schich­te auf­schrei­ben zu las­sen, für sei­ne Of­fen­heit in un­se­ren Ge­sprä­chen und für sei­ne Hil­fe bei den un­be­que­men Fra­gen. Ich dan­ke fer­ner War­ren Mer­se­reau für all sei­ne Fuß­ball­weis­hei­ten und sei­ne Un­ter­stüt­zung so­wie Ber­ti Vogts und Ro­land Ei­tel da­für, dass sie mir zahl­rei­che fas­zi­nie­ren­de De­tails ver­ra­ten ha­ben.

Dank ge­bührt au­ßer­dem Lind­sey Vonn, Phil Mc­Ni­chol, Fa­bi­an John­son, De­Mar­cus Be­as­ley und Phil­ipp Kö­s­ter für ihre Zeit und Ein­bli­cke. Dank an Det­lef Kess­ler und Axel Müt­ze vom AMA Ver­lag für ihre kräf­ti­ge Un­ter­stüt­zung so wie auch an Mi­cha­el Kam­mar­man bei U.S. Soc­cer für sei­ne Ide­en. So sehr ich es auch mag, un­ter dem Druck ei­ner Dead­li­ne zu ar­bei­ten, war die­ses die Frist, die mich bis­her am meis­ten ge­for­dert hat. Dank auch an Dr. Mai­ke Kess­ler und Bri­git­te Win­dolph, die das Buch ins Deut­sche ge­bracht ha­ben. Und Dank auch an alle Freun­de und Ver­wand­te, die die­ses Buch al­truis­tisch ge­le­sen und kri­ti­siert ha­ben und gan­ze Ka­pi­tel und Ab­schnit­te in­fra­ge ge­stellt ha­ben: Tom Wag­ner, Ka­ro­los Groh­mann, Scott Reid, Iain Ro­gers, Mike Col­lett, Si­mon Evans, Jo­seph Nasr, Da­vid Cross­land, Ju­lie Kirsch­baum, Mar­tin Si­mon, Mar­kus Bütt­ner, Mi­riam Die­ter, In­grid Kirsch­baum, Ka­rin Scan­del­la, Don Grant, Lisa Lu­e­ra, Tom He­neghan, Mi­chel­le Mar­tin, Ste­ven Kirsch­baum, Rick Ostrow, Nick Fel­lows, Dean Grant, Tho­mas Kru­men­acker, Her­bert Ross­ler, Mar­kus Lep­per, John Blau, Alex Mlecz­ko, René Wag­ner, Dey­an Sa­bou­ri­an, Ge­org Mer­zi­ger, Udo Grel­zik, Ra­mo­na Bött­cher, Rü­di­ger Jae­ger, Or­rey Dean Ken­ne­dy und Chris­ti­an Ei­sen­barth.

Erik Kirsch­baum

Ber­lin, Au­gust 2016

An­mer­kun­gen des Au­tors

Ge­mein­sam mit Mil­lio­nen ame­ri­ka­ni­scher Baby-Boo­mer wuchs ich, was Fuß­ball be­trifft, in den USA im Dun­keln auf. Zu­nächst lei­der ziem­lich un­fä­hig, die At­trak­ti­vi­tät die­ses Spiels zu schät­zen und zu ver­ste­hen, in dem so we­ni­ge Tore fal­len, das so an­ders und un­ame­ri­ka­nisch schi­en, von dem es kaum Fern­seh­über­tra­gun­gen gab, das so fremd­län­disch an­mu­te­te, blie­ben die Fein­hei­ten und der Reiz des Fuß­balls über Jahr­zehn­te für mich ein Buch mit sie­ben Sie­geln. Ich konn­te die Be­geis­te­rung für eine Sport­art, bei der für so we­ni­ge Tore so viel he­r­um­ge­rannt wird, ein­fach nicht be­grei­fen.

Wie Mil­lio­nen un­ein­ge­weih­ter Ame­ri­ka­ner be­hielt ich die Scheu­klap­pen auf, in un­be­küm­mer­ter Un­kennt­nis der Fi­nes­sen die­ses Spiels, das dem Rest der Welt schon lan­ge ganz ein­fach als „the be­au­ti­ful game“ be­kannt war. Welt­meis­ter­schaftss­pie­le wur­den in den USA bis 1982 nicht ein­mal im Fern­se­hen über­tra­gen und erst seit der WM 1998 in Frank­reich wer­den alle Spie­le live über­tra­gen, wie dies in den meis­ten Län­dern der Welt schon lan­ge der Fall war.

Dem­nach war es für mich als Tee­na­ger 1976, un­ter­wegs zu mei­nem ers­ten Fuß­ball­spiel im Sta­di­on – ein New-York-Cos­mos-Play-off-Spiel –, ein Schock, als ein Freund ver­such­te mir klarzu­ma­chen, dass Fuß­ball tat­säch­lich die welt­weit be­lieb­tes­te Sport­art sei. Was? Nie­mals! Der Rest der Welt muss da kom­plett falsch­lie­gen, war un­se­re eth­no­zen­tri­sche Denk­wei­se im Bus auf dem Weg zum Shea-Sta­di­on, um das Spiel zu se­hen. Aus­län­der wa­ren ver­mut­lich nicht in der Lage, die Fein­hei­ten von ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten wie Fuß­ball, Bas­ket­ball und Ba­se­ball zu ver­ste­hen. Be­hal­tet nur eu­ren Fuß­ball zu­sam­men mit eu­rem selt­sa­men me­tri­schen Sys­tem! Ab­ge­se­hen da­von mach­te die Er­kennt­nis, dass die Welt den Fuß­ball Sport­ar­ten wie Ame­ri­can Foot­ball vor­zog, das Spiel für mich umso rät­sel­haf­ter. Wie bi­zarr, dass so vie­le Leu­te einen Sport spiel­ten und ver­folg­ten, in dem es nicht ein­mal er­laubt war, die Hän­de zu be­nut­zen – die ge­schick­tes­ten Kör­per­tei­le!

So­gar vie­le Jah­re spä­ter, nach­dem ich 1982 zum ers­ten Mal in das fuß­ball­ver­rück­te Deutsch­land um­ge­zo­gen war, schenk­te ich der Sport­art kaum Be­ach­tung. Statt­des­sen blieb ich bis weit nach Mit­ter­nacht eu­ro­päi­scher Zeit auf, um ver­wa­ckel­te NFL- oder NBA-Über­tra­gun­gen auf dem Ame­ri­can Forces Net­work (AFN) zu ver­fol­gen, ein Ka­nal ohne Wer­be­un­ter­bre­chun­gen, der für die ame­ri­ka­ni­schen Streit­kräf­te ein­ge­rich­tet wor­den war, die in West­deutsch­land sta­tio­niert wa­ren. Ich spiel­te in der Frei­zeit Touch Foot­ball (sanf­te­re Art des Ame­ri­can Foot­ball, bei dem der Geg­ner be­rührt wird, statt zu Fall ge­bracht zu wer­den) mit an­de­ren ame­ri­ka­ni­schen Ex­pa­tria­tes, und wir wa­ren die Exo­ten in den Park­an­la­gen, wo es über­all sonst von spon­ta­nen Fuß­ball­spie­len wim­mel­te. Und ich er­in­ne­re mich dar­an, wie ich in Dis­kus­sio­nen mit deut­schen Freun­den und Ar­beits­kol­le­gen stur dar­auf be­harr­te, dass die Na­tio­nal Foot­ball League (NFL), Na­tio­nal Bas­ket­ball League (NBA) und Ma­jor League Ba­se­ball (MLB) alle weit in­ter­essan­ter sei­en als die Fuß­ball-Bun­des­li­ga in West­deutsch­land und so­gar als die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft – aber all die­se Ar­gu­men­te ent­stamm­ten mei­ner Igno­ranz und wa­ren auf be­dau­er­li­che Wei­se engstir­nig.

Die Of­fen­ba­rung kam spät in mei­nem Le­ben, näm­lich 2004, als ich schon weit über 40 war und ins­ge­samt fast zwei Jahr­zehn­te in Deutsch­land, Ös­ter­reich und Eng­land ver­bracht hat­te. Es däm­mer­te mir plötz­lich, warum Fuß­ball in Län­dern wie Deutsch­land und Eng­land so viel mehr als ein Sport ist und warum sei­ne Be­liebt­heit Kul­tu­ren, Gren­zen, Re­li­gi­on und Po­li­tik über­schrei­tet. 2004 fei­er­te Deutsch­land das 50-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um sei­nes ers­ten Welt­meis­ter­ti­tels von 1954 und der Deutsch­land­funk sen­de­te eine Wie­der­ho­lung der Rund­funk­über­tra­gung des End­spiels von 1954, in dem West­deutsch­land Un­garn schlug. Die Über­tra­gung wur­de kom­plett wie­der­holt, und zwar zu der glei­chen Uhr­zeit wie die Ori­gi­nal­über­tra­gung am 4. Juli 1954. Es war ein ma­gi­sches Er­leb­nis für mich, ein hal­bes Jahr­hun­dert zu­rück­ver­setzt zu wer­den und die Kraft die­ses wun­der­ba­ren Mo­men­tes deut­scher Fuß­ball­ge­schich­te nach­zu­füh­len – die Ur­sprün­ge der Lie­bes­af­fä­re die­ses Lan­des mit dem Fuß­ball zu ver­ste­hen und plötz­lich den tie­fen Ein­fluss zu be­grei­fen, den die­ses Spiel auf die Kul­tur die­ses Lan­des, sei­ne Psy­che, Iden­ti­tät und sei­ne ge­sam­te Nach­kriegs­ge­schich­te aus­übt.

Zur sel­ben Zeit 2004 war es für einen Jour­na­lis­ten ver­wun­der­lich, Deutsch­lands mo­na­te­lan­ge, müh­sa­me Su­che nach ei­nem neu­en Fuß­ball­trai­ner zu ver­fol­gen, nach­dem das Team bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft un­er­war­tet in der ers­ten Run­de aus­ge­schie­den war, ohne ein ein­zi­ges sei­ner Grup­pen­spie­le zu ge­win­nen. Zeit­wei­se schi­en für die meis­ten Deut­schen die Su­che nach ei­nem neu­en Fuß­ball­trai­ner so­gar wich­ti­ger zu sein als ein neu­er Bun­des­kanz­ler, und alle an­de­ren Nach­rich­ten in Deutsch­land ver­schwan­den für fast einen Mo­nat von den Ti­tel­sei­ten, wäh­rend der DFB sich wo­chen­lang ab­müh­te, einen Trai­ner zu fin­den, der un­er­schro­cken ge­nug war, die­sen schwie­ri­gen Job an­zu­neh­men – und das nur zwei Jah­re, be­vor Deutsch­land Gast­ge­ber der WM 2006 sein wür­de. Was als ein Pro­blem be­gann, wur­de zur kom­plet­ten Far­ce. Aber letzt­end­lich ent­wi­ckel­te sich die Kri­se zu ei­ner fan­tas­ti­schen Ge­le­gen­heit zur Ver­än­de­rung, als die vom DFB ins Le­ben ge­ru­fe­ne „Trai­ner­fin­dungs­kom­mi­si­on“ (TFK) das Zep­ter an Jür­gen Klins­mann über­reich­te.

Es war fas­zi­nie­rend, Klins­mann dann von ei­nem Platz in der ers­ten Rei­he aus zu se­hen: ein Ex-Spie­ler ohne Er­fah­rung als Trai­ner, wie er dem ehr­wür­di­gen DFB selbst­be­wusst sei­ne re­vo­lu­tio­nären Re­for­men mit sei­nen weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen vor­stell­te. Er voll­brach­te bei der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft wah­re Wun­der mit sei­nen Ide­en, die er zum Teil in den USA ge­sam­melt hat­te. Dass Klins­mann es schaff­te, aus fast 10.000 Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung von sei­ner Wahl­hei­mat Ka­li­for­ni­en aus den DFB zu mo­der­ni­sie­ren und qua­si ei­ner Ge­ne­ral­über­ho­lung zu un­ter­zie­hen, macht die gan­ze Ge­schich­te umso span­nen­der. Es war, wie Klins­mann selbst ger­ne sagt, eine die­ser un­glaub­li­chen Ge­schich­ten, die nur der Fuß­ball schreibt.

Mit sei­ner uni­ver­sel­len Po­pu­la­ri­tät hat Fuß­ball die Kraft, die Welt­ge­schich­te zu be­ein­flus­sen. Gan­ze Län­der fei­ern ver­eint in der Hoff­nung auf einen Sieg oder kol­la­bie­ren ge­mein­sam bei ei­ner Nie­der­la­ge. Es ist fes­selnd, das Schick­sal, Wohl­be­fin­den und Glücks­ge­fühl ei­ner gan­zen Na­ti­on da­von ab­hän­gig zu se­hen, wie sich ihre Na­tio­nal­mann­schaft bei ei­nem großen Tur­nier wie ei­ner Welt­meis­ter­schaft oder ei­ner Eu­ro­pa­meis­ter­schaft an­stellt.

Es gibt vie­le Zuta­ten, die die­sen Sport be­son­ders ma­chen, und er ist zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen et­was für Ken­ner. Für einen Ame­ri­ka­ner, der wie ich ohne Fuß­ball im Fern­se­hen zu se­hen auf­wuchs und statt­des­sen ak­tiv und pas­siv mit ei­ner Fül­le an an­de­ren Sport­ar­ten groß­ge­wor­den ist, kann es eine Wei­le dau­ern, bis man die Schnel­lig­keit, das Kön­nen, die Kunst­fer­tig­keit, das Durch­hal­te­ver­mö­gen, die Ge­nia­li­tät und die un­glaub­li­che Ath­le­tik wert­schät­zen kann, wel­che die welt­bes­ten Fuß­bal­ler auf­zei­gen. Foot­ball, Ba­se­ball und Bas­ket­ball er­schei­nen mir in­zwi­schen viel we­ni­ger in­ter­essant, ja fast lang­wei­lig mit all ih­ren stän­di­gen Un­ter­bre­chun­gen und Wie­der­an­fän­gen, trotz der ho­hen Tor­fre­quenz. Ich habe schon lan­ge auf­ge­hört, in Eu­ro­pa bis spät in die Nacht auf­zu­blei­ben um ir­gend­wel­che ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten im Fern­se­hen zu ver­fol­gen und kann mich nicht ein­mal dazu auf­raf­fen, wenn ich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten bin. Statt­des­sen herr­schen bei mir in­zwi­schen um­ge­kehr­te Ver­hält­nis­se, was so weit geht, dass ich ex­tra früh auf­ste­he, um den eu­ro­päi­schen Fuß­ball zu ver­fol­gen, wenn ich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten bin und in Über­see die Er­geb­nis­se nach­schaue.

Im Fuß­ball gibt es kei­ne Wer­be­un­ter­bre­chun­gen und kei­ne Ver­let­zungs­aus­zei­ten – es ist wie im wah­ren Le­ben, wo es kei­ne Mög­lich­keit gibt, die Uhr an­zu­hal­ten. Es ist ein Sport, des­sen Spie­le seit sei­ner Er­fin­dung vor mehr als ei­nem Jahr­hun­dert 90 Mi­nu­ten dau­ern, die le­dig­lich durch eine kur­ze Halb­zeit­pau­se un­ter­bro­chen wer­den. Es gibt nur we­ni­ge Sport­mo­men­te, die so fes­selnd sind wie die un­un­ter­bro­che­ne und un­auf­halt­sa­me Dra­ma­tik der letz­ten zwei oder drei Mi­nu­ten ei­nes en­gen Fuß­ball­spiels, in dem ein Team ver­zwei­felt dar­um kämpft, ein Tor zu schie­ßen, um das Spiel zu ge­win­nen oder ein Un­ent­schie­den zu er­zie­len – oder al­les dar­an­setzt, dies zu ver­hin­dern. Und es gibt nichts, was an die Freu­de he­r­an­kommt, die in fast je­dem Sta­di­on auf der gan­zen Welt aus­bricht, wenn eine Mann­schaft in ei­nem wich­ti­gen Spiel end­lich ein Tor schießt. „Über Fuß­ball macht man sich oft lus­tig, weil so we­ni­ge Tore fal­len, aber eben weil Tore so rar sind, ist die Freu­de dar­über grö­ßer als in je­dem an­de­ren Sport“, ar­gu­men­tier­ten Si­mon Ku­per und Ste­fan Szy­man­ski in ih­rem 2009 er­schie­ne­nen Buch Soc­cer­no­mics.

Fuß­ball kann so star­ke Emo­tio­nen aus­lö­sen, dass da­durch so­gar ein­mal ein Krieg zwi­schen Hon­du­ras und El Sal­va­dor wur­de. Die­ser so­ge­nann­te „Fuß­ball­krieg“ er­eig­ne­te sich 1969 und dau­er­te 100 Stun­den. Sei­ne Ur­sa­chen gin­gen über den Fuß­ball hi­n­aus, aber er ent­brann­te un­glaub­li­cher­wei­se, nach­dem El Sal­va­dor Hon­du­ras mit 2:1 Spie­len in der Qua­li­fi­ka­ti­on für die Welt­meis­ter­schaft 1970 ge­schla­gen hat­te. Bei der Welt­meis­ter­schaft 1994 schied Ko­lum­bi­en aus, nach­dem die USA die Süd­ame­ri­ka­ner da­durch 2:1 be­siegt hat­ten, dass Ko­lum­biens Ver­tei­di­ger An­drés Es­co­bar durch ein Ei­gen­tor den Sie­ges­tref­fer für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten er­zielt hat­te. Es­co­bar hat­te ver­sucht, den Pass von Ame­ri­kas Mit­tel­feld­spie­ler John Har­kes ab­zu­fan­gen, da­bei den Ball aber ver­se­hent­lich ins ei­ge­ne Tor ge­lenkt. Zehn Tage spä­ter wur­de er mit sechs Schüs­sen er­mor­det – der Tä­ter schrie beim Schie­ßen „Tor!“.

Fuß­ball ist ein Sport, den Men­schen ei­nes je­den Al­ters auf sechs Kon­ti­nen­ten spie­len. Es ver­eint die Welt wie kei­ne an­de­re Sport­art, be­son­ders wäh­rend der alle vier Jah­re aus­ge­tra­ge­nen Welt­meis­ter­schaf­ten. In­ter­essan­ter­wei­se ist es ein Spiel, mit dem sich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in der in­ter­na­tio­na­len Are­na, wo Fuß­ball mit so viel Lei­den­schaft ge­spielt wird, aus ver­schie­dens­ten Grün­den im­mer noch in der Lern­pha­se be­fin­den. Aber es ist auch ein Sport, in wel­chem die USA ei­nes Ta­ges zu den Welt­bes­ten ge­hö­ren könn­ten; vor­aus­ge­setzt, die Ame­ri­ka­ner wä­ren in der Lage, Fuß­ball als et­was ganz an­de­res wert­zu­schät­zen und zu ak­zep­tie­ren, dass es ein Sport mit in­ter­na­tio­na­len Stan­dards und Ab­läu­fen ist und kein Spiel, des­sen Re­geln und Richt­li­ni­en die Ver­ei­nig­ten Staa­ten be­stim­men kön­nen.

Die USA ha­ben ein enor­mes bis­her un­ge­nutz­tes Po­ten­zi­al, was den Fuß­ball an­geht. Au­ßer­dem sind sie in der glück­li­chen Lage, einen der welt­bes­ten Trai­ner zu ha­ben mit ei­nem rei­chen Er­fah­rungs­schatz so­wohl in Eu­ro­pa als auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten – Jür­gen Klins­mann.

Er ge­wann als Stür­mer für Deutsch­land die Welt­meis­ter­schaft 1990, in­dem er drei Tore schoss, und ist ei­ner der er­folg­reichs­ten WM-Tor­schüt­zen al­ler Zei­ten mit elf To­ren in drei Tur­nie­ren. Nach sei­nem Rück­tritt als Spie­ler zog er 1998 in die USA und er­reich­te spä­ter als Trai­ner der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft den drit­ten Platz bei der WM 2006, wäh­rend sein Haupt­wohn­sitz in Ka­li­for­ni­en blieb und er nach Deutsch­land pen­del­te: 42 Lang­stre­cken­flü­ge im Lau­fe je­ner zwei Jah­re. 2011 wur­de er als Trai­ner der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft en­ga­giert – nach ei­ner re­kord­ver­däch­ti­gen An­wer­be­pha­se, die mit vie­lem Hin und Her ins­ge­samt fünf Jah­re dau­er­te. Er brach­te durch­grei­fen­de, teils um­strit­te­ne Re­for­men auf den Weg, die der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft 2013 zu ei­nem Re­kord-Er­folgs­jahr ver­hal­fen. Die Mann­schaft hat­te zwölf Sie­ge in Fol­ge, qua­li­fi­zier­te sich zum sieb­ten Mal für die Welt­meis­ter­schaft und über­traf mit dem Er­rei­chen der Run­de der letz­ten 16 Mann­schaf­ten alle Er­war­tun­gen, nach­dem das Team in der so­ge­nann­ten „To­des­grup­pe“, der schwie­rigs­ten Vie­rer­grup­pe des Tur­niers, Zwei­ter hin­ter Deutsch­land ge­wor­den war. Hier­für wur­de Jür­gen Klins­mann von der FIFA als ei­ner von zehn Trai­nern für die Wahl zum welt­bes­ten Trai­ner des Jah­res no­mi­niert. Klins­mann ist ein furcht­lo­ser, re­for­m­ori­en­tier­ter Trai­ner und tech­ni­scher Lei­ter mit un­er­schüt­ter­li­chen Über­zeu­gun­gen, der in­ner­halb des wich­ti­gen west­eu­ro­päi­schen Fuß­ball­netz­wer­kes, Wie­ge des Sports, des­sen Ur­sprungs­län­der bis­her die Welt­meis­ter­schaf­ten do­mi­nier­ten, über gute Ver­bin­dun­gen ver­fügt. Klins­mann weiß, was nö­tig ist, um eine der welt­bes­ten Fuß­ball­na­tio­nen zu for­men, und die He­r­aus­for­de­run­gen die­ser lan­gen Rei­se fas­zi­nie­ren ihn.

Fuß­ball ist an­ders. Sei­ne Re­geln, Bräu­che, Tra­di­tio­nen und sein Erbe un­ter­schei­den sich kom­plett von an­de­ren ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten, ob­wohl es in den 20er-Jah­ren vor dem Zu­sam­men­bruch der Ak­ti­en­märk­te und der fol­gen­den Welt­wirt­schafts­kri­se eine be­mer­kens­wert „gol­de­ne Ära“ gab, als Fuß­ball, dank der ho­hen An­zahl neu an­ge­kom­me­ner Im­mi­gran­ten aus Eu­ro­pa, in ei­ni­gen Ge­gen­den der USA für eine kur­ze Zeit tat­säch­lich po­pu­lä­rer als Foot­ball war. Aber ri­va­li­sie­ren­de Li­gen und die stei­gen­de Po­pu­la­ri­tät des Col­le­ge Foot­balls tru­gen zu­sam­men mit dem Bör­sen­crash zu ei­nem frü­hen Nie­der­gang des Pro­fi­fuß­balls bei.

Den­noch ist Fuß­ball kein Spiel, das leicht in das ame­ri­ka­ni­sche Spor­tras­ter hi­n­ein­passt mit sei­ner Vor­lie­be für Fern­seh-Aus­zei­ten, mit Aus­schei­dungs­spie­len nach der Sai­son (post-sea­son play-offs), mit der Pa­ri­tät der Li­gen und ame­ri­ka­ni­scher Vor­herr­schaft. Es ist ein Spiel der Ge­duld und des Ge­nus­ses, so­wohl sub­til als auch spek­ta­ku­lär. Es ist ein Spiel, in dem die Spie­ler auf dem Feld den Groß­teil der Ent­schei­dun­gen tref­fen. Es ist ein Spiel mit etwa 400 oder mehr Päs­sen pro Mann­schaft und ei­nes, in dem der ein­zel­ne Spie­ler den Ball im Durch­schnitt nur un­ge­fähr 50 Se­kun­den hat, was be­deu­tet, dass er die ver­blei­ben­den 89 Mi­nu­ten da­mit ver­bringt, zu lau­fen und zu ver­su­chen, den Ball in die rich­ti­ge Po­si­ti­on zu brin­gen, um ein Tor zu schie­ßen oder zu ver­hin­dern. Fuß­ball­spie­le kön­nen durch Ent­schei­dun­gen ge­dreht wer­den, die im Bruch­teil ei­ner Se­kun­de ge­fällt wer­den. So kann so­gar eine über­le­ge­ne Mann­schaft in­ner­halb ei­nes win­zi­gen Mo­ments von ei­nem un­ter­le­ge­nen Geg­ner, ei­nem Au­ßen­sei­ter, ge­schla­gen wer­den, wenn er es schafft, einen „Glücks­tref­fer“ zu er­zie­len, so wie ein de­klas­sier­ter Bo­xer, der al­len Wet­ten zum Trotz mit ei­nem „lucky punch“ einen Knock-out-Sieg er­langt. Und es ist ein un­ge­wöhn­lich un­vor­her­seh­ba­res Spiel, in dem un­ter­le­ge­ne Mann­schaf­ten über­le­ge­ne Teams durch An­griffs­lust, Wil­lens­kraft und den wort­wört­li­chen „Schuss ins Blaue hi­n­ein“ so aus dem Kon­zept brin­gen kön­nen, dass der hohe Fa­vo­rit letzt­lich als Ver­lie­rer vom Platz geht.

Auch über Fuß­ball zu schrei­ben ist an­ders als bei an­de­ren Sport­ar­ten. Wenn 50 Sport­jour­na­lis­ten zu­sam­men auf der Pres­se­tri­bü­ne sit­zen, um über ein Fuß­ball­spiel zu be­rich­ten, ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass hin­ter­her 50 ver­schie­de­ne In­ter­pre­ta­tio­nen des Spiel­ver­laufs da­bei he­r­aus­kom­men. Fuß­ball ist wie eine wei­ße Lein­wand mit 22 Künst­lern auf dem Feld, die sich ab­ra­ckern, nach­den­ken, sprin­ten, an­grei­fen und kämp­fen und da­bei ein Meis­ter­werk er­schaf­fen mit Spiel­zü­gen und Be­we­gun­gen, die nie­mals wie­der­holt wer­den kön­nen. Einen eben­so wich­ti­gen Be­stand­teil der Fuß­ball­kul­tur bil­den die end­lo­sen Dis­kus­sio­nen nach den Spie­len dar­über, wer gut oder wer schlecht ge­spielt hat, wer das Spiel für sei­ne Mann­schaft ent­schie­den oder rui­niert hat, wel­ches Team ver­dient hat zu ge­win­nen oder nicht, war es ein Tor oder war es keins? Fuß­ball­spie­le las­sen viel mehr Raum für In­ter­pre­ta­tio­nen als an­de­re gän­gi­ge ame­ri­ka­ni­sche Sport­ar­ten, weil es so we­nig mess­ba­re „Sta­tis­ti­ken“ oder „Re­sul­ta­te“ aus den 90 Mi­nu­ten gibt, ab­ge­se­hen na­tür­lich von den er­ziel­ten To­ren, Eck­stö­ßen, Gel­ben oder Ro­ten Kar­ten oder ge­lau­fe­nen Ki­lo­me­tern. Es gibt au­ßer­dem nur drei Schieds­rich­ter, um die 22 Spie­ler zu be­auf­sich­ti­gen, was noch mehr Raum für Irr­tü­mer, In­ter­pre­ta­tio­nen und Dis­kus­sio­nen schafft. Vie­le Deut­sche bei­spiel­wei­se be­har­ren heu­te noch dar­auf, dass Geoff Hursts Tor für Eng­land, in der Nach­spiel­zeit des Welt­meis­ter­schafts­fi­na­les im Lon­do­ner Wem­bley-Sta­di­on im Jah­re 1966, also vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert, nicht über der Li­nie war und da­her nicht hät­te ge­zählt wer­den dür­fen. Es ging als neu­es Wort so­gar in die deut­sche Spra­che ein, in­dem das „Wem­bley­tor“ zum Syn­onym für un­ver­dien­te oder un­recht­mä­ßi­ge Ge­win­ne wur­de.

Es mag sein, dass es in je­dem Spiel be­son­de­re Wen­de­punk­te gibt wie bei an­de­ren Sport­ar­ten, auf die sich Sport­jour­na­lis­ten fo­kus­sie­ren. Aber Fuß­ball ist we­ni­ger die Sum­me der Er­geb­nis­se aus je­dem Spiel, wie dies beim Foot­ball, Ba­se­ball oder Bas­ket­ball der Fall ist. Statt­des­sen ist es ein Spiel vol­ler Über­ra­schun­gen, Im­puls­än­de­run­gen, blitz­ar­ti­ger Ge­gen­an­grif­fe, bril­lan­ter Ret­tungs­ak­tio­nen von den Au­ßen­sei­tern, die plötz­lich „ent­ge­gen dem Spiel­ver­lauf“ ein fa­bel­haf­tes Ge­gen­tor schie­ßen, aus­ge­führt von ei­ner Mann­schaft, die zu­vor kom­plett an die Wand ge­spielt schi­en. Und dann sind da die wirk­lich ma­gi­schen Spie­le, in de­nen bei­de Mann­schaf­ten plötz­lich ge­ra­de­zu über sich hi­n­aus­zu­wach­sen schei­nen und die Men­ge mit krea­ti­ven An­grif­fen und ner­ven­kit­zeln­den Tor­chan­cen oder To­ren mit­rei­ßen.

Manch­mal kann man ge­ra­de­zu füh­len, wie sich die Kraft der ju­beln­den Zu­schau­er­men­ge von den Rän­gen hi­n­un­ter auf das Spiel­feld über­tragt, ein Ener­gie­stoß, der die Spie­ler an­zu­trei­ben scheint, schnel­ler zu ren­nen und al­les zu ge­ben.

Egal ob man auf dem Flug­ha­fen in Athen, in ei­nem Bus in Ber­lin, in ei­nem Café in Kai­ro, in ei­ner Fan-Bar in Flo­renz, in ei­nem Ho­tel in Hel­sin­ki, auf ei­nem Markt in Mos­kau, in ei­nem Nacht­club in Ni­ge­ria, in ei­nem Pub in Pre­to­ria, in ei­nem Re­stau­rant in Rio, in ei­nem Taxi in To­kyo, in ei­ner Sau­na in Schwe­den oder so­gar in ei­nem Zoo in Zaire sitzt – die Chan­cen ste­hen gut, dass man es schafft, mit egal wem ins Ge­spräch zu kom­men, wenn man an­fängt, von Fuß­ball zu spre­chen, von dem letz­ten Cham­pi­ons-League-Spiel, der letz­ten Welt­meis­ter­schaft oder der nächs­ten Welt­meis­ter­schafts­qua­li­fi­ka­ti­on.

Fuß­ball ist das Spiel, das die Welt mehr zu­sam­men­führt als die Ver­ein­ten Na­tio­nen. „Große Fuß­bal­ler­eig­nis­se lie­fern et­was von dem Ge­mein­sinn, für den frü­her Ge­werk­schaf­ten, Kir­chen und roya­le Hoch­zei­ten zu­stän­dig wa­ren“, schrie­ben Si­mon Ku­per und Ste­fan Szy­man­ski in Soc­cer­no­mics. Wich­ti­ge Fuß­ball­spie­le ha­ben in fast al­len eu­ro­päi­schen Län­dern die­se einen­de Rol­le ... Es gibt nichts, was eine Ge­sell­schaft in der Wei­se zu­sam­menschweißt wie eine Welt­meis­ter­schaft, wenn die ei­ge­ne Mann­schaft da­bei ist. Aus­nahms­wei­se schaut fast je­der im Land plötz­lich das­sel­be Fern­seh­pro­gramm und spricht am nächs­ten Tag bei der Ar­beit dar­über.

Be­zeich­nen­der­wei­se neh­men die ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten Fuß­bäl­le, kei­ne Foot­ball- oder Ba­se­ball­bäl­le, wenn sie in der Nähe ih­rer Mi­li­tär­sta­tio­nen im Irak, in Af­gha­nis­tan oder La­tein­ame­ri­ka ver­su­chen, Kon­takt zu den ein­hei­mi­schen Kin­dern auf­zu­bau­en. Mehr als Eng­lisch ist Fuß­ball die Lin­gua fran­ca des 21. Jahr­hun­derts. Es ist das Spiel, das die Welt spielt. Warum ein Buch über Jür­gen Klins­mann? Ich hat­te das Glück, Jür­gen Klins­mann wäh­rend der zwei Jah­re bis zur Welt­meis­ter­schaft 2006 ken­nen­zu­ler­nen, in de­nen er Trai­ner der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft war.

An­fangs war ich nur ei­ner der vie­len ner­vi­gen Jour­na­lis­ten, die bei den Pres­se­kon­fe­ren­zen in Deutsch­land un­be­que­me Fra­gen stell­ten. Zu mei­ner an­ge­neh­men Über­ra­schung be­ant­wor­te­te Klins­mann die Fra­gen mit kla­ren, ehr­li­chen und in­tel­li­gen­ten Ant­wor­ten, an­statt mit den üb­li­chen Kli­schees oder „cle­ve­ren“ Aus­weich­ma­nö­vern zu re­agie­ren. So et­was hat­te ich noch nie zu­vor er­lebt. Ich hat­te wäh­rend die­ser zwei Jah­re auch meh­re­re Ge­le­gen­hei­ten, Klins­mann zu in­ter­view­en, zum Teil in sei­ner Wahl­hei­mat in Süd­ka­li­for­ni­en, wo er je­den Mo­nat ei­ni­ge Wo­chen zwi­schen den Spie­len und Trai­nings­ein­hei­ten in Deutsch­land ver­brach­te. Ich lern­te ihn als in­ter­essan­ten, un­kom­pli­zier­ten, un­prä­ten­ti­ösen, ehr­li­chen und un­glaub­lich sym­pa­thi­schen Ge­sprächs­part­ner ken­nen. Als Jour­na­list be­wun­de­re ich seit je­her Per­sön­lich­kei­ten, die kei­ne Angst ha­ben, an­ge­stamm­te Weis­hei­ten be­zie­hungs­wei­se den Sta­tus quo an­zu­zwei­feln und Klins­mann war ei­ner der mu­tigs­ten, der sich ohne Angst ge­traut hat, das Sys­tem auf­zu­rüt­teln und Din­ge ins Rol­len zu brin­gen. Wir setz­ten un­se­re Ge­sprä­che fort, nach­dem Klins­mann auf­ge­hört hat­te, die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft zu trai­nie­ren. Wir tra­fen uns teils in Deutsch­land, teils in den USA und die Ge­sprä­che dreh­ten sich nicht not­wen­di­ger­wei­se nur um Fuß­ball, aber egal wor­über wir uns un­ter­hiel­ten, wa­ren sie glei­cher­ma­ßen auf­schluss­reich, in­spi­rie­rend und zu­tiefst er­freu­lich.

Die In­ter­views mit Jür­gen Klins­mann zäh­len zu den denk­wür­digs­ten, die ich in 40 Be­rufs­jah­ren als Jour­na­list hat­te. Er war nicht nur en­thu­sias­tisch be­züg­lich sei­nes Jobs und sei­ner Zie­le, son­dern sprüh­te auch vor Ide­en. Er war neu­gie­rig und die­se Neu­gier­de be­schränk­te sich nicht nur auf den Sport. Ein paar Mal freu­te er sich zwar, mich zu tref­fen, woll­te aber ei­gent­lich kein In­ter­view ge­ben. Manch­mal brach­te ich mei­ne Toch­ter oder mei­nen Sohn mit; ein­mal war auch sei­ne Toch­ter da­bei. Manch­mal un­ter­hiel­ten wir uns auf Deutsch, manch­mal auf Eng­lisch. Da­bei wa­ren mei­ne Deutsch­kennt­nis­se ähn­lich sei­nen Eng­lisch­kennt­nis­sen: ei­gent­lich ganz gut, aber mit un­über­hör­ba­rem Ak­zent. Manch­mal stell­te er mir fast ge­nau­so vie­le Fra­gen dar­über, wor­an ich ge­ra­de ar­bei­te und wie es mir ging, wie ich ihm stell­te. Oft spra­chen wir über die Vor- und Nach­tei­le des Le­bens in den USA im Ver­gleich zu Deutsch­land. Wir ha­ben uns auch über Spra­chen un­ter­hal­ten und dar­über, dass da­bei war Spa­nisch zu ler­nen, un­ter an­de­rem, um die vie­len spa­nisch­spra­chi­gen Fern­seh­über­tra­gun­gen von Fuß­ball­spie­len in den USA zu ver­ste­hen und um mit den aus La­tein­ame­ri­ka stam­men­den Spie­lern bes­ser kom­mu­ni­zie­ren zu kön­nen; aber auch ganz ein­fach, weil er gern Fremd­spra­chen lernt. Ge­le­gent­lich un­ter­hiel­ten wir uns auch dar­über, was er bei sei­nen mehr­wö­chi­gen Hos­pi­tan­zen bei den Los An­ge­les La­kers oder dem USC-Foot­ball-Team ge­ra­de ge­lernt hat­te. Jür­gen Klins­mann zeich­net eine un­still­ba­re Neu­gier­de aus, und ob­wohl er zu der Zeit nicht als Trai­ner tä­tig war, lös­te es bei mir den Wunsch aus, sei­ne Ide­en und sei­ne Art, den Sta­tus quo in­fra­ge zu stel­len und im­mer nach ei­nem Weg zu su­chen, wie man die Din­ge noch bes­ser ma­chen kann, in Ruhe und in der Tie­fe in ei­nem Buch nach­le­sen zu kön­nen. Aber ich muss­te fest­stel­len, dass es ein sol­ches Buch über Klins­mann nicht gab.

Also frag­te ich ihn vor etwa acht Jah­ren, warum es kei­ne eng­lisch­spra­chi­gen Bio­gra­fi­en oder Bü­cher über sei­ne Ide­en gäbe und ob er sich vor­stel­len kön­ne, dass ich ein Buch über sein Le­ben und sei­ne Trai­nings­phi­lo­so­phie schrei­ben wür­de. Ich fand den Ge­dan­ken span­nend, Klins­manns Wis­sen, Neu­gier und Tat­kraft so­wie sei­ne Ide­en be­züg­lich Fuß­ball und Trai­ning im All­ge­mei­nen auch in den USA ei­nem brei­te­ren Pu­bli­kum zu­gäng­lich zu ma­chen. Aber Klins­manns Ant­wort lau­te­te im­mer höf­lich, aber be­stimmt: „Nein dan­ke!“

Er war ein­fach nicht in­ter­es­siert zu­rück­zu­schau­en. Klins­mann ge­noss es sicht­lich, in Ka­li­for­ni­en in re­la­ti­ver An­ony­mi­tät le­ben zu kön­nen. Er ge­noss die­se Frei­heit und zeigt kei­ne Spur von Ei­tel­keit. Über sich selbst zu spre­chen, be­rei­tet ihm ir­gend­wie ein ge­wis­ses Un­be­ha­gen. Klins­mann wech­selt in die­sem Fall ent­we­der zü­gig das The­ma oder nutzt statt des „Ichs“ das un­per­sön­li­che „Man“. Eine rück­bli­cken­de Bio­gra­fie war das Al­ler­letz­te, was ihm wich­tig war. Wo­mög­lich könn­te ir­gend­ei­ne Zei­tung so­gar auf die Idee kom­men, ein­zel­ne Aus­sa­gen aus dem Zu­sam­men­hang zu neh­men, um sie für eine rei­ße­ri­sche Schlag­zei­le zu miss­brau­chen. Jür­gen Klins­mann hat­te kei­ne al­ten Rech­nun­gen zu be­glei­chen und war mit sich im Rei­nen. Er sah über­haupt kei­ne Not­wen­dig­keit, in die Ver­gan­gen­heit zu­rück­zu­bli­cken. Das war eben nicht sein Ding.

Kurz nach der Welt­meis­ter­schaft 2014, in­mit­ten ei­ner wei­te­ren span­nen­den Dis­kus­si­on dar­über, wie un­ter­schied­lich Ame­ri­ka­ner be­zie­hungs­wei­se bes­ser und Deut­sche die Be­grif­fe Ge­duld und „Lang­zeit­per­spek­ti­ve“ be­trach­ten, wag­te ich einen letz­ten Ver­such, ihn doch noch um­zu­stim­men: „Hey Jür­gen, ich bin ein Ame­ri­ka­ner, der sein hal­bes Le­ben in Deutsch­land ver­bracht hat und du bist ein Deut­scher, der be­reits fast die Hälf­te sei­nes Le­bens in den USA ge­lebt hat. Wer also könn­te bes­ser als ich in ei­nem Buch für die Ame­ri­ka­ner dar­über schrei­ben, wo­her du kommst und was du in den USA mit dem Fuß­ball ver­wirk­li­chen möch­test?“ Er lä­chel­te und ant­wor­te­te die­ses Mal plötz­lich an­ders: „Okay, ich den­ke mal dar­über nach.“ Viel­leicht ge­fiel ihm die Hart­nä­ckig­keit? Oder dach­te er, dass je­mand, der die Din­ge von au­ßen be­trach­tet, viel­leicht doch in­ter­essan­te Per­spek­ti­ven auf­zei­gen könn­te? Oder woll­te er nur end­lich sei­ne Ruhe vor mir ha­ben? Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter rief er mich an und sag­te mir, dass er auf kei­nen Fall eine Au­to­bio­gra­fie wol­le, dass er aber nichts da­ge­gen habe, wenn ich un­se­re Ge­sprä­che und un­se­re In­ter­views in Form ei­nes Bu­ches ver­öf­fent­li­che.

Zu un­se­ren früh­mor­gend­li­chen Tref­fen, oft bei bes­tem Kaf­fee in der Son­ne Ka­li­for­ni­ens oder vor Freund­schaftss­pie­len der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft in Eu­ro­pa, hat­te ich im­mer eine Men­ge Fra­gen im Ge­päck. Manch­mal schaff­ten wir es nur, ein oder zwei oder drei die­ser Fra­gen zu be­spre­chen, weil sei­ne Be­geis­te­rung über Fuß­ball an sich und die Rol­le des Fuß­balls in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten der­art mit ihm „durch­ging“, dass wir stun­den­lang nur dar­über spra­chen. Jür­gen Klins­mann be­ant­wor­te­te ge­dul­dig Fra­gen zu sei­ner Ver­gan­gen­heit, aber war ein­deu­tig mehr an der Zu­kunft in­ter­es­siert. Ich hat­te mich im­mer ge­fragt, warum er in frü­he­ren In­ter­views Fra­gen zu sei­ner Ver­gan­gen­heit als Spie­ler nur un­gern be­ant­wor­tet hat­te. Jetzt ver­stand ich ihn: „Den Spie­ler Klins­mann gibt es nicht mehr“, sag­te er.

Es wur­de in un­se­ren Ge­sprä­chen klar, dass Jür­gen Klins­mann als Trai­ner der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft nur ein Ziel hat und zwar, das Bes­te aus der Mann­schaft he­r­aus­zu­ho­len und sei­ner so lieb ge­won­ne­nen Wahl­hei­mat ei­nes Ta­ges viel­leicht so­gar zum Welt­meis­ter­schafts­ti­tel zu ver­hel­fen. Die Er­folgs­for­mel ist da­bei der ähn­lich, mit der er der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft von 2004–2006 so sehr ge­hol­fen hat, aus der Ver­sen­kung he­r­aus wie­der an die Welt­spit­ze zu kom­men und mit de­ren Hil­fe er den FC Bay­ern Mün­chen zu ei­ner neu­en Stär­ke in der Cham­pi­ons League führ­te. Da­bei ist sich Klins­mann be­wusst, dass Wunsch­den­ken und Wün­sche al­lein nicht aus­rei­chen. He­r­aus­for­de­run­gen müs­sen ge­meis­tert wer­den und auch un­be­que­me Wahr­hei­ten zur Spra­che kom­men.

Teil I
Klins­mann – die frü­hen Jah­re
Wie al­les be­gann

Jür­gen Klins­mann war ein acht­jäh­ri­ges blon­des Ener­gie­bün­del, als er das ers­te Mal in ei­nem Ver­ein Fuß­ball spiel­te. Das war 1973, und wie die meis­ten Jungs in sei­nem Al­ter nutz­te er zu­vor schon seit frü­he­s­ter Kind­heit jede Ge­le­gen­heit, um mit sei­nen Kum­pels Fuß­ball zu spie­len: auf der Stra­ße, in Parks und in den Pau­sen auf dem Schul­hof.

Be­vor Jür­gen Klins­mann mit acht Jah­ren erst­mals in ei­ner Mann­schaft spiel­te, mit Re­geln, Tri­kots und ei­nem Trai­ner, hat­te er es ein Jahr zu­vor mit Tur­nen ver­sucht, wozu ihn sein Va­ter ani­miert hat­te. Sieg­fried Klins­mann, zu der Zeit 40 Jah­re alt und von Be­ruf Bäcker­meis­ter, hat­te in sei­ner Ju­gend ge­turnt und war in sei­ner Frei­zeit Trai­ner im ört­li­chen Turn­ver­ein, dem TB Gin­gen. Er dach­te, dass Tur­nen für sei­nen Sohn eine gute He­r­aus­for­de­rung sein kön­ne und ein Ven­til, einen Teil von Jür­gens reich­lich vor­han­de­ner Ener­gie ab­zu­bau­en. Also nahm er sei­nen zwei­t­äl­tes­ten Sohn mit in den Turn­ver­ein, als die­ser sie­ben war. Aber das Bo­den­tur­nen, der Grätsch­sprung und der Ba­lan­cier­bal­ken hin­ter­lie­ßen bei Jür­gen kei­nen blei­ben­den Ein­druck. Es fehl­ten ihm Span­nung und „Ac­tion“, wie er sich er­in­nert. Ein we­nig spä­ter nah­men ihn sei­ne Kum­pels mit zum Hand­ball­trai­ning. Aber auch das konn­te ihn nicht nach­hal­tig über­zeu­gen.

Im Win­ter 1973, ei­ni­ge Mo­na­te nach­dem Deutsch­land 1972 die ers­te von drei Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten ge­won­nen hat­te, nah­men Freun­de ihn mit zum Trai­ning der Fuß­ball­mann­schaft des Tur­ner­bund Gin­gen. Er war da­mals acht­ein­halb Jah­re alt und lieb­te das Spiel in sei­ner or­ga­ni­sier­ten Form so­fort ge­nau­so, wie er zu­vor das Ki­cken mit Freun­den ge­liebt hat­te. Die Schnel­lig­keit, Be­we­gung, die Ener­gie des Sports fas­zi­nier­ten ihn und ganz be­son­ders das Freu­den­ge­fühl, wenn es ihm ge­lang, ein Tor zu schie­ßen.

„Ich habe es ein­fach ge­liebt, viel zu lau­fen, alle Ener­gie auf dem Feld he­r­aus­las­sen zu kön­nen, und ich lieb­te das groß­ar­ti­ge Ge­fühl da­nach“, er­zählt Klins­mann in der Er­in­ne­rung an sei­ne ers­ten Trai­nings­ein­hei­ten im Ver­ein. „Fuß­ball war ein so wun­der­ba­res Ven­til für all die Ener­gie, die ich hat­te. Ich war be­ses­sen da­von, zu ren­nen und zu spie­len. Ich hat­te so viel Ener­gie, dass ich stun­den­lang Fuß­ball spie­len konn­te. Es mach­te mir ein­fach großen Spaß und ich lieb­te es von An­fang an. Es gab mir ein rich­tig gu­tes Ge­fühl.“

Er wur­de Mit­glied im Fuß­ball­ver­ein und trug die rot-wei­ßen Tri­kots des TB Gin­gen. Ver­gleicht man die Hier­ar­chie des Fuß­balls mit ei­ner Py­ra­mi­de, so be­fand sich der TB Gin­gen ganz am Fuße der­sel­ben, auf der Ein­gangs­stu­fe des or­ga­ni­sier­ten Fuß­balls. Aber für Jür­gen führ­te der Weg von der brei­ten Py­ra­mi­den­ba­sis in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren ste­tig nach oben bis zur Spit­ze. Tau­sen­de Jun­gen in sei­nem Al­ter be­gan­nen 1973 in ei­nem Ver­ein Fuß­ball zu spie­len, aber nur we­ni­ge er­reich­ten die obe­re Stu­fe der Py­ra­mi­de, die Bun­des­li­ga, und noch we­ni­ger schaff­ten es wie er bis zur Spit­ze, in die Na­tio­nal­mann­schaft.

In den USA feh­len die­se kla­ren Struk­tu­ren in der Fuß­ball­py­ra­mi­de noch im­mer, und es ist eine nicht un­wich­ti­ge Sa­che, die Klins­mann zu än­dern ver­sucht, seit er 2011 Trai­ner und 2013 Tech­ni­scher Di­rek­tor der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft wur­de.

Als Kind hat­te Klins­mann kei­ne Vor­stel­lung da­von, wie weit er es im Fuß­ball brin­gen wür­de. Er lieb­te es ein­fach, Fuß­ball zu spie­len und ge­mein­sam mit sei­nen Mann­schafts­ka­me­ra­den und Freun­den sei­ne Fä­hig­kei­ten wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Sein Ziel da­mals war es, in die ers­te Mann­schaft des TB Gin­gen zu kom­men, ei­nem Ver­ein, der 1870 als Turn­ver­ein ge­grün­det wur­de. Im Lau­fe der Zeit ka­men eine Hand­ball-, eine Leicht­ath­le­tik- und eine Fuß­ball­ab­tei­lung dazu. Vie­le Turn­ver­ei­ne wur­den in Deutsch­land als Teil der na­tio­na­len Be­we­gung des 19. Jahr­hun­derts ge­grün­det, lan­ge be­vor im Jah­re 1874 der Fuß­ball aus Eng­land im­por­tiert wur­de. Aus die­sem Grund tra­gen auch heu­te noch vie­le deut­sche Spit­zen­clubs den Zu­satz „Tur­nen“ im Ver­eins­na­men.

Jür­gen Klins­mann ge­noss es, in ei­ner Mann­schaft Fuß­ball zu spie­len und merk­te, wie sich sei­ne Fä­hig­kei­ten durch das stun­den­lan­ge Üben im Ver­ein und zu Hau­se rasch und wie von selbst ver­bes­ser­ten. Im Ge­gen­satz zu den USA gibt es in Deutsch­land kei­ne Sport­clubs als Teil der schu­li­schen Ak­ti­vi­tä­ten, so dass die Kin­der und Ju­gend­li­chen für die­se Wett­kampf­ak­ti­vi­tä­ten Mit­glied in ei­nem Sport­ver­ein wer­den müs­sen. Klins­manns tie­fe lang­jäh­ri­ge Ver­bun­den­heit mit dem Fuß­ball­sport geht also ganz klar auf sei­ne Zeit im TB Gin­gen zu­rück.

Es gibt zwi­schen den Städ­ten in den USA und in Deutsch­land vie­le klei­ne­re und grö­ße­re kul­tu­rel­le Un­ter­schie­de. Ein wich­ti­ger Un­ter­schied be­steht dar­in, dass in ei­nem Dorf wie Gin­gen, ei­ner ver­schla­fe­nen 4.000-See­len-Ort­schaft am Ufer des Flus­ses Fils, die vor mehr als 1.000 Jah­ren ge­grün­det wur­de, Zeit und Fort­schritt mit ei­nem an­de­ren Maß­stab ge­mes­sen wer­den als in den USA. Wenn die Be­woh­ner ei­nes Städt­chens mit mehr als 1.000-jäh­ri­ger Ge­schich­te von ei­ner Lang­zeit­per­spek­ti­ve spre­chen, so mei­nen sie da­mit nicht Wo­chen oder Mo­na­te. Ge­duld ist ein Be­stand­teil ih­res Le­bens. Wenn Jür­gen Klins­mann von ei­ner Lang­zeit­per­spek­ti­ve für den US-ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball spricht, dann tut er dies vor dem Hin­ter­grund sei­ner deut­schen Wur­zeln und denkt da­bei in Zeiträu­men von Jah­ren oder De­ka­den oder even­tu­ell so­gar Ge­ne­ra­tio­nen an­statt von Mo­na­ten oder ein bis zwei Jah­ren.

Die Wo­chen­end-Spie­le des TB Gin­gen zo­gen dut­zen­de von Zu­schau­ern aus dem Ort an und zwar nicht nur El­tern und Freun­de, son­dern zahl­rei­che Bür­ger, die Freu­de dar­an fan­den, den Kin­dern bei der Aus­übung des be­lieb­tes­ten deut­schen Sports zu­zu­schau­en. Klins­manns Va­ter kam re­gel­mä­ßig auf den Platz und schau­te, wenn ir­gend mög­lich, bei je­dem Spiel zu, nach­dem die Ar­beit in der Bä­cke­rei für den Tag ge­tan war.

Der or­ga­ni­sier­te Fuß­ball ist be­kann­ter­ma­ßen eine ernst­haf­te An­ge­le­gen­heit in ganz Deutsch­land. Der DFB, der Deut­sche Fuß­ball Bund, ist mit 6,9 Mil­lio­nen Mit­glie­dern die größ­te Or­ga­ni­sa­ti­on die­ser Art welt­weit. Als sich Klins­mann beim TB Gin­gen ein­schrieb, war er da­mit ei­nes von 112.858 Kin­dern in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die 1973 Mit­glied ei­nes Fuß­ball­ver­eins wur­den. Die Mit­glieds­ge­büh­ren wa­ren mit un­ge­fähr 30 DM im Jahr be­zahl­bar, so wie sie es auch heu­te noch sind. Trai­ner wa­ren da­mals wie heu­te meist ehe­ma­li­ge Ver­einss­pie­ler, wel­che die Trai­ne­r­auf­ga­be in der Re­gel eh­ren­amt­lich über­nah­men. Dies steht in ei­nem wei­te­ren Ge­gen­satz zur Si­tua­ti­on in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo Trai­ner meis­tens haupt­amt­lich tä­tig sind, da­für aber nicht un­be­dingt über ei­ge­ne Er­fah­run­gen als Spie­ler ver­fü­gen. Da­durch, dass Fuß­ball in Deutsch­land seit je­her eine re­la­tiv preis­wer­te Sport­art war, war und ist er bei Kin­dern aus al­len ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten be­liebt, vor al­lem in Fa­mi­li­en mit ein­ge­schränk­ten fi­nan­zi­el­len Mit­teln. „Wir ka­men alle aus Fa­mi­li­en mit ei­nem be­schei­de­nen Ein­kom­men und ha­ben uns durch­ge­kämpft“, er­zählt Klins­mann. „In­ter­na­tio­nal be­trach­tet, ist Fuß­ball ein Sport, den haupt­säch­lich Kin­der aus Fa­mi­li­en der Un­ter- und Mit­tel­schicht aus­üben. In den USA ist dies an­ders.“

Es gab 1973 ins­ge­samt 98.911 Mann­schaf­ten in den 15.980 Clubs, die da­mals beim DFB re­gis­triert wa­ren. Von 1972 bis 1973, dem Jahr, in dem Klins­mann Ver­eins­mit­glied wur­de, stieg die Mit­glie­der­zahl der beim DFB ein­ge­schrie­be­nen Spie­ler von 3.084.901 auf 3.197.759 an. In den nächs­ten vier Jahr­zehn­ten ver­dop­pel­te der DFB sei­ne Mit­glie­der­zahl auf 6.889.115 im Jahr 2015. An­ders aus­ge­drückt, spiel­ten 2015 in Deutsch­land mehr Men­schen Fuß­ball, als Dä­ne­mark, Finn­land oder Jor­da­ni­en Ein­woh­ner ha­ben.

Die Punkt­spie­le der Kin­der und Ju­gend­li­chen wa­ren in vie­len klei­nen und grö­ße­ren Städ­ten in ganz Deutsch­land wich­ti­ge Er­eig­nis­se, die nicht nur den Kin­dern ein Ven­til bo­ten, son­dern gleich­zei­tig eine wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che Funk­ti­on in den Ge­mein­den ein­nah­men, die sport­be­geis­ter­te Kin­der und Ju­gend­li­che mit ih­ren El­tern und in­ner­halb der Ge­mein­den ver­bin­den. Die Zahl der neu­en Ver­eins­mit­glie­der steigt nor­ma­ler­wei­se in den auf einen EM- oder WM-Sieg der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft fol­gen­den Jah­ren si­gni­fi­kant an, nach­dem prak­tisch die ge­sam­te Na­ti­on das Tur­nier im Fern­se­hen ver­folgt hat mit Re­korde­in­schalt­quo­ten von bis zu 86 %. Das Jahr 1973, ein Jahr, nach­dem die Bun­des­re­pu­blik die So­w­jet­u­ni­on mit 3:0 ge­schla­gen hat und da­mit bei der EM in Bel­gi­en erst­mals den Eu­ro­pa­meis­ter­ti­tel ge­wann, stell­te hier­bei kei­ne Aus­nah­me dar. Tau­sen­de Kin­der im gan­zen Land wur­den wie Klins­mann da­durch mo­ti­viert, Mit­glied in ei­nem Fuß­ball­ver­ein zu wer­den.

Die klas­si­sche ame­ri­ka­ni­sche „soc­cer mom“ gibt es in Deutsch­land in die­ser Form nicht und er­for­dert in Deutsch­land und in vie­len an­de­ren Län­dern der Welt großen Er­klä­rungs­be­darf. Denn Fuß­ball ist in Deutsch­land ein Sport, der Men­schen al­ler ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten und Al­ters­grup­pen glei­cher­ma­ßen be­geis­tert und ist nicht auf die Haus­frau­en aus den bes­ser ge­stell­ten Vor­or­ten be­schränkt, die ihre Kin­der zu di­ver­sen au­ßer­schu­li­schen Ak­ti­vi­tä­ten kut­schie­ren. In Deutsch­land schau­en bei den Spie­len Müt­ter, Vä­ter, Ge­schwis­ter, Tan­ten und On­kel, Oma und Opa zu und fah­ren und be­glei­ten ihre Kin­der, Ge­schwis­ter oder an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der freu­dig zum Trai­ning und zu Punkt­spie­len. „Als Kind wird man von sei­ner Um­ge­bung ge­prägt, und mei­ne Um­ge­bung war halt ein klei­ner Ver­ein in mei­nem Hei­mat­ort, der ver­schie­de­ne Sport­ar­ten an­bot – Tur­nen, Hand­ball und Fuß­ball“, er­zählt Klins­mann, der in den USA ver­sucht, eine ähn­lich breit­ba­si­ge Struk­tur für den Fuß­ball­sport auf­zu­bau­en, die Spie­ler aus den Ju­gend­mann­schaf­ten bis ganz an die Spit­ze führt. „Mei­ne Fa­mi­lie war dem Tur­nen ver­bun­den, da­her pro­bier­te man das zu­erst aus. Dann nimmt ein Freund dich mit zum Hand­ball­trai­ning, und du ver­suchst es da­mit. Der nächs­te Freund nimmt dich dann zum Fuß­ball­trai­ning mit, und dort stellst du fest, dass dir das am meis­ten Spaß macht. So funk­tio­nier­te es da­mals in Deutsch­land. Das ist das Schö­ne an dem dor­ti­gen Ver­eins­sys­tem. Du kannst ganz ein­fach ver­schie­de­ne Din­ge aus­pro­bie­ren, um he­r­aus­zu­fin­den, was das Rich­ti­ge für dich ist. Es hängt au­ßer­dem viel da­von ab, was dei­ne bes­ten Freun­de ma­chen und das wird in Deutsch­land in 90 % der Fäl­le Fuß­ball sein.“

Klins­mann wur­de am 30. Juli 1964 in Göp­pin­gen ge­bo­ren, in der Nähe von Gin­gen. Die­ses Jahr mar­kier­te den Gip­fel des Ba­by­booms in Deutsch­land mit der Re­kord­ge­bur­ten­ra­te von 1.357.304 Kin­dern in West- und Ost­deutsch­land zu­sam­men­ge­nom­men. Nie­mals da­vor oder da­nach wur­den in Deutsch­land in ei­nem ein­zi­gen Jahr so vie­le Kin­der ge­bo­ren.

Klins­mann war von den Wett­be­werbs­be­din­gun­gen in­ner­halb der Ju­gend­mann­schaft des TB Gin­gen fas­zi­niert und gleich­zei­tig durch sei­ne sich stän­dig ver­bes­sern­den Leis­tun­gen an­ge­spornt. Schon im zar­ten Al­ter von acht Jah­ren war er hoch mo­ti­viert und be­saß den un­still­ba­ren Wunsch, sich zu ver­bes­sern. Er woll­te der bes­te Spie­ler auf dem Platz sein und in den Spie­len so viel wie mög­lich ein­ge­setzt wer­den. Na­tür­lich woll­te er au­ßer­dem ge­win­nen und mög­lichst vie­le Tore schie­ßen – ein Ehr­geiz, der ihn das nächs­te Vier­tel­jahr­hun­dert über an­trei­ben und bis ganz nach oben brin­gen soll­te.

Klins­mann ver­mei­det es im Großen und Gan­zen, in der Ver­gan­gen­heit zu schwel­gen. Den­noch huscht ein Lä­cheln über sein Ge­sicht, wenn er an sei­ne Fuß­ball­be­geis­te­rung als Kind zu­rück­denkt. „In die­ser klei­nen Ge­mein­schaft war man ein­fach da­von be­ses­sen, Fuß­ball zu spie­len. Also machst du das mit dei­nen Kum­pels auf der Stra­ße, und ir­gend­wann pro­bierst du es im ört­li­chen Fuß­ball­ver­ein. So habe ich an­ge­fan­gen. Da­mals war acht Jah­re in etwa das frü­he­s­te Ein­stiegsal­ter, um im Ver­ein zu spie­len. Für jün­ge­re Kin­der gab es da­mals noch kei­ne Struk­tu­ren. Das hat sich heu­te kom­plett ge­än­dert. Heut­zu­ta­ge fan­gen vie­le Kin­der be­reits mit fünf Jah­ren an, im Ver­ein zu spie­len!“

Fuß­ball war ein Jahr­zehnt vor Klins­manns Ge­burt ein wich­ti­ger Bau­stein der na­tio­na­len Iden­ti­tät ge­wor­den. Dies re­sul­tier­te zum Teil aus der Eu­pho­rie, die aus­brach, als das Land 1954 durch den Sieg über Un­garn die Welt­meis­ter­schaft ge­wann und aus den Nach­wir­kun­gen die­ses his­to­ri­schen Tri­um­phes. Der un­er­war­te­te Er­folg des Teams der jun­gen Bun­des­re­pu­blik war ei­ner der aus­lö­sen­den Fak­to­ren des deut­schen „Wirt­schafts­wun­ders“ und der un­er­war­te­te Auf­stieg aus den Rui­nen des 2. Welt­krie­ges. Der star­ke Ein­fluss, den der Fuß­ball auf die deut­sche Psy­che aus­üb­te, kann zu ei­nem er­heb­li­chen An­teil auf die­sen le­gen­dären Welt­meis­ter­schafts­sieg zu­rück­ge­führt wer­den. Der Ge­winn der Welt­meis­ter­schaft nach und in so schwie­ri­gen Zei­ten leis­te­te einen wich­ti­gen Bei­trag zu ei­ner so­zia­len, kul­tu­rel­len, po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ket­ten­re­ak­ti­on, von der Volks­wirt­schaft­ler be­haup­ten, dass sie ge­hol­fen habe, das le­gen­däre Wirt­schafts­wun­der, den Boom der 50er-Jah­re aus­zu­lö­sen. Nach ei­nem Jahr­zehnt der Nach­kriegs­de­pres­si­on und Ver­zweif­lung hell­te sich die Stim­mung schlag­ar­tig auf. Der Fuß­ball half mehr als al­les an­de­re, das Land aus sei­ner Nach­kriegs­le­thar­gie zu be­frei­en. Der Ti­tel­ge­winn 1954 ver­bes­ser­te die Grund­stim­mung und half Mil­lio­nen von Deut­schen, sich nach Jahr­zehn­ten der Äch­tung und Iso­la­ti­on als Fol­ge der Nazi-Ver­gan­gen­heit wie­der als Teil der Welt­ge­mein­schaft füh­len zu kön­nen. Ver­ständ­li­cher­wei­se war und ist Fuß­ball seit­dem mehr als nur ein Spiel für die Deut­schen.

Klins­manns zwei­ter Ge­burts­tag hät­te ein Freu­den­tag für ganz Deutsch­land wer­den kön­nen, wur­de statt­des­sen aber ein Tag der Trau­er. Das Land war we­der 1958 noch 1962 in der Lage, den Er­folg des Welt­meis­ter­schafts­sie­ges von 1954 zu wie­der­ho­len. 1958 ver­lo­ren sie das Halb­fi­na­le ge­gen den Gast­ge­ber Schwe­den 3:1 und 1962 schie­den sie durch eine 1:0-Nie­der­la­ge ge­gen Ju­go­sla­wi­en im Vier­tel­fi­na­le aus. Aber 1966 wa­ren sie nahe dran, nach zwölf Jah­ren wie­der eine Welt­meis­ter­schaft zu ge­win­nen. Sie er­reich­ten das Fi­na­le ge­gen Gast­ge­ber Eng­land. Aber sie ver­lo­ren, als Eng­lands Geoff Hurst in der elf­ten Mi­nu­te der 30-mi­nü­ti­gen Nach­spiel­zeit ein um­strit­te­nes Tor zu­ge­spro­chen wur­de und der Spiel­stand dann 3:2 lau­te­te. Hursts Schuss war ge­gen die Lat­te ge­prallt und auf, aber even­tu­ell nicht ganz über die Li­nie ge­sprun­gen, be­vor ein deut­scher Ver­tei­di­ger den Ball aus dem Tor­be­reich klä­ren konn­te. War es wirk­lich ein Tor oder nicht? Es ist eine der ganz großen Kon­tro­ver­sen des Fuß­balls und wird ver­mut­lich nie ab­schlie­ßend ge­löst wer­den. Eng­land schoss eine Mi­nu­te vor Ab­pfiff ein vier­tes Tor, als Deutsch­land nach vor­ne stürm­te in dem ver­zwei­fel­ten Ver­such, ein Aus­gleich­stor zu schie­ßen.

Eine Wo­che, nach­dem Jür­gen Klins­mann 1973 in die Ju­gend­mann­schaft des TB Gin­gen ein­ge­tre­ten war und einen ers­ten Ein­druck vom Fuß­ball mit fes­ten Re­geln be­kom­men hat­te, wur­de er in den letz­ten zehn Mi­nu­ten ei­nes Punkt­spiels ge­gen einen Ver­ein na­mens FTSV Ku­chen als Er­satz­spie­ler ein­ge­setzt. Er wur­de aufs Feld ge­schickt, nach­dem man ihm noch eine kur­ze Ein­wei­sung in eine Re­gel ge­ge­ben hat­te, um die sich beim Spie­len mit sei­nen Kum­pels bis­her nie­mand Ge­dan­ken ge­macht hat­te. „Hei, was isch ei­gent­lich Ab­seits?“, frag­te Klins­mann, be­vor er aufs Feld lief. So be­schreibt Ro­land Ei­tel Klins­manns An­fän­ge beim TB Gin­gen in sei­ner Bio­gra­fie Jür­gen Klins­mann – Der Weg nach oben. Beim nächs­ten Spiel, eine Wo­che spä­ter ge­gen den SV Al­ten­stadt, schoss Klins­mann bei ei­nem 5:1-Sieg für sei­ne Mann­schaft sein ers­tes Tor. In der E-Ju­gend, in der die Acht- bis Zehn­jäh­ri­gen spie­len, wur­de Klins­mann für sein Ta­lent als Tor­jä­ger bald be­kannt.

Wie man weiß, sind die Deut­schen in den meis­ten Din­gen sehr gut or­ga­ni­siert, und das trifft ganz be­son­ders auf den Fuß­ball zu. Ob­wohl er in sei­ner of­fi­zi­el­len Form we­nig an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten ge­spielt wird – im Ge­gen­satz zu den USA –, gibt es das ein­gangs be­schrie­be­ne py­ra­mi­den­för­mi­ge Sys­tem mit sei­ner kla­ren Hier­ar­chie, in der Spie­ler nach Al­ter und nach Leis­tung Stu­fe für Stu­fe er­klim­men kön­nen.

Als Klins­mann an­fing Ver­eins­fuß­ball zu spie­len, be­gann die nach Al­ter struk­tu­rier­te Ein­tei­lung mit der E-Ju­gend, in der im Ge­gen­satz zu den Ju­gend- und Er­wach­senen­teams nur sie­ben statt elf Spie­ler auf dem Feld sind. Im Ju­gend­be­reich folg­ten auf die E-Ju­gend vier wei­te­re Al­ter­s­stu­fen, D (11 bis 13 Jah­re), C (14 bis 15 Jah­re), B (16 bis 17 Jah­re) und A (18 bis 19 Jah­re), be­vor die Ju­gend­li­chen in die Er­wach­se­nen­mann­schaft auf­ge­nom­men wer­den konn­ten. Wo­bei spä­tes­tens nach dem Durch­lau­fen der A-Ju­gend vie­le Spie­ler den Ver­eins­fuß­ball zu­nächst ver­lie­ßen, da sie ent­we­der leis­tungs­mä­ßig nicht mit­hal­ten konn­ten oder woll­ten be­zie­hungs­wei­se oft durch Be­ruf oder Stu­di­um an­der­wei­tig ein­ge­bun­den wa­ren.

Dies hat sich bis heu­te kaum ge­än­dert. Der Un­ter­schied be­steht vor al­lem dar­in, dass die Kin­der heut­zu­ta­ge we­sent­lich frü­her an­fan­gen, in ei­ner Mann­schaft zu spie­len, so­dass es be­reits eine G-Ju­gend für die un­ter Sie­ben­jäh­ri­gen gibt und eine F-Ju­gend für die Sie­ben- bis Acht­jäh­ri­gen. „Durch die­se or­gan­sier­te Form des Fuß­ball­sports wer­den auch für die Jün­ge­ren die Er­geb­nis­se auf­ge­schrie­ben, man hat sei­ne fes­te Mann­schaft in ei­ner vor­ge­ge­be­nen Liga und man trägt Mann­schaft­stri­kots“, sagt Klins­mann. „Dies ist der Mo­ment, in dem man das, was man beim Spie­len auf der Stra­ße ge­lernt hat, auf den or­ga­ni­sier­ten Fuß­ball über­trägt und wei­ter­ent­wi­ckelt.“

Un­ter­schwel­lig ver­brei­tet die­ses strik­te Ein­tei­lungs­sys­tem eine sub­ti­le Bot­schaft, in­dem es den Kin­dern und Ju­gend­li­chen einen stän­di­gen An­reiz bie­tet, die nächst­hö­he­re Stu­fe zu er­rei­chen. Es weckt ab ei­nem frü­hen Al­ter bei den Kin­dern den Wunsch, bes­ser zu wer­den. Die sub­ti­len Druck­mit­tel und Be­loh­nun­gen, die in die­sem Sys­tem ver­steckt sind, sol­len die Spie­ler be­stän­dig dar­in be­stär­ken, die nächs­te Stu­fe der Py­ra­mi­de er­klim­men zu wol­len und ih­nen gleich­zei­tig das Ge­fühl ge­ben, dies sei die na­tür­lichs­te Sa­che der Welt.

Klins­mann hat­te als Acht­jäh­ri­ger eine un­be­grenz­te Ener­gie und An­trieb, aber nicht die lei­ses­te Ah­nung, dass er ei­nes Ta­ges sei­nen Le­bens­un­ter­halt durch Fuß­ball spie­len ver­die­nen wür­de und noch viel we­ni­ger, dass er mit elf To­ren bei drei Welt­meis­ter­schaf­ten ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Tor­schüt­zen sei­nes Lan­des wer­den wür­de. Wie die meis­ten sei­ner Freun­de beim TB Gin­gen über­stieg es sei­ne Vor­stel­lungs­kraft, dass er im Fuß­ball weit ge­nug kom­men wür­de, um dies be­ruf­lich aus­zu­ü­ben. Er lieb­te es ein­fach, zu spie­len und ge­noss von An­fang an den da­mit ein­her­ge­hen­den Leis­tungs­druck. „Zu dem Zeit­punkt hast du kei­ne Ah­nung, wie sich dein Le­ben ent­wi­ckeln wird“, sagt er. „Du spielst Fuß­ball, weil es dir Spaß macht und weil es das ist, was dei­ne Freun­de tun.“

Klins­mann be­wahr­te sich die­se kind­li­che und an­ste­cken­de Be­geis­te­rung auf dem Spiel­feld, wäh­rend er Stu­fe um Stu­fe die Py­ra­mi­de des Fuß­balls hö­her­stieg. Auch in spä­te­ren Jah­ren war es für Klins­mann-Fans eine Freu­de zu se­hen, dass er sich die­se ju­gend­li­che Be­geis­te­rung be­wahrt hat­te, die sich vor al­lem in sei­nen un­ge­brems­ten Freu­den­stür­men bei To­ren für sein Land oder sei­ne je­wei­li­gen Ver­ei­ne in Deutsch­land, Ita­li­en, Frank­reich und Eng­land zeig­te. Die­se sorg­lo­se Un­schuld schi­en im Wi­der­spruch zu ste­hen zu sei­nem Al­ter, sei­ner jah­re­lan­gen Er­fah­rung und sei­nem Sta­tus als Pro­fi. Der Ju­bel, wenn er ein Tor schoss, schi­en sich nicht von dem zu un­ter­schei­den, wie der zehn­jäh­ri­ge Jür­gen Klins­mann sei­ne Tore für den TB Gin­gen ge­fei­ert hat­te. So­gar vier Jahr­zehn­te spä­ter muss sich je­der, der be­ob­ach­tet, wie Klins­mann sich beim Trai­ning auf dem Platz mit den Spie­lern der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft in „5 ge­gen 2“-Fuß­ball-drills stürzt, über die ju­gend­li­che Be­geis­te­rung die­ses über 50-jäh­ri­gen Trai­ners wun­dern.

In ei­nem auf Fuß­ball fi­xier­ten Land wie Deutsch­land lag eine mög­li­che Kar­rie­re als Pro­fi für die meis­ten Ju­gend­li­chen au­ßer­halb ih­rer Vor­stel­lungs­kraft. Die Bun­des­li­ga und gar der Pro­fi­be­reich schie­nen Licht­jah­re ent­fernt. Die Bun­des­li­ga­spie­le wur­den da­mals nicht ein­mal live im Fern­se­hen über­tra­gen. Statt­des­sen gab es die Sport­schau, in der die Hö­he­punk­te der ein­zel­nen Spie­le oft in kur­zen Film­bei­trä­gen zu­sam­men­ge­fasst und dis­ku­tiert wur­den. Zu der Zeit hat­te Klins­mann ganz an­de­re Zu­kunfts­plä­ne. Er er­zähl­te je­dem, der ihn da­nach frag­te, dass er Pi­lot wer­den wol­le, wenn er groß sei. Fuß­ball spiel­te er nur zum Spaß. „In die­sem Um­feld ei­ner Fuß­ball­na­ti­on hat­te je­des Kind, das mit ein biss­chen Ta­lent ge­seg­net war, zu­nächst ein ein­zi­ges Ziel, und zwar je­nes, das sich di­rekt vor ih­nen in Sicht- und Reich­wei­te be­fand“, er­zählt Klins­mann. Er be­wun­dert das küh­ne Selbst­be­wusst­sein der Kin­der des 21. Jahr­hun­derts in den USA, wo die Träu­me groß sind und die Kin­der sich ohne zu zö­gern vor­stel­len, dass sie spä­ter selbst ein­mal die Stars in ei­nem NBA-Fi­na­le, ei­nem Su­per Bowl oder ei­nem Welt­cup sein könn­ten. „Als ich ein Kind war, dach­te man eher: Du wirst nie­mals gleich ein Ziel er­rei­chen, das hun­der­te von Ki­lo­me­tern ent­fernt liegt. Das war al­les so weit weg“, er­zählt er mit nicht we­nig Ver­wun­de­rung über die Fä­hig­keit jun­ger Ame­ri­ka­ner, ihre Zie­le so hoch zu ste­cken.

Er war im Juli 1973 ge­ra­de neun Jah­re alt ge­wor­den und hat­te hart trai­niert, so­wohl im Ver­ein beim TB Gin­gen als auch zu Hau­se mit Freun­den, wo sie stun­den­lang ge­gen Wän­de und Ga­r­agen­to­re spiel­ten. Ei­nes Ta­ges spiel­te er für Gin­gen ge­gen einen Fuß­ball­club aus Ai­chel­berg. Ob­wohl er erst seit we­ni­gen Mo­na­ten im Ver­ein spiel­te, schoss Klins­mann 16 Tore, und sei­ne Mann­schaft ge­wann 20:0. Das Er­geb­nis war umso be­ein­dru­cken­der, wenn man be­denkt, dass die Punkt­spie­le in die­ser Al­ter­sklas­se nur aus zwei Halb­zei­ten à 20 Mi­nu­ten be­ste­hen. Klins­mann fühl­te, dass sich die tau­sen­den Stun­den, die er mit sei­nen Freun­den und im Ver­ein ge­übt hat­te, aus­zu­zah­len be­gan­nen. Sei­ne Päs­se, sein Ball­ge­fühl und sei­ne Schüs­se wur­den kon­ti­nu­ier­lich bes­ser. Für Klins­mann war das eine wich­ti­ge Lek­ti­on über den Sinn und den Lohn har­ter Ar­beit, die er für sein gan­zes wei­te­res Le­ben ver­in­ner­lich­te.

„Es war die­ser enor­me An­trieb durch das Spie­len in der Nach­bar­schaft“, er­in­nert sich Klins­mann. „Der Ver­ein war mit ei­nem Spiel und ei­ner Trai­nings­ein­heit nur eine Er­gän­zung. Das ech­te Trai­ning fand in ei­ner Um­ge­bung statt, die sich selbst an­trieb, je­den Tag. Das war mei­ne Haupt­frei­zeit­be­schäf­ti­gung in der Nach­bar­schaft da­mals. Ich ging nach drau­ßen und spiel­te täg­lich nach der Schu­le – oder wenn ich mit mei­nen Haus­auf­ga­ben fer­tig war – drei, vier oder fünf Stun­den Fuß­ball. Ich hat­te kei­ne Vor­stel­lung da­von, wie gut oder wie schlecht ich war. Ich woll­te ein­fach bes­ser wer­den – und Tore schie­ßen. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wie die Din­ge sich ent­wi­ckeln wür­den. Ich lieb­te ganz ein­fach das Ge­fühl, Tore zu schie­ßen, egal ob beim Punkt­spiel auf dem Feld oder zwi­schen zwei Stö­cken oder zwei Klei­der­hau­fen. Wann im­mer ich ein Tor schoss, rann­te ich in das Tor hi­n­ein, hol­te den Ball und brach­te ihn so schnell ich konn­te zu­rück zur Mit­tel­li­nie. Ich leg­te den Ball ab und sag­te zu der an­de­ren Mann­schaft: Los, wei­ter.“

Klins­manns Er­folgs­bi­lanz nach sei­ner denk­wür­di­gen ers­ten Sai­son in der Ju­gend­mann­schaft be­lief sich auf 106 Tore in 18 Spie­len. An­ders aus­ge­drückt also sechs Tore pro Spiel. Das war eine be­acht­li­che Leis­tung für einen Neu­ling in ei­ner Ge­gend, die als eine von vie­len Brut­stät­ten des Fuß­balls in Deutsch­land galt. Sei­ne To­rer­fol­ge weck­ten Klins­manns Ap­pe­tit auf mehr ...

„Kurz nach sei­nem neun­ten Ge­burts­tag wur­de er so­gar über die en­gen Gren­zen von Gin­gen hi­n­aus be­kannt“, schreibt Ei­tel über die­sen au­ßer­or­dent­li­chen Star in sei­ner Bio­gra­fie über Klins­mann. Ei­tel war Sportre­por­ter für die Stutt­gar­ter Zei­tung und wur­de spä­ter Klins­manns Freund und sein Me­dien­be­ra­ter in Deutsch­land. „Das große Ta­lent Jür­gen Klins­mann wur­de dort in Gin­gen ent­deckt. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis er, die Sport­ta­sche tra­gend, die fast so groß war wie er selbst, nach Hau­se kam und auf Schwä­bisch ver­kün­de­te: Mir hen g’won­ne, i han a Tor g’schos­se. Mit der Zeit be­trat Jür­gen im­mer öf­ter am spä­ten Sams­tagnach­mit­tag das Haus der Klins­manns mit die­ser Kun­de.“

Der An­fang: die deut­sche Ein­stel­lung

Die mo­der­nen Fuß­ball­re­geln wur­den 1863 zu­nächst in Eng­land stan­dar­di­siert. Aber in der Fol­ge­zeit wur­de der Fuß­ball­sport un­trenn­bar mit der deut­schen Ge­schich­te ver­wo­ben. Man könn­te so­gar be­haup­ten, dass er der deut­schen Na­ti­on seit 1954 einen neu­en Le­bens­sinn ge­ge­ben hat, näm­lich in dem Jahr, in dem die Au­ßen­sei­ter aus der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land al­len Ein­schät­zun­gen zum Trotz die Welt­meis­ter­schaft ge­wan­nen. Mit ins­ge­samt vier WM-Ti­teln 1954, 1974, 1990 und 2014 so­wie dem zehn­ma­li­gen Er­rei­chen des Halb­fi­na­les bei den letz­ten 13 Welt­meis­ter­schaf­ten zählt Deutsch­land zur welt­weit er­folg­reichs­ten Fuß­ball­na­ti­on der letz­ten 60 Jah­re. Das Spiel mag in Eng­land er­fun­den wor­den sein, aber per­fek­tio­niert wur­de es in Deutsch­land. Warum? Warum ist Deutsch­land so er­folg­reich?

Zu­nächst ist die An­zahl der Deut­schen, die Fuß­ball spie­len, im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich er­staun­lich hoch. Es gibt welt­weit kei­ne an­de­re Fuß­ball­or­ga­ni­sa­ti­on oder eine an­de­re Spor­t­or­ga­ni­sa­ti­on mit so vie­len Mit­glie­dern wie dem deut­schen Fuß­ball­bund. Wie schon be­schrie­ben, hat­te der DFB 2015 6.822.233 Mit­glie­der, die in 165.229 Mann­schaf­ten spiel­ten. Im Jahr 1900 ge­grün­det, be­deu­tet der DFB das Rück­grat des Spiels in Deutsch­land, dem mit 82 Mil­lio­nen Men­schen ein­wohn­er­reichs­ten Land West­eu­ro­pas. Ein wich­ti­ger Grund, dass Fuß­ball ein so ho­hes An­se­hen in Deutsch­land ge­nießt, ist ein­deu­tig die Welt­meis­ter­schaft von 1954 und der Ein­fluss, den sie auf die wie­der­au­fer­stan­de­ne deut­sche Na­ti­on hat­te. Das Tur­nier wur­de erst­mals 1930 in Uru­guay als se­pa­ra­ter Wett­kampf aus­ge­tra­gen. Da­vor war es seit 1900 Teil der Olym­pi­schen Spie­le. Bei den Spie­len von 1932 in Los An­ge­les stand es al­ler­dings, welch Über­ra­schung, nicht auf dem Plan, da es in den USA als nicht be­liebt ge­nug an­ge­se­hen war.

Bei der Welt­meis­ter­schaft 1934 wur­de Deutsch­land Drit­ter; 1938 schie­den sie in der ers­ten Run­de aus. Die Welt­meis­ter­schaf­ten 1942 und 1946 fie­len we­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges aus. 1945 wur­de Deutsch­land ge­teilt und von den Sie­ger­mäch­ten USA, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und der So­w­jet­u­ni­on be­setzt. Von der Welt­meis­ter­schaft 1950 in Bra­si­li­en wur­de Deutsch­land aus­ge­schlos­sen. Als sie 1954 wie­der ein­ge­la­den wur­de teil­zu­neh­men, galt die zu­sam­men­ge­stückel­te bun­des­deut­sche Mann­schaft bei dem Tur­nier in der Schweiz als un­ge­setz­ter si­che­rer Ver­lie­rer. Umso grö­ßer war die Über­ra­schung, als das Team in Bern bis zum Fi­na­le kam. Die deut­sche Mann­schaft hat­te bei ih­rem zwei­ten Spiel des Tur­niers schon ein­mal 3:8 ge­gen die Un­garn, die am­tie­ren­den Olym­pia­sie­ger, ver­lo­ren. Un­garns „Gol­de­ne Elf“ („Ara­ny­cs­a­pat“ auf Un­ga­risch) hat­te auf dem Weg ins Fi­na­le ge­gen Deutsch­land seit 32 Spie­len wäh­rend der letz­ten zwei Jah­re eine be­ein­dru­cken­de Sie­ges­s­träh­ne.

Das Spiel wur­de am reg­ne­ri­schen Nach­mit­tag des 4. Juli 1954 auf ei­nem durch­ge­weich­ten Spiel­feld im Wank­dorf-Sta­di­on durch­ge­führt. In der Bun­des­re­pu­blik gab es zu der Zeit nur 4.000 Fern­seh­ge­rä­te, aber Mil­lio­nen ver­folg­ten das Spiel im Ra­dio und die Stra­ßen wa­ren wie leer­ge­fegt. Die Men­schen in Deutsch­land hock­ten dicht­ge­drängt in Knei­pen oder in den Häu­sern der Leu­te, die ein Ra­dio be­sa­ßen und lausch­ten, als die deut­sche Mann­schaft nach den ers­ten acht Mi­nu­ten schon 2:0 zu­rück­lag, be­vor sie tap­fer zu­rück­schlug, den Aus­gleich zum 2:2 er­reich­te und schließ­lich dank ei­nes spä­ten Tors von Hel­mut Rahn mit 3:2 sieg­te. Die Deut­schen wa­ren wie in Tran­ce, als der Ra­dio­re­por­ter Her­bert Zim­mer­mann die un­s­terb­li­chen Wor­te brüll­te: „Aus, aus, aus, das Spiel ist aus! Deutsch­land ist Welt­meis­ter!“

Zim­mer­manns emo­tio­na­le Be­richt­er­stat­tung treibt manch ei­nem Deut­schen, der alt ge­nug ist und das Spiel da­mals live ver­folgt hat, im­mer noch Trä­nen in die Au­gen und auch die jün­ge­ren, nach 1954 ge­bo­re­nen Deut­schen be­kom­men eine Gän­se­haut. Die­ser völ­lig un­er­war­te­te Welt­meis­ter­ti­tel gab der Bun­des­re­pu­blik von da­mals 52 Mil­lio­nen Men­schen eine neue Le­bens­zu­ver­sicht und einen Grund, ih­ren Kopf wie­der auf­recht zu tra­gen. Der Zwei­te Welt­krieg war erst seit neun Jah­ren zu Ende und die­ser Sieg im Fuß­ball half, die in­ter­na­tio­na­le Iso­lie­rung zu über­win­den, die vie­le Deut­sche nach dem Krieg er­lebt hat­ten. Die­ser un­er­war­te­te Tri­umph bei dem Tur­nier, an dem 16 Mann­schaf­ten teil­nah­men, wur­de in der Bun­des­re­pu­blik als das „Wun­der von Bern“ be­kannt. Es gab dem ge­bro­che­nen, zer­bomb­ten, vom Krieg er­nied­rig­ten und ent­ehr­ten Land eine neue Iden­ti­tät –„Fuß­ball­welt­meis­ter“. Be­son­ders für die jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on, wie für Klins­manns da­mals 21-jäh­ri­gen Va­ter, be­deu­te­te der Ge­winn der Welt­meis­ter­schaft einen Wen­de­punkt in der Ge­schich­te ih­res Lan­des. „Wir sind wie­der wer“, war das Ge­fühl, das die Deut­schen emp­fan­den und aus­spra­chen. „Mein Va­ter sprach viel über 1954 und wie viel der Welt­meis­ter­schafts­sieg da­mals be­deu­te­te“, er­zählt Klins­mann, der als Trai­ner im Jahr 2004 si­cher­ging, dass auch die jün­ge­ren Spie­ler in der Mann­schaft al­les über den Zau­ber von 1954 wuss­ten, in­dem er CDs mit den Hö­he­punk­ten des Spiels von Bern ver­teil­te. „Das Land mach­te da­mals nach dem Krieg eine schwie­ri­ge Zeit durch, und Fuß­ball gab den Leu­ten Hoff­nung und et­was, an das sie wie­der glau­ben konn­ten.“

Ei­ni­ge His­to­ri­ker ha­ben den Ge­winn der Welt­meis­ter­schaft als den Au­gen­blick be­zeich­net, in dem die Na­ti­on wie­der­ge­bo­ren wur­de. Die­ses Er­eig­nis durf­te in man­cher Hin­sicht wich­ti­ger ge­we­sen sein als die neue Ver­fas­sung und die Wahl des ers­ten Nach­kriegs­par­la­men­tes 1949. Es war viel­leicht so­gar be­deut­sa­mer als Zün­dung für das „Wirt­schafts­wun­der“ als die Wäh­rungs­re­form 1948, bei der die Deut­sche Mark die Reichs­mark er­setz­te und so­gar wich­ti­ger als die „Stun­de Null“, als der Krieg in dem be­sieg­ten Land im Mai 1945 vor­über war. Der Ge­winn der Welt­meis­ter­schaft 1954 war ein Au­gen­blick des un­be­schreib­li­chen Stol­zes für die jun­ge Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Es war ein un­ver­hoff­ter Sieg, der in der Tat half, Deutsch­lands le­gen­däres öko­no­mi­sches Wun­der, das „Wirt­schafts­wun­der“, in Gang zu brin­gen. Es führ­te zu ei­ner Pha­se des schnel­len wirt­schaft­li­chen Wachs­tums und Wohl­stands, durch wel­che das Land aus der Nach­kriegs­re­zes­si­on he­r­aus­ge­lang­te. Deutsch­lands Wirt­schaft be­weg­te sich auf ei­nem atem­be­rau­ben­den Ex­pan­si­ons­kurs. Am Ende des Jahr­zehnts ge­hör­te es zu den füh­ren­den In­dus­trie­na­tio­nen der Welt.

An­ge­feu­ert von der Pha­se der in­ten­si­ven Glücks­ge­füh­le, die der Welt­meis­ter­schaft folg­ten, stieg das Brut­to­in­land­s­pro­dukt der Bun­des­re­pu­blik 1954 um 10,5 %. Dies war der höchs­te jähr­li­che An­stieg des Brut­to­in­land­s­pro­duk­tes, das je­mals in Deutsch­land ver­zeich­net wur­de. Die Ge­häl­ter stie­gen 1955 auf der Wel­le der Eu­pho­rie des Welt­meis­ter­schafts­ti­tels eben­falls um 10 % und die Zahl der Au­tos auf den Stra­ßen er­höh­te sich um 19 %. Die­ser ra­san­te An­stieg führ­te zu ei­nem in Deutsch­land bis da­hin un­be­kann­ten Pro­blem des 20. Jahr­hun­derts: Auf den ur­sprüng­lich zu Kriegs­zwe­cken gut aus­ge­bau­ten deut­schen Au­to­bah­nen ent­stan­den die ers­ten Staus. Das Wort Wirt­schafts­wun­der wur­de 1955 ge­prägt, um den kraft­vol­len Auf­stieg zu be­schrei­ben, der die Bun­des­re­pu­blik auf den Weg brach­te, bis 1960 die dritt­größ­te Wirt­schafts­macht nach den USA und Ja­pan zu wer­den. Bis 1960 war die In­dus­trie­pro­duk­ti­on zwei­ein­halb Mal so hoch wie 1950 und die Ar­beits­lo­sen­quo­te war in­ner­halb je­ner Zeit von 10,2 % auf ein Nach­kriegs­re­kord­tief von 1,2 % ge­sun­ken. In den Mo­na­ten nach den Welt­meis­ter­schafts­sie­gen von 1990 und 2014 so­wie der star­ken Dritt­plat­zie­rung 2006 wur­den ähn­li­che An­stie­ge im wirt­schaft­li­chen Wachs­tum ver­zeich­net. Volks­wirt­schaft­ler schrie­ben die­sen An­stieg des Kon­sum­ver­hal­tens den „po­si­ti­ven Ge­füh­len“ zu und dem ir­ra­tio­na­len Ein­druck der Kon­su­men­ten, dass sie in den Mo­na­ten nach die­sen Fuß­bal­ler­fol­gen mehr ver­füg­ba­res Ein­kom­men be­sä­ßen. Die Deut­schen fei­er­ten den Sieg als einen hel­len, leuch­ten­den Mo­ment in der jun­gen Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik. Es war der so drin­gend nö­ti­ge Bal­sam zur Über­win­dung der Nach­kriegs­de­pres­si­on und gab den Deut­schen An­lass zur Hoff­nung und ein neu­es Selbst­wert­ge­fühl. Der po­si­ti­ve Ef­fekt, den die­ser Welt­meis­ter­schafts­sieg auf die Mo­ral der Na­ti­on hat­te, kann kaum über­be­wer­tet wer­den.

Als Spie­gel der Ge­füh­le für die sieg­rei­che Fuß­ball­mann­schaft stan­den Zehn­tau­sen­de ju­belnd an den Bahn­sta­tio­nen ent­lang der Rei­se­rou­te aus der Schweiz und etwa 500.000 Men­schen dräng­ten sich am Münch­ner Haupt­bahn­hof, um die Spie­ler zu Hau­se zu be­grü­ßen. (Zum Ver­gleich: Die Stadt Mün­chen hat­te da­mals eine Ein­wohner­zahl von 800.000.) Der his­to­ri­sche Welt­meis­ter­schafts­sieg gab dem Land eine neue Iden­ti­tät und ver­wan­del­te die Spie­ler in Le­gen­den. Selbst nach ih­rem Tod wer­den vie­le Spie­ler aus Sepp Her­ber­gers Mann­schaft, ein­schließ­lich ih­res Ka­pi­täns Fritz Wal­ter, im­mer noch wie ein My­thos ver­ehrt.

Vie­le Deut­sche, die alt ge­nug sind, ha­ben star­ke Er­in­ne­run­gen an das Spiel von 1954. Vie­le kön­nen so­gar im­mer noch lie­be­voll die Na­men der Spie­ler aus der Star­telf he­r­un­ter­rat­tern. In ei­nem Land, in dem die Hel­den – teils auf­grund sei­ner krie­ge­ri­schen Ver­gan­gen­heit im 20. Jahr­hun­dert – äu­ßerst rar sind, kön­nen vie­le Deut­sche de­tail­liert be­schrei­ben, wie der un­be­zähm­ba­re Hel­mut Rahn, der Deutsch­lands ers­tes und zwei­tes Tor vor­be­rei­tet hat­te, in der 84. Mi­nu­te das dra­ma­ti­sche Tor zum Tur­nier­sieg schoss. Sie kön­nen es be­schrei­ben, ob­wohl sie das Spiel nur im Ra­dio ge­hört ha­ben und erst Jah­re spä­ter erst­mals Ge­le­gen­heit hat­ten, Rahns flin­ke Ak­ti­on, mit der er drei un­ga­ri­sche Ver­tei­di­ger aus­spiel­te, in ei­ner grob­kör­ni­gen, selbst­ge­film­ten Schwarz­weiß-Heim­ki­no­vor­füh­rung zu se­hen. Rahn hat­te sich auf den frei­en Ball au­ßer­halb des Straf­raums ge­stürzt und ver­wan­del­te ihn mit dem lin­ken Fuß in einen lan­gen Schuss, der in der un­te­ren lin­ken Tor­ecke lan­de­te. „Aus dem Hin­ter­grund müss­te Rahn schie­ßen – Rahn schießt – Tor! Tor! Tor! Tor!“, hat­te Ra­dio­re­por­ter Zim­mer­mann ge­schri­en.

Fuß­ball war dem­nach be­reits ein Jahr­zehnt vor Klins­manns Ge­burt mit dem ers­ten Welt­meis­ter­schafts­er­folg et­was Be­son­de­res und mehr als nur ir­gend­ei­ne Sport­art in Deutsch­land. Ein Jahr­zehnt nach Klins­manns Ge­burt, im Jahr 1974, ge­wann Deutsch­land sei­nen zwei­ten WM-Ti­tel, nur drei Wo­chen vor Klins­manns zehn­tem Ge­burts­tag. Der drit­te WM-Ti­tel folg­te 1990 mit dem 25-jäh­ri­gen Klins­mann als eine der Schlüs­sel­fi­gu­ren der Na­tio­nal­mann­schaft. Sei­nen vier­ten Stern ge­wann Deutsch­land 2014 mit ei­ner Mann­schaft, die Klins­mann in sei­ner Funk­ti­on als Na­tio­nal­trai­ner von 2004–2006 mit­ge­formt hat­te.

Der Auf­stieg

Klins­manns un­ge­heu­re Tor­jä­ger­fä­hig­kei­ten als Ju­gend­li­cher blie­ben 20 Jah­re nach der Welt­meis­ter­schaft von 1954 nicht lan­ge un­be­merkt, ganz be­son­ders in ei­nem Land mit zahl­rei­chen Sport­jour­na­lis­ten und Tal­ents­couts, de­ren Haupt­au­gen­merk auf dem Fuß­ball­sport lag.

Es gibt in Deutsch­land hun­der­te von Ta­ges­zei­tun­gen und dut­zen­de Sport­zei­tun­gen und Ma­ga­zi­ne. Bei so viel Me­di­en­prä­senz und ei­nem großen Netz­werk an eh­ren­amt­li­chen und pro­fes­sio­nel­len Tal­ents­couts ist die Wahr­schein­lich­keit ge­ring, dass ein viel­ver­spre­chen­des, leuch­ten­des jun­ges Ta­lent wie Klins­mann lan­ge un­ent­deckt bleibt. Die­ses Netz­werk wur­de in den letz­ten zehn Jah­ren mit mehr als 50 über ganz Deutsch­land ver­teil­ten DFB-Leis­tungs­zen­tren, in de­nen ta­len­tier­te jun­ge Spie­ler ge­sich­tet, be­treut und trai­niert wer­den und die der Trai­ne­r­aus­bil­dung die­nen, noch wei­ter aus­ge­baut.

Im Al­ter von zehn Jah­ren wur­den Klins­manns Am­bi­tio­nen be­reits deut­lich. Im klei­nen „Teich“ Gin­gen wur­de er bald der buch­stäb­lich „große Fisch“ und streb­te selbst nach neu­en He­r­aus­for­de­run­gen. Ein Nach­bar, Wer­ner Gass, der ei­ni­ge Jah­re äl­ter als Klins­mann war, trai­nier­te eine Ju­gend­mann­schaft, wäh­rend er gleich­zei­tig in der Her­ren­mann­schaft ei­nes grö­ße­ren Ver­eins spiel­te, dem SC Geis­lin­gen, das etwa 11 Ki­lo­me­ter von Gin­gen ent­fernt liegt.

Die Stadt Geis­lin­gen war mit ei­ner Ein­wohner­zahl von etwa 26.000 mehr als sechs­mal so groß wie Gin­gen. Der SC Geis­lin­gen war in ei­nem wei­ten Um­kreis als ei­ner der Bes­ten im Be­reich der Nach­wuchs­för­de­rung be­kannt. Gass trai­nier­te da­mals die D-Ju­gend, die un­ter Zwölf­jäh­ri­gen des SC Geis­lin­gen, wäh­rend er mit sei­nen 18 Jah­ren selbst Spie­ler in der 1. Her­ren­mann­schaft war, die in der 4. Bun­des­li­ga oder Re­gio­nal­li­ga spiel­te. Spä­ter spiel­te er beim VfB Stutt­gart.

Ent­schlos­sen wie er war, woll­te auch Klins­mann nun in ei­ner hö­he­ren Liga spie­len. Er war be­reits selbst­be­wusst und mu­tig ge­nug, die­sen Schritt zu ge­hen und die Din­ge in die Hand zu neh­men. Da­bei zeig­te er das glei­che Ge­spür, den Mut und die Ei­genini­tia­ti­ve, die ihn wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Kar­rie­re als Spie­ler und Trai­ner be­glei­te­ten.

„Ei­nes Ta­ges dach­te ich, dass es an der Zeit sei, den nächs­ten Schritt zu ma­chen“, er­in­nert sich Klins­mann. „Ich woll­te für Geis­lin­gen spie­len. Ich wuss­te, wo Wer­ner wohn­te. Sein Haus war nicht weit von der Bä­cke­rei ent­fernt. Also ging ich ei­nes Ta­ges ein­fach rü­ber, klopf­te ein­fach an sei­ne Tür und sag­te: Ich möch­te in dei­ner Mann­schaft spie­len. Und er ant­wor­te­te: Ja, klar.“

Klins­mann hat­te die ein­ein­halb Jah­re in sei­nem Hei­mat­club in Gin­gen ge­nos­sen. Aber da­durch, dass er täg­lich mit den an­de­ren Kin­dern in der Nach­bar­schaft trai­nier­te, war er schnell so viel bes­ser als die meis­ten sei­ner Al­ters­ge­nos­sen ge­wor­den, dass Gin­gen, wo es nur eine Trai­nings­ein­heit und ein Spiel pro Wo­che gab, ihm kei­ne He­r­aus­for­de­rung mehr bie­ten konn­te. „Es war so, dass ich oft einen lan­gen Ball von ei­nem Mit­spie­ler be­kom­men und den Rest al­lei­ne ge­macht habe, wäh­rend die an­de­ren oft nur he­r­um­ge­stan­den und zu­ge­guckt ha­ben“, er­zählt Klins­mann. „Je­der sag­te: Der kann hier nicht mehr spie­len, der ist ein­fach zu gut. So kam ich ei­nes Ta­ges nach ei­nem Spiel zu dem Schluss: Ich muss hier raus.“

Sei­ne Be­stre­bung nach neu­en He­r­aus­for­de­run­gen zeigt, dass Klins­mann schon früh ent­schlos­sen war, bes­ser zu wer­den und die nächs­te Stu­fe zu er­klim­men, eine Ent­schlos­sen­heit, die ihn wäh­rend sei­ner gan­zen Kar­rie­re als Spie­ler und dann auch als Trai­ner be­glei­te­te. Trotz der Ent­beh­run­gen und Ri­si­ken, die mit dem Ver­las­sen der „Kom­fort­zo­ne“ ver­bun­den wa­ren, war die­ser kind­li­che Ehr­geiz ein Vor­bo­te des­sen, was in den Jah­ren da­nach folg­te. Die D-Ju­gend in Geis­lin­gen trai­nier­te häu­fi­ger und in­ten­si­ver, und die Trai­ner wa­ren er­fah­re­ner und bes­ser aus­ge­bil­det. Klins­mann be­merk­te den Un­ter­schied so­fort. Das Trai­ning fand drei­mal die Wo­che statt mit zu­sätz­lich ei­nem Punkt­spiel am Sonn­abend.

Klins­mann war erst zehn Jah­re alt und muss­te sich nun auch über­le­gen, wie er von Gin­gen zum Trai­ning nach Geis­lin­gen kom­men könn­te. „Die ers­ten zwei Jah­re hol­te mich Wer­ner zum Trai­ning ab und brach­te mich wie­der nach Hau­se, oder ich muss­te die Stre­cke mit dem Fahr­rad fah­ren.“

Selbst als sich sei­ne Fä­hig­kei­ten wei­ter ver­bes­ser­ten und sein Ta­lent als Stür­mer mehr Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen be­gann, dach­te Klins­mann nach wie vor nicht ein­mal im Traum dar­an, Pro­fi wer­den zu kön­nen. Er er­freu­te sich dar­an, die Fuß­ball­py­ra­mi­de Stu­fe um Stu­fe hö­her hi­n­auf­zu­stei­gen und war­te­te mit Neu­gier ab, wie weit er in ei­nem Um­feld kom­men konn­te, das im­mer kom­pe­ti­ti­ver wur­de. „Mein Ziel als Kind war es, mit der Mann­schaft in der Ver­bands­li­ga zu spie­len. Wenn man das er­reicht hat, setzt man sich das nächst­hö­he­re Ziel. Ich woll­te dann in der 1. Her­ren­mann­schaft spie­len, die in der Re­gio­nal­li­ga war. Es ging also dar­um, von ei­nem Ziel zum nächs­ten zu ge­hen, einen Schritt nach dem an­de­ren.“

Als Klins­mann 1974 in den SC Geis­lin­gen ein­trat und die Tri­kots in den schwarz-wei­ßen Club­far­ben trug, schenk­te sein Va­ter ihm ein „Re­kord­buch“, in das er sei­ne Spiel­sta­tis­ti­ken, Er­geb­nis­se und Tore ein­tra­gen konn­te. Sieg­fried Klins­mann ver­sah das Buch mit ei­ner Wid­mung, die Klins­mann alle Jah­re be­her­zig­te: „Olym­pisch sein heißt: ehr­lich im Kampf, be­schei­den im Sieg, neid­los in je­der Nie­der­la­ge und sau­ber in dei­ner Ge­sin­nung. Das hofft Dein Va­ter und Turn­ka­me­rad, Sieg­fried Klins­mann.“

„Ich habe die­ses Buch im­mer noch zu Hau­se“, sagt Klins­mann mit nicht ge­rin­gem Stolz und er­gänzt, dass die­se Wid­mung ihm spä­ter wäh­rend sei­ner Kar­rie­re sehr viel be­deu­tet habe, auch wenn er den vol­len Sinn an­fangs nicht habe er­fas­sen kön­nen.

„Mein Va­ter gab mir das Buch, weil er dach­te, wenn er schon den gan­zen Tag nur vom To­re­schie­ßen re­det, soll­te er viel­leicht dar­über Buch füh­ren, wie vie­le Tore er schießt. So habe ich wäh­rend mei­ner gan­zen Ju­gend­kar­rie­re Buch ge­führt. Bis zu mei­nem letz­ten Tor in der höchs­ten Ju­gend­li­ga ist je­des Tor dar­in ver­zeich­net. Ich habe es im­mer noch zu Hau­se. Du kannst es ger­ne an­schau­en. Es gab mir ein gu­tes Ge­fühl, wenn ich nach Hau­se kam und ein wei­te­res Tor in das Buch ein­tra­gen konn­te. Und ich dach­te dann bei mir: Hey, heu­te war ein gu­ter, pro­duk­ti­ver Tag.“

Klins­mann war sei­nem Va­ter eng ver­bun­den. Er be­wun­der­te des­sen stoi­sche Hin­ga­be und un­er­müd­li­che Ar­beitseinstel­lung. Er war ein be­schei­de­ner Mann, der sechs­mal in der Wo­che zwi­schen Mit­ter­nacht und drei Uhr mor­gens auf­stand und die Nacht durch­ar­bei­te­te, um recht­zei­tig fri­sches Brot, Bröt­chen, Ku­chen und Ge­bäck fer­tig zu ba­cken, be­vor die Bä­cke­rei Klins­mann mor­gens um 6.30 Uhr öff­ne­te. „Ich weiß, was es heißt, zwölf oder mehr Stun­den täg­lich zu ar­bei­ten“, er­zählt Klins­mann und fügt hin­zu, dass sein Va­ter manch­mal so­gar 14 bis 16 Stun­den am Tag ge­ar­bei­tet habe. Er sagt, er habe nie­mals ver­stan­den, wie sein Va­ter es so gut schaff­te, mit die­ser ge­rin­gen Men­ge Schlaf aus­zu­kom­men. Von sei­nem Va­ter und sei­ner Mut­ter über­nahm Klins­mann sei­ne le­bens­lan­ge Wert­schät­zung für har­te Ar­beit. „Mei­nen El­tern habe ich das Meis­te zu ver­dan­ken.“

Die Klins­manns ge­hör­ten zu Deutsch­lands brei­ter Mit­tel­klas­se der 60er-, 70er- und 80er-Jah­re, die we­der Teil der klei­nen Grup­pe der wohl­haben­den Eli­te noch Teil der klei­nen Grup­pe der Be­dürf­ti­gen bil­de­ten. In den 1970er-Jah­ren war die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu ei­nem der reichs­ten Län­der der Welt ge­wor­den, und die­ser wirt­schaft­li­che Er­folg war groß­flä­chig auf eine brei­te Mit­tel­klas­se ver­teilt. Mit ei­ner um­fas­sen­den ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung für je­den und gu­ten Schu­len im gan­zen Land ver­mit­tel­te die so­zia­le Markt­wirt­schaft den Bür­gern ein wun­der­ba­res Ge­fühl der Gleich­heit. Das groß­zü­gi­ge so­zia­le Netz ver­hin­der­te, dass ir­gend­je­mand, selbst wenn er ar­beits­los wur­de, durch das so­zia­le Netz fal­len und in Exis­tenz be­dro­hen­de fi­nan­zi­el­le Not kom­men konn­te. Gleich­zei­tig wirk­ten die re­la­tiv ho­hen Steu­ern ei­ner An­häu­fung großer Ver­mö­gen ent­ge­gen oder ver­hin­der­ten zu­min­dest eine sehr of­fen­sicht­li­che Zur­schau­stel­lung von Reich­tum. Die meis­ten Deut­schen ar­bei­te­ten den­noch hart, um über die Run­den zu kom­men und Klins­manns Er­zie­hung in der Fa­mi­li­en­bä­cke­rei form­te ihn in wich­ti­ger Wei­se.

„Er war selbst Sport­ler, ein be­geis­ter­ter Tur­ner und Rad­fah­rer und mei­ne In­ter­es­se an Sport habe ich von ihm ge­erbt“, sagt Klins­mann über sei­nen Va­ter, der 2005 mit 71 Jah­ren starb. Für Klins­mann war dies, ein Jahr be­vor er die Deut­schen bei der Welt­meis­ter­schaft 2006 im ei­ge­nen Land trai­nier­te, ein schwe­rer Schlag. „Als Bä­cker war es für ihn je­des Mal eine He­r­aus­for­de­rung, zu mei­nen Spie­len am Sams­tagnach­mit­tag zu kom­men. Für eine Bä­cke­rei ist der Sams­tag der an­stren­gends­te Tag der Wo­che. Mein Va­ter hat­te die Nacht durch­ge­ar­bei­tet und kämpf­te ge­gen sei­ne Mü­dig­keit an. Mei­ne Spie­le be­gan­nen erst um zwei oder drei Uhr nach­mit­tags. Es war manch­mal hart für ihn, die Au­gen of­fen­zu­hal­ten, weil er so müde war. Er kam mit ei­ner großen Tüte Bret­zeln zum Spiel­feld, für die gan­ze Mann­schaft ..., und die an­de­ren konn­ten es gar nicht er­war­ten, nach dem Spiel ihre Bret­zel zu be­kom­men. Er sah sich die Spie­le im­mer von hin­ter dem Tor aus an. Er stand nur da. Er tat dies bis zu der Zeit, in der ich an­fing, als Pro­fi zu spie­len. Er war wahr­schein­lich sehr, sehr müde, aber ihn dort ste­hen zu se­hen, be­deu­te­te mir sehr viel.“ Klins­mann sagt, dass sein Va­ter ihn nie­mals ge­drängt habe, Fuß­ball zu spie­len und nie­mals ver­sucht habe, sich in sei­ne Kar­rie­re ein­zu­mi­schen, dass er aber stets da war, um sein wach­sen­des In­ter­es­se an dem Na­tio­nal­sport zu un­ter­stüt­zen. „Er kam zu je­dem Spiel, zu dem er es ir­gend­wie schaf­fen konn­te, ohne et­was zu sa­gen, egal ob ich gut oder schlecht ge­spielt hat­te. Er kom­men­tier­te nie­mals ein Spiel, da er sag­te: Ich bin nicht mit Fuß­ball auf­ge­wach­sen; ich bin Tur­ner. Hab ein­fach Spaß! Das ein­zi­ge, was er mich im­mer frag­te, war: Hat es dir heu­te Spaß ge­macht? Hat­test du eine gute Zeit? Ich war in der glück­li­chen Lage, mei­ne ge­sam­te Kind­heit über die­se Art von An­lei­tung und Un­ter­stüt­zung zu ha­ben.“

Schon als Kind war Klins­mann als ehr­gei­zi­ger Sport­ler be­kannt, der es hass­te, zu ver­lie­ren; et­was, was auch heu­te noch der Fall ist, sei es als Spie­ler oder als Trai­ner oder so­gar, wenn er mit sei­nen Spie­lern Tisch­ten­nis spielt. Als Trai­ner wurmt es ihn im­mer noch, wenn ein Spie­ler sein Ta­lent ver­geu­det oder sein Po­ten­zi­al nicht voll aus­schöpft. Klins­mann be­saß schon in sei­ner Ju­gend auf dem Spiel­feld einen aus­ge­präg­ten Wil­len zu kämp­fen und zu sie­gen, der oft die gan­ze Mann­schaft mit­zog und das Spiel­ni­veau sei­nes gan­zen Teams er­höh­te, ins­be­son­de­re spä­ter bei großen Tur­nie­ren mit der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft. „Mich macht es ra­send, wenn ei­ner nicht das Op­ti­mum bringt“, sagt Klins­mann. Ob­wohl je­der Spie­ler ein­mal einen schlech­ten Tag ha­ben kann, war sein Mot­to: „Kämp­fen bis zum Um­fal­len“, selbst wenn man einen schlech­ten Tag hat­te. In sei­nem Buch Klins­mann, Stür­mer, Trai­ner, Welt­meis­ter schreibt der deut­sche Sport­jour­na­list Mi­cha­el Ho­re­ni, dass Klins­mann we­gen sei­ner Ar­beitseinstel­lung bei den Fans enorm be­liebt war, egal wo er spiel­te: „Sei­ne Kar­rie­re war von An­fang an ge­prägt von sei­ner enor­men Wil­lens­kraft, Dis­zi­plin und Ehr­geiz. Es ist kein Zu­fall, dass er zu den we­ni­gen Pro­fis ge­hö­ren soll­te, de­nen die Zu­schau­er nie den Vor­wurf ma­chen konn­ten, auf dem Fuß­ball­platz nicht al­les ge­ge­ben zu ha­ben.“

So lei­den­schaft­lich Klins­mann be­züg­lich sei­ner Leis­tung und der sei­ner Mann­schafts­ka­me­ra­den auf dem Platz war, zeig­te Klins­mann als Ju­gend­li­cher nur sel­ten sei­ne Wut über eine Nie­der­la­ge oder ein ent­täu­schen­des Er­geb­nis. Statt­des­sen brü­te­te er ein­fach lei­se vor sich hin, bis sich der Frust von sel­ber lang­sam auf­ge­löst hat­te. Manch­mal dau­er­te dies ei­ni­ge Stun­den, manch­mal ein paar Tage, manch­mal so­gar ei­ni­ge Wo­chen, be­son­ders spä­ter als Pro­fi, wenn bei­spiels­wei­se eine deut­sche Mann­schaft vol­ler ta­len­tier­ter Spie­ler bei der WM 1994 in den USA be­reits im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Bul­ga­ri­en aus­schied. Klins­mann er­zählt, sein Va­ter und sei­ne Mann­schafts­ka­me­ra­den hät­ten die In­ten­si­tät sei­ner Ent­täu­schung ver­stan­den, die er schon als klei­ner Jun­ge emp­fun­den habe, und ihm viel Raum ge­las­sen, wenn er „Dampf ab­las­sen“ muss­te. „Mein Va­ter sah, dass ich manch­mal sau­er war, weil wir ver­lo­ren hat­ten oder weil ich viel­leicht kein Tor ge­schos­sen hat­te. Dann ließ er mich in Ruhe, weil er wuss­te, dass es das Bes­te war, mir ein­fach ein we­nig Zeit zu ge­ben. Die­se Be­ru­hi­gungs­pha­sen konn­ten zwi­schen ei­ni­gen Stun­den und ei­nem Tag dau­ern, auch als ich noch in Gin­gen spiel­te. Also lie­ßen mich die an­de­ren in Ruhe. Manch­mal muss­te ich mich hin­ter­her bei ih­nen ent­schul­di­gen, weil ich so sau­er war. Aber sie lern­ten da­mit um­zu­ge­hen. Dass ich im­mer Zeit brauch­te, um run­ter­zu­kom­men, ist et­was, was sich bei mir nie ge­än­dert hat.“

Mit der gan­zen Übung und Ent­schlos­sen­heit be­fand sich Klins­manns Kar­rie­re auf ei­nem stei­len Weg nach oben. Eine re­gio­na­le Fuß­ball­zei­tung schrieb 1977 einen vor­au­sah­nen­den Be­richt über den 13-jäh­ri­gen Jür­gen Klins­mann mit der Über­schrift „Auf den Spu­ren Gerd Mül­lers“. Mül­ler war Deutsch­lands Top-Stür­mer in den 70er-Jah­ren. Der Ar­ti­kel be­schrieb Geis­lin­gens jun­gen Mit­tel­stür­mer als „blond, schlank und rank, nicht über­mä­ßig groß, doch un­ge­mein wen­dig, pfeil­schnell und mit ‚Dy­na­mit` in den Bei­nen“. Der Ar­ti­kel in dem Blatt aus der D- und C-Ju­gend­zeit hielt fest, dass Klins­mann die un­glaub­li­che Zahl von 250 To­ren für Geis­lin­gen in we­ni­ger als vier Sai­sons ge­schos­sen hat­te, und der Au­tor schloss mit ei­ner Vor­her­sa­ge, auf die er Jah­re spä­ter sehr stolz ge­we­sen sein muss: „Eine große Zu­kunft steht ihm of­fen.“ Jür­gen Klins­mann spiel­te von 1974 bis 1978 für den SC Geis­lin­gen. Er spiel­te so­gar wei­ter für den Ver­ein, nach­dem sei­ne Fa­mi­lie von Gin­gen nach Stutt­gart-Botn­ang ge­zo­gen war, etwa 45 Ki­lo­me­ter west­lich von Geis­lin­gen. Die Fa­mi­lie über­nahm dort ein drei­stö­cki­ges Haus mit ei­ner ei­ge­nen Bä­cke­rei im Erd­ge­schoss. Aber Jür­gen fühl­te sich Geis­lin­gen ver­bun­den und woll­te wei­ter in der er­folg­rei­chen Mann­schaft spie­len, die ei­ni­ge der grö­ße­ren und bes­se­ren Clubs der Re­gi­on zwi­schen Stutt­gart bis nach Ulm „auf­ge­mischt“ hat­te. Klins­mann hat­te auch vie­le Freun­de und Mann­schafts­ka­me­ra­den in Geis­lin­gen, mit de­nen er über die Jahr­zehn­te in en­gem Kon­takt ge­blie­ben ist. „Es ist dei­ne Ent­schei­dung, du musst da­mit glück­lich sein“, sag­te sein Va­ter zu ihm. Er woll­te sei­nen Söh­nen von klein auf Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und Un­ab­hän­gig­keits­sinn ver­mit­teln und ih­nen klar­ma­chen, dass sie für ihre Ent­schei­dun­gen sel­ber ver­ant­wort­lich wä­ren.

Er war erst 13 und trotz ver­lo­cken­der An­ge­bo­te, zu grö­ße­ren und pres­ti­ge­träch­ti­ge­ren Clubs wie den Stutt­gar­ter Kickers oder dem VfB Stutt­gart zu wech­seln, ent­schied sich Klins­mann, wei­ter für Geis­lin­gen zu spie­len. Die hel­len Lich­ter der Lan­des­haupt­stadt und die schi­cken Na­men ih­rer Fuß­ball­ver­ei­ne konn­ten ihn nicht weg­lo­cken. Er war glück­lich, wei­ter in der Pro­vinz bei sei­nem Klein­stadt­ver­ein zu spie­len. Un­ge­fähr ein hal­bes Jahr lang pen­del­te er mehr­mals die Wo­che nach der Schu­le ei­ni­ge Stun­den von Stutt­gart nach Geis­lin­gen hoch auf die Schwä­bi­sche Alb, um am Trai­ning teil­zu­neh­men. Er hat­te das Glück, nach der Schu­le von ei­nem Pend­ler aus Geis­lin­gen, der in Stutt­gart ar­bei­te­te, mit­ge­nom­men zu wer­den und nahm dann nach dem Trai­ning oft den Zug nach Hau­se oder schlief bei ei­nem Freund in Geis­lin­gen. „Ich spiel­te wei­ter in Geis­lin­gen, weil ich mei­ne Freun­de nicht ver­las­sen woll­te und weil wir bes­ser wa­ren als die Stutt­gar­ter Mann­schaf­ten“, er­zählt Klins­mann mit ei­nem La­chen und ei­nem An­flug sei­nes Wett­kampf­geis­tes, der auch fast 40 Jah­re spä­ter noch vor­han­den ist. „So sa­hen wir das da­mals. Wir hat­ten mit Geis­lin­gen die Lan­des­meis­ter­schaf­ten der un­ter Zwölf- und un­ter Vier­zehn­jäh­ri­gen ge­won­nen und wa­ren bes­ser als die Ju­gend­mann­schaf­ten der Kickers und des VfB Stutt­gart. Als dort be­kannt wur­de, dass mei­ne El­tern nach Stutt­gart zo­gen, woll­ten bei­de Clubs mich ha­ben. Ich ant­wor­te­te: Nein, ist schon okay, ich neh­me den Zug nach Geis­lin­gen.“

Stutt­gar­ter Kickers

Das Pen­deln zwi­schen Geis­lin­gen und Stutt­gart be­gann 1978, nach un­ge­fähr sechs Mo­na­ten, an dem 14-jäh­ri­gen Klins­mann zu zeh­ren. Zur sel­ben Zeit, als er der Fah­re­rei müde war, wur­de der jun­ge Stür­mer von ei­nem der bei­den großen Stutt­gar­ter Bun­des­li­ga­ver­ei­ne, den Stutt­gar­ter Kickers, in­ten­si­ver um­wor­ben. Dies war das ers­te Mal, dass er von ei­nem an­de­ren Ver­ein so ernst­haft um­wor­ben wur­de und be­deu­te­te für Klins­mann eine wei­te­re Be­stä­ti­gung, dass har­te Ar­beit sich lohnt. Die Kickers ta­ten al­les, da­mit Klins­mann, der sie über Jah­re mit sei­nen Geis­lin­ger Mann­schafts­kol­le­gen zu oft ge­schla­gen hat­te, sich will­kom­men fühl­te.

Als Trai­ner der US-ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft sitzt Klins­mann nun auf der an­de­ren Sei­te der Re­kru­tie­rungs­be­mü­hun­gen und ist weit­hin be­kannt für sei­ne be­son­de­re Fä­hig­keit, Spie­ler zu um­wer­ben. Dies gilt be­son­ders für Spie­ler mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft, die er über­zeu­gen konn­te, für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu spie­len. Klins­mann hat die Er­fah­run­gen nicht ver­ges­sen, die er als jun­ges Ta­lent, das von den Stutt­gar­ter Kickers um­garnt wur­de, ge­macht hat­te. „Er rief mich an und lud mich zu ei­nem US-Trai­nings­la­ger ein“, er­zählt Fa­bi­an John­son, ei­ner der bes­ten USA-Na­tio­nal­mann­schaftss­pie­ler, der in Deutsch­land auf­ge­wach­sen ist und die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft be­sitzt. Er er­in­nert sich gern dar­an, wie Klins­mann und das Trai­ner­team der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft ihm von An­fang an das Ge­fühl ga­ben, will­kom­men zu sein. „Die At­mo­sphä­re hier ist wirk­lich gut. Des­we­gen habe ich mich ent­schie­den, für die USA zu spie­len.“

Klins­manns schu­li­sche Leis­tun­gen wur­den wäh­rend des hal­ben Jah­res, das er hin- und her­pen­del­te, in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen. Manch­mal schlief er nach ei­nem lan­gen Tag mit Schu­le und Trai­ning auf dem Heim­weg nach Stutt­gart im Zug ein. „Mein Va­ter sag­te: Du musst eine Ent­schei­dung tref­fen, die Schu­le steht an ers­ter Stel­le. Das war un­ge­fähr zur sel­ben Zeit, als die Kickers er­neut auf mich zu­ka­men und mich frag­ten, ob ich nicht ein­fach mal zum Trai­ning vor­bei­kom­men wol­le, um zu se­hen, ob es mir ge­fie­le. Ich sag­te dem Ver­ein in Geis­lin­gen, dass ich bei den Stutt­gar­ter Kickers trai­nie­ren wol­le, weil mein Va­ter be­sorgt sei we­gen mei­ner No­ten. Und sie hat­ten to­tal Ver­ständ­nis. Sie sag­ten: Das ist kein Pro­blem.“ Es war der rich­ti­ge Zeit­punkt, sich zu ver­än­dern, auch wenn er ei­ni­ge Zeit mit der Ent­schei­dung ge­run­gen hat­te. Er war von der Hart­nä­ckig­keit der Kickers be­ein­druckt und fand ihr An­ge­bot ver­lo­ckend. Er spür­te gleich, dass er bei den Kickers eine neue He­r­aus­for­de­rung und ein ver­än­der­tes Tem­po fin­den wür­de, und nach­dem er eine kur­ze Zeit am Trai­ning teil­ge­nom­men hat­te, ent­schied er sich im Som­mer 1978, ganz in die Ju­gend­mann­schaft der Stutt­gar­ter Kickers zu wech­seln. Die Kickers wa­ren nach dem Bun­des­li­ga­ver­ein VfB Stutt­gart der zwei­te Club der Stadt. Klins­mann blieb letzt­end­lich sechs Jah­re bei den Kickers, von sei­nem 14. Le­bens­jahr 1978 bis zu sei­nem 20. Le­bens­jahr 1984 – län­ger, als bei je­dem an­de­ren Ver­ein. In die­ser Zeit lern­te er viel über den Fuß­ball und das Le­ben. Eine Zeit lang wur­de er als Mit­tel­feld­spie­ler ein­ge­setzt und half „den Blau­en“ in sei­ner ers­ten Sai­son in der B-Ju­gend, die würt­tem­ber­gi­schen Re­gio­nal­meis­ter­schaf­ten zu ge­win­nen. „Geis­lin­gen war mei­ne Kom­fort­zo­ne“, sagt Klins­mann mit Rück­blick auf den fast 40 Jah­re zu­rück­lie­gen­den Wech­sel nach Stutt­gart. Im Nach­hi­n­ein be­trach­tet er es als gute Ent­schei­dung – eine frü­he Er­kennt­nis über die Tu­gend, sich ge­gen­über der Ge­fahr der Selbst­zu­frie­den­heit zu ver­wah­ren. „Ich blieb in Geis­lin­gen, weil ich der An­sicht war, dass wir bes­ser als Stutt­gart wa­ren, warum soll­te ich wech­seln? Nur we­gen des großen Na­mens, ob­wohl wir die bes­se­re Mann­schaft hat­ten? Aber in Stutt­gart fühl­te ich mich von An­fang an wirk­lich will­kom­men, und mir wur­de be­wusst, dass dies das Rich­ti­ge war. Ir­gend­wann dach­te ich mir: Weißt du was? Du musst nach vor­ne schau­en, du musst dei­ne ‚com­fort zone‘, dei­ne Woh­fühl­zo­ne ver­las­sen und den nächs­ten Schritt ge­hen. Es war der rich­ti­ge Au­gen­blick, sich zu be­we­gen, es war ein gu­ter Schritt. Und es war auch eine Art Weck­ruf für mich, weil das Trai­ning bei den Kickers noch viel in­ten­si­ver war als das, was ich aus Geis­lin­gen ge­wöhnt war. Und dann ge­wann ich mit den Kickers gleich die Lan­des­ju­gend­meis­ter­schaf­ten.“

Die Stutt­gar­ter Kickers ver­lo­ren dann bei den deut­schen B-Ju­gend­meis­ter­schaf­ten nur knapp ge­gen Augs­burg; eine un­glück­li­che Nie­der­la­ge, die Klins­mann heu­te, so vie­le Jah­re spä­ter, im­mer noch ir­gend­wie är­gert. Trotz sei­nes wach­sen­den Er­folgs auf der grö­ße­ren Büh­ne in Stutt­gart, war sich Klins­mann wei­ter­hin un­si­cher, wie weit er mit dem Fuß­ball kom­men wür­de. In ganz Deutsch­land gab es tau­sen­de jun­ger Fuß­ball­ta­len­te, die da­bei wa­ren, sich ih­ren Weg nach oben zu bah­nen. Klins­mann be­schränk­te sich dar­auf, eine He­r­aus­for­de­rung nach der an­de­ren an­zu­neh­men und vor al­lem dar­auf, sein sich kon­stant ver­bes­sern­des Spiel zu ge­nie­ßen. Er wuss­te um sei­ne Fä­hig­kei­ten, aber der Ge­dan­ke, er kön­ne ei­nes Ta­ges in der Bun­des­li­ga oder gar in der Na­tio­nal­mann­schaft spie­len, schi­en ihm im­mer noch zu kühn.

„Ich ver­folg­te im­mer nur das Ziel, das als nächs­tes vor mir lag. In ei­ner Mann­schaft zu spie­len, die man nur aus dem Fern­se­hen kann­te, war kein Ziel, das ich mir da­mals set­zen konn­te. Wenn wir das Team spie­len sa­hen, was die WM von 1974 ge­won­nen hat­te, ging ich nach drau­ßen und fei­er­te die Tore, die Gerd Mül­ler ge­schos­sen hat­te. Es wäre mir aber als Zehn­jäh­ri­gem nicht in den Sinn ge­kom­men zu sa­gen: Du musst ei­nes Ta­ges auf der­sel­ben Po­si­ti­on spie­len wie Gerd Mül­ler, weil das zu dem Zeit­punkt so un­er­reich­bar schi­en. Man konn­te sich un­mög­lich vor­stel­len, dass man ei­nes Ta­ges sel­ber auf der Ebe­ne, die man im Fern­se­hen sah, lan­den wür­de. Ich kon­zen­trier­te mich auf die Um­ge­bung, in der ich ge­ra­de leb­te und spiel­te. Es kam mir nicht in den Sinn, dass ich mehr als eine Stu­fe gleich­zei­tig auf­stei­gen könn­te. Je­der klei­ne Schritt rück­te erst dann in mei­nen Fo­kus, wenn er als nächs­tes vor mir lag. Das ist der große Vor­teil die­ser Py­ra­mi­de, dass es dir hilft, dich selbst ein­zu­schät­zen und dir ehr­lich sagt, wo du stehst. Ich habe nie ir­gend­ei­nen Druck ge­spürt, es bis nach ganz oben schaf­fen zu müs­sen. Ich habe mir im­mer ge­dacht, dass ich halt als Bä­cker ar­bei­ten könn­te, wenn es mit dem Fuß­ball nicht klappt. Als ich 14 war und in die Ju­gend­mann­schaft der Kickers kam, sah ich, dass das Ni­veau der Her­ren­mann­schaf­ten, die in der 2. Bun­des­li­ga spiel­ten, im­mer noch weit über dem war, was ich bis da­hin kann­te. Ich sag­te zu mir selbst: Dort möch­te ich ei­nes Ta­ges spie­len. Dann spielst du ir­gend­wann in der Zwei­ten Bun­des­li­ga, siehst nach oben und die 1. Bun­des­li­ga vor dir und sagst dir: Dort möch­te ich auch ei­nes Ta­ges spie­len.“

Klins­mann hat nie­mals sei­ne Be­schei­den­heit ver­lo­ren, selbst als er kurz da­vor war, in der 2. Bun­des­li­ga zu spie­len und die Spit­ze der Fuß­ball­py­ra­mi­de in Reich­wei­te rück­te. Er er­zählt, dass er sich im­mer noch je­den Ge­dan­ken ver­bat, in der Na­tio­nal­mann­schaft zu spie­len. Erst als er vie­le Jah­re spä­ter mit dem VfB Stutt­gart fest in der Bun­des­li­ga eta­bliert war und dort re­gel­mä­ßig Tore er­ziel­te, be­gann er an eine mög­li­che Be­ru­fung in die Na­tio­nal­mann­schaft zu den­ken, für Fuß­bal­ler die Krö­nung ih­rer Lauf­bahn.

Er blieb hung­rig nach To­ren und da­nach, die nächs­te Stu­fe zu er­klim­men. Er ver­wahr­te sich ge­gen­über jeg­li­cher Selbst­ge­fäl­lig­keit, durch die sei­ne Kar­rie­re aus den Fu­gen hät­te ge­ra­ten kön­nen. Als Trai­ner der ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft wun­dert und sorgt sich Klins­mann manch­mal über ei­ni­ge ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­spie­ler, die zu­frie­den da­mit schei­nen, wenn sie ein be­stimm­tes Le­vel er­reicht ha­ben. „Man kann bei al­len Top-Spie­lern der Welt eine ganz be­stimm­te Ein­stel­lung be­ob­ach­ten, einen ge­wis­sen Hun­ger“, sagt er. „Es ist et­was Be­son­de­res, was Spie­ler wie Mes­si, Chris­tia­no Ro­nal­do oder Bas­ti­an Schwein­stei­ger oder Mi­ros­lav Klo­se oder Way­ne Roo­ney durch ihre Zeit als Ju­gend­spie­ler bis in die Er­wach­se­nen­mann­schaf­ten an­treibt. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind bis­her nicht kon­stant in der Lage ge­we­sen, Spie­ler mit solch ei­ner Ein­stel­lung her­vor­zu­brin­gen. Viel­leicht, weil das nie von ih­nen ver­langt wur­de oder viel­leicht, weil sie zu­frie­den wa­ren, so­bald sie ein be­stimm­tes Ni­veau er­reicht hat­ten und sich dar­auf aus­ruh­ten.“

In der Bun­des­re­pu­blik war es schwie­rig, selbst­ge­fäl­lig zu wer­den, weil der Wett­be­werb über­all statt­fand. Es gab im­mer an­de­re Spie­ler, die ohne Skru­pel da­nach trach­te­ten, den Stamm­platz auf dem Feld strei­tig zu ma­chen. Wie in al­len an­de­ren Pha­sen sei­nes Le­bens, nutz­te Klins­mann sei­ne nächst­grö­ße­re Chan­ce in der Ju­gend­mann­schaft der Stutt­gar­ter Kickers best­mög­lich. Sei­ne Fä­hig­kei­ten und Ent­schlos­sen­heit auf dem Spiel­feld wa­ren so­wohl der Her­ren­mann­schaft der Kickers als auch der DFB-Zen­tra­le in Frank­furt nicht ent­gan­gen. Völ­lig un­ver­mit­telt war ei­nes Ta­ges ein Brief vom DFB im Brief­kas­ten. „Wir ha­ben Sie für ein Spiel mit der Ju­gend­na­tio­nal­mann­schaft in Por­tu­gal no­mi­niert“, stand in dem Brief. Klins­mann war per­plex. Er muss­te die Ein­la­dung meh­re­re Male le­sen, be­vor er be­griff, was pas­sier­te.

„Ich konn­te es ein­fach nicht fas­sen“, er­zählt Klins­mann. „Ich war ein Kind vom Lan­de und las die­sen Brief vom DFB, in dem es hieß: Wir möch­ten, dass Sie in der Ju­gend­na­tio­nal­mann­schaft spie­len. Ich wuss­te nicht, was das be­deu­te­te, ich konn­te das ein­fach nicht be­grei­fen. Das war ein­fach ein biss­chen zu viel für ein 15-jäh­ri­ges Kind.“

Sein De­büt für die deut­sche Ju­gend­na­tio­nal­mann­schaft war nicht be­son­ders be­mer­kens­wert, auch wenn es bei Klins­mann selbst einen tie­fen Ein­druck hin­ter­las­sen hat. Sein Trai­ner war Ber­ti Vogts, ein ehe­ma­li­ger Na­tio­nal­spie­ler und zu­künf­ti­ger Bun­des­trai­ner des Teams, das die EM 1996 ge­win­nen soll­te. Ber­ti Vogts war auch der­je­ni­ge, durch den Klins­mann spä­ter zu­fäl­li­ger­wei­se Trai­ner wur­de. Das deut­sche B-Ju­gend­team wur­de 2:0 von den Nie­der­lan­den und 2:0 von Spa­ni­en be­siegt, be­vor es sich im letz­ten Spiel mit 3:0 er­folg­reich ge­gen die Schweiz durch­setz­te. Klins­mann spiel­te mit der U-16 nur die­se drei Spie­le, ohne selbst ein Tor zu schie­ßen. Den­noch war die­se Er­fah­rung auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne für ihn be­flü­gelnd. „Sie öff­ne­ten mir sehr die Au­gen“, sagt Klins­mann über die Spie­le in Faro, Por­tu­gal. „Es war ein frem­des Land und eine frem­de Spra­che. Man konn­te die Leu­te nicht ver­ste­hen. Es war ein un­glaub­li­ches Er­leb­nis. Ich war nie zu­vor in Por­tu­gal, und es war al­les so fas­zi­nie­rend. Ich sah den Strand und flipp­te aus“, er­gänzt er, be­züg­lich des ers­ten Mals, dass er das Meer sah. „Es war so fas­zi­nie­rend ... Ich ging an den Strand und be­trach­te­te ein­fach nur das Was­ser.“

Vogts er­zählt ger­ne die Ge­schich­te, wie Klins­mann schon früh sei­ne un­ab­hän­gi­ge Ader ge­zeigt habe. Es ist eine Ei­gen­schaft, die Spie­lern auf dem Feld hilft, wäh­rend des Spiels selbst­be­wusst spon­ta­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, aber es ist auch eine He­r­aus­for­de­rung für einen Trai­ner, der gleich­zei­tig die Mann­schafts­dis­zi­plin auf­recht­er­hal­ten muss. Vogts er­in­nert sich dar­an, wie der 15-jäh­ri­ge Klins­mann sich nach dem Mit­tag­es­sen aus dem Mann­schafts­ho­tel da­v­on­sch­lich, an­statt an der drin­gend emp­foh­le­nen Mit­tags­ru­he teil­zu­neh­men. In sei­ner Funk­ti­on als Auf­sichts­per­son und als Trai­ner, der für das Wohl­er­ge­hen der ihm an­ver­trau­ten Ju­gend­li­chen ver­ant­wort­lich war, folg­te Vogts heim­lich Klins­mann, als die­ser sich lei­se vom Ho­tel ent­fern­te. Er woll­te nur si­cher­ge­hen, dass er nicht weg­lief oder ir­gend­et­was an­stell­te. Schnell stell­te Vogts fest, dass al­les ganz harm­los war ...

Klins­mann er­in­nert sich eben­falls an die­se Be­ge­ben­heit. „Das Meer war nur 200 Me­ter vom Ho­tel ent­fernt und Vogts dach­te: Was stellt er an? Aber nach ein paar Ta­gen ver­stand er, dass ich le­dig­lich den Ozean an­schau­en woll­te. Da­nach sag­te er zu sei­nen As­sis­ten­ten: Macht euch kei­ne Sor­gen, es ist in al­les Ord­nung.“

Die Stutt­gar­ter Kickers nah­men im sel­ben Som­mer an ei­ner in­of­fi­zi­el­len Ju­gend­eu­ro­pa­meis­ter­schaft in den Nie­der­lan­den teil. Die At­mo­sphä­re die­ses Tur­niers war elek­tri­sie­rend. Die Kickers er­reich­ten das Halb­fi­na­le, be­vor sie von dem dä­ni­schen Ver­ein Ve­jle BK ge­schla­gen wur­den, und Klins­mann zeig­te mit sie­ben To­ren in sechs Spie­len den ers­ten sei­ner vie­len star­ken Auf­trit­te auf der in­ter­na­tio­na­len Büh­ne. „Die Kickers hat­ten na­tür­lich längst er­kannt, welch ein Ju­wel sie da in ih­ren Rei­hen hat­ten“, schreibt Ro­land Ei­tel in sei­nem Buch Jür­gen Klins­mann. Be­ein­druckt von sei­ner Leis­tung, bot der Club ihm einen vor­läu­fi­gen Ver­trag in ih­rer Pro­fi­mann­schaft an, die da­mals in der Zwei­ten Bun­des­li­ga spiel­te. Die Kickers mach­ten die­ses An­ge­bot, ob­wohl er erst 16 war und der Ver­trag erst zwei Jah­re spä­ter mit dem Er­rei­chen sei­nes 18. Le­bens­jah­res gül­tig wer­den wür­de.

Schu­le oder Fuß­ball?

Es war für Klins­mann ein aus­schlag­ge­ben­der Mo­ment, als er im Al­ter von 16 Jah­ren einen Pro­fi­ver­trag an­ge­bo­ten be­kam. Er war hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen dem Wunsch, im Fuß­ball so weit wie mög­lich zu kom­men und dem Ge­dan­ken, das Gym­na­si­um zu be­su­chen und an­schlie­ßend zu stu­die­ren. Er war ein neu­gie­ri­ger, wiss­be­gie­ri­ger Tee­na­ger, der hung­rig da­nach war zu ler­nen. Be­vor in den deut­schen Pro­fi­ver­ei­nen 1998 und 2000 weit­rei­chen­de Re­for­men ein­ge­führt wur­den mit der Ein­rich­tung von Fuß­bal­l­aka­de­mi­en für ta­len­tier­te jun­ge Spie­ler, wel­che die schu­li­sche Aus­bil­dung und Leis­tungs­fuß­ball ver­ban­den, gab es für die über­wie­gen­de Mehr­heit der Spie­ler nur die­sel­be Wahl wie für Klins­mann: Fuß­ball zu spie­len oder wei­ter zur Schu­le zu ge­hen.

Klins­mann ging ei­gent­lich gern zur Schu­le und hat­te viel Freu­de am Ler­nen. Er woll­te bis zu dem Zeit­punkt spä­ter Pi­lot wer­den. Er hat­te bis zu dem An­ge­bot von den Kickers nicht dar­an ge­dacht, Pro­fi­fuß­bal­ler zu wer­den. Und den­noch gab es so vie­le Fuß­ball­spie­ler in der Bun­des­re­pu­blik, dass die Wahr­schein­lich­keit Er­folg zu ha­ben, sehr ge­ring war.

„Das Flie­gen hat mich im­mer fas­zi­niert“, er­zählt Klins­mann. „Wenn ir­gend­je­mand mich als Kind frag­te, was ich wer­den wol­le, war die Ant­wort: Pi­lot. Ich dach­te im­mer: Ich wer­de ei­nes Ta­ges Flug­zeu­ge flie­gen. Fuß­ball war et­was, das ich zum Spaß mach­te und ich hat­te beim Spie­len im­mer viel Spaß.“ Das Ver­trags­an­ge­bot von den Stutt­gar­ter Kickers än­der­te die­se Plä­ne und zwang ihn, sei­ne flie­ge­ri­schen Am­bi­tio­nen auf Eis zu le­gen, wenn auch nicht für im­mer. Er er­warb ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter eine Flug­li­zenz für Hub­schrau­ber und ge­nießt es, auf die­se Wei­se Süd­ka­li­for­ni­en zu er­kun­den. Das An­ge­bot be­wirk­te dar­über hi­n­aus, dass der neu­gie­ri­ge jun­ge Mann, der so gern lern­te, sich dazu durch­rin­gen muss­te, sei­ne Aus­bil­dungs­plä­ne zu än­dern. Auf ab­seh­ba­re Zeit be­deu­te­te das für ihn, sich von dem Ge­dan­ken zu stu­die­ren ver­ab­schie­den zu müs­sen – auch, als ei­ni­ge sei­ner Freun­de aus Geis­lin­gen zur Uni gin­gen.

Die deut­schen Gym­na­si­en sind be­tont aka­de­misch aus­ge­rich­tet, als Vor­be­rei­tung auf die Uni­ver­si­tät. Nur etwa die Hälf­te al­ler Kin­der schafft die Auf­nah­me auf ein Gym­na­si­um. Im Ver­gleich zur ame­ri­ka­ni­schen High School ler­nen die Kin­der auf dem Gym­na­si­um viel mehr.

Die in Deutsch­land im Al­ter von etwa 15 Jah­ren frü­he Ent­schei­dung für eine Kar­rie­re­rich­tung mag man­chem fast grau­sam und für Spät­ent­wick­ler als be­son­ders un­fair er­schei­nen. Ei­ni­ge dür­fen die schnel­le aka­de­mi­sche Lauf­bahn vom Gym­na­si­um di­rekt zur Uni­ver­si­tät ge­hen, wäh­rend die an­de­ren eine Be­rufs­aus­bil­dung be­gin­nen und häu­fig für den Rest ih­res Le­bens in dem er­lern­ten Be­ruf wei­ter­ar­bei­ten. Als Klins­mann 15 war, gab es kaum Pro­fi­fuß­bal­ler, die das Gym­na­si­um be­sucht hat­ten. Heut­zu­ta­ge ist dies dank der Fuß­bal­l­aka­de­mi­en an­ders, wel­che die schu­li­sche Aus­bil­dung par­al­lel zum Fuß­ball för­dern, so dass jetzt mehr als die Hälf­te al­ler Pro­fi­spie­ler ihr Ab­itur macht.

Für Klins­mann stell­te die­se Ent­schei­dung eine schwie­ri­ge und schwer­wie­gen­de Weg­schei­de dar. „Mei­ne No­ten wa­ren nicht gut ge­nug, um di­rekt aufs Gym­na­si­um zu ge­hen“, er­zählt er. Er zog in Er­wä­gung, aufs Wirt­schafts­gym­na­si­um zu ge­hen, um doch stu­die­ren zu kön­nen. Aber das hät­te be­deu­tet, dass er sich in Voll­zeit auf die Schu­le hät­te kon­zen­trie­ren müs­sen, und zwar ins­ge­samt 13 Schul­jah­re bis zum Al­ter von 19 Jah­ren. „Zur sel­ben Zeit ka­men die Kickers auf mich zu und bo­ten mir einen Pro­fi­ver­trag. Ich war noch kei­ne 16, son­dern im­mer noch 15 Jah­re alt. Ich frag­te mei­nen Va­ter: Was soll ich ma­chen? Ich wür­de gern in der Schu­le blei­ben, ob­wohl mei­ne No­ten nicht die bes­ten sind, aber ich den­ke, ich soll­te wei­ter zur Schu­le ge­hen. Er sag­te, er ver­ste­he mich, aber er mach­te mir auch klar, dass ich, wenn ich wei­ter zur Schu­le ge­hen wol­le, den Ver­trag mit den Kickers nicht un­ter­schrei­ben kön­ne.“

Sieg­fried Klins­mann woll­te, dass sein Sohn we­nigs­tens einen Be­ruf er­ler­nen soll­te, auf den er im Not­fall zu­rück­grei­fen könn­te, falls es mit sei­ner Kar­rie­re als Pro­fi­fuß­bal­ler nicht klap­pen wür­de. Ein prag­ma­ti­scher Rat­schlag. Es gab zu der Zeit in der Tat hun­der­te, wenn nicht so­gar tau­sen­de jun­ger Fuß­bal­ler in Deutsch­land, de­ren Träu­me von der Pro­fi­kar­rie­re sich manch­mal schlag­ar­tig in Luft auf­lös­ten und von de­nen sich vie­le in ei­ner Sack­gas­se ge­fan­gen sa­hen, weil sie für die­se Si­tua­ti­on nicht vor­ge­sorgt hat­ten. An­de­re hat­ten si­cher­ge­stellt, dass sie auf je­den Fall einen Ab­schluss in der Ta­sche hat­ten: Ei­ni­ge von Klins­manns Vor­gän­gern in der Na­tio­nal­mann­schaft hat­ten mit 15 eben­falls die Schu­le ver­las­sen, um eine Leh­re zu ma­chen: Franz Be­cken­bau­er war ge­lern­ter Ver­si­che­rungs­kauf­mann, Ber­ti Vogts hat­te Werk­zeug­ma­cher ge­lernt, Rudi Völ­ler war Bü­ro­kauf­mann und Joa­chim Löw war von Hau­se aus Groß- und Au­ßen­han­dels­kauf­mann.

Wenn Klins­mann sich für den aka­de­mi­schen Weg ent­schie­den hät­te, wäre er mit dem Ab­itur nicht bis zu sei­nem 19. Le­bens­jahr fer­tig ge­wor­den, wenn sei­ne Kar­rie­re als Pro­fi­fuß­bal­ler be­gon­nen und sei­ne ge­sam­te Zeit in An­spruch ge­nom­men hät­te. Viel­leicht hät­te er ein oder zwei Jah­re vor dem Ab­itur die Schu­le ab­ge­bro­chen und da­mit ohne Ab­schluss da­ge­stan­den. Sein Va­ter be­fürch­te­te, dass Jür­gen im schlech­tes­ten Fall dann mit lee­ren Hän­den da­stün­de, ohne ir­gend­ei­nen Ab­schluss und ohne Fuß­ball­kar­rie­re. Es war für Klins­mann eine schwie­ri­ge Ent­schei­dung, die Schu­le mit 15 zu ver­las­sen und manch­mal scheint es, heut­zu­ta­ge, als wäre dies ei­nes der we­ni­gen Din­ge, die er be­dau­ert, trotz der Tat­sa­che, dass er seit­dem auf an­de­re Wei­se im­men­ses Wis­sen er­wor­ben und vier Fremd­spra­chen er­lernt hat.

Es war für Fuß­ball­spie­ler nicht un­ge­wöhn­lich, mit 15 Jah­ren von der Schu­le ab­zu­ge­hen, in ei­nem Al­ter, in dem Mil­lio­nen jun­ge Leu­te den re­gu­lä­ren Schul­be­trieb ver­las­sen, um eine Leh­re zu be­gin­nen. „Mein Va­ter sag­te: Okay, wenn du bei mir eine Leh­re als Bä­cker ab­sol­vierst und dei­nen Ge­sel­len­brief be­kommst, hast du we­nigs­tens eine ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung, auf die du zu­rück­grei­fen kannst, falls ir­gend­et­was mit dei­nem Fuß­ball­kram pas­siert.“ Klins­mann er­zählt: „Er nann­te es im­mer ‚Fuß­ball­kram’. Ich sag­te: Okay, ja, das macht Sinn. Ich wuss­te be­reits, was es prak­tisch hei­ßen wür­de, Bä­cker zu wer­den, weil ich da­mit auf­ge­wach­sen war, alle die Din­ge her­zu­stel­len, die man in ei­ner Bä­cke­rei se­hen kann. Da­her war das kein Pro­blem.“

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter, als Klins­mann in Ita­li­en bei In­ter Mai­land spiel­te, un­ter­nahm er einen wei­te­ren Ver­such, das Gym­na­si­um zu be­en­den – auf Ita­lie­nisch – und ver­brach­te vie­le Stun­den mit zwei Pri­vat­leh­rern, um das Äqui­va­lent ei­nes Ab­itur­zeug­nis­ses zu er­lan­gen. Aber in sei­ner letz­ten Sai­son in Ita­li­en, als In­ter Mai­land auf dem Spiel­feld zu kämp­fen hat­te, muss­te er die­ses Vor­ha­ben auf­ge­ben. „Zu stu­die­ren war et­was, was ich mir gut vor­stel­len konn­te zu tun, aber es wur­de mir plötz­lich klar, dass ich eine Art Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung be­kom­men könn­te, in­dem ich in ver­schie­de­nen Län­dern leb­te“, er­in­nert er sich. „Ich habe viel­leicht nicht so vie­le theo­re­ti­sche Stun­den wie in ei­nem Klas­sen­zim­mer be­kom­men, ... aber ich hat­te un­zäh­li­ge prak­ti­sche Un­ter­richts­stun­den, in­dem ich mit Men­schen in vie­len ver­schie­de­nen Län­dern zu tun hat­te. Das war mei­ne Aus­bil­dung.“

Im Rah­men sei­ner Leh­re in der Fa­mi­li­en­bä­cke­rei in Stutt­gart be­gann Klins­mann ganz in der Früh, noch lan­ge vor Son­nen­auf­gang mit der Ar­beit und back­te die le­cke­ren Bret­zeln, Bröt­chen, Ku­chen und Brot­lai­be, wel­che die Deut­schen am liebs­ten je­den Mor­gen frisch aus dem Ofen bei ih­rer Bä­cke­rei um die Ecke kau­fen. Klins­manns be­vor­zug­tes Ge­bäck war die schwä­bi­sche Bret­zel, die sich von der baye­ri­schen Bret­zel da­hin­ge­hend un­ter­schei­det, dass sie dün­ne­re „Arme“ und einen di­cke­ren „Bauch“ hat.

Einen Tag in der Wo­che ging er in die Be­rufs­schu­le im na­he­ge­le­gen Hop­pen­lau. „Der prak­ti­sche Teil der Aus­bil­dung war kein Pro­blem für mich, weil ich da­mit auf­ge­wach­sen bin“, er­zählt Klins­mann. Er ging mor­gens zu den Trai­nings­ein­hei­ten der 1. Her­ren­mann­schaft der Kickers und spiel­te die Punkt­spie­le am Wo­chen­en­de in der Mann­schaft der un­ter 18-Jäh­ri­gen. 1982 be­stand er sei­ne Prü­fung als Bäcker­ge­sel­le.

„Al­les lief am Ende wun­der­bar und es stell­te sich als großer Vor­teil dar, weil mich der Trai­ner der Kickers nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter frag­te, ob ich mit der ers­ten Mann­schaft trai­nie­ren woll­te. Das war et­was, das bis da­hin noch nie vor­ge­kom­men war“, sagt Klins­mann in dem Be­wusst­sein, dass das ein Glücks­tref­fer war. Er war da­mit schon in der Po­si­ti­on, in die er sich selbst im­mer lie­ber be­gab: noch ein we­nig zu schwie­rig und au­ßer­halb sei­ner Kom­fort­zo­ne. „Ich hat­te auch mei­nen Ab­schluss als Bä­cker in der Ta­sche. Es war eine Zeit des Überg­angs. Du kannst als 16-Jäh­ri­ger je­den Tag mit den Pro­fis trai­nie­ren, aber du weißt, dass du kör­per­lich noch nicht ganz so stark bist und dass du noch nicht ganz da bist, wo du hin willst. Aber du weißt auch, dass du bes­ser wer­den wirst, wenn du täg­lich hart trai­nierst und dein Selbst­be­wusst­sein steigt. Und so durf­te ich mit 17 Jah­ren zum ers­ten Mal in der ers­ten Mann­schaft spie­len. Es war ein groß­ar­ti­ges Ge­fühl.“

Klins­mann stand wäh­rend sei­ner Leh­re um 3 Uhr mor­gens auf, ar­bei­te­te bis un­ge­fähr 7.30 Uhr, früh­stück­te und ging bis um 10 Uhr zum Trai­ning. So­gar am Sams­tag, dem Tag, an dem in der Bä­cke­rei am meis­ten zu tun war, ar­bei­te­te er von 3 Uhr bis 7.30 Uhr mor­gens, um dann vor sei­nen Punkt­spie­len am Nach­mit­tag noch ein we­nig zu schla­fen. „Ich ar­bei­te­te auch an den Ta­gen, an de­nen ich ein Spiel hat­te“, er­zählt er. „Ich den­ke, das ist ein­fach die Ar­beitseinstel­lung, die du in dei­ner Um­ge­bung mit­be­kommst. Mei­ne El­tern wa­ren ge­nau­so und so war man au­to­ma­tisch auch so. Du siehst es, du machst es selbst so und du denkst ein­fach, das sei nor­mal. Es ist eine Ge­ne­ra­ti­on, die es ge­wohnt war, hart zu ar­bei­ten und die gern hart ge­ar­bei­tet hat. Ich könn­te auch nie­mals den gan­zen Tag am Strand sit­zen. Das wäre un­mög­lich für mich.“

Im sel­ben Jahr, 1981, be­gann er im Al­ter von 17 Jah­ren bei den Stutt­gar­ter Kickers sei­ne Pro­fi­kar­rie­re un­ter Trai­ner Slo­bo­dan Cen­dic, der ihm in zahl­rei­chen ex­tra Trai­nings­ein­hei­ten zeig­te, wie er sei­ne Schnel­lig­keit bes­ser aus­nut­zen den Ball bes­ser ab­schir­men konn­te. Es war ein be­deu­ten­der Mo­ment in Klins­manns Le­ben, ob­wohl die Ge­häl­ter in der Bun­des­li­ga da­mals noch be­schei­den wa­ren. Sein An­fangs­ge­halt be­trug laut Ei­tel 1.500 DM. Mit etwa 18.000 Mark Jah­res­ein­kom­men ver­dien­te er nur et­was mehr als die Hälf­te des durch­schnitt­li­chen Jah­res­ein­kom­mens in der da­ma­li­gen Bun­de­re­pu­blik, aber es war in ei­nem Land, das auf eine ge­wis­se Ge­rech­tig­keit bei der Lohn­ver­tei­lung Wert legt, trotz­dem nicht schlecht für einen 17-Jäh­ri­gen. Als Schwa­be be­hielt Klins­mann sei­nen be­schei­de­nen Le­bens­stil auch als Pro­fi­spie­ler bei und konn­te einen Groß­teil sei­nes be­schei­de­nen Ge­halts spa­ren. Er kon­zen­trier­te sich dar­auf, auf dem Spiel­feld bes­ser zu wer­den. Am 27. März 1982 gab er als jüngs­ter Spie­ler der 1. Her­ren­mann­schaft in der Ge­schich­te der Kickers sein De­büt. Er kam in je­ner Sai­son bei sechs Spie­len zum Ein­satz und hat­te viel von dem neu­en Kickers-Trai­ner Jür­gen Sun­der­mann ge­lernt – vor al­lem über Mo­ti­va­ti­on und wie man sich im­mer wie­der auf­rap­peln muss. In sei­ner ers­ten kom­plet­ten Sai­son 1982/83 schaff­te er es, bis in die Star­telf zu kom­men, und am Ende der Sai­son 1983/84 war er mit 19 To­ren für sei­nen Ver­ein ei­ner der Top-Stür­mer der 2. Bun­des­li­ga.

Die Stutt­gar­ter Kickers ge­rie­ten 1983/84 un­ter Trai­ner Horst Buhtz, der ihm wie auch sein Trai­neras­sis­tent Die­ter Ren­ner un­heim­lich viel bei­ge­bracht hat­te, in einen an­stren­gen­den, aber auf­re­gen­den Ab­stiegs­kampf. Jür­gen Klins­mann war 19 Jah­re alt und es war sei­ne drit­te Sai­son als Pro­fi. Er ist über­zeugt, dass dies eine wei­te­re prä­gen­de Er­fah­rung war, durch die er ein bes­se­rer Spie­ler wur­de, und es ist aus sei­ner Sicht eine Lek­ti­on fürs Le­ben, die er gern auch den ame­ri­ka­ni­schen Spie­lern na­he­brin­gen wür­de. Die Re­le­ga­ti­onss­pie­le in Deutsch­land und an­de­ren eu­ro­päi­schen und in­ter­na­tio­na­len Li­gen bie­ten einen Ner­ven­kit­zel und Spie­le, wie es sie in kaum ei­ner an­de­ren Sport­art zu se­hen gibt und in de­nen es um al­les oder nichts geht. Sie sind un­wei­ger­lich span­nungs­ge­la­de­ne, ner­ven­auf­rei­ben­de Kämp­fe ums Über­le­ben, wel­che oft span­nen­der sind als der Wett­kampf um die Meis­ter­schaft zwi­schen den Top-Ver­ei­nen. Es ist ein dar­wi­nis­ti­scher Über­le­bens­kampf, der den Kampf­geist in den Spie­lern weckt, wel­che den stän­di­gen Druck auf ih­ren Schul­tern zu spü­ren be­kom­men. Die letz­ten vier Mann­schaf­ten von den 20 Zweit­li­ga­teams, zu de­nen die Kickers ge­hör­ten, stei­gen am Ende der Sai­son in die Ober­li­ga ab. Die Kon­se­quen­zen solch ei­nes Ab­stiegs sind hart und fast exis­ten­zi­ell: Zahl­rei­che Mit­glie­der des Club­per­so­nals ver­lie­ren nach dem Ab­stieg ih­ren Job; das Bud­get des Ab­stiegs­ver­eins sinkt dras­tisch, und die bes­se­ren Spie­ler wer­den oft von an­de­ren Teams aus der Zwei­ten Liga auf­ge­kauft, und zwar für ge­wöhn­lich zu so nied­ri­gen Trans­fer­prei­sen wie bei ei­nem Not­ver­kauf. Kurz ge­sagt, kann sich ein Ab­stieg für die be­trof­fe­nen Ver­ei­ne an­füh­len wie das Ende der Welt, selbst wenn das Fe­ge­feu­er nur kurz­le­big ist. So dau­ert es oft nur eine Sai­son oder zwei, bis ein Ver­ein den Wie­der­auf­stieg schafft. Ein Auf­stieg ist eine wei­te­re auf­re­gen­de, herz­er­wär­me­n­de Ge­schich­te des Sie­ges, des Über­win­dens von Wid­rig­kei­ten, die Clubs und Städ­te in al­len Fuß­ball­na­tio­nen die­ser Erde glei­cher­ma­ßen be­trifft.

Aber manch­mal stei­gen Mann­schaf­ten in­ner­halb von we­ni­gen Sai­sons von ganz oben aus der Bun­des­li­ga bis nach ganz un­ten in den Ama­teur­be­reich bis hin zur 5. oder 6. Liga ab. Ale­man­nia Aa­chen zum Bei­spiel spiel­te 2007 in der 1. Bun­des­li­ga, stieg dann in der Sai­son in die 2. Bun­des­li­ga ab, an­schlie­ßend in die 3. Liga, wel­che die höchs­te Ama­teur­li­ga ist, um 2014 ein wei­te­res Mal ab­zu­stei­gen in die 4. Liga oder Re­gio­nal­li­ga West.

Na­tür­lich gibt es auch vie­le Ge­schich­ten der ge­ra­de­zu ko­me­ten­haf­ten Auf­stie­ge, die den um­ge­kehr­ten Weg be­schrei­ben. Die Ge­schich­te des Klein­stadt­ver­eins der Turn- und Sport­ge­mein­schaft Hof­fen­heim 1899, kurz TSG Hof­fen­heim 1899, ist eine der be­mer­kens­wer­tes­ten in der deut­schen Fuß­ball­ge­schich­te. Mit ei­ner Ein­wohner­zahl von nur 3.270 Men­schen in Hof­fen­heim hat der Ver­ein sei­ne Wur­zeln in der Tur­ner­be­we­gung des spä­ten 19. Jahr­hun­derts. Die Fuß­ball­mann­schaft des TSG Hof­fen­heim war ein un­be­deu­ten­des Team in der 5. Liga, das noch im Jah­re 2000 im Ama­teur­be­reich düm­pel­te. Dann stie­gen die Hof­fen­hei­mer vier Li­gen in nur acht Sai­sons auf und er­reich­ten so 2008 die 1. Bun­des­li­ga. Und in der ma­gi­schen ers­ten Sai­son des Ver­eins in der 1. Liga kämpf­te sich Hof­fen­heim so­gar bis an die Spit­ze. Hof­fen­heim ge­wann in der Sai­son den in­of­fi­zi­el­len Ti­tel des Herbst­meis­ters der Bun­des­li­ga, be­vor er bis zum Ende der Sai­son wie­der auf den sieb­ten Platz zu­rück­fiel.

Für Klins­mann war das Er­leb­nis, mit sei­ner Mann­schaft den Ab­stiegs­kampf ge­won­nen zu ha­ben, un­ver­gess­lich. Die Kickers bahn­ten sich in der zwei­ten Hälf­te der Sai­son 1983/84 ih­ren Weg aus der Ab­stiegs­zo­ne und be­en­de­ten die Sai­son mit ei­nem re­spek­ta­blen neun­ten Platz. Da­mit wa­ren sie mit großem Si­cher­heits­ab­stand von der Ab­stiegs­zo­ne ent­fernt, in wel­cher der FC St. Pau­li (Platz 17), der VfR Bürstadt (Platz 18), Kickers Of­fen­bach (Platz 19) und der SSV Ulm 1846 (Platz 20) in die 3. Liga ab­stie­gen, wäh­rend der 1. FC Nürn­berg, Han­no­ver 96 und der 1. FC Saar­brücken den Auf­stieg in die Bun­des­li­ga schaff­ten.

Als Be­loh­nung für sei­ne Spie­ler, die sich ih­ren Weg aus der Ab­stiegs­zo­ne he­r­aus­ge­kämpft hat­ten, ver­sprach der Prä­si­dent der Kickers, Axel Dünn­wald-Metz­ler, sei­nen Spie­lern in der Mit­te der Sai­son eine Rei­se nach Flo­ri­da. Er mach­te die­ses Ver­spre­chen, dass er al­len einen Som­mer­ur­laub spen­die­ren wür­de, wenn die Mann­schaft min­des­tens den zehn­ten Ta­bel­len­rang oder bes­ser er­reich­te, als sei­ne Mann­schaft auf dem vor­letz­ten Ta­bel­len­platz stand.

Die­ser ers­te Ab­stiegs­kampf als Pro­fi ist Klins­mann in wun­der­ba­rer Er­in­ne­rung ge­blie­ben. „Es ist ein an­de­rer, ganz emo­tio­na­ler Teil des Fuß­ball­sports, den die Men­schen in Ame­ri­ka be­dau­er­li­cher­wei­se nicht er­le­ben kön­nen“, sagt er über die Ach­ter­bahn­fahrt, die er in je­ner Sai­son durch­kämp­fen muss­te, um den Ab­stieg zu ver­hin­dern. Klins­mann ist ja ein kla­rer Be­für­wor­ter des in­ten­si­ven Wett­be­werbs, den das Auf­stiegs-Ab­stiegs-Sys­tem mit sich bringt, da es die Spie­ler und Ver­ei­ne al­ler Li­gen bis zum Ende der Sai­son auf Trab hält. Er er­zählt, dass er auch in Ka­li­for­ni­en im­mer noch je­des Jahr im Früh­ling vor Son­nen­auf­gang auf­steht, um die­se be­son­de­ren Spie­le der Bun­des­li­ga oder Pre­mier League, in de­nen von An­fang bis zum Ende ge­kämpft wird, um in der höchs­ten Liga blei­ben zu kön­nen, live im Fern­se­hen zu ver­fol­gen. „Es be­deu­tet, dass du im­mer Leis­tung zei­gen musst“, sagt er.

Die „Jung­fern­fahrt“ nach Ame­ri­ka

Die Be­loh­nung für den Er­folg im Ab­stiegs­kampf hat bei Klins­mann einen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Er war erst 19 Jah­re alt, als er die zehn­tä­gi­ge Rei­se an­trat, die sein Le­ben ver­än­der­te. Er schmun­zelt über die Iro­nie sei­ner ers­ten Fahrt in die USA, die er seit sei­nem Rück­tritt als Spie­ler 1998 sein Zu­hau­se nennt: Die Be­loh­nung für das Be­ste­hen des Ab­stiegs­kamp­fes in Deutsch­land war eine Rei­se in das ein­zi­ge Land der Welt, das kein Auf­stiegs-Ab­stiegs-Sys­tem kennt. „Also so lern­te ich zum ers­ten Mal die USA ken­nen, we­gen ei­nes Ab­stiegs­kamp­fes“, er­zählt er über die Iro­nie la­chend.

Das Nach­kriegs­deutsch­land war, im Großen und Gan­zen, vol­ler Be­wun­de­rung und An­er­ken­nung für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, ei­nem Land, das nach dem Zwei­ten Welt­krieg sei­nem ehe­ma­li­gen Feind half, schnell wie­der auf die Bei­ne zu kom­men: ab 1948 mit dem Mar­schall­plan und mit 100 Mil­lio­nen CARE-Pa­ke­ten mit Es­sen, die nor­ma­le Ame­ri­ka­ner nor­ma­len Deut­schen im West­teil des Lan­des und an­de­ren Eu­ro­pä­ern schick­ten. Vie­le Nach­kriegs­struk­tu­ren und In­sti­tu­tio­nen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land fühl­ten sich durch und durch ame­ri­ka­nisch an, weil Ame­ri­ka hier­für oft als Vor­bild diente, an­ge­fan­gen vom fö­de­ra­len Sys­tem über die Bun­des­bank bis hin zur Ver­fas­sung. Als Boll­werk des Wes­tens und in vor­ders­ter Front ge­gen­über den War­schau­er-Pakt-Staa­ten wäh­rend des Kal­ten Krie­ges war die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Hei­mat für 250.000 ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten, die zur Ab­schre­ckung ge­gen jeg­li­che mi­li­tä­ri­sche Be­dro­hung durch den Ost­block in der Bun­des­re­pu­blik sta­tio­niert wa­ren. Ei­ni­ge der Spie­ler mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft, die jetzt in Klins­manns Team für die USA spie­len, sind die Kin­der ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten, die in Deutsch­land sta­tio­niert wa­ren.

Die Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik wa­ren auch durch ame­ri­ka­ni­sche Fil­me und Fern­seh­se­ri­en, üb­li­cher­wei­se ins Deut­sche syn­chro­ni­siert, be­reits bes­tens mit dem „Ame­ri­can Way of Life“ ver­traut. Aber in ei­ner Zeit, in der Rei­sen zwi­schen den Kon­ti­nen­ten noch nicht für die Mas­sen er­schwing­lich wa­ren, be­such­ten nur re­la­tiv we­ni­ge Deut­sche die USA. Klins­manns ers­te Rei­se war für den jun­gen Fuß­ball­pro­fi ein ab­so­lu­tes Aha-Er­leb­nis. „Es war Wow“, er­zählt er. „Die Rei­se nach Flo­ri­da er­öff­ne­te mir eine ganz an­de­re Welt, die ich mir nicht ein­mal vor­stel­len konn­te. Wir hat­ten eine fan­tas­ti­sche Zeit dort. Wir wa­ren so fas­zi­niert von Ame­ri­ka. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wie die USA ei­gent­lich wa­ren. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, wie Flo­ri­da oder Mi­a­mi wa­ren. Es war Wahn­sinn. In Fort Lau­der­da­le or­ga­ni­sier­te man für uns eine Boots­fahrt auf den Kanä­len, und wir konn­ten nicht glau­ben, was wir sa­hen. Das war nur ein wei­te­res Bei­spiel für die Orte, an die der Fuß­ball dich brin­gen kann. Er öff­net dir die Tü­ren zu Din­gen, von de­nen du dir nie vor­stel­len konn­test, dass du sie ein­mal se­hen wür­dest. Es war al­les so un­glaub­lich.“

Er be­kam auch die Ge­le­gen­heit, einen der Hel­den sei­ner Kind­heit zu tref­fen – den ehe­ma­li­gen deut­schen Top-Stür­mer Gerd Mül­ler. Aber das Tref­fen war ganz und gar nicht so, wie er es sich vor­ge­stellt hat­te. Am Ende sei­ner Kar­rie­re hat­te Mül­ler für drei Sai­sons in der North Ame­ri­can Soc­cer League (NASL) bei den Fort Lau­der­da­le Stri­kers ge­spielt. Jetzt aber hat­te er als Spie­ler schon auf­ge­hört und be­saß ein klei­nes Re­stau­rant in Fort Lau­der­da­le. In Deutsch­land war er eine le­ben­de Fuß­ball­le­gen­de und ei­ner der welt­bes­ten Tor­jä­ger al­ler Zei­ten mit 68 To­ren in 62 Spie­len.

Ge­nannt „der Bom­ber der Na­ti­on“ we­gen sei­ner Re­ak­ti­ons­fä­hig­keit und In­tui­ti­on als Straf­raum­stür­mer par ex­cel­lence, wur­de Mül­ler zum eu­ro­päi­schen Fuß­bal­ler des Jah­res 1970 ge­wählt, nach­dem er bei der Welt­meis­ter­schaft im sel­ben Jahr un­fass­ba­re zehn Tore für Deutsch­land ge­schos­sen hat­te. Er schoss auch bei der WM 1974 vier Tore, ein­schließ­lich des Sie­ges­tref­fers im Fi­na­le ge­gen die Nie­der­lan­de. Mül­ler, der au­ßer­dem für sei­nen Ver­ein Bay­ern Mün­chen in 427 Bun­des­li­ga­spie­len ins­ge­samt 365-mal ge­trof­fen hat­te, war zu­sam­men mit Franz Be­cken­bau­er, dem Nord­iren Ge­or­ge Best von Man­che­s­ter Uni­ted und dem Bra­si­lia­ner Pelé ei­ner der Top-Spie­ler, die in die USA zo­gen, um die im Ent­ste­hen be­grif­fe­ne NASL zu ver­stär­ken.

„Wir spiel­ten dann ir­gend­wann ein Freund­schaftss­piel ge­gen die Fort Lau­der­da­le Stri­kers, weil Gerd Mül­ler dort ge­spielt hat­te“, er­in­nert sich Klins­mann. „Er hat­te zu der Zeit ein Steak­hou­se in Fort Lau­der­da­le. Er war der Stür­mer, zu dem ich in mei­ner Kind­heit im­mer auf­ge­schaut hat­te. Wenn er bei der Welt­meis­ter­schaft 1974 Tore schoss, rann­te ich schrei­end auf un­se­rem klei­nen selbst­ge­bau­ten Fuß­ball­feld in der Nach­bar­schaft he­r­um und spiel­te Gerd Mül­ler. Und dann siehst du ihn in ei­nem Steak­hou­se in Flo­ri­da, wie er deut­sche Tou­ris­ten un­ter­hält? Und du siehst ihn an und denkst: Was tust du da? Du bist Gerd Mül­ler! Es ist ein­fach ir­gend­wie schwie­rig, weil du die­ses Bild im Kopf hast von je­man­dem sehr, sehr Be­son­de­rem und dann siehst du ihn in Fort Lau­der­da­le, und das passt ein­fach nicht zu­sam­men. Gerd Mül­ler? Steak­hou­se in Fort Lau­der­da­le?“

Es war ein ab­schre­cken­des Bei­spiel für Klins­mann, einen Spie­ler zu se­hen, den er einst wie Mil­lio­nen Deut­sche so sehr für sei­ne hel­den­haf­ten Auf­trit­te auf dem Spiel­feld be­wun­dert hat­te, wie er jetzt von der Ver­gan­gen­heit leb­te und im bes­ten Al­ter, mit 39 Jah­ren, sei­nen Na­men als Ge­schich­ten­er­zäh­ler für deut­sche Tou­ris­ten in ei­nem Steak­hou­se ver­wen­de­te. Es war eine Be­geg­nung, die Klins­mann nie­mals ver­ges­sen wür­de und ist ei­ner der Grün­de, warum Klins­mann kein In­ter­es­se dar­an hat, stän­dig über sein ei­ge­nes Le­ben als Spie­ler zu sin­nie­ren. Er will ein­fach nie­mals ein Ge­fan­ge­ner sei­ner Ver­gan­gen­heit wer­den. „Du musst an heu­te und an mor­gen den­ken, nicht dar­an, was du schon ge­tan hast“, sagt er. „Wann im­mer ich auf eine Grup­pe von Leu­ten tref­fe, die mit Sät­zen an­fan­gen wie: Hey, er­in­nerst du dich vor zehn Jah­ren, als ... oder: Weißt du noch vor 15 Jah­ren, als ..., ver­su­che ich so schnell wie mög­lich da weg­zu­kom­men. Es geht nur um das Heu­te und das Mor­gen. Das ist das Fan­tas­ti­sche im Fuß­ball: Es geht im­mer vor­wärts, es gibt im­mer schon wie­der das nächs­te Spiel.“

Klins­mann und ein Team­kol­le­ge aus Stutt­gart hat­ten eine so wun­der­vol­le Zeit in Flo­ri­da, dass sie fast so­fort nach ih­rer Rück­kehr nach Deutsch­land ein zwei­tes Mal, auf ei­ge­ne Faust, in die USA zu­rück­kehr­ten. Sie be­sich­tig­ten New York, Chi­ca­go und Ka­li­for­ni­en. Klins­mann er­in­nert sich, dass er sich auf die­sen ers­ten bei­den Rei­sen als Tee­na­ger so­fort Hals über Kopf in die USA ver­lieb­te. Die Ener­gie, Freund­lich­keit der Men­schen und der Op­ti­mis­mus, der ihm über­all be­geg­ne­te, be­ein­druck­ten ihn sehr. Es war so kom­plett an­ders als al­les, was er von zu Hau­se kann­te.

„Für mich war die Of­fen­heit und die Ener­gie in Ame­ri­ka so toll fas­zi­nie­rend“, er­zählt er. „Es ist so ein rie­si­ges Land und für einen klei­nen Jun­gen aus Deutsch­land ein­fach über­wäl­ti­gend. Ich be­kam die Ex­tre­me im Land zu se­hen, die ne­ga­ti­ven, aber auch die un­be­schreib­lich schö­nen. Was ich an Ame­ri­ka im­mer so toll fin­de, ist ein­fach die­ses Ge­fühl, dass al­les mög­lich ist.“

Klins­mann lern­te auf die­sen Rei­sen viel über sich selbst, dar­un­ter zu­al­ler­erst, dass er sein Eng­lisch zum größ­ten Teil ver­ges­sen hat­te, ob­wohl er es jah­re­lang in der Schu­le ge­lernt hat­te. Die Frus­tra­ti­on dar­über, sich in den USA nicht rich­tig aus­drücken zu kön­nen, mo­ti­vier­te ihn in sei­nem tiefs­ten In­ne­ren, sich mehr an­zu­stren­gen, Eng­lisch, und Spra­chen im All­ge­mei­nen, rich­tig zu ler­nen.

„Un­ser Eng­lisch war fürch­ter­lich“, er­zählt er. „Es war mir pein­lich, dass ich das gan­ze Eng­lisch, das ich ver­meint­lich ge­lernt hat­te, ver­ges­sen hat­te. Aber das war gut so, weil es mir so viel An­trieb gab, die Spra­che zu ler­nen. Da­nach stu­dier­te ich mei­ne Eng­lisch­bü­cher und al­les, was ich in die Hän­de be­kam.“

1982, kurz nach­dem Klins­mann im Al­ter von 18 Jah­ren sei­ne Bäcker­leh­re be­en­det hat­te, zog er aus dem Haus sei­ner El­tern über der Bä­cke­rei aus in eine ei­ge­ne Woh­nung, zu­rück in das ru­hi­ge, länd­li­che Geis­lin­gen.

Der Ge­sel­len­brief war für Klins­mann ein wich­ti­ger Mei­len­stein, eine Art In­itia­ti­ons­ri­tus. Der Bäcker­meis­ter Sieg­fried Klins­mann war bei sei­nem Sohn Jür­gen zu Recht stolz dar­auf, als die­ser sei­nen Ge­sel­len­brief in den Hän­den hielt, ge­nau­so wie Jür­gen selbst. „Ich habe ge­lernt, wie man backt, und mein Di­plom hängt in der Bä­cke­rei“, er­zählt er.

Teil II
Deutsch­land, Ita­li­en, Mo­naco und Eng­land
Der Durch­bruch in der Bun­des­lie­ga

Klins­mann ge­lang 1984 ein wei­te­rer großer Schritt nach oben auf der Fuß­ball­py­ra­mi­de, in­dem er nach sechs Jah­ren bei den Kickers die Mann­schaft wech­sel­te und zum in­ner­städ­ti­schen Ri­va­len VfB Stutt­gart ging. Da­mit war er end­lich in der Bun­des­li­ga an­ge­kom­men. Die 1. Bun­des­li­ga zähl­te be­reits in den 80er-Jah­ren zu den vier bes­ten Li­gen der Welt, wenn­gleich die Qua­li­tät und Ge­halts­un­ter­schie­de zwi­schen der Bun­des­li­ga und den über­le­ge­nen Li­gen in Ita­li­en, Eng­land und Spa­ni­en im­mer noch groß wa­ren.

Die Bun­des­li­ga wur­de als Pro­fi­li­ga erst 1963 ge­grün­det, 89 Jah­re nach Grün­dung des ers­ten Fuß­ball­ver­eins im Jah­re 1874 in Dres­den, den ei­ni­ge eng­li­sche Ar­bei­ter ins Le­ben ge­ru­fen hat­ten und der den ein­fa­chen Na­men „Dres­den Eng­lish Foot­ball Club“ trug. Die Bun­des­li­ga wur­de 1963 in­mit­ten ei­ner Kri­se ge­grün­det, der jah­re­lan­ge Dis­kus­sio­nen und Wi­der­stand von Sei­ten der Re­gio­nal­li­gen vor­aus­ge­gan­gen wa­ren. Die Re­gio­nal­li­gen wehr­ten sich da­ge­gen, ihre Macht und ih­ren Sta­tus von ei­ner ein­zi­gen zen­tra­li­sier­ten Pro­fi­li­ga ge­schmä­lert zu se­hen.

Vor 1963 wur­de Fuß­ball in Deutsch­land auf se­mi­pro­fes­sio­nel­lem Ni­veau und im Ama­teur­be­reich ge­spielt, mit ei­ner Rei­he von re­gio­na­len Li­gen. Die Meis­ter­schaft wur­de über ein K.-o.- Sys­tem be­stimmt. Der DFB war auch lan­ge ge­gen eine ein­zel­ne zen­tral ge­steu­er­te Pro­fi­li­ga, da man be­fürch­te­te, dass der Ein­fluss von Geld und Kom­mer­zia­li­sie­rung dem Spiel die Un­schuld neh­men wür­de. Das Feh­len ei­ner pro­fes­sio­nel­len Liga hat­te die Ent­wick­lung des Fuß­balls in der Bun­des­re­pu­blik im Ver­gleich zu an­de­ren Län­dern ein­deu­tig ins Hin­ter­tref­fen ge­bracht. Auch die Na­tio­nal­mann­schaft litt zu­se­hends dar­un­ter, und sie konn­te bei den Welt­meis­ter­schaf­ten 1958 und 1962 nicht im An­satz an den Er­folg von 1954 an­knüp­fen. Der in­ter­na­tio­na­le Fuß­ball hat­te sich seit 1954 wei­ter­ent­wi­ckelt, aber in der Bun­des­re­pu­blik schi­en er ste­hen ge­blie­ben zu sein.

Erst eine Kri­se führ­te aus der Sack­gas­se he­r­aus. Das Pro­blem wur­de näm­lich un­über­seh­bar, als die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft bei der WM 1962 in Chi­le durch ein de­mü­ti­gen­des 0:1 beim Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ju­go­sla­wi­en aus dem Tur­nier aus­schied. Aus deut­scher Sicht war die­ses Er­geb­nis völ­lig in­ak­zep­ta­bel, nach­dem die Er­war­tun­gen nach dem Tri­umph von 1954 enorm ge­stie­gen wa­ren. Mit ty­pisch deut­schem Prag­ma­tis­mus nutz­ten ei­ni­ge die Nie­der­la­ge als Chan­ce, um die längst über­fäl­li­gen Re­for­men durch­zu­set­zen, wie zum Bei­spiel die Grün­dung der Bun­des­li­ga. Der DFB und Sepp Her­ber­ger, der da­ma­li­ge Na­tio­nal­trai­ner, wa­ren zu­vor ge­gen eine deut­sche Pro­fi­li­ga. Nach der ent­täu­schen­den Nie­der­la­ge bei der WM 1962 er­kann­ten sie, dass die Ehre der Na­ti­on auf dem Spiel stand und dass eine Pro­fi­li­ga not­wen­dig war, um auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne wett­be­werbs­fä­hig zu blei­ben. Vier Jah­re spä­ter, 1966, nach­dem die Bun­des­li­ga eta­bliert wor­den war, schlug sich die deut­sche Mann­schaft bei der WM in Lon­don wie­der deut­lich bes­ser: Sie er­reich­ten das Fi­na­le, ver­lo­ren al­ler­dings mit dem um­strit­te­nen 4:2 in der Nach­spiel­zeit ge­gen Gast­ge­ber Eng­land. Dies ge­schah an Klins­manns zwei­tem Ge­burts­tag.

Die Bun­des­li­ga gilt in­zwi­schen als eine der drei Top-Li­gen der Welt ne­ben Eng­lands Pre­mier League und Spa­ni­ens Pri­me­ra Di­vi­sión. Ame­ri­kas Ma­jor League Soc­cer wird im All­ge­mei­nen nicht ein­mal un­ter den 15 welt­bes­ten Teams ein­ge­ord­net. Die Bun­des­li­ga­mann­schaf­ten hat­ten in der Sai­son 2014/15 Zu­schau­er­zah­len von durch­schnitt­lich 43.500 und da­mit mehr als alle an­de­ren Fuß­ball-Li­gen der Welt, vor der an zwei­ter Stel­le ste­hen­den Pre­mier League mit 36.695 Zu­schau­ern pro Spiel. Die ein­zi­ge an­de­re Pro­fi­li­ga, die mehr Zu­schau­er auf­wei­sen kann als die Bun­des­li­ga, ist die NFL in den USA mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Zu­schau­er­zahl von 68.776 in der Sai­son 2014/15

Der Wech­sel in die Bun­des­li­ga war für Klins­mann ein Rie­sen­sprung. Aus per­sön­li­cher Sicht war es je­doch auch et­was un­an­ge­nehm für ihn, da er zu­vor ge­schwo­ren hat­te, nie­mals für die rei­chen Lo­kal­ri­va­len zu spie­len. Im west­li­chen Teil von Stutt­gart, aus dem Klins­manns kam, be­trach­te­te man den VfB mit an Ver­ach­tung gren­zen­der kri­ti­scher Di­stanz. Schließ­lich hat­te er die ver­gan­ge­nen sechs Jah­re bei den Kickers ver­bracht und fühl­te sich den „Blau­en“ und ih­ren Fans tief ver­bun­den. Der Trans­fer von den „Blau­en“, der Mann­schaft, die er lieb­te zu den „Ro­ten“, die er so lan­ge ab­ge­lehnt hat­te, war für Klins­mann da­durch sehr emo­tio­nal und nicht leicht. Die­se in­ten­si­ven „Lo­kal­der­bys“ spie­len eine wich­ti­ge Rol­le, auch wenn es für Au­ßen­ste­hen­de manch­mal schwer nach­voll­zieh­bar ist, auf wel­che Wei­se sich zwei kon­kur­rie­ren­de Mann­schaf­ten aus der­sel­ben Stadt oder Re­gi­on wie Erz­fein­de ge­gen­über­tre­ten.

Der Prä­si­dent der Kickers, der groß­zü­gi­ge und groß­her­zi­ge In­dus­tri­el­le Axel Dünn­wald-Metz­ler, der die Mann­schaft ein Jahr zu­vor nach Flo­ri­da ein­ge­la­den hat­te, muss­te Klins­mann ge­ra­de­zu über­re­den, das An­ge­bot vom VfB Stutt­gart an­zu­neh­men. Der VfB Stutt­gart war ge­ra­de deut­scher Meis­ter ge­wor­den und war be­reit, die da­mals stol­ze Trans­fer­sum­me von 700.000 DM für den ta­len­tier­ten jun­gen Stür­mer zu zah­len. Dünn­wald-Metz­ler muss­te Klins­mann von sei­nem frü­he­ren Ver­spre­chen „nie­mals“ zum VfB zu wech­seln be­frei­en. Für Dünn­wald-Metz­ler ging es da­bei in sei­nen Über­le­gun­gen in ers­ter Li­nie nicht um die Trans­fer­sum­me. Es war of­fen­sicht­lich, dass Klins­mann für den Sprung in die Bun­des­li­ga mehr als be­reit war. Er hat­te er­kannt, dass Klins­mann ein­fach zu gut ge­wor­den war, um in der 2. Bun­des­li­ga zu blei­ben. Dünn­wald-Metz­ler woll­te auch, dass die­ser ener­gie­ge­la­de­ne Spie­ler, der da­bei war, sich rasch zu ei­nem der bes­ten jun­gen Stür­mer des Lan­des zu ent­wi­ckeln, we­nigs­tens wei­ter in Stutt­gart spie­len wür­de, wo er dank sei­ner vie­len Tore, sei­nes Kampf­geis­tes und sei­ner Ar­beitseinstel­lung be­reits eine Fan­ge­mein­de hat­te. Klins­mann emp­fand für Dünn­wald-Metz­ler nach sechs Jah­ren bei den Kickers eben­falls großen Re­spekt. „Er war im­mer auch an dei­ner Ent­wick­lung als Mensch in­ter­es­siert, nicht nur als Spie­ler“, er­in­nert sich Klins­mann.

Es war in je­dem Fall ein stol­zer Au­gen­blick für Klins­mann, als er 1984 im Al­ter von 20 Jah­ren zum VfB Stutt­gart kam. Von der D-Ju­gend beim TB Gin­gen bis hier­her war es ein lan­ger und auf­re­gen­der Weg ge­we­sen. In der Bun­des­li­ga war er in der Sai­son 1984/85 ei­ner von 379 Pro­fi­spie­lern. Zur Er­in­ne­rung, es gab in der bun­des­deut­schen Fuß­ball­py­ra­mi­de ins­ge­samt etwa drei Mil­lio­nen Spie­ler mit we­ni­ger als 400 an der Spit­ze in der Bun­des­li­ga. Von Klins­manns Start in der D-Ju­gend bis nach oben lässt sich ge­dank­lich eine ge­ra­de Li­nie di­rekt bis zur Spit­ze zie­hen – als ei­ner von 10.000, der die­sen Weg ge­schafft hat. Die Eta­blie­rung ei­nes der­art kla­ren Mo­dells, wie es in Eu­ro­pa üb­lich ist, ist ei­nes von Klins­manns Zie­len für den Fuß­ball in den USA.

Als je­mand, der sich auch als Tee­na­ger schon vie­le Ge­dan­ken mach­te und im­mer über­leg­te, wie er Din­ge bes­ser ma­chen könn­te, war Klins­mann fest ent­schlos­sen, das Best­mög­li­che aus sei­ner Chan­ce in der 1. Bun­des­li­ga he­r­aus­zu­ho­len. In den Mo­na­ten vor dem Wech­sel in die höchs­te Liga war er kei­nes­falls trä­ge oder selbst­ge­fäl­lig. Er woll­te in der Bun­des­li­ga so­fort einen gu­ten Start hin­le­gen; auch un­ter dem Aspekt, dass dies viel­leicht sei­ne ein­zi­ge Chan­ce sein wür­de. Er war da­her zu dem Schluss ge­kom­men, dass es even­tu­ell ein klei­ner aber wich­ti­ger Vor­teil wäre, wenn er am ers­ten Tag des Sai­son­vor­be­rei­tungs­trai­nings in ei­nem Top-Trai­nings­zu­stand er­schie­ne. Be­vor also die Sai­son­vor­be­rei­tung des VfB über­haupt of­fi­zi­ell be­gann, trai­nier­te er wäh­rend der Som­mer­pau­se für sich selbst be­son­ders in­ten­siv. „Ich woll­te mit ei­nem kon­di­tio­nel­len Vor­sprung zum ers­ten Trai­ning kom­men“, er­zählt er Ro­land Ei­tel.

Sei­ne Ent­schlos­sen­heit, das Best­mög­li­che aus sich und sei­nen Fä­hig­kei­ten he­r­aus­zu­ho­len und jede Ge­le­gen­heit zu nut­zen, sei­ne Er­folgschan­cen zu ver­bes­sern, zeigt sich auch sehr schön an dem Bei­spiel, dass Klins­mann vor sei­ner ers­ten Bun­des­li­gasai­son so­gar mit ei­nem ei­ge­nen Sprint­coach ar­bei­te­te. Er woll­te un­be­dingt sei­ne Schnel­lig­keit ver­bes­sern, selbst wenn er nur den win­zi­gen, viel­leicht aus­schlag­ge­ben­den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de ge­win­nen wür­de. Die­ses Ex­tra-Sprint­trai­ning war letzt­end­lich nicht nur hilf­reich für Klins­mann als Spie­ler, son­dern mehr noch, Jah­re spä­ter, für Klins­mann als Trai­ner, da es ihm die Au­gen für das Po­ten­zi­al öff­ne­te, das sich durch ein spe­zia­li­sier­tes Trai­ning aus­schöp­fen ließ.

Schnel­lig­keit ist be­son­ders für einen Stür­mer sehr wich­tig und Klins­mann dach­te, dass er schon recht schnell sei, um in Kom­bi­na­ti­on mit sei­nem im­mer bes­ser wer­den­den In­stinkt zur rich­ti­gen Zeit an der rich­ti­gen Stel­le vor dem Tor zu sein. Aber be­vor er sein De­büt in der Bun­des­li­ga beim VfB hat­te, gab sein äl­te­rer Bru­der ihm un­ge­fragt einen Rat­schlag, den Klins­mann zu­nächst mit we­nig Be­geis­te­rung ent­ge­gen­nahm. Horst Klins­mann, Zehn­kämp­fer im ört­li­chen Sport­ver­ein, war auf­ge­fal­len, dass Jür­gens Schnel­lig­keit ge­gen Ende der Spie­le ab­zu­neh­men schi­en. „Als mein äl­te­rer Bru­der mich spie­len sah und ihm auf­fiel, dass ich nach ei­ner Stun­de müde wur­de, sag­te er mir ei­nes Ta­ges ein­fach: Weißt du, Jür­gen, du hast kei­ne Kraft im Ober­kör­per, und du ver­lierst ge­gen Ende des Spiels viel an Schnel­lig­keit, weil du müde wirst und dei­ne Ko­or­di­na­ti­on beim Lau­fen schlech­ter wird. Du musst dein Lau­fen wirk­lich ver­bes­sern, weil du zwar Grund­schnel­lig­keit hast, aber sie auf dem Platz nicht voll aus­nut­zen kannst.“, er­in­nert sich Klins­mann. „Und ich dach­te: Wo­von re­det er? Aber er hat­te recht. In je­dem Spiel fing die geg­ne­ri­sche Mann­schaft nach etwa ei­ner Stun­de an, mich he­r­um­zu­schub­sen, und ich ver­lor an Ko­or­di­na­ti­on. So be­gann ich zwei­mal die Wo­che zu­sätz­lich mit die­sem Coach zu trai­nie­ren.“

Der Lauf­trai­ner sei­nes Bru­ders, Horst All­mann, hielt zu­nächst fest, dass Klins­mann die Hun­dert­me­ter­stre­cke in 12,0 Se­kun­den lief. An­schlie­ßend ar­bei­te­ten sie dar­an, sei­ne Tech­nik und Kraft zu ver­bes­sern. Dies al­les ge­schah heim­lich, weil sei­ne Fuß­ball­trai­ner da­von nicht be­geis­tert wä­ren. Klins­mann ließ sich von All­mann am An­fang eine Stopp­uhr ge­ben und ar­bei­te­te so­wohl al­lei­ne als auch er­gän­zend zu den Trai­nings­ein­hei­ten beim VfB an sei­nen Sprints. Und ein Jahr spä­ter lief Klins­mann die glei­chen 100 Me­ter in 11,0 Se­kun­den, eine gan­ze Se­kun­de schnel­ler. „Wir ha­ben die Zei­ten ge­nau ge­mes­sen, weil wir si­cher­ge­hen woll­ten. Ich woll­te wis­sen, ob es einen Un­ter­schied ma­chen wür­de“, er­zählt Klins­mann „Ich be­gann mit ei­nem Sprint­trai­ner zu ar­bei­ten, um stär­ker und schnel­ler zu wer­den. Aber mei­ne (Fuß­ball-)Trai­ner woll­ten es nicht. Also muss­te ich es ma­chen, ohne dass sie da­von wuss­ten. Es half mir tat­säch­lich, sehr viel schnel­ler zu wer­den. Ich be­kam mehr Kraft in den Ober­ar­men und wur­de ge­gen Ende des Spiels nicht mehr so viel he­r­um­ge­schubst. Ich hat­te am Ende mehr Kraft, und weil ich mit mei­ner Ener­gie we­sent­lich ef­fi­zi­en­ter um­ge­hen konn­te, hielt ich die 90 Mi­nu­ten gut durch. Im Fuß­ball pas­sie­ren die meis­ten Din­ge in den letz­ten zwan­zig Mi­nu­ten des Spiels. Also fing ich an, die Leu­te am Ende des Spie­les in Grund und Bo­den zu ren­nen. Ich konn­te se­hen, wenn sie nach 70 Mi­nu­ten müde wur­den und ich sag­te dann zu mir: Jetzt ma­che ich euch fer­tig.“

Es war für Klins­mann eine ex­trem wert­vol­le Er­kennt­nis, die blei­ben­de Wir­kung zeig­te. Es ging nicht nur dar­um, schnel­ler zu wer­den, son­dern auch dar­um, Hil­fe von ei­nem spe­zia­li­sier­ten Per­so­nal­trai­ner zu be­kom­men, lan­ge be­vor ir­gend­je­mand in der Bun­des­re­pu­blik von die­sem Kon­zept ge­hört hat­te, und dar­um, einen klei­nen aber wich­ti­gen Teil des Spiels zu ver­bes­sern. Sei­ne Phi­lo­so­phie ist es, dass die­se schritt­wei­sen Ver­bes­se­run­gen an ir­gend­ei­nem Punkt ent­lang des Weges einen be­deu­ten­den Ef­fekt ha­ben kön­nen, dass sie den Un­ter­schied aus­ma­chen kön­nen zwi­schen ein oder zwei To­ren mehr pro Jahr und ein paar mehr ge­won­ne­nen oder ver­lo­re­nen Spie­len pro Jahr. Au­ßer­dem be­stä­tig­te es sei­ne Theo­rie, dass je­der Spie­ler durch har­te Ar­beit und se­lek­ti­ves Trai­ning von Ver­bes­se­run­gen in sei­nem Spiel oder sei­ner Fit­ness zu pro­fi­tie­ren ver­mag, un­ab­hän­gig da­von, ob die­se Ver­bes­se­run­gen groß oder klein sind. „Es war eine groß­ar­ti­ge Leh­re, dass du hart­nä­ckig sein musst“, sagt er. „Du musst dich durch Sa­chen durch­bei­ßen, wei­ter dar­an ar­bei­ten und bloß nicht auf­ge­ben, nur weil die Din­ge sich im Mo­ment nicht in dei­nem Sin­ne ent­wi­ckeln. In den USA gibt es die­se Kul­tur, nach der vie­le Leu­te er­war­ten, dass sie so­fort für ihre An­stren­gung be­lohnt wer­den. Un­glück­li­cher­wei­se gibt es die­se Ein­stel­lung in ei­ni­gen Län­dern, nach der die Leu­te er­war­ten, so­fort be­lohnt zu wer­den. Manch­mal braucht es aber Zeit. Und wenn du die­se gan­ze Ex­tra­ar­beit auf dich nimmst, wird es sich auf Dau­er aus­zah­len.“

Er sagt, es sei frus­trie­rend, dass ei­ni­ge sei­ner ehe­ma­li­gen Mit­spie­ler nicht im­mer in der Lage wa­ren, das Bes­te aus ih­rem Ta­lent zu ma­chen. Eben­so ver­wun­dert ihn eine schlei­chen­de Selbst­ge­fäl­lig­keit, die manch­mal das Grö­ßer­wer­den jun­ger Spie­ler in den USA und an­ders­wo ver­hin­dert, wenn sie ein be­stimm­tes Leis­tungs­ni­veau er­reicht ha­ben. Was ist aus dem An­trieb ge­wor­den, der sie zu­nächst über­haupt so weit ge­bracht hat? Wo ist der Hun­ger ge­blie­ben, die nächs­te Stu­fe er­rei­chen zu wol­len?

Was das Spiel in den USA braucht, sind Spie­ler, die stän­dig nach vor­ne drän­gen, auch nach­dem sie einen ge­wis­sen Er­folg er­langt ha­ben. Was ist bei der, wie Klins­mann sie manch­mal nennt, „Fa­ce­book-Twit­ter-Ins­ta­gram“-Ge­ne­ra­ti­on aus dem Kil­ler­in­stinkt ge­wor­den? „Das ist für mich manch­mal schwer zu ver­ste­hen“, sagt er. „Wenn du Spie­lern sagst, was sie bes­ser ma­chen kön­nen oder wor­an sie ar­bei­ten sol­len, ant­wor­ten sie, dass sie ver­stün­den. Man hofft dann, dass sie da­ge­gen oder da­für et­was tun, aber vie­le tun das nicht. Wenn man sagt: Du musst be­weg­li­cher sein oder: Du brauchst mehr Sta­bi­li­tät oder: Du brauchst mehr Schnel­lig­keit oder: Du brauchst mehr Eins-zu-Eins-Trai­ning oder was auch im­mer bei der Ana­ly­se he­r­aus­kommt, und es macht nicht wirk­lich ‚Klick‘. Man­che Spie­ler ent­wi­ckeln nicht die­sen An­trieb zu sa­gen: Okay, ich ver­ste­he, dass es das ist, wor­an ich ar­bei­ten muss, also gehe ich jetzt je­den Tag nach oder vor dem Trai­ning hin und ar­bei­te dar­an.“ Klins­mann be­tont, dass es auch in der „Face-book-Twit­ter-Ins­ta­gram“-Ge­ne­ra­ti­on Spie­ler gibt, de­ren in­ne­rer An­trieb nie­mals zu bren­nen auf­hört. „Des­we­gen ist Cris­tia­no Ro­nal­do, wer er ist und des­we­gen ist Lio­nel Mes­si, wer er ist. Sie ge­hen raus und üben auch nach dem Trai­ning noch eine hal­be Stun­de Frei­stö­ße oder sie ar­bei­ten an die­sem oder je­nem nach dem Trai­ning. Sie hö­ren nie auf zu ar­bei­ten.“

Die ei­ge­nen Schwä­chen, schwin­den­de Schnel­lig­keit am Ende des Spiels zu iden­ti­fi­zie­ren und einen ei­ge­nen Weg zu fin­den, sich zu ver­bes­sern mit ei­nem gan­zen Jahr Ar­beit, war eine er­leuch­ten­de Ent­de­ckung für Klins­mann. Die Lek­ti­on, die er hier­bei ge­lernt hat, mach­te ihn nicht nur ein paar Schrit­te schnel­ler, son­dern lehr­te ihn, im­mer of­fen da­für zu sein, was er bes­ser ma­chen könn­te – auf dem Spiel­feld und au­ßer­halb. Die­sen in­ne­ren An­trieb sich zu ver­bes­sern, auch nach­dem man ein be­stimm­tes Er­folgs­ni­veau er­reicht hat, ist ein Ge­biet, auf dem vie­le Spie­ler noch Luft nach oben ha­ben, be­son­ders in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten.

Fünf Tore

Klins­mann war in der Bun­des­li­ga von An­fang an er­folg­reich, ob­wohl er ge­ra­de erst 20 ge­wor­den war und plötz­lich den bes­ten Spie­lern der Bun­des­re­pu­blik ge­gen­über­stand. Die elek­tri­sie­ren­de At­mo­sphä­re in den Bun­des­li­ga­sta­di­en be­flü­gel­te ihn, wo je­den Sonn­abend bis zu 80.000 Leu­te die Spie­le ver­folg­ten. Er lieb­te die Be­geis­te­rung, die sich in der Stadt die Wo­che über nach und nach bis fast zur Ek­sta­se auf­bau­te, ein Cre­scen­do der Auf­re­gung in den Ta­gen bis zum Spiel. Die Sta­di­en wa­ren oft aus­ver­kauft, die Men­ge dicht­ge­drängt und oft für die vol­len 90 Mi­nu­ten ste­hend. Wur­de ein Tor ge­schos­sen, fei­er­ten die Men­schen dies mit oh­ren­be­täu­ben­den Ju­bel­schrei­en.

Klins­mann hör­te die­sen Ju­bel wäh­rend sei­ner Sai­son als An­fän­ger beim VfB oft, als er 15 Tore schoss und bei 32 von 34 Spie­len zum Ein­satz kam – häu­fi­ger als je­der an­de­re Feld­spie­ler. Es ge­lang Klins­mann über die Dau­er sei­ner ge­sam­ten Kar­rie­re die so­li­de Tor­bi­lanz von durch­schnitt­lich etwa ei­nem Tor in je­dem zwei­ten Spiel auf­recht­zu­er­hal­ten.

Klins­mann ent­wi­ckel­te sich beim VfB Stutt­gart nicht nur als Spie­ler, son­dern auch in sei­ner Per­sön­lich­keit. Er lieb­te es, im Neckar-Sta­di­on in Stutt­gart zu spie­len, in das sein Va­ter ihn als Kind mit­ge­nom­men hat­te, um ein Spiel ge­gen Her­t­ha BSC an­zu­se­hen. Da­mals, in den spä­ten 80er-Jah­ren, reis­ten die Bun­des­li­ga­ver­ei­ne zu den Spie­len in­ner­halb der Bun­des­re­pu­blik oft im Mann­schafts­bus an. Wäh­rend vie­le sei­ner Mit­spie­ler Kar­ten spiel­ten oder Mu­sik hör­ten, nutz­te Klins­mann die freie Zeit oft da­mit, Fan­post zu le­sen und zu be­ant­wor­ten. Er ent­schied sich sehr früh, die­se Brie­fe nicht mit nach Hau­se zu neh­men. Es war der Pro­zess, Pri­vat­le­ben und Be­ruf zu tren­nen. Er ist sich auch hier­bei seit­dem treu ge­blie­ben.

Das An­se­hen des Sports, den vie­le so lieb­ten, war durch Skan­da­le in den frü­hen 80er-Jah­ren be­fleckt wor­den. Klins­manns be­ein­dru­cken­de ers­te Sai­son, sei­ne ener­gie­ge­la­de­ne Spiel­wei­se so­wie sei­ne über­schwäng­li­che, un­ge­hemm­te Freu­de, wenn er ein Tor er­ziel­te, er­wie­sen sich als will­kom­me­ne Er­fri­schung für vie­le Fans, die sich nach neu­en Ge­sich­tern und ei­nem neu­en Start sehn­ten. Klins­manns zwei­te Sai­son in der Bun­des­li­ga 1985/86 be­gann nicht so gut wie die ers­te. Hel­mut Bent­haus war der Trai­ner in sei­ner ers­ten Sai­son, aber er wur­de er­setzt durch Otto Ba­ric. Al­ler­dings feu­er­te der VfB Stutt­gart Ba­ric im März.

Die Spie­ler hat­ten sich mit Ba­ric schwer­ge­tan, der aus­ge­spro­chen kri­tisch den meis­ten ge­gen­über war. Un­mit­tel­bar nach­dem der Kroa­te weg war, schoss Klins­mann im nächs­ten Spiel fünf Tore für Stutt­gart und hat­te da­mit einen maß­geb­li­chen An­teil an Stutt­garts 7:0-Sieg ge­gen Düs­sel­dorf. Da­mit war er ei­ner von nur elf Bun­des­li­ga­spie­lern, die je­mals fünf Tore in ei­nem ein­zi­gen Spiel ge­schos­sen hat­ten.

„Stutt­gart hat­te Ba­ric eine Wo­che zu­vor ent­las­sen“, er­zählt Klins­mann, wäh­rend er zu­gibt, dass er sich mit Ba­ric ein­fach nicht ver­stan­den hat­te. „Als der Co-Trai­ner über­nahm, fühl­te ich mich wie­der frei und selbst­be­wusst. Und ich zeig­te das gleich im nächs­ten Spiel.“

Ba­rics Nach­fol­ger, Wil­li En­ten­mann, ge­lang es, das Ru­der he­r­um­zu­rei­ßen und der VfB schaff­te es bis ins DFB-Po­kal­fi­na­le.

In die­sem Po­kalend­spiel im Mai 1986 stan­den sich zwei Erst­li­gis­ten ge­gen­über, der VfB und Bay­ern Mün­chen. Der Fa­vo­rit Bay­ern Mün­chen ge­wann vor 70.000 Zu­schau­ern im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on mit 5:2. Klins­mann hat­te eine ent­schei­den­de Rol­le da­bei ge­spielt, dass sein Team über­haupt so weit ge­kom­men war. Von der Nie­der­la­ge war er am Bo­den zer­stört und brach hin­ter­her in al­ler Öf­fent­lich­keit in Trä­nen aus. Die be­we­gen­den Bil­der von Klins­mann, wie er sei­nen Ge­füh­len frei­en Lauf ließ, bo­ten den Deut­schen einen will­kom­me­nen Ein­druck sei­ner Lei­den­schaft. Es zeig­te ih­nen, dass es tat­säch­lich Spie­ler gab, die ge­nau­so stark emp­fan­den wie sie sel­ber. Es war ein kur­zer, aber be­deu­ten­der Mo­ment, der half, die Po­pu­la­ri­tät und die öf­fent­li­che Un­ter­stüt­zung für den Fuß­ball wie­der­zu­ge­win­nen. Das vor­aus­ge­gan­ge­ne Jahr­zehnt war – wie ge­sagt – schwie­rig für den Fuß­ball in der Bun­des­re­pu­blik ge­we­sen, ver­stärkt von der in der Öf­fent­lich­keit vor­herr­schen­den Mei­nung, dass der Sport be­reits durch zu viel Kom­merz un­ter­wan­dert und vie­le Spie­ler über­be­zahlt und zu we­nig leis­tungs­be­reit sei­en.

Das Tor, das ihn be­kannt mach­te

Klins­manns Kar­rie­re ent­wi­ckel­te sich in sei­ner drit­ten Sai­son in Stutt­gart präch­tig. Er wur­de nicht nur für sei­ne Kopf­ball­stär­ke und sei­ne Fä­hig­keit, die Bäl­le so ins Tor zu be­för­dern, be­kannt, son­dern auch für sei­ne Cle­ver­ness, zum To­rab­schluss zu kom­men. Er be­saß den nö­ti­gen „Kil­ler­in­stinkt“, jede sich ihm bie­ten­de Chan­ce vor dem Tor zu nut­zen. Klins­mann ver­füg­te au­ßer­dem über her­vor­ra­gen­de Tech­nik­fä­hig­kei­ten und konn­te die geg­ne­ri­sche Ver­tei­di­gung oft aus­spie­len, be­vor er zu ei­nem kraft­vol­len Schuss an­setz­te. Sei­ne ele­gan­ten Ak­tio­nen, sich frei­zu­lau­fen, sei­ne blitz­schnel­len, in­tel­li­gen­ten Kurs­kor­rek­tu­ren, sein Ta­lent, Päs­se zu hal­ten und jede noch so klei­ne Ge­le­gen­heit in ein Tor zu ver­wan­deln, fin­gen an, für Auf­merk­sam­keit zu sor­gen.

In der Sai­son 1987/88 schoss er 19 Tore und wur­de als er­folg­reichs­ter Tor­schüt­ze der 1. Bun­des­li­ga und als Fuß­bal­ler des Jah­res aus­ge­zeich­net. Bei der Wahl zum Fuß­bal­ler des Jah­res ge­wann er die­sen Ti­tel mit der Re­kord­zahl von 70 % der Stim­men al­ler 785 teil­neh­men­den deut­schen Sport­jour­na­lis­ten. Für den 23-jäh­ri­gen Klins­mann be­deu­te­te die­se Sai­son einen phä­no­me­na­len Er­folg. Das viel­leicht denk­wür­digs­te Tor war ein spek­ta­ku­lä­rer Fall­rück­zie­her, der Stutt­gart den Weg zu ei­nem 3:0-Er­folg über Bay­ern Mün­chen be­rei­te­te. Die­ses Er­öff­nungs­tor sorg­te auch beim da­ma­li­gen Trai­ner der Na­tio­nalelf, Franz Be­cken­bau­er, für Auf­se­hen und rück­te ihn in den Fo­kus ver­schie­de­ner eu­ro­päi­scher Spit­zen­mann­schaf­ten. Die­ser akro­ba­ti­sche Schlag ge­gen die Bay­ern wur­de von mehr als 300.000 Fern­seh­zu­schau­ern spä­ter zum pres­ti­ge­träch­ti­gen Tor des Jah­res ge­wählt.

Die Spiel­se­quenz hat­te mit ei­nem lan­gen punkt­ge­nau­en Pass von Stutt­garts Spiel­ma­cher Ás­geir Si­gur­vin­son aus der Mit­te in den Straf­raum zu Gün­ther Schä­fer rechts au­ßen be­gon­nen. Schä­fer schoss den Ball di­rekt zu­rück in die Mit­te des Straf­raums. Sei­ne Flan­ke schi­en zu­nächst zu hoch und zu weit vom Tor ent­fernt zu sein, um eine Ge­fahr dar­zu­stel­len. Dann je­doch wir­bel­te plötz­lich Klins­mann in der Mit­te he­r­um und warf sich mit dem Rücken zum Tor in einen per­fekt ge­tim­ten Fall­rück­zie­her. Mit sei­nem fast zwei Me­ter in die Luft ra­gen­den rech­ten Bein schmet­ter­te er den Ball, kopf­über und in Rücken­la­ge, ins Tor. Zwei Münch­ner Ver­tei­di­ger so­wie Tor­wart Jean-Ma­rie Pfaff sa­hen ehr­fürch­tig und ver­dutzt zu, wäh­rend sie zu ver­ste­hen ver­such­ten, was sich im Bruch­teil von Se­kun­den vor ih­ren Au­gen ab­ge­spielt hat­te.

Der Fall­rück­zie­her ist eine der spek­ta­ku­lärs­ten Ar­ten, ein Tor zu schie­ßen. Bril­lant, wenn es klappt, ein­fach blöd, wenn es miss­lingt. Klins­manns Fall­rück­zie­her ge­gen die Bay­ern war ei­ner der Spit­zen­klas­se und kaum zu top­pen. Das Ti­ming, die schein­bar un­er­reich­ba­re Höhe des Balls, als er ihn wie schwe­re­los be­rühr­te, so­wie die Ge­schwin­dig­keit des Schus­ses hat­ten in die­sem Top-Spiel et­was aus­ge­spro­chen Künst­le­ri­sches. Bil­der und Mit­schnit­te die­ses Tors gin­gen um die gan­ze Welt und gra­vier­ten Klins­manns Na­men in das Ge­dächt­nis vie­ler Fuß­ball­fans.

„Es war rei­ner In­stinkt“, sagt Klins­mann. „Für mich war das kei­ne große Sa­che. Wir ge­wan­nen das Spiel 3:0 und rück­bli­ckend war das ei­ner der schöns­ten Mo­men­te, die ich in Stutt­gart hat­te – Bay­ern Mün­chen zu Hau­se 3:0 zu schla­gen und ein Fall­rück­zie­her-Tor zu schie­ßen.“

Für die deut­schen Fuß­ball­fans war es in je­dem Fall eine große Sa­che, und in den Wo­chen dar­auf hör­ten sie nicht auf, da­von zu re­den. Auch Be­cken­bau­er hat­te Klins­mann spä­tes­tens seit­dem auf dem Schirm, ge­nau wie spek­ta­ku­lä­re Tore bei star­ken ge­ne­rel­len Leis­tun­gen im­mer wie­der ge­hol­fen ha­ben, die in­ter­na­tio­na­le Kar­rie­re von Spie­lern in Gang zu brin­gen. Da­vid Beck­hams Tor 1996 aus dem Mit­tel­feld führ­te bei­spiels­wei­se zu sei­ner ers­ten Be­ru­fung in die eng­li­sche Na­tio­nal­mann­schaft.

„Ein Fall­rück­zie­her ist et­was Be­son­de­res für einen Stür­mer, dar­an gibt’s kei­nen Zwei­fel. Es ist et­was, was man lie­bend ger­ne macht“, er­zählt Klins­mann. „Du träumst als Spie­ler da­von, eins zu schie­ßen, aber wenn du dann eins in ei­nem rich­tig großen Heim­spiel vor 70.000 Zu­schau­ern und ge­gen Bay­ern Mün­chen schießt, ist das so­gar noch bes­ser. Ich fing ge­nau wie an­de­re Kin­der als Acht­jäh­ri­ger an, Fall­rück­zie­her zu trai­nie­ren. Ich wuss­te, dass ich sie blind konn­te, weil ich sie schon so lan­ge mach­te, und dann schießt du eins ge­gen Bay­ern Mün­chen vor den ei­ge­nen Fans und flippst aus, aber letzt­end­lich hast du nur ge­tan, was du im Trai­ning schon im­mer ge­tan hast.“

Die­ser Fall­rück­zie­her sorg­te schließ­lich am Ende des Jah­res für sei­ne ers­te Be­ru­fung von Be­cken­bau­er in die Na­tio­nal­mann­schaft für zwei Spie­le in Süd­ame­ri­ka. Dies war ein enorm wich­ti­ger Schritt in sei­ner Kar­rie­re, der be­deu­te­te das er zu den zwei bis drei Dut­zend bes­ten Spie­lern der Bun­des­re­pu­blik ge­hör­te und ein Kan­di­dat für das Eu­ro­pa­meis­ter­schafts­team von 1988 war, das in we­ni­ger als ei­nem Jahr zu­sam­men­ge­stellt wer­den wür­de. „Es war das Tor, das mir auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne die Tü­ren öff­ne­te. Einen Mo­nat spä­ter be­rief Franz Be­cken­bau­er mich in die Na­tio­nal­mann­schaft, und kurz dar­auf hat­te ich mei­nen ers­ten in­ter­na­tio­na­len Auf­tritt. Des­halb war die­ses Tor so be­son­ders für mich. Dei­ne gan­ze Welt än­dert sich nach ei­nem sol­chen Tor“, sagt Klins­mann. „Es macht dich vom na­tio­na­len Spie­ler zum in­ter­na­tio­na­len Spie­ler.“

Klins­manns Fall­rück­zie­her war nicht das ein­zi­ge Un­ge­wöhn­li­che, das an dem küh­len Nach­mit­tag im Stutt­gar­ter Neckar­sta­di­on pas­sier­te. Ge­gen Ende des Spiels, als Stutt­gart 2:0 führ­te, brach­te Bay­erns Ver­tei­di­ger Nor­bert Nacht­weih Klins­mann mit ei­ner har­ten und un­nö­ti­gen At­ta­cke zu Fall. Er woll­te an den Ball kom­men, aber nie­te­te statt­des­sen Klins­mann um. Der Schieds­rich­ter, Die­ter Pau­ly, war di­rekt zur Stel­le und pfiff das Foul von Nacht­weih. Pau­ly griff in sei­ner Ho­sen­ta­sche nach der Gel­ben Kar­te ge­gen Nacht­weih. Da dies Nacht­weihs zwei­te Gel­be Kar­te in dem Spiel ge­we­sen wäre, hät­te es einen Platz­ver­weis be­deu­tet und die Bay­ern hät­ten die ver­blei­ben­de Zeit mit nur zehn Spie­lern aus­kom­men müs­sen. Aber Klins­mann sah, was kom­men wür­de und eil­te hin­zu. Er in­ter­ve­nier­te zu­guns­ten des Bay­ern­spie­lers und fleh­te Pau­ly an, Nacht­weih nicht mit ei­ner wei­te­ren Gel­ben Kar­te zu be­stra­fen, auch wenn ein Platz­ver­weis Stutt­gart ge­hol­fen hät­te, den Sieg zu si­chern. Es war ein au­ßer­ge­wöhn­lich sel­te­ner Akt Sports­geis­tes. Klins­mann sag­te dem Schieds­rich­ter, dass das Foul nicht so schlimm ge­we­sen sei und eine Gel­be Kar­te nicht recht­fer­ti­ge.

Der Schieds­rich­ter konn­te kaum glau­ben, was er hör­te, und nach ei­nem kur­zen Mo­ment des leich­ten Schocks und der Ver­wun­de­rung steck­te er die Gel­be Kar­te zu­rück in sei­ne Ta­sche. Dies al­les pas­sier­te sehr schnell und nicht je­der im Sta­di­on hat­te mit­be­kom­men, was ge­sche­hen war, und Pau­ly mach­te es sich da­her zur Auf­ga­be, Sportre­por­tern nach dem Spiel da­von zu er­zäh­len. „Es ist so eine wun­der­ba­re Ge­schich­te, dass die Welt da­von er­fah­ren soll­te“, er­zähl­te Pau­ly ih­nen. Bay­ern Mün­chens Ma­na­ger, Uli Hoe­neß, war so von Klins­manns Ges­te ein­ge­nom­men, dass er ex­tra in die Um­klei­de­ka­bi­ne der Stutt­gar­ter ging, um ihm zu dan­ken und ihm sag­te, dass solch sport­li­ches Ver­hal­ten dem Sport gut­tä­te.

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter ver­sucht Klins­mann den Zwi­schen­fall he­r­un­ter­zu­spie­len: „Ich wuss­te, dass er schon eine Gel­be Kar­te hat­te und als ich sah, wie der Schieds­rich­ter in sei­ne Ta­sche griff, sag­te ich ein­fach in­stink­tiv: Hey, so schlimm war’s nicht. Es war ein Foul, aber nicht so schlimm. Ich hat­te vor­her nicht dar­über nach­ge­dacht. Es war rei­ner In­stinkt. Wir führ­ten 2:0 und das Spiel war be­reits ge­lau­fen, und ich dach­te mir: Nein, nicht jetzt, schick jetzt nie­man­den vom Platz. Es war wirk­lich kei­ne große Sa­che für mich.“

Aber die­se Ges­te großen Sports­geis­tes sorg­te in der Bun­des­re­pu­blik für große Auf­merk­sam­keit. Die Fans woll­ten nach ei­ner schwie­ri­gen Zeit in den 80er-Jah­ren wie­der an das Gute in ih­rem Sport glau­ben. Fuß­ball war im­mer noch der bei wei­tem po­pu­lärs­te Sport, aber er war durch ei­ni­ge frag­wür­di­ge Äu­ße­run­gen und das Ver­hal­ten von Spie­lern auf und ab­seits des Plat­zes in Miss­kre­dit ge­ra­ten. Nach­dem die Liga sich von ei­nem Spiel­ma­ni­pu­la­ti­onss­kan­dal An­fang der 70er-Jah­re er­holt hat­te, in den Spie­ler von Clubs wie Ar­mi­nia Bie­le­feld ver­wi­ckelt wa­ren, fiel die durch­schnitt­li­che Zu­schau­er­zahl kon­ti­nu­ier­lich von 26.000 pro Spiel am Ende der 70er auf 17.600 im Jahr 1984/85. Die Bun­des­li­ga­spie­le gli­chen oft reiz­lo­sen Rauf­spie­len und der FC Bay­ern Mün­chen, der in zehn Jah­ren sechs­mal Meis­ter wur­de, do­mi­nier­te die Liga mit er­drücken­der Re­gel­mä­ßig­keit. Die Kluft zwi­schen den Spie­lern und Zu­schau­ern wur­de in den 80ern noch da­durch ver­grö­ßert, dass die Ge­häl­ter der Top-Ver­die­ner in der Bun­des­li­ga sich ver­acht­fach­ten. Sol­che Spit­zen­ge­häl­ter wa­ren für nor­ma­le Bür­ger in der Bun­des­re­pu­blik zu­nächst nur schwer vor­stell­bar, selbst wenn si­cher­lich bei wei­tem nicht je­der Spie­ler auch nur an­nä­hernd so viel ver­dien­te. Vie­le wa­ren der An­sicht, dass das Ver­hält­nis zwi­schen den Ge­häl­tern, die ein­fa­che Ar­bei­ter oder so­gar Leu­te in Füh­rungs­po­si­tio­nen ver­dien­ten und dem Ein­kom­men der Fuß­ball­stars kei­ne so große Dif­fe­renz be­ste­hen soll­te, vor al­lem, wenn die Spie­ler kei­nen vol­len Ein­satz zeig­ten.

Durch die WM von 1982 wur­den die Pro­ble­me der 80er ver­schlim­mert und die Di­stanz zwi­schen Fans und Spie­lern ver­grö­ßert, als die deut­sche Mann­schaft in Spa­ni­en in zwei un­rühm­li­che Spie­le ver­wi­ckelt war. Als Ers­tes er­ziel­ten sie in ih­rem letz­ten Grup­pen­spiel einen skan­da­lö­sen 1:0-Sieg ge­gen Ös­ter­reich, spä­ter be­kannt als „Schan­de von Gi­jón“.

Das 1:0 war ein Er­geb­nis, das nach nur zehn Mi­nu­ten er­reicht wur­de und durch wel­ches bei­de Mann­schaf­ten wei­ter­ka­men. Aber bei­de Mann­schaf­ten stell­ten jeg­li­che An­stren­gun­gen ein, nach­dem die­ser Spiel­stand er­reicht war. Fuß­ball­fans auf der gan­zen Welt, vor al­lem auch in Deutsch­land und Ös­ter­reich, wa­ren em­pört. Der deutsch-ös­ter­rei­chi­sche Nicht­an­griffs­pakt, wie er auch ge­nannt wur­de, war eine ge­mein­schaft­li­che Far­ce, die Al­ge­ri­en um sei­nen ver­dien­ten Platz in der Run­de der letz­ten 16 brach­te und die das An­se­hen der be­tei­lig­ten Teams ge­nau­so wie die Welt­meis­ter­schaft selbst be­schmutz­te. Nach­dem Deutsch­land in der zehn­ten Mi­nu­te ein Tor ge­schos­sen hat­te, das ein Er­geb­nis pro­du­zier­te, wel­ches bei­den Mann­schaf­ten das Wei­ter­kom­men ga­ran­tier­te, schie­nen sie kom­plett mit dem Spie­len auf­zu­hö­ren. In den ver­blei­ben­den 80 Spiel­mi­nu­ten kick­ten sie den Ball harm­los hin und her, schein­bar ohne jeg­li­che An­stren­gung zu un­ter­neh­men, einen Vor­stoß in Rich­tung des geg­ne­ri­schen Tors un­ter­neh­men zu wol­len. Es wur­de als solch eine Ver­höh­nung des Sports an­ge­se­hen, dass die FIFA im An­schluss dar­an die Re­geln da­hin­ge­hend ver­än­der­te, dass alle letz­ten Spie­le ei­ner Grup­pe si­mul­tan aus­ge­tra­gen wer­den, da­mit sol­che Schum­me­lei­en in Zu­kunft nicht mehr pas­sie­ren kön­nen. Der deut­sche Fern­seh­kom­men­ta­tor Eber­hard Stan­jek war so ver­zwei­felt über den Man­gel an Be­mü­hung, dass er fast zu wei­nen an­fing: „Das, was hier pas­siert, ist eine Schan­de und hat mit Fuß­ball nichts zu tun.“ Als deut­sche Fans nach dem Spiel zum Mann­schafts­ho­tel fuh­ren, um ih­rem Un­mut Aus­druck zu ver­lei­hen, ver­schlim­mer­ten ei­ni­ge Spie­ler die An­ge­le­gen­heit, in­dem sie aus den Fens­tern in den obe­ren Stock­wer­ken Was­ser­bom­ben auf die Fans war­fen.

Die deut­schen Spie­ler zeig­ten kei­ner­lei Schuld­be­wusst­sein oder Reue be­züg­lich des er­geb­ni­s­ori­en­tier­ten Spiels ge­gen Ös­ter­reich. Sie hat­ten, ab­ge­se­hen von dem, was man als „Fair Play“ be­zeich­net, kei­ner­lei Re­geln ge­bro­chen. Sie freu­ten sich, spä­ter das Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich be­strei­ten zu kön­nen, in dem Tor­wart Toni Schu­ma­cher für den nächs­ten Skan­dal sorg­te: Er schlug den fran­zö­si­schen Stür­mer Pa­trick Bat­ti­ston be­wusst­los, als er einen Ball am Ran­de des Straf­raums ab­fan­gen woll­te. Es war eine At­ta­cke, nach der Bat­ti­ston mit ei­ner schwe­ren Rücken­ver­let­zung am Bo­den lie­gen blieb. Schu­ma­cher hat­te Bat­ti­ston au­ßer­dem zwei Front­zäh­ne aus­ge­schla­gen und Bat­ti­ston fiel ins Koma. Schu­ma­chers Re­ak­ti­on auf die Ver­let­zung war eine wei­te­re Be­lei­di­gung. Er be­trach­te­te den am Bo­den lie­gen­den Fran­zo­sen mit ge­lang­weil­ter Miss­ach­tung. Im An­schluss an das Spiel ver­schlim­mer­te er die Lage wei­ter, in­dem er bar je­der Ge­fühls­re­gung an­bot, die Kos­ten für Bat­ti­stons Zahn­re­pa­ra­tur über­neh­men zu wol­len. Die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik und Frank­reich kühl­ten sich nach dem Spiel, das die Deut­schen im Elf­me­ter­schie­ßen ge­wan­nen, merk­lich ab. Es blieb für Jahr­zehn­te in Frank­reich eine strit­ti­ge An­ge­le­gen­heit. Das An­se­hen in der Öf­fent­lich­keit wur­de durch einen wei­te­ren Zwi­schen­fall ge­trübt, als ein deut­scher Spie­ler Jour­na­lis­ten mit Was­ser über­schüt­te­te, nach­dem in den Me­di­en be­rich­tet wor­den war, dass ei­ni­ge Spie­ler im WM-Vor­be­rei­tungs­camp hef­tig ge­trun­ken hät­ten.

Ge­gen Ende der 80er sehn­te sich das Land mit dem stol­zen Fuß­bal­ler­be nach neu­en un­ver­brauch­ten Ta­len­ten. Fuß­ball­fans woll­ten das Spiel wie­der lie­ben kön­nen. Und Spie­ler wie Klins­mann, der sei­ne Tore mit un­ge­brems­ter Freu­de fei­er­te und Nie­der­la­gen so schwer­nahm, wie sie es auch ta­ten, schi­en zu ver­kör­pern, wo­nach vie­le Fans sich zu ver­zeh­ren schie­nen.

Das De­büt ge­gen Bra­si­li­en

Klins­manns har­te Ar­beit zahl­te sich ein­mal mehr aus. Er hat­te mit dem VfB Stutt­gart 1987/88 einen ers­ten ver­lo­cken­den Ein­druck vom in­ter­na­tio­na­len Fuß­ball be­kom­men, als Stutt­gart im UEFA-Po­kal (heu­te UEFA Eu­ro­pa League) spiel­te. Klins­mann ge­noss die Ge­le­gen­heit, zwi­schen den Bun­des­li­ga­spie­len am Wo­chen­en­de ins Aus­land rei­sen zu kön­nen, um sich mit den bes­ten Mann­schaf­ten Eu­ro­pas zu mes­sen. Der UEFA-Po­kal mach­te ihm Lust auf mehr Spie­le, auf mehr in­ter­na­tio­na­len Fuß­ball.

Im UEFA-Po­kal setz­te sich der VfB Stutt­gart in der ers­ten Run­de er­folg­reich ge­gen Spar­tak Trna­va aus der Tsche­cho­slo­wa­kei durch, muss­te sich aber in der zwei­ten Run­de ge­gen Tor­pe­do Mos­kau ge­schla­gen ge­ben. Klins­mann freu­te sich den­noch dar­über, an­de­re eu­ro­päi­sche Städ­te ken­nen­zu­ler­nen und er­in­nert sich zum Bei­spiel gern an Mos­kau, wo er den Ro­ten Platz zu se­hen be­kam. Er war ent­schlos­sen, das Bes­te aus den Rei­sen zu ma­chen, frem­de Städ­te ken­nen­zu­ler­nen, und er schwor sich, das auch in Zu­kunft wei­ter zu tun. Er blieb die­sem Grund­satz wäh­rend sei­ner gan­zen Zeit als Spie­ler treu und setz­te dies auch als Trai­ner fort.

Klins­mann wur­de im Herbst 1987 für die Olym­pia­mann­schaft no­mi­niert, die auch als U-23 be­kannt ist, weil die FIFA pro Mann­schaft nur drei Spie­ler, die äl­ter als 23 sind, für die Olym­pi­schen Spie­le zu­lässt. Er war vol­ler En­thu­si­as­mus über die Chan­ce, bei den Olym­pi­schen Spie­len ein Jahr spä­ter spie­len zu dür­fen. Dank sei­ner star­ken Leis­tun­gen in der U-23 und beim VfB Stutt­gart wur­de Klins­mann von Be­cken­bau­er auch in die Na­tio­nal­mann­schaft be­ru­fen.

Bei sei­nem ers­ten in­ter­na­tio­na­len Auf­tritt für die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft am 12.12.1987 ge­gen Bra­si­li­en in Brasí­lia spiel­te Klins­mann über die vol­le 90-mi­nü­ti­ge Spiel­zeit in ei­nem Spiel, das mit ei­nem 1:1-Un­ent­schie­den en­de­te. Es war der ers­te von Klins­manns 108 in­ter­na­tio­na­len Ein­sät­zen für sein Land, die über die nächs­ten zehn Jah­re fol­gen soll­ten.

Klins­mann an sechs­ter Stel­le al­ler deut­schen Na­tio­nal­spie­ler, be­zo­gen auf die Zahl sei­ner Ein­sät­ze. Er spiel­te auch in dem Spiel ge­gen Ar­gen­ti­ni­en vier Tage spä­ter, das die Deut­schen 0:1 ver­lo­ren. Klins­mann ern­te­te in die­sem Spiel, mit Die­go Ma­ra­do­na als Coun­ter­part, der da­mals als der welt­bes­te Spie­ler galt, po­si­ti­ve Kri­ti­ken. „Es war be­ein­dru­ckend, wie Jür­gen sich da drau­ßen be­haup­te­te“, sag­te Be­cken­bau­er über des­sen Leis­tung in den zwei Spie­len und füg­te hin­zu, dass Klins­mann sei­ner Mei­nung nach ge­zeigt habe, dass er den an­de­ren Stamm-Stür­mern, Rudi Völ­ler und Klaus Al­lofs, eben­bür­tig sei. Sechs Mo­na­te vor der EM im ei­ge­nen Lan­de war dies eine wich­ti­ge Be­stä­ti­gung.

Nach zwei Freund­schaftss­pie­len in Süd­ame­ri­ka er­hielt Klins­mann einen wei­te­ren Ein­druck von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und ih­rer enor­men Grö­ße. Er flog nach San Fran­cis­co und von dort wei­ter nach Ha­waii, wäh­rend der Rest der Mann­schaft zu­rück nach Deutsch­land ge­flo­gen war, um dort die Weih­nachts­fe­ri­en zu ver­brin­gen. Er hat­te zwei en­gen Freun­den, Ste­fan Barth aus sei­ner Zeit in Geis­lin­gen und sei­nem Mann­schafts­ka­me­ra­den Rai­ner Zietsch aus Stutt­gart, ver­spro­chen, sie auf Ha­waii zu tref­fen. „Mei­ne zwei bes­ten Freun­de und ich hat­ten einen ge­mein­sa­men Ur­laub ge­plant, be­vor der Ruf in die Na­tio­nal­mann­schaft kam“, er­zählt er. „Sie woll­ten schon im­mer nach Ha­waii flie­gen. Ich kann­te mich da­mals in Geo­gra­fie noch nicht so gut aus und sag­te ih­nen, dass ich ja schon in Süd­ame­ri­ka sei und sie in Ha­waii tref­fen könn­te. Es war wie: Ihr Jungs seid schon da und ich tref­fe euch dann dort. Der DFB buch­te also einen Flug von Bue­nos Ai­res nach Mi­a­mi, von dort nach San Fran­cis­co und wei­ter nach Ha­waii. Ich hat­te nicht die lei­ses­te Ah­nung, was auf mich zu­kom­men wür­de. Es war ein lan­ger Flug nach dem an­de­ren. Aber so kam ich zum ers­ten Mal nach Ha­waii. Wir hat­ten eine fan­tas­ti­sche Zeit.“ Die drei sind auch heu­te noch eng be­freun­det: Barth ist der Ge­schäfts­füh­rer der Kinder­hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Aga­pe­dia, die Klins­mann 1995 ge­grün­det hat, und Zietsch ist der Lei­ter der Nürn­ber­ger Ju­gend­fuß­bal­l­aka­de­mie.

Klins­mann ge­noss sei­ne ers­ten Rei­sen in die USA in vol­len Zü­gen und lern­te ei­ni­ge neue Freun­de in Ka­li­for­ni­en ken­nen. „Ich will völ­lig raus aus dem All­tag. Das ist doch für einen Fuß­ball­pro­fi die ein­zi­ge Mög­lich­keit, sei­ne in­ne­re Ruhe wie­der­zu­fin­den“, er­zähl­te er Ei­tel in Jür­gen Klins­mann und füg­te hin­zu, dass er sich freu­te, sein Eng­lisch ver­bes­sern zu kön­nen und mehr über die USA zu ler­nen. „Die meis­ten (mei­ner Freun­de in den USA) wis­sen, dass ich Fuß­ball­spie­ler bin, aber sie kön­nen sich kaum et­was dar­un­ter vor­stel­len.“

Auch in Deutsch­land in­ter­es­sier­te er sich be­son­ders für das Le­ben au­ßer­halb des Fuß­balls. Mit Ei­tels Hil­fe or­ga­ni­sier­te er ein Tref­fen mit den In­sas­sen ei­nes Ju­gend­ge­fäng­nis­ses in der Nähe von Heil­bronn. Er woll­te mehr über ihr Le­ben er­fah­ren. „Ich woll­te auch wis­sen, wie es da zu­geht. Ich habe mir viel­mehr Ge­dan­ken dar­über ge­macht, wo die Ur­sa­chen da­für lie­gen“, sag­te er mit Be­zug auf die Ver­ge­hen, we­gen de­rer die jun­gen Män­ner ins Ge­fäng­nis ge­kom­men wa­ren.

Das ers­te sei­ner 47 Tore für sein Land schoss Klins­mann schließ­lich am 27. April 1988 in ei­nem 1:0-Freund­schaftss­piel ge­gen die Schweiz. Es war sein vier­ter Ein­satz in der Na­tio­nal­mann­schaft vor dem Be­ginn der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 1988 zu Hau­se, das ei­nes von sechs in­ter­na­tio­na­len Tur­nie­ren war, die er als Spie­ler für Deutsch­land be­stritt: die Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten 1988, 1992 und 1996 so­wie die Welt­meis­ter­schaf­ten 1990, 1994 und 1998.

Bei der EM ’88 half Klins­mann der bun­des­deut­schen Mann­schaft mit sechs star­ken Auf­trit­ten, ins Halb­fi­na­le zu kom­men. Er gab über zehn Jah­re im­mer al­les für sein Land und glänz­te bei al­len sechs Tur­nie­ren im rich­ti­gen Mo­ment mit bril­lan­ten Leis­tun­gen. Klins­mann sagt, dass er im­mer das Bes­te aus je­dem Tur­nier ma­chen woll­te, auch aus den klei­nen, und dass er nie­mals mit dem Ge­fühl nach Hau­se ge­hen woll­te, dass er oder sei­ne Mann­schaft hät­te bes­ser spie­len kön­nen. „Gib mir ein Tur­nier, ich habe sie im­mer ge­nos­sen“, ist sei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, warum er of­fen­bar stets in der Lage war, in den Tur­nie­ren sei­ne Leis­tung zu stei­gern. Die Deut­schen ha­ben in­ter­na­tio­nal lan­ge in dem Ruf ge­stan­den, gute „Tur­nier­mann­schaf­ten“ her­vor­zu­brin­gen. Teams, die zwi­schen den Tur­nie­ren mal bes­ser und mal schlech­ter spiel­ten, die aber dann, wenn es dar­auf an­kam, zur Höchst­form auf­lie­fen, wie bei den WMs und EMs nach Ende der Grup­pen­pha­se und mit dem Be­ginn der K.-o.-Run­den. In die­sem Sin­ne war Klins­mann ein „Tur­nier­spie­ler“, der auch am al­ler­bes­ten zu spie­len schi­en, wenn der Ein­satz be­son­ders hoch war. „Ich konn­te den Be­ginn ei­nes Tur­niers im­mer kaum ab­war­ten. Ich spür­te ir­gend­wie, dass dies Au­gen­bli­cke wa­ren, die nie­mals wie­der­kom­men wür­den. Mit dei­ner Mann­schaft hast du die re­gu­lä­re Sai­son und klar, du willst die Meis­ter­schaft ge­win­nen. Du willst mit dei­nem Club auf na­tio­na­ler Ebe­ne gut ab­schnei­den, aber die Sai­son ist lang, und du wirst wäh­rend­des­sen gute und schlech­te Spie­le ha­ben. In ei­ner kom­pri­mier­ten Si­tua­ti­on wie ei­ner Welt­meis­ter­schaft oder ei­ner Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ist es ein­fach, sich zu sa­gen, du gibst jetzt bes­ser mal Gas, weil du dir nicht sa­gen kannst, dass du ja noch lan­ge Zeit hast.“

Klins­mann er­zählt, dass er je­des Mal mit gu­tem Ge­wis­sen von sich sa­gen konn­te, al­les ge­ge­ben zu ha­ben, ob­wohl er mit dem Er­geb­nis die­ser sechs Tur­nie­re nicht im­mer ein­ver­stan­den war, da die Deut­schen nur zwei da­von ge­wan­nen. Ei­ni­ge der welt­bes­ten Spie­ler tauch­ten bei großen Tur­nie­ren auf dem Ra­sen buch­stäb­lich ab. Es sind Leis­tungs­ein­brü­che zur falschen Zeit, die ver­hin­dern, dass sie ihre sonst so glanz­vol­len Kar­rie­ren mit ei­nem Ti­tel krö­nen konn­ten. Aber nicht Klins­mann, der sei­ne Best­leis­tung für die Welt­meis­ter­schaf­ten und Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten auf­zu­he­ben schi­en. „Ich habe die­sen Mo­men­ten bei den großen Tur­nie­ren ent­ge­gen­ge­fie­bert“, er­zählt er. „Ich habe den Druck und die ho­hen Er­war­tun­gen und vor dem Tor einen küh­len Kopf zu be­wah­ren ge­liebt. Es hängt wirk­lich nur von dir selbst ab, si­cher­zu­stel­len, dass du mit dir im Rei­nen bist, so­bald das Tur­nier be­ginnt und dass du dir sa­gen kannst: Egal, wie’s aus­geht, ich habe ge­tan, was ich konn­te. Viel­leicht war es qua­li­ta­tiv nicht gut ge­nug, aber zu­min­dest von dei­ner Ein­stel­lung her willst du si­cher sein, dass du bis an dei­ne Gren­zen ge­gan­gen bist und al­les ge­tan hast, was du konn­test und al­les ge­ge­ben hast, was du hat­test. Des­we­gen hal­te ich es für sehr wich­tig, dass die Spie­ler sich be­wusst sind, dass die Tur­nie­re wahr­haft be­son­de­re, ein­ma­li­ge Au­gen­bli­cke sind, die nie wie­der­kom­men wer­den.“

1988 gab Klins­mann bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft im ei­ge­nen Land al­les, was er hat­te. Er schoss das ers­te Tor beim 2:0-Sieg über Dä­ne­mark, und er spiel­te eben­falls gut beim 2:0-Er­folg ge­gen Spa­ni­en. Ge­gen Ita­li­en spiel­ten die Deut­schen ein 1:1-Un­ent­schie­den. Aber die deut­sche Mann­schaft wur­de schließ­lich im Halb­fi­na­le vom Erz­ri­va­len Nie­der­lan­de mit ei­nem 1:2 in Ham­burg aus dem Tur­nier ge­kickt, nach­dem die Deut­schen zu­erst ein Tor ge­schos­sen hat­ten. Trotz der bit­te­ren Heim­nie­der­la­ge ge­gen die Nie­der­lan­de wur­de Klins­mann von den Me­di­en als Ent­de­ckung des Tur­niers ge­fei­ert. Er war nichts­des­to­trotz von der Halb­fi­nal­nie­der­la­ge am Bo­den zer­stört. Er sag­te spä­ter, er sei über­rascht und ent­täuscht ge­we­sen, als drei an­de­re Na­tio­nal­spie­ler im Bus an­fin­gen Kar­ten zu spie­len, als der Bus ge­ra­de vom Sta­di­on los­ge­fah­ren war, ge­ra­de so, als wäre nichts ge­sche­hen.

Am dar­auf­fol­gen­den Tag, als ein Jour­na­list ihn einen der „Ge­win­ner“ des Tur­niers nann­te, war Klins­mann ver­blüfft und ant­wor­te­te: „Was heißt da Ge­win­ner? Ich kann mich nicht als Ge­win­ner füh­len, wenn wir ge­ra­de ver­lo­ren ha­ben. Fuß­ball ist ein Mann­schafts­s­port“, zi­tiert Ro­land Ei­tel ihn.

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