Kitabı oxu: «Jürgen Klinsmann - Fußball ohne Grenzen»
Erik Kirschbaum
Jürgen Klinsmann
Fußball ohne Grenzen

Inhalt
Anmerkungen des Autors
Teil I: Klinsmann – die frühen Jahre
Wie alles begann
Der Anfang: die deutsche Einstellung
Der Aufstieg
Stuttgarter Kickers
Schule oder Fußball?
Die „Jungfernfahrt“ nach Amerika
Teil II: Deutschland, Italien, Monaco und England
Der Durchbruch in der Bundesliega
Fünf Tore
Das Tor, das ihn bekannt machte
Das Debüt gegen Brasilien
Der Umzug nach Italien
Gewinn des Weltmeistertitels 1990
Stark in Schweden
Von Mailand nach Monaco
Die Weltmeisterschaft in den USA
Anderes Klima in London
Zurück in Deutschland
Gewinn der Europameisterschaft in England
Die letzte Weltmeisterschaft
Teil III: Die deutsche Revolution
Ein Job, den andere nicht anfassen wollten
Ein Grillabend mit Folgen
Keine Zeit zu verlieren
Der neue Stil
„Made in USA“ für Deutschland
Der Confed Cup
Kritik wird laut
Patriotismus amerikanischer Art
Zeit für etwas Neues
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Teil IV: Bayern München
Bayern München aus anderer Perspektive
Teil V: Der Aufstieg des Fußballs in den USA
Eine Vision für den Fußball in Amerika
Die Lage der Dinge
Das Puzzle wird zusammengefügt
Die Intensität des Wettbewerbs
Der beste College-Fußball der Welt
Die Begeisterung für College-Sport
Landon Donovan
Erfahrungen in Europa
Warum gibt es in Europa so wenige amerikanische Fußballspieler?
Wie die amerikanischen Skifahrer dadurch gewannen, dass sie nach Europa gingen
Beschuss aus den eigenen Reihen
Amerikanische Anomalitäten
Zehn-Punkte-Plan
Nachwort
Glänzende Zukunft
Literaturhinweise
Bücher
Interviews mit dem Autor
Impressum
Danksagung
Manchmal lohnt es sich, gleichsam geduldig und hartnäckig zu sein. Seit fast zehn Jahren hegte ich den Wunsch, dieses Buch mit und über Jürgen Klinsmann zu schreiben, und ich hätte es ohne die viele Hilfe, die mir zuteil wurde, nicht geschafft. Ich möchte zuallererst Jürgen Klinsmann danken, dass er schließlich damit einverstanden war, mich diese Geschichte aufschreiben zu lassen, für seine Offenheit in unseren Gesprächen und für seine Hilfe bei den unbequemen Fragen. Ich danke ferner Warren Mersereau für all seine Fußballweisheiten und seine Unterstützung sowie Berti Vogts und Roland Eitel dafür, dass sie mir zahlreiche faszinierende Details verraten haben.
Dank gebührt außerdem Lindsey Vonn, Phil McNichol, Fabian Johnson, DeMarcus Beasley und Philipp Köster für ihre Zeit und Einblicke. Dank an Detlef Kessler und Axel Mütze vom AMA Verlag für ihre kräftige Unterstützung so wie auch an Michael Kammarman bei U.S. Soccer für seine Ideen. So sehr ich es auch mag, unter dem Druck einer Deadline zu arbeiten, war dieses die Frist, die mich bisher am meisten gefordert hat. Dank auch an Dr. Maike Kessler und Brigitte Windolph, die das Buch ins Deutsche gebracht haben. Und Dank auch an alle Freunde und Verwandte, die dieses Buch altruistisch gelesen und kritisiert haben und ganze Kapitel und Abschnitte infrage gestellt haben: Tom Wagner, Karolos Grohmann, Scott Reid, Iain Rogers, Mike Collett, Simon Evans, Joseph Nasr, David Crossland, Julie Kirschbaum, Martin Simon, Markus Büttner, Miriam Dieter, Ingrid Kirschbaum, Karin Scandella, Don Grant, Lisa Luera, Tom Heneghan, Michelle Martin, Steven Kirschbaum, Rick Ostrow, Nick Fellows, Dean Grant, Thomas Krumenacker, Herbert Rossler, Markus Lepper, John Blau, Alex Mleczko, René Wagner, Deyan Sabourian, Georg Merziger, Udo Grelzik, Ramona Böttcher, Rüdiger Jaeger, Orrey Dean Kennedy und Christian Eisenbarth.
Erik Kirschbaum
Berlin, August 2016
Anmerkungen des Autors
Gemeinsam mit Millionen amerikanischer Baby-Boomer wuchs ich, was Fußball betrifft, in den USA im Dunkeln auf. Zunächst leider ziemlich unfähig, die Attraktivität dieses Spiels zu schätzen und zu verstehen, in dem so wenige Tore fallen, das so anders und unamerikanisch schien, von dem es kaum Fernsehübertragungen gab, das so fremdländisch anmutete, blieben die Feinheiten und der Reiz des Fußballs über Jahrzehnte für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich konnte die Begeisterung für eine Sportart, bei der für so wenige Tore so viel herumgerannt wird, einfach nicht begreifen.
Wie Millionen uneingeweihter Amerikaner behielt ich die Scheuklappen auf, in unbekümmerter Unkenntnis der Finessen dieses Spiels, das dem Rest der Welt schon lange ganz einfach als „the beautiful game“ bekannt war. Weltmeisterschaftsspiele wurden in den USA bis 1982 nicht einmal im Fernsehen übertragen und erst seit der WM 1998 in Frankreich werden alle Spiele live übertragen, wie dies in den meisten Ländern der Welt schon lange der Fall war.
Demnach war es für mich als Teenager 1976, unterwegs zu meinem ersten Fußballspiel im Stadion – ein New-York-Cosmos-Play-off-Spiel –, ein Schock, als ein Freund versuchte mir klarzumachen, dass Fußball tatsächlich die weltweit beliebteste Sportart sei. Was? Niemals! Der Rest der Welt muss da komplett falschliegen, war unsere ethnozentrische Denkweise im Bus auf dem Weg zum Shea-Stadion, um das Spiel zu sehen. Ausländer waren vermutlich nicht in der Lage, die Feinheiten von amerikanischen Sportarten wie Fußball, Basketball und Baseball zu verstehen. Behaltet nur euren Fußball zusammen mit eurem seltsamen metrischen System! Abgesehen davon machte die Erkenntnis, dass die Welt den Fußball Sportarten wie American Football vorzog, das Spiel für mich umso rätselhafter. Wie bizarr, dass so viele Leute einen Sport spielten und verfolgten, in dem es nicht einmal erlaubt war, die Hände zu benutzen – die geschicktesten Körperteile!
Sogar viele Jahre später, nachdem ich 1982 zum ersten Mal in das fußballverrückte Deutschland umgezogen war, schenkte ich der Sportart kaum Beachtung. Stattdessen blieb ich bis weit nach Mitternacht europäischer Zeit auf, um verwackelte NFL- oder NBA-Übertragungen auf dem American Forces Network (AFN) zu verfolgen, ein Kanal ohne Werbeunterbrechungen, der für die amerikanischen Streitkräfte eingerichtet worden war, die in Westdeutschland stationiert waren. Ich spielte in der Freizeit Touch Football (sanftere Art des American Football, bei dem der Gegner berührt wird, statt zu Fall gebracht zu werden) mit anderen amerikanischen Expatriates, und wir waren die Exoten in den Parkanlagen, wo es überall sonst von spontanen Fußballspielen wimmelte. Und ich erinnere mich daran, wie ich in Diskussionen mit deutschen Freunden und Arbeitskollegen stur darauf beharrte, dass die National Football League (NFL), National Basketball League (NBA) und Major League Baseball (MLB) alle weit interessanter seien als die Fußball-Bundesliga in Westdeutschland und sogar als die Fußball-Weltmeisterschaft – aber all diese Argumente entstammten meiner Ignoranz und waren auf bedauerliche Weise engstirnig.
Die Offenbarung kam spät in meinem Leben, nämlich 2004, als ich schon weit über 40 war und insgesamt fast zwei Jahrzehnte in Deutschland, Österreich und England verbracht hatte. Es dämmerte mir plötzlich, warum Fußball in Ländern wie Deutschland und England so viel mehr als ein Sport ist und warum seine Beliebtheit Kulturen, Grenzen, Religion und Politik überschreitet. 2004 feierte Deutschland das 50-jährige Jubiläum seines ersten Weltmeistertitels von 1954 und der Deutschlandfunk sendete eine Wiederholung der Rundfunkübertragung des Endspiels von 1954, in dem Westdeutschland Ungarn schlug. Die Übertragung wurde komplett wiederholt, und zwar zu der gleichen Uhrzeit wie die Originalübertragung am 4. Juli 1954. Es war ein magisches Erlebnis für mich, ein halbes Jahrhundert zurückversetzt zu werden und die Kraft dieses wunderbaren Momentes deutscher Fußballgeschichte nachzufühlen – die Ursprünge der Liebesaffäre dieses Landes mit dem Fußball zu verstehen und plötzlich den tiefen Einfluss zu begreifen, den dieses Spiel auf die Kultur dieses Landes, seine Psyche, Identität und seine gesamte Nachkriegsgeschichte ausübt.
Zur selben Zeit 2004 war es für einen Journalisten verwunderlich, Deutschlands monatelange, mühsame Suche nach einem neuen Fußballtrainer zu verfolgen, nachdem das Team bei der Europameisterschaft unerwartet in der ersten Runde ausgeschieden war, ohne ein einziges seiner Gruppenspiele zu gewinnen. Zeitweise schien für die meisten Deutschen die Suche nach einem neuen Fußballtrainer sogar wichtiger zu sein als ein neuer Bundeskanzler, und alle anderen Nachrichten in Deutschland verschwanden für fast einen Monat von den Titelseiten, während der DFB sich wochenlang abmühte, einen Trainer zu finden, der unerschrocken genug war, diesen schwierigen Job anzunehmen – und das nur zwei Jahre, bevor Deutschland Gastgeber der WM 2006 sein würde. Was als ein Problem begann, wurde zur kompletten Farce. Aber letztendlich entwickelte sich die Krise zu einer fantastischen Gelegenheit zur Veränderung, als die vom DFB ins Leben gerufene „Trainerfindungskommision“ (TFK) das Zepter an Jürgen Klinsmann überreichte.
Es war faszinierend, Klinsmann dann von einem Platz in der ersten Reihe aus zu sehen: ein Ex-Spieler ohne Erfahrung als Trainer, wie er dem ehrwürdigen DFB selbstbewusst seine revolutionären Reformen mit seinen weitreichenden Konsequenzen vorstellte. Er vollbrachte bei der deutschen Nationalmannschaft wahre Wunder mit seinen Ideen, die er zum Teil in den USA gesammelt hatte. Dass Klinsmann es schaffte, aus fast 10.000 Kilometer Entfernung von seiner Wahlheimat Kalifornien aus den DFB zu modernisieren und quasi einer Generalüberholung zu unterziehen, macht die ganze Geschichte umso spannender. Es war, wie Klinsmann selbst gerne sagt, eine dieser unglaublichen Geschichten, die nur der Fußball schreibt.
Mit seiner universellen Popularität hat Fußball die Kraft, die Weltgeschichte zu beeinflussen. Ganze Länder feiern vereint in der Hoffnung auf einen Sieg oder kollabieren gemeinsam bei einer Niederlage. Es ist fesselnd, das Schicksal, Wohlbefinden und Glücksgefühl einer ganzen Nation davon abhängig zu sehen, wie sich ihre Nationalmannschaft bei einem großen Turnier wie einer Weltmeisterschaft oder einer Europameisterschaft anstellt.
Es gibt viele Zutaten, die diesen Sport besonders machen, und er ist zugegebenermaßen etwas für Kenner. Für einen Amerikaner, der wie ich ohne Fußball im Fernsehen zu sehen aufwuchs und stattdessen aktiv und passiv mit einer Fülle an anderen Sportarten großgeworden ist, kann es eine Weile dauern, bis man die Schnelligkeit, das Können, die Kunstfertigkeit, das Durchhaltevermögen, die Genialität und die unglaubliche Athletik wertschätzen kann, welche die weltbesten Fußballer aufzeigen. Football, Baseball und Basketball erscheinen mir inzwischen viel weniger interessant, ja fast langweilig mit all ihren ständigen Unterbrechungen und Wiederanfängen, trotz der hohen Torfrequenz. Ich habe schon lange aufgehört, in Europa bis spät in die Nacht aufzubleiben um irgendwelche amerikanischen Sportarten im Fernsehen zu verfolgen und kann mich nicht einmal dazu aufraffen, wenn ich in den Vereinigten Staaten bin. Stattdessen herrschen bei mir inzwischen umgekehrte Verhältnisse, was so weit geht, dass ich extra früh aufstehe, um den europäischen Fußball zu verfolgen, wenn ich in den Vereinigten Staaten bin und in Übersee die Ergebnisse nachschaue.
Im Fußball gibt es keine Werbeunterbrechungen und keine Verletzungsauszeiten – es ist wie im wahren Leben, wo es keine Möglichkeit gibt, die Uhr anzuhalten. Es ist ein Sport, dessen Spiele seit seiner Erfindung vor mehr als einem Jahrhundert 90 Minuten dauern, die lediglich durch eine kurze Halbzeitpause unterbrochen werden. Es gibt nur wenige Sportmomente, die so fesselnd sind wie die ununterbrochene und unaufhaltsame Dramatik der letzten zwei oder drei Minuten eines engen Fußballspiels, in dem ein Team verzweifelt darum kämpft, ein Tor zu schießen, um das Spiel zu gewinnen oder ein Unentschieden zu erzielen – oder alles daransetzt, dies zu verhindern. Und es gibt nichts, was an die Freude herankommt, die in fast jedem Stadion auf der ganzen Welt ausbricht, wenn eine Mannschaft in einem wichtigen Spiel endlich ein Tor schießt. „Über Fußball macht man sich oft lustig, weil so wenige Tore fallen, aber eben weil Tore so rar sind, ist die Freude darüber größer als in jedem anderen Sport“, argumentierten Simon Kuper und Stefan Szymanski in ihrem 2009 erschienenen Buch Soccernomics.
Fußball kann so starke Emotionen auslösen, dass dadurch sogar einmal ein Krieg zwischen Honduras und El Salvador wurde. Dieser sogenannte „Fußballkrieg“ ereignete sich 1969 und dauerte 100 Stunden. Seine Ursachen gingen über den Fußball hinaus, aber er entbrannte unglaublicherweise, nachdem El Salvador Honduras mit 2:1 Spielen in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970 geschlagen hatte. Bei der Weltmeisterschaft 1994 schied Kolumbien aus, nachdem die USA die Südamerikaner dadurch 2:1 besiegt hatten, dass Kolumbiens Verteidiger Andrés Escobar durch ein Eigentor den Siegestreffer für die Vereinigten Staaten erzielt hatte. Escobar hatte versucht, den Pass von Amerikas Mittelfeldspieler John Harkes abzufangen, dabei den Ball aber versehentlich ins eigene Tor gelenkt. Zehn Tage später wurde er mit sechs Schüssen ermordet – der Täter schrie beim Schießen „Tor!“.
Fußball ist ein Sport, den Menschen eines jeden Alters auf sechs Kontinenten spielen. Es vereint die Welt wie keine andere Sportart, besonders während der alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaften. Interessanterweise ist es ein Spiel, mit dem sich die Vereinigten Staaten in der internationalen Arena, wo Fußball mit so viel Leidenschaft gespielt wird, aus verschiedensten Gründen immer noch in der Lernphase befinden. Aber es ist auch ein Sport, in welchem die USA eines Tages zu den Weltbesten gehören könnten; vorausgesetzt, die Amerikaner wären in der Lage, Fußball als etwas ganz anderes wertzuschätzen und zu akzeptieren, dass es ein Sport mit internationalen Standards und Abläufen ist und kein Spiel, dessen Regeln und Richtlinien die Vereinigten Staaten bestimmen können.
Die USA haben ein enormes bisher ungenutztes Potenzial, was den Fußball angeht. Außerdem sind sie in der glücklichen Lage, einen der weltbesten Trainer zu haben mit einem reichen Erfahrungsschatz sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten – Jürgen Klinsmann.
Er gewann als Stürmer für Deutschland die Weltmeisterschaft 1990, indem er drei Tore schoss, und ist einer der erfolgreichsten WM-Torschützen aller Zeiten mit elf Toren in drei Turnieren. Nach seinem Rücktritt als Spieler zog er 1998 in die USA und erreichte später als Trainer der deutschen Nationalmannschaft den dritten Platz bei der WM 2006, während sein Hauptwohnsitz in Kalifornien blieb und er nach Deutschland pendelte: 42 Langstreckenflüge im Laufe jener zwei Jahre. 2011 wurde er als Trainer der amerikanischen Nationalmannschaft engagiert – nach einer rekordverdächtigen Anwerbephase, die mit vielem Hin und Her insgesamt fünf Jahre dauerte. Er brachte durchgreifende, teils umstrittene Reformen auf den Weg, die der amerikanischen Nationalmannschaft 2013 zu einem Rekord-Erfolgsjahr verhalfen. Die Mannschaft hatte zwölf Siege in Folge, qualifizierte sich zum siebten Mal für die Weltmeisterschaft und übertraf mit dem Erreichen der Runde der letzten 16 Mannschaften alle Erwartungen, nachdem das Team in der sogenannten „Todesgruppe“, der schwierigsten Vierergruppe des Turniers, Zweiter hinter Deutschland geworden war. Hierfür wurde Jürgen Klinsmann von der FIFA als einer von zehn Trainern für die Wahl zum weltbesten Trainer des Jahres nominiert. Klinsmann ist ein furchtloser, reformorientierter Trainer und technischer Leiter mit unerschütterlichen Überzeugungen, der innerhalb des wichtigen westeuropäischen Fußballnetzwerkes, Wiege des Sports, dessen Ursprungsländer bisher die Weltmeisterschaften dominierten, über gute Verbindungen verfügt. Klinsmann weiß, was nötig ist, um eine der weltbesten Fußballnationen zu formen, und die Herausforderungen dieser langen Reise faszinieren ihn.
Fußball ist anders. Seine Regeln, Bräuche, Traditionen und sein Erbe unterscheiden sich komplett von anderen amerikanischen Sportarten, obwohl es in den 20er-Jahren vor dem Zusammenbruch der Aktienmärkte und der folgenden Weltwirtschaftskrise eine bemerkenswert „goldene Ära“ gab, als Fußball, dank der hohen Anzahl neu angekommener Immigranten aus Europa, in einigen Gegenden der USA für eine kurze Zeit tatsächlich populärer als Football war. Aber rivalisierende Ligen und die steigende Popularität des College Footballs trugen zusammen mit dem Börsencrash zu einem frühen Niedergang des Profifußballs bei.
Dennoch ist Fußball kein Spiel, das leicht in das amerikanische Sportraster hineinpasst mit seiner Vorliebe für Fernseh-Auszeiten, mit Ausscheidungsspielen nach der Saison (post-season play-offs), mit der Parität der Ligen und amerikanischer Vorherrschaft. Es ist ein Spiel der Geduld und des Genusses, sowohl subtil als auch spektakulär. Es ist ein Spiel, in dem die Spieler auf dem Feld den Großteil der Entscheidungen treffen. Es ist ein Spiel mit etwa 400 oder mehr Pässen pro Mannschaft und eines, in dem der einzelne Spieler den Ball im Durchschnitt nur ungefähr 50 Sekunden hat, was bedeutet, dass er die verbleibenden 89 Minuten damit verbringt, zu laufen und zu versuchen, den Ball in die richtige Position zu bringen, um ein Tor zu schießen oder zu verhindern. Fußballspiele können durch Entscheidungen gedreht werden, die im Bruchteil einer Sekunde gefällt werden. So kann sogar eine überlegene Mannschaft innerhalb eines winzigen Moments von einem unterlegenen Gegner, einem Außenseiter, geschlagen werden, wenn er es schafft, einen „Glückstreffer“ zu erzielen, so wie ein deklassierter Boxer, der allen Wetten zum Trotz mit einem „lucky punch“ einen Knock-out-Sieg erlangt. Und es ist ein ungewöhnlich unvorhersehbares Spiel, in dem unterlegene Mannschaften überlegene Teams durch Angriffslust, Willenskraft und den wortwörtlichen „Schuss ins Blaue hinein“ so aus dem Konzept bringen können, dass der hohe Favorit letztlich als Verlierer vom Platz geht.
Auch über Fußball zu schreiben ist anders als bei anderen Sportarten. Wenn 50 Sportjournalisten zusammen auf der Pressetribüne sitzen, um über ein Fußballspiel zu berichten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass hinterher 50 verschiedene Interpretationen des Spielverlaufs dabei herauskommen. Fußball ist wie eine weiße Leinwand mit 22 Künstlern auf dem Feld, die sich abrackern, nachdenken, sprinten, angreifen und kämpfen und dabei ein Meisterwerk erschaffen mit Spielzügen und Bewegungen, die niemals wiederholt werden können. Einen ebenso wichtigen Bestandteil der Fußballkultur bilden die endlosen Diskussionen nach den Spielen darüber, wer gut oder wer schlecht gespielt hat, wer das Spiel für seine Mannschaft entschieden oder ruiniert hat, welches Team verdient hat zu gewinnen oder nicht, war es ein Tor oder war es keins? Fußballspiele lassen viel mehr Raum für Interpretationen als andere gängige amerikanische Sportarten, weil es so wenig messbare „Statistiken“ oder „Resultate“ aus den 90 Minuten gibt, abgesehen natürlich von den erzielten Toren, Eckstößen, Gelben oder Roten Karten oder gelaufenen Kilometern. Es gibt außerdem nur drei Schiedsrichter, um die 22 Spieler zu beaufsichtigen, was noch mehr Raum für Irrtümer, Interpretationen und Diskussionen schafft. Viele Deutsche beispielweise beharren heute noch darauf, dass Geoff Hursts Tor für England, in der Nachspielzeit des Weltmeisterschaftsfinales im Londoner Wembley-Stadion im Jahre 1966, also vor einem halben Jahrhundert, nicht über der Linie war und daher nicht hätte gezählt werden dürfen. Es ging als neues Wort sogar in die deutsche Sprache ein, indem das „Wembleytor“ zum Synonym für unverdiente oder unrechtmäßige Gewinne wurde.
Es mag sein, dass es in jedem Spiel besondere Wendepunkte gibt wie bei anderen Sportarten, auf die sich Sportjournalisten fokussieren. Aber Fußball ist weniger die Summe der Ergebnisse aus jedem Spiel, wie dies beim Football, Baseball oder Basketball der Fall ist. Stattdessen ist es ein Spiel voller Überraschungen, Impulsänderungen, blitzartiger Gegenangriffe, brillanter Rettungsaktionen von den Außenseitern, die plötzlich „entgegen dem Spielverlauf“ ein fabelhaftes Gegentor schießen, ausgeführt von einer Mannschaft, die zuvor komplett an die Wand gespielt schien. Und dann sind da die wirklich magischen Spiele, in denen beide Mannschaften plötzlich geradezu über sich hinauszuwachsen scheinen und die Menge mit kreativen Angriffen und nervenkitzelnden Torchancen oder Toren mitreißen.
Manchmal kann man geradezu fühlen, wie sich die Kraft der jubelnden Zuschauermenge von den Rängen hinunter auf das Spielfeld übertragt, ein Energiestoß, der die Spieler anzutreiben scheint, schneller zu rennen und alles zu geben.
Egal ob man auf dem Flughafen in Athen, in einem Bus in Berlin, in einem Café in Kairo, in einer Fan-Bar in Florenz, in einem Hotel in Helsinki, auf einem Markt in Moskau, in einem Nachtclub in Nigeria, in einem Pub in Pretoria, in einem Restaurant in Rio, in einem Taxi in Tokyo, in einer Sauna in Schweden oder sogar in einem Zoo in Zaire sitzt – die Chancen stehen gut, dass man es schafft, mit egal wem ins Gespräch zu kommen, wenn man anfängt, von Fußball zu sprechen, von dem letzten Champions-League-Spiel, der letzten Weltmeisterschaft oder der nächsten Weltmeisterschaftsqualifikation.
Fußball ist das Spiel, das die Welt mehr zusammenführt als die Vereinten Nationen. „Große Fußballereignisse liefern etwas von dem Gemeinsinn, für den früher Gewerkschaften, Kirchen und royale Hochzeiten zuständig waren“, schrieben Simon Kuper und Stefan Szymanski in Soccernomics. Wichtige Fußballspiele haben in fast allen europäischen Ländern diese einende Rolle ... Es gibt nichts, was eine Gesellschaft in der Weise zusammenschweißt wie eine Weltmeisterschaft, wenn die eigene Mannschaft dabei ist. Ausnahmsweise schaut fast jeder im Land plötzlich dasselbe Fernsehprogramm und spricht am nächsten Tag bei der Arbeit darüber.
Bezeichnenderweise nehmen die amerikanischen Soldaten Fußbälle, keine Football- oder Baseballbälle, wenn sie in der Nähe ihrer Militärstationen im Irak, in Afghanistan oder Lateinamerika versuchen, Kontakt zu den einheimischen Kindern aufzubauen. Mehr als Englisch ist Fußball die Lingua franca des 21. Jahrhunderts. Es ist das Spiel, das die Welt spielt. Warum ein Buch über Jürgen Klinsmann? Ich hatte das Glück, Jürgen Klinsmann während der zwei Jahre bis zur Weltmeisterschaft 2006 kennenzulernen, in denen er Trainer der deutschen Nationalmannschaft war.
Anfangs war ich nur einer der vielen nervigen Journalisten, die bei den Pressekonferenzen in Deutschland unbequeme Fragen stellten. Zu meiner angenehmen Überraschung beantwortete Klinsmann die Fragen mit klaren, ehrlichen und intelligenten Antworten, anstatt mit den üblichen Klischees oder „cleveren“ Ausweichmanövern zu reagieren. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Ich hatte während dieser zwei Jahre auch mehrere Gelegenheiten, Klinsmann zu interviewen, zum Teil in seiner Wahlheimat in Südkalifornien, wo er jeden Monat einige Wochen zwischen den Spielen und Trainingseinheiten in Deutschland verbrachte. Ich lernte ihn als interessanten, unkomplizierten, unprätentiösen, ehrlichen und unglaublich sympathischen Gesprächspartner kennen. Als Journalist bewundere ich seit jeher Persönlichkeiten, die keine Angst haben, angestammte Weisheiten beziehungsweise den Status quo anzuzweifeln und Klinsmann war einer der mutigsten, der sich ohne Angst getraut hat, das System aufzurütteln und Dinge ins Rollen zu bringen. Wir setzten unsere Gespräche fort, nachdem Klinsmann aufgehört hatte, die deutsche Nationalmannschaft zu trainieren. Wir trafen uns teils in Deutschland, teils in den USA und die Gespräche drehten sich nicht notwendigerweise nur um Fußball, aber egal worüber wir uns unterhielten, waren sie gleichermaßen aufschlussreich, inspirierend und zutiefst erfreulich.
Die Interviews mit Jürgen Klinsmann zählen zu den denkwürdigsten, die ich in 40 Berufsjahren als Journalist hatte. Er war nicht nur enthusiastisch bezüglich seines Jobs und seiner Ziele, sondern sprühte auch vor Ideen. Er war neugierig und diese Neugierde beschränkte sich nicht nur auf den Sport. Ein paar Mal freute er sich zwar, mich zu treffen, wollte aber eigentlich kein Interview geben. Manchmal brachte ich meine Tochter oder meinen Sohn mit; einmal war auch seine Tochter dabei. Manchmal unterhielten wir uns auf Deutsch, manchmal auf Englisch. Dabei waren meine Deutschkenntnisse ähnlich seinen Englischkenntnissen: eigentlich ganz gut, aber mit unüberhörbarem Akzent. Manchmal stellte er mir fast genauso viele Fragen darüber, woran ich gerade arbeite und wie es mir ging, wie ich ihm stellte. Oft sprachen wir über die Vor- und Nachteile des Lebens in den USA im Vergleich zu Deutschland. Wir haben uns auch über Sprachen unterhalten und darüber, dass dabei war Spanisch zu lernen, unter anderem, um die vielen spanischsprachigen Fernsehübertragungen von Fußballspielen in den USA zu verstehen und um mit den aus Lateinamerika stammenden Spielern besser kommunizieren zu können; aber auch ganz einfach, weil er gern Fremdsprachen lernt. Gelegentlich unterhielten wir uns auch darüber, was er bei seinen mehrwöchigen Hospitanzen bei den Los Angeles Lakers oder dem USC-Football-Team gerade gelernt hatte. Jürgen Klinsmann zeichnet eine unstillbare Neugierde aus, und obwohl er zu der Zeit nicht als Trainer tätig war, löste es bei mir den Wunsch aus, seine Ideen und seine Art, den Status quo infrage zu stellen und immer nach einem Weg zu suchen, wie man die Dinge noch besser machen kann, in Ruhe und in der Tiefe in einem Buch nachlesen zu können. Aber ich musste feststellen, dass es ein solches Buch über Klinsmann nicht gab.
Also fragte ich ihn vor etwa acht Jahren, warum es keine englischsprachigen Biografien oder Bücher über seine Ideen gäbe und ob er sich vorstellen könne, dass ich ein Buch über sein Leben und seine Trainingsphilosophie schreiben würde. Ich fand den Gedanken spannend, Klinsmanns Wissen, Neugier und Tatkraft sowie seine Ideen bezüglich Fußball und Training im Allgemeinen auch in den USA einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Aber Klinsmanns Antwort lautete immer höflich, aber bestimmt: „Nein danke!“
Er war einfach nicht interessiert zurückzuschauen. Klinsmann genoss es sichtlich, in Kalifornien in relativer Anonymität leben zu können. Er genoss diese Freiheit und zeigt keine Spur von Eitelkeit. Über sich selbst zu sprechen, bereitet ihm irgendwie ein gewisses Unbehagen. Klinsmann wechselt in diesem Fall entweder zügig das Thema oder nutzt statt des „Ichs“ das unpersönliche „Man“. Eine rückblickende Biografie war das Allerletzte, was ihm wichtig war. Womöglich könnte irgendeine Zeitung sogar auf die Idee kommen, einzelne Aussagen aus dem Zusammenhang zu nehmen, um sie für eine reißerische Schlagzeile zu missbrauchen. Jürgen Klinsmann hatte keine alten Rechnungen zu begleichen und war mit sich im Reinen. Er sah überhaupt keine Notwendigkeit, in die Vergangenheit zurückzublicken. Das war eben nicht sein Ding.
Kurz nach der Weltmeisterschaft 2014, inmitten einer weiteren spannenden Diskussion darüber, wie unterschiedlich Amerikaner beziehungsweise besser und Deutsche die Begriffe Geduld und „Langzeitperspektive“ betrachten, wagte ich einen letzten Versuch, ihn doch noch umzustimmen: „Hey Jürgen, ich bin ein Amerikaner, der sein halbes Leben in Deutschland verbracht hat und du bist ein Deutscher, der bereits fast die Hälfte seines Lebens in den USA gelebt hat. Wer also könnte besser als ich in einem Buch für die Amerikaner darüber schreiben, woher du kommst und was du in den USA mit dem Fußball verwirklichen möchtest?“ Er lächelte und antwortete dieses Mal plötzlich anders: „Okay, ich denke mal darüber nach.“ Vielleicht gefiel ihm die Hartnäckigkeit? Oder dachte er, dass jemand, der die Dinge von außen betrachtet, vielleicht doch interessante Perspektiven aufzeigen könnte? Oder wollte er nur endlich seine Ruhe vor mir haben? Einige Wochen später rief er mich an und sagte mir, dass er auf keinen Fall eine Autobiografie wolle, dass er aber nichts dagegen habe, wenn ich unsere Gespräche und unsere Interviews in Form eines Buches veröffentliche.
Zu unseren frühmorgendlichen Treffen, oft bei bestem Kaffee in der Sonne Kaliforniens oder vor Freundschaftsspielen der amerikanischen Nationalmannschaft in Europa, hatte ich immer eine Menge Fragen im Gepäck. Manchmal schafften wir es nur, ein oder zwei oder drei dieser Fragen zu besprechen, weil seine Begeisterung über Fußball an sich und die Rolle des Fußballs in den Vereinigten Staaten derart mit ihm „durchging“, dass wir stundenlang nur darüber sprachen. Jürgen Klinsmann beantwortete geduldig Fragen zu seiner Vergangenheit, aber war eindeutig mehr an der Zukunft interessiert. Ich hatte mich immer gefragt, warum er in früheren Interviews Fragen zu seiner Vergangenheit als Spieler nur ungern beantwortet hatte. Jetzt verstand ich ihn: „Den Spieler Klinsmann gibt es nicht mehr“, sagte er.
Es wurde in unseren Gesprächen klar, dass Jürgen Klinsmann als Trainer der amerikanischen Nationalmannschaft nur ein Ziel hat und zwar, das Beste aus der Mannschaft herauszuholen und seiner so lieb gewonnenen Wahlheimat eines Tages vielleicht sogar zum Weltmeisterschaftstitel zu verhelfen. Die Erfolgsformel ist dabei der ähnlich, mit der er der deutschen Nationalmannschaft von 2004–2006 so sehr geholfen hat, aus der Versenkung heraus wieder an die Weltspitze zu kommen und mit deren Hilfe er den FC Bayern München zu einer neuen Stärke in der Champions League führte. Dabei ist sich Klinsmann bewusst, dass Wunschdenken und Wünsche allein nicht ausreichen. Herausforderungen müssen gemeistert werden und auch unbequeme Wahrheiten zur Sprache kommen.
Teil I
Klinsmann – die frühen Jahre
Wie alles begann
Jürgen Klinsmann war ein achtjähriges blondes Energiebündel, als er das erste Mal in einem Verein Fußball spielte. Das war 1973, und wie die meisten Jungs in seinem Alter nutzte er zuvor schon seit frühester Kindheit jede Gelegenheit, um mit seinen Kumpels Fußball zu spielen: auf der Straße, in Parks und in den Pausen auf dem Schulhof.
Bevor Jürgen Klinsmann mit acht Jahren erstmals in einer Mannschaft spielte, mit Regeln, Trikots und einem Trainer, hatte er es ein Jahr zuvor mit Turnen versucht, wozu ihn sein Vater animiert hatte. Siegfried Klinsmann, zu der Zeit 40 Jahre alt und von Beruf Bäckermeister, hatte in seiner Jugend geturnt und war in seiner Freizeit Trainer im örtlichen Turnverein, dem TB Gingen. Er dachte, dass Turnen für seinen Sohn eine gute Herausforderung sein könne und ein Ventil, einen Teil von Jürgens reichlich vorhandener Energie abzubauen. Also nahm er seinen zweitältesten Sohn mit in den Turnverein, als dieser sieben war. Aber das Bodenturnen, der Grätschsprung und der Balancierbalken hinterließen bei Jürgen keinen bleibenden Eindruck. Es fehlten ihm Spannung und „Action“, wie er sich erinnert. Ein wenig später nahmen ihn seine Kumpels mit zum Handballtraining. Aber auch das konnte ihn nicht nachhaltig überzeugen.
Im Winter 1973, einige Monate nachdem Deutschland 1972 die erste von drei Europameisterschaften gewonnen hatte, nahmen Freunde ihn mit zum Training der Fußballmannschaft des Turnerbund Gingen. Er war damals achteinhalb Jahre alt und liebte das Spiel in seiner organisierten Form sofort genauso, wie er zuvor das Kicken mit Freunden geliebt hatte. Die Schnelligkeit, Bewegung, die Energie des Sports faszinierten ihn und ganz besonders das Freudengefühl, wenn es ihm gelang, ein Tor zu schießen.
„Ich habe es einfach geliebt, viel zu laufen, alle Energie auf dem Feld herauslassen zu können, und ich liebte das großartige Gefühl danach“, erzählt Klinsmann in der Erinnerung an seine ersten Trainingseinheiten im Verein. „Fußball war ein so wunderbares Ventil für all die Energie, die ich hatte. Ich war besessen davon, zu rennen und zu spielen. Ich hatte so viel Energie, dass ich stundenlang Fußball spielen konnte. Es machte mir einfach großen Spaß und ich liebte es von Anfang an. Es gab mir ein richtig gutes Gefühl.“
Er wurde Mitglied im Fußballverein und trug die rot-weißen Trikots des TB Gingen. Vergleicht man die Hierarchie des Fußballs mit einer Pyramide, so befand sich der TB Gingen ganz am Fuße derselben, auf der Eingangsstufe des organisierten Fußballs. Aber für Jürgen führte der Weg von der breiten Pyramidenbasis in den darauffolgenden Jahren stetig nach oben bis zur Spitze. Tausende Jungen in seinem Alter begannen 1973 in einem Verein Fußball zu spielen, aber nur wenige erreichten die obere Stufe der Pyramide, die Bundesliga, und noch weniger schafften es wie er bis zur Spitze, in die Nationalmannschaft.
In den USA fehlen diese klaren Strukturen in der Fußballpyramide noch immer, und es ist eine nicht unwichtige Sache, die Klinsmann zu ändern versucht, seit er 2011 Trainer und 2013 Technischer Direktor der amerikanischen Nationalmannschaft wurde.
Als Kind hatte Klinsmann keine Vorstellung davon, wie weit er es im Fußball bringen würde. Er liebte es einfach, Fußball zu spielen und gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden und Freunden seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Sein Ziel damals war es, in die erste Mannschaft des TB Gingen zu kommen, einem Verein, der 1870 als Turnverein gegründet wurde. Im Laufe der Zeit kamen eine Handball-, eine Leichtathletik- und eine Fußballabteilung dazu. Viele Turnvereine wurden in Deutschland als Teil der nationalen Bewegung des 19. Jahrhunderts gegründet, lange bevor im Jahre 1874 der Fußball aus England importiert wurde. Aus diesem Grund tragen auch heute noch viele deutsche Spitzenclubs den Zusatz „Turnen“ im Vereinsnamen.
Jürgen Klinsmann genoss es, in einer Mannschaft Fußball zu spielen und merkte, wie sich seine Fähigkeiten durch das stundenlange Üben im Verein und zu Hause rasch und wie von selbst verbesserten. Im Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland keine Sportclubs als Teil der schulischen Aktivitäten, so dass die Kinder und Jugendlichen für diese Wettkampfaktivitäten Mitglied in einem Sportverein werden müssen. Klinsmanns tiefe langjährige Verbundenheit mit dem Fußballsport geht also ganz klar auf seine Zeit im TB Gingen zurück.
Es gibt zwischen den Städten in den USA und in Deutschland viele kleinere und größere kulturelle Unterschiede. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass in einem Dorf wie Gingen, einer verschlafenen 4.000-Seelen-Ortschaft am Ufer des Flusses Fils, die vor mehr als 1.000 Jahren gegründet wurde, Zeit und Fortschritt mit einem anderen Maßstab gemessen werden als in den USA. Wenn die Bewohner eines Städtchens mit mehr als 1.000-jähriger Geschichte von einer Langzeitperspektive sprechen, so meinen sie damit nicht Wochen oder Monate. Geduld ist ein Bestandteil ihres Lebens. Wenn Jürgen Klinsmann von einer Langzeitperspektive für den US-amerikanischen Fußball spricht, dann tut er dies vor dem Hintergrund seiner deutschen Wurzeln und denkt dabei in Zeiträumen von Jahren oder Dekaden oder eventuell sogar Generationen anstatt von Monaten oder ein bis zwei Jahren.
Die Wochenend-Spiele des TB Gingen zogen dutzende von Zuschauern aus dem Ort an und zwar nicht nur Eltern und Freunde, sondern zahlreiche Bürger, die Freude daran fanden, den Kindern bei der Ausübung des beliebtesten deutschen Sports zuzuschauen. Klinsmanns Vater kam regelmäßig auf den Platz und schaute, wenn irgend möglich, bei jedem Spiel zu, nachdem die Arbeit in der Bäckerei für den Tag getan war.
Der organisierte Fußball ist bekanntermaßen eine ernsthafte Angelegenheit in ganz Deutschland. Der DFB, der Deutsche Fußball Bund, ist mit 6,9 Millionen Mitgliedern die größte Organisation dieser Art weltweit. Als sich Klinsmann beim TB Gingen einschrieb, war er damit eines von 112.858 Kindern in der Bundesrepublik Deutschland, die 1973 Mitglied eines Fußballvereins wurden. Die Mitgliedsgebühren waren mit ungefähr 30 DM im Jahr bezahlbar, so wie sie es auch heute noch sind. Trainer waren damals wie heute meist ehemalige Vereinsspieler, welche die Traineraufgabe in der Regel ehrenamtlich übernahmen. Dies steht in einem weiteren Gegensatz zur Situation in den Vereinigten Staaten, wo Trainer meistens hauptamtlich tätig sind, dafür aber nicht unbedingt über eigene Erfahrungen als Spieler verfügen. Dadurch, dass Fußball in Deutschland seit jeher eine relativ preiswerte Sportart war, war und ist er bei Kindern aus allen gesellschaftlichen Schichten beliebt, vor allem in Familien mit eingeschränkten finanziellen Mitteln. „Wir kamen alle aus Familien mit einem bescheidenen Einkommen und haben uns durchgekämpft“, erzählt Klinsmann. „International betrachtet, ist Fußball ein Sport, den hauptsächlich Kinder aus Familien der Unter- und Mittelschicht ausüben. In den USA ist dies anders.“
Es gab 1973 insgesamt 98.911 Mannschaften in den 15.980 Clubs, die damals beim DFB registriert waren. Von 1972 bis 1973, dem Jahr, in dem Klinsmann Vereinsmitglied wurde, stieg die Mitgliederzahl der beim DFB eingeschriebenen Spieler von 3.084.901 auf 3.197.759 an. In den nächsten vier Jahrzehnten verdoppelte der DFB seine Mitgliederzahl auf 6.889.115 im Jahr 2015. Anders ausgedrückt, spielten 2015 in Deutschland mehr Menschen Fußball, als Dänemark, Finnland oder Jordanien Einwohner haben.
Die Punktspiele der Kinder und Jugendlichen waren in vielen kleinen und größeren Städten in ganz Deutschland wichtige Ereignisse, die nicht nur den Kindern ein Ventil boten, sondern gleichzeitig eine wichtige gesellschaftliche Funktion in den Gemeinden einnahmen, die sportbegeisterte Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern und innerhalb der Gemeinden verbinden. Die Zahl der neuen Vereinsmitglieder steigt normalerweise in den auf einen EM- oder WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft folgenden Jahren signifikant an, nachdem praktisch die gesamte Nation das Turnier im Fernsehen verfolgt hat mit Rekordeinschaltquoten von bis zu 86 %. Das Jahr 1973, ein Jahr, nachdem die Bundesrepublik die Sowjetunion mit 3:0 geschlagen hat und damit bei der EM in Belgien erstmals den Europameistertitel gewann, stellte hierbei keine Ausnahme dar. Tausende Kinder im ganzen Land wurden wie Klinsmann dadurch motiviert, Mitglied in einem Fußballverein zu werden.
Die klassische amerikanische „soccer mom“ gibt es in Deutschland in dieser Form nicht und erfordert in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Welt großen Erklärungsbedarf. Denn Fußball ist in Deutschland ein Sport, der Menschen aller gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen gleichermaßen begeistert und ist nicht auf die Hausfrauen aus den besser gestellten Vororten beschränkt, die ihre Kinder zu diversen außerschulischen Aktivitäten kutschieren. In Deutschland schauen bei den Spielen Mütter, Väter, Geschwister, Tanten und Onkel, Oma und Opa zu und fahren und begleiten ihre Kinder, Geschwister oder andere Familienmitglieder freudig zum Training und zu Punktspielen. „Als Kind wird man von seiner Umgebung geprägt, und meine Umgebung war halt ein kleiner Verein in meinem Heimatort, der verschiedene Sportarten anbot – Turnen, Handball und Fußball“, erzählt Klinsmann, der in den USA versucht, eine ähnlich breitbasige Struktur für den Fußballsport aufzubauen, die Spieler aus den Jugendmannschaften bis ganz an die Spitze führt. „Meine Familie war dem Turnen verbunden, daher probierte man das zuerst aus. Dann nimmt ein Freund dich mit zum Handballtraining, und du versuchst es damit. Der nächste Freund nimmt dich dann zum Fußballtraining mit, und dort stellst du fest, dass dir das am meisten Spaß macht. So funktionierte es damals in Deutschland. Das ist das Schöne an dem dortigen Vereinssystem. Du kannst ganz einfach verschiedene Dinge ausprobieren, um herauszufinden, was das Richtige für dich ist. Es hängt außerdem viel davon ab, was deine besten Freunde machen und das wird in Deutschland in 90 % der Fälle Fußball sein.“
Klinsmann wurde am 30. Juli 1964 in Göppingen geboren, in der Nähe von Gingen. Dieses Jahr markierte den Gipfel des Babybooms in Deutschland mit der Rekordgeburtenrate von 1.357.304 Kindern in West- und Ostdeutschland zusammengenommen. Niemals davor oder danach wurden in Deutschland in einem einzigen Jahr so viele Kinder geboren.
Klinsmann war von den Wettbewerbsbedingungen innerhalb der Jugendmannschaft des TB Gingen fasziniert und gleichzeitig durch seine sich ständig verbessernden Leistungen angespornt. Schon im zarten Alter von acht Jahren war er hoch motiviert und besaß den unstillbaren Wunsch, sich zu verbessern. Er wollte der beste Spieler auf dem Platz sein und in den Spielen so viel wie möglich eingesetzt werden. Natürlich wollte er außerdem gewinnen und möglichst viele Tore schießen – ein Ehrgeiz, der ihn das nächste Vierteljahrhundert über antreiben und bis ganz nach oben bringen sollte.
Klinsmann vermeidet es im Großen und Ganzen, in der Vergangenheit zu schwelgen. Dennoch huscht ein Lächeln über sein Gesicht, wenn er an seine Fußballbegeisterung als Kind zurückdenkt. „In dieser kleinen Gemeinschaft war man einfach davon besessen, Fußball zu spielen. Also machst du das mit deinen Kumpels auf der Straße, und irgendwann probierst du es im örtlichen Fußballverein. So habe ich angefangen. Damals war acht Jahre in etwa das früheste Einstiegsalter, um im Verein zu spielen. Für jüngere Kinder gab es damals noch keine Strukturen. Das hat sich heute komplett geändert. Heutzutage fangen viele Kinder bereits mit fünf Jahren an, im Verein zu spielen!“
Fußball war ein Jahrzehnt vor Klinsmanns Geburt ein wichtiger Baustein der nationalen Identität geworden. Dies resultierte zum Teil aus der Euphorie, die ausbrach, als das Land 1954 durch den Sieg über Ungarn die Weltmeisterschaft gewann und aus den Nachwirkungen dieses historischen Triumphes. Der unerwartete Erfolg des Teams der jungen Bundesrepublik war einer der auslösenden Faktoren des deutschen „Wirtschaftswunders“ und der unerwartete Aufstieg aus den Ruinen des 2. Weltkrieges. Der starke Einfluss, den der Fußball auf die deutsche Psyche ausübte, kann zu einem erheblichen Anteil auf diesen legendären Weltmeisterschaftssieg zurückgeführt werden. Der Gewinn der Weltmeisterschaft nach und in so schwierigen Zeiten leistete einen wichtigen Beitrag zu einer sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kettenreaktion, von der Volkswirtschaftler behaupten, dass sie geholfen habe, das legendäre Wirtschaftswunder, den Boom der 50er-Jahre auszulösen. Nach einem Jahrzehnt der Nachkriegsdepression und Verzweiflung hellte sich die Stimmung schlagartig auf. Der Fußball half mehr als alles andere, das Land aus seiner Nachkriegslethargie zu befreien. Der Titelgewinn 1954 verbesserte die Grundstimmung und half Millionen von Deutschen, sich nach Jahrzehnten der Ächtung und Isolation als Folge der Nazi-Vergangenheit wieder als Teil der Weltgemeinschaft fühlen zu können. Verständlicherweise war und ist Fußball seitdem mehr als nur ein Spiel für die Deutschen.
Klinsmanns zweiter Geburtstag hätte ein Freudentag für ganz Deutschland werden können, wurde stattdessen aber ein Tag der Trauer. Das Land war weder 1958 noch 1962 in der Lage, den Erfolg des Weltmeisterschaftssieges von 1954 zu wiederholen. 1958 verloren sie das Halbfinale gegen den Gastgeber Schweden 3:1 und 1962 schieden sie durch eine 1:0-Niederlage gegen Jugoslawien im Viertelfinale aus. Aber 1966 waren sie nahe dran, nach zwölf Jahren wieder eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Sie erreichten das Finale gegen Gastgeber England. Aber sie verloren, als Englands Geoff Hurst in der elften Minute der 30-minütigen Nachspielzeit ein umstrittenes Tor zugesprochen wurde und der Spielstand dann 3:2 lautete. Hursts Schuss war gegen die Latte geprallt und auf, aber eventuell nicht ganz über die Linie gesprungen, bevor ein deutscher Verteidiger den Ball aus dem Torbereich klären konnte. War es wirklich ein Tor oder nicht? Es ist eine der ganz großen Kontroversen des Fußballs und wird vermutlich nie abschließend gelöst werden. England schoss eine Minute vor Abpfiff ein viertes Tor, als Deutschland nach vorne stürmte in dem verzweifelten Versuch, ein Ausgleichstor zu schießen.
Eine Woche, nachdem Jürgen Klinsmann 1973 in die Jugendmannschaft des TB Gingen eingetreten war und einen ersten Eindruck vom Fußball mit festen Regeln bekommen hatte, wurde er in den letzten zehn Minuten eines Punktspiels gegen einen Verein namens FTSV Kuchen als Ersatzspieler eingesetzt. Er wurde aufs Feld geschickt, nachdem man ihm noch eine kurze Einweisung in eine Regel gegeben hatte, um die sich beim Spielen mit seinen Kumpels bisher niemand Gedanken gemacht hatte. „Hei, was isch eigentlich Abseits?“, fragte Klinsmann, bevor er aufs Feld lief. So beschreibt Roland Eitel Klinsmanns Anfänge beim TB Gingen in seiner Biografie Jürgen Klinsmann – Der Weg nach oben. Beim nächsten Spiel, eine Woche später gegen den SV Altenstadt, schoss Klinsmann bei einem 5:1-Sieg für seine Mannschaft sein erstes Tor. In der E-Jugend, in der die Acht- bis Zehnjährigen spielen, wurde Klinsmann für sein Talent als Torjäger bald bekannt.
Wie man weiß, sind die Deutschen in den meisten Dingen sehr gut organisiert, und das trifft ganz besonders auf den Fußball zu. Obwohl er in seiner offiziellen Form wenig an Schulen und Universitäten gespielt wird – im Gegensatz zu den USA –, gibt es das eingangs beschriebene pyramidenförmige System mit seiner klaren Hierarchie, in der Spieler nach Alter und nach Leistung Stufe für Stufe erklimmen können.
Als Klinsmann anfing Vereinsfußball zu spielen, begann die nach Alter strukturierte Einteilung mit der E-Jugend, in der im Gegensatz zu den Jugend- und Erwachsenenteams nur sieben statt elf Spieler auf dem Feld sind. Im Jugendbereich folgten auf die E-Jugend vier weitere Altersstufen, D (11 bis 13 Jahre), C (14 bis 15 Jahre), B (16 bis 17 Jahre) und A (18 bis 19 Jahre), bevor die Jugendlichen in die Erwachsenenmannschaft aufgenommen werden konnten. Wobei spätestens nach dem Durchlaufen der A-Jugend viele Spieler den Vereinsfußball zunächst verließen, da sie entweder leistungsmäßig nicht mithalten konnten oder wollten beziehungsweise oft durch Beruf oder Studium anderweitig eingebunden waren.
Dies hat sich bis heute kaum geändert. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass die Kinder heutzutage wesentlich früher anfangen, in einer Mannschaft zu spielen, sodass es bereits eine G-Jugend für die unter Siebenjährigen gibt und eine F-Jugend für die Sieben- bis Achtjährigen. „Durch diese organsierte Form des Fußballsports werden auch für die Jüngeren die Ergebnisse aufgeschrieben, man hat seine feste Mannschaft in einer vorgegebenen Liga und man trägt Mannschaftstrikots“, sagt Klinsmann. „Dies ist der Moment, in dem man das, was man beim Spielen auf der Straße gelernt hat, auf den organisierten Fußball überträgt und weiterentwickelt.“
Unterschwellig verbreitet dieses strikte Einteilungssystem eine subtile Botschaft, indem es den Kindern und Jugendlichen einen ständigen Anreiz bietet, die nächsthöhere Stufe zu erreichen. Es weckt ab einem frühen Alter bei den Kindern den Wunsch, besser zu werden. Die subtilen Druckmittel und Belohnungen, die in diesem System versteckt sind, sollen die Spieler beständig darin bestärken, die nächste Stufe der Pyramide erklimmen zu wollen und ihnen gleichzeitig das Gefühl geben, dies sei die natürlichste Sache der Welt.
Klinsmann hatte als Achtjähriger eine unbegrenzte Energie und Antrieb, aber nicht die leiseste Ahnung, dass er eines Tages seinen Lebensunterhalt durch Fußball spielen verdienen würde und noch viel weniger, dass er mit elf Toren bei drei Weltmeisterschaften einer der profiliertesten Torschützen seines Landes werden würde. Wie die meisten seiner Freunde beim TB Gingen überstieg es seine Vorstellungskraft, dass er im Fußball weit genug kommen würde, um dies beruflich auszuüben. Er liebte es einfach, zu spielen und genoss von Anfang an den damit einhergehenden Leistungsdruck. „Zu dem Zeitpunkt hast du keine Ahnung, wie sich dein Leben entwickeln wird“, sagt er. „Du spielst Fußball, weil es dir Spaß macht und weil es das ist, was deine Freunde tun.“
Klinsmann bewahrte sich diese kindliche und ansteckende Begeisterung auf dem Spielfeld, während er Stufe um Stufe die Pyramide des Fußballs höherstieg. Auch in späteren Jahren war es für Klinsmann-Fans eine Freude zu sehen, dass er sich diese jugendliche Begeisterung bewahrt hatte, die sich vor allem in seinen ungebremsten Freudenstürmen bei Toren für sein Land oder seine jeweiligen Vereine in Deutschland, Italien, Frankreich und England zeigte. Diese sorglose Unschuld schien im Widerspruch zu stehen zu seinem Alter, seiner jahrelangen Erfahrung und seinem Status als Profi. Der Jubel, wenn er ein Tor schoss, schien sich nicht von dem zu unterscheiden, wie der zehnjährige Jürgen Klinsmann seine Tore für den TB Gingen gefeiert hatte. Sogar vier Jahrzehnte später muss sich jeder, der beobachtet, wie Klinsmann sich beim Training auf dem Platz mit den Spielern der amerikanischen Nationalmannschaft in „5 gegen 2“-Fußball-drills stürzt, über die jugendliche Begeisterung dieses über 50-jährigen Trainers wundern.
In einem auf Fußball fixierten Land wie Deutschland lag eine mögliche Karriere als Profi für die meisten Jugendlichen außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Die Bundesliga und gar der Profibereich schienen Lichtjahre entfernt. Die Bundesligaspiele wurden damals nicht einmal live im Fernsehen übertragen. Stattdessen gab es die Sportschau, in der die Höhepunkte der einzelnen Spiele oft in kurzen Filmbeiträgen zusammengefasst und diskutiert wurden. Zu der Zeit hatte Klinsmann ganz andere Zukunftspläne. Er erzählte jedem, der ihn danach fragte, dass er Pilot werden wolle, wenn er groß sei. Fußball spielte er nur zum Spaß. „In diesem Umfeld einer Fußballnation hatte jedes Kind, das mit ein bisschen Talent gesegnet war, zunächst ein einziges Ziel, und zwar jenes, das sich direkt vor ihnen in Sicht- und Reichweite befand“, erzählt Klinsmann. Er bewundert das kühne Selbstbewusstsein der Kinder des 21. Jahrhunderts in den USA, wo die Träume groß sind und die Kinder sich ohne zu zögern vorstellen, dass sie später selbst einmal die Stars in einem NBA-Finale, einem Super Bowl oder einem Weltcup sein könnten. „Als ich ein Kind war, dachte man eher: Du wirst niemals gleich ein Ziel erreichen, das hunderte von Kilometern entfernt liegt. Das war alles so weit weg“, erzählt er mit nicht wenig Verwunderung über die Fähigkeit junger Amerikaner, ihre Ziele so hoch zu stecken.
Er war im Juli 1973 gerade neun Jahre alt geworden und hatte hart trainiert, sowohl im Verein beim TB Gingen als auch zu Hause mit Freunden, wo sie stundenlang gegen Wände und Garagentore spielten. Eines Tages spielte er für Gingen gegen einen Fußballclub aus Aichelberg. Obwohl er erst seit wenigen Monaten im Verein spielte, schoss Klinsmann 16 Tore, und seine Mannschaft gewann 20:0. Das Ergebnis war umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass die Punktspiele in dieser Altersklasse nur aus zwei Halbzeiten à 20 Minuten bestehen. Klinsmann fühlte, dass sich die tausenden Stunden, die er mit seinen Freunden und im Verein geübt hatte, auszuzahlen begannen. Seine Pässe, sein Ballgefühl und seine Schüsse wurden kontinuierlich besser. Für Klinsmann war das eine wichtige Lektion über den Sinn und den Lohn harter Arbeit, die er für sein ganzes weiteres Leben verinnerlichte.
„Es war dieser enorme Antrieb durch das Spielen in der Nachbarschaft“, erinnert sich Klinsmann. „Der Verein war mit einem Spiel und einer Trainingseinheit nur eine Ergänzung. Das echte Training fand in einer Umgebung statt, die sich selbst antrieb, jeden Tag. Das war meine Hauptfreizeitbeschäftigung in der Nachbarschaft damals. Ich ging nach draußen und spielte täglich nach der Schule – oder wenn ich mit meinen Hausaufgaben fertig war – drei, vier oder fünf Stunden Fußball. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie gut oder wie schlecht ich war. Ich wollte einfach besser werden – und Tore schießen. Ich hatte keine Ahnung, wie die Dinge sich entwickeln würden. Ich liebte ganz einfach das Gefühl, Tore zu schießen, egal ob beim Punktspiel auf dem Feld oder zwischen zwei Stöcken oder zwei Kleiderhaufen. Wann immer ich ein Tor schoss, rannte ich in das Tor hinein, holte den Ball und brachte ihn so schnell ich konnte zurück zur Mittellinie. Ich legte den Ball ab und sagte zu der anderen Mannschaft: Los, weiter.“
Klinsmanns Erfolgsbilanz nach seiner denkwürdigen ersten Saison in der Jugendmannschaft belief sich auf 106 Tore in 18 Spielen. Anders ausgedrückt also sechs Tore pro Spiel. Das war eine beachtliche Leistung für einen Neuling in einer Gegend, die als eine von vielen Brutstätten des Fußballs in Deutschland galt. Seine Torerfolge weckten Klinsmanns Appetit auf mehr ...
„Kurz nach seinem neunten Geburtstag wurde er sogar über die engen Grenzen von Gingen hinaus bekannt“, schreibt Eitel über diesen außerordentlichen Star in seiner Biografie über Klinsmann. Eitel war Sportreporter für die Stuttgarter Zeitung und wurde später Klinsmanns Freund und sein Medienberater in Deutschland. „Das große Talent Jürgen Klinsmann wurde dort in Gingen entdeckt. Es dauerte nicht lange, bis er, die Sporttasche tragend, die fast so groß war wie er selbst, nach Hause kam und auf Schwäbisch verkündete: Mir hen g’wonne, i han a Tor g’schosse. Mit der Zeit betrat Jürgen immer öfter am späten Samstagnachmittag das Haus der Klinsmanns mit dieser Kunde.“
Der Anfang: die deutsche Einstellung
Die modernen Fußballregeln wurden 1863 zunächst in England standardisiert. Aber in der Folgezeit wurde der Fußballsport untrennbar mit der deutschen Geschichte verwoben. Man könnte sogar behaupten, dass er der deutschen Nation seit 1954 einen neuen Lebenssinn gegeben hat, nämlich in dem Jahr, in dem die Außenseiter aus der Bundesrepublik Deutschland allen Einschätzungen zum Trotz die Weltmeisterschaft gewannen. Mit insgesamt vier WM-Titeln 1954, 1974, 1990 und 2014 sowie dem zehnmaligen Erreichen des Halbfinales bei den letzten 13 Weltmeisterschaften zählt Deutschland zur weltweit erfolgreichsten Fußballnation der letzten 60 Jahre. Das Spiel mag in England erfunden worden sein, aber perfektioniert wurde es in Deutschland. Warum? Warum ist Deutschland so erfolgreich?
Zunächst ist die Anzahl der Deutschen, die Fußball spielen, im internationalen Vergleich erstaunlich hoch. Es gibt weltweit keine andere Fußballorganisation oder eine andere Sportorganisation mit so vielen Mitgliedern wie dem deutschen Fußballbund. Wie schon beschrieben, hatte der DFB 2015 6.822.233 Mitglieder, die in 165.229 Mannschaften spielten. Im Jahr 1900 gegründet, bedeutet der DFB das Rückgrat des Spiels in Deutschland, dem mit 82 Millionen Menschen einwohnerreichsten Land Westeuropas. Ein wichtiger Grund, dass Fußball ein so hohes Ansehen in Deutschland genießt, ist eindeutig die Weltmeisterschaft von 1954 und der Einfluss, den sie auf die wiederauferstandene deutsche Nation hatte. Das Turnier wurde erstmals 1930 in Uruguay als separater Wettkampf ausgetragen. Davor war es seit 1900 Teil der Olympischen Spiele. Bei den Spielen von 1932 in Los Angeles stand es allerdings, welch Überraschung, nicht auf dem Plan, da es in den USA als nicht beliebt genug angesehen war.
Bei der Weltmeisterschaft 1934 wurde Deutschland Dritter; 1938 schieden sie in der ersten Runde aus. Die Weltmeisterschaften 1942 und 1946 fielen wegen des Zweiten Weltkrieges aus. 1945 wurde Deutschland geteilt und von den Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion besetzt. Von der Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien wurde Deutschland ausgeschlossen. Als sie 1954 wieder eingeladen wurde teilzunehmen, galt die zusammengestückelte bundesdeutsche Mannschaft bei dem Turnier in der Schweiz als ungesetzter sicherer Verlierer. Umso größer war die Überraschung, als das Team in Bern bis zum Finale kam. Die deutsche Mannschaft hatte bei ihrem zweiten Spiel des Turniers schon einmal 3:8 gegen die Ungarn, die amtierenden Olympiasieger, verloren. Ungarns „Goldene Elf“ („Aranycsapat“ auf Ungarisch) hatte auf dem Weg ins Finale gegen Deutschland seit 32 Spielen während der letzten zwei Jahre eine beeindruckende Siegessträhne.
Das Spiel wurde am regnerischen Nachmittag des 4. Juli 1954 auf einem durchgeweichten Spielfeld im Wankdorf-Stadion durchgeführt. In der Bundesrepublik gab es zu der Zeit nur 4.000 Fernsehgeräte, aber Millionen verfolgten das Spiel im Radio und die Straßen waren wie leergefegt. Die Menschen in Deutschland hockten dichtgedrängt in Kneipen oder in den Häusern der Leute, die ein Radio besaßen und lauschten, als die deutsche Mannschaft nach den ersten acht Minuten schon 2:0 zurücklag, bevor sie tapfer zurückschlug, den Ausgleich zum 2:2 erreichte und schließlich dank eines späten Tors von Helmut Rahn mit 3:2 siegte. Die Deutschen waren wie in Trance, als der Radioreporter Herbert Zimmermann die unsterblichen Worte brüllte: „Aus, aus, aus, das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“
Zimmermanns emotionale Berichterstattung treibt manch einem Deutschen, der alt genug ist und das Spiel damals live verfolgt hat, immer noch Tränen in die Augen und auch die jüngeren, nach 1954 geborenen Deutschen bekommen eine Gänsehaut. Dieser völlig unerwartete Weltmeistertitel gab der Bundesrepublik von damals 52 Millionen Menschen eine neue Lebenszuversicht und einen Grund, ihren Kopf wieder aufrecht zu tragen. Der Zweite Weltkrieg war erst seit neun Jahren zu Ende und dieser Sieg im Fußball half, die internationale Isolierung zu überwinden, die viele Deutsche nach dem Krieg erlebt hatten. Dieser unerwartete Triumph bei dem Turnier, an dem 16 Mannschaften teilnahmen, wurde in der Bundesrepublik als das „Wunder von Bern“ bekannt. Es gab dem gebrochenen, zerbombten, vom Krieg erniedrigten und entehrten Land eine neue Identität –„Fußballweltmeister“. Besonders für die jüngere Generation, wie für Klinsmanns damals 21-jährigen Vater, bedeutete der Gewinn der Weltmeisterschaft einen Wendepunkt in der Geschichte ihres Landes. „Wir sind wieder wer“, war das Gefühl, das die Deutschen empfanden und aussprachen. „Mein Vater sprach viel über 1954 und wie viel der Weltmeisterschaftssieg damals bedeutete“, erzählt Klinsmann, der als Trainer im Jahr 2004 sicherging, dass auch die jüngeren Spieler in der Mannschaft alles über den Zauber von 1954 wussten, indem er CDs mit den Höhepunkten des Spiels von Bern verteilte. „Das Land machte damals nach dem Krieg eine schwierige Zeit durch, und Fußball gab den Leuten Hoffnung und etwas, an das sie wieder glauben konnten.“
Einige Historiker haben den Gewinn der Weltmeisterschaft als den Augenblick bezeichnet, in dem die Nation wiedergeboren wurde. Dieses Ereignis durfte in mancher Hinsicht wichtiger gewesen sein als die neue Verfassung und die Wahl des ersten Nachkriegsparlamentes 1949. Es war vielleicht sogar bedeutsamer als Zündung für das „Wirtschaftswunder“ als die Währungsreform 1948, bei der die Deutsche Mark die Reichsmark ersetzte und sogar wichtiger als die „Stunde Null“, als der Krieg in dem besiegten Land im Mai 1945 vorüber war. Der Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 war ein Augenblick des unbeschreiblichen Stolzes für die junge Bundesrepublik Deutschland. Es war ein unverhoffter Sieg, der in der Tat half, Deutschlands legendäres ökonomisches Wunder, das „Wirtschaftswunder“, in Gang zu bringen. Es führte zu einer Phase des schnellen wirtschaftlichen Wachstums und Wohlstands, durch welche das Land aus der Nachkriegsrezession herausgelangte. Deutschlands Wirtschaft bewegte sich auf einem atemberaubenden Expansionskurs. Am Ende des Jahrzehnts gehörte es zu den führenden Industrienationen der Welt.
Angefeuert von der Phase der intensiven Glücksgefühle, die der Weltmeisterschaft folgten, stieg das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik 1954 um 10,5 %. Dies war der höchste jährliche Anstieg des Bruttoinlandsproduktes, das jemals in Deutschland verzeichnet wurde. Die Gehälter stiegen 1955 auf der Welle der Euphorie des Weltmeisterschaftstitels ebenfalls um 10 % und die Zahl der Autos auf den Straßen erhöhte sich um 19 %. Dieser rasante Anstieg führte zu einem in Deutschland bis dahin unbekannten Problem des 20. Jahrhunderts: Auf den ursprünglich zu Kriegszwecken gut ausgebauten deutschen Autobahnen entstanden die ersten Staus. Das Wort Wirtschaftswunder wurde 1955 geprägt, um den kraftvollen Aufstieg zu beschreiben, der die Bundesrepublik auf den Weg brachte, bis 1960 die drittgrößte Wirtschaftsmacht nach den USA und Japan zu werden. Bis 1960 war die Industrieproduktion zweieinhalb Mal so hoch wie 1950 und die Arbeitslosenquote war innerhalb jener Zeit von 10,2 % auf ein Nachkriegsrekordtief von 1,2 % gesunken. In den Monaten nach den Weltmeisterschaftssiegen von 1990 und 2014 sowie der starken Drittplatzierung 2006 wurden ähnliche Anstiege im wirtschaftlichen Wachstum verzeichnet. Volkswirtschaftler schrieben diesen Anstieg des Konsumverhaltens den „positiven Gefühlen“ zu und dem irrationalen Eindruck der Konsumenten, dass sie in den Monaten nach diesen Fußballerfolgen mehr verfügbares Einkommen besäßen. Die Deutschen feierten den Sieg als einen hellen, leuchtenden Moment in der jungen Geschichte der Bundesrepublik. Es war der so dringend nötige Balsam zur Überwindung der Nachkriegsdepression und gab den Deutschen Anlass zur Hoffnung und ein neues Selbstwertgefühl. Der positive Effekt, den dieser Weltmeisterschaftssieg auf die Moral der Nation hatte, kann kaum überbewertet werden.
Als Spiegel der Gefühle für die siegreiche Fußballmannschaft standen Zehntausende jubelnd an den Bahnstationen entlang der Reiseroute aus der Schweiz und etwa 500.000 Menschen drängten sich am Münchner Hauptbahnhof, um die Spieler zu Hause zu begrüßen. (Zum Vergleich: Die Stadt München hatte damals eine Einwohnerzahl von 800.000.) Der historische Weltmeisterschaftssieg gab dem Land eine neue Identität und verwandelte die Spieler in Legenden. Selbst nach ihrem Tod werden viele Spieler aus Sepp Herbergers Mannschaft, einschließlich ihres Kapitäns Fritz Walter, immer noch wie ein Mythos verehrt.
Viele Deutsche, die alt genug sind, haben starke Erinnerungen an das Spiel von 1954. Viele können sogar immer noch liebevoll die Namen der Spieler aus der Startelf herunterrattern. In einem Land, in dem die Helden – teils aufgrund seiner kriegerischen Vergangenheit im 20. Jahrhundert – äußerst rar sind, können viele Deutsche detailliert beschreiben, wie der unbezähmbare Helmut Rahn, der Deutschlands erstes und zweites Tor vorbereitet hatte, in der 84. Minute das dramatische Tor zum Turniersieg schoss. Sie können es beschreiben, obwohl sie das Spiel nur im Radio gehört haben und erst Jahre später erstmals Gelegenheit hatten, Rahns flinke Aktion, mit der er drei ungarische Verteidiger ausspielte, in einer grobkörnigen, selbstgefilmten Schwarzweiß-Heimkinovorführung zu sehen. Rahn hatte sich auf den freien Ball außerhalb des Strafraums gestürzt und verwandelte ihn mit dem linken Fuß in einen langen Schuss, der in der unteren linken Torecke landete. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tor! Tor! Tor! Tor!“, hatte Radioreporter Zimmermann geschrien.
Fußball war demnach bereits ein Jahrzehnt vor Klinsmanns Geburt mit dem ersten Weltmeisterschaftserfolg etwas Besonderes und mehr als nur irgendeine Sportart in Deutschland. Ein Jahrzehnt nach Klinsmanns Geburt, im Jahr 1974, gewann Deutschland seinen zweiten WM-Titel, nur drei Wochen vor Klinsmanns zehntem Geburtstag. Der dritte WM-Titel folgte 1990 mit dem 25-jährigen Klinsmann als eine der Schlüsselfiguren der Nationalmannschaft. Seinen vierten Stern gewann Deutschland 2014 mit einer Mannschaft, die Klinsmann in seiner Funktion als Nationaltrainer von 2004–2006 mitgeformt hatte.
Der Aufstieg
Klinsmanns ungeheure Torjägerfähigkeiten als Jugendlicher blieben 20 Jahre nach der Weltmeisterschaft von 1954 nicht lange unbemerkt, ganz besonders in einem Land mit zahlreichen Sportjournalisten und Talentscouts, deren Hauptaugenmerk auf dem Fußballsport lag.
Es gibt in Deutschland hunderte von Tageszeitungen und dutzende Sportzeitungen und Magazine. Bei so viel Medienpräsenz und einem großen Netzwerk an ehrenamtlichen und professionellen Talentscouts ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein vielversprechendes, leuchtendes junges Talent wie Klinsmann lange unentdeckt bleibt. Dieses Netzwerk wurde in den letzten zehn Jahren mit mehr als 50 über ganz Deutschland verteilten DFB-Leistungszentren, in denen talentierte junge Spieler gesichtet, betreut und trainiert werden und die der Trainerausbildung dienen, noch weiter ausgebaut.
Im Alter von zehn Jahren wurden Klinsmanns Ambitionen bereits deutlich. Im kleinen „Teich“ Gingen wurde er bald der buchstäblich „große Fisch“ und strebte selbst nach neuen Herausforderungen. Ein Nachbar, Werner Gass, der einige Jahre älter als Klinsmann war, trainierte eine Jugendmannschaft, während er gleichzeitig in der Herrenmannschaft eines größeren Vereins spielte, dem SC Geislingen, das etwa 11 Kilometer von Gingen entfernt liegt.
Die Stadt Geislingen war mit einer Einwohnerzahl von etwa 26.000 mehr als sechsmal so groß wie Gingen. Der SC Geislingen war in einem weiten Umkreis als einer der Besten im Bereich der Nachwuchsförderung bekannt. Gass trainierte damals die D-Jugend, die unter Zwölfjährigen des SC Geislingen, während er mit seinen 18 Jahren selbst Spieler in der 1. Herrenmannschaft war, die in der 4. Bundesliga oder Regionalliga spielte. Später spielte er beim VfB Stuttgart.
Entschlossen wie er war, wollte auch Klinsmann nun in einer höheren Liga spielen. Er war bereits selbstbewusst und mutig genug, diesen Schritt zu gehen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Dabei zeigte er das gleiche Gespür, den Mut und die Eigeninitiative, die ihn während seiner gesamten Karriere als Spieler und Trainer begleiteten.
„Eines Tages dachte ich, dass es an der Zeit sei, den nächsten Schritt zu machen“, erinnert sich Klinsmann. „Ich wollte für Geislingen spielen. Ich wusste, wo Werner wohnte. Sein Haus war nicht weit von der Bäckerei entfernt. Also ging ich eines Tages einfach rüber, klopfte einfach an seine Tür und sagte: Ich möchte in deiner Mannschaft spielen. Und er antwortete: Ja, klar.“
Klinsmann hatte die eineinhalb Jahre in seinem Heimatclub in Gingen genossen. Aber dadurch, dass er täglich mit den anderen Kindern in der Nachbarschaft trainierte, war er schnell so viel besser als die meisten seiner Altersgenossen geworden, dass Gingen, wo es nur eine Trainingseinheit und ein Spiel pro Woche gab, ihm keine Herausforderung mehr bieten konnte. „Es war so, dass ich oft einen langen Ball von einem Mitspieler bekommen und den Rest alleine gemacht habe, während die anderen oft nur herumgestanden und zugeguckt haben“, erzählt Klinsmann. „Jeder sagte: Der kann hier nicht mehr spielen, der ist einfach zu gut. So kam ich eines Tages nach einem Spiel zu dem Schluss: Ich muss hier raus.“
Seine Bestrebung nach neuen Herausforderungen zeigt, dass Klinsmann schon früh entschlossen war, besser zu werden und die nächste Stufe zu erklimmen, eine Entschlossenheit, die ihn während seiner ganzen Karriere als Spieler und dann auch als Trainer begleitete. Trotz der Entbehrungen und Risiken, die mit dem Verlassen der „Komfortzone“ verbunden waren, war dieser kindliche Ehrgeiz ein Vorbote dessen, was in den Jahren danach folgte. Die D-Jugend in Geislingen trainierte häufiger und intensiver, und die Trainer waren erfahrener und besser ausgebildet. Klinsmann bemerkte den Unterschied sofort. Das Training fand dreimal die Woche statt mit zusätzlich einem Punktspiel am Sonnabend.
Klinsmann war erst zehn Jahre alt und musste sich nun auch überlegen, wie er von Gingen zum Training nach Geislingen kommen könnte. „Die ersten zwei Jahre holte mich Werner zum Training ab und brachte mich wieder nach Hause, oder ich musste die Strecke mit dem Fahrrad fahren.“
Selbst als sich seine Fähigkeiten weiter verbesserten und sein Talent als Stürmer mehr Aufmerksamkeit zu erregen begann, dachte Klinsmann nach wie vor nicht einmal im Traum daran, Profi werden zu können. Er erfreute sich daran, die Fußballpyramide Stufe um Stufe höher hinaufzusteigen und wartete mit Neugier ab, wie weit er in einem Umfeld kommen konnte, das immer kompetitiver wurde. „Mein Ziel als Kind war es, mit der Mannschaft in der Verbandsliga zu spielen. Wenn man das erreicht hat, setzt man sich das nächsthöhere Ziel. Ich wollte dann in der 1. Herrenmannschaft spielen, die in der Regionalliga war. Es ging also darum, von einem Ziel zum nächsten zu gehen, einen Schritt nach dem anderen.“
Als Klinsmann 1974 in den SC Geislingen eintrat und die Trikots in den schwarz-weißen Clubfarben trug, schenkte sein Vater ihm ein „Rekordbuch“, in das er seine Spielstatistiken, Ergebnisse und Tore eintragen konnte. Siegfried Klinsmann versah das Buch mit einer Widmung, die Klinsmann alle Jahre beherzigte: „Olympisch sein heißt: ehrlich im Kampf, bescheiden im Sieg, neidlos in jeder Niederlage und sauber in deiner Gesinnung. Das hofft Dein Vater und Turnkamerad, Siegfried Klinsmann.“
„Ich habe dieses Buch immer noch zu Hause“, sagt Klinsmann mit nicht geringem Stolz und ergänzt, dass diese Widmung ihm später während seiner Karriere sehr viel bedeutet habe, auch wenn er den vollen Sinn anfangs nicht habe erfassen können.
„Mein Vater gab mir das Buch, weil er dachte, wenn er schon den ganzen Tag nur vom Toreschießen redet, sollte er vielleicht darüber Buch führen, wie viele Tore er schießt. So habe ich während meiner ganzen Jugendkarriere Buch geführt. Bis zu meinem letzten Tor in der höchsten Jugendliga ist jedes Tor darin verzeichnet. Ich habe es immer noch zu Hause. Du kannst es gerne anschauen. Es gab mir ein gutes Gefühl, wenn ich nach Hause kam und ein weiteres Tor in das Buch eintragen konnte. Und ich dachte dann bei mir: Hey, heute war ein guter, produktiver Tag.“
Klinsmann war seinem Vater eng verbunden. Er bewunderte dessen stoische Hingabe und unermüdliche Arbeitseinstellung. Er war ein bescheidener Mann, der sechsmal in der Woche zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens aufstand und die Nacht durcharbeitete, um rechtzeitig frisches Brot, Brötchen, Kuchen und Gebäck fertig zu backen, bevor die Bäckerei Klinsmann morgens um 6.30 Uhr öffnete. „Ich weiß, was es heißt, zwölf oder mehr Stunden täglich zu arbeiten“, erzählt Klinsmann und fügt hinzu, dass sein Vater manchmal sogar 14 bis 16 Stunden am Tag gearbeitet habe. Er sagt, er habe niemals verstanden, wie sein Vater es so gut schaffte, mit dieser geringen Menge Schlaf auszukommen. Von seinem Vater und seiner Mutter übernahm Klinsmann seine lebenslange Wertschätzung für harte Arbeit. „Meinen Eltern habe ich das Meiste zu verdanken.“
Die Klinsmanns gehörten zu Deutschlands breiter Mittelklasse der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, die weder Teil der kleinen Gruppe der wohlhabenden Elite noch Teil der kleinen Gruppe der Bedürftigen bildeten. In den 1970er-Jahren war die Bundesrepublik Deutschland zu einem der reichsten Länder der Welt geworden, und dieser wirtschaftliche Erfolg war großflächig auf eine breite Mittelklasse verteilt. Mit einer umfassenden gesetzlichen Krankenversicherung für jeden und guten Schulen im ganzen Land vermittelte die soziale Marktwirtschaft den Bürgern ein wunderbares Gefühl der Gleichheit. Das großzügige soziale Netz verhinderte, dass irgendjemand, selbst wenn er arbeitslos wurde, durch das soziale Netz fallen und in Existenz bedrohende finanzielle Not kommen konnte. Gleichzeitig wirkten die relativ hohen Steuern einer Anhäufung großer Vermögen entgegen oder verhinderten zumindest eine sehr offensichtliche Zurschaustellung von Reichtum. Die meisten Deutschen arbeiteten dennoch hart, um über die Runden zu kommen und Klinsmanns Erziehung in der Familienbäckerei formte ihn in wichtiger Weise.
„Er war selbst Sportler, ein begeisterter Turner und Radfahrer und meine Interesse an Sport habe ich von ihm geerbt“, sagt Klinsmann über seinen Vater, der 2005 mit 71 Jahren starb. Für Klinsmann war dies, ein Jahr bevor er die Deutschen bei der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land trainierte, ein schwerer Schlag. „Als Bäcker war es für ihn jedes Mal eine Herausforderung, zu meinen Spielen am Samstagnachmittag zu kommen. Für eine Bäckerei ist der Samstag der anstrengendste Tag der Woche. Mein Vater hatte die Nacht durchgearbeitet und kämpfte gegen seine Müdigkeit an. Meine Spiele begannen erst um zwei oder drei Uhr nachmittags. Es war manchmal hart für ihn, die Augen offenzuhalten, weil er so müde war. Er kam mit einer großen Tüte Bretzeln zum Spielfeld, für die ganze Mannschaft ..., und die anderen konnten es gar nicht erwarten, nach dem Spiel ihre Bretzel zu bekommen. Er sah sich die Spiele immer von hinter dem Tor aus an. Er stand nur da. Er tat dies bis zu der Zeit, in der ich anfing, als Profi zu spielen. Er war wahrscheinlich sehr, sehr müde, aber ihn dort stehen zu sehen, bedeutete mir sehr viel.“ Klinsmann sagt, dass sein Vater ihn niemals gedrängt habe, Fußball zu spielen und niemals versucht habe, sich in seine Karriere einzumischen, dass er aber stets da war, um sein wachsendes Interesse an dem Nationalsport zu unterstützen. „Er kam zu jedem Spiel, zu dem er es irgendwie schaffen konnte, ohne etwas zu sagen, egal ob ich gut oder schlecht gespielt hatte. Er kommentierte niemals ein Spiel, da er sagte: Ich bin nicht mit Fußball aufgewachsen; ich bin Turner. Hab einfach Spaß! Das einzige, was er mich immer fragte, war: Hat es dir heute Spaß gemacht? Hattest du eine gute Zeit? Ich war in der glücklichen Lage, meine gesamte Kindheit über diese Art von Anleitung und Unterstützung zu haben.“
Schon als Kind war Klinsmann als ehrgeiziger Sportler bekannt, der es hasste, zu verlieren; etwas, was auch heute noch der Fall ist, sei es als Spieler oder als Trainer oder sogar, wenn er mit seinen Spielern Tischtennis spielt. Als Trainer wurmt es ihn immer noch, wenn ein Spieler sein Talent vergeudet oder sein Potenzial nicht voll ausschöpft. Klinsmann besaß schon in seiner Jugend auf dem Spielfeld einen ausgeprägten Willen zu kämpfen und zu siegen, der oft die ganze Mannschaft mitzog und das Spielniveau seines ganzen Teams erhöhte, insbesondere später bei großen Turnieren mit der deutschen Nationalmannschaft. „Mich macht es rasend, wenn einer nicht das Optimum bringt“, sagt Klinsmann. Obwohl jeder Spieler einmal einen schlechten Tag haben kann, war sein Motto: „Kämpfen bis zum Umfallen“, selbst wenn man einen schlechten Tag hatte. In seinem Buch Klinsmann, Stürmer, Trainer, Weltmeister schreibt der deutsche Sportjournalist Michael Horeni, dass Klinsmann wegen seiner Arbeitseinstellung bei den Fans enorm beliebt war, egal wo er spielte: „Seine Karriere war von Anfang an geprägt von seiner enormen Willenskraft, Disziplin und Ehrgeiz. Es ist kein Zufall, dass er zu den wenigen Profis gehören sollte, denen die Zuschauer nie den Vorwurf machen konnten, auf dem Fußballplatz nicht alles gegeben zu haben.“
So leidenschaftlich Klinsmann bezüglich seiner Leistung und der seiner Mannschaftskameraden auf dem Platz war, zeigte Klinsmann als Jugendlicher nur selten seine Wut über eine Niederlage oder ein enttäuschendes Ergebnis. Stattdessen brütete er einfach leise vor sich hin, bis sich der Frust von selber langsam aufgelöst hatte. Manchmal dauerte dies einige Stunden, manchmal ein paar Tage, manchmal sogar einige Wochen, besonders später als Profi, wenn beispielsweise eine deutsche Mannschaft voller talentierter Spieler bei der WM 1994 in den USA bereits im Viertelfinale gegen Bulgarien ausschied. Klinsmann erzählt, sein Vater und seine Mannschaftskameraden hätten die Intensität seiner Enttäuschung verstanden, die er schon als kleiner Junge empfunden habe, und ihm viel Raum gelassen, wenn er „Dampf ablassen“ musste. „Mein Vater sah, dass ich manchmal sauer war, weil wir verloren hatten oder weil ich vielleicht kein Tor geschossen hatte. Dann ließ er mich in Ruhe, weil er wusste, dass es das Beste war, mir einfach ein wenig Zeit zu geben. Diese Beruhigungsphasen konnten zwischen einigen Stunden und einem Tag dauern, auch als ich noch in Gingen spielte. Also ließen mich die anderen in Ruhe. Manchmal musste ich mich hinterher bei ihnen entschuldigen, weil ich so sauer war. Aber sie lernten damit umzugehen. Dass ich immer Zeit brauchte, um runterzukommen, ist etwas, was sich bei mir nie geändert hat.“
Mit der ganzen Übung und Entschlossenheit befand sich Klinsmanns Karriere auf einem steilen Weg nach oben. Eine regionale Fußballzeitung schrieb 1977 einen vorausahnenden Bericht über den 13-jährigen Jürgen Klinsmann mit der Überschrift „Auf den Spuren Gerd Müllers“. Müller war Deutschlands Top-Stürmer in den 70er-Jahren. Der Artikel beschrieb Geislingens jungen Mittelstürmer als „blond, schlank und rank, nicht übermäßig groß, doch ungemein wendig, pfeilschnell und mit ‚Dynamit` in den Beinen“. Der Artikel in dem Blatt aus der D- und C-Jugendzeit hielt fest, dass Klinsmann die unglaubliche Zahl von 250 Toren für Geislingen in weniger als vier Saisons geschossen hatte, und der Autor schloss mit einer Vorhersage, auf die er Jahre später sehr stolz gewesen sein muss: „Eine große Zukunft steht ihm offen.“ Jürgen Klinsmann spielte von 1974 bis 1978 für den SC Geislingen. Er spielte sogar weiter für den Verein, nachdem seine Familie von Gingen nach Stuttgart-Botnang gezogen war, etwa 45 Kilometer westlich von Geislingen. Die Familie übernahm dort ein dreistöckiges Haus mit einer eigenen Bäckerei im Erdgeschoss. Aber Jürgen fühlte sich Geislingen verbunden und wollte weiter in der erfolgreichen Mannschaft spielen, die einige der größeren und besseren Clubs der Region zwischen Stuttgart bis nach Ulm „aufgemischt“ hatte. Klinsmann hatte auch viele Freunde und Mannschaftskameraden in Geislingen, mit denen er über die Jahrzehnte in engem Kontakt geblieben ist. „Es ist deine Entscheidung, du musst damit glücklich sein“, sagte sein Vater zu ihm. Er wollte seinen Söhnen von klein auf Verantwortungsgefühl und Unabhängigkeitssinn vermitteln und ihnen klarmachen, dass sie für ihre Entscheidungen selber verantwortlich wären.
Er war erst 13 und trotz verlockender Angebote, zu größeren und prestigeträchtigeren Clubs wie den Stuttgarter Kickers oder dem VfB Stuttgart zu wechseln, entschied sich Klinsmann, weiter für Geislingen zu spielen. Die hellen Lichter der Landeshauptstadt und die schicken Namen ihrer Fußballvereine konnten ihn nicht weglocken. Er war glücklich, weiter in der Provinz bei seinem Kleinstadtverein zu spielen. Ungefähr ein halbes Jahr lang pendelte er mehrmals die Woche nach der Schule einige Stunden von Stuttgart nach Geislingen hoch auf die Schwäbische Alb, um am Training teilzunehmen. Er hatte das Glück, nach der Schule von einem Pendler aus Geislingen, der in Stuttgart arbeitete, mitgenommen zu werden und nahm dann nach dem Training oft den Zug nach Hause oder schlief bei einem Freund in Geislingen. „Ich spielte weiter in Geislingen, weil ich meine Freunde nicht verlassen wollte und weil wir besser waren als die Stuttgarter Mannschaften“, erzählt Klinsmann mit einem Lachen und einem Anflug seines Wettkampfgeistes, der auch fast 40 Jahre später noch vorhanden ist. „So sahen wir das damals. Wir hatten mit Geislingen die Landesmeisterschaften der unter Zwölf- und unter Vierzehnjährigen gewonnen und waren besser als die Jugendmannschaften der Kickers und des VfB Stuttgart. Als dort bekannt wurde, dass meine Eltern nach Stuttgart zogen, wollten beide Clubs mich haben. Ich antwortete: Nein, ist schon okay, ich nehme den Zug nach Geislingen.“
Stuttgarter Kickers
Das Pendeln zwischen Geislingen und Stuttgart begann 1978, nach ungefähr sechs Monaten, an dem 14-jährigen Klinsmann zu zehren. Zur selben Zeit, als er der Fahrerei müde war, wurde der junge Stürmer von einem der beiden großen Stuttgarter Bundesligavereine, den Stuttgarter Kickers, intensiver umworben. Dies war das erste Mal, dass er von einem anderen Verein so ernsthaft umworben wurde und bedeutete für Klinsmann eine weitere Bestätigung, dass harte Arbeit sich lohnt. Die Kickers taten alles, damit Klinsmann, der sie über Jahre mit seinen Geislinger Mannschaftskollegen zu oft geschlagen hatte, sich willkommen fühlte.
Als Trainer der US-amerikanischen Nationalmannschaft sitzt Klinsmann nun auf der anderen Seite der Rekrutierungsbemühungen und ist weithin bekannt für seine besondere Fähigkeit, Spieler zu umwerben. Dies gilt besonders für Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft, die er überzeugen konnte, für die Vereinigten Staaten zu spielen. Klinsmann hat die Erfahrungen nicht vergessen, die er als junges Talent, das von den Stuttgarter Kickers umgarnt wurde, gemacht hatte. „Er rief mich an und lud mich zu einem US-Trainingslager ein“, erzählt Fabian Johnson, einer der besten USA-Nationalmannschaftsspieler, der in Deutschland aufgewachsen ist und die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Er erinnert sich gern daran, wie Klinsmann und das Trainerteam der amerikanischen Nationalmannschaft ihm von Anfang an das Gefühl gaben, willkommen zu sein. „Die Atmosphäre hier ist wirklich gut. Deswegen habe ich mich entschieden, für die USA zu spielen.“
Klinsmanns schulische Leistungen wurden während des halben Jahres, das er hin- und herpendelte, in Mitleidenschaft gezogen. Manchmal schlief er nach einem langen Tag mit Schule und Training auf dem Heimweg nach Stuttgart im Zug ein. „Mein Vater sagte: Du musst eine Entscheidung treffen, die Schule steht an erster Stelle. Das war ungefähr zur selben Zeit, als die Kickers erneut auf mich zukamen und mich fragten, ob ich nicht einfach mal zum Training vorbeikommen wolle, um zu sehen, ob es mir gefiele. Ich sagte dem Verein in Geislingen, dass ich bei den Stuttgarter Kickers trainieren wolle, weil mein Vater besorgt sei wegen meiner Noten. Und sie hatten total Verständnis. Sie sagten: Das ist kein Problem.“ Es war der richtige Zeitpunkt, sich zu verändern, auch wenn er einige Zeit mit der Entscheidung gerungen hatte. Er war von der Hartnäckigkeit der Kickers beeindruckt und fand ihr Angebot verlockend. Er spürte gleich, dass er bei den Kickers eine neue Herausforderung und ein verändertes Tempo finden würde, und nachdem er eine kurze Zeit am Training teilgenommen hatte, entschied er sich im Sommer 1978, ganz in die Jugendmannschaft der Stuttgarter Kickers zu wechseln. Die Kickers waren nach dem Bundesligaverein VfB Stuttgart der zweite Club der Stadt. Klinsmann blieb letztendlich sechs Jahre bei den Kickers, von seinem 14. Lebensjahr 1978 bis zu seinem 20. Lebensjahr 1984 – länger, als bei jedem anderen Verein. In dieser Zeit lernte er viel über den Fußball und das Leben. Eine Zeit lang wurde er als Mittelfeldspieler eingesetzt und half „den Blauen“ in seiner ersten Saison in der B-Jugend, die württembergischen Regionalmeisterschaften zu gewinnen. „Geislingen war meine Komfortzone“, sagt Klinsmann mit Rückblick auf den fast 40 Jahre zurückliegenden Wechsel nach Stuttgart. Im Nachhinein betrachtet er es als gute Entscheidung – eine frühe Erkenntnis über die Tugend, sich gegenüber der Gefahr der Selbstzufriedenheit zu verwahren. „Ich blieb in Geislingen, weil ich der Ansicht war, dass wir besser als Stuttgart waren, warum sollte ich wechseln? Nur wegen des großen Namens, obwohl wir die bessere Mannschaft hatten? Aber in Stuttgart fühlte ich mich von Anfang an wirklich willkommen, und mir wurde bewusst, dass dies das Richtige war. Irgendwann dachte ich mir: Weißt du was? Du musst nach vorne schauen, du musst deine ‚comfort zone‘, deine Wohfühlzone verlassen und den nächsten Schritt gehen. Es war der richtige Augenblick, sich zu bewegen, es war ein guter Schritt. Und es war auch eine Art Weckruf für mich, weil das Training bei den Kickers noch viel intensiver war als das, was ich aus Geislingen gewöhnt war. Und dann gewann ich mit den Kickers gleich die Landesjugendmeisterschaften.“
Die Stuttgarter Kickers verloren dann bei den deutschen B-Jugendmeisterschaften nur knapp gegen Augsburg; eine unglückliche Niederlage, die Klinsmann heute, so viele Jahre später, immer noch irgendwie ärgert. Trotz seines wachsenden Erfolgs auf der größeren Bühne in Stuttgart, war sich Klinsmann weiterhin unsicher, wie weit er mit dem Fußball kommen würde. In ganz Deutschland gab es tausende junger Fußballtalente, die dabei waren, sich ihren Weg nach oben zu bahnen. Klinsmann beschränkte sich darauf, eine Herausforderung nach der anderen anzunehmen und vor allem darauf, sein sich konstant verbesserndes Spiel zu genießen. Er wusste um seine Fähigkeiten, aber der Gedanke, er könne eines Tages in der Bundesliga oder gar in der Nationalmannschaft spielen, schien ihm immer noch zu kühn.
„Ich verfolgte immer nur das Ziel, das als nächstes vor mir lag. In einer Mannschaft zu spielen, die man nur aus dem Fernsehen kannte, war kein Ziel, das ich mir damals setzen konnte. Wenn wir das Team spielen sahen, was die WM von 1974 gewonnen hatte, ging ich nach draußen und feierte die Tore, die Gerd Müller geschossen hatte. Es wäre mir aber als Zehnjährigem nicht in den Sinn gekommen zu sagen: Du musst eines Tages auf derselben Position spielen wie Gerd Müller, weil das zu dem Zeitpunkt so unerreichbar schien. Man konnte sich unmöglich vorstellen, dass man eines Tages selber auf der Ebene, die man im Fernsehen sah, landen würde. Ich konzentrierte mich auf die Umgebung, in der ich gerade lebte und spielte. Es kam mir nicht in den Sinn, dass ich mehr als eine Stufe gleichzeitig aufsteigen könnte. Jeder kleine Schritt rückte erst dann in meinen Fokus, wenn er als nächstes vor mir lag. Das ist der große Vorteil dieser Pyramide, dass es dir hilft, dich selbst einzuschätzen und dir ehrlich sagt, wo du stehst. Ich habe nie irgendeinen Druck gespürt, es bis nach ganz oben schaffen zu müssen. Ich habe mir immer gedacht, dass ich halt als Bäcker arbeiten könnte, wenn es mit dem Fußball nicht klappt. Als ich 14 war und in die Jugendmannschaft der Kickers kam, sah ich, dass das Niveau der Herrenmannschaften, die in der 2. Bundesliga spielten, immer noch weit über dem war, was ich bis dahin kannte. Ich sagte zu mir selbst: Dort möchte ich eines Tages spielen. Dann spielst du irgendwann in der Zweiten Bundesliga, siehst nach oben und die 1. Bundesliga vor dir und sagst dir: Dort möchte ich auch eines Tages spielen.“
Klinsmann hat niemals seine Bescheidenheit verloren, selbst als er kurz davor war, in der 2. Bundesliga zu spielen und die Spitze der Fußballpyramide in Reichweite rückte. Er erzählt, dass er sich immer noch jeden Gedanken verbat, in der Nationalmannschaft zu spielen. Erst als er viele Jahre später mit dem VfB Stuttgart fest in der Bundesliga etabliert war und dort regelmäßig Tore erzielte, begann er an eine mögliche Berufung in die Nationalmannschaft zu denken, für Fußballer die Krönung ihrer Laufbahn.
Er blieb hungrig nach Toren und danach, die nächste Stufe zu erklimmen. Er verwahrte sich gegenüber jeglicher Selbstgefälligkeit, durch die seine Karriere aus den Fugen hätte geraten können. Als Trainer der amerikanischen Nationalmannschaft wundert und sorgt sich Klinsmann manchmal über einige amerikanische Fußballspieler, die zufrieden damit scheinen, wenn sie ein bestimmtes Level erreicht haben. „Man kann bei allen Top-Spielern der Welt eine ganz bestimmte Einstellung beobachten, einen gewissen Hunger“, sagt er. „Es ist etwas Besonderes, was Spieler wie Messi, Christiano Ronaldo oder Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose oder Wayne Rooney durch ihre Zeit als Jugendspieler bis in die Erwachsenenmannschaften antreibt. Die Vereinigten Staaten sind bisher nicht konstant in der Lage gewesen, Spieler mit solch einer Einstellung hervorzubringen. Vielleicht, weil das nie von ihnen verlangt wurde oder vielleicht, weil sie zufrieden waren, sobald sie ein bestimmtes Niveau erreicht hatten und sich darauf ausruhten.“
In der Bundesrepublik war es schwierig, selbstgefällig zu werden, weil der Wettbewerb überall stattfand. Es gab immer andere Spieler, die ohne Skrupel danach trachteten, den Stammplatz auf dem Feld streitig zu machen. Wie in allen anderen Phasen seines Lebens, nutzte Klinsmann seine nächstgrößere Chance in der Jugendmannschaft der Stuttgarter Kickers bestmöglich. Seine Fähigkeiten und Entschlossenheit auf dem Spielfeld waren sowohl der Herrenmannschaft der Kickers als auch der DFB-Zentrale in Frankfurt nicht entgangen. Völlig unvermittelt war eines Tages ein Brief vom DFB im Briefkasten. „Wir haben Sie für ein Spiel mit der Jugendnationalmannschaft in Portugal nominiert“, stand in dem Brief. Klinsmann war perplex. Er musste die Einladung mehrere Male lesen, bevor er begriff, was passierte.
„Ich konnte es einfach nicht fassen“, erzählt Klinsmann. „Ich war ein Kind vom Lande und las diesen Brief vom DFB, in dem es hieß: Wir möchten, dass Sie in der Jugendnationalmannschaft spielen. Ich wusste nicht, was das bedeutete, ich konnte das einfach nicht begreifen. Das war einfach ein bisschen zu viel für ein 15-jähriges Kind.“
Sein Debüt für die deutsche Jugendnationalmannschaft war nicht besonders bemerkenswert, auch wenn es bei Klinsmann selbst einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Sein Trainer war Berti Vogts, ein ehemaliger Nationalspieler und zukünftiger Bundestrainer des Teams, das die EM 1996 gewinnen sollte. Berti Vogts war auch derjenige, durch den Klinsmann später zufälligerweise Trainer wurde. Das deutsche B-Jugendteam wurde 2:0 von den Niederlanden und 2:0 von Spanien besiegt, bevor es sich im letzten Spiel mit 3:0 erfolgreich gegen die Schweiz durchsetzte. Klinsmann spielte mit der U-16 nur diese drei Spiele, ohne selbst ein Tor zu schießen. Dennoch war diese Erfahrung auf internationaler Ebene für ihn beflügelnd. „Sie öffneten mir sehr die Augen“, sagt Klinsmann über die Spiele in Faro, Portugal. „Es war ein fremdes Land und eine fremde Sprache. Man konnte die Leute nicht verstehen. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Ich war nie zuvor in Portugal, und es war alles so faszinierend. Ich sah den Strand und flippte aus“, ergänzt er, bezüglich des ersten Mals, dass er das Meer sah. „Es war so faszinierend ... Ich ging an den Strand und betrachtete einfach nur das Wasser.“
Vogts erzählt gerne die Geschichte, wie Klinsmann schon früh seine unabhängige Ader gezeigt habe. Es ist eine Eigenschaft, die Spielern auf dem Feld hilft, während des Spiels selbstbewusst spontane Entscheidungen zu treffen, aber es ist auch eine Herausforderung für einen Trainer, der gleichzeitig die Mannschaftsdisziplin aufrechterhalten muss. Vogts erinnert sich daran, wie der 15-jährige Klinsmann sich nach dem Mittagessen aus dem Mannschaftshotel davonschlich, anstatt an der dringend empfohlenen Mittagsruhe teilzunehmen. In seiner Funktion als Aufsichtsperson und als Trainer, der für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Jugendlichen verantwortlich war, folgte Vogts heimlich Klinsmann, als dieser sich leise vom Hotel entfernte. Er wollte nur sichergehen, dass er nicht weglief oder irgendetwas anstellte. Schnell stellte Vogts fest, dass alles ganz harmlos war ...
Klinsmann erinnert sich ebenfalls an diese Begebenheit. „Das Meer war nur 200 Meter vom Hotel entfernt und Vogts dachte: Was stellt er an? Aber nach ein paar Tagen verstand er, dass ich lediglich den Ozean anschauen wollte. Danach sagte er zu seinen Assistenten: Macht euch keine Sorgen, es ist in alles Ordnung.“
Die Stuttgarter Kickers nahmen im selben Sommer an einer inoffiziellen Jugendeuropameisterschaft in den Niederlanden teil. Die Atmosphäre dieses Turniers war elektrisierend. Die Kickers erreichten das Halbfinale, bevor sie von dem dänischen Verein Vejle BK geschlagen wurden, und Klinsmann zeigte mit sieben Toren in sechs Spielen den ersten seiner vielen starken Auftritte auf der internationalen Bühne. „Die Kickers hatten natürlich längst erkannt, welch ein Juwel sie da in ihren Reihen hatten“, schreibt Roland Eitel in seinem Buch Jürgen Klinsmann. Beeindruckt von seiner Leistung, bot der Club ihm einen vorläufigen Vertrag in ihrer Profimannschaft an, die damals in der Zweiten Bundesliga spielte. Die Kickers machten dieses Angebot, obwohl er erst 16 war und der Vertrag erst zwei Jahre später mit dem Erreichen seines 18. Lebensjahres gültig werden würde.
Schule oder Fußball?
Es war für Klinsmann ein ausschlaggebender Moment, als er im Alter von 16 Jahren einen Profivertrag angeboten bekam. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, im Fußball so weit wie möglich zu kommen und dem Gedanken, das Gymnasium zu besuchen und anschließend zu studieren. Er war ein neugieriger, wissbegieriger Teenager, der hungrig danach war zu lernen. Bevor in den deutschen Profivereinen 1998 und 2000 weitreichende Reformen eingeführt wurden mit der Einrichtung von Fußballakademien für talentierte junge Spieler, welche die schulische Ausbildung und Leistungsfußball verbanden, gab es für die überwiegende Mehrheit der Spieler nur dieselbe Wahl wie für Klinsmann: Fußball zu spielen oder weiter zur Schule zu gehen.
Klinsmann ging eigentlich gern zur Schule und hatte viel Freude am Lernen. Er wollte bis zu dem Zeitpunkt später Pilot werden. Er hatte bis zu dem Angebot von den Kickers nicht daran gedacht, Profifußballer zu werden. Und dennoch gab es so viele Fußballspieler in der Bundesrepublik, dass die Wahrscheinlichkeit Erfolg zu haben, sehr gering war.
„Das Fliegen hat mich immer fasziniert“, erzählt Klinsmann. „Wenn irgendjemand mich als Kind fragte, was ich werden wolle, war die Antwort: Pilot. Ich dachte immer: Ich werde eines Tages Flugzeuge fliegen. Fußball war etwas, das ich zum Spaß machte und ich hatte beim Spielen immer viel Spaß.“ Das Vertragsangebot von den Stuttgarter Kickers änderte diese Pläne und zwang ihn, seine fliegerischen Ambitionen auf Eis zu legen, wenn auch nicht für immer. Er erwarb ein Vierteljahrhundert später eine Fluglizenz für Hubschrauber und genießt es, auf diese Weise Südkalifornien zu erkunden. Das Angebot bewirkte darüber hinaus, dass der neugierige junge Mann, der so gern lernte, sich dazu durchringen musste, seine Ausbildungspläne zu ändern. Auf absehbare Zeit bedeutete das für ihn, sich von dem Gedanken zu studieren verabschieden zu müssen – auch, als einige seiner Freunde aus Geislingen zur Uni gingen.
Die deutschen Gymnasien sind betont akademisch ausgerichtet, als Vorbereitung auf die Universität. Nur etwa die Hälfte aller Kinder schafft die Aufnahme auf ein Gymnasium. Im Vergleich zur amerikanischen High School lernen die Kinder auf dem Gymnasium viel mehr.
Die in Deutschland im Alter von etwa 15 Jahren frühe Entscheidung für eine Karriererichtung mag manchem fast grausam und für Spätentwickler als besonders unfair erscheinen. Einige dürfen die schnelle akademische Laufbahn vom Gymnasium direkt zur Universität gehen, während die anderen eine Berufsausbildung beginnen und häufig für den Rest ihres Lebens in dem erlernten Beruf weiterarbeiten. Als Klinsmann 15 war, gab es kaum Profifußballer, die das Gymnasium besucht hatten. Heutzutage ist dies dank der Fußballakademien anders, welche die schulische Ausbildung parallel zum Fußball fördern, so dass jetzt mehr als die Hälfte aller Profispieler ihr Abitur macht.
Für Klinsmann stellte diese Entscheidung eine schwierige und schwerwiegende Wegscheide dar. „Meine Noten waren nicht gut genug, um direkt aufs Gymnasium zu gehen“, erzählt er. Er zog in Erwägung, aufs Wirtschaftsgymnasium zu gehen, um doch studieren zu können. Aber das hätte bedeutet, dass er sich in Vollzeit auf die Schule hätte konzentrieren müssen, und zwar insgesamt 13 Schuljahre bis zum Alter von 19 Jahren. „Zur selben Zeit kamen die Kickers auf mich zu und boten mir einen Profivertrag. Ich war noch keine 16, sondern immer noch 15 Jahre alt. Ich fragte meinen Vater: Was soll ich machen? Ich würde gern in der Schule bleiben, obwohl meine Noten nicht die besten sind, aber ich denke, ich sollte weiter zur Schule gehen. Er sagte, er verstehe mich, aber er machte mir auch klar, dass ich, wenn ich weiter zur Schule gehen wolle, den Vertrag mit den Kickers nicht unterschreiben könne.“
Siegfried Klinsmann wollte, dass sein Sohn wenigstens einen Beruf erlernen sollte, auf den er im Notfall zurückgreifen könnte, falls es mit seiner Karriere als Profifußballer nicht klappen würde. Ein pragmatischer Ratschlag. Es gab zu der Zeit in der Tat hunderte, wenn nicht sogar tausende junger Fußballer in Deutschland, deren Träume von der Profikarriere sich manchmal schlagartig in Luft auflösten und von denen sich viele in einer Sackgasse gefangen sahen, weil sie für diese Situation nicht vorgesorgt hatten. Andere hatten sichergestellt, dass sie auf jeden Fall einen Abschluss in der Tasche hatten: Einige von Klinsmanns Vorgängern in der Nationalmannschaft hatten mit 15 ebenfalls die Schule verlassen, um eine Lehre zu machen: Franz Beckenbauer war gelernter Versicherungskaufmann, Berti Vogts hatte Werkzeugmacher gelernt, Rudi Völler war Bürokaufmann und Joachim Löw war von Hause aus Groß- und Außenhandelskaufmann.
Wenn Klinsmann sich für den akademischen Weg entschieden hätte, wäre er mit dem Abitur nicht bis zu seinem 19. Lebensjahr fertig geworden, wenn seine Karriere als Profifußballer begonnen und seine gesamte Zeit in Anspruch genommen hätte. Vielleicht hätte er ein oder zwei Jahre vor dem Abitur die Schule abgebrochen und damit ohne Abschluss dagestanden. Sein Vater befürchtete, dass Jürgen im schlechtesten Fall dann mit leeren Händen dastünde, ohne irgendeinen Abschluss und ohne Fußballkarriere. Es war für Klinsmann eine schwierige Entscheidung, die Schule mit 15 zu verlassen und manchmal scheint es, heutzutage, als wäre dies eines der wenigen Dinge, die er bedauert, trotz der Tatsache, dass er seitdem auf andere Weise immenses Wissen erworben und vier Fremdsprachen erlernt hat.
Es war für Fußballspieler nicht ungewöhnlich, mit 15 Jahren von der Schule abzugehen, in einem Alter, in dem Millionen junge Leute den regulären Schulbetrieb verlassen, um eine Lehre zu beginnen. „Mein Vater sagte: Okay, wenn du bei mir eine Lehre als Bäcker absolvierst und deinen Gesellenbrief bekommst, hast du wenigstens eine abgeschlossene Berufsausbildung, auf die du zurückgreifen kannst, falls irgendetwas mit deinem Fußballkram passiert.“ Klinsmann erzählt: „Er nannte es immer ‚Fußballkram’. Ich sagte: Okay, ja, das macht Sinn. Ich wusste bereits, was es praktisch heißen würde, Bäcker zu werden, weil ich damit aufgewachsen war, alle die Dinge herzustellen, die man in einer Bäckerei sehen kann. Daher war das kein Problem.“
Einige Jahre später, als Klinsmann in Italien bei Inter Mailand spielte, unternahm er einen weiteren Versuch, das Gymnasium zu beenden – auf Italienisch – und verbrachte viele Stunden mit zwei Privatlehrern, um das Äquivalent eines Abiturzeugnisses zu erlangen. Aber in seiner letzten Saison in Italien, als Inter Mailand auf dem Spielfeld zu kämpfen hatte, musste er dieses Vorhaben aufgeben. „Zu studieren war etwas, was ich mir gut vorstellen konnte zu tun, aber es wurde mir plötzlich klar, dass ich eine Art Universitätsausbildung bekommen könnte, indem ich in verschiedenen Ländern lebte“, erinnert er sich. „Ich habe vielleicht nicht so viele theoretische Stunden wie in einem Klassenzimmer bekommen, ... aber ich hatte unzählige praktische Unterrichtsstunden, indem ich mit Menschen in vielen verschiedenen Ländern zu tun hatte. Das war meine Ausbildung.“
Im Rahmen seiner Lehre in der Familienbäckerei in Stuttgart begann Klinsmann ganz in der Früh, noch lange vor Sonnenaufgang mit der Arbeit und backte die leckeren Bretzeln, Brötchen, Kuchen und Brotlaibe, welche die Deutschen am liebsten jeden Morgen frisch aus dem Ofen bei ihrer Bäckerei um die Ecke kaufen. Klinsmanns bevorzugtes Gebäck war die schwäbische Bretzel, die sich von der bayerischen Bretzel dahingehend unterscheidet, dass sie dünnere „Arme“ und einen dickeren „Bauch“ hat.
Einen Tag in der Woche ging er in die Berufsschule im nahegelegen Hoppenlau. „Der praktische Teil der Ausbildung war kein Problem für mich, weil ich damit aufgewachsen bin“, erzählt Klinsmann. Er ging morgens zu den Trainingseinheiten der 1. Herrenmannschaft der Kickers und spielte die Punktspiele am Wochenende in der Mannschaft der unter 18-Jährigen. 1982 bestand er seine Prüfung als Bäckergeselle.
„Alles lief am Ende wunderbar und es stellte sich als großer Vorteil dar, weil mich der Trainer der Kickers nur wenige Monate später fragte, ob ich mit der ersten Mannschaft trainieren wollte. Das war etwas, das bis dahin noch nie vorgekommen war“, sagt Klinsmann in dem Bewusstsein, dass das ein Glückstreffer war. Er war damit schon in der Position, in die er sich selbst immer lieber begab: noch ein wenig zu schwierig und außerhalb seiner Komfortzone. „Ich hatte auch meinen Abschluss als Bäcker in der Tasche. Es war eine Zeit des Übergangs. Du kannst als 16-Jähriger jeden Tag mit den Profis trainieren, aber du weißt, dass du körperlich noch nicht ganz so stark bist und dass du noch nicht ganz da bist, wo du hin willst. Aber du weißt auch, dass du besser werden wirst, wenn du täglich hart trainierst und dein Selbstbewusstsein steigt. Und so durfte ich mit 17 Jahren zum ersten Mal in der ersten Mannschaft spielen. Es war ein großartiges Gefühl.“
Klinsmann stand während seiner Lehre um 3 Uhr morgens auf, arbeitete bis ungefähr 7.30 Uhr, frühstückte und ging bis um 10 Uhr zum Training. Sogar am Samstag, dem Tag, an dem in der Bäckerei am meisten zu tun war, arbeitete er von 3 Uhr bis 7.30 Uhr morgens, um dann vor seinen Punktspielen am Nachmittag noch ein wenig zu schlafen. „Ich arbeitete auch an den Tagen, an denen ich ein Spiel hatte“, erzählt er. „Ich denke, das ist einfach die Arbeitseinstellung, die du in deiner Umgebung mitbekommst. Meine Eltern waren genauso und so war man automatisch auch so. Du siehst es, du machst es selbst so und du denkst einfach, das sei normal. Es ist eine Generation, die es gewohnt war, hart zu arbeiten und die gern hart gearbeitet hat. Ich könnte auch niemals den ganzen Tag am Strand sitzen. Das wäre unmöglich für mich.“
Im selben Jahr, 1981, begann er im Alter von 17 Jahren bei den Stuttgarter Kickers seine Profikarriere unter Trainer Slobodan Cendic, der ihm in zahlreichen extra Trainingseinheiten zeigte, wie er seine Schnelligkeit besser ausnutzen den Ball besser abschirmen konnte. Es war ein bedeutender Moment in Klinsmanns Leben, obwohl die Gehälter in der Bundesliga damals noch bescheiden waren. Sein Anfangsgehalt betrug laut Eitel 1.500 DM. Mit etwa 18.000 Mark Jahreseinkommen verdiente er nur etwas mehr als die Hälfte des durchschnittlichen Jahreseinkommens in der damaligen Bunderepublik, aber es war in einem Land, das auf eine gewisse Gerechtigkeit bei der Lohnverteilung Wert legt, trotzdem nicht schlecht für einen 17-Jährigen. Als Schwabe behielt Klinsmann seinen bescheidenen Lebensstil auch als Profispieler bei und konnte einen Großteil seines bescheidenen Gehalts sparen. Er konzentrierte sich darauf, auf dem Spielfeld besser zu werden. Am 27. März 1982 gab er als jüngster Spieler der 1. Herrenmannschaft in der Geschichte der Kickers sein Debüt. Er kam in jener Saison bei sechs Spielen zum Einsatz und hatte viel von dem neuen Kickers-Trainer Jürgen Sundermann gelernt – vor allem über Motivation und wie man sich immer wieder aufrappeln muss. In seiner ersten kompletten Saison 1982/83 schaffte er es, bis in die Startelf zu kommen, und am Ende der Saison 1983/84 war er mit 19 Toren für seinen Verein einer der Top-Stürmer der 2. Bundesliga.
Die Stuttgarter Kickers gerieten 1983/84 unter Trainer Horst Buhtz, der ihm wie auch sein Trainerassistent Dieter Renner unheimlich viel beigebracht hatte, in einen anstrengenden, aber aufregenden Abstiegskampf. Jürgen Klinsmann war 19 Jahre alt und es war seine dritte Saison als Profi. Er ist überzeugt, dass dies eine weitere prägende Erfahrung war, durch die er ein besserer Spieler wurde, und es ist aus seiner Sicht eine Lektion fürs Leben, die er gern auch den amerikanischen Spielern nahebringen würde. Die Relegationsspiele in Deutschland und anderen europäischen und internationalen Ligen bieten einen Nervenkitzel und Spiele, wie es sie in kaum einer anderen Sportart zu sehen gibt und in denen es um alles oder nichts geht. Sie sind unweigerlich spannungsgeladene, nervenaufreibende Kämpfe ums Überleben, welche oft spannender sind als der Wettkampf um die Meisterschaft zwischen den Top-Vereinen. Es ist ein darwinistischer Überlebenskampf, der den Kampfgeist in den Spielern weckt, welche den ständigen Druck auf ihren Schultern zu spüren bekommen. Die letzten vier Mannschaften von den 20 Zweitligateams, zu denen die Kickers gehörten, steigen am Ende der Saison in die Oberliga ab. Die Konsequenzen solch eines Abstiegs sind hart und fast existenziell: Zahlreiche Mitglieder des Clubpersonals verlieren nach dem Abstieg ihren Job; das Budget des Abstiegsvereins sinkt drastisch, und die besseren Spieler werden oft von anderen Teams aus der Zweiten Liga aufgekauft, und zwar für gewöhnlich zu so niedrigen Transferpreisen wie bei einem Notverkauf. Kurz gesagt, kann sich ein Abstieg für die betroffenen Vereine anfühlen wie das Ende der Welt, selbst wenn das Fegefeuer nur kurzlebig ist. So dauert es oft nur eine Saison oder zwei, bis ein Verein den Wiederaufstieg schafft. Ein Aufstieg ist eine weitere aufregende, herzerwärmende Geschichte des Sieges, des Überwindens von Widrigkeiten, die Clubs und Städte in allen Fußballnationen dieser Erde gleichermaßen betrifft.
Aber manchmal steigen Mannschaften innerhalb von wenigen Saisons von ganz oben aus der Bundesliga bis nach ganz unten in den Amateurbereich bis hin zur 5. oder 6. Liga ab. Alemannia Aachen zum Beispiel spielte 2007 in der 1. Bundesliga, stieg dann in der Saison in die 2. Bundesliga ab, anschließend in die 3. Liga, welche die höchste Amateurliga ist, um 2014 ein weiteres Mal abzusteigen in die 4. Liga oder Regionalliga West.
Natürlich gibt es auch viele Geschichten der geradezu kometenhaften Aufstiege, die den umgekehrten Weg beschreiben. Die Geschichte des Kleinstadtvereins der Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim 1899, kurz TSG Hoffenheim 1899, ist eine der bemerkenswertesten in der deutschen Fußballgeschichte. Mit einer Einwohnerzahl von nur 3.270 Menschen in Hoffenheim hat der Verein seine Wurzeln in der Turnerbewegung des späten 19. Jahrhunderts. Die Fußballmannschaft des TSG Hoffenheim war ein unbedeutendes Team in der 5. Liga, das noch im Jahre 2000 im Amateurbereich dümpelte. Dann stiegen die Hoffenheimer vier Ligen in nur acht Saisons auf und erreichten so 2008 die 1. Bundesliga. Und in der magischen ersten Saison des Vereins in der 1. Liga kämpfte sich Hoffenheim sogar bis an die Spitze. Hoffenheim gewann in der Saison den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters der Bundesliga, bevor er bis zum Ende der Saison wieder auf den siebten Platz zurückfiel.
Für Klinsmann war das Erlebnis, mit seiner Mannschaft den Abstiegskampf gewonnen zu haben, unvergesslich. Die Kickers bahnten sich in der zweiten Hälfte der Saison 1983/84 ihren Weg aus der Abstiegszone und beendeten die Saison mit einem respektablen neunten Platz. Damit waren sie mit großem Sicherheitsabstand von der Abstiegszone entfernt, in welcher der FC St. Pauli (Platz 17), der VfR Bürstadt (Platz 18), Kickers Offenbach (Platz 19) und der SSV Ulm 1846 (Platz 20) in die 3. Liga abstiegen, während der 1. FC Nürnberg, Hannover 96 und der 1. FC Saarbrücken den Aufstieg in die Bundesliga schafften.
Als Belohnung für seine Spieler, die sich ihren Weg aus der Abstiegszone herausgekämpft hatten, versprach der Präsident der Kickers, Axel Dünnwald-Metzler, seinen Spielern in der Mitte der Saison eine Reise nach Florida. Er machte dieses Versprechen, dass er allen einen Sommerurlaub spendieren würde, wenn die Mannschaft mindestens den zehnten Tabellenrang oder besser erreichte, als seine Mannschaft auf dem vorletzten Tabellenplatz stand.
Dieser erste Abstiegskampf als Profi ist Klinsmann in wunderbarer Erinnerung geblieben. „Es ist ein anderer, ganz emotionaler Teil des Fußballsports, den die Menschen in Amerika bedauerlicherweise nicht erleben können“, sagt er über die Achterbahnfahrt, die er in jener Saison durchkämpfen musste, um den Abstieg zu verhindern. Klinsmann ist ja ein klarer Befürworter des intensiven Wettbewerbs, den das Aufstiegs-Abstiegs-System mit sich bringt, da es die Spieler und Vereine aller Ligen bis zum Ende der Saison auf Trab hält. Er erzählt, dass er auch in Kalifornien immer noch jedes Jahr im Frühling vor Sonnenaufgang aufsteht, um diese besonderen Spiele der Bundesliga oder Premier League, in denen von Anfang bis zum Ende gekämpft wird, um in der höchsten Liga bleiben zu können, live im Fernsehen zu verfolgen. „Es bedeutet, dass du immer Leistung zeigen musst“, sagt er.
Die „Jungfernfahrt“ nach Amerika
Die Belohnung für den Erfolg im Abstiegskampf hat bei Klinsmann einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er war erst 19 Jahre alt, als er die zehntägige Reise antrat, die sein Leben veränderte. Er schmunzelt über die Ironie seiner ersten Fahrt in die USA, die er seit seinem Rücktritt als Spieler 1998 sein Zuhause nennt: Die Belohnung für das Bestehen des Abstiegskampfes in Deutschland war eine Reise in das einzige Land der Welt, das kein Aufstiegs-Abstiegs-System kennt. „Also so lernte ich zum ersten Mal die USA kennen, wegen eines Abstiegskampfes“, erzählt er über die Ironie lachend.
Das Nachkriegsdeutschland war, im Großen und Ganzen, voller Bewunderung und Anerkennung für die Vereinigten Staaten, einem Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg seinem ehemaligen Feind half, schnell wieder auf die Beine zu kommen: ab 1948 mit dem Marschallplan und mit 100 Millionen CARE-Paketen mit Essen, die normale Amerikaner normalen Deutschen im Westteil des Landes und anderen Europäern schickten. Viele Nachkriegsstrukturen und Institutionen in der Bundesrepublik Deutschland fühlten sich durch und durch amerikanisch an, weil Amerika hierfür oft als Vorbild diente, angefangen vom föderalen System über die Bundesbank bis hin zur Verfassung. Als Bollwerk des Westens und in vorderster Front gegenüber den Warschauer-Pakt-Staaten während des Kalten Krieges war die Bundesrepublik Deutschland die Heimat für 250.000 amerikanische Soldaten, die zur Abschreckung gegen jegliche militärische Bedrohung durch den Ostblock in der Bundesrepublik stationiert waren. Einige der Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft, die jetzt in Klinsmanns Team für die USA spielen, sind die Kinder amerikanischer Soldaten, die in Deutschland stationiert waren.
Die Menschen in der Bundesrepublik waren auch durch amerikanische Filme und Fernsehserien, üblicherweise ins Deutsche synchronisiert, bereits bestens mit dem „American Way of Life“ vertraut. Aber in einer Zeit, in der Reisen zwischen den Kontinenten noch nicht für die Massen erschwinglich waren, besuchten nur relativ wenige Deutsche die USA. Klinsmanns erste Reise war für den jungen Fußballprofi ein absolutes Aha-Erlebnis. „Es war Wow“, erzählt er. „Die Reise nach Florida eröffnete mir eine ganz andere Welt, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Wir hatten eine fantastische Zeit dort. Wir waren so fasziniert von Amerika. Ich hatte keine Ahnung, wie die USA eigentlich waren. Ich hatte keine Ahnung, wie Florida oder Miami waren. Es war Wahnsinn. In Fort Lauderdale organisierte man für uns eine Bootsfahrt auf den Kanälen, und wir konnten nicht glauben, was wir sahen. Das war nur ein weiteres Beispiel für die Orte, an die der Fußball dich bringen kann. Er öffnet dir die Türen zu Dingen, von denen du dir nie vorstellen konntest, dass du sie einmal sehen würdest. Es war alles so unglaublich.“
Er bekam auch die Gelegenheit, einen der Helden seiner Kindheit zu treffen – den ehemaligen deutschen Top-Stürmer Gerd Müller. Aber das Treffen war ganz und gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Am Ende seiner Karriere hatte Müller für drei Saisons in der North American Soccer League (NASL) bei den Fort Lauderdale Strikers gespielt. Jetzt aber hatte er als Spieler schon aufgehört und besaß ein kleines Restaurant in Fort Lauderdale. In Deutschland war er eine lebende Fußballlegende und einer der weltbesten Torjäger aller Zeiten mit 68 Toren in 62 Spielen.
Genannt „der Bomber der Nation“ wegen seiner Reaktionsfähigkeit und Intuition als Strafraumstürmer par excellence, wurde Müller zum europäischen Fußballer des Jahres 1970 gewählt, nachdem er bei der Weltmeisterschaft im selben Jahr unfassbare zehn Tore für Deutschland geschossen hatte. Er schoss auch bei der WM 1974 vier Tore, einschließlich des Siegestreffers im Finale gegen die Niederlande. Müller, der außerdem für seinen Verein Bayern München in 427 Bundesligaspielen insgesamt 365-mal getroffen hatte, war zusammen mit Franz Beckenbauer, dem Nordiren George Best von Manchester United und dem Brasilianer Pelé einer der Top-Spieler, die in die USA zogen, um die im Entstehen begriffene NASL zu verstärken.
„Wir spielten dann irgendwann ein Freundschaftsspiel gegen die Fort Lauderdale Strikers, weil Gerd Müller dort gespielt hatte“, erinnert sich Klinsmann. „Er hatte zu der Zeit ein Steakhouse in Fort Lauderdale. Er war der Stürmer, zu dem ich in meiner Kindheit immer aufgeschaut hatte. Wenn er bei der Weltmeisterschaft 1974 Tore schoss, rannte ich schreiend auf unserem kleinen selbstgebauten Fußballfeld in der Nachbarschaft herum und spielte Gerd Müller. Und dann siehst du ihn in einem Steakhouse in Florida, wie er deutsche Touristen unterhält? Und du siehst ihn an und denkst: Was tust du da? Du bist Gerd Müller! Es ist einfach irgendwie schwierig, weil du dieses Bild im Kopf hast von jemandem sehr, sehr Besonderem und dann siehst du ihn in Fort Lauderdale, und das passt einfach nicht zusammen. Gerd Müller? Steakhouse in Fort Lauderdale?“
Es war ein abschreckendes Beispiel für Klinsmann, einen Spieler zu sehen, den er einst wie Millionen Deutsche so sehr für seine heldenhaften Auftritte auf dem Spielfeld bewundert hatte, wie er jetzt von der Vergangenheit lebte und im besten Alter, mit 39 Jahren, seinen Namen als Geschichtenerzähler für deutsche Touristen in einem Steakhouse verwendete. Es war eine Begegnung, die Klinsmann niemals vergessen würde und ist einer der Gründe, warum Klinsmann kein Interesse daran hat, ständig über sein eigenes Leben als Spieler zu sinnieren. Er will einfach niemals ein Gefangener seiner Vergangenheit werden. „Du musst an heute und an morgen denken, nicht daran, was du schon getan hast“, sagt er. „Wann immer ich auf eine Gruppe von Leuten treffe, die mit Sätzen anfangen wie: Hey, erinnerst du dich vor zehn Jahren, als ... oder: Weißt du noch vor 15 Jahren, als ..., versuche ich so schnell wie möglich da wegzukommen. Es geht nur um das Heute und das Morgen. Das ist das Fantastische im Fußball: Es geht immer vorwärts, es gibt immer schon wieder das nächste Spiel.“
Klinsmann und ein Teamkollege aus Stuttgart hatten eine so wundervolle Zeit in Florida, dass sie fast sofort nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ein zweites Mal, auf eigene Faust, in die USA zurückkehrten. Sie besichtigten New York, Chicago und Kalifornien. Klinsmann erinnert sich, dass er sich auf diesen ersten beiden Reisen als Teenager sofort Hals über Kopf in die USA verliebte. Die Energie, Freundlichkeit der Menschen und der Optimismus, der ihm überall begegnete, beeindruckten ihn sehr. Es war so komplett anders als alles, was er von zu Hause kannte.
„Für mich war die Offenheit und die Energie in Amerika so toll faszinierend“, erzählt er. „Es ist so ein riesiges Land und für einen kleinen Jungen aus Deutschland einfach überwältigend. Ich bekam die Extreme im Land zu sehen, die negativen, aber auch die unbeschreiblich schönen. Was ich an Amerika immer so toll finde, ist einfach dieses Gefühl, dass alles möglich ist.“
Klinsmann lernte auf diesen Reisen viel über sich selbst, darunter zuallererst, dass er sein Englisch zum größten Teil vergessen hatte, obwohl er es jahrelang in der Schule gelernt hatte. Die Frustration darüber, sich in den USA nicht richtig ausdrücken zu können, motivierte ihn in seinem tiefsten Inneren, sich mehr anzustrengen, Englisch, und Sprachen im Allgemeinen, richtig zu lernen.
„Unser Englisch war fürchterlich“, erzählt er. „Es war mir peinlich, dass ich das ganze Englisch, das ich vermeintlich gelernt hatte, vergessen hatte. Aber das war gut so, weil es mir so viel Antrieb gab, die Sprache zu lernen. Danach studierte ich meine Englischbücher und alles, was ich in die Hände bekam.“
1982, kurz nachdem Klinsmann im Alter von 18 Jahren seine Bäckerlehre beendet hatte, zog er aus dem Haus seiner Eltern über der Bäckerei aus in eine eigene Wohnung, zurück in das ruhige, ländliche Geislingen.
Der Gesellenbrief war für Klinsmann ein wichtiger Meilenstein, eine Art Initiationsritus. Der Bäckermeister Siegfried Klinsmann war bei seinem Sohn Jürgen zu Recht stolz darauf, als dieser seinen Gesellenbrief in den Händen hielt, genauso wie Jürgen selbst. „Ich habe gelernt, wie man backt, und mein Diplom hängt in der Bäckerei“, erzählt er.
Teil II
Deutschland, Italien, Monaco und England
Der Durchbruch in der Bundesliega
Klinsmann gelang 1984 ein weiterer großer Schritt nach oben auf der Fußballpyramide, indem er nach sechs Jahren bei den Kickers die Mannschaft wechselte und zum innerstädtischen Rivalen VfB Stuttgart ging. Damit war er endlich in der Bundesliga angekommen. Die 1. Bundesliga zählte bereits in den 80er-Jahren zu den vier besten Ligen der Welt, wenngleich die Qualität und Gehaltsunterschiede zwischen der Bundesliga und den überlegenen Ligen in Italien, England und Spanien immer noch groß waren.
Die Bundesliga wurde als Profiliga erst 1963 gegründet, 89 Jahre nach Gründung des ersten Fußballvereins im Jahre 1874 in Dresden, den einige englische Arbeiter ins Leben gerufen hatten und der den einfachen Namen „Dresden English Football Club“ trug. Die Bundesliga wurde 1963 inmitten einer Krise gegründet, der jahrelange Diskussionen und Widerstand von Seiten der Regionalligen vorausgegangen waren. Die Regionalligen wehrten sich dagegen, ihre Macht und ihren Status von einer einzigen zentralisierten Profiliga geschmälert zu sehen.
Vor 1963 wurde Fußball in Deutschland auf semiprofessionellem Niveau und im Amateurbereich gespielt, mit einer Reihe von regionalen Ligen. Die Meisterschaft wurde über ein K.-o.- System bestimmt. Der DFB war auch lange gegen eine einzelne zentral gesteuerte Profiliga, da man befürchtete, dass der Einfluss von Geld und Kommerzialisierung dem Spiel die Unschuld nehmen würde. Das Fehlen einer professionellen Liga hatte die Entwicklung des Fußballs in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern eindeutig ins Hintertreffen gebracht. Auch die Nationalmannschaft litt zusehends darunter, und sie konnte bei den Weltmeisterschaften 1958 und 1962 nicht im Ansatz an den Erfolg von 1954 anknüpfen. Der internationale Fußball hatte sich seit 1954 weiterentwickelt, aber in der Bundesrepublik schien er stehen geblieben zu sein.
Erst eine Krise führte aus der Sackgasse heraus. Das Problem wurde nämlich unübersehbar, als die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1962 in Chile durch ein demütigendes 0:1 beim Viertelfinale gegen Jugoslawien aus dem Turnier ausschied. Aus deutscher Sicht war dieses Ergebnis völlig inakzeptabel, nachdem die Erwartungen nach dem Triumph von 1954 enorm gestiegen waren. Mit typisch deutschem Pragmatismus nutzten einige die Niederlage als Chance, um die längst überfälligen Reformen durchzusetzen, wie zum Beispiel die Gründung der Bundesliga. Der DFB und Sepp Herberger, der damalige Nationaltrainer, waren zuvor gegen eine deutsche Profiliga. Nach der enttäuschenden Niederlage bei der WM 1962 erkannten sie, dass die Ehre der Nation auf dem Spiel stand und dass eine Profiliga notwendig war, um auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig zu bleiben. Vier Jahre später, 1966, nachdem die Bundesliga etabliert worden war, schlug sich die deutsche Mannschaft bei der WM in London wieder deutlich besser: Sie erreichten das Finale, verloren allerdings mit dem umstrittenen 4:2 in der Nachspielzeit gegen Gastgeber England. Dies geschah an Klinsmanns zweitem Geburtstag.
Die Bundesliga gilt inzwischen als eine der drei Top-Ligen der Welt neben Englands Premier League und Spaniens Primera División. Amerikas Major League Soccer wird im Allgemeinen nicht einmal unter den 15 weltbesten Teams eingeordnet. Die Bundesligamannschaften hatten in der Saison 2014/15 Zuschauerzahlen von durchschnittlich 43.500 und damit mehr als alle anderen Fußball-Ligen der Welt, vor der an zweiter Stelle stehenden Premier League mit 36.695 Zuschauern pro Spiel. Die einzige andere Profiliga, die mehr Zuschauer aufweisen kann als die Bundesliga, ist die NFL in den USA mit einer durchschnittlichen Zuschauerzahl von 68.776 in der Saison 2014/15
Der Wechsel in die Bundesliga war für Klinsmann ein Riesensprung. Aus persönlicher Sicht war es jedoch auch etwas unangenehm für ihn, da er zuvor geschworen hatte, niemals für die reichen Lokalrivalen zu spielen. Im westlichen Teil von Stuttgart, aus dem Klinsmanns kam, betrachtete man den VfB mit an Verachtung grenzender kritischer Distanz. Schließlich hatte er die vergangenen sechs Jahre bei den Kickers verbracht und fühlte sich den „Blauen“ und ihren Fans tief verbunden. Der Transfer von den „Blauen“, der Mannschaft, die er liebte zu den „Roten“, die er so lange abgelehnt hatte, war für Klinsmann dadurch sehr emotional und nicht leicht. Diese intensiven „Lokalderbys“ spielen eine wichtige Rolle, auch wenn es für Außenstehende manchmal schwer nachvollziehbar ist, auf welche Weise sich zwei konkurrierende Mannschaften aus derselben Stadt oder Region wie Erzfeinde gegenübertreten.
Der Präsident der Kickers, der großzügige und großherzige Industrielle Axel Dünnwald-Metzler, der die Mannschaft ein Jahr zuvor nach Florida eingeladen hatte, musste Klinsmann geradezu überreden, das Angebot vom VfB Stuttgart anzunehmen. Der VfB Stuttgart war gerade deutscher Meister geworden und war bereit, die damals stolze Transfersumme von 700.000 DM für den talentierten jungen Stürmer zu zahlen. Dünnwald-Metzler musste Klinsmann von seinem früheren Versprechen „niemals“ zum VfB zu wechseln befreien. Für Dünnwald-Metzler ging es dabei in seinen Überlegungen in erster Linie nicht um die Transfersumme. Es war offensichtlich, dass Klinsmann für den Sprung in die Bundesliga mehr als bereit war. Er hatte erkannt, dass Klinsmann einfach zu gut geworden war, um in der 2. Bundesliga zu bleiben. Dünnwald-Metzler wollte auch, dass dieser energiegeladene Spieler, der dabei war, sich rasch zu einem der besten jungen Stürmer des Landes zu entwickeln, wenigstens weiter in Stuttgart spielen würde, wo er dank seiner vielen Tore, seines Kampfgeistes und seiner Arbeitseinstellung bereits eine Fangemeinde hatte. Klinsmann empfand für Dünnwald-Metzler nach sechs Jahren bei den Kickers ebenfalls großen Respekt. „Er war immer auch an deiner Entwicklung als Mensch interessiert, nicht nur als Spieler“, erinnert sich Klinsmann.
Es war in jedem Fall ein stolzer Augenblick für Klinsmann, als er 1984 im Alter von 20 Jahren zum VfB Stuttgart kam. Von der D-Jugend beim TB Gingen bis hierher war es ein langer und aufregender Weg gewesen. In der Bundesliga war er in der Saison 1984/85 einer von 379 Profispielern. Zur Erinnerung, es gab in der bundesdeutschen Fußballpyramide insgesamt etwa drei Millionen Spieler mit weniger als 400 an der Spitze in der Bundesliga. Von Klinsmanns Start in der D-Jugend bis nach oben lässt sich gedanklich eine gerade Linie direkt bis zur Spitze ziehen – als einer von 10.000, der diesen Weg geschafft hat. Die Etablierung eines derart klaren Modells, wie es in Europa üblich ist, ist eines von Klinsmanns Zielen für den Fußball in den USA.
Als jemand, der sich auch als Teenager schon viele Gedanken machte und immer überlegte, wie er Dinge besser machen könnte, war Klinsmann fest entschlossen, das Bestmögliche aus seiner Chance in der 1. Bundesliga herauszuholen. In den Monaten vor dem Wechsel in die höchste Liga war er keinesfalls träge oder selbstgefällig. Er wollte in der Bundesliga sofort einen guten Start hinlegen; auch unter dem Aspekt, dass dies vielleicht seine einzige Chance sein würde. Er war daher zu dem Schluss gekommen, dass es eventuell ein kleiner aber wichtiger Vorteil wäre, wenn er am ersten Tag des Saisonvorbereitungstrainings in einem Top-Trainingszustand erschiene. Bevor also die Saisonvorbereitung des VfB überhaupt offiziell begann, trainierte er während der Sommerpause für sich selbst besonders intensiv. „Ich wollte mit einem konditionellen Vorsprung zum ersten Training kommen“, erzählt er Roland Eitel.
Seine Entschlossenheit, das Bestmögliche aus sich und seinen Fähigkeiten herauszuholen und jede Gelegenheit zu nutzen, seine Erfolgschancen zu verbessern, zeigt sich auch sehr schön an dem Beispiel, dass Klinsmann vor seiner ersten Bundesligasaison sogar mit einem eigenen Sprintcoach arbeitete. Er wollte unbedingt seine Schnelligkeit verbessern, selbst wenn er nur den winzigen, vielleicht ausschlaggebenden Bruchteil einer Sekunde gewinnen würde. Dieses Extra-Sprinttraining war letztendlich nicht nur hilfreich für Klinsmann als Spieler, sondern mehr noch, Jahre später, für Klinsmann als Trainer, da es ihm die Augen für das Potenzial öffnete, das sich durch ein spezialisiertes Training ausschöpfen ließ.
Schnelligkeit ist besonders für einen Stürmer sehr wichtig und Klinsmann dachte, dass er schon recht schnell sei, um in Kombination mit seinem immer besser werdenden Instinkt zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle vor dem Tor zu sein. Aber bevor er sein Debüt in der Bundesliga beim VfB hatte, gab sein älterer Bruder ihm ungefragt einen Ratschlag, den Klinsmann zunächst mit wenig Begeisterung entgegennahm. Horst Klinsmann, Zehnkämpfer im örtlichen Sportverein, war aufgefallen, dass Jürgens Schnelligkeit gegen Ende der Spiele abzunehmen schien. „Als mein älterer Bruder mich spielen sah und ihm auffiel, dass ich nach einer Stunde müde wurde, sagte er mir eines Tages einfach: Weißt du, Jürgen, du hast keine Kraft im Oberkörper, und du verlierst gegen Ende des Spiels viel an Schnelligkeit, weil du müde wirst und deine Koordination beim Laufen schlechter wird. Du musst dein Laufen wirklich verbessern, weil du zwar Grundschnelligkeit hast, aber sie auf dem Platz nicht voll ausnutzen kannst.“, erinnert sich Klinsmann. „Und ich dachte: Wovon redet er? Aber er hatte recht. In jedem Spiel fing die gegnerische Mannschaft nach etwa einer Stunde an, mich herumzuschubsen, und ich verlor an Koordination. So begann ich zweimal die Woche zusätzlich mit diesem Coach zu trainieren.“
Der Lauftrainer seines Bruders, Horst Allmann, hielt zunächst fest, dass Klinsmann die Hundertmeterstrecke in 12,0 Sekunden lief. Anschließend arbeiteten sie daran, seine Technik und Kraft zu verbessern. Dies alles geschah heimlich, weil seine Fußballtrainer davon nicht begeistert wären. Klinsmann ließ sich von Allmann am Anfang eine Stoppuhr geben und arbeitete sowohl alleine als auch ergänzend zu den Trainingseinheiten beim VfB an seinen Sprints. Und ein Jahr später lief Klinsmann die gleichen 100 Meter in 11,0 Sekunden, eine ganze Sekunde schneller. „Wir haben die Zeiten genau gemessen, weil wir sichergehen wollten. Ich wollte wissen, ob es einen Unterschied machen würde“, erzählt Klinsmann „Ich begann mit einem Sprinttrainer zu arbeiten, um stärker und schneller zu werden. Aber meine (Fußball-)Trainer wollten es nicht. Also musste ich es machen, ohne dass sie davon wussten. Es half mir tatsächlich, sehr viel schneller zu werden. Ich bekam mehr Kraft in den Oberarmen und wurde gegen Ende des Spiels nicht mehr so viel herumgeschubst. Ich hatte am Ende mehr Kraft, und weil ich mit meiner Energie wesentlich effizienter umgehen konnte, hielt ich die 90 Minuten gut durch. Im Fußball passieren die meisten Dinge in den letzten zwanzig Minuten des Spiels. Also fing ich an, die Leute am Ende des Spieles in Grund und Boden zu rennen. Ich konnte sehen, wenn sie nach 70 Minuten müde wurden und ich sagte dann zu mir: Jetzt mache ich euch fertig.“
Es war für Klinsmann eine extrem wertvolle Erkenntnis, die bleibende Wirkung zeigte. Es ging nicht nur darum, schneller zu werden, sondern auch darum, Hilfe von einem spezialisierten Personaltrainer zu bekommen, lange bevor irgendjemand in der Bundesrepublik von diesem Konzept gehört hatte, und darum, einen kleinen aber wichtigen Teil des Spiels zu verbessern. Seine Philosophie ist es, dass diese schrittweisen Verbesserungen an irgendeinem Punkt entlang des Weges einen bedeutenden Effekt haben können, dass sie den Unterschied ausmachen können zwischen ein oder zwei Toren mehr pro Jahr und ein paar mehr gewonnenen oder verlorenen Spielen pro Jahr. Außerdem bestätigte es seine Theorie, dass jeder Spieler durch harte Arbeit und selektives Training von Verbesserungen in seinem Spiel oder seiner Fitness zu profitieren vermag, unabhängig davon, ob diese Verbesserungen groß oder klein sind. „Es war eine großartige Lehre, dass du hartnäckig sein musst“, sagt er. „Du musst dich durch Sachen durchbeißen, weiter daran arbeiten und bloß nicht aufgeben, nur weil die Dinge sich im Moment nicht in deinem Sinne entwickeln. In den USA gibt es diese Kultur, nach der viele Leute erwarten, dass sie sofort für ihre Anstrengung belohnt werden. Unglücklicherweise gibt es diese Einstellung in einigen Ländern, nach der die Leute erwarten, sofort belohnt zu werden. Manchmal braucht es aber Zeit. Und wenn du diese ganze Extraarbeit auf dich nimmst, wird es sich auf Dauer auszahlen.“
Er sagt, es sei frustrierend, dass einige seiner ehemaligen Mitspieler nicht immer in der Lage waren, das Beste aus ihrem Talent zu machen. Ebenso verwundert ihn eine schleichende Selbstgefälligkeit, die manchmal das Größerwerden junger Spieler in den USA und anderswo verhindert, wenn sie ein bestimmtes Leistungsniveau erreicht haben. Was ist aus dem Antrieb geworden, der sie zunächst überhaupt so weit gebracht hat? Wo ist der Hunger geblieben, die nächste Stufe erreichen zu wollen?
Was das Spiel in den USA braucht, sind Spieler, die ständig nach vorne drängen, auch nachdem sie einen gewissen Erfolg erlangt haben. Was ist bei der, wie Klinsmann sie manchmal nennt, „Facebook-Twitter-Instagram“-Generation aus dem Killerinstinkt geworden? „Das ist für mich manchmal schwer zu verstehen“, sagt er. „Wenn du Spielern sagst, was sie besser machen können oder woran sie arbeiten sollen, antworten sie, dass sie verstünden. Man hofft dann, dass sie dagegen oder dafür etwas tun, aber viele tun das nicht. Wenn man sagt: Du musst beweglicher sein oder: Du brauchst mehr Stabilität oder: Du brauchst mehr Schnelligkeit oder: Du brauchst mehr Eins-zu-Eins-Training oder was auch immer bei der Analyse herauskommt, und es macht nicht wirklich ‚Klick‘. Manche Spieler entwickeln nicht diesen Antrieb zu sagen: Okay, ich verstehe, dass es das ist, woran ich arbeiten muss, also gehe ich jetzt jeden Tag nach oder vor dem Training hin und arbeite daran.“ Klinsmann betont, dass es auch in der „Face-book-Twitter-Instagram“-Generation Spieler gibt, deren innerer Antrieb niemals zu brennen aufhört. „Deswegen ist Cristiano Ronaldo, wer er ist und deswegen ist Lionel Messi, wer er ist. Sie gehen raus und üben auch nach dem Training noch eine halbe Stunde Freistöße oder sie arbeiten an diesem oder jenem nach dem Training. Sie hören nie auf zu arbeiten.“
Die eigenen Schwächen, schwindende Schnelligkeit am Ende des Spiels zu identifizieren und einen eigenen Weg zu finden, sich zu verbessern mit einem ganzen Jahr Arbeit, war eine erleuchtende Entdeckung für Klinsmann. Die Lektion, die er hierbei gelernt hat, machte ihn nicht nur ein paar Schritte schneller, sondern lehrte ihn, immer offen dafür zu sein, was er besser machen könnte – auf dem Spielfeld und außerhalb. Diesen inneren Antrieb sich zu verbessern, auch nachdem man ein bestimmtes Erfolgsniveau erreicht hat, ist ein Gebiet, auf dem viele Spieler noch Luft nach oben haben, besonders in den Vereinigten Staaten.
Fünf Tore
Klinsmann war in der Bundesliga von Anfang an erfolgreich, obwohl er gerade erst 20 geworden war und plötzlich den besten Spielern der Bundesrepublik gegenüberstand. Die elektrisierende Atmosphäre in den Bundesligastadien beflügelte ihn, wo jeden Sonnabend bis zu 80.000 Leute die Spiele verfolgten. Er liebte die Begeisterung, die sich in der Stadt die Woche über nach und nach bis fast zur Ekstase aufbaute, ein Crescendo der Aufregung in den Tagen bis zum Spiel. Die Stadien waren oft ausverkauft, die Menge dichtgedrängt und oft für die vollen 90 Minuten stehend. Wurde ein Tor geschossen, feierten die Menschen dies mit ohrenbetäubenden Jubelschreien.
Klinsmann hörte diesen Jubel während seiner Saison als Anfänger beim VfB oft, als er 15 Tore schoss und bei 32 von 34 Spielen zum Einsatz kam – häufiger als jeder andere Feldspieler. Es gelang Klinsmann über die Dauer seiner gesamten Karriere die solide Torbilanz von durchschnittlich etwa einem Tor in jedem zweiten Spiel aufrechtzuerhalten.
Klinsmann entwickelte sich beim VfB Stuttgart nicht nur als Spieler, sondern auch in seiner Persönlichkeit. Er liebte es, im Neckar-Stadion in Stuttgart zu spielen, in das sein Vater ihn als Kind mitgenommen hatte, um ein Spiel gegen Hertha BSC anzusehen. Damals, in den späten 80er-Jahren, reisten die Bundesligavereine zu den Spielen innerhalb der Bundesrepublik oft im Mannschaftsbus an. Während viele seiner Mitspieler Karten spielten oder Musik hörten, nutzte Klinsmann die freie Zeit oft damit, Fanpost zu lesen und zu beantworten. Er entschied sich sehr früh, diese Briefe nicht mit nach Hause zu nehmen. Es war der Prozess, Privatleben und Beruf zu trennen. Er ist sich auch hierbei seitdem treu geblieben.
Das Ansehen des Sports, den viele so liebten, war durch Skandale in den frühen 80er-Jahren befleckt worden. Klinsmanns beeindruckende erste Saison, seine energiegeladene Spielweise sowie seine überschwängliche, ungehemmte Freude, wenn er ein Tor erzielte, erwiesen sich als willkommene Erfrischung für viele Fans, die sich nach neuen Gesichtern und einem neuen Start sehnten. Klinsmanns zweite Saison in der Bundesliga 1985/86 begann nicht so gut wie die erste. Helmut Benthaus war der Trainer in seiner ersten Saison, aber er wurde ersetzt durch Otto Baric. Allerdings feuerte der VfB Stuttgart Baric im März.
Die Spieler hatten sich mit Baric schwergetan, der ausgesprochen kritisch den meisten gegenüber war. Unmittelbar nachdem der Kroate weg war, schoss Klinsmann im nächsten Spiel fünf Tore für Stuttgart und hatte damit einen maßgeblichen Anteil an Stuttgarts 7:0-Sieg gegen Düsseldorf. Damit war er einer von nur elf Bundesligaspielern, die jemals fünf Tore in einem einzigen Spiel geschossen hatten.
„Stuttgart hatte Baric eine Woche zuvor entlassen“, erzählt Klinsmann, während er zugibt, dass er sich mit Baric einfach nicht verstanden hatte. „Als der Co-Trainer übernahm, fühlte ich mich wieder frei und selbstbewusst. Und ich zeigte das gleich im nächsten Spiel.“
Barics Nachfolger, Willi Entenmann, gelang es, das Ruder herumzureißen und der VfB schaffte es bis ins DFB-Pokalfinale.
In diesem Pokalendspiel im Mai 1986 standen sich zwei Erstligisten gegenüber, der VfB und Bayern München. Der Favorit Bayern München gewann vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 5:2. Klinsmann hatte eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass sein Team überhaupt so weit gekommen war. Von der Niederlage war er am Boden zerstört und brach hinterher in aller Öffentlichkeit in Tränen aus. Die bewegenden Bilder von Klinsmann, wie er seinen Gefühlen freien Lauf ließ, boten den Deutschen einen willkommenen Eindruck seiner Leidenschaft. Es zeigte ihnen, dass es tatsächlich Spieler gab, die genauso stark empfanden wie sie selber. Es war ein kurzer, aber bedeutender Moment, der half, die Popularität und die öffentliche Unterstützung für den Fußball wiederzugewinnen. Das vorausgegangene Jahrzehnt war – wie gesagt – schwierig für den Fußball in der Bundesrepublik gewesen, verstärkt von der in der Öffentlichkeit vorherrschenden Meinung, dass der Sport bereits durch zu viel Kommerz unterwandert und viele Spieler überbezahlt und zu wenig leistungsbereit seien.
Das Tor, das ihn bekannt machte
Klinsmanns Karriere entwickelte sich in seiner dritten Saison in Stuttgart prächtig. Er wurde nicht nur für seine Kopfballstärke und seine Fähigkeit, die Bälle so ins Tor zu befördern, bekannt, sondern auch für seine Cleverness, zum Torabschluss zu kommen. Er besaß den nötigen „Killerinstinkt“, jede sich ihm bietende Chance vor dem Tor zu nutzen. Klinsmann verfügte außerdem über hervorragende Technikfähigkeiten und konnte die gegnerische Verteidigung oft ausspielen, bevor er zu einem kraftvollen Schuss ansetzte. Seine eleganten Aktionen, sich freizulaufen, seine blitzschnellen, intelligenten Kurskorrekturen, sein Talent, Pässe zu halten und jede noch so kleine Gelegenheit in ein Tor zu verwandeln, fingen an, für Aufmerksamkeit zu sorgen.
In der Saison 1987/88 schoss er 19 Tore und wurde als erfolgreichster Torschütze der 1. Bundesliga und als Fußballer des Jahres ausgezeichnet. Bei der Wahl zum Fußballer des Jahres gewann er diesen Titel mit der Rekordzahl von 70 % der Stimmen aller 785 teilnehmenden deutschen Sportjournalisten. Für den 23-jährigen Klinsmann bedeutete diese Saison einen phänomenalen Erfolg. Das vielleicht denkwürdigste Tor war ein spektakulärer Fallrückzieher, der Stuttgart den Weg zu einem 3:0-Erfolg über Bayern München bereitete. Dieses Eröffnungstor sorgte auch beim damaligen Trainer der Nationalelf, Franz Beckenbauer, für Aufsehen und rückte ihn in den Fokus verschiedener europäischer Spitzenmannschaften. Dieser akrobatische Schlag gegen die Bayern wurde von mehr als 300.000 Fernsehzuschauern später zum prestigeträchtigen Tor des Jahres gewählt.
Die Spielsequenz hatte mit einem langen punktgenauen Pass von Stuttgarts Spielmacher Ásgeir Sigurvinson aus der Mitte in den Strafraum zu Günther Schäfer rechts außen begonnen. Schäfer schoss den Ball direkt zurück in die Mitte des Strafraums. Seine Flanke schien zunächst zu hoch und zu weit vom Tor entfernt zu sein, um eine Gefahr darzustellen. Dann jedoch wirbelte plötzlich Klinsmann in der Mitte herum und warf sich mit dem Rücken zum Tor in einen perfekt getimten Fallrückzieher. Mit seinem fast zwei Meter in die Luft ragenden rechten Bein schmetterte er den Ball, kopfüber und in Rückenlage, ins Tor. Zwei Münchner Verteidiger sowie Torwart Jean-Marie Pfaff sahen ehrfürchtig und verdutzt zu, während sie zu verstehen versuchten, was sich im Bruchteil von Sekunden vor ihren Augen abgespielt hatte.
Der Fallrückzieher ist eine der spektakulärsten Arten, ein Tor zu schießen. Brillant, wenn es klappt, einfach blöd, wenn es misslingt. Klinsmanns Fallrückzieher gegen die Bayern war einer der Spitzenklasse und kaum zu toppen. Das Timing, die scheinbar unerreichbare Höhe des Balls, als er ihn wie schwerelos berührte, sowie die Geschwindigkeit des Schusses hatten in diesem Top-Spiel etwas ausgesprochen Künstlerisches. Bilder und Mitschnitte dieses Tors gingen um die ganze Welt und gravierten Klinsmanns Namen in das Gedächtnis vieler Fußballfans.
„Es war reiner Instinkt“, sagt Klinsmann. „Für mich war das keine große Sache. Wir gewannen das Spiel 3:0 und rückblickend war das einer der schönsten Momente, die ich in Stuttgart hatte – Bayern München zu Hause 3:0 zu schlagen und ein Fallrückzieher-Tor zu schießen.“
Für die deutschen Fußballfans war es in jedem Fall eine große Sache, und in den Wochen darauf hörten sie nicht auf, davon zu reden. Auch Beckenbauer hatte Klinsmann spätestens seitdem auf dem Schirm, genau wie spektakuläre Tore bei starken generellen Leistungen immer wieder geholfen haben, die internationale Karriere von Spielern in Gang zu bringen. David Beckhams Tor 1996 aus dem Mittelfeld führte beispielsweise zu seiner ersten Berufung in die englische Nationalmannschaft.
„Ein Fallrückzieher ist etwas Besonderes für einen Stürmer, daran gibt’s keinen Zweifel. Es ist etwas, was man liebend gerne macht“, erzählt Klinsmann. „Du träumst als Spieler davon, eins zu schießen, aber wenn du dann eins in einem richtig großen Heimspiel vor 70.000 Zuschauern und gegen Bayern München schießt, ist das sogar noch besser. Ich fing genau wie andere Kinder als Achtjähriger an, Fallrückzieher zu trainieren. Ich wusste, dass ich sie blind konnte, weil ich sie schon so lange machte, und dann schießt du eins gegen Bayern München vor den eigenen Fans und flippst aus, aber letztendlich hast du nur getan, was du im Training schon immer getan hast.“
Dieser Fallrückzieher sorgte schließlich am Ende des Jahres für seine erste Berufung von Beckenbauer in die Nationalmannschaft für zwei Spiele in Südamerika. Dies war ein enorm wichtiger Schritt in seiner Karriere, der bedeutete das er zu den zwei bis drei Dutzend besten Spielern der Bundesrepublik gehörte und ein Kandidat für das Europameisterschaftsteam von 1988 war, das in weniger als einem Jahr zusammengestellt werden würde. „Es war das Tor, das mir auf internationaler Ebene die Türen öffnete. Einen Monat später berief Franz Beckenbauer mich in die Nationalmannschaft, und kurz darauf hatte ich meinen ersten internationalen Auftritt. Deshalb war dieses Tor so besonders für mich. Deine ganze Welt ändert sich nach einem solchen Tor“, sagt Klinsmann. „Es macht dich vom nationalen Spieler zum internationalen Spieler.“
Klinsmanns Fallrückzieher war nicht das einzige Ungewöhnliche, das an dem kühlen Nachmittag im Stuttgarter Neckarstadion passierte. Gegen Ende des Spiels, als Stuttgart 2:0 führte, brachte Bayerns Verteidiger Norbert Nachtweih Klinsmann mit einer harten und unnötigen Attacke zu Fall. Er wollte an den Ball kommen, aber nietete stattdessen Klinsmann um. Der Schiedsrichter, Dieter Pauly, war direkt zur Stelle und pfiff das Foul von Nachtweih. Pauly griff in seiner Hosentasche nach der Gelben Karte gegen Nachtweih. Da dies Nachtweihs zweite Gelbe Karte in dem Spiel gewesen wäre, hätte es einen Platzverweis bedeutet und die Bayern hätten die verbleibende Zeit mit nur zehn Spielern auskommen müssen. Aber Klinsmann sah, was kommen würde und eilte hinzu. Er intervenierte zugunsten des Bayernspielers und flehte Pauly an, Nachtweih nicht mit einer weiteren Gelben Karte zu bestrafen, auch wenn ein Platzverweis Stuttgart geholfen hätte, den Sieg zu sichern. Es war ein außergewöhnlich seltener Akt Sportsgeistes. Klinsmann sagte dem Schiedsrichter, dass das Foul nicht so schlimm gewesen sei und eine Gelbe Karte nicht rechtfertige.
Der Schiedsrichter konnte kaum glauben, was er hörte, und nach einem kurzen Moment des leichten Schocks und der Verwunderung steckte er die Gelbe Karte zurück in seine Tasche. Dies alles passierte sehr schnell und nicht jeder im Stadion hatte mitbekommen, was geschehen war, und Pauly machte es sich daher zur Aufgabe, Sportreportern nach dem Spiel davon zu erzählen. „Es ist so eine wunderbare Geschichte, dass die Welt davon erfahren sollte“, erzählte Pauly ihnen. Bayern Münchens Manager, Uli Hoeneß, war so von Klinsmanns Geste eingenommen, dass er extra in die Umkleidekabine der Stuttgarter ging, um ihm zu danken und ihm sagte, dass solch sportliches Verhalten dem Sport guttäte.
Ein Vierteljahrhundert später versucht Klinsmann den Zwischenfall herunterzuspielen: „Ich wusste, dass er schon eine Gelbe Karte hatte und als ich sah, wie der Schiedsrichter in seine Tasche griff, sagte ich einfach instinktiv: Hey, so schlimm war’s nicht. Es war ein Foul, aber nicht so schlimm. Ich hatte vorher nicht darüber nachgedacht. Es war reiner Instinkt. Wir führten 2:0 und das Spiel war bereits gelaufen, und ich dachte mir: Nein, nicht jetzt, schick jetzt niemanden vom Platz. Es war wirklich keine große Sache für mich.“
Aber diese Geste großen Sportsgeistes sorgte in der Bundesrepublik für große Aufmerksamkeit. Die Fans wollten nach einer schwierigen Zeit in den 80er-Jahren wieder an das Gute in ihrem Sport glauben. Fußball war immer noch der bei weitem populärste Sport, aber er war durch einige fragwürdige Äußerungen und das Verhalten von Spielern auf und abseits des Platzes in Misskredit geraten. Nachdem die Liga sich von einem Spielmanipulationsskandal Anfang der 70er-Jahre erholt hatte, in den Spieler von Clubs wie Arminia Bielefeld verwickelt waren, fiel die durchschnittliche Zuschauerzahl kontinuierlich von 26.000 pro Spiel am Ende der 70er auf 17.600 im Jahr 1984/85. Die Bundesligaspiele glichen oft reizlosen Raufspielen und der FC Bayern München, der in zehn Jahren sechsmal Meister wurde, dominierte die Liga mit erdrückender Regelmäßigkeit. Die Kluft zwischen den Spielern und Zuschauern wurde in den 80ern noch dadurch vergrößert, dass die Gehälter der Top-Verdiener in der Bundesliga sich verachtfachten. Solche Spitzengehälter waren für normale Bürger in der Bundesrepublik zunächst nur schwer vorstellbar, selbst wenn sicherlich bei weitem nicht jeder Spieler auch nur annähernd so viel verdiente. Viele waren der Ansicht, dass das Verhältnis zwischen den Gehältern, die einfache Arbeiter oder sogar Leute in Führungspositionen verdienten und dem Einkommen der Fußballstars keine so große Differenz bestehen sollte, vor allem, wenn die Spieler keinen vollen Einsatz zeigten.
Durch die WM von 1982 wurden die Probleme der 80er verschlimmert und die Distanz zwischen Fans und Spielern vergrößert, als die deutsche Mannschaft in Spanien in zwei unrühmliche Spiele verwickelt war. Als Erstes erzielten sie in ihrem letzten Gruppenspiel einen skandalösen 1:0-Sieg gegen Österreich, später bekannt als „Schande von Gijón“.
Das 1:0 war ein Ergebnis, das nach nur zehn Minuten erreicht wurde und durch welches beide Mannschaften weiterkamen. Aber beide Mannschaften stellten jegliche Anstrengungen ein, nachdem dieser Spielstand erreicht war. Fußballfans auf der ganzen Welt, vor allem auch in Deutschland und Österreich, waren empört. Der deutsch-österreichische Nichtangriffspakt, wie er auch genannt wurde, war eine gemeinschaftliche Farce, die Algerien um seinen verdienten Platz in der Runde der letzten 16 brachte und die das Ansehen der beteiligten Teams genauso wie die Weltmeisterschaft selbst beschmutzte. Nachdem Deutschland in der zehnten Minute ein Tor geschossen hatte, das ein Ergebnis produzierte, welches beiden Mannschaften das Weiterkommen garantierte, schienen sie komplett mit dem Spielen aufzuhören. In den verbleibenden 80 Spielminuten kickten sie den Ball harmlos hin und her, scheinbar ohne jegliche Anstrengung zu unternehmen, einen Vorstoß in Richtung des gegnerischen Tors unternehmen zu wollen. Es wurde als solch eine Verhöhnung des Sports angesehen, dass die FIFA im Anschluss daran die Regeln dahingehend veränderte, dass alle letzten Spiele einer Gruppe simultan ausgetragen werden, damit solche Schummeleien in Zukunft nicht mehr passieren können. Der deutsche Fernsehkommentator Eberhard Stanjek war so verzweifelt über den Mangel an Bemühung, dass er fast zu weinen anfing: „Das, was hier passiert, ist eine Schande und hat mit Fußball nichts zu tun.“ Als deutsche Fans nach dem Spiel zum Mannschaftshotel fuhren, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, verschlimmerten einige Spieler die Angelegenheit, indem sie aus den Fenstern in den oberen Stockwerken Wasserbomben auf die Fans warfen.
Die deutschen Spieler zeigten keinerlei Schuldbewusstsein oder Reue bezüglich des ergebnisorientierten Spiels gegen Österreich. Sie hatten, abgesehen von dem, was man als „Fair Play“ bezeichnet, keinerlei Regeln gebrochen. Sie freuten sich, später das Halbfinale gegen Frankreich bestreiten zu können, in dem Torwart Toni Schumacher für den nächsten Skandal sorgte: Er schlug den französischen Stürmer Patrick Battiston bewusstlos, als er einen Ball am Rande des Strafraums abfangen wollte. Es war eine Attacke, nach der Battiston mit einer schweren Rückenverletzung am Boden liegen blieb. Schumacher hatte Battiston außerdem zwei Frontzähne ausgeschlagen und Battiston fiel ins Koma. Schumachers Reaktion auf die Verletzung war eine weitere Beleidigung. Er betrachtete den am Boden liegenden Franzosen mit gelangweilter Missachtung. Im Anschluss an das Spiel verschlimmerte er die Lage weiter, indem er bar jeder Gefühlsregung anbot, die Kosten für Battistons Zahnreparatur übernehmen zu wollen. Die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Frankreich kühlten sich nach dem Spiel, das die Deutschen im Elfmeterschießen gewannen, merklich ab. Es blieb für Jahrzehnte in Frankreich eine strittige Angelegenheit. Das Ansehen in der Öffentlichkeit wurde durch einen weiteren Zwischenfall getrübt, als ein deutscher Spieler Journalisten mit Wasser überschüttete, nachdem in den Medien berichtet worden war, dass einige Spieler im WM-Vorbereitungscamp heftig getrunken hätten.
Gegen Ende der 80er sehnte sich das Land mit dem stolzen Fußballerbe nach neuen unverbrauchten Talenten. Fußballfans wollten das Spiel wieder lieben können. Und Spieler wie Klinsmann, der seine Tore mit ungebremster Freude feierte und Niederlagen so schwernahm, wie sie es auch taten, schien zu verkörpern, wonach viele Fans sich zu verzehren schienen.
Das Debüt gegen Brasilien
Klinsmanns harte Arbeit zahlte sich einmal mehr aus. Er hatte mit dem VfB Stuttgart 1987/88 einen ersten verlockenden Eindruck vom internationalen Fußball bekommen, als Stuttgart im UEFA-Pokal (heute UEFA Europa League) spielte. Klinsmann genoss die Gelegenheit, zwischen den Bundesligaspielen am Wochenende ins Ausland reisen zu können, um sich mit den besten Mannschaften Europas zu messen. Der UEFA-Pokal machte ihm Lust auf mehr Spiele, auf mehr internationalen Fußball.
Im UEFA-Pokal setzte sich der VfB Stuttgart in der ersten Runde erfolgreich gegen Spartak Trnava aus der Tschechoslowakei durch, musste sich aber in der zweiten Runde gegen Torpedo Moskau geschlagen geben. Klinsmann freute sich dennoch darüber, andere europäische Städte kennenzulernen und erinnert sich zum Beispiel gern an Moskau, wo er den Roten Platz zu sehen bekam. Er war entschlossen, das Beste aus den Reisen zu machen, fremde Städte kennenzulernen, und er schwor sich, das auch in Zukunft weiter zu tun. Er blieb diesem Grundsatz während seiner ganzen Zeit als Spieler treu und setzte dies auch als Trainer fort.
Klinsmann wurde im Herbst 1987 für die Olympiamannschaft nominiert, die auch als U-23 bekannt ist, weil die FIFA pro Mannschaft nur drei Spieler, die älter als 23 sind, für die Olympischen Spiele zulässt. Er war voller Enthusiasmus über die Chance, bei den Olympischen Spielen ein Jahr später spielen zu dürfen. Dank seiner starken Leistungen in der U-23 und beim VfB Stuttgart wurde Klinsmann von Beckenbauer auch in die Nationalmannschaft berufen.
Bei seinem ersten internationalen Auftritt für die deutsche Nationalmannschaft am 12.12.1987 gegen Brasilien in Brasília spielte Klinsmann über die volle 90-minütige Spielzeit in einem Spiel, das mit einem 1:1-Unentschieden endete. Es war der erste von Klinsmanns 108 internationalen Einsätzen für sein Land, die über die nächsten zehn Jahre folgen sollten.
Klinsmann an sechster Stelle aller deutschen Nationalspieler, bezogen auf die Zahl seiner Einsätze. Er spielte auch in dem Spiel gegen Argentinien vier Tage später, das die Deutschen 0:1 verloren. Klinsmann erntete in diesem Spiel, mit Diego Maradona als Counterpart, der damals als der weltbeste Spieler galt, positive Kritiken. „Es war beeindruckend, wie Jürgen sich da draußen behauptete“, sagte Beckenbauer über dessen Leistung in den zwei Spielen und fügte hinzu, dass Klinsmann seiner Meinung nach gezeigt habe, dass er den anderen Stamm-Stürmern, Rudi Völler und Klaus Allofs, ebenbürtig sei. Sechs Monate vor der EM im eigenen Lande war dies eine wichtige Bestätigung.
Nach zwei Freundschaftsspielen in Südamerika erhielt Klinsmann einen weiteren Eindruck von den Vereinigten Staaten und ihrer enormen Größe. Er flog nach San Francisco und von dort weiter nach Hawaii, während der Rest der Mannschaft zurück nach Deutschland geflogen war, um dort die Weihnachtsferien zu verbringen. Er hatte zwei engen Freunden, Stefan Barth aus seiner Zeit in Geislingen und seinem Mannschaftskameraden Rainer Zietsch aus Stuttgart, versprochen, sie auf Hawaii zu treffen. „Meine zwei besten Freunde und ich hatten einen gemeinsamen Urlaub geplant, bevor der Ruf in die Nationalmannschaft kam“, erzählt er. „Sie wollten schon immer nach Hawaii fliegen. Ich kannte mich damals in Geografie noch nicht so gut aus und sagte ihnen, dass ich ja schon in Südamerika sei und sie in Hawaii treffen könnte. Es war wie: Ihr Jungs seid schon da und ich treffe euch dann dort. Der DFB buchte also einen Flug von Buenos Aires nach Miami, von dort nach San Francisco und weiter nach Hawaii. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was auf mich zukommen würde. Es war ein langer Flug nach dem anderen. Aber so kam ich zum ersten Mal nach Hawaii. Wir hatten eine fantastische Zeit.“ Die drei sind auch heute noch eng befreundet: Barth ist der Geschäftsführer der Kinderhilfsorganisation Agapedia, die Klinsmann 1995 gegründet hat, und Zietsch ist der Leiter der Nürnberger Jugendfußballakademie.
Klinsmann genoss seine ersten Reisen in die USA in vollen Zügen und lernte einige neue Freunde in Kalifornien kennen. „Ich will völlig raus aus dem Alltag. Das ist doch für einen Fußballprofi die einzige Möglichkeit, seine innere Ruhe wiederzufinden“, erzählte er Eitel in Jürgen Klinsmann und fügte hinzu, dass er sich freute, sein Englisch verbessern zu können und mehr über die USA zu lernen. „Die meisten (meiner Freunde in den USA) wissen, dass ich Fußballspieler bin, aber sie können sich kaum etwas darunter vorstellen.“
Auch in Deutschland interessierte er sich besonders für das Leben außerhalb des Fußballs. Mit Eitels Hilfe organisierte er ein Treffen mit den Insassen eines Jugendgefängnisses in der Nähe von Heilbronn. Er wollte mehr über ihr Leben erfahren. „Ich wollte auch wissen, wie es da zugeht. Ich habe mir vielmehr Gedanken darüber gemacht, wo die Ursachen dafür liegen“, sagte er mit Bezug auf die Vergehen, wegen derer die jungen Männer ins Gefängnis gekommen waren.
Das erste seiner 47 Tore für sein Land schoss Klinsmann schließlich am 27. April 1988 in einem 1:0-Freundschaftsspiel gegen die Schweiz. Es war sein vierter Einsatz in der Nationalmannschaft vor dem Beginn der Europameisterschaft 1988 zu Hause, das eines von sechs internationalen Turnieren war, die er als Spieler für Deutschland bestritt: die Europameisterschaften 1988, 1992 und 1996 sowie die Weltmeisterschaften 1990, 1994 und 1998.
Bei der EM ’88 half Klinsmann der bundesdeutschen Mannschaft mit sechs starken Auftritten, ins Halbfinale zu kommen. Er gab über zehn Jahre immer alles für sein Land und glänzte bei allen sechs Turnieren im richtigen Moment mit brillanten Leistungen. Klinsmann sagt, dass er immer das Beste aus jedem Turnier machen wollte, auch aus den kleinen, und dass er niemals mit dem Gefühl nach Hause gehen wollte, dass er oder seine Mannschaft hätte besser spielen können. „Gib mir ein Turnier, ich habe sie immer genossen“, ist seine Antwort auf die Frage, warum er offenbar stets in der Lage war, in den Turnieren seine Leistung zu steigern. Die Deutschen haben international lange in dem Ruf gestanden, gute „Turniermannschaften“ hervorzubringen. Teams, die zwischen den Turnieren mal besser und mal schlechter spielten, die aber dann, wenn es darauf ankam, zur Höchstform aufliefen, wie bei den WMs und EMs nach Ende der Gruppenphase und mit dem Beginn der K.-o.-Runden. In diesem Sinne war Klinsmann ein „Turnierspieler“, der auch am allerbesten zu spielen schien, wenn der Einsatz besonders hoch war. „Ich konnte den Beginn eines Turniers immer kaum abwarten. Ich spürte irgendwie, dass dies Augenblicke waren, die niemals wiederkommen würden. Mit deiner Mannschaft hast du die reguläre Saison und klar, du willst die Meisterschaft gewinnen. Du willst mit deinem Club auf nationaler Ebene gut abschneiden, aber die Saison ist lang, und du wirst währenddessen gute und schlechte Spiele haben. In einer komprimierten Situation wie einer Weltmeisterschaft oder einer Europameisterschaft ist es einfach, sich zu sagen, du gibst jetzt besser mal Gas, weil du dir nicht sagen kannst, dass du ja noch lange Zeit hast.“
Klinsmann erzählt, dass er jedes Mal mit gutem Gewissen von sich sagen konnte, alles gegeben zu haben, obwohl er mit dem Ergebnis dieser sechs Turniere nicht immer einverstanden war, da die Deutschen nur zwei davon gewannen. Einige der weltbesten Spieler tauchten bei großen Turnieren auf dem Rasen buchstäblich ab. Es sind Leistungseinbrüche zur falschen Zeit, die verhindern, dass sie ihre sonst so glanzvollen Karrieren mit einem Titel krönen konnten. Aber nicht Klinsmann, der seine Bestleistung für die Weltmeisterschaften und Europameisterschaften aufzuheben schien. „Ich habe diesen Momenten bei den großen Turnieren entgegengefiebert“, erzählt er. „Ich habe den Druck und die hohen Erwartungen und vor dem Tor einen kühlen Kopf zu bewahren geliebt. Es hängt wirklich nur von dir selbst ab, sicherzustellen, dass du mit dir im Reinen bist, sobald das Turnier beginnt und dass du dir sagen kannst: Egal, wie’s ausgeht, ich habe getan, was ich konnte. Vielleicht war es qualitativ nicht gut genug, aber zumindest von deiner Einstellung her willst du sicher sein, dass du bis an deine Grenzen gegangen bist und alles getan hast, was du konntest und alles gegeben hast, was du hattest. Deswegen halte ich es für sehr wichtig, dass die Spieler sich bewusst sind, dass die Turniere wahrhaft besondere, einmalige Augenblicke sind, die nie wiederkommen werden.“
1988 gab Klinsmann bei der Europameisterschaft im eigenen Land alles, was er hatte. Er schoss das erste Tor beim 2:0-Sieg über Dänemark, und er spielte ebenfalls gut beim 2:0-Erfolg gegen Spanien. Gegen Italien spielten die Deutschen ein 1:1-Unentschieden. Aber die deutsche Mannschaft wurde schließlich im Halbfinale vom Erzrivalen Niederlande mit einem 1:2 in Hamburg aus dem Turnier gekickt, nachdem die Deutschen zuerst ein Tor geschossen hatten. Trotz der bitteren Heimniederlage gegen die Niederlande wurde Klinsmann von den Medien als Entdeckung des Turniers gefeiert. Er war nichtsdestotrotz von der Halbfinalniederlage am Boden zerstört. Er sagte später, er sei überrascht und enttäuscht gewesen, als drei andere Nationalspieler im Bus anfingen Karten zu spielen, als der Bus gerade vom Stadion losgefahren war, gerade so, als wäre nichts geschehen.
Am darauffolgenden Tag, als ein Journalist ihn einen der „Gewinner“ des Turniers nannte, war Klinsmann verblüfft und antwortete: „Was heißt da Gewinner? Ich kann mich nicht als Gewinner fühlen, wenn wir gerade verloren haben. Fußball ist ein Mannschaftssport“, zitiert Roland Eitel ihn.
Pulsuz fraqment bitdi.