Kitabı oxu: «Wiesbaden»
Herausgeber
Erik Schreiber
Historisches Deutschland
e-book 097
Die Geschichte der Stadt Wiesbaden
Erscheinungstermin 01.09.2021
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Simon Faulhaber
Lektorat: Peter Heller
Vertrieb: neobooks
GESCHICHTE
DER
Stadt Wiesbaden.
VON
FR. OTTO,
OBERLEHRER AM KÖNIGLICHEN GYMNASIUM ZU WIESBADEN.
Franz Bossong, Verlagsbuchhandlung,
Wiesbaden.
VORREDE.
Die vorliegende Schrift ist hervorgegangen aus dem Wunsche, der im Herbste d. J. hier tagenden Versammlung der deutschen Philologen und Schulmänner ein Bild des Werdens und Wachsens der Stadt Wiesbaden vorzuführen, deren Vergangenheit gerade für sie von hohem Interesse sein muss. Birgt sie doch in ihrem Umfange noch jetzt den Rest eines der wenigen grösseren römischen Bauwerke auf dem rechten Rheinufer; ihr Schooss aber hat eine ganze Reihe höchst interessanter Alterthümer aller Art aufbewahrt, die, seit etwa einem halben Jahrhundert aufgefunden, gesammelt oder beschrieben, ein Bild der Vergangenheit geben, in welcher Wiesbaden römische Provinzialstadt mit einer Militärstation war. Die Fülle des zu Tage geförderten Materials ist bisher noch nicht in übersichtlicher Weise zusammengestellt worden; dies soll hier versucht werden, wobei ausser den Fundberichten die gründlichen Vorarbeiten der Herren Becker in Frankfurt a./M., v. Cohausen, Reuter und Schalk dahier, sowie von Verstorbenen namen dich Habels, Kleins und Rossels benutzt sind. Es konnte aber nicht die Absicht sein, alles und jedes hier aufzuführen, insbesondere musste die Erwähnung der römischen Waffen und Geräthe mancherlei Art für jetzt unterbleiben, da für die geschichtliche Entwickelung aus ihnen weniger als aus den Inschriften, Votivsteinen und Mauerresten zu gewinnen war.
Ebenso hat die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit seit der letzten geschichtlichen Darstellung manche Bereicherung erfahren; ich erwähne nur die vortrefflichen Ausführungen des Herrn Professor Dr. Grimm dahier. Auch dies Material bedurfte einmal einer Zusammenstellung; vielleicht dass dadurch noch verborgene Schätze hervorgelockt und so manche Lücken ausgefüllt werden können. Für diese Perioden war gleichfalls Beschränkung auf das Nothwendige und knappe Darstellung geboten. Die letzten fünfzig Jahre der politischen Geschichte blieben ausgeschlossen, da ihre Behandlung ohne Eingehen auf die allgemeine Geschichte unmöglich ist, dieses aber die Schrift zu umfangreich gemacht hätte.
Die Eintheilung in drei Perioden hat einigemal genöthigt, Zusammengehörendes zu trennen, an anderen Stellen wurde über die gesetzten Grenzen hinausgegangen; aber nur so konnten unnöthige Wiederholungen vermieden und ein Bild der Entwicklung in den einzelnen Zeiten und auf den einzelnen Gebieten kurz und anschaulich entworfen werden.
Die Anmerkungen sollen zugleich Belege sein und Hinweisungen auf die Stellen, welche ausführlichere Mittheilungen bieten, als hier aufgenommen werden durften. Und da die Schrift auch auf einen grösseren Leserkreis berechnet werden musste, so ist in der Regel auf leichter zugängliche Werke verwiesen, auch meist der lateinische Wortlaut in deutscher Uebersetzung gegeben.
Schliesslich muss ich noch denen, welche mich bei der Ausarbeitung durch freundlichen Rath unterstützt haben, namentlich meinem Freunde und Collegen, Herrn Gymnasiallehrer Ammann, für die sorgfältige Durchsicht der Correcturbogen auch hier meinen gebührenden Dank aussprechen.
Wiesbaden, Juli 1877.
F. Otto.
VERZEICHNIS
der häufiger und abgekürzt angeführten Werke.
v. Hörnigk, Wissbades Beschreibung. Frankfurt a/M. 1637. 1692.
Topographia Hassiae et regionum vicinarum, d. i. Beschreibung der vornehmsten Städte und Plätze in Hessen. Frankfurt a/M. Meriansche Erben. 1655.
Hellmund, Thermographia paraenetica oder nützliches Baadbuch. 1731.
Schenck, Geschichtsbeschreibung der Stadt Wiesbaden. 1758.
Ritter, Denkwürdigkeiten der Stadt Wiesbaden. 1800.
Ebhardt, Geschichte und Beschreibung der Stadt Wiesbaden. 1817.
Dorow, Opferstätte und Grabhügel der Germanen und Römer am Rhein, I. II. 1819.
Annalen des Vereins für nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung, I —XIV. 1827 — 1876.
Mittheilungen des Vereins, No. 1 — 5. 1851, 1852.
Periodische Blätter der Geschichtsvereine zu Cassel, Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden, No. 1 — 16. 1853 — 1861.
Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins, No. 1 — 6. 1861 — 1867.
Rossel, das Stadtwappen von Wiesbaden. 1861.
J. Grimm, Mittheilungen im rheinischen Curier. 1874, März und April.
Ferd. Hey'l, Wiesbadener Fremdenführer. Herausgegeben von dem Curverein der Stadt Wiesbaden. Wiesbaden.
Vogel, Beschreibung des Herzogthums Nassau. 1843.
Schliephake, Geschichte von Nassau, I — IV, 1, fortgesetzt von Menzel, IV, 2. 1866 — 1875.
Keller, Geschichte Nassaus von der Reformation bis zum dreissigj ährigen Kriege. 1864.
Keller, die Drangsale des nassauischen Volkes in den Zeiten des dreissigjährigen Krieges. 1854.
Mommsen, Corpus Inscriptionum Latinarum III. Berol. 1873.
Brambach, Corpus Inscriptionum Rhenanarum. Elberfeld 1867.
Grimm, DW. = Deutsches Wörterbuch.
Grimm, GDS. = Geschichte der deutschen Sprache.
Bernhardt, Geschichte Roms von Valerian bis zu Diocletians Tod (253—213) I. Berl. 1867.
Marquardt, römische Staatsverwaltung. I. II. Leipzig. 1873. 1876.
Marquardt, römische Privatalterthümer. I. II. Leipzig. 1864. 1867.
INHALT.
I. Wiesbaden in römischer und fränkischer Zeit.
§ 1. Aelteste Zeit, Celten
§ 2. Germanen. Chatten, Mattiaker
§ 3. Römer
§ 4. Besatzungsgeschichte
§ 5. Das Castell
a. Anlage und Zweck
b. Ausgrabung
c. Beschreibung
d. Besatzung
e. Beschäftigung der Soldaten
§ 6. Das Vivarium
§ 7. Die Heidenmauer
§ 8. Die Stadt Mattiacum
a. Der Schützenhof
b. Der Mauritiusplatz
c. Der Platz am Kochbrunnen
d. Die Wasserleitungen
§ 9. Strassen und Gräber
a. Die Bergstrasse
b. Die Thalstrasse
c. Andere Strassen
§ 10. Die Inschriften und bildlichen Darstellungen
a. Grabsteine
b. Votivaltäre
c. Militärische Inschriften
d. Trinkgefässe und Würfel
§ 11. Die Umgegend vun Wiesbaden
§ 12. Die bürgerliche Verfassung
§ 13, Geschichte des römischen Wiesbaden bis 235
§ 14. Die Kämpfe um das Mattiakerland 235 bis ca. 400
1. Die Kämpfe um die alte ReichsgTenze 235 bis 282
2. Die Kämpfe um die Rheingrenze 282 — 369
§ 15. Die fränkische Zeit. (400 — 800)
§ 16. Das Christenthum 69
II. Wiesbaden im Mittelalter
§ 17. Namen der Stadt Wiesbaden
§ 18. Die Lage und die Haupttheile der Stadt
§ 19. Königlich und grätlich
§ 20. Hauptgebäude
a. Die Burg
b. Die Kirche und die Capellen
c. Die übrigen Gebäude
§ 21. Strassen. Mauern, Thore
§ 22. Die Bewohner
§ 23. Die Beschäftigung der Bewohner. Die Bäder
§ 24. Die Stadtverwaltung
a. Allgemeines
b. Das Stadtgericht zu Wiesbaden
c. Freiheiten der Bürger. Gemeine Baue
§ 25. Wehr- und Feuerordnung
§ 26. Flur und Wald
§ 27. Geschichtliches
§ 28. Kaiserbesuche während des Mittelalters
III. Wiesbaden in der neueren Zeit.
§ 29. Neue Befestigungen. Stadtenveiterungen
1. Die Erhaltung der alten Stadt. 1508— 1690
2. Der Beginn der Umwandlung. 1691—1808
3. Das moderne Wiesbaden. 1808—1877
§ 30. Einzelne Bauten
1. Das 16. Jahrhundert
2. Das 17. Jahrhundert
3. Das 18. Jahrhundert
4. Das 19. Jahrhundert
§ 31. Die Bewohner
§ 32. Die Bäder und Kur
1. Die Badhäuser
2. Die Badeeinrichtungen
3. Die Veranstaltungen zur Unterhaltung der Kurgäste
4. Verpflegung und Behandlung
5. Berühmte Besuche
§ 33. Stadtrath und Stadtverwaltung
§ 34. Kirchliches
§ 35. Die Schulen
a. Bis 1806
b. Von 1806 an
§ 36. Geschichte
a. Von 1508—1618
b. Von 1618—1648. Der dreissigj ährige Krieg
c. Die Zeit nachdem dreissig jährigen Kriege
Anhang
I. Alte Namen
1. Vor und um die Mitte des zwölften Jahrhunderts
2. I280—1460
3. Nach dem dreissigjährigen Kriege
4. Neue Namen (um 1730)
II. Tabellarische Zusammenstellung der Badhäuser
III. Chronologische Uebersicht
IN RÖMISCHER UND FRÄNKISCHER ZEIT.
§ 1.
ÄLTESTE ZEIT. CELTEN.
Wiesbaden ist eine der ältesten und zugleich der jüngsten Städte Deutschlands; während der grösste Theil der jetzigen Stadt seinen Ursprung den letzten Jahrhunderten, ja den letzten Jahrzehnten verdankt und in Bauart und Strassenanlage allenthalben einen ganz modernen Charakter zeigt, kann der innere Theil der Stadt seine Anfänge bis in die graue Vorzeit der deutschen Geschichte verfolgen, deren tiefes Dunkel, nur durch einzelne Streiflichter erhellt, ein deutliches Bild noch nicht erkennen lässt.
Die geschützte Lage der Oertlichkeit, der fruchtbare Boden und der Reichthum an fliessendem Wasser, das, dem benachbarten Gebirge entquellend und in mehreren Thalgründen herabströmend, hier sich vereinigt und in den benachbarten Rhein abfliesst, die Nähe der noch jetzt jagdreichen Waldungen des Taunus, die vordem wohl noch ausgedehnter waren, endlich vielleicht auch die bereits frühe erkannten wohlthätigen Wirkungen der warmen Quellen hatten sicherlich schon in den Zeiten, welche der historischen Kunde vorausgehen, länger oder kürzer dauernde Niederlassungen veranlasst. Zahlreiche Steinwerkzeuge, zum Theil der rohesten Art, und ebensolche Thongefässe, wie sie sich in Gräbern der Umgegend von Wiesbaden und unmittelbar in dem Thalgrunde vor Wiesbaden gefunden haben, (Vgl. z. B. Ann. II, 3. p. 303. Per. Bl. 1858, 7. p. 162. M. 1867, 5. p. 24.) weisen auf eine frühe, sicherlich vorgermanische Zeitperiode hin.
Bleibendere Spuren ihrer Anwesenheit haben indess erst die Celten hinterlassen, wenn man Recht hat, manche sonst unverständliche Namen von Bergen, Flüssen und Orten des rechten Rheinufers auf celtische Ansiedlungen und Namengebung zurückzuführen. (Arnold, Ansiedlungen p. 54. Man denke nur an die Namen Rhein, Main, Taunus.)
Aber schon zu Caesars Zeit scheinen nicht blos die Celten unsre Gegenden nicht mehr bewohnt zu haben, sondern es waren auch germanische Stämme in grösseren oder kleineren Schaaren über den Rhein gegangen und hatten sich in dem belgischen Gallien niedergelassen.
§ 2.
GERMANEN. CHATTEN. MATTIAKER.
Zunächst nun scheint kein deutscher Stamm dauernd den Mittelrhein behauptet zu haben; Usipeter, Tenkterer, Ubier werden von den kriegerischen Sueven verdrängt und suchen an dem unteren Rheine oder auf dessen linkem Ufer feste Sitze zu gewinnen statt des allgemeinen Namens der Sueven erscheint bald das Volk der Chatten, vielleicht nur die specielle Bezeichnung statt der allgemeinen, (Seyberth, Ann. IV, 2. p. 435. Grimm, GDS. II, p. 565.) und an dessen Stelle zur Zeit des Kaisers Claudius der Name der Mattiaci, der von nun an bis zum Ende der Römerherrschaft mit dem Gebiete zwischen Taunus und Rhein eng verbunden bleibt. Den ager Mattiacus erwähnt zuerst Tacitus in den Annalen (XI, 20) zum Jahre 47 n. Chr., die Stadt oder das Dorf Mattiacum Plinius in der Naturgeschichte (31, 2, 27); die Mattiaci und gens Mattiacorum Tacitus in den Historien (IV, 37) und in der Germania (29), Ptolemaeus (II, 11, 29) um 150 n. Chr. XXgriechXX Ammianus Marcellinus im Jahre 371 die Aquae Mattiacae (XXIX, 4) und endlich die Notitia dignitatum die Mattiaci juniores; ausserdem werden auf Inschriften des zweiten Jahrhunderts, die fast alle zu Castel bei Mainz aufgefunden wurden, die civitas Mattiacorum, (Becker, Ann. VII, I. No. 46, 24, 27, 40. (Becker und Klein) ib. IV, 3. No. 118 sqq. endlich die Coh. II Mattiacorum auf einem Militärdiplom des Kaisers Hadrian vom Jahre 134 genannt. (Rossel, Ann. V, 1. p. 72. Mommsen C. J. L. III, p. 877.)
Dass Mattiacum zur Zeit des Plinius der Name eines Ortes und zwar dessen, den Ammianus Aquae Mattiacae nennt, und dass dieser Ort gerade Wiesbaden war, ergibt die richtige Erklärung der betreffenden Stellen. (Vgl. Habel in Ann. I, 2. p. 42. Seyberth IV, 2. p. 459. Becker VII, 1. p. 123.)
Sowohl über die Verwandtschaft und Abstammung der Mattiaker, als auch über die Herleitung des Namens sind verschiedene Meinungen aufgestellt, von denen jedoch noch keine als vollständig erwiesen angesehen werden kann. Die gewöhnliche Ansicht geht dahin, die Mattiaker seien ein Zweig der Chatten und hänge der Name mit dem chattischen Mattium, jetzt Maden, (Nach Grimm zu Matte gehörend; andere Abtheilungen s. bei Arnold, Ansiedelungen u. s. w. Hellmund erklärt den Namen Mattiaker als die Muthigen, eine Etymologie, die sich würdig den anderen von ihm p. 233 vorgetragenen anschliesst, wonach z. B. Chatten = die Guten, Ubier = die Obigen, d. h. hoch wohnenden, die Usipeter = Wiesenspether, von Wiese und Spad, mit welchem sie sich auf ihren Auen nährten, die Schwaben = Sauländer, von Suevia, Sauland, weil es in Schwaben viele Mästung oder Eicheln und daher viele Säue gebe.) zusammen; die erste Behauptung stützt sich auf die zweite sowie darauf, dass im batavischen Freiheitskriege die Mattiaker sofort an der Seite der Chatten einen Ueberfall der Stadt Mainz versuchen, beides durchaus, nicht zwingende Beweise; denn eine gemeinsame Erhebung gegen die Römerherrschaft setzt nicht auch Stammesverwandtschaft voraus, ebensowenig als die scheinbare Namensähnlichkeit, obgleich es etwas Bestechendes hat, die Gleichheit in Namen auf Verwandtschaft zurückzuführen. Die Zusammengehörigkeit von Chatten und Mattiakern bleibt daher nur eine annehmbare Vermuthung. Die Chatten hatten sich Anfangs der römischen Nachbarschaft nicht feindlich erwiesen, zogen es aber, als der Römer Absichten deutlicher hervortraten und Drusus die Burg auf dem Taunus anlegte, im Jahre 9 v. Chr. vor, ihre heimischen Sitze am Taunus zu verlassen und sich zu ihren Stammesgenossen im heutigen Hessen zurückzuziehen. (Dio Cass. 54. 36) Es können nun recht wohl manche Gemeinden oder Familien ganz oder zum Theil zurückgeblieben und andere zu ihnen übergesiedelt sein. Dies rechtfertigt aber noch nicht die Herleitung des Namens der Mattiaci von Mattium. Ziehen wir die sonstigen zahlreichen celtischen Ortsnamen am Mittelrhein in Betracht, so hat es nichts Auffallendes, wenn Mattiacum wie das benachbarte Mogontiacum celtischen Ursprungs ist, zumal die Bildung des Wortes aus dem sonst nicht viel verwendeten Worte Matte (adh. der mato, gen. matawes) auf grosse Schwierigkeiten stösst. Wir werden daher Mattiacum nicht als dasselbe wie „Wiesbad“ aussagend ansehen dürfen. (Wie Rossel, Stadtwappen p. 56 Anm. thut.) Die Römer fanden den celtischen Namen des Ortes Mattiacum vor und benannten die Bewohner der ganzen civitas, die sie errichteten, wie die civitas Taunensium, Mogontiacensium, Sumelocennensium und Ulpia Trajana (S. Brambach, Inscr. Rhen, im Index.) u. a. nach einer Oertlichkeit. Den Deutschen blieb das Wort fremdartig und so erklärt sich, dass es erst mit der Befestigung der Fremdherrschaft aufkommt und mit deren Authören spurlos verschwindet. Der Name Mattiacum ist daher weder durch Zusammensetzung von zwei deutschen Wörtern, Matte und aha, Wasser, noch durch die sonderbare Ableitung von einem deutschen Stamme vermittelst einer celtischen oder gar griechischen Endung entstanden, sondern ein celtisches Wort mit der Endung iac oder ac, die an den celtischen Personennamen Matto angefügt wurde, wie aus dem Namen Mongontius (abgeleitet vom Namen des Gottes Mogon) oder Mogon selbst auf eben dieselbe Weise Mogontiacum, aus Nemet Nemetacum entstand. (S. Zeuss, Gramm, celt. p. 173 u. 772. Matto kommt auf Inschriften mehrfach vor. Obermüller in dem celtischen Wörterbuch II, p. 307, erklärt das Wort Mattiaci weniger ansprechend aus mattach Ackerland als „Ackerleute“.)
§ 3.
RÖMER.
Wann die Römer zuerst unseren Boden betraten, ist genauer nachzuweisen nicht möglich, doch ist nicht unwahrscheinlich, dass es jedenfalls bald nach den ersten Versuchen diesseits des Rheines festen Fuss zu fassen geschah, ja es kann die Kunde von den warmen Quellen, die sie sicherlich in Mainz vernahmen, sie sofort veranlasst haben, da sie Freunde warmer Bäder waren, die ungefährdete Benutzung derselben durch eine militärische Niederlassung zu sichern, indem sie auf dem Ende einer in das Thal vorspringenden Bergzunge, gerade über den Quellen, auf dem sog. Heidenberge, ein Castell anlegten, das die aus dem Gebirge führenden Thalgründe beherrschte und einen Ueberfall der Badeanstalt verhindern sollte. (Becker, Ann. VII, 1. p. 74 u. 75.) Und da Mainz unstreitig zu den fünfzig Castellen gehörte, welche Drusus am Rheine errichtet haben soll, so könnte schon während dessen vierjähriger Wirksamkeit am Rheine, wie auf dem Taunus bei Homburg die Saalburg, so auch in Wiesbaden, das Castell Mattiacum angelegt worden sein. Die folgende Betrachtung der Besatzungsgeschichte wird diese Vermuthung als möglich erweisen, wenn auch die andere Möglichkeit offen bleibt, dass die Anlage des Castells einige Jahre später erfolgt sei.
Erst in Folge dieser Benutzung der warmen Quellen Wiesbadens und der Errichtung der Militärstation durch die Römer erhellt sich einigermassen das Dunkel, welches bis dahin über unserer Ortsgeschichte ruhete, und zwar sind es vornehmlich die zahlreichen Reste römischer Anlagen, Denkmäler und Inschriften, deren Auffindung nun einiges Licht verbreitet hat. Es blieb unserem Jahrhundert vorbehalten, nachdem früher zufällige und vereinzelte Spuren römischen Lebens waren bemerkt worden, durch planmässige Ausgrabungen und unausgesetzte Aufmerksamkeit bei Neubauten unsere Kenntniss der alten Oertlichkeit bis zu einem gewissen Abschlüsse zu bringen, namentlich seitdem der Verein für Alterthumskunde und Geschichtsforschung den Mittelpunkt für diese antiquarischen Studien abgab und im Museum die gefundenen Schätze auf eine würdige Weise zusammengestellt wurden. Ueber die Gründer und die Gründung des Vereins im Jahre 182 1 sowie über seine nun mehr als fünfzigjährige Thätigkeit handelt der elfte Band der Annalen.
§ 4.
BESATZUNGSGESCHICHTE.
Um Anhaltspunkte für die Zeitbestimmung zu gewinnen, betrachten wir zuerst die Besatzungsgeschichte des Castells, wie sie durch inschriftliche Zeugnisse auf Grabsteinen und durch Legionsstempel auf Ziegeln festgestellt ist. Danach haben für längere oder kürzere Zeit die Besatzung des Castells gebildet:
1. die Legio I Adjutrix;
2. die Legio VIII Augusta;
3. die Legio XIIII Gemina Martia Victrix;
4. die Legio XXI Rapax;
5. die Legio XXII Primigenia Pia Fidelis.
Zweifelhaft bleibt, ob wir auch hierher rechnen dürfen
6. die Legio IUI Macedonica;
7. die Legio XI Claudia Pia Fidelis.
Ferner folgende Auxiliarmiliz
a) Reiter:
1. Ala Flavia I Gemina;
2. Ala Scubulorum.
b) Cohorten:
1. Coh. II Raetorum Civium Romanorum;
2. Coh. I Pannoniorum;
3. Coh. IUI Thracum;
4. Coh. III Delmatarum Pia Fidelis; (Auf einem Grabsteine und dem Militärdiplom des Kaisers Trajan steht Delm., auf den Ziegeln Dahn. Rossel in den Ann. V, 1. p. 11. Vgl. die Abbildung Taf. III. Ann. IV. 3. p. 37 u. 64. Rossel bezeichnet sie als peditata; nach genauerer Untersuchung zeigt das Diplom nicht die Buchstaben P E, sondern PF, wonach unsere Cohorte wie sonst die Beinamen Pia Fidelis führte. Mommsen im Corp. Inscr. Lat. III. p. 870 u. 868.)
5. Coh. V Delmatarum;
6. Coh. IUI Vindelicorum.
Wahrscheinlich haben ausser diesen auch noch andere Cohorten in Mainz gelegen und können also auch zeitweilig einen Theil unserer Besatzung ausgemacht haben, (Vgl. die Berechnung von Rossel in den Annal. V, 1 . p. 64 und Mommsen -1. c.) doch lässt sich mit Sicherheit darüber nichts bestimmen. Auch die Geschichte der einzelnen Alen und Auxiliarcohorten ist nicht so aufgeklärt als die der einzelnen Legionen; so wissen wir z. B. nur, dass die Ala I Flavia gem. schon im Jahre 74 in Germanien stand , ebenso die Ala Scubulorum; von den Cohorten haben gleichfalls im Jahre 74 die fünfte der Delmater und vierte der Vindelicier ihr Standlager am Rheine gehabt, von der dritten der Delmater ist es wahrscheinlich, weil sich so viele Ziegel von ihr in unserem Castelle fanden, so dass sie an seiner Herstellung nach dem Bataverkrieg mitgearbeitet haben wird ; doch kann ihre Bauthätigkeit auch später fallen sie erscheint aber auf einer datirten Inschrift erst im Jahre 116, wie auch die zweite der Raetier, welche noch acht Jahre vorher und später, im Jahre 166, in Raetien angetroffen wird. (S. Mommsen C. I. R. III, im Index und dazu in der Ephem. epigr. II, p. 460. 462.) Genauer sind wir über die Legionen unterrichtet; wir betrachten zuerst die Gründerin des Castells und die, welche es am längsten inne hatte, die Legio XIIII und XXII.
1. Die Legio XIIII hatte unter Drusus (12 —9 v. Chr.) das Castell zu Mainz erbaut und bildete einen Theil der Streitmacht des Germanicus (14—16 n. Chr.); sie führt auf ihren Ziegeln oftmals keinen Beinamen, nennt sich aber meist Gemina, die gedoppelte, von ihrer Zusammensetzung; ob dieser Zusatz auch auf eine spätere Zeit hinweist, ist nicht ausgemacht; unter beiden Namen ist sie in Wiesbaden und zwar als Gemina durch einen Grabstein, mit und ohne Gemina durch mehrere Legionsstempel auf Ziegeln vertreten. Unter Claudius — etwa 43 n. Chr. — wurde sie nach Britannien beordert und nahm Theil an den Kämpfen vom Jahre 61; bald darauf erscheint sie mit den Beinamen Martia Victrix, nachweislich zuerst 66 n. Chr., so dass man mit Recht annimmt, sie habe in jenen Kämpfen durch ihre Tapferkeit sich dieselben veidient, zumal Tacitus ihre Soldaten als domitores Britanniae und praecipui fama rebellione Britanniae compressa nennt. (Hist. V, 16; II, 11.) Wir sind daher berechtigt, wenn sie uns ohne jene Beinamen, auf die sie stolz war und die sie ihren Stempeln zuzufügen nicht gern unterlassen mochte, am Rheine entgegentritt, auf eine Zeit vor diesem Jahre, also überhaupt vor ihrem Abmarsch nach Britannien zu schliessen. Nun fanden sich, wie oben bemerkt, mehrere Ziegel ohne jene ehrenvolle Bezeichnung auch in dem Castell zu Wiesbaden, und da die anderen oben genannten Legionen sämmtlich erst nach dem Abgang der vierzehnten an den Mittelrhein beordert wurden, so folgt daraus, dass die erste Anlage des Castells vor das Jahr 43 n. Chr., ja noch mehr, wenn das Fehlen des Beinamens Gemina ein Zeichen früherer Zeit ist, in die erste Zeit der römischen Invasion, also unter die Regierung des Augustus und wohl vor das Jahr 9 n. Chr., d. h. die Teutoburger Schlacht angesetzt werden und durch diese vierzehnte Legion erfolgt sein muss. Damit stimmt zusammen, dass die Zahl ihrer Ziegel dahier im Verhältnisse zu denen der anderen Legionen mit Ausnahme der Leg. XXII besonders gross ist. Es rinden sich aber auch solche mit dem Zusatz Martia Victrix. Der Kaiser Nero hatte nämlich die Legion zum parthischen Kriege beordert, aber in den Wirren, die auf seinen Tod folgten, erhielt sie Gegenbefehl, nahm an den Kämpfen in Italien Theil und wurde dann nach Britannien zurückgeschickt.
Da brach der batavische Krieg aus (69 n. Chr.), zu dessen Bewältigung zahlreiche Truppen an dem Rheine nothwendig waren; auch unsere vierzehnte Legion erhielt Befehl, dahin abzugehen. Nach Beendigung des Krieges blieb sie noch einige Zeit am Mittelrhein mit dem Standquartier Mainz und muss in diesen Jahren auch die Besatzung unseres Castells gebildet haben; daher jene Stempel mit dem vollen Namen Gemina Martia Victrix. Doch blieb sie nicht lange; schon vor Trajan, der sie auch im dacischen Kriege verwendete, vielleicht schon vor Nerva (96), verliess sie den Mittelrhein, um nie wieder dahin zurückzukehren; sie erhielt nach dem dacischen Kriege ihr Standquartier in Pannonien zwischen Drau und Donau, wo sie noch im Jahre 211 lag und zahlreiche Inschriften hinterlassen hat.
2. Die Legio XXII Primigenia Pia Fidelis, die ursprüngliche, fromme, treue, kann als die eigentliche Nachfolgerin der vierzehnten Legion im Besitze unseres Castells angesehen werden. Von Claudius wahrscheinlich durch Theilung der älteren Leg. XXII errichtet, erhielt sie sofort ihr Standlager am Rheine und verblieb daselbst, mit Ausnahme einer Abtheilung, welche den Kaiser Vitellius nach Italien begleitete und dort aufgerieben wurde, fast ununterbrochen in Mainz nur von dem Jahre 104 — 120 lag sie in Untergermanien. Zeugnisse ihrer Anwesenheit auch in Wiesbaden sind die zahlreichen Stempel mit ihrem Namen, zum Theil mit, zum Theil ohne die Beinamen Pia Fidelis; sie scheint dieselben also erst später erhalten zu haben, doch ist diese Zeit zu bestimmen nicht möglich.
Die nun folgenden drei Legionen haben nur kürzere Zeit am Mittelrhein gestanden und geringere Spuren ihrer Anwesenheit im Castell oder der Stadt hinterlassen.
3. Die Legio I Adjutrix hatte in Spanien gestanden, dann an den Kämpfen in Italien im Jahre 68 Theil genommen und endlich den batavischen Aufstand bewältigen helfen; etwa unter Nerva erscheint sie am Oberrhein, erhielt aber nachher ihr bleibendes Standlager in Pannonien. Ihre Anwesenheit in Wiesbaden fällt also um die Wende des Jahrhunderts.
4. Die Legio VIII Augusta war von Augustus errichtet, lag bis zum Jahre 68 in Pannonien, dann wurde sie ebenfalls in den Kämpfen in Italien und gegen die Bataver verwendet und verblieb darauf in Obergermanien; ihre Anwesenheit am Mittelrhein fällt in die Jahre unmittelbar nach dem batavischen Freiheitskriege, war aber nicht lange dauernd. Sie hatte nachher lange in Strassburg ihr Standquartier.
5. Auch die Legio XXI Rapax, die nach der Niederlage des Varus wieder hergestellt worden war und dann in Niedergermanien lag, scheint nur kurze Zeit, und zwar um das Ende der Regierung des Nero in Obergermanien zugebracht zu haben. Sie ging wahrscheinlich unter Domitian ganz zu Grunde.
Noch dürftiger und darum unsicherer sind die Spuren der zwei noch übrigen Legionen.
6. Die Legio IUI Macedonica erhielt durch Claudius die Aufgabe, statt der nach Britannien beorderten Legionen den Rhein zu schützen; sie lag in Mainz, nahm aber dann an den Kämpfen nach Nero's Tode sowie an dem batavischen Kriege Theil und wurde in diesen Kriegen aufgerieben. Ihre Anwesenheit in Wiesbaden ist zweifelhaft.
7. Die Legio XI Claudia Pia Fidelis endlich war von Vespasian ebenfalls in dem batavischen Kriege verwendet worden und verblieb von da an in Obergermanien mit dem Lagerplatz Vindonissa. Sie kann nur kurze Zeit nach dem batavischen Aufstande am Mittelrhein gestanden haben. Ihre Anwesenheit in Wiesbaden ist eine Vermuthung von Becker, (Ann. VII, 1. p. 295. S. § 10, a No. 13.) welcher die fehlenden Buchstaben einer im Jahre 1862 in der oberen Rheinstrasse gefundenen Inschrift durch (Leg.) XI C. P. F. am leichtesten ergänzen zu dürfen glaubt.
Das Resultat dieser Betrachtung ist also, dass das Castell zu Mattiacum von der Legio XIIII Gemina zwischen den Jahren 12 v. Chr. bis 43 n. Chr., wahrscheinlich aber unter Augustus erbaut, vom Jahre 43 an bis 120 von verschiedenen Legionen vorübergehend besetzt, sodann aber von der Legio XXII Primi genia Pia Fidelis bis zu Ende der Römerherrschaft behauptet worden ist. (Vgl. Grotefend in Paulys Realencyklop. s. v. Legionen; Klein, die Legionen in Obergermanien ; Rossel , Ann. V, I Brambach, Inscr. Rhen. p. IX; Mommsen, C. J. L. III. p. 416. 482. Ueber die Spuren der Leg. IUI s. Ann. IV, 3. p. 53.)
§ 5.
DAS CASTELL.
a. Anlage und Zweck.
Wenn auch ausser Zweifel ist, dass die erste Anlage des Castells durch die vierzehnte Legion erfolgte, und zwar vielleicht schon unter Augustus, so ist damit nicht behauptet, dass es nicht in etwas späterer Zeit einen Umbau oder Neubau erfahren habe. Es ist sogar wahrscheinlich, „dass die erste Anlage sich gegenüber den stürmischen Angriffen der Deutschen im batavischen Freiheitskriege nicht ausreichend erwies und eine neue, wohl auch solidere Befestigung unter den nachfolgenden Kaisern, besonders zur Zeit der Revision und Renovirung des Pfahlgrabens unter Domitian vorgenommen wurde. Dieselbe könnte dann auch wieder von der Stifterin, der Legio XIIII Gem., jetzt Martia Victrix, ausgeführt worden sein, denn von ihr haben sich aus der genannten Zeit in dem Bereiche des Castells mehrere Ziegel erhalten; doch müssen auch andere Legionen dabei thätig gewesen sein; abgesehen von der Legio XXII, deren Ziegel sich auf ihren mehr als zweihundertjährigen Aufenthalt am Rheine vertheilen — es sind von ihr sechzehn im Castell gefunden worden — waren vor zwanzig Jahren nach Rossel (Ann. V, I. p. 55.) ebenfalls im Bereich des Castells gefunden: fünf Ziegel mit dem Stempel Legio XIIII, neun mit Leg. XIIII Gem., drei mit Leg. Gem. Mart. Vict., unbestimmte vier; von der Leg. VIII ein Stempel und von der Leg. I Adj. zwei Stempel; dazu traten in den folgenden Jahren noch ein Stempel mit der Bezeichnung Leg. XIIII Gem. und ein zweiter mit Leg. XIIII Gem. Mart., (Per. Bl. 1860, No. 13. p. 363. Der Stein ist sehr ausgetreten.) bei welchem die Buchstaben Vict. fehlten; ein dritter zeigte den Stempel der Leg. I Adj. („Auf dem Heidenberg gefunden“. Mitth. 1865, No. 4. p. 15.) Danach ist die vierzehnte Legion für ihren zweiten Aufenthalt dahier mit mindestens vier, vielleicht sechs Ziegeln vertreten, was zwar hinter den vierzehn bis sechzehn Ziegeln der ersten Anwesenheit zurückbleibt, aber doch eine der Kürze der Zeit etwa entsprechende Thätigkeit bekundet.
Von den Auxiliartruppen haben sich besonders viele Ziegel der dritten Cohorte der Delmater im Castell gefunden, (Zwanzig nach Rossel in den Ann. V, I. p. 56.) einer der Vindelicier.
Auch der Zweck des Lagers erweiterte sich, wenn es in dieser Gestalt nicht schon von Anfang an ins Auge gefasst war; aus einer Station zum Schutze der Bäder, wie wir oben annahmen, wurde es seit der Errichtung des Pfahlgrabens auf dem Taunus, die wahrscheinlich unter Domitian (Marquardt, Röm. Staatsverwaltung I, p. 124. Tac. Germ. 29.) erfolgte, eine wichtige Zwischenstation zwischen dem Hauptorte am Mittelrhein, wo das Hauptstandquartier der Legionen war und von wo aus die Grenzstationen besetzt wurden, und eben diesen Grenzstationen an dem Grenzwall, mit beiden durch Strassenzüge verbunden, und gewährte so auch den zahlreichen, an dem Abhänge des Gebirges liegenden römischen Niederlassungen, die wir weiter unten vorführen werden, die nöthige Sicherheit. So begreift sich die Wichtigkeit der ganzen Anlage, welche, in der Solidität, die wir an den Römern allenthalben zu sehen gewohnt sind, errichtet, nur den wiederholten zerstörenden Angriffen der Germanen und in der Folge dem Zahne der Zeit erlag, ohne indess nicht hinreichende Spuren ihres Daseins unter der Erde und den ehrwürdigen Rest eines mit ihr in enger Verbindung stehenden Bauwerks über der Erde bis auf den heutigen Tag hinterlassen zu haben.
b. Ausgrabung.
Von dem Castelle selbst waren bis in unser Jahrhundert hinein alle äusseren Spuren vollständig verwischt und so sehr alle Kenntniss seiner Lage verschwunden, dass Ebhardt (p. 25.) meint, die Heidenmauer sei seine östliche Einschliessungsmauer gewesen. Auch jetzt bezeichnet kein Merkzeichen auf der ganzen Fläche, die schon zum Theil mit den Häusern der auch dahin vorgerückten Stadt bedeckt ist und bald in ihre Mitte die grossartige Anlage eines Krankenhauses aufnehmen wird, die Stätte, wo fast drei Jahrhunderte lang das rege Leben eines römischen Lagers herrschte. Innere und äussere Gründe veranlassten im Jahre 1838 den nassauischen Verein für Alterthumskunde zu Wiesbaden, unter der Leitung seines verdienstvollen Secretärs, des Archivars Habel, hier eine umfassende Ausgrabung zu veranstalten, welche zu den erfreulichsten Resultaten führte. Das Ergebniss derselben ist in der Schrift des Herrn Obermedicinalrath Dr. Reuter „das Römercastell bei Wiesbaden“ in den Annalen des Vereins V, 2 niedergelegt; (Eine Beschreibung des Römercastells hat Habel begonnen, aber nicht vollendet, Annal. III, 2. p. 131 — 55; ergibt daselbst auch eine Geschichte der Ausgrabung. Erst 1821 und 1832 entdeckte man das Mauerwerk.) ausserdem enthält das Museum ein Gypsmodell von 5' Länge und 4' 5“ Breite, welches die Haupttheile des Castells in anschaulicher Weise vor Augen stellt. In der nachfolgenden Beschreibung schliessen wir uns an diese sorgfältigen Arbeiten an und verweisen für das Einzelne auf dieselben, namentlich in Bezug auf die Fundstücke.
c. Beschreibung.
Das Castell lag, wie oben bemerkt, am Ende einer aus dem Gebirge nach Süden vorspringenden Bergzunge, die nach drei Seiten, nach Osten, Süden und Westen ziemlich steil abfällt, nach Norden bald ansteigend sich in die waldige Höhe des Taunus verliert; es beherrschte die Seitenthäler und bot einen freien Blick über das vor ihm liegende Thal und die nach dem Rheine hin auslaufenden Hügel nach der Rheinebene mit der Stadt Mainz. Der Form nach war es ein nicht ganz genaues Rechteck mit abgerundeten Ecken und bedeckte eine Fläche von etwa 13 ½ Morgen; die südwestliche Längenseite mass 504', die nordöstliche 502', die nordwestliche Seite 459' 8“, die südöstliche 457' 3“. Die vier Thore waren mit je zwei nach innen vorspringenden Thürmen ausgestattet, an jeder der abgerundeten Ecken befand sich gleichfalls je ein Thurm, ebenso an jeder Seite in nicht ganz gleichen Entfernungen von einander je vier, sämmtlich nach innen vorspringend, also im Ganzen achtundzwanzig Thürme. Die Ringmauer war 6' breit, mit nicht eben tiefer Fundamentirung (2' — 4‘), deren unterste Steinlage zum Theil schräg auf die Kante gestellt war. Bedeckt war die Mauer wahrscheinlich mit halbcylindrischen Decksteinen von 3' Breite, so dass also hinter den bedeckten Zinnen ein Umgang von ebenfalls 3' Breite verblieb. Vor der Umfassungsmauer waren wenigstens auf drei Seiten (die nordöstliche Seite schützte die jähe Böschung des tief abfallenden Berges genug) drei parallel laufende Spitzgräben gezogen von je 8' Breite und 5' Tiefe, deren erster 6' von der Ringmauer entfernt ist; sie bildeten also zusammen ein Hinderniss von 24' Breite. Die Wege innerhalb des Lagers waren fast alle 17' breit und durchschnitten sich in rechten Winkeln; sie waren theils gepflastert, theils mit Kies und Sand fest gestampft. Die südöstliche Hälfte des Lagers war ohne steinerne Gebäude; sie enthielt die aus Holz gebauten Quartiere der Soldaten, dagegen fanden sich daselbst ein Kalkofen, wahrscheinlich aus fränkischer Zeit, ein tiefer Brunnenschacht, ein Feuerherd und mehrere Gräber, zum Theil mit Gerippen und Schmuckgegenständen aus späterer Zeit, ein Beweis, dass nach Aufhören der Römerherrschaft diese Stätte auch als Begräbnissplatz diente. Der wichtigste Fund, der in diesem Theile des Castells gemacht wurde, war das Militärdiplom vom Jahre 116, welches aber erst zwanzig Jahre nach der Ausgrabung, im Jahre 1858, beim Abtragen von Gartenerde zufallig zum Vorschein kam; es ist in den Annalen V, 1 von Rossel abgedruckt und ausführlich behandelt. Die obere nordwestliche Hälfte des Castells enthielt mehrere massive steinerne Gebäude von verschiedener Grösse und Eintheilung im Inneren; in der Mitte hart an der via principalis das Praetorium (97' und 99' lang, 84' und 83' breit, 2' 10“ dicke Mauern) mit mehreren Räumlichkeiten, darunter einem Bade; der Haupteingang von der via principalis aus führte zunächst in einen Hofraum von 65' Länge und 60' Breite, der auf drei Seiten mit einem Säulengang von 70' und 79' und 70' Länge und 8' 9“ Breite umgeben war; es fanden sich noch fünfzehn Säulenfundamente vor, neun fehlten an verschiedenen Stellen. Zu beiden Seiten des Prätoriums lagen andere Gebäude, links mehrere kleinere, rechts das umfangreichste des ganzen Castells (121' und 104', resp. 102') mit vielen Räumlichkeiten, auch einem Hypocaustum im Inneren.
Eine Vorstellung von der äusseren Erscheinung des Castells, den Thürmen und Zinnen u. s. w. mag man entnehmen aus der von Becker in den Annalen IX zu p. 148 aus der Revue riumism. VII 1862 mitgetheilten Bleimedaille.
d. Besatzung.
Die Stärke der Besatzung muss aus dem Umfang des Lagers berechnet werden, womit man die Einteilung der römischen Truppen zusammenzuhalten hat. In der Kaiserzeit bestand die Legion aus 5000 — 6000 Mann, die in zehn Cohorten abgetheilt waren; eine Cohorte zählte also ca. 550 Mann. (Marquardt, Römische Staatsverwaltung II. p. 441.) Die Auxiliarcohorten zu Fuss waren entweder cohortes quingenariae zu 500, oder miliariae zu 1000 Mann, und zwar bestanden sie entweder ausschliesslich aus 'Fussvolk, cohortes quingenartae und miliariae peditatae, oder es gehörte dazu eine bestimmte Anzahl Reiter, cohortes quingenariae equitatae mit 120 Reitern und 360 — 380 Mann zu Fuss, oder cohortes miliariae equitatae mit 240 Reitern und 760 Fusssoldaten. (ib. p. 455.) Die alae equitum waren ebenfalls entweder quingenariae zu 480 Mann, oder miliariae zu 960 Mann. (ib. p. 456.) Jede Legion erhielt eine kleine Anzahl Reiter, nämlich 120 Mann (4 Türmen), nach Bedürfniss wohl auch mehr, sowie eine Abtheilung Auxiliartruppen, die in der Regel ebenso stark war als die Legion (ib. p, 442. 443.) die Zahl der Auxiliarcohorten, welche einer Legion beigegeben waren, richtete sich also nach der Stärke und dem Charakter der Cohorten, von 3 an bis 9. Im Jahre 116 hatte die achte und zweiundzwanzigste Legion je eine Ala Reiter und acht bis neun Cohorten Fussvolk. (Rossel, Annal. V, 1. p. 64.)
Das Hauptstandlager der mittelrheinischen Legionen war Mainz; von dort aus wurden einzelne Abtheilungen der Legionen und Auxiliarcohorten als Besatzungen in die rechtsrheinischen Castelle und an den Grenzwall abgegeben, die sich in gewissen Zeiträumen ablösten. Wenn nun nach H. v. Cohausens Berechnung (Ann. V, 2. p. 66. Mommsen, C. J. L. III, p. 870.) unser Castell zur Aufnahme von 1000 — 1100 Mann hinreichenden Raum darbot und eben diese Zahl vollständig ausreichte, um das Lager im Falle eines Angriffes zu vertheidigen, wobei noch das Bedürfniss für Reserve, Thorwachen, Sorge für die Verwundeten, Ordonnanzen u. s. w. ausreichend gedeckt war, so kann man annehmen, dass entweder zwei Legionscohorten, (mm 1100 Mann) oder eine Legions- und eine Auxiliarcohorte (= 1150 Mann), denen nach Bedürfniss etwas Reiterei (1 — 2 Türmen) beigegeben war, oder eine Cohors miliaria equitata oder peditata die jedesmalige Besatzung des Castells gebildet habe.
Von den oben genannten Cohorten war die vierte der Thraker und dritte der Delmater eine equitata; (S. die Inschrift in den Ann. IV, 3. No. 58. Mommsen, C. J. L. III, No. 1577.) in Betreff der anderen fehlt die nähere Angabe; die ala I Flavia Gemina scheint eine miliaria gewesen zu sein. (Brambach, I. Rh. No. 1468.)
e. Beschäftigung der Soldaten.
Für das Verständniss mancher der unten vorkommenden Erscheinungen ist es wichtig, einiges über das Lagerleben und die Beschäftigung der Soldaten hier zuzufügen. Der Soldat diente vom siebzehnten bis zum zweiundvierzigsten Jahre und blieb während dieser ganzen Zeit unverheirathet. Für die finanziellen Verhältnisse der Soldaten war gesorgt durch Anlage einer Sparcasse für jede Cohorte, in welcher von den Donativen die Hälfte deponiit und für jeden Mann eine Summe gesammelt wurde; es gab ferner eine Begräbnisscasse und Vereinigungen, scholae, zu gegenseitiger Unterstützung; so hatten die zwanzig speculatores (Sie wurden als Couriere u. s. w. benutzt. Marquardt I. c. II. p. 530, I. p. 419.) der Legio I und II Adjutrix eine schola in Pannonien gehabt. Besonders wichtig war dem Soldaten die Aussicht auf Versorgung im Alter. Hatte er seine Dienstzeit beendet, so erhielt er seine honesta missio und seine Versorgung entweder in Geld (bei den Legionssoldaten 3000 Denare) oder in einer Ackeranweisung, die Nichtbürger auch das Bürgerrecht für sich und ihre Kinder, worüber dem betreffenden Soldaten ein Diplom auf broncenem Diptychon als Copie der öffentlichen Urkunde ausgestellt wurde. (Marquardt II. p. 546. Rossel, Ann. V, I. lieber andere Belohnungen s. Marquardt, p. 554.)
Der Dienst nahm zwar den Soldaten vollkommen in Anspruch, da das Einexerciren der Recruten, die monatlich dreimal angestellten Marschübungen mit vollem Gepäck, die Manöver und mancherlei Uebungen anderer Art unausgesetzt betrieben wurden und namentlich in den Grenzgebieten ein beschwerlicher Wachtdienst nothwendig war. Allein bei der langen Dienstzeit hielt man es für zweckmässig, die einförmigen, sich stets wiederholenden Uebungen durch andere Arbeiten zu unterbrechen; schon Augustus gestattete die Beschäftigung der Soldaten, aber nur mit öffentlichen Bauten, zu denen vor allem die Befestigungsbauten an den Grenzen des Reiches, wie unseres Pfahlgrabens um das Jahr 100, die Militärstrassen, die das ganze Reich durchzogen, und die Errichtung und Erhaltung der Waffenplätze, militärischen Gebäude und Wohnhäuser gehörten. (S. oben § 5, a.). Aber auch zu anderen als militärischen Dienstleistungen wurden sie herangezogen: sie bauten Tempel und öffentliche Gebäude, gruben Canäle, legten Wasserleitungen und Bergwerke an, trockneten Sümpfe aus u. s. w. (Marquardt, p. 547 u. flgd.). Daher waren den Legionen auch Techniker zugetheilt, Bautechniker, Wasserbaumeister, Brunnenmeister, Röhrenmeister, Schmiede, Steinhauer, Kalkbrenner u. s. w. (Marquardt, p. 535.) Noch sei erwähnt, dass es in allen Garnisonen Bäder und eigne Aufseher der Bäder (a balneis oder balnearius) (Marquardt, p. 534 A m.) bei den Truppen gab, ebenso medici legionum und cohortium. (ib. p. 537.) Auch in Mattiacum haben die Soldaten der Legionen und Auxiliartruppen zahlreiche Spuren mannigfaltiger Thätigkeit, wie Anlage von Bädern, Wasserleitungen, Befestigungen hinterlassen, wie im Folgenden sich zeigen wird. (S. § 8. 11. 13.)
Doch wir kehren zur Beschreibung des römischen Wiesbaden zurück und betrachten zunächst die beiden mit dem Castell in enger Verbindung stehenden Anlagen, das Vivarium und die Heidenmauer.
§ 6.
DAS VIVARIUM.
An verschiedenen Stellen der im Nordost von dem Castell gelegenen Gegend trat zu verschiedenen Zeiten eine Mauer hervor, bisweilen ersetzt durch einen Graben. Schon Schenck (p. 118.) vermuthet, dass diese Mauern und Gräben einen römischen Thiergarten, ein sog. Vivarium, eingeschlossen haben, dergleichen die Römer anzulegen liebten. Reuter (Ann. V, 2. p. 56.) hat die Spuren sorgfaltig verfolgt und glaubt sie von der nordöstlichen Ecke des Castells an in einem Umkreise von etwa dreiviertel Stunden bis zur südöstlichen Ecke nachweisen zu können; dieser Thierpark habe hier nicht zum Vergnügen gedient, sondern zum Schutze des für die Besatzung des Castells, vielleicht auch für die bürgerliche Niederlassung nöthigen Schlachtviehes, namentlich gegen die Ueberfälle der Germanen; auch Wild sei in dem Park gewesen, woher der Name einer jetzigen Strasse von Wiesbaden, des Hirschgrabens, vielleicht seine Erklärung finde. Ob diese Ansicht in allen Theilen begründet ist, müssen noch genauere Untersuchungen zeigen. Jedenfalls ist die Annahme einer Viehtrift für die Bedürfnisse der Soldaten eine den bis jetzt bekannten Thatsachen ganz entsprechende, (Tac. Ann. XIII. c. 54. erwähnt agros vacuos et militum usui sepositos, wohin (cap. 55) pecora et armenta militum aliquando transmitterentur.) und es handelt sich hauptsächlich darum, den Umfang und Zusammenhang mit dem Castell nachzuweisen. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass andere gründliche Kenner des römischen Wiesbaden das Vorhandensein dieses so grossen Vivariums bezweifeln.
§ 7.
DIE HEIDENMAUER.
Die Heidenmauer, von der bis jetzt ein noch ganz ansehnlicher Rest vorhanden ist, begann in einiger Entfernung von der Südecke des Castells, indem den Zwischenraum zwischen beiden ein Graben einnahm, (v. Cohausen, Ann. XII. p. 317.) und zog in gerader Richtung nach Südosten bis in die Tiefe des Thaies; sie endigte in einem Thurme zwischen der jetzigen evangelischen Kirche und der Wilhelmsstrasse, dem später sog. Stümpert; auch in der Mitte befanden sich einige Thürme, von denen einer noch zum Theil erhalten ist. (Zu Hellmunds Zeit (1730) waren noch vier Thürme erhalten, wovon der eine in der Metzgergasse das Narrenhaus hiess und zum Gefängniss diente (p. 124).) Während der obere Theil der Mauer noch erhalten ist, lassen sich in dem Thale die Spuren der Fundamente noch in den Kellerräumen einzelner Häuser ganz wohl bemerken. Die Breite beträgt ca. 8', die Höhe ca. 18', die Länge wohl 500 M. Die Technik weist nach dem Urtheile der Sachverständigen durchaus auf römischen Ursprung hin. Sie war eine sog. Gussmauer und ruhete in der Niederung wegen des sumpfigen Bodens auf einem Pfahlwerk; „sämmtliche, aus Eichenholz bestehenden Pfähle steckten aufrecht, jedoch nicht senkrecht in dem Boden; ihre Köpfe, bis auf 4“ convergirend, stiessen direct an die Mauer; die Länge betrug 4 — 5'; sie waren spitz zugehauen mit scharfen Beilhieben; zwischen diesen meist 4 — 6“ starken, meist sehr gut conservirten Stämmchen waren jedoch auch stärkere, bis zu 1' Durchmesser haltende, theils gespaltene, theils ganze Stämmchen unregelmässig vertheilt.“ „Dieses Pfahlwerk, dem hier und dort auch horizontal eingefügte Stammstücke und 4“ starke eichene Dielen zur Stütze dienten, war übrigens ganz unregelmässig construirt, die Pfähle bald seitwärts, bald rückwärts, bald vorwärts geneigt; ihre oberen und unteren Abstände differirten daher von 4“ bis 2'.“ (Aehnliches Pfahlwerk fand sich auch auf dem Mauritiusplatz, auf dem Kranzplatz und dem Schützenhofgebiet.) Weiter aufwärts ruhete die Mauer auf dem gewachsenen Boden; die Dicke war nicht sich gleichbleibend, unten dicker als oben (7' 10“ zu 6'). Die äusseren Bekleidestücke, rechtwinkelig behauene Steine, aber auch Säulenfragmente, Grabsteine, Gesimse und sonstige Baustücke, sind ziemlich wagrecht geschichtet. Das Innere ist in Schichten getheilt, deren Höhe der der Bekleidsteine entspricht; die kleinen Steine und der Schutt desselben ruhen auf steifem Mörtelbett und sind von ebensolchem bedeckt. An der Aussenseite erkennt man noch die Löcher für die Rüsthebel, welche durch die ganze Mauergehen, immer 1,30 M. übereinander, je einen Meter von einander entfernt. (Rossel in den Mittheilungen von 1867. No. 5 u. 6. p. 14. 12. Kekulé in den Ann. X. p. 362. Ueber eine ähnliche Gussmauer im Römerbad Dorow I. p. 57. v. Cohausen in den Ann. XIV. p. 412. Auch Schenck, p. 103, erwähnt einen Stein mit Inschrift in der Mauer, s. u.)
Der Umstand, dass man Architekturstücke und dergleichen zum Aufbau der Mauer benutzte, beweist, dass man zur Zeit der Errichtung sich um die ursprüngliche Bestimmung des Materials nicht eben sehr kümmerte, sondern verwendete, was man fand und brauchen konnte; auch der Umstand ist eigenthümlich, dass die Mauer keinen Raum einschliesst. Man hat desshalb, da anderweitige Aufklärung uns nicht hinterlassen ist, die Vermuthung aufgestellt, sie sei nur der Anfang einer umfassenden, aber nicht vollendeten Befestigung der Stadt Mattiacum und verdanke ihren Ursprung den fortgesetzten Angriffen der Deutschen, die eine stärkere Befestigung nöthig zu machen schienen. Wir finden uns also an das Ende der Römerherrschaft versetzt, eine Zeit, in welcher die Deutschen den Grenzwall vielfach durchbrachen und Plünderungszüge in das römische Gebiet unternahmen. In diesen drohenden Zeiten wurden die bisher sicheren Bewohner der Grenzländer allenthalben aus ihrer Ruhe aufgescheucht, allenthalben begann man die alten Mauern herzustellen, neue anzulegen; hielt es doch Aurelian für geboten, auch die Hauptstadt Rom durch eine neue starke Mauer vor plötzlichen Ueberfällen zu sichern, und zog Probus an der Grenze der agri decumates eine grosse Mauer. (Bernhardt, Geschichte Roms, p. 229.) Damals mochte man auch in Mattiacum hoffen, auf diese Weise sich schützen zu können, wahrscheinlich nachdem man schon eine Zerstörung erfahren hatte man begann eine der Römer würdige Befestigung und zwar zunächst auf der Seite der Stadt, welche am meisten gefährdet war, da der Süden durch die hier zusammenströmenden Bäche und das sumpfige Terrain, der Norden durch das Lager gedeckt war; freilich gab man den nordöstlichen Theil der Stadt, den heutigen Kranzplatz mit seinen Bädern preis, vielleicht weil die ersten Ueberfälle der Deutschen (235. 255) diesen Stadttheil zu sehr zerstört hatten oder weil man sich auf einen kleineren Raum der leichteren Abwehr halber beschränken wollte; desshalb trug man auch kein Bedenken, die Trümmer dieser Zerstörung zum Bau der Mauer zu benutzen, denn es war Eile nothwendig.
Aber ehe man die ganze Anlage vollendet hatte, sah man sich genöthigt, das rechte Rheinufer aufzugeben und keine späteren Versuche der Wiedereroberung haben zum dauernden Besitze und zur Vollendung des begonnenen Werkes geführt, das denn doch auch so den feindlichen Angriff auf die Bäder im späteren Schützenhofe für einige Jahre wenigstens erschwert hatte.
Die Mauer blieb unvollendet und das Volk bewahrte in dem Namen der Heidenmauer die Erinnerung an die gewaltigen Heiden, die solch ein Werk geschaffen hatten, sowie der „Heidenberg“ das Andenken an das Castell weiter pflanzte. Auf die angeführte Weise erklärt sich der sonst räthselhafte Bau und gibt zugleich einen Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung. Wir werden wohl nicht irren, wenn wir die Erbauung nach 255 und vor 282 setzen; von den Kaisern, denen man den Befehl dazu am liebsten zutrauen möchte, bieten sich nach den eben erwähnten Thatsachen Aurelian (270 — 275) (Vgl. unten § 14. v. Cohausen in den Ann. XIV setzt die Errichtung etwas früher, unter Postumus; derselbe hatte allerdings einige Befestigungen in dem Lande der Deutschen angelegt, aber sie waren darauf wieder von diesen zerstört und von Lollian wiederhergestellt worden. Treb. Pollio, Lollian 5, 4. Eine Mauer wie unsere wird nicht so schnell zerstört und wiederhergestellt.) und Probus (276—282) vonselbst dar. Vielleicht treffen wir daher das Richtige, wenn wir etwa das Jahr 275 annehmen. Nach dem Jahr 282 ging das rechte Rheinufer bald verloren, und die folgenden Jahre erzählen nur von Einfällen der Römer in ihr früheres Gebiet.
Pulsuz fraqment bitdi.