Kitabı oxu: «Speck Schnaps Mord»
ERNEST ZEDERBAUER
SPECK
SCHNAPS
MORD
EIN WALDVIERTEL-KRIMI

Inhalt
Cover
Titel
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Impressum
1
Karl Adamek, Fleischhauer aus Hochstätt, hatte wieder einmal zu viel getrunken. Seine Vorliebe für Alkohol in jeglicher Form war amtsbekannt, zweimal war ihm bereits der Führerschein abgenommen worden. Sämtliche Polizisten des Bezirks hatten ein Auge auf ihn geworfen, sodass man ihn immer wieder aufhielt und blasen ließ. Das führte wiederum dazu, dass er nicht nur alle Polizisten im Umkreis von fünfundzwanzig Kilometern kannte, sondern auch alle Alkomaten. Es schien beinahe so, als ob Adamek im Laufe der Jahre zu einer fixen Idee in den Köpfen der Beamten geworden wäre und dadurch ihre Jagdleidenschaft entfacht hätte. Der Vorsatz, „den Adamek wieder einmal blasen lassen“, hatte sich in ihren Denkschablonen eingraviert, quasi frei nach der uralten Waldviertler Weisheit „Amol a Bsuff, imma a Bsuff!“.
So wie die Polizei nicht umhin kam, den Fleischhauer immer und immer wieder zu kontrollieren, so konnte sich dieser sein tägliches Quantum Alkohol nicht abgewöhnen. Tagtäglich, mit Ausnahme des Sonntags, stand er in aller Herrgottsfrühe auf, trank hastig einen Kaffee, aß eine Wurstsemmel dazu und ging in die Fleischbank. Sein einziger Geselle, ebenfalls dem Alkohol zugeneigt, kam um fünf. Im Medikamentenkasten, der vorschriftsmäßig an der Wand hing und in regelmäßigen Abständen vom Arbeitsinspektor auf seine Vollständigkeit hin überprüft wurde, stand eine Flasche mit der Aufschrift „Alkohol 100 %“. Nach Karls Aussage diente dieser zum Desinfizieren von Schnitt- und Stichwunden, die bei der gefahrvollen Tätigkeit des Schlachtens und Zerstückelns passieren konnten. In Wahrheit handelte es sich aber um einen Korn, welcher, in großen Schlucken genossen, laut Karl eine sichere Hand bei der Arbeit gewährleistete. Die ofenwarme Stockwurst, die sich die beiden zur Jause gönnten, spülte man am späten Vormittag mit reichlich Bier hinunter, sodass bereits am frühen Nachmittag der lebensnotwendige Alkoholspiegel der beiden Fleischhauer erreicht war.
Dieser besondere Umstand, durch übermäßigen Fleischkonsum zur Potenz verstärkt, führte dazu, dass beide an schmerzhaften Gichtanfällen litten, welche sie in regelmäßigen Schüben immer wieder überfielen. Die Gewöhnung an diese heimtückischen Attacken der Harnsäure war jedoch kein Grund für sie, ihre Lebensumstände zu ändern. Für den Gemeindearzt, der auch eine kleine Hausapotheke führte, war dies ein einträgliches Geschäft. Da er aber wusste, dass jeglicher Hinweis auf eine vernünftige Lebensweise sinnlos wäre und außerdem seinem Geschäft schaden würde, verzichtete er auf jegliche Belehrung.
Von Montag bis Donnerstag schuftete Karl wie ein Berserker. Dann hatte er sein Wochenpensum beendet, waren alle Würste gewurstet, alles Fleisch schön ausgelöst und portioniert, alles, was zu selchen war, geselcht. Ehefrau Eva und Tochter Monika schupften derweil den Laden. Freitags gab es Fisch, denn diesen Tag hielt man auch in der Fleischerfamilie fleischlos. Nachmittag ging er dann auf große Fahrt, wie er es nannte. Da besuchte er seine Fleischlieferanten auf den Höfen. Er kam gerne zu den Bauern, denn er wusste, dass sie ausgezeichnete Ware lieferten, da ihre Schweine und Kälber nur biologisches Futter bekamen. Natürlich wurde gehandelt, das gehörte dazu. Doch Karl Adamek bot stets einen fairen Preis, da er der löblichen Ansicht war, dass für gute Ware ein guter Preis gerechtfertigt sei. Die Bauern schätzten ihn deswegen und nach altem Brauch wurde jeder Verkaufsabschluss per Handschlag besiegelt. Man vertraute einander und weil auch das dazugehörte, stand auch bald ein Doppelliter des Grünen Veltliners, von Feinspitzen zu Unrecht als Landessäure verteufelt, auf dem Tisch. Da Adamek aber an solchen Freitagnachmittagen, die meist bis spät in die Nacht dauerten, mehrere seiner Lieferanten besuchte, kam eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Achterln zusammen, welche wiederum die höchstzulässige Promillegrenze auf gefahrvolle Art und Weise bei Weitem überschritten.
Die Hochstätter Polizei, personalmäßig mit sechs Mann eher dürftig ausgestattet, kannte Karl Adamek und all seine Schleichwege, im Volksmund Alkoholstraßerl genannt, in- und auswendig. Die beiden älteren Herren, die sich dann und wann gewohnheitsmäßig eine Stange Braunschweiger, ein geselchtes Bauchfleisch oder einen Kranz Dürre als Tribut abholten, waren nicht zu fürchten. Die vier Jungspunde jedoch, die noch immer nicht kapiert hatten, dass man die Alteingesessenen zu respektieren hatte, die scheute Adamek wie der Teufel das Weihwasser. Wenn diese am Freitag ihren Dienst versahen, dann griff er zum Mineralwasser.
An jenem verhängnisvollen Freitag in der letzten Juniwoche jedoch, wie eingangs erwähnt, war er sternhagelvoll. Durch einen gütigen Wink des beamteten Schicksals wusste er nämlich, dass seine beiden Freunde Dienst hatten und daher keine Gefahr drohte. Es war bereits weit über Mitternacht, als er auf dem schmalen Güterweg von Aichau nach Hochstätt fuhr. Er fuhr langsam und nicht immer gerade. Stockdunkel war es, eine Neumondnacht, und daher, so wie er es formulieren würde, „finster wie in einem Arschloch“. Dann und wann geriet er in das weiche Gras am linken oder rechten Fahrbahnrand, ohne jedoch stecken zu bleiben. Just in dem Augenblick, als er Gefahr lief, einem Sekundenschlaf zum Opfer zu fallen, nahm er in seinem linken Augenwinkel eine seltsame Erscheinung wahr. Er trat auf die Bremse und rollte noch ein paar Meter weiter. Blieb stehen, stieg aus und ging benommen zehn Meter zurück. In dem kleinen Graben, der entlang des Weges verlief, sah er etwas Großes, Helles liegen, irgendwas, was dort nichts zu suchen hatte. Da es finster war und seine Sinne nur mehr bedingt taugten, stieg er wieder in seinen Pickup, startete ihn erneut und setzte zurück, um in den Graben hineinzuleuchten.
Weil er im Suff berufsbedingt immer wieder nackte Schweine sah, dachte er zuallererst an ein großes zartrosa Mutterschwein, welches hier in voller Länge ausgestreckt leblos im seichten Wasser lag. Bedächtig stieg er aus, setzte behutsam ein Bein vor das andere und torkelte zum Graben. Blieb stehen und glotzte verständnislos auf das ominöse Objekt. Minutenlang starrte er darauf, unfähig zu begreifen, was er sah. Nach und nach lichtete sich der Begriffsnebel in seiner durch übermäßigen Alkoholkonsum schwer beeinträchtigten Hirnwelt. Denn nun erkannte er, dass es ein Mensch war, der hier nackt im Graben lag.
In diesem Moment der Erkenntnis rebellierte sein Magen und er erbrach sich auf den Toten.
Wie von Furien gehetzt sprang er in seinen Wagen. Zweihundert Meter weiter, dort, wo eine alte Scheune stand, blieb er stehen. Stieg wieder aus, ging in der Finsternis auf und ab und rauchte in hastigen Zügen eine Zigarette. Warf den Stummel weg, atmete tief durch und versuchte krampfhaft zu begreifen, was er soeben gesehen hatte. Nach und nach beruhigte er sich. Wirre Bilder geisterten durch seinen Kopf, doch sein durch zahlreiche Räusche arg in Mitleidenschaft gezogenes Gehirn verweigerte jegliche Aufarbeitung derselben. Er wusste nicht, ob er wachte oder träumte. Mühsam schwankte er den Weg zurück, nie zuvor war ihm bewusst geworden, wie weit zweihundert Meter sein konnten. Das weiße Etwas, das im seichten Wasser lag, stach nur unmerklich aus der Dunkelheit heraus. Langsam ging er auf die Knie, tastete mit zitternden Händen den reglosen Körper ab. Nun erst begriff er, dass es tatsächlich ein Mensch war, männlich und mit leichtem Bauchansatz, der hier nackt, schutzlos und zweifellos tot im Graben lag. Mühsam richtete er sich wieder auf, roch an der übel riechenden Substanz, die plötzlich an seinen Händen klebte. Als er erkannte, dass er an seinem eigenen Erbrochenen roch, erbrach er abermals.
Er torkelte den Weg zu seinem Pickup zurück, sank schwer atmend in den weichen Sitz. Kopfschüttelnd, das soeben Erlebte noch immer nicht gänzlich begreifen könnend, startete er und fuhr langsam nach Hochstätt heim.
2
Zu Hause angekommen, trank er in der Küche ein Glas Wasser, setzte sich an den Tisch und versuchte, seine verstörte Gedankenwelt so gut wie möglich zu ordnen. Was sollte er tun? Es war ihm klar, dass er die Leiche der Polizei melden müsste. Doch es war ihm auch klar, dass dies in seinem Zustand nicht möglich war. Erstens, weil ihm niemand glauben würde, was er gesehen hatte. Zweitens war es gar nicht so sicher, dass der Posten besetzt war, denn es war schließlich Freitagnacht, eine Zeit, zu der die Polizisten die Discos im Umkreis kontrollierten. Drittens, und dies war zweifellos das Hauptproblem, würden sie ihn blasen lassen und damit wäre er seinen Führerschein wieder einmal los.
Dessen eingedenk zog sich Adamek langsam aus und schlüpfte, nackt wie er war, unter die Bettdecke. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Was war passiert? Wer war der Tote? Warum lag er dort im Graben neben dem Güterweg? Und vor allen Dingen: Warum war er nackt? Wenn er angefahren worden wäre, der Täter Fahrerflucht begangen hätte, dann hätte er doch seine Kleider am Leib, oder nicht? Um einen Selbstmörder konnte es sich aber auch nicht handeln, denn wer ertränkte sich schon in einem Graben mit nur wenigen Zentimetern Wasserstand? Da nun sein Kopf etwas klarer wurde, ihm das Denken nicht mehr so schwerfiel, tippte er auf Mord. Irgendwer hatte den armen Kerl umgebracht, ausgezogen und in den Graben geworfen.
Anderntags gegen Mittag, als Karl Adamek wieder nüchtern war, ging er auf das Polizeirevier und erstattete Meldung. Zwei jüngere Beamte versahen ihren Dienst und wollten vorerst nicht glauben, was er ihnen da erzählte. Sie kannten seine fatale Leidenschaft für Alkohol und wunderten sich, dass er plötzlich nicht Schweinehälften wie so oft schon gesehen hatte, sondern eine nackte Leiche. Adamek wurde heftig, als er bemerkte, dass er nicht ernst genommen wurde.
„So glaubt mir doch“, schrie er gereizt. „Es war wirklich ein Toter. Ich hab ihn doch in der Finsternis abgegriffen. Er lag im Graben, mit dem Gesicht im Wasser, und war mausetot!“
„Warum sind Sie nicht gleich hergekommen und haben den Fund des Toten gemeldet? Warum erst jetzt, zwölf Stunden später? Sie waren wohl wieder einmal betrunken und mussten erst ausnüchtern, oder?“, herrschte ihn der eine Beamte an, der mit zwei Sternen.
Der andere aber, der mit den drei Sternen, seufzte: „Kommen Sie bitte mit, wir fahren jetzt zu dieser ominösen Stelle, wo Sie angeblich einen Toten entdeckt haben!“
Adamek stieg zu den beiden in den Dienstwagen und dirigierte sie zum Fundort. Seine Speibe, die vom zweiten Mal, war am Asphalt zu erkennen, doch im Graben lag keine Leiche.
Karl schüttelte den Kopf, konnte es nicht fassen.
„Ich schwör euch, dass er hier gelegen ist, hier in diesem Graben! Genau hier ist er gelegen, der Länge nach, mit dem Kopf nach unten im Wasser!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in den Graben, wo nichts, absolut nichts zu sehen war außer moorbraunem Wasser, nassem Gras und glitzernden Sandkörnern. Tief erschüttert stand er da, den schweren Kopf in den Händen haltend.
Gedankenblitze von Halluzinationen, Sinnestäuschungen und anderen neurologischen Störungen des Gehirns gingen durch seinen Kopf. War er am Ende verrückt geworden? War es wirklich schon so weit, wie seine Frau immer schimpfte, weil er mit seiner Sauferei nicht aufhörte? Stimmte es, dass bei jedem Vollrausch Millionen von Gehirnzellen vernichtet wurden? Konnte es sein, dass dies bei ihm bereits der Fall war?
Jetzt riss dem Dreisternigen die Geduld: „Spinnen Sie jetzt denn schon am helllichten Tag, Herr Adamek? Wollen Sie uns vielleicht verarschen? Sehen Sie hier irgendwo einen Toten? Sollen wir Sie in die Psychiatrie einweisen, ins Narrenhaus, dort wo Leute Ihres Schlages am besten aufgehoben sind? Wollen Sie das?“
Adamek heulte auf: „Ich schwöre Ihnen, Herr Inspektor, dass hier der Tote gelegen ist, ich hab mich doch direkt neben ihm erbrochen, das sieht man doch noch, oder?“
„Ich mach Ihnen einen Vorschlag zur Güte. Wir vergessen das Ganze und bringen Sie wieder nach Hause. Mein Kollege und ich verzichten auf eine Anzeige wegen Irreführung der Behörden oder Amtsmissbrauch und breiten den Mantel des Schweigens über die ganze Geschichte. Sie aber sollten zu Ihrem Hausarzt gehen und sich eine Entziehungskur verschreiben lassen!“
Genervt schob er den Fleischermeister zum Auto. Dieser, ein Kraftlackel, welcher im Normalfall Tod und Teufel nicht fürchtete, gehorchte widerstandslos und nahm am Rücksitz Platz. Er kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, war unfähig, sich irgendwie zu äußern, und verstand die Welt nicht mehr. Begriffe wie Gummizelle, Zwangsjacke und Schizophrenie machten sich in seiner begrenzten Gehirnwelt breit, ließen ihn an seinem Geisteszustand zweifeln. Was ging hier vor? War dies die Wirklichkeit oder ein Horrorfilm? Kaum war er daheim, erklärte er seiner Frau, dass er krank sei, ging ins Schlafzimmer, zog sich aus und die Vorhänge zu. Da er nicht einschlafen konnte, nahm er zwei Schlaftabletten auf einmal und schlief bis Sonntagmittag durch.
3
Beim Mittagessen stand er dann seinen beiden Damen Rede und Antwort. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihnen den mysteriösen Vorfall zu beichten.
„Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst mit dieser verdammten Sauferei aufhören, sie zerstört dein Gehirn und unsere Nerven. Du bist ja nicht mehr normal, jetzt siehst du schon nackte Tote im Straßengraben liegen“, keifte seine Frau Eva in gewohnter Manier.
Monika, seine Tochter, zwanzig Jahre alt und mit einem Medizinstudenten verlobt, stieß nach. Sie sorgte sich um den Geisteszustand ihres Vaters: „Ich treffe mich heute Nachmittag mit Ralf und werde ihn fragen, wie man dir da helfen könnte. Das kann doch so nicht mehr weitergehen, du machst dich doch kaputt!“
Wutentbrannt sprang Karl auf und brüllte, was das Zeug hielt: „Ich bin doch nicht blöd, ich weiß genau, was ich gesehen habe. Der Tote war da – und damit basta! Irgendwer muss ihn weggeschleppt haben, vielleicht war der Mörder sogar noch in der Nähe und hat mich beobachtet, wie ich die Leiche entdeckt habe!“
Ohne fertig gegessen zu haben, sprang er auf, eilte die Stiegen hinunter in die Kanzlei, holte die halb volle Cognacflasche aus der Bar und besoff sich abermals.
Am späten Nachmittag rief er seinen Freund, den örtlichen Polizeikommandanten, an: „Können wir uns heute Abend treffen, ich hab ein Problem mit dir zu besprechen. Komm bitte zu mir in die Wohnung meiner Mutter, so gegen acht Uhr, wenn es dir passt!“
Adameks Mutter hatte in demselben Wohnbau gewohnt, in dem auch sein Freund Seipelt zu Hause war. Seit dem Tod der Mutter stand die Wohnung leer, diente als Ausweichquartier und war ein unauffälliger Treffpunkt.
Gruppeninspektor Ignaz Seipelt war pünktlich zur Stelle. Die beiden jungen Kollegen hatten ihn bei der Ablöse nur kurz informiert, nun wollte er sich selbst über die mysteriöse Angelegenheit ein Bild machen. Karl schilderte ihm die verzwickte Sachlage mit denselben Worten wie tags zuvor seinen beiden jungen Kollegen. Er versicherte dem Polizisten, dass sich die Situation genauso zugetragen hätte.
„So angesoffen kann ich gar nicht sein, dass ich eine Leiche sehe, wo keine ist. Freilich war es stockfinster, doch die Tatsache, dass er nackt war, hat ihn hell durch das Gras schimmern lassen. Außerdem habe ich ihn in meinem Dusel auch noch abgetastet und dabei sogar seinen Schwanz und seine Eier in der Hand gehabt!“
Seipelt schüttelte den Kopf. In seiner Laufbahn hatte er bereits allerhand mögliche, aber auch unmögliche Vorfälle untersucht, doch so etwas war ihm noch nie passiert. Er wusste nicht, woran er war. Einerseits kannte er die Trinkfestigkeit seines Freundes und konnte sich bei bestem Willen nicht vorstellen, dass dieser fantasiert hatte oder ihn gar belog. Andererseits war es aber auch sehr, sehr merkwürdig, dass niemand sonst die Leiche entdeckt hatte.
Um einer weiteren Diskussion aus dem Wege zu gehen, fuhren sie zu der besagten Stelle. Der Fleck, wo Adamek sich erbrochen hatte, war noch deutlich am Asphalt zu erkennen. Im Graben jedoch war nichts zu entdecken, was dort nicht hingehörte. Seipelt ging hundert Schritte von dem Fleck hinunter, hundert Meter von dem Fleck hinauf. Dann durchsuchte er oberflächlich den Wald auf etwaige verräterische Spuren. Allein, er fand nichts. Er kehrte zu Adamek zurück, der rauchend im Auto saß.
„Karl, ich weiß nicht, was ich von dieser Sache halten soll. Hier ist von all dem, was du mir erzählt hast, nichts zu sehen. Keine Leiche, keine Blutspuren, keine Fußspuren, keine Zeichen eines Kampfes. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du hast im Suff irgendwelche Halluzinationen erlebt oder es ist tatsächlich ein Toter hier im Graben gelegen, der in der Nacht noch weggeschafft worden ist. Der Güterweg wird ja schließlich auch von anderen benutzt. Bauern fahren auf ihm zu ihren Feldern, Jogger laufen frühmorgens an dem Graben entlang, Radfahrer sind ständig unterwegs und auch Säufer wie du, die Kontrollen auf den Hauptstraßen fürchten. Irgendwer hätte Samstag früh den Toten sehen müssen. Ich mach dir einen Vorschlag: Wir fahren jetzt wieder in die Stadt zurück und vergessen das Ganze. Sollte sich irgendwas diesbezüglich ergeben, dann ruf ich dich an!“
4
Die neue Woche begann wie alle anderen zuvor auch. Karl stand um fünf Uhr früh, bekleidet mit einem blauen Overall, schwarzen Gummistiefeln und weißer Gummischürze, in der Schlachtbank. Er war gerade dabei, ein am Haken hängendes Schwein zu zerteilen, als sein Geselle hereinkam.
Als Karl ihn sah, hielt er inne und richtete das Wort an ihn: „Sag ehrlich, Ferdl, glaubst du, dass ich verrückt bin?“ Ferdl blieb wie vom Blitz getroffen stehen, konnte sich nicht genug wundern, was mit seinem Chef los war. Seit dreißig Jahren arbeitete er hier, aber nie zuvor hatte ihm sein Chef so eine substanzielle Frage von derartig außerordentlicher Tragweite gestellt. Freilich zweifelte er hin und wieder an dessen Geisteszustand, so wie jeder Arbeitnehmer dann und wann zweifelhafte Anordnungen seines Arbeitgebers zwangsläufig nicht verstehen will oder kann. Doch Gedanken daran zu verschwenden, war ihm bislang nicht in den Sinn gekommen. Nachdem ihn aber der Meister nach wie vor mit kaltem Blick fixierte, kapierte auch er, dass dieser tatsächlich eine Antwort auf die seltsame Frage erwartete. Kurz zuvor war ihm noch in den Sinn geschossen, dass der Alte schon in aller Früh einen sitzen haben könnte. Er räusperte sich, fuhr mit der Zunge über die Unterlippe, wie er es unbewusst immer tat, wenn er verlegen war.
„Nein, Chef“, begann Ferdl seinen Singsang mit hoch tenoraler Sprechstimme, die immer dann, wenn er besonders nervös war, auf und ab modulierte wie bei einem Litaneisänger, „du bist nicht verrückter als all die anderen, die in Gottes großer, weiter Welt herumlaufen!“
Karl war mit Ferdls betont blumiger Sprache bestens vertraut, doch seine Äußerung war ihm wahrlich kein Trost, da er jetzt noch immer nicht wusste, ob er in seinen Augen nun als verrückt galt oder nicht. Weil er aber bezweifelte, dass eine Nachfrage eine konkretere Antwort nach sich ziehen würde, unterließ er diese. Seufzend wandte er sich wieder dem toten Schwein zu. Obwohl er es sich vor seinem Gesellen nicht anmerken lassen wollte, war er fix und fertig. Irgendwo in seinem Gehirn musste eine Sicherung durchgebrannt sein. Warum um Himmels willen, fragte er sich, sah er nackte Tote, wo keine waren?
Punkt neun brachte seine Tochter die Jause. Karl und Ferdl nahmen am Tisch des Burschenzimmers, welches sich hinter der Schlachtbank befand, Platz. Karl drehte das Radio auf, denn er wollte die Nachrichten hören. Doch die Revolution in Syrien und die Eurokrise interessierten ihn schon lange nicht mehr. Gerade in dem Augenblick, als er das Gerät wieder ausschalten wollte, kam eine Nachricht aus dem Waldviertel, die ihn geradezu elektrisierte: Ein Finanzbeamter mit dem seltsamen Namen Hieminger war seit Freitagabend abgängig. Wie von einer Tarantel gebissen fuhr Karl Adamek so heftig auf, dass das Radio mit lautem Krach auf dem Boden landete. Ohne eine weitere Erklärung abzugeben, stürzte er in das kleine Büro und packte aufgeregt seine Frau am Arm.
„Weißt du noch, wie der wahnsinnige Finanzbeamte geheißen hat, der uns letztes Jahr geprüft hat, dem wir die saftige Strafe zu verdanken hatten?“
„Irgend so ein komischer Name, irgendwas mit Him …, vielleicht Himmelbauer, Himmelreich oder so … Warum kommst jetzt auf den?“
„Weil gerade im Radio die Meldung kam, dass ein Prüfer von unserem Finanzamt seit Freitag abgängig ist!“ Bleich wie eine frisch getünchte Wand sank Karl in den gepolsterten Drehsessel.
„Das ist mein Toter, den ich gefunden hab im Graben, da bin ich mir ganz sicher! Und keiner hat mir glauben wollen, die Polizisten nicht, du nicht und die Monika auch nicht, alle habt ihr mich für verrückt erklärt! Doch ich weiß, was ich gesehen habe und was nicht!“
Die Augen weit aufgerissen, am ganzen Körper zitternd, fischte er sein Handy aus der Schublade und rief seinen Freund Seipelt an. Aufgeregt, mit sich überschlagender Stimme schrie er ins Telefon: „Ignaz, habt ihr eine Vermisstenanzeige bekommen, von einem abgängigen Finanzbeamten? Jetzt habts den Salat, weil ihr mir nicht geglaubt habt, denn das ist ganz bestimmt der nackte Tote, den mir keiner abgenommen hat!“ Wütend drückte er die rote Taste, beendete das Gespräch und ließ seinem Unmut weiter freien Lauf: „Kein Mensch soll mehr von mir sagen, dass ich verrückt bin, Halluzinationen im Vollrausch hab. Ich bin doch nicht blöd, weiß doch genau, was ich dort draußen erlebt hab!“
Zehn Minuten später läutete das Handy, Seipelt meldete sich: „Karl, du hast wahrscheinlich recht. Pack dich zusammen und komm auf das Revier. Du musst mit uns noch einmal dorthin fahren, wo du den Toten gefunden hast!“
Aller guten Dinge waren drei, dachte sich Karl, als er abermals zu der Stelle ging, wo er den Toten gesehen hatte. Die beiden jungen Polizisten, die ihn noch ein paar Tage zuvor taxfrei für verrückt erklärt hatten, konnten ihm nicht in die Augen schauen. Zu viert durchkämmten sie den Wald jenseits des Grabens. Nach hundert Metern stießen sie auf eine frisch gerodete Stelle. Die Schnittfläche der Baumstümpfe war noch hell, kleinere Äste bedeckten den Waldboden und ein riesiger Haufen mit Fichtenreisig war zu sehen. Seipelt schritt voraus, auf das Reisig zu.
„Wenn ich hier irgendwo eine Leiche verstecken müsste, dann würde ich’s da tun! Kommt her und packt an!“
Mit vereinten Kräften rissen sie den Wirrhaufen auseinander. Plötzlich schrie Karl auf: „Da schimmert es weiß durch, ich glaub, da liegt er!“
Seipelt war rasch zur Stelle. „Halt! Stopp! Nicht weiter abdecken, wir sind jetzt aus dem Schneider, nun ist die Kripo am Zug!“
Rasch tippte er eine Nummer in sein Handy, rief das Landeskriminalamt in St. Pölten an und meldete den Fund. Erschüttert standen die zwei Jungspunde und Karl Adamek vor dem Toten, den man unter den Ästen mehr erahnen als wirklich konkret ausmachen konnte. Seipelt herrschte seine beiden Kollegen an, sie sollten schleunigst das Absperrband aus dem Wagen holen und die Fundstelle großräumig abspannen.
„Keiner geht näher an den Reisighaufen heran, habt ihr das verstanden? Sonst bekommen wir Zores mit den Kollegen, wenn wir hier herumtrampeln und dabei eventuell Spuren verwischen. Wir bleiben da und warten, bis die Kollegen von der Kripo hier sind!“
Die beiden Beamten stellten in gebührendem Abstand Pannendreiecke auf und fuhren dann zur Straßenmeisterei. Fahrverbotstafeln und Umleitungsschilder mussten aufgestellt, der Streckenteil abgesperrt werden.
5
Als die Kriminalpolizei eintraf, nahm sie Karl direkt am Fundort der Leiche in die Mangel. Was er hier zu tun gehabt habe zu so später Stunde, ob er etwas getrunken, am Tatort irgendwas verändert, Geräusche wahrgenommen, verdächtige Personen gesehen habe. Er gab bereitwillig Auskunft, sichtlich froh darüber, endlich einmal ernst genommen zu werden. Dann verfolgte er aus gebührendem Abstand gebannt die Arbeit der Kriminalpolizei. Zuallererst wurde der Reisighaufen fotografiert, dann der Tote abgedeckt. Der Polizeiarzt untersuchte den Toten akribisch, drehte ihn nach allen Seiten. Man hatte dem armen Teufel nicht nur den Hinterkopf eingeschlagen, sondern auch die Wirbelsäule mit wuchtigen Schlägen zertrümmert. Am schütteren Haarkranz schimmerte verkrustetes Blut. Die hässlichen Kratzspuren an Oberschenkeln, Bauch und Brustkorb deuteten darauf hin, dass der Mann über den Waldboden gezerrt worden war. An den Handgelenken konnte man deutlich blaue Druckstellen erkennen. Der Arzt leuchtete dem Toten in die Augen, in die Ohren, untersuchte sämtliche Körperöffnungen, richtete sich mühsam auf und stellte seine erste Diagnose.
„Nach den Fäulnisveränderungen des Leichnams geschah der Mord vor vier Tagen. Die Autopsie in der Gerichtsmedizin wird meine Annahme bestätigen. Hier im Wald tummelt sich allerlei Getier und anhand des Entwicklungsstadiums und der Art der in den Körperöffnungen gefundenen Fliegenlarven lässt sich der Zeitpunkt des Todes ziemlich genau feststellen.
Die Totenflecken sprechen die gleiche Sprache. Sie entstehen nach dem Tod durch das Absinken des Blutes in den Gefäßen, wir nennen das Hypostase. Die ersten Flecken treten etwa zwanzig bis dreißig Minuten nach dem Herztod auf. Keinerlei Abwehrverletzungen sind zu erkennen. Doch mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit sind Fundort und Tatort nicht ident. Ihr werdet hier weder Blutspuren noch Fingerabdrücke entdecken, der Täter trug sicher Handschuhe. Ohne jetzt einer weiteren Analyse vorgreifen zu wollen, bin ich mir sicher, dass es sich um eine sehr, sehr emotionale Tat handelt. Der Täter muss sein Opfer gekannt haben. Bei der Tatwaffe tippe ich auf ein schweres Rohr oder eine Eisenstange, auf alle Fälle auf einen runden Gegenstand. Mehr werden wir nach einer genaueren Untersuchung des Pathologen erfahren. Bereits der erste Schlag auf den Hinterkopf war tödlich, die anderen Schläge auf Genick und Rücken eine Draufgabe. Solche Übertötungen geschehen meist aus emotionalen Gründen. Wenn ihr den Täter finden wollt, dann forscht in seiner Umgebung nach, wer denn so viel Wut und Hass für ihn empfunden hat. Sollte der Tote tatsächlich der abgängige Finanzprüfer sein, dann gibt es wahrscheinlich eine Menge Anwärter.“
Seipelt rief Adamek, der noch immer jenseits des Absperrbandes stand und mit großem Interesse dem Interventionsteam bei seiner Arbeit zusah, zu, dass er zu der Leiche kommen solle.
„Du kennst doch die Leute vom Finanzamt. Ist das der gesuchte Hieminger?“
Adamek blickte in die toten Augen und wich entsetzt zurück, da sich bereits allerlei Getier daran gütlich tat. Sein Adamsapfel hüpfte vor Erregung auf und ab.
„Ja, das ist der Hieminger, dieses Schwein, der hat mich viel Geld gekostet! Das war ein Blutsauger der Extraklasse, für den jeder Gewerbetreibende ein potenzieller Steuerhinterzieher und Schwarzgeldmacher war. Der hat dir bei den Steuerprüfungen das letzte Hemd ausgezogen! Endlich hat man ihm den Garaus gemacht!“
Jetzt mischte sich Kommissar Reinhart Kalteis von der Kripo ein: „Apropos, weil wir gerade vom letzten Hemd sprechen, warum ist er nackt? Sollte das symbolisch gemeint sein? Hatte er eventuell dem Täter, sprichwörtlich gemeint, ebenfalls das letzte Hemd ausgezogen?“ Er wandte sich an Adamek: „Kollege Seipelt wird Sie nun wieder nach Hause fahren. Aber Sie werden von mir hören, ich denke, Sie haben mir einiges zu erklären! Ihre Äußerungen betreffs Garaus machen und so klingen nicht gerade entlastend für Sie!“
Seipelt war außer sich: „Diese blöde Bemerkung hättest du dir sparen können, Adamek, damit belastest du dich doch selbst! Die ganze Stadt weiß Bescheid über die Strafe, die dir das Finanzamt damals aufgebrummt hat. Du kennst doch die Schadenfreude, die unter der Bevölkerung herrscht, wenn es euch Gewerbetreibende einmal erwischt. Unterlass bitte in Zukunft so saublöde Aussagen!“
Adamek seufzte, da er wusste, dass Seipelt recht hatte. Er kannte all die Vorurteile und auch Gerüchte, die hinter vorgehaltener Hand über die Geschäftsleute des Städtchens verbreitet wurden. Hieminger war zeitlebens ein scharfer Hund gewesen, der bei den Steuerprüfungen akribisch nach dem kleinsten Fehler in der Buchhaltung gesucht hatte. Für Adamek – und nicht nur für ihn, sondern auch für all jene, die er zuvor geprüft hatte – war Hieminger ein rotes Tuch. Alleinstehend, ohne Familie und erst recht ohne Freunde, war das Finanzamt seine einzige Berufung. Bei den Steuerprüfungen ließ er daher seiner sadistischen Art freien Lauf. Quälte Handwerker und Kaufleute bis aufs Blut und suchte so lange nach Unregelmäßigkeiten, bis er zwangsläufig welche fand. Dem Fleischhauer war der Mengenschluss zum Verhängnis geworden. Anhand der verbrauchten Gewürze und anderer Zutaten rechnete ihm Hieminger exakt vor, wie viel Fleisch und Wurst er damit produziert hatte. Das Ergebnis hatte für Adamek katastrophale Folgen, eine saftige Strafe und eine Nachzahlung folgten auf dem Fuß. Alles in allem kostete ihn die leidige Angelegenheit knapp über zwanzigtausend Euro. Zu allem Überdruss schrieb auch noch die Lokalzeitung darüber und der Skandal war perfekt. Die unseriösen Machenschaften des Fleischermeisters schadeten nicht nur ihm selbst, sondern auch dem Image aller Gewerbetreibenden. Wochenlang zerrissen sich die werten Mitmenschen das Maul darüber und machten sich über ihn lustig.
Nun aber war er tot, der Hieminger, und Karl Adameks Mitgefühl hielt sich naturgemäß in Grenzen. Freuen konnte er sich aber nicht darüber, da er nun auf der Liste der Hauptverdächtigen ganz oben stand.
Die Kriminalpolizei schlug ihr Hauptquartier in einem Personalraum des örtlichen Polizeireviers auf. Sie ging harten Zeiten entgegen, da man außer der Leiche selbst nichts in der Hand hatte. Am Fundort fanden die Kriminaltechniker keinerlei Spuren. Weder eine Tatwaffe noch Fingerabdrücke, Fußspuren, Reifenabdrücke oder sonstige Beweise. Damit galt als sicher, dass der Fundort nicht der Tatort war. Der Tote war nackt gewesen, sogar die Uhr hatte man ihm abgenommen. Obwohl das Waldstück Meter für Meter durchsucht wurde, war auch von seinen Kleidern nichts zu finden.
Der Vorstand des Finanzamtes hatte die Leiche ebenfalls identifiziert, der Tote war ohne Zweifel Hieminger. Wie sein Chef den Beamten versicherte, war dieser ein scharfer Hund gewesen, der auch unter den Kollegen keine Freunde hatte. Doch er war erfolgreich und bescherte dem Finanzamt hohe Einkünfte aus Strafen, welche wiederum Belobigungen nach sich zogen. Immer wieder seien jedoch Beschwerden eingelangt betreffs zynischer Bemerkungen und Beleidigungen, welche Hieminger gern vom Stapel ließ, wenn er auf Unregelmäßigkeiten stieß. Trotz all der Vorteile, welche die akribische Spurensuche Hiemingers für die Erfolgsquote des Amtes brachte, war auch sein Vorgesetzter nie ganz glücklich über diese rigide Vorgangsweise seines Kollegen, da sie sich negativ auf den ohnehin nicht so glanzvollen Ruf der Finanzämter auswirkte. Doch erst vor einer Woche hatte ihn Hieminger überraschenderweise um eine vertrauliche Unterredung gebeten. Er hatte das Angebot eines „Golden Handshake“ im Zuge der vom Ministerium vorgeschriebenen Personalreduzierung annehmen und in den frühzeitigen Ruhestand gehen wollen.
Kommissar Kalteis bat den Amtsleiter um eine Auflistung aller Fälle, die in den letzten drei Jahren von Hieminger überprüft worden waren. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass Hieminger durch seine rüde Art, mit der er seine Opfer bedrängt hatte, nun selbst zum Opfer eines dieser Opfer geworden war. Irgendeiner der Geschädigten musste so einen Hass auf ihn empfunden haben, dass er ihn kurzerhand vom Leben in den Tod befördert hatte.
Überhaupt erschien vieles an diesem Fall Reinhart Kalteis, dem Chef der Ermittlung, merkwürdig. Warum war der Tote nackt? Was wollte der Täter damit aussagen? Hatte auch ihm Hieminger „das letzte Hemd ausgezogen“? War der Täter vielleicht durch seine Prüfung pleitegegangen? Oder hatte ihn die Finanzstrafe zumindest an den Rand des Ruins gebracht? War der Täter ein Kaufmann, ein Handwerker, ein Geschäftsmann aus der näheren Umgebung? Kalteis würde Unterstützung durch einen Steuerexperten benötigen, der sich mit all dem Aktenkram zu beschäftigen hatte.
Kalteis, ein alter Hase auf dem Gebiet der Mordermittlung, war mit allen Wassern gewaschen. Da er vor nicht allzu langer Zeit ein Seminar eines Polizeipsychologen besucht hatte, maß er der Nacktheit des Opfers allergrößte Bedeutung zu. Denn die Nacktheit, so wusste er, sollte als Symbol den Menschen im „Urzustand“ darstellen, also ohne jegliche hierarchische Unterscheidungsmerkmale durch die Kleidung. In der christlich-abendländischen Kunst wurden Adam und Eva immer nackt dargestellt, ebenso die Hexen. Während sich die Nacktheit bei Adam und Eva jedoch auf die Ur-Unschuld des Paradieszustandes bezog, wollte man bei den Hexen damit ihre Zügellosigkeit darstellen. Aber auch bei Initiationsriten der Naturvölker war die Nacktheit ein wesentliches Erfordernis im Kult des „Sichauslieferns“ an höhere Mächte und Kräfte, wobei der Mensch alle Bindungen und Knoten seiner Bedeckung löste und auch die sonst stets geschützten Genitalien unverhüllt ließ. Doch dass der Tote seine Nacktheit irgendwelchen obskuren Riten oder Einweihungen zu verdanken hatte, schloss Kalteis aus. Solcherlei Motive waren hier im ländlichen Raum nicht zu suchen und schon gar nicht zu finden. Versteckt im verstecktesten Winkel des Waldviertels lag die Kriminalitätsrate nahe an null und beschränkte sich auf Wirtshausraufereien, kleinere Diebstähle oder Verkehrsdelikte. Übergriffe von Rowdys oder Skinheads waren ebenfalls unbekannt und auch die ältesten Bewohner von Hochstätt konnten sich an keinen Mord erinnern. Also hieß es, Zwängen und Motiven nachzuforschen.
Wahrscheinlich war Hieminger wie immer standesgemäß korrekt mit Anzug und Krawatte bekleidet gewesen, als er umgebracht wurde, überlegte Kalteis weiter. Die Möglichkeit, dass der Täter einen unbändigen Hass auf den Beamten verspürt und ihn durch die Nacktheit noch zusätzlich bloßstellen hatte wollen, durfte man keinesfalls außer Acht lassen.
6
Am nächsten Tag liefen bereits frühmorgens die Ermittlungen auf Hochtouren. Der Steuerexperte überprüfte Hiemingers Akten der letzten drei Jahre. Kalteis und sein Kollege Erwin Schönkirchner untersuchten seine Wohnung in einer Wohnhausanlage am Rande der Stadt. Hiemingers Putzfrau, eine Frau Rosa Panagl, die zweimal pro Woche kam und die Grobarbeiten verrichtete, hatte ihnen aufgesperrt. Wie erwartet, war Hiemingers Wohnung ein Spiegelbild seiner überkorrekten Beamtenseele. Nirgendwo lag auch das kleinste Staubkorn herum, die Schuhe standen blank geputzt Spalier auf einer Fußmatte, in den Kleiderschränken roch es nach Mottenkugeln und Sauberkeit, auch stand kein ungewaschenes Geschirr in der Spüle. Ein Hauch von Unpersönlichkeit und Sterilität machte sich breit. Die Möbel waren von einfacher Geschmacklosigkeit, ohne einen Hinweis auf die Persönlichkeit des Eigentümers abzugeben. So angestrengt sich Kalteis auch umblickte, fand er doch nichts, was auch nur im Entferntesten auf Gemütlichkeit oder Lebensfreude hinwies. Die Rollos waren heruntergelassen, die schweren Vorhänge zugezogen. Hier hatte ein Mensch gelebt, der sich von seiner Außenwelt abgeschottet hatte. Einer, der keinen Kontakt nach außen suchte. Genau so hatte es sich Kalteis vorgestellt. Der Tote wurde ihm immer unsympathischer.
Schönkirchner steckte den Kopf zur Tür herein, riss Kalteis aus den Betrachtungen über die Persönlichkeitsstruktur des Opfers.
„Schau her, was ich gefunden habe“, rief er ihm zu und zeigte ihm eine Pistole. „Die lag in einer Schublade, versteckt unter einem Stoß Handtücher. Das würde man dem alten Knacker gar nicht zutrauen, oder?“
Kalteis nahm die Pistole in Augenschein, es war eine Beretta, mit der offensichtlich noch nie geschossen worden war. Er wandte sich an die Putzfrau: „Haben Sie diese Waffe jemals gesehen?“
„Ja“, kam postwendend die Antwort, „ich wollte die Lade auswischen und da lag sie drinnen. Er hat sich furchtbar aufgeregt und mir dann aber erklärt, dass ich keine Angst zu haben bräuchte, da sie nicht geladen sei. Er hat mir aber verboten, diese Lade jemals wieder zu öffnen!“
„Wie war der Herr Hieminger, so als Mensch?“, wollte Kalteis nun von ihr wissen.
„Da gibt es nicht viel zu sagen. Er war mir gegenüber immer korrekt und zahlte gut. Als er mich einstellte, gab er mir einen genauen Katalog, was und wie oft ich alles machen musste. Was mich was anging und was nicht. Zum Geburtstag und zu Weihnachten bekam ich eine Bonbonniere. Aber er war der unpersönlichste Kunde, den ich jemals hatte. Nie wollte er von mir wissen, wie es mir ging, nie hat er von sich irgendwas preisgegeben. Ich hatte einen Schlüssel, kam zweimal die Woche für jeweils drei Stunden und wurde dafür auch bezahlt. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir uns zufällig in der Stadt trafen, dann grüßten wir uns und gingen jeder wieder seiner Wege. Das war’s!“
„Hatte er jemals Besuch? Kamen öfter Freunde, Bekannte oder Verwandte zu ihm?“
„Ich glaube nicht, jedenfalls ist mir nie etwas aufgefallen. Er hat auch nie darüber gesprochen. Aber die Pistole ist nicht das einzige Geheimnis, das er hatte. Wenn Sie mit mir in den Keller gehen, dann zeig ich Ihnen was Interessantes.“
Sie gingen in den Keller hinunter. Dieser war durch Lattenwände in vierundzwanzig gleich große Abteile gegliedert. Frau Panagl öffnete das einfache Vorhängeschloss der letzten Tür. Außer einem Regal, einer Tiefkühltruhe und einem Fahrrad gab es nicht viel zu sehen. Doch das Regal war gespickt voll mit Schnapsflaschen jeglicher Art, daneben hingen große Speckstücke an Schnüren von der Decke. Kalteis stieß einen Pfiff aus.
„Das ist ja eine gänzlich unbekannte Seite im Leben des korrekten Beamten. Das sind ja Hunderte von Flaschen, war er am Ende gar ein Säufer?“
Frau Panagl verneinte: „Ach wo, der Schnaps ist von all den Schnapsbrennern, die hat er im Lauf seiner langjährigen Dienstzeit geschnorrt. Ich glaub kaum, dass er gesoffen hat, jedenfalls standen nie benützte Gläser in der Wohnung herum. Doch das ist noch nicht alles, machen Sie doch mal die Gefriertruhe auf!“
Kalteis tat wie geheißen. Nun verschlug es ihm gänzlich die Sprache. Die riesige Truhe war prall voll mit fein säuberlich abgepackten und beschrifteten Fleischstücken, Blutwürsten und riesigen Brotlaiben. Der Kommissar und sein Partner sahen sich an. Mit solch einer Entdeckung hatten sie nicht gerechnet.
„Das ist ja wahrhaft gigantisch, was unser verblichener Freund hier gebunkert hat. Fürchtete er eine große Hungersnot? Hat er sich von der Weltuntergangsphobie nach dem Maya-Kalender anstecken lassen? Wollte er für Krisenzeiten vorsorgen? Oder hatte er Angstträume, in denen er hungern musste?“
„Nichts von alledem“, entgegnete die Putzfrau. „Dieses Kellerabteil war sein größtes Geheimnis. Ich durfte hier nie heruntergehen, doch eines Tages habe ich seinen Ersatzschlüssel für dieses Schloss gefunden und da hat mich die Neugier gepackt. Da bin ich ihm auf die Schliche gekommen. Weil auf einem Flaschenetikett der Name eines Bekannten von mir zu lesen war, hab ich diesen angerufen. Der hat mir die Augen geöffnet über den angeblich so korrekten Herrn Finanzbeamten. Immer wenn der die Bauern beim Schnapsbrennen kontrolliert hat, hat er so lange gesudert, bis sie ihm Schnaps, selbst gebackenes Brot, Fleisch und Geselchtes, hausgemachte Würste oder Ähnliches mitgegeben haben. Er hat ohne viel Aufhebens seine Tasche hingehalten und ist erst gegangen, wenn sie voll war. Jeder war froh, dass er ihn endlich los wurde, keiner hat sich lumpen lassen. Im Laufe seiner Amtstätigkeit hat er sich so viel erschlichen, dass man damit halb Indien versorgen könnte!“
Abermals pfiff Kalteis durch die Lücke seiner Vorderzähne. „Sieh mal einer an, unser Herr Hieminger war korrupt und hat sich durch solch milde Gaben bestechen lassen! Erwin, notier die Namen auf den Etiketten und mach eine Bestandsaufnahme des Inhaltes der Kühltruhe! Ich durchkämme einstweilen mit Frau Panagl die Wohnung nach weiteren Beweisstücken.“
Die Putzfrau motzte: „Das wird wohl nicht nötig sein, ich kann Ihnen versichern, dass Sie nichts Aufregendes finden werden!“
Da Kalteis nicht lockerließ, gingen sie wieder hinauf in den zweiten Stock. Er hatte Lunte gerochen und war neugierig geworden. Langsam, aber sicher entwickelte sich in seinem Gehirn ein gänzlich neues Charakterbild des Ermordeten.
Gemeinsam mit der Putzfrau durchsuchte er Schrank für Schrank, Regal für Regal, Lade für Lade. Wie nicht anders zu erwarten, strotzte alles vor Sauberkeit und Ordnung. Die Anzüge hingen fein säuberlich auf Kleiderbügeln, die Hemden lagen ordentlich gefaltet und zu Stößen aufgeschichtet in den Schrankfächern, Unterwäsche und Socken ebenso. Auf der Garderobe im Vorzimmer hingen ein blauer Anorak und ein Regenmantel, im Schuhkasten standen zehn blank polierte Schuhpaare, exakt ausgerichtet wie Gardesoldaten bei einer Parade. Auch das Badezimmer wirkte steril wie ein Operationssaal. Dusche, Waschbecken, Gastherme und ein alter Spiegelschrank waren zu sehen. Alles in allem normaler Standard einer städtischen Wohnhausanlage. Das WC war wie üblich mit Klomuschel, Spülkasten, Handwaschbecken und einem kleinen Hängeschrank mit Putzmitteln ausgestattet. Routinemäßig hob Kalteis den Deckel des Spülkastens ab, blickte hinein, konnte jedoch nichts Außergewöhnliches darin entdecken. Die Durchsuchung des Schlafzimmers blieb ebenso ergebnislos. Das Wohnzimmer nahm mehr Zeit in Anspruch. Ein riesiges Bücherregal bedeckte die Wand neben der Tür zum Schlafzimmer. Hunderte von prächtigen Bildbänden über Kunst und ferne Länder, ledergebundene Klassiker der Weltliteratur und bemerkenswerterweise eine ansehnliche Sammlung erotischer Bildbände von Helmut Newton und anderen großen Fotografen. Fachbücher über Steuerrecht und Betriebswirtschaftslehre ergänzten das Sortiment. Ein moderner Flachbildschirm und eine teure Stereoanlage waren ebenfalls zu sehen.
Die Wohnung strotzte vor Sauberkeit. Nichts lag herum oder am falschen Platz. Noch nie hatte Kalteis so einen bis in den höchsten Grad unpersönlichen Raum untersucht. Kein einziges Foto war zu sehen. Weder an den Wänden noch auf irgendeiner der Kommoden. Es schien, als ob Hieminger all seine Erinnerungen an ihn selbst eigenhändig gelöscht hätte. Einzig und allein zwei Belobigungsschreiben hingen an der Wand zum Vorzimmer.
Kalteis wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Wohnung und Keller widersprachen sich auf erstaunliche Art und Weise, wiesen auf eine gespaltene Persönlichkeit hin. Die Wohnung in all ihrer Sterilität zeugte von Hiemingers Korrektheit und seinem verbissenen Kampf gegen jegliche Art von Missständen. Sein Kellerabteil jedoch spiegelte die dunkle Seite seiner Seele wider, die nicht anders konnte, als Macht bis zum Exzess auszuüben. Die Macht des Kontrolleurs über den Kontrollierten. Die Gier und Frechheit von denen zu fordern, die ihm ausgeliefert waren. Die Unersättlichkeit, Dinge in dem Bewusstsein anzuhäufen, dass man sie nie gebrauchen würde, aber dann doch nahm, da sie leicht zu bekommen waren.
7
Tags darauf fuhren Kalteis und Schönkirchner zu drei Schnapsbrennern, deren Namen auf den Etiketten standen. Keiner ließ ein gutes Haar an dem Toten. Sie bezeichneten ihn als unkorrekten Beamten, der ständig nur herumgenörgelt, dem dies und das nicht gepasst hatte und der erst abgezogen war, wenn man seine Taschen gefüllt hatte. Der sich hin und wieder erdreistet hatte, Frau und Tochter unsittliche Anträge zu machen. Rudolf Grubeck, ein Großbauer aus dem Nachbarort, bekannt für seine unverblümte Direktheit, traf mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf.
„Der Hieminger war der größte Falott in Gottes freier Wildbahn, der hat uns Bauern behandelt, als wären wir seine Leibeigenen. Man sollte dem Mörder direkt dankbar sein, dass er uns von dieser Last befreit hat!“
Kommissar Kalteis stand vor einem Rätsel. Selbst ihm, dem alten Hasen der Kripo, war so ein Fall noch nie untergekommen. Wohin er auch kam, mit wem er auch sprach, fand niemand ein gutes Wort über das Mordopfer. Auf dem Finanzamt blies man in dasselbe Horn. Seine Kollegen beschrieben Hieminger als mürrischen Einzelgänger, der jeglichen Umgang mit ihnen vermieden, weder an Betriebsausflügen noch an Jubiläumsfeiern oder Ähnlichem teilgenommen hatte. Er galt als Radfahrer, der nach unten trat und nach oben buckelte. Doch auch seine Vorgesetzten waren aus ihm nie schlau geworden. Der Leiter des Finanzamtes bezeichnete ihn als erfolgreichsten Fahnder des Landes, der dem Amt Jahr für Jahr eine stolze Summe an Finanzstrafen eingebracht hatte. Seine Trefferquote war österreichweit seit Jahren unerreicht, sodass er in den Statistiken seit Langem an erster Stelle rangierte. Dessen ungeachtet hatte man nicht viel Freude mit ihm gehabt. Er hatte als unnahbar, abweisend und extrem verschlossen gegolten. Seine Aufzeichnungen waren ohne Fehl und Tadel, roboterhaft, von seelenloser Korrektheit, auf das i-Tüpfelchen genau. Keiner der fünfzig Beamten und Vertragsbediensteten war jemals in seiner Wohnung gewesen, hatte jemals mit ihm ein Bier getrunken, war jemals länger als unbedingt notwendig mit ihm in ein Gespräch verwickelt gewesen. Freundschaft oder gar Vertrautheit innerhalb seiner Dienststelle war ihm fremd gewesen, nie hatte er irgendjemandem gestattet, auch nur den kleinsten Blick hinter seine Fassade zu werfen. Selbst jetzt, wo er tot war, ja sogar ein außerordentlich schändliches und unrühmliches Ende gefunden hatte, kam keinem der Kollegen ein Wort des Bedauerns über die Lippen. Man sprach von Hieminger wie von einem Schatten, der zwar allgegenwärtig, aber nicht greifbar war.
Keiner hatte ihn gemocht, keiner hatte mit ihm gekonnt. Dieser einzigartige Umstand verwirrte Kalteis über alle Maßen. Denn der übliche Kreis der Verdächtigen, die erfahrungsgemäß zumeist innerhalb der Familie, Freunde oder Bekannten zu finden waren, konnte ausgeschlossen werden. Denn Hieminger hatte keine Familie, keine Bekannten und schon gar keine Freunde. Paradoxerweise gab es aber dennoch in diesem Verwirrspiel eine unendlich große Zahl an Verdächtigen, nämlich all jene, die von ihm in den letzten Jahren überprüft und zur Ader gelassen worden waren. Fleischermeister Karl Adamek war natürlich einer von ihnen – und er brachte die Sache Kalteis gegenüber als Erster auf den Punkt. Sein würziger Kommentar „Endlich hat’s den Sauhund erwischt“, der sogleich von Mund zu Mund ging, stand stellvertretend für all jene, die genauso dachten wie er, und wurde in den Tageszeitungen gehörig ausgeschlachtet.
Kommissar Kalteis, für seine Präzision bekannt, ging nun systematisch vor. Anhand einer Liste, welche ihm der Vorstand des Finanzamtes nur widerwillig aushändigte, begannen er und Schönkirchner in den folgenden Tagen mit der gezielten Vernehmung von Gastwirten, Kaufleuten und Handwerkern, die von dem Toten in den letzten zwei Jahren geprüft und mit einer höheren Finanzstrafe bedacht worden waren.
Als Kalteis den ersten der Gewerbetreibenden vernahm, hörte er dieselbe Litanei wie auf dem Finanzamt: „Der Hieminger, den ein gerechter Gott nun endlich zu sich geholt hat, war ein beinharter Prüfer, ein unerbittlicher Erbsenzähler, der sich wie ein Bluthund verbissen an die Spur auch der allerkleinsten Ungereimtheit geheftet hat, die er in unseren Büchern gefunden hat. Überall, wo er hinkam, galt er als Schreckgespenst, als Geißel, als Großinquisitor des ,Instituts für moderne Christenverfolgung‘, wie wir die Finanzämter manchmal nennen. Sie müssen wissen, Herr Kommissar, dass wir kleinen Handwerker und Kaufleute hier an der Grenze durch die übermächtige Konkurrenz der Lagerhäuser, Baumärkte und Supermarktketten, die ungerechte Steuerpolitik, die den Mittelstand aushöhlt, und die verfehlte Wirtschaftspolitik des Landes, die ohnehin nur die Ballungszentren rund um Wien begünstigt, bereits genug gestraft sind. Da können wir auf so pragmatisierte Leuteschinder, wie der Hieminger einer war, durchaus verzichten. Keinem von uns tut der Hieminger leid, das können Sie mir glauben!“
Karl Adamek stand natürlich ganz oben auf Kalteis’ Prioritätenliste. Um nicht unnötigen Staub aufzuwirbeln, vernahm er den Fleischhauer im Büro hinter der Fleischbank. Prachtvolle Biedermeiermöbel aus edlem Holz, eine gemütliche Sitzecke und eine gut gefüllte Hausbar zeugten von gediegenem Wohlstand, widersprachen jedoch dem grobschlächtigen Äußeren des Fleischermeisters.
Ohne langes Wenn und Aber kam Kalteis sogleich zur Sache: „Herr Adamek, ich denke, dass Ihnen klar ist, dass Sie mit Ihrer öffentlich geäußerten Feststellung ,Endlich hat’s den Sauhund erwischt‘ zum Kreis der Hauptverdächtigen zählen. Sie haben den Toten gehasst, da er Ihnen eine saftige Strafe eingebracht hat. Und schließlich waren Sie derjenige, der die Leiche Hiemingers entdeckt hat. Finden Sie nicht, dass dies Grund genug ist, um an Ihrer Unschuld zu zweifeln?“
Seine ratlose Wut ließ Adamek aufheulen: „Herr Kommissar, ich hab Ihnen doch schon gesagt, dass ich besoffen war, als ich den Toten gefunden habe. Er war schon tot, mausetot, und ganz kalt, wie ich ihn angegriffen habe. Und wenn Sie alle verhaften wollen, die dem Sauhund den Tod gewünscht haben, dann können Sie die Hälfte der anderen Fleischhauer, Bäcker, Wirte und sonstigen Gewerbetreibenden im Bezirk mitnehmen. Denn der hat ein grausames Spiel mit uns getrieben, für den waren wir doch alle potenzielle Schwarzgeldmacher, Steuerhinterzieher und Sklaventreiber. Dabei sind es gerade wir, die mit unseren Steuern den ganzen Beamtenapparat erhalten müssen. Die großen Konzerne zahlen doch meistens keine Steuern und müssen dazu noch mit unserem schwer verdienten Geld subventioniert werden!“
Jetzt wurde der Kommissar grantig. Adamek hatte einen Nerv getroffen, da er doch selbst ein Beamter war und all die Vorurteile gegenüber seinem Berufsstand kannte. Seit Jahren hingen ihm all die blöden Witze betreffs Beamtenschweiß, Beamtenmikado und viele andere mehr zum Hals heraus. Unbewusst verschärfte er die Gangart.
„Wissen Sie was, Herr Adamek, jetzt machen wir Nägel mit Köpfen. Wir versiegeln ab sofort Ihre Schlagbrücke, Sie werden für morgen sicherlich noch genug Ware zu verkaufen haben. Meine Kollegen von der Ermittlung werden die Räumlichkeiten Zentimeter für Zentimeter durchkämmen, denn für mich sind Sie noch lange nicht aus dem Schneider!“
Jeder Widerstand war zwecklos. Adamek, seine Frau und seine Tochter mussten mit ansehen, wie die Ermittler ans Werk gingen. Sechs Mann hoch untersuchten sie die Schlagbrücke nach verdächtigen Spuren, kratzten stichprobenartig Blutreste, die naturgemäß zahlreich vorhanden waren, von Wand und Boden ab und durchsuchten Adameks Auto nach verräterischen Hinweisen. Kalteis mochte Adamek nicht, für ihn stand fest, dass man einem, der Schweine, Kälber und Rinder umbrachte, auch den Mord an einem Menschen zutrauen durfte – und an einem Motiv mangelte es sowieso nicht. Während die Kollegen den Betrieb genau unter die Lupe nahmen, in Gullys leuchteten, Mülltonnen ausleerten und Schlagwerkzeuge nach Fingerabdrücken untersuchten, nahm er weiterhin Adamek in dessen eigenem Büro in die Zange. Aber obwohl ihm die Schweißperlen auf der Stirn standen und ihm Kalteis’ aufdringliche Verhörmethoden sichtlich auf den Nerv gingen, blieb Karl Adamek bei seiner Aussage. Doch der Kommissar ließ sich nicht so leicht überzeugen.
„Ich sage Ihnen, wie das alles passiert ist“, setzte er sein Verhör gnadenlos fort. „Irgendwo ist Ihnen das Mordopfer an jenem Freitag zufällig über den Weg gelaufen. In Ihrem Suff haben Sie mit ihm einen Streit begonnen und die leidige Angelegenheit ist aus dem Ruder gelaufen. Wahrscheinlich ist er davongelaufen, Sie ihm hinten nach und haben ihn mit einem runden Gegenstand, mit einem dicken Rohr oder irgendeinem Werkzeug, von hinten den Schädel eingeschlagen und aus blinder Wut dem am Boden Liegenden noch ein paar Mal kräftig auf seinen Rücken gedroschen. Dann haben Sie den verhassten Kerl in Ihr Auto gehievt, ausgezogen und nackt dort draußen im Straßengraben liegen gelassen. Irgendwann in dieser Nacht sind Sie noch einmal zurückgekommen und haben die Leiche unter dem Reisighaufen versteckt. Dann erst haben Sie bei der Polizei angerufen, den Fund gemeldet und den Erstaunten gespielt, als er nicht mehr im Straßengraben lag. Jetzt stelle ich Ihnen zwei Fragen: Wo haben Sie die Mordwaffe versteckt? Und wo haben Sie seine Kleidung und Wertsachen – wie Ausweise, Brieftasche, Schlüssel, Armbanduhr und Ähnliches – entsorgt?“
Jetzt brannten Adameks Sicherungen durch. Er sprang von seinem Sessel auf, Zornesröte überzog sein Gesicht. Er schlug mit geballter Faust gegen die Tischplatte, dass es nur so krachte.
„Ich hab euch doch schon hundertmal gesagt, dass ich diesen Menschen nicht umgebracht habe. Ich hab ihn schon wochenlang nicht mehr gesehen. Warum geht ihr immer nur auf mich los, nur weil ich ihn gefunden hab? Fragt doch die anderen, die wegen ihm blechen haben müssen, ich war doch nicht der Einzige, der wegen diesem rücksichtslosen Typen Probleme mit dem Finanzamt hatte!“
Wie ein wild gewordener Stier stürmte er aus dem Büro. Bevor Kalteis noch reagieren konnte, fiel die Tür krachend ins Schloss.
Pulsuz fraqment bitdi.