Kitabı oxu: «STECKSCHUSS»
Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
Vollständige e-Book Ausgabe 2020
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Ernst Rabener (Ps.) studierte Literaturwissenschaften in München und unterrichtete lange Jahre Sprachen und Ethik im In- und Ausland. Seine Leidenschaft für die europäische Hochliteratur wurde seit jeher ergänzt durch ein ausgeprägtes Faible für Krimis in jeder Form.
Steckschuss
I
Halb elf Uhr abends, ein Notruf:
»Hallo! Hören S’! Da hat grad jemand geschossen! Einen ganz lauten Knall haben wir gehört, ganz in der Näh’! Einen Schuss! Da hat jemand geschossen!«
Eine Frauenstimme, ältlich und vor Aufregung zitternd.
»Ein Schuss, aha. Bitte Ihren genauen Standort, gute Frau, damit wir…«
»Was meinen S’?! Wie meinen S’ das mit dem Stand…?«
»Nein, Ihren Standort! Wo Sie sind, muss ich wissen!«
»Ja mittendrin sind wir noch, was denken S’ denn! Mein Mann da hinten, der Alfons, der wird schon unruhig, weil er doch mit dem Fíakra…«
Kurt Wiedemann, der diensthabende Beamte, unterbrach noch einmal: »Fiaker, Schuss, Ihr Mann… Gute Frau, sagen S’ mir einfach, wo Sie sind, sonst können wir Ihnen…«
»Ja wenn ich’s Ihnen doch sag’! Mittendrin sind wir noch!«
»Ihre Adresse, bittschön!«
Kurt klang genervt und versuchte es ein letztes Mal, in gehobener Lautstärke, um endlich verstanden zu werden.
»Böhmerwaldstraß’ zwölf, warum? Ich sag’ doch, dass hier grad der Schuss war, den wo wir…!«
»Wenn S’ mir jetzt noch Ihren Namen…«
»Ja die Friedl bin ich, die Schiedmüller Friedl! Und wegen dem Alfons, meinem Mann da hinten, muss ich jetzt wirklich aufhören, sonst geht da heut’ wieder mal… Hören S’… Hören S’…?!«
Kurt legte auf und verständigte die Streife.
Friedl Schiedmüller bekam das leise Klicken nicht mit und redete noch ein Weilchen weiter:
»…weil sein Fíakra schließlich nicht ewig wirkt und er schon fuchtelt! Hören S’ nicht, wie er schon mault? Ich muss jetzt schnell zurück zu ihm, sonst können wir gleich wieder von vorn und nochmal… Hallo! Hallo!!«
Einen Augenblick lauschte sie noch, dann schimpfte sie über die Unverschämtheit, sie einfach abzuwürgen, wo sie doch hatte helfen wollen, ein Verbrechen aufzudecken oder zu verhindern, und wandte sich wieder ihrem Alfons zu.
Der winkte aber schon ab. Als sie ans Bett kam, sah auch sie den unwiderleglichen Beweis, dass heut’ nichts mehr gehen würde: Die Fortsetzung der Selbstversuchsreihe, der Grundlage für die neue Serie in ihrer Seniorenzeitschrift Machmal!, musste aufgeschoben werden, mindestens bis morgen.
Wieder einmal war etwas daneben gegangen oder, wie in diesem Fall, unvollendet geblieben, weil sie, wie ihr Alfons, einfach nicht mehr so gut hörte. Und wenn dazukam, dass sie sich zu unbeholfen oder schwer verständlich ausdrückte, ergaben sich Missverständnisse wie eben, sehr zum Verdruss der Beteiligten.
Immerhin, die Streife war mit Blaulicht unterwegs.
Den lauten Knall vorhin, den hatten beide Schiedmüllers, obwohl sie mitten im Selbstversuch steckten, nicht überhört, und die Friedl war nicht wenig stolz darauf, dass sie ihre Bürgerpflicht erfüllt und den nächtlichen Schuss sofort dem Amt mitgeteilt hatte.
»Den hast du doch grad auch gehört, den Schuss, den Schuss grad!«, fragte sie den traurigen Alfons, als sie vor dem Bett stand.
»Ja freilich hab’ ich den auch gehört, den Schuss!«, gab er ihr recht und las erleichtert aus ihrer grämlichen Miene, dass sie heut’ wohl keine Ansprüche mehr an ihn stellen werde.
II
Um zehn vor elf war die Streife bei Schiedmüllers.
Das Blaulicht hatten Ottl und Luggi am Ortseingang ausgeschaltet, um die braven Hochwieler Bürger nicht zu verschrecken. Die beiden Alten kamen aufs erste Klingeln herunter, ängstlich, als lauere der Schütze noch irgendwo, und verbeugten sich vor den Ordnungshütern tiefer und öfter als nötig.
Die Befragung verlief ähnlich wie Friedls Telefonat mit der Notrufzentrale, weil sie und ihr Alfons wieder höchstens die Hälfte verstanden und das großenteils falsch.
Die Geschichte mit dem Fíakra ließ die Friedl diesmal weg und berichtete nur, sie hab’ auf den Schuss hin den Selbstversuch sofort abgebrochen, sei zum Fenster gelaufen, und obwohl sie keine Leich’ und keinen Mörder gesehen hab’, hab’ sie natürlich gleich angerufen, wegen ihrer Staatspflicht. Dann ließ sie sich von ihrem Alfons, der zwischendurch ohne erkennbaren Zusammenhang ein strammes »Grüß Gott, Herr Nachtmeister!« von sich gegeben hatte, erneut dreimal bestätigen, dass er den Schuss auch gehört hab’, »obwohl er eigentlich, wissen S’, Herr Kommissar, eigentlich hört er nimmer ganz so gut, mein Alfons. Aber den Schuss, den hat er g’hört. Alfons! Den hast doch g’hört, den Schuss, gell?«
Alfons nickte stumm, wie schon dreimal davor.
Dafür redete die Friedl immer aufgeregter und lauter: »Wissen S’, mein Alfons und ich, wir haben den Schuss ja ganz deutlich gehört, und wenn S’ hier mal genau nachschauen, dann finden S’ den bestimmt, den Schuss, der muss da ja noch irgendwo in der Mauer stecken, der Schuss! Ganz bestimmt steckt die noch irgendwo in ’ner Mauer hier, die Schusskugel!«
In zwei Nachbarhäusern ging das Licht im Erdgeschoss an. Für einen anständigen Hochwieler war längst Schlafenszeit. Vorhänge, sah der Luggi, bewegten sich auch.
Ansonsten: keine Spur einer Schießerei, nichts.
»Es kommt halt manchmal vor, dass die Leut’ was zu hören glauben, wo nix is’«, merkte Ottl an, nicht ahnend, was er damit auslöste.
Alfons hatte davon kein Wort verstanden, denn die Streifenpolizisten sprachen, mit Rücksicht auf die Anwohner, für Schiedmüller’sche Ohren viel zu leise. Und Friedl hatte nur »manchmal« und »hören glauben« aufgeschnappt, was in ihrem Kopf zu der fixen Idee wurde, der Herr Beamte hab’ gesagt, er »glaube von Machmal! gehört« zu haben.
Prompt reagierte sie mit einem forschen Angebot: »Wollen S’ alle zwei ein Exemplar oder zwei?«
Ottl und Luggi wussten nicht, was sie jetzt wollen sollten oder konnten, erst recht nicht, als Friedl noch ein Stück lauter ankündigte, seit Kurzem laufe die Entwicklung der Software für ihre Homepage und demnächst würden sie online präsent sein, weltweit! »Global sind wir dann mit unserem Machmal! präsent, verstehen S’, und jetzt hol’ ich Ihnen doch schnell zwei…«
Luggi legte ihr geistesgegenwärtig die Hand auf die Schulter und hielt sie zurück: »Jetzt bittschön nicht, gute Frau. Sie sehen’s doch, wir haben noch viel Arbeit heut’ Nacht. Den Schuss suchen zum Beispiel, wo der steckt! Aber wir kommen auf Sie zu, halten S’ sich zur Verfügung!«
Womit sie sich, einen Finger an der Mütze, abwandten.
Alfons hatte, allein schon wegen seiner Aufgeregtheit, wieder nichts verstanden, Friedl aber: »Es kommt da was auf Sie zu!«
Und so stand sie, während er der Staatsmacht ein paar Bücklinge hinterherschickte, wie vom Donner gerührt da und sah mit bitterbösem Blick, dass die Herrn Polizisten bei den Nachbarn auf Nummer vierzehn läuteten. Und das mit der »Verfügung« konnte sie sich auch nicht zusammenreimen.
Ausgerechnet bei denen!, dachte sie, wo uns die Sauköpf ’ von vierzehn drüben schon immer alles nachsagen, seit Jahren!
Sie fasste ihren Alfons am Arm und schob ihn vor sich her ins Haus.
Vor der Bettruhe, für die man sich zu Alfons’ Erleichterung bald entschied, war sie noch wortreich damit beschäftigt, ihm klarzumachen, was ihnen soeben angedroht worden war.
Frau Wagenknecht riss, kaum hatte Luggi geklingelt, auch schon die Tür auf und schwallte sofort hemmungslos auf die Uniformierten ein: Alle Augenblicke würden die da drüben wegen allem Möglichen Zirkus machen, »die ganze Nachbarschaft treiben’s in den Wahnsinn mit ihren Spinnereien! Ich sag’s Ihnen! Spinnen tun’s, und hören tun’s auch nichts mehr! Oder wenn, dann alles falsch! Schuss! Von wegen Schuss! So ein Schmarrn!«
Das Ohr am Türspalt, hatte sie mitbekommen, dass während der Schiedmüller-Befragung das Wort Schuss gefallen war.
»Die spinnen doch! Selber haben’s ’nen Schuss!«
Herr Wagenknecht nickte beifällig, sein verkniffener Mund demonstrierte gutbürgerliche Empörung.
»Nix Schuss!«, fuhr Frau Wagenknecht in heftiger Erregung fort, »ein Mopedler war’s, der hier die Böhmerwald runtergerauscht ist! Zwei Fehlzündungen, peng und peng! Die zweite haben die da drüben doch gar nicht mehr gehört, unsre dreivierteltauben Medien-Tycoons mit ihrem Schmierblatt, ihrem Seniorenporno!«
»Was meinen S’ jetzt damit, gute Frau?« Den Luggi überkam ein Anflug von dienstlicher Neugier.
Und so erfuhren er und der Kollege erste Einzelheiten über die Schiedmüller’sche Monatszeitschrift:
»Jedem«, so die wütende Frau Wagenknecht, »drehen sie’s an, jedem, den s’ in die Finger kriegen! Überall legen sie’s aus, im Krankenhaus, im Bahnhof, in den Arztpraxen, im Altersheim: Überall liegt’s rum, das Scheißblatt!«
Die unbedachte Frage Ottls: »Warum gleich Scheißblatt?« gab den Anstoß, dass sie auch alles andere, was über Machmal! allgemein bekannt war, zu hören bekamen, abschließend eine knappe Inhaltsangabe der letzten Ausgabe, die sich, wie die vorangegangenen Nummern, kurz nach Erscheinen ungebeten in allen Briefkästen der Nachbarschaft gefunden hatte.
»Hören nichts und rufen die Polizei wegen ’ner Mopedfehlzündung, man glaubt’s nicht!«
Frau Wagenknecht hatte sich derart ereifert, dass ihr Mann Egon übernehmen musste: »Tatsächlich, meine Herrn, ein neues Level, eine neue Qualität dieses anhaltenden nachbarlichen Wahnsinns! Wir haben den verrückten Mopedfahrer schon von Weitem gehört, wie er die Straße hochgerast ist. Und dann hat’s ein erstes Mal geknallt, hier, ziemlich genau hier« – ein spitzer Finger zeigte auf die schwach beleuchtete Straße – »und ein Stück weiter oben nochmal. Dann muss er abgebogen sein.«
Erneut zog Herr Wagenknecht eine vornehm empörte Miene.
Seine Gattin war wieder zu Atem gekommen: »Und die machen draus eine Hauptund Staatsaktion, die verblödeten Spinner! Ist doch unglaublich! Wer, bittschön, soll denn in der Gegend hier schießen? Sind doch lauter ältere Leut’ ringsrum! Und das Einzige, wo’s gelegentlich Streitereien gibt, das ist, wenn die zwei da drüben es im Sommer nachts bei offenem Fenster mal wieder so laut treiben, dass sie die ganze Nachbarschaft verschrecken! Wie sie sich bloß nicht schämen, die alten Deppen! Hätten wir weiß Gott viel eher und öfter Grund, die Polizei zu holen und…«
Ottl fand’s an der Zeit, sich einem weiteren Nachbarsehepaar zuzuwenden, das sich, während die Wagenknechts redeten, dazugestellt hatte und beifällig nickte.
»Und Sie? Was haben Sie gehört?«
»Alles, nur keinen Schuss«, bestätigte Herr Schneiderhahn.
»Klar war’s ein Moped. Kam von da unten und raste da rauf, peng! Direkt hier am Eck, Fehlzündung, klarer Fall! Wie man so blöd sein kann, einen Schuss hören zu wollen, wo’s hier im Viertel friedlich ist wie nirgends sonst in Hochwiel, das…« Luggi schien genug gehört und überhaupt genug zu haben und verbat den vier Gestalten im Zwielicht der Straßenbeleuchtung ziemlich resolut jede Bescheidwisserei: »Familientragödien, Eifersucht, Erbstreitereien mit tödlichem Ausgang – was meinen S’, weswegen nicht schon alles geschossen worden ist! Und zwar überall, auch in scheinbar befriedeten Rentnervierteln wie dem hier!«
»Ein Mopedler war’s, fertig, aus!«
Noch einmal ergriff Herr Wagenknecht das Wort, in sehr bestimmtem Ton, der keinen Einwand duldete: »Kein Schuss, meine Herrn, sondern wahrscheinlich der Knall eines Mopedauspuffs, der…«
»Aller Wahrscheinlichkeit nach«, sekundierte Frau Wagenknecht.
Das andere Ehepaar nickte heftig. »Man hat doch auch davor nichts gehört von der Straß’ her, nix! Keinen Streit, kein Geschimpfe, keinen Krach, und danach auch nichts, keinen Schrei oder so was, sondern bloß das Moped!«
»Dass ’n Erschossener noch schreit, gibt’s in Edgar-Wallace-Filmen aus den Sechzgerjahren oder beim Derrick. Bei uns nicht«, meinte Luggi und trottete grußlos mit Ottl zurück zum Auto.
»Verhaften S’ lieber die Schiedmüllers, am besten gleich alle zwei!«, rief ihnen Herr Wagenknecht hinterher und wackelte mit dem rechten Zeigefinger ungestüm in der Luft herum, »die handeln mit Pornografie, die alten Säu’!«
»Hast du ’ne Ahnung, was die vorhin mit Selbstversuch gemeint hat, die alte Dame?«
Luggi zuckte mit der Schulter: »Keine Ahnung. Vielleicht drehen’s Pornoselfies für den Eigenbedarf. Oder für ihr Blättchen, über das die andern so hergezogen sind. Sachen gibt’s!«
»Ich schreib’ nachher gleich noch den Bericht«, bot sich Ottl an, als sie im Dienstwagen saßen.
Dem Luggi war’s nicht unrecht.
III
Kurz vor halb zwölf waren Ottl und Luggi auf dem Revier. Ottl setzte sich an den Computer und gab im Zweifingersystem ein, was ihm von der Befragung noch einfiel. Luggi korrigierte nach ’ner halben Stunde, was Ottl fabriziert hatte, und nickte. Dann las Ottl nochmals drüber und nickte seinerseits, dann nochmals der Luggi, der dem Kollegen abschließend auf die Schulter klopfte. Das Ganze speicherten sie unter Ottlbericht ab und legten für die Kollegen eine handschriftliche Zettelnotiz neben den Bildschirm: Ottlbericht anschaun!
Bis Viertel vor eins machten sie Brotzeit. Dann drehten sie ihre nächste Runde, über Peißenberg Richtung Schongau.
Ottl meinte: »Hoffentlich wird der Rest der Nacht nicht genau so stressig! Mannomann!«
Luggi nickte besorgt.
Vorsichtshalber schalteten sie schon mal ihre Diensthandys aus.
Ein paar Minuten vor eins ging im Quattro Fontane, dem Italiener am Kirchplatz, nochmals Licht an, geschlossen war seit zwölf. Eine leicht aufgebrachte Frau schob einen sturzbetrunkenen Jüngling, den Bernhuber Fritz, aus der Tür in die kühle Dunkelheit hinaus, schaute ihm, die Fäuste in den Hüften, ein Weilchen hinterher, bis er um die Ecke in die Schmitzstraße eingebogen war, und schloss ab, das zweite Mal heut’ Abend. Sie musste sich noch um ihren Mann kümmern, den Carlone, der im Hinterzimmer überm Tisch lag.
Niemand hätte hinterher von Fritz in Erfahrung bringen können, wie er nach Hause gekommen war: Totaler Filmriss.
Schon um halb elf hatte er den Weg vom Fuchsbräustüberl ins Quattro Fontane nur noch instinktiv gefunden.
Um zehn nach eins tapste er schwerfällig wankend über die Schwelle des eingeschossigen Häuschens in der Schießstättstraße. Im Flur arbeitete er sich, vorbei an der Küche, in der sich das schmutzige Geschirr vom Abend stapelte, taumelnd die Wand entlang bis zum Zimmer seines WG-Bruders Georg Schöderlein.
Die Tür war verschlossen, wie jene gegenüber, durch die, das kannte er, mal wieder leise Quieker und Stöhnerchen drangen: Sissilissi, die kleinen Lesben, mit denen die beiden Jungs vor zwei Jahren hier eingezogen waren, machten Liebe. Zweimal pochte Fritz, mit der Schulter angelehnt, an Georgs Tür und lallte leise: »Schorsch-schi!«
So hageldicht er war: Er wollte noch einen Versöhnungsversuch starten, nachdem sie sich heute, wie so oft, nach dem Abendessen zu viert hier in der Wohnung in die Haare gekriegt, im Fuchsbräustüberl, wieder mal, weitergestritten und sich dort, nicht zum ersten Mal, um halb elf, als der Sepp sie rauswarf, unter wüsten Beschimpfungen getrennt hatten. Schorschi war nach Hause gegangen, er, der Fritz, wollte noch, wie er sagte oder eher schrie, zum Carlone gehen.
Als sich aufs dritte Klopfen hin nichts rührte – nur die Mädels alberten in seinem Rücken, wie er hörte, weiter lustig herum –, drückte er, stehen konnt’ er eh nicht mehr, die Klinke und ging oder besser: torkelte hinein.
Schorschi lag, in absurder Verkrümmung, auf dem Flokati vor dem Korbstuhl, aus dem er gefallen sein musste, die Gesichtszüge grauenhaft verzerrt, mit erstarrtem Blick aus den offenen Augen.
Anscheinend, so Fritz’ erster Gedanke, war der noch besoffener als er selber.
Er wollte sich zu ihm hinunterbeugen, fiel aber der Länge nach neben Schorschi hin und kam schauerlicherweise so zu liegen, dass er, entsetzlich nah, Gesicht an Gesicht, in die toten Augen des Freundes stierte.
Die sah er natürlich auch noch doppelt, ein Schock, der ihn zwar nicht nüchtern machte, aber aufschreien und so weit zu Sinnen kommen ließ, dass er merkte, er müsse was unternehmen.
Also fasste er nach jener Schulter Schorschis, die ihm näher war, bekam sie, nachdem er zwei Mal ins Leere gegriffen hatte, zu fassen und rüttelte daran. Das heißt, er schob sie ein wenig hin und her, bevor er, immerhin schon halb sitzend, abermals den Halt verlor, vornüber kippte und für ein paar fürchterliche Momente über Schorschi lag, quer, als wolle er ihn unter Einsatz seines Lebens beschützen.
Mühsam rappelte er sich auf, kam auf wundersame Weise in die Vertikale, versuchte es mit »Schorsch-schi! Schorschschi!«-Geschrei und stupste den reglosen Körper mit der Fußspitze in den Oberschenkel, wodurch er selbst erneut in bedenkliche Schräglage geriet und hinzuplumpsen drohte.
Noch einmal widersetzte er sich erfolgreich den Gesetzen der Schwerkraft und schaffte es, mit schwer schwankendem Oberkörper breitbeinig stehen zu bleiben. Die Augen, in denen sich Tränen sammelten, vor Angst weit aufgerissen, schaute er hilfund ratlos um sich und schrie noch einmal, noch lauter »Schorsch-schieee!« und im Anschluss, mit einem schweren Hickser zwischen den Silben, »Hil-fäää!«
Es klang, als bitte er seinerseits den Schorschi darum.
Fritz torkelte auf den Flur zurück, schlug schwer mit seinem vollen Körpergewicht gegen die Tür der Mädchen und sank daran in filmreifer Langsamkeit herab, von Heulen geschüttelt, wirres Zeug auf den blubbernden Lippen.
Wütend riss Sissi, durch den dumpfen Schlag in ihrem lieblichen Beisammensein mit Lissi entscheidend gestört, die Tür auf, splitternackt, und holte zu hellem Schimpfgeschrei aus.
Vor die zierlichen Füßchen aber fiel ihr der Oberkörper des Zimmernachbarn Fritz, vor dem sie wie vor einem großen Insekt erschrak: Mit einem Ekellaut auf den süßen Lippen tat sie einen eleganten Hüpfer nach hinten.
Als sie erneut zur großen Wutrede ausholte, um den Blödmann da wegen seiner Spannerei zur Sau zu machen, zog Lissi, die über die Schulter der Liebsten einen Blick in Schorschis Zimmer geworfen hatte, sie am Arm zurück und wies stumm und schreckensstarr mit den Augen auf den, der da drüben lag.
Verstört sah Sissi von Fritz auf und erblickte den Schorschi.
Entsetzt legte sie ein zartes Händchen vor den Mund, stieg, nackt, über den heulenden, jammernden Fritz und trippelte hinüber. Sie beugte sich über Schorschi, gab abermals einen schrillen Laut von sich und stürzte zurück.
Sie riss das Smartphone, das seltsamerweise mit der Schmalseite am vorderen Rand des Regals neben der Tür stand, ans Ohr, tippte zitternd Eins-Eins-Null und teilte, während Lissi in Schockstarre verharrte, atemlos mit, dass in der Schießstättstraße Nummer sieben ein Toter liege, ihr Mitbewohner, der Schöderlein Georg.