Kitabı oxu: «MarChip und die Klammer der Angst»

Şrift:

Esther Grünig-Schöni

MarChip und die Klammer der Angst

MarChip's 3. Fall - Gefesselt

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Der Albtraum beginnt

2. Emily

3. Ein neuer Fall

4. Aufgewühlt

5. Mehr Schrecken

6. Herausforderung

7. Bedrohungen

8. Nachforschungen

9. Angst

10. Spuren

11. Der Plan

12. Eine Wende?

13. Kann es wieder gut werden?

Bemerkungen

Impressum neobooks

1. Der Albtraum beginnt

Und so hatte alles begonnen …

Chip stand im Baumarkt. Das heißt, es war die Bauabteilung eines großen Kaufhauses. Er wanderte durch die Regalschluchten, suchte, sah sich seine Liste immer wieder an und strich ab, was er bereits in den Wagen gelegt hatte. Manches lag unten auf dem Rolli, weil es zu sperrig war. Die Bretter zum Beispiel, die waren zu lang. Er wollte nichts vergessen. Auch keinen Nagel. Er grinste. Ein Kumpel hatte ihm einen kleinen Lieferwagen geliehen. Abends wollte er diesen wiederhaben. So konnte er alles ohne Probleme transportieren. Ein Mainstream-Titel dudelte aus den Lautsprechern, der bestimmt die Kauflust steigern sollte. Dazwischen gab es Ansagen, Durchsagen, die neusten Angebots-Anpreisungen. Aktionen, die von der Kundschaft unbedingt beachtet werden mussten. Einmalige Sparangebote und Dinge, die jeder unbedingt erwerben sollte. Bis zum Abend musste er auf jeden Fall alles erledigt, ausgeladen und gemanagt haben. Das war ohne Probleme zu schaffen. Schließlich verfügte er über die nötige Energie. Er war zufrieden mit sich.

Einiges von dem Material war für den Umbau des Nebengebäudes bestimmt: die Bretter, Leisten, Laminat, Farbe, Kleinmaterial, Verputz und mehr. Sie waren daran, so etwas wie Pensionszimmer und eine kleine Wohnung zu gestalten. Gîtes. Praktisch, wenn sie Kunden, Freunde oder Hilfesuchende für eine Weile beherbergen wollten. Sie hatten festgestellt, dass es ein Bedürfnis gab und es sehr nützlich sein konnte. Natürlich gab es Zimmer genug in der Villa selbst. Doch etwas Absonderung war manchmal nicht das Schlechteste. Alle, die es mit ihnen zu tun bekamen, wollten sie nicht privat unterbringen und einige von ihnen waren bestimmt selbst lieber etwas für sich. Und wer wusste schon, wozu solche Zimmer und die Wohnung sonst noch gut sein konnten.

Marthe störte sich zwar nicht an den Gästen, aber ihm selbst war es wichtig geworden, dass sie ihre Privatsphäre behielten. Es gab bei ihm Zeiten, in denen er genug hatte, sich zurückziehen, Atem holen oder Dampf ablassen musste. Mit jedem Fall, den sie bearbeiteten, schien sich dieses Bedürfnis zu verstärken. Oh Schreck! Was bedeutete das? Wurde er alt? Er schmunzelte bei dem Gedanken. Wohl eher nicht. Aber jeder Fall hinterließ seine Spuren und manchmal waren die Geschichten ziemlich krass gewesen.

Die Materialliste war sorgfältig zusammengestellt. Marie hatte einige Wünsche dazu geschrieben. Er versuchte gerade einer dieser Zeilen zu entziffern und dachte daran, wie sie einander nachgerannt waren, als er ihre Schrift kopfschüttelnd bemängelt hatte. „Marie! Du musst lernen, leserlicher zu schreiben.“ „Oder du das Lesen.“

„Na dann schau mal. Hier. Das ist die reinste Mediziner-Handschrift. Was heißt das denn? Ich entziffere ‚Malusdirsel‘ … So wird das nichts. Das ist schluderig hin gekritzelt Madame.“ „Zeig her. Ich stoße dich gerne mit der Nase darauf. Wo bleibt deine Fantasie?“ „Ja die braucht man dazu. Aber wenn ich dann mit meiner Fantasie etwas Falsches liefere, kriege ich aufs Dach.“ „Angst?“

„Vor dir kleiner Furie bestimmt ja. Was heißt das nun? Das ist echt nicht zu entziffern. Und wenn ich rate, ist es bestimmt falsch. Außerdem schweift meine Fantasie gerade in andere Gebiete.“ „In welche denn?“ Er grinste herausfordernd und ließ seine Augen vergnügt blitzen. „Rate mal.“ „Ratespiele oder Entziffern? Entscheide dich.“

Sie packte ihn im Haar, als sie bei ihm war und zog ihn näher an sich heran. „Motzbruder!“ „Wie? Das heißt Motzbruder? Wo kriege ich das in dem Kaufhaus? Aua! Nicht! … Grobes Weibchen. Lass meinen Hintern in Ruhe.“ „Ich mag den aber.“ „Aber doch nicht hauen.“ „Was denn? Bei dir muss man energisch sein. Was soll ich deiner Meinung nach damit anstellen?“ „Was wohl! Verwöhnen.“

Er grinste breit, als er sich an die Folgen dieses neckischen Disputes erinnerte. Oh ja, er spürte sie, ihre… Nein! Nichts da. Er durfte jetzt hier nicht zu sehr in die Erinnerungen eintauchen. Konzentration! Allerdings machte ihm diese Zeile Mühe. „Oh, deine Schrift kleine Marie … Arg.“ Was hatte sie gesagt, was es hieß? Ach ja, jetzt wusste er es wieder. „Malerpinsel“

Er lachte laut und machte einem, der kopfschüttelnd an ihm vorbei latschte frech eine lange Nase. Wenn der wüsste, warum er gerade so vergnügt war. Er lachte wieder. Der drehte sich um und musterte ihn ärgerlich, überlegte sich bestimmt, ob er etwas gegen ihn unternehmen sollte. Warum? Chip suchte nach einem Schild „Lachen verboten“ und wurde natürlich nicht fündig. Ihn focht das nicht an. Im Gegenteil, er wiederholte die lange Nase. Wenn der meinte, sich über alles und jeden ärgern zu müssen, war das dessen Problem. Er dachte viel lieber wieder an Marie. Sie waren beide schon etwas verrückt. Er konnte sich auf jeden Fall keine andere Frau an seiner Seite vorstellen, die es mit ihm ausgehalten hätte.

„Was soll das werden?“ Der Mann stand auf einmal unvermittelt vor ihm. Er war nicht klein, nein, eher sehr groß, hatte dunkle Stoppelhaare und hochgezogene Augenbrauen. Chip grinste. „Och nichts. Mir war danach.“ „Unverschämt oder?“ „Ja, ein bisschen.“ „Weiter haben Sie dazu nichts zu sagen?“ „Nein.“

Er wandte sich grinsend ab, ging ein paar Schritte und dachte dabei nach. Nicht über den Kerl. Über Marie. Es gingen ihm da so einige Gedanken durch seinen Wirrkopf. War es nicht vielleicht Zeit, sie offiziell zu fragen, ob sie den Rest des Lebens mit ihm verbringen wollte? Seit wann war er so einer? Seltsame Überlegungen … Er wurde angestoßen. „Aber ich habe noch etwas dazu zu sagen. Ihnen sollte jemand Manieren beibringen.“ „Also, mein Herr, ich habe anderes zu tun, als Ihnen zu lauschen oder Ihre Ansichten mit Ihnen zu erörtern. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Nehmen Sie solche Dinge lockerer, dann geht es Ihnen besser.“

Er schob seinen Rolli um die nächste Regalecke. Er musste jetzt über das nachdenken, was ihm in den Kopf geraten war. Das war wichtiger als ein Gerede über fehlende oder notwendige Manieren. Dass er die nur hatte, wenn er es wollte, wusste er schon lange. Und ändern daran würde er gar nichts. Dass er manchmal zu frech war auch. Manchmal fing er sich dadurch eine ein. Na und? Es gab Wesentlicheres. Er blieb wie er war. Wem das nicht passte, sollte Bogen um ihn machen. Zu akzeptieren hatten es andere auf jeden Fall. Er passte sich nicht an. Und wenn sie motzten, er solle erwachsen werden, zuckte er die Schultern. Sollten die machen, was sie Lust hatten. Das war sowieso wieder eines dieser Allerweltsworte.

Wie kam er auf solche Gedanken wie eben? Sie mussten nicht heiraten, um zusammen zu gehören. Das war bei ihnen noch nie ein Thema gewesen. Und wenn sie es sich wünschte? Sie hatte nie etwas in der Richtung angedeutet. Mit Andeutungen konnten Männer generell nicht viel anfangen. Bei ihm war es besser, gerade heraus zu sagen, was Sache war. Sie hatte nicht – er erinnerte sich an nichts derart – und sie wusste schließlich mit ihm um zu gehen. Er verstand seine merkwürdigen Gedankengänge nicht. Was war mit ihm los? Wünschte er es sich? Er schüttelte den Kopf. „Ich will dich nie verlieren Marie!“

'Nie mehr' waren kräftige Worte. Es gab keine Garantien. Die Gedanken in ihm waren wohl wieder aus Unsicherheiten in ihm entstanden – geboren. Er wunderte sich. Was hatten sie nicht schon alles erlebt, seit sie sich begegnet waren. Wenn er einer Frau vertraute, dann Marie. Wenn er es sich mit jemandem vorstellen konnte, dann mit ihr. Seit er in der Detektei arbeitete, begegnete ihm mehr als zuvor: Schicksale, Gefahren, Geheimnisse, Bedrohungen. Auch wenn er unternehmungslustig war und es für ihn ideal war, so zu arbeiten; auch wenn er wild war, viel wagte, Tote um sich herum mochte er nach wie vor nicht. Es war sehr seltsam, wohin seine Gedanken schweiften. Sie waren gerade an nichts Gefährlichem dran. Zu viele Grübeleien. Eindeutig. "Konzentriere dich auf deinen Einkauf Chip", sagte er sich selbst.

Chip sah auf, um sich erneut zu orientieren, wo er das nächste auf seiner Liste finden konnte. Gut sichtbare Schilder wiesen ihm den Weg durch das Labyrinth der Waren, die immer mal wieder umgeräumt wurden. Wozu? Die Frage konnte er sich gleich selbst beantworten. Es ging darum, dass die Kunden, auf ihrer Suche nach dem, was sie haben wollten, auf anderes stießen, das sie neugierig werden ließen. Das war Strategie.

***

War da nicht etwas? Ein Laut. Ein Gefühl. Beklemmung. Enge. Er wachte langsam auf. Das Atmen fiel ihm schwer, so als läge etwas auf ihm. Sein Schädel brummte. Hatte er zu gründlich gefeiert? Er war sich zwar keiner Feier bewusst, aber vielleicht war es etwas Spontanes gewesen. Irgendwie war alles im Nebel, unklar, mehr noch, wie ausgelöscht. Er besoff sich nicht bis zur Ohnmacht. Und das letzte Mal, dass er zu viel hatte, lag weit zurück.

Je wacher er wurde, je mehr Bewusstsein in ihn zurück drängte, desto mehr Schmerzen tauchten auf. Nicht nur sein Kopf schmerzte. Nicht sehr ermutigend unter diesen Umständen aufzuwachen. Er nahm seinen Körper wahr und je deutlicher dies geschah, je weniger gefiel es ihm. Was hatte er angestellt? Es fühlte sich an, als habe ihn jemand verprügelt. Er erinnerte sich jedoch an keinen Streit. Noch erinnerte er sich an gar nichts. Er musste eines nach dem anderen sortieren. Noch kriegte er nicht einmal die Augen auseinander. Sie schienen verklebt wie bei einer Entzündung oder so, als habe ihm jemand etwas hinein gesprüht. War es das? Nein, da war nichts.

Die Stimme, die er nun von irgendwo her vernahm, gefiel ihm am allerwenigsten. Er versuchte ruhig Atem zu holen, während die unangenehme Stimme in seinem Kopf zu dröhnen schien. Sie war nicht laut, aber sie drang tief ein. Vor allem mochte er sie nicht. „Bist du endlich wach?“

Bekannt war sie ihm nicht. Ob er wach war, wusste er nicht mit Sicherheit. Er fühlte sich zu seltsam – unwirklich. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Albtraum? He, wenn ja, dann bitte richtig wach werden lassen! Nein, das war wohl leider kein Traum. Er wusste keine Antwort und schwieg. Außerdem war er nicht sicher, ob er reden konnte. Sein Mund fühlte sich taub an, und da war ein pelziger Geschmack. Ihm fiel etwas ein. Hatte ihm jemand nicht eine Spritze in den Körper gerammt? Ihm war so. Die Stimme redete zufrieden. Richtig vergnügt klang sie. „Und? Wie gefällt dir das?“

Was denn bloß? Er sah doch nichts, zum Donnerwetter! Die Augen waren zu. Als hätte jemand Leim darüber gegossen. Mehr als ein Lichtschimmer drang nicht durch die Lider, durch die Wimpern. Das reichte nicht zur Beurteilung der Umgebung und der Situation.

„Du wirst Angst kennen lernen. Große Angst. Und Demut lernen wirst du.“

Wie bitte? Was für Ankündigungen! Erfassen konnte er das Gesagte nicht, geschweige denn verstehen. Und diese Worte passten nicht in sein persönliches Vokabular, nicht zu seiner Persönlichkeit. „Ich werde dich brechen. Sanft oder hart, je nach deinem Verhalten und der Notwendigkeit.“

Das Plappermaul musste verrückt sein. Was für einen Schwachsinn gab der da von sich.

„Ich werde deinen Willen unter meine Kontrolle bekommen. Es hängt von dir ab, wie lange das dauert und wie schmerzhaft es wird. Aber ich bestimme die Gangart, die Art und Weise. Alles. Es liegt in meiner Macht. Ich breche dich, bis du eine Marionette geworden bist und das tust, was ich von dir verlange.“

Der Blödsinn war ja zum Mäuse melken. „Darauf kannst du lange warten“, dachte er und versuchte, sich zu erinnern, was das hier zu bedeuten hatte. Alles wirkte verschwommen. Sein Gesicht brannte. Da musste er aber eine Menge eingesteckt haben. Etwas war hier ober faul. Und dann noch die Stimme, die so einen hohlen Mist von sich gab. „Du kommst nicht mehr frei, bis du mein gehorsames Produkt geworden bist.“ Damit war schon einmal klar. Er musste ein Gefangener sein. Merde! „Bis du dich selbst aufgegeben hast.“

Das wurde immer krasser. Konnte der sein Maul nicht endlich halten. War da ein Knopf, mit dem der Dreck abzuschalten war? Mieses Programm das alles. Aber nein, das Programm lief munter weiter. „Bis jede Sicherheit in dir verloren ist, nur noch die Angst dich beherrscht. Keiner wird dich finden. Vergiss gleich, dass Hilfe kommt und deine Lage beendet. Das wird nicht geschehen. Füge dich in dein Schicksal und es wird leichter für dich.“ Donnerwetter nochmal! Er fügte sich keinem Schicksal und schon gar keinem Doof. Wer war er denn!

„Wenn du dich wehrst, leidest du. Mir macht es Spaß, wenn du diese Option wählst. Ich nenne dir nur deine Möglichkeiten. Was du daraus machst, hängt von dir ab.“ Könnte der nicht einmal normal reden?

„Dich zu töten, ist mir zu langweilig. Du bist groß, stark und bestimmt widerstandsfähig. Es macht mir mehr Freude, dich auf diese Weise zu verändern, wie ich es dir beschrieben habe. Davon habe ich etwas. Das andere geht zu schnell. Dein Tod hätte mir nicht gereicht. Ein zu kurzes Vergnügen für mich.“

Das durfte alles nicht wahr sein. Was sollte das? Wie war es dazu gekommen? Der Kerl lachte irre. Eine unangenehme Gänsehaut überzog Chips Körper. Es fror ihn. Und wieder ein solches Lachen. „Ja! Wie schön! Du spürst es. Ich sehe es. Was für ein Genuss. Du reagierst darauf. Oh ja. Du wirst leidend mein Geschöpf. Es ist gut, dass ich dich nicht wie die anderen ausgelöscht habe. Schau, sieh es positiv. Du wirst ein großes, für dich ungewohntes Erlebnis haben. Angst in ihrer ergreifendsten Form, in einer Kunstform. Ja, ein Kunstwerk.“ Er steigerte sich richtig in seine Begeisterung hinein – in seinen Eifer.

„Und ich werde eines haben, das ich mir nur wünschen kann. Ich liebe es, ich brauche es. Die Macht mit dir tun zu können, was immer ich will und wann ich es will. Ich bestimme alles. Du nichts mehr.“

War der völlig am Abheben? Schrecklich. Was sollte das alles? Seine Einbildung war enorm. Sollte er seine Spielchen spielen mit wem er wollte, am besten in seiner Fantasie, aber doch nicht mit ihm. Vor allem konnte der allmählich sein Gelaber einstellen und aufhören, sich auf seine Kosten zu amüsieren.

Irgendwie konnte er sich nicht richtig bewegen, abgesehen vom eingeschränkten Sehen. Aber er war aufrecht. Wie stand er denn? Das musste die Wirkung der Injektion sein. Noch sah er weder klar, noch verstand er etwas. Es ging ihm nur alles auf den Senkel. Er wollte nach Hause und nicht hier seine Zeit vertrödeln. „Du kannst mich mal“, dachte er bei sich. Er war sich nicht sicher, ob er das nicht eben laut gesagt hatte, denn die Stimme veränderte sich, verlor das Freundliche und Amüsierte, das Verträumte. Sie wurde bedrohlich.

Wieder schauderte es ihn. Chip begann in seinen umnebelten Gedanken zu ahnen, mit wem er es zu tun hatte. Das war nicht beruhigend. Diesmal lachte der Kerl nicht. Er schien sich in seine Wut hinein zu steigern. „Du bist schuld. Darum bist du hier! Du hast mir Emily entfremdet, sie mir genommen. Du hast unterbrochen, was auf gutem Wege war.“

Die Ahnung wurde gewisser. „Du hast sie wieder stark werden lassen. Du hast damit angefangen. Sag nicht, sie war das alleine. Nein! Du warst es. Du hast ihr ihren Willen zurückgegeben und sie meiner Kontrolle entzogen. Sie ist für mich verloren. Dafür nehme ich dir alles. Du wirst es büßen. Ich bestrafe dich und du wirst es bedauern, dich eingemischt zu haben.“

Daher wehte der Sturm. Das also war dieser Unbekannte. Das war der, der Leute verschwinden ließ. Es wurde ihm klar. Es war der, der tötete und jemanden fürchterlich zurichtete, der … Nun zischte er es. „Leiden! Schmerzen! Angst vor jedem kleinen Geräusch, vor jeder Minute, vor jeder Stunde, vor jedem neuen Tag und den Überraschungen der Nächte! Angst vor jedem kleinen Flüstern, vor jedem Wort, vor der Stille, vor jedem Lichtschimmer, der in den Raum fällt, wirst du haben! Angst für dich! Befriedigung für mich!“

„Aus welchem Irrenhaus bist du denn entwichen? Was für ein perverser Spinner bist du?“ krächzte er endlich aus seinem trockenen Mund, aus der kratzenden Kehle. Ein scharfer Schlag auf seinen Rücken ließ ihn sogleich nach Luft schnappen. Ketten klirrten.

Ketten? Himmel nochmal! Schwere Ketten. Sie mussten an ihm sein. Er riss die Augen endlich gewaltsam auf und stöhnte vor Schmerz, weil das Licht wie ein Messer direkt in seinen Kopf einzudringen schienen. Aber er musste sehen, was hier los war. Er musste sich endlich orientieren. Und eigentlich hatte er überall Schmerzen. Nun war er ganz wach, spürte alles, roch alles und sah. Was er sah, war unschön. In diesem Moment wünschte er sich den Dämmerzustand zurück. Doch sein Überlebenswillen und der Bewegungsdrang gewannen die Oberhand. Er war keiner, der sich in ein Schicksal ergab. Oh nein! Das hier gab es doch einfach nicht. Es musste ein Albtraum sein.

Schmutz war das erste, das offensichtlich war; kahle Stein- und Betonwände, Gitterstäbe, Eisen, in der Höhe, sehr weit oben ein kleines vergittertes Licht. Es sah nach Keller aus und doch nicht. Ein Lagerraum, der etwas tiefer lag. Wo war er gelandet? Es stank. Er wollte sein Gesicht berühren, aber er kriegte seine Hände nicht da hin. Sie wurden gehalten. Von Ketten? Ja, er war auf eine perfide Art angekettet. Er hatte Eisen an den Handgelenken, und er spürte sie auch an den Fußgelenken. Auf diese Weise hing er an straffen Ketten in der Mitte eines … Käfigs. Wut packte ihn. Einer wagte, so etwas mit ihm zu machen? Darum war er aufrecht weggedämmert.

Über ihm und unter ihm, soweit er das sehen konnte, waren Eisenringe in die Decke und in den Boden eingearbeitet. Er war in Ketten hilflos allem ausgeliefert. Himmel nochmal, so etwas konnte man mit ihm nicht machen! Die Wut darüber überdeckte alle Schmerzen. Er versuchte, an sich herunter zu sehen. Das ging aber nur eingeschränkt. Er hatte außer seinem Slip nichts mehr an. Auf seiner Haut verteilt sah er jede Menge an Striemen. Keine Wunden, aber sonst eindrückliche Blutergüsse. Kein Wunder, dass ihm alles wehtat. Er versuchte, seine Erinnerung in Gang zu bekommen. Noch gelang es nicht richtig. Zum Donnerwetter! Er regte sich auf. Er zerrte an diesen verflixten Ketten, wütend, kräftig, versuchte es immerhin und kriegte nochmal eins ab. Der war immer noch da. Wieder lachte er – boshaft vergnügt. „Genau. Nun hast du es erfasst. Das ist deine Lage, deine Situation, in der du dich befindest, Fabien Voizinet!“

Die Erinnerung daran, wie er überwältigt worden war, kam zurück. Aus Tropfen wurde ein Strom. Das hier lief eindeutig falsch. Vorerst war er mehr als dumm dran. Erst einmal abwarten, seine Kräfte und das volle Bewusstsein wiederfinden und mit diesem dann Fluchtmöglichkeiten erkunden. In Ruhe, nicht hektisch unüberlegt, was meist zu keinem Ergebnis führte. Erst wenn er wieder dazu fähig war. Für alle Ewigkeit konnte der ihn nicht so hängen lassen. Oder doch? All seine tollen Pläne konnte sich der Kerl sonst wo hin stecken oder schmieren. Mit ihm nicht auf so eine Weise. „Also Junge, erst mal ruhig bleiben, nachdenken, Lage genauer peilen, beobachten. Handeln, sobald es erfolgreich geht“, sagte er zu sich selbst. Er war kein harmloses Lamm.

Er tat so, als ergebe er sich vorerst. Weitere Optionen hatte er nun ja nicht, so wie er es einschätzte und um in dem Ton zu bleiben, wie sich der Irre ausdrückte. Ein Studierter? Ach, das konnte ihm doch egal sein, selbst wenn der einen Hochschulabschluss hatte. Mann oh Mann. Nein, das stimmte nicht. Er musste auf alles achten. Und so hörte er auch, dass der sich entfernte, hörte seine Schritte, während er die kahlen Wände ansah. Es schloss sich jedoch keine Türe. Ganz los war er ihn vermutlich nicht. Auf einmal spürte er, dass die oberen Ketten gelöst wurden. „Ein Mechanismus außer Reichweite also.“

Seine Situation war echt beschissen. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Wie er merkte, hatte er kaum Kraft in sich. Er fiel dem Boden entgegen. Auch das war schmerzhaft. Und so konnte er ein Aufstöhnen nicht verhindern. Er blieb zusammengekrümmt auf einer Seite liegen. Es war ihm speiübel und er bekämpfte als erstes den Würgedrang. Er wollte dem Kerl nicht den Gefallen tun zu kotzen. Vermutlich machte der Kreislauf schlapp. Es gab an ihm keine einzige Stelle, die nicht schmerzte. Er versuchte ruhig und tief durchzuatmen. Auch die Ketten an den Füssen hatten sich gelockert. Er bewegte einen Fuß nach dem anderen, die Arme. Es schien nichts gebrochen zu sein. Diesmal bellte die Stimme einen Befehl. „Bleib genauso! Wage es nicht, dich umzuschauen!“

Chip reagierte automatisch mit dem Gegenteil. Er war noch nie williger Befehlsempfänger gewesen. Diesmal hätte er es wohl doch besser beachten sollen. Ein paar kräftige Hiebe hintereinander trafen ihn. Tränen traten ihm in die Augen. Wut über diese Behandlung, über die Hilflosigkeit und der Schmerz selbst lösten das aus. Allmählich war es genug. Wieder dieses böse Lachen.

Beinahe gleichzeitig legte der Kerl sage und schreibe eine Decke über ihn und entfernte sich wieder. „Ruh dich aus. Ich will, dass du bei Kräften bleibst. Wenn du schon jetzt schlapp machst, habe ich nichts davon.“

Wie gnädig. Nein, es war nicht gnädig. „Ich will mich nicht mit einem Halbtoten beschäftigen. Das macht mir keinen Spaß. Ich will noch lange meinen Spaß. Du hast in dem Käfig hier alles was du brauchst. Alles außer deiner Freiheit!“ Gackerndes Lachen.

„Solange du so störrisch bist wie dich alle kennen – und ich liebe es, wenn du das bist und bleibst – solange du so schön ungezogen bist, bleiben die Ketten dran. Bei dir gehe ich kein Risiko ein. Ich weiß wie stark du bist. Nicht nur körperlich. Doch ich verspreche dir, ich finde deine Schwachstellen, egal wie lange das dauert. Hier in deinem Bereich kannst du dich trotz der Ketten frei bewegen. Lerne und es wird für dich einfacher. Bleib stur und es wird schwerer. Deine Entscheidung. Obwohl – sicher sein kannst du dir nicht. Nie. Wenn ich es mir anders überlege, töte ich dich. Vielleicht ja, vielleicht nein. Und wenn: schön langsam.“ Er lachte wie über einen gelungenen Witz. Chip hatte keine Lust mitzulachen.

„Ich genieße es doppelt, wenn du nicht lernst.“ Endlich verschwand er und diese hirnverbrannten Reden hatten ein Ende.“

Nach einer Weile versuchte sich Chip etwas zu drehen und sich aufzurichten. Der Boden war kalt und rau. Die Schmerzen verhinderten vorerst Weiteres. Sein Kreislauf normalisierte sich nur sehr langsam. Bei der geringsten Bewegung schnappte er nach Luft. Da war er in eine mehr als dumme Lage geraten. Das musste dieser Unbekannte sein, von dem Emily geredet hatte. Es war mit Sicherheit der Irre, der für das Verschwinden einiger verantwortlich war und für die schlimmen Verletzungen von Roberto, für all die perversen Grausamkeiten. Und er war nun ausgerechnet dem hilflos ausgeliefert. Keine schöne Aussicht.

Leider hatte ihr lange niemand geglaubt, es als Hirngespinst und Verfolgungswahn abgetan. Mit der Zeit hatte ja Emily selbst geglaubt, es könnte ihren Ängsten entsprungen sein. Sie zweifelte schnell an sich. Doch das hier war sehr real. Es lief gründlich schief. Er hatte der jungen Frau geglaubt, sie ernst genommen, sie dadurch etwas stärken können. Das warf der Kerl ihm vor, denn das war nicht in dessen Sinne. Er hatte seine Pläne durchkreuzt.

Irgendwie musste Chip da wieder rauskommen und zwar lebendig. Was auch immer ihm bisher begegnet war, in welche Situationen er geraten war, er hatte immer Auswege gefunden. Einfach hinnehmen kam für ihn sowieso nicht in Frage. Aber wie fing er es an? Wenn er seine Lage analysierte, fand er darauf noch keine Antwort. Welche Möglichkeiten gab es und welche Strategien versprachen Erfolg? Zuerst musste er wieder einigermaßen auf den Beinen sein, bevor er auch nur fähig war, Pläne zu schmieden.

Sein Denkvermögen war in seinem jetzigen Zustand zu eingeschränkt. Er war zu erschöpft, um Lösungen seines Dilemmas zu finden. Seine Kraft brauchte er, um die Schmerzen zu ertragen. Und dabei hatte alles so harmlos begonnen.

Die Fortsetzung der Geschichte mutierte allerdings zur Hölle. Voraussehen hatte er das nicht können. Er erinnerte sich wieder an den Unfall – eher ein Überfall – der ihn in diesen Käfig gebracht hatte. Er hatte keine Chance gehabt. Er war nicht unvorsichtig gewesen, wie es manchmal vorkam. Voraussehen war in dem Fall nicht möglich gewesen - auch nicht während des Geschehens etwas Gescheites dagegen zu unternehmen.

Mit seinem Motorrad war er unterwegs nach Hause gewesen. Nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Wie aus dem Nichts, aus einem unscheinbaren Feldweg heraus, war ein Kastenwagen geschossen gekommen. Auch wenn Chips Reflexe gut waren und das allerschlimmste verhindert hatten, auch wenn er verstand zu fallen, hatte es ihn erwischt. Er erinnerte sich an das Aufheulen eines Motors, an keine Bremsgeräusche. Nun wusste er ja, dass es Absicht gewesen war. Auch wenn er etwas ausgewichen war, hatte ihn ein Stoß erwischt und er war hin geschliddert. Einer stieg aus. In dem kleinen Moment, in dem er noch belämmert war und geglaubt hatte, dass der nach ihm sehen wollte, um ihm zu helfen und er selbst sich seelisch vorbereitete, dem Kerl die Meinung zu seiner Fahrweise zu sagen und er die Maskierung wahrnahm, schwante ihm zwar Unheil, aber es war zu spät. Er kriegte eins über den Schädel. Womit sah er nicht und tauchte weg.

Als er in dem Kastenwagen zu sich kam, gefiel ihm das alles gar nicht mehr und er versuchte sogleich, da hinaus zu kommen. Doch ehe er richtig da war und im Vollbesitz seiner Kräfte, hielt der Blödmann schon an. Er fesselte ihn trotz Gegenwehr. Alles ging zu schnell oder er war zu langsam in seinen Reaktionen. Der Kerl trug eine Vollmaske und dunkle Kleidung – diesen schwarzen Overall, den er noch immer trug – war sehr groß und schien kräftig zu sein. Chip sah nur seine Augen glitzern. Seine Karten waren schlecht. Der sprach da noch kein Wort im Gegensatz zu später, wo er mit seinen Reden kaum noch aufhören konnte.

Als erstes wurde er, irgendwo angekommen, in eine Halle gesperrt. Es schien eine alte verlassene Fabrikhalle zu sein, in der allerlei Unrat und Überreste lagen. Stapel alter Fässer und Kisten, schiefe Regale mit deutlichen Rostspuren an den Metallen. Metallteile die herumlagen oder auf einen Haufen geworfen worden waren. Zerschlagene Fenster, zum Teil mit Pappe ersetzt. Eisenarmierungen, die aus eingebrochenen Mauerstücken ragten. Es war kein gemütlicher Ort. Der lag schon eine Weile brach.

Da wurde er festgebunden und der Kerl schlug immer wieder auf ihn ein, bis er das Bewusstsein verlor. Als er erneut daraus erwachte, rammte der ihm eine Spritze in den Körper. Chip tauchte vollständig ab.

Das Endresultat von alldem war seine momentane Lage. Er hatte diese Gefahren nicht kommen gesehen, obwohl er es sich nach allem was geschehen war, hätte denken können. So ein Mist aber auch! Ließ er nach? Mit all diesen Gedanken schlief er auf dem kahlen Boden erschöpft ein.

2. Emily

Da stand er in dem Baumarkt und sah sie über die Liste hinweg - eine junge Frau mit dunklen Haaren, die sich lockig bis über die Hälfte ihres Rückens kringelten.

Daran war nichts Außergewöhnliches und wäre ihm nicht weiter aufgefallen, wenn er nicht bemerkt hätte, wie sie da stand. Angespannt von Kopf bis zu den Füssen, wie gelähmt, unbeweglich und doch zitternd. Sie schien voller Angst. Auch ihre weit aufgerissenen starren Augen zeigten es. Sie stand da zwischen den Regalen, und er versuchte heraus zu sehen, was sie so verschreckte. Er fand nichts. Sie wurde wie von einer unsichtbaren Macht festgehalten. Es musste vor allem in ihrem Inneren stattfinden. Sie war schneeweiß im Gesicht und konnte sich offensichtlich nicht von der Stelle rühren. Es war mehr als Angst. Sie war in Panik. Der Grund war für ihn nicht ersichtlich. Aber die Angst schien real. Er fragte sich, ob er etwas unternehmen sollte oder nicht. Er betrachtete sie. Manche begannen zu schreien, toben, andere mussten sich übergeben oder alles zusammen. Sie war wie gelähmt. Sie stand da, stumm, gefangen in ihrer Angst. Oft wurde so etwas mit Hysterie abgetan und mit mehr oder weniger gescheiten Sprüchen kommentiert, die nichts verbesserten.

Er konnte die junge Frau nicht einfach ihrem Schicksal überlassen und so tun, als wäre nichts weiter. Er musste versuchen, den Bann zu brechen. Vielleicht nach draußen helfen? Sie schien allein zu sein. Nein, er konnte sie nicht übersehen.

Leute huschten an ihr vorbei, einige schauten kurz hin und grinsten nur, andere schüttelten den Kopf, machten Bemerkungen, lachten. Einer motzte etwas von im Weg herum stehen. Er musste es vorsichtig angehen. Wenn er sie erschreckte, indem er sie aus der Starre befreite, konnte die Reaktion unangenehm ausfallen.

Schließlich war er ein völlig Fremder und ein Kerl dazu. Das konnte Grund genug sein, heftig zu werden. Er wollte nichts verschlimmern. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr spürte auch er ihre Anspannung. Es war ein Flitzebogen-Effekt, den er selbst nur zu gut kannte. Nicht wegen Panik, aber wegen Anspannung.

Chip verstaute seine Liste, auf der nur noch zwei Gegenstände abzuhaken waren, schob seinen Wagen mit etwas Mühe aus dem Weg. Er war im Verlauf des Parcours schwer und vor allem linkslastig geworden. Er ging zu ihr hin. Am besten fing er es mit einer harmlosen Frage an. „Kann ich Ihnen helfen?“

Gut. Das war ein profaner Satz, aber ein vorsichtiger Anfang. Fantasie war jetzt nicht unbedingt gefragt. Sie starrte weiter auf etwas und doch nirgends hin. Er wiederholte die Frage, sah sie an und drang durch, denn sie schüttelte den Kopf, aber schien weiter festgehalten. Was nun? Aufdringlich wollte er nicht erscheinen und so redete er ruhig mit ihr.

„Ich sehe, dass Sie Angst haben, dass Sie gegen die Panik ankämpfen. Oft hilft es, nach draußen zu gehen, hilft frische Luft. Ich helfe Ihnen. Dort beruhigen Sie sich, können Atem holen, dann wird es wieder gehen.“ „Ich … kann nicht.“ Er war durchgedrungen. Die Starre bestand zwar weiter, aber sie redete. „Es wird gehen.“ „Ich … sie … ich sehe sie nicht mehr, finde sie nicht. Und die Leute da sind … zu viele Leute. Meine Moni …“ Er wusste sofort, um was es ging. „Ein Kind?“ Sie nickte.

„Ihr Kind? Vielleicht hat sie etwas gesehen, das ihr gefiel und nicht darauf geachtet, dass Sie weitergingen.“ Wieder ein Nicken. „Ein kleines Mädchen. Sie ist erst Fünf. Ich kann sie nicht finden. Moni …“ „Ich finde sie. Atmen Sie ruhig durch. Ich finde sie. Wie sieht sie aus? Was hat sie an?“ „Dunkle Locken wie meine. Blaue Latzhosen, pinker Pullover.“ „Das hilft. Ich finde sie, versprochen. Kommen Sie, setzen Sie sich draußen hin und beruhigen Sie sich. Der Lärm, die Leute, die Lichter .. und Ihre Angst um die Kleine. Das ist zu viel. Sie müssen hier raus. Alles wird gut.“ Seine Stimme war sehr sanft. Sie nickte. „Zu viele Menschen.“

Er ahnte, dass ihr noch viel mehr zu schaffen machte als die Angst um das Kind. Das verstärkte jedoch alles. „Ja. Komm. Ich bringe sie dir. Versuche zu vertrauen. Ich tu‘ nichts Böses.“ Er versuchte, Nähe zu schaffen, doch er machte den Fehler, sie am Arm zu berühren, weil er sie führen wollte. Es war ein Reflex. Sie zuckte zusammen und wich zurück. Ihre Augen weiteten sich erneut und er nahm seine Hand sofort zurück. Sie ertrug Berührungen nicht. „Entschuldige. Komm, mach einen Schritt nach dem anderen, komm mit mir.“

Sie schien jünger als er zu sein. Das Gesicht hatte etwas Kindliches an sich. Durch das Du wollte er ein Gefühl der Vertrautheit erzeugen. „Sieh mich an. Schau mir in die Augen. Ich bin nicht gefährlich und ich will dich nicht bedrängen. Schau, ich mache für dich meine Fenster ins Innere meiner Seele - meine Augen - weit auf, damit du hineinsehen kannst. Ich bin Chip.“

Nun richtete sie ihre Augen langsam auf ihn. Er sah sie nur an, lächelte, und sie schien sich eine Spur zu entspannen. Ein Glück, dass er nicht zu erschreckend wirkte. Schließlich bewegte sie sich, ging noch unsicher mit ihm. Doch durch die Bewegung wuchs ihr Drang vor allen Menschen und Gefahren davon zu rennen. Sie wurde noch weißer und er war froh, als sie draußen ankamen.

Einen Moment würgte es sie, doch sie konnte es unterdrücken, setzte sich auf die Bank, die er ihr zeigte und versuchte ruhig und tief zu atmen, ohne sich dabei übergeben zu müssen. Sie wünschte sich in ihre vier Wände, in die Sicherheit ihres Zuhauses, aber sie musste auf Moni warten. Sie konnte Moni nicht hier lassen. Sie schloss einen Augenblick die Augen, war nicht weit von einem Zusammenbruch entfernt. Das aber hätte Rückschritt bedeutet. Es durfte nicht geschehen. Es kostete sie all ihre Kraft, der Panik nicht Raum zu geben. Sie dachte an die Übungen für solche Fälle. Er sah, dass es zu helfen schien. Schließlich bekam er das Gefühl, sie alleine lassen zu können.

„Ich gehe Moni suchen. Warte bitte hier auf uns. Okay?“ Sie schämte sich für ihre Panik, für all das, was ihr das Leben schwer machte. Es gab ihr das Gefühl, zu versagen, nichts wert zu sein. Dass es nicht so war, musste sie sich immer und immer wieder selbst einreden, damit sie Boden gewann. Sie nickte und er ging ins Kaufhaus.

Er ging zu der Stelle, wo er sie gesehen hatte, überlegte sich, was ein kleines Mädchen interessieren mochte und sah nicht sehr weit entfernt das Schild zu den Spielwaren. Das konnte es sein. Er ging zu den Regalen. Und in einer der Schluchten fand er ein Kind, das zu der Beschreibung passt und alleine zu sein schien. Er näherte sich vorsichtig, ging vor ihr in die Hocke, so dass er auf Augenhöhe mit ihr war und fragte sie freundlich. „Bist du Moni? Heißt du so?“

Sie sah ihn kurz an, schwieg, wandte sich wieder dem Regal zu. Es war das mit den Puppen unterschiedlicher Größe und Arten und eine ganze Reihe von Barbies. „Die gefallen dir was? Welche davon denn am meisten?“

Die Kleine streckte den Finger aus und zeigte auf eine Prinzessin-Barbie. Sie hörte ihn also, sie reagierte sogar. „Du willst nicht mit mir reden?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich sehe es. Aber Zeichen geben magst du. Dann habe ich eine Idee. Wir machen das so. Ich frage dich etwas und du nickst oder schüttelst den Kopf. Geht das so in Ordnung?“

Sie nickte. Er schmunzelte und die Kleine runzelte die Stirne. „Nein, ich lache dich nicht aus. Ganz bestimmt nicht. Bist du Moni?“ Nicken. „Weißt du, wo deine Mama ist?“ Sie sah sich um, hierhin und da hin und schüttelte dann den Kopf. Sie bekam traurige Augen, sah sich wieder um, wieder ihn an. Ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz. Er setzte sich einfach vor ihr auf den Boden. „Ganz ruhig Moni. Alles gut. Hör zu. Deine Mama sucht dich. Bist du schnell zu den Puppen gelaufen, weil du sie magst?“ Sie nickte, schaute sich wieder um, und eine Träne rann über ihr Gesicht.

„Nein, nein, nicht weinen. Sie macht sich Sorgen, ist nicht böse auf dich. Ich bringe dich zu ihr hin, dann ist alles wieder gut.“ Sie schüttelte den Kopf und begann nun richtig zu weinen. Oh je, was nun? „Du willst nicht?“ Wieder ein Kopfschütteln. „Was können wir da tun?“ Er streckte seine Hand aus, aber sie wich einen Schritt zurück. „Ich glaube, wir haben ein Problem. Ich weiß wo sie ist. Komm …“ Kopfschütteln. „Sie kann nicht zu dir kommen. Die vielen Leute machen ihr zu sehr Angst. Es geht ihr nicht gut.“ Sie nickte. Er musste sich etwas einfallen lassen. Er konnte und wollte sie nicht einfach unter den Arm klemmen. Erstens war das bei einem Kind nicht seine Art und zweitens wurde er am Ende wegen Entführung verhaftet. „Was tun wir?“

Moni zuckte die Schultern. Er lächelte. „Sehe ich für dich böse aus?“ Sie musterte ihn und schüttelte den Kopf. „Na immerhin. Aber du magst weder mit mir reden noch mit mir gehen.“ Er kratzte sich ratlos am Kopf. „Mama sagt, ich soll nicht.“ Sofort schlug sie sich mit ihrer kleinen Hand vor den Mund und schaute ihn erschrocken an. Chip schmunzelte. „Keine Angst, ich verrate dich nicht. Aber ich bringe dich zu ihr.“ Das wollte sie nicht.

„Aber sie möchte dich gerne bei sich haben. Und du willst doch bestimmt auch zu ihr. Kennst du dich hier aus? Nein.“ „Ich soll ohne Mama nicht mit Fremden reden und mit keinem mitgehen. „Das ist auch gut so. Da fällt mir eine Lösung ein. Ich gehe auf meinen Händen vor dir und du kommst hinter mir her.“ „Auf den Händen? „Ja. So gehst du nicht mit mir mit und ich geh ja auch nicht richtig. So finden wir zu deiner Mama und alles wird wieder gut. Was meinst du?“ Sie lachte. Das ging bei Kindern schnell in die eine oder andere Richtung. Es schien ihr zu gefallen. Sie nickte eifrig. „Gut. Aber bleib schön hinter mir und verlier mich nicht.“

Sie schaute ihm erstaunt zu. Er kontrollierte erst, ob niemand hinter ihm im Wege stand oder getroffen werden konnte, machte einen halben Überschlag. Mit diesem kam er auf seine Hände zu stehen, balancierte kurz mit den Beinen aus und los ging es auf diese unkonventionelle Weise.

So kamen sie bei der jungen Frau an, die ihr Kind erleichtert in die Arme schloss und sein Tun erstaunt musterte. Er stellte sich mit einem Schwung wieder ordentlich hin und blinzelte der Kleinen verschwörerisch zu. Einige, die beobachtend da gestanden hatten, applaudierten sogar. Schließlich setzte er sich zu den beiden auf die Bank. Die junge Frau sah ihn mit ihren hellblauen Augen an. „Danke." „Gerne geschehen. Sie hat sich übrigens daran gehalten. Sie ist nicht mit einem Fremden gegangen. Der latschte, wie du sehen konntest, auf den Händen und sie ist vorsichtig hinter her.“ Er lachte.

Nun lächelte sie und in ihren Augen erschienen kleine Sterne. „Ich bin Emily. Danke für deine Hilfe. Ein wenig verrückt bist du schon oder?“ „Nein. Nicht ein wenig.“ Er lachte wieder. „Sehr verrückt bin ich. Ist die Angst etwas abgeklungen? Sie war groß.“ „Ja.“ Sie verschloss sich gleich wieder. Doch die Kleine verhinderte, dass es ganz geschah. Sie fragte mit einem Seitenblick zu Chip. „Mama, ist er noch ein Fremder?“ Diesmal wurde er von ihnen beiden ausgiebig betrachtet. Emily schüttelte nach einer Weile den Kopf. „Nein Moni. Ich denke, Chip ist in Ordnung. Du darfst mit ihm reden.“

Er deutete eine elegante Verbeugung an und grinste. Doch Moni war nun sehr ernsthaft. Chip hatte sich gerade selbst gefragt, ob er das war, was Emily gesagt hatte. Moni erklärte ihm: „Weißt du, Mama hat manchmal ganz große Angst. Wenn ich kann, helfe ich ihr, dass es nicht zu schlimm ist. Wir haben uns lieb. Bitte schimpf nicht mit ihr. Sie ist nicht … Sie muss deswegen nicht von mir weggebracht werden. Manche sagen solche Dinge, aber das ist nicht wahr. Und ich will bei Mama bleiben. Ich will nicht zu anderen Leuten. Mama ist lieb zu mir.“

Chip war durch diese paar Sätze, die über ihre Ängste, den Alltag und die Leute um sie her viel aussagten, betroffen. Er sah die Verlegenheit von Emily, aber ging auf das Kind ein. „Da gibt es nichts zu schimpfen. Ich denke so wie du darüber.“ „Viele schimpfen und sagen gemeine Dinge. Dann muss Mami weinen. Das will ich nicht und ich bin böse auf diese Leute.“ „Ach Moni, wer das tut, weiß nicht viel und versteht nichts vom Leben.“ Sie nickte. Er redete nicht so dumm mit ihr wie manche meinten, es mit einem Kind tun zu müssen. Er sah Emily an, die auf ihre Schuhe starrte, ihn nicht mehr ansehen konnte. Es machte sie verlegen, aber sie ließ das Gespräch zu.

„Mich müsste man viel eher wegsperren als deine Mama.“ Er lächelte, weil sie ihn erschrocken ansah und wandte sich an Emily. „Du erträgst zu viele Menschen um dich her nicht?“ „Ja, und mehr“, kam es nur leise „Und damit zeigst du doch viel Mut und Kraft. Du gehst in einen Laden, trotz deiner Ängste.“ „Du hast ja gesehen wie mein Versuch endete.“ Ihre Stimme klang wie die eines im Netz gefangenen Vogels.

„Eine Ausnahmesituation, weil die Kleine auf einmal weg war. Das hat dich einen Moment überfordert. Das würde doch jeder Mama so gehen.“ Sie sah auf den Boden. „Ja … Ich … muss doch. Für Moni. Für sie tu ich alles, selbst wenn es manchmal sehr schwer fällt oder kaum geht. Sie ist alles, was ich habe. Sie muss Kind sein können.“

In dieser Antwort war so viel Liebe und Verzweiflung enthalten, dass es ihn berührte. Da sie einander nicht kannten, ging er jedoch nicht weiter auf ihre Probleme ein. Er wollte nicht aufdringlich erscheinen. Er mochte so etwas auch nicht. Aber er sah, wie müde sie war. Es hatte sie sehr angestrengt. „Soll ich euch nach Hause begleiten?“ Sie zögerte nur kurz. „Das würdest du tun?“ „Ja. Wenn du mir genug vertraust und du es noch einen Moment hier aushalten kannst. Ich beende schnell meine Einkäufe, lade sie in meinen Wagen und gehe dann mit euch.“ „Wir warten.“

Chip eilte hinein. Er suchte seinen Wagen, schnappte sich die Leisten und die Rolle Tapeten, die noch gefehlt hatten, ging rüber zu den Spielwaren und packte die Prinzessen-Barbie mit in den Wagen. Die hatte Moni so gefallen. Er ließ sie an der Kasse in Geschenkpapier einpacken. Er hatte nicht wiederstehen können und hoffte sehr, dass es nicht falsch aufgefasst wurde. Er gab Emily das Päckchen und flüsterte ihr zu: „Eine kleine Freude für die Kleine. Ganz spontan und ohne Hintergedanken.“

Er hatte soweit alles erledigt. Sein Fahrzeug konnte da noch einen Moment stehen bleiben. Er wurde aufmerksam und mit Staunen im Blick betrachtet. „Danke. Du bist schwer einzuschätzen Chip.“ Noch einmal betrachtete sie den Mann von oben bis unten und schien tatsächlich nicht so recht zu wissen, was sie da für einen vor sich hatte. Als sie losgingen, beschäftigte ihn das Gesagte weiter. „Warum? Warum siehst du das so?“

„Du bist ein schöner Mann. Die meisten, die wie du aussehen, die so selbstbewusst sind, haben eher wenig Einfühlungsvermögen und keine Geduld mit anstrengenden Menschen.“ Er blieb stehen. „Du gibst etwas auf Klischees?“ „Tun wir das nicht alle mehr oder weniger?“ „Ich eher weniger. Und ich hasse es eingeordnet zu werden.“ „Du wirst es trotzdem.“

Sie wurde auf einmal rot und senkte den Blick. „Chip, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Ist schon ok. Und … ich bin selbst anstrengend und froh, wenn jemand nicht gleich schreiend die Flucht ergreift.“ Dazu grinste er schelmisch. „Und wie ich aussehe … ja, das weiß ich.“ Er lachte.

Durch dieses Lachen entspannte sie sich. Es war nicht weit bis zu ihr hin, aber selbst diese kurze Strecke kostete sie ihre letzte Kraft. Die Ängste beeinträchtigten ihr Leben sehr. Wodurch wurde das ausgelöst oder was hatte es bei ihr ausgelöst? Er wollte sich schlau machen. Er wusste, dass er sie nicht fragen durfte. Es ging ihn nichts an.

„Alleine hätte ich es heute nicht geschafft.“ Sie wandte sich etwas ab, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sah. Doch er wusste es und wagte nun doch eine heikle Frage. „Hast du professionelle Hilfe?“ „Ich bin nicht verrückt“, kam es sogleich heftig von ihr. „Nein, das sagte ich nicht und das denke ich nicht. Ich dachte, ich hatte das zuvor schon klar ausgesagt.“

Sie atmete schnell, doch sie versuchte sich zu beruhigen. Das nahm etwas Zeit in Anspruch. „Entschuldige Chip, ich wollte dich nicht angreifen. Es ist nur … automatische Reaktion. Ich muss mir zu oft anhören – wie Moni es schon andeutete – dass ich nicht richtig im Kopf bin, dass ich in die Klapse gehöre, dass jemand wie ich nicht auch noch ein Kind haben sollte und überhaupt völlig überflüssig auf der Welt sei.“ „Wer redet solchen Scheiß?“ Er regte sich auf. „Liebe Mitmenschen und Familienmitglieder.“

„Ignoranten! Viele verstehen nichts und wollen sich gar nicht damit auseinander setzen. Sie blöken Parolen vor sich hin oder Sätze, die sie irgendwo aufschnappen. Gelaber! An denen musst du dich nicht messen. Zugegeben, ich weiß wenig darüber. Aber ich werde mich auf meinen Hintern setzen und es studieren, weil ich dem begegnet bin, weil ich dir begegnet bin. Wer nur ein bisschen nachdenkt, wer seine Gehirnzellen nicht verkümmern lässt, sagt nicht solchen Schund ins Blaue hinaus. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, es ist nuanciert. Menschen haben enorm viele Seiten und Vorgänge. Das kann nicht auf so einfache Nenner reduziert werden.“

Sie staunte und wandte ein. „Vielleicht Angst vor Unbekanntem und dann Rundumschlag?“ „Das auch ja. Aber die meisten interessieren sich leider für nichts Wesentliches. Gräm dich nicht. Eigentlich wollte ich nur das mit meinem Vortrag ausdrücken.“ „Ich sehe ein paar deiner Seiten.“

Er lächelte. „Oh da sind Viele. Aber … wir kennen uns noch kaum. Ich weiß. Trotzdem … deine Kleine zum Beispiel. Sie ist aufgeweckt, schlau, dein Kind, lacht, weint, sieht die Welt aufmerksam. Sie zeigt viel wie du bist. An ihr sehe ich am deutlichsten, was für ein Blödsinn solche Aussagen sind.“ „Vielleicht bist du da der einzige.“

„Das kann nicht sein. Ich sehe an dir nichts Verrücktes, an mir eine Menge. Ich sehe nur Unsicherheit und Angst. Das wird seine Gründe haben. Und … professionelle Hilfe ist Betreuung und Unterstützung bei Dingen, die man alleine noch nicht ganz meistern kann. Das kenne ich. Und das ist nichts Beschämendes. Es ist Stärke, Hilfe anzunehmen, wenn es nötig ist.“ „Ja ich habe eine solche Hilfe. Aber ich möchte mich nicht zu sehr anlehnen, mich nicht zu sehr aufstützen.“ Er lächelte wieder. „Das ist auch richtig so.“

Chip sah ihre Unsicherheiten, aber er sah auch ihre Stärke; den Willen das Leben trotzdem anzupacken. Vermutlich allerdings vor allem für das Kind und nicht in erster Linie für sich selbst. Nun gut, eine solche Beurteilung stand ihm nicht zu und möglicherweise lag er falsch. Schließlich war er kein Seelenklempner, auch wenn ihm diese Dinge nicht unbekannt waren. Er war in der Lage, so etwas einzuschätzen.

Er gestand anderen durchaus zu, dass sie es nicht konnten. Das nahm er niemandem übel. Nur, wer es nicht konnte, blieb eher still im Hintergrund und maßte sich nicht an, die Weisheit für sich gepachtet zu haben. Wer es hingegen nicht wollte und sich als Nabel der Welt ansah, redete solchen verletzenden Unsinn. Für diese junge Frau war das Leben alles andere als einfach. Sie konnte daran zerbrechen oder besonders stark werden und es hing nicht nur von ihr alleine ab, wenn auch zum größten Teil. Es half oder schadete jedoch wie die Umwelt reagierte und wie sie von ihren Bekannten und den Behörden eingestuft wurde.

In den Behörden saßen Menschen. Die einen waren engagiert und kompetent, andere waren laute Ignoranten. Je nachdem auf wen man stieß, je nachdem wie die Chemie stimmte, sah oft das Resultat der Zusammenarbeit aus. Echte Hilfe und Unterstützung oder Steine im Weg, Felsbrocken vor der Nase oder Schikanen. Das reinste Roulette bei allen Bemühungen, die richtigen Leute für diese Aufgabe zu rekrutieren. Menschen eben - mit Vorurteilen oder Offenheit, mit Sturheit oder mit Verständnis.

Da nun konnte er nicht behilflich sein und schon gar nicht ohne Auftrag. Sie schien mit der Kleinen allein zu sein. Und über das Umfeld wusste er ja nichts weiter. Er hoffte für beide, dass sie es schafften, ob er sie nun gut kannte oder nicht.

„Emily, du kennst mich nicht und ich dich auch nicht. Trotzdem biete ich dir folgendes an: Wenn etwas ist, wenn du jemanden als Begleitung brauchst oder nur zum Reden, melde dich bitte. Manchmal sind gerade dafür Außenstehende ideal. Ich gebe dir meine Karte.“ Sie schaute sogleich misstrauisch. „Ist das deine Masche, irgendwelche Kunden zu ködern? Karte?“

„Himmel nochmal!“ Es traf ihn, aber er befahl sich selbst, cool zu bleiben. „Nein, keine Masche.“ „Warum tust du es? Ich könnte dir auch etwas vormachen.“ Er grub noch in seiner Tasche nach der Karte. „Ach was!“ Er schüttelte den Kopf. „So gut kennst du die Menschen?" „Ja, ein wenig.“ „Warum? Du bist nicht alt und weise.“

Er zuckte etwas resigniert die Schultern. All diese Fragen. „Weil ich bin wie ich bin. Ich will nichts von dir. Ich bin weder gut noch böse, habe kein Helfersyndrom und keine dunklen Absichten. Sagen wir mal: Ich schau nicht weg, wenn etwas ist. Meine Partnerin ist so, mein Vater, meine Oma. Da ist nirgends etwas Außergewöhnliches oder gar Verdächtiges. Vielleicht mein Beruf? Ich habe den gewählt, weil ich bin wie ich bin. So schließt sich der Argumente-Kreis wieder. Ist das Warum so wichtig? Nimm sie und mach damit, was du willst.“

Sie sah sich die Karte an. „Detektiv?“ „Unter anderem ja. Es gibt mehrere Betätigungsfelder wie du sehen kannst.“ Wieder musterte sie ihn forschend. „War unsere Begegnung ein Zufall oder inszeniert? Hat dich jemand auf mich angesetzt? Sei ehrlich.“

Sie wirkte wieder sehr misstrauisch und eigentlich fühlte er sich gerade angesäuert durch diesen Verdacht. Er sah ihr in die Augen. „Es ist Zufall.“ „Ehrlich?“ „Ja. Gäbe es denn Gründe, jemanden auf dich anzusetzen?“

„Um mir … das Kind zu nehmen. Um mich für unzurechnungsfähig, für verrückt zu erklären. Gründe finden sich für manche Menschen immer.“ Sie verschloss sich. Ihr Gesicht, ihre Haltung drückten es aus. „Ich würde mich für solche Gründe nicht einspannen lassen.“ „Vielleicht. Detektive machen alles.“ Das waren Ansichten. Ja doch, möglich, wenn man an die Serien dachte.

Es war Zeit. Marie fragte sich bestimmt schon, wo er abgeblieben war. „Ich werde nun gehen. Mein Angebot gilt. Was du damit anfängst, ist dir überlassen.“ „Sei mir nicht böse.“ Darauf wusste er nichts zu sagen. Ihr Misstrauen traf ihn und er fand es gleichzeitig albern für einen Profi wie ihn. „Danke noch einmal für alles.“ Er nickte nur und ging nachdenklich. Die junge Frau und das Kind hatten ihn berührt.

Marie wartete auf ihn wie er es gedacht hatte. Ihre Augen blitzten ärgerlich. „Das hat aber gedauert Chip.“ Als er ihr den Grund erzählte, veränderte sich ihr Ausdruck. Ihre Gesten wurden zärtlich. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und gab ihm einen Kuss. „Nanu?“ murmelte er „Womit habe ich das verdient?“

„Mit deinem mitfühlenden Wesen. Deine Art. Du eben. Ich staune immer wieder neu. Mit dir ist mir ein wahrer Edelstein in die Hände gefallen. Außerdem birgst du immer wieder Überraschungen. Eine Wundertüte.“

3. Ein neuer Fall

Er wurde verlegen, wusste er doch genau wie schwierig und nervig, wie launisch er sein konnte. „Marie, du …“

„Ja?“ Sie nahm ihn in die Arme. „Ich kenne deine verschiedenen Seiten. Das weißt du. Also wirf die Bedenken gleich wieder aus deinem Sturkopf.“ Nun lachte er und sie wuschelte seine Haare durch. „Ich liebe dich Fabien Voizinet.“

„Das trifft sich gut. Ich dich genauso schöne Frau.“ Sein Lächeln hatte sie immer schon bezaubert, selbst in den schwierigsten Phasen. Am Anfang ihrer Bekanntschaft hatte es gedauert, bis sie so eines an ihm gesehen hatte. Er war in Sachen Beziehung sehr vorsichtig gewesen: zurück scheuend, misstrauisch, immer wieder. Er hatte zu tiefe Wunden zu überwinden gehabt. Marie dachte an ihre eigene Vorsicht und an den Teil ihrer Geschichte, den auch er noch nicht kannte, den sie zu gut, zu tief in sich verschlossen hatte. Den Schlüssel dazu hatte sie versteckt und auch jetzt drängte sie diese kurz aufkommenden Gedanken gleich wieder zurück.

Er lud seine Einkäufe aus und brachte sie an den Platz, wo sie hingehörten; lieferte den Wagen ab und sie setzten sich zu Tisch, aßen, machten es sich gemütlich. Chip erzählte ihr, was er bisher von solchen Angsterkrankungen wusste. Er wollte sich jedoch noch eingehender damit auseinander setzen. Es war zu wenig. „Warum willst du das?“

„Aus Interesse. Weil ich dem Mädchen imponieren will.“ Er grinste. „Daran denkst du gar nicht." "Nein, weil ich sehe, wie ignorant und belächelnd damit immer noch umgegangen wird. Ich finde, das muss sich ändern.“

„Da gebe ich dir Recht. Vielleicht machen Viele das aus Angst davor oder nicht Hineinfühlen können? Wie oft wird Unbekanntes und Fremdes einfach mal abgelehnt, weil es irritiert oder Unsicherheiten schürt.“

„Ja manchmal. Manchmal ist es aber Kälte oder weil es in das rationale Denken und in die globale Wirtschaftswelt nicht passt, es stört, behindert oder kostet. Oder weil manche zwangsläufig nur an das eigene Überleben denken müssen. Weil in einfachen Mustern gedacht wird oder gar nicht. Zu anstrengend. Instinkt, Lust, Gier und sonst weiter nichts zählt? Nur der Starke überlebt? Es ist vielschichtig wie alles. Dann heißt es, weil es unbequem ist: Ach, die gehören in die Klapse und Deckel darauf. Oder weil man die Tendenz hat, alle psychischen Probleme zu verneinen, zu verteufeln, gleich alle als gefährlich einstuft. Ich weiß es nicht Marie. Wie gesagt, viele Gründe. Mich interessieren Menschen und sie berühren mich.“ „Ich weiß.“

Die Ängste, von denen er erzählte, konnten zur Hölle werden. Sprüche wie „Reiß dich zusammen! Wenn du willst, geht es auch!“ halfen da wenig. Wer verstand es, der es noch nicht selbst erlebt hatte. Wer verstand, dass jemand es kaum wagte, einen Schritt vor die Türe zu setzen, das Vertraute – die eigenen Wände – zu verlassen. Jeder kleinste Schritt wurde zur Überwindung, war mit Anstrengung verbunden, brauchte angewandte Techniken, um zu einem auch nur kleinen Erfolg zu werden. Es kostete unendlich viel Kraft. Und doch, bei allen Bemühungen gewann manchmal die Panik den Kampf und es war kein dagegen Ankommen.

Das Herz begann zu rasen, der Schweiß brach aus, ein Zittern erfasste den ganzen Körper, der entweder gelähmt war oder fliehen wollte, der um sich schlug und schrie, um zu entkommen. Gefahr! Da war Gefahr! Die Atmung wurde immer schneller und es drohte Hyperventilation. Das konnte lebensbedrohlich sein, wenn es unbeachtet blieb. Oder der zur Toilette rannte und sich immer wieder übergab. Kreidebleich, erschreckend, unfähig. Belächelt, beschimpft, unverstanden. Beklemmend. Wieder versagt. Nur noch müde und verletzt. Wieder nicht geschafft. Kopfschütteln, Gemotze und sogar Lachen ringsum. Sich in ein Loch verkriechen wollen, sogar nicht mehr leben wollen. Wozu noch? Tränen und Schmerz. Nur noch vergraben. Nicht an sich glauben. Warum sollten es dann andere? Schrecklich hilflose Gefühle. Wegsperren so jemand! Es war ein unendliches Leiden und meistens verkannt.

Wenige konnten verstehen. Zu schnell kamen die wiederkehrenden Sätze. „Vollkommen verrückt.“ Und so ernteten solche, die damit zu kämpfen hatten, die versuchten, Wege zu finden, dennoch ihr Leben zu meistern und ihre Aufgaben zu erfüllen, oft nur Unverständnis. Angriffe, Druck, Abstempelung. Sie zogen sich dadurch noch mehr in sich selbst und in ihr Zuhause zurück. Sie konnten auf diese Weise weder Vertrauen entwickeln, noch Fortschritte machen. Und sie konnten auf diese Weise keinerlei Selbstwert aufbauen, lernen an sich zu glauben. Oft hassten sie sich selbst und taten sich aus diesem Grunde selbst weh. Mädchen begannen sich zu ritzen, auch, um sich trotz allem wieder zu spüren. Ein Teufelskreis. Der musste durchbrochen werden.

Sie mussten lernen, sich zu akzeptieren, sich zu mögen, um entspannter zu werden. Mit gewissen Entspannungstechniken konnte die Panik in den Griff bekommen werden. Ein Anfang. Es brauchte viel, um es zu schaffen. Und es brauchte Zeit. Es war eine große Leistung. Doch es war wenig anerkannt von denen, die alles als selbstverständlich kannten und sahen. Nur im Ansatz konnte er ahnen, was das hieß. War etwas am Körper offensichtlich verletzt oder gebrochen, stieß der Betroffene auf mehr Verständnis als bei einem solchen Problem.

„Ich weiß nicht viel von Emily, schließlich kenne ich sie nicht. Ich weiß nicht genau, was mit ihr los ist, was zutrifft und was nicht und schon gar nicht, wodurch sie solche Ängste entwickelt hat. Ich kann nicht in Dingen stochern, die mich nichts angehen. Aber ihre Angst war groß und echt.“

Marie dachte darüber nach. Sie verstand mehr von alldem, als er ahnte und es erschreckte sie, dass sie damit konfrontiert wurde. Sie drängte es in sich zurück und dachte lieber über Fabien nach.

Er hatte sich auf der Couch hingelegt, seinen Kopf in ihren Schoss gebettet, die Augen geschlossen. Er atmete regelmäßig. Sie betrachtete sein Gesicht. Es war anregend, sich mit ihm auszutauschen, mit ihm zu diskutieren. Er war intelligent, scharfsinnig, aber auch feinfühlig. Ja, verrückt auf seine Art, ja, schwierig bisweilen. Aber wer war das nicht?

Wie war es möglich? Wie konnte sie so viel Glück mit diesem Mann haben? Vielleicht träumte sie und wachte eines Tages daraus auf. Sie spürte Angst. Niemand, der sie kannte, vermutete, dass sie davon bezwungen werden konnte. Schon oft war sie geflohen. Sie küsste sanft seine Stirne, die Augenlider und strich eine Haarsträhne, die vorwitzig die Nase kitzelte zur Seite. Am Anfang ihrer Begegnung hatte sie es sich nicht vorstellen können, mit ihm jemals so glücklich zu sein. Ihr Zusammentreffen war heftig gewesen.

Doch auch ihre heutigen manchmal heftigen Auseinandersetzungen gehörten zum Gesamtpaket. Sie waren beide in manchen Dingen zu ähnlich, in anderen zu unterschiedlich. In Vielem ergänzten sie sich. Das Wichtigste aber war, dass sie einander liebten wie sie waren und nicht so wie jeder den anderen haben wollte. Sie ließen einander Freiräume. Das war die Grundlage ihrer Beziehung. Anders wäre ihr Zusammenleben nicht möglich. Sie sah ihn zärtlich an. So als habe er es gespürt öffnete er seine Augen und darin war deutlich zu lesen, was er empfand.

Als der Anruf von Emily kam, der ihnen endgültig einen Fall einbrachte und sie an ihre Grenzen stoßen ließ, hatte er die Episode im Kaufhaus abgelegt und beinah vergessen gehabt. Er überlegte sich gerade die Elemente der Show, die er mit seinen Schülern einstudieren wollte. Dabei musste er einplanen und entsprechend berücksichtigen, wer welche Stärken und Schwächen hatte, wo es noch haperte, wo alles mit Sicherheit klappte. Seine Freestyle- und Supercross-Schule lief gut. Auch dank seines Namens in diesen Kreisen, den er sich als Aktiver verdient hatte. Er war ihm offensichtlich bewahrt geblieben. Man traute ihm immer noch viel zu.

Er zeichnete auf einem Plan einige Höhepunkte auf und machte sich Notizen dazu, wer was machen konnte, wie das Gelände auszusehen hatte, was an technischen Mitteln notwendig war und murmelte dabei unterstützend etwas vor sich hin. Am Morgen hatte er sein eigenes tägliches Training absolviert und fühlte sich topfit. Er selbst ohne seine sportlichen Aktivitäten war ein Unding. Es war ihm wichtig, immer noch gut zu sein. Und es war ihm wichtig, dass bei so einem Anlass Akteure und Zuschauer ihren Spaß hatten. Zweimal im Jahr organisierte er so etwas, an dem die Schüler ihre Fortschritte präsentieren konnten. Das erhöhte ihre Motivation. Er lachte. Ja außerdem mochte auch er es, sich zu präsentieren. Er genoss die Shows wie eh und je. Seinen Kumpels ging es bestimmt nicht anders. Sie halfen ihm gerne dabei.

Das interne Telefon läutete. Marie war dran. „Chip, hast du eine Minute? Es ist Emily, die junge Frau aus dem Kaufhaus. Sie will dich unbedingt sprechen und ist sehr aufgeregt.“ „Na dann gib sie mir mal.“ Er erinnerte sich sofort an sie. Und wenn sie aufgeregt war, musste etwas Wichtiges anliegen. „Ja? Hallo Emily. Chip hier.“

Er fuhr sich durch die Haare, schob, was störte beiseite und fragte sich beiläufig, ob er sie doch etwas kürzen sollte. Allerdings wusste er sofort, was Marie davon hielt und er hatte auf diese Art Streit mit ihr keine Lust. Er hörte Emily keuchen und konzentrierte sich auf den Anruf. „Bist du noch da?“

Bisher hatte sie kein Wort von sich gegeben. „Ja“, kam es leise. Sie versuchte offensichtlich, sich zu beruhigen und Festigkeit in ihre Stimme zu bringen. So ganz gelang es nicht. „Du hattest mir angeboten … Ich brauche deine Hilfe.“

Sie stockte erneut, ihre Stimme zitterte deutlich. Und doch hatte sie sich entschlossen, sich an ihn zu wenden. Sie holte innerlich Anlauf. „Ich weiß nicht, wen ich sonst darum bitten könnte. Die Polizei glaubt mir sowieso nichts. Niemand nimmt mich ernst, schon seit längerem. Ich bin für sie alle eine hysterische Irre. Sie beschwichtigen mich mit leeren Sätzen. Aber … ich brauche Hilfe. Ich brauche jetzt jemanden, der mir zuhört. Ich halte das nicht mehr aus.“ „Was ist geschehen?“

„Zu viel.“ Einen Moment schwieg sie, als müsse sie erneut Mut fassen, und er wartete. „Kannst du … es ist besser, nicht am Telefon darüber zu reden. Kannst du zu mir kommen? Ich … gehe nicht gerne aus dem Haus.“

Sie hatte vergessen, dass er es wusste. Sie war angespannt, ihre Angst war zu groß, die Panik drohte sie in ihre Klauen zu kriegen. Sie kam nur mit Mühe dagegen an. Er spürte es. „Ich bin gleich bei dir. Das ist kein Problem.“

Chip hatte sich nach ihrer Begegnung im Kaufhaus und nach dem Gespräch mit Marie ausführlicher mit der Materie beschäftigt. Auch wenn er es die letzten Tage zur Seite geschoben hatte, blieb das Wissen an ihm haften. Neben seinem Sport und den oft schlechten Manieren waren Menschen und ihre Geschichten, ihre Tiefen, zu seiner Passion geworden. Er schmunzelte, als er den Helm über den Kopf stülpte, die Maschine bestieg, ankickte und losfuhr. Hach! Das Leben war spannend.

Moni, die Kleine, spielte in ihrem Zimmer, als er eingelassen wurde. Das Kind trug ein rosa Kleid und beschäftigte sich vor sich hinplappernd mit ihren Puppen. Er sah ihr einen Moment zu. Wie zufrieden und entspannt sie wirkte. Schön. So eine Kindheit hätte er auch gerne gehabt. Es mangelte ihr an nichts, auch wenn wenig Geld vorhanden war. Geld war zwar notwendig, aber nicht das Wichtigste. Er musterte die Wohnung, nahm die Einzelheiten in sich auf wie er es oft tat, weil jedes Detail in einem Fall von Bedeutung werden konnte. Seine Aufmerksamkeit schulte er immer wieder, trainierte die Beobachtungsgabe wie seinen Körper.

Die Wohnung war kein steriles Museum, in dem man sich kaum zu rühren wagte. Hier wurde gelebt. Es war keine kalte Perfektion. Aber es war ordentlich, es war sauber, die Möbel zweckmäßig gemütlich. Hier und dort sah er eine persönliche Note wie ein Bild von einer Waldlichtung, ein grau marmorierter Stein, eine Muschel, eine Blume, ein paar Kuscheltiere und Zeichnungen von Moni. Er lächelte. Stempel der Bewohner. Er mochte die kleine Wohnung.

Emily war sehr nervös. Ihre Augen wirkten in einem bleichen Gesicht grösser als sonst. Sie brachte ihm eine Cola aus der Küche. „Danke, dass du gekommen bist.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, knetete die Hände und er sah, welche Anstrengung es sie kostete, ruhig zu bleiben. Er nahm einen Schluck und versuchte mit seinen ruhigen ihre zuckenden Augen festzuhalten, versuchte, ihr Halt zu vermitteln. „Wie kann ich dir helfen?“

„Du bist doch Detektiv.“ „Ja.“ „Aber … ich habe wenig Geld. Was kostet so etwas? Wie teuer kommt mich deine Arbeit, welche Tarife hast du? Ich müsste es wissen, damit ich mir vorstellen kann, was auf mich zukommt.“

Er musterte sie still, versuchte in ihren Gedanken zu forschen und entschloss sich, ihr zu trauen. Sie machte ihm nichts vor. Solange es nicht um Liebe ging, konnte er sich auf seine Menschenkenntnis ganz gut verlassen. „Erzähl mir, worum es geht. Ich entscheide dann, wie wir das regeln. Wir finden einen Weg. Und keine Angst, dieses Erstgespräch kostet nichts.“

Und sogleich fragte er sich, was er Falsches gesagt hatte. Sie taxierte ihn misstrauisch. Es verschwand wieder, zeigte sich wieder, erwachte erneut. Etwas musste falsch gewesen sein in seinem Speak. Nur was? Sie musterte ihn mehr als ausführlich, erschauerte sogar. Was an ihm war denn nun so erschreckend? Verunsicherte sie seine Ausstrahlung, sein Aussehen? Was war es? Auf einmal ahnte er es und es traf ihn. Wenn er so eingeschätzt wurde, hatte das hier keinen Sinn. Er versuchte seinerseits ruhig zu bleiben. Vielleicht täuschte er sich. „Was beunruhigt dich Emily?“

„Was willst du für deine Arbeit außer Geld, wenn keines da ist? Was erwartest du von mir?“

Seine Vermutung traf zu. Er stand auf, stellte die Cola auf den Tisch, sah sie aus zusammen gekniffenen Augen an. Er wurde in eine Schublade eingestuft von jemandem, der das eigentlich selbst nicht mochte. „So siehst du mich?“

Er nahm sein Portable aus der Hosentasche, suchte da nach einer Adresse in seinen Kontakten. „Hast du Papier und Stift? Ich schreibe dir jemanden auf, den ich kenne und der gut ist. Ich vertraue ihm. Vielleicht ist er für dich vertrauenswürdiger als ich es bin. Oder wenn es dir lieber ist, kann auch meine Partnerin sich um die Sache kümmern.“

„Bitte … ich … Chip!“

„Lass nur. Mir scheint, ich wirke auf dich …“ „Ich kenne dich doch nicht. Wenn … es ist … wenn ich erzähle, bleibt es unter uns, auch wenn ich dir am Ende keinen Auftrag geben könnte?“ Er hörte nicht mehr richtig hin, nur so halb und stieß ärgerlich hervor: „Lass es. Ich bin nicht interessiert. Wende dich an den, an den ich dir aufschreibe oder an Marie.“

Sie senkte den Kopf. „Wie soll ich denn wissen, wie du bist. Du siehst so sexy aus und … wie oft wollte jemand schon das von mir.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Es ist gut. Vergiss es. Entschuldige, dass ich dir deine Zeit gestohlen habe. Was musst du dafür haben?“ „Nichts.“

Er wandte sich der Türe zu. Er war es echt leid, ständig aufgrund von Äußerlichkeiten oder sonst etwas eingestuft zu werden. Andererseits benahm er sich gerade so, dass er bestimmt von Marie einen Tritt kassiert hätte. Er dachte nach. Er war nicht professionell. Er war zu empfindlich. Die Entscheidung, ihm zu vertrauen oder nicht, musste er ihr zugestehen, so wie anderen auch. Zudem war sie unsicher, hatte Angst. Das verstärkte ihre Probleme. Es war spürbar, dass etwas sie sehr beunruhigte. Sie war bei sich zuhause und fühlte sich trotzdem so, also musste es gewichtig sein. Er atmete tief durch, drehte sich wieder zu ihr um und lächelte.

„Entschuldige Emily, ich reagiere wie eine Mimose. Du hast ja Recht. Wir kennen uns nicht. Ich kann dir aber beteuern, auch wenn ich für dich möglicherweise so aussehe, ich lasse mich nicht mit Sex bezahlen. Ich lebe in einer glücklichen Partnerschaft, geschäftlich und privat und bringe sie nicht mit gemeinen Spielchen in Gefahr. Erzwungener oder unter Druck erwirkter Sex ist nicht mein Ding. Ob du dem vertraust, was ich sage, musst du entscheiden. Unsere Detektei hat außerdem eine wichtige Philosophie: Leute in Notlagen oder die wenig Geld haben und Hilfe brauchen, nutzen wir nicht aus. Wir nehmen genug ein, um uns das erlauben zu können."

„Ich wollte dich nicht verletzen.“ „Schon gut. Und es bleibt auf jeden Fall unter uns, wenn du erzählen willst, egal, wie es danach weitergeht. Versprochen.“

Sie sah ihn lange an, traurig, ängstlich und bittend. Er setzte sich wieder hin und schalt sich selbst einen unbeherrschten Idioten. Schließlich begann sie zu sprechen. Erst kam es sehr stockend, dann gewann sie an Sicherheit und es floss.

„Zum besseren Verständnis muss ich etwas ausholen und dir auch einige Dinge über mich erzählen. Es kann sein, dass du mir danach nicht glaubst – so wie die Polizei und viele andere. Es kann gut sein, dass du es als Einbildung, Verfolgungswahn und Verrücktheit ansiehst. Trotzdem muss ich es tun, damit du dir ein umfassendes Bild machen kannst.“ „Riskiere es.“ Nun lächelte er wieder so wie im Kaufhaus.

„Einiges ahnst du bereits, anderes weißt du. Ich fasse mich so kurz es geht.“ „Ich habe Zeit.“

„Ich lebe mit Moni alleine, wurde vor vier Monaten geschieden. Schon vorher lebten wir zwei Jahre getrennt. Monis Vater hatte ich nur geheiratet, weil es sich nach Ansicht aller so gehörte. Ich wurde nicht gefragt und konnte mich nicht groß wehren. Ich leide unter einer ausgeprägt starken Angststörung, unter Panikattacken, wenn ich raus gehe, unter Menschen gehe, wenn unvorhergesehene Dinge geschehen, wenn ich seelisch überfordert bin. Spontanes ist nicht möglich. Überraschungen schätze ich nicht. Deswegen kann ich nicht außer Haus arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Deswegen bin ich für Unverständige als unnützer Schmarotzer eingestuft. Schließlich sieht man mir nicht an, was los ist. Durch Umstände, die ich nicht näher ausführen mag, habe ich keinen Schulabschluss. Heimarbeit habe ich bisher keine gefunden. Da mir mein Ex gar nichts gibt, lebe ich von Sozialgeld. Es ist wenig und reicht kaum, aber es muss gehen. Ich tue alles, damit sie mich nicht als vollständig verrückt einstufen, mich einweisen und mir die Kleine wegnehmen. Das wäre mein Tod.“

„Könnten sie das überhaupt?“

„Ja. Wenn ich diese oder jene Auflage nicht erfülle und nicht nach ihren Vorstellungen mitarbeite, kann das schnell gehen. Aber ich liebe mein Kind und tu’ was ich kann, damit es ihr gut geht. Sie ist der Grund, dass ich weiterkämpfe. Selten bis nie kann mich jemand verstehen oder weiß, wie es ist, so ein Leben zu meistern. Wie oft höre ich: Du musst nur wollen. Sie haben keine Ahnung. Hätte ich einen Arm amputiert, sähe es anders aus. Selbst meine Mutter möchte mich am liebsten weggesperrt sehen. Sie mag mich nicht. Aber das ist etwas von dem, auf das ich nicht eingehen will. Wir haben keinen Kontakt. Mein Vater verschwand vor sechs Monaten spurlos. Ich habe nie mehr von ihm gehört. Keiner weiß etwas oder will etwas wissen. Mir gibt man die Schuld. Er habe sich wegen mir abgesetzt, sagen sie. Er war gut zu mir. Oder es ist etwas passiert.“

„Wurde nachgeforscht?“

„Ja. Aber sie fanden nichts heraus, sagten sie. Es kann auch sein … Ich weiß nicht, was die Leute denken. Da mich viele für eine Irre halten, vielleicht denken sie, dass ich ihn gemeuchelt habe. Da es aber keine Indizien dafür gibt, werde ich in Ruhe gelassen.“ „Hast du?“ „Nein.“ Sie hielt inne, sammelte sich wieder etwas und er wartete still ab.

„Seit einem Jahr jedoch sind noch weitere um mich her verschwunden, ohne Gründe, ohne Nachrichten und ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht vertreibe ich sie alle mit meiner Art. Das kann sein. Aber …" Sie atmete ein paarmal tief ein und aus. "Ich versuche aufzuzählen: Eine Frau vom Jugendamt, mit der ich mich gut verstand und die mir Halt geben konnte; eine Kinderbetreuerin, die mich sehr bedrängte; eine Ärztin, meine Anwältin und ein Therapeut, bei dem ich gute Fortschritte machte …“

„Warte. Verschwunden? Weggezogen?“

„Genau weiß ich das nicht. Keiner weiß es. Von einem Tag auf den anderen habe ich jeweils nichts mehr von ihnen gehört. Keine Reaktion auf Anrufversuche, auf Schreiben, auf Fragen im Umfeld. Nichts. So als hätten sie nie existiert.“

„Seit einem Jahr also 6 Menschen.“

„Mit Eugène, meinem Exmann, sind es sieben. Bei ihm stört mich nicht, dass ich nichts mehr von ihm höre. Er hat mich weder verstanden noch unterstützt. Er machte mich runter, spuckte auf mich, interessierte sich nicht für mich oder wenn, nur um mir etwas Böses zu tun. Aber Moni fragt manchmal nach ihm. Was kann ich ihr antworten? Ich weiß nichts. Leider wurde es die letzte Zeit mit meiner Krankheit eher wieder schlimmer. Vieles hatte sich etwas gebessert, gefestigt. Ich war sicherer geworden mit Hilfe des Therapeuten. Seitdem erlebe ich eher wieder Rückschritte. Ich gebe nicht auf, aber …“ „… die Belastungen sind zu sehr gestiegen.“

„Ja, das sind sie. Aber so glaubt man mir noch weniger als zuvor. Kaum einer hält zu mir. Und manche tun nur so als ob. Ich wurde oft enttäuscht.“ Chip betrachtete sie und nickte. „Wurde das Verschwinden der Personen untersucht?“ Er kannte diese Art der Enttäuschungen und wusste genau, wie die Menschen tickten.

„Ich denke schon, dass dies gemacht wurde. Mir sagt keiner etwas. Vielleicht kannst du mehr darüber erfahren. Ich bin … Vielleicht ist alles harmlos und ich mache tatsächlich einen unnötigen Aufstand. Ich zweifle oft an mir. Und das mit meinem Vater… Meine Mutter gibt natürlich mir die Schuld daran. Sie sagt, ich hätte ihn vergrault und vielleicht stimmt das auch.“

Sie schwieg einen Moment, weil sie versuchte, wieder ruhiger zu werden. „Aber weswegen ich eigentlich angerufen habe … Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang gibt, aber ich fühle mich seit längerer Zeit beobachtet, belästigt und … seit kurzem bedroht. Von einem Mann. Seine Stimme habe ich schon gehört. Es ist ein Mann. Gesehen habe ich ihn bisher nicht.“

„Wie äußert sich die Bedrohung?“ Chip war ganz Ohr.

„Er ruft an. Immer öfter. Aber ich kann es nicht beweisen. Wenn er das tut, ist niemand außer vielleicht Moni um mich her. So als wüsste er das. Und Moni werde ich damit nicht konfrontieren. Doch … einmal war es anders. Aber als ich den Hörer weitergab, legte er sofort auf. Es kommt mir so vor, als sähe und wisse er alles, als hörte er alles. Sie … schreiben das alles meiner Krankheit zu, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Verfolgungswahn. Es heißt, ich suche damit die fehlende Aufmerksamkeit. Ich kann nur sagen, was ich erlebe, aber das reicht ihnen nicht. Keiner glaubt mir. Ich bin damit völlig allein. Also schweige ich nun. Chip, ich habe eine solche Angst, meine Kleine zu verlieren. Das einzige noch, das mir Leben als sinnvoll zeigt. Und es ist so, wenn sie mich in ein Sanatorium einweisen, nehmen sie mir Moni weg. Ich gebe mein bestes, meine Krankheit unter Kontrolle zu bekommen. Es ist möglich, nach und nach. Es gibt Techniken, mit denen es zu schaffen ist. Daran arbeite ich, wenn ich die Ruhe dazu finde. Ich schweige also. Aber nun … ist etwas passiert.“

Sie fühlte Panik in sich aufsteigen, atmete ruhig durch, schloss einen Moment die Augen, entspannte bewusst, so gut sie es hin bekam und redete dann wieder weiter, als es ging.

„Ich habe schon seit Jahren eine wirklich gute Freundin. Sie kennt mich und weiß alles. Sie versteht mein Gefühlschaos, mein Anderssein, hält zu mir, mag mich wie ich bin und kann mit alldem umgehen. Sie ist meine Vertraute und würde mich nie enttäuschen. Lara heißt sie.“

Wieder hielt sie inne. Es nahm sie mit. „Seit … vorgestern habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich erreiche sie nicht, auch nicht auf dem Portable. Sie meldet sich nicht. Sie würde sich niemals von mir abwenden – ohne ein erklärendes Wort schon gar nicht. Bei ihr weiß ich das mit Sicherheit. Sie reist nicht, ohne mir etwas zu sagen. Nie! Und da konnte ich nicht weiter schweigen. Ich habe die Polizei informiert, aber sie nehmen mich nicht ernst, lachen bestimmt über mich, gehen darüber weg. Oder es heißt, da es erst seit kurzem ist, es sei zu früh, etwas zu unternehmen. Ich selbst kann nicht bei ihr nachsehen gehen. Es ist zu weit weg und ich bin zu angespannt. Ich schaffe das nicht. Und ich kann nicht darauf bestehen, dass sie das für mich tun. Dann bin ich für die nur die Hysterische.“

Er runzelte die Stirne. „Das bist du nicht Emily.“ „Sagst du das nur, um mich zu beruhigen oder denkst du so?“

„Ich sage, was ich denke. Was meinst du, wie oft ich mir deswegen schon etwas eingehandelt habe.“ Er grinste leicht schelmisch. „Schlimm?“

„Manchmal schon. Verbal und körperlich.“ Er versuchte sie etwas aufzulockern. Ihre Anspannung war krass spürbar. Er wagte nicht einmal, sie auch nur leicht am Arm zu berühren. Aber für verrückt hielt er sie nicht. Doch schon wieder schränkte sie ein. „Aber es kann sein, dass du doch bald anders von mir denkst, weil es dir alle von allen Seiten her einreden werden, sobald sie merken, dass du mit mir zu tun hast.“

Er lachte sie fröhlich an. „Ich bin ein selten sturer Hund und lasse mir prinzipiell von keinem etwas einreden, schon gar nicht, was ich über jemanden zu denken habe. Keine Sorge. Dafür bin ich bekannt und gefürchtet. Ich treibe damit alle zur Verzweiflung.“ Sie musterte ihn noch immer leicht skeptisch. Sie mochte sein Lausbubengesicht mit den glitzernden Augen darin und glaubte ihm, was er sagte. Doch sie blieb ernst. „Wegen Lara … da befürchte ich Schlimmes. Ich weiß nicht, was genau, aber gut kann es nicht sein. Weil … da kommt noch etwas dazu. Der Unbekannte. Er rief an. Er sagte, dass Lara für mich nicht gut sei, mir nicht gut tue. Er habe ihr unmissverständlich klar gemacht, sich von mir fernzuhalten. Sie habe es bestimmt verstanden. Er meine es nur gut mit mir.“

„Das bedeutet ja nicht, dass …“

„Er allein meine es gut. Auf ihn müsse ich hören. Ich solle niemandem mehr erlauben, sich an mich heranzumachen, mich zu beeinflussen. Nur er allein wisse, wie es mir gut gehen könne. Er sei ein verlässlicher Freund, darum hätte ich zu tun, was er sage. Dann werde alles gut. Andernfalls nicht: Ich weiß immer, was du tust, wohin du gehst, wer sich nähert. Ich kenne dich und ich beschütze dich, ob du das willst oder nicht. Es ist meine Aufgabe. Ich bin sehr gewissenhaft! – Dann lachte er grässlich. Wenn ich sonst nichts wiedererkennen könnte, dieses Lachen bestimmt. Ich habe deswegen große Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist. Sie schweigt nicht einfach so, lässt sich auch nicht vertreiben oder abhalten, mit mir Kontakt aufzunehmen. Als Eugène verschwand, rief er auch an: Ich würde nie mehr von dem belästigt werden. Und ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Nur, wenn ich das alles erzähle, nehmen sie es nicht ernst.“

„Wie war es bei den anderen, die verschwunden sind?“ „Nein, da nicht. Nur bei Eugène und jetzt bei Lara.“

„Die beiden letzten also.“

Die Abstände wurden kürzer. Er veränderte sich. Es intensivierte sich und das war kein gutes Zeichen für Emily. Chip sah sich die Abfolge des Verschwindens an. Gab es Muster? Sie hatte es notiert. Es waren Menschen, die ihr gut taten und solche, die ihr eher das Leben schwer machten. Also nicht nur das eine oder andere. Der Therapeut war vor ihrem Ex gewesen. Reihenfolge: Die Kinderbetreuerin, die Ärztin, die Anwältin, die Frau vom Jugendamt, der Vater, der Therapeut, der Exmann, nun vielleicht diese Lara. Hm, er sah sich das genauer an. Man konnte nicht einmal sagen, es wurde intensiver oder? Die ersten drei waren innerhalb eines Monats verschwunden – dann war vier Monate Pause – dann wieder zwei – vier Monate Pause – der Therapeut, der Ex, die Freundin. Eine seltsame Abfolge war das. Er sah sie wieder an. Sie wurde auf einmal sehr bleich. „Oh nein!“ Sie hielt sich den Kopf, starrte ihn erschrocken an, als habe sie einen grauseligen Geist vor sich stehen. „Ich bringe jetzt vielleicht dich in Gefahr!“

„Ich kann auf mich aufpassen.“

Chip betrachtete wieder die Aufzeichnungen, sah sie an, runzelte die Stirne, kratzte sich am Kopf, war sehr konzentriert. „Das ist …“ Sie sprang auf wie von etwas gestochen. „Ja sag es! Sag es ruhig. Ich weiß genau was kommt. Sag es. Na los! Du bist doch so direkt. Raus damit!“ Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie schrie es ihm verzweifelt entgegen. Die Anspannung war zu viel für sie. Es brach aus. „Sag es Chip! Hirngespinste!“ Sie war so unglücklich.

Er hätte sie gerne in die Arme genommen, streckte sie ihr aber nur vorsichtig entgegen, weil er nicht wusste, wie sie es auffasste, wenn er es tat. Sie schmiegte sich diesmal hinein, und er umfing sie tröstend. Er wartete, ließ zu, dass sie rauslassen und sich beruhigen konnte. Sie zitterte am ganzen Körper. Schließlich sagte er ruhig: „Das ist alarmierend, wollte ich sagen. Unverantwortlich, dass keiner ordentlich darauf reagierte.“

„Entschuldige!“

„Ist schon gut. An welche Idioten bei der Polizei bist du denn bloß geraten, die dem allem nicht nachgehen? Denen werde ich Beine machen. Aber zuerst nun. Du sorgst dich wegen deiner Freundin. Soll ich nachsehen gehen?“

Sie atmete noch immer aufgeregt schnell, sah ihn schließlich an und löste sich aus seinen freundlichen Armen. Sie wischte sich die Augen, putzte sich die Nase, setzte sich wieder hin und versuchte weiter, ruhiger zu werden. Er gab ihr Zeit und sah kurz nach der Kleinen. Moni spielte ruhig für sich. Er setzte sich wieder zu Emily und lächelte. Das alles war für sich allein schon beängstigend. Wie sehr musste es sie zusätzlich verunsichern. Er verstand ihre Reaktionen und ihr Misstrauen nur zu gut.

Sie musterte ihn wie er da saß in seinen hellen Jeans und dem dunklen Pullover. Er sah nicht so aus wie man sich von den Filmen und Büchern her einen Detektiv vorstellte. Er wirkte wie ein sportlicher wilder Kerl, nicht smart und cool; weder elegant noch schusselig, nicht abgewrackt wie viele der Detektive in den Geschichten auftraten; sei es, weil sie so waren oder den Schein erweckten. Er war erfrischend anders. Sie musste nun lachen und er legte den Kopf erstaunt leicht schräg und zog eine Augenbraue hoch. „Was ist denn?“ Er sah an sich herunter, ob er etwas finden konnte, dass sie zum Lachen veranlasste.

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