Kitabı oxu: «Bist du unterliebt?»

Eugen Prehsler: Bist du unterliebt?
Alle Rechte vorbehalten
© 2016 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Hidsch
Lektorat: Angelika Slavik
ISBN 978-3-99001-198-0
Inhalt
UNTERLIEBT ♥ Eine Vorwortgeschichte
UNTERLIEBT ♥ Ich. Mit H und S
UNTERLIEBT ♥ Sie und ich
UNTERLIEBT ♥ Vertrauen Sie mir?
UNTERLIEBT ♥ Ich habe Angst vor Ihnen
UNTERLIEBT ♥ Ich und meine virtuellen Leser
UNTERLIEBT ♥ Worum geht es überhaupt?
UNTERLIEBT ♥ Der Superbowl
UNTERLIEBT ♥ Obama, Europa und wir selbst
UNTERLIEBT ♥ Der Kalte Krieg und die Formel: Lt = Ls + Lo
UNTERLIEBT ♥ Unsere Formel: Lg = Ls + Lf
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 1
UNTERLIEBT ♥ Ihre persönliche Liebesformel
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 2
UNTERLIEBT ♥ This Crazy Little Thing called Love
UNTERLIEBT ♥ Die Liebenswert-Übung
UNTERLIEBT ♥ Über den Selbstwert, das Selbst und den eigenen Willen
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 3
UNTERLIEBT ♥ Symptome der Unterliebe
UNTERLIEBT ♥ Konstruktion unseres Selbstwertes
UNTERLIEBT ♥ Die Glücklichen, die Opfer und die Versager
UNTERLIEBT ♥ Das Große Leiden
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 4
UNTERLIEBT ♥ Eine Engelsgeschichte
UNTERLIEBT ♥ Die Filtertheorie
UNTERLIEBT ♥ Der Kampf des Lebens um die Selbstliebe
UNTERLIEBT ♥ Die Analyse des Kampfes
UNTERLIEBT ♥ Der Sei kein Egoist!-Hammer
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 5
UNTERLIEBT ♥ Der Angst, Angst, Angst-Würgegriff
UNTERLIEBT ♥ Die Selbstliebeattacken auf der Wahrnehmungsebene
UNTERLIEBT ♥ Die Komedo am Gesäß-Übung
UNTERLIEBT ♥ Die Selbstliebeattacken auf der Wahrnehmungsebene, Teil II
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 6
UNTERLIEBT ♥ Die Selbstliebeattacken auf der Interpretationsebene
UNTERLIEBT ♥ Nur für Leserinnen.
UNTERLIEBT ♥ Die Selbstliebeattacken auf der Interpretationsebene Teil II
UNTERLIEBT ♥ Die Geschichte vom Lavendelsträußchen
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 7
UNTERLIEBT ♥ Die Selbstliebeattacken auf der Verhaltensebene
UNTERLIEBT ♥ Das Selbstliebe-Service. Zeit für einen Filtertausch
UNTERLIEBT ♥ Das wertschätzende Interview
[WIEN-QUIZ] ♥ Frage 8
UNTERLIEBT ♥ Über die berechnende, absichtsvolle Fremdliebe
UNTERLIEBT ♥ Zeit für einen liebevollen Abschied
[WIEN-QUIZ] ♥ Auflösung
UNTERLIEBT ♥ Nur mehr Sie und ich. Wir beide
NACHWORT von Roland Düringer
UNTERLIEBT ♥ Eine Vorwortgeschichte
Ein grauer Oktobertag 1998. Irgendwo in der Steiermark.
Ein großes österreichisches Unternehmen hat mich beauftragt, seine Mitarbeiter zu motivieren und sie auf die neue Strategie einzuschwören. Ich bin für zwei Tage gebucht. Ein Blick aus dem Hotelzimmerfenster. Draußen ist es grau. Nebel. Die wunderschöne Steiermark gibt sich bedeckt. Ich nehme meine Unterlagen und trete auf den Gang hinaus. Kalte Beleuchtung. Ich gehe den langen Gang zum Seminarraum. Vorbei an Bildern von Rom, Florenz und Venedig. Was soll ich mit diesen Bildern? Hotels erzählen oft sehr eigenartige Geschichten. Ich betrete den Seminarraum.
Das Licht ist grau. Die Tische sind grau. Die Sessel sind grau. Die Pinnwände sind grau. Draußen der Nebel. Der Teppich ist schwarz, wegen der Flecken. Der Kaffee ist farblich eher schwer zu definieren. Ich nehme mir trotzdem einen. Setze mich und warte. Vor mir nehmen die 23 Teilnehmer nach und nach Platz. Die Unterhaltung ist spärlich. Lachen fehlt. Die Gesichter sind fahl. Die Zahlen sind rot. Deshalb hat mich ja das Unternehmen gebucht. Deshalb ja auch die neue Strategie. Ich soll die Widerstände gegen die neue Strategie behandeln und die Menschen zu neuen Höchstleistungen anspornen. Wenn ich gute Arbeit mache, werden die Zahlen dann auch wieder grau, vielleicht sogar schwarz.
Die im Raum vorhandene Energie kannst du mit einem alten Wettex zusammenwischen. Die Angst ist spürbar. Gepaart mit Unlust. Wenn die selbst entscheiden könnten, wären die sicher nicht hier. So gut sind die Brötchen auch nicht.
23 Menschen.
Ich mach mir meine üblichen Gedanken. Fühle mich in die Gruppe ein. Wen hab ich denn da so vor mir? Nach meinen damaligen Erfahrungswerten:
• 8, die gerne eine Beziehung hätten
• 12, die sich in ihrer Beziehung nicht mehr wohl fühlen
• 16, die sexuell frustriert sind
• 2, die sexuell missbraucht worden sind
• 1-2, die bereits lösungsorientiert über Selbstmord nachdenken.
• 6, die ein ausgeprägtes Helfersyndrom haben
• 5, die unfruchtbar sind
• 4, deren Kinder drogenabhängig sind (vorzugsweise Pharmazeutika)
• 6, die ihre Kinder schlagen
• 7, deren bester Freund der Alkohol ist
• 14, die sich fragen, wozu mach ich den ganzen Blödsinn eigentlich noch. Und damit nicht nur diesen Workshop meinen.
• 5, die viele Überstunden machen, um sich ihren Therapeuten leisten zu können, der ihnen dann sagt, sie sollen keine Überstunden machen.
• 9, die viele Überstunden machen, um es dem Papa oder wem auch immer zu beweisen
• 17, die einfach Angst haben. Vor dem Atomkrieg und dem Leben überhaupt. Besonders davor, dass ihnen das Geld ausgeht. Das war 1998. Heute haben die Menschen weniger Angst vor dem Atomkrieg. Dafür fürchten sie sich vor Terror und Überfremdung. Die Geldangst ist noch immer da.
• 9, die sich als Opfer der Umstände fühlen
• 6, die sich mit ihren Wünschen an das Universum richten
• 5, die sich komplett auf ihr Großhirn konzentrieren. Gefühle – nein, danke!
• 13, die den Job wechseln möchten
• 18, die den Job nicht verlieren möchten. (Da sind auch ein paar dabei, die den Job gerne wechseln würden. Diese Ambivalenz ist ein weit verbreitetes Phänomen. Gibt es auch in Beziehungen.)
• 11, die sich nicht sicher sind, ob sie’s noch darennen
• 22, die sich denken, was will der Trottel da vorne eigentlich
• 1, der 23., sitzt noch am Klo
Diese Truppe soll ich nun begeistern und zur Höchstform führen. Zum Glück haben die meisten dieser 23 Menschen auch tolle Fähigkeiten. Die sind auch begeisterungsfähig. Energie ist genug da. Sie ist nur gut versteckt und im Schlummermodus. Ich muss sie nur wecken. Ich werde diese Menschen und ihre Energie in den nächsten Stunden zum Erblühen bringen. Ich bin gut. In spätestens 15 Minuten lächelt die oder der erste. Nach zwei Stunden, spätestens aber am Ende des Vormittags gehören sie mir alle.
Doch an diesem tristen Oktobertag stelle ich mir zum ersten Mal bewusst die Frage: »Warum sind die eigentlich so schlecht drauf?« Auf die Welt sind die ja alle ganz anders gekommen. Und jetzt das da.
Bis zum Abend stehen auf meinem Block dann noch die Fragen:
• »Wer hat die so gemacht?«
• »Wer braucht solche Menschen?«
• »Wer hat einen Nutzen davon?«
• »Was kann man dagegen machen?«
Jetzt, an diesem grauen Oktobertag in der Steiermark, warten diese 22 Menschen darauf, dass ich beginne. Ich warte auf den 23., der hoffentlich bald vom Klo kommt. Die Tür geht auf. Da ist er endlich. Murmelt irgendeine Entschuldigung, die niemanden interessiert. Ich beginne meine Arbeit. Auf der Flipchart steht mein Name.
UNTERLIEBT ♥ Ich. Mit H und S.
Mein Name ist Eugen Prehsler, Prehsler mit H S. Das ist die alte Schreibweise für das scharfe ß. Mein Vater hat sich erfolgreich gegen die Veränderung unseres Familiennamens gewehrt. Das war damals in den Siebzigern, glaube ich. Wir sind die einzigen Pressssler mit H S.
Das ist Ihnen wohl ziemlich egal. Auch gut. Aber Vorstellen gehört nun mal zum guten Ton.
Ich habe Handelswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Mit 25 gründete ich meine eigene Firma. Die besteht heute noch. Angefangen habe ich mit Fernostimporten. Dann wurde ich Unternehmensberater, Trainer und Coach. Mit 22 habe ich geheiratet. Ulli. Wir sind noch immer zusammen. Ich bin 56 und vierfacher Vater. David 34, Sarah 32, Rafael 29 und Hannah 26. Diese Namen haben wir gewählt, weil sie uns gefielen und weil sie international sind. Wir wollten damals auswandern. Südamerika oder Neuseeland. Großvater bin ich auch schon. Paul 1. Nein, nicht Paul der Erste, sondern Paul der Einjährige.
UNTERLIEBT ♥ Sie und ich.
Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und wie Sie heißen. Ich freue mich aber sehr, dass Sie da sind. Ein Buch ohne Leser hat wenig Sinn. Herzlich willkommen. Mögen Sie Ihren Namen? Hat das Einfluss auf Ihren Selbstwert und Ihre Selbstliebe? Würden Sie gerne anders heißen? Wie denn? Bei den alten Römern konnte man seine Kinder einfach durchnummerieren. Im Jahr 134 hätte ich unsere Kinder Primus, Sekunda, Tertius und Quarta nennen können. Das hätte ich mir sicher leichter gemerkt. Ob meine Jüngste eine große Freude gehabt hätte, ihr ganzes Leben lang die Vierte zu sein, bezweifle ich aber eher. Waren Sie vielleicht Ihr Leben lang nur der Zweite oder die Dritte, auch wenn Sie Karl oder Lydia heißen? Wenn die Geschwister einem selbst vorgezogen werden, geht das auch ganz schön auf den Selbstwert. Manche Indianerstämme haben sich bei ihren Namen auf Ereignisse bezogen. Der mit dem Wolf tanzt kennen Sie wohl. Oder Adya. Das bedeutet an einem Sonntag geboren. Die indianische Sprache ist offensichtlich effizienter als die deutsche. Name ist das aber auch keiner, oder? Wie könnte das in unserem Kulturkreis aussehen? Würden wir dann vielleicht so heißen: Schlechtes Fernsehprogramm, Ergebnis eines Firmenweihnachtsfeierquickies, doch noch nicht Klimakterium, der Retortensieger, der mit den Steuergeldern in die Schweiz geflüchtet ist oder Größter gemeinsamer Nenner einer Patchworkfamilie? Das kommt auch nicht wirklich gut. So etwas schreibt man nicht auf seine Visitenkarte. Vielleicht gäbe es aber auch Namen wie während einer Vollmondnacht in Liebe gezeugt. Das wäre zwar schon ein schöner Name, nur in unserer Kultur wohl auch eher alltagsuntauglich. Können Sie sich vorstellen, sich so am Telefon zu melden. »Guten Tag. Sie sprechen mit Der während einer Vollmondnacht in Liebe Gezeugte. Was kann ich für Sie tun?« Wäre schon etwas anderes. Auf jeden Fall einmal Verwirrung auf der anderen Seite. Unser Name ist Teil unserer Identität. Unsere Identität hat viel mit unserem Selbstwert zu tun.
Wie gesagt, Ihren Namen kenne ich nicht. Ich weiß gar nichts über Sie. Auch nicht, in welcher Verfassung Sie gerade sind. Welche Emotionen Sie gerade haben. Vielleicht sind Sie heute wie ein angerotztes Taschentuch komplett energielos aus dem Bett rausgefallen, haben sich dann zur U-Bahn geschleppt, sind in der stinkenden U-Bahn zur Arbeit gefahren oder im Stau zur Arbeit gestanden. Dort war es auch unlustig. Zuerst der Kaffeeautomat. Fünf Tropfen in die Tasse, der Rest daneben. Schon die ersten Kaffeeflecken auf der neuen Anzugshose oder auf dem Kostüm. Dann den PC aufgedreht und die frohe Botschaft vernommen: größtmöglicher Fehler. Der Chef war grantig, die Kunden waren nervig. Und jetzt flüchten Sie sich in Ihrer Energielosigkeit in meine Seiten, um zu entspannen. Oder sich abzureagieren. Vielleicht suchen Sie gerade jemanden, auf den Sie böse sein, den Sie niedermachen können. Das hilft ja kurzfristig gegen eine Selbstwertdelle. Wenn dem so ist, bin ich froh, dass Sie das nur verbal ausleben können. Würde ich auf einer Bühne stehen, könnten Sie mich ja mit faulen Eiern und verschimmelten Paradeisern bewerfen.
Vielleicht sind Sie heute in der Früh voller Begeisterung und Energie aus dem Bett gesprungen. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Haben den Tag und das Leben begrüßt. Sind freudestrahlend in die Arbeit gefahren. Das hat die anderen in der U-Bahn oder im Stau sicher sehr irritiert. Wahrscheinlich auch Ihre Kollegen am Arbeitsplatz. Sie ließen sich aber nicht beirren und hatten ein Erfolgserlebnis nach dem anderen. Sie bekamen jede Menge Anerkennung von allen Seiten. Sogar der Chef hat Ihnen auf die Schulter geklopft. Sie waren in Höchstform und das Leben war gut zu Ihnen. Und jetzt gönnen Sie sich für diesen glorreichen Tag als Belohnung ein paar Seiten mit mir. Also ich als Belohnung für Sie… das gefällt mir schon sehr gut. Da bedaure ich, dass wir uns nur hier im Buch treffen und nicht irgendwo an einer Bar oder auf einer gemeinsamen Wanderung den Strand entlang oder rauf in die Berge. So gut, wie Sie drauf sind, könnten wir auch miteinander kochen. Ich mach das gerne mit Menschen, die gerade das Leben lieben. Vielleicht eines Ihrer Lieblingsrezepte. Oder eines von meinen 148. Zum Beispiel Serbische Vögerl. Das ist von meiner Frau. Sie hat mir aber die Erlaubnis gegeben, es Ihnen zu verraten. Obwohl sie auch nicht weiß, wer Sie sind. Bisher wurde dieses Rezept nur mündlich innerhalb der Familie weitergegeben. Jetzt also zum ersten Mal der Öffentlichkeit preisgegeben. Ihnen. Nehmen Sie das als meinen Vertrauensvorschuss an Sie.
Serbische Vögerl
Man nimmt Schopfbratenscheiben, so ca. 1 cm stark. Zart klopfen (so eine Angabe kann nur aus Frauenmund stammen). Auf beiden Seiten salzen und pfeffern. Auf der Innenseite mit Senf bestreichen. Dann Gurkerln und Pfefferoni in kleine Stifte schneiden und auf die Senfseite legen. Einrollen und mit Zahnstochern oder kleinen Metallspießchen fixieren. Mit Butter einstreichen und ab in den Griller. Jeweils ca. 10 Minuten auf beiden Seiten. Dann noch einmal wenden und richtig schön braun-krustelig werden lassen. Fertig.
Dazu Reis. Wir wollen ja gesund essen.
Und ein herrliches Bier.
Für mich ist der ultimative Genuss der Bratensaft.
Ein Wahnsinn!
Und nachhaltig. Ich trage davon seit Jahren sicher so zwei bis drei Kilos mit mir rum.
Übrigens: Sollten Sie oder einer Ihrer Verwandten, Bekannten, Freunde doch wider Erwarten dieses Rezept schon kennen – bitte gleich melden.
Vom Namen her gehe ich davon aus, dass früher das Rezept wirklich mit gefangenen Singvögeln gemacht wurde. Wahrscheinlich hat man diese gefüllt. Singvögel waren ja nicht nur in Italien, sondern auch am Balkan klassische Pausenschmankerln.
Ich habe aber weder in Serbien noch in Italien – noch im weltweiten Netz – Spuren von diesem Rezept gefunden.
Vielleicht werden die Serbischen Vögerl ja einmal immaterielles UNESCO-Welterbe.
Danke Ulli. Meine Frau kocht wirklich gut. Und ich esse sehr gut. Komplementäre Fähigkeiten sozusagen. Das ist eine starke Basis für 34 Jahre Ehe.
UNTERLIEBT ♥ Vertrauen Sie mir?
Wenn Sie zur Schweinefleischfresserherde und zum Stamm der Biertrinker gehören, dann hat Ihnen dieser Kasten wahrscheinlich Freude gemacht und Sie sind jetzt hungrig. Ich habe Ihr Vertrauen schon ein bisschen gewonnen. Wir haben ja etwas Gemeinsames. Wenn Sie zur veganen Herde gehören und Ihre Lieblingsflüssigkeit ist Kräutertee oder naturtrüber Apfelsaft mit Leitungswasser gespritzt oder wenn Sie strenggläubiger Moslem sind, dann ist die Geschichte eher nicht gut angekommen. Vielleicht haben Sie sich sogar beleidigt gefühlt und sind jetzt böse auf mich. Überhaupt, wenn Ihr heutiger Tag eh schon nicht so gut war. Dabei geht es nur um ein altes Rezept. Und Sie sind schon misstrauisch. Nur weil ich anders bin als Sie.
Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wer Sie sind, was Sie gerne essen und mit welchen Erwartungen Sie in dieses Buch gekommen sind.
Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Nehmen Sie sich ein Glas schönen Rot- oder Weißwein oder ein kühles Bier. Wenn Sie eher von der Antialkoholfraktion sind, dann eben den gesunden Kräutertee oder einen herrlichen naturtrüben Irgendwassaft. Unser Rendez-Vous wird länger dauern, vielleicht sogar bis zum Morgengrauen. Legen Sie sich eine schöne CD ein oder laden Sie sich etwas Gutes aus dem Internet runter. Bei mir spielt gerade Ali Farka Touré – Musique d'Afrique »African Odyssey«. Hat mir meine ältere Tochter Sarah geschenkt. Die Sekunda. Wunderbar. Beides, die Musik und meine Tochter.
UNTERLIEBT ♥ Ich habe Angst vor Ihnen
Ich denke und schreibe, deshalb bin ich. Sie nehmen sich, was Sie brauchen. Einverstanden? Das ist ein faires Abkommen, finde ich. Ich bin ja in der schwächeren Position. Ich oute mich hier ja, während Sie in Ihrer Anonymität den Daumen nach oben oder nach unten richten können. Anonymität macht Menschen anders, mit einer Tendenz zu gefährlich. Die Aktiengesellschaft heißt ja im Französischen so beeindruckend ehrlich société anonyme.
Jetzt hab ich mir selbst Angst gemacht. Vor Ihnen. Sie sind irgendwo da draußen und haben die Macht, mir wohl gesonnen zu sein oder mich zu zerstören. Sie können über dieses Buch in den höchsten Tönen schwärmen oder es vollkommen zerreißen. Ob Sie das tun, in welcher Intensität und auf welche Art, hängt sehr von Ihrem Selbstwert ab. Wahrscheinlich mehr als von der Qualität meiner Gedanken und meiner Art zu schreiben. Puhhh. Unter Angst denkt es sich so schlecht. Da will ich Ihnen dann gefallen, damit Sie mir nichts Böses tun. Irgendwie bin ich ja von Ihrer Anerkennung abhängig. Sie kennen das sicher aus Ihrem Alltag. Menschen, die sich ständig anbiedern, andere anschleimen. Manchmal aus Berechnung, meistens aus Angst. Ich mag das nicht. Ich mache das auch bei Ihnen nicht. Soll ich Ihnen vielleicht schreiben, dass Sie mein Traumleser oder meine Wunschleserin sind? Dass Sie tolle Augen, ein bezauberndes Lächeln und eine attraktive Ausstrahlung haben und mich total inspirieren? Dass ich mein ganzes Leben nur auf Sie gewartet habe? Das Sie ein einzigartiges Original sind? Also ehrlich, wenn das bei Ihnen funktioniert und Sie sich darüber freuen, dann haben Sie schon ein wirklich großes Selbstwert- und Selbstliebeproblem. Die natürlichere und angemessenere Reaktion wäre, dass Sie einfach angeekelt sind, mich einen oberflächlichen und penetranten Psychofuzzi schimpfen und das Buch im Altpapier entsorgen.
Da sind wir also. Sie mit Ihrer Macht der Anonymität und ich mit meiner Angst vor Ihnen. So geht das nicht. Da kann ich nicht schreiben. Ich brauche ein konkretes Vis-a-Vis. Ein möglichst nettes, das mich hie und da anlächelt und mir Mut macht. Ich könnte mich jetzt in die Marktforschung flüchten und Sie in ein Zielgruppenprofil oder einen Cluster pressen. Der durchschnittliche Leser ist weiblich, über 45, einmal geschieden, bereits mit Therapieerfahrung und überfordert durch den eigenen Perfektionismus. Sie liest auch die folgenden Bücher xy. Gibt jährlich 86 Euro für Bücher und 198 Euro für Frauenmagazine aus. Oder die Kernzielgruppe sind Männer zwischen 38 und 52, in gehobenen Führungspositionen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 68.000 Euro. Verheiratet, 1,47-facher Vater mit einem außerehelichen Verhältnis. In der Midlifecrisis auf der Suche nach dem Selbst und Anzeichen von Burn Out. Ich mag so etwas nicht. Sie wohl auch nicht. Obwohl wir beide ständig in solche Cluster und Zielgruppendefinitionen gepresst werden. Wir machen das hier aber nicht. Mir ist das zu wenig konkret, zu wenig menschlich und zu wenig individuell. Ein bisschen würdelos und auf jeden Fall zu wenig wertschätzend. Außerdem trifft diese Merkmalkonsolidierung auf Sie wahrscheinlich nicht zu. Sie sind dann eine statische Abweichung. Mit so etwas unterhalte ich mich auch eher ungern. Das ist ja auch kein guter Name: Statische Abweichung?
UNTERLIEBT ♥ Ich und meine virtuellen Leser
Wir lösen das anders. Sie bleiben ein mir völlig unbekannter, realer, aber anonymer Mensch. Meine Leserin, mein Leser, über die ich mich freue. Ich bleibe beim Sie und rede Sie nicht per Du an, so als ob wir langjährige Freunde wären oder Sie Skilehrer oder Yogalehrerin und ich Ihr Schüler. Lassen Sie uns Distanz wahren. Dafür erfinde ich mir fünf virtuelle Leser. Mit denen führe ich einen Dialog, wenn mir danach ist. Der Held des Buches bleibe aber ich.
Also, ich stelle Ihnen vor.
Den 64-jährigen Rudi. Ein lieber Herr. Rudi wohnt in Lausanne. Eine schöne Stadt am Genfer See, leider etwas teuer. Zumindest für Nichtschweizer. Rudi, mit 64 liest du noch solche Bücher? Der Titel hat dich angesprochen? Ach so. Dafür haben wir ihn uns ja auch ausgedacht. Wie bitte? Du hast Probleme, deinen Sohn zu umarmen. Das ist dir irgendwie peinlich. Ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass es das ist. Dein Vater hat dich auch nie umarmt? Dein Vater war selten daheim? Rudi, da bist du nicht alleine. Also ohne Vater zu Hause warst du es schon irgendwie. Ich meine, du bist nicht der einzige in unserer Gesellschaft, der eine ungestillte Sehnsucht nach seinem Vater hat. In unserer Gesellschaft herrscht nun mal irgendwie ein Mangel an Vätern. Seit über hundert Jahren.
In Hannover wohnt die 38-jährige Patrizia. Achtung, Patrizia. Unser Gedankenaustausch kann dein Leben wirklich verändern. Das kannst genau genommen ja nur du, aber unsere kurze Lese-Affäre wird dir genug Impulse geben, die dich zur Änderung veranlassen könnten. Wenn du das willst. 35 Paar Schuhe, vier Laufmeter Gewand, nur die feinsten Marken, edle Dessous, schnuckelige 72 Quadratmeter Designerwohnung mit Dachterrasse, Shopping-Wochenenden in Mailand, Paris oder Rom, Urlaub auf den Malediven oder den Seychellen. Und doch fühlt sich das alles irgendwie nicht ganz richtig an, so ein bisschen leer. Ist es so? Hmmm, manchmal verfährt man sich in seinem Leben, ohne so richtig zu wissen, wieso. Vielleicht findest du hier ja Antworten, Ideen, Gedanken. Dein unterdimensionierter Rassehund wird dich schon irgendwie trösten, wenn du jemanden brauchst, der dich lieb hat. Vielleicht verwandelt er sich ja sogar einmal in einen Prinzen. Aber das tun meines Wissens nach nur Frösche. Patrizia, ich hab Menschen kennengelernt, die waren in ihrem eigenen Leben Geisterfahrer. Das bist du aber sicher nicht.
In Wien erfinde ich mir den 22-jährigen Peter. Der sitzt gerade am Klo. Servus Peter. Das Klo ist deine Bibliothek. Da kannst du in Ruhe lesen. Geht mir ähnlich. Aber bitte verhalte dich geräuschneutral. Ist der Leistungsdruck bei dir schon groß genug? Hast du endlich deinen befristeten Werkvertrag für 20 Stunden bekommen? Du weißt nicht, wie du in dieses System einsteigen kannst, das du eigentlich gar nicht willst? Willkommen bei uns. Ich glaub, du wirst dir einiges rauslesen können aus diesem Buch. Trost und Zuspruch kann ja auch eine Form der Liebe sein. Vielleicht denkst du dann ja in so 30, 40 Jahren an unsere flüchtige Bekanntschaft zurück und schickst mir ein Lächeln. Vielleicht geht es aber auch schon früher, weil in 30, 40 Jahren werde ich ziemlich sicher schon nicht mehr zurücklächeln können.
Jetzt erfinde ich mir etwas für meine Seele. Die 44-jährige Claudia aus Graz. Ich mag ihre blonde Mähne, die strahlenden Augen und ihr Lächeln. Das ist wie ein Sonnenaufgang. Vielleicht kennen wir einander von früher. Warst du damals im Oktober 1998 bei meinem Workshop dabei? Ja?! Damals warst du 26. Wie ist es dir ergangen? Das Leben hat dich schwer geprüft. Du bist Witwe. Trotz all dieser Niederlagen und Schmerzen glaubst du noch ans Leben. Schön. Wie hast du es geschafft, dir so viel Lebensfreude zu bewahren? Bewahren ist vielleicht der falsche Ausdruck. Du baust sie immer wieder von neuem auf, diese Lebensfreude. Und deine Selbstliebe. Das ist einfach toll. Von dir können wir sicher einiges lernen. Wenn ich es brauche, komme ich auf dich zurück.
Jetzt bastle ich mir ein Klischee. Das gibt es aber wirklich. Ich treffe dieses Klischee in meiner Arbeit sehr oft. Nennen wir das Klischee Rainer. Rainer, du auch da. Das lässt dein Terminkalender zu? Rainer, du bist in Nürnberg, richtig? Jetzt gerade nicht? Jetzt bist du in Frankfurt am Flughafen und hast die Nase voll vom E-Mail-Checken und deshalb bist du zu uns geflüchtet. Genau genommen in deinen Kindle. Herzlich willkommen. 180.000 Jahresgage, plus Prämie. Gerade einen netten Personalabbau durchgezogen, ein paar hundert Mitarbeiter freigesetzt. Echte Chancen auf den CEO für CEE, vielleicht bekommst du sogar USA und Canada. Das ist doch eine starke Erfolgsbilanz für jemanden mit 43. An Geld und Status kann es dir ja wohl nicht mangeln. Was machst du also hier in unserem Kreis? Was suchst du da bei uns? Woran mangelt es dir? Außer an der Zeit, die du hier verschwendest. Rainer, kann es sein, dass auch du dich unterliebt fühlst? Rainer, dich bau ich mir als meinen rationalen und kritischen Widerpart auf, okay? Wir zwei werden uns ein kleines Duell liefern. Aber immer respektvoll und bis zum Ende dieses Buches wachsen wir zusammen. Irgendwie mag ich dich ja jetzt schon.
Damit sind wir jetzt zu siebent. Sie, liebe anonyme Leserin oder anonymer Leser, Rudi, Patrizia, Peter, Rainer, Claudia und ich. Mir geht es gut mit euch. Bis auf einen, den Leser, hab ich alle voll unter Kontrolle. Das baut meine Angst ab. Jetzt kann ich zur Höchstform auflaufen.
Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon etwas im Glas oder in der Tasse? okay. Sie müssen Ihren Tee noch ziehen lassen. Die drei Minuten warten wir gerne auf Sie. Da können sich die anderen auch noch etwas nehmen.
Rainer hätte gerne einen Lungo vom Umutima wa lake Kivu Rwanda. What Else? Aber die Nespressomaschine für die Laptop-Tasche wurde noch nicht entwickelt und hier am Flughafen in Frankfurt gibt es den noch nicht. Musst du dich mit deinem stillen Mineralwässerchen begnügen. Patrizia, du schenkst dir einen Prosecco ein. Keine Supermarktware, sondern einen schönen docg aus Conegliano Valdobbiadene. Zwölf Euro die Flasche. Man gönnt sich ja sonst nichts. Schaun wir mal, wie viel von der Flasche übrig bleibt. Peter, Sodazitron oder Bier? Was ist dir jetzt lieber? Du nimmst das Sodazitron. Beim Alkohol bist du vorsichtig. Rudi bekommt was Tolles ins Glas. Was trinkt ein gesetzter Schweizer in Lausanne, wenn er sich entspannen will? Du wählst einen Côte de Beaune. Beim Winzer direkt gekauft. Ist ja nicht weit von dir. Claudia, fang mit einem Kräutertee an. Vielleicht lass ich dich später auf einen von euren superben steirischen Weißweinen umsteigen. Aber du wirst immer ein bisschen wuschig, wenn du zwei Gläser hast.
Haben alle etwas? Sind wir bereit? Dann los. Machen wir etwas aus den gemeinsamen Stunden.
Ja, Rainer. Was gibt es denn schon?
UNTERLIEBT ♥ Worum geht es überhaupt?
Du willst wissen, wie die Agenda lautet, worüber wir überhaupt reden. Bisher war es ja nur ineffizientes Geschwafel. Du willst endlich auf Zug kommen und Action haben. Wir müssen ja etwas weiter bringen. Sonst gehst du wieder. Ob du gehst oder bleibst, entscheide noch immer ich. Wegen der Agenda ersuche ich dich, einmal effizient das Inhaltsverzeichnis zu lesen. Das ist ja so etwas wie eine Agenda. Da wird dir vielleicht das Wort unterliebt auffallen. Also wird es wohl eher nicht um den Überfluss an Liebe gehen, sondern eher vom zu wenig davon. Das ist das Thema dieses Buches. Kommt ja sogar im Titel vor. Es geht um die große Unterliebe. Unterliebe. Davon sind die meisten von uns betroffen. Wir haben einfach zu wenig Liebe. Wir bekommen zu wenig und geben uns selbst auch nicht genug. Du, Rainer, bist ganz sicher einer von den Unterliebten. Es ging auch schon bisher um die Unterliebe, nur hab ich das noch nicht so deutlich geschrieben, immer gleich rot unterstrichen oder irgendwie animiert. Ich wollte den Leser, die Leserin durch die Geschichten und das Spielen mit dem Namen emotional ins Thema einsteigen lassen. Den Verstand ein bisschen irritieren, austricksen. Erst wenn man sich vom Gewohnten trennt, kann man sich für das Neue öffnen. Der Verstand ist oft der Hüter des Gewohnten. Der glaubt, er weiß, wie es geht. Die Ratio dominiert bei uns viel zu oft die Emotio. Ich muss den Verstand verwirren, damit er Platz macht für die Emotion.
Rainer, diese Worte werden uns immer wieder begegnen: Liebe, Unterliebe, Eltern, Selbstliebe, Fremdliebe, Herde, Wertschätzung, Selbstwert, Fremdwert, Anerkennung, Nespresso, Selbstwertflunder, Jesus, Wirtschaft, Begeisterung, Leben, Filter, Angst, Freude. Lass dich drauf ein. Und diese Formel wird sich auch gleich aus dem Dunkeln lösen:
LG = LS + LF
Wann genau das sein wird, entnimm bitte dem Inhaltsverzeichnis. Sie ist jedenfalls die Basis für unsere Betrachtungen.
Wir werden uns mit meinen Fragen beschäftigen:
• »Warum sind wir eigentlich so schlecht drauf?«
• »Wer hat uns so gemacht?«
• »Wer braucht solche Menschen?«
• »Wer hat einen Nutzen davon, dass es uns nicht so gut geht?«
• »Was können wir dagegen machen?«
Rainer, zu deinem Vorwurf des ineffizienten Geschwafels möchte ich dich darauf hinweisen, dass Vertrauen die Basis jeder Beziehung ist und erst aufgebaut und dann gepflegt werden muss. Warum ich das euch Führungskräften immer wieder von Neuem sagen muss! Du hast es ja leicht. Du kannst deine Mitarbeiter freisetzen, wenn du ihr Vertrauen verloren hast. Ich kann meinen Leser aber nicht einfach rauswerfen, wenn er mir die Gefolgschaft verweigert. Da ist es umgekehrt. Der Leser kann mich aus seinem Leben rauswerfen. Nimm das jetzt einmal und gedulde dich. Sonst hänge ich dir gleich eine Mail von eurem Super-CEO von weltweit überhaupt um, der euch alle zu einem Boardmeeting vergattert. Morgen zehn Uhr früh in London. Ihr seid 3,62 % unter Plan. Sparmaßnahmen müssen sofort gefasst werden. Da kannst du dein Super-Businessclass-Ticket umbuchen und kommst heute wieder nicht nach Nürnberg heim. Yeah. Die Runde geht wohl an mich. Aber du sollst deine Action haben.
Ich möchte dich, Rainer, meine anderen virtuellen Leser und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in die warme Sonne Kaliforniens entführen. Zum Superbowl.
UNTERLIEBT ♥ Der Superbowl
Der Superbowl ist das wichtigste Einzelsportereignis der Welt mit knapp einer Milliarde Fernsehzuschauern weltweit. Ein 30-sekündiger Werbespot kostet 4 Millionen Dollar.
Er ist das Endspiel der nfl, der National Football League in den USA, wo die Sieger aus den beiden Vorrunden aufeinander treffen und den Champion ausspielen. In diesem Jahr fand das Endspiel im Levi's Stadion in Santa Clara in Kalifornien statt. Dort begeben wir uns jetzt hin und tun so, als ob wir live dabei wären. Ein wunderbares Stadion. 75.000 Zuschauer. Und wir mitten drinnen. Angenehm warm ist es da.
Die Spieler sind noch nicht eingelaufen, doch die Begeisterung ist schon zum Greifen, die Euphorie spürbar. Alle sind gut drauf. Die Stimmung ist toll. Die Leute machen schon die Welle. Ohoohooo! Da sollten wir jetzt mitmachen. Wir sitzen ja auch im Stadion. Live dabei. Patrizia, du willst nicht? Du bleibst lieber auf deinem Sofa sitzen. In deinem Schmuddelpyjama. Es ist gerade so gemütlich. Claudia, du liest das Buch gerade in der Straßenbahn. Da würde die Welle ein bisschen peinlich wirken. Inmitten all dieser ernsten Gesichter und dieser vielen Menschen, die ihre privatesten Geheimnisse in ihr Mobiltelefon schreien. Peter, du liest mich auf deinem stillen Örtchen. Du bleib bitte sitzen. Lassen wir das mit der Welle.
Die Kisscam fängt immer wieder Pärchen ein. Die werden dann auf den großen Videowalls gezeigt, von einem Herz gerahmt und sollen sich küssen. Alle jubeln dazu. Da ist auch der Popcorn und Hotdog-Verkäufer mit seinem Bauchladen. Der Duft ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Stimmung. Dort sitzt so ein typischer Ami mit seiner Cola-Dosen-Mütze. Sie wissen eh, je eine Dose rechts und links auf der Kappe mit einem Schlauch direkt zum Mund. Damit man die Hände fürs Popcorn und den Hotdog frei hat. Crazy. Mit unseren Wein, Prosecco und Kräutertee fallen wir schon ziemlich auf.
Am Spielfeldrand tanzen sich die Cheerleader schon warm. Die Cheerleader sind diese leicht bekleideten, gut aussehenden Mädchen. Kurze Röcke, enge Tops. Die sorgen mit ihren Choreografien für jede Menge Akrobatik und Erotik.
Und da kommen die beiden Mannschaften aufs Spielfeld, Gladia …
Rainer, Rudi und Peter, habe ich euch gerade verloren? Seid ihr gedanklich bei oder in den Cheerleadern hängengeblieben. Die Präposition macht einen Unterschied. Unsere Damen denken sich gerade, was schon wieder für eine hormongesteuerte Geschichte. Gut. Meine Herren, ihr könnt euch jetzt selbst in einen kurzen Werbeblock hängen oder weiter von den Cheerleadern träumen. Oder ihr lest auch, was ich über die Wichtigkeit der Cheerleader zu sagen habe.
Definition der Cheerleader, nach Wikipedia.
Die primäre Aufgabe des Cheerleading – von englisch cheer ›Beifall‹ und to lead ›führen‹, also sinngemäß »zum Beifall führen« – ist das Anfeuern der eigenen Sportmannschaft und die Animation des Publikums.
JAA – Die Cheerleader sind ganz wichtig. Gäbe es die nicht, würden die beiden Mannschaften aufs Spielfeld kommen und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf einigen, dass sie ins nächste Pub auf ein Bier gehen. Wenn jedoch erotische Frauen auf dem Spielfeld sind, schießt bei uns Männern das Testosteron ein und wir beginnen, um die Frauen zu buhlen. Wir fangen dann zu raufen an, zu streiten und zu kämpfen. Wir Männer machen ziemlich viele Unsinnigkeiten, nur um den Frauen zu gefallen. Meine Damen, ihr denkt euch jetzt, typisch für uns Männer. Aber ähnliche Effekte gibt es auch in der Damenwelt. Stellt euch vor, ihr sitzt mit zwei, drei Freundinnen in eurem Lieblingskaffeehaus. Ihr trinkt einen Cafe Latte. Nicht zu kalt, nicht zu warm. Mit einem Hauch von Kakaopulver. Wegen der schlanken Linie. Auf einmal geht die Türe auf und es erscheint – George Clooney. Da werdet wohl auch ihr in ein anderes Verhaltensmuster wechseln.
Zurück nach Santa Clara. Wo war ich stehen geblieben? Aja! Die Mannschaften laufen gerade ein. Gladiatoren der Neuzeit. Die haben superbreite Schultern. Betont noch durch die Schulterpolster. Kriegsbemalung in den Gesichtern. Und total knackige Hintern. Die Mannschaften stellen sich wie Silberrücken, wie Gorillas in einem Kreis auf und machen eigenartige Brunftgeräusche. Sie schwören sich auf den gemeinsamen Erfolg ein. Klopfen sich gegenseitig anspornend auf die Helme. Der Coach pumpt seine Männer bis über die Haarwurzeln voll mit Selbstvertrauen und Siegeswillen. Yeah. Go for it! You can!
Bevor das Spiel beginnt, singen die Amis sogar noch die Nationalhymne. Die Zuschauer stehen auf und halten ihre Hand aufs Herz. The land of the free and the home of the brave. Das Land der Freien und die Heimat der Braven. Oder so ähnlich. Gut, das war ein Schenkelklopfer. Entschuldigung.
Jetzt beginnt das Spiel. Mit einem Freekick. Die Menge tobt. Es wird um jeden Yard gekämpft. Da bekommt der Quarterback den Ball. Der wirft einen Superpass über sechzig Yards nach vorne. Dort fängt ihn ein Angriffsspieler und rennt damit wie von der Tarantel gestochen los. Über die weiße Linie. Und drischt mit aller Kraft den Ball auf die Erde. Touch Down. Das höchste, was man in diesem Spiel erreichen kann. Sechs Punkte. Der Spieler macht einen Salto und wird von seinen Mitspielern unter einem Knäuel der Begeisterung begraben. Das Stadion explodiert. Applaus brandet auf. Yeah!
Und jetzt nehmen wir die beiden Teams, saugen sie aus dem Stadion in den blauen Himmel Kaliforniens und fliegen sie über den Pazifik. Nach Sibirien. Der Himmel wird grau. Es ist fürchterlich kalt. Minus 24 Grad. Wir stellen die beiden Mannschaften auf eine Wiese, wo niemand ist. Keine Menschenseele weit und breit. Kein Publikum, kein Coach, kein Platzsprecher, kein Hotdog-Verkäufer, keine Cheerleader. Nicht einmal ein Kamtschatka Bär. Wir verbieten den beiden Mannschaften, während des Spiels miteinander zu reden. Jedes Erfolgsritual wird untersagt. Da gibt es kein anerkennendes auf den Helm Klopfen, kein high five, keinen Salto. Leise und brav sollen die spielen. Und außer dem eisigen sibirischen Wind hört man vom Platzsprecherband die ganze Zeit nur monoton Angst, Angst, Angst, Angst, Angst.
Das Spiel im warmen Kalifornien wird wohl ein anderes sein als jenes im frostigen Sibirien. Obwohl es genau dieselbe Sportart ist. Und dieselben Mannschaften.
Hier ein Klima des Erfolges, der Anerkennung, des Selbstvertrauens und der Freude.
Dort keine Aufmunterung, kein Anfeuern, dafür frostige Angst und Unlust.
UNTERLIEBT ♥ Obama, Europa und wir selbst
Was würden Sie sagen? Spielt Europa momentan eher so wie beim Superbowl, strotzend vor Selbstvertrauen und erfolgshungrig oder doch eher eine ängstliche Zitterpartie wie in Sibirien. Hat Europa einen starken Selbstwert? Gut, wir in Österreich sind ja eine Mannschaft der Seeligen. Wir haben ja zwei echte Motivationsbolzen als Coaches. Faymann und Mitterlehner. Und die Mikl-Leitner ist ja auch eine bezaubernde Cheerleaderin. Mikl-Leitner im kurzen Rock und eng anliegendem Top. Man muss sich nicht alles vorstellen. Aber das übrige Europa?
2008 hat Obama bei seinem ersten Wahlkampf die Amis mit einem einzigen Satz aufgerichtet: »Yes, we can!« Die Amis hatten damals nach der Bush-Periode auch ein Selbstwert- und Identitätsproblem. Das passiert sogar denen manchmal. Aber Obama hat den kollektiven Selbstwert wieder gehoben. Von einer ganzen Nation. 320 Millionen Amis.
Yes, We Can!
ist eigentlich ein Zufall gewesen. Der ursprüngliche Wahlslogan hat gelautet Change we can believe in.
Das ist ja fast genauso mitreißend.
Obama hat Yes We Can! während seiner Präsidentschaftsrallye zum 1. Mal in einer Rede nach der Vorwahl in New Hampshire am 8.1.2008 eingesetzt.
Da hat er die Zuhörer gefragt, ob man die großen weltpolitischen Probleme lösen könne, Gerechtigkeit, Weltfrieden, Milchschnitte für alle und so weiter.
Und jedes Mal hat er sich selbst die Antwort gegeben: »Yes, We Can !« (ins Österreichische übersetzt:
»Ja, das müssen wir uns noch anschauen!«)
Und das ist eben voll aufgegangen. Ein Mythos war geboren.
Aber: Yes We Can kommt auch im Lied von Bob, dem Baumeister vor. Im Refrain wird immer wieder gesungen: »Can we fix it? Yes we can!«
Deutsche Übersetzung? »Können wir das schaffen? Yo wir schaffen das!« Die Angie Merkel hat das auch gesagt. Aber ursprünglich ist das von Bob, dem Baumeister.
Yes, We Can!
Was hören wir Europäer seit Jahren? Die Griechen können nicht, die Italiener können nicht – gut, die Mafia kann schon, aber sonst? –, die Spanier können nicht, die Franzosen können auch schon lange nicht mehr. Bleiben offensichtlich nur mehr die Deutschen und die haben auch schon mit VW, der Deutschen Bank und einigen anderen Flaggschiffen so ihre Troubles erlitten. Die Briten sehen sich sowieso als Nichteuropäer und wollen im Club der Verlierer nicht mehr Mitglied sein. Und ständig wird uns Angst gemacht. Angst, Angst, Angst, Angst!
Ist Angsthaben das neue Hobby von uns Europäern? Die neue Extremsportart? Das lähmt schon ein bisschen. Wer hat eigentlich etwas davon, dass wir uns so niedermachen oder so niedergemacht werden? Sind wir Masochisten, einfach nur dumm oder steckt da Absicht und Methodik dahinter? Klar. Die Amis lachen dazu. Ist ja auch lustig, wie wir uns zusätzlich von jeder daher gelaufenen amerikanischen Rating-Agentur auf den Kopf scheißen lassen. Wenn dann jemand wie die Frau Merkel mit einem Mutappell an die Öffentlichkeit tritt, bekommt ihr das nicht gut. Aber da ist sie in bester Gesellschaft. Über die Jahrhunderte hinweg.
Alfons X, el Sabio (der Weise)
Ich bin nur noch der Schatten eines Königs, den man einst Alfons X. den Weisen nannte, aber der Papst und meine eigenen Vasallen haben mich 1282 abgesetzt. Vielleicht waren meine Träume zu groß für dieses Jahrhundert. Dabei standen wir doch unmittelbar vor einem großen Erwachen. Ich hatte das Glück, in Toledo aufgewachsen zu sein, wo mich Bischof Raymond mit seinen christlichen und jüdischen Übersetzern in die Kultur des Islam eingeführt hatte. Ich habe dann den Koran und den Talmud ins Lateinische übersetzen lassen.
Die rühmlichste Tat meiner Regierungszeit war, dass ich in Murcia mit dem moslemischen Philosophen Mohammed Al-Rikuti eine Schule gegründet habe, wo zum ersten Mal in der Welt Christen, Juden und Moslems zugleich lehrten. In Sevilla habe ich dafür gesorgt, dass in den beiden Kultursprachen meiner Zeit, Arabisch und Latein, unterrichtet wurde.
Hören Sie nur, einer meiner Pagen lässt einen meiner Lobgesänge erklingen:
»Oh mein Christus,
der du sie alle annimmst,
Christen, Juden, Mauren,
wenn nur ihr Glaube
auf Gott gerichtet ist.«
Wie in meinen Gebeten, habe ich auch in meinen Gesetzen niemals vergessen, dass die Ungläubigen mit uns gleichen Blutes und Wesen sind, und das steht so in meinen Gesetzbüchern: »Da die Synagoge das Haus ist, wo der Name des Herrn gepriesen wird, verbieten wir allen Christen, es zu zerstören, oder mit Gewalt etwas daraus zu entfernen, oder an sich zu nehmen.«
Und hinsichtlich der Mohammedaner:
»Es sollen die Mauren unter den Christen ihren Glauben leben dürfen, den unsern aber nicht beleidigen.«
Ja, dank der Bemühung der Gelehrten unserer drei Religionen konnte das Spanien des 13. Jahrhunderts unter meiner Herrschaft für ganz Europa eine echte Wiedergeburt bewirken, nicht gegen Gott, sondern mit Gott.
Die Männer des Gesetzes sagen uns: »Dies ist verboten! Dies ist erlaubt!« Niemals jedoch sagen sie uns: »Du bist selbst für dich verantwortlich. Denke selbst nach!« Dabei fordert uns der Koran auf jeder Seite dazu auf. Wenn man auf sie hören wollte, gäbe es zwischen Gott und dem Menschen nur Beziehungen zwischen Herr und Knecht. Meine Brüder, Gesetz und Philosophie fangen an, wo diese dürre Juristerei aufhört.
Alfonx X. war kein Niemand. Der war ein VVIP, eine very very important person. Alfons X. war nicht nur König von Kastilien und Leon, sondern auch König des Heiligen Römischen Reiches. So etwas wie der amerikanische Präsident heute. Aber Sie sehen, es hat sich seit damals irgendwie nicht viel geändert.
Es geht um die Frage, wie wir Europäer mit unserem Selbstwert und unserer Liebe zu unserem wunderbaren Kontinent umgehen. Lieben wir Europa zu wenig? Ist Europa unterliebt? Haben Sie schon einmal erlebt, dass Europäer aufstehen und mit der Hand auf ihrem Herzen die Europäische Hymne singen? Das wird ihnen nicht gelingen, denn die Europäische Hymne hat keinen Text. Ohne Worte, nur in der universellen Sprache der Musik, soll sie die europäischen Werte Freiheit, Solidarität und Frieden zum Ausdruck bringen. Das hat sich offensichtlich schon zu uns allen durchgesprochen. Wie kann sich etwas durchsprechen, wenn es keine Worte, keinen Text hat?
Sie können dieses Superbowl-Beispiel aber auch auf Ihre Firma beziehen. Welche Kultur wird dort gelebt? Eher eine Erfolgskultur oder doch eine Angstkultur? Werden bei Ihnen auch die Mitarbeiter freigesetzt? Das ist ein spannendes Wort, dieses freisetzen. Ich frag mich immer, was waren die Mitarbeiter vorher. Eingesperrt? Rainer, wie ist das bei euch im Unternehmen? Müssen da viele Menschen Zwangsarbeit verrichten? Arbeit, die sie gar nicht wollen? Freisetzen.
Die Thematik betrifft uns auch persönlich. Wie spielen wir in unserem eigenen Leben? Haben wir genug Selbstwert und Selbstvertrauen, fangen wir mutig den Ball oder spielen wir das Lied von der Angst?
Das hat eben viel damit zu tun, ob wir genug Liebe haben. Oder unterliebt sind.
Bekommen wir genug Liebe? Lieben wir uns selbst genug?
Jetzt mal ehrlich, so unter uns, nur Sie und ich: Mögen Sie sich? Keine blöde Frage, sondern eine entscheidende. Schon vor 2.000 Jahren hat der langhaarige Langzeitarbeitslose in den Herrgottsschlapfen gesagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Genau das tun wir. Unangenehm für den Nächsten nur, wenn wir uns selbst nicht lieben.
Bevor wir jetzt die Duftkerzerln und die Räucherstäbchen anzünden und Briefe an das Universum schreiben, möchte ich Ihnen eine Formel vorstellen. Die Formel. Ist zwar auch eine Liebesformel, doch sehr rational. Mathematik eben.
UNTERLIEBT ♥ Der Kalte Krieg und die Formel: Lt = LS + Lo
Wie ich damals im Oktober 1998 meine Fragen formuliert hatte, begann ich nachzudenken und zu recherchieren.
Sie wissen schon:
• »Warum sind wir eigentlich so schlecht drauf?«
• »Wer hat uns so gemacht?«
• »Wer braucht solche Menschen?«
• »Wer hat einen Nutzen davon, dass es uns nicht so gut geht?«
• »Was können wir dagegen machen?«
Ich habe seit damals viel gelesen und viele Gespräche geführt. Mit hunderten faszinierenden Menschen. Pilgern und Universitätsprofessoren, Obdachlosen und Industriekapitänen, Krankenschwestern und Taxifahrern, Journalisten und Werbefachleuten, gescheiterten Selbstmördern und Pfarrern, Reichen und Armen, Psychologen und Künstlern, Huren und Sterbenden, Jungen und Alten, meiner Frau und meinen Kindern. Bei einem Psychologenkongress hat mich einer der Vortragenden auf die Formel aufmerksam gemacht:
Lt = Ls + Lo
Ich und diese Formel, das war Liebe auf den ersten Blick. Mir war schon lange bewusst, dass die Beantwortung meiner Fragen und der Zustand unserer Gesellschaft sehr viel mit Selbstwert, Anerkennung, Herdentrieb und Interessenskonflikten zu tun hat. Das Thema zieht sich ja durch die ganze Menschheitsgeschichte und spiegelt sich in den Religionen, den Künsten und den Sitten wider. Dieses Thema ist riesengroß, fast zu groß und sehr kompliziert. Und dann finde ich diese Formel oder sie mich und bringt es auf den Punkt. Klar, das ist sehr vereinfachend. Endlich. Ich mag das Einfache. Ich begann zu recherchieren, wer diese Formel entwickelt hatte.
Es waren amerikanische Experten. In den 60er-Jahren im Kalten Krieg. Der wurde ja nicht nur mit atomarer Aufrüstung und Wirtschaftsblockaden ausgefochten, sondern auch durch den Propagandakrieg. Flugblätter, Radiosender und das übliche Instrumentarium. Das haben die Amis auch schon früher gemacht und auch nachher. Das machen sie auch heute noch. Nicht nur die Amis. Aber damals haben die hellsten Köpfe der Eliteunis wie Havard und Yale ganz psychologisch nachgedacht, wie sie den Gegner hinter dem Eisernen Vorhang schwächen können. Wie man den Selbstwert der Russen abmontieren und ihr Selbstvertrauen zertrümmern kann. Wer kein Selbstvertrauen hat, hat ja auch keinen Mut. Blöderweise aber immer noch den roten Knopf für die Atomsprengköpfe. Und die Ergebnisse ihrer Forschungen haben sie unter anderem in dieser Formel zum Ausdruck gebracht:
Lt = Ls + Lo
L steht für Love. Die Liebe.
Im Ernst: die Amis haben mit diesem Wort kein Problem und sind sich seiner Bedeutung und seiner Macht bewusst. Für uns ist Liebe ja oft irgendwie zu viel, zu pathetisch, zu peinlich. Zu emotional.
Das t im Lt steht für total. S steht für self und o steht für others. Die Gleichung liest sich im Original also:
Love total equals Self-Love plus Love from the Others
Übersetzt:
Lg = Ls + Lf
Liebe gesamt = Selbstliebe + Fremdliebe
Die Amis haben klar erkannt: wenn wir den Russen ihren Selbstwert und ihren Stolz auf ihr Land nehmen, dann zerbröckelt ihre Selbstliebe und ihre Identität. Da sind sie dann ganz schwach. Das dürfte funktioniert haben. Die USA gibt es ja noch immer. Der ehemalige Osten liegt zwar noch immer im Osten, ist aber doch nicht mehr derselbe wie früher. Sie sehen, die kann was, die Formel. Letztendlich hat die Formel sogar die Berliner Mauer umgehauen. Die im Osten haben sich minderwertig gefühlt, rüber geschaut in den Westen. Da war es besser. Das war die Basis für den Untergang der DDR.
UNTERLIEBT ♥ Unsere Formel: Lg = Ls + Lf
Ich hab die Formel fasziniert übernommen und auf das Individuum, auf mich selbst und in meiner Arbeit angewendet.
Lg = Ls + Lf
Liebe gesamt = Selbstliebe + Fremdliebe
Es geht in Summe um die Liebe, die Sie sich selbst geben und die Sie von den anderen bekommen. Liebe von innen und Liebe von außen. Ein bisschen banaler, dafür bildhafter: Es geht um Ihre Streicheleinheiten, die Sie zum Leben, sogar zum Überleben brauchen und die Sie sich selbst geben oder von anderen holen können.
Damit ich Ihnen das Prinzip vorrechnen kann, sagen wir jetzt einmal, wir brauchen Liebe gesamt 10, okay? Sie können schon mehr davon haben, viel mehr. Aber damit Sie halbwegs ausgeglichen und rund sind, damit Sie am wöchentlichen Besuch bei Ihrem Therapeuten vorbeischrammen, brauchen Sie die 10. Das ist kein wissenschaftlich fundierter Wert. Das ist vollkommen willkürlich. Mit 10 rechnet es sich nur leichter als zum Beispiel mit 4.213,58.
Wenn Sie jetzt eine Selbstliebe von 8 haben, sich wirklich mögen, dann brauchen Sie nur mehr Fremdliebe von 2. Das ist ein schönes Gesamtliebepackage und Jesus und ihre Nächsten haben große Freude mit Ihnen. Sofern die Nächsten Sie nicht ausnutzen wollen. Die Gleichung lautet dann:
10 = 8 + 2
Das liest sich gut und spürt sich im Leben auch gut an. Da geht es Ihnen gut. Sie bekommen genug Liebe. Vor allem von sich selbst. Sie sind so ein ausgeglichener Mensch, der äußerst angenehm ist. Sie haben auch oft gute Tage. Sie sind sehr selten aggressiv, schreien nicht herum und schlagen auch keine Kinder. Ehefrauen auch nicht. Ehemänner auch nicht. Wir leben ja im Zeitalter der Gleichberechtigung. Sie müssen auch nicht um jeden Preis gewinnen. Sie haben ja schon so viel.
In unserem Kulturkreis findet man die Formel allerdings viel öfters in solchen Ausprägungen:
10 = 2 + _
Mit 2 Selbstliebe sind Sie schon ziemlich runtergefahren, so eine richtige Selbstwertflunder. Ein Selbstliebe-Gartenzwerg. Ein Ich-mag-mich-nicht. Lechzend nach Streicheleinheiten und Zuspruch. »Bitte, bitte, habt mich lieb!« Das wäre aber noch gar nicht so schlimm, wenn Sie die 8 Fremdliebe wirklich bekämen. Dann sind Sie zwar ein bisschen sehr fremdgesteuert, aber immerhin fühlen Sie sich ausreichend geliebt.
10 = 2 + 8
Ich nehme es vorweg. Das ist die Lieblingsgleichung unseres Systems. Das ist die Basis unserer Gesellschaft. Über die Fremdliebe schleichen sich jede Menge Fremdinteressen in unser Leben ein. Damit diese Fremdliebe genug Platz hat, muss sie unsere Selbstliebe verhindern oder verdrängen. Diese Fremdliebe ist in Wirklichkeit oft gar keine. Sie tut nur so. In Wirklichkeit geht es um die Optimierung des eigenen Nutzens. Dem von den anderen. Das ist so wie zwischen Amerikanern und Russen. Nein, Peter, das ist keine Binsenweisheit. Wir sind uns sehr oft nicht bewusst, dass wir instrumentalisiert und benutzt werden. Übrigens angenehm, dass du deine Klositzung beendet hast. Es redet sich so doch leichter miteinander.
Menschen mit einer derartigen Liebesgleichung sind oft sehr zufrieden. Und brav. Brave Kinder, arbeiten brav, konsumieren brav. Gehen vielleicht brav in die Kirche und wählen auch brav die richtige Partei. Sie sind ein braves und von außen anerkanntes Mitglied der Herde. Sozial integriert. Sie können in diesem Absatz das brav durch ordentlich ersetzen. Das funktioniert sehr gut. Wenn Sie das brav durch selbstbewusst oder selbstbestimmt ersetzen, wird es holprig, oder? Menschen mit so einer Liebesgleichung lesen ganz sicher nicht dieses Buch. Oder erst, wenn sie spüren, dass die Selbstliebe zu kurz kommt. Weil das Selbst irgendwie und irgendwo abhanden gekommen ist. Rudi, du nickst dazu. Du hast dein ganzes Leben vor allem eines: brav funktioniert. Als Kind, in der Beziehung, in der Arbeit, für die Familie, im Schützenverein. Zeit für dich? War eher nicht das Thema. Jetzt sitzt du am Genfer See. Es nieselt. Und irgendwo da am Grund des Sees vermutest du dein Selbst. Das hättest du gerne wieder. Deshalb bist du auch in diesem Buch. Da wirst du es auch nicht finden. Ich habe es dir ja nicht genommen.
Claudia, du weißt auch, wovon ich rede. Du hast schon sehr oft dein Selbst hintan gestellt. Es immer wieder vernachlässigt. Du hast es sogar schon ganz verloren gehabt. Das hat weh getan. Aber du hast es dir auch immer wieder zurückgeholt. Leicht war das nicht.
Rainer, dir biete ich ein Zitat von Ödön von Horvath an. Eines meiner Lieblingszitate. »Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komm nur so selten dazu.« Vielleicht kannst du damit etwas anfangen? Vielleicht träumst du ja auch heimlich von einem kleinen Weingut in Italien. Oder vom großen Ausstieg. Rainer, reg dich nicht auf. Du bist nun mal ein Klischee.
Bleiben wir noch bei der Formel in der Ausprägung 10 = 2 + 8. Ganz ungut wird es, wenn wir nicht einmal die nötigen 8 Fremdliebe bekommen, sondern zum Beispiel nur 5.
2 + 5 = eben nicht 10
2 + 5 ≠ 10 2 + 5 = 7
Dieser Mensch ist dann um 3 unterliebt. Jetzt haben wir es endlich definiert, dieses unterliebt. Ein schönes Wort. Ein Wort von mir. Ich mag es so, weil es zwar wehtun kann, wenn du es bist. Aber unterliebt bringt es wunderbar auf den Punkt.
U N T E R L I E B T.
Was sagst du, Patrizia? Du bist erschrocken. Du warst dir bisher schon bewusst, dass du unterliebt bist. Du hast es nur anders genannt. Du hast aber bisher nicht erkannt, dass du vor allem von dir selbst unterliebt bist. Du hast dich immer nur auf die fehlende Liebe und Anerkennung von den anderen konzentriert. Du hast dich oft als Opfer der anderen gefühlt. Ja, die 2 Selbstliebe in unserer Gleichung sind das Ergebnis der Unterliebe durch dich selbst. Du liebst dich selbst zu wenig. Willkommen im Club. Der Pegelstand in deiner Proseccoflasche hat auf den letzten Seiten ganz schön abgenommen.
Peter, du kannst mit der Formel nicht viel anfangen. Dich stört das Wort Liebe. Versuche es mit Anerkennung.
Ag = As + Af
Anerkennung gesamt = Selbstanerkennung + Fremdanerkennung
Gefällt dir das besser? Ja? Dir auch, Rainer. Ich kann diese Formel noch einmal modifizieren.
SW = As + Af
Selbstwert = Selbstanerkennung + Fremdanerkennung
Damit tut ihr euch leichter. Das ist gewohnter. Liebe verwenden wir selten. Selbstwert und Wertschätzung hingegen sind gelernte Begriffe. Vielleicht sollten wir das Neue Testament umschreiben: Schätze deinen Nächsten wert wie dich selbst. Nach so vielen Jahren ist das Urheberrecht von Jesus schon erloschen. Wir können damit machen, was wir wollen. Gut, tun wir eh.
Ich mag Wertschätzung nicht. Peter, wenn ich dich wertschätze, dann schätze ich deinen Wert. Ich beurteile dich und berechne irgendwie deinen Wert. Für wen? Für mich oder für dich? Ich finde, mir steht es nicht zu, deinen Wert zu schätzen. Das ist doch anmaßend. Ich mag dich einfach. Das tue ich gerne. Rainer mag ich auch. Das ist dir egal, Rainer? Dir geht dieses Harmoniegesülze auf die Nerven. Du willst endlich deine zehn Tipps und Tricks zur richtigen Motivation. Nicht für dich, sondern für deine Mitarbeiter. Aus denen muss noch mehr rauszuholen sein. Rainer, du machst dich gerade ein bisschen unbeliebt bei mir und den anderen. Weißt du was, ich ziehe dich für eine Zeitlang aus dem Verkehr. Letzter Aufruf für Herrn Rainer. Bitte begeben Sie sich umgehend zu Gate 17. Jetzt aber schnell, Rainer. Ich schicke dich nicht nach London. So gemein bin ich nicht. Ich lass dich eh nach Hause nach Nürnberg fliegen. Melde dich wieder, wenn du dort angekommen bist. Rainer, da hast du noch etwas zum Zeitvertreib.
[WIEN-QUIZ] Frage 1
Neben der Pestsäule am Graben findet man den Abgang zur ältesten intakten öffentlichen Toilette Wiens aus der Zeit des Jugendstils. Was bot die Toilette ursprünglich an?
A. Eine Trennung in 1. und 2. Klasse
B. Rosenblüten im Urinal
C. Duschen
D. Eine Hundewaschanlage
Auflösung kommt schon noch.
UNTERLIEBT ♥ Ihre persönliche Liebesformel
Rainer ist jetzt einmal ruhig gestellt.
Ich wende mich wieder Ihnen zu, liebe Leserin, lieber Leser. Oder ist Ihnen wertgeschätzte Leserin, wertgeschätzter Leser lieber?
Wie sieht die Formel bei Ihnen aus?
Setzen Sie einmal in die Gleichung Ihre Werte ein:
LG = (Ihre gefühlte, geschätzte LS) + (Ihre gefühlte, erlebte LF)
Schreiben wir die Gleichung in drei Variablen auf.
mLG = X + Y
wobei mLG meine Liebe gesamt, X Ihre Selbstliebe und Y Ihre Fremdliebe ist. Meine Liebe meint hier Ihre Liebe, nicht meine. Das ist schon verwirrend mit der Liebe, finden Sie nicht?
Patrizia, die Aufgabe überfordert deinen Verstand jetzt ein bisschen. Die Formel ist zwar klar, nur wie kommst du zu X und Y? Wie berechnet man diese Werte? Gar nicht, Patrizia. Auf diese Werte kommst du nur über dein Bauchgefühl, über deine Emotion. Wie hoch fühlt sich deine Selbstliebe für dich an? Trag den Wert einmal ein. Du brauchst ein bisschen Unterstützung. Vielleicht hilft dir ja eine klassische Coaching-Skalierungsfrage:
»Auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 bedeutet, dass du dich überhaupt nicht liebst, dass du gerne jemand anderer wärst, und zwar immer, und 10 bedeutet, dass du dich voll und ganz liebst, dass du dich einfach annimmst, so wie du bist, dass du dich bedingungslos liebst, wo würdest du deine Selbstliebe denn ansetzen?«
Hier ist die Skala. Trage deinen jetzt gefühlten Wert für deine Selbstliebe ein.

»Was tue ich dann mit der Zahl, auf die ich gekommen bin?«
Siehst du, diese Frage überrascht nun wieder meinen Verstand. Ich dachte, das wäre klar. Gut. Ist offensichtlich nicht so. Diese Zahl trägst du bitte statt des Wertes X in deine Liebesgleichung mLG = X + Y ein.
mLG = + Y
Bei der Fremdliebe gehe die diversen Beziehungsbereiche durch: Eltern, Partnerin und Partner, Kinder, Geschwister, Freunde, Gemeinde, Vereine, Beruf, die Gesellschaft. Ja, das ist das große Fremdliebe-Angebot, das wir so haben. Daraus können wir schöpfen. Wie groß fühlt sich die Fremdliebe an, die du bekommst?
Trage deinen Wert für deine Fremdliebe auf dieser Skala ein.

Damit hast du den Y-Wert, die Fremdliebe. Den Wert trägst du auch in deine Liebesgleichung ein.
dLG = +
Jetzt noch ein bisschen kopfrechnen und du hast deine Gesamtliebe.
= +
Patrizia, wie hoch ist bei dir die mLG, deine Liebe gesamt? Wie geht es dir mit dem Ergebnis? Bist du definitiv unterliebt, weit unter 10? Welcher Wert ist höher: der Selbstliebe- oder der Fremdliebewert? Ja, das habe ich befürchtet. Du bist ja oben selbst schon erschrocken. Dein Selbstliebewert ist unter 4. Da braucht es wohl Entwicklungshilfe. Und deine Fremdliebe ist auch ganz schwach. Und die Proseccoflasche ist jetzt leer.
Vielleicht ist ja gerade jemand von euch darauf gekommen, dass sie oder er viel besser dasteht als er oder sie sich das täglich selbst einredet beziehungsweise ihr oder ihm eingeredet wird. Das ist bei gar nicht so wenigen von uns der Fall. Wir fühlen uns oft viel stärker unterliebt als wir es tatsächlich sind. Das wäre jetzt ein optimaler Zeitpunkt zu entscheiden, ob Sie dieses Buch weiterlesen wollen oder glücklich lächelnd aussteigen.
Claudia, deine mLg ist weit über 10. Das wundert mich nicht. Du bleibst trotzdem. Danke.
Rudi, du hast keinen Bezug zu deiner Selbstliebe herstellen können. Das Thema ist dir einfach zu fremd. Das ist fast eine andere, dir unbekannte Sprache. Du bist ratlos. Aber das Funktionieren nimmst du schon. Das ist dir verständlich. Dir ist das schon lange irgendwie zu viel. Du willst den Jakobsweg gehen. Irgendwann.
Ich bin ihn schon gegangen. Nicht aus religiösen oder spirituellen Gründen, sondern einfach, um mich zu Entfunktionalisieren und um Zeit für mich zu haben. Wandern ist eine sehr noble Art zu sagen: »Leckt mich doch alle am Arsch.« Nordspanien ist mir da entgegengekommen, weil ich das Land und diese Region kenne und liebe. Am ersten Tag hatte ich schon 28 Kilometer, es war aber erst fünf Uhr nachmittags. Also wollte ich noch die nächste Etappe, acht Kilometer, dranhängen. Genau in der Mitte, nach vier Kilometern, kam der Zusammenbruch. Der völlige Zusammenbruch. Ich hab mich dann noch mühsam die vier Kilometer ins Etappenziel geschleppt und wollte dort nur mehr sterben. Wünsche gehen nun mal nicht alle in Erfüllung und so war ich am nächsten Tag, halbwegs gehfähig, wieder auf der Piste. An diesem Tag machte ich 17 lockere Kilometer und vier große Blasen. Und da hat der Camino, der Weg mit mir gesprochen: »Diga, hombre, was machst du eigentlich auf mir? Du gehörst da gar nicht her. Schleich dich heim!« Ich sagte: »Muchas gracias, senor camino!« und nahm die nächste Maschine von Bilbao heim. Heim zu meiner Frau. Ich freute mich auf ihr unglaubliches, wunderschönes Lächeln und auf ihre zärtliche Umarmung. Auf die Geborgenheit meines Zuhauses, auf ein gutes Willkommensessen, auf meine Gartenliege. Ist das Leben nicht herrlich! Zu Hause angekommen, sagte Ulli: »Was machst denn du schon da? Ich bin noch nicht fertig mit der Wäsche.« Vielleicht schon wieder zu viel erwartet. Auf jeden Fall war ich in diesem Moment heftig unterliebt. Vielleicht lässt sich das Leben aber auch nur schwer planen. Das war meine viertägige Camino-Erfahrung. Inklusive An- und Abreise.
Rudi, nimm dir, was du brauchst. Damit meine ich nicht nur mein Geschreibsel.
Peter, du hast mit deiner Selbstliebe kein Problem. Du magst dich. Du denkst über die Fremdliebe nach. Es ist ja nicht so, dass du nicht genug gute Freunde hast. Beziehung hast du zwar derzeit keine, aber das wird sich schon ändern. Eltern. Du hättest es schlechter erwischen können. Das passt schon alles irgendwie. Du hast aber ein ungutes Gefühl, was die Stellung von euch Jungen in unserer Gesellschaft betrifft. Du fühlst dich nicht ausreichend respektiert und ziemlich ausgenutzt. Hmmm. Was soll ich da jetzt tun? Vielleicht schreibe ich später eine Ode an die Jugend. Wenn mir danach ist.
Ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, das aktive Wahlrecht würde mit einer Altersgrenze von 55 Jahren versehen werden. Da wäre ich dann auch schon nicht mehr wahlberechtigt. Unser Land, unser Europa würden schon anders ausschauen, oder? Da sind wir uns einig. Ob besser oder schlechter, ist wohl nur eine Frage Ihres Standpunktes und Ihrer Interessen. Wahrscheinlich auch Ihres Lebensabschnittes. Ich bin mir aber sicher, dass die Zukunft mehr Gewicht hätte, die Jungen viel bessere Optionen.
Rainer ist schon im Anflug auf Nürnberg. Ist ja auch nur ein kurzer Flug von Frankfurt.
Liebe Leserin, wertgeschätzter Leser? Wie schaut Ihre persönliche Liebesgleichung aus?
Wenn Sie sich selbst nicht mögen und Sie sich für einen ziemlichen Loser halten und auch Ihr Umfeld Ihnen ständig sagt, was Sie für eine unsympathische Flasche sind. Wenn Sie keine Beziehung und keine Freunde haben, weil Sie eben das Charisma eines verrosteten Fahrrades ohne Luft haben, Sie wirklich keiner mag, dann schaut Ihre Gleichung so aus: Selbstliebe sagen wir gnädiger Weise 1, Fremdliebe 1 werden Sie auch irgendwo noch zusammenkratzen können, vielleicht ja durch eine überfütterte Katze oder einen mehrsprachigen Kanarienvogel, bleibt also;
1 + 1 = 2
Gesamtliebe 2. Und 10 bräuchten Sie. Sie sind also um 8 unterliebt. Da geht gar nichts mehr.
Frohe Botschaft! Ich schließe definitiv aus, dass diese Gleichung auf Sie zutrifft. Wenn diese Gleichung nämlich auf Sie zuträfe, hätten Sie gar nicht die Kraft, hier mit uns diesen Dialog zu führen. Da wären Sie wahrscheinlich schwer depressiv und könnten nicht einmal die Seite hier umblättern. Nein, so schlimm wird es wohl nicht sein. Ich gehe davon aus, Sie sind maximal so zwischen 2 und 5 unterliebt. Mit einem ausbaufähigen Wert bei der Selbstliebe. Mitteleuropäische Normalität. Kein Überpsycho, nur einfach ganz normal unterliebt. Das ist eben die Selbstliebe, die uns ausgetrieben und abgewöhnt wurde. Die wir uns selbst nicht gewähren. Bei der Fremdliebe werden Sie wahrscheinlich auch mehr oder weniger unterversorgt sein. Das ist eben die Fremdliebe, die uns vorenthalten wird. Wie auch immer.
Eines sollte Ihnen durch die Beschäftigung mit unserer Formel schon klar sein: Je geringer Ihre Selbstliebe ist, umso mehr Fremdliebe brauchen Sie. Ich gehe davon aus, dass die Formel soweit verständlich ist.
Ist es so? Ja? Gut. Sollten Sie doch noch eine Frage haben, senden Sie mir eine Mail.
eugen@prehsler.at
Rainer meldet sich zurück. Er ist gut gelandet. Er glaubt, es waren die Duschen. Nein, das ist die falsche Antwort. Ihm ist während des Fluges auch noch eine Frage eingefallen. Was ist Liebe überhaupt?
Scheiße.
Nein, Liebe ist nicht Scheiße. Sorry.
Naja, manchmal schon. Liebe kann ziemlich wehtun. Das kann sie gut. Aber nur, wenn sie nicht da ist. Driften wir hier jetzt nicht in den großen Liebeskummer ab. Rainers Frage ist nur so schwer. Irgendwie sollten wir die aber beantworten. Da muss ich jetzt doch nachdenken. Könnt ihr euch so circa zehn Minuten still beschäftigen. Claudia, du willst beim Wien-Quiz mitspielen. Na gut, dann speziell für dich, die
[WIEN-QUIZ] Frage 2
Die Lipizzaner-Pferde in der Spanischen Hofreitschule haben ja allerlei Tricks auf Lager.
Aber welches Kunststück vollbringt ein Pferd bei der sogenannten »Kapriole«?
A. Es kniet sich nieder und macht einen Kopfstand
B. Es dreht sich zweimal um sich selbst und wiehert dabei laut
C. Es stellt sich auf die Hinterbeine und hüpft so mehrere Meter weit
D. Es springt mit allen vier Beinen in die Luft und schlägt nach hinten aus
Auflösung kommt schon noch.
UNTERLIEBT ♥ This Crazy Little Thing called Love
Alsdann. Da bin ich wieder. Claudia, was ist deine Antwort?
C. Das ist fast richtig.
Jetzt aber rein in Rainers Frage. Was ist Liebe?
When the moon hits your eye like a big pizza pie
That’s amore
When the world seems to shine like you’ve had too much wine
That’s amore
Wenn der Mond dein Auge trifft wie eine große Pizza
Das ist Liebe.
Wenn die Welt zu strahlen scheint als hättest du zu viel Wein gehabt
Das ist Liebe.
Na bitte. Wer sagt’s denn! Dean Martin. Eine meiner Lieblingsschnulzen. Zum Verlieben. Gut, so leicht machen wir es uns nicht. Das ist noch zu wenig.
Leute, ich gestehe, das Nachdenken hat nichts gebracht. Oder zu viel gebracht.
Ich liebe Pasta. Ich liebe mein neues Auto. Ich liebe die Natur. Ich liebe es, den Sonntag im Bett zu verträumen. Ich liebe Tschaikowskys Klavierkonzert. Ich liebe mein neues iPhone. Ich liebe den Herbst. Ich liebe die Ruhe am Morgen, bevor die Vögel Lärm machen. Ich liebe das Zwitschern der Vögel. Ich liebe gute Bücher. Ich liebe meine Arbeit.
Wir können viel und vieles lieben. Wir tun es offensichtlich auch. Wir sagen es ständig. Ist das Liebe?
Liebe auf Menschen bezogen artikulieren wir seltener. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns mit der Liebe zu Menschen schwerer tun. Wie oft sagen Sie zu sich: »Ich liebe mich«? Wie oft sagen Sie zu Ihrem Partner: »Ich liebe dich«? Oft genug? Woher wissen Sie das?
In Wien gibt es ein sehr beliebtes Beziehungsmodell. Da sagt er zu ihr am Tage der Hochzeit: »Schatz. Ich liebe dich. Sollte sich daran in den nächsten zwanzig Jahren etwas ändern, rühr ich mich wieder.« Das funktioniert im Regelfall nicht ganz so gut.
Liebe ist nicht einfach. Allein sie zu definieren ist schon schwer. Kann man Liebe überhaupt wissen oder kann man sie nur fühlen?
Ihr schaut ein bisschen verwirrt. Von euch kommen auch keine Antworten. Googeln tun wir am Ende des Kapitels, einverstanden?
Okay, offensichtlich wissen wir alle zwar nicht genau, was Liebe ist. Aber sie ist irgendwie schön, oder? Ein Leben ohne Liebe ist ein bisschen leer. Besser: unvollständig. Man kann sein Leben ja auch ohne Liebe voll gestalten. Manche von uns müssen das sogar, weil die Liebe in ihren Leben gar nicht oder in sehr geringem Ausmaß vorhanden ist. Erfolg wird oft zur Kompensation von Unterliebe genutzt. Das heißt jetzt nicht, dass jeder Erfolgreiche ein liebloses Leben führt. So war das nicht gemeint. Nur kenne ich Menschen, die superfleißig sind und jede Menge Überstunden machen, nur weil sie keinen Grund haben, nach Hause zu gehen. Vielleicht wollen Sie sich selbst die Frage stellen, was in Ihrem Leben wichtiger ist und die größere Rolle spielt. Liebe oder Erfolg? Liebe oder Leistung? Und ob das für Sie so passt.
Patrizia, was ist los mit dir? Weinst du? Trennungsschmerz? Dich hat dein Prinz vor drei Monaten verlassen. Eigentlich war er gar kein Prinz, sondern ein ganz normaler Mann. Du wolltest ihn nur auf einen Prinzen hochfrisieren. Das hat nicht wirklich funktioniert. Einer der größten Beziehungsirrtümer der Frauen liegt darin, dass sie glauben, ihre Männer verändern zu können. Männer hingegen glauben, dass ihre Frauen so bleiben wie in den ersten Monaten der Beziehung. Da können beide dann schon enttäuscht werden. War das bei euch ähnlich, Patrizia?
Ich möchte doch ein bisschen in den Liebeskummer reingehen. Muss sein. Liebe und Schmerz sind nun mal untrennbar miteinander verbunden. Richtig weh tut es nur, wenn die Liebe im Spiel ist. Das ist wohl der Grund für deine Tränen, Patrizia. Das könnte ja auch der Grund sein, wieso du dich in meine Zeilen verirrt hast. In den Situationen und Momenten, wo uns die Liebe weh tut, müssen wir entscheiden, ob wir weiter lieben mit dem Risiko, dass es wieder weh tut oder ob wir eben aufhören zu lieben. Man kann die Entscheidung gegen die Liebe am Verhalten der Menschen erkennen. So mancher, der sich gegen die Liebe entschied, ist heute Vorstand in einem weltweit führenden Unternehmen und führt dann auch dementsprechend. Auch so mancher große Geist aus Wissenschaft und Kunst hat sich irgendwann einmal gegen die Liebe entschieden. Liebe kostet ja auch Zeit und hält somit von großen Taten ab. In der Zeit, wo du deinem geliebten Menschen tief in die Augen schaust und ihr oder ihm etwas Zärtliches zuraunst, kannst du ja möglicherweise auch ein Kundengespräch führen, Networken oder Einsteins Relativitätstheorie widerlegen. Der geliebte Mensch könnten übrigens Sie selbst sein. Es ist immer eine Frage, wofür wir unsere Zeit verwenden.
Auf der anderen Seite verleiht Liebe ja auch Flügel. Und geht durch den Magen. Und macht sonst noch viele verrückte Dinge. Soll man lieben oder nicht? Wie gefährlich ist Liebe?
Ich kann das alles auch nicht wissenschaftlich fundiert beantworten. Ich kann nur aus meinem Bauch und meiner subjektiven, tiefsten Überzeugung heraus empfehlen: Du sollst lieben. Fang bei dir selbst an. Liebe dich selbst! Machen wir daraus ein Gebot. Das wäre dann das 11.
Das 11. Gebot: Liebe dich selbst!
Patrizia, gefällt dir dieses 11. Gebot? Patrizia hat aufgehört zu weinen. Jetzt schluchzt sie. Das haben wir ja super hinbekommen. Bitte, hör auf damit. Sonst kippen mir die anderen auch noch ins Mitleid oder den großen Liebesschmerz. Claudia weint bereits. Sie denkt an ihren verstorbenen Mann. Der war wirklich ein Prinz. Claudia, bist du so nett und kannst du Patrizia deine Kleenex-Schachtel reichen. Die rotzt schon ihr Kuschelpolster voll. Die Situation überfordert mich jetzt ein bisschen. Ich flüchte mich in den Text.
Zurück zum crazy little thing called love.
Irgendwie muss sie doch etwas können, diese Liebe. Sonst wäre sie nicht ein derart wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Shakespeare hat sie beschrieben: »Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren. Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.« Romeo und Julia, 2. Akt, 2. Szene. Das hat der alte Shakespeare allerdings auch geschrieben: »Was soll ich mit der Liebe, wenn sie den Himmel mir zur Hölle macht.« Da dürfte er gerade Zoff mit seiner Frau gehabt haben. Wahrscheinlich hat er die Schuhe nicht richtig ins Schuhregal gestellt oder den Geschirrspüler falsch eingeräumt oder schon wieder vergessen, die Butter vom Supermarkt mitzubringen oder die Kinder von der Schule abzuholen. Irgendetwas in dieser üblichen Alltagsart.
Das Zitat ist aus einem Sonett.
Die Beatles haben sie auch besungen, die Liebe.
All you need is love!
All you need is love!
All you need is love, love
Love is all you need
Das war damals, 1967. In zehn Ländern war die Single in den Charts auf Platz 1. Darunter die USA und Großbritannien.
Hätten die Beatles gesungen:
All you need is a job!
All you need is a job!
All you need is a job, job
All you need is a job
wäre das wohl keine Nummer 1 geworden. Einen Job beziehungsweise ein bisschen Geld brauchen wir aber schon auch. Nicht nur Liebe. Da dürften die Beatles einen Blödsinn gesungen haben. Nur Geld ist aber auch zu wenig.
Rainer, du mahnst mich, dir die Zeit nicht mit Floskeln und Allgemeinplätzen zu stehlen? Recht hast du.
Liebe. Was ist sie und wie wichtig ist sie? Ich kann dir noch immer keine exakte Antwort geben.
Viele Tausende und Abertausende andere haben die Liebe beschrieben, besungen, gemalt und in Stein gehauen. Die Philosophie und die Naturwissenschaften haben sich mit ihr auseinander gesetzt. Die Liebe wurde himmelhoch gepriesen und in die Hölle verdammt. Das hilft uns jetzt alles aber auch nicht weiter.
Von euch kommt noch immer nichts. Bleibt doch nur googlen. Da kommen wir gleich auf Wikipedia und das hier: »Liebe ist im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht.« Jetzt wissen wir es. Zumindest im Allgemeinen. Hilft uns das weiter? Nicht wirklich, oder? Außerdem liest sich das auf einem emotionalen Niveau wie die Gebrauchsanweisung eines Küchengerätes und wir haben schon wieder diese Wertschätzung, mit der ich mir so schwer tue.
Wer noch weiter recherchieren will und Englisch kann, dem empfehle ich das englische Wikipedia. Die definieren Liebe nämlich anders. Meiner Meinung nach brauchbarer.
Ich geh raus aus der Frage, was Liebe ist, Rainer.
Halt! »Der Erwiderung bedarf sie nicht.« Das ist schon heftig. Hättest du das auch fast überlesen? Wo kommt das her? Siehst du das auch so?
Das hab ich vor Jahren auch gehört: »Wahre Liebe beginnt dort, wo man einander nicht mehr braucht.«
Das klingt für mich nach bedingungsloser Liebe. Kannst du das, Rainer? Bedingungslos lieben? Schwer. Wer von euch kann das? Können Sie das, bezaubernde Leserin, aufmerksamer Leser? Ich kann das mittlerweile bei meinen Kindern sehr gut. Bei meiner Frau ist das schon nicht mehr so einfach. Wahrscheinlich brauchen wir einander zu sehr. Wir sind über weite Strecken eher eine Zweckgemeinschaft als ein Liebespaar. Damit kommen wir gar nicht so schlecht zurecht in unserem ziemlich guten Leben. Mich selbst bedingungslos zu lieben. Puh. Keine leichte Übung. Ich bin oft sehr hart zu mir selbst, habe viel zu hohe Erwartungen, stelle eben Bedingungen. So richtige Forderungskataloge: das und das und auch das noch musst du erreichen oder beweisen, Eugen, damit du endlich genügend bist und ich dich liebe. Das macht meine Selbstliebe sehr kompliziert. Und leider auch phasenweise sehr klein. Geht es euch ähnlich? Patrizia und Rainer nicken. Patrizia hat aufgehört zu weinen. Sie lächelt sogar wieder. Danke. Das nimmt Druck von mir.
Wenn ich mich aber in diesen seltenen, tollen Momenten der bedingungslosen Selbstliebe befinde, kann ich mich sogar vor den Spiegel stellen und sagen: »Heh, ich liebe dich. Dich da im Spiegel. Einfach so. Egal, was dir gerade gelingt oder was du gerade wieder falsch machst. Ich liebe dich. Schön, dass es dich gibt.« Da muss ich dann lächeln. Neben meiner Selbstliebe fühle ich so etwas wie Glück. Das ist wunderschön. Hält meistens nur nicht lange an. Das Selbstgeißelmonster liegt ständig auf der Lauer und kann seinen Job sehr gut. Probieren Sie das einmal selbst aus. Stellen Sie sich vor den Spiegel und sagen Sie: »Ich liebe mich!« Zumindest »Ich mag mich!« Ist eine sehr gute Übung. Die meisten meiner Coachees können das am Anfang nicht. Manche brauchen bis zu zwei Stunden, um da drüber zu kommen. Sich selbst zu lieben oder zu mögen muss ja wirklich etwas Unanständiges oder Böses sein.
Bedingungslose Selbstliebe.
In den meisten Selbstliebe-Ratgebern finden wir die glorreichen zehn Tipps und Tricks für die Selbstliebe. Fast immer ist das dabei:
Liebe dich, so wie du bist!
Oder Liebe dich radikal bedingungslos!
Das schreibt sich so leicht. Das liest sich so gut. Das lebt sich so schwer.
Ich könnte jetzt die Frage stellen: »Welche Bedingungen stellen Sie an sich, damit Sie sich lieben?« Tu ich aber nicht. Wenn Sie das interessiert, fragen Sie sich selber. Claudia hängt noch immer in ihren qualvollen Erinnerungen. Ich glaube, auch die anderen können jetzt etwas Positives, etwas Konkretes brauchen. Nein, keine Wien Quiz-Frage. Die kommt später. Ich lade Sie und euch auf eine Übung ein.
Pulsuz fraqment bitdi.