Kitabı oxu: «BERLIN»

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EUGEN SZATMARI (1892–1952)

Geboren am 23. Januar 1892 in Budapest, war ein in deutscher und ungarischer Sprache schreibender Journalist, Übersetzer sowie Buch- und Drehbuchautor. Er schrieb in den frühen 1920er-Jahren Deutschland-Reportagen für das deutschsprachige Prager Tagblatt in Böhmen und arbeitete auch als Redakteur für das Berliner Tageblatt. Für den Piper Verlag verfasste er 1927 den Auftaktband der 16-bändigen Reihe Was nicht im »Baedeker« steht für Berlin, wo er von 1925 bis 1933 lebte. Auch für mehrere Drehbücher deutscher und ungarischer Spielfilme zeichnete er allein oder im Autorenkollektiv verantwortlich. 1934 kehrte er nach Ungarn zurück.

Nach 1945 journalistische Tätigkeit für die Basler Nachrichten und die Hearst Newspapers. 1950 wurde Szatmari aus politischen Gründen verhaftet, er starb 1952 im Gefängnis.

Der beliebteste Reiseführer

der 1920er Jahre

Berlin

VON EUGEN SZATMARI

Mit Originalzeichnungen von

Rudolf Großmann, Erich Godal,

Dolbin, Derso, Conny, Adalbert

Sipos und Heinrich Zille

Mit einem Nachwort von

Magnus Klaue


INHALT

Ankunft in Berlin

Tipps für den Automobilisten

Wo wohnt man in Berlin?

Vormittagsspaziergang durch Berlin

Zwischen Wilhelmstraße und Platz der Republik

Wo isst man in Berlin?

Um fünf Uhr nachmittags …

Wenn der Vorhang sich hebt

Die flimmernde Leinwand

Das Romanische Café

Das Künstlervölkchen

Berliner Nächte

Die Unterwelt Berlins

Der grüne Rasen

Die Nacht der Zwanzigtausend

Berliner Bälle

Das musikalische Berlin

Das Volk von Berlin

Berliner Redensarten

Berliner Wochenende

Will der Herr Graf ein Spielchen wagen?

Potsdam

Nachwort

Sachregister

Personenregister

ANKUNFT IN BERLIN

Erster Eindruck auf dem Bahnhof. –

Berlin lockt zu jeder Saison.

Erster Eindruck

Der Reisende, der in einer fremden Stadt eintrifft, erhält seinen ersten Eindruck auf dem Bahnhof, und mag dieser Eindruck auch noch so falsch, noch so verzeichnet sein – er ist eben der erste und nicht zu unterschätzen. Der erste Berliner, den der Fremde sieht, ist der Gepäckträger, die erste Berliner Einrichtung der Schutzmann, der die Automarken verteilt. Und er wird seinen ersten Eindruck von diesem Gepäckträger herleiten, von diesem Schutzmann, von den vielen Tafeln mit strengen Inschriften, die er auf dem Bahnhof sieht und auch von dem Auto, das ihn in sein Hotel bringen soll.

Träääger!

Der Gepäckträger ist nun ein braver, freundlicher Mann, dem man auch den Gepäckschein gibt, damit er das große Gepäck auslöst. Will man etwas auf dem Bahnhof hinterlassen, so führt der Gepäckträger zur Aufbewahrungsstelle. Die Tafeln mit den strengen Inschriften werden wohl manchem Fremden auffallen, und er wird sich denken, wie der brave Henri Béraud, dass hier alles verboten sei, aber man möge doch nur zwei Minuten lang überlegen, und wird dann wohl einsehen, dass diese Tafeln sehr nützlich sind, denn auf einem Berliner Bahnhof wird sich selbst der unerfahrenste Fremde viel leichter zurechtfinden, als zum Beispiel auf dem Gare de Lyon, wo man stundenlang suchen muss, bis man den Gepäckschalter findet.

In dem Schupomann, der unten steht, die Automarken verteilt und dem Fremden die erste Bekanntschaft mit der oft genannten Berliner Polizei vermittelt, wird der Fremde einen höflichen und freundlichen Beamten finden, der ihm sehr gern eine Auskunft geben wird, und wenn er es nicht tun kann, so wird er den Fremden an das Auskunftsbüro des betreffenden Bahnhofs weisen, wo jede Auskunft erhältlich ist.

Die ersten zwei Berliner, die der Fremde kennenlernt

Altertümliche Gefährte

Anders verhält es sich schon mit den Autos. Die Autos, die an den Berliner Bahnhöfen stehen, sind ein Missgriff der Verkehrspolizei. Denn eben infolge des Nummernsystems, das den Reisenden zwingt, jenes Auto zu nehmen, das ihm der Schupomann zugewiesen hat, sammeln sich an den Berliner Bahnhöfen Tag für Tag alle jene altertümlichen und altehrwürdigen Gefährte, die sonst niemals eine Fuhre bekommen würden und eigentlich ins Museum oder auf den Alteisenhaufen gehören. Es ist freilich ein Unsinn, dass der Fremde, der in Berlin ankommt, gezwungen wird, sich in eine Klappermühle zu setzen, die offenbar aus den Kinderjahren des Automobils stammt, aber die hohe Verkehrspolizei hat sich bisher noch nicht überreden lassen, diesen Museumskarren die Umgebung der Berliner Fernbahnhöfe zu verbieten, und so ist es meine Pflicht, dem Fremden zuzurufen, dass die Berliner Bahnhofsautos nicht die besten, sondern die allerältesten Autodroschken der Stadt sind.

Ein zweiter Nachteil dieser Methode ist der, dass man das zugeteilte Auto nicht rasch genug finden kann. Die Reihenfolge, in der die Nummern ausgegeben werden, stimmt nämlich durchaus nicht mit dem Standplatz des Autos überein, sodass man leicht die ganze Reihe von Wagen ablaufen muss, bis man das zugeteilte Fahrzeug findet. Durch diese unverständliche Art der Regelung ist also die Abfahrt vom Bahnhof für den Fremden erschwert.

Wirbelndes Chaos

Mit Ausnahme des Bahnhofs Charlottenburg, des Schlesischen Bahnhofs und vielleicht auch noch des Lehrter Bahnhofes stehen die Berliner Bahnhöfe mitten in der Stadt und ihre Treppen führen mitten in das wirbelnde Chaos des Berliner Verkehrs hinein. Wer am Bahnhof Friedrichstraße ankommt, den setzt der Zug gleich inmitten des heftigsten Verkehrsorkans ab und selbst, wenn er die allerehrwürdigste Autodroschke aufgefischt haben sollte, wird er sogleich ein Bild von dem mörderischen Spektakel bekommen, mit dem Berlin sein Arbeitsjoch zieht – um seine Ohren werden die Schreie der Autohupen gellen, die roten und grünen Lichter der Verkehrssignale in seine Augen blinken.

Aufenthaltsbewilligung

Mit der Polizei wird der Fremde sonst nicht allzu oft in Berührung kommen. Eine Anmeldepflicht besteht, aber die Anmeldung wird durch die Hotels automatisch besorgt. Wer privat absteigt, muss sich anmelden und die Anmeldung abstempeln lassen. Läuft sein Sichtvermerk ab, oder bleibt er so lange, dass er einer Aufenthaltsbewilligung bedarf, so muss er allerdings persönlich zum Revier und von dort auf das Polizeipräsidium gehen, aber diese Prozeduren werden jetzt ziemlich schnell und reibungslos abgewickelt. Die Schlangen, die früher so gefürchtet waren, gehören der Vergangenheit an – das Fremdenbüro des Polizeipräsidiums arbeitet schnell und höflich.

Rundfahrten für Fremde, die sich Berlin kurz und schmerzlos ansehen wollen, gibt es mehrere. Der Hotelportier gibt darüber Auskunft. Dann besteigt der Wissbegierige einen Riesenautobus, fährt hübsch rund um die Stadt und wird durch einen Cicerone über die Sehenswürdigkeiten aufgeklärt.

Die beste Zeit für Berlin

Wann soll man nach Berlin kommen? Zu welcher Zeit, wenn man in der Reichshauptstadt nicht gerade geschäftlich zu tun hat, sondern zu seinem Vergnügen reist? Vor dem Kriege hatte Berlin, wie auch die anderen großen Fremdenstädte Europas, in den Sommermonaten von Mai bis September den stärksten Besuch. Die besten Monate waren die internationalen Reisemonate, Juli und August. Nach dem Kriege hat sich das Bild geändert: Die Monate mit dem stärksten Fremdenverkehr sind jetzt März, Oktober und November, wogegen Mai und Juni, aber auch noch der Juli den schwächsten Besuch aufweisen. Diese Erscheinung hat ihren Grund vielleicht darin, dass Berlin keine »Saison« hat. In den Wintermonaten lockt das heiß pulsierende künstlerische Leben Berlins viele Fremden an: Ist doch Berlin die größte Theaterstadt Europas und vielleicht die größte Musikstadt der Welt – von April bis September glaubt aber der Fremde, dass ihm Berlin im Gegensatz zu Paris und Baden-Baden, zu Rom und London, wo Mai und Juni ausgesprochene Saisonzeiten sind, nichts zu bieten vermag.

Im Sommer

Das ist zum Teil vielleicht richtig, aber nur zum Teil. Die Opernhäuser sind zwar geschlossen, doch lediglich im Juli und August, ebenso die Konzertsäle, und die großen Jahresausstellungen finden zwar auch nicht im Sommer statt, aber trotzdem kann Berlin auch in dieser Zeit vieles bieten. Es hat seine Rennplätze, sein prachtvolles Stadion, seine großen Ausstellungen. Auf der Avus werden die größten Autorennen im Sommer ausgetragen, Tennisturniere locken nach dem Grunewald, Motorbootrennen nach dem Wannsee, die große Regatta nach Grünau. Und noch eines: Berlin hat eine der reizendsten Umgebungen unter allen Großstädten Europas.

Zudem will das Berliner Fremdenverkehrsamt, geleitet von dem ewig lächelnden, stets freundlichen und eminent tüchtigen Direktor Schick und von dem vor Vitalität übersprudelnden, ideenreichen Karl Vetter, der wie gar so viele tüchtige Leute aus der Zeitungsbranche kommt, nun im Sommer besondere Anstrengungen machen: Operngastspiele sollen veranstaltet werden mit berühmten Kräften, Theateraufführungen allerersten Ranges, auf dem riesigen Messegelände sollen besonders interessante Ausstellungen stattfinden, im Stadion werden sich große Sportfeste abspielen. Man will in Berlin eine Saison schaffen, die die Lücke ausfüllen soll, umso mehr, als die Berliner Fremdenindustrie immer wieder die Klage erhebt, dass die meisten Fremden, die in den Sommermonaten nach Berlin kommen, nur recht kurze Zeit bleiben. Trotzdem – die Statistik beweist, dass Berlin eine Fremdenstadt erster Ordnung ist. Im vergangenen Jahre kamen 1.600.000 Fremde nach Berlin, darunter 30.000 Amerikaner. Und die vielen Gäste aus dem Dollarland wären gewiss nicht gekommen, wenn ihnen Berlin nichts zu bieten hätte.

Abreise

Fliegen

Wer Sorgen wegen seiner Abreise hat und sich nicht vom Hotelportier die für die Abreise notwendigen Billetts besorgen lässt, findet Unter den Linden ein halbes Dutzend Reisebüros, wendet sich aber, wenn er nach einer anderen deutschen Stadt oder nach dem näher gelegenen Ausland weiterreisen will, zweckmäßiger an das amtliche Reisebüro im Gebäude des Potsdamer Bahnhofs, wo er Fahrkarten und Schlafwagenplätze zu den offiziellen Preisen, ohne Aufschlag erhalten kann. Wer internationale Verbindungen, insbesondere die Expresszüge oder Schlafwagen der Waggon-Lits benutzen will, der wendet sich an die Berliner Agentur der Internationalen Schlafwagengesellschaft Unter den Linden. Über Fluglinien und Flugverkehr überhaupt gibt die Deutsche Lufthansa Auskunft, deren Reisebüro sich gleichfalls Unter den Linden befindet, wo auch die Vertretungen des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie zu finden sind. Für den Fremden, der größeres Gepäck hat und nicht in einem Hotel wohnt, ist auch der Gepäckzustelldienst der Bahnhöfe zu empfehlen. Das Gepäck wird in der Wohnung abgeholt und man erhält es am Bahnhof gegen eine geringe Gebühr ausgefolgt.

Auch bei der Ankunft kann man das Gepäck an den Schaltern des Zustelldienstes abgeben. Allerdings erhält man das Gepäck erst einen Tag später zugestellt. Sobald man das Gepäck vom Träger übernommen und im Coupé verstaut hat, gehe man womöglich nicht mehr aus dem Waggonabteil heraus und behalte Gepäck und abgelegte Kleidungsstücke ständig im Auge. Die Berliner Bahnhofsdiebe sind sehr flink und in den Abteilen der Züge, die auf die Abfahrt warten, werden sehr viele Gepäckdiebstähle verübt. Die Bahnhofspolizei ist zu schwach und nicht imstande, diese Diebstähle ganz abzustellen. Es bleibt daher nur der Selbstschutz des Reisenden übrig.

TIPPS FÜR DEN AUTOMOBILISTEN

Strenge Verkehrsvorschriften –

Brennpunkt Alexanderplatz – Hotelgaragen.

Strenge Vorschriften

Heutzutage, wo das Auto sich immer mehr zu einem vollwertigen Verkehrsmittel entwickelt hat, das nicht nur zum innerstädtischen Verkehr, sondern auch zu langen Touren geeignet ist, wird es gewiss viele Leute geben, die nicht mit der Eisenbahn in der Reichshauptstadt eintreffen, sondern als Touristen mit dem Auto kommen, sei es, dass sie einen Chauffeur besitzen, sei es, dass sie den Wagen selbst lenken. Da Berlin sehr strenge Verkehrsvorschriften hat, die sich angesichts des geradezu unheimlich anwachsenden Verkehrs als unbedingt notwendig erwiesen haben, so erscheint es nötig, den Automobilisten mit einigen Tipps zu unterstützen.

Das Hineinfahren in eine Stadt ist immer leichter als das Hinausfahren, denn jede Chaussee mündet schließlich irgendwie in die Stadt, die als eine Art Riesenmagnet alle Wege einfängt. Immerhin will ich an erster Stelle kurz erwähnen, in welche Straßenzüge die großen Oberlandchausseen münden, die den Autofahrer nach Berlin bringen.

Von Hamburg her führt die große Heerstraße an Döberitz vorbei und mündet in den Kaiserdamm, von wo aus durch Bismarckstraße und Charlottenburger Chaussee ein gerader Weg zum Herzen Berlins, zu der Straße Unter den Linden, führt. Von Warnemünde und also von Kopenhagen kommend, gelangt man in die gleiche Chaussee, während der Weg aus Swinemünde, über Prenzlau kommend, durch Pankow geht und in die Prenzlauer Allee mündet, von wo aus man zweckmäßig über den Alexanderplatz in die Stadt gelangt.

Alexanderplatz

Der Alexanderplatz ist überhaupt der große Brennpunkt aller Zufahrtsstraßen, die vom Osten und Norden her nach Berlin führen. Hier mündet die Stettiner Chaussee, die durch Weißensee nach Berlin hineinführt, dann die aus Frankfurt an der Oder und Küstrin kommenden Straßen, die durch Lichtenberg gehen und dann durch die Frankfurter Allee Berlin erreichen. Wer aus Prag, aus Wien oder aus Budapest kommt, der gelangt durch Mariendorf, Tempelhof und durch die Belle-Alliancestraße fahrend zum Halleschen Tor, während man aus Leipzig entweder durch Torgau und Jüterbog fährt, um dann ebenfalls am Halleschen Tor zu landen, oder aber man nimmt den Weg über Bitterfeld, Wittenberg und Potsdam, um dann durch die Avus nach Berlin zu gelangen. Durch Potsdam werden auch jene fahren, die aus der Schweiz oder aus Italien kommen und den Weg über Halle nehmen, wie auch diejenigen Touristen, die durch Magdeburg und Brandenburg aus dem Westen kommen. Potsdam ist das große Sammelbecken der aus dem Westen und Südwesten nach Berlin führenden Wege, und der Automobilist gelangt aus Potsdam durch Wannsee und die Avus schnell und bequem nach Berlin.

Die Garagenfrau

Hotelgaragen

Ein Problem, das für den Automobilisten von größter Bedeutung ist, das aber in Berlin nur sehr unzureichend gelöst wird, ist die Garagenfrage, denn an Garagen, insbesondere an richtigen Großgaragen, die auch für den fremden Autofahrer in Frage kommen könnten, leidet Berlin ausgesprochenen Mangel. Im Zentrum gibt es fast keine Großgaragen, und was da vorhanden ist, ist meistens voll besetzt. Im Westen und Norden kann man schon eher geeignete Garagen finden, aber auch in diesen ist es nicht leicht, seinen Wagen unterzustellen, denn die meisten Garagen sind schon mit Berliner Autos überfüllt. Die Einrichtung der Hotelgaragen ist in Berlin unbekannt – allerdings stehen viele der großen Hotels mit einigen Garagen in Verbindung, sodass in diesen Hotels wohl die Portiers eine Garage empfehlen können, wobei allerdings keineswegs dafür garantiert werden kann, dass in der betreffenden Garage dann auch eine Box frei sein wird. Eine sehr gute Garage ist im Westen die Telosgarage am Kurfürstendamm, ferner einige Garagen in Halensee, die Garage in der Wilmersdorfer Straße, die Mommsengarage, die Garage in der Nestorstraße, Nestorgarage, im Zentrum die Luisengarage und die Garage neben dem Postscheckamt. Die Unterstellung kostet in diesen Garagen durchschnittlich 2,50 bis 3 Mark täglich, ohne Waschen. Der Herrenfahrer, der seinen Wagen auch waschen lassen will, muss diese Arbeit pro Stunde bezahlen. Reparaturwerkstätten und Monteure finden sich in jeder Garage, wenn man aber seinen Wagen gründlich nachsehen lassen will, so tut man gut daran, sich an die Generalvertretung der Fabrik, deren Auto man fährt, zu wenden, die sehr gern einen Spezialmonteur zu Verfügung stellen wird. Insbesondere ist dies ausländischen Fahrern zu empfehlen, die bestimmt besser dran sein werden, wenn sie ihren Wagen durch einen Monteur nachsehen lassen, der die Maschine ganz genau kennt.

Zollvorschriften

Die Einfuhr- und Zollvorschriften sind für Deutschland genau die gleichen, wie für die anderen europäischen Staaten. Ein Tryptique, das man bei seinem heimatlichen Automobilklub erlangen kann, genügt, der Wagen muss ein Schild mit dem Zeichen seines Heimatlands tragen, muss den deutschen Beleuchtungsvorschriften usw. genügen, und der Führer oder die Führer müssen mit einem internationalen Fahrausweis ausgestattet sein.

Verkehrsvorschriften

Wichtig für den Fremden, insbesondere aber für den Ausländer, sind die Verkehrsvorschriften, umso mehr, da sie in Deutschland noch durchaus nicht einheitlich geregelt sind und jede Stadt über eigene Verkehrsvorschriften verfügt. Während man zum Beispiel in Hamburg an einer Straßenbahnhaltestelle, an der gerade ein Wagen hält, überhaupt nicht vorbeifahren darf, ist dies in Berlin gestattet, allerdings in Schritttempo. Wichtig ist vor allem der Grundsatz des RECHTSFAHRENS, denn es gibt in Europa auch zahlreiche Länder, in denen links gefahren werden muss, wogegen in Deutschland das Rechtsfahren allgemeine Vorschrift ist.


Die verkehrsreichsten Straßen in Berlin gelten als sogenannte Verkehrsstraßen erster Ordnung. In diesen Straßen – wie Friedrichstraße, einem Teil der Charlottenstraße, Friedrich-Ebert-Straße, Joachimstaler Straße, Potsdamer Straße und Tiergartenstraße – darf kein Fahrzeug wenden, und von 3 bis 7 Uhr nachmittags darf in diesen Straßen kein Wagen längere Zeit halten. Wer seinen Wagen warten lassen will, muss mit ihm in die nächste Querstraße fahren und ihn dort stehen lassen. Sitzt der Fahrer nicht am Steuer, so darf der Motor nicht laufen. Er muss abgestellt werden, wenn der Fahrer den Wagen verlässt. In Straßen, die nur einen Fahrdamm haben, aber nach beiden Richtungen hin befahren werden, darf auch zum Überholen anderer Fahrzeuge – man muss stets links überholen – nicht über die Straßenmitte hinausgefahren werden. Einbiegen darf man stets nur in Schritttempo. Autos, die nach links einbiegen, müssen den Bogen so weit ausfahren, dass sie stets rechts vom Mittelpunkt der Straßenkreuzung bleiben, während beim Einbiegen nach rechts der kleinste mögliche Bogen genommen werden muss. Wie bereits erwähnt, darf an einer an der Haltestelle haltenden Straßenbahn vorbeigefahren werden, aber nur in einem Abstand von mindestens einem Meter von der Bahn und in Schritttempo. Das Halten fünf Meter vor und ebenso viel hinter den Haltestellen der Straßenbahnen und der Autobusse ist verboten. Auf Plätzen, Straßenkreuzungen und Brücken darf man andere Kraftfahrzeuge niemals überholen.

Besonders zu achten ist auf die Lichtsignale, mit denen jetzt in der City der Verkehr allgemein geregelt wird. Diese Lichtsignale werden von den sogenannten Verkehrsampeln gegeben, die über den Straßenkreuzungen hängend angebracht sind. Auf dem Potsdamer Platz, wo der Verkehr am stärksten ist, werden sie von einem Verkehrsturm aus gegeben.

Halt!

Achtung!

Straße frei!

Das rote Licht bedeutet »Halt«. Es sperrt die Straße, und jedes Fahrzeug muss beim Erscheinen des roten Haltsignals so weit vor dem für den Fußgängerverkehr mit weißen Strichen bezeichneten Schutzweg halten, dass kein Teil des Wagens die Striche überragt. Das gelbe Licht bedeutet »Achtung« und kündet den nahen Wechsel an. Auf dieses Signal hin darf in der bisher freigegebenen Straße kein Wagen mehr kreuzen. Die bereits an der Kreuzung befindlichen Wagen haben sie schnellstens zu verlassen und die vor ihr haltenden Fahrzeuge haben sich zum sofortigen Anfahren fertig zu machen. Das grüne Licht schließlich bedeutet »Straße frei«, und gibt die Straße für den Wagenverkehr frei. Wagen, die in eine gesperrte Straße nach rechts einbiegen wollen, dürfen die kurze Biegung in Schritttempo ausführen, Wagen dagegen, die nach links einbiegen wollen, dürfen die Biegung in die gesperrte Straße erst dann ausführen, wenn wieder das gelbe Licht erscheint. Bis dahin haben sie auf der Kreuzung hintereinander – nicht nebeneinander – zu halten. Wo es keine Lichtsignaleinrichtungen gibt, wo aber eine Regelung erforderlich ist, wird diese Regelung durch einen Schupobeamten ausgeführt, und zwar durch entsprechende Armbewegungen. Der waagerecht ausgestreckte Arm bedeutet dann für die Fahrzeuge, die von vorn und von hinten kommen, »Halt«. Der hocherhobene Arm bedeutet »Achtung«. Winken in der Fahrtrichtung bedeutet »Freie Fahrt«.


Wichtig sind auch die sogenannten Einbahnstraßen, die nur in einer Richtung befahren werden dürfen. Besonders am Lützowufer, an der Königin-Augusta-Straße, am Schöneberger Ufer, ferner in der Gegend des Alexanderplatzes, wo es eine ganze Menge von kleineren und größeren Einbahnstraßen gibt, wird der fremde Autofahrer gut daran tun, auf das Zeichen der Einbahnstraße zu achten. Sie wird auf der Einfahrtsseite durch einen weiß-roten Pfeil in der zugelassenen Fahrtrichtung gekennzeichnet, während auf der Ausfahrtseite ein rundes weiß-rotes Schild mit drei schwarzen Punkten die Einfahrt verbietet …

Höflich, aber streng

Da diese Art Verkehrsregelung nicht allerorts bekannt ist, wird der nach Berlin kommende Autotourist gut daran tun, sich die Vorschriften zu merken, wenn er keine Unannehmlichkeiten haben und keine Strafe bezahlen will. Die Beamten der Verkehrspolizei sind höflich, aber streng, und die Strafen sind manchmal recht empfindlich bemessen. Es ist auch jedem zu raten, die vorgeschriebene Fahrgeschwindigkeit von 35 Kilometer nicht zu überschreiten und von der Hupe weitgehenden Gebrauch zu machen – in seinem eigensten Interesse. Die Berliner Chauffeure, insbesondere die Droschkenchauffeure, fahren nicht gerade rücksichtsvoll, und die meisten Unfälle ereignen sich gerade an den »stillen« Straßenkreuzungen, an denen keine Beamten stehen, und wo jeder Droschkenchauffeur glaubt, mit Vollgeschwindigkeit durchrasen zu können.

WO WOHNT MAN IN BERLIN?

Die Luxushotels – Das berühmte Adlon –

Abendessen im Hotel – Tipps für den kleinen Beutel.

Eine hotelarme Stadt

Eine Frage, die eigentlich nicht leicht zu beantworten wäre, die man aber in Berlin erheblich leichter beantworten kann als in anderen Großstädten, weil Berlin im Verhältnis zu seiner Ausdehnung, zu seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung, vor allem aber im Verhältnis zu seinem Fremdenverkehr eine ausgesprochen hotelarme Stadt ist. Die großen Hotels kann man an den Fingern abzählen, und zwar nicht nur die Luxushotels, sondern auch jene Häuser, die zwar nicht als Luxushotels gelten – was sie vielleicht auch gar nicht wollen –, die aber dem Fremden mit ruhigem Gewissen empfohlen werden können. Die Luxushotels und die Hotels ersten Ranges sind durchweg sehr bequem und mit jedem modernen Komfort versehen, besonders die kleineren Häuser sind in Berlin vielleicht noch bequemer eingerichtet als in anderen Städten. In jedem guten bürgerlichen Berliner Hotel kann man heute sein Zimmer mit fließendem Wasser und Telefon bekommen, wenn auch die Errungenschaften des modernen amerikanischen Hotelbaues hier noch nicht bekannt sind. Es mag aber dahingestellt bleiben, ob jene fast vollkommen maschinelle Einrichtung der Bedienung, wie sie die amerikanischen Hotels eingeführt haben, wirklich eine Errungenschaft ist …

Hotel Adlon – Europa

Berlins bekanntestes Hotel ist zweifellos das HOTEL ADLON. Schon kraft seines Namens. Denn Grand Hotels und Bristols, Imperials und Excelsiors, Savoys und Continentals gibt es fast in jeder großen Stadt, aber ein Hotel Adlon gibt es nur in Berlin, genauso wie es ein Hotel Sacher oder ein Hotel Meißl und Schadn nur in Wien gibt. Die alte Anekdote von dem Brief, der aus Amerika mit der Adresse: Hotel Adlon, Europa, eintraf und auf dem kürzesten Wege befördert wurde, kann leicht wahr sein – das Adlon dürfte im Ausland Berlins bekanntestes Hotel sein. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass es ein Hauptquartier der Politik, der Diplomatie und der Presse ist. Fremde Diplomaten und Journalisten, die Berlin aufsuchen, wohnen zumeist im Adlon, wo seinerzeit auch die französische Militärmission, damals noch mit General Nollet an der Spitze, untergebracht war, und ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die bedeutende Rolle, die das Adlon in den Tagen des Kapp-Putsches gespielt hat, als die ganze internationale Presse in der Halle dieses Hotels saß. Wie weit die Berühmtheit des Hotels Adlon gerade in Amerika geht, beweist der Umstand, dass, als die »Chicago Tribune«, eine der größten Zeitungen der Staaten, sich entschloss, in Berlin ein eigenes Büro zu errichten, der hiesige Korrespondent des Blattes den strikten Auftrag bekam, das Büro im Gebäude des Adlon einzurichten – koste es, was es wolle …

Valentino, Chaplin, Negri, Fairbanks, Pickford, Reinhardt

Für Diplomaten und Politiker ist also das Adlon der geeignetste Aufenthalt in Berlin – und für Journalisten erst recht. Aber auch Künstlern und insbesondere Filmschauspielern würde ich – da ich nun einmal vollkommen uneigennützig diese Ratschläge gebe – zum Adlon raten, wenn sie mich befragen würden, wo sie in Berlin absteigen sollen. Denn Rudolph Valentino hat ebenso im Adlon gewohnt wie Pola Negri oder Charlie Chaplin, wie Douglas Fairbanks und Mary Pickford, wie Frieda Hempel und der Kammersänger Tauber. Auch Morris Gest, der größte Theatermanager der Welt, pflegt stets im Adlon abzusteigen mit seinem Freund Rudolf Kommer, der Max Reinhardt nach Amerika gebracht hat; und auch Sam Rachmann, der große Vermittler, hatte sein Hauptquartier hier aufgeschlagen, als die deutsche Künstlerwelt noch mit schüchternen Augen nach dem Lande jenseits des großen Teichs schielte.

Die Halle des Adlon ist ein Kapitel für sich. Da herrscht ein geschäftlicher und geschäftiger Betrieb erster Ordnung, und es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass es Leute gibt, die diese Hotelhalle als ständiges Büro benutzen. In der einen Ecke sitzen sehr geheimnisvoll zwei Industriekönige nebeneinander, in der anderen lässt sich Arnold Rechberg interviewen, und am dritten Tisch kommt soeben ein amerikanischer Filmvertrag zustande. Eine Zeit lang galt die Halle des Adlon als Hauptquartier der großen Vermittler. Generaldirektor Bratz, der ewig junge, beschaffte hier eine Million nach der anderen für die Ufa, und wenn der Oberkellner, der in der Halle bedient, einmal seine Memoiren schreiben würde, so könnte er gewiss Wertvolles zur Zeitgeschichte Berlins beisteuern. Pagen laufen in ihren himmelblauen Jacken hin und her, rufen Namen aus, es herrscht ein ewiges Kommen und Gehen, auf silbernen Tabletts werden Besuchskarten präsentiert, schöne Frauen passieren auf dem Wege zum Fünf-Uhr-Tee die Halle. Gerüchte, Klatsch, Börsentipps, gesellschaftliche Sensationen und Nichtsensationen schwirren in der Luft.

Das Gespräch in der Adlonhalle: »Also … mindestens hunderttausend …«

Aber das Adlon hat auch andere Gäste. Der erste gekrönte Herrscher, der seit Kriegsende durch Berlin reiste, König Gustav von Schweden, ist im Adlon abgestiegen. Hier hat der Maharadscha von Kutsch gewohnt, und hier wohnt stets, wenn er nach Berlin kommt, auch eine andere Fürstlichkeit, nämlich Gerhart Hauptmann. Das Adlon spielt in Berlin dieselbe Rolle, wie das Ritz in Paris. Hier wohnen die reichen Amerikaner – zum größten Teil –, denn sowohl der Herr des Hauses, Louis Adlon, wie sein getreuer Generalstabschef Generaldirektor Kretschmar haben es verstanden, während wiederholter Besuche in den Staaten die Sympathien der Fifth Avenue für das Hotel Adlon zu gewinnen.

Die großen Hotels: Bristol

Ebenso international wie das Adlon sind noch BRISTOL und ESPLANADE, während der Kaiserhof viel eher ein Hotel der deutschen Gesellschaft ist. Im Bristol wohnt man vielleicht ruhiger als im Adlon – der Betrieb des Highlife ist nicht so groß. Hier pflegt der Zar Ferdinand von Bulgarien abzusteigen, wenn er aus Koburg eine kurze Reise nach Berlin unternimmt, und auch der Fürst Bülow wohnt im Bristol – zumeist im selben Appartement im ersten Stock –, wenn er seine schöne Villa Malta in Rom verlässt, um der Reichshauptstadt einen Besuch abzustatten. Fürst Fugger, Fürst Hohenlohe, Fürst Lynar, die Fürstin von Pleß sind ebenso Stammgäste des Bristol wie der ungarische Minister Baron Szterényi, Franz Lehár, der Sänger Schaljapin, oder, um Namen zu nennen, die aus der Hautevolee der deutschen Wirtschaft stammen, der Geheimrat von Opel, Generaldirektor Dr. Porsche, Generaldirektor Köngeter und manche Diplomaten. Im Bristol war auch der finnische Diktator General Mannerheim abgestiegen, und hier hat auch der Generalsekretär des Völkerbunds Sir Eric Drummond gewohnt, als er Berlin zum ersten Mal einen Besuch abstattete.

Esplanade

Das HOTEL ESPLANADE, das einst das Berliner Hauptquartier von Hugo Stinnes war – eines der am schönsten und modernsten eingerichteten Berliner Hotels –, hat in der Politik gleichfalls eine bedeutende Rolle gespielt, denn es hat seinerzeit einen großen Teil der Dawes-Kommission beherbergt, als man noch über die Reparationsfragen debattierte. Aber neben seiner internationalen Kundschaft, zu der unter anderem auch die beiden Nordpolforscher Amundsen und Rasmussen gehörten, wird das Hotel Esplanade vor allem von den Kohlenbaronen und Stahlfürsten der deutschen Schwerindustrie bevorzugt – vielleicht schon aus dem Grund, weil es ja auch heute noch zum Stinneskonzern gehört. Hier wohnen die Beherrscher des Ruhrgebiets, die Herren der ewig rauchenden Schlote von Westfalen und von Oberschlesien.

Kaiserhof

Das HOTEL KAISERHOF vereinigt, wie bereits gesagt, viel eher die deutsche Gesellschaft. Es ist ein altbekanntes, gutes, solides und vornehmes Haus, das aber einer Modernisierung dringend bedarf, wenn es die Konkurrenz mit den anderen großen Luxushotels der Stadt Berlin aushalten soll.

Eden

Das HOTEL EDEN, das erheblich kleiner ist als die vorgenannten Häuser, ist mit dem Hotel Claridge in Paris zu vergleichen, es ist ein elegantes mondänes Hotel, in dem man sehr gute Musik hören und ausgezeichnet Tango tanzen kann, wobei es keinem Menschen einfallen wird, dass dieses Haus vor sieben Jahren das Hauptquartier der deutschen Spartakisten war. Im Eden hat auch der mexikanische Präsident Calles während seines Berliner Aufenthalts gewohnt.

Excelsior: Europas größtes Hotel

Das HOTEL FÜRSTENHOF und das HOTEL EXCELSIOR – Letzteres Europas größtes Hotel, eine riesige Karawanserai mit fünfhundert Zimmern – werden mehr von einem durchreisenden Publikum besucht, da sie in unmittelbarer Nähe des Potsdamer bzw. Anhalter Bahnhofs liegen, aber auch sie haben ein Stammpublikum, das sich aus den guten Gesellschaftskreisen der deutschen Provinz rekrutiert.

Die großen Luxushotels in Berlin sind ungefähr genauso teuer wie die gleichrangigen Hotels im Ausland. Ein einbettiges Zimmer ist in diesen Häusern von etwa 10 bis 12 Mark an zu haben, ein zweibettiges von 20 bis 30 Mark an, ein Appartement, aus Salon, Schlafzimmer und Badezimmer bestehend, von 50 Mark an. Die leidige Trinkgeldfrage ist fast in allen Berliner Hotels durch die Einrichtung der zehnprozentigen Bedienungsabgabe zur beiderseitigen Zufriedenheit gelöst – auf die Wochenrechnung werden 10 Prozent aufgeschlagen und damit hat der Gast seine Verpflichtungen gegenüber dem Bedienungspersonal erfüllt. Das Spießrutenlaufen des abreisenden Gasts zwischen den Spalieren der trinkgeldsüchtigen Angestellten ist in diesen Berliner Häusern vollkommen unbekannt. Im Edenhotel kann man ein Zimmer sogar schon für 9 Mark bekommen, im Excelsior für 7 Mark. Das erste Frühstück ist in den meisten Berliner Hotels nicht mehr obligatorisch, dagegen wird meistens gewünscht, dass man eine der Hauptmahlzeiten im Hotel einnehmen soll, was man auch ruhig tun kann, da die Restaurants der großen Hotels nicht im Geringsten teurer sind als die gleichwertigen Gaststätten. Für ein Mittagessen werden 3,50 bis 5,50 Mark verlangt, und da der Weinzwang überall aufgehoben ist – nicht zuletzt unter dem Einfluss der amerikanischen Gäste –, so kann man auch in den Hotels recht preiswert speisen. Im Übrigen verabreicht ein großer Teil der Berliner Cafés und Konditoreien ein Frühstück, das als ausgesprochene Konkurrenz gegen die Hotels gedacht ist – für 1,25 Mark kann man da Kaffee, Tee oder Schokolade, dazu Butter, Brot, Eier, Schinken und Käse bekommen.

Tun Sie Geld in Ihren Beutel!

Abends sind die großen Hotels teurer – das Menü zu vier Gängen kostet 10 Mark. Aber mit der großen Wandlung, die seit dem Krieg alle großen Berliner Hotels durchgemacht haben, hat sich auch das abendliche Bild der Hotels erheblich geändert. Während früher die Hotels lediglich für die Fremden bestimmte Gaststätten waren, sind sie jetzt Mittelpunkte der Berliner Gesellschaft geworden. Die in England längst verbreitete Mode, Gäste im Hotel zu empfangen und zu bewirten, hat sich jetzt auch in Berlin eingebürgert, und besonders die in den letzten zwei Jahren eingeführten Galaabende – im Adlon donnerstags – sind unbedingt sehenswert. Ein solcher Galaabend bietet ein überwältigendes Bild. Was da an eleganten Toiletten, an Schmuck und an schönen Frauen aufmarschiert, kann heute auch in Paris oder London kaum überboten werden, und einen solchen Galaabend muss man, wenn man nach Berlin kommt und die Berliner Gesellschaft kennenlernen will, unbedingt mitgemacht haben. Die Preise an den Galaabenden sind nicht erhöht – das große Gedeck kostet zwar 20 Mark, aber man kann ein kleineres Menü von vier Gängen ebenso für 10 Mark bekommen, wie an den anderen Tagen, und da kein besonderer Eintrittspreis verlangt wird, so ist ein solcher Galaabend eigentlich keine so kostspielige Angelegenheit, als dass man auf ihn nur aus Sparsamkeitsrücksichten verzichten sollte.

Wer hier isst

Dr. Martin Carbe

In den Restaurants der Hotels verkehren auch jene gesellschaftlichen Kreise Berlins, die man sonst nur selten sehen kann, die Leute, die nicht zur Lebewelt, sondern zur Arbeitswelt gehören. Da sieht man manchen Minister oder Staatssekretär, die gedrungene Gestalt Dr. Luthers, den bieder aussehenden Dr. Wirth, den schlanken Baron von Rheinbaben, Freiherrn von Richthofen, dann die Herren der Bankwelt wie Franz Urbig oder Franz von Mendelssohn, Jakob Goldschmidt oder Herbert Gutmann, den großen Förderer des deutschen Golfsports, die Feldherren der Berliner Industrie, wie etwa den Geheimrat von Borsig, den jüngeren Siemens, die Brüder Tietz oder auch die kluge Gnomgestalt des Geheimrats Felix Deutsch, des Leiters der AEG, und die hohe schlanke Figur des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht. Da sieht man den in der Berliner Gesellschaft wohlbekannten Staatssekretär Dr. Weißmann, den kleinen blonden Grafen Arco, einen der bekanntesten Pioniere der drahtlosen Telegrafie mit seiner Gattin, die großen Verleger und Zeitungskönige wie Hans Lachmann-Mosse, der Rudolf Mosses Haus und Macht geerbt hat und verwaltet, mit seinem Generalstabschef, dem scharfsinnigen Verlegerjuristen Dr. Martin Carbe, die vier Ullsteins: Rudolf, den Sportsmann, den ernsten Franz, den gemessenen Louis, den impulsiven Hermann, und nicht zuletzt auch die diplomatische Welt, die sonst sehr selten zu sehen ist, da sie sozusagen einen abgeschlossenen Kreis für sich bildet.

Aber wenn Sie Mittelständler sind …

Neben diesen großen Luxushotels gibt es aber eine ganze Reihe von kleineren Hotels, in denen man weniger gesellschaftlich, dafür aber erheblich billiger und – was für viele Leute von Wichtigkeit sein wird – auch wesentlich ruhiger wohnen kann. Unter diesen Hotels, die absolut komfortabel eingerichtet, modern und bequem sind, muss man das HOTEL HESSLER erwähnen, sowie das HOTEL AM ZOO, das PARKHOTEL und das HOTEL AM TIERGARTEN, alle vier in Charlottenburg in der Gegend des Bahnhofs Zoo.

Diese Hotels haben freilich nicht die zentrale Lage des Adlon oder Bristol, sind aber gerade deshalb für Reisende, die längere Zeit in Berlin bleiben wollen, nicht weniger empfehlenswert. Auch das HOTEL CONTINENTAL, der RUSSISCHE HOF und das besonders in Artistenkreisen sehr gut bekannte HOTEL CENTRAL – alle drei am Bahnhof Friedrichstraße – sind durchaus empfehlenswert und um ca. 20 Prozent billiger als die Luxushotels. So kann man etwa im Hotel am Zoo ein einbettiges Zimmer für 6 Mark, ein zweibettiges für 14 Mark bekommen. In diese Kategorie gehört auch das PALASTHOTEL am Potsdamer Platz, das HOTEL HABSBURGER HOF sowie das HOTEL WEISSES HAUS in der Krausenstraße und noch eine ganze Reihe von bürgerlichen Häusern.

Pensionen

Die Zahl der Pensionen und Fremdenheime ist Legion. Es mag genügen, die PENSION STEINPLATZ zu erwähnen, ein großes Haus, das eine Art Familienhotel ist, und besonders von Russen bevorzugt wird, sowie die PENSION HARDENBERGPALAST, PENSION PRAGER PLATZ und die PENSION REGINA. In diesen Häusern kostet ein Zimmer mit Verpflegung, die man als gut bezeichnen kann, durchschnittlich 10 bis 14 Mark.

VORMITTAGSSPAZIERGANG DURCH BERLIN

Ein wunderbarer Rundgang durch Berlin –

Abends wird Berlin zu Paris.

Die schönste Straße Berlins

Wien hat seinen Ring, Budapest die Andrassystraße, Paris die Avenue des Champs-Élysées, Berlin hat seine Linden. Sie ist nun einmal die schönste Straße Berlins und die an Traditionen reichste, sie ist die repräsentativste Straße dieser Stadt, ihre Visitenkarte sozusagen, sie hat einen großen Teil der Geschichte dieser Stadt mitangesehen und miterlebt, sie hat ihr Antlitz mit den Zeiten geändert, aber sie ist nicht älter geworden. Und wenn wir einmal durch Berlin spazieren wollen, dann müssen wir eben Unter den Linden beginnen, nicht anders als die großen Autobusse des Herrn Käse.

Der Rundgang beginnt

Wir beginnen also unseren Rundgang am Pariser Platz, vor dem Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, auf dem in ihrer Quadriga die Viktoria thront, diese bronzene Viktoria, die bereits einmal einen Besuch in Paris abgestattet hat. Napoleon hatte sie 1807 nach Paris verschleppt, aber sieben Jahre später wurde sie nach Berlin zurückgebracht. Durch vier Bögen von den fünf des Brandenburger Tors jagen die Autos von und nach dem Westen. Der fünfte Bogen, der mittlere, ist leer und frei. Durch diesen Bogen durfte früher nur der Kaiser fahren, und wenn jetzt auch keine ausgesprochene Vorschrift dafür besteht – er wird nur vom Reichspräsidenten benutzt.

Sie kennen doch Liebermann?

Rings herum stehen einfache und vornehme Palais – das Haus des Malers Max Liebermann mit seinem Atelier auf dem Dach, das Palais Friedländer, das reizende Barockpalais der französischen Botschaft und die Akademie der Künste. Dann – auf der rechten Ecke des Platzes, der Stadt zu, steht das Kolossalgebäude des Hotels Adlon.

Wir wandern langsam hinunter, dem Lustgarten zu. Ecke Wilhelmstraße passieren wir das Kultusministerium, das Hotel Bristol, dann das kahl-graue Gebäude der russischen Botschaft, und gelangen zu der belebtesten Ecke Berlins, zur berühmten Kranzlerecke, wo die Friedrichstraße die Straße Unter den Linden kreuzt. Diese Ecke ist die Weltecke Berlins – gleichwertig mit der Pariser Ecke vor dem Café de la Paix, mit der Londoner Ecke vor dem Mansion House, mit der Wiener Ring-Ecke an der Kreuzung von Kärntner Straße und Opernring. Diese Ecke ist auch das Herz des Berliner Nachtlebens und des Berliner Fremdenverkehrs, und wenn man die Geschäftsleute fragen würde, die hier einen Laden besitzen, würden sie gewiss versichern, dass dies die teuerste Ecke der ganzen Stadt sei.

Das historische Eckfenster und …

Wir spazieren nun an dem Palais Kaiser Wilhelm I. vorbei, werfen einen Blick auf das »historische Eckfenster«, hinter dem der alte Kaiser zu arbeiten pflegte, und stehen auf dem Kaiser-Franz-Josef-Platz. Da steht links die Universität, daneben das stattliche Gebäude der Staatsbibliothek und das Zeughaus, das anfangs ein gewöhnliches Artilleriedepot gewesen ist, aber 1877 in ein Kriegsmuseum umgestaltet wurde, und für den Kunstfreund besonders anziehend ist durch die herrlichen Masken sterbender Krieger, die der große Barockbaumeister Andreas Schlüter schuf. Rechts erhebt sich das Opernhaus, dahinter strebt die grüne Kuppel der Hedwigskirche in die Luft. Wir kommen dann zum ehemaligen KRONPRINZENPALAIS, in dem jetzt ein Teil der Nationalgalerie untergebracht ist, insbesondere Werke neuerer deutscher Kunst.

… der historische Balkon

Taschen zuknöpfen!

Wir gehen über die Schlossbrücke und stehen auf einem weiten, geräumigen Platz, den man mit dem Place de la Concorde in Paris vergleichen könnte, wenn er auch lange nicht so schön ist. Auf der rechten Seite steht, grau, massig und imposant, das ehemals KAISERLICHE SCHLOSS, mit dem Balkon, von dem Kaiser Wilhelm an jenem welthistorisch gewordenen Augusttage zu seinem Volke sprach, ein gewaltiger Barockbau, gleichfalls von Schlüter errichtet. Eine große, später hinzugefügte Kuppel schließt ihn ab. In den zahllosen Gemächern des Schlosses, die vielfach noch die alte prachtvolle Barockausstattung zeigen, sind jetzt kunstgewerbliche Sammlungen und einige Ämter untergebracht. Vor dem Schloss steht ein schöner Brunnen, den Begas geschaffen hat und das äußerlich pompöse Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal, ebenfalls ein Werk dieses Künstlers. Auf der anderen Seite des Platzes der Neue Dom, ein unruhig überladener moderner Renaissancebau, über 110 Meter hoch, von einer großen Kuppel gekrönt, die auf die Bäume des Lustgartens herabschaut. Hinter dem Dom erhebt sich der rote Bau der Nationalgalerie und weiter dahinter das Kaiser-Friedrich-Museum, in dem unschätzbare Werte deutscher und fremder Kunst untergebracht sind. Schinkels Altes Museum mit der schönen Säulenhalle über der Freitreppe enthält die griechischen, römischen und ägyptischen Sammlungen. Doch nur wenige hundert Schritte weiter, und man steht vor einem Gebäude ganz anderer Art, vor einem großen Bau, in dem emsiges Leben zu herrschen scheint, dessen Treppen wimmeln, vor dem ganze Parks von Autos warten. Das ist die Börse – in Berlin kurz »Burgstraße« genannt, das pulsierende Herz des deutschen Geschäftslebens.

Alexanderplatz

Die Königstraße führt weiter, an dem von einem riesenhaften roten Turm überragten Gebäude des Rathauses vorbei, zur Spandauer Straße, und von dort geht die Wanderung weiter zum Alexanderplatz, einem der geschäftigsten und belebtesten Plätze Berlins, wo auch das Gebäude des Polizeipräsidiums steht. Das ist schon Alt-Berlin. Und wenn jemand Zeit genug hat, sich nicht nur um das neue Berlin zu kümmern, dann soll er nicht verfehlen, dem Krögel und der Fischerbrücke einen Besuch abzustatten, wo er für ein paar Minuten das ganze jagende Tempo, die ganze Hast vergessen kann.

Wir gehen nun durch die Gertraudtenstraße zum Spittelmarkt weiter und landen in der Leipziger Straße, in der großen Geschäftsstraße Berlins, die in den Stunden des lebhaftesten Verkehrs so verstopft ist, dass sich die Neunmalweisen der Berliner Verkehrspolizei schon seit Jahren den Kopf darüber zerbrechen, wie man diesem Übelstand abhelfen könnte. Wir gehen an dem RIESENWARENHAUS TIETZ vorbei, dem Stammhaus der Warenhauskönige, die in Berlin allein über neun große Warenhäuser verfügen, kreuzen die Charlottenstraße, sehen rechts den Gendarmenmarkt mit den zwei Kuppeltürmen der Neuen Kirche und der Französischen Kirche, überschreiten wieder die Friedrichstraße, spazieren an der prächtigen Granitfassade des weltberühmten WARENHAUSES WERTHEIM vorbei und stehen auf dem Potsdamer Platz, wo das rote Licht des Verkehrsturms gerade »Halt« gebietet.

Das ist der Potsdamer Platz!

Potsdamer Platz

Dieser Potsdamer Platz ist für den ahnungslosen Fußgänger, aber auch für den ahnungslosen Autofahrer die gefährlichste Stelle Berlins. Fünf der belebtesten und verkehrsreichsten Straßen münden hier, und wenn der Beamte auf dem schlanken Signalturm den Verkehr nicht regeln würde, wäre es einfach unmöglich, über den Platz zu gelangen. Auch so ist es eine Kunst, über den Potsdamer Platz zu kommen, und die Fahrt über diesen Platz ist das schwerste Kunststück, das die Berliner Verkehrspolizei von den zukünftigen Besitzern eines Führerscheins bei der Prüfung zu verlangen pflegt. Wir warten also, bis das grüne Licht den Übergang frei gibt, gehen dann zwischen den weißen Strichen der für die Fußgänger erlaubten Passage über den Platz und wenden uns halbrechts nach der Bellevuestraße, um nach dem Tiergarten zu gelangen.

Wir gehen an dem Hotel Esplanade vorbei und landen auf dem Kemperplatz, am Rolandbrunnen, wo Berlins neuestes und prunkvollstes Café, das CAFÉ SCHOTTENHAML, steht, das erst vor einiger Zeit eröffnet wurde. Wir gehen durch die Siegesallee, die rechts und links von schneeweißen Marmorstandbildern flankiert ist, die zwar einen sehr anschaulichen Geschichtsunterricht geben, da sie alle brandenburgischen und preußischen Herrscher darstellen, sonst aber durchaus nicht zu den künstlerisch sehenswertesten Denkmälern in Berlin gehören. Von Weitem sehen wir schon die Siegessäule auf dem ehemaligen Königsplatz, der jetzt den Namen »Platz der der Republik« trägt, und davor erhebt sich das mit einer goldenen Kuppel gekrönte Gebäude des Reichstages, ein Werk Wallots.

In den Zelten

Berlin spaziert nicht

Wir gehen nun an dem roten Backsteinbau des ehemaligen Großen Generalstabs, in dem jetzt das Reichsministerium des Inneren untergebracht ist, vorbei, durch die Straße »In den Zelten«, lassen das geschäftige Treiben der Spree rechts liegen und gelangen, an dem Schloss Bellevue vorbeikommend, zum Großen Stern, dem Herzen des Tiergartens, dieses großen Parks, der sich mitten in der Stadt Berlin über viele Quadratkilometer erstreckt. Hätte Berlin einen Wagenkorso wie London am Rotten Row oder Paris im Bois de Boulogne, so wäre dieser herrliche Tiergarten der geeignetste Platz dafür. Aber Berlin hat keinen Wagenkorso, wie es überhaupt keinen Korso hat, keine große Promenier- und Flanierstraße, auf der sich die Welt, die nichts zu tun hat und sich trotzdem nicht langweilt, ein Rendezvous geben würde. Berlin spaziert nicht. Berlin hat auch keine Apéritiflokale, Berlin hat auch keine Konditoreien, in denen man vormittags eine halbe Stunde lang plaudert, Berlin hat zu solchen Vergnügungen keine Zeit. Selbst Unter den Linden, auf der Tauentzienstraße und am Kurfürstendamm sieht man keine Leute, die nur spazieren gehen wollen. Ein jeder eilt. Ein jeder hat ein Ziel. Zwecklose Schritte gehören in Berlin zu den Seltenheiten, und der Tiergarten belebt sich nur morgens und abends. Morgens, wenn die Reiter und Reiterinnen durch die Tiergartenalleen sprengen – denn Reiten ist in Berlin ein beliebter Sport, und wenn man auch nicht mehr den Kaiser durch die schattigen Alleen reiten sehen kann, so sieht man dafür viele schöne Frauen, die zumeist im Herrensitz reiten –, oder aber abends, wenn die vielen Liebespärchen erscheinen, die sich dann auf den berühmten Bänken des wohlwollend finsteren Tiergartens niederlassen.

In einer schnurgeraden Linie durchschneidet die Charlottenburger Chaussee den Tiergarten bis zum Bahnhof Tiergarten, und mündet dort in die Berliner Straße, rechts die berühmte Staatliche Porzellanmanufaktur und links die Technische Hochschule hinter sich lassend. Am Knie sind dann die Anlagen zu Ende. Die Stadt beginnt wieder. Das ist aber nicht mehr Berlin, sondern die Schwesterstadt Charlottenburg.

Der Zoo

Wir gehen nun die breite, schöne Hardenbergstraße hinunter, an der Hochschule für Musik und bildende Künste vorbei zum Bahnhof Zoo, der seinen Namen von dem Zoologischen Garten erhalten hat. Der »Zoo« gehört mit dem Aquarium zu den größten Sehenswürdigkeiten Berlins, und hat neuerdings durch die Errichtung des hochinteressanten Planetariums noch eine besondere Zugkraft bekommen. Er ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit für den Fremden, sondern ist auch bei den Berlinern sehr beliebt, insbesondere bei den jungen und jüngsten Berlinern und Berlinerinnen, die ein Stammpublikum des Zoo bilden. Im Frühling verwandelt sich der Zoo in eine Filiale von Karlsbad. Dann spazieren Herren und Damen, die schlanker werden wollen, mit dem heilbringenden Wunderkelch in der Hand zwischen den Käfigen und verzehren nachher das echt Karlsbader Frühstück, von dem sie noch dicker werden.

Kurfürstendamm, Vergnügunszentrum der Berliner

In den letzten Jahren nach dem Krieg ist die Gegend um den Bahnhof Zoo herum ein zweiter Brennpunkt des Berliner Lebens geworden. Während die Friedrichstraße ihren Charakter als Vergnügungszentrum für die Fremden beibehielt, entwickelte sich die Gegend am Zoo zu einer Art Vergnügungszentrum der Berliner. Kinos, Tanzlokale, Dielen schossen wie Pilze aus dem Boden. Um die Gedächtniskirche herum kann man heute fünf große Kinos, sieben Cafés und einen großen eleganten Tanzpalast zählen. Der Autoverkehr schwillt hier in den Abendstunden geradezu drohend an, die Verkehrspolizisten haben alle Hände voll zu tun, Lichtfontänen blenden mit ihren Reklamen von allen Häuserfronten herab, und der Berliner nennt diese Ecke seinen BROADWAY. Diese Entwicklung ist aber nur die Folgeerscheinung einer anderen Entwicklung im Charakter Berlins – auch ein großer Teil des Geschäftslebens ist aus dem Zentrum der Stadt nach dem Westen abgewandert. Der Kurfürstendamm, der vor dem Krieg eigentlich nur eine Art Flanierstraße war, zieht wie ein Magnet große Geschäfte, Läden und Vergnügungslokale an, und es wird gewiss nur kurze Zeit dauern, bis das erste Warenhaus am Kurfürstendamm errichtet werden wird, um das Werk zu vollenden, das mit dem Verschwinden des Reitwegs vom Kurfürstendamm schon angedeutet wurde – um die schöne, breite Straße, die früher nur ein vornehmes Wohnviertel durchquerte, zu einer Geschäftsstraße ersten Ranges zu stempeln. Die Brüder Tietz haben schon vor Jahren das wertvollste Grundstück am Kurfürstendamm erworben, und sie warten offenbar nur auf die Aufhebung der Wohnungszwangswirtschaft, um an der Ecke Kurfürstendamm und Joachimstaler Straße ein neues Riesenwarenhaus zu errichten.

Von der Gedächtniskirche führt die Tauentzienstraße am Kaufhaus des Westens vorbei zum Wittenbergplatz und von dort aus geht die Kleiststraße zum Nollendorfplatz, dem Einfalltor des sogenannten Bayerischen Viertels, während die Budapester Straße von der Gedächtniskirche aus an dem eleganten Edenhotel vorbei zum Tiergarten zurückführt.

Aber am Abend …

Det ist Berlin!

Wer in Berlin mehr sehen will als die Gebäude und Denkmäler, wer sich auch für das Leben der Stadt, die er kennenlernen wollte, interessiert, dem rate ich aber, in den Abendstunden, etwa zwischen 6 und 7 Uhr, durch die Tauentzienstraße und über den Kurfürstendamm zu bummeln. Er wird glauben, dass er sich auf einem Pariser Boulevard befindet. Um diese Zeit, wenn die Linden bereits halbleer sind – wenn Untergrundbahn, Autobusse und Straßenbahnen die Menschen aus der einschlafenden City nach dem eben erst zu seinem nächtlichen Leben erwachenden Westen befördern, sind die beiden großen Geschäftsstraßen des Westens voll von Menschen, die Straßen wimmeln, die Konditoreien und Cafés sind überfüllt, vor den Kinos stehen die Menschen Schlange, in den Geschäften herrscht Hochbetrieb, denn hier beginnt das »Shopping« erst um fünf Uhr, und vor den Portalen der Tanzdielen geben die goldbetressten Portiers die bedauerliche Auskunft: »überfüllt«. Die Hast des Tages weicht der Hast des Abends. Wer sich tags beeilte, weil er eine Geschäftskonferenz hatte, beeilt sich jetzt, weil er ein Rendezvous hat. Die Sucht nach dem Vergnügen bricht sich Bahn. Man zerbricht sich den Kopf darüber, wo man hingehen könnte, was man sehen müsste, wo man sich am besten amüsieren werde. Der ganze Kurfürstendamm gleicht einem aufgeregten Ameisenhaufen, während die Fassaden der Häuser in dem schillernden Glanz der Lichtreklame schimmern.

Männlein und Weiblein sucht sich in dem Gewühl. Junge Leute, Studenten, Künstler, Volk aus dem Romanischen Café sieht man und aufgetakelte Berlin W-Damen, die durch goldene Lorgnettes die Schaufenster beäugen. Hunde werden spazieren geführt. Ecke Joachimstaler Straße warten drei Dutzend halbe Pärchen auf die zu spät kommende andere Hälfte. Zeitungsverkäufer verkünden die Titel ihrer Blätter – nur die Titel, denn das Ausrufen des Zeitungsinhalts ist in der Weltstadt Berlin polizeilich verboten, genauso wie in Kötzschenbroda. Alte Herren beraten während ihres abendlichen Spaziergangs die politische Lage, und Finanzfeldherrn in spe studieren, an die Litfasssäule gelehnt, das Kursblatt »Börsen-Courier«. Dazwischen klingelt die Straßenbahn, die Autohupen tuten, die schlecht geschmierten Bremsen quietschen, die gleißende Flut der Lichtreklame blendet das Auge, immer voller und stärker, schwärzer und hastiger quillt der Menschenstrom durch die Straßen, knäuelt sich zusammen und sondert sich ab – bis die Uhr der Gedächtniskirche acht geschlagen hat.

ZWISCHEN WILHELMSTRASSE UND PLATZ DER REPUBLIK

Regierungsviertel und Parlament –

Parlamentarische Stilblüten.

Am Wilhelmplatz, dort wo die Voßstraße von der Wilhelmstraße abzweigt, steht ein baumlanger, hagerer Schutzmann und regelt den Verkehr. Seine besondere Aufmerksamkeit widmet er den Lastkraftwagen, die er unbarmherzig nach der Voßstraße verweist. Zudem steht auch eine Tafel da, mit einem schwarzen Punktzeichen: Für Lastkraftwagen verboten. Lastkraftwagen sind also in diesem Teil der Wilhelmstraße nicht zugelassen. Und das ist richtig so. Denn die Männer, die Deutschlands Geschicke leiten, müssen in Ruhe arbeiten können, und schon die unvermeidlichen Autos machen Lärm genug.

Die Ministerien

Die Wilhelmstraße ist das »Regierungsviertel« Berlins. Die deutsche Downing Street, der deutsche Quai d’Orsay, der Berliner Ballhausplatz. Hier sind die wichtigsten Ministerien untergebracht, hier wohnen Reichspräsident und Reichskanzler, hier werden die Gesetzesentwürfe ausgearbeitet, hier wird der Etat geboren. Das Reichsfinanzministerium befindet sich allerdings an der anderen Ecke des Wilhelmplatzes, die noch nicht vor Lastkraftwagen geschützt ist. Offenbar glaubt die Verkehrspolizei, dass das Finanzministerium eben mehr vertragen kann als die anderen Ministerien. Dem Fremden soll es aber gesagt werden – es ist das Haus Wilhelmstraße 61, wo der Herr Reichsfinanzminister als oberster Kriegsherr aller Steuererklärungen thront, während an der gegenüberliegenden Ecke sich das Haus der Reichsbahngesellschaft erhebt. Das Hotel Kaiserhof ist nun doch Hotel geblieben, obwohl die Geheimräte im Reichsfinanzministerium mit ihren geistigen Augen schon die Seufzerbrücke gesehen haben, die sie aus dem alten Haus des Ministeriums zum Hotel umbauen wollten. Sonst steht von Nichtregierungsgebäuden nur noch eine Bank und das Palais der amerikanischen Botschaft auf diesem Platz. Das Übrige gehört dem Reich und Preußen.

Pressekonferenzen

Im ehemaligen PALAIS LEOPOLD an der Ecke der Wilhelmstraße haust die Presseabteilung der Reichsregierung. Hier versammeln sich jeden Mittag die politischen Redakteure der deutschen Presse, um die Ereignisse der Tagespolitik mit den Vertretern der Reichsregierung zu besprechen. Diese Versammlung ist eine Art Vizeparlament. Auch hier kann man erregte Debatten erleben, auch hier werden manchmal unangenehme Fragen gestellt, und auch hier kann man Ministerreden hören, denn es gibt Minister, die es sich nicht nehmen lassen, die Presse selbst zu informieren. Der wesentlichste Unterschied zwischen der Pressekonferenz und dem Reichstag soll darin bestehen, dass es in der Pressekonferenz kein Restaurant gibt und auch keine Diäten. Aber das kann ja noch einmal nachgeholt werden.

Hier wohnt der Reichskanzler

Gegenüber diesem Palais Nr. 77 wohnt der Reichskanzler in einem schönen Hause, dessen Garten sich bis zur Friedrich-Ebert-Straße erstreckt. Hier hat schon Bismarck gewohnt, die Räume sind groß, geräumig, luftig, die weißen Türen mit Gold verziert, und die Diener tragen stets weiße Handschuhe.

Hier wohnt der Außenminister

Daneben wird in drei Häusern die auswärtige Politik des Reichs gemacht und hier wohnt auch der Außenminister Dr. Stresemann, aber nicht in einem der Palais, sondern in einer Villa, die sich mitten im großen Garten des Ministeriums befindet. Findet bei ihm ein Empfang statt, so fahren die Gäste in der Friedrich-Ebert-Straße vor, wo eine hohe rote Mauer darüber wacht, dass gewöhnliche Sterbliche keinen Einblick in diesen Garten Eden der diplomatischen Genüsse bekommen.

Hier wohnt der Reichspräsident

Im Hause Nr. 73 wohnt der Reichspräsident. Vor dem Gartentor stehen zwei Schupoleute, während am inneren Eingang des Palais zwei Soldaten Wache halten. Hier sind auch die Büros des Reichspräsidenten, die sein treuer Adlatus, Staatssekretär Meißner, verwaltet.

In den gegenüberliegenden Häusern sind verschiedene Reichsbehörden untergebracht, an der Ecke Unter den Linden steht das Haus des Preußischen Ministeriums für Kultur und Unterricht, während einige Schritte weiter, in einem Palais von gelber Farbe, der Botschafter Seiner britischen Majestät zu Hause ist. Der Reichsminister des Innern haust mit seinem Beamtenstab in dem großen roten Gebäudekomplex des ehemaligen Großen Generalstabs am Platze der Republik, das Reichswehrministerium in der Bendlerstraße, das Postministerium in der Leipziger Straße, die preußische Landwirtschaft und Handel werden ebenfalls aus der Leipziger Straße regiert, während sich das Reichsjustizministerium in der Voßstraße befindet. Trotzdem die meisten Ministerien nicht in der Wilhelmstraße liegen, schlägt aber das politische Herz Deutschlands doch hier. Hier werden die Entscheidungen getroffen.

Besprochen – und zwar ausgiebig – werden sie allerdings am Platz der Republik, in dem großen Bau mit der goldenen Kuppel, der die stolze Aufschrift »Dem deutschen Volke« trägt: im Reichstag. Wer ein Interesse an dem politischen Leben Deutschlands hat, wird gewiss neugierig sein, wie es in diesem Hause aussieht.

Im Reichstag

Hat man Glück, so flattern die schwarz-rot-goldenen Fahnen auf den Masten des Parlaments – die Sitzung ist im Gange. Hat man noch mehr Glück, so gibt es auch eine kleine Regierungskrise, was ja nicht allzu selten ist. Und hat man sehr viel Glück und einen Bekannten, der in diesem Palast als M. d. R. oder als Journalist zu Hause ist, so kann man auch eine Tribünenkarte bekommen, ja sogar einen Blick in die Wandelgänge werfen.

Vor dem Portal in der Simsonstraße, wo sich der Eingang für die Abgeordneten und für die Presse befindet (gewöhnliche Sterbliche können das Haus nur vom Reichstagsufer aus betreten), halten eine Menge Autos, Schupoleute patrouillieren herum und auch ein paar Dutzend Neugierige stehen da, die im Mittagsblatt gelesen haben, dass der Reichstag einen großen Tag habe. Das Thermometer des Reichstags ist aber die Kleiderablage. Sind alle Kleiderhaken besetzt, so muss etwas Wichtiges vorgehen. Denn sonst sieht die Garderobe des Reichstags ungefähr so aus wie die eines Sommertheaters bei gutem Wetter.

Es geht also etwas vor. Die große Wandelhalle, die mit einem purpurroten Teppich bedeckt ist, wimmelt von Menschen. Ob das alles Abgeordnete sind? Nein, nein – es sind auch welche darunter, die erst Abgeordnete werden wollen, es sind ferner Journalisten darunter, die für die Abgeordneten unentbehrlich sind, da sie zumeist von ihnen erfahren, was eigentlich los ist, es sind Amateurpolitiker darunter, die alle einen fertigen Kompromissplan oder ein Koalitionsprogramm in der Tasche tragen, und es sind schließlich auch politikbegeisterte Damen darunter, die gerade an solchen schicksalsschweren Tagen mit Vorliebe auftauchen. Überall stehen kleine Gruppen beisammen. Man debattiert, man fängt einzelne Worte auf, Namen, Fetzen einer Unterhaltung. Die Stimmung wechselt alle fünf Minuten. Bald ist alles zerschlagen, bald ist wieder alles »in Butter«. Hat man den Topf zerschlagen, so eilt man mit dem Leim, um ihn wieder zusammenzuleimen. Was machen die Sozis? Sie sitzen beisammen. So viel wie im Reichstag wird vielleicht nirgends beisammengesessen.

Was geschieht? Wird man ablehnen, oder gibt man nach?

Man kann es nicht wissen. Hier kann man es nie wissen.

Ein Journalist flitzt durch die Wandelhalle und verkündet eine Neuigkeit: In dem Fraktionszimmer der Demokraten hat soeben ein Kompromissvorschlag das Licht des parlamentarischen Tages erblickt. Bis er aber zum Telefon stürzt, um die Sensation zu melden, ist die Sache nicht mehr wahr. Der Vorschlag ist nämlich schon abgelehnt.

Lord Breitscheid

Dr. Breitscheid – neuerdings kurzweg »Lord Breitscheid« genannt – promeniert in der Wandelhalle mit einer jungen Journalistin. Es ist ein sehr ungleiches Paar, denn Breitscheid ist unangefochtenerweise der »größte« Abgeordnete, wogegen besagte Dame ebenso unangefochtenerweise das »kleinste« Mitglied der Reportergarde ist. In einer anderen Ecke sieht man die salbungsvolle Gestalt des Domkapitulars Dr. Leicht von der Bayerischen Volkspartei inmitten einer großen Gruppe. Dr. Dernburg, massig und kraftvoll, versucht einige Volksparteiler umzustimmen. Baron von Lersners schlanke schwarze Gestalt eilt durch die Halle, und Erich Koch, der Chef der Demokraten, zieht sich mit einigen seiner Parteifreunde in eine Ecke zurück. Was mag dort nur vorgehen?

Nicht weniger reges Leben herrscht in den inneren Wandelgängen, zu denen eigentlich nur die Abgeordneten Zutritt haben sollen. Aber in Krisentagen nimmt man es nicht so ernst mit den Vorschriften, und so schwirren im linken Wandelgang, wo die Sozialisten auf den Plüschsofas beraten, ausländische Korrespondenten herum, die wissen wollen, was sie nach Paris und London, nach Rom und New York melden sollen. Scheidemanns Spitzbart taucht auf und verschwindet wieder im Restaurant …

Im Restaurant

Dieses Restaurant! Es ist das Hauptquartier aller Gerüchte und Vermutungen, aller Kombinationen, die niemals wahr sind, aller Aufregungen und Beschwichtigungen. Da sitzt man in aller Ruhe – hübsch nach Parteien getrennt, lässt sich von seinem Stammkellner bedienen, trinkt seinen Kaffee, raucht seine Zigarre und schmiedet Pläne. Da lanciert man alle erdenklichen Namen als Kanzlerkandidaten, vorausgesetzt, dass ein Journalist am Tisch sitzt, denn sonst hat die Sache doch keinen Wert, da setzt man Möglichkeiten und Unmöglichkeiten auseinander und wartet auf die nächste Fraktionssitzung, damit man weiß, wie man sich eigentlich verhalten soll. Denn der einzelne Abgeordnete hat nur in den allerseltensten Fällen eine politische Meinung. Die Meinung hat die Partei …

Da sieht man plötzlich die hohe Gestalt Hermann Müllers sich erheben und verschwinden.

Wohin geht er?

Ein Dutzend Leute fragen sich dasselbe. Einige Beherzte gehen ihm nach, aber Herr Müller ist sehr verschwiegen, und es ist mehr als schwer, aus ihm etwas herauszuholen. Man sieht nur, dass sich ihm der massige Otto Wels angeschlossen hat, man muss sich also wieder setzen, und man kann sich in die schönen Wappen der deutschen Dynastien vertiefen, die ein offenbar sehr begabter Künstler in allen Farben des Herrgotts an die Wand gemalt hat, bis ein aufgeregter Mensch kommt und verkündet: »Hermann Müller ist zum Reichspräsidenten gefahren!«

Reichsminister Dr. Stresemann

Der Einzige, der kühlen Kopf bewahrt

Man stürzt hinaus und begegnet Außenminister Stresemann, der mit seinem Sekretär, dem jungen Henry Bernhard, und seinem Leibjournalisten, Herrn Josef Reiner, in einer Ecke steht und die politischen Informationen diktiert, die in anderthalb Stunden – mit einer entsprechend fetten Überschrift – die erste Seite des »8-Uhr-Abendblattes« zieren werden. Stresemann ist voller Gemütsruhe, wie meistens, er ist kaum aus der Fassung zu bringen. Früher hat man ihn auch anders gesehen … aber diese Zeiten sind vorbei. Seitdem er den Friedenspreis erhalten hat und seinen Namen für die Weltgeschichte gesichert weiß, ist er der Einzige unter den deutschen Staatsmännern, der wirklich immer einen kühlen Kopf bewahrt.

Auch Witze werden gemacht. So fragt man einen hohen Beamten des Reichsfinanzministeriums, wer wohl der neue Minister sein wird. Er winkt resigniert mit der Hand. »Gott weiß es allein«, meint er. »Ich weiß nur, dass man sich bei uns bald nicht mehr die Namen der Chefs merken kann … so schnell wechseln sie …«

Die Macht des Konfekts

In einer Ecke sitzt Frau Katinka von Oheimb, die jetzt nur noch als Gast hier erscheint. Sie hat stets Konfekt bei sich. Jetzt auch. Sie unterhält sich mit einem bekannten Journalisten. Die Konfektschachtel steht auf dem Tisch und der Mann von der Presse greift öfters danach, denn er muss sich stärken. Als sie sich verabschieden, ist die Schachtel leer. Dafür weiß aber Frau von Oheimb jetzt ganz genau, was sich nicht ereignen wird …

Plötzlich, ein ohrenbetäubender Lärm. Klingeln rasseln und die Megaphone tuten. Abstimmung. Man eilt in den Saal.

Reichstagspräsident Loebe

Dort thront Herr Löbe auf der Präsidentenestrade mit jener unbeschreiblichen Würde, die nur eine ganze Persönlichkeit zu verleihen vermag. Der kleine dunkle Mann mit der großen Brille, der in Zivil ganz unbedeutend aussieht, wächst in dem Augenblick, wo er oben auf der Estrade sitzt, zu einer Personifizierung des parlamentarischen Geistes. Noch niemals hat der deutsche Reichstag einen solchen Präsidenten gehabt, einen, der in jeder Lage, auch in der schwierigsten, die Würde des Parlaments zu wahren versteht und immer, selbst bei der allerheikelsten Gelegenheit, die richtigen Worte findet.

Das Aufheben von Drucksachen ist verboten

Der Plenarsaal ist halbvoll. Was dem Laien zuerst auffallen wird, ist wohl die Tatsache, dass an verschiedenen Plätzen ein großer Stapel von Drucksachen auf dem Tisch liegt, während an den anderen Plätzen dieselben Drucksachen auf dem Boden liegen. Diese Lage der Drucksachen ist aber für den erfahrenen Parlamentsbesucher sehr wichtig, denn daraus kann man ersehen, ob der Volksvertreter, dem der fragliche Platz gehört, schon im Saale war oder nicht. Liegen die Drucksachen noch hübsch ordentlich auf dem Tisch, so war der Herr Volksvertreter noch nicht da. Liegen sie aber auf dem Fußboden, so war er bereits anwesend. Ein ungeschriebenes Gesetz des Reichstags gebietet nämlich allen Abgeordneten, die Drucksachen nach erfolgter Lektüre auf den Fußboden zu werfen.

Die Regierung

Rechts vom Präsidenten, etwas tiefer, breiten sich die Bänke der Regierung aus. Dort sitzen die Minister und Staatssekretäre, während die Seite links von der Präsidentenestrade für die Vertreter der anderen Reichsbehörden sowie für die Reichsratsmitglieder vorbehalten ist. Bei großen Sitzungen sind alle Bänke voll, aber nur wenn der Kanzler oder einer der favorisierten Minister spricht. Sonst kann man dort lediglich die diensthabenden Regierungsvertreter sehen, die aufpassen müssen, ob nicht irgendwelche Fragen gestellt werden, die man beantworten muss. Dicht unterhalb der Rednertribüne in einem kleinen Raum mit vier Schreibmaschinen sitzen die Leute, die jedes Wort, das hier ausgesprochen wird, festhalten – die Stenographen des Parlaments.

Es ist kein leichter Dienst, Parlamentsstenograph zu sein. Während der zehn Minuten, die jeder Stenograph aufzunehmen hat – dann überträgt er das Aufgenommene in Schreibmaschinenschrift –, ist er das Ohr von 60 Millionen Deutschen und der ganzen Welt. Er darf kein Wort dessen verlieren, was dort oben gesprochen wird (obwohl es manchmal wirklich nicht wichtig ist), und zehn Minuten lang führt seine Hand den Bleistift im wahrsten Sinne des Wortes für die Weltgeschichte. Der Stenograph ist aber nicht nur ein Beamter, der jedes gesprochene Wort treu aufnimmt, er ist für jene Abgeordnete, die ihres Stiles nicht ganz sicher sind, eine ganz besonders wichtige Persönlichkeit, denn er hat in vielen Fällen auch die schwere Aufgabe, die sogenannten »Stilblüten« zu beseitigen.

Heiterkeit rechts

Wenn da jemand sagt: »Dieser Grund ist grundlos«, was schon öfters vorgekommen ist, so fragt der Stenograph nicht viel, sondern er schreibt: »Dieser Grund ist nicht stichhaltig …« und er hat sich um einen Volksvertreter verdient gemacht. Oft wissen natürlich die Abgeordneten, dass sie eine Stilblüte von sich gegeben haben – sie merken es an der Heiterkeit, die einer Stilblüte folgt – und kommen dann nach der Sitzung in das stenographische Büro hinunter, um ihre Rede zu korrigieren, was auch sehr nötig ist, denn die Wähler würden sich manchmal sehr wundern, wenn sie unkorrigiert lesen würden, was ihr Vertreter gesagt hat. Sagte doch einmal der Abgeordnete Stökker: »Als die Wellen der Revolution emporloderten …«, worauf allgemeine Heiterkeit entstand. Herr Stöcker ließ sich aber nicht beirren und ripostierte: »Sie lachen … Ja, das Lachen ist ja das Amen und Omen Ihrer ganzen Politik …«

Parlamentarische Stilblüten

Es gibt leider noch immer keine Sammlung der parlamentarischen Stilblüten. Nur ein paar alte Parlamentsjournalisten und der witzige Abgeordnete Dr. Moses haben einige gesammelt. So sagte einmal ein Kultusminister im preußischen Landtag: »Die Universitäten sind wie ein rohes Ei. Wenn man sie anfasst, stellen sie sich gleich auf die Hinterbeine …«

Dagegen meinte ein Sozialist: »Meine Herren! Die Lokomotivführer stehen mit einem Fuß im Zuchthaus und mit dem anderen nagen sie am Hungertuch …«

Und ein Deutschnationaler äußerte: »Der Völkerbund ist nur dazu da, die Giftzähne von Sowjetrussland auf die Beine zu stellen …«

Während ein Demokrat Folgendes von sich gab: »Der Geist Helfferichs ist der nackte Pferdefuß, welcher am Mark des deutschen Volkes nagt …«

Und ein Zentrumsmann sagte einmal: »Die Vermehrung der Bevölkerung auf dem flachen Lande vollzieht sich auf eine ganz natürliche Weise. Ich werde Ihnen gleich zeigen, wie …«

Glücklicherweise hat er es nicht gezeigt.

Die Pressetribüne

Die Chefredakteure

Ganz links oben befindet sich die Pressetribüne. Auch ihr Bild wechselt, genauso wie das Bild des Sitzungssaals. Plätschert die Debatte unten wie gewöhnlich, so halten auf der Pressetribüne nur die Stenographen der Blätter Wacht, während die Redakteure in dem Restaurant debattieren. Spricht aber der Kanzler, so ist die Tribüne so voll, dass man sich nicht bewegen kann. Dann sind all die Leute hier, die das Verbindungsglied zwischen Volksvertretung und Volk darstellen – die Chefredakteure der großen Blätter, die Leitartikler, die Parlamentskorrespondenten, von denen in anderen Ländern jeder den Marschallstab des Abgeordneten in der Aktentasche tragen würde, was aber in Deutschland nicht der Fall ist, da es hier nur verhältnismäßig selten vorkommt, dass ein Journalist als Kandidat aufgestellt wird. Eigentlich ein Kardinalfehler der deutschen Parteipolitik. Denn Theodor Wolff oder Georg Bernhard hätten ihren Platz mit viel mehr Berechtigung im Parlament als mancher, der dort unten sitzt. So sitzen sie aber hier oben, mit ihren Stäben und folgen der Schlacht, die unten tobt. Hinten in den Arbeitsräumen rasseln die Schreibmaschinen; die Vervielfältigungsapparate der parlamentarischen Nachrichtenbüros verbreiten fünfzehn Minuten später, nachdem der Redner unten geendet hat, seine Worte, die Telefone klingeln – München, Wien, Erfurt, Budapest, Paris, Königsberg, Kopenhagen und Prag melden sich, die Atmosphäre ist mit Spannung geladen – mit einer Spannung, die nicht selten viel höher ist, als jene, die unten im Saale herrscht, und am Schalter des kleinen Telegraphenamts im Reichstag liefern amerikanische Korrespondenten Kabeldepeschen von zweitausend Worten auf …

Chefredakteur Theodor Wolff

Der Kuhhandel

Aber der Reichstag hat auch andere Einrichtungen, von denen nur der wirkliche Kenner weiß. Abgesehen von den verschwiegenen Fraktionszimmern im zweiten Stock, wo der berühmte »Kuhhandel« vor sich geht und wo alle intimen parlamentarischen Entscheidungen getroffen werden, abgesehen von den Arbeitszimmern der Abgeordneten, wo man so gemütlich schlafen kann – für die Herren Volksvertreter ist auch in anderer Hinsicht wohl gesorgt.

Der Reichstag hat seinen eigenen Friseur, er hat Badeanstalten, Turnsäle und Zanderapparate, wo man sich elastisch und schlank erhalten kann, und wenn jemand einen Blick ins Kellergeschoß wirft, kann er manchmal irgendeinen berühmten parlamentarischen Kämpen gerade dabei erwischen, wie er an der Rudermaschine arbeitet oder aber sich im Sattel eines Maschinenrosses bemüht, einige Pfunde abzugeben. Und wenn erst das Reichstagshotel gebaut werden wird, das ja ein alter Wunsch der Volksvertreter ist, dann wird es wirklich eine Lust, Abgeordneter zu sein …

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Həcm:
243 səh. 40 illustrasiyalar
ISBN:
9783903184817
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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