Kitabı oxu: «Versteckt im Dunkeln»
Eva Andersen
Kapitel 1
„Mama, Mama, Hilfe!“
Die Schreie zerrissen die Stille des warmen Juninachmittags. Sie drangen bis zu Grethe, die im Waschraum stand, und dabei war, die frisch gewaschenen Pferdedecken ordentlich wegzulegen. Sie meinte zu spüren, wie ihr das Herz kurz stehen blieb. Es war Emily, die schrie.
„Mama, Papa ist gestürzt, beeil dich, komm!“
Grethe ließ alles fallen und rannte zum Reitplatz. Aus dem Augenwinkel sah sie ein Pferd panisch den Waldweg hinunter galoppieren, Richtung Wald. Die Bügel und die Steigbügelriemen flatterten vom leeren Sattel.
Was war passiert? Vom weitem sah sie Olaf bewegungslos im Sand liegen. Emily saß ganz still daneben. Grethe wurde noch schneller und sprang vom Gras auf den Reitplatz und hinüber zu der Stelle, an der Olaf lag. Sie beugte sich tief über ihn und horchte nach seinem Atem.
‚Gott sei Dank, er atmet noch’, dachte sie.
„Olaf, Olaaaf“, – Grethe strich ihrem Mann vorsichtig über die Wange. „Wach auf, Olaf!“, aber Olaf antwortete nicht, er war bewusstlos. Grethe brachte ihn vorsichtig in die stabile Seitenlage.
„Emily, ruf einen Rettungswagen“, rief Grethe atemlos, „beeil dich!“
Emily war dafür bekannt, dass sie sehr schnell laufen konnte. Schnell war sie beim Haupthaus angekommen. Ihre Beine brannten, sie rannte wie verrückt und wäre fast über die Eingangsstufe gestolpert. Ihr langes, hellblondes Haar verhedderte sich in der Türklinke, aber sie spürte es kaum. Mit einem Ruck war sie frei, konnte das Telefon greifen und 112 wählen. „Hallo, hier ist Emily vom Borghof. Mein Vater ist vom Pferd gestürzt und bewegt sich nicht mehr, er ist bewusstlos, ihr müsst euch beeilen“, bettelte sie, während ihr die Tränen über die sonnengebräunten Wangen liefen.
„Ganz ruhig“, sagte der Mann am anderen Ende des Telefons. Er fragte nach der Adresse und versprach Emily in wenigen Minuten da zu sein. In ihrer Verwirrung legte Emily das Telefon wieder auf den Tisch und lief schnell zurück zu ihrer Mutter.
„Die sind sofort hier“, rief sie ihrer Mutter zu, die noch bei ihrem Vater saß.
Nur wenige Minuten später hörte man die Sirenen des Krankenwagens in der Ferne heulen. Der Borghof war einfach zu finden. Zwar lag der Hof hinter Pferdekoppeln, die von großen Bäumen umgeben waren, aber auf dem großen Schild direkt an der Straße standen ganz deutlich die Hausnummer und alles, was der Borghof zu bieten hatte. „Pferdebetrieb Borghof – Reitschule – Ausbildung von Pferden – Ausbildung von Reitern“ stand da in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund.
Der Rettungswagen heulte laut den Feldweg entlang. Der trockene Sand wirbelte in einer Wolke um das Auto herum, aber Emily konnte sehen, dass die Sanitäter die Tür schon aufgemacht hatten, bevor der Rettungswagen ganz zum Stehen gekommen war. In Sekundenschnelle hatten sie auch die Trage bereit. Die Sanitäter überprüften Olafs Atmung und stellten erleichtert fest, dass er noch atmete.
Dann also nichts wie los! Mit einem Spezialgriff hoben die Sanitäter Olaf auf die Trage und dann in den Rettungswagen. Emily und Grethe durften sich neben Olaf auf die kleinen Beifahrersitze setzen. Emilys Mutter, die groß und schlank war, hatte ein paar alte Arbeitshosen von Olaf an, die so groß waren, dass sie darin zu verschwinden drohte. Ihre kurzen blonden Haare hatte sie unter einem Tuch versteckt.
Emily hatte wie immer ihre Reithose und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Reitschule Borghof“ an. Sie war ganz schwarz im Gesicht, da wo sich die Tränen mit Staub vermischt hatten. Aber das störte keine der beiden. Jetzt drehte sich alles um Olaf. Emily drückte nervös die Hand ihrer Mutter. Grethe schaute ihre 13-jährige Tochter an. Beide fürchteten das Schlimmste. Auf der anderen Seite der Trage saß der Rettungssanitäter. Er war dabei Olaf eine Maske aufzusetzen.
„Die Sauerstoffmaske hilft ihm beim Atmen, falls irgendetwas in seiner Lunge zusammengedrückt ist“, erklärte er und zeigte auf Olafs Brust. „Glücklicherweise sieht es meistens schlimmer aus, als es ist.“
‚Was weiß der schon’, dachte Emily. Für sie sah es ziemlich ernst aus. Das Gesicht ihres Vaters war eine einzige Schürfwunde. Vom Hals aufwärts bis zur Haarlinie saßen kleine Steine in der Haut unter dem Blut, das in kleinen Rinnsalen an Olafs Gesicht herunterlief. Emily schaute verängstigt ihre Mutter an.
„Meinst du, Golden hat ihn am Kopf getroffen?“
„Das weiß ich nicht, Emily.“ – Golden! Plötzlich sah Grethe wieder das davongaloppierende Pferd auf dem Feldweg vor sich.
„Ist er Golden geritten? Ich dachte, er wollte ihn nach der kleinen Verletzung erst eine Zeit longieren, bis er sich etwas beruhigt hat.“
„Ja“, sagte Emily. Sie war noch nicht dazu gekommen, ihrer Mutter zu erzählen, was passiert war.
„Er ritt ganz ruhig im leichten Sitz, als Golden plötzlich wie verrückt zu bocken begann. Papa versuchte ihn zu beruhigen, dann hat er aber den Zügel verloren und Golden dachte, es wäre alles ein Riesenspaß. Er hat einen gewaltigen Satz gemacht und in der Luft noch mal richtig mit den Hinterbeinen ausgeschlagen. Zum Schluss hat Papa das Gleichgewicht verloren und ist runtergefallen. Golden stand erst ganz still, aber als ich nach dir gerufen habe, da hat er sich erschreckt und ist Richtung Wald gelaufen. Hoffentlich passiert ihm nichts, er hat ja noch Sattel und Trense drauf“, sagte Emily nervös.
„Wir können momentan nichts dagegen tun“, sagte Grethe leise und ärgerte sich, dass sie in der Eile ihr Handy nicht mitgenommen hatte. Aber bald würde Michael wieder da sein und merken, dass Golden fehlte. Der Stallmeister Michael war unterwegs zur Futtermittelhandlung um Lecksteine für die Koppeln zu holen.
Der Rettungswagen fuhr durch das große Tor des Krankenhauses direkt vor die Notaufnahme, in der man schon Bescheid wusste. Die Sanitäter hatten dort angerufen und zwei Ärzte standen bereit, um sich um den Verletzten zu kümmern.
Als die Ärzte ihn von der Trage auf das kleine Bett im Untersuchungsraum legten, bewegte Olaf sich immer noch nicht. Sein langer, schlanker Körper war ganz schlaff. Die Arme und die sonnengebräunten Hände hingen über die Seiten des Bettes herunter. Grethe hob seine Hände hoch und legte sie über seine Brust. Olaf sah völlig leblos aus. Das braune, lockige Haar, das ein bisschen lang geworden war, klebte an seinen Schläfen. Seine Augen waren geschlossen. Seine dunklen Augenbrauen waren voller Sand.
„Olaf“, sagte Grethe und berührte seine Wange. Es kam keine Antwort. Wie schlimm war sein Zustand wirklich? Grethe spürte, wie sie innerlich immer unruhiger wurde.
Sie half den Krankenschwestern Olafs Reitstiefel auszuziehen. Zum Glück waren es seine alten, ausgeleierten Stiefel, die Olaf anhatte. Aber auch die saßen immer noch so eng, dass die Strümpfe mit den Stiefeln zusammen hinunterrutschten. Emily berührte die Füße ihres Vaters. Er hatte Schuhgröße 44. Seine Füße waren lang und schmal, genau wie seine Hände.
Zwei Ärzte fingen sofort an, den bewusstlosen Mann zu untersuchen. Sie maßen seinen Puls und beobachteten die Atmung.
„Ich glaube, er hat Glück gehabt“, sagte einer der Ärzte nach der Untersuchung. „Das Pferd scheint ihn nicht am Kopf getroffen zu haben. Hier ist eine Vertiefung“, er zeigte auf einen Punkt ganz nahe an der Schläfe, „aber es ist nicht von einem Huf. Er ist eher auf einen Stein gefallen. Allerdings hat er wohl keinen Helm aufgehabt, sonst wäre das nicht passiert.“
„Warum kommt er nicht wieder zu Bewusstsein?“, fragte Emily ungeduldig.
„Das tut er hoffentlich bald“, antwortete der Arzt.
„Was meinen Sie mit ‚bald‘?“ Emily war nicht zufrieden mit der Antwort.
„Tja, ich weiß nicht“, sagte der Arzt. „Ich glaube, er hat eine ernsthafte Gehirnerschütterung, aber wir müssen erst Röntgenaufnahmen machen, damit wir mit Sicherheit wissen, dass an seinem Kopf nichts kaputt ist. Allerdings fühlt es sich nicht so an.“ Er drückte weiter vorsichtig an Olafs Kopf herum.
‚Das ist furchtbar’, dachte Emily und bekam eine Gänsehaut. Sie war schon unzählige Male von ihren Ponys gefallen. Olaf hatte immer gelacht und sie direkt wieder raufgesetzt mit den Worten: „Das musst du wegreiten. Du musst sowieso mindestens hundertmal herunterfallen, bevor du eine gute Reiterin wirst.“ Das ist so ein Spruch, den alle Reitlehrer draufhaben. Es sollte wohl heißen, dass man da durch musste, dass das Runterfallen einfach ein Teil des Lernens war. Aber sie hatte sich auch nie ernsthaft wehgetan. Das Schlimmste, was sie erlebt hatte, war, als Jack so hoch über den Steilsprung gesprungen war, dass sie auf seinen Hals flog und die Reitkappe so auf die Nase gedrückt hatte, dass sie davon eine Beule bekam.
Hinterher sah ihre kleine, runde Nase witzig aus mit der großen, blauen Beule in der Mitte. Damit hatte ihre Nase dieselbe Farbe wie ihre Augen. Aber Emily war das egal. Ihr war ihr Aussehen nicht wichtig, solange sie nur gut reiten konnte. Auch Klamotten waren ihr egal. In der Schule trug sie immer Jeans und T-Shirt.
„Es bringt ja nichts, wenn ich dich bitte ein Kleid anzuziehen“, sagte Grethe immer. „Dafür hast du ja keine Zeit.“ Die hatte Emily wirklich nicht. Sie kümmerte sich morgens vor der Schule um die Pferde und es waren wiederum die Pferde, sobald sie nachmittags von der Schule kam.
Grethe und Emily bekamen keine Antwort auf ihre Frage, wann Olaf endlich zu Bewusstsein kommen würde. Nachdem er geröntgt worden war und die Ärzte festgestellt hatten, dass keine Schädelverletzung vorlag, wurde er stationär im Krankenhaus aufgenommen.
„Wir müssen ihn zur Beobachtung hier behalten“, sagten die Ärzte. Den ganzen Nachmittag über saßen Emily und ihre Mutter leise neben Olafs Krankenbett. Grethe hatte zuhause angerufen und Michael informiert, der natürlich schockiert war, aber auch froh, dass nicht noch mehr passiert war.
Golden hatte er immer noch nicht gefunden.
‚Es ist bald fünf Uhr. Was wohl mit dem Pferd passiert ist?‘ Emily wurde ein bisschen blass. Golden war Olafs ganzer Stolz. Der erst 3-jährige Hengst war im letzten Herbst zur Körung vorgestellt worden und hatte die besten Noten erhalten. Jetzt war er im Hengstbuch I eingetragen worden und hatte somit eine vorläufige Deckerlaubnis. Aber um endgültig in das Hengstbuch eingetragen zu werden, musste er die 70-Tage Hengstleistungsprüfung bestehen. Olaf war seit dem Winter dabei ihn einzureiten. Ganz behutsam; die Hengstleistungsprüfung würde erst im Herbst stattfinden.
Olaf dachte, mit Golden hätte er einen Sechser im Lotto gefunden.
‚Das ist einer der besten Hengste, die ich seit langem gesehen habe‘, sagte er immer. ‚Und bestimmt gut genug für eine Hauptprämierung.‘ Er hoffte es zumindest sehr. Wenn es gelang, einen Spitzenhengst zu bekommen, der auch später im Sport gut war, dann würde es sich lohnen. So viel Glück könnten sie jetzt gut gebrauchen. Grethe und er hatten viel Geld in den Borghof investiert. Sie hatten Ponys und Pferde für die Reitschule gekauft, neue Ställe gebaut und Weiden angelegt. Und es war Olafs großer Traum eine Hengststation auf dem Borghof zu eröffnen. Wenn er mit seinem eigenen Hengst anfangen würde, könnte er viel Geld sparen. Aber das würde nur mit einem Spitzenhengst gehen. Und Golden war ein Spitzenhengst!
Olaf machte ein Geräusch. Emily und Grethe waren sofort an seinem Bett. Emilys Vater blinzelte mit den Augen und stöhnte schwach.
„Oh, habe ich Kopfschmerzen“, jammerte er und hielt sich die Augen zu.
Grethe strahlte dafür über das ganze Gesicht. Gott sei Dank, er gab ein Lebenszeichen von sich. Sie strich ihm die Haare aus der Stirn.
„Oh, es ist so toll, dass du aufwachst. Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht.“ Sie sah Olaf liebevoll an, während sie Emily ganz fest an sich drückte.
„Warum denn das?“, fragte Olaf verwundert.
„Warum?!“, wiederholte Grethe. „Du bist doch vom Pferd gefallen und liegst jetzt im Krankenhaus!“
Olaf versuchte sich zu orientieren. Er konnte sich an nichts erinnern. Der Arzt kam ins Zimmer, um nach ihm zu sehen. Er leuchtete ihm in die Augen und drückte vorsichtig an seinem Kopf herum. Bei sich hatte er die Röntgenbilder von Olafs Kopf.
„Olaf, dich hat es schwer erwischt, sodass wir dich eine Zeit lang hier behalten müssen. Der Schädel ist zwar nicht verletzt – aber trotzdem. Du hast eine ernsthafte Gehirnerschütterung, das heißt absolute Ruhe. Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass du dich viel bewegen möchtest“, sagte er mit einem ironischen Lächeln.
Dass der Vater für längere Zeit ausfallen würde, dem schenkten weder Emily noch Grethe jetzt einen Gedanken.
Kapitel 2
Emily und ihre Mutter nahmen ein Taxi nach Hause. Dort wartete viel Arbeit auf die beiden. Und was war eigentlich mit Golden passiert?
„Wenn Golden nicht nach Hause gekommen ist, muss ich los und ihn finden“, sagte Emily. Wie sich herausstellte, war er immer noch nicht da. Das Taxi war kaum weg, bevor Emily auf ihrem Fahrrad saß und Richtung Wald fuhr. Grethe erklärte Michael die Situation und bat ihn um zusätzliche Hilfe, solange Olaf im Krankenhaus war.
Es war mittlerweile halb sieben abends. Emily konnte die Spuren des galoppierenden Pferdes auf dem Feldweg und auf dem Waldweg verfolgen. Zwischendurch schwang die Spur in mehrere Richtungen und es waren abgerissen Zweige am Waldrand zu sehen, da wo das Pferd versucht hatte durch das Dickicht zu dringen, dann aber aufgegeben hatte und weitergelaufen war.
Emily rief die ganze Zeit Goldens Namen. Zum Glück war es Juni und damit lange hell, aber im Wald war es trotzdem schwierig, sich zu orientieren. Ein Stück weiter vorne war eine Öffnung im Dickicht und es war deutlich zu erkennen, dass Golden hier den Waldweg verlassen hatte und in den Wald gelaufen war. Emily warf das Fahrrad unsanft an den Rand des Waldweges und ging in den Wald hinein, wobei sie sich wunderte, dass es absolut kein Geräusch gab, das darauf hindeutete, dass Golden hier irgendwo war. Sie musste ihn einfach finden, bevor es ganz dunkel wurde. Der Wald war nicht groß. Insgesamt fünf Hektar waren es nur, die den Borghof vom großen Gutshof Mühlenbach, zu dem der Wald gehörte, trennte.
Dann stockte Emily auf einmal der Atem. Was war das? Im aufgewühlten Waldboden lag ein abgerissenes Stück vom Steigbügelriemen und den Steigbügeln. Das war auf jeden Fall von Goldens Sattel, das wusste Emily sicher. Sie rief wieder. Ganz laut und bittend und mit hoher Stimme.
„Komm jetzt, Golden!“
In der Abendstille des Waldes hörte sich ihre Stimme verzweifelt an. Vor sich sah sie die Lichtung, die zu einem anderen Waldweg führte und von da aus direkt zur Bundesstraße.
Emily kannte diesen Wald in- und auswendig. Sie hatte hier gespielt und geritten, seit sie mit sechs Jahren ihr erstes Pony bekommen hatte. Sie folgte den Spuren auf dem Waldweg, aber dann hörten sie plötzlich auf und vor sich sah sie ein Durcheinander an Hufspuren, und, wie sie meinte erkennen zu können, Fußspuren und Reifenspuren. Und gleich sehr viele davon. ‚Na, das ist ja eigentlich nicht verwunderlich‘, dachte Emily, ‚hier haben die Waldarbeiter ja ihre Bauwagen und Werkzeuge stehen.‘
Sie lief zu den Bauwagen, in der Hoffnung, dass noch jemand da war. Aber die Bauarbeiter waren so spät am Abend natürlich schon längst weg. ‚Anderseits‘, dachte Emily, ‚wenn sie Golden gesehen hätten, hätten sie ihn bestimmt nach Hause gebracht. Sie müssten ja wissen, dass es unser Pferd ist. Hier sind nur die Pferde von uns und von Mühlenbach. Die Pferde von Mühlenbach kennen die.’ Sie rief wieder. Nichts passierte. Absolute Stille und mittlerweile war es auch halbdunkel.
‚Merkwürdig‘, dachte Emily, denn sie wusste, dass Golden wiehern oder zu ihr kommen würde, sobald er ihre Stimme hörte. Sie ging zurück zu ihrem Fahrrad und weinte leise auf dem Weg nach Hause.
Golden war auch in der Zwischenzeit nicht nach Hause gekommen. Sie zeigte ihrer Mutter die Steigbügel und den Riemen, aber da es jetzt schon sehr spät war, einigten sich ihre Mutter und Michael darauf, die Suche für heute einzustellen. Dafür würden alle morgen ganz früh aufstehen und weitersuchen. Dass Golden aber vielleicht gar nicht mehr im Wald war, der Gedanke kam keinem von ihnen… Wo sollte er denn sonst sein?
Emily fühlte sich plötzlich sehr müde nach den Ereignissen des Tages. Alles war so schnell gegangen. Sie legte sich erschöpft auf die Couch, während Grethe noch Tee und Butterbrote brachte. Emily konnte kaum noch die Augen offen halten und Hunger hatte sie auch keinen.
„Aber du musst was essen“, sagte ihre Mutter, „ansonsten hast du keine Kraft für morgen. Ich habe im Krankenhaus angerufen. Papa geht es einigermaßen gut, aber er darf sich überhaupt nicht bewegen.“
„Emily“, sagte Grethe und sah sie liebevoll an. „Die nächste Zeit wird hart für uns, aber wenn wir uns gegenseitig alle helfen, schaffen wir das schon. Wir müssen auf jeden Fall dafür sorgen, dass Papa absolute Ruhe hat und sich keine Sorgen machen muss. Der Arzt sagt, dass Aufregung seinen Zustand wieder verschlechtern kann und sogar permanente Schmerzen für den Rest seines Lebens die Folge sein können. Obwohl die Reitschule Urlaub hat, müssen wir Lotte anrufen, damit auch sie uns helfen kann. Ich hoffe nicht, dass sie in den Urlaub gefahren ist.“
Emily aber taumelte nur noch die Treppe hinauf und legte sich in Bett. Sie schlief beinahe schon, als sie das Kissen berührte. Aber bevor sie ganz eingeschlafen war, schaffte sie es trotzdem noch, sich kurz zu fragen, was wohl mit Golden passiert war.
Kapitel 3
Das Erste woran Emily am nächsten Morgen denken konnte, war, dass ihr Vater nichts von Goldens Verschwinden erfahren durfte. Er war so stolz und glücklich, den Hengst zu besitzen. Golden stammte von einem berühmten holländischen Hengst ab, der im Spitzensport erfolgreich war, und das gesparte Geld der Familie war darauf verwendet worden, Olafs beste Stute von genau diesem Hengst decken zu lassen.
Emily konnte sich noch genau an die frühe Morgenstunde erinnern, in der das Fohlen das Licht der Welt erblickt hatte. Sie waren alle drei überglücklich gewesen, dass es ein Hengstfohlen war. Die Sonne war langsam aufgegangen und hatte ein goldenes Licht durch das Stallfenster auf das kleine Fohlen geworfen, und von da an hieß er nur noch Golden. Hoffentlich war ihm nichts passiert.
Emily hatte wie ein Stein geschlafen, jetzt aber war sie hellwach. Sie sprang aus dem Bett und zog sich schnell an. Normalerweise konnte sie um diese Zeit ihre Mutter unten in der Küche hören, aber die war heute sicherlich schon im Stall.
‚Gott sei Dank, dass ich Sommerferien habe, dann kann ich helfen’, dachte sie. Auf dem Weg in den Stall drückte Emily die Daumen und hoffte, dass Golden im Laufe der Nacht von alleine nach Hause gekommen war. Das war er aber nicht.
Ohne Olaf hatten Michael und Grethe zwar mehr Arbeit, aber wegen der Sommerferien war nicht so viel im Stall zu tun. Die meisten Pferde waren Tag und Nacht auf der Sommerweide und auch die Reitschule hatte während der Ferien geschlossen. Grethe war dabei, ein Halfter mit Strick in ihr Auto zu legen.
„Guten Morgen“, sagte ihre Mutter auf dem Weg vom Auto zum Stall. „Michael und ich fahren jeweils in zwei verschiedene Richtungen zum Suchen. Du bleibst bitte hier, machst den Stall zu Ende und schaust nach, ob auf den Weiden alles in Ordnung ist. Besonders, ob überall noch Wasser da ist. Du weißt, dass das sehr wichtig ist bei der Hitze.“ Grethe wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Klar“, sagte Emily. Wie ihre Eltern war sie sehr genau, wenn es um die Pflege der Pferde ging und sie wusste, dass diese schnell krank werden konnten, wenn sie nicht genügend Wasser bekamen. Sie hatte ganz vergessen, ihrer Mutter von dem merkwürdigen Durcheinander an Fuß-, Reifen- und Hufspuren zu erzählen, bevor sie weggefahren war. Aber das war wohl auch nicht so wichtig. Oder doch?
Ein mulmiges Gefühl beschlich Emily. Sie wusste nur nicht, warum. Als sie mit der Arbeit im Stall und auf den Weiden fertig war, entschied sie sich, wieder zum Wald zu fahren und noch einmal durch das Dickicht zu laufen, wo sie Goldens Steigbügel und die Riemen gefunden hatte.
Gesagt, getan. Emily sprang auf ihr Fahrrad und trat so hart in die Pedale, dass sie sich in der ersten Kurve fast langgelegt hätte. Sie konnte von hier aus die Pferdeweiden sehen. Fast beiläufig bemerkte sie, dass alle Pferde da waren und friedlich zusammenstanden und grasten. Keines lag, keines stand alleine.
Nur weil die Pferde lagen, musste es natürlich nicht bedeuten, dass sie krank waren. Schon gar nicht in den Morgenstunden. Wenn es so warm war wie heute, grasten die Pferde gerne nachts und legten sich manchmal hin, um den Morgentau und die ersten Sonnenstrahlen morgens in Ruhe zu genießen.
Olaf hatte das Weidesystem so eingerichtet, dass der Zaun jeder Weide spitz auf den Hof zulief. In der Spitze jeden Zaunes standen die Wassertröge, damit man sie vom Weg aus sehen konnte. Und hier war auch die Öffnung, damit man schnell und unkompliziert die Pferde von der Weide reinholen und rausbringen konnte. Olaf hatte dieses System in Island kennengelernt, als er als junger Mann dort studiert hatte, was die isländischen Pferdeleute über Jahrtausende hinweg gelernt und weitergegeben hatten.
Die Weiden auf Island waren über sehr große Gebiete verstreut, mit vielen Pferden. Die Pferde dort kommen nicht jeden Tag in den Stall, aber sie wissen, wann sie rein müssen und dann ziehen sie in Richtung der Zaunspitze, von wo aus die Besitzer sie einfach einfangen können.
Die Weidefläche auf dem Borghof war in viele kleinere Weiden aufgeteilt. Die Pferde wurden nach Freundschaften auf den Weiden verteilt. Reitpferde, die viel im Stall stehen, müssen sich vorher kennen, bevor sie zusammen auf die Weide gehen können. Wenn Pferde in einer großen Herde erst ihre Rangfolge bestimmen müssen, können sie sich leicht verletzen.
Die einzige Weide, die ein bisschen abseits lag, war der sogenannte Hengstpaddock. Golden hatte, seitdem er 1 ½ Jahre alt war, seine eigene Weide gehabt. Schon da konnte Olaf sehen, dass er etwas ganz Besonderes war, und er wollte nicht das Risiko eingehen, dass der Hengst sich verletzte. Wie Golden reagieren würde, wenn er zu nah an einen anderen Hengst herankommen würde, daran wagte Emily gar nicht zu denken. Denn das kannte er ja gar nicht.
Im Wald fuhr Emily denselben Weg wie am Vortag. Sie schaute sich dabei aufmerksam den Boden an. Gab es etwas, das sie übersehen hatte? Ihr fiel nichts auf. Sie folgte wieder den Spuren im Wald. Das sah alles genau so aus wie gestern. An manchen Stellen waren tiefe Hufspuren und ein totales Durcheinander auf dem weichen Waldboden.
Aber Stopp!! Was war das? Eingeklemmt in einen Stock, der wie eine Gabel geformt war, hing ein Stück Zügel. Das war von Goldens Trense. Emily musste ziehen und zerren, um es frei zu bekommen. Sie stellte sich vor, wie Golden Panik bekommen hatte, als der Zügel festhing und so hart gezogen hatte, dass der Zügel sich immer fester zog. Sie untersuchte den abgerissenen Zügel. Doch, der war eindeutig von Goldens Trense.
Emily folgte den Spuren bis zu den Bauwagen auf dem gegenüberliegenden Waldweg.
Heute waren die Waldarbeiter da.
„Hallo Herr Meyer“, rief sie einem älteren Mann zu und lief zu ihm hin. „Eines unserer Pferde ist gestern weggelaufen, hier im Wald. Haben Sie es gesehen? Es hatte Sattel und Trense drauf“.
Meyer schüttelte den Kopf.
„Ich war gestern nicht im Wald, Emily, ich war in der Stadt, um eine neue Brille zu kaufen. Aber vielleicht haben ihn Torben oder Elo gesehen. Sie haben allerdings nichts erwähnt.“
„Aber Herr Meyer, das ist seltsam. Ich bin den Spuren gefolgt. Ich bin den Spuren durch den Wald gefolgt, und die enden hier.“
Sie zeigte auf die Spuren im Sand. Die waren nicht ganz so deutlich heute, wo auch noch die Abdrücke von einem großen Traktor dazugekommen waren.
„Sehen Sie nicht, dass die Spuren hier aufhören?“ Sie schaute Herrn Meyer an.
„Neeee“, er wiegte ein bisschen hin und her. „Ich sehe wohl einzelne Hufspuren und ich sehe auch, dass die nicht weiterführen, aber dafür gibt es wohl eine Erklärung. Ein ganzes Pferd verschwindet ja nicht einfach wie vom Erdboden verschluckt. Es ist auch nicht sicher, dass das die Spuren von deinem Pferd sind.“ Im faltigen Gesicht vom alten Herrn Meyer zeigte sich ein freundliches Lächeln.
„Oder?“, fragte er.
„Ich bin mir fast sicher“, sagte Emily. „Ich habe einen abgerissenen Steigbügelriemen und ein Stück vom Zügel im Wald gefunden, und die sind beide von Golden.“
„Mmhm“, Meyer brummte vor sich hin und hob seine Mütze, um sich im Genick zu kratzen, so wie er es immer tat, wenn er über seine Antwort nachdenken musste. Es war warm, und die Mütze hatte einen roten Abdruck auf seiner Haut hinterlassen.
„Jaaaa, das sieht tatsächlich ein wenig seltsam aus, dann wird der wohl durch den Wald zurückgelaufen sein.“
‚Irgendetwas stimmt hier nicht’, dachte Emily. Er konnte doch wohl sehen, dass keine der Hufspuren in die andere Richtung führte. Meyer wusste doch normalerweise, was im Wald los war. Und er hatte auch schon mal beim Einfangen eines freilaufenden Pferdes geholfen. Aber hier waren ja nur Spuren – kein Pferd.
„Es ist Golden, das Pferd, an das Papa so sehr glaubt“, sagte sie leise und mehr zu sich selbst. „Ich muss ihn finden, das muss ich einfach.“
Es war bald Kaffeezeit und die anderen beiden Waldarbeiter kamen dazu. Es waren zwei junge Männer, die Emily noch nie zuvor gesehen hatte, aber ab und zu kamen Waldarbeiter, die nur für kurze Zeit aushalfen. Sie konnte nicht alle kennen.
„Elo und Torben, habt ihr ein freilaufendes Pferd hier im Wald gesehen?“ Herr Meyer schaute die zwei jungen Männer an. Die schüttelten beide den Kopf.
„Nein. Müssten wir eins gesehen haben?“
„Ja, es wäre wohl schon merkwürdig, wenn hier eines frei herumliefe. Die Jugend heutzutage ist nicht ganz einfach zu verstehen.“
Emily stand mit halboffenem Mund und starrte. Sie war sich sicher, eine Reaktion bei einem der Waldarbeiter gesehen zu haben, als der alte Meyer das erste Mal gefragt hatte. Es war, als hätte er kurz gezuckt, als hätte ihn die Frage überrascht.
Plötzlich hatten es die zwei Waldarbeiter sehr eilig. Sie müssten schnell Mittagsessen, sagten sie und gingen in den Bauwagen. Beide mit den Händen tief in den Taschen. Emily bemerkte, dass beide weder Blaumann und Sicherheitsschuhe noch einen Helm trugen, so wie es die Waldarbeiter sonst immer taten. Die sahen in keiner Weise wie Waldarbeiter aus.
Im selben Moment kam ein Lastwagen den Feldweg entlang. Sie drehte sich automatisch um. Es war der Pferdetransporter von Mike Mühlenbach. Na ja, es war ja schließlich der Wald von seinen Eltern, also durfte er hier wohl lang fahren. Emily konnte Mike nicht ausstehen, aber ihr Herz schlug trotzdem ein bisschen schneller. Vielleicht wusste er was über Golden?
Mike sprang aus dem LKW und kam zu ihnen, mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
„Oh, was sehe ich da? Die kleine Emily geht im Wald spazieren“, lachte Mike laut und fand sich witzig.
„Hey, Schnuckelchen, du wirst ja immer hübscher, wie alt bist du nochmal, 14 oder 15 Jahre?“ Er schnalzte mit der Zunge. „Na, ein älterer Herr von 23 muss wohl noch eine Weile warten, bevor er der Nachbarstochter den Hof macht.“
Emily wurde ganz rot. Ah, wie sie diesen aufgeblasenen Idioten hasste!
„Was machst du eigentlich hier im Wald ohne Pferd?“ Er sah sie genauer an. „Ich hätte nicht gedacht, dass du imstande bist, auf deinen eigenen zwei Beinen zu gehen.“
„Nichts“, sagte Emily. Sie wollte ihn noch nicht einmal mehr wegen Golden fragen. Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er es wohl gesagt. Warum fragte er überhaupt, was sie hier machen würde? Sie fuhr doch öfter mit dem Fahrrad durch den Wald.
Mike Mühlenbach schlug auf die Außenseite des Bauwagens. „Elo und Torben, kommt mal her“, sagte er und fing an zum LKW zurückzugehen. „Wir müssen ein paar Stapel Feuerholz Richtung Bach versetzen. Ich brauche dort ein festes Hindernis um Geländespringen zu üben“, hörte Emily ihn sagen, aber dann redete er leise und sie konnte nichts mehr hören.
Er drehte den Kopf und sah sie an.
„Na dann, tschüss Mädel, mach’s mal gut, ne?!“
Mike war der Sohn von Christian Mühlenbach, der viele Höfe mit demselben Namen hatte. Ein sehr netter Mann und alle vom Borghof durften den Wald benutzen, so oft sie wollten, mit oder ohne Pferd. Christian Mühlenbach war Geschäftsführer bei einer großen Brauerei in der Region und ein tüchtiger und beliebter Geschäftsmann.
Der Sohn hingegen, ein Einzelkind, war ein schlauer, aber verwöhnter Schnösel. Er war einer der besten Springreiter des Landes und nebenbei war er auch noch Pferdehändler.
Die meisten mochten ihn nicht, weder als Reiterkamerad noch als Händler. Aber keiner sagte das laut. Sein Vater hatte großen Einfluss und war außerdem in der Geschäftsführung vom Reiterverband.
Urrgggh … Emily schnitt eine Grimasse hinter Mikes Rücken. Meyer stimmte insgeheim mit ihr überein. Er kannte Mike seitdem er ein kleiner Junge war und hatte ihn schon bei so einigem, auch schlimmeren Sachen, erwischt. Manchmal hatte er den Jungen nach Hause gebracht und mit dem alten Mühlenbach geschimpft, der Mike wieder einmal alles durchgehen ließ. Herr Mühlenbach hatte ihm oft recht gegeben, aber hatte ihn gleichzeitig gebeten, die Streiche bitte für sich zu behalten. Das hatte der alte Meyer akzeptiert und Mike hatte das auch nicht vergessen. Herr Meyer war eine der wenigen Personen, vor denen er noch ein bisschen Respekt hatte.
Pulsuz fraqment bitdi.