Kitabı oxu: «Die Waldi-Philosophie»

Şrift:

Eva Apfel

DIE WALDI- PHILOSOPHIE

Erzählung

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Prolog

Gassimarathon

Unser Stadtorakel Fredi

Das Orakel

Gassigespräche

80er- Jahre Party

Eine Frage der Ehe

Baden gehen

Hundeschule

Bye, Bye – Urlaub

Frage und Antwort

Italienische Nacht

Wiedersehensfreude

Altlasten

Waldis Suche geht weiter

Die Post ist da

Kopfgeldjäger

Auftanken

Falsch verbunden

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Rosa Pullover Date

Die Dusche davor

Endabrechnung

Epilog

PROLOG

Ich habe eine Frage: „Sind wir nicht alle ganz normal verrückt und müssen therapiert werden?“

Für mich heißt das Luft-, Buddel- und Gassi-Therapie.

„Juhu!“, hoffentlich lässt mich meine Doreen nicht so lange auf meine Leckerli-Therapie warten, mit dieser Verordnung geizt sie pausenlos herum. Ich bin nicht geizig! Warum auch? Therapien kommen im Allgemeinen gut an beispielsweise meine Hundetreueblicktherapie, sie ist absolut wirkungsvoll und überall kostenlos einsetzbar.

„Können diese Augen lügen?“, die Antwort, „Nein!“

Eine Tatsache an der keinesfalls zu rütteln ist! Mein Frauchen arbeitet an anderen, mir völlig unverständlichen Therapien, ganz zu schweigen von ihre Freundin Cordula! Sie braucht ein ganzes Therapieprogramm!

Warum? Ein unendliches Trauerspiel, es geht um Beziehungen. Zwischenmenschliche Beziehungen, die seit Jahren erfolgreich sind, haben sie eine Chance weiterhin zu bestehen?

Zu viele Fragen für mein Hundegehirn, aber zuerst einmal zu meiner Person. Hallo, darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin Waldi, ein besonders treuer Rauhaardackel. Meine Vorlieben sind: spielen, Gassi gehen und fressen. Am liebsten fresse ich diese Leckerlis mit Gemüse und Lamm, die duften lecker und machen mich süchtig nach mehr.

Ich bin ein Jagdhund, mit scharfem Verstand, ein mutiger und aktiver Schnüffler, ein kleiner Hund ganz groß. Mein Selbstbewusstsein ist unerschütterlich, in mir schläft und wacht ein echter Naturbursche, einfach zum Verlieben!

Jetzt, nach der ganzen Bürokratie, von der ich natürlich kaum etwas mitbekam, kann ich wieder glücklich sein!

Ein perfektes Leben wie dieses, habe ich mir immer gewünscht. Mit Doreen, denn sie ist mir die treu ergebene, liebste Eigenheimbesitzerin mit Rentenstatus, Befreierin aus der Tierheimhaftanstalt, in der ich einsitzen musste.

„Schwein gehabt!“

Ja, es war keineswegs alles rosig in meinem Leben. Ich bin sozusagen ein Flüchtling, eingereist mit falschen Papieren direkt aus der polnischen Tierfabrik. „Waldemar von der Eiche“, cooler Name und so deutsch. Adel verpflichtet und bei Titel und Stammbaum darf es gewöhnlich etwas teurer sein, das sah der Plan der Dackelmafia vor.

Allein in Deutschland werden jährlich mit illegal eingeführten Hundewelpen ca. 4 Millionen Euro Umsatz erzielt.

Die Handschellen oder besser gesagt das Hundehalsband klickte, warum ich postwendend in den Knast musste, keine Ahnung? Höchstwahrscheinlich: „Schutzhaft“, um meine Ausreise zu verhindern. Fix wurde ich eingekerkert, ein Justizirrtum?

Meine liebe Dackelmama und meine sieben Geschwister sah ich nie wieder. Schuldlos saß ich nun in Einzelhaft hinter schwedischen beziehungsweise deutschen Gardinen.

Im Tierheim herrschte ein übler Geruch, meine feine Nase konnte diesen penetranten Mief kaum ertragen. Freigang gab es begrenzt und unregelmäßig, von der Welt hatte ich wenig gesehen.

Zweifel und Ratlosigkeit begannen sich in mir auszubreiten, ich fragte mich: „Sollte mein Leben langweilig und unerfüllt bleiben? Bin ich ein unfreiwilliger Flüchtling, unschuldig geboren, unschuldig verschleppt und unschuldig im Tierheimknast?“

Auf jeden Fall gab es hier regelmäßig Futter! Ansonsten wäre ich gezwungen, meinen Zorn laut zu äußern! Schließlich bin ich in Deutschland eingereist.

Ja, es gab Schmerz, Trennung, Heimweh. Okay, Heimweh hatte ich weniger, aber ich hoffte auf den Silberstreifen am Horizont.

Wie alles begann. Ein herrlich sonniger Tag blinzelte mir in das Gesicht. In meinem Verwahrraum bedrückte mich das Gefühl der Langweile. Die Gitterstäbe gaben mir einen Blick in gestreift nach draußen frei, den Kauknochen legte ich zur Seite. Vom Spielen hatte ich genug, und ich streckte alle vier Pfoten auf dem kalten Fliesenfußboden aus.

Mein Hundekörbchen hatte mir die nette Wärterin schön kuschelig hergerichtet. Dort lag ich nun und hörte die Vögel zwitschern. Lange saß ich noch nicht ein, ich war in der Eingewöhnungsphase.

Draußen wurde es plötzlich tierisch laut und mein Halbschlaf empfindlich gestört. Es brach ein Tumult aus. Die Hunde bellten und sprangen wie wild in ihren Käfigen herum.

Von Weitem hatten sie bereits die Witterung aufgenommen, sofort wussten sie: „Jetzt kommt Besuch! Vielleicht ist es ein potenzielles Herrchen oder Frauchen?“

Ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Die Tür unseres Asyls öffnete sich, und die Insassen konnten besichtigt werden. Eine Frau Ende vierzig lief suchend mit dem Chef des Tierheims den Flur entlang.

„Da war sie, meine Traumfrau!“ Wie vom Blitz getroffen stand ich da, es verklärte sich mein Hundeblick.

Mein Herz begann, wie verrückt zu schlagen und vor Freude Luftsprünge zu machen.

„Doreen“, ich wusste natürlich bisher keinen Namen, aber sie sah aus wie eine Doreen, wie meine Doreen. Die passt zu mir! Gab es Liebe auf den ersten Blick! Ja, es gab keinen Zweifel!

Doreen bemerkte mich lächelnd, und wandte sich an unseren Tierheimvorsteher: „Ich glaube, der Kleine mag mich.“

Eigentlich wollte sie sich die Hunde lediglich anschauen, die Absicht, direkt einen mitzunehmen, das hatte sie nicht geplant.

Unser Betreuer schmunzelte: „Das sehe ich genau so! Jeder Hund, der in gute Hände kommt, ist für uns ein Glücksfall! Sehen sie nur, er himmelt sie an! Na, wer hat denn da wen gefunden? Der Hund sie oder sie ihn?“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht: „Na, komm mal her, du kleiner Süßer!“

Freudig schwanzwedelnd rannte ich zum Knastgitter, sie streckte ihre Hand hindurch und kraulte mir liebevoll mein Fell.

Diese Streicheleinheiten waren Balsam für meine kleine Hundeseele. Jeder wollte gestreichelt und gekrault werden, was gibt es Schöneres als eine liebevolle Umarmung.

Oh, meine Doreen, solch eine tolle Frau kam hier keineswegs jeden Tag vorbei. Ihre Figur einfach unbeschreiblich, sie war rassig und himmlisch dackelbeinig, ihre Maße: 120-100-120. Diese Beine, herrlich kurz und ein Garant für Gleichschritte mit mir. Unsere Augen trafen sich, meine Zunge hing heraus, der Speichel lief mir die Lefzen herunter und meine Stimme versagte. Nur ein Jaulen konnte ich herauspressen und in ein lautes Freudengeheul einstimmen. Elektrisiert warf mich ihr Anblick glattweg um und zwar in Rückenlage. Die kurzen Beine nach oben, Pfoten zum Himmel, meine Unterwerfung hätte kaum größer sein können.

„Willst du mein Frauchen sein! Bitte, lass mich nicht hier!“, winselte ich laut und herzzerreißend.

Die Tür öffnete sich und Doreen nahm mich in ihre Arme. Meine Einsamkeit fand ein Ende, das werde ich ihr niemals vergessen! Meine Treue zu ihr ist Hundeehre, und ich werde Frauchen sicher beschützen. Vor Einbrechern zum Beispiel, falls sie vorhaben das Hundefutter zu klauen.

Ansonsten gab es in ihrem Haus nicht viel zu holen. Ihr Prinzip: Je mehr da ist, umso mehr muss entsorgt werden! Keiner wollte ihre teure – exquisit, geschmackvoll, blumig dekorierte – Einrichtung erben. Ihre herrlichen Bilder in Plastiklederoptik, als Stillleben oder stilles Landschaftsbild. Aktbilder sind keinesfalls vorhanden, derartigen Schweinkram findet hier niemand im Haus. In der Teichstraße 13 herrscht Ordnung.

Dort durfte ich einziehen, ein Umzug aus Liebe in eine ganz normale Kleinstadt. Ich liebe Doreen, und sie liebt mich. Ab sofort ist sie für mein Wohlergehen zuständig und ich für ihres.

GASSIMARATHON

Wo es lang geht auf unserem Gassimarathon, bestimme natürlich ich. Erste Pappel links, dritter Weigelienstrauch rechts, die Eiche in der nächsten Straße muss ebenso bedacht werden. Die Aufzählung sämtlicher Arbeitseinsätze würden den Rahmen sprengen!

Ja, ich bin ein einsatzfreudiges, schwer beschäftigtes, Gassi freudiges Exemplar meiner Rasse. Ein Vorzeigehund, wenn es darum ging, das Revier abzustecken.

Frauchen dachte sicherlich, sie führt mich, aber ich bin überzeugt: „Ich führe sie!“

In diesem Glauben möchte ich sie belassen. Jeder braucht eine Aufgabe und Bestätigung, Hoffnung, dass alles nach eigenen Vorstellungen läuft.

Ich würde sagen: „Selbstbestimmt!“ Selbstbestimmt will ich weiterhin mit meinem Frauchen Gassi gehen!

Laufen und frische Luft, das ist unsere Medizin, wir sind tagtäglich im Training. Was für den Hund gut ist, ist für das Frauchen umso besser. In meinem Hundeleben kommen einige Kilometer zusammen.

Natürlich profitiert Doreen von meiner Lauffreudigkeit und ich frage mich: „Gibt es schon einen Schrittzähler für Hunde?“

Wie würde ich messen: vorn, hinten oder an der Rute, vielleicht im Halsband integriert? Welche Schrittzahl ist optimal und wird alles doppelt pro Beinpaar gerechnet?

Es ist unumgänglich, ein Schrittzähler muss her, natürlich jeder Hunderasse angepasst.

Die Hundezüchter sorgen für eine große Vielfalt, jeder Hundeliebhaber wählt die passende Rasse für sich aus.

Nehmen wir beispielsweise den Besitzer eines Beagles: Der Körperbau ist robust, kompakt mit kräftigen, kurzen, durchtrainierten Beinen, die Rute ist hoch angesetzt und wird fröhlich getragen. Seine Ohren dagegen trägt er tiefhängend, der kräftige Kiefer zeigt ein vollständiges Gebiss. Große haselnussbraune Augen, sanft mit einem gewinnenden Ausdruck runden dieses Modell ab.

Das wäre der richtige Liebhaber für Frauchen, sie sollte mehr Spaß haben! Spaß kann man niemals genug haben. Vielleicht hat er eine Hündin, wir könnten freudig hechelnd gemeinsam Gassi gehen.

Im Park und auf den Straßen der Stadt habe ich Spaß mit Doreen, sie zeigt mir die Wirklichkeit! Die Gassigehende Community berichtet gern und ausgiebig, es sind reale Ereignisse, die sich unter deutschen Dächern abspielen. Geschichten, die nur das Leben schreibt.

Unsere Passion: Was gibt es Neues in der Nachbarschaft?

Einige Tatsachen müssen an die Öffentlichkeit gebracht werden. Selbstredend hinter vorgehaltener Hand, die Hauptakteure wissen keineswegs, dass sie Hauptrollen spielen! Immer freundlich lächeln!

Wichtige Informationen drängen geradezu aus den Wohnungen und Häusern der Anwohner ans Tageslicht. Bereit für sensationelle Informationen, die nicht in der Zeitung stehen, höchstens zwischen den Zeilen. Auf keinen Fall gilt das für sämtliche Zeitungen.

Frauchen ist eine schwer beschäftigte Kleinstadtjournalistin in Geheimmission für eine ungefragte Lebensberatung und Tatsachenauswertungen der Halbwahrheiten. Bei diesen Missionen darf ich sie begleiten und unterstützen.

Meine Begeisterung ist grenzenlos, ich lebe im Kleinstadtdschungel. Das Leben kann so aufregend sein!

Frauchens Lebensaufgabe ist: mich liebevoll zu umsorgen und das öffentlich Gehörte nach bestem Wissen und Gewissen auszuwerten. Objektiv entscheidet sie, was sie weitergeben kann und was nicht.

Meine Lebensaufgabe ist: „Gassi gehen!“ Wisst ihr, wie wichtig das für mich ist? Emotionen schlagen hoch, wenn ich unterwegs auf meiner Gassi-Tour bin, und einer hat bereits vor mir markiert. Der Erste bei den Markierungen bin immer noch ich! Wo kommen wir denn da hin? Waren schon große oder kleine Mitbewerberhunde vorher da, muss ich mein Bein heben, um den Schaden zu minimieren. Hoffentlich nimmt meine Gesundheit keinen Schaden und ich darf mich nicht überfordern. In naher Zukunft sehe ich schon eine Hüftoperation auf mich zukommen. Abwechslung ist bei meinen Geschäftsgebaren von größter Wichtigkeit, die Abläufe meiner Tätigkeit werden von mir gemanagt, ich optimiere die Arbeitsabläufe, um Spätfolgen oder Missbildungen zu vermeiden.

Rechtes Bein, linkes Bein – gleichmäßige Abnutzung spielt die entscheidende Rolle. Hier kann nicht jeder Hund machen, was er will! Ein Rüde präsentiert durch seine Markierungsarbeit Ausdauer und Stärke. Ich als Hund muss sehr oft Pipi, ständiges Gassigehen ist essenziell für mich.

Locker heran an den Strauch und: „Strietz, volle Kraft voraus!“

Na gut, erwischt! Nach dem sechsten Mal, okay nach dem vierten Mal ist die volle Kraft zwar da, aber der Tank leer. Improvisation ist alles, auf keinen Fall darf meine Lage auffallen. Augenblicklich zieht mich Frauchen vom Strauch oder Baum weg.

Ungehalten fängt sie an zu schimpfen: „Waldi, jetzt komm, du kannst doch nicht mehr!“

Hoffentlich hat das niemand gehört, mir wäre das sehr peinlich! Ich buddle sofort ein Loch, um abzutauchen, darin verstecke ich meinen Kopf.

„Waldi hör auf, wie soll ich dich denn sauber kriegen!“, stöhnt Doreen.

‚Ganz einfach!’, denke ich, ‚Ich springe in den Teich, danach Schüttelshake!’

„Waldi, Hilfe! Ich werde ganz nass und dreckig!“, sie springt vor Schreck zwei Schritte zurück.

Ein Taschentuch wird heraus genestelt, und mein Frauchen versucht sich den Dreck abzuwischen. Gleichzeitig werde ich gereinigt, ich bin bereits durchgeschüttelt und vom Dreck befreit. Doreen darf mich nicht Bloßstellen!

Hier geht es um mein Prinzip und außerdem: „Was geht das Doreen an! Schließlich gehe ich mit ihr spazieren!“, Bein hoch und ab geht die Post.

Auf meiner Liste steht an erster Stelle die Arterhaltung, und ich muss bereits wieder Pipi! Die verschiedenen Arten der Markierungspositionen müssen getestet werden.

Haben Hundehalter auch Bedürfnisse, und welche Informationen stehen mir darüber zu Verfügung?

Ich konnte meine Beobachtungen machen und stellte fest: „Ähnlich!“

Von locker grinsend, cool breitbeinig bis hin zur „unnatürlichen Frauen erpressten Sitzkultur“ ist alles möglich.

Mein Fazit: „Männer gehen ungern allein zur Toilette, stramm stehen sie in Reih und Glied.“

Ein Dackel ist für seine Spontanität bekannt, meine Überlegung: Ich werde das Gassi-Emoji erfinden!

Prompt fällt mir Helmuts Herrchen ein, ihr müsst ihn unbedingt kennenlernen! Er heißt Callipo, genannt „Schatzi“.

Sein Beruf ist Chefchirurg, der Spitzname erklärt einiges oder alles? Üblicherweise kommt er in seiner grünen Kluft, auf seinem grünen Fahrrad und mit grüner Gesinnung angeradelt, „Alles Bio oder was!“

Schatzi flitzt zur Arbeit, wie immer hat er es extrem eilig, ständig gestresst.

Eine Notfall Schönheits-OP ist geplant, ich wusste: „Es gibt Notfälle in diesem Bereich, aber dass gleich der Arzt kommt? Weiber, Weiber, Weiber! Solche Privilegien zu haben, unglaublich!“

Mein Kumpel Riesenschnauzer Helmut hatte unzählige Anekdoten auf Lager. Kleine Herrchen, die es sich leisten können, haben große Hunde. In allen Lebenslagen musste Helmut Wache schieben.

Bei meinem ersten Schnüffeltag im Park lernten wir uns kennen, ich mochte ihn sofort. An diesem Tag war ich äußerst nervös, ich spitzte die Ohren, locker schwänzeln war angesagt, Augen auf.

„Was geht ab?“, ich wollte mich von meiner besten Seite zeigen und bellte Grenzen heraus. Jeder sollte sehen, wie weit er gehen darf! Wenn da Missverständnisse aufkamen, selbst Schuld! Die Karten der Hierarchie mussten neu gemischt werden.

Helmut, genannt Schnauze, war der absolut Größte hier. Ein Riesenschnauzer, schwarz mit dichten Augenbrauen, er war früher bei der Polizei! Ein Rauschgiftsuchhund im Ruhestand, cool! Das imponierte mir, er ist ein Schnauzer mit Tiergnadenhofstatus!

Seinen Lebensabend fristet Helmut in einer Chefchirurgenvilla mit bester Stadtrandlage, ein Pool und computergesteuerten Rasenberegnungsanlage sind vorhanden. Die kann ihm manchmal ins Auge regnen, falls er sich auf dem falschen Platz, zur falschen Zeit aufhält. Nasser Hund riecht, mehr oder weniger, je nach Jahreszeit.

„Habt ihr schon einmal einen nassen Hund gerochen?“, ich würde es so beschreiben: „Eine Mischung aus Picknickdecke und Käse, garantiert feuchter, alter Picknickdecke, die in der Garage vergessen wurde und die Käsesorte? Vielleicht eine Mischung aus Tilsiter und Parmesan. Herrlich, ich liebe diesen Geruch!“

Helmuts Treue ist unbestechlich, mutig und ausgeglichen.

Ihn aus der Ruhe zubringen: „Unmöglich!“ Bei ihm wollte ich mich als Berater und Vertrauensmann profilieren.

Unterwürfig fragte ich ihn: „Hey, Großer, darf ich nach dir den Baum markieren?“

Er sah mich von oben herab an und knurrte: „Was bist du denn für einer? Werden sich unsere Wege jetzt öfter kreuzen, Dackelgesicht? Neu in der …“, zack, die Leine zog an und ab ging die Post! Ich durfte nur noch seine Rückseite in Augenschein nehmen, er hechelte seinem Herrchen am Fahrrad hinterher.

Mit Doreen hatte ich ein leichteres Spiel, für ein Schwätzchen gab es genügend Zeit.

„Der hat es ja mal wieder eilig, unser Callipo! Bestimmt ist Cordula außer Hause, und ich möchte gern wissen, wer da auf ihn wartet?“, tratschte Yorkshiresandra ganz nebenbei und verwickelte Frauchen in Gespräch und Hundeleine.

Ihre Yorkshiredame Susi sprang aufgeregt hin und her, sie trug ihre periodische Hundehose und wusste kaum, wie sie ihr Geschäft erledigen sollte.

Yorkshiresandra übersah, dass ihr Yorkshire in Nöten war. Problemlösungen anderer Art hatten dringende Priorität.

Zeit und offene Ohren hatte Doreen: „Frau Doktor kann einen leidtun, sein auffälliges Verhalten kann kaum unbemerkt bleiben! Vielleicht führen sie eine offene Ehe?“, fachsimpelte Sandra, „Das soll ‚in’ sein! Trendsetter sind sie ja.“

Kritisch wurde, dass von meinem Frauchen hinterfragt: „Na, ich weiß nicht? Glücklich aussehen ist etwas anderes. Letztes Mal beim Bäcker sah sie sehr gestresst aus.“

Senf und Lebensweisheiten fügte Sandra ungefragt hinzu: „Es wird keiner jünger, auch an unsere Frau Doktor nagt der Zahn der Zeit.“

Das Gespräch musste kurz unterbrochen werden, ein Notfall. Ihre Yorkshiredame Susi hatte es soeben geschafft, Sandra auf sich aufmerksam zu machen. Sie musste ihr helfen die Notdurft loszuwerden. Auf keinen Fall konnte und wollte Doreen, das mit ansehen. Wir hatten es plötzlich eilig und mussten die offenen Fragen unbeantwortet stehen lassen.

Für Callipo war es einfacher, seine Infos bekam Schatzi über das Handy, von Blond und griffbereit. Sein Beuteschema war visuell, mein Beuteschema ist eher „nasuell“. Der Geruch der Liebe sozusagen! Herrliche Gerüche, die in mir die Lust und Begierde anregen. Das Visuelle spielt bei mir keine große Rolle. Es sind technische Hindernisse, die mir bei meiner männlichen Hundegröße im Wege stehen. Ich kann meine Liebe zeigen, es muss nicht immer zum Äußersten kommen. Wilde und feuchte Küsse sind für meine Auserwählte ebenfalls ein Zeichen von Anerkennung.

Schatzi Callipo durfte keine Zeit verlieren auf das Fahrrad und los. Zwei Kinder und Ehefrau, wie kann er Zeit für ein Stelldichein finden? Bewundernswert, Timing ist alles.

Helmut bedauerte diesen flotten Aufbruch, seine Markierungsarbeiten waren keinesfalls beendet. Bereitwillig half ich ihm, seine Arbeit fertigzustellen, bin ja Kumpel.

Alle in der Nachbarschaft wussten es, Callipos letzte Flamme war durchgebrannt. Das Rätsel, wer die Neue war, hatte momentan noch niemand gelöst.

Cordula, seine Ehefrau und Ärztin in der Schönheitsklinik Callipo, war vollkommen ahnungslos. Für solche Gedanken hatte sie keine Zeit, ihr Tagesablauf und Terminplan wurde in Sekunden berechnet. Sie ist die: Familienallrounderin, Wäschewaschfrau, Trocknereignerin, Arbeitsbiene, Putzlappen, Klofrau, Einkaufslogistin, Familienanimateurin, Eventmanagerin, Muttitrösterin für Kinder und Mann. Ihre Notfalldienste als Ärztin blieben zeitlich unberechnet, außerdem die Betreuung ihrer anspruchsvollen Verwandtschaft!

Keinen interessierte das, von ihrem Zeitkonto wurde selbstverständlich von jedem abgebucht. Tägliche Mahlzeit bitte als Event: Vegan, Low Carb, Vollkost und das dreimal am Tag, ohne die Berechnung der Zwischenmahlzeiten.

Meine Empfehlung: Eine Auszeit ist dringend anzuraten, eine Kur oder eine private Pilgerwanderung. Das ist total „in“! Staumeldung auf dem Jakobsweg, der gleicht einer Autobahn. Ein dreispuriger Ausbau wäre für alle Pilger von Vorteil.

Doch bevor die Reise unternommen wird, musste geklärt werden: „Wer übernimmt die Haushaltspflichten von Cordula?“

Können wir einen Vertreter finden oder besser ein ganzes Haushaltsteam? Diesen Haushalt alleine zu führen, kann von niemanden erwartet werden.

Ich schaute mich um und mir wurde klar: „Die Einarbeitung konnte nur problematisch werden!“

Sie würde sicherlich die Ehezeit von 12 Jahren überschreiten und diese vielen Sozialleistungen: Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Feiertagszuschlag. Wer soll das alles finanzieren? Jede Mutter wünscht sich 30 Tage Jahresurlaub.

Stress pur, der Alltag einer berufstätigen Frau! Wo bleibt die Liebe – heiß und innig?

Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker: „Liegt sie zwischen gelben Feldern, beeindruckenden Bergen und duftenden Wildblumenwiesen?“ Fragen über Fragen, die wir überdenken und beantworten müssen.

Die Antwort kurz gesagt: „Frauenfeindlich!“

Cordulas Liebe lag zwischen fett verschmierten Ceranfeldern und sandgrauen Wäschebergen. Hand in Hand läuft sie mit dem Rasenmäher durch den Garten, den Unkrautstecher zwischen den Zähnen.

Ich habe kein Verständnis und mein Instinkt sagt mir, warum stresst sich Cordula mit tagtäglichem Putzen? Diese sinnlose Kocherei, Hundefutter gibt es im Beutel oder in der Dose! Diese Nahrung hat mir mein Arzt verschrieben! Mangelerscheinungen werden direkt ausgeschlossen.

„Super! Das Leben ist schön! Punkt!“

Außer einem guten Schlafplatz und täglich leckeres Fressen ist sicher zu Hause kaum etwas los. Das Leben spielt draußen auf der Straße, bei mir dreimal am Tag! Frauchen und ich müssen unsere Runden drehen und Markierungen erneuern.

„Wir Hunde sind Genießer!“, das Einzige, was ich putze, ist mein Fell und mein Ego.

Außerdem lasse ich mich putzen und zwar von meiner Doreen mit ihrer Haarmassagebürste. Herrlich, wenn sie mir den Rücken schrubbt, wäre ich eine Katze, würde ich schnurren. Den Friseur plane ich termingerecht alle drei Monate ein: waschen, schneiden, föhnen und Nageldesign.

Ich sehe das so: Katzenhalter haben völlig andere Probleme, Gassi gehen gehört nicht dazu!

Monika, unsere Nachbarin, besitzt eine Muschikatze. Ihr Name ist Mietzi. Einen Katzenhalter ohne Fusselroller? Praxis und Theorie schließen das aus! Es ist für uns Hunde ziemlich unangenehm und stört, wenn Katzenhaare durch die Luft fliegen.

„Hilfe!“, in meiner Nase kitzelt es, „Hatschi!

Absichtlich niese ich auf die weiße Couchgarnitur, schließlich glänze ich mit Anwesenheit.

Das hat schon etwas, der schrille Ruf meines Namens: „Waldi, wirst du wohl!“ Frauchen mit Tempo 180, Feuchttuch in der Hand. Doreens Putzzwang macht sich beim Couch Abschrubben bezahlt, ungeplant wird der Stressabbau gefördert.

Katzenhaare auf der Hose: „Ups!“, eine unangenehme Situation.

Mietzi ist die Einzige im Haus, die sich divenhafter verhält als Nachbarin Moni. Sogar ich kusche und gehe ihr aus dem Weg. Muschikatze hatte mich ihre Harken ähnlichen Dolche spüren lassen, keine Chance! Eine absichtliche Verwechslung mit ihrem Kratzbaum?

Hatten sie bereits das Vergnügen, getackert oder gepierct zu werden? Dann können sie mir nachempfinden: „Aua!“

Die liebsten Beschäftigungen von Muschi sind: schlafen, schnurren fressen, und sich streicheln lassen.

Moni versucht sie zu besänftigen: „Miez, Miez, Miez! Mein kleiner Fellknäuel schau mal, was ich Schönes für dich habe!“

Ausgiebiges Streicheln wird zur Pflicht gemacht, hier ist Mietzi Chefin. Gefressen wird nur das Beste, sie ist eine Luxuskatze. Schließlich sind alle Katzen Luxus gewöhnt sowie den natürlichen Gehorsam ihres Besitzers.

Katzenleckerlis gehören zum Standard, ansonsten: „Vorsicht!“.

Bestimmt drückt Mietzi deshalb ein Auge zu. Moni kann sie hinaus locken aus ihrem Kuschelbett.

In welchen Betten treibt sich Callipo herum? Eines schönen Tages, es musste natürlich so kommen, fiel Cordula in das Grübelkoma.

Schatzi kam spät nach Hause, ohne ein Küsschen, ohne herzliche Begrüßung, er ließ sie einfach stehen! Ihr Ehemann hatte schlechte Laune und Cordula bekam das sofort zu spüren. Wozu hatte Callipo eine Ehefrau?

Unangebrachte Vorwürfe peitschte er auf sie nieder: „Wie sieht es hier aus, was gibt es zu essen? Haben die Kinder ihre Hausaufgaben gemacht! Ist mein Lieblingspullover gewaschen? Hast du einen Termin beim Friseur? Also Cordula, du lässt dich gehen!“

„Hilfe!“, ein Aufschrei der Ungerechtigkeit jagte durch ihr Gehirn! Cordulas Seele bäumte sich auf!

‚So lasse ich mich auf keinen Fall niedertrampeln! Nein, niemals! Nicht mit mir!’, dachte sie in diesem Moment.

‚Das wird auch Zeit!‘, dachte ich.

Was hatte sie falsch gemacht? Ständig rannte sie in dieses Fitnessstudio, nichts stellte ihn zufrieden. Cordula hatte sich bereits in einen skelettähnlichen Zustand gehungert.

Endlich beschloss sie: ‚So geht es nicht weiter! Zwölf Jahre als treusorgende Ehefrau! Schatzi, du hast mir stetig Steine in den Weg gelegt. Ich liebe nur dich! Liebt er mich noch? Wie kann ich diese unerträgliche Situation beenden?’

Die Fakten erdrückten sie und es half nur die Flucht an die frische Luft! Helmut war ein williger Fluchthelfer, schwanzwedelnd stand er vor Cordula.

Traurig blickte sie ihn an und sagte: „Herrchen ist heute ungenießbar.“ Der Riesenschnauzer hechelte verständnisvoll.

Ihre Sportsachen wurden aus dem Schrank geholt und angezogen. Schnell die Laufschuhe festgezurrt und prompt ging es los. Ein Lauf durch den Stadtpark war gut, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Im Park wurde sie von Mopsmarion aufgehalten, sie trafen sich ständig auf ihren Gassiausgängen. Von Weitem erkannte Cordula den Mops, der ausgelassen und voller Eifer die Parkwiese durchkratzte. Die Grasbüschel flogen fröhlich durch die Luft. Vor lauter Aufregung war das Gesicht von Mopsmarions rot angelaufen.

„Hallo Frau Doktor! Ich muss ihnen unbedingt etwas erzählen. Stellen sie sich vor, ich war gestern bei Theodora!“, stürzte sie sich auf die Joggerin.

Japsend schnappte Cordula nach Luft, sie wollte keinesfalls unhöflich erscheinen und stoppte ihren Lauf.

‚Was ist den in Marion gefahren?’, überlegte sie.

Der Schweiß drang der Joggerin aus allen Poren und lief ihr an Stirn herunter. Sicherlich kein angenehmes Gefühl, um eine Unterhaltung zu führen. Ihre Gesprächspartnerin übersah einfach Cordulas feuchtes Angesicht, sie wollte unbedingt ihre Erkenntnisse loswerden.

„Wer ist den Theodora, sollte ich diesen Namen kennen?“, fragte Cordula unsicher.

Enttäuschung breitete sich auf dem Gesicht der Aufgeregten aus, verständnislos schüttelte sie den Kopf.

„Ach haben sie noch nie etwas von unserer Wahrsagerin gehört?“, platzte es aus Mopsmarion heraus, „Ich will doch meine Schwester finden. Theodora hat mir wertvolle Tipps gegeben.“

Diese Vorstellung, eine merkwürdige Geschichte.

Was sollte Cordula mit dieser Erklärung anfangen, sie hatte eine andere Anschauung.

„Woher wusste sie, wo sie sich aufhält? Kennen sie sich?“, fragte sie Interesse vortäuschend nach und beschäftigte sich dabei mit ihrem Riesenschnauzer.

Die Joggerin ließ Helmut von der Leine, denn er hatte die richtige Lauftemperatur erreicht. Sein freudiger Übermut kannte keine Grenzen, und er forderte Franz Joseph zum Laufduell heraus. Die beiden schwarzen Hunde flitzten um die Wette, lustig anzusehen. Mopsi wollte sich unter keinen Umständen abhängen lassen, seine kurzen Beine ratterten emsig drauflos. Riesenschnauzer Helmut liebte die Eleganz und flog durch die Luft, zwei Kraftpakete, die sich gut verstanden.

Ungefragt erzählte Mopsmarion weiter: „Vor zehn Jahren habe ich mich mit meiner Schwester Ilona verstritten. Ich möchte mich mit ihr versöhnen! Verlorene Zeit, die wir niemals zurückholen können. Sie fehlt mir über aller Maßen!“

Plötzlich bemerkte Marion die immer größer werdende Entfernung zu ihrem Mops. Rasch pfiff sie Franz Joseph zurück, er war fast außer Sichtweite. In Cordulas Ohren hallte es schmerzvoll nach, und sie verzog ihr Gesicht.

Ohne Punkt und Komma erzählte Marion weiter: „Wir durchlebten eine blöde Meinungsverschiedenheit wegen meines Ex-mannes, die Betonung liegt auf Ex. Oh, sie hat in allem Recht behalten, ich muss sie dringend sprechen! Ilona kennt mich besser, als ich mich selber kenne. Sie hat den Kerl sofort durchschaut! Unsere Beziehung konnte nie und nimmer gut gehen. Er war auf meinen Körper aus, meine Seele war ihm vollkommen egal!“

Cordula grinste heimlich, und sie versuchte die Puzzleteile, die ihr Mopsmarion hingeworfen hatte, zusammenzusetzen.

„Ist Theodora eine Art Orakel oder Seherin?“, musste sie heimlich schmunzeln

„Das kann nicht wahr sein!“, informierte Marion, „Frau Doktor haben sie noch nie von unserem Stadtorakel gehört? Theodora kennt doch jeder in der Stadt!“

Für Mopsmarion war das unbegreiflich, wie konnte sie diese geheimnisumwobene Frau nicht kennen?

„Frau Callipo, haben sie irgendwelche Fragen zu privaten Enthüllungen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden! Antworten kann ihnen unsere bekannte, problemorientierte Stadthexe und Wahrsagerin Theodora auspendeln. Eine gute Freundin hat sie mir empfohlen“, erklärte sie.

Cordula zweifelte an ihren Worten, wollte es sich aber in keiner Weise anmerken lassen: „Ich wusste gar nicht, dass Wahrsagerei noch aktuell ist?“

Die Zeit lief ihr davon, und die Joggerin schaute auf die Uhr. Der Terminplan ließ keine weiteren Verzögerungen zu.

Insgeheim dachte sie: ‚So ein Nonsens! Wer glaubt denn an solch einen Schwachsinn!’

Marion bemerkte natürlich das ungläubige Gesicht ihrer Gesprächspartnerin und versuchte sie umzustimmen: „Frau Doktor, lassen sie sich eines Besseren belehren! Ich habe auch gedacht, es ist Blödsinn! Sie müssen Theodora unbedingt auf die Probe stellen!“

Mopsfiedel fing sie ihren Mops ein, angeleint konnte er kaum mehr entfliehen. Franz Joseph war außer sich, er drehte sich im Kreis und verhedderte sich in der Leine. Dieses Knäuel musste entwirrt werden. Mopsmarion war genervt, nach einiger Zeit konnte sie das Hundeleinennetz entspinnen.

„Hilfe, ich muss sofort aufbrechen! Das wichtige Treffen mit meiner Schwester steht an. Oh, ich bin so aufgewühlt!“, schlagartig hatte sie es eilig.

Niemals war Mopsmarion schneller verschwunden.

Cordula blickte nachdenklich hinterher und nahm ihren Lauf wieder auf. Tausend Gedanken liefen mit: `Soll ich mich darauf einlassen? Einen Spaß ist es allemal wert, eine Abwechslung bräuchte ich dringend. Möglicherweise kann sie das Rätsel meines verlorenen Schatzis lösen? Orakel Theodora ich komme!

UNSER STADTORAKEL FREDI

Fredi, Boxer mit Boxer! Das ist selbstverständlich eine andere Geschichte. Seit sechs Jahren ist Fredi den Sternen und der Glaskugel verfallen. Er hatte sich im Internet Tarotkarten bestellt und selbst gelegt. Das führte zu folgendem Resultat: Fredi wurde im falschen Körper geboren.

Seine russische Frau Marina fand das lächerlich, Pumphosen kannte sie nur aus der russischen Folklore. Mit diesem neuen Outfit ging er – jetzt als Theodora – mit seinem/ihrem Boxer Wladimir im Park spazieren.

Peinlich! diese orientalische Kleidung war schön bunt und brutal auffällig. Wladimir störte das wenig.

Am Freitag trafen sich alle Hundeschüler in der Hundeschule, und wir sollten endlich unser Stadtorakel kennenlernen. Ich bin ein ehrgeiziger Dackel und will unbedingt in der Hierarchie aufsteigen. Mein Traum ist es, mich als Rudelführer zu profilieren.

Diese Gelegenheit kam unaufhaltsam auf uns zu, Theodora mit ihrem beziehungsweise seinem Boxer Wladi näherte sich. Ihre bunte Hose wurde vom Wind aufgebläht, dieser Ballon rollte auf uns zu.

‚Hoffentlich hebt sie nicht ab!’, befürchtete ich.

Belustigt bellte ich über die ganze Hundewiese: „Hey, Wladi, hat Fredi seine Pumphosen auf Pump an oder kommt Alibaba mit den Pfirsichräubern!“

Meine Hundekumpels und ich kugelten uns lachend auf der Wiese.

Wladimir zeigte keinerlei Reaktion. Das war unter seiner Würde, er fühlt sich auf keinen Fall für das Outfit seines Gassilenkers verantwortlich. Undenkbar für einen Boxer! Wladi zeigt mir seine kalte Schnauze, mit dieser Abfuhr hatte ich nicht gerechnet.

Im Notfall wollte ich mich hinter Birte verstecken, sie ist die Chefin der Hundeschule. Ich wusste, sie beschützt mich, dort konnte ich eine dicke Hundelippe riskieren.

Hier durfte Boxer Wladi nur bellen, nicht beißen: „Oder habt ihr euch schon einmal mit einem Boxer angelegt?“

Lasst das lieber sein! Boxer sind kompakte Kraftpakete. Wladi ist wohlerzogen und selbstbewusst. Ein Familienhund erster Güte, kaum aus der Hütte zu locken beziehungsweise aus der Reserve. Quadratisch, praktisch, gut und ebenso verspielt.

Auf keinen Fall will ich es mir mit einem Boxer verscherzen. Wladimir ist verpflichtet mein Kumpel zu bleiben. Stets freue ich mich, wenn ich sein liebes Boxergesicht sehe.

Stellt euch vor, früher wurden sie zur Bärenjagd eingesetzt! Aber sicherlich kann ich trotzdem einen kleinen Scherz bei den anderen Hundeschülern anbringen.

Hundeschule, was ist eine Hundeschule?

Treuherzig gesagt: „Das arrangierte Treffen eines Hunderudels.“ Dort wird mit den anderen Hunden trainiert. Es gibt Übungen, um ein ungefährliches Sozialverhalten zu erlernen und sich auszupowern.

Auf der Tagesordnung steht heute: „Wie gehe ich mit meinem Frauchen durch die Stadt?“

Natürlich angeleint und mit Würstchentüte. Niemand soll angebellt und angesprungen werden. Betteln verboten! Markieren und Würsteln ebenso bis auf wenige Ausnahmen.

Ich wusste: „Darauf habe ich keine Lust!“

Dieses hintereinander Trotten, die Betonung lag auf Hintern. Zahlreiche Hunde meines Rudels lagen damit absichtlich in meiner Augenhöhe! Das Schlimmste überhaupt, ich dufte mir mein Rudel nicht selber aussuchen. Mit wem sollte ich mich hier messen, mit wem auf Beutezug gehen?!

Der Rudelausflug führte in Richtung Zoo, stetige Erziehung und Schulung unser Sozialverhalten ist äußerst wichtig. Im Zoo sehen wir Lisztäffchen, Erdmännchen, Wellensittiche – hinter Gittern!

Diese großen Eulen, ich fühle mich direkt beobachtet. Angeblich sind sie am Tag blind. Gut, dass nachts das Kleintiergehege geschlossen ist. Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden.

Auf einem Schild steht: „Füttern verboten!“

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Mopsmarion, Pudelpeggy oder Yorkshiresandra auf die Idee kommen, uns mit diesem Getier zu füttern. Mein Favorit ist „Lappi“ aus der Dose in mundgerechten Stückchen, für jede Schnauze die passende Größe, Konservierungsstoffe bin ich gewöhnt!

Auf dem nächsten Schild steht: „Hunde sind an der Leine zu führen“. Hier soll wahrscheinlich die natürliche Zusammenführung der Tierarten im Streichelzoo verhindert werden!

Mir kurzangebunden den Spaß zu versauen! Der einzige Grund, weshalb ich bereitwillig mitgekommen bin! Na gut, der andere Grund ist ein Zwang – Gruppenzwang.

Hatz im Streichelzoo, darauf habe ich mich gefreut! Dort sind die Meerschweinchen, Ziegen und leckeren Kaninchen.

Ich träume von einem weißen Zwergkaninchen, blutig in meinem Maul. Stolz laufe ich erhobenen Hauptes an den Tiergehegen vorbei. Hunger spielt keine Rolle, aber es hätte sicherlich großen Eindruck gemacht.

Schlussfolgernd stelle ich fest: „Ich bin ein Jagdhund und natürlich Rudelführer. Der Einzige, der hier einen praktischen und naturbelassen Plan hat, bin ich!“

Diese Vorstellung, einfach fantastisch! Was löst das bei meiner menschlichen Rudelführerin aus?

Doreen schreit hysterisch: „Waldi, tu das nicht! Aus! Sitz! Platz! Hierher!“ Danach fällt sie in Ohnmacht oder Schlimmeres, Herzinfarkt! Sie kann kein Blut sehen und das niedliche Kaninchen!

Oh je, Doreen schämt sich furchtbar und diese peinlichen Erklärungen: „So etwas heimtückisches hat Waldi noch nie getan, sicher hat ihn das Kaninchen zuerst angegriffen! Er ist ein Schoßhund und gut erzogen. Bitte bringen sie ihn nicht ins Tierheim!“

Diese blutrünstige Straftat würde ich keinesfalls heute begehen, vielleicht ein anderes Mal. Grins.

DAS ORAKEL

Cordula hatte einen Termin bei Theodora, und das Unglück nahm seinen Lauf.

In der Breitscheidstraße 8 wohnt die Wahrsagerin, dort frönte sie ihrer großen Leidenschaft: „Wahrsagen!“

Theodora ist das Orakel unserer Kleinstadt, und das soll etwas heißen. Sie hatte schon vielen wahrgesagt und es war immer wahr – mehr oder weniger, ziemlich oft.

Theodora versprach Sabine: „Du musst morgen nicht zur Arbeit!“ Weil morgen Sonntag war, und Sonntag hatte sie frei!

Frau Müller hatte sie vorausgesagt: „Sie werden bald Oma!“ Bei sechs Kindern und vierzehn Enkelkindern, davon zehn Mädchen, da ist ständig jemand in anderen Umständen.

Wer macht solche Aussagen, unglaublich! Andere Umstände, was ist das für ein Blödsinn? Welche Umstände sollten das sein? Die Umstände der natürlichen Fortpflanzung zum Zwecke der Weitergabe genetisch identischen oder weitestgehenden identischen biologischen Materials zur Reproduktion und Erhaltung der eigenen Art. In Reproduktion ist Familie Müller ziemlich gut. Also, das nenne ich positive Umstände.

Uwe hatte sie versprochen: „Du wirst bald eine große Reise antreten.“

Höchstwahrscheinlich hatte ihr das Katrin aus dem Reisebüro anvertraut. Boxer Wladi und die Huskyhündin Sila, der Reiseberaterin sind bestens befreundet. Sie treffen sich täglich auf ihren Spaziergängen. Aus erster Hand und ungelogen, erfährt dort Theodora so einiges. Das Erbschaftsereignis musste vertrauensvoll weitererzählt werden, Katrin berichtete ausführlich, gewiss hatte Theodora ein offenes Ohr.

Am Dienstag betrat Uwe das Reisebüro, er freute sich riesig über das viele Geld, das jetzt auf seinem Bankkonto auf Transaktionen wartete. Es musste lange genug im Sparstrumpf schmoren und wollte verjubelt werden. Uwe war guter Dinge.

Katrin telefonierte gerade mit einem Kunden: „Ja, Flug 213 um 8:00 Uhr“, sie zwinkerte ihm zu, sich zu setzen.

Nervös grinsend, haarte er aus, um sich von der Reisekauffrau beraten zu lassen.

Endlich legte sie auf: „Was ist denn mit dir passiert?“

Irgendetwas war anders als sonst? Huskykatrin und Uwe sind alte Schulfreunde, ihr fiel sofort auf: ‚Hier ist etwas im Busch, ach nein, im Strumpf!’

Er sprang auf und drückte sie: „Es ist mir fast peinlich, mich zu freuen, meine Tante ist verstorben.“

„Wir sind aber kein Beerdigungsinstitut! Wie kann ich dir weiterhelfen?“, stellte Katrin nach kurzer Überlegung klar.

Dann fuhr sie mit ihrem Bürostuhl an den Schreibtisch heran und nahm die Prospekte zur Hand.

Aus dem lustigen Erben sprudelte heraus: „Katrin, ich habe geerbt, und ich will nach Hawaii fliegen! Es soll aber keiner davon wissen! Ich will auf keinen Fall angepumpt werden. Wenn es um Erbschaften geht, scharen sich doch alle wie die Fliegen um die dampfende Hundekacke!“

Katrin nickte ihm vertrauensvoll zu.

„Kein Problem, ich schweige! Die Anzahlung für die Reise ist sozusagen das Schweigegeld!“, versprach sie lachend in ihrem Reisebüro.

Solch solvente Kundschaft konnte sie sich nur öfter wünschen. Es würde bestimmt nicht die letzte Reise für Uwe sein, die er bei ihr bucht, da macht die Beratung Spaß und Sinn.

Dem Globus auf ihrem Schreibtisch wurde schwindelig, seine Erdumdrehungen kamen aus dem Rhythmus. Mit dem Finger ging die Reiseplanung hin und her, es gab zahllose Länder zu entdecken. Uwe bekam bereits Ohrensausen und Kreislauf! Er stoppte den sich immer schneller drehenden Globus und die immer schneller redende Reiseberaterin.

„Puh, einmal um die Welt in drei Stunden! Das schafft nicht einmal Jules Verne“, erschöpft, stand er von seinem magnetisierten Beratungsstuhl auf.

Das Reisen so anstrengend sein kann! Uwe litt an Übelkeit, vermutlich war er reisekrank. Der Erbe brauchte eine Reisetablette. Das eine Erbschaft den normalen Alltag gravierend verdrehen kann, beängstigend. Wer da nicht durchdreht, ist selber schuld.

Katrin war hocherfreut und drückte Uwe die Hand: „Gebucht ist gebucht! Ich wünsche dir viel Spaß und eine gute Reise! Ich freue mich auf deinen Reisebericht! Melde dich unbedingt, wenn du wieder da bist.“

Cordulas Reise ging weiter in Richtung Theodora. Das Navi auf ihrem Handy war aktiviert, den in diese Gegend war ihr völlig unbekannt.

Hier standen triste, graue Mietshäuser mit mehreren Stockwerken, mit Fahrstuhl oder ohne. Ein paar Häuser waren dazwischen, die gewollt und gekonnt mit grafisch bunten Häuserfassaden der örtlichen Malervereinigung verziert wurden. Es sollten verstärkt neue Mieter angelockt werden. Darunter waren auch besprühte Häuser, die von künstlerisch freien Malern im Spraydosenstil bearbeitetet waren.

Den Jackenkragen hatte sie hochgeschlagen, ein Tuch wärmte zusätzlich ihren Hals. Das Navi zeigte nur noch wenige Meter an, jetzt stand Cordula vor dem Haus. Die Sprechanlage gähnte sie wortlos an. Die Verunsicherte las die Namenschilder durch, und sah sie sich hastig um, glücklicherweise war niemand zu sehen. Sie drückte auf den Klingelknopf, und der Türöffner summte und knackte. Voller Kraft stemmte sich Cordula dagegen und fiel mit der Tür ins Haus. Wo war das Flurlicht? Der Bewegungsmelder bemerkte sie, denn das Licht sprang an. Ihre Ohren lauschten angestrengt, nichts Auffälliges war zu hören, nur ihr Atem keuchte ängstlich. Cordula drehte sich wiederholt suchend um, bevor sie in den zugig muffigen Hausflur stürzte. Das Licht verlosch, sprang aber durch Cordulas Bewegung sofort wieder an. Einen kurzen Moment überlegte sie und rannte dann sportlich die Treppe hinauf.

Fatal, wäre sie einer Patientin begegnet. Diese fragenden Blicke, vielleicht ausgesprochen?

Cordula fiel ein: ‚Ich kann ja einen Hausbesuch vortäuschen’ Ach, lügen war nicht ihre Stärke.

Im 4. Stock nach Luft schnappend angekommen, stand Boxer Fredi und Boxer Wladi wartend in der Wohnungstür.

„Immer herein in die gute Stube. Sie sind der Termin, Frau Cordula?“, sprach Theodora sie an.

Ihr wurde mulmig und sie begann zu schwitzen. Es war keine Menschenseele zu sehen!

„Bitte sprechen sie mich nicht mit Namen an, hier auf dem Treppenabsatz!“, unterbrach Cordula sie.

Dann huschte sie in den Wohnungsflur hinein, und betrat eine orientalisch dekorierte Dreizimmerwohnung im 4. Stock eines Mehrfamilienhauses.

„Soll ich Tee kochen!“, rief Marina aus der Küche.

Die Verunsicherte brauchte keinesfalls lange überlegen: „Ein leckerer Tee aus dem Samowar? Marina, den kann ich doch nicht ausschlagen!“

Bei Theodoras Frau stand Gastfreundschaft an erster Stelle, schließlich war sie durch und durch Russin, geboren in St. Petersburg.

Marina und Fredi verliebten sich in Sibirien, er arbeitete als Montagearbeiter. Es war dort bitterkalt, und sie wärmten sich gegenseitig Körper und Herz. Marina folgte Fredi nach Deutschland, niemals wollten sie sich voneinander trennen.

„Mit Zucker, Frau Doktor?“, rief es herzlich aus der Küche.

Aufgeregt antwortete Cordula: „Ja mit Zucker. Ich glaube, ich brauche Nervenfutter!“

Theodora hatte sie in der Zwischenzeit in das Kinderzimmer geführt und ihr einen Platz angeboten. Dort schlägt Cordula gedimmtes Licht entgegen: beleuchtete Kugeln mit Farbwechsler, flatternde, zugezogene Vorhänge – das volle Programm.

Fallend lässt sie sich auf dem Sitzkissen von Ikea nieder, Stille im Raum.

Fredi, oder besser gesagt, Theodoras Blicke wurden geheimnisvoll durchdringend: „Was wollen sie wissen? Die Karten lügen nicht.“

Cordula schluckte geräuschvoll und atmete tief durch. ‚Ob ich mir das so richtig überlegt habe?’, sie wurde nachdenklich und fing an, ihre Hände zu massieren.

„Wie sieht es mit meiner Ehe aus?“, stammelte die Unwissende weinerlich, sie spürte, dass kaum etwas Gutes dabei herauskommen würde.

Theodora nahm die Karten aus der Schublade und begann sie sorgfältig durchzumischen. Endlich legte sie die Karten auf dem Tisch aus.

„Sie sind seit ein paar Jahren verheiratet. Ich sehe etwas, was ihnen missfallen wird!“, räusperte sich die Wahrsagerin.

Kurz und schmerzvoll musste es ans Tageslicht: „Ich sehe eine blonde Frau in den Armen ihres Mannes! Nicht erst seit heute! Das geht bereits ein dreiviertel Jahr! Sie haben nichts bemerkt?“

Zitternd und mit Tränen in den Augen suchte Cordula nach Worten, sie war fassungslos: „Das, kann nicht sein! Eine Frechheit, allein dieser Gedanke, ihre lausige Behauptung, sie sind ein Scharlatan im Boxerbademantel! Von mir kriegen sie keinen Cent!“

Die Betrogene sprang genauso sportlich von den Kissen hoch, wie sie die Treppe hinaufgerannt war. Die Teetasse fiel in Zeitlupe zu Boden. Zersprang in tausend Stücke; zersprang in dieser Sekunde ihr Glück in tausend Stücke, irreparabel? Tränen drückten sich mit aller Macht in ihre Augen, unaufhaltsam drängten sie nach draußen. Wie soll sie das rückgängig machen, alles wieder in Ordnung bringen?

Tränen der Wahrheit mussten die Lüge wegspülen. Die Lebenslüge, die früher eine romantische Wahrheit war, wann wurde sie zur Lüge? Unbemerkte, gegenseitige zarte Verletzungen, die riesengroß erschienen. Kaum mehr zu kitten, unbedachte Abweisungen, die sich tief in Seele und Herz schnitten. Alltagsfrust, Kinderstress, gegenseitiges Unverständnis, stille, verzweifelte, ungehörte Schreie nach Liebe und Zärtlichkeit.

Dieser ständige Schlafentzug war eine Folter, wenn aus Zwei, Drei und dann Vier wurden. Unangebrachte Ratschläge von allen Seiten, was die Kindererziehung betraf.

Ja, diese Ratschläge, Schläge direkt ins Gesicht. Nun war die Flamme der Leidenschaft, der Zweisamkeit dahin. Sie hatten sich ewige Treue geschworen, immer zueinanderstehen!

Hoffnungslosigkeit, Cordula konnte und wollte es nicht wahrhaben: ‚Warum habe ich mir diesen Blödsinn angetan! Alles erstunken und erlogen! Dafür soll ich noch Geld bezahlen! Der kann mich mal kreuzweise und Tschüss!’

Ohne Umweg lief sie schluchzend aus der Wohnung die Treppen herunter. Bevor sie auf die Straße trat, musste sie sich auf jeden Fall beruhigen.

Draußen ging das Leben weiter, keiner drehte sich um. Die Welt blieb nicht stehen und wegen einer Ehekrise schon gar nicht! Das kommt häufiger vor als man denkt, Scheidungen gab es genug! Warum sollte sie einem dahergelaufenen Boxertypen glauben? Diese Unterstellung, darüber musste sie eine Nacht schlafen.

Sie war wütend auf sich selbst: ‚Wie konnte ich leichtgläubig dort hingehen! Niemand darf es erfahren und auf gar keinen Fall mein Göttergatte!’

Verstohlen schaute Cordula auf die Straße hinaus.

‚Hoffentlich hat mich niemand gesehen! Ich gehe zu einem Boxer im Orientlook, wie blöd ist das denn? Mein Mann hat sicher recht, der ganze Stress, nichts kriege ich auf die Reihe, kein Organisationstalent. Was ist indes aus der sexy Frau geworden, rassig dunkle Locken, die alle begehrten. Wenn er das erfahren würde, nicht auszudenken!“

Ein Wunder wäre es sicherlich keinesfalls, Cordula sieht bereits die Schlagzeilen: „Frau des Chefchirurgen Herold Callipo lässt sich in Ehesachen von einer Wahrsagerin beraten, Scheidung!“

Das Getuschel der Leute, unter keinen Umständen würde sie sich in die Klinik trauen. Diese mitleidigen und schadenfrohen Blicke der Nachbarn und Freunde, Freunde? Höchstwahrscheinlich gab es die längst nicht mehr, rasch würden sie sich um ihren Mann scharen! Er hatte das Geld und die Macht in der Klinik.

„Wie konntest du diese Frau schalten und walten lassen. Deine Kariere, dein Leben! Herold du hast etwas Besseres verdient!“, freundlich aufmunternd würden sie ihm auf die Schulter klopfen.

Prompt würden die Honigbienen ausschwärmen, und sich um Callipos Honigtopf sammeln. Das weibliche Personal leistete sich das jetzt schon, wie selbstverständlich würden sie zur Tagesordnung übergehen. Schöne Bescherung, und es war noch nicht einmal Weihnachten!

Ich roch, es war Gefahr in Verzug. Doreen und ich schritten unsere alltägliche Gassitour ab. Wir liefen auf der anderen Straßenseite und sahen die verstörte Doktorgattin: „Komisch, was macht den Frau Callipo in dem Wohnhaus von meinem Kumpel Wladi? Verdächtig!“

Sofort registrierte Doreen die Situation, verheulte Ehefrau vor dem Haus von Theodora. Ihr Gehirn begann unverzüglich zu rattern, eins und eins wurde zusammengezählt.

„Auch das noch!“, Pudelpeggy mit ihrem rosa Pudel stolzierte geradewegs um die Ecke.

Sie schwenkte vergnügt die Arme und rief: „Meene Gutzte, lange nicht gesehen!“

Aus Sachsen ausgereist, reiste Pudelpeggy direkt in unsere Stadt ein. Diesen Dialekt konnte man kaum überhören.

„Guten Morgen, Frau Müller, ich habe es sehr eilig“, versuchte Frauchen zu flüchten.

Keine Chance, ihre Entschuldigung auszusprechen.

„Ach, Doreen, haben sie das Neuste von Frau Berger gehört!“, plapperte sie munter weiter, entrinnen unmöglich.

Ich knurrte, meine Schlappohren rollten sich zu Rouladen auf. Oh, wie mir diese Pudelpeggy auf die Nerven ging, meine Nerven hatte ich noch! Diese schrille Stimme, es folgte eine Tirade sämtlicher Nichtigkeiten der Stadt. Angeleint konnte ich leider kaum entfliehen.

Wieso färbte sie ihren Hund rosa? Haben wir keine Rechte? Das Recht auf Natürlichkeit oder die freie Genentwicklung unserer Art? Pudelrosa – ist das etwa eine Modeerscheinung? Walt Disney färbte seine Mäuse auch rosa aber einen Hund?

Mausi ist der Spitzname und Rufname von Mausi, eine haarsträubende Situation. Dieses ungeheuerliche Verhalten gegenüber unserer Naturverbundenheit ist keinesfalls gerechtfertigt. Die Pudeldame Mausi schlichtweg in rosarot?

Wenn ich bedenke, wir stammen vom Wolf ab! Seht euch den Wolf an, unseren Urahnen „Der mit dem Wolf tanzt“. Poetisch, heldenhaft, solche kühnen Helden zu verkörpern, ist uns in dieser Zeit keinesfalls erlaubt. Wollen wir diese Rolle überhaupt noch spielen?

Verwöhnt vom pünktlichen Fressen erscheint mir das heutzutage zu anstrengend. Natürlich Trocken- oder Nassfutter frisch aus der Dose, hergestellt in der Tiernahrungsfabrik. Bequemlichkeit sorgte dafür, dass ich keine Lust mehr hatte, mit den anderen Wölfen zu tanzen. In der Zeit gönne ich mir ein Mittagsschläfchen!

Diese Kraft, diese Stärke, gepaart mit Durchhaltevermögen, Schnelligkeit und diese fletschenden, furchteinflößenden, ungeputzten Zähne. Was zu entschuldigen war, damals gab es keinen Tiernahrungsdiscounter mit Hygieneartikel für Haustiere.

Nur die brennenden Lagerfeuer konnten uns fernhalten von den Cowboys in der Prärie oder den Goldsuchern in Alaska. Das waren Zeiten, damals, als mein Ururururopa Rudelführer war.

Diese herausragenden Eigenschaften werden in meiner Hunderasse wiedergefunden!

Ich, Waldi der Teckel, bin der designte Wolf und „Nicht im Schafspelz“! Sicher gibt es auch andere gezüchtete Hunderassen, aber egal.

Pudelpeggy würde ich herausstreichen, sie fällt unter die Kategorie: Furchtbar peinlich oder muss ich mich fremdschämen? Nie im Leben hatte ich einen rosaroten Wolf gesehen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Diese Wölfe, habe ich gehört, ist ein großes Thema. Einwanderer aus dem Osten, leider weitestgehend unerwünscht. Alle reden von Bio und zurück zur Natur, jeder trägt „Jack Wolfskin“.

Selbst die Rentner tragen neuerdings Outdoorsachen! Wozu auch immer? Um ein Beispiel zu nennen, die Rollstuhlrenate, sie wohnt in unserem Altenheim. Zum täglichen Rauchen wird die Rentnerin im Krankenfahrstuhl hinausgeschoben. Zug um Zug steigen der Rauchzeichen auf und ihre Outdooraktivitäten verflüchtigen sich als leichter Luftzug.

Während der Sommersaison brennt der Planet auf die Raucherin herunter und der Seniorenkörper wird aufgeheizt, so dass er kräftig in der Doppeljacke transpiriert. Die Belüftungsreißverschlüsse können geöffnet werden und die Jacke wird atmungsaktiv.

Das Outfit ergänzt sich mit einem winddichten Tragekomfort. Der nächste Herbst, der für stürmische Erlebnisse sorgt, wirbelt bestimmt bald umher!

Schneegestöber während der Winterperiode lässt eine Outdoorjacke zur Schutzjacke avancieren. Rollstuhlrenate ist saisonal ausgerüstet, um ihre Rauchzeichen abzugeben. Ihrem ganz besonderen Genuss kann sie hoffentlich viele Jahre frönen!

Abends ist die Zigarettenpackung leer, der Geruch von Freiheit und Zigarettenqualm nimmt ein jähes Ende. Die Rentnerin wird hineingeschoben, und sorgfältig eingeschlossen in den Seniorenindoorpark mit Schlafgelegenheit.

In der Nacht ist es zu gefährlich für Outdooraktivitäten.

Rauchen ist indoor verboten! Die Rauchmelder schlagen sofort Alarm. Zu oft raste die Feuerwehr unnötig und zu unbezahlten Löschversuchen heran.

Unsere wölfischen Vorfahren beschäftigten sich das gesamte Jahr mit Outdooraktivitäten. Ein fragwürdiges Benehmen unserer Verwandten, sie fressen einfach die Schäfchen von der Weide. In ihrem Blutrausch sind die Wölfe unkontrollierbar.

Früher standen Großmütter und Rotkäppchen auf der Speisekarte, sie haben sich gemäßigt und das Gesetzbuch gelesen, Menschenraub wird ab sofort bestraft.

Aber mal unter uns, Doreens Verwandtschaft bedient sich ebenfalls und selbstverständlich aus dem Kühlschrank. Verbote spricht meine Doreen niemals aus! Hier wird Gastfreundschaft großgeschrieben.

Tante Wilma besucht mehrmals jährlich mein Frauchen. Ungefragt zieht die 85-Jährige mit ihren großen Koffern für Tage oder Wochen ein.

Höchstleistungen, was das Jagen betrifft, kann Doreen keineswegs von ihrer Tante erwarten. Sie macht ausschließlich Jagd auf Witwer, es stehen genug Kontaktanzeigen im örtlichen Tageblatt.

Verwandtschaft kann sich keiner aussuchen, meistens bleiben sie länger, als man sie gebrauchen kann. Was das anbelangt, sollte man abreisen, solange es noch schön ist oder rücksichtsvoll gehen. Nach drei Tagen beginnt der Fisch zu stinken. Diese Form der Höflichkeit sind Tante Wilma und den Wölfen unbekannt, ihr Aufenthalt ist selbstverständlich.

Hier ist der Tisch gedeckt. Und habt euch mal nicht so! Wir haben unsere Verwandtschaft seit längerer Zeit vermisst, sie wurden ausgewiesen, ausgerottet, vertrieben und abgeschoben.

Die Sünden der Vergangenheit haben uns eingeholt! Schwein gehabt! Wir dürfen sie verwöhnen und Wiedergutmachung leisten, und wenn ein paar Schafe daran glauben müssen, Hunger macht böse!

Doreen war äußerst schweigsam und ließ sich auf kein Gespräch mit Pudelpeggy ein. Im Kopf schwirrte ihr das Verhalten von Cordula herum, ihre Freundin rannte verstört die Straße hinunter, regelrecht grün war sie im Gesicht.

Wenn mein Frauchen ihr Herz nicht am richtigen Fleck hat, wer dann? Sie tratscht sicherlich gern, doch ist die „Hundekacke am Dampfen“, ist sie Kumpel und hilft, wo sie kann. Natürlich mit Schweigepflicht, das ist ihre Berufung. Dafür liebe ich sie!

Wiederholt knurrte und zerrte ich an der Leine, schauspielern kann ich ausgezeichnet. Doreen versuchte mich mit ihren Kommandos zu kontrollieren. Mein Spürsinn roch ihre Aufregung, an dem aufgezwungenen Gespräch beteiligte sie sich kaum.

Es war Gefahr in Verzug! Ungeduldig meldete sich Frauchen zu Wort. Pudelpeggy ließ sie keineswegs vom Hacken, letzten Endes gelang es ihr, sich zu verabschieden, Termine vorschiebend.

Die Fährte wurde augenblicklich von mir aufgenommen, ich presste die Nase auf den Boden. Meine Arbeit hatte Vorrang, freudig schnüffelte ich los, die Leine spannte sich.

„Du meine Güte, Waldi renne doch nicht so! Ich kriege keine Luft mehr!“, hastete Doreen hinterher.

Wir nahmen unseren Dienst auf, leider führte alles über 3,4 km zur Luftnot. Um einen Atemstillstand meines Frauchens zu vermeiden, musste ich die Geschwindigkeit drosseln. Ich werde ihre Diensttauglichkeit in Frage stellen und die Fitnessschraube anziehen.

Mein Traum eine Ausbildung zum Dachshund, muss ich vergessen! In der Hundeschule bin ich zurzeit in der 1. Klasse. Diese angestrebte Karriere konnte ich nur durchlaufen, wenn mich ein Jäger in den Dienst nehmen würde.

Wie soll ich das Doreen sagen? Potenzial ist vorhanden, ich muss eine Entscheidung treffen: „Auge in Auge mit einem wutschnaubenden Dachs oder Auge in Auge mit den Tränen einer betrogenen Ehefrau.“

Völlig außer Atem und mit dicken Achselschweißrändern, die sich an ihrem T-Shirt abzeichneten, spürten wir Cordula im Park auf. In 100 Meter Entfernung erblickte ich die Betrogene auf der Trauerbank sitzen.

Ein Jammerbild, es tröpfelte, die Sonne hatte sich hinter dicken Regenwolken verzogen, das Wetter entsprach ihrer Situation.

Cordula bemerkte kaum, dass sie nass wurde. Trauernd saß sie unter der Trauerweide, Helmut trauernd daneben.

Er war noch angeleint, und hatte keine Möglichkeit herumzutollen, und wie gewohnt seine Bäume und Sträucher zu markieren. Gedankenverloren dachte sie an ihren Schatzi und stand vollkommen neben sich.

Der Riesenschnauzer wusste noch nichts von seiner neuen Situation. Bald würde er ein herrenloser Streuner sein oder einfach ein Scheidungshund. Mit Wochenenden bei Herrchen und Woche bei Frauchen oder Wochenende bei Frauchen, Woche bei Herrchen.

Diesen Sachverhalt würde das Gericht klären, alles würde das Gericht klären müssen. Der Hammer kam bestimmt, und wenn es lediglich der Hammer bei Gericht war!

Egal, für Helmut war das völlig egal! Hauptsache es blieb alles wie bisher! Er möchte seinen wohlverdienten Ruhestand weiterhin genießen, im Luxus All inclusive!

Doreen konnte keineswegs anders: „Frau Callipo, Cordula, kann ich ihnen helfen, geht es ihnen gut?“

Erschrocken sah die Veruntreute auf.

„Was, wie bitte?“, stammelte sie, „Ach, ich bin gestresst! Momentan möchte ich mich nicht dazu äußern. Mir geht so einiges durch den Kopf, familiäre Probleme. Oh je, du meine Güte es ist bereits Viertel nach vier, ich muss schleunigst nach Hause! Die Kinder warten und ich muss dringend den Einkauf erledigen. Jetzt muss ich mich sputen! Bis bald mal auf einen Kaffee, Doreen!“ joggte Cordula los und rannte ihren Verpflichtungen hinterher.

Heute konnten wir ihr keine Hilfestellung leisten, aber wir werden sie nicht aus den Augen verlieren!

Ich führe Doreen weiter durch den Stadtpark, eine Aufregung heute. Wir brauchen dringend eine Atempause.

Diese romantischen Abendspaziergänge, wenn die späte Sonne den Himmel lichtdurchflutet. Frisch glitzert und funkelt es nach dem leichten Regen, die Tropfen spiegeln das Farbspektrum brillant, und unsere Lungen werden von der sauberen Luft gereinigt. Die Füße laufen weich wippend über die Wege des Parks. Eine Wohltat für Körper und Geist, Hektik und Stress verflüchtigen sich sowie die Nässe der Straßen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
200 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783969405444
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