Kitabı oxu: «Jugendsprache»

Şrift:

Eva Neuland

Jugendsprache

A. Francke Verlag Tübingen

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© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8385-4924-8

Inhalt

  Vorwort zur Neuauflage

  Vorwort

 I Zur Einführung1 Jugend und Jugendsprache im Spiegel öffentlicher Meinungen1.1 Jugendrevolten als Indikatoren gesellschaftspolitischer Konflikte1.2 Jugendsprache als Symptom für „Sprachverfall“?1.3 Jugendlicher Sprach- und Lebensstil als Projektionsobjekt2 Jugendsprache in öffentlichen Diskursen und medialen Konstruktionen2.1 Verständigungsprobleme zwischen den Generationen?2.2 Jugendsprache als Konsumgut2.3 Brennpunkte der aktuellen Sprachkritik2.4 „Jugendlichkeit“ als Prestigefaktor und das Schwinden der Generationendifferenz3 Jugendsprache: Fiktion und Wirklichkeit

 II Jugendsprachforschung: Grundlagen und Entwicklungen1 Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung in Deutschland1.1 Frühe Erkenntnisinteressen und Fragestellungen1.2 Anfängliche methodische und theoretische Forschungsprobleme2 Vorläufer der modernen Jugendsprachforschung2.1 Philologische Tradition der Sondersprachforschung2.2 Psychologische Tradition der Sprachentwicklungsforschung2.3 Sprachpflegerische Traditionen in der Nachkriegszeit3 Richtungen der linguistischen Jugendsprachforschung3.1 Frühe Pragmatik der Jugendsprache3.2 Frühe Lexikographie der Jugendsprache3.3 Ethnographie von Jugendsprache3.4 Sprechstilanalysen3.5 Kulturanalytische Jugendsprachforschung3.6 Kontrastive Jugendsprachforschung3.7 Medienanalytische Forschung3.8 Interaktionsforschung4 Schwerpunkte der Jugendsprachforschung4.1 Jugendsprache als historisches Phänomen4.2 Jugendsprache als Entwicklungsphänomen in der Sprachbiographie4.3 Jugendsprache als Gruppenphänomen4.4 Jugendsprache als Medienphänomen4.5 Jugendsprache als internationales Phänomen4.6 Jugendsprache als Sprachkontaktphänomen4.7 Jugendsprache als Phänomen des Sprachbewusstseins5 Zwischenbilanz zum aktuellen Forschungsstand5.1 Erweiterung des Gegenstandsfelds5.2 Vielfalt der Methoden5.3 Typizität in der Heterogenität?

 III Theoretische Konzepte der Jugendsprachforschung1 Jugend und Jugendsprache1.1 Eindimensionale Modelle1.2 Mehrdimensionale Modelle2 Jugendsprache und Standardsprache2.1 Linguistische Varietäten: eine sprachsystembezogene Sicht2.2 Jugendsprache im multidimensionalen Varietätenraum2.3 Subkulturelle Stile: eine soziolinguistische Sicht3 Jugendsprache und Sprachwandel3.1 Prozesse von Stilbildung und Stilverbreitung3.2 Prozesse der Substandardisierung3.3 Medien als Promotoren sprachlichen Wandels

 IV Deutsche Jugendsprachen: Geschichte und Gegenwart1 Frühe Formen von Jugendsprachen in der Sprachgeschichte1.1 Historische deutsche Studentensprache1.2 Frühe Beiträge zur Schülersprache1.3 Forschungsdesiderate2 Jugendsprachen in der jüngeren Sprachgeschichte nach 19452.1 Jugendliche in der Nachkriegszeit: Halbstarke und „Halbstarken-Chinesisch“2.2 Jugendliche in den 60er Jahren: Teenager und „Teenager-Jargon“2.3 Antiautoritäre Studentenbewegung und „APO-Sprache“2.4 Studentischer Sprachgebrauch in den 80er Jahren: Sponti-Bewegung und „Betroffenheits-Jargon“2.5 Entwicklung alternativer Szenesprachen2.6 Jugendsprache in der DDR3 Jugendsprache und deutsche Gegenwartssprache3.1 Jugendliche Sprach- und Lebensstile in der heutigen Erlebnisgesellschaft3.2 Typizität in der Heterogenität gegenwärtiger Jugendsprachen3.3 Innere Mehrsprachigkeit von Jugendsprachen3.4 Äußere Mehrsprachigkeit von Jugendsprachen3.5 Zwischenfazit

 V Jugendsprachen in Schule und Unterricht1 Schülersprache, Schulsprache und Unterrichtssprache1.1 Kommunikation in Jugendgruppen als sozialisatorische Interaktion1.2 Kommunikation in Schule und Unterricht als Mittel der Sozialisation in die Schülerrolle1.3 Haupt- und Nebenkommunikation im Unterricht und Identitätsbalancen2 Sprachleistungen von Jugendlichen innerhalb und außerhalb der Schule2.1 Jugendtypische Formen sprachlicher Höflichkeit2.2 Registervielfalt2.3 Sprachbewusstsein3 Jugendsprachen als Unterrichtsthema: was man an ihnen und was man über sie lernen kann3.1 Muttersprachlicher Deutschunterricht3.2 Deutsch als Fremdsprache-Unterricht

  Literaturverzeichnis

  Abbildungsverzeichnis

  Personenregister

  Sachregister

Vorwort zur Neuauflage

Die Hochkonjunktur des Themas „Jugendsprache“ dauert auch fast zehn Jahre nach dem Erscheinen der Erstauflage dieses Bandes noch ungebrochen fort. Die Aufgeregtheit in der öffentlichen Diskussion hat allerdings nachgelassen; und damit wurde auch der Blick freigemacht für die vielen zwischenzeitlich neu hinzugewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Diese wurden vor allem im Rahmen der drei weiteren internationalen Fachkonferenzen präsentiert, die 2011 in Freiburg, 2014 in Karlsruhe und 2016 in Graz stattfanden. Die jeweiligen Publikationen (herausgegeben von KotthoffKotthoff, Helga/Mertzlufft 2014, Spiegel/Gysin 2016, ZieglerZiegler, Evelyn i. E.) demonstrieren eindrucksvoll die inhaltlichen und methodischen Weiterentwicklungen der internationalen Jugendsprachforschung. Schließlich erfreut sich das Thema „Jugendsprache“ aber auch in Schule und Sprachunterricht im In- und Ausland weiterhin großer Beliebtheit, vor allem bei den Jugendlichen selbst.

Die Neuauflage dieser Einführung kann diesen Aspektreichtum nur ansatzweise aufgreifen, indem wichtige neue Fragestellungen, Gegenstandsfelder und ausgewählte Ergebnisse einbezogen und mit einer Vielzahl von Textbeispielen veranschaulicht werden.

Eva Neuland Wuppertal, im August 2017

Vorwort

Jugendsprache hat Hochkonjunktur: als Schlagwort in der Öffentlichkeit, als Forschungsgegenstand in der Sprachwissenschaft, als konkrete Spracherfahrung von Eltern, Lehrkräften und nicht zuletzt von Jugendlichen selbst.

Jugendsprache ist ein Ausdruck mit vielen Lesarten:

 In der Öffentlichkeit ist die Rede von der Sprache der Jugend, von Kiez- und Szenedeutsch. Die Jugendsprache gilt immer noch und immer wieder als Stein des Anstoßes, der VerständigungsproblemeVerständigungsprobleme zwischen den Generationen und negative Einflüsse auf die Allgemeinsprache auslöse. Zugleich wirkt Jugendsprache aber auch als ein Faszinosum und als Attraktion auf dem Markt der Jugend- und Szenewörterbücher.

 In den Sprach- und Kulturwissenschaften werden solche öffentlichen Lesarten von Jugendsprache als mediale Konstruktionenmediale Konstruktion kritisiert. Die linguistische Jugendsprachforschung charakterisiert die unterschiedlichen Sprachgebrauchsweisen von Jugendlichen als VariationsspektrumVariationsspektrum und Ensemble subkultureller Sprachstile.

 In Familie, Schule und Jugendarbeit herrscht Informations- und Aufklärungsbedarf im Hinblick auf den Umgang mit Jugendsprache bei Kindern und Jugendlichen im Spektrum zwischen Akzeptanz, Duldung und Abwehr.

 Und die Jugendlichen selbst? Sie scheinen von der Existenz einer eigenen Jugendsprache fest überzeugt, nutzen sie identifikatorisch in ihren GruppenGruppe und SzenenSzene, vergnügen sich am Spiel mit Sprache und an der Abwandlung von Gewohntem und setzen die Wirkung eines solchen Sprachgebrauchs oft bewusst ein.

 Schließlich erfreut sich das Thema Jugendsprache einer großen Beliebtheit im schulischen Sprachunterricht – und in der universitären Lehre. Nicht nur Lehramtsstudierende wollen etwas über die Jugendsprache und an der Jugendsprache lernen und Einsichten in Gebrauchsweisen der deutschen Sprache gewinnen.

Die vorliegende Einführung will mit dem vielschichtigen Phänomen der Jugendsprache vertraut machen. Zunächst werden öffentliche Diskurse und mediale Konstruktionenmediale Konstruktion von Jugendsprache aus kulturanalytischerkulturanalytisch Sichtweise erörtert. Anschließend werden Grundlagen und Entwicklungen der Jugendsprachforschung in Deutschland aufgezeigt. Im Zentrum stehen deutsche Jugendsprachen in ihren gesellschaftlich-historischen Erscheinungs- und Funktionsweisen in Geschichte und Gegenwart. Neben frühen Formen von Studenten- und Schülersprachen werden Entwicklungsetappen von Jugendsprachen in der jüngeren deutschen Sprachgeschichte nach 1945 bis zur Gegenwart verfolgt. Auf der Grundlage der in aktuellen theoretischen Konzepten der linguistischen Jugendsprachforschung vertretenen Heterogenitätsthese wird dabei nach jugendtypischen Merkmalen des Sprachgebrauchs, also nach Typizität in der HeterogenitätHeterogenität gefragt. Ein Ausblick auf Jugendsprachen in Schule und Unterricht schließt die Darstellung ab.

Die Einführung soll Studierende der Sprach- und Kulturwissenschaften zu wissenschaftlicher Eigenarbeit und empirischen Erkundungen anregen und angeleitetes forschendes Lernen ermöglichen. Dabei kann die hier notwendige Beschränkung auf deutsche Jugendsprachen und die Konzentration auf die deutschsprachige Jugendsprachforschung durch kontrastivekontrastiv Analysen von Jugendsprachen in anderen Ländern und Kulturen und durch den einschlägigen internationalen Forschungstand erweitert werden. Die weiterführenden Literaturhinweise können zur vertiefenden Lektüre für spezifische Fragestellungen genutzt werden. Schließlich möchte die Einführung dazu beitragen, der Perspektivenverengung des Themas Jugendsprachen in der Medienöffentlichkeit entgegen zu wirken und den linguistischen wie interdisziplinären Perspektivenreichtum aufzuzeigen.

Abschließend sei vielen an dieser Stelle für das Zustandekommen dieser Einführung gedankt: den Studierenden für ihr nicht nachlassendes Interesse und ihre Erwartungen, Freunden und Kollegen im In- und Ausland für wertvolle Hinweise und Chancen zum fachlichen Austausch, den Jugendlichen, Eltern und Lehrkräften für das entgegengebrachte Vertrauen in unseren Gesprächen, meiner Familie für Geduld und Ermutigung. Nicht zuletzt danke ich meinen Mitarbeitern für ihre Unterstützung, ganz besonders Kerstin Runschke für die Hilfe bei der Manuskripterstellung.

Eva Neuland September 2008

I Zur Einführung
1 Jugend und Jugendsprache im Spiegel öffentlicher Meinungen

Jugendsprache als Praxis eines besonderen Sprachgebrauchs Jugendlicher ist sehr viel älter als der linguistische Forschungsgegenstand Jugendsprache. Die Entwicklung einer linguistischen Jugendsprachforschung, die in Deutschland erst auf eine knapp 30-jährige Geschichte zurückblicken kann, verdankt sich nicht allein wissenschaftsinternen Motiven; vielmehr wurde ein solches Forschungs- und Erkenntnisinteresse in besonderer Weise durch den gesellschaftlichen Bedingungsrahmen begünstigt. Jugendliche Verhaltensweisen und damit auch das Sprachverhalten Jugendlicher wurden in einem bestimmten historischen Moment zu einem gesellschaftlichen Problem, das in der öffentlichen Diskussion zwar ausgiebig thematisiert wurde, dessen „Lösung“ jedoch wissenschaftliche Analysen erforderlich machten. Jugendsprache wurde so zum Thema öffentlicher Diskussion, noch bevor sie Gegenstand sprachwissenschaftlicher Forschung war.

Dies sei im Folgenden an Beispielen einiger Entwicklungsstationen der letzten 40 Jahre veranschaulicht.

1.1 JugendrevoltenJugendrevolte als Indikatoren gesellschaftspolitischer KonflikteKonflikt

Gegen Ende der 70er Jahre machten Jugendliche in Deutschland, in der Schweiz wie auch in anderen westeuropäischen Ländern ihren Unmut über sie unmittelbar betreffende gesellschaftspolitische Zustände in sog. „JugendrevoltenJugendrevolte“ laut, mit denen sie sich autonome Handlungsräume erkämpfen wollten. Insbesondere wurden die Schließung „autonomer Jugendzentren“1Müller-Münch, Ingrid sowie die Räumung besetzter Häuser zum Auslöser von Protesten der Jugendlichen. Mit spektakulären Aktionen brachen Jugendliche aus dem von der politischen Öffentlichkeit unterstellten gesellschaftlichen Konsens aus. Als besonderes Ereignis bleibt ein Hearing des ZDF2Jugendrevolte mit Politikern und jugendlichen Hausbesetzern in Erinnerung. Als diese sich nicht mehr an die vorgegebenen Regeln des Mediendiskurses hielten, wurde die Live-Sendung abgebrochen.

Die jugendlichen Hausbesetzer einte nicht unbedingt ein explizites politisches Programm, wie es in der vorhergehenden Schüler- und Studentengeneration der APO der Fall war3; sie einte vor allem ihr Anspruch auf Autonomie und Selbstbestimmung. Dieser Anspruch manifestierte sich auch in ihrem Sprachgebrauch. In der politischen und medialen Öffentlichkeit wurde alsbald von einem „Jugendproblem“ gesprochen und die damalige GenerationGeneration der Jugendlichen als „Null Bock-GenerationNull Bock-Generation“ etikettiert.4Haller, MichaelOltmanns, ReimarBrückner, PeterKraushaar, Wolfgang

Abb. I.1.1:

Titelblatt HallerHaller, Michael 1981

Das Jugendproblem wurde zum Auslösefaktor für eine ganze Welle populärwissenschaftlicher Betrachtungen, aber auch wissenschaftlicher Analysen und groß angelegter empirischer Untersuchungen. So entstanden vor allem die sog. Shell-StudienShell-Studie, die seit Beginn der 80er Jahre auf der Grundlage von repräsentativen Befragungen und Einzelfallstudien Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen von Jugendlichen dokumentieren.5 Vereinzelt wurden aber bereits kritische Stimmen laut, die sich gegen das Aushorchen der „gläsernen“ Jugendlichen wandten und, wie der Jugendforscher Hartmut GrieseGriese, Hartmut, politisch geltend machten, dass Jugendprobleme verschleierte bzw. verschobene Gesellschaftsprobleme sind und von daher auch auf der Ebene des sozialen und kulturellen WandelsWandelkultureller diskutiert werden müssen.6Griese, Hartmut In der Öffentlichkeit herrschte hingegen weithin eine Problemverschiebung auf den Fokus des GenerationskonfliktsGenerationskonflikt und eine Perspektivenverengung auf die Kritik an den Umgangsformen und sprachlichen Ausdrucksweisen von Jugendlichen vor.

1.2 Jugendsprache als Symptom für „SprachverfallSprachverfall“?

Mit den JugendrevoltenJugendrevolte sind aber auch die sprachlichen Äußerungsformen Jugendlicher zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung geworden. In ganz unterschiedlich motivierten Zusammenhängen wurde in der damaligen Zeit „die Jugendsprache“ von Vertretern aus Politik und Wirtschaft, aber auch von Eltern- und Lehrerschaft als „FäkalspracheFäkalsprache“ oder auch „ComicspracheComicsprache“ abgewertet und als Exempel für Normverweigerung, für SprachverfallSprachverfall bis hin zur SprachlosigkeitSprachlosigkeit kritisiert. Während der Vorwurf der Verwendung „unanständiger“ Ausdrücke von Jugendlichen sich bis in die Sprachgeschichte zurückverfolgen lässt, ist die Kritisierung als eine „Comicsprache“ terminologisch neu und lenkt den missbilligenden Blick auf die Verwendung von Laut- und Kurzwörtern.1 Doch ist das dahinter stehende Argument, dass Jugendliche keine Grammatik mehr beherrschen und kein SprachgefühlSprachgefühl mehr haben würden, zumindest aus der Tradition der SprachpflegeSprachpflege und SprachkritikSprachkritik der Nachkriegszeit bekannt.

Der Topos der SprachlosigkeitSprachlosigkeit und speziell der Gesprächsunfähigkeit ist im politischen Kontext der Zeit besonders aufschlussreich. Die Dokumentation des Schriftstellers Peter RoosRoos, Peter „Kaputte Gespräche“ hat solche Äußerungen von Vertretern der politischen Öffentlichkeit und fast aller Parteien festgehalten.

Abb. I.1.2:

Titelblatt RoosRoos, Peter 1982

So klagte die Literaturwissenschaftlerin und damalige CDU-Abgeordnete Gertrud Höhler in einer Wochenzeitung über ein Gespräch mit Gymnasiasten:

Diese Jugend, wenn sie uns ihre Formeln fürs Weltgeschehen auftischt, redet gar nicht mehr mit uns. Sie schirmt sich durch Sprachsignale ab, die ihre Gruppensolidarität stabilisieren.2Roos, Peter

Und ein ähnlicher Tenor spricht aus dem folgenden Zitat des damaligen SPD-Abgeordneten Peter Glotz:

Es gibt ja eine breiter werdende Diskussion über den Narzissmus der jungen Generation, also einen ganz bestimmten psychologischen Zug, das In-sich- selbst-Zurückziehen und die Nachteile, die daraus für das Persönlichkeitsbild entstehen, eben die Kommunikationslosigkeit, dieses stumme In-sich-Zurückziehen-und-dort-die-Gefühle-Selbermachen, sozusagen ohne Außenwelt.3Roos, Peter

Verallgemeinernd kann festgehalten werden: Wann immer vom drohenden „SprachverfallSprachverfall“ oder gar vom „Verlust der Schriftkultur“ die Rede ist, wurde und wird die Sprache der Jugendlichen als abschreckendes Beispiel genannt:

 Vertreter aus Industrie und Wirtschaft beklagen nachlassende Grammatik- und vor allem Rechtschreibkenntnisse bei jugendlichen Berufsanfängern.

 Lehrer wie Hochschullehrer kritisieren Ausdrucksschwächen und mangelndes SprachgefühlSprachgefühl bei Schülern und Studierenden.

 Politiker und Journalisten haben bei einer ganzen Generation „DialogverweigerungDialogverweigerung“, ja, „DialogunfähigkeitDialogunfähigkeit“ diagnostiziert.

 In Leserbriefen machen Zeitungsleser ihrer Empörung über den „Vulgärjargon“„Vulgärjargon“ und das „Comicdeutsch“ Jugendlicher Luft.

Solche Negativurteile über die Sprache Jugendlicher sind in der deutschen Sprachgeschichte nicht neu. Neu jedoch ist ihre massenmediale Verbreitung in der Öffentlichkeit. Presseberichterstattung und publizistische SprachkritikSprachkritik tragen oft maßgeblich zu solcher Meinungsbildung bei.

Dies demonstriert exemplarisch jener bereits oft zitierte Titel der Wochenschrift DER SPIEGEL „Deutsch: Ächz, Würg. Eine Industrienation verlernt ihre Sprache“ vom Juli 1984:

Abb. I.1.3:

Titelblatt DER SPIEGEL 1984

Zum Beleg der These vom SprachverfallSprachverfall werden in bunter Mischung Zitate und Beispiele präsentiert: kommunikationstechnologische Entwicklungen, zunehmender Gebrauch der neuen elektronischen aber auch extensive Nutzung der audiovisuellen Medien, das Vorherrschen von Piktogrammen und Formularvordrucken im alltäglichen Leben. Bemerkenswerterweise werden aber auch die Reformkonzepte des Deutschunterrichts und der BildungspolitikBildungspolitik der 70er Jahre in einem Atemzug für die vermeintlichen Verluste an Schriftsprachkultur verantwortlich gemacht.

Die öffentliche Verbreitung solcher subjektiven Meinungsäußerungen, die durch keinerlei wissenschaftliche Belege gestützt werden, erweist sich als mehrfach problematisch4Neuland, Eva:

 Einerseits trägt sie zu einer vorschnellen und einseitigen bis hin zu sachlich falschen Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bei mit dem Effekt, dass Veränderungen im Sprachgebrauch oft als Fehler, Mängel oder Defizite angesehen werden, während sie vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus als übliche Prozesse von SprachwandelSprachwandel beschrieben werden. Die Linguistik bezeichnet solche Laienurteile über „SprachverfallSprachverfall“ als einen „Mythos“5Klein, Wolfgang und als „Mär vom Yeti“6Sieber, Peter/Sitta, HorstSitta, Horst.

 Andererseits ist aber eine solche Berichterstattung problematisch im Hinblick auf die Folgerungen, die daraus gezogen werden. Diese zeigen sich vor allem im Bereich der BildungspolitikBildungspolitik, wenn etwa gefordert wird, dass im Deutschunterricht wieder mehr traditioneller Grammatikunterricht erteilt und klassische Literatur auswendig gelernt werden soll.

Diese Prozesse veranschaulicht das folgende Beispiel eines Pressekommentars der Tageszeitung: Die Welt aus dem Jahr 1986 über eine wissenschaftliche Konferenz, auf der eine Meinungsumfrage zu Thema: Veränderungen im heutigen Deutsch vorgestellt wurde.7Stickel, Gerhard/Volz, Norbert Meinungen über den Sprachgebrauch werden dabei vorschnell als Tatsachenfeststellungen ausgegeben und die Schuld am vermeintlichen „SprachverfallSprachverfall“ den Reformen des Deutschunterrichts zugeschrieben.

Der Kommentar: Sprachverfall

[…] Mehr als achtzig Prozent der Befragten sehen das Deutsche auf der Straße des Verfalls. Die Verschlampung der Sprachregeln, das Fachchinesisch der Experten, die Null-Bock- und Sprechblasensprache der Jugendlichen und die Überflutung mit Fremdwörtern werden meistens beklagt – und es ist kein Wunder, daß diese Erscheinungen den Älteren am meisten auffallen: sie haben in ihrer Jugend noch einen gründlichen, an der Hochsprache der Klassiker geschulten Deutschunterricht erhal- ten. […] Was man die gehobene, formvollendete Ausdrucksweise nennt, was in unse- ren Nachbarländern im Westen wie übrigens im Osten mit Recht Kultursprache heißt, das verhöhnen Linguisten und Didaktiker als „elaborierten Code“. Statt Grammatik und Goethe setzten sie den Kindern Bierdeckel und Plakate als Themen des Deutsch- unterrichts vor. Man muß sich nicht darüber wundern, daß dadurch Sprachwissen und Sprachbeherrschung für eine ganze Generation vergeudet und zerstört wurden. […]

(In: Die Welt, 15.03.1986: Sprachverfall, Kommentar von D. Guratzsch)

Eine andere Sicht auf die These von der Jugendsprache als Symptom für SprachverfallSprachverfall sowie für DialogunfähigkeitDialogunfähigkeit erschließt sich allerdings, wenn einige der damals tatsächlich stattgefundenen Gespräche zwischen Politikern und Jugendlichen mit den Mitteln der GesprächsanalyseGesprächsanalyse genauer untersucht werden. Die o.g. Publikation des Schriftstellers Peter RoosRoos, Peter von 1982 unter dem bezeichnenden Titel „Kaputte Gespräche“ dokumentiert ein solches Gespräch des damaligen Bundeskanzlers Schmidt mit einer Gruppe von Lehrlingen im Bundeskanzleramt. Roos hat dieses Gespräch nicht nur auszugsweise dokumentiert, sondern zugleich auch aus zeitgenössischer Sicht und stellvertretend für die Jugendlichen kommentiert. Dabei weist er auf, dass die Gründe für das Misslingen von Gesprächen nicht einseitig und verkürzt den Jugendlichen angelastet werden können, die sich mit ihren ZwischenrufenZwischenrufe aus der Sicht der Politiker und der von ihnen bestimmten Gesprächsführung nicht mehr an die Regeln halten.

Gesprächsanalytisch lässt sich zeigen, dass im Verlauf des politisch inszenierten Dialogs den Jugendlichen immer mehr die Rolle von Zwischenrufern zugewiesen wird. Die in den 80er Jahren vorgebrachte These von der vermeintlichen „DialogunfähigkeitDialogunfähigkeit“ von Jugendlichen kann zum großen Teil als eine vordergründige politische Taktik entlarvt werden, missliebige Meinungen und veränderte Sprachgewohnheiten Jugendlicher zu diskreditieren. Dass eine solche „Dialogunfähigkeit“ von Jugendlichen nicht generell gegeben ist, sondern vielmehr punktuell hergestellt wurde, dies zeigen andere „Dialoge“ mit der Jugend von Politikern, denen es besser gelungen ist, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.8

1.3 Jugendlicher Sprach- und Lebensstil als Projektionsobjekt

Fragen wir weiter nach Gründen für die durch die Intensität der öffentlichen Diskussion dokumentierte Anziehungskraft des Themas „Jugend“ und „Jugendsprache“ auf „erwachsene“ Vertreter älterer Generationen und für das damalige Vorherrschen kritischer Sichtweisen und Negativurteile, rücken neben dem gesellschaftspolitischen Rahmen des Spannungsverhältnisses zwischen den Generationen auch sozialpsychologische Aspekte der Identifikation und ProjektionProjektion in den Blick. So lässt sich zumindest ein Teil der Negativurteile der älteren Generationen aus dem Funktionieren jenes Projektionsmechanismus erklären, durch den die „ehemaligen“ Jugendlichen ihre eigene Lebensgeschichte mit ihren erfüllten und unerfüllten Erwartungen, Wünschen und Hoffnungen auf die heutigen Jugendlichen übertragen. Insofern machen die in der Öffentlichkeit als auch in vielen privaten Diskussionen vorgebrachten Argumente stets auch und vielleicht sogar eher Aussagen über die Diskutanten selbst.1Neuland, Eva

Dabei ist der Projektionsvorgang sicherlich nicht vordergründig allein so zu verstehen, dass die Erwachsenen in den Jugendlichen ihre eigenen Verhaltensweisen und Wertvorstellungen nur unzureichend verkörpert sehen, wie es eine sprachpflegerische These vom SprachverfallSprachverfall der heutigen Jugend nahelegen könnte. Eine nicht nur sprachliche Sittenlosigkeit – die „wir uns früher nie gewagt hätten“, um es an einem Alltagsargument zu verdeutlichen – kann daneben auch als Zeichen einer selbst nie gelebten Normübertretung oder Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen gelten. Diese ist allenfalls ein Privileg der Jugend, das allerdings sogleich als Zeichen einer kindlichen Unreife wieder stigmatisiert wird.

Dies verdeutlicht auch das Beispiel jener Argumentationsrichtung aus den 80er Jahren, die den damaligen Jugendlichen nicht nur ein Abschirmen durch Wortsignale und Sprüche, sondern darüber hinaus auch eine Rationalitätsfeindlichkeit und Unlust zu argumentativer Auseinandersetzung, einen Mangel an analytischer Begrifflichkeit und theoretischer Abstraktionsfähigkeit vorhält. Diese Urteile können zumindest teilweise aus einem historischen Hintergrund erklärt werden: Sie resultieren vor allem aus einem Vergleich späterer Jugendsprachen mit der Schüler- und Studentensprache der „APO-Generation“, aus der Teile der so argumentierenden Eltern- und Lehrergeneration hervorgegangen sein mögen.2

In diesem Sinne begründet Klaus HolzkampHolzkamp, Klaus in seiner kulturpsychologischen Analyse dieses Spannungsverhältnis zwischen den GenerationenGeneration, das zum Teil auch Züge des Entwicklungsneids und der Jugendfeindlichkeit annehmen kann, mit einer Bedrohung des Abwehrsystems und der Lebensbewältigungsstrategien der durchschnittlich angepassten, kompromissgenötigten Erwachsenenexistenz in Form einer „Wiederkehr des Verdrängten“3 aus den verschütteten Alternativen des Kampfes um ein erfüllteres Leben“4Holzkamp, Klaus, wobei dieser Prozess dann wieder zu einer verstärkten Abwertung und Ausgrenzung der Jugendlichen führt.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein solches Motiv bei den periodisch wiederkehrenden und sich in der Argumentationsstruktur durchaus ähnelnden sprachkritischen Stimmen zur Jugendsprache in den verschiedenen historischen Epochen eine Rolle gespielt haben mag.

Daraus lässt sich schließen, dass die öffentlichen kritischen Diskurse über Jugendsprache durchaus nicht universell, sondern zeitdiagnostisch im Hinblick auf die jeweils vorherrschenden Normvorstellungen von Sprachgebrauch und Sozialverhalten zu analysieren sind. Spannungsverhältnisse zwischen den Generationen und darauf basierende ProjektionsprozesseProjektionsprozess setzen allerdings eine GenerationendifferenzGenerationendifferenz voraus, die für die 80er Jahre noch angenommen werden kann, die sich aber seitdem zunehmend zu verringern scheint.

Gegenüber der vorherrschenden Außensicht auf Jugendsprache als Objekt der SprachkritikSprachkritik soll aber auch ein Beispiel aus der damaligen öffentlichen Berichterstattung Erwähnung finden, das eine Innensicht der Jugendlichen selbst präsentiert. Und zwar verwenden diese die Jugendsprache als Mittel der Sprachkritik, vor allem als Kritik des Sprachgebrauchs von Politikern.

Dieses Beispiel stammt aus dem schulischen Kontext, und zwar aus der Beschäftigung einer Projektgruppe eines Bonner Gymnasiums mit dem Thema Jugendsprache.5 Die Schülerinnen und Schüler haben hier eine jugendsprachliche ÜbersetzungÜbersetzung einer Rede des damaligen Bundeskanzlers Kohl erarbeitet. Dabei ging es ihnen allerdings nicht um eine Wort-zu-Wort-Übersetzung; vielmehr macht ihr Textvergleich neben der Entlarvung von Phrasenhaftigkeit des politischen Sprachgebrauchspolitischer Sprachgebrauch auch auf die unterschiedlichen Erfahrungsbereiche und Sichtweisen zwischen den Generationen deutlich, und zwar sowohl in Form von Aussparungen als auch von Differenzierungen. Dazu ein Beispiel:


Originaltext Kohl Jugendsprachliche Übersetzung
Unser Staat braucht die zupackende Mitarbeit der jungen Generation. Das Antörnen der Teenies ist für unser Land eine echt coole Sache.
In diesem Jahr werden alle Jugendlichen, die ausbildungswillig und ausbildungsfähig sind, eine Lehrstelle erhalten können. […] Auch wird jeder ne geile Azubistelle raffen können. […]
Wir müssen der jungen Generation Hoffnung geben. Wir müssen es als Laberköpfe endlich raffen, eh, den langhaarigen Körnerfressern, Poppern, Punks, Schleimern, Schnallis, Tunten, Prolis und Alkis den Null-Bock auf Future zu nehmen.

Ein solches sprachkritisches und sprachspielerisches Potential der Jugendsprache wurde von der öffentlichen Kritik der damaligen Zeit völlig übersehen.

2 Jugendsprache in öffentlichen Diskursen und medialen Konstruktionenmediale Konstruktion

Schon in den 80er Jahren ist zunehmend eine Berichterstattung über Jugendsprache in der Presse zu bemerken, die nicht mehr ausschließlich von pädagogischer Besorgnis geprägt ist.

Mit der FAZ-Glosse: „Können Sie noch Deutsch?“ hatte die Tagespresse schon 1979 ihrer Leserschaft das „Disko-DeutschDisko-Deutsch“ präsentiert und zur Erleichterung des Verständnisses eine Version „Normal-Deutsch“ beigefügt. Ein Textauszug lautet:


Disko-DeutschDisko-Deutsch Normal-Deutsch
[…] Ich Chaot hatte keine Matte mit, weil ich meinen Kaftan vergessen hatte, und sagte zu Peter, er solle mal ausklinken. […] Dummerweise hatte ich kein Geld dabei, weil ich mein Jackett vergessen hatte und bat Peter, er möchte für mich zahlen.
In dem Schuppen zogen ein paar People schon eine heiße Show ab. In dem Lokal sorgten einige Leute gehörig für Stimmung.
Wir machten eine kurze Fleischbeschauung und Peter machte sich sofort daran, eine riesige Tussi anzugraben. Wir sahen uns etwas um, und Peter begann sofort mit einem hübschen Mädchen zu flirten.
Die war echt einsam, aber ich hatte einfach keinen Schlag bei ihr. […] Sie war wirklich ausnehmend schön, aber ich hatte keine Chance bei ihr. […]

2.1 VerständigungsproblemeVerständigungsprobleme zwischen den Generationen?

Bekannt wurde Elke Heidenreichs Hörfunk-Sketch in der NDR II-Sendung „Espresso“ von Dezember 1983 über eine briefliche Verabredung zwischen dem Enkel Harry und seiner Oma zum bevorstehenden Weihnachtsfest, von der ein Auszug vorgestellt sei:

Liebe Oma, Stollen, Baum, Gänsebraten (würg!), die ganze alte Bürgerscheiße, Du bist doch total out, bei Dir läuft der falsche Film, Oma! Aber gut, komme also am vierundzwanzigsten, und bringe Pinky, Zomby, Schleimi und Fuzzy mit, haben alle Schlafsäcke, mach also null Extra-action! Die Fete ist dann zwar übermackert, aber vielleicht reißen wir irgendwo noch Bräute auf – sonst bist Du ja da – Oma, du bist echt geil! Wir werden Weihnachten tierisch abheben. […]

(Heidenreich 1983)

VerständigungsproblemeVerständigungsprobleme zwischen den Generationen konstruierte auch der Karikaturist Fritz Wolf in seinen damaligen in der Illustrierten „SternStern, Clara u. William“ abgedruckten Comics. Dieses Argument, hier noch karikiert, lebt seitdem in den Medien immer wieder einmal auf. Ein jüngstes Beispiel liefern Berliner Kurier und Berliner Morgenpost vom 13. 7. 2008.

Unter dem Titel „Verstehen Sie Ihre Kinder noch?“ präsentierte die BILD-Zeitung vom 2. Mai 2000 das „Szene-Deutsch für Anfänger“ als „Thema des Tages“. Einem „Kiddie-Text“ wird eine ÜbersetzungÜbersetzung in „normales Deutsch“ gegenübergestellt, wie es das folgende Beispiel des Textanfangs demonstriert:


Verstehen Sie Ihre Kinder noch? Szene-Deutsch für Anfänger Kiddie-Text – die ÜbersetzungÜbersetzung
Mark ist immer auf dem Sprung. Mark ist viel unterwegs.
Nach der Schule cruised er mit dem Board zum nächsten Hangout, wo die Locals in der Halfpipe ihre Jumps durchziehen. Nach der Schule fährt er mit seinem Skateboard an den nächsten Treffpunkt, wo seine Freunde aus der Nachbarschaft an einer Schanze ihre Tricks üben.
Wer bei den Übungen hinfällt, gilt unter den Könnern als Verlierer und wird zum Spott freigegeben. […]

Durch die mediale Entdeckung der Jugendsprache in den frühen 80er Jahren wird das Phänomen zugleich selbst medial gestaltet und stilisiert1Neuland, EvaDoing Youth und zum Aufbau und zur Steuerung verschiedener gesellschaftlicher Diskurse genutzt.

Je nach Verwendungszweck gibt „Jugendsprache“:

 als Sprachnormverstoß Anlass zur Kritik, Klage und Empörung,

 als Sprachverfremdung Anlass zur pädagogischen Besorgnis,

 als Sprachkarikatur Anlass zu Belustigung und Amüsement.2

Die angeführten Beispiele aus den 80er Jahren folgen dieser Entwicklungstendenz von der Empörung zur Belustigung und zum Amüsement.

2.2 Jugendsprache als Konsumgut

Schneller, als es die sich gerade erst entwickelnde linguistische Jugendsprachforschung ermöglichte, befriedigten populärwissenschaftliche Veröffentlichungen das öffentliche Informationsbedürfnis. Dies bestätigt ein Blick auf den sprunghaft expandierenden Markt der WörterbücherWörterbücher, die gleichsam als „Schlüssel für die Szene“ fungierten. Die hohen Verkaufszahlen sprechen dafür, dass hier eine Nachfrage erkannt, durch die attraktiv aufgemachten Angebote aber zweifellos auch verstärkt wurde.

Die 1983 erschienenen „Sprache und Sprüche der Jugendszene“: „Laß uns mal ’ne Schnecke angraben“ des Psychotherapeuten Claus Peter Müller-Thurau standen monatelang auf Platz 1 der Beststeller-Liste. Laut Klappentext können Eltern lernen:

Was bedeutet „knacken“, „ömmeln“, „abschnallen“ oder „Bock haben“? Was ist mit „Haste Bock auf ’ne Mafia-Torte?“ oder mit „Die Tussi törnt mich mächtig an“ gemeint“?

1985 folgte sein „Lexikon zur Jugendsprache“:

Abb. I.2.1:

Titelbild Lexikon

„In diesem endgültigen, umfassendsten, witzigsten und aktuellsten Buch zur Sprache der Jugend finden Eltern, Erzieher und Ausbilder alles, was sie wissen müssen, um ihre heranwachsenden Chippies, Fuzzies, Grünis, Mufties, Müslis, Muttis, Popper, Prolos, Punks, Sahneschnitten, Schlaffies, Schnecken, Skinheads, Spontis, Teds und Teenie-Bopper zu verstehen“.

(Klappentext Müller-Thurau 1985)

Diese Lektionen lernten anscheinend Journalisten und Karikaturisten besonders schnell. Das KonstruktionsprinzipKonstruktionsprinzip der „jugendsprachlichen Textversionen“ und der „VerständigungsproblemeVerständigungsprobleme zwischen den Generationen“ ist leicht durchschaubar: die WörterbücherWörterbücher der Jugendsprache haben bei diesen ÜbersetzungenÜbersetzung ausgeholfen.

Weitere Wörterbücher der 80er Jahre haben sich auf Ausschnitte der Jugendsprache konzentriert wie WandsprücheWandsprüche, Schüler- und SzeneSzene-Sprache, oft mit dem Zusatz „das Letzte aus der Szene“ und stets „die neuen Sprüche“.

 Was an deutschen Wänden steht (Gamber 1983)

 Do you speak Sponti – das Letzte aus der Scene (Gamber u.a. 1984)

 Von Anmache bis Zoff. Ein Wörterbuch der Szene-Sprache (HoppeHoppe, Almut u.a. 1984)

 Angesagt: Scene-Deutsch. Ein WörterbuchWörterbücher (Rittendorf u.a. 1984). In den 90er Jahren folgen u.a.:

 Affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache (EhmannEhmann, Hermann 1992)

 Oberaffengeil. Neues Lexikon der Jugendsprache (EhmannEhmann, Hermann 1996)

 Duden. Wörterbuch der Szenensprache (2000)

 Voll konkret. Das neueste Lexikon der Jugendsprache (EhmannEhmann, Hermann 2001)

 Leet & leiwand: das Lexikon der Jugendsprache (Sedlaczek 2006).

Bei diesem Markt der WörterbücherWörterbücher handelt es sich um Publikationen ohne wissenschaftlichen Anspruch, aber auch ohne wissenschaftlich gesicherte Aussagekraft, was die Auswahl der Lexeme und die Bedeutungszuschreibungen betrifft. Dieser Typ von Publikationen trägt entschieden zur Vermarktung von „Jugendsprache“ bei, und zwar durchaus profitabel für die Produzenten: Der Trend hält bis in die heutige Zeit an, z. T. mit immer aufwändigeren Publikationen wie das Techno-Lexikon (1998) oder das Graffiti-Lexikon (1998).1

Den bisherigen Höhepunkt stellt aber zweifellos das DUDEN-Wörterbuch der Szenesprachen aus dem Jahr 2000 dar, das sich in Inhalt und Aufmachung in die Tradition der populärwissenschaftlichen WörterbücherWörterbücher der Jugend- und Szenesprachen einreiht. Herausgegeben ist diese Publikation von einem „Trendbüro in Zusammenarbeit mit der Dudenredaktion“. Ein Großteil der verzeichneten Ausdrücke scheinen Augenblicksbildungen, Einzelfallbeispiele oder schlicht Erfindungen der Autoren, was durch befragte Jugendliche bestätigt wird, denen viele der aufgeführten Ausdrücke unbekannt sind. Jugendliche durchschauen diese Vermarktungsstrategie sehr wohl, wie die folgende Äußerung belegt:

„Es gibt Leute, die glauben, Szenesprache müsse man nur nachplappern, um ‚cool‘ zu sein und an die jugendliche Zielgruppe ranzukommen – als Lehrer, Sozialarbeiter oder Werbe-Mensch. Solche Leute haben in ihrer Jugend noch ‚megaaffengeil‘ gesagt, und man nennt sie Poser (…), denn die Poser, die dieses Nachschlagewerk vor allem benutzen werden, wollen ja nur bei passender Gelegenheit die eine oder andere auswendig gelernte Vokabel in den Raum schmeißen.“

(Kommentar einer Jugendlichen zum Duden-Wörterbuch der Szenesprachen im Remscheider Generalanzeiger vom 03.05.2000, S. 20)2Neuland, Eva

Seit 2008 hat der Langenscheidt-Verlag die Aktion: Jugendwort des JahresJugendwort des Jahres ins Leben gerufen. Per Internet werden Vorschläge gesammelt, letztlich entscheidet eine Jury unüberprüfbar nach Ermessenskriterien. 2008 landete der Ausdruck: Gammelfleischparty auf dem ersten Platz, in den letzten Jahren lauteten die Sieger: Yolo, Babo, Läuft bei dir?, Smombie, fly sein. I bims wurde als Jugendwort des Jahres 2017 angegeben. Die vermeintlichen Vorzüge dieses Verfahrens, u.a. freie Zuschriften über das Internet, transparenter Auswahlprozess, erwiesen sich jedoch als geschickte Marketing-Strategie für die jährlich erscheinende Langenscheidt-Broschüre: 100 Prozent Jugendsprache. Das Buch zum Jugendwort des Jahres. In die engere Wahl genommene Ausdrücke wie: hartzen und guttenbergen, aber auch Komposita wie: Gammelfleischparty, Niveaulimbo und Arschfax scheinen eher Konstruktionen aus der Feder professioneller „Trendbüros“. Die reklamierte Authentizität ist angesichts der Anonymität der Zuschriften und in Ermangelung von Gebrauchserhebungen zurückzuweisen. Jugendsprache als Konsumgut bleibt anscheinend aktuell.

Als Jugendwort des Jahres wurde 2017 die Formulierung I bims aus der sog. „Vongsprache“ ausgegeben3. Für einen peinlichen Öffentlichkeitsauftritt sorgte der Autohersteller Mercedes-Benz im Sommer 2017 mit dem Werbeslogan „I bims fancy S-Klasse“ für eine Luxuslimousine im Wert von fast 85.000.- Euro. Die öffentlichen Reaktionen reichten von Verwirrung bis zu einem Shitstorm in den sozialen Medien.

Indessen hat sich der Werbetrend mit konstruierten Beispielen der „Vongsprache“ fortgesetzt (u.a. bei Vodaphone und der Sparkasse) und selbst vor dem DUDEN nicht haltgemacht (Slogan: „Man muss immer auf korrekte Rechtschreibung 8en. Vong Grammatik her.“).

Inzwischen wurden eine Holyge Bimbel. Storys vong Gott u s1 crew sowie eine Faust-Ausgabe herausgebracht (I bims Faust) und die Formel: I bims x vong y her hat den Status eines geflügelten Wortes eingenommen – aber eben nur als Werbeslogan.

2.3 Brennpunkte der aktuellen SprachkritikSprachkritik

Die Brennpunkte der aktuellen SprachkritikSprachkritik sind wiederum zeitdiagnostisch aufschlussreich im Hinblick auf die Analyse von heute vorherrschenden Vorstellungen von Sprachgebrauch und Sozialverhalten. Jugendliche und ihre Eltern unterscheiden sich heute – im Unterschied zu der „skeptischen“ und der „antiautoritären“ Nachkriegsgeneration – kaum mehr in Kleidung, Freizeitvorlieben und Lebensstil, und auch der Sprachstil von Erwachsenen ist heute informeller als früher geworden. Im Unterschied zu der Großelterngeneration sind die meisten Eltern heute nicht mehr so schockiert über „unanständige Ausdrücke“ wie frühere Generationen. Im Zuge sozialer und kultureller Entgrenzungen sind Grenzüberschreitungen, auch verbale, heute zumindest seltener als früher geworden.

Dennoch bleiben im medialen Diskurs hauptsächlich die folgenden 4 Brennpunkte der aktuellen Kritik am Sprachgebrauch von Jugendlichen.1

 Jugendsprache als FäkalspracheFäkalspracheDer Vorwurf der „unanständigen“ Ausdrücke von Jugendlichen wurde schon in früheren Phasen der Sprachgeschichte erhoben. Und auch aktuell erregen Fäkal- und Sexualausdrücke (z.B. fick dich, Wichser) öffentliche Missbilligungen. Ob solche Ausdrücke tatsächlich von Jugendlichen häufiger als von Erwachsenen verwendet werden, ist wissenschaftlich nicht belegt. Vielmehr hat die Jugendsprachforschung inzwischen nachgewiesen, dass solche Ausdrucksweisen in der intragruppalen Jugendkommunikation überwiegend nicht in beleidigender provozierender, vielmehr oft auch in scherzhafter Absicht verwendet werden.2 In jugendtypischer Hinsicht werden die Bedeutungen gegenüber der Standardsprache oft erweitert, wie das Beispiel des Ausdrucks geil als positive Wertungsbezeichnung zeigt.

 Jugendsprache als ComicspracheComicspracheEs ist ein weitverbreitetes Vorurteil, dass Jugendliche sich nur noch in einer Art „,LallwörterLallwörter“-Kommunikation ausdrücken, keine Grammatik mehr beherrschen und kein SprachgefühlSprachgefühl mehr besitzen würden. Die moderne Variante dieser These bezieht sich auf den medientypischen Sprachgebrauch des sog. „Simsens“ und „Chattens“ mit seinen AbkürzungenAbkürzungen (z.B. cu für see you, lol für laughing out loud), InflektivkonstruktionenInflektivkonstruktion (grins, heul, freu) und nicht normgerechten Schreibweisen (froi, 4u) und führt zu der Befürchtung, dass sich ein solcher Sprachgebrauch allgemein bei Jugendlichen einbürgern könne. Abgesehen davon, dass der witzige Effekt gerade den medialen Kontext voraussetzt, findet diese Befürchtung keine wissenschaftliche Bestätigung.3Dürscheid, Christa

 Jugendsprache als DenglischDie öffentliche Kritik an einem Übermaß an EntlehnungenEntlehnungen aus Fremdsprachen ist ebenfalls aus der Sprachgeschichte bekannt. Im 18. Jahrhundert nahm es die Form einer Kritik an Entlehnungen aus dem Französischen an. Damals lautete der Vorwurf „Petitmätereipetits maîtres, Petitmäterei“.4 Heute wird, vor allem in der medialen Berichterstattung, die Furcht vor „Denglisch“„Denglisch“, einer deutsch-englischen SprachmischungSprachmischung, geschürt, die als Hauptursache eines vermeintlichen „SprachverfallsSprachverfall“ des Deutschen angesehen wird. So lamentiert die Zeitung „Sprachnachrichten“ des Vereins für deutsche Sprache:

Mittelgroße Katastrophe: Eine Million sprachloser Jugendlicher

Ein alltägliches Ausnahmeerlebnis: Dönerbude oder Kassenschlange im Supermarkt. Deutsche, türkische und aus Rußland stammende Jugendliche reden miteinander. Ihr gesprochenes Deutsch ist fehlerhaft. Grammatik, LexikLexik und Aussprache weichen ganz erheblich von den anerkannten Regeln ab. Zunächst möchte der Zuhörer gern glauben, Zeuge einer sprachlichen Spielerei zu sein, doch lässt sich diese Illusion nur kurze Zeit aufrechterhalten. Nach einigen Minuten ist die Erkenntnis nicht mehr zu unterdrücken: Diese jungen Menschen können kein Deutsch. […]

(In: VDS Sprachnachrichten 1/2008, S. 1. von R. Pogarell)

 Jugendsprache als KanakspracheKanaksprache, Kanak-SprakDie Sorge vor fremdsprachlichen Elementen in der deutschen Sprache war in der Geschichte des SprachpurismusSprachpurismus schon immer ein Spiegel der Furcht vor „Überfremdung“, die auch in Zeiten einer zunehmenden multikulturellen Zusammensetzung der heutigen Gesellschaft fortlebt. Die Kritik an SprachmischungenSprachmischung wird aktuell zugespitzt mit dem Terminus „KanakspracheKanaksprache, Kanak-Sprak“ ausgedrückt. Damit ist die Befürchtung gemeint, dass sich nun auch deutsche Jugendliche nur noch in einer Mischung von Deutsch und Türkisch oder auch in einer Mischung von Deutsch und Russisch verständigen würden. So folgerte bereits die Süddeutsche Zeitung am 20.03.2007:

Yalla, lan! Bin ich Kino? Heute verändern Arabisch, Russisch oder Türkisch die UmgangsspracheUmgangssprache der Jugendlichen stärker als alle AnglizismenAnglizismus/Anglizismen.

Tatsächlich lassen sich in Untersuchungen des Sprachgebrauchs Jugendlicher Wendungen wie hadi tschüss (Neuland/Schubert/Steffin 2007) als VerabschiedungsformelVerabschiedungsformeln oder lan als AnredeformAnredeformen entdecken. Sie lassen sich als Sprachkontaktphänomene aus den multilingualen Zusammensetzungen von Schulklassen in Deutschland erklären. Ausdrucksweisen wie: ich geh Kino, die wegen der fehlenden Präposition als typisch für KanakspracheKanaksprache, Kanak-Sprak oder KiezdeutschKiezdeutsch angesehen werden,5 offenbaren jedoch nicht unbedingt Defizite in der Beherrschung der Grammatik der deutschen Sprache. Vielmehr können sie auch bewusst als AnspielungenAnspielung auf ein solches Klischee funktionieren und machen in jedem Fall eine genaue Kontextanalyse erforderlich.

Jugendliche Sprach- und Lebensstile bilden Projektionsflächen für diese und weitere Kritikpunkte und Besorgnisse. Kontrastiert man die medial vermittelten öffentlichen Kritikpunkte an der Jugendsprache mit Ergebnissen sprachwissenschaftlicher Forschung, so können nahezu alle Kritikpunkte relativiert oder widerlegt werden. Deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich diese Kritik gar nicht auf den tatsächlichen Sprachgebrauch Jugendlicher richtet, sondern dass sie sich vielmehr auf die in den Medien selbst präsentierte „Jugendsprache“ bezieht. Im Brennpunkt der öffentlichen SprachkritikSprachkritik steht weniger der authentische Sprachgebrauch der Jugendlichen als die medial konstruierte „Jugendsprache“. Insofern ergibt sich geradezu ein circulus vitiosus: In den Medien wird genau das kritisiert, was zuvor selbst erzeugt wurde.

2.4 „JugendlichkeitJugendlichkeit“ als Prestigefaktor und das Schwinden der GenerationendifferenzGenerationendifferenz

Eine nochmals andere Perspektive ergibt sich für das Verhältnis zwischen den Generationen mit der ökonomisch geprägten These vom: „Kampf der Generationen“. Sie besagt, dass im Zug der Verschiebung der Altersstruktur der Gesellschaft die Arbeitskraft der jüngeren Generationen künftig für die Sicherung der Renten der älteren Generationen nicht mehr hinreiche.

Abb. I.2.2:

Jung gegen Alt? (Focus 23/1996)

Während sich volkswirtschaftlich gesehen die Kluft zwischen den GenerationenGeneration vergrößern mag, ist kultursoziologisch eine gegenläufige Tendenz einer Annäherung der Generationen in modernen westlichen Gesellschaften unverkennbar. Dabei spielen neue, werbewirksam vermarktete GenerationsbilderGenerationsbild, v.a. der „jungen Alten“ eine entscheidende Rolle:

Abb. I.2.3:

Was heißt hier alt? (Focus 51/2007)

JugendlichkeitJugendlichkeit als Prestigephänomen führt zu neuen Lebensstilen einer vita activa mit neuen Teilhabe- und Konsummöglichkeiten, und die Angleichungen im Konsum (Mode, Sport, Hobbies , HabitusHabitus) führen zu einem Schwinden der kulturellen Generationsdifferenz, die die soziale Ungleichheit gleichwohl unangetastet lässt.1Neuland, Eva

3 Jugendsprache: FiktionFiktion und Wirklichkeit

Das Thema Jugendsprache ist von seiner medialen Vermarktung nicht zu trennen. Diese Feststellung wurde schon zu Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung getroffen: Eine der ersten großen empirischen Studien zur Jugendsprache trägt zu Recht den Untertitel: FiktionFiktion und Wirklichkeit.1Schlobinski, Peter/Kohl, Gaby/Ludewigt, Irmgard Die Abwehr gegen den „Mythos“ von der ‚Jugendsprache‘ prägt seitdem die linguistische Jugendsprachforschung bis heute. Der linguistische Forschungsgegenstand Jugendsprache und das öffentliche Diskussionsthema: „Jugendsprache“ sind nicht deckungsgleich, und öffentlich zugeschriebene und wissenschaftlich belegte Eigenschaften sind wohl zu unterscheiden. Dies soll in der folgenden Abbildung vereinfacht dargestellt werden:

Abb. I.3.1:

Doing YouthDoing Youth: Jugendsprache zwischen FiktionFiktion und Wirklichkeit

Das mediale Konstrukt „Jugendsprache“ entsteht in einem Prozess des „Doing YouthDoing Youth“2Neuland, Eva aus medialer Vermittlung, StereotypisierungStereotypisierung und KommerzialisierungKommerzialisierung, der Jugend und Jugendsprache zu Gunsten wirtschaftlicher und politischer Interessen funktionalisiert. Zugleich trägt der Prozess des „Doing Youth“ in der Öffentlichkeit zu einer Perspektivenverengung bei, die in Form bestimmter gesellschaftlicher Erwartungen auf die wissenschaftliche Forschung zurückwirkt, z.B. in Form der journalistischen Erwartung, jeweils die neuesten „In- und Out-Hitlisten“ zu liefern.

Die linguistische Jugendsprachforschung kann dazu beitragen, solche Klischees zu dekonstruieren und damit zugleich einer Reduktion der Perspektivenvielfalt des Themas Jugendsprache entgegenzuwirken. Ihre bisherige Entwicklung demonstriert hingegen einen wissenschaftlichen Perspektivenreichtum in linguistischer wie auch interdisziplinärer Hinsicht mit Bezügen zu Sprachgeschichte und SprachwandelSprachwandel, zu SprachnormSprachnorm und SprachvariationSprachvariation, zu Gruppen- und FachsprachenFachsprache, fachsprachlich, zu Kommunikationsforschung und Stilistik, zu SprachsozialisationSprachsozialisation und Sprachunterricht. Neben der empirischen Erforschung des Sprachgebrauchs Jugendlicher bilden aber eben auch die gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse einen Gegenstand kulturanalytischerkulturanalytisch und sprachkritischer Forschung. Insofern kann Jugendsprachforschung auch einen Beitrag zur wissenschaftlichen Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit und zur Sensibilisierung des öffentlichen SprachbewusstseinsSprachbewusstsein für Sprachvielfalt und Sprachveränderung leisten.

II Jugendsprachforschung: Grundlagen und Entwicklungen

In diesem Kapitel soll nun die Frage verfolgt werden, wie das Thema Jugendsprache Eingang in die linguistische Sprachforschung in Deutschland fand.

1 Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung in Deutschland

Noch Anfang der 80er Jahre zog ein bekannter Vertreter der germanistischen Sprachwissenschaft das Resümee, dass es eine „linguistische Jugendsprachforschung nicht gibt“1Henne, Helmut. Der Vortrag von Helmut Henne: Jugendsprache und Jugendgespräche aus dem Jahre 1980 öffnete gleichsam eine wissenschaftliche Eingangstüre für dieses Thema, dem im selben Jahr noch einige kleinere Beiträge gewidmet wurden.2Bättig, MichaelSchleuning, Peter Zwischen 1980 und 2016, dem Jahr der jüngsten internationalen Fachkonferenz zum Thema Jugendsprache, liegt eine Spanne von knapp 40 Jahren. Die linguistische Jugendsprachforschung hat in dieser Zeit in Deutschland und im europäischen sowie außereuropäischen Ausland eine lebhafte Entwicklungsgeschichte und einen außerordentlichen Aufschwung zu verzeichnen.

Verfolgen wir zunächst aus fachgeschichtlicher Sicht die frühen Erkenntnisinteressen und Fragestellungen sowie die theoretischen und methodischen Probleme zu Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung.

1.1 Frühe Erkenntnisinteressen und Fragestellungen

Während in den Vorläufern der linguistischen Jugendsprachforschung, der Tradition der Sondersprachforschung und der SprachkritikSprachkritik und SprachpflegeSprachpflege1Sprachentwicklungsforschung, die GemeinspracheGemeinsprache bzw. Hochsprache und ihre Entwicklung im Vordergrund des Interesses standen, wurde die Jugendsprache erst mit Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung zum Erkenntnisobjekt eigenen Rechts.

„Spricht die Jugend eine eigene Sprache?“ so lautete die 1982 gestellte Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und DichtungDeutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die eine Fülle von Einsendungen von Sprachwissenschaftlern, Schriftstellern und Jugendlichen selbst auslöste.2Pörksen, Uwe/Weber, HeinzWeber, Heinz Die hier behandelten Fragestellungen betrafen vor allem Gründe und Erscheinungsweisen sowie mögliche Einflüsse und Auswirkungen des Sprachgebrauchs Jugendlicher.

Die Frage nach der Generationsspezifik des Sprachgebrauchs Jugendlicher weist die linguistische Jugendsprachforschung der Teildisziplin der SoziolinguistikSoziolinguistik zu, die sich mit den sozialen und kulturellen Bedingungen des Sprachgebrauchs, mit Sprache im sozialen Kontext und mit dem Zusammenhang von Sprache und sozialer Erfahrung beschäftigt. Das Themenheft der Zeitschrift OBST von 1980, das einige der ersten Beiträge zur Jugendsprache in Deutschland enthielt, trug denn auch den Titel: Sprache und soziale Erfahrung.

Linguistische Fragestellungen im engeren Sinne bezogen sich – in Weiterführung der sondersprachlichen Forschungstraditionen – zunächst auf lexikologischlexikologisch-lexikographischelexikographisch Betrachtungen des Wortschatzes Jugendlicher sowie auf neuere pragmalinguistische Forschungsaspekte, wie z.B. BegrüßungsformelnBegrüßungsformeln und GesprächspartikelGesprächspartikel. Der Einbezug von Fragen nach der Wortbedeutung und der WortbildungWortbildung lag nahe, ebenso wie die Ausdehnung auf die PhraseologiePhraseologie. Fragen nach Stilmerkmalen und Stiltendenzen der Jugendsprache traten bald hinzu.

Neben den zentralen soziolinguistischen Erkenntnisinteressen wurden auch sprachpädagogische Interessensprachpädagogische Interessen geltend gemacht, veranlasst durch die Meinungen über die Jugendsprache als Symptom für SprachverfallSprachverfall und die kritische Sicht auf die Sprachleistungen Jugendlicher. So wurden auf der Tagung der evangelischen Akademie Loccum: Sprüche – Sprachen – SprachlosigkeitSprachlosigkeit?3Ermert, Karl besonders die Folgen subkultureller Formen von Jugendsprache im Hinblick auf Bildung und Erziehung diskutiert. Der Zusammenhang von Sprachgebrauch Jugendlicher und schulischen Sprachleistungen ist für die weitere Entwicklung der Jugendsprachforschung in Deutschland ein wichtiges Moment geblieben.

1.2 Anfängliche methodische und theoretische Forschungsprobleme

Von einer systematischen sprachwissenschaftlichen Bearbeitung solcher Fragestellungen war man allerdings zu Beginn der 80er Jahre noch recht weit entfernt, was mit den nicht unerheblichen theoretischen und methodischen Forschungsschwierigkeiten zusammenhing. Eines der wichtigsten Probleme stellte sich bereits mit der Quellenlage: Die wenigen Belege für sprachwissenschaftliche Analysen verdankten sich hauptsächlich den mehr oder minder anekdotischen „Insider-Beobachtungen“1Bättig, MichaelSchleuning, PeterBehrendt, Walter u.a., mit denen „ehemalige“ Jugendliche auch ihre persönliche Sprachgeschichte aufarbeiteten. Die nicht oder auch nicht mehr in jugendliche Lebenswelten und Kommunikationspraxen integrierten Autoren standen als „Outsider“ bzw. Angehörige „fremder Welten“ alsbald vor ihnen unerklärlichen Sprachphänomenen.2Henne, Helmut

Die Notwendigkeit einer authentischen Datenbasis sowie der unumgängliche Rückgriff auf interpretatives FremdverstehenFremdverstehen erweisen sich als grundlegendes Problem der Jugendsprachforschung. Einen eher fragwürdigen Ausblick bieten kontextisolierte Einzelfallbeispiele3 oder textsortenspezifisch konstruierte Einzelfälle, die sich aus autobiographischen Erfahrungen speisen. Ein Beispiel liefert die folgende „fiktive Rede“ von SchleuningSchleuning, Peter:

„Also, ich kann mich echt aufregen, wenn ich die Typen bei mir in der WG sehe. Immer wenn ich heim komm, läuft der gleiche Film ab, echt der gleiche Scheiß irgendwie. Wenn ich da schon reinkomm und nur den Spasti von Heinz seh. Da bin ich schon bedient. Der hat nur eins drauf, wenn er mich sieht: Die große Anmache wegen irgendwas. Echt motzig ist der, von Morgen bis Abend. Wenn ich das schon hör, bin ich total gestresst. Und dann die Bärbel, die ist auch das Letzte. Sagt sie so ganz link zu mir: Wir haben schon gegessen! Du, das find ich so unheimlich beknackt, das törnt mich so ab, der totale Horror. Solche Schoten bringt die am laufenden Band, aber voll,da bin ich schon so gefrustet. Ich scheck das echt nicht, wie man so reden kann.“

(SchleuningSchleuning, Peter 1980, S. 9)

„Jugendsprache – was ist das eigentlich?“4Volmert, Johannes Um eine theoretische Klärung dieses Begriffs hat sich auch die moderne Jugendsprachforschung nicht explizit bemüht. Der Rückgriff auf sprachliche Äußerungen von Schülerinnen und Schülern, von Studentinnen und Studenten schien eine ausreichende Selbstevidenz zu sichern. Dies sollte sich allerdings im Zuge der Etablierung der Jugendsprachforschung ändern. Sollen jugendliche Ausdrucksweisen nicht nur in ihrer sprachlichen Erscheinungsweise beschrieben, sondern in ihrer möglichen alters-, generations- oder auch (sub)kulturtypischen Funktionsweise im sozialen Kontext analysiert werden, so stellt sich die Klärung der Begriffe von Jugend und Jugendsprache als vordringliches Problem.5

Zu Beginn der modernen Jugendsprachforschung wurde von Helmut Henne die sozialpsychologische Kategorie des IdentitätserwerbsIdentitätserwerb im Jugendalter eingeführt und der Jugendsprache eine wesentliche Funktion der „SprachprofilierungSprachprofilierung“6Henne, HelmutWeber, HeinzPörksen, Uwe/Weber, Heinz beigemessen. Dieser sprachfunktionale Aspekt hat sich für die weitere Entwicklung für die Jugendsprachforschung als sehr bedeutsam erwiesen, jedoch bedarf er zugleich weiterer Differenzierungen und empirischer Belegführungen, vor allem im Hinblick auf eine Verbindung von individual- bzw. gruppenpsychologischen Sichtweisen mit den soziologischen Aspekten der Stellung der Jugend und ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunftsoziale Herkunftswelten innerhalb der Gesellschaft.

Die unzureichende soziale DifferenzierungDifferenzierung der Jugend und der Jugendsprache wurde mit den bekannten Thesen von GloyGloy, Klaus u.a. im Jahr 1985 wie folgt kritisiert:

1 „Es gibt nicht die (eine) Jugendsprache, weil es nicht die Jugend als homogene GruppeGruppe gibt. […]

2 Es gibt nicht die Jugendsprache (im Gegensatz zur Erwachsenensprache) […]

3 Es gibt nicht die Jugendsprache, sondern das Sprechen von Jugendlichen.“7Gloy, Klaus

Dieses oft zitierte Fazit, das als Kritik an der anfänglich vorherrschenden Homogenitätsannahme der Jugend und ihrer Sprache zu verstehen ist, kann jedoch keinesfalls als Entlastungsargument für unterbliebene theoretische Klärungen des jeweiligen Forschungsgegenstands dienen, wie es zu weiten Teilen der frühen Jugendsprachforschung charakteristisch war.

Allerdings weisen neuere Beiträge zur Jugendsprachforschung kaum explizite Auseinandersetzungen mit dem Begriff Jugend auf. Während ethnographische Einzelfallstudien überwiegend ganz auf solche theoretischen Reflexionen verzichten, finden sich seit SchlobinskisSchlobinski, Peter These vom „Mythos Jugendsprache“8Schlobinski, PeterJanuschek, Franz eher ausführliche Auseinandersetzungen mit dem Aspekt von Jugendsprache als Medienprodukt und mithin mit einer fiktiven Jugendsprache. Die aktuelle Jugendsprachforschung hat sich deutlich von der Annahme HomogenitätHomogenität der Jugend verabschiedet, allerdings ohne dies mit weiteren gesellschaftsanalytischen Differenzierungen zu verbinden. Die Heterogenitätsannahme ist seitdem nicht mehr hintergehbar. Trotzdem bleibt die theoretische Klärung des Status des jeweils untersuchten SprecherInnen/SchreiberInengruppe und somit auch des genuinen Gegenstandfelds der linguistischen Jugendsprachforschung bis heute ein Desiderat.

2 Vorläufer der modernen Jugendsprachforschung

Eine kurze Rückbesinnung auf gegenstandsgeschichtliche und fachgeschichtliche Stationen kann sich auch in dieser Hinsicht als hilfreich erweisen. An dieser Stelle seien drei Vorläufer der modernen Jugendsprachforschung skizziert, die sich unterschiedlichen disziplinären Traditionen und Fachverständnissen verdanken.

2.1 Philologische Tradition der Sondersprachforschung

„Jugendsprache“ ist kein Phänomen der Neuzeit. Auch zu früheren Zeiten haben Jugendliche einen ihnen eigenen Sprachstil ausgebildet, der sich von dem in der Gesellschaft vorherrschenden und von der älteren GenerationGeneration verwendeten in bedeutsamer Weise unterschied.

Es ist allerdings bemerkenswert, dass die Sondersprachforschung auch in ihrer Blütezeit bis in das 20. Jahrhundert hinein den Begriff „Jugendsprache“ nicht verwendete. Vielmehr wurde von der Studentensprache und von der Sprache der akademischen Jugend, später dann auch von der SchülerspracheSchülersprache gesprochen. So wie andere Sondergruppen von Ständen und Berufen interessierte die Gruppe der jungen Akademiker durch ihre von der GemeinspracheGemeinsprache unterschiedlichen vor allem lexikalischen Ausdrucksmittel. Diese wiederum wurden eher unter dem Aspekt der innovativen Auswirkung auf die Gemeinsprache und weniger unter dem Aspekt ihrer möglichen Bedeutungen für die sprachspezifische Lebensphase befragt.

Die aufschlussreiche Systematisierung der SondersprachenSonderspracheSondersprachenforschung von Ferdinand HirtHirt, Ferdinand (1909) misst der Sondersprache der Studenten als „Sprache einer bestimmten Altersklasse und zugleich eines bestimmten Standes“1Hirt, FerdinandHenne, Helmut eine besondere Gewichtung bei. Dennoch überlagert der ständische Aspekt den generationsspezifischen nahezu vollkommen, wobei dieser wiederum dem sprachgeschichtlich-etymologischenetymologisch Forschungsinteresse der Sondersprachforschung untergeordnet wurde (s. Abb. II.2.1).

Unser Wissen über die historische deutsche StudentenspracheStudentensprache verdanken wir der fast zweihundertjährigen Tradition von historischen WörterbüchernWörterbücher und Dokumentationen der Studentensprache vor Beginn ihrer wissenschaftlichen Erforschung.2Henne, Helmut/Objartel, Georg Sie geben Aufschluss über den Sprachgebrauch und Lebensstil der akademischen, männlichen Jugend und ihrer zentralen Erfahrungsbereiche und sozialen Wertungen. Gleichwohl sind schon Anzeichen regionaler und gruppenspezifischer sprachlicher HeterogenitätHeterogenität in burschikosen Sprach- und Lebensstilen zu erkennen. Bedauerlicherweise sind sprachliche Äußerungen der nichtakademischen Jugend kaum dokumentiert und analysiert worden, was die Einschränkung des sondersprachlichen Jugendbegriffs noch deutlicher macht.

Abb. II.2.1:

SondersprachenSondersprache in der Systematik von HirtHirt, Ferdinand 1909

Die ersten Beobachtungen und Dokumentationen einer deutschen Jugendsprache stammen von Vertretern der philologischen Sondersprachforschung wie MeierMeier, John (1894) und vor allem KlugeKluge, Friedrich (1895). Die frühe Sondersprachforschung verfolgte gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrem sprachhistorischen Interesse an der Entstehung des neuhochdeutschen Wortschatzes hauptsächlich etymologischeetymologisch Fragestellungen: Sie untersuchte die Herkunftsbereiche des Sonderwortschatzes, seine sprachlichen Bildungsmittel und seinen allmählichen Übergang in Stilschichten der GemeinspracheGemeinsprache und der gehobenen Literatursprache.


(Kluge 1895, S. 1)

Dies soll am Beispiel der Wortgeschichte von Kneipe nach KlugeKluge, Friedrich veranschaulicht werden, womit um 1760 „die gewöhnlichste Schenke der niedrigsten Sorte“ und auch die „Diebsherberge“ bezeichnet wurde. Durch den studentischen Gebrauch und die damit verbundene Bedeutungserweiterung fand dieser Ausdruck schließlich Aufnahme in die Standard- und Literatursprache.


(Kluge 1912, S. 11)

Nachträge der Sondersprachforschung bezogen im frühen 20. Jahrhundert die „Schüler-“ und „PennälersprachePennälersprache“ ein. Allerdings beschränkten sich diese Beiträge häufig auf bloße Wörterverzeichnisse der SchülerspracheSchülersprache in bestimmten Regionen.3 Mit der Schrift von GötzeGötze, Alfred über die deutsche StudentenspracheStudentensprache (1920) fand die frühe Sondersprachforschung ihren vorläufigen Abschluss.

2.2 Psychologische Tradition der SprachentwicklungsforschungSprachentwicklungsforschung

An welche Forschungstraditionen hätte die sich entwickelnde linguistische Jugendsprachforschung in Deutschland anknüpfen können?

Mit der „Sprache der Jugend“ hatte sich auch schon die frühe deutsche Sprachpsychologie und die Tradition der SprachentwicklungsforschungSprachentwicklungsforschung befasst, als deren prominente Vertreter Clara und William SternStern, Clara u. William mit ihrer berühmten Abhandlung zur KinderspracheKindersprache (1908) gelten. Basierend auf den wichtigen Elementen der Stadienlehre und der Konvergenztheorie setzte sich diese Tradition mit Arbeiten bis zum Jugendalter fort, darunter die Abhandlungen von Charlotte BühlerBühler, Charlotte zu Kindheit und Jugend (1928) und zum „Seelenleben“ des Jugendlichen (1922).

Bemerkenswert ist auch BusemannsBusemann, Adolf Versuch: „Die Sprache der Jugend als Ausdruck der Entwicklungsrhythmik“ (1925) zu erfassen. Seine Leitthese eines periodizitätstheoretischen Entwicklungskonzepts versuchte er mit dem phasenspezifischen Ansteigen und Absinken eines „AktionsquotientenAktionsquotient“ von Merkmalen aus Schülertexten sprachlich zu belegen. Die Problematik eines solchen Zugangs liegt jedoch in der Annahme eines selbsttätigen Reifungsprozesses und in den universalistischen Typisierungen, die mit der biologischen Altersgleichheit eine HomogenitätHomogenität der „Jugend und ihrer „Sprache“ unterstellten und die Einwirkung sozialer Erfahrungen und umweltbedingter Lernprozesse unberücksichtigt ließen. Der Terminus „Jugendsprache“ wird eher als Etikett eines Entwicklungsgeschehens verwendet, und die Sprachanalyse scheint allein der Bestätigung einer solchen Entwicklungstheorie zu dienen.

Es ist aufschlussreich, dass es zwischen den Traditionen der psychologischen SprachentwicklungsforschungSprachentwicklungsforschung und der philologischen Sondersprachforschung keine interdisziplinären Berührungspunkte und keinen wissenschaftlichen Austausch gab. Die Forschungstraditionen wurden, unterbrochen durch Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, erst in der Nachkriegszeit wieder aufgenommen und im Rahmen der „AltersstilforschungAltersstilforschungAltersstil“ neu belebt. So unterscheiden HetzerHetzer, Hildegard/Flakowski, Herbert/Flakowski: „Die entwicklungsbedingten Stilformen von kindlichen und jugendlichen Schreibern“ (1954/1974), und zwar den „ganzheitlich-erlebnisbestimmten Stil der Kleinkindstufe“, den „ganzheitlich-sachbetonten Stil der späten Kindheit“, den „gegenständlichen Stil“ gegen Ende der späten Kindheit und schließlich den „gegenständlichen Stil mit Gestaltungsabsicht als höchste Form des Kindheitstils“. Ähnliche Unterscheidungen sind von der Sprach- und speziell Aufsatzdidaktik der damaligen Zeit aufgegriffen worden, vor allem von PregelPregel, Dietrich (1970), der – unter Einbezug des mündlichen Sprachgebrauchs – einen sog. „FreskostilFreskostil“ in der frühen Grundsschulzeit von einem „ReliefstilReliefstil“ in der späten Grundschulzeit unterschied. Es bleibt kennzeichnend für die Altersstilforschung vor der pragmatischen Wende, von einer reifungsbedingten Abfolge von Entwicklungsstufen des Sprachgebrauchs in Kindheit und Jugend auszugehen, ohne Berücksichtigung kommunikativer und situativ-funktionaler Bedingungen sowie individueller Differenzierungen.

Erst die kürzlich neu entwickelte Perspektive einer die verschiedenen individuellen Lebensphasen umfassenden SprachbiographieSprachbiographie könnte an diese Traditionen anknüpfen und diese im Sinne einer sprachlichen SozialisationsforschungSozialisationsforschung weiterentwickeln.1

2.3 Sprachpflegerische Traditionen in der Nachkriegszeit

In gewisser Weise können die Beiträge zur deutschen SchülerspracheSchülersprache in den 60er Jahren (v.a. von KüpperKüpper, Heinz 1961) als Weiterentwicklung der sondersprachlichen Erforschung der Schüler- und PennälersprachePennälersprache vom Beginn des 20. Jahrhunderts gelten. Küpper war auch derjenige, der zum ersten Mal von einem „JugenddeutschJugenddeutsch“ sprach und diesem einen Band seines sechsbändigen Wörterbuchs der deutschen UmgangsspracheUmgangssprache widmete (1970).

Von einem sprachkritisch-sprachpflegerischen Standpunkt aus wurde seit dem Ende der 50er Jahre das Spannungsverhältnis zwischen „Jugend, Sprache und Gesellschaft“ (so StaveStave, Joachim 1960) betrachtet. Als Chronist von „15 Jahre[n] Deutsch in der Bundesrepublik“ verzeichnete Stave jugendsprachliche Auffälligkeiten wie den frühen AnglizismusAnglizismus/Anglizismen hotten und Metaphern wie Tastenhengst (für Pianist), die das Missfallen der Nachkriegsgesellschaft erregten. Sprachkritisch wertend bescheinigte Stave den damaligen Jugendlichen mangelndes SprachgefühlSprachgefühl und fürchtete um den negativen Einfluss auf die Standardsprache.

[…] vor allem die Jugend ist völlig unbedenklich darin, nur noch so zu sprechen und zu schreieben, wie ihr ‚der Schnabel gewachsen ist‘. Das wird auf die Umgangssprache der nächsten Generation nicht ohne Folgen bleiben. Gewisse Schrumpfungserscheinungen sind in der Grammatik jetzt schon erkennbar, z.B. die die Abneigung gegen den Gebrauch des Konjunktivs, des Genitivs, des Perfekts und der reicher gegliederten Formen des Satzes. Schließlich wird diese Entwicklung noch dadurch gefördert, daß die Jugend kein Verständnis mehr für die Auffassung von Sprache als dem ‚heiligsten Gut der Nation‘ hat. Verantwortung vor der Sprache ist ihr fremd. Für sie ist die Sprache kein Kulturwert mehr, sondern ein Konsumgut, dessen man sich unbefangen bedient.

(StaveStave, Joachim 1960, S. 12)

Die Erscheinungsformen des sog. „Halbstarkendeutsch“ und des „Teenager-Jargons“„Teenager-Jargon“ werden als Ausdruck der Eigenständigkeit einer selbstbewussten, gegen die gesellschaftlichen Konventionen der älteren GenerationGeneration gerichteten Jugend interpretiert und von einem sprachpflegerischen Standpunkt aus als die GemeinspracheGemeinsprache bedrohende Entwicklungen heftig kritisiert.1 Die methodologisch problematischen Versuche, demgegenüber ein einheitliches „JugenddeutschJugenddeutsch“ lexikographischlexikographisch zu präsentieren, sind allerdings nicht sehr überzeugend. Die sprachpflegerische Tradition der Nachkriegszeit erscheint aus heutiger Sicht eher den Positionen einer öffentlichen, vorwissenschaftlichten SprachkritikSprachkritik und SprachpflegeSprachpflege nahezukommen.

3 Richtungen der linguistischen Jugendsprachforschung

Die wissenschaftliche Etablierung des Forschungsgegenstands Jugendsprache in der germanistischen Linguistik wurde durch jenen bereits erwähnten Vortrag von Helmut Henne auf der Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim 1980 eingeleitet.1 Dazu trugen zweifellos auch die 1982 gestellte Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und DichtungDeutsche Akademie für Sprache und Dichtung: „Spricht die Jugend eine andere Sprache?“ und die veröffentlichten Preisschriften2Pörksen, Uwe/Weber, HeinzWeber, Heinz bei. In der sich entwickelnden Jugendsprachforschung wurden in den folgenden Jahrzehnten in Deutschland verschiedene Forschungsrichtungen eingeschlagen, die sich zum Teil überlappen und nicht immer trennscharf voneinander unterscheiden lassen. Im Folgenden seien sie chronologisch kurz charakterisiert und exemplarisch veranschaulicht.

3.1 Frühe PragmatikPragmatik (der Jugendsprache)Pragmatik der Jugendsprache

Zu Beginn der linguistischen Jugendsprachforschung wurden, der damaligen kommunikativen Wende und Entwicklung der linguistischen PragmatikPragmatik (der Jugendsprache)Pragmatik entsprechend, besonders pragmatische Aspekte jugendlichen Sprachgebrauchs betont: Dazu gehörten Begrüßungs- und AnredeformenAnredeformen, GesprächspartikelGesprächspartikel, Laut- und VerstärkungswörterVerstärkungswörter, wie sie vor allem von HenneHenne, Helmut in einer ersten DFG-Studie: „Jugend und ihre Sprache“ (1986) analysiert wurden. Die von Henne erprobten Fragebogen- und Beobachtungsverfahren sowie der Allgemeinheitsanspruch seiner Ergebnisse fanden überwiegend kritische Würdigung. So offenbart ein Abschnitt: „InterviewsInterview – zögernde Annäherungen“ das klassische BeobachterparadoxonBeobachterparadoxon1 und die Schwierigkeit einer Gesprächssituation, in der die in einem Universitätsseminar von Henne interviewten Primaner über ihr „PartnervokabularPartnervokabular“ Auskunft geben sollten:

„H: „Wie werden Freundinnen und Freunde angeredet? ähm Das ist natürlich jetzt etwas schwierig … äh […] Sie sagen: mein Macker?“. Und etwas später: H: „Die Koseworte haben wir ja noch nicht gehört, irgendwelche … Mausi … Liebling […] na ja, ich mein’ das geht jetzt natürlich in Bereiche rein, die kann man praktisch nicht mehr generalisieren, nicht wahr […].“

(HenneHenne, Helmut 1986, S. 131ff.)

3.2 Frühe LexikographieLexikographie (der Jugendsprache) der Jugendsprache

Auch die lexikographischenlexikographisch Traditionen wurden mit verschiedenen Befragungsmethoden fortgesetzt. Dies führte zur Erstellung von WörterbüchernWörterbücher (v.a. HeinemannHeinemann, Margot 1989) und zu Wort- und Sprüchesammlungen und -analysen (z.B. JanuschekJanuschek, Franz 1986, KopperschmidtKopperschmidt, Josef 1987), wobei ebenfalls zumeist von einer Allgemeingültigkeit und HomogenitätHomogenität jugendsprachlichen Gebrauchs ausgegangen wurde. Die anfänglich schlichten, wörterbuchartig aufgelisteten Bedeutungserklärungen und die Datengrundlagen geringer Reichweite ermöglichten oft nur eine begrenzte Aussagekraft der Befunde. So finden sich in Heinemanns: Kleines Wörterbuch der Jugendsprache, noch zu DDR-Zeiten erschienen, viele Beispiele, die weiterer Kommentare und vor allem Kontextuierungen bedürfen, um solche einzelnen Äußerungen verstehen und einordnen zu können, z.B.:

Jugendliche reden über Vieles […], sie reden über Personen, die sie nicht mögen, z.B. Emanze: „Mädchen, das mit Jungs nichts zu tun haben will: Die blöde Emanze will nicht tanzen“.

Anscheißer: „Verräter, Petzer: So ein Anscheißer, der war schon wieder beim Lagerleiter.“

(HeinemannHeinemann, Margot 1990, S. 43)

Gleichwohl verdankt die spätere Forschungsentwicklung den frühen Beiträgen der 80er Jahre wichtige Impulse. Spätere Studien, die auch mit FragebogenmethodenFragebogenmethoden arbeiten, verwenden differenziertere Modelle der Konstruktion von Fragen und Auswahlantworten mit Skalierungen, die zwischen Kenntnis und Gebrauch unterscheiden und sprachliche Kontexte einbeziehen1.

3.3 EthnographieEthnographie (von Jugendsprache) von Jugendsprache

Dies gilt auch für die ethnographischen Einzelfallstudien der 80er Jahre. Vor allem im Rahmen des von KallmeyerKallmeyer, Werner geleiteten Mannheimer Stadtsprachenprojekts (1994) wurden Detailkenntnisse über Ausdrucks- und Funktionsweisen gruppenspezifischer Kommunikation von Jugendlichen im Rahmen ethnographischer Einzelfall-Beschreibungen mittels teilnehmender Beobachtungteilnehmende Beobachtung erarbeitet (v.a. SchwitallaSchwitalla, Johannes 1986/1988, Nothdurft/ Schwitalla 1995). Wichtige Forschungsergebnisse betrafen Identifikations-IdentifikationsstrategienIdentifikationsfunktion und AbgrenzungsstrategienAbgrenzungsstrategien, z.B. „Quasi-ZitateQuasi-Zitate“ und die sozialsymbolische Verwendung von InterjektionenInterjektionen. Die Ergebnisse bleiben allerdings stark auf die Einzelfälle bezogen und sind nur begrenzt verallgemeinerbar. Als Beispiel sei der Kommentar einer Gruppe von Gymnasiasten beim „Hetzen“ über Passanten angeführt:

So äußerte ein Jugendlicher, als eine junge Frau in schwarzer Lederkleidung vor beikam:

‚Uäh! Ach Gott … die Asozial … e e Keggl – n Kinderwaache schiewe un daß so e alte Schlamp noch e Kipp debei raacht … so rischtisch uäh! Ajo! Isch geh uff sämtlische Hardrock-Konzerte, verstehsch? Do geht der Fisch ab!‘ (rülpst)

((‚Keggl‘ = dialektaler Ausdruck für ‚Kind‘))

Über einen älteren, nach Handwerker aussehenden Mann:

‚Ha jo, schaff isch bei Benz Fahrzeugmacher Vogelstang ne … bei Benz geht der Fisch ab! Verstehsch … und dann n halbe Kaschde Bier un a Wiener Schnitzel, alles klar, oder?‘

Über einen Jugendlichen:

‚Verstehsch … Kumpels fahr ins Neggazentrum, mach die Leut õ, alles klar!‘

‚Ha jo, verstehsch, geh un guck noch Schnalln, geht der Fisch ab ne?!‘

Beispiel: „Hetzen über Passanten“ (Zit. n. SchwitallaSchwitalla, Johannes 1986, S. 250)1

3.4 Sprechstilanalysen

Seit dem Ende der 80er Jahre treten Beiträge der Sprechstilanalysen hinzu (SchlobinskiSchlobinski, Peter 1989). Auch sie gehen von einer konkreten Gruppenkommunikationssituation aus und beziehen den Erfahrungshintergrund der jeweiligen Jugendgruppe (z.B. einer katholischen Kirchengemeinde) zur Erklärung der Besonderheiten gruppentypischer SprechstileSprechstileSprechstilanalysen ein. Für die Stilbildung spielen besonders die gruppentypischen kulturellen Ressourcen eine Rolle, z.B. dient in der katholischen Jugendgruppe das MusterMuster der kirchlichen Fürbitte als eine Quelle ihres Sprachstils. Kreative SprachspieleSprachspiele und mimetischer und verfremdender Umgang mit Zitaten (v.a. Schlobinski 1993, 1996), z.B. aus der Werbung, werden mit dem Konzept der Sprachstil-BasteleiSprachstil-Bastelei („BricolageBricolage“) erfasst, wie bei der Veränderung eines Handlungsmusters aus dem ZDF-Fernsehquiz: „Der große Preis“ und der Ersetzung der „Risikofrage“ durch Wörter aus dem Sexualwortschatz:

C: Ficken einhundert

E: Ficken einhundert (.)

X: Risiko

Q: Nee

J: Glücksspiel

C: Was denn was war denn daran Risiko (.) Rita Süßmuth oder was?

E: Ficken einhundert

C: Rita Süßmuth

X: Risiko

((Lachen))

C: Frau Meyer hat Aids (.) Herr Herr Tropfmann hat Herpes (.) was möchten SIE einsetzten (..) öhöh (..) Syphilis. ((Lachen))

C: Also hier die Frage (.) also hier die Frage

E: Welche Frage

((Lachen))

S: Sein

R: Das ist hier die Frage

S: Sein oder nicht sein

R: Schwein oder nicht Schwein

((Lachen))

C: Schwein (..) oder nicht Schwein

Q: Dein?

Beispiel: „Der große Preis“

(Zit. n. SchlobinskiSchlobinski, Peter/Kohl, Gaby/Ludewigt, Irmgard/Kohl/Ludewigt 1993, S. 51ff.)

Ethnographische und sprechstilanalytische Jugendsprachforschungen lassen sich aktuell auch dem Oberbegriff der InteraktionsforschungInteraktionsforschung zuordnen, deren neuere Entwicklung in Kap. 3.8 angesprochen werden.

3.5 Kulturanalytische Jugendsprachforschung

Die kulturanalytischekulturanalytisch Richtung der Jugendsprachforschung unterscheidet sich von den bislang angeführten vor allem durch den stärkeren Einbezug sozialer und (sub)kultureller Aspekte in die mikroanalytischen Sprachbeobachtungen.

Erscheinungs- und Funktionsweisen von Jugendsprachen werden hier unter weiterem Einbezug der sprach- und kulturgeschichtlichen Verhältnisse in historischer sowie zeitgenössischer Perspektive soziolinguistisch analysiert und gedeutet (v.a. NeulandNeuland, Eva 1987ff.)1Neuland, Eva/Martin, Stephan/Watzlawik, Sonja. Die internationale Jugendsprachkonferenz von 2001 in Wuppertal: „Jugendsprachen – Spiegel der Zeit“ gab diese Richtung programmatisch vor. Dabei spielen die funktionalen Aspekte der generationsspezifischen Abgrenzungen gegenüber den gesellschaftlichen Konventionen der „Außenwelt“ ebenso eine Rolle wie die der sozialen Identitätsbildung in den Binnenräumen soziokultureller Jugendstile, wie sie u.a. in Personenklassifikationen (Proll: „der Typ Leute, der wie ’n Generaldirektor tut und Postbote ist“)2Neuland, EvaSpreckels, Janet oder beim LästernLästern in einer Jugendgruppe über eine Mitschülerin ausgedrückt werden:

A: Jetzt isse eben die coole Katrin, die immer kifft. ((Lachen))

C: Naja, jetzt will se sich einfach nur behaupten. ((zustimmendes Raunen))

Früher war’s ihr scheißegal, was andere von ihr gehalten haben und jetzt muss sie die Beste sein.

Beispiel: „Die coole Katrin“

(Zit. n. MartinMartin, Stephan/Schubert, Daniel/Watzlawik, Sonja/Schubert/Watzlawik 2003, S. 123)

Zur Bestimmung des Verhältnisses zur StandardspracheStandardsprache werden Methodenkombinationen aus Fragebogenerhebungen, BeobachtungenBeobachtung und KorpusanalysenKorpusanalysen bevorzugt. Dabei werden auch Einstellungen von Jugendlichen zur Jugendsprache erhoben, z.B. zu Gebrauchsbegründungen. So formuliert ein Jugendlicher: „weil Jugendsprache fetter ist als das Gelaber von Erwachsenen“. Der Einbezug des SprachbewusstseinsSprachbewusstsein, die Verarbeitung von Spracherfahrungen und die SprachreflexionenSprachreflexionen von Jugendlichen sind kulturanalytischkulturanalytisch höchst aufschlussreich.

3.6 Kontrastive Jugendsprachforschung

Seit den 90er Jahren ist die linguistische Jugendsprachforschung in Deutschland in einen internationalen Forschungskontext eingebettet. Sammelbände zur internationalen Jugendsprachforschung, insbesondere die Dokumentationen der internationalen Jugendsprachkonferenzen (Herausgeber: AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis/Scholz, Arnim/Scholz 1998, NeulandNeuland, Eva 2003b, DürscheidDürscheid, Christa/Spitzmüller, JürgenDürscheid, Christa/SpitzmüllerSpitzmüller, Jürgen 2006, Neuland 2007, Jørgensen 2010, KotthoffKotthoff, Helga/Mertzlufft 2014, Spiegel/Gysin 2016, ZieglerZiegler, Evelyn i.E.) präsentieren Einzelbeiträge aus verschiedenen europäischen und außereuropäischen Regionen. Aufschlussreiche Erkenntnisse vermittelt der Einbezug einer vergleichenden Perspektive von Jugendsprachen in verschiedenen europäischen Ländern (so ZimmermannZimmermann, Klaus 2003 zur spanischen, französischen, portugiesischen und deutschen Jugendsprache), z.B. im Hinblick auf lexikalische Verfahren wie EntlehnungenEntlehnungen, v.a. cool, sowie morphologische Verfahren wie die SuffigierungSuffigierung, z. B. dt. Realo, frz. punkette, span. bocata (von Bocadillo), port. letreiro (Student der Fac. de letras)1Zimmermann, Klaus, EhrhardtEhrhardt, Claus (2007) zu Phraseologismen im Deutschen und Italienischen. Als besonderes Anliegen erschien zunächst die Erarbeitung zweisprachiger Jugendsprache-Wörterbücher.2Lacarescu, Ioan Mit dem abnehmenden Interesse an lexikologischenlexikologisch und lexikographischenlexikographisch Aspekten traten pragmatische und stilistische Vergleiche und damit textuelle Kategorien in den Vordergrund. So analysierte ChovanChovan, Miloš (2006) verschiedene Stile sozialer AbgrenzungAbgrenzung in Jugendgruppen, z.B. durch Distanz anzeigende karikierende und verfremdende Nachahmung der Artikulationsweise unbeliebter Erwachsener, hyperbolischeHyperbolik, hyperbolisch Kommentierungen und Diffamierungen von Institutionsvertretern u.a.m.

Über Reichweiten und Grenzen kontrastiver Analysen wurden noch jüngst kritische Stimmen laut (vgl. NeulandNeuland, Eva 2007). Die Suche nach vergleichbaren sprachlichen Charakteristika zeigt, dass sich diese – abgesehen von sprachtypologischen Spezifika – oft nur mit den unterschiedlichen kulturspezifischen Sozialisations- und Lebensformen in den verschiedenen Gesellschaftsformen hinreichend erklären lassen. Dies dokumentieren z.B. die Wahl von AnredeformenAnredeformen in so unterschiedlichen Gesellschaften wie den westeuropäischen und den ostasiatischen, aber auch die unterschiedlichen Definitionen von Jugend in europäischen und afrikanischen Gesellschaften.3Neuland, Eva/Lie, Kwang-Sook/Watanabe, Manabu/Zhu, Jianhua

3.7 Medienanalytische Forschung

Schon seit Beginn der Jugendsprachforschung in Deutschland beschäftigte sich die Forschung mit dem Einfluss der MedienMedien auf den Sprachgebrauch Jugendlicher (RoggeRogge, Klaus I. 1985, HenneHenne, Helmut 1986, Schlobinski u.a. 1993). MedienanalytischeMedienanalysen Forschungsbeiträge wurden zum Gebrauch von Printmedien (z.B. Hess-LüttichHess-Lüttich, Ernest W.B. 1983, 2003 über Alternativpresse in Jugendsubkulturen), Hörfunk (z.B. BernsBerns, Jan 2003 über Radiosendungen für Hip Hop-Anhänger) und Fernsehen vorgelegt. Jugendliche werden dabei nicht als nur passive Nutzer, sondern als aktive Gestalter von neuen Medienformaten angesehen. Analysen des Sprachgebrauchs in sog. FanzinesFanzines, Fan-Magazinen für jugendliche SubkulturenSubkultur, gingen vor allem in die systematische der Beschreibung: Deutsche Jugendsprache von AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis/Scholz, Arnim (1998) ein. Dies demonstriert auch das folgende Beispiel einer Plattenkritik in einem Fanzine:

Was iss’n das???!! auweia – gitarren rock oder besser pop mit geigen und gesofte, irgendwie so schmusebaladen würd ich denken, was für schwer verliebte … also ihr verliebten dieser erde greift zu … (zur cd ihr säue!!!) und … so weiter und sofort, nee im ernst das ist nix für mich selbst zum einschlafen zu öde. Schnell weg damit, aber vielleicht hört ihr ja selber mal rein und bildet euch eure meinung – not me!

(Zit. n. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis 1997, S. 16)

Der Medienentwicklung folgend haben in den letzten Jahrzehnten die Analysen des Umgangs Jugendlicher mit Neuen MedienNeue Medien zugenommen: Jugendliche als Internetnutzer bilden mittlerweile einen viel beachteten Forschungsschwerpunkt (u.a. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis sowie ReinkeReinke, Marlies 2003, KleinbergerKleinberger Günther, Ulla/Spiegel, Carmen Günther/Spiegel sowie DürscheidDürscheid, Christa 2006, KotthoffKotthoff, Helga/Mertzlufft (Hrsg.) (2014) sowie Spiegel/Gysin (Hrsg.) (2016)). Die Analysen beziehen dabei medientypische Charakteristika neuer Formen von SchriftlichkeitSchriftlichkeit ein, z.B. WortbildungWortbildung in Form von Akronymen (z.B. lol, hdl), InflektivkonstruktionenInflektivkonstruktion (grins, heul, freu), Verwendung graphostilistischer Mittel (z.B. IterationIteration von Graphemen und Satzzeichen für besondere Hervorhebungen und Betonungen) sowie der Einsatz von Symbolen wie EmoticonsEmoticons.

Analysiert werden Kommunikationen in sozialen NetzwerkenNetzwerkesoziale Jugendlicher wie schülerVZ (Hellberg sowie Gysin 2014) und WhatsApp-ChatsChat (Wyss/Hug 2016), aber auch virtuelle Inszenierungen (Voigt 2014) und SelbstinszenierungenSelbstinszenierung und sprachbezogene Reflexionen zu Schreiben und Grammatik (Wagner/KleinbergerKleinberger Günther, Ulla/Spiegel, Carmen sowie Bahlo/Becker/Steckbauer 2016).

Für die medienanalytische Jugendsprachforschung stellt sich in besonderer Weise die Frage, inwieweit nicht nur allgemeine, sondern jugendtypische Charakteristika in der digitalen Kommunikation zu identifizieren sind1.

3.8 InteraktionsforschungInteraktionsforschung

Viele Beiträge der jüngeren linguistischen Jugendsprachforschung lassen sich unter den Oberbegriff der InteraktionsforschungInteraktionsforschung Interaktionsanalysensubsummieren. Dabei steht der mündliche Sprachgebrauch, oftmals von GruppenGruppe Jugendlicher in bestimmten Kommunikationssituationen im Mittelpunkt. Es wird mit übersatz- bzw. überäußerungsmäßigen Analysekriterien v.a. der linguistischen PragmatikPragmatik (der Jugendsprache)Pragmatik gearbeitet, um kommunikative MusterMuster herauszufinden, nach denen die Interaktion der Jugendlichen untereinander funktioniert.1Neuland, Eva

Zahlreiche neuere Studien zu ausgewählten kommunikativen Handlungsmustern und -praktiken sind hier zu erwähnen, in denen strukturelle wie funktionale Aspekte des gemeinsamen sprachlichen Handelns eine Rolle spielen, u.a.:

 BlödelnBlödelnBlödelnBlödeln und Frotzeln sind Formen gruppeninterner ScherzkommunikationScherzkommunikation, die interaktiv praktiziert werden und die Gruppenkohärenz gerade auch durch das gemeinsame Gelächter stärken. Das folgende Beispiel einer Blödelei von Siebtklässlern stammt aus der Studie von Walther (Walther 2015, S. 317):


[…]
01 Ru das spray ich dann ganz groß an die Wand*Streber
02 La musste aber Lautschrift machen
03 Ru oh krass
04 Lu Lautschrift ↑ drunter musste dann die Lautschrift machen
05 Ru nein ich schreib [buchstabiert] s t r a i b e r
06 Lu straiber
07 Ru ey das klingt geil
08 Lu strawberry kannste glei noch dran schreiben
09 Ru [singend] strawberry fields forever
10 [singend] fields forever [lacht]
[Mädchen schauen sich verwundert an]
11 Ru [lacht und zeigt auf die Mädchen] die Gesichter ↑ * egal
12 13 Lu [lauter und belehrend] ihr kennt wohl nicht * Erdbeerfelder für immer oder was ↑
14 Ru ey haste dir das jetz ma angekuckt das Musical↑
15 Lu ne habsch ni
16 Ru ey das is so krass
[…]

Beispiel: „Streber“

(Zit. n. Walther 2014, S. 317)

 LästernLästern:Beim LästernLästern tauschen sich die Interaktanten über (vermeintliche) Schwächen und kritikwürdige Verhaltensweisen nicht anwesender Personen aus, wobei die VerständigungVerständigung über Verstöße gegen Normen und Werte sozialen Handelns sozial abgrenzend und zugleich gruppenverstärkend wirkt. Lästereien finden sowohl über Personen außerhalb der Gruppe (Erwachsene, Lehrkräfte2) wie über andere Jugendliche statt, wie das folgende Beispiel von SchubertSchubert, Daniel (2009, 205) zeigt:


Sa: die hat sooo***die hat so billige
((gedehnt))
Ve: ohh
Bx: nee
((schmunzelnd))
Si: du hast die noch nie gesehen, ne
Sa: /**also, wir ham ja Auch so stiefel, ne, *aber die hat
Ve: (geil, eh) nÄ
Sa: so richtig bIllige, weisste, du kanns_ja so stiefel/, *weisse,
Sa: man kann ja sowas Anziehen, sowas was eher so_n*
Si: so_n leichten tIffentouch
((schmunzelt))
Sa: leichten**n_touch hat, ne, aber nich dann so aus*so scheiss
Si: ja
(.(Sa zustimmend) )
Sa: materiAl is, weisse, wir ham ja Auch so stiefel, aber
Sa: die sind ja aus lEder und die hat die so aus*plAstik und
Sa: so**und dann hatt die noch diese komische***strEtchhose
((holt Luft)) ((gedehnt))
Ve: ((schmunzelt))

Beispiel: "Tiffentouch"

Zit. nach SchubertSchubert, Daniel 2009, S. 205

 DissenDissen:Das HandlungsmusterHandlungsmuster des Dissens kann als eine Form verbaler Duellierung mit gesichtsbedrohenden Akten und entscheidender ModalitätModalität zwischen Spiel und Ernst angesehen werden, wobei Mitgliedschaft und Status in der Gruppe verhandelt werden. DeppermannDeppermann, Arnulf/HartungHartung, Martin (2001, 84) rechnen das folgende Beispiel zum DissenDissen:


Dennis: <<atmet Rauch aus> schw::> (-)
Markus: toll; mach doch ma geschEIte ringe, (-)
Wuddi : <<ff> a:::ch komm-> (.)
Markus: aja das is doch schEI[ße-]
Wuddi : [dr]uffes stück schEIße-
Fabian: <<schrill, ff, kreischend> =ahahaha↑A:::?>
((klatscht in die Hände))
<<kreischend, ff, japsend> HA↑U?> (-)

Beispiel: "Rauchringe"

Zit. n. DeppermannDeppermann, Arnulf/Schmidt, Axel/Schmidt 2001, S. 84

 Frotzeln:FrotzeleienFrotzelei, frotzeln finden in Gegenwart des Frotzelobjekts statt und beinhalten eine spielerische ProvokationProvokation eines Gruppenmitglieds vor dem Gruppenpublikum. Ein Beispiel „Teenager“ findet sich im vorliegenden Band im Kapitel IV.3.1.3.1, S. 186.

 ErzählenErzählen:Im folgenden Beispiel von Steckbauer/Bahlo/DittmarDittmar, Norbert/Pompino-Marshall (2014) erzählt Dustin eine „krasse Geschichte“ von einem Jungen, der mit seinem Motorrad von der Schule losfahren will. Mit der sprachlichen Performanz, insbesondere der Rhythmisierung, wird auf die emotionale Einbindung der Zuhörer besonderer Wert gelegt.


N: hm-
MAR: we::r- f=hh auf der schule NUR;
DUS: ja isch- w=wie bei
uns in der schule .hh ein Junge? (-) er=er is isch glaub DEUTscha;=er hat so orange haare, .h e:r er=er ist ungefä:hr ich weiß nicht ACHTzehn oder so, (.) is jetzt die letze KLASse, .h und der fährt ein MOTOrad;
(--)
N: ´`hm
DUS: er WILL=er will von der sch´=er will von der schule
losfahren, er hat sein helm auf, (.) also=aber nu:r so AUFgesetzt; nicht jetzt so ZUgemacht; .h will grad mit dem rad rausrolln aus der schule, (.) .h da komm zwei TÜRkn, (.) der eine nimmt ihn den helm ab, .h der andere gibt ihm ne KLATsche, .h plötzlich holt der andre sein gürtel raus und schlägt richtig mit der gürtelschnalle auf sein kopf .h diese KLEIne SCHNALLe da womit man [dis in die LOCH macht; .h IN sein kopf rein,=richtich so
N: [hm
DUS: rein? (-) .h und DENN so die sa:gn und denn mach nich noch einma: mein Vater an;=oder so; –
DEN: is der gestorben,
((N räuspert sich))
DUS: nein nur so ähm (-) kleines stück äh in: KOPF rein;
TIZ: ja: alter
voll BLUT am MOTOrad;

Beispiel: „Schlägerei“

(Zit. n. Steckbauer/Bahlo/Dittmar/Dittmar, NorbertPompino-Marshall 2014, S. 146)

 BricolagenBricolage:Zu den gemeinsamen Handlungsmustern in Jugendgruppen können auch die Bricolagen gerechnet werden. Dazu zählen Wort- und SprachspieleSprachspiele, die z.B. durch mediale Formate bekannt wurden und nun von den Jugendlichen in einem neuen Kontext verwendet werden. Könning präsentiert ein Beispiel jugendlicher Gymnasiasten, die ihre Bricolage dem TV-Format: Got to dance entlehnen:


M1 [ ((lachen)) ]
M2 [(xxx xxx xxx) wird_n RICHtiger angeber irgendwann; ]
F1 [ja der wird_n richtiger macho; ]
M3 [ja der wird (.) ich mein der; ]
<<in hoher verstellter stimme intoniert> ich kann auch breakdancen >
((lachen))
M3 <<lachend> toll>.
F1 schön für dich;
M4 wen juckt_s,
wo is der bus,
M2 = wo is die kette,
M5 wayne interessiert_s,
((allgemeines lachen))
M2 wayne interessiert_s
M3 wayne rooney;
M6 voll whack alles hier.

Beispiel: „Wayne interessiert`s“

(Zit. n. Könning 2015, S. 376)

Aus Gallikers Studie (2014) entnehmen wir folgendes Beispiel: Bei einem Open-Air-Festival werden die Jugendlichen aufgefordert, den in einer Glasflasche mitgebrachten Alkohol in PET-Flaschen umzufüllen. Nun wird der Deckel für die PET-Flasche gesucht. An dieser sprechstilistischen BricolageBricolage mit verschiedenen RessourcenRessource (unmarkierte Normallage, lokaler DialektDialekt, gruppenspezifischer Stil, ethnolektalesEthnolekt, ethnolektal Sprechen, bewusst fehlerhaftes Englisch) beteiligen sich alle anwesenden Gruppenmitglieder.

Personen: Sicherheitsbeamter (SIC), Marco (MAR), Andreas (AND), Martin (MAT) und weitere


SIC: isch das alles ( (=der gesamte Alkohol) )
hä?
MAT: ja!
SIC guèt!
AND: sori
MAR: hee=
wo isch daa de teckèl?
SIC: tschau zäme
?: merssi vilmal
AND: schöns wuchenänd ( (ironisch) )
MAR: adee ( . )
uf niämee=wider=gesee
hem=mer da?
( (pfeift) )
( (…) )

Ausschnitt 1

ÜbersetzungÜbersetzung:

SIC: Ist das alles? Hä? [Er kontrolliert, dass sie allen Alkohol aus den Glasflaschen in Petflaschen umgiessen]. MAT: ja! SIC: Gut! AND: Sorry [entschuldigt die Umstände]. MAR: Hey, wo ist der Deckel? SIC: Tschüss miteinander. ?:Danke vielmals. AND: Schönes Wochenende. MAR: Ade auf Nimmerwiedersehen. Haben wir da?


MAR: <<genervt> hör mal uuf!
Tue nid h↑ä!>
hEE=
ich ha scho ganz <imitiert Betrunkenen <s=nasses bÄi>
AND: gratuliere rächt härzlich ((ironisch))
MAR: hed Öpper
Hed öpper gfunde ddeggel?
ddeggel?
?: will=mer amgis au gisch
( (…) )

Ausschnitt 2

ÜbersetzungÜbersetzung:

MAR: Hör mal auf! Mach das nicht hier! Hey, ich hab schon ein ganz nasses Bein [einer verschüttet was beim Umgießen]. AND: Gratuliere recht herzlich [gratuliert ironisch für die nasse Hose]. Mar: Hat jemand, hat jemand gefunden Deckel? [sic] Deckel? ?: Weil du mir normalerweise auch gibst.


MAR: schmäiss (.)
hesch dui ä teckel?
MAT: ja wo wett dä anäggangä si?
( (… ) )

Ausschnitt 3

ÜbersetzungÜbersetzung:

MAR: Schmeiss [den Deckel]. Hast du einen Deckel? MAT: Ja, wo will der hingegangen sein?


MAR: hööfli! ((Andreas))
hööfli!
MAT: dui bisch gfraagt
MAR: allgemäine suche nach disem deggel?
duu iuu siin dis deggel?
( (Rülpser, Stimmen im Hintergrund) )
Mar: dä hend=er mit i brunne grüert
AND: näi=
mier hend dich nu gfraagt
MAR: schäiss=egaal

Ausschnitt 4

ÜbersetzungÜbersetzung:

MAR: Höfli [=Andreas]! Höfli! MAT: Du bist gefragt. MAR: Allgemeine Suche nach diesem Deckel? Do you seen this Deckel? [sic] MAR: Den habt ihr mit in den Brunnen geschmissen. AND: Nein, wir haben dich doch gefragt. MAR: Scheissegal.

Beispiel: "ddeggel?"

(Zit. n. Galliker 2013, S. 295f)

Diese Studien heben hervor, dass die von ihnen erarbeiteten MusterMuster nicht unbedingt jugendexklusiv, sondern vielmehr jugendpräferentiell gebraucht werden, wobei nicht nur FrequenzFrequenz-, sondern auch BedeutungsunterschiedeBedeutungsunterschied zum Gebrauch dieser Muster in anderen Generationen eine Rolle spielen. Gleichwohl mangelt es noch an solchen intergenerationellen Vergleichen (s. Kap. 4.2), z.B. zwischen dem LästernLästern von Jugendlichen und von Erwachsenen. Steckbauer u.a. deuten eine solche generationsvergleichende Perspektive von Erzählungen Erwachsener und Jugendlicher mit gebotener Vorsicht an: „Während Erwachsene Erfahrungen gegenseitig zugänglich und erfahrbar machen wollen (Austausch auf „Augenhöhe“), wollen Jugendliche oft vor allem beeindrucken und (emotionale) Effekte wirksam machen“ (2014, 154). Die Annahme von Jugendtypik für bestimmte kommunikative Muster ist aber für die Jugendsprachforschung und ihr Gegenstandsfeld von entscheidender Bedeutung, wenn sie nicht in der allgemeinen Sprachgebrauchsforschung aufgehen will3.

Bezieht man jugendsoziologische und sozialisationstheoretische Überlegungen ein, so kann verdeutlicht werden, warum HandlungsmusterHandlungsmuster wie BlödelnBlödeln, Frotzeln, LästernLästern oder DissenDissen gerade für Jugendliche im Prozess der sozialen IdentitätIdentitätsozialeskonstruktion sprachbiographisch so bedeutsam sind. Auch das sprachkreative Potential der SprachspieleSprachspiele und BricolagenBricolage, die vergemeinschaftende Funktion von Spaß, Witz und Scherz spielen in der Jugendphase eine besondere Rolle.

So betont Schubert in seiner Studie über das LästernLästern u.a. die bedeutsamen Funktionen der VerständigungVerständigung über soziale Werte in der präsenten Peergruppe, Walther demonstriert die BedeutungBedeutung des BlödelnsBlödeln wie des Frotzelns als Formen der ScherzkommunikationScherzkommunikation für die Jugendlichen, und in Gallikers Studie spielt das identifikatorische SprachspielSprachspiele mit einer Verwendung ortsdialektaler Merkmale eine entscheidende Rolle. Die meisten der oben genannten Handlungsmuster, die überdies noch alters- und geschlechtstypisch ausgeprägt sein können, werden gruppenintern und oft im Modus der Scherzkommunikation verwendet; gruppenexterne AbgrenzungsfunktionenAbgrenzungsfunktion können beim Lästern gegenüber Outgroup-Mitgliedern als Lästerobjekte oder auch beim DissenDissen im Ernstfallmodus auftreten. Solche Fälle sind für die Forschung allerdings schwer zugänglich, zumal die AbgrenzungenAbgrenzung von Frotzeln und Dissen im intragruppalen Scherzmodus nicht immer trennscharf vorgenommen werden können.

4 Schwerpunkte der Jugendsprachforschung

Mittlerweile verfügen wir über eine wenn auch kurze, so doch äußerst lebhafte und anregende Forschungsgeschichte. Eine Bibliographie zur Jugendsprachforschung ist 1999 erschienen und war bald darauf schon wieder veraltet; größere empirische Forschungsprojekte haben ihre Erkenntnisse präsentiert; auf internationalen Konferenzen findet ein reger Austausch mit Jugendsprachforschern aus anderen Ländern statt. Dabei werden eine Vielzahl von Fragestellungen verfolgt und Ergebnisse gewonnen, die verschiedene inhaltliche Schwerpunktsetzungen in Verbindung mit unterschiedlichen Forschungsrichtungen erkennen lassen. Einige davon seien im Folgenden genauer vorgestellt. Auch wenn sie mit unterschiedlicher Intensität bearbeitet werden, erschließen sie doch die Vielschichtigkeit des Forschungsfeldes.

4.1 Jugendsprache als historisches Phänomen

In der öffentlichen Meinung wird Jugendsprache oft als ein neuzeitliches Phänomen der Gegenwartssprache angesehen. Kaum bis gar nicht ist bekannt, dass Jugendliche auch zu früheren Zeiten einen eigenen Sprachstil ausgebildet haben, der sich von dem in der Gesellschaft vorherrschenden und von der älteren GenerationGeneration verwendeten in bedeutsamer Weise unterschied. Unser Wissen darüber verdanken wir der fast zweihundertjährigen Tradition von historischen WörterbüchernWörterbücher und Dokumentationen der historischen StudentenspracheStudentensprache als früheste bekannte Form einer Jugendsprache in Deutschland.1Henne, Helmut/Objartel, GeorgSolche Wörterbücher, Dokumentationen und Lebensbeschreibungen spiegeln den Sprachstil und Lebensstil der akademischen männlichen Jugend, ihre zentralen Erfahrungsbereiche und sozialen Wertungen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der frühen deutschen Studentensprache hat nicht nur historischen Stellenwert; vielmehr erschließen sich vor dem Hintergrund eines früheren kultur- und zeitgeschichtlichen Kontexts bereits charakteristische Merkmale und Funktionen von Jugendsprachen im gesellschaftlichen Wandel.2Neuland, Eva

Ein solcher studentischer Sprachstil offenbart zugleich einen bestimmten, nämlich den freiheitlich-burschikosen Lebensstil, der sich sowohl von den bürgerlichen Konventionen der nicht-studentischen Bürger: der PhilisterPhilister sowie von den nicht-burschikosen Studenten: den Muckern, Stubenhockern und Trauerklößen abgrenzt. Wie wir aus der Sondersprachforschung wissen3, weist er einen besonderen Wortschatz in den zentralen Lebensbereichen, sozialen Handlungsräumen und spezifischen Wertsetzungen dieser studentischen GruppenGruppe auf, wie z.B.: fidel, honett, die in der damaligen Allgemeinsprache eine ganz andere Bedeutung trugen.

Ein herausragendes Kennzeichen der historischen StudentenspracheStudentensprache ist jene SprachmischungSprachmischung des „makkaronischen Latein“, in dem Deutsch und Latein (z.B.: gassatum gehen, Konkneipant), wie aber auch Deutsch und Griechisch (z.B.: burschikos) verbunden mit SprachspielSprachspiele und IronieIronie zu einem neuen gruppenspezifischen Sprachstil vermengt werden. Weiterhin aufschlussreich im Vergleich zu heutigen Jugendsprachen sind auch die zahlreichen Metaphern und AnspielungenAnspielung sowie die Vermischung von Stilschichten der Sprache des Bildungsbürgertums mit dem RotwelschRotwelsch der ehemaligen GaunerspracheGaunersprache (z.B.: pumpen, Moneten).

Die historische Perspektive auf jugendlichen Sprachgebrauch zu anderen Zeiten macht deutlich, dass die deutsche Sprache immer schon von den jüngeren GenerationenGeneration geprägte Ausdrucksweisen in ihren Wort- und Formenbestand aufgenommen hat.

Manche Phänomene, die für neuzeitliche Erscheinungen gehalten werden, haben Tradition in der Geschichte der Jugendsprachen, wie SprachmischungenSprachmischung, BedeutungswandelBedeutungswandel, AnspielungenAnspielung auf die dominante Kultur, wenn auch mit anderen kulturhistorischen Rahmenbedingungen. Dabei werden zugleich zeitübergreifende jugendtypische Charakteristika deutlich.

4.2 Jugendsprache als Entwicklungsphänomen in der SprachbiographieSprachbiographie

Eine weitere wissenschaftliche Fragestellung ist auf die Jugendsprache als eine Phase der sprachlichen Sozialisation gerichtet. Dabei geht es allerdings nicht um die Vorstellung eines festen Entwicklungsablaufs innerhalb biologischer Altersgrenzen, wie sie in der psychologischen Tradition der SprachentwicklungsforschungSprachentwicklungsforschung und der AltersstilforschungAltersstilforschung noch vorherrschte1 und wie sie der in der Öffentlichkeit oft gestellten Frage zugrunde liegt, wann Jugendsprache eigentlich anfinge und wann sie aufhöre.

Jugendsprache wird in der Entwicklungsperspektive vielmehr sprachbiographisch als Teil sozialer Lebensgeschichte angesehen, wobei die Bedeutung eines besonderen Sprachgebrauchs für die SozialisationsphaseSozialisationsphase der Jugend und die mit ihr verbundene Bildung sozialer IdentitätIdentitätsoziale, insbesondere der Gruppen- und Geschlechtsrollenidentität interessiert. Die Bedeutsamkeit dieses sprachlichen Rollenhandelns spiegelt sich z.B. in den typologisierenden Bezeichnungen für Vertreter des jeweils anderen Geschlechts (wie z.B. Tussi, Macker) sowie anderer Jugendlicher (wie z.B. Aso, Proll, Spasti). Jugendliche selbst scheinen ein besonderes Gespür für den zeit- sowie lebensgeschichtlichen Wandel von Ausdrucksweisen zu haben, wenn sie sich sprachlich mit einem entsprechenden Hinweis abgrenzen: Der Ausdruck irres feeling z.B. sei peinlich teeniehaft2Neuland, Eva und nicht mehr zu gebrauchen.

Die Beschäftigung mit der Jugendsprache als einer SozialisationsphaseSozialisationsphase kann insbesondere über die funktionalen Effekte der Jugendsprache, d.h. über die Gründe für deren Bildung und Verwendung im sozialen Lebenslauf Aufschluss geben. Unter sprachbiographischer Perspektive erweist sich damit auch, dass Jugendsprache eine Passage in der individuellen SprachbiographieSprachbiographie darstellt, die mit dem Übertritt in weitere Sozialisationsphasen und -rollen (z.B.: Berufstätigkeit, Familiengründung) verblassen und abnehmen wird. Inzwischen wurden erste vergleichende Beobachtungen zu verschiedenen Lebensaltern (Häcki BuhoferHäcki Buhofer, Annelies (Hrsg.) 2003 und Sprechaltern (OBST 62/2001) vorgelegt.

Die beiden bislang angeführten Aspekte von Zeit- und Lebensgeschichte lassen sich unter dem Generationsbegriff miteinander verbinden, indem z.B. Ausdrucksformen Jugendlicher in verschiedenen historischen GenerationenGeneration miteinander verglichen werden. Dabei lassen sich auch Prozesse kulturellen WandelsWandelkultureller erfassen.3Neuland, Eva Androutsopulos demonstriert solche Veränderungen am Beispiel von WertungsausdrückenWertungsausdrücke Jugendlicher in verschiedenen Lebensphasen (Von fett zu fabelhaft 2001). Ein solcher Wandel hat auch zeitgeschichtliche Parallelen: Was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fabelhaft war, entspricht zur Wende des 21. Jahrhunderts dem Wertungsausdruck fett.

4.3 Jugendsprache als Gruppenphänomen

Jugendsprache wird in der aktuellen Sprachforschung insbesondere als eine GruppenspracheGruppensprache, genauer gesagt: als Mittel gruppenspezifischer Kommunikation aufgefasst und ethnographisch und gesprächsanalytisch untersucht. Hier geht es um die Erfassung bestimmter SprechstileSprechstile1Schlobinski, Peter/Kohl, Gaby/Ludewigt, Irmgard, wie sie in bestimmten Situationen, oft auch an bevorzugten Orten von gewissen Jugendlichen gebraucht werden. Eine dieser Situationen ist beispielsweise das Zusammenstehen in der GruppeGruppe und die Beobachtung und Kommentierung anderer Leute (z.B. Besucher, Passanten)2Schwitalla, Johannes sowie das LästernLästern über andere Jugendliche (SchubertSchubert, Daniel 2008).

Solche SprechstileSprechstile sind keine Erfindung einzelner Personen; vielmehr bilden sie sich als gemeinsames Produkt einer kollektiven „Stil-BasteleiStil-Bastelei“ im Prozess der GruppenkommunikationGruppenkommunikation heraus. Die geteilte Erfahrungswelt und übereinstimmende Normen und Wertsetzungen der Gruppe bilden einen gemeinsamen Bedeutungskontext als Voraussetzung für das Funktionieren einer gruppenspezifischen Verständigungsweise, wie sie in der interaktionistischen Jugendsprachforschung erfasst wird (vgl. Kap. II.3.8). Nur so können im Gespräch Stichwörter aufgegriffen und AnspielungenAnspielung verstanden, SprachspieleSprachspiele mit neuen Runden fortgeführt und bisherige Gesprächsbeiträge von folgenden kompetitiv nach dem Topping-Prinzip übertroffen werden. In einem von DeppermannDeppermann, Arnulf/Schmidt, Axel/Schmidt (2001) aufgezeichneten Beispiel unterhalten sich die Jugendlichen J und D darüber, wie viele „shots“ M von der Zigarette, die sie beide rauchen, gerade abbekommen soll:

J: Markus krIEgt am End auch noch ana,

D: Ah, Markus [krIEgt]

J: [N ganz kleiner]

D: KrIEgt EInen kleinen mini-shot. J: Der KRiegt den KarTON.

D: MArkus kriegt so einen normalen zug reingeshottet.

Beispiel: „Shots“

(Zit. n. DeppermannDeppermann, Arnulf/Schmidt, Axel/Schmidt 2001, S. 35)

Ein Verständnis von Jugendsprache als GruppenspracheGruppensprache öffnet den Blick sowohl für die Vielfalt jugendlicher Sprechweisen als auch für die Fähigkeit der Jugendlichen, in verschiedenen Situationen (z.B. informell-formell, vertraut-unvertraut) flexibel zwischen verschiedenen Sprechweisen zu wechseln. In dieser Hinsicht zeigen sich auch deutlich die Grenzen des FremdverstehensFremdverstehen, vor allem von Erwachsenen. Als „Angehörige fremder Welten“ bleibt ihnen der Zugang zu solchen gruppenspezifischen Kommunikationsprozessen oft versperrt.

Eine neue Perspektive ergibt sich im Bereich der digitalen Kommunikation mit virtuellen GruppenGruppevirtuelle in sozialen MedienMediensoziale, die nicht durch Kopräsenz der Mitglieder, aber doch durch auf gemeinsame Interessenschwerpunkte gerichtete Interaktionen und gemeinsam geteilte thematische Wissensbestände gekennzeichnet sind. Dies zeigt AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis (2003) am Beispiel von Online-GemeinschaftenOnline-Gemeinschaft als selbstdefinierte NetzwerkeNetzwerke im virtuellen Raum. Sie zeichnen sich durch bestimmte thematische und stilistisch Präferenzen aus, wie das folgende Beispiel eines Eintrags in das Gästebuch eines HipHop-Portals mit typischen Mündlichkeitseinflüssen und subkulturtypischen Fachwortanteilen veranschaulicht:

(www.hiphop.de)

hey ho leudde!

na wie gehts euch so suche ma n paar leudde die bock ham mit mir n paar freestyleparts zu kicken. also wenn ihr bcok habt mal gegen n mädel zu battln und zu

verliern schreibt ma.

also bsi dann

Beispiel: Eintrag auf dem Gästebuch eines HipHop-Portals

(Zit. n. AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis 2003, S. 173.

4.4 Jugendsprache als Medienphänomen

Bereits einleitend wurde darauf hingewiesen, dass populärwissenschaftliche Lexika und Szenewörterbücher entscheidend zu dem Vorurteil beitragen, dass Jugendsprache aus einer Ansammlung besonderer Wörter und Wendungen bestehe. Die Jugendsprachforschung setzt sich kritisch mit diesem von den Medien konstruierten Bild von Jugendsprache in der Öffentlichkeit auseinander und analysiert das komplexe Wechselverhältnis von Jugendsprache und Medien. Medienkonsum und Medienwissen bilden ihrerseits eine wesentliche RessourceRessource für jugendlichen Sprachgebrauch. Jugendliche nehmen in spielerischer, oft kritisch-ironisierender Weise auf ihre Medienerfahrungen Bezug. AnspielungenAnspielung und Zitate z.B. aus Songtexten, Kultfilmen, Jugendmagazinen, aber auch aus Werbe- und Familiensendungen im Fernsehen werden kreativ in den eigenen Sprachgebrauch eingearbeitet.

So wird in einem von Schlobinski u.a. (1993, S. 59f.) präsentierten Beispiel nach WachauWachau, Susanne eine assoziative Verkettung im Gespräch von Jugendlichen (und simone hat schon wieder ’n neuen freund?) analysiert, die von der Figur eines Griechen aus der Fernsehserie „Lindenstraße“ ausgehend Assoziationen zum Schlager „Griechischer Wein“ folgt, einen Phraseologismus aus der Drogenszene verwendet und schließlich zu einem Schlüsselwort aus dem Film „Das Leben des Bryan“ kommt.


I: Und Simone hat schon wieder ’n neuen Freund?
M: Einen Griechen.
A: Ey!
J: Vasily ha ha ((lacht))!
V: So ’n Quark (.) Alex!
M: Ich will nich mehr in Deutschland bleiben.
V:. ((lacht)) Ach ja sicher
M: Und dann zieht Simone zu ihm nach Griechenland (.) dann müssen wer die erstmal einmal im Jahr besuchen.
J: Ja ich schätze wenn wir die besuchen dann sitzt die vor ihrer Veranda ((singt)) griechischer Wein ((lacht))!
V: Völlig Chaos stoned!
J: Ha ihr wollt mich besuchen (.) ich hab jetzt leider keine Zeit der FC Athen spielt heute!
((Lachen))
J: Gladiatorenkampf oder so ((lacht)) und dann hängt se da (.) wir gucken da zu und dann ey Rübennasen ((lacht)) Otternasen ((lacht)) eine Tüte Otternasen! ((Lachen))

Beispiel: „Der neue Freund“

(Zit. n. SchlobinskiSchlobinski, Peter/Kohl, Gaby/Ludewigt, Irmgard/Kohl/Ludewigt 1993, S. 59f.)

Die Betrachtung von Jugendsprache als ein Medienphänomen kann wichtigen Aufschluss sowohl über die Bildung, Verbreitung als auch Vermarktung jugendlicher Sprachstile durch das Spektrum der klassischen Print- und AV-Medien geben. SpreckelsSpreckels, Janet (2014) analysiert in einem Beitrag zur humoristisch-subversiven Medienaneignung einer Mädchengruppe die Verwobenheit von Medienformaten und MedienrezeptionMedienrezeption. Die Jugendlichen nutzen die medialen Texte als Terrain für SelbstinszenierungenSelbstinszenierung, sprachliche Spielereien und kritische Auseinandersetzungen mit den medialen StereotypenStereotyp:


23 ( (Larissa setzt mit einem neuen Lied ein, das sie voller Inbrunst singt; Zeilen 25–37 werden parallel zu ihrem Gesang gesprochen) )
24 St <<affektiert> ich trag auch immer voll die ROCK-t-shirts –
25 mit <<englische Aussprache > ROSes-> (-)
26 mit ROsen drauf und->
27 Ke <<kindlich> und=nem krEU:z>
28 St <<kindlich>↑ja:>
29 Ke <<kindlich> auf einem [ist sogar ]
30 St [und SCHWA:rz;]
31 Ke =ne SCHLANGe drau:f;>
32 St ( ( lacht lauthals) )
33 ( ( 1.0: nur Larissa Gesang ) )
34 Ke <<kindlich> mit bissel GRAU drum->
35 St <<p, krächzend> ja:>
36 Ke <<kindlich> wo ums SCHERT drum geht;>
37 St ( ( lacht ) )
38 ( ( 1.0: nur Larissa Gesang ) )
39 St < <affektiert> und viele DO:Rnen drauf>
40 Ke <<imitiert lachend St>DO:Rnen> hahaha
41 St <<affektiert> und voll SCHWARZ;>
42 Mod <<p> schön,
43 danke schön;
44 ich kann nur sagen –

Beispiel: „ich trag auch immer voll die ROCK-t-shirts“

(zit. n. SpreckelsSpreckels, Janet 2014, S. 171f.; Fettdruck hier: Imitation der Castingshow-Teilnehmerin)

Zunehmend bildet aber der Sprachgebrauch Jugendlicher als intensive Nutzer der elektronischen Medien einen aktuellen Schwerpunkt der Jugendsprachforschung, und zwar weltweit. Als Vertreter der „Generation EGeneration E“ beherrschen sie den medientypischen Sprachgebrauch oft virtuoser als manche Erwachsene. Dies zeigt der folgende Abschluss einer ChatChat-KommunikationChat-Kommunikation:1Neue Medien

Glykeia: Milo mal ganz dolle knuddelt […]

Milo23: hui freu, glyk mal n Schmatza geb[…]

Glykeia: cool

Glykeia: winkt zum Abschied. *fg*

Beispiel: „Chattertreffen“ (Originalorthographie) (Zit. nach Henn-Memmesheimer/HoferHenn-Memmersheimer, Beate/Hofer 2006, S. 198)

4.5 Jugendsprache als internationales Phänomen

Vielen sprachinteressierten und sprachbesorgten Laien ist unbekannt, dass die Bildung besonderer Sprechweisen Jugendlicher sich durchaus nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Jugendsprache ist auch ein internationales Phänomen. Ein vergleichender Blick über die Grenzen unserer Nationalsprache hinaus führt rasch zu der Erkenntnis, dass Jugendliche auch in den skandinavischen Ländern, im anglo-amerikanischen Sprachraum, in Frankreich, Spanien und Italien sowie in anderen, zum Teil noch weniger gut untersuchten Ländern einen besonderen, von der jeweiligen Standardsprache unterschiedlichen Sprachgebrauch ausgebildet haben.

Kontrastive Analysen1Zimmermann, Klaus haben ähnliche Strukturmerkmale von Jugendsprachen verschiedener Nationen herausgearbeitet, darunter: die Bildung von AbkürzungenAbkürzungen und neuartigen Zusammensetzungen, Prozesse von Bedeutungsveränderungen sowie EntlehnungenEntlehnungen. Dabei zeigt sich, dass der Einfluss des Englischen auch in anderen Nationalsprachen nachzuweisen ist (frz.: se shooter; span.: shootear; frz./engl./dt.: cool, trip). Auch die Vorliebe für bildliche Ausdrucksweisen, witzige Redensarten und SprachspieleSprachspiele (vor allem das französische VerlanVerlan) scheint sich als ein generelles Generationsspezifikum im Sprachgebrauch Jugendlicher zu erweisen. Ebenso wird deutlich, dass Jugendliche aus den verschiedenen Ländern in vergleichbaren Gegenstandsfeldern (z.B. Musik, Freizeit, Sozialkontakte) differenzierte Wortschatzregister ausgebildet haben.

Die vergleichende Perspektive auf jugendlichen Sprachgebrauch in anderen Ländern macht einerseits auf nationale Grenzen überschreitende allgemeine soziokulturelle Entwicklungen aufmerksam, die sich im Sprachgebrauch der Jugendlichen verschiedener Nationalitäten und Kulturen niederschlagen und zu deren globaler Verbreitung die MedienMedien entscheidend beitragen. NeulandNeuland, Eva 2007 (S. 12f.) stellt einige solcher Besonderheiten im Sprachgebrauch Jugendlicher verschiedener nationaler Herkunft vor, die vor allem aufgrund ihrer Gebrauchsfrequenzen als jugendtypisch gelten können:

 Phonetik und Prosodiez.B. Apokopen, Synkopen, Kontraktionen (hass`e für hast du), InterjektionenInterjektionen (ey), Onomatopoetika als allgemeine Kennzeichen mündlichen Sprachgebrauchs

 WortbildungWortbildungz.B. Derivation: Präfigierung: ab-, rum-, durchhängen; SuffigierungSuffigierung: dt. Schlaffi, Prolo, frz. prolo; KurzformenKurzformen: dt. Bib, Prof, frz. ado, sp. biblio, profe/profa, Komposition: dt. oberaffengeil

 LexikLexikz.B. Neubildungen: Tussi, Proll; EntlehnungenEntlehnungen, nicht nur, aber vorwiegend aus dem Englischen: dt. (un)cool, trip, ausgeflippt, Null-, Durchchecker, frz. cool (coule), killer, killerie, span. flipar, flipadoWortfelder: Differenzierung typisierender Personenbezeichnungen und WertungsausdrückeWertungsausdrücke: cool, geil, krass, fett, Verwendung von Schimpfwörtern und Fäkalausdrücken

 Semantik, v.a. BedeutungswandelBedeutungswandelz.B. Bedeutungserweiterung: dt. geil, krass, korrekt, frz. méchant, dt. Braut, Penner, Bedeutungsverengung: Schlampe

 PhraseologiePhraseologie, MetaphorikMetaphorikz.B. tote Hose, total Banane sein, voll der Hammer

 Stilistikz.B. Stilmittel der Intensivierung: dt. echt, HyperbolikHyperbolik, hyperbolisch: intern. mega, super, hyper, Zitierungen, AnspielungenAnspielung, SprachspieleSprachspiele

 Stil- und SprachmischungenSprachmischungz.B. in BegrüßungsformelnBegrüßungsformeln: hadi ciao, hadi tschüss, hadi bye bye

 PragmatikPragmatik (der Jugendsprache)PragmatikBegrüßungs- und VerabschiedungsformelnVerabschiedungsformeln, AnredeformenAnredeformen: dt. na, du Penner?, ey, AlterAlter!, frz. t`es prêt, champion? alors, trouduc, tu dors?

 kommunikative HandlungsmusterHandlungsmusterFrotzeln, LästernLästern, Dissen.Dissen

Andererseits werden aber auch kulturspezifische Bedingungen historisch-gesellschaftlicher Entwicklungen sichtbar. So spiegelt sich der politische Wandel in den baltischen Staaten auch im sprachlichen Wandel am Beispiel von Entlehungsprozessen aus dem Russischen, aus dem Englischen und Deutschen wider.2Tidrike, Laura

4.6 Jugendsprache als Sprachkontaktphänomen

In der jüngsten Zeit wird eine neue Perspektive von der Jugendsprachforschung in den Blick genommen, und zwar die des „gemischten Sprechens“ vor allem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „SprachmischungenSprachmischung“ sind, wie eben erwähnt, ein historisches Phänomen, das schon in der deutschen StudentenspracheStudentensprache des 17. bis 19. Jahrhunderts nachgewiesen werden kann.1 Die GebersprachenGebersprache haben sich allerdings heute verändert: es sind nicht mehr die klassischen BildungssprachenBildungssprache Latein, Griechisch und späterhin Französisch. Vielmehr bilden heute die nichtdeutschen Muttersprachen Türkisch, Russisch und Polnisch eine wichtige Quelle des Sprachkontakts für Jugendliche in Deutschland, vor allem in multikulturellen Schulklassen.2Mehrsprachigkeit Das gemischte Sprechengemischtes Sprechen, das aus einer Außensicht oft als „doppelte Halbsprachigkeitdoppelte Halbsprachigkeit“ angesehen wird, bringt dabei eine besondere, oft bikulturell geprägte IdentitätIdentität dieser Jugendlichen zum Ausdruck3 (Hinnenkamp 2000, 2003; KeimKeim, Inken/Cindark, Ibrahim/Cindark 2003; OBST 65/2003).

O: Indim, Selda’yı arıyom bakıyom.

Bin ausgestiegen, bin los nach Selda schauen

Bi baktım Matthias’ı diyor hey kannsch du mi mitnehmen?

Auf einmal seh ich Matthias, sagt er

Is isn Freund von mir, mit dem ich früher inner Sch eh Klasse war.

He, kannschte mi mitnehmen diyo, eh i hab niemand diyo sonst muss

sagt er sagt er

ich mit mitm Dings (.) mitm Bus oder mit der U-Bahn

A: Bus fahren

O: Augsburg’a gelmem lazım diyo (.) I˙yi dedim, gel (.) baktım

muss ich nach Augsburg fahren, sagt er. Gut hab ich gesagt, komm (.) hab ich geschaut

Selda da geldi, Selda’yı da aldım (.) Und dann hab I gsehn

und Selda ist auch gekommen, Selda hab ich auch mitgenommen

Veli kommt auch (.)

Beispiel: „Matthias taucht auf“

Deutsche ÜbersetzungÜbersetzung hier in normaler Type (Zit. n. HinnenkampHinnenkamp, Volker 2003, S. 400)

Besonderes öffentliches Aufsehen haben die Arbeiten zum „KiezdeutschKiezdeutsch“ von WieseWiese, Heike und ihrem Team (2012 u.a.) gefunden. Sie vertreten die These, dass es sich dabei um einen neuen multiethnischen DialektDialekt des Deutschen handele, der im Zusammenhang mit KontaktsprachenKontaktsprachen und Jugendsprachen entstanden ist und der keine Fehlentwicklung, sondern eine Bereicherung des Deutschen darstelle.

Abb. II.4.1:

KiezdeutschKiezdeutsch als Jugend- und KontaktspracheKontaktsprachen (WieseWiese, Heike 2006, S. 46)

Damit wird eine Gegenposition zur These der „doppelten Halbsprachigkeitdoppelte Halbsprachigkeit“ von Migrantenjugendlichen eingenommen und der produktive Aspekt zusätzlicher sprachlicher Variationsmöglichkeiten im Kontext von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit betont, der auch bei Jugendlichen in urbanen Zentren in anderen Ländern Westeuropas anzutreffen ist. Zu solchen Innovationen werden im Deutschen nichtkanonische Konstruktionen gerechnet, u.a. Ortsangaben ohne Präpositionen und Artikel, neue Funktionsverbgefüge und Wortstellungsoptionen, so als Fokusmarker. Einiges davon veranschaulicht der folgende Textauszug:


Seda: Ich bin eigentlisch mit meiner Figur zufrieden und so, nur isch muss noch bisschen hier abnehmen, ein bisschen noch da.
Dilay: So bisschen, ja, isch auch.
Seda: Teilweise so für Bikinifigur und so, weißt doch so.
[…]
Dilay: Isch hab von allein irgendwie abgenommen. Isch weiß auch nisch, wie. Aber dis is so, weißt doch, wenn wir umziehen so, isch hab keine Zeit, zu essen, keine Zeit zu gar nix. […]
Heute muss isch wieder Solarium gehen.

Beispiel: „Heute muss isch wieder Solarium“

(Zit. n. WieseWiese, Heike 2012, S. 9)

Die auch linguistisch kontroverse Diskussion um KiezdeutschKiezdeutsch ist noch nicht abgeschlossen. Einwände werden v.a. gegen den reklamierten Dialektbegriff sowie gegen ihre für überregional und herkunftssprachenunabhängig gehaltenen Merkmale vorgebracht.

4.7 Jugendsprache als Phänomen des SprachbewusstseinsSprachbewusstsein

Diese Fragestellung wird von denjenigen Forschungsbeiträgen verfolgt, die SpracheinstellungenSpracheinstellungen von Jugendlichen untersuchen (v.a. WachauWachau, Susanne 1989, SasseSasse, Ines 1998, Wuppertaler DFG-Projekt 2003ff.). Dabei ergibt sich als interessanter Effekt, dass Jugendsprache für die befragten Jugendlichen selbst ein prägnanter Bestandteil ihres SprachbewusstseinsSprachbewusstsein ist. Und zwar gilt dies für Jugendliche verschiedener Altersgruppen und vor allem verschiedener BildungsgängeBildungsgang, wie die Ergebnisse der Wuppertaler DFG-StudieWuppertaler DFG-Studie zeigen (NeulandNeuland, Eva 2016). Die ca. 1200 befragten Jugendlichen geben Auskünfte über Typizitätsbeschreibungen und Gebrauchsbegründungen, Verwendungssituationen und Gebrauchseinschränkungen, die von einem deutlichen sprachlichen Selbstbewusstsein zeugen. Die in fast allen Fragen mögliche Antwortkategorie: Ich verwende keine Jugendsprache bzw. Jugendliche sprechen genauso wie Erwachsene nahm stets den letzten Rangplatz unter den möglichen Antworten ein. Als typische Merkmale der Jugendsprache nannten die befragten Jugendlichen: lockerer als die Erwachsenensprache, Verwendung von Ausdrücken aus dem Englischen, rascher WandelWandel, Verwendung von provokativen Ausdrucksweisen und von AbkürzungenAbkürzungen und unvollständigen Sätzen sowie Spiel mit Sprache (Neuland/SchubertNeuland, Eva/Schubert, Daniel 2005, S. 241ff.). Die Auswertung offener Antwortkategorien, die die Jugendlichen selbst formulieren konnten, unterstützen diesen Eindruck deutlich:1

Jugendliche versuchen Wörter zu vereinfachen, kürzen umständliche Sätze, um ihre Meinung schneller zum Ausdruck zu bringen

[17-jährige Berufsschülerin aus Chemnitz]

Unsere Sprache ist die Zukunft und da kann keiner etwas dran ändern, denn jede Generation hat ihren Teil zur deutschen Sprache beigetragen

[19-jähriger Berufsschüler aus Gießen]

Weil sie für mich die Jugend und Phantasien unserer heutigen Generation aus- drückt

[15-jährige Gymnasiastin aus Rostock]

Weil Jugendsprache fetter ist als das Gelaber von Erwachsenen

[18-jähriger Berufsschüler aus Wuppertal]

(Zit. in Originalorthographie n. Neuland 2016, S. 137 ff.)

5 Zwischenbilanz zum aktuellen Forschungsstand

Im Hinblick auf die Gegenstandskonstitution lassen sich die bisherigen Forschungsschwerpunkte der Jugendsprachforschung wie folgt zusammenfassen: Jugendsprache wird heute überwiegend, aber durchaus nicht ausschließlich, als ein mündlich konstituiertes, von Jugendlichen in bestimmten Situationen verwendetes Medium der GruppenkommunikationGruppenkommunikation definiert und durch die wesentlichen Merkmale der gesprochenen Sprachegesprochene Sprache, der GruppenspracheGruppensprache und der kommunikativen Interaktion gekennzeichnet. Allmählich finden auch Aspekte der SchriftspracheSchriftsprache und der schriftbasierten Kommunikationschriftbasierte Kommunikation mit Neuen MedienNeue Medien Berücksichtigung.

Die Jugendsprachforschung hat in ihrer kurzen Entwicklungszeit einen lebhaften Aufschwung genommen und eine Kontinuität des wissenschaftlichen Austauschs gewährleistet, was insbesondere durch die bisherigen internationalen Fachkonferenzen dokumentiert wird, deren Stationen zugleich die Forschungsentwicklung charakterisieren:

 die von HeinemannHeinemann, Margot 1992 ausgerichtete Leipziger Tagung „Jugendsprache – theoretische Standpunkte und methodische Zugriffe“, die die Entwicklungsansätze in Ost- und Westdeutschland vor allem mit denen aus dem osteuropäischen Raum verknüpfte,

 das von Mattheier und RadtkeRadtke, IngulfHoltus, Günter/Radtke, Edgar im Rahmen des Graduiertenkollegs „Dynamik von SubstandardSubstandard-VarietätenVarietät“ 1997 ausgerichtete und von Androutsopolous und ScholzAndroutsopoulos, Jannis/Scholz, Arnim 1998 veröffentlichte internationale Heidelberger Kolloquium „Soziolinguistische und linguistische Aspekte von Jugendsprache“, das die Ausdifferenzierung von theoretischen und methodischen Ansätzen der Jugendsprachforschung in Europa dokumentiert,

 die von SchlobinskiSchlobinski, Peter als gemeinsames Projekt der Universität Hannover und des Ratsgymnasiums Osnabrück 1998 veranstaltete Osnabrücker Fachkonferenz „Jugendsprache(n) – JugendkulturenJugendkultur – Wertsysteme“. Die von Schlobinski/HeinsHeins unter dem Titel „Jugendliche und „ihre“ Sprache“ veröffentlichten Beiträge hatten das Untersuchungsfeld um jugendkulturelle Kontexte, z.B. von Graffiti und Musik, nochmals deutlich erweitert,

 die von Neuland und Mitarbeitern 2001 ausgerichtete Wuppertaler Fachkonferenz „Jugendsprachen – Spiegel der Zeit“, deren Erträge 2003 publiziert wurden. In vier Sektionen um die Themenschwerpunkte: SprachwandelSprachwandel, kontrastivekontrastiv Vergleiche, Freizeit und Medien sowie Schule und Sprachunterricht veranschaulichte eine Vielzahl von Beiträgen aus aller Welt, dass Jugendsprachen Ausdrucksformen soziokultureller Lebensstile in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten darstellen.

 die von DürscheidDürscheid, Christa veranstaltete fünfte internationale Fachtagung: „Perspektiven der Jugendsprachforschung“ fand 2005 in Zürich statt. Die Publikation von Dürscheid/SpitzmüllerSpitzmüller, Jürgen präsentiert ausgewählte Ergebnisse zu den drei Schwerpunkten: Sprachgebrauch und Sprachkompetenz, Sprachgebrauch und IdentitätIdentität und Jugendsprachen global und lokal, in denen mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch von Jugendlichen unter verschiedenen Aspekten analysiert wurden.

 Die folgende internationale Konferenz von 2008 fand erstmals außerhalb des deutschen Sprachraums unter der Leitung von JørgensenJørgensen, Normann in Kopenhagen statt. Abermals konnten eine Erweiterung des Gegenstandsfeldes und eine weitere Internationalisierung der Forschung dokumentiert werden. Die Tagungsbeiträge wurden 2009 veröffentlicht.

 2011 veranstalteten KotthoffKotthoff, Helga und Mertzlufft in Freiburg unter dem Titel: „Dynamiken und kulturelle Kontexte“ die 7. Jugendsprachkonferenz. Forschungsbeiträge zum Sprachgebrauch Jugendlicher als Mittel kultureller Stilisierungen und sozialer Zugehörigkeiten wie Selbstdarstellungen standen im Mittelpunkt.

 Die 8. Jugendsprachkonferenz wurde von Gysin, Spreckels und Spiegel 2014 mit dem Themenschwerpunkt: „Jugendsprache und Schule“ an der PH Karlsruhe veranstaltet. Dabei wurde verstärkt auch das Schreiben Jugendlicher in der Schule wie in neuen Medien in Betracht gezogen und Vorschläge zum Umgang mit dem Thema im Unterricht vorgestellt.

 Die vorerst letzte internationale Konferenz fand 2016 unter der Leitung von ZieglerZiegler, Evelyn in Graz statt. Viele Beiträge demonstrierten den weiteren Internationalisierungsschub der Jugendsprachforschung, zeigten aber auch Entgrenzungen der Jugendsprache in Richtung auf multilinguale Straßen- und Stadtsprachen auf.

 Eine zukünftige Konferenz soll 2019 in den Niederlanden stattfinden.

Sowohl die internationalen Fachkonferenzen als auch die zwischenzeitlich präsentierte Forschungsliteratur veranschaulichen die theoretische und methodische Bandbreite der aktuellen Jugendsprachforschung ebenso wie das breite Spektrum ihrer Gegenstandsfelder. Zwei Grundzüge seinen im Folgenden skizziert und kommentiert.

5.1 Erweiterung des Gegenstandsfelds

Trotz vieler noch offener Fragen kann man im Rahmen der Forschungsentwicklung eine Ausdehnung des Gegenstandsfelds feststellen.

Das linguistische Untersuchungsspektrum, das seinen Ausgangspunkt von lexikologischenlexikologisch und lexikographischenlexikographisch Betrachtungen nahm und sich auf einen Sonderwortschatz von Jugendlichen konzentrierte, erweiterte sich zunächst phraseologisch und phraseographisch durch die Untersuchung von Redewendungen und Sprüchen Jugendlicher. Pragmalinguistische Aspekte wie: Begrüßungs- und AnredeformenAnredeformen, GesprächspartikelnGesprächspartikel, InterjektionenInterjektionen und IntensiviererIntensivierer traten hinzu, sodann StilmerkmaleStilmerkmal wie die Verwendung von HyperbolikHyperbolik, hyperbolisch, bildlichen Ausdrucksweisen und von Zitaten. Gruppenbezogene SprachspieleSprachspiele und Handlungsmuster wie FrotzeleienFrotzelei, frotzeln, LästernLästern und auch spezifische Gesprächsregeln und Gesprächsfunktionen rückten in den Mittelpunkt von GesprächslinguistikGesprächslinguistik und InteraktionsforschungInteraktionsforschung. Unter textlinguistischerTextlinguistik, textlinguistisch Perspektive wurden schließlich auch medial geprägte schriftliche Äußerungen z.B. in jugendlichen SzeneSzene-Zeitschriften untersucht, ebenso wie Äußerungsformen Jugendlicher im Kontext Neuer MedienNeue Medien.

Neben dieser eindrucksvollen Differenzierung des linguistischen Gegenstandsfelds ist die Erweiterung des sozialen Gegenstandfeldes im Hinblick auf die Jugend bzw. die Jugendlichen bemerkenswert. Die anfängliche Homogenitätsannahme der Jugend schlechthin (HenneHenne, Helmut: Die Sprache der Jugend, 1986; HeinemannHeinemann, Margot: Kleines Wörterbuch der Jugendsprache, 1989) hatte sich alsbald in ihr radikales Gegenteil verkehrt: die Rede von der HeterogenitätHeterogenität der Jugendsprachen bildet mittlerweile einen Gemeinplatz der Jugendsprachforschung.

Hier wird eine Fülle von Einzelbeobachtungen zusammengetragen, um nur einige Beispiele zu nennen: zur Beobachtungskommunikation Mannheimer Jugendlicher (SchwitallaSchwitalla, Johannes 1988), zu Mütter-Töchter-Dialogen (Augenstein 1998), zur GruppenkommunikationGruppenkommunikation von Mitgliedern einer katholischen Jugendgruppe (Schlobinski u.a. 1993), zu Radiointerviews mit Hip Hop-Fans (BernsBerns, Jan 2003), zur Kleingruppenkommunikation von Skatern (HartungHartung, Martin 2003), zu Ausdrucksweisen von Rappern und Techno-Fans in der Internetkommunikation (WatzlawikWatzlawik, Sonja 2001), zur Plattenkritik in Szene-FanzinesFanzines (Schubert /Martin Martin, Stephan/Schubert, Daniel/Watzlawik, Sonja 2002), zur Gästebuchkommunikation in online-Gemeinschaften (AndroutsopoulosAndroutsopoulos, Jannis 2003), zum normungebundenen Schreiben im Internet (KleinbergerKleinberger Günther, Ulla/Spiegel, Carmen Günther/Spiegel 2006) und in Schülerzetteln (ZieglerZiegler, Evelyn 2006), zur Kommunikation von Migranten-Jugendlichen (z.B. BierbachBierbach, Christine/Birken-Silverman/Birken-Silverman 2007, 2014), zur humoristisch-subversiven Medienaneignung (SpreckelsSpreckels, Janet 2014), zu virtuellen Inszenierungen in Mädchengruppen (Voigt 2014), zur grammatischen Normierung im Internet (Bahlo u.a. 2016).

5.2 Vielfalt der Methoden

Von daher erklärt sich aber auch die Methodenvielfalt als zweites Charakteristikum der Entwicklung der Jugendsprachforschung, deren unterschiedliche Gegenstandsfelder vielfältige Bearbeitungsmethoden geradezu zwingend erforderlich machen.

5.2.1 FragebogenmethodenFragebogenmethoden

So werden Wortschatzuntersuchungen1 zumeist mit Hilfe von FragebogenmethodenFragebogenmethoden durchgeführt, die von einer anfangs schlichten Auflistung zu detaillierten Fragemustern weiterentwickelt wurden. So kann zwischen onomasiologischen (z.B.: Was bedeutet/welche Bedeutung hat für Euch x?) und semasiologischen (z.B.: Wie sagt ihr zu/benennt ihr/welchen Ausdruck verwendet ihr für x?) Fragen unterschieden werden. Auch können Wortfeld- sowie Sachgruppen bezogene Gruppierungen vorgenommen werden (z.B. beliebte/unbeliebte Mitschüler/Mitschülerinnen, sympathische/unsympathische Lehrer/Lehrerinnen etc.). Mit Hilfe dieser Methoden können die LexikographieLexikographie (der Jugendsprache) sowie die lexikalische Semantiklexikalische Semantik der Jugendsprache präzisiert werden.2Lexikographie (der Jugendsprache)Schlobinski, Peter Dabei sind geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortkategorien zwar effektiver und leichter auszuwerten, doch können offene Fragen oftmals neue und unerwartete Informationen und Beispielangaben liefern.

Als Beispiel sei ein ItemItem aus dem Fragebogen zum Wortgebrauch im Wuppertaler DFG-Projekt angeführt, der die Unterscheidung von Kenntnis und Gebrauch, eine Skalierung der Gebrauchshäufigkeit sowie die Angabe eines Beispiels im Situationskontext vorsieht3Neuland, Eva/Martin, Stephan/Watzlawik, Sonja:

Abb. II.5.1:

Beispiel-ItemItem aus dem Wuppertaler DFG-Projekt

5.2.2 InterviewsInterview und gelenkte Gespräche

Verschiedene Formen von InterviewsInterview und Fragebogenerhebungen werden eingesetzt, um vor allem Aufschluss über sprachbezogene Meinungen und Einstellungen von Jugendlichen zu erhalten (z.B. WachauWachau, Susanne 1989, SasseSasse, Ines 1998, Wuppertaler DFG-Projekte 2003ff.). Auch sprachbiographische Erinnerungen können so elizitiert werden (z.B.: Erinnern Sie sich noch, welche Ausdrücke Sie in Ihrer Jugendzeit für X verwendet haben?).1Watzlawik, Sonja Auch bei solchen aus der empirischen Sozialforschungempirische Sozialforschung übernommenen Verfahren ist bei der Konstruktion der spezifischen Fragestellungen und bei der Auswertung der Antworten in besonderer Weise auf die GütekriterienGütekriterien der Objektivität, Reliabilität und ValiditätValidität zu achten. Dabei kann man auch Gefahr laufen, Suggestivfragen zu stellen, z.B.: Gebrauchst Du witzige Gruß- bzw. AbschiedsformelnAbschiedsformeln?, so Wachau (1989, S. 94) im Schülerfragebogen und: Stört es Sie, wenn Ihre Kinder Klangwörter und Comicwörter benutzen, wie z.B.: ächtz, stöhn, würg, kotz? im Elternfragebogen (ebd., S. 95).

Gesprächsleitfäden mit ImpulsfragenImpulsfragen (z.B.: Gibt es hier im Ort besondere Jugendtreffs/Freizeitangebote?) bieten eine Strukturierungshilfe und stellen einen Mittelweg dar zwischen zu starker Lenkung durch die Frage- Antwort-MusterMuster von InterviewsInterview und der Eigendynamik – oder auch Flaute – von ungesteuerten Diskussionen. Auch erfordert die Auswertung von offenen Antworten besondere Sorgfalt im Hinblick auf die Bildung von Antwortkategorien, die durch Beurteilerübereinstimmungen abgesichert werden kann.

Beim Einsatz von InterviewInterview- und FragebogenmethodenFragebogenmethoden sind oftmals Vorstudien hilfreich, aus denen einerseits präzisere Formulierungsmöglichkeiten für Fragestellungen in der Hauptuntersuchung gewonnen und andererseits realitätsnahe Auswahlantworten für die Probanden formuliert und vorgegeben werden können.

5.2.3 Teilnehmende Beobachtung und KorpusanalysenKorpusanalysen

In der Vielzahl der Interaktionsstudien1 werden Gespräche von Jugendlichen mittels teilnehmender Beobachtungteilnehmende BeobachtungBeobachtungsmethoden erhoben. Dabei stellen sich die aus der empirischen SoziolinguistikSoziolinguistik bekannten Probleme des Beobachterparadoxons2Labov, William und des Einflusses metakommunikativer Aufmerksamkeit auf die Interaktionslogik. Nur in wenigen Fällen sind verdeckte Aufnahmen oder unbeobachtete Selbstaufnahmen durch die Jugendlichen erfolgt, so in dem bekannten Beispiel von SchlobinskiSchlobinski, Peter 1989.3

Die Einzelfallstudien ermöglichen eine detaillierte KorpusanalyseKorpusanalysen einzelner GesprächspartikelnGesprächspartikel bis hin zu Sprachhandlungsmustern und deren Abfolgen, allerdings mit dem Vorbehalt begrenzter Vergleichbarkeit und eingeschränkter Verallgemeinerbarkeit. Dies gilt auch für die Analyse von Internetkommunikation, wobei zusätzlich das Validitätsproblem der Nicht-Identifizierbarkeit der Interaktanten hinzutritt: Kommunizieren wirklich oder nur vorgeblich Jugendliche miteinander?

Eine besondere Schwierigkeit der KorpusanalysenKorpusanalysen allgemein liegt in der induktiven Vorgehensweise und der Auswahl von für die Fragestellung relevanten Analysekriterien. Bei konstruktivistischen Ansätzen sind die theoretischen Vorannahmen und Deutungspotentiale am Material genauer zu prüfen. Schließlich sind AuftretensfrequenzenAuftretensfrequenz und MusterhaftigkeitMusterhaftigkeit der sprachlichen Merkmale nicht außer Acht zu lassen.

Die anfänglich kontrastivenkontrastiv, bald darauf eher komplementären Diskussionen um Methodenkonzepte von Fragebogenerhebungen und Kommunikationsanalysen, von korrelativen und kontextuellen Studien4Androutsopoulos, Jannis/Scholz, ArnimAndroutsopoulos, Jannis, von Sprachgebrauchs- und Spracheinstellungsuntersuchungen sind schon längst der Einsicht gewichen, dass es keine allgemein geeignete oder ungeeignete, sondern nur zweckentsprechende Methoden geben kann. In jedem Fall sind Reflexionen und vor allem Begründungen der Methodenwahl und Methodenkonstruktionen auch dann nötig, wenn sich die empirische Sprachforschung nicht auf Methoden der empirischen Sozialforschungempirische Sozialforschung stützt, sondern qualitative Methoden bevorzugt.5Schlobinski, Peter/Schmid, Katja A. Datentriangulationen können Vorteile einzelner Methoden nutzen und Nachteile ausgleichen und damit methodisch die ValiditätValidität der Befunde stärken.

5.3 Typizität in der HeterogenitätHeterogenität?

Als Zwischenbilanz des aktuellen Forschungsstandes lässt sich eine Vielfalt von Detailstudien zu wesentlichen Merkmalen und Funktionsweisen von Jugendsprachen resümieren. In AnspielungAnspielung auf die Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und DichtungDeutsche Akademie für Sprache und Dichtung aus dem Jahr 1982 kann man formulieren, dass die Jugend tatsächlich eine andere Sprache spricht, genauer: dass die vielen Jugendlichen tatsächlich von sehr vielen unterschiedlichen Sprachverwendungsweisen Gebrauch machen.

Angesichts der Erweiterung des Gegenstandsfeldes ist aber auch kritisch zu fragen, ob das Gegenstandsfeld der Jugendsprache nicht gleichsam unter der Hand diffundiert1Dürscheid, Christa/Neuland, Eva und zunehmend unbestimmt wird. Die Vielzahl der Forschungsbeiträge führt zu einer Fülle von Einzelbeobachtungen zu spezifischen Szenesprachen von Jugendlichen, die fast kaum mehr durch bestimmte Parameter strukturiert und geordnet oder sogar verallgemeinernd beschrieben werden können. Entscheidende Fragen lauten:

 Ist „Jugendsprache“ denn wirklich nur noch GruppenspracheGruppensprache bzw. Szenesprache, Strassen- oder Stadtsprache oder MedienkommunikationMedienkommunikation?

 Ermöglicht die Vielzahl der Einzelfallstudien noch eine Vergleichbarkeit oder gar Verallgemeinerung der Befunde?

 Ist das Gegenstandsfeld der Jugendsprache nicht inzwischen so heterogen geworden, dass kaum mehr eine kategoriale und begriffliche Ordnung und Strukturierung möglich scheint?

 Welche Kenntnisse über jugendtypische Spezifika bzw. über „universelle Merkmale“ von Jugendsprachen können als wissenschaftlich gesichert und geteilt angesehen werden?

 Welche Typizität lässt sich also in der Heterogenität von Jugendsprachen feststellen?

Die künftigen Ziele der Jugendsprachforschung werden zweifellos auf diese Ordnung der Heterogenität im Hinblick auf kulturtypische Ausprägungsformen ausgerichtet sein müssen. ForschungsdesiderateForschungsdesiderate bestehen insbesondere im Hinblick auf die Auswirkung soziolinguistischer Faktoren wie AlterAlter, Geschlecht, BildungsgangBildungsgang, regionale Herkunftregionale Herkunft und MigrationMigration auf den Sprachgebrauch Jugendlicher.2

Einige offene Fragekomplexe und ForschungsdesiderateForschungsdesiderate seien an dieser Stelle noch angeführt. Dabei soll insbesondere die vergleichende Betrachtungsweise betont werden.3Neuland, Eva Oftmals werden erst durch Vergleiche mit dem Sprachgebrauch Jugendlicher zu anderen Zeiten, in anderen Ländern und Gesellschaftsformen, mit dem Sprachgebrauch anderer Generationen und nicht zuletzt der Standardsprache typische gemeinsame und unterscheidende jugendsprachliche Merkmale deutlich:

 Jugendsprache und Sprachgeschichte:Welche Rolle spielen die historischen Dimensionen für die aktuelle Jugendsprachforschung? Das Wissen über die Geschichte der Jugendsprachen, besonders der nicht akademischen Jugend ist immer noch sehr lückenhaft. Das auf die Synchronie ausgerichtete Forschungsinteresse dominiert derzeit eindeutig über das auf die Diachronie bezogene. Gerade auch aus dem historischen Vergleich lassen sich jedoch aufschlussreiche Erkenntnisse über jugendtypische Faktoren des Sprachgebrauchs erschließen.

 Jugendsprache und StandardspracheStandardsprache:Wie können die wechselseitigen Einflüsse differenziert und verlässlich beschrieben werden, welche präzisen Indikatoren können für eine mögliche Sprachwandelwirkung der Jugendsprache herangezogen werden? Die linguistische Jugendsprachforschung hat zwar – etwa im Unterschied zur Sondersprachforschung – zur Recht die Eigenständigkeit des Forschungsgegenstands Jugendsprache herausgestellt, doch ist darüber das Wechselverhältnis zwischen Jugendsprache und der Allgemeinsprache nahezu gänzlich aus dem Blick geraten.

 Jugendsprache und JugendkulturJugendkultur:Dies gilt in gewissem Ausmaß auch für den wichtigen Zusammenhang von Sprach- und Lebensstilen Jugendlicher.4 Welche Fortschritte sind zu verzeichnen für interdisziplinäre Zugänge zur Erforschung von Jugendsprache im semiotischen Kontext jugendkulturellen HabitusHabitus und anderer jugendkultureller Äußerungsformen? Welche internationalen Auswirkungen sind von der kulturellen GlobalisierungGlobalisierung für Jugendsprachen zu erwarten?

 Jugendsprache, Bildung und Öffentlichkeit:Welche Aufklärung kann die Jugendsprachforschung der Öffentlichkeit, vor allem aber der Schule und dem Bildungswesen über sprachliche und kommunikative KompetenzenKompetenz von Jugendlichen über den Gebrauch von Jugendsprache hinaus leisten? Welche Konsequenzen kann der Sprachunterricht daraus ziehen?

Die Bearbeitung dieser und weiterer Fragen bildet ein großes Arbeitsprogramm für die künftige Jugendsprachforschung, die bis heute unter einem besonderen öffentlichen Erwartungsdruck steht. Anfragen aus der sprachinteressierten Öffentlichkeit, der Eltern- und Lehrerschaft, vor allem aber auch der ergebnisorientierten Medienöffentlichkeit waren und sind bis heute auf kurzfristige und rasche Antworten auf unsere eingangs zitierte Fragestellung gerichtet. Damit ist zweifellos die Gefahr verbunden, dass nicht nur die Jugendsprache zum Modethema geworden ist, sondern dass auch die Jugendsprachforschung als eine Modeerscheinung von zweifelhafter tagespolitischer Aktualität angesehen werden könnte.

Der Reduktion der Perspektivenvielfalt entgegenzuwirken ist eine wichtige Aufgabe für die wissenschaftliche Forschung, aber auch die wissenschaftliche Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit. Die Jugendsprachforschung kann und will weder bestehende Klischees der „Jugendsprache“ bedienen, noch die ständigen „In- und Out-Hitlisten“ der Jugendsprache beliefern und somit den Verdinglichungen des öffentlichen SprachbewusstseinsSprachbewusstsein zuarbeiten. Vielmehr werden für die Entwicklung und Durchführung umfangreicher und längerfristiger Forschungsprojekte größere Zeitspannen benötigt, um schließlich profundere Antworten auf Fragen wie die eben gestellten erarbeiten zu können.

III Theoretische Konzepte der Jugendsprachforschung

Für die Theoriebildung der Jugendsprachforschung erscheinen die folgenden drei Bereiche zentral: Konzepte von Jugend, das Verhältnis von Jugendsprache und Standardsprache sowie die Bedeutung von Jugendsprache für den SprachwandelSprachwandel.

1 Jugend und Jugendsprache

Wie bereits ausgeführt, hat sich die moderne Jugendsprachforschung lange Zeit nicht explizit um eine theoretische Klärung ihres Gegenstandfelds bemüht.1 Im Folgenden seien einige einschlägige Ansätze vorgestellt, die sich in ein- und mehrdimensionale Modelle einteilen lassen.

1.1 Eindimensionale Modelle

Der Terminus Jugendsprache erschien zunächst quasi selbstevident: Gegenstandsfeld bildet der Sprachgebrauch in der Jugend bzw. von Jugendlichen analog zum Terminus „KinderspracheKindersprache“ als Sprachgebrauch in der Kindheit bzw. von Kindern. Während in der öffentlichen Meinung die Annahme bestimmter Altersgrenzen für den Gebrauch von Jugendsprache immer noch recht verbreitet ist, stellte sich wissenschaftlich jedoch bald die Einsicht ein, dass allein das Altersargument kaum als Definitionsmerkmal ausreicht. Ebenfalls lässt sich linguistisch relativ rasch zeigen, dass man auch nicht von einem altersexklusivenaltersexklusiv Gebrauch jugendsprachlicher Merkmale und MusterMuster ausgehen kann, denn auch Erwachsene sowie auch Kinder machen von jugendsprachlichen Ausdrucksweisen Gebrauch. Demgegenüber ist die Rede vom „alterspräferentiellenalterspräferentiell Gebrauch“ zu bevorzugen.1

Gleichwohl bleibt die Verdichtung bestimmter Merkmale und MusterMuster im Jugendalter ein entscheidendes Moment für die Jugendsprachforschung. Dabei spielt allerdings nicht nur die reine AuftretensfrequenzAuftretensfrequenz eine Rolle, sondern die besondere BedeutungBedeutung bestimmter Ausdrucksweisen in der SozialisationsphaseSozialisationsphase der Jugend. Insofern kann man zweifellos von jugendtypischen Merkmalen und Mustern des Sprachgebrauchs sprechen.

Als Beispiel dafür soll das HandlungsmusterHandlungsmuster des Lästerns angeführt werden, dem wesentliche sozialdistinktive Funktionen im Jugendalter zugeschrieben werden können. Indem Jugendliche über bestimmte Erscheinungs- und Ausdrucksweisen anderer Jugendlicher lästern, gleichen sie in einem wechselseitigen Bestätigungsprozess im Rahmen der sprachlichen Interaktion ihre sozialen Wertungen mit denen anderer Jugendlicher ab. Allerdings ist auch dies keine bloße Frage biologischen AltersAlter, sondern der unterschiedlichen SozialisationsphasenSozialisationsphase im Lebenslauf, innerhalb derer sprachliche Handlungsmuster oft eine spezifische funktionale Bedeutsamkeit erhalten. Schließlich lästern auch noch Erwachsene, wenn diese auch angesichts ihrer in der Regel autonomeren Persönlichkeiten nicht mehr in dem Maße von sozialen Bestätigungsprozessen abhängig sind.

Als weitere alterspräferentiellealterspräferentiell Merkmale können das Spiel mit Sprache und die Lust an sprachlicher Veränderung gelten. Jugendliche werden auch in der Jugendsoziologie und Jugendpsychologie seit einiger Zeit als „Neuerer“2 bezeichnet (so ZinneckerZinnecker, Jürgen 1981). Dieses kreative Potential wird mit dem Konzept des „LanguagingLanguaging“ von JørgensenJørgensen, Normann (2007) linguistisch akzentuiert; es spielt in der Sprachkontaktforschung eine besondere Rolle. Dennoch bleibt auch ein solcher Ansatz eher eindimensional, da allein die Lust an der Abwandlung und Innovation das breite Spektrum jugendtypischer Ausdrucksweisen und polyfunktionaler Bedeutsamkeit der Jugendsprache wie z.B. Karikieren und Ironisieren, Konstrastieren und Abgrenzen, Provozieren und Protestieren nicht erschöpfend erfassen kann.

Greifen wir auf die Aufzählung von jugendsprachlichen Phänomenen in der modernen Jugendsprachforschung3 und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Arbeitsdefinition zurück: Jugendsprache wird heute vorwiegend als ein mündlich konstituiertes, von Jugendlichen in bestimmten Situationen verwendetes Medium der GruppenkommunikationGruppenkommunikation definiert und durch die wesentlichen Merkmale der gesprochenen Sprachegesprochene Sprache, der GruppenspracheGruppensprache und der kommunikativen Interaktion gekennzeichnet. Dies macht deutlich, dass man eher von einer Verdichtung mehrerer und zum Teil auch wechselnder alterspräferentiellalterspräferentiell bevorzugter Merkmale ausgehen kann und dass eindimensionale Modelle der Vielfalt des Gegenstandfeldes nicht hinreichend Rechnung tragen können.

1.2 Mehrdimensionale Modelle
1.2.1 Dimensionen der Jugendsprache in der frühen Forschung

Ein mehrdimensionales Modell der Jugendsprachforschung hatte Henne 1986 im Kapitel „Theorie der Jugend und jugendliche GruppensprachenGruppensprache“ präsentiert. Hier wird die besondere Bedeutung der GruppeGruppe Gleichaltriger hervorgehoben und der Prozess der persönlichen und zwar vor allem sprachlichen Profilierung in der Gruppe als ein charakteristisches Merkmal der Jugendphase herausgestellt. Jugendsprache wird als ein „fortwährendes Ausweich- und Überholmanöver“ sowie als „spielerisches Sekundärgefüge“ bezeichnet. „Sie setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie schöpferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.“1Henne, Helmut In seinem Modell der Jugendsprache werden die vier folgenden Dimensionen veranschaulicht: eine funktionelle Dimension der SprachprofilierungSprachprofilierung, eine strukturelle Dimension eines besonderen Jugendtons, eine pragmatische Dimension eines Praxisbezugs, sowie schließlich eine Dimension der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere und der SprachkritikSprachkritik (s. Abb. III.1.1).

Die Unterscheidung der vier Dimensionen folgt allerdings keiner expliziten Systematik. Weder ist die Zuordnung der Dimensionen zu den zentralen Oberbegriffen stimmig, noch ist das Verhältnis der Dimensionen zueinander klar, so dass diese eher additiv nebeneinanderstehen. So trägt die pragmatische Dimension zu einem spezifischen JugendtonJugendton ebenso bei, wie der Praxisbezug seinerseits auch zur funktionellen Dimension beiträgt. Dennoch macht dieses Modell auf wesentliche theoretische Bestimmungsstücke der „Jugendsprache“ aufmerksam, wenn sie auch im Verlauf der Forschungsgeschichte nicht immer eine entsprechende Berücksichtigung gefunden haben.

Abb. III.1.1:

Modell der Jugendsprache nach Henne 1986

In Hennes Modell zur inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere des Deutschen wird die Jugendsprache als Teil von GruppensprachenGruppensprache in einer funktionalstilistischFunktionalstile, funktionalstilistisch angelegten Gliederung um den Kern der Standardsprache herum angelagert (s. Abb. III.1.2):

Dieses Modell veranschaulicht also zugleich eine Verständnisweise des Veruhältnisses von Standardsprache und Jugendsprache, worauf im folgenden Kapitel (III.2) noch genauer Bezug genommen wird. Leider vermag auch dieses Modell die These der Jugendsprache als ein „fortwährendes Ausweich- und Überholmanöver“ der Standardsprache nicht präzise wiederzugeben. Wie auch bei später entwickelten Visualisierungsversuchen von sprachlicher VariationVariation2Löffler, Heinrich bleibt das Verhältnis der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere bzw. der VarietätenVarietät des Deutschen untereinander ungeklärt.

Abb. III.1.2:

Innere MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit des Deutschen und Sprachvielfalt der deutschen Standardsprache nach Henne 1986, S. 220

Insbesondere ist bei diesen frühen theoretischen Beiträgen bemerkenswert, dass Jugend und Jugendsprache, wie bereits ausgeführt, als homogene Größen und die „Sprachen in der Sprache“ noch als unterscheidbare, distinkte Größen verstanden werden. Dies scheint nach den heutigen Erkenntnissen über die soziolinguistische wie pragmalinguistische HeterogenitätHeterogenität der Sprachgebrauchsweisen Jugendlicher nicht mehr angemessen.

1.2.2 Mehrdimensional-hierarchisches Klassifikationsmodell: soziolinguistisch, domänentypisch, funktionalstilistischFunktionalstile, funktionalstilistisch

Die Frage nach dem Verhältnis von Jugendsprachen und -kulturen, Standardsprache und der dominanten Kultur in einer Gesellschaft wurde von NeulandNeuland, Eva (1987) mit der These der „Spiegelungen und Gegenspiegelungen“ kulturanalytischkulturanalytisch aufgegriffen. In Orientierung an kulturanthropologischen Konzepten von ClarkeClarke, Jim und den Arbeiten des Birminghamer CCCS (1972) wurde das Konzept einer „doppelten Artikulationdoppelte Artikulation“ der Bezugnahme von Jugendstilen auf die dominante Kultur einerseits und die verschiedenen Herkunftskulturen andererseits soziolinguistisch gewendet. Beispiele aus verschiedenen Entwicklungsphasen deutscher Jugendsprachen können belegen, dass Jugendliche in ihrem Sprachgebrauch in affirmativ-spiegelnder sowie in karikierend-ironisierender und oppositionell-gegenspiegelnder Weise sowohl auf die Standardsprache als auch auf die eigenen jugendkulturellen Sprach- und Lebensstile Bezug nehmen. So karikierten Jugendliche in der Nachkriegszeit die technischen Errungenschaften und Wohlstandsnachweise eines Kleinwagens (Schlaglochsucher) sowie des Kinos (Drüsenschau), und kurze Zeit später ironisierte die Alternativ-SzeneSzene ihre eigenen Essgewohnheiten mit Ausdrücken wie Müsliman und aldinativ.

Solche Beispiele zeigen, dass Jugendliche auch immer „Kinder der Zeit“ und Jugendsprachen „Spiegel der Zeit“1 sind. Die selbstironische Bezugnahme auf die eigenen kulturellen Kontexte ist hingegen ein Moment, das in der Jugendsprachforschung nur wenig weitere Beachtung gefunden hat.

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Jugendsprachforschung sind aber neben dem zentralen Zusammenhang von Jugend und Gesellschaft weitere differentielle Faktoren hinzugetreten.

NeulandNeuland, Eva unternahm 2006 einen Versuch, in einem mehrdimensionalhierachischen Klassifikationsmodell die die Heterogenität des Sprachgebrauchs Jugendlicher bewirkenden Faktoren in sechs Ebenen zu differenzieren und zu strukturieren (vgl. Abb. III.1.3.):

Abb. III.1.3:

Klassifikationsmodell Jugendsprachen (leicht verändert aus Neuland 2006)

1 Makrosoziologischer Kontext: Auf der makrosoziologischen Ebene wird der Rahmen durch den historisch-gesellschaftlichen Kontext gebildet mit den allgemeinen sozioökonomischen, soziokulturellen und auch medientechnologischen Entwicklungen. Auf dieser Ebene bietet es sich an, das Forschungsfeld Jugendsprachen diachronisch, d.h. im Wandel der Zeit, sowie kontrastivkontrastiv im Vergleich verschiedener Gesellschaftsformen zu untersuchen. Gerade in gesellschaftlichen Umbruchsituationen sind aufschlussreiche Ergebnisse zu erwarten.2

2 Soziolinguistische DifferenzierungDifferenzierung: Innerhalb des gesellschaftlichen Kontextes werden zur Vermeidung künstlicher Homogenitätskonstrukte soziolinguistische Differenzierungen eingeführt. Es liegt nahe, nicht nur das AlterAlter und Geschlecht sowie die soziale, regionale und kulturelle Zugehörigkeit zu differenzieren, sondern insbesondere die unterschiedlichen BildungsgängeBildungsgang, z.B. im Rahmen der in Deutschland eingeführten Schulformen (Haupt-, Realschule, Gymnasium und Berufsschule), sowie den Migrationshintergrund zu berücksichtigen.

3 Institutioneller Rahmen: Eine weitere Untergliederung in synchronersynchron Perspektive kann auf der Ebene der (Aus)Bildungsinstitutionen vorgenommen werden, indem nun die Schülersprachen von den Studentensprachen und dem Sprachgebrauch von Lehrlingen, Arbeitern und Angestellten unterschieden werden. Während die ersteren einen gut dokumentierten Bereich der Sondersprachforschung bilden, sind die letztgenannten noch kaum erschlossen. Weitere institutionelle Differenzierungen, v.a. in Form der o.g. Schulformen, sind denkbar. Diese Unterscheidung hat zugleich Implikationen für die Differenzierung von Altersgruppen, insofern Schüler die jüngste der drei genannten Gruppen bilden. Auch sind soziale Implikationen zu berücksichtigen, da die Studierenden gegenüber den Lehrlingen, Arbeitern und Angestellten eine bildungsmäßig bevorzugte Teilmenge der Jugend bzw. der PostadoleszenzPostadoleszenz bilden. Weitere Differenzierungen ergeben sich z.B. bei den Studierenden durch Art und Umfang einer Erwerbstätigkeit, bei den Lehrlingen durch Art und Dauer der berufsbezogenen Ausbildung.

4 Domänentypischer Sprachgebrauch: Eine weitere Differenzierungsebene, die für alle drei genannten institutionellen GruppenGruppe bedeutsam ist, stellen die Domänen Familie, Freizeit und Schule, Universität oder berufliche Bildungsinstitutionen dar. Dabei können die institutionell geschiedenen Gruppen speziell in den Domänen von Freizeit und Familie wieder zusammentreffen (s. gestrichelte Linien). Weitere Domänen auf dieser Abstraktionsebene sind denkbar, z.B. in unterschiedlich organisierten Freizeitformen. Solche Domänen lassen sich in soziolinguistischen Untersuchungen im Hinblick auf Sprachgebrauchsunterschiede sowie als Wirkfaktoren im SprachbewusstseinSprachbewusstsein empirisch verifizieren. Auf dieser Ebene wären auch Aspekte von Code-SwitchingCode-Switching und StilwechselnStilwechsel zu untersuchen.

Die Wuppertaler DFG-StudieWuppertaler DFG-Studie kommt zu folgenden Befunden über die Domänenverteilung beim Gebrauch von Jugendsprache3Neuland, Eva/Schubert, Daniel:

Abb. III.1.4:

Häufigkeitseinschätzung der Verwendung von Jugendsprache bei N = 1054 Jugendlichen auf einer 5-stufigen Skala von 5 (immer) bis 0 (nie)

Subkategorisierungen dieser Frage sowie die offenen Antwortkategorien führten zu weiteren Differenzierungen der Verwendungssituationen: In der DomäneDomäne Schule konzentriert sich die Verwendung von Jugendsprache überwiegend auf Gespräche außerhalb des Unterrichts, während Verwendungen im Unterricht und teilweise auch in den Familien häufig bestimmten Intentionen folgen, z.B. in der Schule, um vom Unterrichtsthema abzulenken und in der Familie, um gegenüber den Eltern konfrontative Meinungen zum Ausdruck zu bringen oder auch durch IronieIronie den Modus von Ernsthaftigkeit zu unterlaufen: Wenn mir mein Vater etwas erklären will, sage ich: Hey, Hauptsache ich versuche Mr. Cool zu sein (15-jähriger Gymnasiast aus Magdeburg).

1 Funktionale Stile: Für eine weitere Untergliederung kann auf den Sprachgebrauch in Subdomänen zurückgegriffen werden, für die hier der Terminus der FunktionalstileFunktionalstile, funktionalstilistisch herangezogen werden soll. Im Prinzip wird aber hier das gesamte Spektrum möglicher Sprech- und auch Schreibstile eröffnet. So kann man für den Unterricht bzw. für den Sprachgebrauch in der Unterrichtssituation idealtypisch zunächst die beiden Funktionalstile der Haupt- und der NebenkommunikationNebenkommunikation unterscheiden, in der Domäne der Familie vor allem die inter- und intra-generationellen Gespräche, die wiederum in deskriptive, narrative, argumentative und weitere Gesprächsformen unterteilt werden können. Im Freizeitbereich ist das Spektrum möglicher Sprachstile zweifellos am größten: Es kann Gruppen-, Fach- und Szenesprachen sowie die Kommunikation in und mit Medien umfassen. Jugendtypische Besonderheiten können sich dabei vor allem in der Art der Gesprächsführung zeigen, wie von DeppermannDeppermann, Arnulf/Schmidt, Axel/Schmidt wie folgt charakterisiert wird:


Kategorie unterhaltsam nicht unterhaltsam
Länge der Redebeiträge kurz und knapp lang
Syntax reduziert, Parataxe schriftsprachlich, Hypotaxe
Phonologie expressiv, variantenreich, […] monoton, sachlich
Neubildungen, Tabuwörter Hochsprache
Stilistik Präzision, Litotes
Inhalte abstrakte, ernste Themen
Kohärenz Angebotskommunikation, assoziative Übergänge konditionelle Relevanz, Themenfixierung, argumentative Übergänge
Genres (Probleme) Diskutieren, Klärungsaktivitäten, Bitten, Entschuldigen
Gesprächsorganisation kompetitiv redegeleitet
Beziehung Identitätswettbewerb, Informalität, Vertrautheit, derbe Indirektheit
Nonverbales mehrere parallele Aufmerksamkeitsfoki, expressive und wenig kontrollierte Körperlichkeit Konzentration auf das Gespräch, Körperkontrolle

(DeppermannDeppermann, Arnulf/Schmidt, Axel/Schmidt 2001, S. 37)

1 Im Anschluss an die fünfstufige soziolinguistische DifferenzierungDifferenzierung können nun einzelne sprachliche Erscheinungsweisen linguistisch differenziert werden, und zwar im Medium von MündlichkeitMündlichkeit und SchriftlichkeitSchriftlichkeit. So können z.B. spezifische TextsortenTextsorten der NebenkommunikationNebenkommunikation im Unterricht (Schülerbriefchen) oder der MedienkommunikationMedienkommunikation (SMS/ChatsChat) unterschieden werden, ebenso je typische kommunikative Handlungsmuster der Pausen- und FreizeitkommunikationFreizeitkommunikation, z.B. das LästernLästern, Frotzeln, DissenDissen, Anmachen. Natürlich sind hier Mehrfachzuordnungen möglich, denn solche Erscheinungsformen können im Rahmen von Pausengesprächen auf dem Schulhof oder in Szenetreffs sowie innerhalb von Medienkommunikation stattfinden.

Dieser Klassifikationsvorschlag kann verändert und weiterentwickelt werden. Doch hat eine solche Klassifizierung den Vorteil, in die Vielfalt der eben zitierten Studien eine begriffliche Klärung, kategoriale Ordnung und vor allem Vergleichbarkeit zu bringen: So lassen sich die in Kapitel II.5.1 angeführten Studien eindeutig den verschiedenen Clustern zuordnen und zwar mit dem Schwerpunkt des Freizeitbereichs und der GruppenkommunikationGruppenkommunikation. Denn vor allem bei jugendlichen Angehörigen subkulturspezifischer SzenenSzene sind im Kontext von Freizeit und Medien besonders auffällige Unterschiede zur Erwachsenen- bzw. Standardsprache festgestellt worden. Durch eine solche mehrdimensional-hierarchische Klassifikation können einerseits einzelne Studien miteinander in Beziehung gesetzt und verglichen und andererseits Forschungsschwerpunkte wie -desiderate verdeutlicht werden. So zeigt sich insbesondere die relativ geringe Berücksichtigung unterschiedlicher sozialer BildungsgängeBildungsgang, vor allem jugendlicher Auszubildender und Arbeitsloser.

Während wir in diesem Kapitel eher sprecherorientiert vorgegangen sind, wird im folgenden Kapitel eine stärker sprachorientierte Betrachtungsweise eingenommen und der linguistische Status von Jugendsprache im Verhältnis von Standardsprache näher beleuchtet.

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