Kitabı oxu: «Abschied von Askalon»
Eva Rechlin
Abschied von Askalon
SAGA Egmont
Abschied von Askalon
Copyright © 1996, 2017 Eva Rechlin og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711754245
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Ein Bote aus Ägypten
Römisches Imperium 285 n. Chr.
unter der Regierung von Kaiser Diokletian
Die Wellen des Mittelmeers leckten auf den sandigen Strand vor Askalon, auf dem ein junger Mann vorwärts taumelte, erschöpft und doch wie von Eile getrieben. Weit vor sich sah er die helle Stadt über der Steilküste, übergossen vom roten Licht der rasch ins Meer sinkenden Sonne. Bei Gaza hatte ein Fischerboot den müden Boten an Land gesetzt. Thomas kam von Alexandria im westlichen Nildelta, und er ahnte, daß die Botschaft, die er von dort nach Askalon bringen sollte, auf unheimliche Art dringend sein mußte. Allzu verstohlen war ihm die versiegelte Papyrusrolle zusammen mit einer Handvoll Münzen zugesteckt worden, und er hatte die leise Bitte der verschleierten Absenderin noch im Ohr:
»Bring es nach Askalon zu Bruder Samuel, bitte gleich! Nimm notfalls eine Schiffspassage. Und Vorsicht!«
Ja, mit Hilfe von so viel Geld war er ungewohnt schnell bis Gaza gekommen. Und nun eilte er den Weg am Strand entlang, wo er vor zeitraubenden Militärkontrollen sicherer war als auf der parallel verlaufenden Römerstraße. Thomas war fest entschlossen, sein Ziel noch vor einbrechender Dunkelheit zu erreichen. Sich dort nach dem Wanderprediger Samuel durchzufragen, konnte nicht schwer sein. Zwischen Nildelta, Gaza, Askalon, Caesarea und bis Tyrus hinauf kannte jeder Bruder Samuel.
Thomas kletterte zur Steilküste hinauf, wo die Stadt begann. Der kurze Aufstieg nahm ihm den Atem, und er wischte sich den Schweiß von Stirn und Nacken, zog die knielange Tunika unter seinem Gürtel zurecht, ordnete die sich vor der Brust kreuzenden Riemen von Versorgungsund Botentasche und ging auf einige kleinere Häuser am grün umwachsenen Stadtrand zu. Nach Bruder Samuel mußte er nicht lange fragen. Die Leute wiesen ihm den Weg zu einem Gehöft am nördlichen Stadtrand, zwischen Römerstraße und Meer:
»Dort wohnt Samuel, wenn er in Askalon weilt, in der großen Familie von Sebastian und Miriam, den mit Kindern Gesegneten! Und auch mit Hunden Geschlagenen«, wie einer seiner Wegweiser lachend warnte.
Als die lindernde Nachtkühle über Askalon fiel, erreichte Thomas sein Ziel zwischen Meer und Wüste, im fruchtbaren Küstenland der römischen Provinz Judäa.
Die Hunde hätten einen erfahrenen Boten wie ihn ohnehin nicht abgeschreckt, er verstand sich auf den richtigen Umgang mit ihnen, außerdem sah er in dem »kläffenden« Rudel eher Spielgefährten der mindestens fünf Kinder von Sebastian und Miriam. Die lebhafte Familie schien ein Fest zu feiern. Thomas traf sie in dem ummauerten Hof am prasselnden Feuer, über dem sich ein Spieß mit Hühnchen drehte. Überwältigt vom köstlichen Bratenduft blieb der junge Fremde am Toreingang stehen. Sein schon länger nicht mehr gestillter Durst schnürte ihm die Kehle zu, als er zum Gruß ansetzte:
»Friede mit euch…« Seine Stimme versagte.
Ein junges Mädchen trat mit einem Krug Wasser auf ihn zu: »Trink erst einmal!«
Mit beiden Händen griff Thomas danach und trank gierig das erfrischende Naß. Als er den Krug wieder absetzte, hatten sich sämtliche Familienmitglieder neugierig um ihn versammelt. Der Älteste stellte sich und die Seinen vor.
»Du scheinst einen gewaltigen Weg hinter dir zu haben, komm erst einmal herein, iß und trink mit uns und ruh dich aus, das Weitere wird sich finden.«
»Ist Brüder Samuel nicht hier? Ihn suche ich, seinetwegen komme ich von Alexandria! Eine wichtige Nachricht, eilig…«
Schlagartig wurde es still. Vater Sebastian kratzte sich den bereits ergrauenden Schopf und blickte fragend auf seine Frau Miriam:
»Wann wollte Samuel von Joppe zurück sein?«
»So bald wie möglich, jeden Tag also! Du bist hier genau richtig, um ihn abzuwarten.«
»Ich bin Thomas. Samuel kennt mich. In Joppe ist er? Also noch weiter nordwärts?«
»Ganz sicher längst auf dem Rückweg.«
»Dann muß ich ihm entgegen.«
»Jetzt? In der Nacht? So eilig kann nichts sein, daß ein Bote sich dafür zum Löwenfraß anbietet. Diese Nacht ruhst du dich bei uns aus, jetzt wird erst einmal gegessen und getrunken. Ihr, Kinder, jagt die Hunde aus dem Hof, Tobija, sorge du dafür!«
Der größte und wohl auch älteste riß einen Fetzen fettglänzender Haut von einem Brathühnchen und lockte damit die ganze Hundemeute in ihren Zwinger. Das älteste der Mädchen brachte dem fremden Gast eine Schüssel Wasser und Tücher, damit er sich den Staub abwaschen konnte. »Ich bin Debora«, sagte sie, während sie mit den Tüchern bei Thomas stehenblieb, »Tobija ist mein Bruder.«
»Und die anderen? Seid ihr nicht alle Geschwister?«
Vater Sebastian mischte sich ein:
»Tobija und Debora sind Waisen und unsere Pflegekinder, nur der Rest ist eigene Brut. Helft der Mutter, Kinder! Bringt mehr Wasser mit Wein und Brot!«
»Kommt deine Nachricht aus Alexandria von den reichen Schwestern Angela und Agatha?« fragte Debora leise.
»Ihr kennt sie hier?« Überrascht hob Thomas den Kopf. »Wir wissen von ihnen. Tobija und ich sind mit ihnen verwandt. Haben sie dich geschickt?«
»Nur eine von ihnen.«
»Nur eine? Welche? Sie machen sonst immer alles gemeinsam! Warum guckst du weg?«
Thomas wich aus:
»Sie war verschleiert. Außerdem kenne ich sie nicht näher. Wieso verwandt?«
»Unsere Mutter Kora kam vor sechzehn Jahren aus Alexandria hierher. Sie war die einzige Verwandte der reichen Eugenios-Schwestern, ihre Kusine.«
»Ihre einzige Verwandte?« Thomas starrte Debora fassungslos an.
»Sie folgte Simon, unserem Vater. Das hat den Tanten in Alexandria nicht gepaßt, er war nur Fischer, verstehst du?«
»Und ihr seid die einzigen Kinder von Kora, du und…?«
»Und Tobija, ja, aber es gibt keine Verbindung zwischen uns und den alten, reichen Tanten. Womöglich wissen sie gar nichts von uns. Setz dich zu den anderen ans Feuer und iß! Ich räum’ das hier fort.«
Sebastian zog den Gast an seine Seite, und Miriam bewirtete ihn mit Brot und Wein und einem halben Hühnchen: »Greif zu, Thomas! Siehst aus, als hättest du seit Alexandria nichts mehr zu dir genommen.«
»O doch. Ich fuhr bis Gaza auf einem Küstenfrachter mit. Es gab fast vierzig Tage lang Fisch.«
»Wie bei uns«, sagte eines der Kinder, »da hattest du Glück, daß du gerade heute kamst.«
»Und was feiert ihr?«
Thomas beobachtete, wie Eltern und Kinder fragend auf Tobija blickten, der in der Glut stocherte und neue Äste nachlegte, die sich knisternd mit bläulichen Flämmchen entzündeten. Auch Debora sah ihren Bruder erwartungsvoll an:
»Sag du es ihm, Tobija!«
»Was schon! Daß ich Fischer werde? Habe ich eine andere Wahl?«
»Er hat es sich wirklich lange überlegt, ob auch er Fischer werden soll wie sein Vater Simon«, erkärte Miriam dem Gast.
»Den das Meer sich holte«, erwiderte Tobija düster, »vor drei Jahren, so wie vor ihm den Großvater. Verstehst du, Thomas, daß mir die Entscheidung nicht leicht fiel? Ich bin vierzehn, andere in meinem Alter haben es längst gelernt!«
Der selber noch junge Gast lächelte dem Jüngeren ermutigend zu:
»Ich verstehe ja – es ist eine Entscheidung fürs Leben. Gott wird dich beschützen, Tobija, er ist Herr über das Meer und den Sturm.«
Tobija nickte, halb spöttisch lächelnd, halb bitter, als dächte er: Das sagen sie alle. Dann blickte er den späten Besucher prüfend an und fragte:
»Gibt es Neuigkeiten aus Alexandria? Was ist so wichtig für den guten alten Samuel? Ich kann’s mir denken – meine Tanten Angela und Agatha Eugenios schicken dich. Welche Gemeinde ist diesmal in Not?«
Mit einem hilfesuchenden Blick zu Debora antwortete Thomas unsicher:
»Deine Tanten?«
»Du kannst ruhig offen reden. Alle hier wissen, daß unsere Mutter ihre ungetreue einzige, sehr viel jüngere Kusine war. Was also wollen sie von Samuel? Er ist unser Vormund!«
Ruhig mischte sich Vater Sebastian ein:
»Laß unseren Gast in Frieden speisen. Er soll reden oder schweigen, wie er es will. Du mußt wissen, Thomas, daß die beiden reichen Schwestern sehr viel Gutes tun. Sie versorgen viele christliche Gemeinden an Samuels Route mit Spenden, und zwar regelmäßig! Das ist nicht selbstverständlich. Wir alle sind ihnen dankbar.«
»Ich nicht«, widersprach Tobija, »ich finde das selbstverständlich, wenn sie so reich sind. Hast du ihren Reichtum gesehen, Thomas? Du warst doch dort!«
»Das sieht man nicht einfach so. Natürlich bewohnen sie ein großes Haus in bester Lage. Ihr Reichtum besteht überhaupt aus großen Häusern in sämtlichen Stadtvierteln, im ägyptischen, im jüdischen und die meisten wohl im vornehmen griechischen Viertel.«
»Aber wohnen können sie doch nur in einem Haus«, meinte Sebastians Jüngster.
Die Älteren lachten und klärten ihn auf:
»Häuser kann man vermieten! Da brauchst du nicht mehr zu arbeiten. Die Häuser bringen das Geld von ganz allein. Wie viele Häuser sind es denn? Drei, fünf oder mehr?«
»Viel mehr, ganze Straßenzüge, dazu viele Geschäfte. O ja, die Damen Angela und Agatha zählen zur besten Gesellschaft und sind hoch angesehen in Alexandria.«
»Nicht nur in Alexandria«, versuchte Vater Sebastian das Thema zu beenden, »sondern auch bei uns hier im einstigen Philisterland. Von wo stammst du, Thomas?«
»Aus der Römergarnison Aelia Capitolina.«
»Aus Jerusalem, also bist du kein Jude? Ich meine, weil uns die Stadt doch verboten ist.«
»Christen nicht. Entschuldigt, wenn mir plötzlich die Augen zufallen wollen. Seit dem Morgengrauen war ich unterwegs, den ganzen heißen Tag lang. Und morgen muß ich früh weiter…«
Miriam und Debora standen auf, dem Gast ein Nachtlager herzurichten, doch er bat, im Hof schlafen zu dürfen, in der angenehmen Nachtkühle, gegen die ein einfaches Laken genüge. Er sei es gewohnt, auf Sand zu schlafen, wollte nicht einmal eine Strohschütte. Und die Gastgeber verstanden ihn: Genauso halte es auch der alte Samuel, jedenfalls in den Sommermonaten. Und da sie selber in dieser heißen Jahreszeit auf den flachen, ummauerten Dächern von Wohnhaus und Ställen schliefen, brachten sie nur die Ledertaschen von Thomas sicher im Hausinnern unter. Debora kümmerte sich darum. Es fiel Thomas auf, wie verständig sie Miriam in allem zur Hand ging, obwohl er sie nicht älter als zwölf oder dreizehn schätzte. Debora scheuchte die vom Essen träge gewordenen jüngeren Kinder auf das Dach, sie redete vor der Hofmauer beschwichtigend auf die Hündchen ein, zog das hölzerne Hoftor zu und verriegelte es, während Tobija mit den Wein- und Wasserkrügen im Hausinnern verschwand. Das noch glühende Feuerchen überließen sie sich selbst, schoben nur den lockeren hellen Sand wallartig herum. Thomas sah Vater Sebastian als letzten im schwachen Licht verschwinden. Er selbst fühlte sich schwer wie Blei, streckte sich auf dem Sand aus, starrte zum indigoblauen Nachthimmel und nahm die tausend flimmernden Sterne mit in seine tiefen Träume.
Nichts bemerkte er mehr von den zwei Mandelaugen über dem Dachmäuerchen, die hellwach auf ihn niederblickten. Debora als einzige dachte nicht an Schlaf. Als sie überzeugt war, daß alle schliefen, schlich sie leise nach unten, tastete nach einer Öllampe und ging auf nackten Sohlen in den Hof. Der fremde Gast hatte sich dicht an der Hauswand niedergelassen, sie hörte seine tiefen Atemzüge. Debora tastete am schwach glühenden Feuerrest nach einem glimmenden Zweig, mit dem sie ihr Lämpchen anzündete. Erst drinnen zog sie den Docht höher, damit er genügend Licht gab. Sie selber hatte die Taschen des Boten in der Küche verstaut. Die Münzen in der Kuriertasche klimperten aneinander, als Debora sie hastig aus dem Versteck holte und öffnete. Erschreckt blickte sie um sich, als müßte das leise Klirren alle Schläfer wie Schellenklang geweckt haben. Doppelt vorsichtig griff sie in die Tasche und zog eine versiegelte Papyrusrolle ans Licht. Es war ein einfaches Tonsiegel, unordentlich gepreßt wie in höchster Eile, sein Zeichen kaum erkennbar und nach der langen Wegstrecke bis zum Zerbröckeln ausgetrocknet. Mit einem Messer hantierte Debora behutsam, bis sich das ganze Siegel abheben ließ und sie den Papyrus aufrollen konnte. Sie erkannte griechische Schriftzeichen, die sie ebenso lesen konnte wie lateinische oder die in Judäa üblichen aramäischen der jüdisch-palästinensischen Sprache. Im römischen Imperium, einem Vielvölkerstaat, war Mehrsprachigkeit nichts Besonderes, doch was auf dem feinen Papyrus mit griechischen Buchstaben geschrieben stand, war in der koptischen Sprache Ägyptens abgefaßt, die das Mädchen nur bruchstückhaft kannte. Enttäuscht versuchte sie, den Inhalt zu entziffern. Das Schreiben war offensichtlich von Tante Angela, der älteren der reichen Schwestern abgefaßt, mit zittriger Hand, und – so viel begriff Debora bei der mühsamen Lektüre – Angela fürchtete sich vor ihrer einzigen Schwester Agatha! War das zu fassen? Galten die beiden nicht als unzertrennlich in ihrer schwesterlichen Liebe?
Ja, von Liebe handelte die Botschaft an Samuel, von der großen, schmerzlichen, einzigen Liebe ihres Lebens, das konnte Debora erraten. Er sollte wissen, daß Angela ihn von Anfang an geliebt und nie damit aufgehört hatte. Aber warum gestand Angela Samuel ihre Liebe gerade jetzt, nachdem sie sie offenbar mehr als dreißig Jahre lang unterdrückt hatte? Warum jetzt solche Eile? Es folgten einige wirre, schwer verständliche Zeilen, dann das Wort »Tod«. Daß es zu Ende gehe mit ihr, daß sie sich nach dem Tod sehne – Tod, ihre einzige Hoffung, Wiedersehen im Tod, Befreiung durch den Tod… Debora starrte auf den Papyrus und begriff, daß eine Sterbende ihn vollgekritzelt hatte, deren Kraft sich von Zeile zu Zeile sichtlich erschöpft hatte. Und die schwachen, zittrigen Zeilen verschwammen vor Deboras Augen, weil ihr unwillkürlich die Tränen kamen und sich in ihr zum ersten Mal überhaupt ein Gefühl für die ferne Verwandte in Alexandria regte. O gnädiger Gott, in was für ein Leben läßt Du mich blicken! In meinen Gedanken lebten die reichen Schwestern in Überfluß und Glück, in endlosen Freuden, märchenhaft glanzvoll, herrlich und zufrieden! Aber der Brief war noch nicht zu Ende, Debora wollte auch vom letzten Absatz das Nötigste begreifen. Es war die Rede von den Kindern, »Koras Kindern«, die Samuel nach Alexandria bringen solle… stand das wirklich dort? Nach meinem Tod – Koras Kinder – nach Alexandria – Agatha nicht allein lassen.
Debora war plötzlich, als brenne der Papyrus in ihren Händen. Sie horchte ängstlich ins finstere Haus und nach oben zum offenen Dachgeschoß. Alles war still… Sie wollte den Brief auf der Stelle loswerden, er machte ihr Angst. Wie hatte sie sich in kindlicher Neugier hinreißen lassen, ihn überhaupt zu öffnen? Fahrig rollte sie den kostbaren Papyrus zusammen, und das Siegel fiel ihr wieder ein. Noch war es ganz. Sie mußte den Papyrus noch einmal auf- und anders wieder zurollen, bis das Siegel an seine ursprüngliche Stelle paßte. Aber wie es befestigen? Es war nicht aus Harz oder Lack, die Flamme des Öllämpchens also keine Hilfe. Debora versuchte es mit Speichel, doch der Ton war längst zu trocken. In der Not fiel ihr nichts Besseres ein, als es mit einer Fingerspitze Mehl aus Miriams Vorratskrügen zu versuchen. Wenigstens bis morgen oder übermorgen mußte es halten! Sie rieb den Brei aus Speichel und Mehl unter das halbe Tonsiegel und preßte es mit den Handballen ein Weilchen zusammen. Dann ließ sie vorsichtig los. Dem Himmel sei Dank, es hielt! Unsicher schob Debora die Papyrusrolle zurück in die Botentasche, die sie neben der Versorgungstasche von Thomas verstaute. Im flackernden Lichtschein hatte sie auf dem Grund der Tasche funkelnde Geldstücke gesehen. Viel mußte der reichen Tante Angela daran gelegen haben, ihren Boten auf dem schnellsten Wege zu Bruder Samuel zu schicken. Und Samuel, dachte Debora, ist unser Vormund. Er wird eine Entscheidung fällen müssen.
»Gütiger Gott, entscheide Du und laß auch mich in dieser Nacht fest schlafen.« Sie löschte die Ölflamme, und plötzlich fürchtete sie sich.
Debora verbrachte die Nacht überwiegend schlaflos, nur für Minuten sackte sie in wilde Träume ab, aus denen sie um so ratloser wieder aufwachte. Nun gut, sie hatte sich von einer ihr jetzt unheimlichen Neugier verleiten lassen, einen fremden Brief zu lesen. Sie hatte erfahren müssen, daß es in dem Brief unter anderem auch um sie und ihren Bruder Tobija ging, um Koras Kinder. Durch ihre Mutter war sie mit der Absenderin des Briefes verwandt, doch nie hatte Debora den frühzeitigen Verlust der Mutter so schmerzlich empfunden wie in dieser Nacht! Mit ihr hätte sie jetzt offen sprechen, ihre Neugier, den Verrat an der Vertrauensseligkeit anderer, beichten können, aber ihre Mutter war seit zwei Jahren tot. Und Tobija, der sich gerade durchgerungen hatte, zu den Fischern in die Lehre zu gehen und der so impulsiv reagieren konnte, ihm durfte sie sich nicht anvertrauen.
Unruhig wälzte sie sich hin und her, und ein Entschluß wuchs in ihr und stand bis zum Morgen fest: Sie würde dabei sein wollen, wenn Samuel diesen Brief aus Alexandria erhielt und ihn öffnete. Sie mußte wissen, ob er bemerkte, daß der Papyrus geöffnet worden war! Allein deshalb wollte sie darauf bestehen, den jungen Boten aus Ägypten zu begleiten, wenn er Samuel entgegenziehen wollte. Debora sah die Sterne bereits verblassen, als sie noch einmal und endlich tiefer einschlief. Sie würde den Schlaf brauchen, um ihre Absicht durchzusetzen.
Auf der Suche
Pünktlich wie jeden Morgen vor Sonnenaufgang krähten Miriams Hähne. Schlagartig wurde es auf den zwei Flachdächern munter. Tobija fiel auf, daß seine Schwester, sonst als erste auf den Beinen, fest weiterschlief, ausgerechnet an einem für ihn wichtigen Tag. Er rüttelte sie an der Schulter:
»He, Debora, aufwachen! Soll das ein Spaß sein, Schwesterchen?« Nur mühsam kam sie zu sich, blinzelte ihn sekundenlang verständnislos an, um im nächsten Augenblick zu fragen:
»Ist er schon weg? Ich muß mit ihm!«
Tobija lachte arglos:
»Ich bin noch nicht fort, natürlich gehst du mit mir zu den Fischern, wenigstens beim ersten Mal!«
»Wieso mit dir? Der Bote aus Ägypten – mit ihm muß ich gehen, Samuel entgegen. Er ist doch noch da?«
»Wie kommst du auf sowas? Er ist ein Bote, also erfahren mit Straßen und Wegen. Außerdem kennt er Samuel…« Sie hatte sich schnell aus ihrer Schlafdecke gewickelt, den Gürtel um die Tunika gelegt und lief bereits die schmale Treppe hinab in den Hof. Tobija blickte ihr verblüfft nach. Wie konnte Debora, eben noch in tiefstem Schlaf, zu einem derartigen Entschluß kommen? Thomas begleiten! Etwas mußte vorgefallen sein, und er, ihr engster Vertrauter, hatte es nicht bemerkt. Obwohl sie wußte, was dieser Tag für ihren Bruder bedeutete, schien ihr etwas anderes wichtiger zu sein – plötzlich war er alarmiert und rannte hinter ihr her nach unten. Auf der letzten Treppenstufe hielt Sebastian ihn auf:
»Was ist los? Erst rast Debora ohne Gruß und Kuß an uns vorbei… Solltet ihr nicht längst im Hafen bei den Fischern sein? Sie werden vom Fang zurückkehren und…«
»Und Debora hat es verschlafen! Ja, ich auch. Sie will mit dem Boten nach Joppe gehen! Wißt ihr davon? Ausgerechnet heute!«
Vom Hof her hörte sie Debora mit Thomas reden, den sie wohl eben erst geweckt hatte, denn seine Stimme klang verschlafen, und er gähnte mehrmals laut. Kopfschüttelnd fragte Vater Sebastian:
»Warum will Debora mit dem Boten gehen? Hat sie dir das gesagt, Tobija?«
»Kein Wort.«
»Laß mich den Gast zum Frühstück hereinbitten, vielleicht ist ja alles nur ein Hirngespinst.«
Nein, es war kein Irrtum. Ihre Begründung, warum sie den Boten begleiten wollte, klang halbwegs einleuchtend:
»Ich weiß, in welchen Gehöften und Zelten, bei welchen Freunden er einkehrt, das weiß Thomas nicht. Also wird er mich brauchen können.« Natürlich hielten sie ihr dagegen: »Unmöglich, daß ein junges Mädchen allein mit einem fremden Mann fortgeht!« Selbst Thomas sagte ihr das. Schweigend hörte Tobija eine Weile zu. Es wirkte absolut launenhaft und unvernünftig, wie sich Debora an diesem Morgen aufführte, das paßte nicht zu ihr. Allein, daß sie die besondere Bedeutung dieses Tages für den Bruder völlig zu vergessen schien, obwohl sie deswegen allesamt gestern abend gefeiert hatten – nein, das paßte nicht zu ihr. Ihm entging nicht, daß auch Miriam das normalerweise vernünftige Mädchen mit eigenartigem Gesichtsausdruck beobachtete – nachdenklich, ahnungsvoll. Zwei, dreimal glitten ihre Blicke zu der Sitzbank, unter der die beiden Taschen des Boten über Nacht verwahrt worden waren. Schließlich bückte sich Miriam, zog die Taschen hervor und legte sie auf die Steinbank. Augenblicklich verstummte Deboras Redeschwall. Das hätte verräterisch wirken müssen, hätte nicht sofort Miriam das Wort ergriffen. Sachlich stellte sie fest:
»So oder so müssen wir die Versorgungstasche mit neuem Proviant füllen. Bringt Brot her, Kinder, und von dem frischen guten Käse. Und Äpfel!« Debora fand die Sprache wieder:
»Meinen Vorrat trage ich selber im Beutel. Ich brauche nicht so viel wie ein Mann.«
»Damit dürften wir meinen ersten Lehrtag bei den Fischern wohl abschreiben?« meldete sich nun Tobija zu Wort. »Denn natürlich kann ich, als älterer Bruder, meine Schwester nicht allein mit einem Fremden ziehen lassen. Das ist wohl klar, oder? Ich gehe mit.« Fragend blickte er sich um. Miriam und Sebastian sahen sich ratlos an, als liefe etwas schief, das sie im Grunde zu verantworten hatten, und Sebastian fragte Tobija schließlich:
»Macht es dir so wenig aus, die Fischerei immer wieder auf die lange Bank zu schieben?«
In Wirklichkeit fühlte sich Tobija ausgesprochen erleichtert über die nochmalige Galgenfrist, doch mochte er seinen Pflegevater nicht enttäuschen. Ausweichend antwortete er:
»Wir gehen am Hafen vorbei und geben Bescheid.«
»Welchen Bescheid?«
»Daß etwas Unerwartetes dazwischengekommen sei. Familienangelegenheiten werden wir sagen. So genau geht es keinen etwas an. Wer weiß, was in dem eiligen Brief aus Alexandria steht? Vielleicht wird Samuel sogar froh sein?«
»Also dreimal Wegzehrung«, schnitt Miriam weiterem Palaver das Wort ab, »und jetzt laßt uns das Frühstücken nicht vergessen. Möchtest du das Morgengebet sprechen, Thomas?«
Der überrumpelte Gast schüttelte etwas hilflos den Kopf. Mit halb erhobenen Händen reihte er sich in die Tischrunde ein und lauschte mit gesenktem Gesicht, als Vater Sebastian mit den Psalmworten begann:
»Wie schön ist es, dem Herrn zu danken, deinen Namen, du Höchster, zu singen, am Morgen deine Huld zu verkünden und in den Nächten deine Treue…«
Thomas schien auch nach zwei Stunden noch unschlüssig, ob er sich über die beiden Weggefährten freuen oder ärgern sollte. Wenigstens waren sie in Fußmärschen geübt und hielten mit ihm Schritt. Bis Joppe waren es fast zwei Tagesmärsche, da jetzt, im brütenden Hochsommer, eine ausgiebige Mittagsrast dringend notwendig wurde. Askalon samt seinem Hafen lag bald hinter ihnen.
»Die Fischer«, meinte Thomas, »schienen nicht gerade auf dich gewartet zu haben, Tobija. Oder täusche ich mich?«
»Es stört mich nicht, wenn diese Analphabeten über mich spotten. Einen Lehrling, der sieben Jahre lang Lesen, Schreiben, Sprachen, die Rechenkunst und manches andere studierte – auf so einen haben sie sowieso nicht gewartet.«
»Nicht zu vergessen die heiligen Schriften«, warf Debora ein, »und ich durfte alles mit ihm lernen. Unsere Eltern wollten es so, besonders unsere Mutter. Sie war nämlich sehr gebildet, hatte in Alexandria sogar die berühmte christliche Katechetenschule besucht. Ja, die reichen Tanten ließen sie erstklassig erziehen, ihre einzige jüngere Verwandte. Leider ist sie nur zweiunddreißig Jahre alt geworden, ein Jahr älter als unser Vater.«
»Simon ist also ertrunken?« fragte Thomas.
»Das ist auch so etwas«, fiel Tobija lebhaft ein, »das die Fischer an mir nicht mögen. Daß mein Vater ebenso wie mein Großvater ertrunken ist. Als klebte Unglück an uns, verstehst du?«
»Das bildest du dir ein«, protestierte Debora, »die meisten Fischerfamilien in Askalon haben Tote im Meer zu beklagen!«
Thomas spürte, daß die Geschwister deswegen uneins waren, und er versuchte schleunigst abzulenken:
»Wieso hat eigentlich die reiche und hochgebildete Erbin Kora aus Alexandria einen Fischer aus Askalon geheiratet? Sie muß wohl noch ziemlich jung gewesen sein!«
»Neunzehn, kein bißchen zu jung. Und was für eine Frage: Natürlich heirateten sie, weil sie sich liebten!«
»Natürlich. Sie liebten sich. Seht ihr eurer Mutter ähnlich?«
»Debora«, sagte Tobija, »das sagen alle, die unsere Mutter kannten.«
»Also war sie nicht nur reich und gebildet, sondern obendrein sehr… mh, also, sagen wir, sehenswert?«
»Sie war schön!« belehrte ihn Tobija, dessen Schwester den Kopf plötzlich gesenkt hielt. »Sie war so schön, daß sie unserem Vater auf der Stelle auffiel, als er einmal bis nach Alexandria gelangte! Das Nildelta zählt nicht gerade zu den Fanggründen judäischer Fischer. Die Ägypter würden sich das auch verbitten. Dort muß es ja bunt zugehen. Warst du schon öfter im Delta, Thomas?«
»Oft genug. Aber, wenn nicht als Fischer, wie kam euer Vater nach Alexandria?«
»Ganz einfach: Mit Samuel. Einen Wanderprediger wie Samuel begleiten zu dürfen, gilt als Ehre! Besonders jüngere Brüder und Schwestern aus den Gemeinden möchten mit ihm gehen. Einmal im Leben wollte das auch unser Vater. Er begegnete Samuel, als dieser mit den Fischern von Askalon nach Rapha fuhr. Er hat es uns oft erzählt, wie er durch Samuel auch die reichen Schwestern Eugenios kennenlernte.«
»Als wäre Samuel immer alt gewesen«, meinte Thomas lachend, »heute ist er drei- oder vierundfünfzig, wie er mir erzählt hat.«
Debora war unvermittelt stehengeblieben. Sie sah sich zweifelnd um, schüttelte den Kopf und schlug vor, vom Strand nach Osten abzubiegen und auf der Römerstraße weiterzugehen, die Samuel, wenn er allein unterwegs war, des besseren Schutzes wegen bevorzugte. Außerdem ließe er sich gern von Wagen mitnehmen.
Thomas war einverstanden, zumal sie sich der etwas landeinwärts gelegenen Ortschaft Ashdod näherten und die Sonne längst steil über ihnen brannte. Höchste Zeit, einen Brunnen und Schatten zu suchen und zu rasten.
Auf der Straße hielten sie jedes Wagengespann und jeden Reiter an und fragten, ob ihnen Samuel begegnet wäre? Einer wußte, daß jener sich vor ungefähr zwei Tagen von Joppe südwärts auf den Rückweg nach Askalon gemacht hatte.
»Samuel hatte es nicht eilig, er wollte im Wadi Jamnia Nomaden oder Hirten besuchen, müßte sich jetzt also ebenfalls Ashdod nähern, wenn auch aus entgegengesetzter Richtung.« Als die drei das gehört hatten, beschlossen sie, bei Ashdod unmittelbar an der Straße zu rasten, damit ihnen der Gesuchte ja nicht entginge. Im spärlichen Schatten eines Wacholdergebüschs ließen sie sich im Straßenstaub nieder, tranken ausgiebig, aßen ein wenig und warteten, daß die Sonne den Zenit überschritt. Besorgt beobachteten beide, daß Debora, kaum daß sie sich im warmen Sand ausgestreckt hatte, einschlief. Leise fragte Thomas:
»Macht sie etwa schlapp? Hält sie nicht viel aus?«
Tobija schüttelte nachdrücklich den Kopf:
»Im Gegenteil, sie kann zäh sein wie ein Esel und stundenlang lebendig wie ein Delphin.«
In Wirklichkeit kam es ihm auch merkwürdig vor, und er dachte daran, wie unausgeschlafen und fahrig sie am Morgen gewesen war – und wie aufgeregt sie darum gekämpft hatte, Thomas zu begleiten. Eine Ahnung dämmerte ihm, die er sofort wieder verscheuchte. Wie konnte er Debora verdächtigen? Und hätte sie ein Geheimnis vor ihm verbergen können?
»Laß mich zuerst wachen«, schlug er Thomas vor, »ich kann jetzt nicht einmal dösen, ich bin viel zu gespannt auf Samuel. Er ist unser Vormund, sogar amtlich. Unsere Eltern hatten ihn bald nach Deboras Geburt dazu bestimmt, vorsichtshalber.«
»Auch ich bin zu munter«, gestand Thomas. Sie unterhielten sich leise: »Wie alt ist deine Schwester?«
»Zwei Jahre jünger als ich.«
»Und du bist vierzehn?«
»Nur noch wenige Wochen, auch Debora ist schon eher dreizehn. Wir waren noch nie getrennt. Das stört mich nämlich an der Fischerei: Daß ich meine kleine Schwester so lange allein lassen muß.«
»Aber ihr habt die liebevollsten Pflegeeltern, außerdem ist Debora keine kleine Schwester, sondern bald heiratsfähig.« Tobija lachte.
»Debora eine Frau? Was hast du bloß für Augen?«
Thomas blieb ernst:
»Klare. Du bist ein typischer großer Bruder. Ist ja gut und richtig, daß du sie beschützt. Und wenn du schon fünfzehn bist, wirst du ja auch bald ein Mann.«
»Ich mag solches Gerede nicht. Was interessiert dich überhaupt ihr Alter?« erwiderte Tobija düster.
»Mich interessieren meine Weggefährten, besonders wenn sie so reizend und gebildet sind wie ihr beide. Daß ihr füreinander eintretet, ist verständlich, nachdem ihr die Eltern so früh entbehren mußtet. Ist eure Mutter auch ertrunken?« »Nein. Sie hat Vaters Tod ja noch ein Jahr überlebt, aber frag mich nicht, wie! Kränklich war sie wohl von Anfang an, vielleicht auch nur zu zart für das harte Leben einer Fischersfrau. Die Tanten in Alexandria hatten sie sehr verwöhnt. Weißt du, sie hat viel von ihnen erzählt, denn es war ihr nicht gleichgültig, daß sie sie enttäuscht hatte, mit der Heirat, meine ich. Sie hat buchstäblich alle Brücken nach Alexandria hinter sich abgebrochen, so sehr liebte sie Simon. Kein Wunder, daß die reichen Tanten die junge Erbin verstießen.« Verstohlen musterte Thomas den Jungen neben sich und fragte:
»Findest du das einleuchtend? Hätten die Tanten nicht Verständnis für das junge Paar haben können?«
»Aber er war ein Fischer, Thomas! Kein kultiviertes Heim, keine vornehme Erziehung, keine wirtschaftliche Sicherheit. Er besaß nur ein einigermaßen seetüchtiges Fischerboot und die elterliche Hütte am Strand. Wie sollten die Tanten verstehen, daß Kora dafür alles zurückließ, was sie ihr zu bieten hatten? Ich meine, sie empfanden ihre Kusine Kora als undankbar. Meine Mutter hat es selber so genannt – undankbar!«
»Hat Koras Geschichte nicht auch eine andere Seite?«
»Ja, gewiß, dafür hat sie sich ja entschieden, aber findest du nicht auch, daß man beide Seiten verstehen muß? Einfach abgesprungen, ins kalte Wasser, trotz ihrer Zerbrechlichkeit muß sie eine riesige Kraft in sich gehabt haben. Meinst du nicht auch?«
»Ihr Gewissen«, sagte Thomas.
»Wäre denn jede andere Entscheidung gewissenlos gewesen? Sie war verliebt.«
»Sie liebte, Tobija.«
»Manchmal, stelle ich mir vor, kann Liebe auch ziemliche Verrücktheit sein, eine schöne Verrücktheit meinetwegen. Was aber hat das mit Gewissen zu tun? Ich sehe dir an, was du denkst, Thomas. Du denkst, daß es mir nicht zusteht, die Sache zu beurteilen.«
»Hauptsache, du ver-urteilst nicht, Tobija. Eure Mutter konnte nur einen Weg gehen.«
Tobija nickte, schwieg ein Weilchen, sagte schließlich leise: »Aber wir kommen in ihrer Geschichte auch noch vor. Wir, ihre Kinder.«
»Und Simons Kinder!« mahnte Thomas.
»Jaja, und Simons. Da kommen welche aus Ashdod.«
»Von Süd nach Nord, wie wir. Immer noch kein bißchen müde, Tobija? Gut, dann behalte du die Straße im Auge. Ich strecke mich lieber für ein kurzes Nickerchen aus. Daß der Schatten so schmal fällt, ist nicht meine Schuld. Guck nicht wie ein Geier, ich komm’ ihr schon nicht zu nahe.« Schroff wandte sich Tobija zur Straße um und murmelte etwas, das Thomas, der sich neben die fest schlafende Debora im spärlichen Schatten auf den Boden legte, nicht verstand. Er reckte die Arme hoch, verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und schloß die Augen. Still lauschte er Deboras tiefen Atemzügen.
Nördlich von Ashdod querten die Römerstraße zwei Wadis, zu denen die drei jungen Leute wenig später aufbrachen. Statt zu schlafen, hatte Thomas nachgedacht und den Geschwistern erklärt:
»Wenn Samuel Hirten oder Nomaden aufsuchen wollte, müssen wir ab hier in sämtlichen Wadis Bescheid geben, daß wir ihn suchen. Ach, statt zu schwatzen, hätten wir längst einige nordwärts Reitende darauf hinweisen sollen! Kommt, laßt uns das Versäumte nachholen. Notfalls müssen wir, um ganz sicher zu gehen, dort übernachten, wo die Straße auf ein Wadi trifft.«
Debora blieb schläfrig, bis die lehmhellen Würfel der Häuser von Ashdod hinter ihnen im Sonnenglast verschwammen.
»Ich möchte bloß wissen, weshalb du heute so müde bist«, knurrte Tobija, »das bißchen wäßriger Wein gestern abend kann’s nicht sein.«
»So wäßrig war der gar nicht«, behauptete Debora, »außerdem bin ich nicht müde. Habt ihr nicht auch geschlafen?« »Und wie!« schwindelte Thomas. »Da kommen Reiter hinter uns. Anhalten!«
Es war seit Ashdod das vierte Mal, daß sie Reitern ihre Suche nach »dem alten Wanderprediger Samuel« mit auf den Weg gaben.
Als sie schließlich an das erste Wadi gelangten, mußten sie feststellen, daß die Straße über einen Knotenpunkt verlief, an dem sich drei ausgetrocknete Flußbetten mit ihren Geröllmassen zu einem Wadi vereinigten. Unschlüssig blieben die drei stehen. Was war zu tun!
»Genau an diesem Knotenpunkt wollen wir unser Nachtlager aufschlagen und warten«, entschied der erfahrene Bote Thomas, »so oder so müßte Samuel hier vorbeikommen, ob von Norden oder aus einem der Wadis.«
Sie suchten sich unter den im angeschwemmten Geröll herumliegenden Felsbrocken den größten aus. In seinem kargen Schutz und Schatten wollten sie lagern und dort die nötigen Äste für ein Feuerchen zusammentragen. Tobija kletterte auf den Felsbrocken, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er beschattete seine Augen mit der flachen Hand, plötzlich rief er:
»Zurück, Thomas! Zur Straße! Ich sehe ihn kommen!« Und er streckte seinen Arm nach Norden aus.
Sie ließen ihre Vorratsbeutel bei dem großen Stein liegen und liefen an den Straßenrand. Ja, er war es, auch Debora erkannte von weitem die schmale Gestalt mit dem mannshohen Wanderstab.
Samuel ging in weiße und rote Stoffbahnen gehüllt, die er wie einen losen Umhang auch über seinen Kopf zu ziehen pflegte. In seinem Alter war das nützlich bei jedem Wetter, hielt ihm brennende Sonne ebenso vom Leib wie Nässe, Kühle oder Wind. Sein spärliches Gepäck trug er in Beuteln unter der leichten Stoffülle seines Umhangs. Aber er ging nicht wie ein alter Mann, sondern hochaufgerichtet und zügig wie in Eile. Er mußte von Reitern gehört haben, daß man nach ihm suchte.
»Er ist allein«, sagte Debora leise und lief ihm entgegen. Sie sah deutlich sein Erschrecken, als er sie erkannte. Aber sie lachte und winkte und rief schon von weitem: »Friede, Friede! Fang mich auf, Samuel, halt mich fest!«
Er blieb stehen und öffnete weit seine Arme, in die sie sich lachend stürzte und zur Begrüßung sein silberstoppeliges Gesicht küßte: »Friede mit dir, Samuel. Und keine Sorge! Wir wollten dem Boten aus Alexandria nur den Weg zeigen.«
Samuel drückte sie sanft an sich, strich ihr über das dunkle Haar und fragte:
»Ist es Thomas? Er ist kein Anfänger auf dem römischen Straßennetz, da muß euch schon eine besondere Neugierde plagen! Sagtest du, aus Alexandria? Etwas Ernstes?«
»Ein Brief. Gestern abend traf Thomas damit bei uns ein und wollte heute gleich weiter. Er ist nett. Kennst du ihn schon länger?«
Debora ging neben Samuel, der sie von der Seite lächelnd musterte.
»Daß er sehr nett ist, weißt du ja schon – was könnte ich dir also noch über ihn verraten?«
»Später«, sagte sie hastig, weil die beiden jungen Männer sich näherten und den viel älteren respektvoll begrüßten. Samuel hielt Tobijas Hand kurz fest und fragte:
»Wolltest du nicht längst bei den Fischern sein?«
»Hätte ich meine Schwester allein mit einem Fremden gehen lassen sollen? Die Fischer schwimmen mir ja nicht fort.« Samuels Blick schien sich zu verdunkeln, aber dann fuhr er dem hitzigen Jungen mit der Hand beschwichtigend über den lockigen Schopf und wandte sich lächelnd Thomas zu: »Ein guter Platz für ein Nachtlager.«
Debora ließ die beiden Männer nicht aus den Augen. Auf einmal fühlte sie sich unbehaglich. Was sollte sie tun, wenn Samuel bemerkte, daß an dem Briefsiegel hantiert worden war? Samuel zu belügen, das würde sie nicht fertigbringen.
Sie durfte sich kein Wort, keinen Blick entgehen lassen. Im Augenblick war ihr das wichtiger als der sicher folgenschwere Briefinhalt.
Thomas, der seine Botentasche die ganze Zeit bei sich getragen hatte, reichte sie Samuel halb offen und sagte:
»Außer einem Brief auch Geld, einfach eine Handvoll in die Tasche geworfen, nicht gezählt. Ich habe davon nur das Nötige für die Schiffspassage bis Gaza genommen. Von dort bin ich gestern gleich weitergelaufen und kam abends in Askalon an.«
»Ein Brief von den Schwestern Eugenios also?«
»Nicht von beiden Schwestern, nur von Angela. Obendrein in größter Hast und Heimlichkeit. Sie war verschleiert, aber ich erkannte sie.«
Ruckartig blieb Samuel stehen und fragte, plötzlich heiser: »Nur von Angela? Heimlich? Bist du sicher, daß Agatha nichts davon weiß?«
»Ganz sicher.«
»Gib mir den Brief!« Sie hatten den Lagerstein noch nicht ganz erreicht. Samuels Hände zitterten, als er die Papyrusrolle aus der Hand von Thomas nahm. Er verschwendete nicht ein Sekunde daran, das Siegel zu prüfen. In höchster Ungeduld riß er es einfach ab, ließ es achtlos auf den sandig-steinigen Wadigrund fallen und rollte den Papyrus mit gestreckten Armen vor seinen Augen auf. Debora, erlöst und dankbar, stand halb hinter Samuel und starrte auf die griechischen Buchstaben, die in so ungewohnter Sprache redeten. Plötzlich begann die Schrift vor ihr auf und niederzutanzen, aber nicht ihre kurze Schwäche war daran schuld, sondern das Zittern von Samuels Händen, während er mit sichtlich wachsender Erschütterung den Brief las. Mit Schrecken sah Debora, wie sich der große, kluge, allzeit gefaßte, stets Trost wissende Mann vor ihren Augen in ein Häufchen Elend verwandelte und auf dem Stein, zu dem sie ihn geführt hatte, in sich zusammensank. Und zum ersten Mal sah sie Samuel weinen. Die Tränen quollen über seine staubigen, braunen Wangen, versickerten in Falten und Barthaaren, und er tat nichts, um sie zu verbergen, als wüßte er nicht einmal, daß er weinte. Debora legte sanft ihre Hand auf sein Knie, aber sie wußte nicht, wie sie ihn trösten könnte. Wenn er doch selber keinen Trost wußte, er, Samuel!
Daß auch sie weinte, merkte sie erst, als er den Papyrus sinken ließ und die Hand nach ihr ausstreckte, um ihr die Tränen vom Gesicht zu streicheln.
»Ist es so schlimm?« stammelte sie.
»Sie ist tot«, flüsterte er schluchzend, »ich weiß es. Tot!« Er schloß die Augen, und Debora fürchtete, er könnte hintenüber vom Stein stürzen. Kaum hörbar bat er:
»Laß mich allein, Kind. Nur ein Weilchen.«
»Ja, Samuel.«
Sie stand auf, um das Nötigste für ein Nachtmahl vorzubereiten. Und während der geübten Handgriffe kam ihr Verstand wieder in Gang, und sie dachte: Wie kann eine Tote einen Brief schreiben, ihn sogar noch auf den Weg bringen? Wie sehr muß Samuel jener ihr so fremden Frau verbunden sein, daß er ihren Tod über solche Entfernung hinweg erraten, ja spüren kann? Kann Liebe so machtvoll sein? Also mußte auch er Angela lieben. War es das, was Samuel so erschütterte? Das Geständnis ihrer Liebe zu ihm. Samuel weinte noch immer. Er saß jetzt vornübergebeugt auf dem Stein, das Gesicht in beide Hände vergraben. Der Anblick seines Schmerzes tat ihr weh.
Tränenblind tastete sie nach Steinen für die Feuerstelle. Dabei merkte sie nicht, daß Thomas mit einem Bündel trockener Äste und angeschwemmter Holzstücke neben sie trat. Sie schrak auf, als sie ihn leise fragen hörte:
»Ist es eine so böse Nachricht?«
Gleichfalls mit Brennholz beladen, kam von der anderen Seite Tobija. Auch er wagte kein lautes Wort:
»Was ist passiert?«
Debora wischte sich mit dem Saum ihrer wadenlangen Tunika Augen und Wangen trocken und flüsterte:
»Ihr seht ja, wie weh es ihm tut. Er sagte: Sie sei tot! Aber kann eine Tote einen Brief schicken? Es muß noch etwas anderes sein…«
»Soll ich zu ihm?« fragte Thomas.
»Er wollte allein sein. Er wird sich selber rühren. Legst du das Feuer, Thomas?«
»Erst wenn es dunkel wird. Es ist noch zu früh.«
»Wer ist tot?« fragte Tobija.
»Unsere Tante Angela, der Brief ist von ihr. Aber sie hat ihn dir doch gegeben, Thomas?«
»Ja, allerdings unter merkwürdigen Umständen, völlig anders als sonst.«
»Du warst schon öfter bei ihnen?«
»Ja, seit ich Kurier bin, nutze ich in Alexandria jede Gelegenheit, mich an der Katechetenschule zum Diakon ausbilden zu lassen. Mit Botengängen wie diesem verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Und von Brüdern wie Samuel lernte ich mindestens so viel, wenn nicht mehr…«
»Ich hole noch Holz«, sagte Tobija, der lieber etwas Handfestes tat, als die ungewisse Beklommenheit abwartend auszuhalten. »Soll ich auch einen Feuerstein suchen?«
»Nein, den trage ich immer bei mir.«, Thomas nestelte an einem der Ledersäckchen am Gürtel seiner kniekurzen Tunika. Als Tobija sie nicht mehr hören konnte, sagte Debora scheinbar nachdenklich:
»Da Tante Angela dir den Papyrus heimlich gab, sollte ihre Schwester Agatha nichts davon wissen. Also muß sie mit Samuel Geheimnisse haben, wenigstens ein Geheimnis. Und ihm tut es weh…«
Sie blickte erwartungsvoll auf Thomas, der im Sand kniete und umständlich mit seinem Feuerstein hantierte.
»Ist Samuel ihr besonderer Vertrauter?«
Thomas lächelte, als er antwortete:
»Ach, liebe Debora, was du wissen möchtest, ist die immer gleiche herrliche Geschichte zwischen zwei Menschen. Eure Tante Angela hatte vermutlich nicht so absolutes Vertrauen wie eure Mutter.«
»Vertrauen worauf?«
Thomas deutete mit dem Kopf vielsagend zu Samuel, dann nach oben in den Himmel.
»Woher willst du das wissen, Thomas?«
Er zuckte die Achseln, überlegte eine Weile und blickte das Mädchen offen an:
»Mein Dienst verläuft nicht so einsam, wie du vielleicht denkst. Man trifft andere Boten, nicht nur Auftraggeber und Empfänger. Da wird alles mögliche gesprochen und erzählt. Außerdem… still jetzt, Samuel steht auf. Du wirst ihn nicht mit Fragen durchbohren?«
»Bin ich ein Plappermäulchen, großer Redemeister? Kannst du nun Feuer schlagen oder nicht?«
Sie flüchteten sich in scheinbare Geschäftigkeit, als Samuel endlich seinen Wanderstab aufhob, die verrutschten Tücher über seine Tunika ordnete und zu ihnen herüberkam. Einem Mann wie Samuel, der sein Leben damit zubrachte, sich stets und ganz seinen Mitmenschen zuzuwenden, entging ihre Verlegenheit nicht. Mit beiden Händen umklammerte er seinen stabilen Wanderstab und lehnte sich gegen den großen Felsbrocken, von dem aus Tobija ihn vorhin erspäht hatte.
»Ruft den Jungen zurück«, bat er, »für ein erstes Feuer reicht das Gesammelte. Ich kann nicht die ganze Nacht bleiben. Auf dem schnellsten Weg muß ich nach Alexandria.«
»Und wir?« fragte Debora erschrocken.
»Ach ja, ihr! Das muß in Ruhe bedacht werden, ob ich euch jetzt schon mitnehmen soll…«
»Du wirst doch nicht diese Kinder nach Alexandria mitnehmen wollen?«
»Bist du vielleicht ein Greis?« ereiferte sich Debora, »ich werde dreizehn! Außerdem hat Samuel über uns zu entscheiden. Steht in dem Brief, daß du uns nach Alexandria mitnehmen sollst?«
»Und wenn, so dürfen wir nichts überstürzen. Wir haben alle einen langen Tag hinter uns. Bevor ich aufbreche, muß ich ein paar Stunden schlafen.«
»Wir lassen dich nicht allein aufbrechen, bis Askalon begleiten wir dich.«
Sie packten Brot, Käse, getrockneten Fisch und Fleisch, Eier und verschiedene Früchte aus und lagerten im noch warmen Sand. Bevor Samuel, der kaum etwas aß, irgendeine Erklärung gab, wollte er von Thomas mehr wissen:
»Bitte berichte mir ganz genau, wie es war, als sie dir den Brief gab. Jede scheinbare Nebensächlichkeit ist mir wichtig.«
»Ja, das war in der Tat höchst ungewöhnlich«, begann Thomas: »Ich war wie jedesmal im reichen Haus Eugenios eingekehrt, um Botschaften, Spenden, Briefe, Kollekten mit auf den Heimweg nach Judäa zu nehmen. Durch den Pförtner hatte ich den Damen Bescheid geben lassen. Er sagte, ich müsse mich gedulden, Agathas Einkäufe pflegen Stunden zu dauern! Und die andere der beiden Schwestern, die Dame Angela, könne mich kaum empfangen. Sie sei wieder einmal krank, ›das Übliche‹…«
Thomas unterbrach sich, blickte fragend auf Samuel, der noch immer am Felsbrocken lehnte, den Wanderstab so fest in beiden Fäusten, daß seine Fingerknöchel weiß hervorstachen. Mit leerem Blick nickte er schwer und sagte wie zu sich selbst:
»Das Übliche! Ihr empfindlicher Magen… die dunkle Schwermut ihres Herzens… und wie ging es weiter?«
»Der Pförtner schickte mich in die Gesindeküche, wo ich bei einer guten Mahlzeit Agathas Rückkehr vom Markt abwarten sollte. Noch auf dem Weg dorthin holte eine dunkle Sklavin mich ein…«
»Monika, Angelas Vertraute«, Samuel war ganz gespannte Aufmerksamkeit. »Und?«
»Schon daß sie nur flüsterte, fiel mir auf. Ich sollte ihr lautlos folgen, am besten unsichtbar! Sie führte mich in das abgedunkelte Zimmer ihrer Herrin Angela.«
»Angela lag auf dem Bett? Am hellichten Tag!«
»Ja, die Fenster waren verhangen, obendrein hielt sie sich verschleiert. Sie bestand darauf, daß ich mich dicht zu ihr setzte, auf den Bettrand. Dann zog sie unter den Decken und Kissen den Brief an dich hervor und aus einem Kästchen neben ihrem Lager eine Handvoll Münzen. Beides steckte sie hastig in meine Kuriertasche.«
»Sprach sie mit dir? Wart ihr allein?«
»Die Sklavin mußte an der Tür wachen, konnte aber alles sehen und hören.«
»Gut zu wissen«, sagte Samuel vor sich hin, »Angela kann sich also vollkommen auf Monika verlassen.«
»Mir schien«, fuhr Thomas fort, »als hätten die beiden das heimliche Treffen regelrecht geplant. Angela sprach nur wenig und ohne jede Kraft. Schon die paar Worte strengten sie an. ›Bring es nach Askalon zu Bruder Samuel, bitte gleich! Nimm notfalls eine Schiffspassage. Und Vorsicht! Von dem Brief und dem Geld – nichts davon meiner Schwester verraten: Verlaß am besten gleich wieder das Haus. Eine Ausrede für den Pförtner… bitte…‹ Sie konnte wirklich kaum noch reden. Ich versprach ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, ich würde sofort weiterziehen. Sie muß wohl starke Schmerzen gehabt haben. Sie krümmte sich, preßte die flache Hand gegen den Leib und stöhnte. Samuel! Ist dir nicht gut?« Dem alten Mann schienen die Knie zu versagen, doch er blieb aufrecht und fragte heiser:
»Was dann?«
»Zurück ans Tor fand ich allein, war ja nicht zum ersten Mal in dem vornehmen Haus. Dem Pförtner sagte ich, ich hätte es mir anders überlegt, ich könne nicht so lange warten, bis die Dame Agatha vom Markt zurückkäme, ich hätte mich mit Schiffsleuten verabredet, die jede Stunde den Hafen verlassen würden.«
»War er mißtrauisch?«
Thomas schüttelte den Kopf:
»Kann ich nicht sagen. Es lenkte ihn gerade ein Lieferant vom Hafen ab, den Agatha geschickt hatte, mit angeblich frischen Meeresfrüchten: Krebstieren, Muscheln, Tintenfischen…«
Diesmal unterbrach Tobija den Erzähler:
»Warum nennst du sie ›angeblich frisch‹? Kannst du das beurteilen?«
»Man muß kein Fischer sein, mein Lieber, um zu erkennen, wie lange ein Fisch schon tot ist!«
»Angelas Lieblingsspeisen«, hörten sie Samuel sagen, »ihre Schwester Agatha meinte es gut mit ihr und verwöhnte die Ältere.«
»Also, ich hätte das Zeug nicht mehr gegessen!« gestand Thomas, »selbst der Pförtner rümpfte die Nase, aber er mußte die Ladung durchlassen, schickte den Lieferanten in die Küche.«
»Ist Tante Agatha geizig?« fragte Debora. Mit einem Blick auf Samuels aschfahles Gesicht entschuldigte sie sich: »Verzeih bitte, du hast jetzt wichtigere Sorgen.«
»Ja, Kind, wie ich nach Alexandria komme!«
Thomas schüttelte seine Botentasche, daß die Münzen darin klirrten und sagte:
»Damit bringen dich die Fischer von Askalon sogar bis ans Nildelta! Dort hat längst die Nilschwemme begonnen.«
»Reicht es auch für uns beide? Du wolltest doch nach Jerusalem, zu deinen Eltern?«
»Ich konnte mich seit Monaten nicht mehr um sie kümmern!«
Samuel nickte. Er schlug vor, erst einige Stunden zu schlafen.
»Dann werden wir weitersehen.«
Die Nacht kam rasch und kühl.
Verschiedene Wege
Die drei Männer teilten sich die Nachtwache. Debora und die beiden jeweils Schlafenden lagen dicht beieinander in hastig gegrabenen Sandwannen zwischen dem großen Lagerstein und dem klein gehaltenen Feuer, das Raubtiere auf Distanz halten sollte: Schakal und Hyäne, aber auch Skorpione.
Über die Judäischen Berge stieg der fast volle Mond mit seinem bleichen Licht unter dem wolkenlosen Sternenmeer auf, das Nacht und Erde färbte.
Die vier Menschen hatten sich beim bereits schwindenden Tageslicht zur Ruhe gelegt. Debora war als erste eingeschlafen, tief und traumlos wie schon während der Mittagsrast. Plötzlich, als legte sich in ihr eine Spannung auf die Lauer, wurde sie durch irgendwas geweckt. Blinzelnd lauschte sie in die Stille. Sie hörte Samuel aufstehen und Thomas, der sich in seine Sandkuhle legte, bald darauf tief und gleichmäßig atmen. Hellwach richtete sie sich halb auf. Seinen Stab in der Hand stand Samuel auf der anderen Seite des Feuers, mit dem Rücken zu ihr. Debora wartete, bis Samuel sich auf einen flachen Stein niederließ, dann reckte und schüttelte sie sich, fuhr sich mit den gespreizten Fingern mehrmals durch ihr dunkles Haar und ging vorsichtig um das Feuer herum.
»Darf ich mich zu dir setzen, Samuel?« flüsterte sie.
»Gern, Debora, gern.«
Behutsam wälzte sie einen glatten Stein neben seinen. Ein Weilchen saß sie stumm und unsicher neben ihm, schließlich legte sie ihre kleine weiche Hand über seine große knochige.
»Frag mich nur«, hörte sie ihn leise sagen, »was du mich fragen wolltest!«
»Danke, Samuel. Du hast sie sehr lieb, Tante Angela? Und sie dich?« Sie vermied es, ihn anzusehen, bemerkte trotzdem, daß er sich ihr halb zuwandte und sie musterte. Prüfend? Argwöhnisch? Doch dann antwortete er: »Wahrhaftig, du bist alt genug. Ich hingegen komme dir dafür vermutlich zu alt vor? Aber die Liebe altert nicht, erst recht nicht, wenn sie länger als dreißig Jahre gefangen gehalten wird. Ja, ich liebe Angela.«
»Hast du es ihr nie gesagt?«
»Es hätte ihr Prüfungen abverlangt, für die sie zu zart war. In Gewissensnöte hätte es sie gestürzt! Was hätte sie dafür aushalten müssen?«
»Du hast es ihr also nie gesagt?«
»Sie wußte es, auch ohne Geständnisse. Es gibt ja wortlose Beweise. Ich bin sicher, sie wußte es, seit dreißig Jahren.«
»Und sie? Liebte sie dich ebenso?«
»Gehofft habe ich es immer, oft auch gespürt. Es zu wissen, ist eine andere Sache. Man braucht Beweise, Berührungen, Geständnisse, Zeichen. Dazu gehörte in unserem Fall mehr als Mut, fast schon Verzweiflung. In dieser Verzweiflung ließ ich sie allein. Ja, erst heute weiß ich, was Angela ausgehalten haben muß.«
»Und du?«
»Ich kann nur beten, sie noch lebend anzutreffen.«
»Und wenn sie nicht mehr lebt?«
Samuel schwieg, den Blick starr auf Kiesel und Sand zu seinen Füßen gerichtet, der in der sternhellen Mondnacht wie Kristallstaub schimmerte.
»Und wenn sie nicht mehr lebt…, weil sie nicht mehr leben wollte, vielleicht. Nein nein: nicht mehr konnte! Du kannst das nicht verstehen, Kind.«
»Nein«, gab Debora zu, »ich verstehe es nicht. Wenn man so reich ist, sich alle Wünsche erfüllen kann, keine Sorgen kennt – und… ist sie wirklich schwer krank? Wir haben manches über die Tanten erfahren, aber von Krankheit höre ich zum ersten Mal!«
»Nein, nein, von schwerer Krankheit kann keine Rede sein. Eure Tante Angela neigt höchstens zu gewissen Anfälligkeiten, besonders gegenüber Speisen. Es kommt jedesmal wie aus heiterem Himmel, ich habe es schon miterlebt: Eben noch speiste sie mit Appetit und gut gelaunt, und dann, wenig später diese Übelkeit, Schmerzen, Koliken, oft Erbrechen. Wie kläglich lag sie jedesmal da! Trotzdem ließ sie es nicht zu, daß ein Arzt gerufen wurde.«
»Ich finde, das klingt sehr krank«, erwiderte Debora.
Samuel schüttelte den Kopf:
»Es peinigt sie nicht ständig. Es kommt nur hin und wieder und geht ebenso vorüber. Was sie wirklich quält, sitzt tiefer. Von Mal zu Mal sehe ich sie daran… mehr verkümmern. Als versickere aus ihr alle Freude, alle Kraft. Wie ein Brunnen, der versiegt. Sie wehrte sich nicht mehr gegen Agathas Geschäftigkeit, obwohl es ihr oft auf die Nerven ging. Agatha ist von beherrschendem Wesen; die beiden sind sehr verschieden, die Ältere empfindsam, klug, kultiviert, leise, behutsam – die Jüngere in allem laut, aktiv, geschäftig, durchdringend. Das soll keine Abwertung sein. Ihr beide seid ja auch verschieden.«
»Tobija und ich? Aber doch nicht so!«
»Nicht so. In anderer Beziehung. Eure Tante Agatha ist deswegen ja nicht unsympathisch. Auch sie hat Qualitäten, gerade dank ihres energischen Wesens, vor allem ihre Anhänglichkeit, die Liebe zu ihrer älteren Schwester. Darum würde sie es auch nicht verwinden…«
»Was, Samuel?«
»Sie wird es nicht verwinden, die geliebte ältere Schwester zu verlieren.« Er schluchzte trocken auf, dann wandte er sich ihr zu und sagte leise: »Vielleicht wird es nötig, daß ich euch mitnehme nach Alexandria, dich und Tobija.«
»Haben die Tanten jemals darüber gesprochen?« fragte sie atemlos.
Samuel wich aus:
»Angela könnte es jetzt zu sehr aufregen, falls sie noch… Nein, ich muß mich als erstes um sie kümmern. Nur um sie. Und auch mit Agatha darüber sprechen. Ach, Kind, wie sehr habe ich mich in mehr als dreißig Jahren jedesmal auf Alexandria gefreut! Wie glücklich brach ich auf… Zum ersten Mal habe ich Angst davor.«
Debora legte ihre schmale, warme Hand auf seine, streichelte ihn sanft und versprach:
»Wir lassen dich nicht allein, Samuel. Irgendetwas wird uns einfallen. Laß mich nachdenken…«
Beide hatten nicht bemerkt, daß es sich hinter ihnen, zwischen Feuer und Felsbrocken rührte. Seit Minuten bereits lag Tobija wach und lauschte in die nächtliche Stille, in der einzig dann und wann ein brennender Ast knackte und das anfängliche Flüstern von Wächter und Wächterin längst zum gedämpften, zuletzt erregten Gemurmel geworden war. Lautlos richtete Tobija sich auf, horchte auf Thomas’ tiefe Atemzüge und war mit drei, vier großen Schritten neben Samuel, der ein wenig erschrak:
»Du schläfst auch nicht? Für wen wache ich hier eigentlich? Wo mir die Eile unter den Sohlen brennt!«
»Für Thomas. Er schläft fest.«
»Und seit wann bist du wach?« wollte Debora wissen. Tobija sagte gedehnt:
»Ein Weilchen, ich hörte euch reden…«
»Was hörtest du?«
»Jedenfalls so viel, daß wir Samuel nicht allein nach Alexandria lassen sollten. Und du brauchst gar nicht erst nachzudenken, Debora, mir ist sofort das einzig Richtige eingefallen: Ich werde Samuel begleiten!«
»Nein, nein«, wehrte Samuel ab, »auf keinen Fall möchte ich Angela in dieser Situation Koras Sohn gegenüberstellen! Sie hat eure Mutter sehr geliebt, zeigte sich sogar verständnisvoll…«
»Ach ja?« sagte Tobija bitter, »obwohl sie sich nie mehr um sie kümmerte? Mir sind diese reichen Tanten gleichgültig, Samuel, du nicht! Dich will ich begleiten! Du mußt mich keinem Menschen als Koras Sohn vorstellen.«
Samuel hatte sich Tobija zugewandt und schien im Dunkeln in dessen Gesicht lesen zu wollen. Schließlich stellte er, halb fragend, fest:
»Und der Fischerei könntest du damit noch einmal entkommen, wie? Es sollte mich wundern, wenn dir das nicht am wichtigsten wäre.«
»Und wenn? Schadet es, wenn ich mich ein wenig in der Welt umsehe? Meinen Vater Simon hast du vor siebzehn Jahren auch nach Alexandria mitgenommen!«
»Da war er freilich längst ein erfahrener Fischer.«
Debora mischte sich ein:
»Ich finde Tobijas Idee gar nicht übel. Mußt du deine Begleiter jedesmal den reichen Schwestern vorstellen?«
Samuel wiegte den Kopf, lenkte zögernd ein:
»Keineswegs. Erst recht nicht, seit der Fischer Simon ihnen die einzige Verwandte entführte. Obwohl da jetzt nur noch ihre, freilich gut ausgebildeten Sklavinnen wären…«
»Wie die schöne dunkle Monika?« warf Debora ein. Tobija fing es lächelnd auf:
»Die werde ich mir genau betrachten, Schwesterchen. Überhaupt würde ich mir alles gern einmal anschauen, den Reichtum, die vielen Häuser, wie sie leben!«
»Mach dir keine falschen Vorstellungen«, warnte Samuel, »du würdest nur wenig von dem vermeintlichen Glanz zu sehen bekommen, nämlich nur den Gesindetrakt. Weiter lassen sie meine Begleiter nicht vordringen.«
»Auch dich nicht?«
»Ich speise mit den Schwestern und darf in ihren Gästekammern ruhen. Ja, wenn ich mich darauf verlassen könnte, daß du nicht zu neugierig eigene Wege suchst…«
»Du kannst dich darauf verlassen, Samuel!«
»Hättest du dir vor einem Tag noch vorstellen können, mich allein zu lassen, Tobija?« seufzte Debora.
»Zum Fischfang hätte ich dich auch nicht mitnehmen können.«
Sie nickte, obgleich ihr der Unterschied allzu klar war – mit den Fischern hätte der Bruder sich ja nur für Stunden entfernt, doch hier handelte es sich um Wochen, um ihr schwer vorstellbare Wegstrecken. Aber sie war einverstanden: Sie durften Samuel nicht allein lassen. Zum ersten Mal erlebten sie ihn schwach, verstört, zweifelnd. Die Geschwister weckten Thomas vorzeitig und weihten ihn in ihr Vorhaben ein. Es ärgerte Tobija, daß Thomas sich keineswegs erfreut oder wenigstens erleichtert zeigte.
»Meine Eltern hätten Verständnis, wenn ich ihnen durch andere Boten mitteilen ließe, daß sie sich noch gedulden müßten. Sie haben ja noch mehr Kinder und sind Kummer gewohnt!«
»Sei froh, wenn du ihnen keinen neuen zumuten mußt«, sagte Tobija, »deine alten Eltern sollten dir wirklich wichtiger sein!«
»Wieso alte Eltern? Ich bin neunzehn, und sie waren jünger bei meiner Geburt. Du dagegen bist viel zu jung für eine lasterhafte Hafenstadt wie Alexandria!«
»Wieso lasterhaft?« fuhr Debora auf. »Bislang hieß es doch immer: Das strahlende, das herrliche Alexandria! Außerdem ist Askalon auch eine Hafenstadt.«
Thomas nörgelte weiter:
»Will sich bloß vor der Fischerei drücken? Außerdem sollte ein Bruder seine Schwester nicht monatelang allein lassen! Nein, nein, die Sache geht mir zu Hals über Kopf. So schnell werdet ihr mich nicht los. Auf jeden Fall gehe ich mit euch zurück nach Askalon. Und bis dahin kann uns noch stundenlang Besseres einfallen…« So haderte er, während sie die Spuren ihres Lagers beseitigten, die letzte Glut mit Sand erstickten, hastig einige Bissen aßen.
Den Rückweg nach Askalon brachten sie schneller hinter sich als den Herweg. Das lag nicht nur an der günstigen Nachtkühle, vielmehr an Samuels ruheloser Hast. Fast die ganze Strecke stürmte er ihnen voran.
Sie erreichten das bescheidene, weiß ummauerte Gehöft von Sebastian und Miriam im glutvollen Schein der Morgenröte. Die Familie zeigte sich nicht wenig überrascht angesichts ihrer zeitigen Rückkehr, vor allem auch, weil sie Tobija für die unvorhergesehene Reise ausrüsten und die Reisevorräte auffüllen sollten. Wohl oder übel mußte sich Thomas Tobijas Beschluß fügen, dem Samuel in seiner angeschlagenen Verfassung keinen rechten Widerstand leisten konnte oder mochte. Ihn quälten sichtlich größere Sorgen, und es blieb Thomas nichts anderes übrig, als dem alten Freund das restliche Geld aus Alexandria aufzudrängen und anschließend im Hafen nach einem Küstenfahrzeug oder Fischerboot zu suchen, das die beiden Ägyptenfahrer bis ans Nildelta bringen konnte.
Debora begleitete Thomas zum Hafen. Er war immer noch verstimmt darüber, wie Tobija die ganze Angelegenheit an sich gerissen und tatsächlich Samuel dafür gewonnen hatte: »Es kommt mir geradezu gewissenlos vor, den kopflosen Samuel mit einem Kind aufbrechen zu lassen!«
»Erstens, Thomas, wird Tobija in wenigen Wochen fünfzehn. Außerdem ist Samuel nicht kopflos, sondern verzweifelt.«
»Noch schlimmer!« Thomas blieb kurz stehen, blickte das Mädchen neben sich scharf an und fragte:
»Du hast ihn also mit Fragen durchbohrt?«
»Ich glaube eher, daß es ihm heute nacht gutgetan hat, mit jemandem über Tante Angela sprechen zu können.«
»Entschuldige, Debora, in dem Alter seid ihr Mädchen uns oft meilenweit voraus.«
»Aha? Kennst du die Mädchen so gut?«
»Stich nicht, Bienchen, ich habe beispielsweise auch Schwestern.«
»Na ja, es ist mir egal, woher du so gut Bescheid weißt. Komm, die Fischer landen gerade an. Es wird nicht leicht sein, nach der Nachtarbeit sofort einen zu finden.«
»Kennen sie Samuel?«
»Natürlich.«
»Gut. Welche sind von eurer Christengemeinde?«
»Knapp die Hälfte. Das ist eine gute Idee…« Sie lief Thomas voraus an den Strand.
Allein Samuels Name wirkte. Die Fischer verwiesen die Suchenden an ein cyprisches Küstenschiff, das seit gestern im Frachthafen ankerte und weiter südwärts wollte, eine günstigere Gelegenheit konnten sie selber nicht bieten. Sie begleiteten Thomas sogar dorthin und halfen ihm für Samuel und seinen Gefährten eine erschwingliche Passage auszuhandeln. Das Schiff wollte bald nach Sonnenaufgang in See stechen, so daß Thomas und Debora die beiden Mitfahrer schleunigst benachrichtigen mußten.
Plötzlich schien sich alles zu überstürzen. Debora fühlte sich, als geriete sie in den Sog eines Wirbelsturmes, der sie atemlos und schwindlig machte. Tobijas erste große Reise sollte ganz ohne innere Vorbereitung beginnen, seine erste längere Trennung von seiner Schwester. Die Pflegeeltern empfanden ähnlich, und Sebastian bestand auf Gebet und Segen, ehe er den Pflegesohn ziehen ließ. So knieten alle um den kleinen Hausaltar, auf dem Miriam eine Wachskerze anzündete. Die beiden ältesten Männer sprachen abwechselnd ein Gebet:
» Wie hält der Jüngling rein seinen Pfad? Wenn er bewahrt Gottes Worte… Von ganzem Herzen suche ich Gott, laß mich nicht weichen von Deinen Geboten… Sei gepriesen Herr, lehre mich Deine Befehle… Es liegt meine Seele im Staub, getreu Deinem Worte schaffe mir Segen…«
Sie teilten Brot und Wein, und zum Abschied segnete Vater Sebastian seine kleine Hausgemeinde. Miriam konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie Tobija mit herzlicher Umarmung verabschiedete:
»Komm gesund wieder, Tobi…«
»Ich werde schreiben«, versprach er, »und Debora wird es euch vorlesen. Habt Dank, habt Dank…«
Er umarmte die Kinder und zuletzt den Pflegevater. Debora und Thomas begleiteten die Reisenden zum Hafen, wo der Schiffer seine Passagiere bereits erwartete.
»Wie weit kannst du uns bringen?« fragte Samuel.
»Bis Pelusium, wie ausgehandelt.«
»Wir müssen nach Alexandria, doppelt so weit!«
»Das hörte ich. Wir haben Freunde in Pelusium…«
»Ich auch«, sagte Samuel gereizt, entschuldigte sich aber sofort: »Verzeih, eine fremdartige Eile sitzt mir im Nacken.« Der Schiffer nickte verständig:
»Das kann vorkommen. Wir sind bestens besegelt, und das Schiff ist flach und schnell, nicht langsamer jedenfalls als die Römische Post!«
Auch Thomas redete Samuel gut zu:
»Durch das Delta kommt ihr gleichfalls flott westwärts, denn der Nil schwillt um diese Zeit gewaltig an. Bald ist dort alles ein einziger See.«
»Wem sagst du das, Thomas? Hab ein Auge auf meine kleine Debora, die den Bruder so tapfer ziehen läßt. Ja, er wird dir schreiben, Mädchen, ich sorge dafür. Und nun liegt alles bei Gott. Lebt wohl.«
Tobija umschlang Debora, küßte sie auf Stirn und Wangen, dann legte das Schiff ab.
»Geh heim!« rief Tobija seiner Schwester auf der Mole zu. Er winkte, bis das Schiff aus dem Hafen geglitten war. Hoch und unbewegt stand Samuel neben ihm in seinen weißen und roten Tuchumhängen, die er wie immer über den Kopf gezogen hatte.
Debora winkte, bis sie beide nicht mehr sehen konnte. Daß Thomas die ganze Zeit hinter ihr ausharrte, schien sie vergessen zu haben. Als sie, müde und mutlos, den Arm sinken ließ, brachte er sich wieder in Erinnerung:
»Bravo, Bienchen. Jetzt laß die Tränen schießen.«
»Ach, Thomas…«
Vorsichtig streichelte er ihr übers Haar, berührte es sacht mit den Lippen, legte kurzentschlossen seinen Arm um Deboras Schulter und führte sie weg vom Hafen.
»Dies wird noch ein ganz erträglicher Tag, glaub es mir«, versuchte er, sie aufzumuntern. »Du zeigst mir Askalon und alle eure Hündchen. Vielleicht schenkst du mir einen? Ihr habt so viele, daß sie euch noch armfressen werden, und ich besitze nicht einen einzigen. Sie sind doch gut zu Fuß? Nein, keine Sorge, daß ich dir heute noch einen zweiten Abschied zumute. Ich ziehe frühestens nächste Nacht weiter. Außerdem werde ich so bald wie möglich von Aelia Capitolina zurückkehren…«
»Von Jerusalem!« belehrte sie ihn kopfschüttelnd. Thomas lachte. »Das mit dem Hund«, fragte sie, »meinst du das ernst?«
»Wenn du es ernst nimmst, meine ich es auch ernst.«
»Du bist oft allein auf deinen Botengängen, wie?«
»Seit gestern erst weiß ich, wie sehr allein.«
»Also gut. Es ist ein kleiner Rüde dabei, noch kein Jahr alt, mein Lieblingshund. Er heißt Hepi und ist der einzige schwarze.«
»Ach, Debora, ich werde Hepi hüten wie meinen Augapfel. Und natürlich sollst du ihn nicht ganz und gar verlieren! Wir werden jede Gelegenheit nützen, dich zu besuchen.«
Im Marmorpalast
Trotz ständig neuer und überwältigender Reiseeindrücke dachte Tobija täglich an seine Schwester im fernen Askalon. Am liebsten hätte er ihr bereits aus der alten Festungsstadt Pelusium an der östlichsten Nilmündung geschrieben, doch Samuel wollte keine Zeit verlieren. Die tagelange Schiffsfahrt schien den erfahrenen Reisenden nicht besänftigt, sondern seine Geduld auf eine harte Probe gestellt zu haben. Nicht einmal den üblichen Besuch bei der örtlichen Christengemeinde, in der er viele Freunde hatte, gönnte er sich. Kaum hatte ihr zyprisches Schiff gegen Mittag im pelusischen Hafen angelegt, kaufte Samuel frischen Proviant für Tobija und sich und verließ die Stadt auf dem kürzesten Wege westwärts. Einzig die lästigen Wasserschläuche brauchten sie nicht mehr zu füllen und mit sich zu schleppen. Der von Süden her seit Juni, Juli schwellende Nil näherte sich nun im September seinem Höchststand. Nach knapp zweitägigem Fußmarsch erreichten Samuel und Tobija die riesige Lagune des Menzalehsees; von dort ging es vorwiegend auf Booten, Flößen und über schwankende Pontons weiter durch das mächtige Nildelta, fast ein Süßwassermeer, aus dem fruchtbare Ansiedlungen als grüne Inseln herausragten. Staunend sah Tobija fette Kuhherden bis zum Bauch im meerwärts ziehenden Wasser des Stromes stehen, er beobachtete riesige helle Schwärme von Vögeln und entdeckte Fische, die er bislang nicht kannte. Samuel fand jetzt keine Ruhe mehr, erlaubte sich und Tobija nur noch stundenweise Schlaf. Dennoch benötigten sie weitere sechzehn Tage, bis sie endlich den westlichsten, den kanopischen Nilarm erreichten, von dem ein gut ausgebautes Kanalnetz nach Alexandria führt.
Erschöpft, überreizt nach solchem Gewaltmarsch nahm Tobija die ersehnte Stadt am Meer in fast schlafwandlerischem Zustand wahr. Im letzten Schein der untergehenden Sonne, die glutrot hinter weißen Mauern und schimmernden Marmorpalästen von unübersehbarer Breite ins Mittelmeer sank, ahnte Tobija die leuchtende Pracht vor seinen Augen. Nur unbewußt erlebte er, wie Samuel ihn an die Hand nahm und ihn das letzte Stück Weg hinter sich herzerrte. Das Haus, in das Tobija durch eine tiefe, abendlich dunkle Toreinfahrt taumelte, sah er erst im Laufe der nächsten Tage wirklich.
Ausgeschlafen und auch sonst gut versorgt, schrieb er endlich einen ersten Brief an seine Schwester.
Ägypten, Herbst, im 1. Jahr des Kaisers Diokletian.
… Alexandria ist hundertmal prachtvoller, als unsere Mutter es beschreiben, als wir es uns vorstellen konnten. Dabei sah ich bis heute nur einige Straßen im Brucheion, dem alten Herrscher- und Tempelviertel beim Großen Hafen, in dem das elegante Eugenios-Haus steht. Es ist ein Palast und nicht der einzige, der unseren Tanten gehört, von denen wir nur noch Agatha, die jüngere, antrafen. Samuels Angst, die ihn vorwärts trieb, war leider begründet, denn die fünfzigjährige Angela war vor Wochen schon gestorben, wohl kurz, nachdem Thomas bei ihr war. Mit Samuel kann ich seitdem kaum reden. Ich wohne im Sklaventrakt, sogar hier haben sie Gästekammern, allerdings winzig und düster. Aber ich muß nicht arbeiten, alle tun, als wäre ich noch ein Kind. Am freundlichsten redet die dunkle Monika, die Tante Angelas Leibsklavin war, mit mir. Wahrscheinlich täusche ich mich, aber mir kommt es vor, als beobachte mich die schöne Nubierin Monika manchmal argwöhnisch, besonders bei den Mahlzeiten in der Gesindeküche. Sie versucht, mich auszufragen. Als ich Askalon erwähnte, horchte sie auf. Darum vermeide ich jetzt Gespräche mit ihr. Samuel will nicht, daß ich mich verrate. Er ist völlig beherrscht von der Trauer um Tante Angela. Noch nie habe ich ihn so konfus erlebt. Übrigens hörte ich von den Haussklaven, daß er künftig ebenfalls im Gesindetrakt einquartiert und verpflegt würde. Es muß also an Tante Angela gelegen haben, daß Samuel mit den Schwestern speisen und auf ihrer Etage wohnen durfte. Ich darf gleich mit dem Hausverwalter Anton auf die Hafenmärkte zum Einkaufen gehen und schreibe Dir später weiter…
Gestern ist es spät geworden. Ich kann Dir nicht schildern, wie schnell hier die Zeit verfliegt! Beim Einkauf auf den Hafenmärkten konnte ich mich kaum sattsehen. Nie im Leben kann ich Dir aufzählen, was es hier alles zu kaufen gibt! Der Hausverwalter Anton, nur wenig jünger als Samuel, mußte sich strikt an Tante Agathas Einkaufsliste halten und jede Ware tausendmal vergleichen, denn sie kauft nur die preiswerteste. Darin sei sie äußerst streng, sagte Anton, und daß man nur auf diese Weise reich werden und vor allem reich bleiben könne. Dabei hatten die Tanten ihren Reichtum von den ebenfalls reichen Eltern und Großeltern geerbt. Tante Agatha sehe ich kaum, seit dem Tod ihrer Schwester sei sie ständig krank, heißt es. Alle drei Tage klage sie über ein neues Leiden, erzählen die Haussklaven. Meistens preßt sie ein Tränentuch vors Gesicht und schluchzt verzweifelt: ›Angela, wie konntest du mich allein lassen!‹ Sie ist ziemlich groß und schlank, trägt dunkle Haarröllchen um ihr noch auffallend frisches Gesicht, an das nur Rosenwasser darf, wie ihre Zofe Kamilla behauptet. Für ihr Alter sieht Tante Agatha recht gut aus, wenn vielleicht auch nicht so vornehm, wie ihre Schwester Angela ausgesehen haben soll. Daß ich seit Tagen in ihrem Palast lebe, hat Tante Agatha offenbar nicht bemerkt. Man hat ihr wohl gesagt, Samuel habe wieder einmal einen jungen Begleiter mitgebracht, der Tobi heißt. Das hatten wir unterwegs so beschlossen. Mir ist es nur recht, daß sich die Tante nicht um mich kümmert. Umso unauffälliger kann ich das riesige Haus erforschen. Ich schicke meine Briefe mit der römischen Staatspost zu Dir nach Askalon. Der Hausverwalter Anton zeigt mir die nötigen Wege, hat mir auch die Schreibsachen besorgt. Auch wenn der Papyrus nur einer von der preiswertesten Sorte ist, hebe ihn gut auf, man kann ihn mehrmals verwenden, wie Du weißt. Unsere weiteren Pläne kenne ich noch nicht. Samuel muß ständig bei Tante Agatha hocken und ihr Gejammer ertragen. Er dagegen versinkt mehr und mehr in Schweigen. Trotzdem bestellte er mir Grüße an Euch alle. Vielleicht schicke ich Dir bereits nächste Woche erneut einen Brief mit der Römischen Post…
Der Hausverwalter Anton zeigte dem Jungen, wie er seine Briefrolle vorschriftsmäßig zu adressieren und zu versiegeln hatte. Offenbar verfügte Anton, trotz Agathas Strenge in finanziellen Dingen, über genug entbehrliche Münzen, aber der Preis für die Postbeförderung schien nicht hoch. Auf dem Rückweg deutete Anton an, daß die wichtigsten Behörden und Beamten dem Hause Eugenios ohnehin verpflichtet seien, nach dem alten Spruch: »Eine Hand wäscht die andere.«
»Ich verstehe«, behauptete Tobija grinsend, obwohl er sich nichts darunter vorstellen konnte, aber er wollte es gerne lernen.
Im Marmorpalast blieb er wie üblich sich selbst überlassen. Die tägliche Mittagsrast war eingekehrt. In der großen Mittelhalle dösten selbst Agathas edle Windhunde mit den fremdartigen Namen Slugi, Syko und Naph. Mit ihnen war Tobija gut Freund geworden, im Umgang mit Hunden war er geübt, und die Tiere witterten seine Zuneigung und Autorität. Ein Weilchen blieb er bei ihnen, tätschelte die jetzt trägen Wächter und horchte. Vom Innenhof her hörte er einen Springbrunnen plätschern und Tauben gurren. Von draußen drangen Straßengeräusche zu ihm, Schritte von Menschen, deren Sandalen auf Steinplatten klatschten, das Trappeln von Pferde- und Eselshufen und das Gesumm vieler Stimmen, darüber das Möwengeschrei vom nahen Hafen her. Aus den oberen Räumen vernahm er den nicht abreißenden Redeschwall einer erstaunlich lauten, hellen Frauenstimme: Tante Agatha! Auf wen redete sie ein? Doch nur auf den von zahllosen Beichten, Seufzern, Klagen geprüften Seelenhirten Samuel.
Tobija horchte nach oben, wohin man von der säulengestützten Halle aus über eine breite Marmortreppe mit flachen Stufen gelangte. Das Erdgeschoß kannte er inzwischen, aber in die oberen Stockwerke war er bis jetzt kaum vorgedrungen.
Er musterte die prächtige Treppe, das kunstvolle Steingeländer mit der spiegelblanken, scheinbar fugenlosen Stützführung, und plötzlich schoß es ihm fast aufsässig durch den Kopf. Warum muß ich mich verstecken, obwohl ich vermutlich rechtmäßige Ansprüche habe?
Zum ersten Mal empfand er einen seltsam herrischen Mut. Warum muß ich beim Gesinde hausen und speisen, ihr Schmatzen, Schlürfen, ihr primitives Gerede ertragen? Warum soll ich verleugnen, was meine kluge Mutter mir an gesellschaftlichem Schliff, an zivilisierten Spielregeln beibrachte? Ihm war, als höbe jeder Gedanke seinen Kopf höher. Hatte er es nötig, sich auf die niederste Stufe zu stellen, wenn ihm in Wirklichkeit die höchste zustand? Es fiel ihm nicht gleich auf, wie er sich unter dem Ansturm solch rebellischer Gefühle und Gedanken Stufe um Stufe die herrliche Treppe hinauf bewegte. Nein, er hatte es nicht nötig, zu buckeln und sich selbst zu verleugnen, bloß weil ein zur Zeit aus dem Gleichgewicht geratener, alter Mann das aus unerklärlichen Gründen für richtiger hielt – als wäre Samuel in seinem derzeitigen Zustand überhaupt fähig, klar zu denken und Entscheidungen zu treffen. Er merkte ja nicht, daß sein junger Schützling kein Kind mehr war! Ihm war, als riefe ihm jemand zu: »Spring! Und du wirst nicht abstürzen, dein Fuß wird sich an keinem Stein stoßen…« In diesem Augenblick hatte er die oberste Treppenstufe erreicht, stand am Geländer und sah hinab auf die kostbaren Steinintarsien des Hallenbodens.
Ich kann es mir leisten, aufrichtig aufzutreten und damit aufrecht, dachte Tobija entschlossen und näherte sich lautlos der Tür, aus dem die erregte Frauenstimme drang. Seine ausgetretenen Sandalen verursachten bei jedem Schritt ein schlurfendes Geräusch. Kurz entschlossen band er sie auf, hängte sie sich an den Ledergürtel um seine kurze Tunika und tastete sich barfuß weiter auf dem glatten Fußboden. Vom Hauspersonal kannte er Tante Agathas seltsamen Putzzwang; bei ihr müsse man im ganzen Haus jederzeit vom Fußboden essen können! Seine Fußabdrücke hinterließen auf dem makellosen Glanz blinde Schwitzflecken. Er hoffte, daß sie verdunsteten, bevor Tante Agatha sie bemerkte, doch augenblicklich lenkte ihn die hohe Frauenstimme ab, von der er jetzt deutlich jedes Wort verstand.
»Seit meiner Geburt gehörte sie zu meinem Leben, war von Anfang an und jederzeit für mich da! Sie lehrte mich die ersten Schritte, die ersten Worte – Angela! Ich habe nie ohne sie leben müssen. Und ich kann nicht ohne sie leben. Du siehst ja, daß es mich krank und elend macht, mich, die nie krank war! Wie kann sie mich einfach allein lassen? Mit der riesigen Verantwortung für unsere sämtlichen Liegenschaften, für den Besitz, für all die Pächter und Mieter, Diener und Sklaven? Ich halte das nicht aus, Samuel! Das darf selbst meine Angela mir nicht antun!« Samuels leise Stimme klang erschöpft, als müsse er ständig die gleichen Worte wiederholen:
»Hör auf, dich gegen Gottes Willen zu versündigen. Muß erst ihr Tod dich lehren, daß Angela nicht dein Besitz war, dir nicht gehörte wie deine Äffchen, Katzen und Hunde, wie Sklaven, Schmuck und Geld? Deine Trauer hat nichts mit schwesterlicher Liebe zu tun, Agatha. Du schreist wie ein Kind, dem man die Lieblingspuppe nahm. Angela war immer für dich da, ja, aber sie war nicht dein Besitz…«
»Wie kannst du es wagen!« unterbrach ihn wildes Aufschluchzen. »Gerade du, Samuel! Bilde dir bloß nicht ein, daß ich all die Jahre blind war!«
»Nein, genau das haben wir uns nie eingebildet. Es wäre zu allen anderen Lebenslügen ganz sicher die verhängnisvollste gewesen, besonders für Angela.«
»Was willst du damit sagen? Was weißt und verstehst du überhaupt von ihr? Und von mir? Mein Tod wäre es gewesen, wenn sie mich verlassen hätte, mein Tod! Sie hätte nie daran gedacht…«
»Nun, sie hat dich verlassen, so oder so. Und du lebst, Agatha.«
Wieder das Schluchzen, gegen das sie hörbar ihr Tränentüchlein an den Mund preßte.
»Leben nennst du das? Ich bin krank, Samuel, sterbenskrank! Nur die Verantwortung hält mich noch, mein Pflichtgefühl! Wie lange werde ich es aushalten können?« »Schluß mit dem Theater, Agatha! Jeden Tag eine andere Krankheit – du steigerst dich in immer neue Schmerzen und Leiden – und warum? Angela kannst du damit nicht bestrafen, sie ist für dich unerreichbar. Deine lärmende Trauer ist ohne Würde, Agatha. Beachtet werden willst du, bemitleidet, ununterbrochen alle und jeden daran erinnern, daß du lebst! Mit deinem würdelosen Spektakel wirst du von keinem echtes Mitgefühl bekommen. Du nährst nur Schmarotzer, und deine Ärzte lachen sich ins Fäustchen. Mach Angelas Tod nicht zum Gespött!«
Der lauschende Tobija hielt sekundenlang die Luft an. Offenbar erging es seiner Tante hinter der Wand nicht anders, denn ein Weilchen trat atemlose, bedrohliche Stille ein. Insgeheim bewunderte Tobija seinen Vormund, den er für sanftmütig, weise, beherrscht hielt. Was setzte er mit solch scharfen Worten alles aufs Spiel! Vergaß er völlig die regelmäßigen Spenden für arme Gemeinden, die aus diesem Haus flossen? War er einzig solcher Spenden wegen nicht überhaupt in Alexandria? Er hörte die Tante durchatmen, einmal, zweimal, dann wieder ihre hohe Stimme, plötzlich fast normal:
»Was fällt dir ein, Samuel, mit mir in solchem Ton zu reden? Wer bist du, daß du dir das erlaubst?«
Seine Antwort klang, als lächle er:
»Darüber habe ich keine Illusionen, Agatha. Sonst wäre wohl manches anders verlaufen. Was jetzt allein zählt, ist, daß wohl niemand sonst mit dir ehrlicher wäre, und das weißt du im Grunde selbst.«
»Mag sein. Trotzdem warne ich dich: Nimm dir nicht zu viel heraus, auch wenn du Priester bist und dein Leben deinem Glauben unterordnest. Das gibt dir noch lange nicht das Recht…«
»Nein. Aber Pflichten habe ich, auch dir gegenüber. Und für Angela. Sie hat gelitten, Agatha. Du hast es nicht einmal bemerkt. Sie jedenfalls hat daraus nicht auch noch Kapital schlagen wollen.«
»Ach ja?« Die hellere Stimme klang drohend scharf. »Du warst ihr Beichtvater? Ein Wanderprediger? Angela und gelitten – sie, die alles hatte? Mein Hand hätte ich mir abschlagen lassen, wenn es ihr Leben verlängert hätte! Jeden Wunsch habe ich ihr von den Augen abgelesen… Was siehst du mich an? Darf ich vielleicht meine bescheidenen Verdienste nicht erwähnen? Ich habe meiner Schwester bis zur Selbstaufgabe gedient! Sie war der Inhalt meines Lebens.«
»So such dir einen neuen, Agatha. Du hast alle Möglichkeiten, weiterhin Gutes zu tun.«
»Ja ja, keine Sorge, daß ich die üblichen Spenden vergesse. Deswegen bist du nur hergekommen, auffallend schnell.
Wolltest du nicht erst im Winter wiederkommen? Ich habe ein gutes Gedächtnis, Samuel. ›Wenn es kühl ist und bevor der Chamsin ausbricht!‹, hast du bei deinem letzten Besuch gesagt.«
Samuel wich aus: »Es war wohl so eine Ahnung. Und vielleicht hilft es dir ein wenig.«
»Ach ja, schon gut, ich leugne es ja nicht. Mit wem sonst könnte ich so offen über alles sprechen? Seit über dreißig Jahren kennen wir uns. Zwar hast du uns damals unsere Kora fortge…« Die Tante stockte mitten im Satz, als fiele ein völlig neuer und unerwarteter Gedanke über sie her, und schon wurde ihre etwas monotone Stimme wieder laut: »Kora! Kora hatte doch Kinder! Gütiger Himmel, wie konnte ich das vergessen? Einen Sohn hatte sie und eine Tochter. Stehen sie nicht ganz allein in der Welt? Und du bist ihr Vormund, Samuel! Wie alt mögen sie sein? Warte mal… Kora verließ uns vor sechzehn Jahren, als sie diesem judäischen Hungerleider nachlief, und das erste Kind muß bald danach gekommen sein. Samuel, warum erinnerst du mich nicht an Koras Kinder? Was können sie für die Verfehlungen ihrer Eltern? Sie sind mit deren frühem Tod genug bestraft. Koras Kinder sind meine einzigen Verwandten! Zwei unschuldige Waisen…« Der Lauscher draußen im Gang rutschte langsam an der Wand hinunter auf die Knie. Er versuchte, sich die Ohren zuzuhalten und konnte zugleich nicht genug hören. Endlich besann sie sich auf ihn – holte ihn wie aus dem Nichts in ihr Bewußtsein, ihn und seine Schwester Debora. Er nahm die Hände von den Ohren und hörte seinen Vormund gerade sagen:
»Tobija und Debora sind keine Wilden! Kora und Simon haben sie sorgfältig erzogen, in ganz Askalon gibt es kaum gebildetere und höflichere junge Menschen. Sie sind keine kleinen Kinder mehr, die du dir zurechtbiegen müßtest; es hätte sie ja auch nur verbiegen können. Sie sind alt genug, um selber entscheiden zu können.«
»So laß sie entscheiden, Samuel! Oh, es ist unerträglich, daß ein Provinzler wie du die Vormundschaft über die Kinder hat. Was verstehst du von dem Leben, das ich ihnen bieten kann? Meine Verwandten sind sie, mir stehen sie zu!« »So plötzlich, Agatha? Von heut auf morgen?«
Tobija draußen fuhr zusammen, als träfe ihn ein Blitzschlag. Doch es war nur eine dunkle Hand, die von oben her nach seiner griff und ihn heraufzog. Die nubische Sklavin Monika mußte sich lautlos zu ihm geschlichen haben. Wie lange stand sie wohl schon neben ihm in der schattigen Schlucht des langen Flures? Ihr unvermutetes Auftauchen weckte einzig Scham, so daß er ihrem festen Zugriff verwirrt folgte. Die Stimmen aus Tante Agathas Zimmer blieben zurück und wurden undeutlich. Erst an der großen Treppe hielt Monika an und flüsterte ihm zu:
»Zieh deine Schuhe wieder an, Tobija.«
»Du weißt…?«
Sie nickte: »Damals war ich jünger als du, trotzdem erinnere ich mich gut an deine Eltern. Ich habe Kora und Simon von Anfang an in dir wiedererkannt.«
Aufsässig fuhr es ihm durch den Kopf:
»Dann laß mich los! Dann weißt du ja, wer ich bin!« Monikas Griff um Tobijas Handgelenk war eher noch fester geworden, und sie schüttelte den Kopf:
»Samuel hat mir aufgetragen, dich im Auge zu behalten.«
»Ich bin nicht Samuels Hund!« fuhr Tobija auf und versuchte, sich loszureißen.
»Nicht so laut!« warnte sie. »Er meint es gut mit dir, das weißt du sehr genau.«
»Das habe ich gerade gehört! Er ist alt, außerdem seit Angelas heimlichem Brief zerfahren und unentschlossen, erst recht, seit er weiß, daß sie tot ist. Laß mich endlich los!«
»Was hast du vor?« fragte sie mißtrauisch.
»Die Sandalen schnüren. Hast du mich zu verhören, eine Sklavin?«
Sie gab ihn frei, blieb jedoch argwöhnisch dicht bei ihm stehen. Weiter hinten im Zimmer war es ruhig geworden. »Sie haben uns gehört!« flüsterte Monika warnend. Tobija band ruhig seine Schuhriemen fest und sagte laut:
»Wenn schon! Einer muß ja den ersten Schritt tun.« Seine aufgebrachte Stimme hallte durch den hohen, weiten Gang, als er fortfuhr: »Ich habe nichts zu fürchten und nichts zu verlieren. Mir geht nur endlich ein Licht auf, glaubst du an Zufälle?«
»Leise, Tobija! Was soll das?«
»Stell dir vor, der Brief wäre nur einen Tag später nach Askalon gekommen und ich bereits mit den Fischern unterwegs – war das Zufall?«
»Hör auf, von dem Brief zu reden! Auch für mich steht allerhand auf dem Spiel. O Herr, laß es nicht zu spät sein – sie kommen.«
Tobija bückte sich zu seinen Sandalen.
»Was ist los?« rief Agatha aufgebracht. »Ein Dieb? Wo sind die Hunde!«
Tobija richtete sich auf, stellte sich vor Monika und blickte Samuel und seiner Tante selbstbewußt entgegen. Er fühlte sich nicht gerade mutig, auch nicht ruhig entschlossen, aber er wollte nicht länger passiv sein, sondern seinen eigenen Weg gehen. Was auf ihn wartete, konnte seiner Meinung nach nur sein Schicksal sein, und er war bereit, sich dem zu stellen. Samuel trat überrascht auf ihn zu:
»Du, Tobi? Ist etwas passiert?«
Tobija sah die fragenden Blicke der halb hinter Samuel stehenden Dame Agatha und stellte sich ihr kurzentschlossen vor:
»Ich bin Samuels Begleiter aus Askalon.« Sie horchte auf: »Aus Askalon, soso. Wie alt?«
»Gerade fünfzehn.«
Ihr Augen wurden schmal. Samuel beugte sich vor und sagte hastig und gedämpft:
»Es gibt Abmachungen zwischen uns, Tobi! Vergiß nicht…« Die hohe Stimme fiel ihm scharf ins Wort:
»Was soll er nicht vergessen! Und wie nennst du ihn? Tobi? Doch wohl sein Kindername. Wie heißt du wirklich, junger Mann?«
»Tobija.«
Er fühlte, wie sich Monikas Hand hart um seine Schultern krallte, als müßte sie ihn zurückreißen, und er sah Samuels Gesicht zurückweichen, als wäre er von Tobija geohrfeigt worden, sah den fassungslosen Ausdruck in Samuels großen, braunen Augen mit den schweren Lidern. In Agathas Gesicht breitete sich langsam ein Lächeln aus, das Tobija beklommen wachsen sah; sie atmete tief durch und übernahm das Wort:
»Mir scheint, hier gibt es einiges zu klären. Tobija aus Askalon, fünfzehn Jahre. Und deine Schwester… Debora, nicht wahr?«
»Ist jetzt dreizehn«, antwortete Tobija. Er fühlte sich nicht überrumpelt. Er war ja bereit gewesen, auch wenn Samuels Blick ihn anklagte. Tobija versuchte, sich mit Blicken zu seinem Vormund hin zu verteidigen: Soll ich etwa unhöflich sein und mich mit Schwindeleien zum großen Geheimnis machen – warum? Er zuckte die Achseln, und Monika ließ ihn los.
»Folgt mir alle ins Zimmer«, befahl die Dame des Hauses.
»Ich habe mich nur um sein Wohl gekümmert«, erklärte Monika.
»Also geh, was hättest du auch mit Familiengeschichten zu schaffen? Geh schon!«
Tobija griff nach Samuels Hand, während sie Agatha ins Zimmer folgten, und er fragte beschwörend:
»Sollte ich lügen? Bin ich vielleicht nicht Tobija aus Askalon?«
»Nein, du sollst nicht lügen, Tobija, auch mich nicht belügen – und vor allem nicht dich selbst.«
»Wie meinst du das?«
»Komm selber drauf.«
So kurz angebunden hatte Tobija seinen Vormund noch nicht erlebt, aber er sah keinen Grund, demütig um bessere Stimmung zu werben.
»Es gibt Abmachungen zwischen uns«, hatte Samuel gesagt. Was für Abmachungen! Daß er Tobi genannt werden sollte, hieß nicht zwangsläufig, seinen wahren Namen zu verleugnen. Ach ja, am Lagerfeuer im Wadi hinter Ashdod hatte Tobija beteuert: »Du mußt mich keinem Menschen als Koras Sohn vorstellen.«
Sie hatten in Tante Agathas Zimmer Platz genommen, sie halb ausgestreckt auf ihrem seidengepolsterten Liegesofa, die Männer ihr gegenüber auf einer ähnlichen Liegestatt sitzend.
»Fang schon an mit deinem Verhör, Agatha.« Samuels Stimme klang müde. »Was willst du hören?«
»Wie stellst du mich vor dem Jungen dar! Bin ich der Kaiser in Rom? Gewiß, vorhin erst fragte ich dich, wieso du so schnell nach Alexandria zurückkamst? Falls es wegen des Jungen ist, verstehe ich nicht, warum du ihn…«.
»Ja, genauso ist es, es ist meintwegen!« unterbrach Tobija aufgeregt. »Ich wollte endlich einmal alles sehen: Meine einzigen Verwandten, ihr Haus, diese Stadt…« Samuel blickte Tobija an, als könne er seinen Ohren nicht trauen. Auch Agatha entging nicht, wie Tobija unsicher wurde, den Faden verlor, verstummte.
»Na schön«, lenkte sie ein, »es muß ja nicht gleich alles auf den Tisch. Mit der Zeit werden wir schon dahinterkommen. Wenigstens eins möchte ich fürs erste klipp und klar wissen: Ist Tobija der Sohn meiner Kusine Kora?«
Tobija nickte.
»Und wo haltet ihr seine Schwester Debora versteckt?«
Endlich machte Samuel den Mund auf:
»Du gehst zu weit, Agatha! Ich schleppe die Kinder nicht hierher, um Neugier zu befriedigen. Einen Begleiter brauchte ich wie schon oft. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir. Es ergab sich, daß ich keinen anderen fand als eben Tobija.«
»Ja, so war es«, pflichtete Tobija eilfertig bei, »mich interessierte nun einmal Alexandria am meisten. Ich hätte sonst nämlich Fischer werden müssen.«
»Etwas Vernünftiges werden mußt du so oder so«, wies ihn Samuel zurecht.
»Ganz recht«, sagte die Hausherrin, »darum werde ich mich nun kümmern. Es klingt, als würdest du nicht gern Fischer werden?«
»Nein, aber was sonst bleibt einem in Askalon übrig? Obendrein, wo mein Vater…«
»Ja ja«, unterbrach sie ihn, »an den möchte ich nicht erinnert werden. Und weil du nicht Fischer werden willst, hast du auf gut Glück die unerwartete Reise nach Alexandria angetreten? Irgendetwas mußt du dir dabei gedacht haben!« Sie redete so unbeherrscht drauflos, wie sie auch ihre Trauer auszudrücken pflegte, das fiel Tobija störend auf. Ihm war, als müßte er Stacheln ausfahren. Unwillkürlich rückte er näher zu Samuel hin und fragte:
»Muß ich darauf wirklich antworten?«
Der väterliche Freund ließ ihn nicht im Stich und erwiderte leise: »Nicht auf Unzumutbares, obwohl du auch mich langsam neugierig machst.«
»Es hat wirklich alles damit zu tun, daß ich nicht Fischer werden mag.«
»Schon gut, Tobi, und heute! Was ist es jetzt?« Die Matrone auf dem Seidensofa ließ ihre wachsamen, dunklen Augen von einem zum andern flitzen, dabei kraulte sie eins der Schoßäffchen, das zu ihr auf die Kissen gesprungen war. »Jaja, mein Liebling, mein Herzenspinsel…«
»Was es jetzt ist? Nichts anderes als daß ich nicht weiß, warum ich mich unten beim Gesinde verstecken muß. Dich, Samuel, sehe ich kaum noch! Die letzten Wochen, auf dem Weg hierher, waren wir Tag und Nacht zusammen, auch wenn du kaum mit mir gesprochen hast…« Tobija sah Samuels warnenden Blick in Richtung Agatha und fügte hastig hinzu: »Natürlich hat ein Wanderprediger mit anderen zu reden. Also, Wanderprediger oder Bote, das könnte ich auch nicht werden.«
»Dafür bist du noch viel zu jung, das kannst du unmöglich nach unserer ersten Reise schon beurteilen, Tobi.«
»Muß man dazu erst selber gereist sein? Von klein auf kenne ich christliche Boten! Kaum eine Woche, in der nicht einer durch Askalon kam. Und nach dieser ersten Reise weiß ich, daß ich es nicht werden kann. Verstehst du das, Samuel?« Tobijas bittende Blicke trafen auf zwei strenge, abweisende Augen, die deutlich genug zu ihm sprachen: In was steigerst du dich hinein? Worauf willst du hinaus? Bis hierher war ihm der alte Freund beigesprungen, jetzt überließ er ihn wortlos sich selbst. Tobija schlug die Augen nieder. Er wußte nicht weiter.
»Komm einmal zu mir, junger Mann«, sagte sanft die bislang eher schneidend hohe Stimme, »ja, setz dich zu mir auf die Kline, Tobija, bitte…«
Zaudernd ließ er sich an ihrem Fußende nieder. Das eben noch auf ihrem Schoß getätschelte Äffchen warf sie mit geübter Hand auf eines der zahlreich im Zimmer verteilten Kissen:
»Näher, Junge, näher, wenigstens deine Hand möchte ich nehmen können. Ich habe sonst keinerlei Verwandte, einzig dich…«
»Und Debora!«
»Richtig, aber du bist mein einziger Neffe.«
»Seine Mutter Kora war eine Tochter eurer Kusine, soviel ich weiß«, stellte Samuel klar.
»Bitte, Samuel, so genau wollen wir es nicht nehmen. Er hier ist jedenfalls mein einziger Verwandter. Wie unser Kind haben wir die kleine Kusine aufgezogen, nachdem auch ihr Vater gestorben war. Mit welcher Liebe! Die beste Partie von halb Alexandria hätte sie sein können!«
»Um welchen Preis?« mahnte Samuel leise.
Agatha zog ihr Tränentüchlein aus den üppigen Falten ihrer bodenlangen kostbaren Tunika und preßte es kurz gegen die Augen, dann schneuzte sie sich entschlossen und setzte ein einzig für Tobija bestimmtes Lächeln auf. Sie drückte seine Hand, als wolle sie ihn ermutigen:
»Wir beide, du und ich, werden alles besser machen. Du bist fast schon ein Mann. Du wirst begreifen, um was es geht. Tobija, mein Neffe – noch heute früh, als ich aus meinem kurzen, quälenden Schlaf erwachte und die entsetzliche Trauer mich zu Boden drückte, da hatte ich ja keine Ahnung! Wie gut es unser Schöpfer selbst im tiefsten Schmerz mit uns meint: Schickt mir meinen einzigen Neffen ins Haus, ausgerechnet in den schwersten Wochen meines Lebens! Ist das zu begreifen? Alle meine Gebete um Trost, um Hilfe, um die Stütze meines Alters…«
»Agatha! Willst du etwa behaupten, du hättest um Koras Kinder gebetet? Oder auch nur einmal für sie?«
»Für wen sonst hätten wir dir, Samuel, oft Sonderspenden mitgegeben?«
»Vorsicht, Agatha, ich könnte antworten! Unterschätze Tobija nicht.«
Achselzuckend wendete sie sich Tobija zu.
»Ich furchte, der gute alte Samuel ist ein wenig eifersüchtig auf uns zwei? Du gehörst in dieses Haus – und es ist ja nicht unser einziges, weißt du? Alles wird dir gehören, wenn du es nur willst!«
»Und Debora«, erinnerte sie Tobija. Ihre Hand wurde schlaff, doch das Lächeln hielt sie durch:
»Gewiß, auch Debora, wenn sie will. Mit Mädchen, weißt du, bin ich vielleicht unwillkürlich vorsichtiger, seit das mit Kora passierte. Aber was sage ich da! Ich sehe dir an, was du meinst: Debora ist anders. Erzähle mir von ihr.«
»Gern… äh, wie soll ich dich nennen?«
»Was für eine Frage? Tante!«
»Einfach nur Tante?«
»Ich bin deine Tante Agatha, oder gibt es noch andere, die sich einmischen könnten? Von deinem Vater etwa?«
»Nein. Debora und ich leben seit Mutters Tod bei unsern Pflegeeltern Sebastian und Miriam. Sie haben ein kleines Gehöft mit Landwirtschaft: Oliven, Pistazien, Mandelbäume, Obst, etwas Weinbau. Und selber drei Kinder, Eva, Abel und David.«
»O weh, hoffentlich genügend Vieh und Acker für so viele hungrige Mäuler?«
»Hungern mußten wir bei ihnen noch nie. Miriam hat Mutter gepflegt. Sie war sehr krank, schon lange…« Tobija blickte unsicher auf seine Tante, ob es sie interessierte, von Kora zu hören, denn sie ließ plötzlich achtlos seine Hand los, griff wie in Gedanken in den halbrunden Ausschnitt ihrer Tunika und beförderte eine Handvoll klirrender, blinkender Goldketten und Klunker nach außen, ordnete sie um Hals und Borten und murmelte:
»Daran muß ich mich erst gewöhnen. Ich muß ja jetzt auch die von meiner armen Schwester tragen, zum Gedächtnis. Aber sprich weiter, Kind! Was sagtest du zuletzt? Ach ja, von deiner Schwester wolltest du mir erzählen. Wie sieht sie aus?«
»Wie unsere… ja, sie ist genauso hübsch, und wir wurden beide genau gleich erzogen. Also lernte und studierte Debora genau so viel wie ich. Ist das Gold? Dein Schmuck, meine ich. Die Ketten und Ringe und Armreifen…«
»Was sonst? Selbstverständlich Gold und echte Juwelen. Du wirst es rasch lernen, echt von unecht zu unterscheiden. Ich werde dir alles zeigen! Das bißchen Alltagsschmuck hier ist nur ein winziger Bruchteil. Solange ich noch in Trauer bin, kann ich mich schließlich nicht aufzäumen wie ein Roß beim Wagenrennen.«
»Gibt es hier etwa Wagenrennen?«
»Oh, so war das nicht gemeint! Nein, nein, keine Rennen, keine Gladiatorenspiele und die übrigen römischen Laster. Wir sind in Ägypten! Das alexandrische Bürgerrecht gilt mehr als das römische. Ja, einen echten Alexandrier mache ich aus dir! Was schaust du dauernd zu Samuel hinüber?«
»Samuel ist mein Vormund…«
»Und ich deine Tante, deine einzige Verwandte. Was hat Samuel dir schon zu bieten?«
»Darum geht es nicht!«
»Um was sonst? Ich biete dir ein Elternhaus, und was für eins! Ganze Straßenzüge hängen daran! Gib es zu, Samuel, was hättest du dagegen zu bieten?«
Samuel zeigte seine leeren Hände.
»Darum geht es nicht!« rief Tobija beschwörend hinüber. »Ich will es richtig verstehen, ich will es richtig machen. Mein Weg wird es sein, Samuel, meiner! Setz mich nicht einfach so aus.« Tobija sprang von den Seidenpolstern auf und zu Samuel, warf sich ihm an die Brust, umschlang mit beiden Armen den gebeugten Nacken des alten Mannes und barg sein Gesicht an dessen rot und weiß umhüllter Schulter. »Hilf mir«, stammelte er, »es ist zu neu, zu anders. Hilf mir!«
»Ja ja«, sagte Samuel, »du hast es dir einfacher vorgestellt? Warst nicht du selber es, der diesen Weg wählte?« Er klopfte Tobijas Rücken, strich ihm über das dichte, dunkle Haar und blickte hinüber zu der Frau auf den Polstern, die die Szene achselzuckend verfolgte, als fragte sie: »Habe ich etwas falsch gemacht?«
»Genug, Agatha, es reicht. Köder benutzt nur, wer Fallen stellt. Ich habe dich gewarnt: Unterschätze auch Tobija nicht!«
Im Nu war wieder das Tränentuch in ihrer Hand. Sie preßte es gegen den Mund, daß ihre Stimme wie erstickend klang:
»Alle Liebe biete ich ihm, alle Liebe meines einsamen Alters! Und du wagst, meine besten Gefühle Köder zu nennen? Wenn ich dir jetzt nicht die Tür weise, Samuel, dann nur aus Rücksicht auf dieses Kind! Du weißt nur zu gut, wie weich sein Herz ist, wie mitfühlend! Aber du gönnst ihn mir nicht. Nicht einmal diesen einzigen Trost gönnst du mir in meinem unsäglichen Schmerz um meine Angela! Ist es zu fassen? Ich halte das nicht aus, deinen Neid, deine Herrschsucht über die unmündigen armen Waisen! Es tut weh… zu weh… bitte, meine Zofe! Um Himmels willen, so ruf mir Kamilla! Mein Herz…! Ich gehe zugrunde vor…« Ihre Stimme erstickte. Sie griff sich an die Brust, ihre Hand krallte sich um die feinen Tuchfalten über ihrem Herzen, dann sank sie mit einem Schluchzen auf die Polster und blieb mit geschlossenen Augen schwer atmend liegen.
Tobija drehte sich um und sah entsetzt, wie sie dalag, wie ihre Hand mit dem Tränentuch schlaff herabbaumelte.
»Hilf ihr, Samuel, hilf doch!«
»Geh an die Treppe und rufe Kamilla, wahrscheinlich triffst du sie bereits im Gang.«
Samuel blieb sitzen, sprang nicht einmal auf, sondern blickte ruhig zu Agatha hinüber. Er schien keine Spur besorgt. Tobija traute seinen Augen nicht.
»Sie könnte sterben, Samuel! Und du betest nicht einmal?«
»Sie denkt nicht daran, zu sterben. Ruf Kamilla, du kommst mit mir.«
»Nicht einen Schritt, solange sie womöglich stirbt!«
Tobija hastete hinaus auf den Gang und stieß fast mit Agathas Leibsklavin zusammen. Er brauchte ihr nichts zu sagen. Mit einem Fläschchen in der Hand trat Kamilla energisch an Agathas Lager. Samuel war aufgestanden. Er wollte Tobija aufhalten, der der Sklavin besorgt folgte. »Kann ich helfen? Man muß einen Arzt rufen! Sag mir, was ich tun kann, bitte!«
Sie blickte sich kurz nach ihm um und deutete zur Tür: »Männer sind jetzt hier überflüssig. Sag deiner Herzensfreundin Monika, sie soll das Übliche veranlassen.«
Samuel hatte das Zimmer bereits verlassen. Tobija rannte an ihm vorbei zur großen Treppe, rief durch die Halle nach Monika, die bereits mit Wasserkrug und Schüssel aus dem Gesindetrakt kam. Auch sie zeigte keinerlei Erschrecken, als wäre alles längst und oft erprobt.
»Nur keine Panik«, sagte sie im Vorbeihuschen, »und merk dir das für das nächste Mal…« und war augenblicklich im Zimmer ihrer Herrin verschwunden. Mit hängendem Kopf blieb Tobija an der Treppe stehen. Nicht einmal die Hunde unten rührten sich! Und er wußte doch, wie ahnungsvoll Hunde reagieren konnten, wenn es sich um ihr Herrchen oder Frauchen handelte. Was ging hier vor? Er verstand es nicht! Er hörte Samuels Schritte kommen, dann spürte er dessen Hand auf seiner Schulter und hörte sein leises:
»Komm.«
»Wohin? Es könnte so einfach sein, wenn du nicht… ach, wenn es nicht alle immer so gut mit mir meinten! Einmal im Leben möchte ich herausfinden, wie ich es selber mit mir meine.«
»Dann komm, Tobija.«
»Was hast du vor?«
»Dir Alexandria zeigen. Nicht die ganze riesige Stadt, nur Agathas Besitz, ihre Häuser, ihre Straßen, alles, was deiner Tante gehört.«
»Du? Du willst mir das zeigen?«
»Du mußt Bescheid wissen, wenn du selber herausfinden willst, welche Wege es gibt. Es ist bereits Nachmittag, wir kommen heute sowieso nicht mehr überall hin. Aber laß uns wenigstens anfangen. Komm.«
»Können wir die Tante jetzt allein lassen?«
»Sie ist gut versorgt. Soll sie sich ausruhen bis zur nächsten… Morgen ist sie bestimmt wieder auf den Beinen.« Samuel ging die Treppe hinab, durch die Halle zur Toreinfahrt. Tobija, hinter ihm, fragte:
»Was ist zwischen euch? Ein Kampf und wenn, um was? Oder mögt ihr euch einfach nicht? Es kann nicht jeder nach deinem Geschmack sein! Was ist es also?«
Zum zweiten Mal an diesem Tag sagte Samuel nur:
»Komm selber drauf.«
Agathas Welt heißt Alexandria
Am Tor hielt sie der Wächter an:
»Auf ein Wort, Bruder Samuel! Es gibt allerhand Probleme im Sklaventrakt…« Er blickte unsicher auf Tobija, der seinen Ohren nicht traute. Seit wie vielen Tagen und Nächten lebte er unter dem Hauspersonal? Und hatte von Schwierigkeiten oder gar Zwietracht doch nichts bemerkt! Samuel ermunterte den Torwächter:
»Sprich offen vor Tobija, ihm scheint nichts aufgefallen zu sein, oder, Tobi, hast du mich deswegen vorhin gesucht?« Und da Tobija kopfschüttelnd verneinte, fragte Samuel: »Seit wann braucht ihr mich bei Konflikten?«
»Wir wissen, daß die Herrin Angela solche Dinge mit dir besprach, uns oft bat, bis zu deinem Kommen zu warten. Sie jedenfalls kümmerte sich um uns.«
»Sei nicht ungerecht, Bruder…?«
»Daniel.«
»Also, Daniel, ihr habt noch eine Herrin.«
»Ja, gewiß, aber die Herrin Agatha ist nicht vertraut… ich meine, in ihrem Haus hat es einfach keine Probleme mit Sklaven zu geben, und du weißt ja, daß man sie nicht mit Nichtigkeiten belästigen darf.«
»Danke, Daniel, für dein Vertrauen. Ich komme zu euch, sowie es für beide Seiten günstig ist. In der Mittagspause vielleicht oder abends. Jetzt will ich Tobija ein wenig von eurem Reichtum in der Stadt zeigen.«
»Dann beeilt euch«, riet der Torwächter, »abends steigen die Nebel, und es wird bereits kühl, Schwalben und Störche sind längst wieder hier. Und vergeβt nicht das Neueste: Die Römer bauen gerade ein Amphitheater, mitten in der Stadt, am Paneion-Hügel bei den Thermen.«
»Danke, Daniel. Wir sehen uns später.«
Mit der linken Hand hielt Samuel Tobijas Schulter umfaßt, da er in der Stadt auf seinen Wanderstab verzichtete. Auf den glatten, abgewetzten Steinpflastern bewegte er sich unsicherer als in der Wüste. Schon nach wenigen Metern blieb er stehen.
»Die halbe Westseite der Argeusstraße«, erklärte er, »die das einstige Königsviertel Brucheion vom Jüdischen Viertel trennt, gehört deiner Tante. Mitsamt den florierenden Läden in den Erdgeschossen. Ladenmieten bringen in Hafennähe das meiste Geld. Alexandria wimmelt fast das ganze Jahr über von Touristen aus den nördlichen römischen Provinzen. Die uralte Geschichte Ägyptens samt seiner Pyramiden, Gräber und Tempel lockt die Fremden über diesen Hafen in das rätselreiche Land.«
Tobija betrachtete die breite, von Süd nach Nord verlaufende Prachtstraße und staunte:
»Die Häuser sind ja alle mehrstöckig! Laß mich zählen…«
»Verzettel dich nicht an Fassaden, was dahinter steckt, ist wichtiger, wohlhabende Mieter nämlich, die Handelskontore mächtiger Schiffsherren, Kaufleute und Kornhändler – Ägypten ist der größte Getreidelieferant im ganzen Römischen Imperium! Durch Alexandria geht außerdem der gesamte Transitverkehr zwischen Rom und Indien bis nach Ostasien. Komm mit zum einstigen Königshafen, dort wirst du riechen, was diese Stadt so reich macht, nicht zu vergessen die Manufakturen: Tuchwebereien, Färbereien, Salzsiedereien, Lederwaren, Elfenbein, Straußenfedern – hier trifft sich die ganze Welt mit ihren Farben und Düften, aber schau und höre selbst.«
Sie schoben sich durch das in Hafennähe noch dichtere Menschengewühl. Ab und zu blieb Tobija überwältigt stehen und blickte empor zum Himmel. Lärmend kreisten Schwärme von Möwen, Tauben, Geiern, Schwalben über der Stadt, auch Gänse und Enten fielen in die Hafenbuchten ein. Und was Tobija an Früchten, Backwaren, Meeresgetier und Fleischwaren auf den offenen Marktständen sah, konnten seine Augen so wenig fassen wie vor zwei, drei Tagen, als er mit dem Hausverwalter Anton auf einem der Märkte gewesen war. Zwischen Königshafen und Kleinem Hafen überquerten sie weite Stapelplätze voller Waren in Ballen und Körben, in Häuten und Kisten und Säcken. Ameisenhaft rannten Schauerleute zwischen Stapeln und wippenden Schiffen hin und her. Die einen holten, die andern brachten Waren. Das ganze hellschimmernde Alexandria schien ein einziger Umschlagplatz für die Schätze und Güter aus drei Kontinenten zu sein. Vor einem auffallenden Palast, nahe am Wasser, blieb Tobija stehen und fragte arglos:
»Gehört der auch uns?«
»Nein, Kleopatras Palast gehört nicht zum Eugenios-Besitz, und um dir weitere Enttäuschungen zu ersparen: ebensowenig der fast tausend Meter lange, kunstvolle Damm zur Insel Pharos hinüber, den sie Heptastadion nennen, und der riesige Leuchtturm auf der Insel Pharos, der zu den sieben Weltwundern zählt! Nicht einmal der Wald von Schiffsmasten im ganzen Großen Hafen gehört euch.«
»Du willst mich zurechtweisen, Samuel. Warum?« fragte Tobija und blickte zu dem alten Freund auf. Als er dessen traurigen Blick sah, bat er: »Laß uns ehrlich sein, bitte. Ich kann meinen Verstand, der mir laut und deutlich sagt, daß über mein Leben längst entschieden ist, einfach weil ich Koras Sohn bin, nicht unterdrücken. Soll ich mich etwa blind stellen? Tatsachen ignorieren? Soll ich heucheln, daß mich alles nicht interessiert? Ja, ich finde es aufregend, und es imponiert mir! Es ist für mich eine riesige Chance.«
»Noch größer ist die Versuchung«, sagte Samuel bekümmert und müde, »und davor möchte man junge Menschen gern bewahren, besonders, wenn man sie lieb hat. Ach, Tobi, im Moment bist du sehr viel mutiger als ich. Trotzdem möchte ich dir nicht zuviel zumuten. Daniel hat recht, es wird kühl, und die Nebel von den Wassern ringsum rauben uns bald die Sicht, laß uns umkehren!«
»Gerade jetzt? Mir ist nicht kühl. Und dich halten deine Umhänge warm. Wenigstens ein bißchen näher zum Damm hin, bitte. Wie heißt der? Heptastadion?«
»Du hast es so gewollt«, hörte er Samuel murmeln, der sich schwer auf seine Schulter stützte. Der Straßenlärm erschwerte Gespräche, und Tobija sah auch ohne Samuels Erklärungen mehr, als er aufnehmen konnte: prächtige Paläste, Tempel, Museen ebenso wie neuere, schlichtere Häuser für die alltäglichen Geschäfte. Hier arbeiteten Ärzte, Advokaten und Bader, Schreiber, Bartscherer und unzählige Handwerksbetriebe, vom Goldschmied bis zum Schuhmacher, Zelt- und Segelmacher, Seiler, Tischler, Böttcher, Schmiede bis zum Werftbetrieb. Und Tobija übersah auch nicht jenes hier auffallend häufig vertretene Gewerbe, das er schon von Askalon kannte und das es in sämtlichen Hafen- und Garnisonstädten gab, Bordelle jeder Preisklasse, vom eleganten Lokal mit teuren Damen bis zur Spelunke mit Sklavinnen aller Hautfarben. Sogar am hellichten Tage herrschte reger Betrieb. Tobija musterte die gewagt oder raffiniert, mehr entblößten als bekleideten Frauen, Mädchen und Knaben, manche noch Kinder, und stellte fest:
»Sie müssen hier zehnmal so viel kosten wie in Askalon. Wer verdient an ihnen?«
»Nicht anders als in Askalon«, antwortete Samuel, »die Zuhälter, die Pächter der Häuser, die Besitzer von Sklavinnen. Und wie überall gibt es Frauen, meist ältere, die Bordelle führen, Ehemalige, die sich freikaufen konnten. Am Eunostoshafen, auf der anderen Seite vom Heptastadion, sind solche einstigen Dirnen auf diese Weise zu Hausbesitzerinnen und geachteten Steuerzahlerinnen geworden.«
»Und wem gehören die Häuser hier? Den Handwerkern und Händlern?«
»Die sind meist selber nur Mieter oder Pächter. Wir kehren um, der Heimweg ist jetzt schon lang genug…« Samuel lenkte seinen jungen Begleiter vom Hafen fort südwärts auf das Stadtinnere zu. Pausenlos riefen Frauen und Mädchen ihnen Einladungen zu, auf lateinisch, griechisch, ägyptisch, hebräisch, arabisch, gallisch, germanisch, britannisch, carthagisch und in afrikanischen wie asiatischen Dialekten. Freundlich winkten der alte und der junge Mann ab und zeigten ihre leeren Hände.
»Kommen jetzt wieder Häuser von Tante Agatha?« fragte Tobija, als sie ins Stadtinnere zurückkehrten.
»Wir sind die ganze Zeit auch an Eugenios-Besitz vorüber gegangen.«
»Selbst dicht am Hafen die Marktstände?«
Samuel nickte.
»Gewiß. Jeder Quadratmeter hier ist Gold wert und hat seinen Besitzer.«
»Etwa auch – Bordelle?«
»Komm selbst drauf«, sagte Samuel zum dritten Mal an diesem Tag, und Tobija verlor alle Lust, weiter zu fragen. Inzwischen hatten sie die breiteste und schönste Straße Alexandrias erreicht, die gut vier Kilometer lange Via Canopica, die sich, wo Nordsüdstraßen sie querten, zu prachtvollen Plätzen erweiterte, mit blanken Steinquadern und endlosen Säulenarkaden vor luxuriösen Läden. Die breiten Torflügel zu den Geschäften standen weit offen, und auf Klapptischen lagen die Warenangebote bis zur Straße hinaus: märchenhafte Kleider, teure Mäntel, Sandalen und Stiefel in allen Farben und Materialien, Zaum- und Sattelzeug für Pferde, Kamele, Esel, Teppiche, Kissen und Polster, kunstvoll gezogene Wachskerzen, Hausrat aller Art, Töpferwaren, Salben, Schminke, Farben, Parfüms, wallende Stoffbahnen – noch nie hatte Tobija solche Überfülle gesehen. In den dunkleren Ladengewölben brannten Öllampen und Fackeln, aus ihnen strömten Wogen wohlriechender Harzdüfte, daß ihm schwindlig wurde. Noch in der Via Canopica, kurz bevor sie wieder in die Argeusstraße abbogen, hielt Samuel vor einem auffallend geschmackvollen, dreistöckigen Haus an, dessen Torwächter sie verächtlich musterte.
»Hier war dein Großvater Tobit zu Hause, ehe er alles verlor. Es ist das alte Stammhaus der Sippe Eugenios. Heute wohnt ein reich gewordener Veteran der römischen Grenzarmeen darin, Gallier oder Britannier. Sie schätzen das ägyptische Klima als Heilmittel für ihre gichtigen Gelenke und angeschlagenen Lungen. Bei ihnen im Norden in nachtdüsteren, feuchten Wäldern soll ja ständig eisiger Winter wüten.«
»Gehört es ihm auch, das Haus?«
»Natürlich nicht, da er kaum alexandrischer Bürger sein dürfte. Das Haus hat er lediglich gemietet.«
»Dann gehört es also… auch ihr?«
Samuel nickte. Tobija blickte sich noch einmal um, er wollte sich Lage, Standort und Fassade genau einprägen. Das Elternhaus seines Großvaters Tobit, ein Palast in der elegantesten Straße der großen Stadt! Sein Großvater hatte alles verloren, die Schwestern Angela und Agatha alles gewonnen. Tobija wollte es nicht vergessen. Die Tante fiel ihm wieder ein und der elende Zustand, in dem sie sich vor wenigen Stunden befunden hatte. Tobija in seiner abgetragenen, kniekurzen Tunika, die nackten Füße in luftigen Schnürsandalen, fröstelte, auch Samuel zog die breit gefalteten, weißen und roten Tuchbahnen fester um seine hohe Gestalt. Die Nebelschwaden vom riesigen Nildelta hüllten sie mit zunehmender Dämmerung immer mehr ein.
Am Tor wachte noch immer Daniel. Er sah aus, als hielte er bereits Ausschau nach ihnen, als läge ihm daran, sie nicht zu verpassen, und er lächelte ihnen entgegen, als sie sich dem Palast näherten.
»Alles in Ordnung?« fragte Samuel.
»Dem Himmel sei Dank, die Herrin ist stark. Und wenn es wahr ist, wovon inzwischen das Haus nur so schwirrt…« Hier blickte er vielsagend auf Tobija – »… dann hat sie wohl endlich wieder Grund zur Freude.«
»Es ist wahr«, sagte Samuel, »wenn auch noch nicht entschieden.« Daniels Antwort ließ ihn zusammenzucken:
»Kaum wart ihr fort, ließ man den Advokat holen. Und den Presbyter!«
»Geht es ihr so schlecht?« fragte Tobija erschrocken. Aber der Torwächter lachte laut auf:
»Ach was – wieder lebendig wird sie, tatkräftig und energisch und ganz die alte Herrin Agatha. Ich wette meine einzige Drachme, daß wir das deinem jungen Freund aus Askalon verdanken, mein lieber Samuel!«
Dessen Gesicht wirkte eher versteinert.
»Gott steh uns bei!« murmelte er. Der Torwächter aber wandte sich an Tobija:
»He, junger Herr? Du wirst erwartet! Gleich hinauf sollst du!«
»Wir sind staubig«, wir müssen uns erst Hände und Füße waschen…« Samuel lenkte Tobija ins Hausinnere. Dort trat ihnen die Sklavin Monika in den Weg. Sie schien erregt, bemühte sich, ihre Stimme zu dämpfen:
»Bleib, Samuel! Es fällt mir schwer, du warst immer ein bevorzugter Gast in diesem Haus. Selber mochte sie es dir ja auch nicht sagen, hat mich damit beauftragt.«
»Womit, Monika? Was will dir so schwer über die Lippen?«
»Die Rollen wurden vertauscht, die Kammern ebenso, der Junge soll ab sofort oben wohnen…« Seltsam, daß Samuel so schwer verstehen wollte, was Tobija augenblicklich begriff! Monika mußte tatsächlich noch deutlicher werden: »Ab sofort mußt du im Gesindetrakt wohnen, Samuel.« Er sah sie entgeistert an, stammelte:
»Aber ich war doch immer… in mehr als dreißig Jahren habe ich jedesmal… ich verstehe nicht…« Tobija griff nach seiner Hand:
»Ich verstehe es auch nicht! Es muß ein Irrtum sein.«
»Nein, kein Irrtum, Tobija, du oben, Samuel unten. Ist das für dich wirklich so unbegreiflich, Samuel? Wir – die Sklaven – sind froh darüber. Was haben wir nicht alles mit dir zu besprechen! Steh nicht hier herum, Tobija, Kamilla erwartet dich und wird dir alles zeigen. Laß deine Tante nicht noch länger schmoren, ihre Ungeduld ist groß.«
»Ich bleibe bei Samuel! Außerdem soll deine Herrin ja Besuch haben?«
»Der Advokat und der Presbyter sind vorhin gegangen.«
»Wozu holt sie sich eigentlich einen Presbyter, wenn ihr Haus einen Seelsorger wie Samuel beherbergt? Ja, wenn sie einen Arzt gerufen hätte!«
»Sei beruhigt und spiel nicht den großen Goliath, sondern geh schleunigst nach oben!«
»Du bist hier Gast, Tobija, du hast dich zu fugen. Mach dir meinetwegen keine Gedanken. Wir tauschen die Gästekammern – na und? Also geh schon, Tobi!«
Der schüttelte wild seinen dunklen Schopf:
»Ich lasse mich nicht von Polster zu Polster werfen wie eins ihrer Schoßäffchen! Ich bin Gast, aber kein Sklave. Wenn die Hausherrin persönlich mich bitten würde…«
Eine hohe Stimme von der Treppe her rief:
»Die Hausherrin persönlich bittet dich. Komm zu mir, Tobija. Ich bitte dich.«
Er fuhr herum und blinzelte ins schummrige Dunkel. Im flackernden Schein der kleinen Feuer sah Tobija seine Tante Agatha hoch aufgerichtet in knöchellanger Tunika und in silbrig schimmernden Sandalen in halber Höhe auf der nach oben führenden Treppe stehen. Sie hob ihren rechten Arm, streckte ihre Hand aus und kam ihm drei Stufen entgegen.
»Du bist hier nicht Gast, Tobija, du bist hier zu Hause. Mein Haus soll deins sein, bisher ein Haus ohne Herrn…« Sie sagte es sanft und doch laut genug, daß alle Umstehenden es hören konnten, und sie wiederholte: »Ich bitte dich, Tobija, führ mich nach oben.«
Seine Beine kamen ihm bleischwer und hölzern vor, als er unsicher eine Stufe nach der anderen nahm. Erst als sie beide oben ankamen, griff sie nach seiner Hand und umschloß sie fest:
»Danke, Tobija. Wie hättest du auch das eigene Blut verleugnen können? Ich wußte, daß du dich richtig entscheiden würdest. Du wirst immer den richtigen Weg einschlagen, deinen Weg! Und jetzt laß dich von deiner Tante überraschen. Ich selbst zeige dir, wo du wohnen wirst. O Tobi, seit Stunden schon freue ich mich auf deine Freude. Komm!«
Ein Haussklave mit zwei hellen Laternen ging ihnen voran. Wie betäubt ließ sich Tobija von der gänzlich verwandelten, diebisch kichernden Tante mitziehen:
»Wenn du wüßtest, Tobi, wenn du wüßtest! So schnell mußte der alte Anton mit seinen Helfern sich noch nie auf die Beine machen… Oh, was für ein köstliches Wunder, wenn Jugend einzieht in das alte Haus!«
Tante Agatha führte Tobija an das Ende des breiten Ganges, auf dessen anderer Seite ihre privaten Räume begannen. Der voraneilende Sklave stieß beide Flügel der letzten Tür auf. Staunend betrat Tobija den ersten Raum einer zusammenhängenden Zimmerflucht, wie er auf den ersten Blick erkannte, denn die Türen zu zwei angrenzenden Räumen standen festlich weit offen, und in sämtlichen Räumen brannten zahlreiche Öllampen, deren zuckende Flammen die spiegelblanken Marmorböden zurückwarfen. Hochlehnige Stühle mit Armlehnen und ein runder Tisch standen mitten im Raum, unter dem breitesten Fenster befand sich ein mit Leder bezogener Schreibtisch mit reichlich Schreibutensilien, dazu Krüge und hohe Körbe voller Pergament- und Papyrusrollen, Federn, Tusche, Tinten, kleine Stapel mit Tontafeln mit dem griffelartigen Stilus und allerlei Rohrfedern, Steinsiegel und Siegelmasse.
Tobija trat ungläubig näher, betrachtete diesen, noch nie gesehenen Überfluß, schüttelte den Kopf und fragte:
»Ist es der Arbeitsplatz deines Sekretärs?«
»Aber ja!« Die Tante lachte hell auf. »Wenn du zuweilen auch mein Sekretär sein möchtest?«
»Ich? Nicht einmal zum Sklaven eines Sekretärs taugte ich! Wer wohnt hier?«
»Du, Tobi, du! Komm…« Er traute seinen Ohren nicht, starrte fassungslos auf die rund um die Wände stehenden Liegesofas, die man bei Gastgelagen zueinander ziehen konnte, doch schon drängte ihn die Tante in die nächsten Räume:
»Hier dein Toiletten- und Ankleideraum, ebenfalls mit Liegen, falls du dich zurückziehen möchtest, und schließlich dein Schlafzimmer…«
»Meins?« stammelte er. »Wieso meins? Da hängen und liegen überall noch Kleider, Schuhe, Mäntel des Bewohners! Ist er auch ein Gast von dir?«
»Ab sofort nicht mehr, ab sofort meine rechte Hand in der Führung des Hauses, das ihm einmal gehören wird, denn er ist mein einziger rechtmäßiger Erbe von Geburt und Geblüt – Tobija Eugenios. Das hier ist dein ganz persönlicher Wohnanteil an unserm Haus, wie ich drüben meine Privaträume habe. Das sind dein Schreibtisch und dein Bett, dies deine Möbel, deine Kleider und Schuhe.« Er riß sich von ihrer Hand los und blickte um sich, als suche er ein Loch in der Wand, um zu entkommen. Den ganzen Nachmittag lang hatte ihn eine Hand auf seiner Schulter geführt – und schon legte sich erneut eine Hand darauf, leichter, sanfter, und die vorher fast übermütige Stimme der Neunundvierzigjährigen klang auf einmal leise und flehentlich: »Zum ersten Mal seit dem unfaßlichen Tod meiner Schwester kann ich wieder lachen – heute. Du weißt nicht, Tobija, was für eine Freude es mir bedeutet, ein wenig für dich sorgen zu dürfen. Bitte, hilf mir, die unendliche Trauer, die unerträgliche Einsamkeit zu vergessen. Dich schickt der Himmel, Tobi, es gibt keine andere Erklärung für ein solches Wunder. Du mußt kein Fischer werden! Dir hat der Himmel einen besseren Weg beschieden, schlag ein, ich will dich gerne begleiten, solange du mich brauchst.« Tante Agatha legte ihm den Arm um beide Schultern und drückte ihn an sich, in eine Fülle von seidigem Stoff und berückenden Düften. Nein, er war kein Kind mehr, er war fast schon so groß wie sie, und über seinem Ohr hauchte sie in sein Haar: »Laß mich jetzt nicht allein, bitte! Ich könnte es nicht noch einmal ertragen.« Stocksteif stand er in seiner Ratlosigkeit, und sie schüttelte ihn liebevoll und schlug vor: »Laß uns anschauen, was der alte Anton in der Eile für dich einkaufte. Zuerst die Kleider und Schuhe!«
Pulsuz fraqment bitdi.