Kitabı oxu: «Kall und der Zauberer»
Eva Rechlin
Kall und der Zauberer
SAGA Egmont
Kall und der Zauberer
Copyright © 1970, 2017 Eva Rechlin og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711754351
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Ak alle Aufregungen anfingen, saßen Vater, Mutter und Kall gerade in der Wohnküche beim Mittagessen. Die Eltern hatten ihre Teller längst geleert. Der Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schmauchte seine Tabakspfeife. Ihm gegenüber saß die Mutter und rang ungeduldig die Hände. Kall, ihr Sohn, brachte sie gerade wieder einmal zur Verzweiflung. Er flegelte über seinem Teller am Tisch und stocherte mißmutig im Essan. Schließlich warf er sich sogar überdrüssig zurück gegen die Stuhllehne und fing an, im Walzertakt mit der Gabel gegen den Tellerrand zu trommeln: Rimmtata-rimmtata-rimmtata.
Dazu sang er laut: „Rosenkohl-Rosenkohl hängt mir zum Hals heraus …“
Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte: „Zum Donner nochmal, du ißt, was auf den Tisch kommt! Beeilung!“
Jammervoll bedeckte die Mutter ihr Gesicht mit beiden Händen und seufzte: „Können wir denn nie, nie, nie in Frieden mahlzeiten? Iß doch endlich den Teller leer, Kall, damit ich abwaschen kann!“
Jetzt pokelte Kall mit der Gabel in seinem Haarschopf herum und meinte: „Ich würde das schmutzige Geschirr ja einfach immer aus dem Fenster schmeißen. Oder überhaupt nur Kuchen essen, dazu braucht man keinen Teller.“
Zum zweiten Mal schlug der Vater auf den Tisch und drohte: „Wenn du nicht augenblicklich den Teller leer ißt …“
Die Mutter hielt sich die Ohren zu und sank gequält nun endlich auch nach hinten gegen die Stuhllehne.
„O nein!“ stöhnte sie, „muß denn alles immer erst kalt und schwer verdaulich werden?“
Kall trommelte wieder mit der Gabel gegen den Teller und sang dazu: „Das Fett ist kalt – die Kartoffeln sind alt – gleich wird die Mahlzeit an die Wand geknallt …“
Der Vater ging langsam und zombebend von seinem Stuhl hoch, Kall duckte sich ein wenig, und die Mutter hielt sich schon die Augen zu. In diesem Augenblick klingelte schrill wie eine Schulglocke die Klingel an der Haustür, und die ganze Familie erstarrte vor Überraschung. Sie waren unbedeutende Leute. Wer konnte sie zu dieser Stunde besuchen?
Verwirrt stand die Mutter auf und ging aus der Küche. Das Klingeln war so überraschend, daß sogar Kall still sitzen blieb. Er und sein Vater horchten gespannt. Sie hörten draußen im Flur kurz eine Männerstimme, die etwas Unverständliches sagte, und gleich darauf schlug die Haustür wieder zu, und die Mutter kam zurück in die Küche. In der rechten Hand schwenkte sie ein großes Kuvert mit vielen bunten Briefmarken und rief: „Ein Eilbrief aus Afrika!“ Kall sprang sofort auf, stolperte über ein Stuhlbein, warf sich gegen seine Mutter und versuchte wie ein toller Hund, ihr den Brief zu entreißen. Blitzschnell riß sie den Brief in die Höhe und schalt: „Kall! Finger weg! Der Brief ist für Papa!“
„Aus Afrika?“ fragte der Vater ungläubig und griff nach dem Brief. „Zeig her. Was kann von da schon kommen?“
Vorsichtig öffnete er das Kuvert mit seiner fettigen Gabel. Er wollte die fremden Briefmarken nicht beschädigen.
„Was kann wohl darin stehen?“ sinnierte die Mutter laut. „Es kann ja nur ein Brief von Onkel Tim sein. Oder haben wir sonst noch Verwandte in Afrika? Nein. Außer Onkel Tim haben wir keine Verwandten in Afrika. Also, was schreibt der gute Alte? Lies vor!“
Auch Kall war schon ungeduldig. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, wie der Vater es ihm immer so schön vormachte, und brüllte:
„Vorlesen, zum Donner!“
Seine Manieren waren wirklich schlimm.
Der Vater fing an vorzulesen: „Mein lieber Neffe!“
„Aber Papa“, rief Kall, „für einen Neffen bist du doch schon viel zu alt. Also ist der Brief für mich!“
Dabei langte er über den Tisch und wollte seinem Vater den Brief aus Afrika wahrhaftig einfach wegnehmen. Die Mutter fing seinen Arm ein, als haschte sie eine Eidechse, und erklärte: „Papa ist aber Onkel Tims Neffe. Du bist nur sein Großneffe. Lies weiter, Mann!“
Der Vater begann noch einmal: „Mein lieber Neffe! Zuerst möchte ich Dich und Deine liebe Frau herzlich grüßen und Euch ein gesundes neues Jahr wünschen …“
Kall hielt sich den Bauch vor Lachen und gluckste: „Haaaooouuaah! Neujahr ist doch längst vorbei!“
Die Finger des Vaters trommelten so gereizt auf der Tischplatte, daß es sich anhörte, als wäre ein ganzes Reiterregiment im Anzuge, um Kall über den Haufen zu rasen. Schließlich ballten sich die Finger wieder zur Faust, die Hand donnerte wie ein Schmiedehammer nieder, und der Vater brüllte: „Ruhe!“
Die Mutter sank erschöpft auf ihren Stuhl und flehte: „Gebt doch einmal im Leben Ruhe! Kall, Onkel Tims Bananenplantage liegt so tief im Urwald, daß es sehr, sehr lange dauern kann, bis ein Brief von ihm bei uns eintrifft. Bitte, laßt uns den Brief jetzt endlich weiterlesen.“
Grimmig las der Vater weiter: „Ich schreibe heute ausnahmsweise, weil ich eine sehr wichtige Nachricht für Euch habe. Ich werde nun allmählich alt, und meine Kräfte lassen nach. Ich kann deshalb die Arbeit auf meiner Bananenplantage nicht mehr schaffen …“
„Der arme alte Onkel Tim!“ jammerte die Mutter.
„Ruhe!“ sagte der Vater und fuhr fort zu lesen: „Nun weiß ich ja, daß es Euch zwar nicht schlecht, aber auch nicht gerade gut geht und möchte Euch deshalb meine Bananenpflanzung hier im Urwald schenken. Dazu müßt Ihr freilich herkommen und sie in Besitz nehmen …“
Der Vater kam nicht weiter. Wie ein Hühnerhund sprang Kall in die Luft und danach mit beiden Füßen auf seinen Stuhl. Dort tanzte er umher wie ein betrunkener Schimpanse und gröhlte: „Nach Afrika! Nach Afrika! Babbeldibubbeldibobbeldida! Alle Mann nach Afrika!“
Drohend hob der Vater diesmal gleich beide Arme und ließ seine Fäuste mitsamt dem Brief auf den Tisch knallen, daß das Geschirr hochhopste.
„Zum Donner! Was soll dieser Affentanz? Augenblicklich bist du ruhig!“
Aber Kall beruhigte sich erst, als seine Mutter wie eine geübte Dompteuse einfach nach ihm griff, ihn vom Stuhl zerrte und wieder zum Sitzen zwang.
„Laß den Vater doch endlich mit dem Brief fertig werden!“ schalt sie. „Vielleicht mögen wir ja gar nicht nach Afrika? Es soll dort ziemlich warm sein.“
„Ganz richtig“, meinte der Vater, „einen solchen Schritt über Hunderte von Breitengraden hinweg muß man erst gründlich beschlafen! Würdet ihr wohl jetzt die Güte besitzen, mich weiterlesen zu lassen? Hört zu, was Onkel Tim sonst noch schreibt: … ,doch bevor ich euch meine Bananenpflanzung überlasse, müßt Ihr erst einmal zur Besichtigung hierherkommen. Kommt jedoch auf keinen Fall gleich mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Das würde erstens zu teuer, und zweitens könnte es immerhin sein, daß es Euch hier dann doch nicht gefällt oder daß Ihr mir nicht gefallt oder daß es Euch zu heiß ist…“
„Recht hat er, der gute alte Onkel Tim“, sagte die Mutter, „auf alle Fälle muß man sich die Sache erst einmal ansehen, ehe man sie sich schenken läßt. Wir fahren erst mal nur zur Besichtigung hin, so daß wir immer noch nein sagen können, wenn es uns nicht paßt.“
„Onkel Tim schreibt“, fuhr der Vater fort, „daß wir deshalb nicht gleich mit Kind und Kegel kommen sollen. Ja, da wird einer wohl vorläufig zu Hause bleiben müssen, denke ich.“
Und dabei blickte er seinen Sohn Kall bedeutungsvoll an. Kall schwenkte seinen Kopf zwischen den Eltern hin und her, als sähe er den beiden beim Ping-Pong-Spiel zu, doch es gab keine Hoffnung. Die Mutter nickte nur zu diesen ungeheuerlichen Worten des Vaters und seufzte: „Ach ja, das wird unsere kleine Familie für eine Weile auseinanderreißen. Womöglich ist das da unten im Urwald auch eine fürchterlich wilde Gegend …“
„Mit giftigen Spinnen“, fuhr der Vater düster fort, „mit grausigen Taranteln, elendigem Schlangengewürm und gierigen Krokodilen.“
„Entsetzlich!“ flennte die Mutter, „nein, es wäre bodenlos leichtsinnig, gleich beim ersten Mal und ohne die Gegend zu kennen, unser einziges Kind mit in den Urwald zu nehmen. Wir haben doch nur das eine!“
„So ist es“, preßte der Vater schmerzlich hervor.
Kall legte erschüttert die Hände vor das Gesicht. Sein Kopf und seine Schultern sackten vor Enttäuschung nach vorn. Gleich darauf warf er beide Arme über den Tisch und den Kopf hinein und schluchzte: „Und wo … wowowo … soll ich … solalalahange bleibleiheiben?“
Die Mutter stand auf, trat zu ihrem einzigen Kind und streichelte seinen Kopf.
„Aber Kall!“ tröstete sie, „Kalli! Kalligula! Wir werden dich bestimmt nicht lange allein lassen. Sobald wir erkundet haben, ob im Urwald alles in Ordnung ist, holen wir dich nach.“
Kalls Schultern fingen an zu zucken. Er warf den Kopf in seinen Armen hin und her und heulte: „Und sosososolange sososoll ich hiehiehier alleihein bleibleiheiben? Ich kakann doch gagagar nicht kokokochen!“
Und ein wildes Schluchzen durchschüttelte ihn ganz und gar.
„Das ist doch alles Unsinn!“ schalt der Vater, „noch heute werden wir bei sämtlichen Verwandten anfragen, ob jemand von ihnen unsern Kall aufnimmt, bis wir ihn in den Urwald nachkommen lassen. Oder – oder selber wieder zurückkommen! Man weiß ja noch nicht.“
Die Mutter war glücklich über diesen Vorschlag. Sie klatschte in die Hände und rief begeistert: „Ein großartiger Einfall – bei den lieben, lieben Verwandten werden wir unsern Kall lassen. Am besten laden wir sie samt und sonders zu uns ein, um alles gleich mit ihnen gründlich zu besprechen. Mann, du mußt gleich mit ihnen telefonieren! Mit Onkel Otto …“
Kall heulte auf und schüttelte sich.
„… mit Tante Bella …“
Kall heulte auf und bekam eine Gänsehaut.
„… und mit der lieben Großmama!“
Kall wimmerte lang und schaurig wie ein Kater, dem einer auf den Schwanz getreten hat. Die Mutter aber war schon emsig dabei, den Mittagstisch abzuräumen, eine neue Tischdecke aufzulegen und das Kaffeegeschirr für die heben Verwandten aufzustellen, während der Vater zum Telefon eilte.
Als Kall erkannte, daß seine Eltern tatsächlich tun wollten, was sie beschlossen hatten, ballte er seine Fäuste und schwor sich, die Pläne der Eltern mit allen Mitteln zu durchkreuzen.
Nie, schwor er sich, nie lasse ich mich an Onkel Otto oder Tante Bella oder an die Großmama verschachern – nicht einmal für einen einzigen Tag! Und Kall hatte einen eisernen Willen.
Das sollte sich zwei Stunden später zeigen, als die liebe Verwandtschaft tatsächlich um den Kaffeetisch versammelt saß.
Zuerst schnatterten alle durcheinander, als hätten sie sich Jahrhunderte nicht mehr gesehen. Schließlich gab die Mutter dem Vater einen kleinen Wink. Er nickte bedächtig, nahm seinen Teelöffel und klirrte damit gegen seine Kaffeetasse. Dazu räusperte er sich so gekünstelt und laut, daß alle sofort zu ihm hinblickten und verstummten. Er legte seine Hand auf die Stelle, wo sein Herz pochte, und verbeugte sich im Sitzen gegen jeden einzelnen der versammelten Runde.
„Meine Lieben!“ hob er an.
Die Großmutter steckte ihr Hörrohr ins Ohr, beugte sich zu Onkel Otto hin und fragte: „Otto, hat er was gesagt?“
In diesem Augenblick schnellte Kall hinter Onkel Ottos Stuhl in die Höhe, fischte sich den Kuchen vom Teller der Großmutter und rief ihr dabei ins Horchrohr: „Er hat gesagt: ,Meine Lieben!‘“
Onkel Otto gab Kall einen Schlag auf die Finger, daß das Kuchenstück der Großmutter auf den Schoß fiel.
„Das klingt freundlich!“ sagte die Großmutter, „doch wen meint er damit?“
Und Onkel Otto schalt im gleichen Augenblick: „Verflixter Bengel!“
Dann bemerkte die Großmutter das Kuchenstück auf ihrem Schoß, beugte sich tief darüber, schnupperte daran, setzte ihre Brille auf und sagte verwundert: „Wie seltsam! Bei uns legt man einem den Kuchen auf den Teller, aber man wirft ihn einem doch nicht gleich an den Bauch!“
Kall kicherte so laut, daß Onkel Otto abermals zu ihm herumfuhr und ihm kräftig gegen den Kopf schnippste.
„Wenn ich groß bin, kriegst du’s zurück!“ fauchte Kall und verschwand wieder hinter den Stühlen. Er legte es zielbewußt darauf an, die Verwandten zu ärgern, damit sie ihn nicht aufnähmen. Darum fing er jetzt auf dem Fußboden an zu wimmern, als hätte ihm Onkel Ottos Klaps wer weiß wie weh getan. Die Großmutter spähte durch ihr Augenglas unter Tisch und Stühle und sagte: „Ich höre eure Katze schreien. Ihr habt doch eine Katze? Sicher hat das arme Tier jämmerlich Hunger. Es soll meinen Kuchen haben!“
Dabei hielt sie ihr Kuchenstück unter den Tisch und rief: „Komm, Muschi! Musch musch musch! Fresselchen! Einen schönen fetten Kuchen, Muschilein!“
Kall schnappte mit dem Mund so heftig nach dem Kuchenstück, daß es zu Boden fiel und die Hand der Großmutter zurückzuckte. Erschrocken schlenkerte sie alle fünf dürren Finger durch die Luft und schalt: „Diese verflixte Bestie beißt ja! Das ist ein Tiger! So was würde ich in meinem Haus nicht halten!“
„Aber wovon redest du denn!“ riefKalls Vater verzweifelt, „wir haben doch gar keine Katze!“
Daraufhin sagte Tante Bella mit ihrem hagebuttenroten Mündchen spitz: „Ich glaube, hier ist mehr von einer zweibeinigen Bestie die Rede! Aber fahr du nur in deiner Ansprache fort, lieber Schwager. Oder hast du nicht gerade mit einer Tischrede beginnen wollen?“
Kalls Vater schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und rief: „Richtig, ich hatte ja vor, eine wichtige Angelegenheit mit euch zu besprechen …“
Als Onkel Otto das hörte, blickte er auf seine Armbanduhr, warf sich zurück in seinen Stuhl und sagte gähnend: „Schieß schon los, alter Knabe. Wir haben dank der Flegeleien deines Sohnes schon Zeit genug verloren!“
„Wie bitte?“ fragte Kalls Vater, der von allem nichts bemerkt hatte. Seine Frau trat wie ein Schutzengel hinter seinen Stuhl, legte beschwichtigend ihre Hände auf seine Schultern und sagte: „Sprich trotzdem, Lieber. Sie werden uns gewiß verstehen. Nur Mut!“
Tante Bella ließ ihre Wimpern zappeln und rang die Hände, als durchkribbele sie rasende Ungeduld, aber Kalls Vater fing dennoch wieder an: „Ihr habt also gehört, was der gute alte Onkel Tim uns aus dem Urwald schrieb …“
„Hach!“ seufzte Tante Bella wie ein faules Huhn, „eine solche Erbschaft müßte unsereiner auch mal machen. Sicher hat der gute alte Tim an seinen Bananen Millionen verdient! Sie sind ja auch immer so teuer.“
„Unsinn!“ fuhr ihr die Großmutter dazwischen. „Tim war schon als Baby ein Faulenzer. Und wie abscheulich, von morgens bis abends nichts als Bananen zu essen. Habt ihr euch das auch gut überlegt, Kinder?“
Kall schnellte zwischen ihrem und Onkel Ottos Platz in die Höhe wie eine Klapperschlange und brabbelte: „Ich esse Bananen viel lieber als eure langweiligen Bratkartoffeln.“ „Du bist nicht gefragt!“ rief Onkel Otto barsch, und Tante Bella fügte hinzu: „Außerdem darfst du ja vorläufig noch gar nicht mit in den Urwald. Ein Jammer! Die gräßlichsten Untiere könnten dich dort fressen.“
„Dabei würdest du ihnen viel besser schmecken, Tante Bella, Weil du nämlich wie eine Geburtstagstorte aussiehst“, antwortete Kall. Tante Bella tat, als müßte sie vor Empörung in Ohnmacht fallen und ließ ihre langen schwarzen Wimpern wieder heftig zappeln.
„O nein“, ächzte sie, „dieses schreckliche Kind!“
In diesem Augenblick holten der Vater und Onkel Otto gleichzeitig zu je einer Ohrfeige gegen Kall aus, aber Kall verschwand so blitzschnell nach unten, daß die Hände des Vaters und Onkels zusammenklatschten. „Aua!“ brüllten beide und blickten sich an, als wollten sie nun gleich aufeinander losgehen.
„Schämt euch!“ rief die Großmutter, die das alles nicht richtig verstand, „in eurem Alter prügelt man sich doch nicht mehr! Außerdem wollte doch irgend jemand eine Rede halten. Oder was ist sonst hier los?“
Kalls Vater hielt sich verzweifelt mit beiden Händen den Kopf und wand sich hin und her.
„Ja, ja, ja doch!“ jammerte er, „ich wollte eine Rede halten. Aber man läßt mich ja nicht zu Worte kommen!“
Onkel Otto schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Kaffeegeschirr Can-Can tanzte und brüllte: „Das ist denn doch der Gipfel. Als ob das an uns läge und nicht an diesem Bengel!“ „Aber ja“, sagte Kalls Mutter sanft, „wir leugnen doch gar nicht, daß unser Kall ein etwas … nun, ein etwas wildes Kind ist. Trotzdem kann er auch brav sein. Wirklich! Ihr könnt euch selbst davon überzeugen, wenn ihr ihn für ein paar Wochen bei euch aufnehmt.“
Kalls Vater tätschelte dankbar die noch immer auf seiner Schulter ruhende Hand der Mutter und fügte hinzu: „Sie hat recht. In ein paar Wochen sind wir sicher so weit, um Kall zu uns nach Afrika nachholen zu können. Es wäre einfach leichtsinnig, wenn wir ihn gleich mit in die Wildnis nähmen. Wenn einer von euch ihn solange bei sich beherbergt …“
Tante Bella sackte jetzt endgültig nach hinten gegen ihre Stuhllehne, ließ den Kopf baumeln und ächzte nur noch: „Du lieber Himmel!“
Onkel Otto dagegen schnellte in die Höhe und griff sich an die Kehle, als müßte er ersticken.
„Wahnsinn!“ hechelte er, „heller Wahnsinn!“
Die Großmutter war die Schlaueste. Sie nahm energisch ihr Hörrohr aus dem Ohr, stellte es neben ihren Stuhl und sagte: „Mein Horchrohr muß verstopft sein. Weg mit dem Plunder!“
Kall schlich sofort unter ihren Stuhl, nahm das Hörrohr und verkroch sich damit.
Tante Bella konnte sich noch immer nicht beruhigen. Halb lag sie über ihrem Stuhl, die langen schwarzen Wimpern hatten sich völlig wie Fransenvorhänge über die Augen gesenkt, und die Ärmste hauchte: „Un-mög-lich! Nie-mals! Es wäre mein Tod!“
Onkel Otto war stehen geblieben und gab allen Anwesenden eine überzeugende Vorstellung davon, auf welche verschiedenen Arten man seine Ablehnung ausdrücken konnte. Er schüttelte eckig den Kopf. Er pochte sich dabei gegen die Brust, als fechte er ein Duell mit seinem Herzen aus. Dann schlug er seine Hände beteuernd ineinander und streckte sie vor und zurück und nahm sie wieder auseinander und ließ sie nach links und rechts wegflattern und erklärte zu all diesen gymnastischen Übungen: „Ich nicht. Nicht ich! Ich? Nie-mals! Unser Haus ist viel zu leicht gebaut für einen solchen Wirbelsturm. Zwanzig Jahre lang habe ich mich für unser Egenheim abgerackert, habe Blut und Wasser geschwitzt. Zwanzig lange Jahre lang! Habe mit diesen meinen beiden eigenen Händen Stein auf Stein getragen. Und soll jetzt das alles von einem wildgewordenen Bananenfresser zugrunde richten lassen?“
Kalls Vater sank bei diesen Worten und Gebärden Zentimeter um Zentimeter in sich zusammen. Erschüttert tätschelte die Mutter seinen Kopf – aber was half’s, die Verwandten hatten ja recht: Kall war ein total verzogenes Balg.
Inzwischen hatte sich Tante Bella so weit erholt, daß jetzt auch sie eine erstaunlich lange Rede vom Stapel lassen konnte: „Onkel Otto hat ganz recht. Bei mir ist es nicht viel anders. Dieser Junge würde sicher meine schönen Gardinen und Spitzendecken zerfetzen. Außerdem sind in unserm Stadtviertel gerade die Masern ausgebrochen. Das ist eine furchtbar ansteckende Krankheit. Bedenkt, wie leicht sich Kall damit anstecken könnte! Nicht wahr, Großmutter?“
Die Großmutter wackelte mit dem Kopf und antwortete: „Ich habe keine Ahnung, wovon ihr überhaupt redet. Womöglich immer noch von Bananen? Da werdet ihr noch lange auf eine Preissenkung warten können. Außerdem habe ich heute wohl mein Horchrohr vergessen.“
In diesem Augenblick schob sich Kall hinter Onkel Ottos Stuhl hoch, hielt das Hörrohr wie eine Trompete an den Mund und schmetterte dreist: „Tätätäräta – tschingbumm!“
„Da!“ brüllte Onkel Otto wutschäumend, „seht ihn euch an, euren Posaunenengel! Nein, meine Lieben, ebensogut könnte ich ein Nilpferd in meiner Wohnung beherbergen. Schickt den Bengel doch zu Onkel Balthasar. Ja, das ist mein völliger Ernst: Onkel Balthasar! Der wohnt ganz allein in einem großen Haus in einsamen Wäldern und hat obendrein einen Diener und eine Köchin. Außerdem: der hätte Mittel genug, um mit einem solchen Lausejungen fertigzuwerden. Der wüßte sich spielend zu helfen!“
Tante Bella schrie bei diesen Worten grauenvoll auf, als hörte sie eine Mordgeschichte: „Um Himmels willen, lieber Otto, das darf einfach nicht dein Ernst sein! Zu diesem furchtbaren, unheimlichen Onkel Balthasar? Nein, nein, nein, dem würde ich nicht einmal ein Nilpferd zur Aufbewahrung geben mögen.“
Kall war bei diesen Worten ganz ruhig geworden. Er hörte den Gesprächen der Erwachsenen jetzt aufmerksam zu.
„Gewiß“, sagte Onkel Otto, „man sagt, daß Onkel Balthasar ein finsterer alter Hexenmeister geworden sei. Aber fragt doch die Großmama, die kennt ihn schließlich am besten. Sie wird bestätigen, daß all die düsteren Gerüchte Unsinn sind.“
Hinter seinem Stuhl schraubte sich Kall, bleich vor Spannung, in die Höhe. Geschwind hielt er der Großmutter das Horchrohr ans Ohr und hielt auch sein Ohr daran, als müßte er doppelt so gut hören wie sonst. Er bekam langsam wieder Farbe, als er die Großmama antworten hörte: „Kein Unsinn! Balthasar kann wirklich zaubern. Das fing schon früh bei ihm an. Ungefähr als er zwölf Jahre alt war. Da hat er mal seinen Bettvorleger in Eierkuchen verwandelt und ihn ganz allein aufgegessen. Er dachte ja immer nur an sich selbst. Freilich haben Kinder in diesem Alter auch einen ungewöhnlich starken Appetit. Trotzdem ging das zu weit. Inzwischen soll er es noch viel schlimmer treiben.“
Jetzt stieß sie ärgerlich das Hörrohr weg und sagte zu Kall: „Fummel mir doch nicht dauernd mit dieser Trompete am Gehirn herum! Ja … ja, was wollte ich noch sagen?“
„Du wolltest sagen“, schrie Onkel Otto ihr zu, „daß es dem schnurrigen alten Balthasar sicher gut täte, wenn man ihm diesen Lausebengel auf den Hals schickte!“
Die Großmutter hielt sich das Ohr zu, in das Onkel Otto gebrüllt hatte und sagte beleidigt: „Mußt du mit mir wie ein hungriger Löwe brüllen, Otto? Natürlich meinte ich das: unser kleiner Kall muß zu Onkel Balthasar ins Waldhaus.“
Hinter ihrem Rücken hopste Kall wie ein Tennisball auf und nieder, hielt sich das Hörrohr an den Mund und trompetete: „Au ja! Au ja! Dann kann ich bei ihm zaubern lernen.“
Tante Bella fächelte ihrem zugepuderten Gesicht mit einem Taschentuch Luft zu.
„Puh – das hätte noch gefehlt: ein zaubernder Kall!“
Onkel Otto wollte dem ganzen Geschwafel jetzt offensichtlich endlich ein Ende bereiten. Energisch pochte er auf den Tisch und ordnete an: „Am besten schicken wir dem alten Hexenmeister gleich ein Telegramm und fragen an, ob Kall für ein paar Wochen zu ihm kommen darf. Na? Ist das eine Idee?“
Und er war auch noch stolz darauf.
Kalls Vater legte den Kopf zurück und blickte bekümmert zu seiner Frau auf: „Was hältst du von all dem, Stinchen?“
„Sollen wir unsern armen kleinen Kall denn wirklich zu diesem schrecklichen alten Hexenmeister schicken?“ jammerte sie. Der Vater ließ seinen Kopf unschlüssig hin und her pendeln und zuckte immer wieder mit den Schultern.
„Ich weiß auch nicht … ich weiß es auch nicht!“
Kall dagegen tanzte fröhlich um den Tisch bis zu seinen Eltern und bettelte: „Schickt mich hin! Ich will zu dem Zauberer. Bitte, bitte, laßt mich zu Onkel Balthasar!“
Onkel Otto schlug verwundert die Hände ineinander und brüllte, als spräche er immer noch mit der Großmama: „Auf einmal kann der Knabe sogar bitten! Das ist doch einfach dt dt dt dt dt!“ Und er schnalzte mehrfach mit der Zunge.
Tante Bella rang die Hände gen Himmel und flötete: „Dieses Kind ist mutig wie Ali Baba. Ich würde lieber in eine Drachenhöhle als zu Onkel Balthasar gehen!“
Kall sprang sogleich neben sie, beugte sich über ihre Schulter und flüsterte gefährlich: „Und wenn ich Hexen gelernt habe, verzaubere ich dich in eine Geburtstagstorte und esse sie auf. Mhm, du schmeckst bestimmt gut als Torte!“
Sie schrie auf und schüttelte sich vor Grauen. Kalls Vater straffte sich und schlug endlich mal wieder auf den Tisch: „Kall, zum Donner, jetzt langt es mir aber endgültig! Wahrhaftig, ich bringe es über mein Vaterherz und schicke dich zu diesem finsteren Hexenmeister. Du hast es nicht besser verdient.“
Energisch stand er auf. Die Mutter wollte ihn wieder zurück auf seinen Stuhl drücken, aber er schüttelte sie ab, und während er zum Telefon ging, erklärte er: „Noch in dieser Minute werde ich durch das Telefon ein Telegramm an Onkel Balthasar aufgeben.“
Onkel Otto sprang ihm sofort tatendurstig zur Seite. Kalls Vater telefonierte mit dem Amt, und alle andern hörten ihm atemlos zu: „Hallo, Telegrammannahme! Ich wiederhole: ,Erbitten Antwort, ob kleiner Neffe Kall für einige Wochen bei Dir wohnen darf wegen besonderer Umstände. Nähere Erklärungen nachfolgend brieflich …’ Ob das genügt, Otto?“
Onkel Otto nahm ihm den Hörer aus der Hand, legte auf und sagte befriedigt: „Vollkommen, mein Lieber, genügt vollkommen. Frühestens in vier bis fünf Stunden können wir eine Antwort von Balthasar haben, schneller kann es auf keinen Fall gehen, ist ja immerhin eine ziemliche Entfernung …“
Er klopfte dem Vater auf die Schulter, und beide wandten sich wieder dem Kaffeetisch zu, um abermals daran Platz Zu nehmen. Sie hatten sich kaum umgedreht, da schrillte das Telefon. Ruckartig blieben sie stehen, und Kall und die Damen rissen die Köpfe hoch. Das Telefon schrie geradezu. Etwas Geheimnisvolles lag in der Luft.
„Das Telefon!“ flüsterte Onkel Otto und wurde blaß.
„Das Telefon!“ hauchte Kalls Vater und zitterte.
Beide griffen gleichzeitig zum Hörer und hoben ab. Beide legten je ein Ohr an die Muschel, und während sie lauschten, was ihnen durch das Telefon übermittelt wurde, verloren sie auch den Rest an Farbe. Kall und die Damen hörten natürlich nur ein undeutliches Gequakel, doch das Gehabe der beiden Männer ließ sie vor Spannung erstarren. Dann hoben der Vater und Onkel Otto bebend die Köpfe, und der Telefonhörer rutschte ihnen aus den Händen, Onkel Otto zerrte ein Taschentuch aus seinem Jackett und betupfte sich die bleiche, schweißnasse Stirn.
Pulsuz fraqment bitdi.