Kitabı oxu: «Tobinos Insel»
Eva Rechlin
Tobinos Insel
SAGA Egmont
Tobinos Insel
Copyright © 1987, 2017 Eva Rechlin og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711754405
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Ein Schloß hinter Gittern
Der junge Herr Spirito ging den langen Weg zum Schloß Vivato zu Fuß. Was er besaß, trug er in einem abgewetzten Köfferchen bei sich. Er war lang und dünn, seine Kleider saßen nicht recht ordentlich an ihm, und auf dem rötlichen Haarschopf trug er einen gelben Strohhut. Auch blickte er durch eine Brille in die Welt.
Die Straße, die von der Stadt zum Schloß führte, war die eigenartigste im Land Tunari: glatt und blank wie aus geschliffenen Marmorplatten, links und rechts standen abwechselnd hellgrüne Trauerweiden und steile dunkle Wacholderbüsche. Diese Allee hatte der vielfache Millionär Vivato anlegen lassen, damit seine Gedanken sich an ihrem Anblick beruhigten, wenn er von seinen Geschäften in der Stadt nach Hause in sein Schloß fuhr. Herrn Spirito dagegen beunruhigte diese Straße, die ihn auf blankpolierten Platten dem Schloß entgegenführte. Zwei Tage zuvor hatte er in der Zeitung gelesen, daß der schwerreiche Herr Vivato einen neuen Erzieher für seinen einzigen zehnjährigen Sohn suchte. Über diesen Sohn gingen im ganzen Land Tunari die schlimmsten Gerüchte um. Es hieß, er sei das eingebildetste und unerzogenste Kind der Gegend. Aber Herr Spirito, der gerade eine neue Stelle als Lehrer suchte, hatte sich gesagt: Ich will es versuchen!
Er hatte sich mit Herrn Vivato in Verbindung gesetzt, ihn allerdings nur telefonisch erreicht, das heißt: nicht ihn selbst, sondern einen seiner Sekretäre, und selbst das war schon ein Erfolg. Man hatte ihn sofort angestellt und gebeten, sich schnellstens ins Schloß Vivato zu begeben.
Herrn Spiritos Freude war allerdings durch ein paar Worte seiner Zimmerwirtin erheblich gedämpft worden: »Der Sohn des Millionärs Vivato«, hatte sie gesagt, »ist ein abstoßend launisches Kind. Außer Ihnen hat sich vermutlich niemand um diese Stelle beworben. Zu viele wurden enttäuscht. So was spricht sich herum. Und Sie sind eigentlich zu schade, um sich mit solchem Jungen herumzuärgern, lieber Herr Spirito!«
Aber Spirito war ein hartnäckiger Mann, und weil er nun einmal gesagt hatte: Ich will es versuchen! – blieb er bei seinem Entschluß.
Die lange Allee zum Schloß Vivato, auf der er nun voran marschierte, machte ihn nachdenklich. Gerade kam ihm der Vergleich mit einem Friedhofsgang, da sah er weit vorn ein seltsames Fahrzeug langsam auf sich zukommen. Das Vorderteil glich einem breiten Auto, der hintere Aufbau einer Lokomotive. Links, rechts und unter ihm drehten sich weiche Besenwalzen, über die aus breiten Schlitzen des kesselartigen Aufbaus unablässig Wasser rann. Noch nie hatte Spirito so eine Straßenreinigungsmaschine gesehen. Verwundert trat er zur Seite unter eine der Trauerweiden und ließ das Ungetüm herankommen. Die Motoren summten wie Bienenschwärme, das Wasser plätscherte aus den Schlitzen und die großen Besen schlabberten zischend über das glatte Marmorgestein. Vor Herrn Spirito hielt das Ding an. Aus der Fahrerkabine sprang ein Mann in marmorheller Uniform mit blitzenden Schnallen und Reißverschlüssen. Er trat auf Herrn Spirito zu und sagte streng: »Diese Straße ist nicht für Fußgänger. Wenn Sie sie schmutzig machen, wird man mich entlassen!«
»Entschuldigen Sie«, antwortete Spirito. »Vorn auf dem Schild stand nur: Befahren verboten! Ich werde also ab hier neben der Straße weitergehen, obwohl ich ohne Schmutz und Ungeziefer bin, nicht zu spucken pflege und meine Schuhe erst vorige Woche geputzt habe.«
»Überhaupt«, sagte der Mann, »ist die Straße nur für Bewohner und angemeldete Gäste von Schloß Vivato da!«
Herr Spirito nickte: »Ich will ja zum Schloß. Ich bin der neue Erzieher des Kindes dort.«
Der Straßenreiniger pfiff durch die Zähne. Sein Gesicht bekam einen völlig anderen Ausdruck. Tröstend legte er seine Hand auf Spiritos Schulter und sagte viel freundlicher, »Junger Mann, wenn es so steht, will ich Ihnen nicht auch noch Scherereien machen. Kommen Sie zu mir, wenn Sie entlassen werden. Ich fahre Sie in meiner Maschine zurück zur Stadt, damit Sie nicht so kurz hintereinander zweimal neben der Straße gehen müssen.«
Spirito nickte unsicher und dachte: Ich will es trotzdem versuchen.
Als könnte er nicht schnell genug in sein Unglück rennen, eilte er neben der Straße weiter. Nach der nächsten Biegung lag das Schloß vor ihm. Es war fast ganz aus Glas, mit schmalen Pfeilern zwischen riesigen, vermutlich kugelsicheren Fensterscheiben. Es kam Herrn Spirito vor wie eine gewaltige stufenförmige Käseglocke mit einem gläsernen Ballon als Gipfel. Um das breite flache Erdgeschoß liefen Terrassen mit schwarzweißen Marmorböden. Über dem Erdgeschoß erhob sich etwas kleiner das erste Stockwerk und darauf, wiederum kleiner, das zweite, das dritte und vierte und fünfte. Ganz oben wölbte sich wie bei einer Sternwarte eine gläserne Kuppel, von der Herr Spirito später erfahren sollte, daß sie drehbar war wie ein Karussell und daß in ihr das Spielzimmer des Millionärssohnes lag. Vor dem Schloß blinkte mitten im grünen Rasen ein künstlicher Teich, umsäumt von sprudelnden Springbrunnen. In der Mitte des Teiches stand eine nachgebaute schwere Hansekogge mit geschwellten Segeln, die Herr Vivato sich wohl statt eines Pavillons hatte errichten lassen, denn ein schmaler Steg verband sie mit dem Ufer.
Es gab vieles zu sehen. Aber Spirito beachtete es nicht weiter. Ihn fesselten mannshohe bunte Blumenstauden, die das gesamte Anwesen umzäunten. Er wußte, daß sich darin elektrisch geladene Stacheldrähte versteckten. In den Zeitungen hatte Spirito mehrmals farbige Abbildungen des Schlosses gesehen, doch die Wirklichkeit übertraf sie. Wie betäubt ging er das letzte Stück neben der Allee auf einen hohen Torbogen aus üppigen Rosen zu.
Da wuchs blitzschnell aus einem kaum sichtbaren Schlitz im Boden ein Gittertor hoch und versperrte ihm den Weg. Erschrocken wich Spirito einen Schritt zurück. Rechts von dem Tor, versteckt in den Blumenstauden, bemerkte er ein Panzertürmchen, aus dem ihm ein bewaffneter Pförtner entgegentrat.
»Halt! Bleiben Sie stehen!« rief der ihm zu, »versuchen Sie nicht, die Hecke zu durchdringen! Sie ist von giftigen Stachelranken durchflochten, die jeden Eindringling bewußtlos stechen!«
Er sagte sein Sprüchlein auf wie ein Fremdenführer, während er, in jeder Hand eine Pistole, langsam auf Spirito zukam. »Und überhaupt«, fuhr er fort, »stehen am Anfang der Allee nicht genug Schilder, daß Bittsteller hier unerwünscht sind?«
»Gewiß«, sagte Herr Spirito, »die habe ich gelesen. Stecken Sie bitte Ihre albernen Pistolen ein!«
»Und? Was wollen Sie nun hier? Was haben Sie da in dem verdächtigen Gepäckstück?« Der Pförtner deutete mit einer Pistole auf Spiritos abgewetztes Köfferchen. Sein Blick war mißtrauisch und verächtlich.
Das ärgerte Herrn Spirito, aber zugleich kam ihm ein lustiger Einfall. Er hob den Koffer hoch, in dem außer Wäsche und Büchern auch seine Weckeruhr lag, hielt ihn dem Pförtner entgegen und sagte: »Ich habe eine Höllenmaschine im Gepäck. Hören Sie, wie sie tickt?«
Der Pförtner beugte den Kopf vor und lauschte. Ganz deutlich machte Spiritos altertümlicher Wecker »tick-tack, ticktack«.
Jetzt war es der Pförtner, der erschrocken einen Schritt zurückwich. »Was haben Sie vor?« stammelte er.
Spirito mußte lachen. Aber dann zuckte er zusammen, denn der Pförtner brüllte plötzlich los: »Verdrückt euch! Schnell! Eine Höllenmaschine vor dem Tor!« Da wurde es links und rechts in der Blumenhecke lebendig. Sechs, sieben, acht bewaffnete Männer stürzten aus ihren Verstecken, rannten davon und warfen sich hinter einem Busch in Deckung. Der Pförtner selbst raste in sein Panzertürmchen und schlug die Tür hinter sich zu.
Spirito lehnte sich gegen das Eisengitter und blickte sich um. Das Gitter war wenig höher als er selbst, er hätte es leicht übersteigen können, aber daran lag ihm jetzt nichts. Wie immer, wenn er in Verlegenheit geriet, nahm er seine Brille ab und putzte sie, obwohl kein Staubkörnchen ihre Gläser trübte. Am Schloßtor war es jetzt so still, daß er seinen alten großen Wecker durch die Kofferwände ticken, daß er Bienen und Hummeln in den Blumen summen und eine Amsel singen hörte. Er blickte nachdenklich auf die Allee zurück, die er gekommen war. Hinter einem Wacholderbusch sah er den Kopf eines geflüchteten Wächters. »Armer Herr Vivato«, murmelte er und putzte seine Brille heftiger. Es kam ihm vor, als sähe er den mächtigen, berühmten Vivato ahnungslos, von allen seinen Helfern verlassen, auf einer Höllenmaschine sitzen. »Was hat er nur für Wächter, die schon vor einem alten Wecker reißaus nehmen?«
Schließlich setzte Spirito seine Brille wieder auf, ging zu dem Panzertürmchen und pochte mit der Faust an die Stahltür. »Kommen Sie raus! Die Höllenmaschine ist nur ein alter Wecker. Und ich bin der neue Erzieher für den Sohn!«
»Wenn das stimmt«, antwortete der Pförtner und wagte sich wieder aus seinem Panzertürmchen, »öffnen Sie den Koffer und zeigen Sie mir den Wecker!«
Und als der Pförtner erkennen mußte, vor welchem Gegenstand er sich gefürchtet hatte, packte ihn der Zorn. »Mann!« schrie er Spirito an, »Sie haben sich einen schlechten Scherz erlaubt! Wenn das Vivato erfährt – nicht auszudenken!«
»Wenn Vivato erfährt«, sagte Spirito, »daß seine Wächter vor einem Wecker geflohen sind, was wird er dann wohl mit seinen Wächtern tun?«
Der Pförtner wurde bleich und starrte Spirito an. Er ließ die Arme sinken, die Pistolen fielen aus seinen Händen. Zum zweiten Mal an diesem Vormittag nahm Spirito seine Brille ab, um sie mit fahrigen Fingern zu putzen.
»Aber lassen Sie nur«, sagte er verlegen, »machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Stellen. Von mir aus braucht niemand etwas von der ganzen Geschichte zu erfahren. Und jetzt öffnen Sie endlich das Gitter und lassen Sie mich ein.«
»Sie wollen mich wirklich nicht verraten?« stieß der Pförtner argwöhnisch hervor.
»Mein Wort.«
Der Pförtner atmete auf. Plötzlich nestelte er an seiner Rocktasche und sagte schnell: »Von meinem letzten Lohn ist zwar nicht mehr viel übrig, aber vielleicht genügt Ihnen der Rest für Ihr Schweigen? Hier, es sind hundertachtzig Mark. Nehmen Sie! Bitte!«
Spirito wich zurück. »Was soll ich? Wollen Sie sich meine Verschwiegenheit etwa kaufen?«
»Aber das ist doch nur natürlich, mein Herr! Mit Geld kann man alles. Was glauben Sie denn …«
»Hören Sie auf!« fuhr Spirito ihn an, »und stecken Sie Ihr Geld wieder ein!«
Er wandte sich ab und ging schnellen Schritts zum Schloß.
Ein frostiger Empfang
Als Spirito die Marmorterrasse des Schlosses erreichte, kam ihm ein so auffallend elegant gekleideter Mann entgegen, daß er dachte, von dem berühmten Herrn Vivato persönlich empfangen zu werden. Dieser Irrtum klärte sich allerdings rasch auf: Der Mann im goldfarbenen Seidenanzug war sein Vorgänger Dr. Kasimir, der Spirito in das neue Amt einführen sollte. Kasimir führte den Ankömmling in einen Salon des Schlosses und ließ ihn durch einen Diener mit Tee und Törtchen bewirten.
»Ich habe noch eine Stunde Zeit«, sagte er, während er sich in einen Sessel sinken ließ und eine bleistiftlange Zigarette anzündete. »Ich denke, das genügt, um Sie vorzubereiten. Können Sie sich vorstellen, was Sie hier erwartet?«
»Nun ja«, antwortete Spirito, »die Vivatos sind nicht unbekannt. In den Zeitungen steht genug über sie. Und was ich bisher über den Sohn hörte, klang eher entmutigend. Aber ich bin entschlossen, es mit ihm zu versuchen.«
Kasimir blies mit runden Lippen kleine Qualmringe in die Luft. Dem letzten lächelte er boshaft nach und sagte: »Bester Kollege Spirito, Entschlossenheit nützt Ihnen gar nichts bei der Erziehung dieses verhätschelten Teufels.«
»Ist der Junge denn ein Teufel?«
»In jeder Hinsicht. Werfen Sie ihm Ihren Charakter vor die Füße, daß er darauf herumtrampeln darf – es macht sich bezahlt.«
»Was soll das heißen?« fragte Spirito.
Kasimir blickte ihn höhnisch aus zusammengekniffenen Augen an. Mit vertraulich gesenkter Stimme erklärte er: »Schlagen Sie sich den Unsinn aus dem Kopf, hier den guten Erzieher spielen zu wollen. Das bringt Ihnen nichts. Das einzige, was Sie hier erreichen können, ist, in kurzer Zeit ein gemachter Mann zu werden. Insofern ist Schloß Vivato ein Paradies.«
»Paradies? Ich verstehe kein Wort.«
»Sie werden verstehen lernen. Mir könnte es ja gleichgültig sein, was aus Ihnen wird. Aber wie Sie aussehen«, Kasimir musterte Spirito von Kopf bis Fuß, »können Sie es sicher vertragen, in kürzester Frist eine Menge Geld einzuheimsen. Ich kam vor zwölf Wochen genauso abgewetzt an wie Sie …« Mit seinen Fingern, an denen Brillantringe blitzten, deutete Kasimir auf Spiritos Köfferchen und fuhr fort: »Und heute? Sehen Sie da drüben vor den Garagen die nagelneue Luxuslimousine? Gehört mir. Lohnt es sich etwa nicht, sich dafür ein paar Wochen von einem verzogenen Teufelchen schikanieren zu lassen?«
»Ja … nein … ja«, stammelte Spirito, »aber mit solchen Nebenabsichten kann man doch nicht ein Kind erziehen!«
»Seien Sie nicht schmalzig, Spirito. Was interessiert mich im Grunde der Junge? Man muß die Gelegenheit wahrnehmen! Und hier ist eine Menge herauszuholen!«
Spirito senkte den Kopf. Er mochte nicht länger in die eitlen Augen Dr. Kasimirs blicken. »Aha, so ist das also«, murmelte er, »wollen Sie jetzt bitte meinen künftigen Schützling rufen?«
»Ru-fen?« Kasimir brach in schallendes Gelächter aus. »Rufen? Mann, Sie haben es mit dem einzigen Erben eines schwerreichen Mannes zu tun! Zu dem müssen Sie sich schon selbst bequemen. Aber warten Sie, ich möchte Ihnen noch einen nützlichen Rat geben: Tun Sie stets, was der Bengel will. Geben Sie ihm immer Recht, auch wenn er Blödsinn faselt. Er ist das so gewohnt. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß es sich bezahlt macht. Damit haben sich schon zweiundsechzig Erzieher, Damen wie Herren, vor uns gesund gewirtschaftet.« Dr. Kasimir legte grinsend seine geschmückte linke Hand an die Brust, als wollte er auf seine wohlgefüllte Brieftasche hinweisen.
Spirito stand so heftig auf, daß das Teetischchen vor ihm wackelte und klirrte. Er hätte den Kollegen gern saftig beleidigt, aber etwas schnürte ihm die Kehle zu. Mit gesenktem Kopf folgte er Dr. Kasimir ins Schloßinnere.
Sie kamen durch einen langen Gang, dessen Wände mit Matten von verflochtenem Schlangenleder behängt waren.
Mit Kennermiene flüsterte Dr. Kasimir: »Kostet ein Vermögen!«
Spirito nickte angewidert. Gleich darauf drückte Kasimir auf einen von vielen goldenen Knöpfen in der Wand. Erstaunt sah Spirito, wie eine mit Perlmuttmosaik ausgelegte Fläche, die er für einen weiteren Wandschmuck gehalten hatte, zur Seite glitt. Sie traten in ein großes helles Zimmer, das über und über mit verschiedensten Tierfellen ausgekleidet war. Es wirkte wie ein riesiges buntscheckiges Nest.
An der gläsernen Außenwand lag, den Blick nach draußen gerichtet, auf einem Leopardenfell ein weißgekleideter Junge. Er stand nicht auf, er wendete nicht einmal den Kopf, als er seine Erzieher eintreten hörte.
Dr. Kasimir flüsterte Spirito ins Ohr: »Das ist Tobino, einziger Sohn des Hauses. Wir müssen warten, bis er selbst uns anspricht.«
Spirito hielt es nicht länger aus. War er ein Regenwurm an einem Angelhaken? Wütend sah er seinen Vorgänger an und fragte: »Sind wir Erzieher oder Knackwürstchen?«
Dr. Kasimir öffnete entsetzt den Mund und legte sofort seine Hand darüber. Das sollte eine Warnung sein. Aber Spirito, ziemlich erhitzt von den bisherigen Eindrücken, setzte seinen Koffer auf das silberne Persianerfell, auf dem er selbst stand, und rief dem Jungen zu: »Hallo, Tobino! Wollen wir uns nicht begrüßen?«
Der Junge fuhr auf. Er sperrte wie Kasimir den Mund auf, brachte aber kein Wort hervor. In seinen weit geöffneten Augen standen Überraschung, Neugierde.
Spirito musterte ihn finster. Sein Zorn verflog, als er den schokoladenverschmierten Mund und auf dem weißen Anzug einen großen Kakaofleck entdeckte. Langsam zog er sein Taschentuch hervor, ging auf Tobino zu, packte ihn am Kinn und sagte: »Spuck auf das Tuch!«
Tobino starrte zu ihm auf, beugte sich gleich darauf vor und spuckte kräftig auf das Tuch. Pinselig wischte Spirito ihm den Mund ab. Danach nahm er Tobinos Hand und sagte: »Guten Tag.«
Aber Tobino entzog ihm seine Hand, zerrte sein eigenes Taschentuch heraus, spuckte hinein und versuchte, auch den Kakaofleck von seinem Anzug zu entfernen.
Spirito beobachtete ihn. Seit er vor fünf Jahren seine Ausbildung beendet hatte, war er in verschiedenen Häusern Erzieher gewesen. Er stellte fest, daß Tobino sich äußerlich kaum von seinen bisherigen Zöglingen unterschied. Allerdings hatte er noch nie ein Kind so verbissen in sein Taschentuch spucken und an einem Schmutzfleck herumreiben gesehen. »Du wirst kein Glück haben«, meinte er, »Kakaoflecken verschwinden nicht so leicht.«
Tobino blickte ihn an. Jetzt endlich fand er seine Sprache wieder: »Aber ich will ihn rauskriegen, und wenn es drei Stunden dauert! Dann hätte ich drei Stunden lang etwas zu tun. Haben Sie schon mal drei Stunden hintereinander etwas zu tun gehabt?«
»Drei? Lächerlich. Zehn Stunden und noch mehr!«
Tobino vergaß zu reiben. »Was war das? War es interessant?«
»Jedenfalls interessanter als deine Wischerei. Das solltest du besser den Wäschepflegern überlassen.«
»Die haben schon genug zu tun. Alle haben etwas zu tun! Nur ich nicht! Nein, dieser Fleck gehört endlich einmal mir.« Er spuckte noch einmal in sein Tuch.
Von der Tür her erklang ein Räuspern. Herr Dr. Kasimir stand noch immer dort. »Wenn ich es mir erlauben darf«, sagte er schmeichlerisch, »dann möchte ich dir empfehlen, mein Liebling, dich umkleiden zu lassen.«
Tobino starrte ihn ein Weilchen an, als müßte er sich erst besinnen, wer Kasimir war. Plötzlich stampfte er mit dem Fuß und schrie ihn an: »Hören Sie mit Ihrem dämlichen Umkleiden auf, es ist genau so langweilig wie Sie!« Er blinzelte Spirito zu und sagte: »Wissen Sie was? Ich habe eine Idee: Ab heute machen wir uns unsere Sachen selbst sauber. Erst machen wir uns richtig schmutzig, und hinterher machen wir sie sauber. Dann haben wir den ganzen Tag etwas zu tun!« Spirito rümpfte die Nase, kraulte seinen roten Haarschopf und meinte: »Das liegt mir nicht. Dreckig machen – saubermachen? … Ziemlich trostlos. Ich wüßte bessere Beschäftigungen.«
Tobinos Blick wurde mißtrauisch: »Meinen Sie vielleicht lernen? Oder umkleiden? Oder Kino sehen und spazieren fahren?«
»Nein, daran hatte ich jetzt nicht gedacht.«
»Verzeihen Sie meine abermalige Einmischung«, klang es von der Tür her, »ehe Sie sich ganz in Ihr Gespräch vertieft haben, möchte ich bitten, mich empfehlen zu dürfen.« Dr. Kasimir stand mit angelegten Händen und geneigtem Kopf wie ein Spazierstock auf dem Schaffell.
Tobino grinste und rief: »Das war der beste Einfall, den Sie bisher hatten. Also gehen Sie, verschwinden Sie!«
»Möchtest du mir nicht Aufwiedersehen sagen, mein kleiner Liebling?« säuselte Kasimir, als rechnete er mit einem letzten Trinkgeld.
»Aufwiedersehen?« sagte Tobino. »Einen wie Sie möchte ich mein ganzes Leben nicht wiedersehen! Schade um das viele Geld, das Papa Ihnen gegeben hat. Ich hätte es lieber in den Kaugummiautomaten stecken sollen, dann hätten wenigstens meine Zähne vierzehn Tage lang was zu tun gehabt!«
Kasimir richtete sich kerzengerade auf. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, sein Gesicht verzerrte sich. Er sah aus, als hätte er wochenlang Gallebitteres geschluckt, um es in diesem Augenblick wieder loszuwerden. »Mit Vergnügen«, stieß er tückisch hervor, »mit dem größten Vergnügen gehe ich. Und dir mißratenem Teufel wünsche ich allen Schwefel der Hölle in den Hals. Viel Glück, Spirito!«
Spirito antwortete nicht. Er hatte den Wortwechsel mit gesenktem Kopf verfolgt und sich für Kasimir geschämt. Jetzt hörte er die Schiebetür leise zur Seite gleiten, hörte Dr. Kasimir auf den Gang eilen und sich entfernen.
Als er aufblickte, sah er in Tobinos zufrieden lächelndes Gesicht. Ein Weilchen blickte er ihn düster an. Dann wandte er sich schroff ab, trat an die gläserne Außenwand und schaute in den Garten. Er sah einige mit Koffern beladene Diener auf die Garagen zueilen und die Gepäckstücke in Dr. Kasimirs Auto verstauen. Kasimir folgte ihnen, setzte sich ans Steuerrad und fuhr, krampfhaft geradeaus blickend, durch das Rosentor hinaus auf die Allee, die zur Stadt führte.
»Das war der Dreiundsechzigste«, hörte er Tobino hinter sich sagen, »er hat einen Haufen Geld eingeheimst. Sie können froh sein, daß Sie diesen Posten erwischt haben!«
»Ich möchte nie wieder solche Dämlichkeiten von dir hören«, sagte Spirito drohend.
Sekundenlang blieb es hinter ihm still. Schließlich hörte er zwei, drei durch die Felle gedämpfte Schritte auf sich zukommen. Er blickte zur Seite in Tobinos Gesicht. Verwundert sah er darin einen begeisterten Ausdruck.
»Sind Sie streng?« fragte Tobino.
»Ja, ich werde streng mit dir sein.«
»Mit Verprügeln und Schimpfen und Strafarbeiten?«
Spirito schüttelte den Kopf. »War je ein Erzieher derart streng mit dir?«
»Nein, nie. Neulich habe ich einen Film gesehen, da war ein Lehrer streng mit seinen Schülern. Da hatten sie dauernd etwas zu tun.«
»Was hatten sie zu tun?«
»Sie dachten sich alles Mögliche aus, um den Lehrer zu ärgern – und nicht erwischt zu werden. Wenn Sie auch so streng sein wollen, werde ich Papa bitten, daß Sie schnell zu Geld kommen!«
»Aber ich will gar kein Geld dafür«, sagte Spirito kopfschüttelnd, »ich habe mir nämlich vorgenommen zu versuchen …« Er stockte.
Fassungslos fragte Tobino: »Sie wollen kein Geld? Aber alle wollen doch Geld!«
»Du solltest davon nicht so überzeugt sein, Tobino. Es gibt sicher welche, wenn auch nicht viele, die viel weniger Geld haben und doch mit dir nicht tauschen würden. Einer von denen bin ich.«
»Sind Sie etwa nicht hergekommen, um viel Geld zu verdienen?«
»Nein.«
Tobino biß sich auf die Lippen. »Sind Sie«, fragte er mit gedämpfter Stimme wie ein Verschwörer, »sind Sie etwa noch reicher als wir?«
»Vielleicht. Da ich immer glücklich und zufrieden bin, muß ich wohl irgendwie reich sein.«
»Was macht glücklich und zufrieden?« rief Tobino.
»Bist du es denn nicht?« fragte Spirito.
Tobino zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, was es ist. Darum kann ich nicht sagen, ob ich es bin. Wollen Sie es mir zeigen?« Zum erstenmal lächelte Spirito. »Ich will es versuchen«, sagte er entschlossen, »ja, ich will es versuchen. Und jetzt solltest du mich endlich deinen Eltern vorstellen.«
»Wem?«
»Deiner Mutter! Deinem Vater! Ich möchte sie begrüßen und mich mit ihnen bekannt machen.«
Tobino schüttelte den Kopf: »Die sind nicht hier. Papa kommt ganz selten nach Hause. Er muß so viel arbeiten. Und wenn er da ist, hat er nie Zeit für mich.«
»Und deine Mutter?«
»Ich weiß nicht, sie ist irgendwo zur Kur, in Indien oder in Grönland, wo man Kopfschmerzen los wird. Sie hat dauernd Kopfschmerzen. Ich habe sie seit Monaten nicht mehr gesehen.« Er seufzte und blieb mit hilflos hängendem Kopf vor Spirito stehen. Deshalb konnte er auch nicht sehen, daß sein neuer Erzieher plötzlich die Brille abnahm und sie sorgfältig mit seinem Taschentuch putzte.
Wie dumm, sagte sich Spirito, wie dumm war doch mein Zorn vorhin. Er setzte sich die Brille wieder auf die Nase und streckte seine Hand nach Tobino aus. Eigentlich wollte er dem Jungen freundlich durch das dunkle Haar fahren, aber im letzten Augenblick dachte er, daß Mitleid in diesem Fall übertrieben wäre. So ließ er die Hand nur auf Tobinos Schulter fallen und sagte: »Dann tun wir eben etwas anderes.«
Tobino strahlte ihn an. »Etwas tun? O ja! Was?«
»Du könntest mir dein großes Reich zeigen, damit ich mich künftig darin zurecht finde. Spielen wir also Fremdenführer und Museumsbesucher. Du bist der Fremdenführer, ich bin der Gast. Ich habe von der berühmten Ausstellung gehört, bin extra dafür von weit her gekommen. Nun möchte ich sie besichtigen.«
»Und wo fangen wir an?« fragte Tobino.
Spirito zog die Schultern hoch und sagte: »Sie müssen sich in Ihrem Reich auskennen, mein Herr.«
Tobino griff nach seiner Hand und zog ihn hinter sich her.
Kurzschluß in der Kuppel
Zuletzt, als schon der Abend dämmerte, fuhr Tobino mit seinem neuen Erzieher im Lift hinauf in die gläserne drehbare Kuppel, die Schloß Vivato krönte: Tobinos Spielzimmer. Sie waren kaum eingetreten, als Tobino stolz den Mechanismus betätigte, der die Kuppel in Bewegung setzte. Der Raum schlingerte wie ein Schiff um seinen Anker.
»Nicht in der Mitte stehenbleiben«, riet Tobino, »da merkt man nicht, daß man fährt. Hier, kommen Sie auf die Rundbank!«
Spirito ließ sich erschöpft auf die weich gepolsterte, mit weißem Leder bezogene Bank fallen. Dieser Tag hatte ihn sehr angestrengt. Nach dem üppigen Mittagessen hätte er gern ein Stündchen geschlafen, doch Tobinos Begeisterung über das Fremdenführerspiel hatte ihn mitgerissen. Es war, als entdeckte Tobino selbst zum erstenmal richtig das Schloß Vivato. Sie ließen sogar am Nachmittag den Kaffee kalt werden und verzichteten auf Eis, Gebäck und Schlagsahne.
Sie hatten beim Rosentor begonnen, hatten den riesigen Park und die Nebengebäude durchstreift, auch der Hansekogge im Teich einen Besuch abgestattet und schließlich das ganze Schloß besichtigt. Spirito konnte nur noch mühsam die zahllosen Besonderheiten würdigen.
Jetzt, während er auf der Rundbank im Kreis herumfuhr, was ihn schwindelig machte, flossen die Eindrücke wie zu einer dicken bunten Soße zusammen. Fast jede Tür, jedes Fenster, jedes Gerät und viele Möbel in diesem Hause waren technische Wunderwerke. Spirito hatte gestaunt und bewundert, daß Tobinos Stolz auf sein Besitztum wuchs. Die Techniker, Physiker und Chemiker in den Fabriken seines Vaters hatten monatelang an einzigartigen Erfindungen für Schloß und Park gearbeitet. Alles funktionierte lautlos vollelektronisch, durchkreuzt von Vorwarn- und Alarmanlagen. Und immer wieder hatte Tobino beteuert: »Was glauben Sie, wieviel das alles gekostet hat!«
Es war zu viel. Spirito fühlte sich ziemlich miserabel. »Stell das Karussel ab«, bat er, »sonst wird mir schlecht.«
Tobino zog einen Hebel, die gläserne Kuppel stand still. »Gefällt es Ihnen nicht?« fragte er besorgt.
»Ich stelle mir vor«, sagte Spirito, »welche Hitze sich in der Kuppel breitmacht, wenn die Mittagssonne darauf scheint.«
Tobino lachte. »Dagegen sind Kühlanlagen, Windgeräte, Luftbefeuchter und künstliche Schatten da.«
»Das hätte ich mir denken können«, brummte Spirito und blickte sich um. Die Rundbank war das einzige Möbelstück in dem großen kreisrunden Raum. Den mit einem glatten, duftenden Kunststoff belegten Fußboden bedeckten herumliegende Spielsachen. Man hätte mit ihnen fast einen Eisenbahnwaggon füllen können.
»Wann spielst du hier?« fragte Spirito.
Tobino schob die Unterlippe vor: »Fast nie.«
»Bist du oft abends hier oben?« fragte Spirito.
»Nein. Abends sehe ich mir unten meistens Filme an. Oder ich schwimme im Keller im Warmwasserbecken, bis ich müde bin.«
»Bist du nie abends hier oben gewesen?«
»Weiß ich nicht, kann mich nicht erinnern. Warum?«
»O, ich könnte mir denken, daß es in einer klaren Sternennacht hier oben wunderbar sein müßte!«
»Wir haben eine klare Sternennacht. Und nichts ist wunderbar.«
»Mach das Licht aus, dann beweise ich es dir.«
Tobino blickte sich suchend um und sah dann Spirito verlegen an. »Das geht leider nicht«, erklärte er.
»Geht nicht? Man muß doch die Beleuchtung ausmachen können!«
»Es geht wirklich nicht. Das Licht schaltet sich von selbst ein, sobald es dunkel wird. Das ist auch so eine Erfindung für das Schloß. Und es geht morgens von selbst wieder aus. Dämmerungsschalter! Verstehen Sie?«
Spirito mußte lachen, als er das hörte. Gleichzeitig dachte er, daß man darüber ebensogut weinen könnte.
»Warum lachen Sie?« fragte Tobino verstört. »Die Anlage kostet viel Geld, darüber lacht man doch nicht!«
Und da Spirito nur mit einem verzweifelten Kopfschütteln antwortete, fügte er trotzig hinzu: »Mir gefällt es jedenfalls sehr gut – das ganze Schloß! Kein Mensch hat so ein Schloß wie ich. Ist es nicht schön?«
»Sicher«, sagte Spirito, »es ist dein gutes Recht, dich in deinem Zuhause wohlzufühlen.«
»Ob ich mich hier wohlfühle, weiß ich nicht. Aber schön ist es. Sagen Sie, daß es schön ist! Los!«
»Ich müßte übertreiben.«
»Sagen Sie sofort, daß es schön ist!« wiederholte Tobino stur.
»Du mußt mir schon eine andere Meinung gestatten, Tobino.«
»Wenn ich Ihnen fünfzig Mark gebe – sagen Sie dann, daß Schloß Vivato schön ist?«
»Niemals.«
»Also hundert Mark!«
»Auch für eine Million nicht.«
»Aber das ist dumm von Ihnen! Wissen Sie, was Doktor Kasimir einmal gemacht hat? Ich mußte allerdings ziemlich lange mit ihm handeln. Das war lustig. Als ich ihm schließlich tausend Mark bot, sagte er: Ich bin ein eingebildeter, langweiliger Affe! Das hatte ich ihm vorgesagt.«
»Darauf hätte er auch von allein kommen können«, murmelte Spirito. »Es ist nicht sehr fein, einen Menschen so zu behandeln. Tust du das gern?«
»Bei Doktor Kasimir hat es mir Spaß gemacht.«
»Und bei mir denkst du, kannst du auch alles mit Geld erreichen.«
Tobino senkte sein Gesicht. »Ich hör ja schon auf. Wenn Sie selbst so reich sind, können Sie mir auch umsonst sagen, daß alles in Schloß Vivato schön ist.«
»Ich müßte dich und mich belügen. Das soll man selbst für eine Million nicht tun.«
»Warum finden Sie es nicht schön? Papa hat sich solche Mühe gegeben, alles erfinden und entwerfen zu lassen. Und was es erst kostete! Warum finden Sie es nicht schön?«
»Ich habe eben einen anderen Geschmack.«
»Finden Sie Schloß Vivato etwa nicht geschmackvoll?«
»Wenn du es unbedingt wissen willst: nein.«
»Wieso denn nicht! Es ist doch alles dran!«
»Das ist es ja eben. Geschmackvoll ist, was Maß hat. Was zu sehr auffallen will, ist nicht mehr schön.«
Tobino runzelte die Stirn.
»Du wolltest meine Meinung ja unbedingt wissen!« fügte Spirito hinzu und fragte: »Bist du jetzt gekränkt?«
»Nein. Ich muß darüber nachdenken. Ich muß sofort hinunter ins Fellzimmer und mir lauter Dinge ausdenken, die einfach und doch schön sind!«
»Ist dir schon etwas eingefallen?«
»Warten Sie mal … ja! Wenn im Fellzimmer statt der Felle nur Daunenkissen lägen – die sind einfacher und billiger. Dann wäre es schöner!«
Spirito seufzte: »O Tobino! Nein, den wahren Unterschied werde ich dir nicht an einem Abend beibringen können.«
»Ist es falsch, was ich mir ausgedacht habe?«
»Ganz falsch. Aber du wirst schon noch dahinterkommen.«
»Werden Sie es mir zeigen?«
»Ich werde mir Mühe geben. Aber nicht jetzt. Für heute möchte ich dir noch etwas Besonderes vorschlagen. Ich habe vorhin gesagt, daß ich dir gern beweisen würde, wie wunderbar es jetzt hier oben sein muß, wenn das Licht aus wäre. Wollen wir nicht mal untersuchen, ob es doch zu löschen ist?«
»Ich habe es noch nie versucht.«
»Es muß doch irgendwo einen Schaltkasten für die Anlage geben.«
»Ich weiß etwas Besseres«, schlug Tobino vor, »ich rufe den Hauselektriker herauf. Der muß es ja wissen.«
Er trat zur Wand an eine Sprechmuschel und rief hinein: »Der Elektriker soll sofort rauf in die Kuppel kommen!«
Seine helle Stimme hallte aus mehreren Lautsprechern durch das Schloß.
»Es ist schaurig«, meinte Spirito, »wie viele Möglichkeiten du hast, dich wichtig zu machen. Übrigens hättest du den Mann höflicher heraufbitten können.«
»Bitten? Er wird für seinen Posten ja bezahlt!«
Spirito wandte sich verärgert von ihm und brummte: »Du hast gar kein Hirn mehr im Kopf, nur Zahlen und Berechnungen. Wenn das bei deiner Mutter auch so ist, kann ich mir ihre Kopfschmerzen gut erklären.«
Ehe Tobino antworten konnte, hörten sie den Lift summen. Sekunden später trat der Elektriker ein. Er brachte seinen Werkzeugkasten mit. Tobino stellte sich vor ihn hin, um ihm seine Anweisungen zu erteilen, als er sich auf etwas zu besinnen schien. Er drehte sich noch einmal kurz zu Spirito um und sagte betont: »Wir möchten bitte, daß das Licht hier bitte ausgeht. Versuchen Sie bitte, ob das zu machen ist.«
Der Elektriker starrte Tobino belustigt an. Dann blickte er über ihn hinweg zu Spirito und kniff freundschaftlich ein Auge zu. »Da werden Sie noch viel zu tun haben, Herr Erzieher«, sagte er, »wenn Sie einem, der gewohnt ist zu befehlen, das Bitten beibringen wollen.«
»Ja, ja«, erwiderte Spirito, »aller Anfang ist schwer, heißt es. Wie steht es mit dem Licht – können Sie es ausmachen?«
Der Elektriker wiegte seinen Kopf: »Ich fürchte, das weiß nur der Konstrukteur. Wenn es überhaupt geht! Hier …«, er schlug einen der Banksitze auf, »hier ist die Schaltstelle. Ich möchte nichts daran machen. Die Anlage ist zu kostspielig. Wenn etwas kaputt geht …«
»Kann man nicht wenigstens die Birnen ausschrauben?« fragte Spirito.
»Hier sind gebogene Leuchtstäbe angebracht, keine Birnen. Alles Maßarbeit!«
»Hm, ja, dann müssen wir die Hoffnung auf Dunkelheit in diesem Raum wohl aufgeben«, sagte Spirito und blickte bedauernd zu den unsichtbaren Lichtquellen auf. Der Elektriker folgte seinem Blick.
So sah keiner, wie Tobino sich blitzschnell über den offenen Werkzeugkasten beugte, einen großen Hammer herausriß und sich damit auf die geheimnisvolle Apparatur stürzte. Als der erste Schlag krachte, erstarrten die beiden Männer. Sie konnten auch nicht mehr eingreifen. In der nächsten Sekunde erloschen rings in der Kuppel die Lichter.
Tobino stieß einen Freudenschrei aus und schleuderte den Hammer in seinen Spielzeugberg, daß es klirrte und klapperte. »Ich konnte es!« rief er, »ich habe es ausgeschaltet!« »Das war vermutlich die teuerste Ausschaltung der Welt«, sagte der Elektriker und knipste seine Taschenlampe an, um sich den Hammer wieder zu suchen. »Soll ich eine Notbeleuchtung legen?« fragte er.
»Nein, bitte nein! Bitte keine Beleuchtung!« rief Tobino, »sonst sehe ich das Wunderbare nicht!«
»Also kann ich jetzt gehen?«
»Ja«, mischte sich Spirito ein, »Sie können gehen. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Sache hier. Das bringe ich mit Tobinos Vater ins Reine.«
»Nett von Ihnen. Gute Nacht«, sagte der Elektriker und ging.
Sie hörten, daß draußen wenigstens noch alles funktionierte, auch der Lift.
Tobino atmete auf, als hätte er zum erstenmal im Leben eine Heldentat vollbracht. Durch den finsteren Raum tastete er sich zu Spirito auf die Rundbank. »Und jetzt«, sagte er, »müssen Sie mir das Wunderbare zeigen.«
»Ich weiß nicht«, meinte Spirito, »ich zweifle daran, daß es für dich ein Ersatz für deine abendlichen Kinovorführungen ist.«
»Ach, Sie wissen ja nicht, wie langweilig es ist, jeden Tag ins Kino zu gehen. Ich schlafe oft dabei ein.«
»Das ist nicht die übelste Wirkung«, sagte Spirito, »obwohl es mich heute kränken würde, wenn du einschliefest. Es würde mich im Namen der Sterne kränken.«
»Wollen Sie mir etwa Sterne zeigen?« fragte Tobino enttäuscht, »ich weiß doch, wie sie aussehen: leuchten wie Taschenlampen und haben spitze Zacken.«
»Das sagst du, ohne zu ihnen aufzublicken?«
Tobino legte den Kopf zurück und blickte durch die gläserne Kuppel hinaus. Nach allen Richtungen sah er den wolkenlosen Nachthimmel, der im Osten um den aufgehenden Mond hell schimmerte.
»Die Japaner bauen sich in ihre Häuser oft ein Mondfenster«, erzählte Spirito, »von dort aus können sie besonders gut den Mondaufgang verfolgen. Manchmal laden sie sich dazu Gäste ein, um sie an dem Schauspiel teilnehmen zu lassen. Dann sitzen sie schweigend am Fenster, trinken Tee, um ihre Sinne zu schärfen und blicken nach Osten, wie jetzt wir beide. Siehst du, wie schnell er kommt? Schau hinab in den Park. Das steigende Mondlicht verwandelt ihn von Sekunde zu Sekunde. Aus Büschen und Bäumen wachsen lange Schatten. Soll ich still sein, damit du es besser betrachten kannst?«
»Kann man es denn hören?«
Spirito mußte lächeln. Er schwieg.
»Man hört nichts«, sagte Tobino, »nur im Garten übt jemand auf einer Geige immer denselben Ton.«
»Das sind Grillen.«
»Was sind Grillen. Sind es Drähte?«
»Tiere sind es! Kleine Insekten, die an Sommerabenden im Gras zirpen. Was hast du bloß in deinen Unterrichtsstunden bisher gelernt?«
»Ich mußte rechnen, immer rechnen. Die Erzieher behaupteten, es sei das einzig Wichtige für mich, weil ich später Papas ganzes Geld bekomme. Am Anfang habe ich auch Lesen und Schreiben gelernt, aber sonst nur Rechnen. Ich mag es nicht, ich habe nie gut aufgepaßt …«
»Da!« rief Spirito. »Eine Sternschnuppe!«
Tobino sah sie noch und sprang auf. Sie stürzte wie ein Feuertropfen aus einem Sternbild und verglomm in der Nacht.
»Was war das!« fragte Tobino aufgeregt. »Ist vielleicht ein Stern runtergefallen?«
»So sah es aus. In Wirklichkeit sind es kleine Himmelskörper aus unserer Galaxie. Wenn sie die oberen Schichten unserer Lufthülle berühren, reiben sie sich daran heiß und leuchten auf.«
»Und wohin fallen sie?«
»Sie verbrennen oder verlassen den Rand unserer Lufthülle wieder, setzen draußen im Weltraum ihre Bahn fort. Und manche fallen auch auf die Erde.«
»Kann auch einer zu uns fallen? O, Herr Spirito, ich möchte, daß ein Stern zu mir fällt!«
»Es sind Sternschnuppen – steinartige oder eisenhaltige Gebilde. Übrigens würde ich mir das nicht wünschen, es ist gefährlich. Vor achtzig Jahren stürzte ein Meteor, wie sie auch heißen, in Sibirien auf die Erde. Er verwüstete beinahe hundert Quadratkilometer Wald. Natürlich gibt es auch winzige Meteore …«
»Jetzt ist der Mond halb über dem Erdrand!« rief Tobino, »ich hätte nie gedacht, daß man es beobachten kann. Ich dachte immer, er ist eben einfach da.«
»Siehst du den breiten Sternenstreifen quer über dem Himmel? Das ist die Milchstraße. Ein Band aus zahllosen Sternen. Es gibt viele, viele Milchstraßensysteme im Weltraum …«
Spirito erhob sich von der Bank und fuhr fort: »Ich zeige dir jetzt einige Sternbilder, von denen du sicher schon gehört hast. Als erstes den Großen Bären mit dem Polarstern, damit du lernst, nachts die Himmelsrichtungen zu finden. Der Polarstern macht dir das leicht, man nennt ihn auch Nordstern …«
Sie standen in der Mitte des Raumes. Spirito legte den linken Arm um Tobinos Schulter und deutete mit der rechten Hand von Stern zu Stern, bis Tobino die Bilder erkannte: Perseus und Giraffe, Kassiopeia, den Drachen, den Adler und die Schlange, die Jagdhunde und beide Bären, das Bild der Jungfrau und des Bootes, Schwan und Schlangenträger. Tobino wurde nicht müde. Er stellte viele Fragen.
»Ich dachte«, sagte er schließlich, »in dieser Gegend gebe es nichts Schöneres als Schloß Vivato.«
»Nun ja«, meinte Spirito, »du hast alles an der Pracht von Schloß Vivato gemessen. Und da wußtest du nichts von der Schönheit der Nacht.«
»Wer hat sie gemacht, die Nacht?« fragte Tobino, »es muß eine große Arbeit gewesen sein.«
»Das ist ein guter Einfall für unsere erste Schulstunde, Tobino. Ich erzähle dir morgen, wie Himmel und Erde erschaffen wurden.«
»Bitte, bitte erzählen Sie es mir gleich!«
Spirito freute sich insgeheim, daß Tobino, der bisher nur befohlen hatte, so eindringlich bat. »Weißt du«, sagte er und gähnte, »wir gehen schlafen. Ich bin müde.«
»Ich nicht«, sagte Tobino, »ich bin endlich einmal richtig wach.«
Die geschenkte Welt
Beim Frühstück schlug Herr Spirito vor, Tobino nicht im Schulzimmer zu unterrichten, sondern lieber in der gläsernen Kuppel und besonders im Garten. »Wir können auch in die Umgebung wandern«, schloß er.
Tobino legte rasch einen Zeigefinger auf die Lippen und deutete mit einer Kopfbewegung zum Diener, der ihnen Kakao, Brote, Eier und Schinken, Honig, Ananasgelee und Schlagsahne, Pfirsiche, Süßkirschen und Erdbeeren servierte. Verständnislos blickte Spirito von einem zum andern. Tobino rief dem Diener zu: »Gehen Sie mal für fünf Minuten hinaus auf den Gang!«
Kaum hatte der Diener sich entfernt, flüsterte Tobino: »Ich gebe Ihnen hundert Mark, wenn Sie es fertigbringen, mich unbemerkt aus dem Schloßpark zu schmuggeln!«
»Was soll das? Ich schlage dir einen harmlosen Ausflug vor, und du willst mich zu zwielichtigem Treiben aufwiegeln?«
»Das ist nämlich so: Ich darf nicht in die Umgebung wandern. Papa hat ständig Angst um mich. Ich könnte auf ungepflegten Wegen stolpern und mir den Hals brechen …«
»Dann doch wohl eher auf den blanken Böden hier!«
»Das ist ja noch nicht alles«, fuhr Tobino fort, »ich könnte von Schlangen oder tollwütigen Hunden gebissen werden oder erfrieren oder in Gräben fallen oder überfahren werden oder – was Papa am meisten fürchtet: ich könnte gestohlen werden!«
»Ge-stoh-len? Welcher Dieb hätte einen so ausgefallenen Geschmack?«
»Wissen Sie nicht, daß gerade Kinder von reichen Leuten gern gestohlen werden? Die Eltern sollen dann ein hohes Lösegeld bezahlen.«
Spirito stöhnte: »Erstens gehe ich mit dir. Zweitens kennt dich doch nicht jeder!«
»Doch. In allen Zeitungen waren schon viele Fotos von mir. Ich bin nämlich berühmt.«
»Auch das noch! Dann zieh dich eben unauffällig an, armselig und möglichst schmutzig.«
»Aber ich habe nichts Armseliges! Außerdem darf ich nur mit dem kugelsicheren Auto hinausfahren. Jedesmal fahren zwei Autos mit Detektiven mit. Die passen mit Adleraugen auf mich auf. Jeder hat zwei Revolver.«
»Du verdirbst mir das köstliche Frühstück«, sagte Spirito, »ich muß mit deinem Papa über diese Angelegenheit reden. Sie sollte schleunigst geändert werden.«
»Schreiben Sie ihm doch einen Brief!«
»Nein, solche Dinge muß man mündlich ausmachen.«
»Bis Papa kommt, dauert es zu lange.«
»Das werden wir sehen. Solange ich nicht mit ihm darüber gesprochen habe, fahren wir vorschriftsmäßig mit der Autokarawane. Spaßeshalber würde ich das gern einmal ausprobieren.«
Der Diener trat wieder ein, weil die fünf Minuten abgelaufen waren. Er sah Tobino und Spirito finster grübelnd vor ihren Tellern sitzen. Es beunruhigte ihn nicht. Er war es gewohnt, Tobinos Erzieher in stummer Verzweiflung und den kleinen Herrn schlecht gelaunt zu sehen.
Gleich darauf erhoben sich die beiden und fuhren hinauf in die Glaskuppel, um mit ihrer ersten gemeinsamen Schulstunde zu beginnen.
»Gestern abend haben Sie mir etwas versprochen«, sagte Tobino. »Sie wollten erzählen, wie Himmel und Erde erschaffen wurden.«
»Richtig. Es ist die großartigste Geschichte, die ich kenne.«
»Wie wurden die Steine gemacht? Das Eisen? Und das Gold?«
»Warte, Tobino, wir fangen ganz vorne an.«
Tobino setzte sich auf die Rundbank, Spirito ihm gegenüber und fing an: »Du mußt dir zunächst vorstellen, daß es alles, was du siehst, nicht gab. Die Erde war eine einzige Wasserwüste und lag in völliger Finsternis. Es gab keine Sterne, keine Sonne, keinen Mond, nicht Menschen, Tiere und Pflanzen, keinen Sand, keine Steine – nichts als Finsternis und Wasser. Die Erde war wüst und leer …«
Spirito zog ein schwarzes Buch aus einer Jackentasche. »Hier ist das Buch«, sagte er, »das von der Welterschaffung erzählt. Es ist die Bibel. Ich lese dir das erste Kapitel vor, weil ich diese Glaubensgeschichte selbst nicht besser erzählen könnte. Wenn du Fragen hast, besprechen wir sie anschließend. Die nächsten Wochen verwenden wir darauf, die Schöpfung zu besichtigen. Bist du mit meinem Unterrichtsplan einverstanden?«
»Fangen Sie doch endlich an!«
Spirito schlug das Buch auf und las vor:
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Die Erde aber war wüst und öde,
Finsternis lag über der Urflut,
und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
Gott sprach:
Es werde Licht.
Und es wurde Licht.
Gott sah, daß das Licht gut war.
Gott schied das Licht von der Finsternis,
und Gott nannte das Licht Tag,
und die Finsternis nannte er Nacht.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen:
erster Tag.
Dann sprach Gott:
Es werde ein Firmament
zwischen Wasser und Wasser.
Gott schied das Wasser unterhalb des Gewölbes
vom Wasser oberhalb des Gewölbes.
Gott nannte das Gewölbe Himmel.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen:
zweiter Tag.
Dann sprach Gott:
Das Wasser unterhalb des Himmels
sammle sich an einem Ort,
damit das Trockene sichtbar werde.
So geschah es.
Das Trockene nannte Gott Land,
und das angesammelte Wasser nannte er Meer.
Gott sah, daß es gut war.
Dann sprach Gott:
Das Land lasse junges Grün wachsen,
Pflanzen, die Samen tragen,
und Bäume, die Früchte bringen.
Gott sah, daß es gut war.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen:
dritter Tag.
Dann sprach Gott:
Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein,
um Tag und Nacht zu scheiden
und über die Erde hinzuleuchten.
So geschah es.
Gott machte die beiden Lichter,
das größere, das über den Tag herrscht,
das kleinere, das über die Nacht herrscht,
und dazu die Sterne.
Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe.
Gott sah, daß es gut war.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen:
vierter Tag.
Dann sprach Gott:
Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen,
und Vögel sollen am Himmelsgewölbe dahinfliegen.
Gott schuf alle Arten von Wassertieren
und von gefiederten Vögeln.
Gott sah, daß es gut war.
Gott segnete sie und sprach:
Seid fruchtbar und vermehrt euch.
Bevölkert das Wasser und die Luft.
Es wurde Abend, und es wurde Morgen:
fünfter Tag:
Dann sprach Gott:
Das Land bringe alle Arten
von lebendigen Wesen hervor,
von Vieh, von Kriechtieren
und von Tieren des Feldes.
So geschah es.
Und Gott sah, daß es gut war.
Dann sprach Gott:
Laßt uns Menschen machen.
Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres,
über die Vögel des Himmels, über das Vieh
und über alle Kriechtiere auf dem Land.
Gott schuf den Menschen als sein Abbild,
als Abbild Gottes schuf er ihn.
Er schuf sie als Mann und als Frau.
Gott segnete sie und sprach zu ihnen:
Bevölkert die Erde, macht sie euch untertan
und herrscht über die Tiere.
Dann sprach Gott:
Ich übergebe euch alle Pflanzen.
Sie sollen euch zur Nahrung dienen.
So geschah es.
Gott sah alles an, was er gemacht hatte:
Es war sehr gut.
Es wurde Abend,
und es wurde Morgen:
der sechste Tag.
So wurden Himmel und Erde vollendet.
Und Gott ruhte am siebten Tag,
nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.
Und Gott segnete den siebten Tag
und erklärte ihn für heilig.
Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde.«
(nach Genesis 1–2,4)
Tobino hatte seine Hände um die Knie gelegt und hörte Spirito gebannt zu, der hin und wieder von der Bibel aufschaute und die Schöpfungswerke in allen Einzelheiten ausmalte. Er zählte die Kontinente und Länder auf, die geschaffen wurden, die Wüsten, Gebirge und Urwälder samt Tieren und Pflanzen.
Tobino blieb wie versteinert noch ein Weilchen sitzen, als Spirito aufhörte und das Buch schloß. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf. »Es stimmt, es ist alles da«, sagte er gedankenvoll, »Licht, Himmel, Erde, Pflanzen, Tiere und Sonne, Mond und Sterne und die Menschen – aber das kann doch nicht einer ganz allein gemacht haben!«
»In der Bibel heißt es: Für Gott ist nichts unmöglich.« »Kann Gott etwa alles?«
»Wir können es ihm zutrauen.«
Tobino kniete sich auf die Rundbank und starrte hinaus, beugte sich dann vor und spähte hinunter in den Schloßpark. »Aber den Garten«, rief er triumphierend, »hat Papa anlegen lassen!«
»Wer läßt ihn grünen und blühen?«
»Die Gärtner!«
»Wir Menschen können die Schöpfungswerke nur pflegen und verwalten. Oder haben die Gärtner etwa die Blumen erfunden?«
»Die Gärtner nicht …«
»Wer sonst?«
»Sicher stimmt es, was Sie sagen, es steht ja auch in dem Buch!«
»Es stimmt für alle Menschen, die an Gott glauben, und ich bin einer davon. Was beunruhigt dich also?«
Tobino drehte sich langsam zu Spirito um und sagte stokkend: »Ich muß es unbedingt wissen, Herr Spirito: Wer hat die ganze Welterschaffung bezahlt? Wenn Schloß Vivato schon so teuer ist – wie teuer muß die Welt erst gewesen sein!«
Spirito hatte sich noch immer nicht an Tobinos Gedankengänge gewöhnt. Er lachte kurz auf und begann, mit langen Schritten auf – und abzuschreiten. »Der die Welt erschaffen hat, rechnet nicht. Ja, denke dir: Er hat uns seine Schöpfung geschenkt! Und damit wir sie genießen können, schenkte er uns Augen, das Licht zu sehen, Ohren, die Vögel singen zu hören, Nasen, die Blumen zu riechen – ja, und zwei Füße, die seine Welt durchstreifen.«
»Und Autos«, sagte Tobino.
Spirito wirbelte zu ihm herum. »Vorhin beim Frühstück erst hast du mir erzählt, daß deine Autos wie Gefängnisse sind. Von Autos aus kann man die Welt nicht schmecken und riechen. Hör auf, damit anzugeben.«
Tobino lief rot an: »Und Sie geben ja nur mit Ihren großen Füßen an!« schrie er wütend, »haben Sie mit denen etwa die Welt gesehen? Die ganze Welt?«
»Dazu braucht man nur vor die Tür zu gehen.«
»Sie mit Ihren Sprüchen! Sie sagen das nur, weil Sie sich keine Weltreise leisten können. Aber ich, mit Papas Autos und Schiffen und Flugzeugen – ich habe die ganze Welt gesehen. Fünfmal schon habe ich Weltreisen gemacht!«
»Ist es möglich!« rief Spirito überrascht. »Und das hast du mir nicht erzählt? Das möchte ich gerne genau wissen. Warst du in Afrika?«
»Natürlich war ich in Afrika.«
»Herrlich! Wo denn?«
»Im Hotel Eden. Und im Hotel Exelsior.«
»Im Hotel Eden! Im Hotel Exelsior! Warst du auch in Indien?«
»Natürlich war ich in Indien.«
»Prächtig! Wo?«
»Im Hotel Bombay und in einem riesigen alten Palast.«
»Verstehe. Und warst du auch in – Grönland?«
»Nein. Papa sagt, dort gebe es keine ordentlichen Hotels.«
»Ich verstehe. Ich frage mich nur: Was hast du eigentlich von der Welt gesehen?«
»Das habe ich Ihnen doch gerade gesagt: Afrika zum Beispiel. Und Indien!«
»Aber was hast du von Afrika und Indien gesehen?« fragte Spirito noch einmal.
»Es gibt Palmen dort …«
»Das sieht man auf jedem Reiseprospekt. Im Lexikon steht es auch.«
»Es ist wärmer dort als hier!«
»Das weiß heutzutage jeder Schulanfänger.«
Tobino senkte den Kopf und starrte auf seine Schuhe.
Mit zwei Schritten war Spirito bei ihm und legte seine Hände auf die nach vorn gesunkenen schmalen Schultern. »Ich sage dir, was du von der Welt gesehen hast, Tobino. Du hast das Hotel Eden gesehen und das Hotel Exelsior, einige Schlösser, das Hotel Bombay, sicher noch viele andere Hotels. Deine Weltreisen machen mich traurig. Aber wenn du willst, Tobino, können wir ja zusammen kleine Weltreisen machen, ganz andere als deine großen ersten, Hast du Lust?«
Tobino nickte, ohne aufzublicken.
»Und inzwischen«, schlug Spirito vor, »machen wir einen Ausflug mit deiner Autokarawane, damit mein Unterricht uns nicht überanstrengt.«
»Und wann betrachten wir uns die Schöpfung?« fragte Tobino.
»Ab heute jeden Tag.«
Pulsuz fraqment bitdi.