Kitabı oxu: «Meine Antwort auf Ihr Buch, Herr Sarrazin»

Şrift:

Evelyn Kreißig

Meine Antwort auf

Ihr Buch,

Herr Sarrazin

Ein Buch über Menschen und wenig Zahlen


Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© 2011 Verlag Kern

© Inhaltliche Rechte bei Evelyn Kreißig (Autorin)

Herausgeber: www.Verlag-Kern.de, Bayreuth Umschlagdesign und Satz: www.winkler-layout.de Lektorat: Sabine Greiner 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2012 ISBN 9783944224046

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Einleitung

Gene und Rassen

Motivationen

Familienbande

Berufswahl

Kindheitserlebnis

Migratio

Erziehungsmethoden

Verurteilung

Gesunde Lebensweise

Integration und Integrationskurse

Gutscheine

Fluchtgründe

Jugendmigrationsdienst

Flüchtlinge

Russen

Sprachkenntnisse und Einbürgerungstest

Terrorismus und Religion

Werte und Tugenden

Irakkrieg und „Familienduell“

Kopftücher

Spracherwerb und Pädagogik

Islam und Andersdenkende

Binationale Ehe

Probleme

Andere Kulturen

Belastbarkeit

Toleranz

Sex vor der Ehe

Flucht aus Afghanistan

Geduld

Ehrgeiz

Leben und Sterben im Asylbewerberheim

Ausländerfeindlichkeit

Behördengänge und Bürokratie

Don’t knock on the door!

Wegwerfgesellschaft und Tafeln

Wissen und Glaube

Kindheit und Jugend

Veränderungen

Erfolge und Misserfolge

Hindernisse

Fremde

Vorbilder

Heimatliebe und Humanismus

Sportlichkeit

Reaktionen

Fertilität

Klassentreffen

Residenzpflicht und Todesopfer

Politiker

Botschaftsbesuch

Unter- und Oberschichten

Zustimmung und Ablehnung

Gefahrensituation

Lehrjahre

Verteidigung

Bedrohungen

Namen

Humankapital

Muttersprachlichkeit

Niederlassungserlaubnis

Ehrungen und Motivationen

Einflüsse

Islamkonferenz und Christentum

Ab- und Anschaffungen

Verbote

Sprachbarrieren

Tüchtige und Intelligente

Zusammenarbeit

Kirche und Staat

Verteidigung

Genugtuung

Hilferufe

Urlaubserlebnisse

Meinungen

Hoffnungen

Kennenlernen und Wiedersehen

Schicksal

Scharia

Wünsche

Nachwort

Weitere Bücher aus dem Verlag-Kern.

Einleitung

„Menschen aus anderen Ländern bringen Freundschaft und Vielfalt der Welt zu uns.“

(Gerhard Cromme)

Das Buch habe ich geschrieben für

Reza aus Afghanistan,

Elias aus Algerien,

Cristiene aus Brasilien,

Fan aus China,

Joginder aus Indien,

Ali aus dem Irak,

Mostafa aus dem Iran,

Kasim aus dem Libanon,

Adam und Abdu aus Libyen,

Beko aus Mazedonien,

Rashid, Imran und Khurram aus Pakistan,

Sabah, Ziad und Shyar aus Syrien,

Ken Onsa-Art aus Thailand,

Serdar und Faris aus der Türkei,

Tsolmon aus der Mongolei,

Bel Hasan Ayren aus Tunesien,

Monika und Cathleen aus Afghanistan,

Valentino aus Nigeria.

Es sind Geschichten von Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Ich erzähle von ihren Erlebnissen in ihren im Vergleich zu Deutschland armen Heimatländern und von ihren Träumen und Wünschen in unserem reichen Staat.

Gene und Rassen

„Ein Land mit nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum ehre die Fremden und hole sie ins Land.“ Stephan I., der Heilige (975-1038), erster König der Ungarn (ungar. István I.)

Vor ein paar Jahren, als ich noch in einer Mittelschule arbeitete, haben alle Lehrer ein Informationsblatt des Netzwerkes Sachsen gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit (NWS) e. V. erhalten. Darin heißt es u. a.:

Jeder Mensch ist anders.

Jeder Mensch hat ganz bestimmte Fähigkeiten.

Jeder Mensch ist wichtig - für die Familie, Klasse, Sportgruppe, seinen Wohnort.

Jeder Mensch ist einmalig.

Alle Menschen sind gleichwertig, egal wo sie geboren sind, wo sie herkommen, wie sie aussehen, was sie können.

Im Grundgesetz steht unter dem Artikel 3 (Gleichheit vor dem Gesetz, Absatz 3) die Formulierung:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

In einem Artikel von Martin Marheinecke ist zu lesen:

„Ende August 2000 löste eine Meldung der ‚New York Times‘ bei Anti-Diskriminierungsgruppen in aller Welt Beifall aus: Es sei nun wissenschaftlich bewiesen, dass es keine Menschenrassen gibt!“ (Martin Marheinecke, „Menschenrassen gibt es nicht!“, 2003)

Nach Ergebnissen der Genforschung kam ein Team von amerikanischen Wissenschaftlern zu der Erkenntnis, dass es nur eine Rasse gibt, nämlich die „Menschenrasse“. Nur 0,01 Prozent unserer Gene bestimmen danach unsere äußeren Unterschiede wie Hautfarbe, Augenform und Körperbau. Intelligenz, künstlerisches Talent und soziales Verhalten, wenn überhaupt genetisch bedingt, hängen von tausenden, wenn nicht sogar zehntausenden Genen ab. Die Untersuchungen belegen, dass die genetischen Unterschiede innerhalb einer Gruppe von Schwarzafrikanern weitaus größer sind als die zwischen dieser Gruppe und einer Gruppe hellhäutiger Nordeuropäer. Weiter heißt es in der überarbeiteten Fassung des Textes von 2003: „Außerdem sind Menschen eine mobile Spezies, Wanderbewegungen führten immer wieder zu Vermischungen des Genpools.“ Auf die Behauptung, dass die Juden ein bestimmtes Gen teilen, haben Sie in Ihrem Buch, Herr Sarrazin, nach mehrfachen Protesten aus verschiedenen Richtungen verzichtet und diese Aussage dann auch später mit der Begründung, kein Genetiker zu sein, relativiert. Professor André Reis, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, der auf stern.de von Lea Wolz zu der Frage, ob es ein Juden-Gen gibt, interviewt wird, formuliert: „Mit dieser Aussage hat sich Sarrazin meiner Meinung nach disqualifiziert. Da ist er völlig auf dem Holzweg. Es gibt keine genetischen Merkmale, die einzelne Bevölkerungs- und Religionsgruppen charakterisieren.“

Laut Wikipedia entstand der Begriff „Rasse“ im 15. Jahrhundert in Spanien und bedeutete ursprünglich, von guter oder schlechter Herkunft zu sein. Er wurde hauptsächlich bei der Beschreibung von Adelsfamilien und in der Pferdezucht verwendet. Schon lange wenden sich Menschenrechtler gegen den Gebrauch des Begriffes im Grundgesetz, wogegen sich aber die Mehrzahl der Politiker zu wehren scheint. Nach dieser Definition unterscheiden wir also heute immer noch Menschen wie Tiere nach Rassen! Ich frage mich, warum es so kompliziert sein soll, dieses Wort aus der Verfassung der BRD zu streichen.

Motivationen

Cristiane ist eine schöne und temperamentvolle und im wahrsten Sinne des Wortes rassige Brasilianerin und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, den sie bei einem Arbeitseinsatz in Brasilien kennenlernte. Ihre Muttersprache ist Portugiesisch. Motiviert durch ihre Beziehung zu ihrem späteren Mann, eignete sie sich schnell einen großen Wortschatz der deutschen Sprache an. Seit August 2010 besucht sie die Vorbereitungsklasse mit berufsbildenden Aspekten am Berufsschulzentrum in Freiberg, in der jugendliche Migranten die deutsche Sprache lernen bzw. vervollkommnen. Da sie sehr mitteilungsbedürftig ist, erzählte sie mir viel aus ihrem Leben in Brasilien. Wir fanden schnell einen Draht zueinander und eines Tages machte ich die Bemerkung, dass sie über ihre Erlebnisse doch ein Buch schreiben könnte. Mit der Entgegnung, dass ich das auch könnte, da ich ja so viele Ausländer kenne und gute Beziehungen zu ihnen habe, gab sie mir den letzten Anstoß, dieses Buch zu schreiben, was ich schon längst als Vorhaben in meinem Hinterkopf hatte.

Meine zusätzliche Motivation war Ihr Buch „Deutschland schafft sich ab“, Herr Sarrazin, das ich gerade lese. Dieses habe ich mir von meinem Mann zum Geburtstag schenken lassen, das heißt, eigentlich schenkte er mir die Autobiografie von Angelina Jolie, aber die interessierte mich weniger als die Problematik, um die es in Ihrem Buch geht. Deshalb habe ich es kurzerhand umgetauscht. Ein anderes Buch, das ich gleichzeitig lese, hat den Titel „Entweder Broder“ und ist eine Deutschland-Safari mit Henryk M. Broder, einem polnischen Juden, und Hamed Khaled-Samad, einem ägyptischen Moslem, die beide in Deutschland vollkommen integriert sind. Angeregt wurde ich dazu durch eine Fernsehsendung in der ARD, die mich neugierig auf die beiden Männer machte und über die ich mehr wissen wollte. Ich verbinde in dem vorliegenden Buch meine Erlebnisse und Erfahrungen mit Migranten in meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrerin mit autobiografischen Fakten und Antworten auf Ihr Buch, Herr Sarrazin. An verschiedenen Stellen stelle ich Fragen an Sie und kommentiere Meinungen über Sie und Ihr Buch. Dabei gehe ich auf einzelne Textabschnitte ein, ergänze Meinungen von mehr oder weniger bekannten Personen und reflektiere aktuelle und geschichtliche Ereignisse.

Herr Sarrazin, auf Ihrer Homepage (vom 23.08.2010) kündigen Sie die Veröffentlichung Ihres Buches mit folgenden Worten an: „Trotz meiner extrem harten Arbeit bei der Deutschen Bundesbank geht unser deutsches Vaterland für mich immer vor. Deshalb habe ich nebenher ein Meisterwerk analytischer Probleme geschaffen. […] Anständige Deutsche sollten dieses Buch kaufen.“ Man kann nur hoffen, dass Ihre extrem harte Arbeit bei der Deutschen Bundesbank trotzdem einen Einfluss auf die positive Entwicklung unseres (wen Sie auch immer zu den Unsrigen zählen) Landes hatte. Es bleibt abzuwarten, ob unsere Nachkommen Ihr von Ihnen als Meisterwerk bezeichnetes Buch auch als solches einschätzen. Ihr Rat an die anständigen Deutschen, das Buch zu kaufen und nicht einfach nur zu lesen, ist ja von sehr vielen erhört worden. Anständig waren sie zumindest in Bezug auf die Mithilfe bei Erhöhung der Verkaufszahlen. Ob es alles Anständige waren im Sinne dieser Charaktereigenschaft ist zu bezweifeln. Meine Frage an Sie ist, was verstehen Sie eigentlich unter einem anständigen Deutschen? Ich meine, was für den einen anständig ist, muss es für den anderen noch lange nicht sein, oder? Sie schätzen sich ja offensichtlich als anständig ein und ich darf mich auch dazu zählen, denn ich habe Ihr Buch gekauft und sogar gelesen! Da das Gegenteil von anständig unanständig ist, müssen sich wohl diejenigen, die Ihr Buch noch nicht gekauft haben, wirklich schämen! Aber vielleicht hatten sie einfach nicht das Geld dazu oder geben es nur für Trivialliteratur aus. Auf jeden Fall habe ich Ihr Buch in meiner „anständigen“ Familie zum Lesen ausgeliehen.

Familienbande

Cristiane ist die Einzige aus ihrer Familie, die in Deutschland lebt. Doch trotz der großen räumlichen und zeitlichen Entfernung zwischen ihr, ihren zwei Schwestern und ihren Eltern ist für sie ihre Familie sehr wichtig, was sie immer wieder zum Ausdruck bringt. In meiner eigenen Familie sieht es anders aus. So äußerte eine Verwandte bei einer Familienfeier, bei der auch ihre Schwiegereltern anwesend waren: „Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht.“ Seitdem, es ist ungefähr zehn Jahre her, haben ihre Schwiegereltern kein Wort mehr mit ihr und ihrem Mann gewechselt und sich nie mehr gesehen. Mein Bruder, der für eine Versicherung arbeitet, hat seit vier Jahren keinen Kontakt mehr zu mir und meinen zwei Schwestern, weil er von der Familie eine Auszeit wollte.

Den Grund dafür habe ich damals nicht erfahren. Erst bei einem Gespräch mit meinem Bruder, das ich vor ungefähr zwei Jahren mit ihm suchte, schilderte er mir seine Motive. So erzählte er mir, dass er für ein Versicherungsangebot für das Auto seiner Nichte viel Zeit investiert hat, sie dann den Vertrag jedoch nicht abschloss. Außerdem wären ihm die Zusammentreffen der Familie zu häufig. Das klingt sicher für Außenstehende ziemlich lächerlich und ist auch für mich nicht nachvollziehbar.

Ich will weitere Einzelheiten gar nicht genau ausführen, aber hier bewahrheitet es sich, dass man mit der Familie lieber keine Geschäfte machen sollte. Ich muss dazu sagen, dass mein Bruder meiner Meinung nach zu den „Reichen an Geld“ der Gesellschaft gehört. Das hat mit seiner Cleverness zu tun, die er bei der Ausübung seinen Jobs bei einer Versicherung anwendet. Aber Reichtum beschränkt sich ja bekannterweise nicht nur auf Geld, sondern auch auf menschliche Eigenschaften wie Toleranz, Großzügigkeit und Herzlichkeit.

Trotz meiner Bemühungen um eine Kontaktaufnahme zu meinem Bruder habe ich keine Beziehungen mehr zu ihm und seiner Familie. Das ist zwar schade und tut weh, aber ich habe dieses Kapitel in meinem Leben jetzt abgehakt.

Ich habe gerade ein Lied von Udo Jürgens gehört, das er zu Ehren von Udo Lattek sang und die Liedzeile hatte: „Was du bekommst, ist immer das, was du gegeben hast.“ Ich finde, das ist eine große Wahrheit, nach der man leben sollte. Übrigens, Herr Sarrazin, mein Bruder muss einige Gemeinsamkeiten mit Ihnen in Bezug auf sein Verhältnis zu Zahlen haben, das ja bei der Arbeit bei einer Versicherung bzw. im Bundesamt der Finanzen oder als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank von großer Bedeutung ist.

„Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erwiesen sich viele von ihnen als falsch.“

(Bertrand Russell)

Berufswahl

Mein Name ist Evelyn Kreißig und ich bin nur eine einfache Lehrerin und kann Ihnen, Herr Sarrazin, sicher in vieler Hinsicht nicht das Wasser reichen. Sie sind bestimmt ein überdurchschnittlich intelligenter, wortgewandter und belesener Mann und haben viele Erfahrungen in der Arbeit mit Ausländern innerhalb Ihrer Tätigkeit als Fachökonom, Spitzenbeamter und Politiker in Berlin.

Trotzdem glaube ich, bei dem Thema, das Sie mit Ihrem Buch bearbeiten, mitreden zu können, denn ich arbeite seit zehn Jahren mit Migranten bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Ich verzichte aber weitgehend auf Zahlen, Tabellen und empirische Erhebungen, denn das haben Sie ja schon in genügendem Umfang getan. Auf dem Abiturzeugnis hatte ich zwar in Mathematik die Note Zwei, habe aber bis heute nicht viel mit Zahlen am Hut, obwohl mein Mann Mathematiker ist. Das heißt, Menschen mit dieser Leidenschaft lehne ich also generell nicht ab, ja, ich konnte sogar mit ihm bis drei zählen, denn wir haben zusammen drei intelligente und hübsche Kinder.

Als Lehrerin bekomme ich ein gutes Gehalt und kann mir deshalb auch einen relativ hohen Lebensstandard leisten. Reich bin ich allerdings nicht und ich kenne auch keine reichen Lehrer, nur Lehrer, die viel arbeiten und viele Ferien haben. Das Zweite ist zumindest eine häufig gehörte Äußerung von Mitmenschen, die Lehrer oft mit der Gegenfrage kommentieren: „Warum sind Sie oder bist du dann nicht selbst Lehrer geworden?“

Zugegeben, die Antworten fallen verschieden aus, aber auf mangelnde Intelligenz ihrerseits führen sie das eher weniger zurück. Im Gegenteil, man hört dann auch manchmal die Feststellung: „Mit mehr Intelligenz hätten manche Lehrer auch einen anderen bzw. besser bezahlten Beruf lernen können.“ Aber Geld ist eben auch nicht alles, was man zum Beispiel als Immobilienmakler, Finanzmanager, Banker oder Versicherungsvertreter reichlich verdienen kann. Damit hatte ich nie etwas am Hut, vielleicht, weil man dazu auch Mathematik braucht. Doch der Hauptgrund ist eher der, dass ich lieber Kindern und Jugendlichen etwas geben will (Wissen), anstatt ihren Eltern etwas wegzunehmen (Geld). Ich muss aber auch ehrlich zugeben, dass ich für die oben genannten Berufe ebenfalls kein Talent und keine Ambitionen habe. Natürlich gibt es noch ein paar andere Varianten für Berufsziele, die dazwischenliegen wie Frisörin, Verkäuferin, Bäckerin, Sekretärin oder Krankenschwester. Das wollte ich jedoch auch nie werden, vielleicht weil mir ihr ewig langer Arbeitstag nicht zusagte, aber auf den Köpfen anderer Leute wollte ich zum Beispiel auch nie arbeiten (Frisörin). Lieber wollte ich versuchen, in die Köpfe etwas hineinzubringen. Dafür nahm ich in Kauf, dass meine Schüler mir manchmal auf dem Kopf herumtanzten.

Ich war schon immer ehrgeizig, habe mir so das Abitur erkämpft und mein späteres Lehrerstudium durchgehalten, was nicht immer einfach war. Finanziell hätte ich mir das nie leisten können, da meine Eltern nicht viel Geld hatten und ich noch drei Geschwister habe. Und Kinder machen ja bekanntlich nicht nur Freude, sondern kosten ihren Eltern auch viel Geld.

Zum Glück hatte ich aber eine Großmutter, die mir regelmäßig Taschengeld zuschob, so dass ich nur zu lernen brauchte und nicht nebenbei arbeiten musste wie zum Beispiel meine vier Jahre jüngere Schwester, die sich ihr Lehrerstudium durch Kellnern finanzierte. Beinahe hätte ich aber alles hingeschmissen, und zwar, als meine Freundin, mit der ich mein Studium begann, dies tat und sich stattdessen auf die Erziehung ihres Kindes konzentrierte, das ich aber damals noch nicht hatte. Sie hat dann später in einem Energiebetrieb gelernt und gearbeitet und nach der Wende immer mehr Geld verdient als ich, worum ich sie manchmal beneidete. Seit sechs Jahren ist sie nun im Vorruhestand und lässt es sich zu Hause gut gehen, worum ich sie nicht mehr beneide. Für mich wäre dieses Leben einfach (noch) keine Option, da mich meine Arbeit ausfüllt und herausfordert.

Ich bin Deutsche, was ich erst seit dem vereinten Deutschland sagen darf, bis dahin war ich „nur“ DDR-Bürgerin und glaubte, in einer deutschen demokratischen Republik zu leben. Doch es war eine vermeintliche Volksherrschaft (aus dem Griech.), in der zwar die vom „Volk“ gewählten Vertreter die Herrschaft ausübten, der Wille des Volkes aber oft auf der Strecke blieb. Gleichzeitig war die DDR offiziell eine Diktatur, nämlich die des Proletariats. Wir Ostdeutschen hatten keine Wahl, welcher Partei wir unsere Stimme geben sollten, denn es gab quasi nur eine Partei, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Die anderen spielten nur eine untergeordnete Rolle. Unsere „Wahl“ bestand kaum darin, wählen zu gehen oder nicht, denn als „Nichtwähler“ war man so manchen Repressalien ausgesetzt. Das andere Deutschland, die damalige BRD, war für mich und die meisten Ostdeutschen kapitalistisches Ausland und ein unerreichbares Territorium. Die SED und das Ministerium für Staatssicherheit prägten sogar den Begriff des Klassenfeindes für die BRD und die USA. Im Staatsbürgerkundeunterricht haben wir einmal die Frage diskutiert, ob wir es uns vorstellen können, dass es in der Zukunft wieder nur ein Deutschland geben könnte. Es konnte sich keiner ausmalen oder es hat niemand gewagt, diesen Gedanken zu äußern. Mein damaliger Staatsbürgerkundelehrer hatte sicher eine gute Ausbildung in seinem Fach, so dass er uns Schüler sehr gut manipulieren konnte und sich niemand zu einer anderen Meinung hinreißen ließ. Aber mit siebzehn, achtzehn Jahren Leben in der DDR waren wir alle geprägt vom System des vermeintlichen Sozialismus, der sich einmal zum Kommunismus entwickeln sollte.

Gut, mein Lieblingsfach war Staatsbürgerkunde nicht gerade, trotzdem habe ich es studiert, weil es in Verbindung mit dem Fach Deutsch am Pädagogischen Institut, das während meiner Studienzeit den Status einer Hochschule bekam, in Zwickau angeboten wurde und ich nicht zu weit weg von meinem Wohnort und meinem Freund sein wollte. Einen großen Anteil an meiner Entscheidung für das Studienfach Deutsch hatte mein Deutschlehrer Herr Schellenberg.

Am meisten interessierten mich schon immer Gedichte, die ich leidenschaftlich gern vortrug und auch selbst schrieb. Jedes Jahr nahm ich an Rezitationswettbewerben der Erweiterten Oberschule „Bertolt Brecht“, die damals zum Abitur führte, teil und erreichte immer den ersten Platz. In der elften Klasse, als ich siebzehn war, war ich sogar Teilnehmerin am Bezirksrezitationsausscheid im damaligen Karl-Marx-Stadt mit dem Gedicht von Goethe „Willkommen und Abschied“. Ich erinnere mich noch genau, wie inbrünstig ich es aufsagte und nicht ein einziges Mal stecken blieb.

Die Jury war zwar begeistert, nahm mir aber meine leidenschaftliche Gestaltung nicht ab, da sie glaubte, dass ich für dieses Liebesgedicht noch zu jung sei, als dass ich mich in die Lage von Goethe als Geliebter von Lotte Buff hätte hineinversetzen können.

War ja auch so und ich nehme es im Nachhinein den in meinen damaligen Augen alten Lehrern nicht übel. Das Gedicht kann ich bis heute noch auswendig und ich kann Goethe mehr und mehr verstehen. Mein geheimer Berufswunsch war damals der einer Schauspielerin und er fasziniert mich heute noch.

Einer meiner Vorfahren ist der bedeutende Schriftsteller der deutschen Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing, von dem ich sicher ein paar Gene geerbt habe. Sein Buch „Nathan der Weise“ und die in der Ringparabel aufgeworfene Frage, welche Religion, das Christentum, Judentum oder der Islam, denn nun die richtige sei, hat mich in meinem Denken und Handeln stark beeindruckt und beeinflusst. Da mich meine Eltern atheistisch erzogen haben, stand für mich diese Frage sowieso nie zur Debatte und Lessing hat mich mit seinen Anschauungen über die Bedeutung der Religionen in meinen bestärkt. Für mich war und ist immer zuerst der Mensch wichtig und nicht seine Religion, seine Herkunft oder seine Hautfarbe.

„Die Türken haben schöne Töchter, und diese scharfe Keuschheitswächter; wer will, kann mehr als eine frein: Ich möchte schon ein Türke sein.“

(Gotthold Ephraim Lessing)

Kindheitserlebnis

Mit einer Ausnahme hatte ich bis vor zehn Jahren keinen näheren Kontakt zu Ausländern. Ich war damals ungefähr zwölf Jahre alt, als mein Vater, der auch Lehrer war, einen Inder als Gast mit zu uns nach Hause brachte. Nach meinen heutigen Schätzungen war er ca. 20 Jahre alt, freundlich und trug einen Turban. Er saß lange mit meinen Eltern und uns Geschwistern zusammen im Wohnzimmer und unterhielt sich mit uns mehr oder weniger verständlich. Wir Kinder mussten später ins Bett gehen und als er sich dann verabschiedete, kam er noch in unser Kinderzimmer. Ich lag im oberen Stock eines Doppelstockbettes und schlief noch nicht, was ich jedoch von meinen zwei Geschwistern annahm. Plötzlich kam er an mein Bett und legte seine Hand zwischen meine Beine. Ich bekam Angst und schob ihn von meinem Bett weg. Daraufhin wiederholte er dasselbe noch einmal und ich sprang geistesgegenwärtig aus dem Bett. Er erschrak und ich habe ihn wohl irritiert, so dass er schnell aus dem Zimmer verschwand. Meinen Eltern erzählte ich später nichts davon.

Mein Bild von Ausländern entstand, indem ich ihnen dieses Erlebnis als typisch zuordnete. Heute weiß ich längst, dass so etwas nicht ausländertypisch ist, sondern in den besten Familien vorkommt bzw. noch Schlimmeres innerhalb und außerhalb von Kinderzimmern passiert. Es ist bestimmt auch nicht charakteristisch für Angehörige einer bestimmten Religion, sondern einfach eine perfide Eigenschaft bestimmter Menschen, sich an Kindern zu vergehen.

Jahre später hat mir zum Beispiel meine jüngere Schwester anvertraut, dass sich ihr der zweite Mann unserer Großmutter mütterlicherseits unsittlich nähern wollte, als sie als Kind bei den Großeltern zu Besuch war. Und das war ein Deutscher!

Das Erlebnis mit dem Inder habe ich verdrängt, es war ja nichts passiert. Wenn ich so an meine Kindheit zurückdenke, kann ich mich nicht erinnern, dass in meiner Heimatstadt Schwarzenberg Ausländer zu sehen waren. Die Straßen waren praktisch leer davon, es gab nicht einmal Vietnamesen, die viele heute, aus welchem Grund auch immer, Fidschis nennen, obwohl sie ja bekannterweise nicht von den Fidschiinseln kommen.

Man hatte also nur mit Deutschen zu tun, obwohl wir in der Schule Russisch lernen mussten und ich sogar freiwillig am Englischunterricht teilnahm. Komischerweise habe ich mich nie gefragt warum, denn die Aussicht auf einen Auslandsaufenthalt in den betreffenden Ländern war äußerst gering, sozusagen bei fast null Prozent Wahrscheinlichkeit. Heute bin ich natürlich froh, dass ich mich nicht dagegen gesträubt, sondern fleißig gelernt habe. Vor allem meine Englischkenntnisse sind bei meiner Arbeit mit den Migranten von Vorteil, wobei die Muttersprache der meisten Arabisch ist, das ich leider nicht sprechen und verstehen kann. Aber die Sprache drückt sich ja nicht nur in Worten, sondern auch in Gesten, Blicken und Mimik aus.

Migratio

In meiner ersten Klasse am Berufsschulzentrum in Freiberg waren drei junge Männer aus Pakistan, die seit sieben Jahren in Deutschland sind und vier Jahre davon im Asylbewerberheim in der Chemnitzer Straße 50 wohnten. Sie hatten bis dahin keine Möglichkeit, die deutsche Sprache zu erlernen, außer der Aneignung des sogenannten Straßendeutsch, mit dessen Hilfe sie mir von ihrer Reise ins Ungewisse erzählten. Ich erfuhr, dass die Jugendlichen aus relativ wohlhabenden Familien stammen und in ihrem Heimatland große Landflächen besitzen. Asim ist einer von ihnen, der mit den politischen Verhältnissen in seinem Land nicht einverstanden ist. Nach wie vor kommt es seit der Machtergreifung des Reformpolitikers Musharraf zu Übergriffen der Sicherheitskräfte und Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Bereichen, vor allem gegenüber Inhaftierten, Frauen und religiösen Minderheiten. Um seine Reise nach Deutschland zu finanzieren, hat Asims Familie einen Teil ihres Landbesitzes an einen Onkel verkauft. In unserem reichen Land angekommen, lebt er jetzt seit vier Jahren als Geduldeter im Asylbewerberheim. Sein Taschengeld bessert er sich durch Schwarzarbeit auf mit dem ständigen Risiko, von der Polizei kontrolliert zu werden. Er ist unendlich dankbar, in die Schule gehen zu dürfen, um seine Chance eines dauerhaften Aufenthalts in Deutschland zu erhöhen. Im März erfährt Asim von seiner Hepatitis-Krankheit, die für die anderen Heimbewohner eine Ansteckungsgefahr bedeutet. Für ihn beginnt eine Odyssee, die ihn von Behörde zu Behörde und von einem Arzt zum anderen führt. Sein Hausarzt und die Gesundheitsbehörde werden aktiv und informieren den Heimleiter und die Ausländerbehörde. Eine Vertreterin des Sächsischen Flüchtlingsrates hat sich außerdem darüber informiert, dass Hepatitis C in Pakistan nicht erfolgreich zu behandeln ist, um eine eventuelle Abschiebung des pakistanischen Flüchtlings zu verhindern. Im Juni fahre ich mit Asim nach Chemnitz ins Küchwald-Krankenhaus, wo er sich behandeln lassen muss und im Juli eine längere Therapie zur Überwindung seiner Krankheit beginnt. Ich formuliere für ihn einen Antrag an das Landratsamt für eine Wohnungsberechtigung, der auch bewilligt wird. Zusammen suchen wir im Internet nach einer Wohnung und erkundigen uns bei der Städtischen Wohnungsgemeinschaft in Freiberg danach. Leider haben wir keinen Erfolg, da zurzeit ein Mangel an Einraumwohnungen besteht, die in dem Mietpreislimit von 250 Euro liegen müssen. Überraschend erhält Asim Anfang Juli die Ablehnung seiner Wohnungsberechtigung durch das Landratsamt. Die Odyssee beginnt von vorn. Bei der Suche nach Hilfsangeboten erhält der Jugendliche aus Pakistan den Rat, sich an die damalige Landesvorsitzende der Linken im sächsischen Parlament Cornelia E. zu wenden. Ich formuliere einen Brief mit der Bitte an sie, sich für eine Wohnungsgenehmigung für ihn einzusetzen. Es dauert nicht lange und Asim kann eine Einzimmerwohnung in Brand, einem Ortsteil von Freiberg, beziehen. Nach ein paar Wochen besuche ich ihn dort und er berichtet mir, dass seine Krankheit weitestgehend geheilt ist und er eine Arbeitserlaubnis bekommen hat.

Warum verlassen Menschen ihre Heimat mit dem Risiko, in einem fremden Land nicht willkommen zu sein? Die Antwort ist so einfach und kompliziert zugleich und wird für jeden Menschen anders ausfallen. Einfach deshalb, weil die Menschen schon immer gewandert oder umgezogen sind, ob freiwillig oder unter Zwang. Das Wort „Migration“ stammt von dem lateinischen Wort „migratio“ ab und bedeutet so viel wie „(Aus-)Wanderung, Umzug“. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis die Frage nach meiner Tätigkeit damit beantworte, dass ich Migranten unterrichte und betreue, wird oftmals nachgefragt, wodurch diese sich von Ausländern unterscheiden. Und ich erkläre es allgemeinverständlich so, dass ein Ausländer auch ein Urlauber sein kann, ein Migrant aber hier lebt bzw. auf einer Zwischenstation in ein anderes Land ist. Kompliziert zu beantworten ist die Frage nach den Gründen für Auswanderungen, weil sie so unterschiedlich wie die Menschen selbst sind. Der eine wurde in seinem Land aus politischen Gründen verfolgt, er ist ein Asylmigrant, der andere ist ein sogenannter „Konventionsflüchtling“, der in seinem Heimatland aufgrund seiner Rasse, Religion, Staatszugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bedroht wird, aber nach dem Grundgesetz nicht asylberechtigt ist. Viele leben in Deutschland auch als „De-facto-Flüchtlinge“, das heißt, sie sind nur geduldet, können aber aus verschiedenen Gründen nicht in ihr Herkunftsland abgeschoben werden.

Eine andere Gruppe ist die der Bürgerkriegsflüchtlinge, Kontingentflüchtlinge und heimatlosen Ausländer, die vor allem aus humanitären Gründen aufgenommen werden. Relativ unbürokratisch werden seit 1990 jüdische Flüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen, um sie vor dortigen antisemitischen Übergriffen zu schützen. Dazu kommt eine Zahl von schätzungsweise hunderttausend „illegalen“ Zuwanderern, die in keine dieser Gruppen passen. Unabhängig davon, in welche „Schublade“ sich diese Menschen alle einordnen lassen müssen, gehören sie zu den mehr als 150 Millionen Menschen, die aktuell weltweit als Migrant in einem anderen als ihrem Ursprungsland leben.

Seit Januar 2011 ist Arian, ein Palästinenser aus Syrien, in meiner Klasse. Er lebt seit einigen Monaten in Deutschland und hat acht Geschwister, von denen ein Bruder in Berlin wohnt und die anderen in Syrien zu Hause sind. Seine Adresse ist das Asylbewerberheim in Freiberg, das er aber wie viele seiner Mitbewohner manchmal illegal verlässt, um in einer anderen Stadt zu arbeiten oder Verwandte zu besuchen. Dazu braucht er normalerweise eine Erlaubnis der Ausländerbehörde, umgangssprachlich „Urlaubsschein“ genannt. Wie ich von ihm erfahre, hatte er diesen aber nicht, als er für ein paar Wochen bei seinem Bruder in Berlin war, der dort bei einer GmbH arbeitet. Dort hat er sich einige Euro verdient, um seinen Rechtsanwalt zu bezahlen, der ihm bei der Durchsetzung seiner Aufenthaltsgestattung in Deutschland helfen soll. Bisher besitzt Arian nur ein sogenanntes Identitätspapier, das ihn zum Aufenthalt in Deutschland berechtigt. In Berlin wurde er bei Kontrollen durch die Polizei erwischt und muss nun eine Strafe von 157 Euro für unerlaubten Aufenthalt außerhalb des Kreises Mittelsachsen bezahlen. Dieses Geld hat er natürlich nicht bzw. kann er nicht mit einem Mal bezahlen, da seine finanziellen Leistungen durch die Ausländerbehörde dafür nicht ausreichen, und das verdiente Geld bekommt ja sein Rechtsanwalt. Arian ist sehr intelligent, er spricht mehrere Sprachen, so außer seiner Muttersprache Arabisch noch Türkisch, Griechisch, Russisch und Englisch. Deutsch kann er ein bisschen sprechen, schreiben und lesen. Aber das Ausfüllen von amtlichen Formularen bzw. Antworten auf Zahlungsaufforderungen fällt ihm schwer, da er ja erst einmal das Amtsdeutsch verstehen muss, worin viele Deutsche ja auch ihre Schwierigkeiten haben. So habe ich für ihn einen Antrag geschrieben, mit der Bitte, den Betrag für die Strafe monatlich in Raten zu 10 Euro zu bezahlen.

Dafür hat er sich mehrmals bedankt und seine Erleichterung über die Verbesserung seiner finanziellen Situation zum Ausdruck gebracht. Für mich war dies eine kleine Mühe, für ihn eine große Hilfe.

Solche Erlebnisse sind für mich wichtig, weil mir eine menschliche Reaktion auf eine Unterstützung wichtiger ist als Geld.

Erziehungsmethoden

Einen großen Einfluss auf meine Erziehung hatte meine Großmutter. Ich hatte als Kind und auch später ein enges Verhältnis zu ihr. Sie war eine kluge und fortschrittliche Frau, die in ihrem Wohnort als herzensgut und hilfsbereit bekannt war und in ihrem Leben am wenigsten an sich selbst gedacht hat. Da ihre Kinder- und Jugendzeit in die Kriegs- und Nachkriegszeit fiel und ihre Eltern arm waren und vier weitere Kinder hatten, konnte sie keine „höhere“ Schule, wie es damals hieß, besuchen, obwohl sie die Fähigkeiten dazu gehabt hätte. Ihr Traum war es, Sängerin zu werden, denn sie hatte eine sehr schöne Stimme, die sie nach einer Schilddrüsenoperation verlor. Auch die Fähigkeit zur Schneiderin hätte sie gehabt, deren Lehre jedoch ihre Eltern nicht bezahlen konnten. So erlernte sie den Beruf einer Strumpfwirkerin, den sie bis zur Zeit des Zweiten Weltkrieges ausübte. Sie erzählte mir, dass sie und ihr Mann während der Hitlerdiktatur unter die sogenannten Doppelverdiener fielen und sie deshalb unfreiwillig arbeitslos wurde. Ihr Mann, der im Zweiten Weltkrieg als Koch in seiner Kompanie in Ägypten tätig war, wurde 1942 durch einen Bombenangriff auf das dortige Feldlager getötet.

Ich habe also meinen Großvater nie kennengelernt, worüber ich heute noch traurig bin und weshalb ich die Absicht habe, irgendwann sein Grab in El Alamein zu besuchen.

Meine Großmutter heiratete mehr oder weniger aus finanziellen Gründen ein zweites Mal. Ich habe nie gespürt, dass sie und ihr Mann sich liebten, sondern eher nur eine „Wirtschaftsgemeinschaft“ waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete meine Oma viele Jahre als Köchin und später bis zu ihrem 67. Lebensjahr als Küchenhilfe. Ich hatte das Privileg, in den Schulferien regelmäßig zu meiner Oma fahren zu dürfen, wo ich sehr verwöhnt wurde und kaum Pflichten hatte. Zu Hause war das Geld knapp, da das Lehrergehalt meines Vaters nicht sehr hoch war und meine Mutter nur wenig als Reinigungskraft dazuverdienen konnte, da sie die meiste Zeit für die Familie da sein musste. Meine Aufgaben bestanden oft darin, das Treppenhaus zu wischen, für die ganze Familie die Schuhe zu putzen oder meiner Mutter bei der großen Wäsche und beim Mangeln dieser zu helfen.

Als ich zur Erweiterten Oberschule ging, hatte ich jeden Tag umfangreiche Hausaufgaben zu erledigen, wofür ich aber keinen Arbeitsplatz hatte und ich meine Bücher und Hefte auf dem Küchentisch ausbreiten musste, denn den Wohnzimmer-Tisch nahm schon mein Vater in Beschlag. Mein Zeitumfang war dadurch jeden Tag begrenzt, denn die Familie wollte ja Abendbrot essen und meine Mutter musste anschließend den Abwasch ebenfalls auf dem Küchentisch erledigen. Dazu holte sie jedes Mal zwei große Schüsseln aus dem Aufwaschschrank im Vorsaal, für den kein Platz mehr in der Küche war. Als Vorsaal bezeichnete man damals den Korridor der Wohnung, der alles andere als einem Saal ähnelte. Manchmal musste ich nach dem Abendbrot meine Schulsachen wieder aufbauen, um die Hausaufgaben zu beenden. In den Ferien dagegen faulenzte ich fast immer bzw. genoss meine Freizeit.

Bei meiner Oma musste ich höchstens mal den Wäschekorb tragen oder einkaufen gehen. Welchem Kind gefällt es nicht, wenn es nur wenig oder gar nicht im Haushalt helfen muss?

Von meinem heutigen Standpunkt aus sehe ich das natürlich anders, denn auch Kinder müssen aus erzieherischen Gründen ihren Beitrag im Haushalt leisten. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich mir einmal erlaubte, einen Brief meiner Eltern an meine Großmutter zu öffnen, in dem sie ihr mitteilten, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Das war ziemlich frech, doch mir geschah nichts, aber ich hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen. Sonst war ich eigentlich ein pflegeleichtes Kind und machte meinen Eltern und Großeltern kaum Sorgen, wurde aber auch ohne Strenge erzogen. Einmal jedoch bekam ich von meinem Vater eine kräftige Ohrfeige, als ich völlig ahnungslos neben ihm vor dem Kohlenkasten in unserer Küche stand. Ich sollte erraten, wofür ich sie bekam, was mir jedoch nicht einfiel. Mein „Vergehen“ war, dass ich auf dem Heimweg von der Schule mit meiner Freundin ein Wettspucken veranstaltet hatte, bei dem uns mein Vater, der ein paar Meter hinter uns lief, beobachtete. Man hört oft die Meinung, dass eine Ohrfeige oder ein Klaps auf den Po noch niemandem geschadet hat. Mir hat es jedoch auch nichts genützt, denn am nächsten Tag wiederholten wir die „Aktion“, natürlich nicht ohne uns zu vergewissern, dass mein Vater nicht in der Nähe war.

Auch ich habe einmal die Beherrschung verloren und meiner ältesten Tochter eine Ohrfeige gegeben, nachdem sie mich aus irgendeinem Grund als „blöde Kuh“ bezeichnet hatte. Ansonsten halte ich von Schlägen jeder Art gar nichts, denn der körperliche Schmerz ist schnell vergessen, doch der seelische bleibt ein Leben lang.

In der Schule ist zum Glück die Prügelstrafe schon lange abgeschafft worden, obwohl sie heute wieder einige Leute gerne eingeführt hätten. Meine Großmutter erzählte mir, dass auch sie einmal von einem Lehrer mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurde und ihr Vater sie nicht nur einmal mit dem Ochsenziemer verprügelte. Meine Oma war das älteste Kind ihrer Eltern und hatte deshalb die meisten Pflichten, auch ihren drei Schwestern gegenüber. Als danach noch ein Junge zur Welt kam und ihr Vater diesen aus dem Fenster hielt mit der Bemerkung: „Else, hier ist dein Bruder!“, schrie sie zurück: „Ich will diesen Affen gar nicht sehen.“ Ihr Bruder ist später wie ihr erster Mann im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Verurteilung

Als meine Großmutter 1997 im Alter von 87 Jahren einen Schlaganfall mit den Folgen einer halbseitigen Lähmung erlitt, nahm ich sie in unser Haus auf und pflegte sie vier Jahre lang. Bis zu diesem Alter führte sie noch ihren eigenen Haushalt und half auch mir bei der Bewältigung meiner häuslichen Aufgaben. Da ihre Wohnung von meiner nicht weit entfernt lag, kam sie fast täglich, um mir die eine oder andere Arbeit rund um das Haus abzunehmen. Oft waren, wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, schon die Betten gemacht, die Wäsche gebügelt oder das Geschirr abgewaschen. Ich erinnere mich noch an die Enttäuschung meiner Großmutter, als wir uns einen Geschirrspüler kauften, da sie befürchtete, jetzt weniger zu tun zu haben. Ihr Leben war fast ausschließlich ausgefüllt durch Arbeit, da sie es von Kindheit an nicht anders kannte. Sich selbst hat sie nur wenig gegönnt und immer zuerst an andere gedacht. Finanziellen Reichtum hat sie nie erlebt, doch an menschlichen Eigenschaften war sie reicher als mancher Bankier, Manager oder Politiker. Eines Tages sitze ich mit ihr wie so oft am Küchentisch, als sie die mehr rhetorische Frage stellt, was wohl mit ihr im Krankheitsfall werden wird. Spontan versichere ich ihr, dass ich sie bei mir aufnehmen und sie, wenn notwendig, pflegen werde. Bis zu dem Tag, der ihr und mein Leben verändern sollte, kamen wir nie wieder darauf zu sprechen. Es war an einem Nachmittag, als ich mit ihr meine jüngste Tochter von der Schule abholte. Meine Oma ging in der Zwischenzeit zum Bäcker, um Kuchen zu holen, den sie so gern aß. In dem Moment, als sie bezahlen wollte, erlitt sie einen Schlaganfall und fiel zu Boden. Da die Verkäuferin sofort die Dringende Medizinische Hilfe anrief, konnte ihr Leben gerettet werden, das von nun an ohne fremde Hilfe nicht mehr möglich war. Es begann eine Odyssee über Krankenhausbesuch, Rehakur in Thüringen bis zu Physiotherapie bei mir zu Hause. Meine Oma war nie eine gläubige Frau, doch in den letzten Wochen und Monaten betete sie häufig und rief nach Gott.

Meine älteste Tochter war gerade ausgezogen, so dass wir ein Zimmer in der oberen Etage frei hatten und meine Oma in unser Haus aufnehmen konnten. Da sie lange Zeit bis über das Rentenalter von damals 60 Jahren hinaus gearbeitet hatte, bekam sie eine relativ hohe Rente und außerdem eine passable Witwenrente. Davon hat sie uns die Pflege bezahlen können und vor allem meiner jüngsten Tochter Sandy immer ein paar Scheine zugesteckt. Während dieser Zeit arbeitete ich verkürzt und war ständig unter Zeitdruck zwischen der Erfüllung meiner beruflichen Pflichten und denen zur Pflege meiner Großmutter. Die Mittelschule meines Wohnortes, in der ich arbeitete, ist nur zehn Minuten Fußweg bzw. zwei Minuten Fahrweg mit dem Auto entfernt, so dass ich schnell von A nach B kam. Persönliche Interessen wie Kino- oder Theaterbesuche, sportliche Aktivitäten wie Joggen, Schwimmen oder Skifahren traten in den Hintergrund, da meine Oma ans Bett und ich dadurch ans Haus gefesselt war.

Wenn ich mich heute recht erinnere, besuchte mein Bruder seine Großmutter während dieser Zeit vier- bis fünfmal. Als sie 2001 starb, bekam ich von ihm vorgeworfen, mich an ihr bereichert zu haben. Und außerdem wäre ich schon immer geldgierig gewesen und habe nur deshalb unsere Großmutter gepflegt.

Eine andere Bemerkung von ihm war die, dass ich sie in einem „Loch“ als Zimmer leben ließ, das einer dringenden Renovierung bedurft hätte. Dafür hätten wir lieber eine Terrasse gebaut und mit Aktien spekuliert. Dieses „Loch“ war allerdings ein ganz normales Zimmer, das wir in dem gleichen Jahr, als meine Tochter aus- und meine Oma einzog, renovierten. Die Telekom-Aktien, die wir damals für 1000 Euro kauften, hatten wir übrigens in den sprichwörtlichen Sand gesetzt.

Vier Jahre hat meine Großmutter nur im Bett gelegen, da sie halbseitig gelähmt war und das Zimmer aus eigenen Kräften nicht verlassen konnte. Einmal pro Jahr haben wir veranlasst, dass sie zur Kurzzeitpflege in ein Pflegeheim kam.

Gesunde Lebensweise

Ich war gerade in der Sauna, wo Deutsche mehr oder weniger unter sich sind. Als ich mich so umsah, habe ich keine Angst verspürt, dass sich die einheimische Bevölkerung durch die Migranten schon verdünnt haben könnte. Aber Ihre Informationen über die Geburtenraten von Migranten, Herr Sarrazin, müssten mich da eines Besseren belehren. Auf Seite 60 Ihres Buches schreiben Sie zum Beispiel, „bleiben die Geburtenraten der Migranten über dem deutschen Durchschnitt, setzt sich die ‚Verdünnung‘ der einheimischen Bevölkerung fort.“ Das wäre zwar nicht weiter schlimm, aber würde sich bei der gleichzeitigen Verschlechterung des Bildungs- und Qualifikationsprofils sehr nachteilig auf die deutsche Zukunftsfähigkeit auswirken. Als positive Auswirkung habe ich mir überlegt, dass wir Deutschen dann mehr Platz in der Sauna hätten, da Muslime ja in der Regel auf Saunabesuche aufgrund ihrer Religion nicht erpicht sind. In der Sauna kam mir noch ein anderer Gedanke im Zusammenhang mit Ausländern. Bei der Betrachtung der zahlreichen Saunagänger dachte ich, eigentlich kann es uns Deutschen nicht schlecht gehen. Ohne dass sich jemand von mir diskriminiert vorkommen sollte, erschienen mir doch viele Männer und Frauen sehr dick. Nein, sie kamen mir ehrlich gesagt nicht nur so vor, sondern sie waren es auch. Mir fiel gleich Cristiane ein, die eine sehr schöne, aber nicht ganz schlanke, junge Frau ist. Sie zeigte mir einmal ein Foto aus „leichteren“ Tagen und bemerkte dazu, dass sie, seit sie in Deutschland ist, durch die Ernährungsumstellung 22 Kilo zugenommen hat. Ich glaube es ihr, kann mir natürlich auch vorstellen, dass es in Brasilien wie in Deutschland ebenfalls dickere Jugendliche gibt. Nach einer Erhebung des statistischen Bundesamts Destatis aus dem Jahr 2009 sind 51 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland übergewichtig. Das andere Extrem des Untergewichts liegt dagegen nur bei 2,3 Prozent. In einer Talkshow des Rundfunks Berlin-Brandenburg, in der es u. a., Herr Sarrazin, um Ihren Speiseplan eines Ein-Personen-Haushaltes geht, machen Sie die Bemerkung, dass Untergewicht doch wohl nicht gerade das Problem von Hartz-IV-Empfängern sei. Was Sie auf die Frage des Moderators, ob Hartz-IV-Empfänger zu dick seien, geantwortet haben, erfährt man in Ihrem Buch leider nicht. (S. 118)

Am 18.01.11 lautete die Schlagzeile auf dem Titelblatt der „Freien Presse“: „Den Deutschen fehlt die Zeit für gesundes Essen.“ Das ist das Ergebnis einer Nestlé-Studie 2011, die beinhaltet, dass Essen im Schnellrestaurant oder an der Frittenbude und Snacks zwischendurch für immer mehr Deutsche heutzutage zur Lebenswirklichkeit gehören. In einem Interview mit dem Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfeld vom 18.01.2011 antwortet dieser auf die Frage, ob durch unregelmäßige Tagesabläufe kaum noch Zeit zum Kochen und Essen bleibt: „Wir verbringen zum Beispiel 3,5 Stunden täglich mit Medienkonsum, davon können wir gut eine Stunde zum Kochen abknapsen.“ Alles schön und gut, aber ich meine, dass jeder Berufstätige nach getaner Arbeit froh ist, wenn er zu Hause ist und sich erst einmal ausruhen kann. Auf der anderen Seite kochen aber die, die Zeit hätten, also die Empfänger von Transferleistungen, auch nicht. Sie, Herr Sarrazin, führen das auf ein Verhaltensproblem der betreffenden Personen und nicht auf ein Einkommens- oder gar Armutsproblem zurück. Dazu schreiben Sie in Ihrem Buch: „Im Zusammenhang mit dem Hartz-IV-Menü lassen sich aber einige individuelle Versäumnisse beobachten, etwa wenn

Kinder nüchtern in die Schule kommen und sich vorwiegend von Fastfood und Süßigkeiten ernähren, weil ihre Eltern nicht kochen oder zu träge sind, morgens aufzustehen und ihren Kindern ein Frühstück zubereiten

Eltern Alkohol und Zigaretten kaufen anstatt Obst und Gemüse und nicht auf ausreichende Bewegung achten, was zu Fettleibigkeit und gesundheitlichen Folgeschäden führt, die in der Unterschicht häufig diagnostiziert werden.“ (S. 120)

Ich weiß nicht, ob es schon eine Studie zum Übergewicht von Hartz-IV-Empfängern im Vergleich zum Rest der Bevölkerung gibt. Wenn nicht, dann könnten Sie doch mal eine initiieren und in eine Nachauflage Ihres Buches einfügen. In meiner Bekannt- und Verwandtschaft gibt es jedenfalls mehrere, die keine Leistungen vom Staat bekommen und trotzdem übergewichtig sind, also auch ein Verhaltensproblem haben müssen. Ihre Formulierungen sind meiner Meinung nach zum großen Teil Pauschalisierungen und haben den Touch der Abwertung der „Hartz-IV-Menü-Verbraucher“. Auch wenn ihnen die Unterschichtzugehörigkeit nicht auf der Stirn geschrieben steht, so ist es ihnen wenigstens auf den Leib geschrieben, so dass wir sie leicht erkennen und sie belehren können. Die Bedürftigen sind ja nach den neusten Beschlüssen der Bundesregierung auch Nutznießer eines Bildungspaketes, so dass die Unterschicht-Eltern ihre Sprösslinge endlich mit Bezugsscheinen auch in Sportvereinen anmelden können. Doch der Run auf die Formulare ist bisher ausgeblieben und mit Stand vom 21.04.11 haben in den großen Städten nur zwei Prozent der in Frage kommenden Personen einen Antrag auf entsprechende Leistungen gestellt. Mangelnde Information und Bürokratismus seien der Grund für das schleppende Szenario der Bearbeitung. Auf stern.de vom 21.04.11 wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die Eltern oft nicht wüssten, wo sie den Antrag stellen müssen. Hartz-IV-Empfänger müssen zum Jobcenter, Wohngeldempfänger zur Wohngeldstelle, Asylanten zum Sozialamt. Außerdem ist für jeden Zweck wie Zuschüsse für ein warmes Mittagessen, Nachhilfe, Vereinsbeiträge, Musikunterricht, Schulausflüge oder Fahrtkosten zu weiterführenden Schulen ein separater Antrag zu stellen. Ich kann mir vorstellen, dass manche Eltern finanzielle Unterstützung für alle diese Bereiche gebrauchen können. Aber Bargeldauszahlungen widersprechen wahrscheinlich dem Vertrauen der Regierung in die richtige Verwendung dieser Gelder durch die Eltern. Lieber nimmt man einen erhöhten Aufwand an Bürokratie in Kauf und rechnet vielleicht sogar mit Einsparungen durch Nichtinanspruchnahme der Leistungen. Immerhin haben in Deutschland 2,5 Millionen Kinder einen Anspruch darauf, bei einer Zahl von 10,3 Millionen Kindern unter 14 Jahren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2010 sind das ungefähr ein Viertel. Ich wage lieber keine Prophezeiung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder ein ähnliches Schicksal erleben wie ihre Eltern. Sie, Herr Sarrazin, befürworten ja eher die Sanktionierung von Sozialleistungen bei „Zuwiderhandlungen“ wie zum Beispiel Schulbummelei. Was machen „wir“ aber jetzt mit Kindern, die zwar im Sportverein angemeldet sind, aber nicht regelmäßig hingehen, oder trotz Kostenfreiheit kein warmes Mittagsessen einnehmen und damit nicht ausreichend für eine gesunde Lebensweise sorgen? Es ist ein Teufelskreis, aus dem unsere Gesellschaft nicht so schnell wieder herauskommt. Im Gegenteil, die Schere zwischen den „Reichen“ und „Armen“ öffnet sich immer mehr durch solche Maßnahmen wie die Senkung des Spitzensteuersatzes und anderer steuerlicher Vergünstigungen wie zum Beispiel die Reduzierung der Erbschaftssteuer und auf der anderen Seite durch die Einführung von Hartz IV.

Im Gegensatz zu meiner Mutter, meiner Freundin M. und meiner Tochter Anett gehöre ich nicht zu den Menschen, die häufig und leidenschaftlich gern kochen. Aber das muss ja kein Hinderungsgrund für eine gesunde Ernährung sein, an die ich mich in der Regel halte und die in keinem Widerspruch dazu steht. Von den Menschen, mit denen ich beruflich viel zu tun habe, kenne ich viele, die gut und gern kochen. Unter ihnen sind es vor allem Arabischstämmige mit einem Duldungsstatus oder laufendem Asylverfahren. Sie leben in der Regel im Asylbewerberheim und haben den ganzen Tag Zeit, weil sie nicht arbeiten und sich damit nicht integrieren dürfen, unabhängig davon, ob sie wollen oder nicht.

„Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz.“

(Wilhelm Busch)

Integration und Integrationskurse

In der Sauna habe ich in der Spiegelausgabe vom 20. Dezember 2010/Nr. 51 einen interessanten Artikel von Christoph Scheuermann über eine Podiumsdiskussion von Michel Friedman gefunden und die Seite gleich ausgerissen, um sie mit nach Hause zu nehmen. An einer Stelle heißt es von dem PR-Mann Imran Ayata, dass die Migranten in den sechziger Jahren Gastarbeiter, in den Siebzigern Ausländer, in den Achtziger Asylanten oder Flüchtlinge hießen. Er meint damit, dass man an der Art, wie sich die Worte verformen, die Einstellung der Mehrheit zu den Minderheiten ablesen könne.

Ich finde, er hat damit Recht. Provokativ stellt Friedman in der Diskussion die Frage: „Wenn ich jetzt sagen würde, es gibt keinen rassistischeren, diskriminierenderen Begriff als Integration, hätte ich dann Unrecht?“ Und er beantwortet die Frage selbst, indem er das I-Wort als „unheilvolles Konstrukt“ sieht, das dazu diene, Individuen dem Willen einer grauen Mehrheit zu unterjochen. Und er habe sich noch nie integrieren wollen, nicht bei seinen Eltern, nicht bei Helmut Kohl und nicht bei Gerhard Schröder. Er sagt, er wolle im Prinzip nur er selber sein.

Nachdem die Nullerjahre nun vorbei sind, könnte man ja wieder mal auf einen neuen Begriff nach dem Wort Migranten kommen. Wie wäre es mit Integranten? Das Problem wäre vielleicht nur, dass man es mit dem Wort Intriganten verwechseln könnte. Diese neue Wortschöpfung hätte vielleicht sogar die Chance, zum Wort oder Unwort des Jahres 2011 gewählt zu werden.

Said ist aus Syrien und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Er ist mit einer deutschen Frau verheiratet und arbeitet als Selbstständiger in einem Dönerimbiss in Freiberg, den er gemietet hat. In seinem Ausweis steht der Status „Aufenthaltserlaubnis“, er braucht aber für seine Integration in Deutschland eine „Niederlassungserlaubnis“, die er jedoch nicht so leicht bekommt, obwohl er seinen Lebensunterhalt selbst verdient, also nicht vom Staat lebt. Die deutsche Sprache hat er sich hauptsächlich selbst angeeignet, das heißt, er hat einen großen Wortschatz, kann aber kaum lesen und schreiben. Ich übe mit ihm das Alphabet und lasse ihn einfache Texte lesen. Im Rahmen meines Unterrichts nutze ich auch die Schulküche, um den Sprachunterricht mit der Alltagspraxis zu verbinden, denn die meisten meiner Schüler kochen selbst und das zum Teil hervorragend.

Said ist ein sehr guter Koch und hat für uns verschiedene Gerichte zubereitet, so zum Beispiel Lachs mit Reis und Salat, Pizza oder Hähnchen mit Reis. Beim Zubereiten der Mahlzeiten haben wir immer viel Spaß, denn Said ist ein Mensch, der viel Humor hat und uns deshalb oft zum Lachen bringt. Er ist Moslem, der jedoch anderen Religionen und Anschauungen gegenüber aufgeschlossen ist.

Cristiane ist neugierig und fragt Said ein bisschen aus: „Wie ist es bei euch mit den Frauen? Darfst du als Moslem wirklich vier Frauen heiraten?“ – „Ja“, meint er, „wenn meine Frau damit einverstanden ist. Aber ich will nur eine.“ Das freut uns für seine Frau, eine Deutsche, mit der er einen sechsjährigen Jungen hat. Das Christentum erlaubt nur eine Frau und verpflichtet die Ehepartner zur ewigen Treue. Für Katholiken gilt sogar die Devise: „Bis dass der Tod euch scheidet.“ Das ist die Theorie und was der Bibeltext verlangt, doch die Praxis sieht oft anders aus, denn ich weiß von einem Katholiken aus meinem Bekanntenkreis, dass er seine Frau schon mehrmals betrogen hat. Auch sonst nehmen es die Deutschen, nicht nur Männer, mit dem Eheversprechen nicht so genau. Bei einem meiner wöchentlichen Besuche traf ich auf Khaled, der im vorigen Schuljahr in meinem Unterricht war, ihn aber aus persönlichen Gründen abgebrochen hatte. Er fragte mich, ob er wieder in die Klasse kommen könnte, denn er braucht unbedingt den B1-Abschluss, das ist ein Zeugnis, das die dritte Stufe des Europäischen Referenzrahmens und der Nachweis für das Erlernen der deutschen Sprache sind. Ich will ihm helfen und verspreche ihm, mich für ihn in der Sächsischen Bildungsagentur einzusetzen. Von der zuständigen Mitarbeiterin erfahre ich, dass er leider nicht an der Prüfung teilnehmen darf, weil er in diesem Schuljahr nicht angemeldet war. Er sieht es gelassen und meint, dass er ja aufgrund seines laufenden Asylverfahrens noch genügend Zeit dazu hätte.

Die Politiker des Landes sind sich einig, dass das Erlernen der deutschen Sprache für Menschen mit einer anderen Muttersprache, die in unserem Land leben wollen, an erster Stelle steht. Doch längst nicht alle haben die Pflicht, geschweige denn das Recht dazu. Das sind vor allem die Migranten mit einem Duldungsstatus bzw. die mit einem laufenden Asylverfahren. Auf Befragung der Ausländerbehörde erhielt ich die Antwort, dass die betreffenden Personen nicht gefördert werden dürfen, so dass es ihnen überlassen bleibt, was sie mit ihrer endlosen Freizeit anfangen. Die Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis werden dagegen verpflichtet, einen Integrationskurs zu besuchen. Es ist ein Paradoxon, dass ihnen die Zeit, oft sind es Monate, die sie in der Vorbereitungsklasse mit berufsbildenden Aspekten Deutsch gelernt haben, nicht angerechnet werden. Außerdem verwehrt ihnen der Wechsel zu einem Integrationskurs, der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird, die Rückkehr an eine öffentliche Schule, um dort einen Schulabschluss zu machen, auf den sie sich in meiner Klasse vorbereiten. Dazu muss man wissen, was ein Integrationskurs beinhaltet, der sich nicht wie die Bezeichnung vermuten lässt auf eine umfassende Integration, die alle Bereiche des Lebens umfasst, bezieht. Bestehend aus einem 600 Stunden umfassenden Basissprachkurs und einem 45 Stunden umfassenden Aufbausprachkurs dient der Kurs der Erlangung ausreichender Sprachkenntnisse bis zum Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens. Bei Wikipedia heißt es zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund: „Der Prozess der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung, Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten, Feststellen von Unterschieden und der Übernahme gemeinschaftlicher Verantwortung zwischen Zugewanderten und der anwesenden Mehrheitsbevölkerung.“ Es besteht also eine offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Begriff Integration und seiner Realisierungsmöglichkeit mit Hilfe der so genannten Kurse, da es sich in erster Linie um Sprachkurse handelt. Ich verbinde in meinem Unterricht den Spracherwerb mit vielfältiger praktischer Tätigkeit. Diese umfasst gemeinsame Sportstunden mit Schülern des BSZ, in denen wir zum Beispiel Volleyball oder Basketball spielen, oder das Kochen von ausländischen und deutschen Gerichten in der Schulküche. Dazu gehören Bowling- und Billardspielen mit Schülern anderer Schulen, Museums- und Kinobesuche oder die Besichtigung von historischen Bauwerken wie dem Freiberger Dom. Wir gehen zusammen ins Freizeitbad nach Marienberg oder besteigen das Besucherbergwerk „Reiche Zeche“ in Freiberg. Mit Jugendlichen, die noch große sprachliche Probleme haben, fahre ich zur Ausländerbehörde, gehe mit ihnen zum Arbeitsamt, zur Sparkasse oder zur Krankenkasse, um ihnen beim Ausfüllen von Formularen zu helfen. Nun kann und will ich keinem Unterrichtenden der Integrationskurse unterstellen, außer der Vermittlung der Sprache die Gelegenheiten zur praktischen Integration nicht zu nutzen. Meine Erfahrung bei der Arbeit mit jugendlichen Migranten und solchen mit Migrationshintergrund führte auf jeden Fall zu der Erkenntnis, dass allein die Unterrichtsstunden zum erfolgreichen Spracherwerb nicht ausreichen. Den zuständigen Behörden schlage ich deshalb vor, den Inhalt der Integrationskurse auf Tätigkeiten im Alltag der betreffenden Menschen zu erweitern. Gegenargumente werden wahrscheinlich fehlende finanzielle Mittel sein, die man meiner Meinung nach jedoch mit dem Einsparen anderer wie zum Beispiel unnötiger Fahrtkosten ausgleichen kann. Warum müssen Migranten, die in Freiberg wohnen, in Chemnitz einen Integrationskurs an der Volkshochschule besuchen, wenn dieser in ihrem Wohnort angeboten wird? Warum werden Kinder vom Asylbewerberheim in Mobendorf mit dem Bus nach Hainichen zur Schule gefahren, wenn sie vom Asylbewerberheim in Freiberg aus zu Fuß zur Schule gehen könnten? Warum wird die Schließung eines zentral gelegenen Asylheims zugunsten eines abgelegenen erwogen?

Vor drei Jahren hatte ich neben meiner Tätigkeit am BSZ in Freiberg einen Nebenjob an der Volkshochschule in Chemnitz. Dort unterrichtete ich an zwei Tagen in der Woche Migranten in einem Alphabetisierungskurs in einer Gruppe von sechs Personen, von denen ein Mann aus Russland nur am ersten Tag anwesend war. Welche Folgen das für ihn hatte, weiß ich nicht, auf jeden Fall blieb sein Name auf meiner Liste der Teilnehmer. Das interessierte mich natürlich nicht, denn meine Stunden konnte ich ja trotzdem halten, die ausschließlich im Klassenraum stattfanden. Der Alphabetisierungskurs, zu dem ein Sprachkurs und ein Orientierungskurs gehören, ist die erste Stufe eines Integrationskurses. In der Sendung „Report Mainz“ vom 25.07.2011 wurde die Summe von 200 Millionen Euro genannt, die der Staat jedes Jahr für die Finanzierung der Kurse aufbringt. Das sei zunächst mal positiv, doch „Report Mainz“ recherchierte, dass „hinter den Kulissen getrickst und getäuscht“ wird. Und weiter heißt es: „Lehrer von Integrationskursen und Verwaltungsmitarbeiter bei Schulträgern berichten übereinstimmend von gefälschten Anwesenheitslisten und ganzen Kursen, die nur auf dem Papier bestehen. Bei staatlich geförderten Integrationskursen kommt es offenbar zu systematischem Abrechnungsbetrug (www.swr.de). Den Beweis bringt das politische Magazin anhand von Gesprächen mit sieben Informanten, die alle von manipulierten Listen berichten. Diese sind wiederum die Grundlage für die Abrechnung mit dem Bundesamt, von dem es für jeden Teilnehmer 2,35 Euro gibt. „Report Mainz“ weiß, dass zurzeit 90.000 Teilnehmer in einem Integrationskurs lernen und der Schaden von Insidern auf mehr als 100 Millionen Euro geschätzt wird. Ich habe einen Vorschlag, wie man dieses Geld besser verwenden könnte. In den Orientierungskursen geht es zum Beispiel um die Vermittlung von Kenntnissen über die Rechtsordnung, die Gesellschaft und die Geschichte Deutschlands. Warum kann man diese nicht mit Besuchen in einem Gericht oder im Rathaus oder auch in einem Museum verbinden? Das Geld wäre also auf jeden Fall vorhanden und die Bezeichnung Integrationskurs hätte eine größere Berechtigung.

Gutscheine

Im Gegensatz zu sehr viel Zeit hat Khaled wie die meisten seiner Freunde wenig Geld. Doch er ist dankbar für die Leistungen, die er vom Staat bekommt und für die er nichts tun muss bzw. tun darf und stellt fest, dass man in seinem Land Libyen nur für Arbeit Geld bekommt.

Khaled erzählt mir weiter, dass er 170 Euro für Essen und Kleidung und andere persönliche Dinge bekommt und dass er inzwischen 3.000 Euro an seinen Rechtsanwalt gezahlt hat. Diese hat er sich illegal erarbeitet bzw. zum Teil von seinem Onkel, der in Leipzig eine Pension hat, bekommen.

Seit 2011 gibt es in Freiberg für Lebensmittel und Kleidung keine Gutscheine mehr, das heißt, die Asylbewerber können jetzt selbst entscheiden, wo sie einkaufen gehen bzw. was sie mit ihrem Geld machen. Bis dahin waren sie gezwungen, ihre Gutscheine in bestimmten Supermärkten für Grundnahrungsmittel einzulösen. Zuvor war es noch üblich, dass Händler in das Heim kamen und für überteuerte Preise ihre Produkte verkauften. Ich habe mir einmal eine Liste mit Waren des täglichen Bedarfs und den entsprechenden Preisen zeigen lassen und konnte kaum glauben, wie viel mehr als im Supermarkt die Heimbewohner dafür bezahlen mussten. Vor einiger Zeit brachte das MDR-Nachrichtenmagazin „Exakt“ einen Bericht zu dem Thema „Heimbetreiber kassiert offenbar bei Asylbewerbern ab“.


Die Zuschauer erfuhren, was ich von früheren Methoden der Ausländerbehörde in Freiberg längst wusste, dass diese Taktik im Landkreis Leipzig noch gang und gäbe ist. Das Magazin deckte auf, dass der Betreiber eines Asylbewerberheims versucht, gleich doppelt an seiner Kundschaft zu verdienen. Die Recherchen ergaben, „dass der Betreiber des Heims in Threna mehrere Läden besitzt, in denen die Asylbewerber für einfache Grundnahrungsmittel horrende Preise zahlen müssen. Alternativen gibt es nicht, denn die Läden sind nach einem Beschluss des Kreistags die einzige Einkaufsmöglichkeit für die Asylbewerber von gleich drei Heimen im Leipziger Umland.“ Man kann sich ausrechnen, wie viel den Asylbewerbern bei diesem Verteuerungsfaktor von 50 Prozent bei ihnen zur Verfügung stehenden 130 Euro tatsächlich für die eigene Versorgung übrigbleibt. Für mich ist es unverständlich, warum gerade bei den Hilfsbedürftigsten wie den Asylbewerbern die Sucht der Geschäftsleute an einer Bereicherung am größten ist. Vermutlich deshalb, weil ihre Hilf- und Wehrlosigkeit ebenfalls am größten ist. So ergab ein Test eines MDR-Reporters, dass der Einkauf von vergleichbaren Lebensmitteln in einem nahegelegenen Discounter um die Hälfte billiger ausfallen würde. Was soll man von der Antwort der Behörde auf die MDR-Anfrage halten? Der logische Zusammenhang der Begründung für die Vorgehensweise bleibt mir jedenfalls verschlossen.

Khaled kam vor zwei Jahren aus Libyen nach Deutschland und er sagte mir, dass er wie viele andere gekommen ist, weil es in seinem Land keine Freiheit, Demokratie und schlechte Lebensverhältnisse gibt. Aber hier in Deutschland würde er jetzt wie in einem Gefängnis leben, er darf nicht arbeiten, seinen Kreis nur mit einem Urlaubsschein verlassen, den er aber erst beantragen muss, und er darf auch keine Ausbildung machen. Seine einzige Chance ist die Teilnahme an einem Deutschkurs, der aber noch lange keine Garantie für eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist. Er will aber trotzdem Deutsch lernen, weil er weiß, dass das sehr wichtig für ihn ist. Ich frage ihn, ob er seine Freundin, die in Wiesbaden lebt, noch hat. „Ja, natürlich“, antwortet er, „und ich will sie auch irgendwann heiraten. Doch ich muss erst lernen, das ist das Wichtigste.“ Leider kommt er sehr unregelmäßig zum Unterricht, bis ich ihn eines Tages beim Italiener an der Ecke treffe und er mir andeutet, dass er zurzeit große gesundheitliche Probleme hat, über die er jetzt aber nicht sprechen könne. Tage später erfahre ich von seiner anstehenden Operation, die aufgrund einer Lungenerkrankung notwendig ist.

Fluchtgründe

Sergej ist aus Russland und seit 21 Monaten in Deutschland. Seitdem lebt er mit dem Status einer Duldung im Asylbewerberheim in Freiberg. Im vorigen Jahr hat er am BSZ die Abschlussprüfung in der Vorbereitungsklasse mit berufsbildenden Aspekten mit der Note „Eins“ bestanden. Er ist sehr intelligent, sprachgewandt und vielseitig interessiert. Eines Tages hat er mir seine Geschichte erzählt.

Er lernte vier Jahre an einem Kolleg in Moskau, um später Informatik studieren zu können. Weil er sich dort mit dem Lehrkörper anlegte, musste er das Bildungsinstitut vorzeitig verlassen, so dass er keinen Abschluss besitzt. Sergej ist ein Mensch, der alles hinterfragt und Missstände aufdecken will. Das wurde ihm zum Verhängnis, als er in seiner Heimatstadt eine Kundgebung organisierte, die sich gegen den korrupten Bürgermeister richtete. Die Polizei verhaftete ihn und er musste zwei Tage im Gefängnis verbringen. Von dort aus gelang ihm die Flucht nach Deutschland, wo er seitdem als Untergetauchter lebt. Doch er hat bisher keine Chance, hier ein normales Leben zu führen, da bis heute sein Asylverfahren läuft. Mit seinem Heimatland und mit seiner Familie hat er abgeschlossen.

Er lebt allein in Deutschland, hat also keine Verwandten hier, die ihm helfen könnten, so dass er auf die Unterstützung fremder Menschen angewiesen ist. Zwei seiner Bezugspersonen sind Herr Z. vom Jugendmigrationsdienst der AWO in Chemnitz und Herr L. vom Café INKA in Freiberg. Da er oft Langeweile hat, besucht er uns manchmal in der Schule und wir laden ihn zu Veranstaltungen außerhalb des Unterrichts ein. Sergej ist ein sehr sparsamer Mensch, der langfristig plant und genau weiß, was er will. Als er noch für den Einkauf von Lebensmitteln Gutscheine bekam, fragte er mich, ob ich für einen Teil davon für meinen Bedarf einkaufen würde. Ich tat ihm den Gefallen, weil ich keinen Nachteil, aber er den Vorteil hatte, zu Bargeld zu kommen, das er u. a. für die Bezahlung seines Passes sparen will. Der Wert eines Gutscheines betrug pro Tag 4,45 Euro, die Sergej aufgrund seiner haushälterischen Lebensweise für sich nicht in Anspruch nehmen muss.

Wenn er sich mit mir unterhält, will er immer auf eventuelle Grammatik- oder Aussprachefehler hingewiesen werden. Ja, er macht mich sogar manchmal auf einen Schreibfehler an der Tafel aufmerksam.

Im November vorigen Jahres erkrankte Sergej an einer schweren Lungenentzündung, so dass er einige Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Dort besuchte ich ihn, wo er uns die Odyssee seines Krankheitsverlaufs erzählte. Nach den Weihnachtsferien bekam ich wie alle DaZ-Lehrer in Sachsen vom Ausländerbeauftragten des Freistaates eine Doppel-CD von Sebastian Krumbiegel von den Prinzen mit dem Titel „Ängste und Träume“ geschenkt. Auf dem Cover schreibt der Sänger: „Alle, die in unserem Land ‚Ausländer raus!‘ schreien, wissen nicht, wovon sie reden. Wir sollten den Menschen, die zu uns kommen, zuhören. Sie haben ihre persönlichen Geschichten und machen hier Erfahrungen, aus denen auch wir etwas lernen können.“

Jugendmigrationsdienst

Wöchentlich einmal habe ich Kontakt mit Herrn Mohammad Z., der als Eingliederungsberater des Jugendmigrationsdienstes (JMD) der Arbeiterwohlfahrt Chemnitz die jungen Migranten in Freiberg betreut. Mit ihm arbeite ich seit zwei Jahren eng zusammen und wir haben in dieser Zeit ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut. Herr Z. stammt aus Afghanistan und lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in Deutschland. Als engagierter Angestellter des JMD unterstützt er vor allem neu zugewanderte Jugendliche und Erwachsene bei der sprachlichen, schulischen, beruflichen und sozialen Eingliederung. Unsere Zusammenarbeit erstreckt sich hauptsächlich auf die Organisation von Veranstaltungen mit den Migranten nach dem Unterricht. Dazu gehören Kino- und Museumsbesuche, Sportnachmittage und Ausflüge in die nähere Umgebung.

Bei einem unserer Treffen in seinem Büro sagte mir Herr Z., dass die Jugendlichen, die er betreut, nur positiv über mich sprechen. Sie seien sehr dankbar für meine Hilfen bei der Bewältigung der bürokratischen Hürden ihrer Eingliederung, bei ihrer Wohnungssuche, Fahrten zur Ausländerbehörde und vieles mehr. Dafür wolle er mir ausdrücklich Dank sagen. Er machte mich verlegen, aber ich freute mich natürlich über seine Äußerungen und fühlte mich in meiner Arbeit bestätigt. Herr Sarrazin, bei manchen Personen wie auch der Ihren stehe ich sicher mit dieser Einschätzung als Gutmensch mit einem Helfersyndrom da. Ok, da muss ich drüber stehen, doch Handeln halte ich immer noch für die bessere Variante, um Probleme zu lösen, anstatt große Reden zu schwingen bzw. schonungslose Analysen wie die Ihren zu schreiben. Man mag gegen viele Fakten nicht ankommen, praktische Hilfsangebote habe ich in Ihrem Buch, Herr Sarrazin, kaum gefunden.

Während unseres Gesprächs kamen Arian und Mohammad, die seit einiger Zeit eine Aufenthaltsgestattung haben und deshalb eine eigene Wohnung beziehen durften. Wir hatten viel Spaß und Herr Z. sagte, dass beiden nur noch eine passende Frau fehlt. Ich machte den Vorschlag, sie sollten doch mal in die Disko gehen und ich würde mich auch bereiterklären mitzugehen und schlug das gleiche Herrn Z. vor. Er war begeistert und wir einigten uns darauf, im April oder Mai nach Hartmannsdorf ins Braugut in eine Disko zu fahren. Natürlich nur privat, wie Herr Z. sagte.

In einer Vertretungsstunde in einer Förderschulklasse des BSZ hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Schüler, der sich über die seiner Meinung nach große Anzahl von Ausländern in Freiberg wunderte. Dieser fragte mich, warum eigentlich so viele Ausländer nach Deutschland kommen und hier zum Teil uns Deutschen die Arbeit wegnehmen. Außerdem wollte er wissen, warum manche Ausländer zum Beispiel in einem Dönerimbiss arbeiten, obwohl sie kaum Deutsch sprechen können. Er sei aber auf keinen Fall rassistisch, mache sich nur Gedanken darüber.

Ich erzählte von den Migranten und ihren Geschichten, die in meinem Kurs Deutsch lernen und merkte ihm an, dass ihn das zum Nachdenken veranlasste, und schlug ihm vor, uns doch einmal in der Pause zu besuchen, um die Schüler aus den anderen Ländern näher kennenzulernen. In dieser Woche war ich mit Cristiane, Asis, Arian, Sergej und dem fünfzehnjährigen Ali, der die Mittelschule in Freiberg besucht, im Altstadtcenter Bowling spielen. Dazu laden wir auch immer ausländische Jugendliche ein, die aus verschiedenen Gründen nicht am Deutschkurs teilnehmen.

Ich habe gerade mal eine Pause vom Schreiben gemacht, als im Fernsehen Dieter Nuhr, der zu meinen Lieblingskabarettisten zählt, den heutigen Satiregipfel u. a. mit der Bemerkung ankündigte: „Herr Sarrazin meint ja in seinem Buch, dass Deutschland immer mehr verdumme und er sich frage, ob er nur der Theoretiker davon oder schon die Auswirkung sei.“ Ich denke, diese Aussage verkraften Sie, Herr Sarrazin, oder? Denn ich habe Sie ja am Anfang des Buches als intelligent eingeschätzt.

Flüchtlinge

An einem Vormittag im April war Rohan, der vor vier Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen war, zu Besuch in der Schule. Er ist ein intelligenter junger Mann, der in seinem Heimatland mit einem Biologiestudium begonnen hat, das er in Deutschland fortsetzen wollte. Da er jedoch nur den Aufenthaltsstatus einer Duldung besitzt, ist das nicht möglich und er muss in einem Dönerladen als „Mädchen für alles“ arbeiten. In seiner Freizeit geht er in ein Fitnessstudio oder beschäftigt sich mit seiner 15-monatigen Tochter, die er zusammen mit einer deutschen Frau hat.

Jetzt träumt er von einer gemeinsamen Zukunft mit der Mutter seiner Tochter, die er heiraten möchte und mit der er in eine Wohnung in einem Nachbarort von Freiberg ziehen will. Leider hat er den Deutschkurs vorzeitig abgebrochen, weil er viele persönliche Dinge in Zusammenhang mit seiner Aufenthaltsgestattung zu regeln hatte. Ich ermöglichte es ihm allerdings, die Prüfung am Anfang des Schuljahres 2008/09 nachzuholen, die er mit der Note „zwei“ bestand. Leider bekam er aber nachträglich kein Zeugnis, da er zu dem regulären Prüfungstermin im Juni nicht erschienen war. Ich traue ihm ohne weiteres zu, aufgrund seines Wissens und seiner Fähigkeiten ein deutsches Abitur zu machen und zu studieren.

Eines Tages besuche ich Rohan in seiner Wohnung, wo ich auf seinen Landsmann Bara treffe. Er erzählt mir seine spektakuläre Flucht von Pakistan nach Deutschland:

„Es ist das Jahr 2006. Das Flugzeug landet in Nishninowgorod, wo ich mich mit einem Landsmann als Student anmelde und zwei Tage dorthin gehe. Dort wollen wir jedoch nicht bleiben und wir machen einen Fluchtplan. Wir rufen einen Mann aus Pakistan an, der uns für unser restliches Geld ein Zugticket nach Moskau besorgt, wo wir acht Stunden später ankommen. Als wir aus dem Zug aussteigen, werden wir sofort gefangen genommen und müssen mit 60 weiteren Flüchtlingen in einem Zimmer von ca. 10-12 qm Größe zubringen. Nachts liegen wir dicht nebeneinander und können uns kaum bewegen. Zu essen bekommen wir jeden Tag eine kleine Menge Reis. Nach 52 Tagen kommt ein LKW mit einer Ladung Kartoffeln und Zwiebeln. Wir werden mit 14 Leuten in den hinteren Teil gepfercht und kommen 30 Stunden später mit einer Pause von ca. fünf Minuten in Weißrussland an. Dort warten bereits 14 Männer und eine halbe Stunde später kommt ein kleines Auto, in das acht pakistanische und acht indische Männer einsteigen sollen. Nach einer Stunde ist die Fahrt zu Ende und zwei Soldaten fordern uns auf, auszusteigen und schnell zu laufen. Ein Mann kann nicht mehr, weil er starke Bauchschmerzen hat. Um ihn anzutreiben, wird er mit einer großen Holzstange in die Bauchgegend geschlagen. Da er nicht mehr gehen kann, müssen ihn zwei Männer tragen. Nach drei Stunden Fußmarsch kommen wir an einen Teich mit schwarzem, schmutzigem Wasser, durch den wir neun bis zehn Stunden laufen müssen. Insgesamt sind es jetzt 72 Menschen, die zusammengekommen sind. Nach einer Weile sollen alle kurz untertauchen, um nicht entdeckt zu werden. Ein Mann spuckt Blut und wird abwechselnd von sechs Leuten getragen. Wer nicht mehr laufen kann oder will, wird brutal geschlagen. Nach fünf Stunden kommt ein großes Armeeauto, in das alle einsteigen müssen. Der kranke Mann muss Wasser lassen und bekommt eine leere Colaflasche, die er zu diesem Zweck benutzen soll. Als diese jedoch voll ist, hört der Strahl nicht auf, da wahrscheinlich seine Blase geplatzt ist. Wir sollen den Mann zurücklassen, was jedoch niemand will. Seine Kraft ist am Ende, trotzdem bekommt er unaufhörlich die Holzstange zu spüren. An einer Bahnschiene angekommen, sagt man uns, dass hier die Grenze zwischen Russland und der Ukraine verläuft. Wir weigern uns, die zwei Kranken in Russland zu lassen und bezahlen 400 Euro für ihre weitere Mitnahme. Inzwischen kommt ein weiteres Auto, in dem nacheinander 16 Leute transportiert werden. In einem kleinen Dorf angelangt, bleibt das Auto plötzlich im Schlamm stecken und alle, außer den Kranken, müssen schieben. Die meisten Flüchtlinge haben keine Haare, keine Schuhe oder nur einen Schuh. Wieder führt uns unser Marsch durch Wasser, das sich unter einer Brücke befindet und uns bis zur Gürtelhöhe reicht. Den Schmutz kann ich ein halbes Jahr nicht abwaschen, so hat er sich an meinem Körper festgefressen. Die Schleuser lassen uns jetzt allein und geben uns ein Handy, auf dem wir angerufen werden sollen. Drei Stunden vergehen, ohne einen Anruf zu erhalten, der uns über unseren Weitertransport informieren soll.“

Die Odyssee der Flucht ging wochenlang weiter, bis der Zielort Deutschland erreicht wurde. Diese Angaben sind alle bei den entsprechenden Behörden schriftlich niedergelegt. Ich kenne Bara und lernte ihn als einen liebenswerten jungen Mann kennen, der in Deutschland nur eins will: ein besseres Leben als das in seinem Heimatland. Noch immer hat er nur den Aufenthaltsstatus einer Duldung. Das heißt, seine Abschiebung wurde vorübergehend ausgesetzt und er darf den Landkreis Mittelsachsen nicht ohne triftigen Grund verlassen. Damit besitzt der junge Mann aus Pakistan keinen rechtmäßigen Aufenthaltstitel, der u. a. keine Arbeitserlaubnis enthält. Mit dem Risiko einer Strafanzeige, die seine Abschiebung zur Folge haben kann, arbeitet er dennoch in der Firma seines Bruders.

Auch Bilal ist aus Pakistan, der sich in vier Jahren seines Aufenthalts in Deutschland schnell einen umfangreichen deutschen Wortschatz angeeignet hat. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern, sein Vater ist nach einem Arbeitsunfall gestorben. Im vorigen Jahr hat Bilal eine russische Spätaussiedlerin geheiratet, die zwei Kinder mit in die Ehe gebracht hat. Zu der Hochzeit mit ca. zehn Gästen war ich auch eingeladen und erlebte, wie man auch mit bescheidenen finanziellen Mitteln ein schönes Fest organisieren kann.

Russen

Einer meiner Lieblingsschriftsteller mit Migrationshintergrund ist Wladimir Kaminer, der 1990 in der damals noch bestehenden DDR „humanitäres Asyl“ bekam und kurzfristig die Staatsbürgerschaft der DDR und mit dem Beitritt dieser zur BRD automatisch die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft erhielt.

In einer seiner Geschichten unter dem Titel „Von Tübingen nach Böblingen“ zitiert er einen Werbespruch für einen seiner Live-Auftritte mit dem Titel „Der Russe kommt.“ mit der Bemerkung, dass die Russen wohl immer noch Aversionen bei den Deutschen auslösen, und sich dabei selbst auf die Schippe nimmt.

Da auch ein Russe in meinem Deutschkurs lernt, um seine deutschen Sprachkenntnisse zu erweitern, bezog ich diese Geschichte in meinen Unterricht ein und verband sie mit einer Phonetikübung. Der russische Akzent von Kaminer lässt sich ja nun mal nicht verleugnen und dient als gutes Beispiel für bestimmte unüberwindbare Hürden im Erlernen der deutschen Sprache.

Die Aussage „Der Russe kommt!“ kann noch durch den Satz „Die Russen kommen!“ gesteigert werden, den eine Radiomoderatorin machte, als sie von den neuen Einreisebestimmungen für Russen in die Türkei berichtete. Der Inhalt der Nachricht war, dass sich die Türkei schon jetzt auf die vielen russischen Touristen im kommenden Sommer freut und in Antalya sogar ein neues Hotel mit der Architektur des Kremls gebaut wurde. Sie ergänzte diese Meldung noch mit der ihrer Meinung nach lustigen Äußerung: „Aber die Liegen am Strand bleiben in deutscher Hand.“

Meine Oma erzählte mir mehrmals eine Episode, die sie kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte. Auch damals kamen die Russen nach Deutschland, aber aus einem anderen Grund. Nachdem Hitler den Krieg verloren hatte, wurde Ostdeutschland russische Besatzungszone und die Soldaten der Roten Armee waren in vielen Orten präsent. Die Begeisterung der Bevölkerung darüber hielt sich in Grenzen, oft überwog sogar die Angst vor Racheakten und Repressalien. Auch in die Wohnung meiner Großmutter kamen zwei Russen, nachdem sie ihre Pferde im gegenüberliegenden Grundstück angeleint hatten. Während sie sich mit Parfüm besprühten, rannte meine Oma aus der Wohnung ins zwei Kilometer entfernte Polizeirevier, um Hilfe zu holen. Als sie zurückkam, waren die russischen Soldaten jedoch schon wieder weg, doch das Erlebnis hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt und sie erzählte es immer wieder. In der Schule bekamen wir später nichts von solchen oder ähnlichen Situationen zu hören. Im Vergleich zu diesem harmlosen Ereignis gab es jedoch auch andere Vorfälle zwischen Deutschen und Russen wie zum Beispiel Vergewaltigungen und Plünderungen. Einem Russen haben wir Deutschen allerdings auch die problemlose Wiedervereinigung zu verdanken. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn die damalige Sowjetunion dies 1989 versucht hätte zu verhindern. Doch mit Gorbatschow hatte das Land einen Reformpolitiker, der die Zeichen der Zeit erkannte und den Slogan „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ populär machte. Die Euphorie über ein vereintes Deutschland wich bald bei so manchem Ostdeutschen, der bald seine Arbeit verlor, zugunsten des Realitätssinns. Auch die Westdeutschen mussten feststellen, dass die Wiedervereinigung nicht nur positive Auswirkungen auf ihr Leben hatte.Für mich sind Meinungs- und Reisefreiheit große Errungenschaften gegenüber dem Honecker-Staat, der eigene politische Ansichten unterdrückte und Reisen ins nichtsozialistische Ausland nur Privilegierten und später Rentnern erlaubte. Doch auch auf die Russen hatte die Entwicklung in Deutschland vor 20 Jahren positive Auswirkungen, indem Spätaussiedlern die Einreise nach Deutschland erleichtert wurde. Die russische Sprache war mit der Wende für viele Jahre „out“ und aus Russischlehrern wurden Englischlehrer. Doch die Motivation zum Erlernen der englischen Sprache hielt und hält sich bei den Schülern der Mittel- und Förderschulen in Grenzen. In meinen Unterrichtsstunden höre ich oft die Begründung: „Das brauche ich nicht im späteren Leben.“ Ich gebe zu, die Lehrpläne der Fächer sind vollgestopft mit Stoff, der oft wirklich nicht die Frage nach dem Sinn des zu erlernenden Inhalts beantworten lässt. Doch das Lernen einer Fremdsprache sehe ich als sehr wichtig an, gerade im heutigen Zeitalter der Globalisierung.

Sprachkenntnisse und Einbürgerungstest

Meine bisherigen Reisen haben sich nur auf europäische Länder beschränkt. Sie führten mich achtmal nach Kroatien, zweimal nach Slowenien und Spanien, einmal nach Italien, Dänemark, Polen, Ungarn, in die Schweiz, nach Luxemburg, nach Frankreich, nach Russland und viele Male nach Tschechien. In diesen Staaten kommt man so gut wie ohne Kenntnisse der Landessprache aus. Doch immer habe ich gemerkt, dass Englischkenntnisse von Vorteil sein können. Als ich zum Beispiel im Landesinneren von Kroatien einmal nach dem Weg fragte, verstand niemand deutsch, aber englisch schon eher. In einem Hotel in Frankreich kam ich nicht mal damit weiter, als ich einen „apple juice“ bestellen wollte, um einen Apfelsaft zu bekommen. Meine älteste Tochter, die damals in Frankreich arbeitete und später dazu kam, rettete die Situation durch Anwendung ihrer Französischkenntnisse, indem sie einen „jus de pomme“ verlangte. Auch wenn man die Landessprache eines Urlaubsortes nicht beherrscht, sehe ich es als freundliche Geste an, sich einige Worte wie „danke“, „bitte“ und Wendungen wie z. B. „Entschuldigen Sie bitte!“ und „Können Sie mir helfen?“ usw. anzueignen.

Fast am Ende der DDR-Ära bin ich 1989 mit einer Schulklasse als Auszeichnung nach Leningrad, dem heutigen Petersburg, geflogen. Ich erinnere mich, wie viel Bürokratie ich als Klassenleiterin überwinden musste, um diese Reise genehmigt zu bekommen. Das war der einzige Kontakt mit Russen, die damals noch Sowjetbürger hießen, bei dem ich meine mehr oder weniger guten Russischkenntnisse, die ich mir nach zehnjährigem Unterricht angeeignet hatte, anwenden konnte. Bis heute ist leider nicht mehr viel davon übriggeblieben, abgesehen von ein paar „Brocken“, die ich manchmal in Gespräche mit Jugendlichen aus dem russischen Sprachraum einflechte und meine Gesprächspartner aufgrund meiner andersartigen Aussprache zum Schmunzeln bringe. Dann wird mir bewusst, wie schwer es ist, eine andere Sprache zu lernen und dabei die Regeln der Aussprache und Grammatik zu beachten. Die Schwierigkeit des richtigen Schreibens kommt dazu, wenn die Buchstaben nicht dem lateinischen Alphabet entsprechen oder umgekehrt und die Schreibrichtung die entgegengesetzte, wie im Arabischen, ist. Von Timucin, der aus der Inneren Mongolei kommt, erfuhr ich, dass dort die klassische mongolische Schrift heute noch primär von oben nach unten verläuft. Wie einfach erscheint doch unsere deutsche Sprache, wenn man an die chinesische denkt, in der 3000 bis 4000 Schriftzeichen für den allgemeinen Bedarf notwendig sind.

Eine Sprache lernt man am besten, wenn man sie so oft wie möglich anwendet. Zu dieser Erkenntnis komme ich immer wieder bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen aus den verschiedensten Sprachräumen. Wer zum Beispiel von den älteren Bewohnern des Asylbewerberheims keine Chance hat, einen Sprachkurs zu besuchen, der spricht logischerweise mit seinen Landsleuten in seiner Muttersprache. Grundlage für ein Leben in einem anderen Staat als dem Herkunftsland ist aber nun mal das Beherrschen der Landessprache in Verbindung mit der Amtssprache, erst recht, wenn man die entsprechende Staatsbürgerschaft annehmen will. Bei den Lernern meiner Gruppe spielt häufig auch der sächsische Dialekt eine Rolle beim Kommunizieren mit Einheimischen, denn die Hochsprache wird im Alltag von den wenigsten Menschen gesprochen. So geht es natürlich ebenfalls den Migranten, die sich zum Beispiel mit dem bayrischen, hessischen oder plattdeutschen Dialekt anfreunden müssen.

Ich kann nachvollziehen, dass die vielen Migranten in Deutschland ihre eigene Staatsbürgerschaft behalten wollen oder höchstens eine Doppelstaatsbürgerschaft annehmen wollen. Das weiß ich auch aus meinen Gesprächen mit vielen von ihnen, die sich damit eine mögliche Rückkehr in ihr Land offen halten wollen. Für Ausländer, die jedoch die deutsche Staatsbürgerschaft anstreben, wurde 2008 von der Humboldt-Universität Berlin zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen für die Bundesregierung ein 310 Fragen umfassender Test erarbeitet, den die Einbürgerungswilligen bestehen müssen. Wer 17 von 33 zufällig ausgewählte Fragen richtig beantwortet, besteht den Einbürgerungstest und darf als deutscher Staatbürger alle Rechte in Anspruch nehmen.

Im Rahmen des Tages der offenen Tür am BSZ in Freiberg habe ich die Prüfung mit deutschen Schülern und Erwachsenen gemacht, von denen sie weniger als die Hälfte bestanden haben. Zum Beispiel bei der Frage, wo man seinen Hund anmelden muss, kamen viele ins Grübeln. Ich selbst wäre auch nie auf das Einwohnermeldeamt gekommen. Aber wer beschäftigt sich schon mit solch einem Problem, bevor er nicht wirklich die Absicht hat, sich des Deutschen liebstes Haustier anzuschaffen. Ich habe die Fragen, die Kenntnisse über die Geschichte, Sprache, Kultur und das Staatswesen des Landes beinhalten, auch in der einen oder anderen Deutschstunde mit Schülern der Förderschule diskutiert und bei vielen Wissenslücken festgestellt. Fragen nach Einstellungen und Gesinnungen werden übrigens nicht gestellt, seit nach dem hessischen Entwurf eine einheitliche Regelung für Deutschland gefunden wurde.

Der aus Syrien stammende Said hat den Einbürgerungstest vor ein paar Wochen bestanden, obwohl er noch immer um seine Niederlassungserlaubnis kämpft, wo ihm andere bürokratische Hürden im Wege stehen.

Interessant ist, dass in den USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur 10 von 100 Fragen gestellt werden, von denen sechs richtig beantwortet werden müssen. Vorausgesetzt werden allerdings eine permanente Aufenthaltsdauer von fünf Jahren und „ein guter moralischer Charakter“. Wenn man diesen nur immer so leicht erkennen würde!

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