Kitabı oxu: «Vom Schafott zum Altar»
Jägerstätter Studien
Herausgeber: Franz und Franziska Jägerstätter Institut
Katholische Privat-Universität Linz
Redaktion: Dr. Andreas Schmoller, Dr.in Verena Lorber
Band 1
Impressum
© 2020 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck
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ISBN 978-3-7065-6080-1
Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation,
Innsbruck/Scheffau – www.himmel.co.at
Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig
Umschlag: Studienverlag/Karin Berner
Umschlagabbildung: © Georg Riemer
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Titel
Einleitung
1. Religiöse und politische Bedeutungen des Erinnerns
2. Die Bedeutung von Märtyrer/innen und Reliquien sowie die Reliquienbeisetzung unter der Altarmensa
Reliquienbeisetzung
3. Die Pfarrkirche als Identifikationsraum
Erster Teil: Geschichte der Verehrung Franz Jägerstätters und seiner sterblichen Überreste
1. Hinrichtung und Kremation
2. Die erste Urnenbestattung (1943) und Verehrung
3. Pfarrer Josef Karobath und das Gedenken in St. Radegund
4. Die zweite Urnenbestattung (1946)
5. Kirchliche Sorge für das Grab
6. Erste Bemühungen, den Fall Jägerstätter öffentlich zu machen
7. Die internationale Entdeckung Jägerstätters
Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ Nr. 79 und die Frage nach der Gewissensentscheidung bei Kriegsdienstverweigerung
8. Jägerstätter in Film und Fernsehen
9. Grabpflege und Verehrung des Märtyrers als Kreuzungspunkt zwischen lokaler und internationaler Rezeption
10. Erna Putz: Biografin und Herausgeberin der Schriften Jägerstätters
11. Weichenstellungen in der diözesanen und gesamtkirchlichen Würdigung Jägerstätters
Bischof Maximilian Aichern: Predigt bei der Gedenkmesse zum 40. Todestag von Franz Jägerstätter am 7.8.1983 in St. Radegund
Zweiter Teil: Die Reliquien von Franz Jägerstätter nach der Seligsprechung
1. Die Reliquienstele im Linzer Mariendom
2. Reliquientafel
3. Predigt am ersten Gedenktag in St. Radegund: Martyrium als Gnade Gottes
4. Die Hebung der Urne 2008
5. Sterben und Begräbnis von Franziska Jägerstätter
Manfred Scheuer: Franziska Jägerstätter 1913−2013. Predigt beim Begräbnisgottesdienst in St. Radegund 23. März 2013
6. Die liturgische Neugestaltung des Altarraumes in der Pfarrkirche von St. Radegund
6.1. Wissenschaftliche Bearbeitung der Brandleichenreste
6.2. Die Aureole mit dem Christus- und Marienmonogramm
6.3. Erkundungen und Bearbeitungen im NHM
6.4. Künstlerwettbewerb zur Neugestaltung der Pfarrkirche St. Radegund
6.5. Juryentscheidung und Ausführung der künstlerischen Gestaltung
6.6. Einige Aspekte der Taufspiritualität von Franz Jägerstätter
6.7. Translatio der Reliquien unter dem neuen Altar
Statio zur Translatio und Depositio der Reliquien des seligen Franz Jägerstätter
StilleEinsetzung des Reliquiars in den Altar (Depositio)
Kurze Stille
6.8. Die Feier der Altarweihe mit der Segnung des Verkündigungsortes und des Taufbeckens
Manfred Scheuer: Predigt zur Altarweihe mit den Reliquien des seligen Franz Jägerstätter
Schlussbemerkung
Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Personenregister
Ewald Volgger OT
Vom Schafott zum Altar
Bestattung und Translatio des Märtyrers Franz Jägerstätter
„Wenn der Priester den Altar küßt, so drückt er damit seine Ehrerbietung und Liebe, seine Gebets- und Opfergemeinschaft mit Christus und den Heiligen aus, deren Reliquien im Altar eingeschlossen sind.“1
Franz Jägerstätter (1907–1943)

20.5.1907: Geburt von Franz Jägerstätter in St. Radegund als uneheliches Kind der Dienstmagd Rosalia Huber und des Knechtes Franz Bachmeier.
19.2.1917: Hochzeit von Mutter Rosalia mit Heinrich Jägerstätter, der Franz adoptiert und ihm seinen Familiennamen überträgt.
1927–1930: Franz arbeitet im steirischen Eisenerz. Vom verdienten Geld kauft er sich ein Motorrad.
1.8.1933: Franz wird Vater einer unehelichen Tochter.
1933: Tod von Heinrich Jägerstätter, Franz übernimmt als rechtlicher Erbe den Leherbauernhof in St. Radegund.
9.4.1936: Hochzeit mit Franziska Schwaninger (1913–2013). Aus der Ehe entstammen drei Töchter.
10.4.1938: Bei der Abstimmung zum „Anschluss“ stimmt Franz als Einziger seines Ortes mit Nein.
17.6.1940: Franz wird zum ersten Mal zum aktiven Wehrdienst eingezogen, kann aber nach wenigen Tagen unabkömmlich gestellt werden.
Okt. 1940–April 1941: Ausbildung zum Kraftfahrer in der Alpenjägerkaserne in Enns, am 9.12. Verlegung nach Obernberg am Inn, ab Februar 1941 einem Pferdegespann zugeordnet, das zu Übungszwecken Infanteriematerial ins Waldviertel transportiert.
April 1941: Franz kann mit Unterstützung des Bürgermeisters abrüsten und bleibt fast zwei Jahre von einer Einberufung verschont. Der Entschluss, einer weiteren Einberufung nicht mehr Folge zu leisten, reift.
1941: Franz übernimmt das Mesneramt in seiner Pfarre St. Radegund.
1941–1942: Konsultationen mit befreundeten Priestern, Briefverkehr mit Verwandten, Frontsoldaten und seinem Freund Rudolf Mayr, Aufzeichnungen in Heften und auf losen Blättern, Unterredung mit seinem Bischof Joseph C. Fließer in Linz.
23.2.1943: Erhalt des Einberufungsbefehls.
1.3.1943: Franz stellt sich der Militärbehörde in Enns und spricht am 2.3.1943 seine Verweigerung aus. Überstellung in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Linz.
4.5.1943: Überstellung in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel.
6.7.1943: Verurteilung zum Tod durch das Reichskriegsgericht wegen Zersetzung der Wehrkraft.
12.7.1943: Letzte Begegnung mit Franziska Jägerstätter in Berlin-Tegel.
9.8.1943: Franz wird um 16 Uhr in Brandenburg an der Havel enthauptet.
Einleitung
1. Religiöse und politische Bedeutungen des Erinnerns
Orte der Erinnerung haben eine besondere Aufgabe und Wirkung. Der neugeschaffene Altar der Pfarrkirche von St. Radegund ist ein solcher Ort. Unterhalb der Altarplatte, in die Mitte des Altaraufbaus, wurde ein kreuzförmiger Glaskörper eingebettet, der die Reliquien (Brandleichenreste) des seligen Märtyrers Franz Jägerstätter birgt und seinen Märtyrertod gegenwärtig hält.2
Am 9. August 1943 wurde Franz Jägerstätter am Schafott in Brandenburg an der Havel hingerichtet; am 11. August wurde seine Leiche verbrannt. Das Todesurteil gegen Franz Jägerstätter am 6. Juli 1943 durch das Militärgericht des NS-Regimes brachte „den Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte“ mit sich.3 Eine Widerstandspersönlichkeit, die sich wie nicht wenige aus Gewissensgründen und religiöser Überzeugung gegen das menschenverachtende Regime des Nationalsozialismus aussprach, sollte vernichtet und die Erinnerung an sie ausgelöscht werden. Der Totalitarismus der NS-Ideologie duldete keine Infragestellung und Opposition. Selbst über den Tod hinaus sollte die anonyme Bestattung der Hingerichteten die Erinnerung unterbinden. Die Anonymbestattung verunmöglichte auch die Grabkultur als eine mögliche Form der Erinnerung. Die Haltung Jägerstätters, seine Wirkung auf Menschen um ihn herum, nicht zuletzt im Gefängnis, bewirkte aber das Gegenteil.
Totalitäres Denken, wie es auch vom NS-Regime unter Hitler in unüberbietbarer Weise praktiziert worden war, anerkennt in seiner Radikalität die Individualität und Würde eines Menschen nicht, nicht einmal jene der selbst totalitären Akteur/innen, es negiert die Menschenrechte, es vernichtet die Tatsache der Existenz eines Menschen. Das Leben eines Menschen ist vollkommen überflüssig, weil es jederzeit ersetzt werden kann. Das unterscheidet es vom Mörder.4 Die Verfolgungen, Verurteilungen, Hinrichtungen und die Konzentrationslager des NS-Regimes dienten in ihrer Radikalität dazu, „Menschen so zu behandeln, als ob es sie nie gegeben hätte, sie im wörtlichsten Sinne verschwinden zu lassen“.5 Dieses Ziel verfolgten die Nationalsozialisten konsequent, wenn sich Menschen, aufgrund welcher Überzeugung auch immer, ihrem System und dessen Absichten entgegenstellten oder dessen Grundlagen hinterfragten. Auch die Hinrichtung Jägerstätters entsprach dieser Absicht.
Hannah Arendt hat umfassend reflektiert, wie totalitäre Regime agieren. Sie erläutert dabei drei Tode, die konsequent aufeinander folgen. Die Vernichtung der juristischen Persönlichkeit durch Hinrichtung oder Konzentrationslagerhaft, in der der Tod sicher folgt, ist ein erstes Ziel der totalitären Verfolgung.6 Ein nächster entscheidender Schritt ist die Ermordung der moralischen Person, wodurch Märtyrertum unmöglich gemacht wird und Trauer und Erinnerung unmittelbar verhindert werden. Sterben für etwas sollte seinen Sinn verlieren.7 Und schließlich beabsichtigt das totalitäre Regime auch die Tötung der Spontaneität, damit meint Arendt die Fähigkeit des Menschen, von sich aus etwas Neues zu beginnen, eine Facette der Individualität.8 Auch die Gewissensentscheidung, „besser als Opfer zu sterben, denn als Beamter des Sterbens zu leben“, sollte ihrer Sinnhaftigkeit beraubt werden, indem Anhänger/innen des NS-Regimes „die Entscheidung des Gewissens selbst absolut fragwürdig und zweideutig machten“.9 „Das einzige, was nach der Tötung der moralischen Person noch übrigbleibt, um zu verhindern, dass Menschen lebende Leichname sind, ist die Tatsache der individuellen Differenziertheit, der eigentümlichen Identität.“10 Noch unmittelbar vor seiner Hinrichtung bemerkt Jägerstätter: „… immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre“11, und bestätigt damit, dass „dieser Bestandteil der menschlichen Person, gerade weil er so wesentlich von Natur und willensmäßig unkontrollierbaren Mächten abhängt, am schwersten zu zerstören ist“.12 Jägerstätter, der sich mit entschiedener Gewissensüberzeugung und mit von Gott begnadeter Kraft, wie er selbst bestätigt, gegen alle Formen der Lüge wandte, machte deutlich, dass der Glaube eine Instanz ist, die Wert und Würde der Person hochhält und zu verantwortungsvollem Handeln anhält, welche Würde und Individualität des Menschen nicht zu verletzen beabsichtigt.
Franz Jägerstätter begründete seine Haltung dem NS-Regime gegenüber mit seinem Glauben. „Hätte mir Gott nicht die Gnade und Kraft verliehen …“13, merkt er in einem seiner letzten Schreiben an, um deutlich zu machen, dass er diesen Weg des Widerstandes und der Verweigerung nicht einfach von sich aus gesucht hatte. Erst die in der Gottesbeziehung geschenkte Erkenntnis und Kraft ermöglichte ihm den inneren und äußeren Widerstand. Im Todesurteil des Reichskriegsgerichtes wird Jägerstätters Haltung und Aussage damit begründet,
dass er gegen sein religiöses Gewissen handeln würde, wenn er für den nationalsozialistischen Staat kämpfen würde. […] Er erklärte sich jedoch bereit, als Sanitätssoldat aus christlicher Nächstenliebe Dienst zu tun. In der Hauptverhandlung wiederholte er seine Erklärungen und fügte hinzu: Er sei erst im Laufe des letzten Jahres zu der Überzeugung gelangt, dass er als gläubiger Katholik keinen Wehrdienst leisten dürfe; er könne nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein; das sei unmöglich. Wenn er den früheren Einberufungsbefehlen Folge geleistet habe, so habe er es getan, weil er es damals für Sünde angesehen habe, den Befehlen des Staates nicht zu gehorchen; jetzt habe Gott ihm den Gedanken gegeben, dass es keine Sünde sei, den Dienst mit der Waffe zu verweigern; es gebe Dinge, wo man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen; auf Grund des Gebotes „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ dürfe er nicht mit der Waffe kämpfen. Er sei jedoch bereit, als Sanitätssoldat Dienst zu leisten.14
Der Wehrpflicht nicht nachzukommen und nicht mit der Waffe kämpfen zu wollen, wurde als Zersetzung der Wehrkraft beurteilt. Demzufolge wurde Franz Jägerstätter am 6. Juli 1943 zum Tode verurteilt.
Über 50 Jahre später, am 7. Mai 1997 wurde das Feldurteil des Reichskriegsgerichts gegen Franz Jägerstätter auf Antrag seiner Töchter Rosalia Sigl, Maria Dammer und Aloisia Maier aufgehoben. Der Grund lag darin, dass dieses aus religiösen Gründen ergangen ist und lediglich dazu diente, das nationalsozialistische Regime zu unterstützen und aufrechtzuerhalten. Das Landgericht Berlin hält fest, dass „die Entscheidung, aus Gewissensgründen keinen Wehrdienst mit der Waffe zu leisten, zu respektieren ist“.15 Damit sollte das nationalsozialistische Unrecht wiedergutgemacht werden, denn das Todesurteil ist in den Augen der Nachfolgegesellschaft Unrecht und eine rechtswidrige vorsätzliche Tötung, nach österreichischem Recht Mord (vgl. § 75 StGB).16 Damit wird deutlich und bestätigt, dass die Haltung Jägerstätters richtig und konsequent war. Jägerstätter hatte erkannt, dass die „neue Religion“, wie sie von Adolf Hitler bereits in seiner ersten Rede als Reichskanzler 1933 proklamiert worden war, den katholischen Glauben an Gott nicht respektierte. Deutlich gilt es anzumerken, dass alle Soldaten, die in diesem ungerechten Krieg gefallen sind und ihr Leben auf das Spiel gesetzt haben, aber auch alle weiteren zwangsweise zum Soldaten- und Staatsdienst Einberufenen dem menschenverachtenden Machthunger und Größenwahn sowie dem verbrecherischen Krieg und der Vernichtungsmaschinerie zur Verfügung stehen mussten. Franz Jägerstätter, Bauer und Mesner aus St. Radegund, hatte dafür eine klare Sichtweise und entschied sich, gegen den Strom zu schwimmen. Er setzte damit ein prophetisches Zeichen.
Eine Nachfolgegesellschaft gestaltet für Opfer totalitärer Systeme kulturelle und politische Erinnerungsmomente, die vom Denk- bzw. Mahnmal über künstlerisch-kulturelle oder wissenschaftliche Veranstaltungen bzw. philosophisch-ethische Reflexionen bis hin zu politischen Mahnereignissen reichen. Alle Initiativen insgesamt können unter dem Begriff Erinnerungskultur bzw. -arbeit zusammengefasst werden.

Abb. 2: „Einsame Entscheidung“, Bild 5 aus dem Jägerstätter-Zyklus von Ernst Degasperi
Der in Meran/Südtirol geborene und in Wien beheimatete Künstler Ernst Degasperi charakterisierte die NS-Ideologie und Vernichtungsmaschinerie als die „Pervertierung der Gewalt zur Moral“.17 Demgegenüber hat Jägerstätter durch seine moralische Haltung deutlich gemacht, dass die menschen- und glaubensfeindliche Gewalt der Nazis nicht zu rechtfertigen ist, und hat sich der Pervertierung entgegengestellt. Degasperi verstand sein künstlerisches Schaffen als Friedensarbeit. Sein Jägerstätter-Zyklus bringt die Haltung Jägerstätters gegen den Strom seiner Zeit in bewegender Weise zum Ausdruck.

Abb. 3: „Gegen den Strom“, Bild 6 aus dem Jägerstätter-Zyklus von Ernst Degasperi
Der Papst, die höchste Autorität der Kirche, sprach Franz Jägerstätter 2007 selig, womit er einen bleibenden Platz im Martyrologium der katholischen Kirche hat. Seine Lebenshingabe wird mit einer neuen Wertigkeit versehen, die von Menschlichkeit und Gottesbezug geprägt ist. Die Kirche pflegt den Brauch, Märtyrer/innen unter einem Altar zu bestatten, so wie ursprünglich über den Gräbern von Märtyrer/innen Kirchen und Altäre erbaut wurden. Das ist eine besondere Form der Erinnerungskultur. Jägerstätters Bestattung unter dem Altar, die ihm als Märtyrer zukommt, stiftet ein bleibendes Gedenken und verbindet die Lebenshingabe Jesu und ihren Sinn mit der Lebenshingabe des Märtyrers in der Nachfolge Jesu, um der Liebe zu den Menschen den Vorrang zu geben.18
Auch die offizielle Politik in Österreich rehabilitierte den, der sich geweigert hatte, mit der Waffe in der Hand für Hitler zu kämpfen. Anlässlich der Seligsprechung schrieb der österreichische Bundespräsident Dr. Heinz Fischer an Frau Franziska Jägerstätter und konstatierte im Namen der Republik Österreich:
Mit diesem besonderen Schritt wird das Wirken von Franz Jägerstätter weit über die Grenzen unseres Landes hinaus geehrt und dokumentiert. Auch für unser Land war es nach 1945 nicht leicht, die Opfer des Widerstandes anzuerkennen und zu akzeptieren. Die bewusste Gehorsamsverweigerung von Franz Jägerstätter, die aus einem langen Reifungsprozess entstanden ist, verdient unseren höchsten Respekt und Anerkennung. Die Nationalsozialisten konnten Franz Jägerstätter töten, aber genau dadurch haben sie seine moralische Größe sichtbar gemacht. Sie wollten seinen Namen auslöschen und haben ihn eben dadurch ins Buch der Geschichte eingetragen.19
Durch die Selig- bzw. Heiligsprechung in der katholischen Kirche wird eine bleibend gültige Entscheidung gegen das Vergessen einer Persönlichkeit, gegen die Negation der Individualität der menschlichen Person und deren Würde gesetzt, das Erinnern zur Anregung, zur Aufgabe, ja Pflicht erhoben sowie unter den Kategorien der kirchlichen Riten und Feiermöglichkeiten und durch die darüber hinaus zu gestaltende Erinnerungskultur verwirklicht. Die Haltung einer Persönlichkeit gegen die Kräfte des Bösen wird anerkannt und in ihrer bleibenden Bedeutung (Heroizität) zur Verwirklichung des Evangeliums gewertet.20
Nachdem Franz Jägerstätter als Märtyrer anerkannt worden war und dessen Seligsprechung im Jahr 2007 erfolgte, unternahm die Pfarrgemeinde von St. Radegund im Zuge einer Generalsanierung der Pfarrkirche auch die Neugestaltung des Altarraumes ihrer Pfarrkirche und übertrug die Reliquien des seligen Franz Jägerstätter (Brandleichenreste) nach Absprache mit der Diözesanleitung in den neuen Altar. Damit wird dem Ansinnen des totalitär denkenden Nationalsozialismus mit dessen verbrecherischer und menschenverachtender Tötungsmaschinerie und seinem Kriegsfanatismus, die Erinnerung all derer auszulöschen, die sich dagegen aussprechen und dagegen verhalten, eine bleibende Gedächtnisstätte entgegengesetzt. Die Seligsprechung von Franz Jägerstätter bestätigt, dass er mit seinem Gewissen ein klares Urteil gegen das religionsfeindliche und den Wert eines Menschen verachtende System für sich gefunden hatte und dafür in den Tod ging. Die Aufhebung seines Todesurteiles bestätigt, dass er nicht nur im religiösen Sinne richtig lag, sondern auch aus politischer Perspektive Recht bekommen sollte, ist doch der Nationalsozialismus derart zu verurteilen, dass bereits das Aufgreifen dieses Gedankengutes und dessen Verbreitung heute (in Deutschland und Österreich) verboten sind und geahndet werden.21
Wie sehr Jägerstätter inzwischen auch in Kultur, Politik und Gesellschaft angekommen ist, mögen drei weitere Beispiele zeigen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen verweigerte im September 2018 durch Androhung seines Veto-Rechtes dem freiheitlichen Politiker Hubert Keyl die von der Regierung beschlossene Ernennung zum Richter am Bundesverwaltungsgericht, weil er Franz Jägerstätter einen Verräter genannt und dessen Seligsprechung in Frage gestellt hatte. SPÖ-Kultursprecher Thomas Drozda meinte nach der Nominierung von Keyl, „dass das Ansehen eines Nationalhelden unserer Republik, eines Menschen, der zum Inbegriff des Anstands und der aufrechten Haltung unter Inkaufnahme der Vernichtung der eigenen Existenz wurde, zutiefst beleidigt wird“.22
Zur Eröffnung des Internationalen Brucknerfestivals in Linz am 8. September 2019 brachte der Chor V. I. P. Voices in Progress den von Schriftsteller Franzobel (Franz Stefan Griebl) verfassten Text „Jägerstätter“ und das von Thomas Mandel komponierte Chorwerk zur Uraufführung. Dazu meinte Bürgermeister Klaus Luger in seiner Festansprache, dass der Aufbruch in neue Welten immer auch Erkenntnisse aus der alten Welt mitnehmen möge, und konkretisierte seine Aussage: „Wir können zum Beispiel mitnehmen – das hat die Inszenierung des Chors mit dem Lied über Franz Jägerstätter bewiesen –, dass wir Jahre wie 1933, 1934, 1938 und ganz besonders 1939 als gesellschaftlichen Auftrag sehen, dass solche Entwicklungen, und zwar von ihren Wurzeln an, nie wieder stattfinden dürfen. Das soll uns gerade in diesem September bewusst sein.“23 Mit diesem Chorwerk und demselben Chor unter Leitung von Stefan Kaltenböck war Oberösterreich auch beim Festkonzert am 3. November 2019 im Großen Saal des Wiener Musikvereines vertreten. Gefeiert wurden 70 Jahre Chorverband Österreich. Jägerstätter wurde inzwischen zu einem Ausweis Oberösterreichs auch in der kulturellen Welt.24
Das Weltkriegsdrama A Hidden Life von Starregisseur Terrence Malick wurde beim Filmfestival in Cannes am 19. Mai 2019 im Wettbewerb um die Goldene Palme uraufgeführt. Der Spiegel schrieb anlässlich der Premiere: „Der neue Titel A Hidden Life, einem Zitat von George Eliot entlehnt, setzt einen anderen, prägnanteren Akzent: Immer wieder machen Nazischergen Jägerstätter klar, dass von seinem Akt des Widerstands keine Wirkung ausgehen wird, dass niemand von seinen Taten hören wird. Dieser Film stellt sicher, dass von diesem Mann und diesem Leben nichts verborgen bleibt.“25 Am 21. November 2019 feierte er als Eröffnungsfilm des Filmfestivals Around the World in 14 Films in Berlin seine Deutschlandpremiere, bevor er am 31. Januar 2020 in die deutschen Kinos kam. Seine weltweite Wirkung wird erst nach Jahren abschätzbar sein.
Dieses Buch beschreibt und dokumentiert die Geschichte der sterblichen Überreste Franz Jägerstätters von der Erstbestattung auf dem Friedhof in Brandenburg am 17. August 1943 bis hin zur Translatio und Bestattung unter dem Altar am 20. Mai 2016 bzw. der Weihe des Altares am darauf folgenden Tag in St. Radegund. Der erste Teil der Studie blickt auf die Genese der Verehrung und Rezeption Jägerstätters bis zur Seligsprechung im Jahr 2007. Zu den Schwerpunkten gehört dabei die Überbringung der Urne von Brandenburg nach Vöcklabruck bzw. nach St. Radegund nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der zweiten Bestattung an der Kirchenmauer der Pfarrkirche von St. Radegund (1946). In die dokumentarische Rekonstruktion eingebunden werden auch jene Personen, die mit der Würdigung seiner „Reliquien“ und seines Andenkens in einem jahrzehntelangen Prozess ein „bleibendes Gedenken“ ermöglicht und gestiftet haben. Dies gilt vor allem für die frühe Verehrung Jägerstätters in der intimen Sphäre von einzelnen Initiativen, die anhand der Briefnachlässe von Franz und Franziska Jägerstätter, der Pfarrchronik von St. Radegrund und anderen historischen Aufzeichnungen des Pfarrarchives beleuchtet wird. Die sterblichen Überreste von Franz Jägerstätter haben von Anfang an eine Achtsamkeit erfahren, damit sein Weg, sein Leiden, sein Sterben und sein Zeugnis nicht vergeblich waren. Die Darstellung stellt jedoch nicht den Anspruch, eine umfassende Wirkgeschichte Franz Jägerstätters seit seinem Tod zu bieten. Insbesondere die jüngere Entwicklung einer intensiven und vielschichtigen Rezeption in Kunst und Gesellschaft bleibt weitgehend ausgespart.26 Der gebotene Überblick fokussiert auf einige Aspekte der internationalen Entdeckung Jägerstätters sowie der kirchlichen Entwicklung vor allem im Bereich der Diözese, die als wegbereitend für die Seligsprechung Jägerstätters betrachtet werden müssen. Der zweite Teil des Buches nimmt das Interesse bzw. die kirchliche Sorge für die Reliquien des Märtyrers sowie die intensivierte Form der Verehrung Jägerstätters infolge der Seligsprechung in den Blick. Dies gilt zunächst für die Konzeption der Reliquienstele im Linzer Mariendom (2007), in die der Autor in seiner Funktion als Liturgiewissenschafter von der Diözese Linz besonders eingebunden war. Daran schließen die Urnenhebung 2008, die kirchenamtliche Erkundung und Bestätigung (2015) und die Translatio bzw. Einbringung der Reliquien unter dem neuen Altar der Pfarrkirche von St. Radegund und dessen Weihe 2016 an. Letztere wird ausführlich dokumentarisch festgehalten und aus liturgietheologischer Perspektive kommentiert. In der Darstellung wird auch die Erkundung der Echtheit der Reliquien umfassend dokumentiert, da diese eine wesentliche Voraussetzung für deren Bestattung unter einem Altar darstellt. Der Altar über den Reliquien des Märtyrers wurde im Zuge der Generalsanierung der Pfarrkirche und der neuen Altarraumgestaltung samt Taufbecken und künstlerischer Gestaltung der Kirche als Gedankenraum eingerichtet. Mit einbezogen werden auch weitere wichtige Orte und Objekte außerhalb von St. Radegund, die (Primär-)Reliquien von Franz Jägerstätter zeigen bzw. bergen. Dem vorangestellt sind kurze theologische, kirchengeschichtliche und liturgische Erläuterungen, die den Altar und den gesamten Kirchenraum der Pfarrkirche als christlichen Deutungshorizont für die Erinnerung und Verehrung des seligen Franz Jägerstätter aufzeigen.
2. Die Bedeutung von Märtyrer/innen und Reliquien sowie die Reliquienbeisetzung unter der Altarmensa
Die Absage an das Böse und das Bekenntnis des Glaubens gehören zur Taufberufung und verwirklichen diese. Was in der Babytaufe in seiner Dramatik nicht deutlich genug wird, hatte in der altkirchlichen Erwachsenentaufe seine Gestalt gefunden: Erwachsene und in der Christusbeziehung bereits gefestigte Menschen erklären, dass sie aufgrund der gereiften Christusbeziehung eine Klarsicht gegen das Böse, gegen alles Entzweiende (diabolein) haben und mit der Kraft der Gottesbeziehung das Gute suchen. So wird durch die Christusnachfolge die Bejahung des dreifachen Liebesgebotes (Gott – Selbst – Nächste) und die Verwirklichung der Werte des Evangeliums zusammengefügt (symballein) zu einem Leben aus dem Glauben. Das Diabolische wird bekämpft und gemieden, das Symbolische gesucht und gepflegt. Die Märtyrergestalt, die für diese Überzeugung das Leben gibt, wird Vorbild und mahnende Gestalt zugleich, hat damit immer auch eine prophetische Qualität. Dazu dienen: der Wallfahrtsort, der jährliche Gedenktag, Grabmäler und Altäre, unter denen die Reliquien bestattet sind, pädagogisch-didaktische Arbeiten, theologisch-ethische Auseinandersetzungen und auch alle Formen der Erinnerung in Kunst und Kultur. Die Beisetzung der sterblichen Überreste, der Reliquien, eines Märtyrers unter einem Altar, auf dem regelmäßig die Eucharistie gefeiert wird, würdigt im liturgischen Glaubensvollzug in vornehmster Weise die Lebenshingabe eines Menschen als Zeugnis in der Nachfolge Jesu.
Reliquien im klassischen Sinne sind die sterblichen Überreste einer christlichen Persönlichkeit, die im Sinne der katholischen Kirche selig- bzw. heiliggesprochen ist, und welche liturgisch verehrt werden; wobei die sterblichen Überreste eines Menschen als Primärreliquien bezeichnet werden im Unterschied zu Lebensutensilien und Berührungsstücken, welche als Sekundärreliquien gelten.27 Für die Entscheidung über die Echtheit und die Aufbewahrung ist die römische Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse zuständig.28 Im Rahmen eines Kanonisationsprozesses ist auch die kanonische Anerkennung der sterblichen Überreste von Diener/innen Gottes vorzunehmen. In der Regel geschieht dies auf Anfrage des Postulators.29
Der Bestattungsort spielt für einen Seligen bzw. für die Verehrung vor der Seligsprechung, wenn er gegeben ist, immer auch eine wichtige Rolle, sollte doch eine durchgängige Verehrung des Grabes/am Bestattungsort nachgewiesen werden können. Daher greift dieser Beitrag auch auf die Umstände und diesbezüglichen Gegebenheiten aus.
Reliquienbeisetzung
Die in der Allgemeinen Einführung in das Messbuch Nr. 266 von 1975 vorgesehene Möglichkeit, Reliquien in die Altarplatte einzulassen, wurde im Kirchlichen Rechtsbuch (CIC) von 1983 c. 1237 § 2 nicht mehr übernommen.30 Dementsprechend heißt es in der Grundordnung des Römischen Messbuches (GORM) von 2002:
Nr. 302. Der Brauch, unter einem Altar, der geweiht wird, Reliquien von Heiligen – auch von solchen, die keine Märtyrer waren – einzufügen, ist passenderweise beizubehalten. Man hat jedoch darauf zu achten, dass die Echtheit der Reliquien erwiesen ist.31
Die Formulierung „unter einem Altar“ kann auch den Altaraufbau meinen, da mit dem Altar im Wesentlichen die Altarplatte gemeint ist, die auch aus Stein gefertigt sein sollte. Der Kirchweihritus im Pontifikale von 1992 konkretisiert in der Einführung Nr. 5 die kirchenrechtliche Norm zum Brauch der Reliquiendeposition unter bzw. in Altären:
5. Den Brauch der römischen Liturgie, Reliquien von Märtyrern oder anderen Heiligen unterhalb der Altarmensa beizusetzen, möge man – soweit angebracht – beibehalten. Jedoch ist dabei folgendes zu beachten:
a) Die Reliquien sollen so groß sein, dass man sie als Teile menschlicher Körper erkennt. Die Beisetzung zu kleiner Reliquien eines oder mehrerer Heiliger ist deshalb zu vermeiden.
b) Mit größter Sorgfalt ist auf die Echtheit der Reliquien zu achten. Es ist besser, einen Altar ohne Reliquien zu weihen, als zweifelhafte Reliquien beizusetzen.
c) Der Reliquienbehälter soll weder auf den Altar gestellt noch in die Altarmensa eingelassen, sondern unterhalb der Mensa an einer Stelle, die sich von der Form des Altares her dafür eignet, eingefügt werden.32
Als wesentliches Kriterium für die Beisetzung von Reliquien werden die Echtheit und die Größe der menschlichen Überreste, damit sie noch als solche erkannt werden können, genannt. Diese beiden Kriterien haben dazu geführt, dass im Auftrag des Linzer Diözesanordinarius geprüft werden sollte, ob die (vermutlichen) sterblichen Überreste (Leichenbrandreste) von Franz Jägerstätter unter der Altarmensa des neuen Altares in der Pfarrkirche von St. Radegund beigesetzt werden können.
Das Pontifikale, die liturgische Vorgabe der Altarweihe für den Bischof, beschreibt den Altar als den Ort, an dem sich die Lebenshingabe Christi mit der von Märtyrer/innen verbindet. Aus der Kraft der Eucharistie haben auch die Märtyrer/innen das Leben durch, in und mit Christus aus Liebe zum himmlischen Vater und zu den Menschen hingegeben. Sie waren getragen von der Kraft und Gnade der Beziehung, die von beiden zugleich ausgeht und in welche die Taufberufenen hineingenommen werden:
Der Altar, Ehre der Märtyrer/innen. Die Würde des Altares liegt vor allem darin begründet, dass er Tisch des Herrn ist. Nicht die Leiber der Märtyrer/innen ehren also den Altar, sondern die Gräber der Märtyrer/innen werden vielmehr durch den Altar geehrt. […] „Wo Christus die Opfergabe ist, dorthin folgen die Opfer im Triumph. Er ist auf dem Altar, da er für alle gelitten hat; jene sind unter dem Altar, da sie durch sein Leiden erkauft sind.“33 Diese Ordnung scheint gleichsam ein Spiegelbild der Vision des Apostels Johannes in der Offenbarung zu sein: „Ich sah unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten.“34 Denn wenn man auch mit Recht jeden Heiligen einen Zeugen Christi nennen kann, so hat doch das Blutzeugnis der Märtyrer/innen eine besondere Kraft, die nur Märtyrerreliquien unter dem Altar voll zum Ausdruck bringen.35
3. Die Pfarrkirche als Identifikationsraum
Franz Jägerstätter, der seit seiner Hochzeit am 9. April 1936 mit Franziska Schwaninger häufiger, ja täglich zur Messe in die Pfarrkirche ging, übernahm im Herbst 1941 auch den Mesnerdienst, nachdem der bisherige Mesner gestorben war.36 Als Mesner kannte er den Kirchenraum und die ihn prägende künstlerische Gestaltung wie kaum ein anderer. Es ist davon auszugehen, dass für ihn die ikonographische Gestaltung auch eine spirituelle Komponente war. Wenn seine Reliquien nunmehr in die Pfarrkirche übertragen und unter dem Altar beigesetzt worden sind, reiht sich dieses Ereignis ein in die lange Tradition der Kirche, auch der Pfarrkirche von St. Radegund. Am 15. April 1422 waren in dieser nach entsprechender Bautätigkeit drei Altäre geweiht worden.37 Der erste im Chor zu Ehren der hl. Radegundis und des hl. Laurentius, auf der rechten Seite der zweite zu Ehren Mariens und der dritte zu Ehren der hl. Leonhard, Sigismund und Wolfgang, dem Bekenner.38

Abb. 4: Historische Innenansicht der Pfarrkirche St. Radegund mit den drei Altären, o. D.
Die Pfarrkirche von St. Radegund heute ist geprägt von nicht wenigen Märtyrer/innengestalten. Zunächst ist das Patrozinium selbst zu nennen, die hl. Radegundis mit Kreuz und Krone (4. Viertel 17. Jahrhundert), links und rechts von ihr die beiden römischen Märtyrer Johannes und Paulus jeweils mit Märtyrerpalme und Schwert und den Attributen Sonne und Wolke, die sie als Wetterheilige ausweisen (um 1770). In der Mitte des Hochaltares befindet sich die Himmelskönigin Maria, das Zepter in der rechten Hand und auf dem linken Arm das gekrönte Jesuskind (Gnadenmadonna, 18. Jahrhundert). In den beiden Fenstern des Presbyteriums sind die beiden Märtyrergestalten der frühen Kirche, der hl. Stephanus und der hl. Laurentius, abgebildet; beide Fenster sind im Kriegsjahr 1916 datiert. In den Aufbau des Hochaltares sind links und rechts vom Drehtabernakel, in welchem ein Standkruzifix steht (3. Viertel 18. Jahrhundert), zwei Reliquiare mit einer nicht unbeachtlichen Anzahl an Reliquien eingesetzt. Im Reliquiar links sind Reliquien der hl. Magdalena, des hl. Koloman, der hl. Apollonia, des hl. Patiens, des hl. Fructuosus, der hl. Kunigunde, des hl. Papstes Felix, des hl. Apostels Bartholomäus und des hl. Jacintus eingefügt; hinzu kommen Erinnerungselemente vom Ölberg und ein Stück der Rute Christi (virga). Im Reliquiar auf der rechten Seite vergegenwärtigen Reliquien den hl. Georg, die hl. Radegund, die hl. Kunigunde, den hl. Liberatus, den hl. Clemens, den hl. Benedictus und den hl. Pinctus; eine weitere Reliquie ist aus einem tragbaren Altar eingefügt gemeinsam mit einer Partikel vom (Kreuzes-)Holz Jesu, vom (Abendmahls-)Tisch des Herrn und von den Kleidern der seligen Jungfrau Maria.

Abb. 5: Heutige Gesamtansicht des Hochaltars der Pfarrkirche mit Märtyrerfenster
Nachdem das ikonographische Programm zur Prägung der Gläubigen in ihrer Spiritualität geschaffen wird, sei auch die weitere Gestaltung angemerkt. Der linke Seitenaltar zeigt die Kreuzigung Jesu mit Maria, der Mutter Jesu, in ihrem Schmerz, begleitet von Johannes, dem Lieblingsjünger; Longinus, einer der römischen Soldaten, sticht in die Seite Jesu, aus der Blut und Wasser fließen, ein Bild für die Sakramente der Kirche. Darüber im Medaillon der aus Reue über seine Verleugnung weinende Petrus, mit dem krähenden Hahn im Hintergrund, und einem Putto, der das Tränentuch zum Trost reicht (2. Viertel 19. Jahrhundert).

Abb. 6: Der Seitenaltar
Aus dem 1975 entfernten rechten Seitenaltar hängen an der Nordwand der Kirche das Altarblatt mit der schmerzhaften Muttergottes und dem toten Sohn in ihrem Schoß (Vesperbild, Anfang 18. Jahrhundert) sowie das Medaillon mit der hl. Büßerin Maria Magdalena (Anfang 18. Jahrhundert).

Abb. 7: Das Altarblatt des ehemaligen rechten Seitenaltars
An einer Säule des Mittelschiffes angebracht ist die Skulptur Christi (um 1520), aus dessen Seitenwunde Blut fließt, das der Herr selbst in einem Kelch in seiner Rechten auffängt (Herz-Jesu-Motiv; Hinweis auf die Eucharistie; Hl.-Blut-Verehrung).

Abb. 8: Skulptur Christi mit Kreuz und Kelch, der das Blut Christi auffängt
In seiner Linken hält er das Kreuz, das Zeichen der Erlösung und der Liebe zu den Menschen. Sodann eine Skulptur Anna Selbdritt (spätgotisch) und die Mater dolorosa, Maria mit dem Schwert durchbohrt (4. Viertel 15. Jahrhundert). Über dem gotischen Eingangsportal auf der Südseite befinden sich der hl. Leonhard, die hl. Notburga und der hl. Isidor. Diese drei Skulpturen wurden von Josef Moser 1950 geschaffen, später wegen Diebstahls in die Sakristei gegeben und nach einer Restaurierung im Juli 1987 wieder über dem Portal eingesetzt (siehe Einlage in der Pfarrchronik), neuerdings restauriert.
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Abb. 9 und 10: Anna Selbdritt (l.); Mater dolorosa (Schmerzensmutter; r.)
In der oberen Sakristei befinden sich eine Skulptur des hl. Laurentius (18. Jahrhundert) vom abgetragenen rechten Seitenaltar, ein Bild der Mutter vom guten Rat, genannt von Canazzano (signiert I. Sch. 1866) und ein Vortragekreuz. In der Sakristei steht eine durchaus wertvolle barocke Reliquien-Monstranz mit einer Kreuzpartikel, wohl zum Mittragen bei Kreuzgängen und nichteucharistischen Flurprozessionen.

Abb. 11: Reliquien-Monstranz mit Kreuzpartikel
In der Sakristei befindet sich auch eine Skulptur des auferstandenen Christus (2. Hälfte 18. Jahrhundert), die in der Osterzeit auf den Hochaltar gestellt wird. Ein ursprünglich spätgotisches Relief mit dem Letzten Abendmahl, vielleicht ein Relikt aus einem der früheren Altäre aus dem Umkreis von Hans Leinberger (um 1520), hängt heute in Gestalt einer Kopie von Alois Wengler (1962) im Altarbereich an der Nordwand; das Original befindet sich heute als Leihgabe im OÖ Landesmuseum in Linz.39 1948 merkt Pfarrer Josef Karobath an, dass die Herz-Jesu-Statue entfernt und durch eine Ecce-homo-Statue ersetzt worden sei.40
An der Südwand über dem neu geschaffenen Taufbrunnen hängt der von der Kanzel verbliebene Kanzelkorb mit dem Guten Hirten in der Mitte und Petrus und Paulus auf Ölgemälden aus der Zeit um 1730.
Während die Altarplatten der beiden Seitenaltäre und die Altarretabeln nicht mehr existieren, hat sich die ursprüngliche Altarplatte des Hochaltares erhalten. Dieser ist durch die Weihe des neuen Jägerstätter-Altares für die Feier der Eucharistie nach dem Messbuch von 1975 für den ordentlichen römischen Ritus außer Funktion, da die Messe mit der Gemeinde auf dem neuen Altar gefeiert wird. Weiterhin bestehen bleibt der Tabernakel, in dem die Eucharistie aufbewahrt wird.
Jägerstätter war wohl von diesem ikonographischen Programm und den damit verbundenen Impulsen, die von den dargestellten Heiligen ausgehen, geprägt, da Heiligenviten ja ein zentraler Bestandteil seiner täglichen Glaubenspraxis waren. Nunmehr ist er selbst in den Reigen der vergegenwärtigten Märtyrer/innen hineingenommen und selbst Vorbild für jene, welche in diese Pfarr- und Wallfahrtskirche kommen, um Trost, Kraft und Hoffnung im Ringen um die rechte Lebens- und Glaubensgestaltung zu suchen. In seinen allerletzten Mitteilungen an seine Familie aus dem Gefängnis schreibt er noch, er hätte diesen Weg nicht gehen können, „hätte mir Gott nicht Kraft und Gnade verliehen“41 – eine biografisch-theologische Notiz von höchster Relevanz für das Selbstverständnis des Propheten, Bekenners und Märtyrers.
Erster Teil: Geschichte der Verehrung Franz Jägerstätters und seiner sterblichen Überreste
1. Hinrichtung und Kremation
Franz Jägerstätter wurde am 9. August 1943 um 16 Uhr in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg-Görden an der Havel durch Enthauptung am Schafott hingerichtet.42 Seit der Verurteilung war er 34 Tage und Nächte gefesselt im Gefängnis. Während dieser Zeit schrieb er die Aufzeichnungen und Briefe mit gefesselten Händen.43

Abb. 12: Schafott aus der NS-Zeit am Originalschauplatz der Hinrichtung in Brandenburg-Görden
Das Todesurteil unterzeichnete Werner Lueben, Präsident des Reichskriegsgerichtes; ohne dessen Unterschrift hätte das Urteil keine Gültigkeit erlangt. Der Verweis auf ihn ist aus verschiedenen Gründen interessant. Während seiner Dienstzeit am Reichskriegsgericht wurden an die hundert Personen zum Tode verurteilt, darunter auch Zeugen Jehovas, die als Kriegsdienstverweigerer wegen Zersetzung der Wehrkraft hingerichtet wurden; deren Verurteilungen waren von ihm bestätigt worden. Am 1. Januar 1944 erhielt er die Ernennung zum Senatspräsidenten des Reichskriegsgerichtes in Berlin. Als er im Mai 1944 drei Priester, Carl Lampert, Pater Friedrich Lorenz und Herbert Simoleit, zum Tode verurteilen sollte, weigerte er sich, da für ihn die Gründe zur Verurteilung nicht ausreichten. Die Verhandlung war auf den 28. Juli 1944 verschoben worden. An diesem Tag fand man ihn in seiner Wohnung in Torgau an der Elbe; er hatte sich mit seiner Dienstwaffe das Leben genommen. Offensichtlich konnte er aus Gewissensgründen die Verurteilung der Priester nicht bestätigen und entschied (oder wurde gezwungen), dafür selbst in den Tod zu gehen. Lueben wurde auf dem Gertraudenfriedhof in Halle an der Saale begraben, wo ihm 2014 durch den katholischen Pfarrer Herold auch ein Gedenkstein gemeinsam mit den drei hingerichteten Priestern errichtet wurde.44
In einem Feature im Deutschlandfunk am 22. Juli 2016 berichtete seine Tochter Irmgard Sinner über ihren Vater; aufgrund ihrer eigenen schicksalshaften Biografie hatte sie sich Versöhnung zur Aufgabe gemacht.45 Sie sprach über den Kontakt zu Angehörigen von Hingerichteten, die durch das Urteil ihres Vaters das Leben lassen mussten. Unter anderem erinnerte sie sich auch an den Kontakt zu den Töchtern von Franz Jägerstätter, der ihrer Erinnerung nach der Letzte gewesen sei, den ihr Vater zum Tode verurteilt habe. Sie habe Maria Dammer geschrieben, von der sie am 15. September 2013 eine „nette“ Antwort erhielt, „die sie ganz glücklich gemacht habe“:
Liebe Frau Sinner, ich war sehr überrascht, von Ihnen einen so liebevollen Brief zu bekommen. Ich schätze es sehr, dass Sie Anteil an unserem Schicksal nehmen, haben Sie doch ähnliches miterlebt. Ihre Idee, zu uns eine Brücke zu bauen, finde ich großartig. Und ich, wie auch meine Schwestern wollen Ihnen ganz die Hand zur Versöhnung reichen. Im Geist der Liebe und für Versöhnung und für eine Kultur des Friedens einzutreten, soll unser aller Aufgabe sein. […] Mit lieben Grüßen und vielen guten Wünschen, Ihre Maria Dammer.
Zurück in das Jahr 1943. Noch am Tag der Hinrichtung, dem 9. August 1943, schrieb Pfarrer Albrecht46 Jochmann47, zuständig für die Haftanstalt Brandenburg-Görden, an die Witwe Franziska und berichtete ihr vom Sterben ihres Mannes.48 Pfarrer Jochmann, der ihn am letzten Tag begleiten konnte, bezeugt, „dass dieser einfache Mensch der einzige Heilige ist, der mir in meinem Leben begegnet ist“.49
Die Leichen von Franz Jägerstätter und aller weiteren Hingerichteten wurden im Krematorium der Stadt Brandenburg eingeäschert50; auf dem Deckel der Urne für die Brandleichenreste von Franz Jägerstätter ist der 11. August 1943 als Kremationsdatum eingetragen. Unmittelbar nach Kriegsende wurde von der katholischen Pfarrgemeinde Brandenburg eine Gedenktafel für 17 getötete Priester und zwei Laien, an erster Stelle Franz Jägerstätter, für insgesamt 1.800 in Brandenburg getötete Gefangene angebracht, welche im Zuchthaus Brandenburg von 1942 bis 1945 ihr Leben lassen mussten.51

Abb. 13: Pfarrer Albrecht Jochmann
Auch der Berliner Standortpfarrer Heinrich Kreutzberg52, der Jägerstätter zwei Mal im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel besuchte, schrieb am 21. August, nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte, an Franziska Jägerstätter und hält u. a. fest:
Ihr Mann ist am 9. [August] verlegt worden und noch am gleichen Tage gestorben. Beigesetzt wurde er am 17. 8. Ich habe an seinem Urnengrab still gebetet. Es waren auch einige Blumen auf das Grab gepflanzt.53

Abb. 14: Pfarrer Heinrich Kreutzberg am Urnengrab von Jägerstätter
Die Benachrichtigung über die Hinrichtung vonseiten des Oberreichskriegsanwaltes an Franziska Jägerstätter erfolgte erst am 9. September 1943.54 In der Mitteilung55 an die Witwe des Hingerichteten wird nichts über die Bestattung des Leichnams bekannt gegeben:
An Frau Franziska Jägerstätter, St. Radegund 7, Post Ostermiething.
In der Strafsache gegen Ihren Ehemann, den Kraftfahrer Franz Jägerstätter wegen Zersetzung der Wehrmacht, wurde dieser vom Reichskriegsgericht am 6. Juli 1943 zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Das Urteil wurde am 14.7.1943 bestätigt und am 9. August 1943 die Todesstrafe vollstreckt.
Ein letzter Brief Ihres Ehemannes wird beigefügt.56
2. Die erste Urnenbestattung (1943) und Verehrung
Im Rahmen des Seligsprechungsprozesses gab Sr. Gilberta Lainer in ihrer Zeuginneneinvernahme am 21. März 1991 zu Protokoll, dass sich Frau Anni Fleischer, Seelsorgehelferin von Pfarrer Albrecht Jochmann in Brandenburg und Krankenschwester in Brandenburg, „häufig um die Erdbestattung von hingerichteten Priestern bemühte“. Sr. Gilberta berichtet, dass
sie als Krankenschwester die Tochter des damaligen Friedhofsverwalters Göde lange gepflegt habe. Sie litt an einer schweren Osteomyelitis [Knochenmarksvereiterung, Anm. EV]. Durch diese Verbindung mit dem Friedhofsverwalter war es möglich, daß ich jeweils Nachricht bekam, wenn Priester hingerichtet und eingeäschert wurden. Ich fragte auch, ob er garantieren könne, daß es sich jeweils wirklich um die Asche des betreffenden Hingerichteten handele. Er versicherte das. Auf diese Weise habe ich auch erfahren von der Begräbnisstätte der Urne des Franz Jägerstätter. Ich ging sehr oft in der Mittagszeit – weil man da am wenigsten entdeckt wurde – auf den Urnenfriedhof zur Gräberpflege. Der Friedhofsverwalter ließ mich durch die Hintertür in den Friedhof. Ich habe auch einmal nachgegraben bei der Urne von Pater Franz Reinisch57, weil ich wissen wollte, ob seine Urne dort bestattet sei. Sie war tatsächlich an diesem Ort.
Wir haben die dort bestatteten Priester und Franz Jägerstätter als Märtyrer betrachtet und vertrauten auf ihren Schutz. Wir empfanden sie als Schutz für das ganze Krankenhaus. Wir haben am Ende des Krieges nicht wenige Wunder erlebt, z. B. bei der Belagerung Brandenburgs lag unser Spital direkt im Zielgebiet der sogenannten Stalinorgel. Das Krankenhaus wurde von 26 Volltreffern der Stalinorgel beschädigt. Schwester Kallista [Vorhauer, Anm. AS] und Schwester Otwina befanden sich einmal im Refektorium, weil sie dort schlafen wollten. Ich sagte ihnen noch, sie sollten sich mit einer Matratze gegen Granatsplitter schützen. Unmittelbar darauf explodierte eine Granate im Refektorium, die den Fensterstock und die Heizung in den Raum gerissen hatte. Das ganze Refektorium war voller Splitter, die beiden Schwestern waren unverletzt. Franz Jägerstätter ist mir in irgendeiner Weise immer nachgegangen. Ich und auch die anderen Schwestern haben in schwierigen Situationen einfach zu ihm unsere Zuflucht genommen.58
Erna Putz merkt an, dass Franziska Jägerstätter bereits in ihrem ersten Schreiben an Pfarrer Jochmann „angefragt haben dürfte, ob sie die Urne ihres Mannes erhalten könne“, wovon ihr Jochmann abgeraten habe. Dennoch hatte er ihr einen Textentwurf für ihren Rechtsanwalt übermittelt, den sie im Falle der Einforderung der Urne beauftragen sollte.59 Pfarrer Jochmann blieb der Witwe Jägerstätter verbunden, dies ist übrigens eine nicht zu vernachlässigende Feststellung auch für Pfarrer Kreutzberg.60 Am 25. Oktober 1944 schreibt Jochmann eine Postkarte an die Witwe Franziska:
Liebe Frau Jägerstätter! Für einige Tage bin ich gezwungen, im Zimmer zu bleiben. Da gehen meine Gedanken auch zu Ihnen u. Ihren Kindern. Sind Sie auch noch in große wirtschaftliche Not geraten? Sonst schreiben Sie es mir offen, augenblicklich könnte ich Ihnen leicht auch mit einer Geldbeihilfe beispringen. Oder wenn ich sonst irgendwie helfen könnte, schreiben Sie mir bitte. Hoffentlich hatten Sie alle Gefahren des Krieges bisher gut überstanden! Auch für die Zukunft wünsche ich Ihnen sowie Ihrer ganzen Familie von ganzem Herzen Gottes Schutz und Segen. Ihr wohlmeinender A. Jochmann, Pfr.61
Das Anliegen zur Überstellung der Urne dürfte Franziska zunächst nicht weiterverfolgt haben, bis sie von Schwester Kallista Vorhauer den folgenden Brief erhielt, mit welchem diese die Überbringung der Urne anbot:
Brandenburg, 30. XI. 45
Sehr geehrte Frau Jägerstätter!62
Sie werden ja sehr erstaunt sein, wenn Sie aus Brandenburg, aus der Stadt, an die sich für Sie so furchtbar traurige Erinnerungen knüpfen, einen Brief bekommen. Es wird Ihnen wohl nicht bekannt sein, daß hier in Brandenburg eine Niederlassung der Schulschwestern aus dem Mutterhaus in Vöcklabruck, Ober-Österr. ist, der auch ich angehöre. Wir verwalten hier ein Krankenhaus des kath. Caritasverbandes in Berlin.63
In all den harten Jahren, die nun hinter uns liegen, haben wir Schwestern den politischen Gefangenen in der Landesanstalt Görden64, Interesse und warme Anteilnahme entgegengebracht, umsomehr, wenn es sich um Opfer unserer eigenen Heimat handelte. So darf es Sie nicht wundern, daß wir auch von dem harten Schicksal Ihres, nun sicher im Herrn ruhenden Mannes Kenntnis hatten.
Erst vorige Woche hat uns unser hochw. Herr Erzpriester, Albert Jochmann wieder von der ganz vorbildlichen Haltung und heldenhaften Sterbens dieses wahrhaft heiligmäßigen Mannes erzählt. Er sagte wörtlich: „Dies ist der größte Heilige, der mir in meinem Priesterleben begegnet!“ Wahrlich ein großes Wort aus dem Munde eines eifrigen, guten Priesters. Er hat Ihnen wohl auch seinerseits geschrieben.
So groß Ihr Leid, liebe Frau Jägerstätter um den teuren Heimgegangenen auch sein mag, die Freude, daß ein so großer, edler, ja heiliger Mann Ihr Eigen war und der Vater Ihrer Kinder ist, muß allen Schmerz übertreffen. Auch wir Schwestern sind stolz und glücklich über unseren heiligmäßigen Landsmann und gratulieren Ihnen zu Ihrem Mann, der die Kraft und den Mut hatte, für Gott, seine Überzeugung und die religiöse Erziehung seiner Kinder, sein Leben hinzugeben.
Durch die hiesige Friedhofsverwaltung haben wir Kenntnis von seiner Beisetzungsstätte. Nun haben bereits manche Angehörige der Opfer, besonders auch von Priestern, sich die Urnen aushändigen lassen. Wenn Sie einverstanden sind, wollen wir Ihnen, wenn wieder Schwestern nach Vöcklabruck fahren können, gerne die leiblichen Überreste in der Urne mitbringen. Sie müssen uns dann nur die Bestätigung von der dortigen Friedhofsverwaltung, das ist wohl vom H. H. Pfarrer, daß er dort beigesetzt wird, einschicken.65 Nur dann wird die Urne ausgehändigt. Da die Post von Österreich nach Deutschland noch nicht direkt geht, so müssen Sie wohl auf eine gelegentliche Rückkehr eines Deutschen ins Reich warten. Eventuell könnten Sie auch einen Brief mit meiner Adresse ins Mutterhaus Vöcklabruck, Salzburgerstr. 10 schicken, der uns dann auch von dort gelegentlich übermittelt wird.
Bis dahin wird das Grab von unserer Ex-Oberin, S. Georgia fleißig besucht und gepflegt. Sie hat es sich zur besonderen Aufgabe gemacht, sich um die Gräber dieser heimatlosen Opfer in besonderer Weise anzunehmen. So hoffen wir, daß auch wir an Ihrem seligen Mann einen Fürsprecher dort oben haben. Zur Zeit der Wahlen in Österreich haben wir auch vertrauensvoll seine Fürsprache für unser Volk angerufen. Sicher nicht vergebens.
Wenn Sie in Österr. einen Brief nach hier aufgeben, dann wird es besser sein, wenn Sie einen Absender von heraußen angeben. Dann werden die Briefe nicht geöffnet. Aus diesem Grunde gebe auch ich die Adr. der Frau an, die ihn nach Österreich mitnimmt.
In der Hoffnung, daß wir auch noch einmal Gelegenheit finden, uns persönlich über das Leben und selige Sterben des teuren Heimgegangenen unterhalten können, grüßen wir Sie alle recht herzlich!
S. M. Kallista Vorhauer
Grüßen Sie uns auch die Kinder des Märtyrers, der die Bewahrung ihres Glaubens so teuer erkauft hat. Sie werden sich dessen wohl immer bewußt bleiben.
Nachtr. Sollten Sie eine übrige Fotogr. von Ihrem Manne haben, so könnten Sie der guten S. Georgia Holzinger, die ihn so sehr verehrt, eine große Freude machen. Leider haben wir ihn nicht persönlich kennen gelernt.
Grüßen Sie uns unbekannter Weise auch Ihren Herrn Pfarrer, der sicher auch innigen Anteil an Ihrem harten Schicksal genommen hat.66
Inzwischen erhielt Franziska Jägerstätter Post von Pfarrer Heinrich Kreutzberg, datiert 18. Februar 1946, der ihr auch seinerseits vom Tod ihres Gatten Mitteilung gemacht hatte und kurz über seine Begegnung im Gefängnis berichtet. Er erinnert an das Gespräch, in welchem er die Beweggründe Jägerstätters erkundete, er schildert seine Gefasstheit und Freude, die er empfand, nachdem er vom Beispiel des Priesters Franz Reinisch – ebenfalls Wehrdienstverweigerer aus religiösen Gründen – hörte, den Kreutzberg ein Jahr zuvor zum Schafott begleitet hatte:
Ich gebe diesen Brief mit einem Priester, der nach Innsbruck reist. Er besucht dort eine Familie, deren geistlichen Sohn ich auf den Tod vorbereiten durfte. Er wurde fast genau ein Jahr vor Ihrem Mann zum Tode verurteilt und an der gleichen Stelle enthauptet.
Sie wissen, dass ich damals bei der ersten Besprechung mit Ihrem Mann 2 ½ St. das Für und Wider seines Entschlusses durchsprach. Als ich ihn nach acht Tagen wieder besuchte, fand ich ihn bei seinem gleichen festen und unabänderlichen Entschluss in den Tod zu gehen. Ich erzählte ihm dann vom Tode seines österreichischen Landmannes Franz Reinisch. Sie können sich gar nicht denken, wie er da aufatmete und hoch erfreut war und mir sagte: „Das habe ich mir immer gesagt, ich kann doch nicht auf einem falschen Wege sein, wenn aber sogar ein Priester sich so entschieden hat und dafür in den Tod gegangen ist, dann darf ich es auch tun.“ Als er am 9.8.1943 starb, da war es mir klar, dass der Tod des Priesters Franz Reinisch ein Abbild gefunden habe in einem schlichten Manne aus dem Volke und dass Gottes Kraft und Gnade sich den Kleinen nicht weniger offenbart, wenn sie Gottes Wege gehen und sein Wort ernst und heilig nehmen. Seien Sie überzeugt, so wie Ihr Mann gestorben ist, sind nicht Viele gewesen in Deutschland. Er starb als ein Held, als ein Bekenner, Märtyrer und Heiliger! Damals sagte ich Ihrem Manne noch: „Dieser Priester hiess Franz wie Sie! Und er stammt aus Österreich wie Sie! Und wenn Sie nun wirklich in den Tod gehen wollen, dann gehen Sie so tapfer und gross wie er hinüber in die Ewigkeit!“
Ich habe kaum einen glücklicheren Menschen gesehen im Gefängnis als Ihren Mann nach den wenigen Worten über Franz Reinisch. Das alles konnte ich Ihnen früher nicht mitteilen, aber jetzt dürfen wir offen reden, nachdem das verbrecherische System hinweggefegt ist. Die einstigen Führer haben sich vor der Welt gerichtet durch Flucht und Selbstmord, und dem Gerichte Gottes werden sie nicht entgehen können.
Ich würde glücklich sein, auch von Ihnen ein Lebenszeichen zu erhalten und die Gewissheit, dass sie noch alle da sind.
„Franz II.“, so nenne ich Ihren Mann gerne, wenn ich im kleinen Kreise von ihm spreche. Er wird seine schützende Hand über uns halten, wie er es versprochen hat.
Wenn Sie eine Photographie von ihm haben oder ein Bild vervielfältigen könnten, würde ich mich sehr freuen, ein solches Bild später mal von ihm zu besitzen. Es hat aber keine Eile damit. Für heute verbleibe ich mit herzlichem Gruss
Ihr Heinrich Kreutzberg, Pfr.67
3. Pfarrer Josef Karobath und das Gedenken in St. Radegund
Wie im Wochenverkündbuch der Pfarre St. Radegund nachzulesen ist, teilte Vikar Ferdinand Fürthauer68 am 9. Sonntag nach Pfingsten, zugleich dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, 15. August 1943, den Tod Franz Jägerstätters mit der für alle im Krieg Verstorbenen üblichen Formulierung öffentlich mit: Es wird gebetet und die Sterbeglocke geläutet für […], für Franz Jägerstätter, welcher im 36. [sic] Lebensjahre selig im Herrn verstorben ist.69
Fürthauer vermied hier jeden Hinweis auf die näheren Umstände seines Todes, welche der Radegunder Bevölkerung allerdings bekannt waren. Für Dienstag, 17. August 1943, wurden Rosenkranz, Requiem und Libera für den Verstorbenen angekündigt und auch gehalten; vielleicht wusste man um die Bestattung der Urne am Friedhof in Brandenburg, oder es ist die Datumsgleichheit ein Zufall, die Einäscherung hatte bereits am 11. August stattgefunden.70 In den folgenden Tagen wurden eine Reihe von hl. Messen für Franz Jägerstätter ins Intentionenbuch71 eingetragen, und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurde am 9. August jeweils eine von Franziska Jägerstätter für ihren verstorbenen Ehemann bestellte Messe gelesen.
Im Juli 1945 kehrte mit Josef Karobath jener Pfarrer nach St. Radegund zurück, der Franz Jägerstätter persönlich über viele Jahre als Seelsorger betreut hatte und sich das Andenken Jägerstätters zu seiner Lebensaufgabe machte.72 In den Unterlagen im Pfarrarchiv liegt für diese Zeit ein Curriculum vitae vor, das Karobath selbst geschrieben hat:
Geboren bin ich in Neukirchen bei Altmünster am 9.1.1898. Mein Vater war Mesner und Drechsler. Wir waren 7 Geschwister; 3 Schwestern wurden Klosterfrauen. Das Gymnasium machte ich im Kollegium Petrinum. 1910 bis 1918. 1917 bis 1918 musste ich Kriegsdienst leisten, wobei ich 1918 den rechten Fuß verlor. Trotzdem konnte ich Priester werden. 1918–1923 Theologiestudium im Linzer Priesterseminar. Am 24.6.1923 wurde ich zum Priester geweiht. Ich hatte folgende Posten in der Seelsorge: Mehrnbach 15 Tage, Hofkirchen i. M. 7 Monate, St Peter b. Linz 3 Jahre 5 M. Haag a H 1 Jahr 10 Monate, dann Provisor in St. Radegund 9 Monate. Koop. in Perg 2 Jahre, Provisor in Dorf a Pram 6 Monate. Kooperator und dann Provisor in Gunskirchen ca 2 Jahre. Pfarrer in St. Radegund bin ich seit 1.11.1934. 1940 erzwang ich eine Verhaftung durch eine Predigt über die 10 Gebote Gottes. Nach 2 Monate Haft bekam ich Bezirksverbot. Ich war dann Kooperator in Wolfern und 1941 bis 1945 Kooperator in Laakirchen. Im Juli 1945 kam ich wieder in meine Pfarre St. Radegund und wurde sehr enttäuscht. Josef Karobath, Pfarrer.73
Nach St. Radegund zurückgekehrt fuhr Karobath mit jenem Predigtzyklus über die Zehn Gebote fort, deren Beginn im Jahr 1940 seine Verhaftung zur Folge hatte.74 Als Vorlage diente ihm die in Münster in deutscher Übersetzung veröffentlichte Predigtsammlung zu den Zehn Geboten von Tihamér Tóth, einem Professor der Universität Budapest. Inhalt dieser ersten Predigt in Fortsetzung des Predigtzyklus war das Gebet als Quelle der Kraft, wobei in der Zusammenfassung das Beispiel des Märtyrers Ignatius erläutert wird, von dem berichtet wird, dass er im Gebet alle Kraft für sein Martyrium schöpfte.75
In das Taufbuch der Pfarre (Tomus V, pag. 10) vermerkte dieser mit fester Überzeugung: Franz Jägerstätter starb am 9. August 1943 in Brandenburg den Märtyrertod.76

Abb. 15: Pfarrer Josef Karobath
Als Karobath im Dezember wegen einer Erkrankung längere Zeit das Bett hüten musste, trug er in die besagte Pfarrchronik77 am 19. Dezember 1945 eine kurze Lebensbeschreibung von Franz Jägerstätter nach, die deutlicher und prägnanter nicht sein könnte und bereits auf eine künftige Seligsprechung verwies:
Jägerstätter. Wenn es in diesem gemeinen Krieg einen Helden gegeben hat, dann war es Jägerstätter Franz. Er war ganz sicher ein Heiliger von Format. Geboren ist er am 20.5.1907. In seiner Jugend war er, vor allen anderen Burschen, etwas rauflustig u. auch leichtsinnig. 1934 wurde er ernst. Damals hatte er vor, in ein Kloster als Laienbruder zu gehen. Ich habe ihm abgeraten. Am Gründonnerstag 1936 heiratete er ein sehr braves, ideales Mädchen. Die Trauung war in aller frühe, dann machte er eine Hochzeitsreise nach Rom. Er übernahm dann den kleinen Bauernhof (Lehenbauer)[sic]. Er las jetzt viel, bes. Heiligenlegenden. (Hümmeler, Helden u. Heilige.)78 Er wollte ein Heiliger werden. Mann und Frau waren sich in diesem Ziel ganz einig. Täglich geht er mit seiner Frau zur hl. Kommunion. Der Einmarsch der Nazi in Österreich 1938 machte ihn tief traurig. Er kannte die Gottlosigkeit u. das Neuheidentum dieser Eindringlinge. Bei der Abstimmung wählte er ungültig; er nahm keine Kinderbeihilfe für seine 3 Kinder an, er gab auch keine Spenden für den Nazismus. Aber den Armen half er, wo er konnte. Schon 1939 sagte er, dass er das Ende dieses Systems nicht erleben möchte. 1940 musste er zum 1. Mal einrücken, kam aber bald wieder zurück. 1941 rückte er das 2. Mal ein, diesmal nach Enns; er besucht mich in Wolfern. Er erzählte mir von der Gottlosigkeit u. Sittenlosigkeit des Militärismus. Für dieses System wollte er nicht kämpfen. Wieder kommt er frei, aber sein Vorsatz war auch schon gefaßt: wenn ich wieder Befehl zum Einrücken bekomme, so werde ich nicht Folge leisten. Ich habe diesen Vorsatz nicht so ernst genommen. In Tittmoning trafen wir uns zu einer Aussprache. Aber er macht mich mundtot. Ich muss ihm recht geben, aber ich möchte ihn retten. Immer wieder sagte er: Ich werde diese Irrlehre nicht unterstützen.
Die Lage fürs Hitlerreich wird kritisch und die Gefahr, daß er einrücken muß wächst. Er geht zum Bischof um sich ganz klar zu werden. Er übt Busse, er fastet, er verdoppelt sein Beten. Nun bekommt er Einrückungsbefehl: Am 25.2.1943 soll er in Enns sein. Ganz schwer ist diese Zeit für ihn. Ich bekomme am 27.2. einen mutigen, aber tapferen Abschiedsbrief. Nun telefoniere ich mit Gen.[damerie] Inspektor Püringer. Er teilt mir mit hörbarer Ergriffenheit mit, daß Jägerstätter doch eingerückt ist. Nach einigen Tagen schreibt mir Inspektor Püringer einen Brief u. teilt mir mit, daß Jägerstätter zwar eingerückt ist, daß er aber sofort jeden Dienst verweigert hat. Jägerstätter kommt ins Gefängnis nach Linz, am 4.5.1943 nach Berlin Tegel. Er wird brutal behandelt, geschlagen. Immer wieder erklärt er, daß er als Katholik den Nazismus durch nichts unterstützen kann. Am 6.7.1943 wird er vom Militärgericht zum Tode verurteilt. Aber das Todesurteil wird nicht unterschrieben. Wenn Jägerstätter seine Gesinnung ändert, dann wird er leben. Er aber bleibt standhaft. Am 13. Juli besucht ihn seine Frau und Vikar Fürthauer. Beide sollen ihn umstimmen. Er sagt seiner Frau: „Ich bin ganz glücklich. (Dabei sieht man an ihm die Spuren der Mißhandlung und des Hungers.) Ich werde nicht schwach werden, ich bin froh, daß ich so weit bin.“
Ja auch seine Frau ist eine Heldin!
Sein Abschiedsbrief ist ergreifend: Er opfert sein Leben auf als Sühne für alle Menschen. Er betet zur Himmelmutter, daß er am 15. August schon im Himmel sein darf. Am 9. August 1943 wird er in Brandenburg hingerichtet, sein Leib verbrannt. An diesem Tag betet die Kirche im Evangelium die Worte Christi: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird das Leben gewinnen. Was nützt es den Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet.“ Matt. 16,25–26.
St. Radegund, am 19.12.1945. Karobath79
Im Sinne der beeindruckenden Klarheit dieses Textes und der Prägnanz, mit der Karobath das Leben des Radegunder Märtyrers nachzeichnet, sollen hier drei Punkte unterstrichen werden. Einerseits reflektiert Karobath auf den Begriff „Held – Kriegsheld“, des Weiteren apostrophiert er die Haltung von Franziska Jägerstätter als „Heldin“, und schließlich zitiert er die Evangelienperikope des Todestages, des 9. August 1943.
Am 15. Dezember 1942 war durch Ferdinand Fürthauer ein „Kurzer Überblick über die gefallenen Helden des Deutsch-Französischen-Russischen-Englischen Krieges“ in der Pfarrchronik festgehalten worden, welche in den folgenden Jahren ergänzt wurde, insgesamt 32 gefallene Soldaten jungen Alters. Als Karobath 1945 die Chronik liest, setzt er unter den Begriff „Helden“ eine rote Wellenlinie und notiert ebenfalls mit rotem Kugelschreiber die vielsagende Frage: „Wer ist ein Held?“, um am Schluss der Liste der Gefallenen, welche mit dem Datum 23. Februar 1945 endet, zu ergänzen: „Jägerstätter ist allein ein Held!“ Diese Notiz setzt er bewusst als Titel über den neutral gehaltenen Kurzbericht von Fürthauer zu Jägerstätter in der Pfarrchronik:
Franz Jägerstätter wurde zum Militärdienst einberufen, nur schwer folgte er diesem Ruf. Weil er aber für den Nationalsozialistischen Staat nicht mit der Waffe in der Hand kämpfen wollte, wurde er in Berlin am 6.7.43 zum Tode verurteilt und dieses Urteil ist am 9. August 1943 in Brandenburg vollzogen worden. Der Herr gebe ihm den Frieden.80
Pfarrer Karobath beschäftigte immer wieder die Frage nach dem Verständnis von „Held“ und „Heldentum“. Er unternahm eine nicht unbedeutende Infragestellung des Begriffes „Kriegshelden“, wird doch dadurch deutlich, dass er das Widerstandsverhalten und die Verweigerung Jägerstätters der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gegenüber als „Heldentat“ einstufte, während er für die Kriegsgefallenen diesen Terminus nicht gelten lassen wollte, waren sie doch Opfer des gewaltorientierten totalitären Regimes und in seinen Augen auch zu Mittätern geworden.81 Auch Pfarrer Jochmann hatte stets angemerkt, dass Jägerstätter einen „Heldentod“ bzw. „heldenhaft“ gestorben sei. Die Frage, wer ein Held sei, beschäftigte die Nachkriegsgeneration intensiv. Hatten doch die meisten zum Kriegsdienst einberufenen Männer diese Ehre zugesprochen bekommen, als „Helden“ verstanden zu werden. Die Friedhöfe und Gräber der Soldaten wurden daher auch in der Regel als „Heldenfriedhöfe“ oder „Heldengrab“ bezeichnet. Jährlich fanden und finden dort Gedenkfeiern und Würdigungen statt.
Karobath weitete sein Verständnis von heldenhaftem Verhalten aus auf Franziska Jägerstätter. Er bezeichnet diese deutlich und überraschend als „Heldin“ und sprengt damit noch stärker das konventionelle Verständnis von Heldentum. Damit spielte er einerseits auf ihre Rolle als Wegbegleiterin für Franz und Förderin seines Glaubens an, andererseits auch auf die schwierige Situation im Dorf, war doch die Diskussion um die Haltung ihres Ehemannes kontrovers und sein entschiedenes Verhalten von vielen nicht gutgeheißen, vielmehr als fanatische Haltung abgetan. Franziska musste über viele Jahrzehnte Verschiedenes an Kritik und Schmähung erdulden.82 Die unterschiedlichen Haltungen kamen auch zum Ausdruck, als für die gefallenen Soldaten auf dem Friedhof von St. Radegund ein Denkmal errichtet wurde. Ein erster Beschluss, dass die politische Gemeinde die Kriegerkapelle (!) herrichten werde, erfolgte bereits am 25. Juli 1948 in der Kirchenratssitzung.83 Am Ende der Namenwand für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges stand auch der Name Franz Jägerstätter; Pfarrer Karobath hätte gerne den Hinweis „seinem Gewissen folgend“ anbringen wollen, was allerdings nicht möglich war, da im letzten Augenblick noch der Name eines Vermissten angebracht werden musste. Die unterschiedlichen Sichtweisen und Einschätzungen im Dorf um seine Entscheidung und Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus führten aber zur Demolierung seines Namens, der allerdings später wieder hinzugefügt werden konnte; der Hinweis auf das Gewissen wurde nicht umgesetzt.84

Abb. 16: Das Kriegerdenkmal in St. Radegund
Der dritte Aspekt, auf den verwiesen werden soll, ist das Zitat Karobaths aus der Evangelienperikope des Festformulars für die Vigilmesse am Festtag des Märtyrers Laurentius, der auch im Kirchenfenster dargestellt ist und dessen Festtag am 10. August gefeiert wird.85 Für Karobath war die Hinrichtung seines Pfarrkindes zur Vigil am Märtyrerfest keine belanglose Parallele, vielmehr Deutung und Begleitliturgie seines Todes. Nach der Lesung JesSir 51,1–8.12, welche im zeitgenössischen Missale Romanum auch für hl. Jungfrauen und eine Märtyrerin vorgesehen war, und dem Graduale Ps 112,9.2 folgt die Evangelienperikope Mt 16,24–27. Während die Kirche diese Messe feiert, hat Franz sein Leben am Schafott hingegeben. Die Messtexte mussten dem Pfarrer wie eine spirituelle Programmatik zum Martyrium von Franz erscheinen.
IntroitusPs 111(112),9
Er teilte aus und gab den Armen; und ewig währt seine Gerechtigkeit; seine Kraft wird sich in Herrlichkeit erheben.
V Selig der Mann, der den Herrn fürchtet und dessen große Freude Sein Gesetz. Ehre sei.
Oration
Herr, sei unserem Flehen hilfreich nahe und wende uns in Deiner Güte immerwährendes Erbarmen zu auf die Fürbitte Deines hl. Märtyrers Laurentius, dessen Vorfeier wir begehen. Durch unsern Herrn.
Lesung JesSir 51,1–8.12
Ich preise Dich, Herr und König; ich lobe Dich, meinen Gott und Heiland. Ich preise Deinen Namen; denn du warst mir Helfer und Beschirmer. Du hast meinen Leib errettet aus dem Verderben, aus den Schlingen verleumderischer Zungen und von lügnerischen Lippen. Du warst mir Helfer gegen meine Widersacher. Du befreitest mich nach Deinem überreichen Erbarmen von den brüllenden Tieren, die mich verschlingen wollten, aus den Händen derer, die mir nach dem Leben trachteten, aus der Trübsal, die mich umgab, aus der lodernden Flamme, die mich umzüngelte, so dass ich mitten im Feuer nicht verbrannte, aus dem tiefen Schlunde der Unterwelt, von den unzüchtigen Reden, von den lügnerischen Worten, von dem gottlosen Könige und von der ungerechten Zunge. Darum will meine Seele bis zum Tode den Herrn lobpreisen. Denn Du rettest jene, die auf Dich hoffen, und du befreist sie aus den Händen der Heiden: Herr, unser Gott!86
GradualePs 111(112),9.2
Er teilte aus und gab den Armen; und ewig währt seine Gerechtigkeit. Gar mächtig werden seine Kinder sein auf Erden, und das Geschlecht der Frommen wird gesegnet.
EvangeliumMt 16,24–27
In jener Zeit sprach Jesus zu Seinen Jüngern: „Wer Mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach. Denn wer sein [zeitliches] Leben erhalten will, wird es [ewig] verlieren; wer aber sein Leben um Meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet? Oder was kann der Mensch als Lösegeld für seine Seele geben? Denn der Menschensohn wird in der Herrlichkeit Seines Vaters mit Seinen Engeln kommen und dann einem jeden vergelten nach seinen Werken.
OffertoriumJjob 16,20; Ps 16(17)
Mein Gebet ist rein; daher bitte ich, daß meine Stimme im Himmel Gehör finde; denn dort ist mein Richter, dort in den Höhen wohnt Er, der mich kennt; mein Flehen steige auf zum Herrn.
CommunioMt 16,24; Ps 20(21)
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.
Postcommunio
Wir bitten Dich, Herr, unser Gott: wie wir das Gedächtnis Deines hl. Märtyrers Laurentius in dieser Zeitlichkeit freudig feiern, so laß uns in der Ewigkeit seines Anblicks uns freuen. Durch unsern Herrn.
Die Texte der Märtyrerliturgie stehen paradigmatisch für das Sterben und die Haltung Jägerstätters. Für Franz war es wichtiger, das ewige Leben nicht zu verlieren, als dem Willen der Nationalsozialist/innen zu folgen, um ein sterbliches Leben zu verlängern. Der Introitus spiegelt die Haltung Jägerstätters für Arme und Notleidende wider und seine Überzeugung, in allem dem Wort Gottes zu folgen. Die Oration bekräftigt die Überzeugung der Kirche, dass Märtyrer/innen Fürsprecher/innen bei Gott sind, der Güte und Erbarmen schenkt. Das Graduale bezeugt die wohlwollende Einstellung gegenüber den Armen und Notleidenden von denen, die Gott ihren Vater nennen. In der Perikope aus dem Buch Jesus Sirach zur Lesung spricht eine Persönlichkeit, die sich in den Schutz Gottes gestellt weiß angesichts ihrer heimtückischen Verfolger und Mörder. Das Offertorium (Gesang zur Gabenbereitung) sucht Zuflucht bei Gott und erbittet Gehör und Hilfe von dem, der einziger Richter der Menschen ist und der das Herz des Menschen kennt. Der Communio-Vers ist dem Evangelium entnommen; diesen Vers wird Karobath später auch an der Erinnerungstafel über dem Urnengrab anbringen lassen. In der Kommunion mit Christus befähigt der Auferstandene zur Kreuzesnachfolge bis in den Tod, in dieser Aussage Zuspruch und Aufforderung zugleich. Die Vigilmesse zum hl. Laurentius ist heute in der liturgischen Ordnung des Messbuches nicht mehr vorgesehen, lediglich in der Praxis des außerordentlichen Ritus (Missale Romanum 1962) ist sie noch zu finden. Der liturgische Gehalt der einzelnen Elemente eignet sich dennoch hervorragend, um der Lebenshingabe von Franz ihre biblisch-liturgische Sprache zu geben.
Auch wenn in der Literatur und in Zeitungsbeiträgen die bedeutende Rolle Pfarrer Karobaths für Franz Jägerstätters Andenken betont wird, so ist sie doch oft genug nicht deutlich genug ausgeführt worden. Historisch betrachtet ist sie auch nicht von Anfang an erkannt worden. Karobath blieb Pfarrer in St. Radegund, bis er 1971 in den Ruhestand ging und sich in das Altersheim Maria Rast zu Maria Schmolln zurückzog. Franziska Jägerstätter vermutete, dass Karobath nach seiner Pensionierung deswegen nicht in St. Radegund wohnhaft blieb, weil er wegen der „Auseinandersetzungen um ihren Gatten nicht heimisch geworden“ war.87 Bischof Maximilian Aichern berichtete in seiner Trauerrede anlässlich des Todes von Josef Karobath in Maria Schmolln am 4. Januar 1983, dass Karobath während des Ersten Weltkrieges einem Dutzend Kameraden das Leben gerettet habe und mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden sei. In der von Bischof Aichern persönlich unterzeichneten Botschaft und Würdigung seines Lebens, zur Verlesung beim Begräbnisgottesdienst am 8. Januar 1983 bestimmt, macht dieser noch keinen Hinweis auf die Beziehung Pfarrer Karobaths zu Franz Jägerstätter.88 Auch die Personalnachrichten des Linzer Diözesanblattes vom 1. Februar 1983, Nr. 2 geben keinen Hinweis darauf und auf seinen Einsatz für die Würdigung des Martyriums, ebenso wenig die Linzer Kirchenzeitung.89
Dabei muss auch erkannt werden, dass Karobath über sein seelsorgerisches Wirken als Pfarrer von St. Radegund hinaus Kontakt zu Franziska Jägerstätter hielt und in der Causa Jägerstätter aktiv blieb. Am 4. November 1970 schrieb Pfarrer Karobath aus Maria Schmolln an die „liebe Frau Jägerstätter“, die er immer noch mit Sie ansprach. Das Drehbuch von Hellmut Andics zu Axel Cortis Film „Der Fall Jägerstätter“, das er bereits zu lesen erhielt, begeisterte ihn. In diesem Zusammenhang kritisierte er erneut die Haltung einiger „unbekehrbarer Nazis“ auch in St. Radegund und bemerkte schließlich in seinem Schreiben, mit rotem Stift nachgetragen, wohl mit größter Genugtuung: „Aber Franz ist der weltbekannte Held! u. Heiliger!“90 Ein weiterer Brief datiert vom 27. August 1975, in dem Pfarrer Karobath Franziska Jägerstätter mitteilte, dass „Ihr Mann sich immer wieder meldet um zu zeigen, daß er recht gehandelt hat“.91 Er sei nach England eingeladen worden, aber seine Füße ließen es nicht mehr zu, dorthin zu reisen. Auch berichtete er ihr vom Grabbesuch am 9. August in St. Radegund. Im Mai 1978 erschien in der Linzer Kirchenzeitung ein Beitrag mit dem Aufruf von Pfarrer Karobath, den die Zeitung zum Gespräch gebeten hatte: „Noch wäre es zu früh, Franz Jägerstätters Seligsprechung anzustreben. Aber laßt ihn besonders in Oberösterreich nicht in Vergessenheit geraten.“92
Karobath schlug vor, „sich anlässlich der Feiern der 200-jährigen Zugehörigkeit des Innviertels zu Österreich mit dem Innviertler Jägerstätter wieder eingehender zu befassen“.93 Ein Jahr später schließlich verfasst er einen leidenschaftlichen Leserbrief für Die Furche, in dem er mahnt, dass „kein Gras über Jägerstätter wachsen“ dürfe.94
Die gebührende Würdigung des streitbaren Priesters Karobath ist jüngeren Datums. Nachdem das Grab von Pfarrer Karobath in Maria Schmolln aufgegeben werden musste, beschloss der Pfarrgemeinderat von St. Radegund am 25. Januar 2008, das Grabkreuz nach St. Radegund zu bringen und damit auch eine bleibende Erinnerung an ihn zu errichten. Das Grabkreuz wurde von Hubert Sigl restauriert und an der Westmauer der Kirche angebracht; der Beschluss des Pfarrgemeinderates dazu erfolgte am 20. Januar 2010.95 Die Pfarrgemeinde würdigt Pfarrer Josef Karobath hiermit als Freund des seligen Franz Jägerstätter; die Beschriftung wurde von Hubert Sigl angefertigt, die Kosten durch Spenden getragen. Gesegnet wurde das Kreuz in einer schlichten Feier am 31. Oktober 2010. Aus der chronologischen Darstellung in diesem Buch ist ersichtlich, dass die erste biografische Beschreibung von Franz Jägerstätter aus der Feder von Josef Karobath stammt; sie wurde in den ersten Nachkriegsjahren an verschiedene Medien und Personen weitergeleitet, von diesen übernommen und prägt auch heute noch wesentlich das Bild von Franz Jägerstätter – „Franz II.“. Die Verortung der Urnenbestattung an der Kirchenmauer, sein konsequentes Würdigen von dessen Sterben als Martyrium, seine Einforderung, in Jägerstätter einen Helden und Heiligen zu sehen, der in seiner Gewissensüberzeugung gegen das schwere Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft lieber in den Tod ging, als das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zu verletzen, prägten den Weg zur Seligsprechung.
An dieser Stelle ist es angebracht, Karobaths Nachfolger in St. Radegund zu erwähnen. Als Pfarrer Josef Steinkellner am 1. September 1977 in die Pfarre kam, führte er das Anliegen seiner Vorgänger weiter.96 Im Jahr 1983, so die Pfarrchronik, stellte Franziska Jägerstätter das Haus Jägerstätter der Pfarrgemeinde zur Pflege des Andenkens an den Märtyrer zur Verfügung. Der alte Jägerstätter-Hof hätte abgerissen werden sollen.97 Mit Unterstützung des Bürgermeisters von St. Radegund Isidor Hofbauer gelang es Pfarrer Steinkellner, den Grund mit dem alten Haus für die Pfarre zu erwerben. Den Beschluss dazu fasste der Pfarrgemeinderat am 15. Oktober 1984 mit dem Ziel, das „Andenken an Franz Jägerstätter dadurch zu pflegen“. Zur Verwaltung wurde eine eigene Interessengruppe gegründet.98

Abb. 17: Pfarrer Josef Steinkellner (2018)
Der Kauf erfolgte am 28. April 1985. Pfarrer Steinkellner förderte behutsam die Erinnerungsarbeit und war auch denen gegenüber achtsam, die sich der Würdigung und Verehrung Jägerstätters nicht anschließen konnten. Wie sich aber mehr und mehr herausstellen sollte, verfolgte Steinkellner die Überzeugung seines Vorgängers Karobath, „auf dem Friedhof einen Märtyrer und Heiligen bestattet“ zu wissen. Unaufgeregt, unscheinbar, mit vielen kleinen Schritten förderte er die Verehrung Jägerstätters, pflegte eine gute Beziehung zu Franziska Jägerstätter und ihren Töchtern und war offen für die Menschen, die nach St. Radegund kamen, um das Andenken an Franz Jägerstätter für sich und für andere hochzuhalten und zu gestalten. Dabei hielt er sich dennoch bescheiden im Hintergrund.

Abb. 18: Das Jägerstätter-Haus (2019)
Pulsuz fraqment bitdi.