Kitabı oxu: «Jack und seine drei Flammen»

Şrift:

F. C. Phillips
Jack und seine drei Flammen

Roman

Autorisierte Aebersetzung aus dem Englischen

Natalie Rümelin

Saga

Erstes Kapitel.

Meine frühesten Erinnerungen knüpfen sich an ein eigenartiges kleines Landhaus in Essex drunten. Es war ein behagliches, mit blauem Schiefer gedecktes Häuschen aus roten Backsteinen, das aussah, als komme es aus einer Nürnberger Spielschachtel, oder als habe es ein Wirbelwind in einer der backsteinernen Vorstädte Londons — sagen wir einmal Langley — aufgehoben und hier niedergesetzt. Hier stand es inmitten von fetten Wiesen, tiefen Tümpeln und hohen Rüstern, wo die Krähen ihre geheimen Beratungen halten und dem Sperber und der Eule ihre Herausforderung entgegenkreischen, während sie selbst auf die benachbarte Wohnung der Waldtaube und das gänzlich unbeschützte Loch des Regenpfeifers ein scharfes Auge haben. Die Natur ist noch immer üppig in Essex, und die Essexer Köpfe sind noch immer nicht sowohl unduldsam gegen neue Ideen, als überhaupt unfähig, einen Gedanken in sich aufzunehmen. Kein Essexer Landmann hat je von etwas gehört, oder spricht je über etwas, oder liest, falls er liest, irgend etwas, das über vierzehn Meilen — was hin und zurück achtundzwanzig ausmacht — über sein eigen Heim hinausreicht. Man heisst Suffolk manchmal das „einfältige Suffolk“, aber die ackerbautreibende Bevölkerung von Essex hat nicht einmal genug Witz, um einfältig zu sein. Sie bildet das Mittelglied zwischen dem Menschen und dem Gorilla, wenn man zuerst den Gorilla all seiner rohen, feindseligen Eigenschaften entkleidet, denn die Essexer Lümmel sind friedlich, in ihrer Art freundlich, ja selbst höflich. Dies ist aber auch alles, was das Christentum für sie gethan hat, obgleich die Essexer Pfründen nicht weniger reich dotiert sind, als alle übrigen in England auch.

Mein Vater war ein Essexer Junker und glich den andern Essexer Gutsbesitzern wie eine Erbse oder eine leere Austernschale der andern. Genaue mikroskopische Untersuchungen könnten vielleicht ganz winzige Verschiedenheiten bei den einzelnen Exemplaren ergeben, allein dies sind Unterschiede, die an Grazianos drei Weizenkörner erinnern, die zwischen drei Scheffel Häcksel versteckt waren: Man kann den lieben, langen Tag danach suchen und sieht, wenn man sie dann endlich gefunden hat, dass sich das Suchen nicht lohnte.

So vegetierte ich in Essex gedankenlos und unbeachtet und wuchs heran wie etwa ein hässliches, kleines Entchen, das schon als Ei nur durch Zufall bis zur Reife erwärmt und ausgebrütet worden war. Und ich muss wirklich ein recht hässliches Entchen gewesen sein, denn ich weiss, dass ich mit mir selbst unzufrieden war, obgleich ich keinen Massstab zu meiner Beurteilung in mir trug und folglich auch keinen anlegen konnte. Unzufriedenheit mit sich selbst und seiner Lage ist der Anfang und die wesentliche Bedingung alles Wachstums. Die Schnecke ist das einzige lebende Wesen, zu dessen Gunsten die Natur eine unbillige Ausnahme gemacht hat. So wie die Schnecke zunimmt an Gestalt und (vermutlich) an Wohlgefallen bei ihren Mitschnecken, so wächst auch ihre Behausung ohne ihr Zuthun mit ihr. Der Erbauer des Weltalls ist gegen die Schnecken entschieden gütiger gewesen als gegen die Menschen.

Immerhin genoss ich eine gewisse Erziehung, für die ich heute noch geziemend dankbar bin. Ich will ihre Art und Methode beschreiben.

Ich wurde dem Vikar des Kirchspiels überantwortet; er wollte mich „Propria quae maribus“ auswendig lernen, lassen, welcher Absicht ich offnen Widerstand entgegensetzte. Endlich fanden wir eine via media in Martyns Georgika, von denen ich ein Exemplar unter seinen Büchern aufstöberte. Dann machten wir uns über eine Naturgeschichte, und der Vikar war erstaunt, zu finden, dass der Verfasser kein Naturalist, sondern ein Mitglied der Universität Oxford und ein klassisch gebildeter Gelehrter war. So begegneten sich Lehrer und Schüler auf gleichem Fuss und trafen ein entsprechendes Ubereinkommen. Er sollte mich die toten Sprachen lehren, Griechisch und Lateinisch, und ich sollte ihm dagegen alles mitteilen, was ich von der Weidmannskunst verstand. Jeder sollte als Schüler folgsam, als Lehrer aber strenge sein; wir hielten an diesem Vertrag fest, und weil wir ihn so ehrlich durchzuführen suchten, bewährte er sich auch. Noch ehe wir uns voneinander trennten, konnte ich lateinisch, wo nicht griechisch, lesen, ja sogar sprechen. Wir eigneten uns nämlich die Regel der Jesuiten an und sprachen lateinisch, um uns zu üben. Statt mich zu fragen: „Wieviel Uhr ist es?“ sagte er: „Quota hora?“ Ich hätte antworten mögen: „Zeit zum Baden“, und entgegnete: „Natandum est.“ So kamen wir miteinander aus.

Alles, was ich in dieser Zeit von meinem Vater wusste, ist, dass er sich beständig in Geldverlegenheiten befand, was ich indessen nicht sage, um ihm einen Vorwurf daraus zu machen. Er war finanziell nicht besser und nicht schlimmer daran als die meisten Essexer Grundbesitzer, die fast alle gleich unvermögend und zahlungsunfähig waren — man kann aus seinem Boden eben nicht mehr herausschlagen, als er trägt. Wenn ein Kamel überbürdet ist, bleibt es auf seinen Füssen hocken und ist nicht vom Fleck zu bringen; es rührt sich nicht, und wenn man es totschlägt. Das Kamel hat schon unter Abraham, dem Vater des auserwählten Volkes, gedient und ist infolgedessen das einzige Tier, das mit dem Menschen fertig zu werden weiss.

Mein älterer Bruder lebte kaum mehr als Erinnerung in der Familie, er hatte etwas zu Schreckliches gethan, als dass man seiner auch nur noch hätte gedenken können, und so war sein Name aus dem Gedächtnis der Familie ausgetilgt worden, soweit dies durch häusliche Formalitäten geschehen kann. Da ich später nicht mehr von ihm zu reden habe, will ich lieber gleich sagen, was aus ihm geworden ist. Er trat in den Dienst der peruanischen Regierung und wurde Marineminister. Das jugendliche Vergehen, wodurch er nach meines Vaters Meinung für immer zu jeder nützlichen oder ehrenhaften Arbeit im Angesicht dieser Erde untauglich geworden, war nicht etwa gewesen, dass er einer Milchmagd den Hof gemacht, sondern dass die Milchmagd ihn geliebt und entführt hatte, wie weiland Omphale den Herkules.

Mein zweiter Bruder war zum Civilingenieur bestimmt und wurde zur Erreichung dieses Zieles in Viktoria Street, Westminster, um mich so auszudrücken, ganz auf den Hund gebracht; wie ich mir habe sagen lassen, ist dies ein Ort, an dem des Tages mehr Guineen durch die Finger gleiten, als anständige Worte gesprochen werden. Bald zeigte er sich genügend ausgebildet und wurde nach Neuseeland geschickt, wo er, wie ich glaube, der genossenen Schulung alle Ehre macht.

Ich war der dritte Sohn. Mein jüngster Bruder war kaum der Kinderstube entwachsen und noch nicht im stande, sein Morgenbad selbständig zu nehmen.

Um meine Schwestern kümmerte ich mich absolut gar nicht; ich hatte deren zwei, die dreibändige Romane mit unersättlicher Gier verschlangen und in ihrer Kleidung der neuesten Mode folgten, mochte sie sein, wie sie wollte. Ueber alles wussten sie alles und ruhten zufrieden in dieser Allwissenheit. Da sie ausserdem Viceregentinnen des Haushalts waren, erfreuten sie sich einer gewissen Autorität, die sie auch trefflich auszuüben verstanden.

Von meiner Mutter habe ich noch nicht gesprochen: ich werde ihrer stets in Liebe gedenken. Sie war die Tochter eines bedeutenden Kronsyndikus gewesen, der viel Geld verdiente und zu der Hoffnung berechtigte, er werde reich sterben, was er denn auch that. Als meine Mutter sich verheiratete, erwies er sich sehr freigebig. Im Notfall zeigte er sich immer bereit, einen Check auszustellen, und als er starb, hinterliess er ihr eine hübsche runde Summe zur lebenslänglichen Nutzniessung, die dann zu gleichen Teilen an ihre Kinder fallen sollte.

Mein Vater fand es nicht leicht, Gutsbesitzer zu sein. Der beste seiner Pächter zahlte unpünktlich, andre blieben mit beträchtlichen Summen im Rückstand, und wieder andre zahlten gar nicht. „Was ist da zu machen?“ pflegte mein Vater zu sagen. „Wenn man keinen andern Pächter bekommen kann, so thut man am besten, den gegenwärtigen zu behalten. Er ritzt doch die Erdoberfläche ein bisschen auf, rodet das Unkraut aus und hält die Hecken in stand; er ist ein unbezahlter Verwalter, und für das, was sein Pachtgut wert sein mag, hat man wenigstens die Jagd auf demselben.“

Zeitweise wurde die Klemme noch drückender, als sie gewöhnlich war. Fleisch und Gemüse bezogen wir aus unsern eignen Hilfsquellen, aber Kohlen, Materialwaren und Kleider mussten bezahlt werden, und da man eine Rechnung von zwanzig Pfund nicht mit einer Fünfpfundnote ausgleichen kann, so musste das Einkommen meiner Mutter schon im voraus angegriffen werden, was ein sehr umständliches und kostspieliges Verfahren war, da ihre Vermögensverwalter sich nie damit einverstanden erklären wollten. So plagten wir uns in recht armseliger Weise weiter und lebten von der Hand in den Mund, ohne grosse Hoffnungen auf die Zukunft zu setzen. Niemand ist so unglücklich wie ein bedürftiger Gutsbesitzer, und niemand so arm wie ein armer Edelmann, der standesgemäss leben muss.

Im Alter von zwanzig Jahren hatte ich meinen vollen Teil an solchen Erlebnissen und Abenteuern gehabt, wie Essex sie eben zu bieten vermag. Ich war auf Messen und Jahrmärkten gewesen, hatte Steeplechase-Rennen mitgeritten, mich in persönliche Verwickelungen mit Wilddieben und Zigeunern gebracht und selbstverständlich bis über die Ohren in die einzige Erbin in der Nachbarschaft verliebt, nicht weil sie eine Erbin war, sondern weil sie zufällig auch ein hübsches Aeussere besass, welch letztere Ansicht, wie auch die Zuneigung selbst, auf Gegenseitigkeit beruhte.

Dieses Liebesabenteuer war der erste Wendepunkt in meinem Leben. Natürlich schrieben wir uns auch Briefe — etwa zwei am Tage oder, falls wir uns nicht trafen, vier oder auch mehr. Es lag in der Natur der Dinge, dass diese Briefe aufgefangen wurden; sie waren sehr einfältig, aber sehr ernst gemeint. Das Ergebnis ihrer Entdeckung war, dass Isabella Vivian in eine Pension auf der Insel Wight geschafft und ich nach London geschickt wurde, um mich zur Advokatur vorzubereiten.

Zur Advokatur vorbereiten hiess: ich sollte auf dem Büreau eines Advokaten arbeiten, zu dem ich nie ging; ich wohnte in einem Kosthaus in Bayswater und durch mein Billardspiel versorgte ich mich mit Taschengeld; ich stand mit jedem Omnibuskutscher in jener Gegend auf vertrautem Fuss, und ich glaube, ich kann mit gutem Gewissen versichern, dass ich bei keinem Vorstadtrennen gefehlt habe. In dieser Weise suchte ich mir die Fähigkeit zu erwerben, meine Nebenmenschen zu verteidigen, wenn sie auf Tod und Leben angeklagt wurden, und Berufungen in betreff erblicher Titel und unermesslicher Landgüter vor das Oberhaus zu bringen.

Doch will ich mir andrerseits auch wieder Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auf Ehre, ich glaube nicht, dass ich irgend einem Laster fröhnte. Ich trank nicht mehr, als ich vertragen konnte; ich pumpte nie etwas, das ich nicht pünktlich zurückzuzahlen vermochte; ich wettete nie über eine mir zweifellos bekannte Thatsache; ich beschimpfte nie einen Schwächeren und behandelte alle Frauen mit Ehrerbietung. Davon abgesehen war ich ein so fauler Taugenichts wie irgend ein Bummler in der Stadt.

Zweites Kapitel.

Das Kosthaus, an dessen sämtlichen Gerechtsamen, den Zutritt zum Billardzimmer und die Benutzung des Pianos miteingeschlossen, ich um den bescheidenen Preis von dreissig Schilling die Woche teilnehmen durfte, lag in dem halbaristokratischen Bezirk Bayswater, das hochmütig auf Paddington herabsieht, während es selbst von South Kensington über die Schulter angeblickt wird. Es gehörte einer Witwe, die einstens hübsch gewesen sein mochte, jetzt aber abgehetzt und überarbeitet aussah und nie müde wurde, über ihre gegenwärtigen und vergangenen Kümmernisse zu klagen.

Die Gesellschaft war eine überaus gemischte. Da waren zwei Herren, von denen jeder irgend etwas in der City war — was, habe ich nie ermitteln können. Ferner war einer da, von dem ich wusste, dass er Bookmaker, aber nicht Mitglied des Tattersalls war. Auch ein auf Halbsold gesetzter Offizier war vorhanden, weiter ein Titular-Oberstlieutenant und ein Schreiber von Somerset House nebst einem Herrn von der Presse. Was die Damen anbelangt, so waren auch diese ein wenig gemischt. Die eine war eine Generalswitwe, die mit ausgeprägtem irischen Dialekt sprach und bei jeder denkbaren Gelegenheit auf ihren Gatten, den „Scheneral“, Bezug nahm. Auch zwei wohlbeleibte Frauen waren da, von deren Männern behauptet wurde, sie dienten in Indien. Allein es ergaben sich einige Schwierigkeiten, wenn man festzustellen versuchte, welchen Regimentern diese tapferen Offiziere angehörten — eine Thatsache, die von der Frau Generalin tückischerweise ausgebeutet wurde. Ferner hatten wir eine Miss M’Lachlan, die gerne mit ihrem Neffen, „Dem M’Lachlan“ prahlte; sie kleidete sich äusserst streng und schlicht, hatte eine aufdringliche Nase und war eine so entschiedene Calvinistin, dass sie jede Art von bischöflicher Verfassung für schlimmer hielt, als die römisch-katholische Kirche selbst. Schliesslich kam noch Mrs. Brabazon, zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreissig Jahren, die von allen andern Frauen gehasst wurde, teils weil sie alle Kleider aus Paris bezog und sich besser zu kleiden verstand als die übrigen, teils weil sie sehr hübsch war und allen Männern gefiel, teils auch, weil sie sich gewisse Ueppigkeiten gestattete, wie ein Fläschchen Champagner zum Mittagessen oder auch gelegentlich eine Treibhausfrucht, während sie ihrer Leidenschaft für frische Blumen ganz zügellos frönte und sich welche aus Nizza kommen liess, wenn in London auch um den höchsten Preis keine aufzutreiben waren.

Schon nach einer Woche waren Mrs. Brabazon und ich die besten Freunde und nach Verlauf von vierzehn Tagen wurde mir gestattet, sie auf ihrem Morgenspaziergang zu begleiten. Nach etwa einem Dutzend solcher Ausflüge, deren Ziel meistens die Kensington-Gärten waren, erklärte ich ihr mehr oder weniger tölpelhaft, denn es war mir ernst, dass ich sie liebe, worauf sie entgegnete, ich sei ein ganz ungezogener und unverschämter Junge, dass ich wage, ihr so etwas ins Gesicht zu sagen.

„Aber ich liebe Sie wirklich,“ versicherte ich, „auf Ehre, ich liebe Sie!“

„Sie einfältiger kleiner Spatz! Ich könnte ja Ihre Mutter sein!“ Dabei rieb sie ihre Backe heftig mit dem Taschentuch, vermutlich um zu zeigen, dass die Rosen ihrer Wangen natürlich seien. „Wenn Sie es wagen, noch mehr solchen Unsinn verlauten zu lassen, schicke ich Sie fort und gehe allein nach Hause. Sie verdienten wahrhaftig, für Ihre Unverschämtheit die Rute zu bekommen.“

Rasch blickte ich mich um, und da uns niemand sehen konnte, schlang ich kühn meinen Arm um ihren Leib und küsste sie. Natürlich bekam ich eine Ohrfeige dafür, aber ich glaube nicht, dass diese die Bestimmung hatte, mir ernstlich wehe zu thun — in diesem Falle hätte sie wenigstens ihren Zweck völlig verfehlt.

„Sie sind sehr unartig und sollten sich schämen. Sie sind ja kaum der Rute entwachsen und riechen noch nach Butterbrot; ich kann so aufgeschossene halbwüchsige Jungen nicht ausstehen, solche Jungen dont on coupe le pain en tartines.“

„Wenn Sie mich nicht höflicher behandeln, thue ich’s noch einmal,“ erwiderte ich.

„Nein, bitte nicht,“ sagte die Dame, „wenigstens nicht hier; gleich lachen uns alle Kindermädchen aus, und der Parkaufseher weist uns hinaus.“

„Ich küsse Sie dann nur um so öfter, wenn ich Sie heimgebracht habe.“

„Das ist Ihre Sache, mein junger Herr — vielleicht dürfen Sie’s, wenn Sie artig sind.“

So spazierten wir im besten Einvernehmen nach Hause, und ich will nur als einfache Thatsache erwähnen, dass ich sie im Flur, auf der Matte wenigstens zwölfmal küsste, sobald die Hausthür hinter uns zugefallen war. Dies war so meine scherzhafte Weise, mich zu geben.

Rasch, ereignislos, aber angenehm verfloss ein Monat auf diese Art. Meine Geldsendungen von Hause trafen äusserst unregelmässig ein, aber ich hielt mich der armen, überarbeiteten Martha, Mrs. Jessett, gegenüber redlich und bezahlte sie so regelmässig, als ich konnte. Manchmal, wenn ich gerade im Billard Glück gehabt hatte, bezahlte ich sie auch ein wenig im voraus und sagte ihr, sie solle das Geld nehmen, solange es da sei, weil ich es sonst ja doch nur wieder verlieren würde. Wohl schüttelte sie ab und zu den Kopf zu meinem Billardspiel, doch hielt sie mich im ganzen offenbar für einen recht anständigen, gesitteten jungen Mann, der dem, was sie ihren „gewählten Kreis“ nannte, wenigstens nicht zur Unehre, wenn nicht gar zur Zierde gereichte.

Ich erfreute mich einer kräftigen Gesundheit und pflegte riesige Spaziergänge zu unternehmen. Eine bestimmte Anzahl Mittagessen mussten im Temple, der alten Rechtsschule Londons, eingenommen werden, und aus diesen Mahlzeiten, die mir wohl behagten, bestand im grossen Ganzen meine juristische Ausbildung. Der Wein war durchaus nicht schlecht, und die kleinen Tischgesellschaften zu Vieren waren freundschaftliche parties carrées.

So verfloss mein Leben — von meiner Liebesangelegenheit abgesehen — in ruhiger, einförmiger Weise; ich konnte mir leicht Geld genug für meine bescheidenen Vergnügungen verschaffen. Ab und zu gestattete ich mir einen schönen, langen Ritt mit einem ruhigen Mittagessen in irgend einem altmodischen Gasthof. Meine Neigungen, oder wenigstens einige derselben, müssen ganz barbarisch gewesen sein, denn ich entdeckte ein altväterisches, am Flussufer gelegenes Haus in Chelsea, in dem die Schiffsknechte um einen Krug Bier nach der Scheibe warfen und Kegel schoben.

Ich habe das Kegelspiel ganz besonders gern. Zweifelsohne ist es ein sehr gemeines Spiel, aber es ist an einem Regentag eine ausgezeichnete Bewegung, und überdies entsinne ich mich, irgendwo gelesen zu haben, dass Peter der Grosse zur Zeit, da er als Schiffsbauer in Deptford beschäftigt gewesen, nicht nur jeden Mann am Ort bezwungen, sondern auch eine ausserordentliche Vorliebe für das Kegelspiel gezeigt habe. Uebrigens kenne ich thatsächlich einen gelehrten Richter, der ebenfalls eine grosse Schwäche für das Kegeln hat und gar kein Geheimnis aus dieser Thatsache macht, und auch in Marlborough-Housea) befindet sich eine Kegelbahn.

Zum Schluss sei noch bemerkt, dass meine Studiengenossen und die jüngeren Advokaten im grossen Ganzen vortreffliche, ehrenwerte Menschen waren und ich zahlreiche Freundschaften schloss, die wesentlich dazu beitrugen, mein Leben angenehm zu gestalten. Braucht irgend jemand mehr, um glücklich zu sein?

Auch Mrs. Brabazon darf ich nicht vergessen. Manchmal benutzte ich eine günstige Strömung und ruderte sie nach Richmond, von wo wir mit der Bahn zurückfuhren, nachdem wir in dem lieben alten Schloss gespeist hatten. Alle Arten vergnügter kleiner Ausflüge machten wir zusammen — nach Ham House, nach Hampton Court mit seinen Galerien und Gärten, nach Farmingham in den Löwen, wo wir den ganzen Tag lang mit mehr oder weniger Glück dem Fischfang oblagen und dann behaglich unter einem offenen, üppig von Rosen und Geissblatt umrankten Fenster unser Mahl einnahmen. Nichts machte ihr so viel Freude, als an einen neuen Ort zu gehen, und mich beglückte nichts mehr, als einen neuen Punkt zu finden, an den ich sie führen konnte. Wir waren glücklich wie Kinder, und so weit ich es beurteilen kann, auch unschuldig wie solche. Es freute uns, unser Leben für uns, auf unsre eigne Weise zu leben, und wenn dies eine Sünde ist, welche Ansicht Miss M’Lachlan energisch zum Ausdruck brachte, so kann ich nur versichern, dass es eine sehr angenehme Sünde ist und ich alle bedaure, die sie nie begangen haben. Es gibt Leute, von denen ich fest überzeugt bin, dass sie den Vögeln das Singen am Sonntag verbieten und die Kaninchen mit ihren glänzenden Aeuglein während des Gottesdienstes am liebsten in ihre Höhlen sperren würden, und zu dieser Sorte gehörte auch Miss M’Lachlan, die von ihrem Pfefferminz und Anis und Kümmel pünktlich den Zehnten entrichtete, während sie sich mit heiterer Gleichgültigkeit über die wichtigeren Bestimmungen des Gesetzes hinwegsetzte.

Bei Tisch gab es gelegentliche Scharmützel zwischen der schottischen alten Jungfer und Mrs. Brabazon, bei welchen die letztere dermassen die Oberhand behielt, dass Miss M’Lachlan zu allgemeiner Erleichterung und unter nicht verhehlter Heiterkeit Mr. Brattles in Thränen ausbrach und das Zimmer verliess, was dem boshaften Herrn willkommenen Stoff zu allerlei Scherzen über die alte Hexe gab.

Drittes Kapitel.

Das Glück war mir nicht immer hold. Beim Billard spielt der Zufall eine geringere Rolle als bei irgend einem Spiel der Welt, allein sogar im Billard kann man beharrlich Pech haben, und so erinnere ich mich eines Tages, an dem ich gar kein Geld mehr hatte. Mein Vater war mit seinem Zuschuss im Rückstand geblieben, und ich wusste buchstäblich keinen Menschen, an den ich mich hätte wenden können; so kleidete ich mich denn mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt an, wobei ich den Stiefeln meine ganz besondre Aufmerksamkeit zuwandte, und begab mich nach dem Geschäft des Mr. Raphael in Half-moon Street, Piccadilly.

Mr. Raphael war ein Geldverleiher, aus welcher Thatsache er keinerlei Geheimnis machte; an der Hausthür befand sich ein blankes Messingschild und eine Geschäftsglocke mit einem kleinen Plättchen darunter. Ich wurde in ein mit ausgezeichneten Bildern, Statuetten und kostbarem Porzellan ausgestattetes Wartezimmer geführt. Offenbar war Mr. Raphaels Geschmack ebenso gut wie seine Menschenkenntnis. In sein Allerheiligstes zugelassen, kam ich gleich zur Sache, ich brauchte hundert Pfund und sagte dies Mr. Raphael. Dieser betrachtete mich scharf, und ich erwies ihm die nämliche Höflichkeit. Zweifellos war er ein Hebräer, aber einer der besseren Sorte; er war einfach gekleidet und hatte nicht einmal einen Diamantring an den Händen, und diese waren — dem Aeussern nach wenigstens — klein, weiss und rein.

Bald hatte er ermittelt, dass ich nach dem Tode meiner Mutter die Anwartschaft auf ein kleines Vermögen hatte.

„Sehr gut, Mr. Severn,“ sagte er, „Sie müssen mir einen Pfandschein darüber ausstellen, den mein Sachwalter, Mr. Jakobs, aufsetzen wird. Es ist doch noch nicht verpfändet?“

„Gewiss nicht,“ antwortete ich, „ich habe nie daran gedacht. Wie bald kann ich das Geld haben?“

„Nun, Mr. Jakobs muss erst Erkundigungen einziehen. Vermutlich haben Sie’s eilig?“

Ich versicherte äusserst nachdrücklich, dass dem also sei.

„Nun wenn, wie ich glaube, alles stimmt, so können Sie übermorgen um ein Uhr das Geld haben.“

„Und unterdessen können Sie mir eine Zehnpfundnote geben?“

„Ich halte Sie für ehrlich, Mr. Severn; ja, ich glaube, man kann Ihnen mit einer Zehnpfundnote trauen.“

So brachte er denn zwei Fünfpfundnoten zum Vorschein, für die ich ihm einen Schuldschein ausstellte, während er auch noch eine Flasche sehr guten Sekt und ein Kistchen Cigarren hervorholte.

„Beiläufig bemerkt,“ sagte er, „Sie haben noch gar nicht gefragt, wieviel ich Ihnen für diese hundert Pfund anrechne, und mir auch nicht gesagt, wie lange Sie das Geld brauchen.“

Ich wurde dunkelrot; er hatte mich empörend rasch durchschaut.

„Ein armer Teufel darf nicht wählerisch sein,“ erwiderte ich. „Vermutlich werden Sie Ihre Bedingungen schon stellen.“

„Nun, ich rechne zwanzig Pfund und nehme Ihren Wechsel auf drei Monate. Nach Ablauf dieser Frist werde ich ihn wohl wieder erneuern. Beiläufig bemerkt, haben Sie einen Beruf?“

„Ich bereite mich zur Advokatur vor.“

„Ah so! Ich wünsche Ihnen alles Glück, aber dieser Beruf ist furchtbar überfüllt, und soweit ich es beurteilen kann, schneiden sich die Advokaten untereinander den Hals ab. Um Ihretwillen hätte ich lieber gesehen, Sie wären irgend etwas andres geworden. Wenn Sie nach den ersten fünf Jahren auf Ihre Kosten gekommen sind, so ist es Ihnen ausserordentlich gut gegangen. Nehmen Sie mir’s nicht übel, aber für gewöhnlich rühre ich einen Advokaten nicht mit einem Stecken an. Sie sollten die Tochter eines Anwaltes heiraten; Jakobs hat eine, die gut für Sie passen würde. Eine Schönheit ist sie gerade nicht, auch hat sie ein höllisches Temperament, aber man kriegt auch was für sein Geld, denn sie wird wohl so ihre zwei Zentner wiegen. Jedenfalls könnten Sie schlimmer fahren — überlegen Sie sich’s!“

Lachend versprach ich dies, und im nämlichen Augenblick trat ein Schreiber ein.

„Nun, Mason, was gibt’s?“

„Oberst Pierre ist da.“

„Ganz recht, ich bin nicht für ihn zu sprechen. Sagen Sie ihm dies.“

„Er sagt, er habe noch zwei weitere Bürgen und hat das Schriftstück mitgebracht. Es sind gute Namen, Mr. Raphael.“

„Das ist was andres. Lassen Sie ihn eine halbe Stunde warten; dann führen Sie ihn herein. Guten Morgen, Mr. Severn. Mason begleiten Sie Mr. Severn hinaus.“

Wir schüttelten uns die Hand, und ich verliess Mr. Raphael, ohne einen allzuschlechten Eindruck von ihm mitzunehmen.

Hat man sich einmal von dem Gedanken losgemacht, dass ein Geldverleiher durchaus zu den unreinen Tieren gehört, so wird man, falls der Geldverleiher ein Jude ist, wahrscheinlich finden, dass er einen weit höheren Begriff von Ehre hat, als die meisten seiner Kunden. Jedenfalls ist er mir lieber als ein Sachwalter, und ich glaube, auf die Länge wird man ihn auch billiger finden. Anwälte haben schon mehr Güter verschlungen und mehr Familien zu Grunde gerichtet, als noch einmal so viele Geldverleiher.

Hier wohnt in stiller, in ländlicher Pracht

Der Anwalt, so lang er’s nicht weiter gebracht;

Ihn plagen nur wenig des Lebens Sorgen

Hinter seinem Parkthor, auf seinen zwölf Morgen.

Doch wart’ eine Weile: sein Nachbar, gross,

Ist bald ruiniert, und in seinen Schoss

Fällt all das Silber und Gold in Haufen —

Nun kann er den Park sich zum Parkthor kaufen.

Es ist eine Seltenheit, dass ein Geldverleiher sich ein grosses Vermögen macht; eben so selten ist es aber, so überfüllt wie der Beruf ist, dass ein Anwalt arm stirbt.

Mit meinen zehn Pfund bewaffnet, eilte ich heim und fand, wie ich geahnt hatte, Mrs. Brabazon zu Hause.

„Was ist denn mit Ihnen, Jack? Sie sind ja ganz erhitzt vor Freude. Schwindeln Sie mir nichts vor! Sie haben wieder im Billard gewonnen, davon bin ich überzeugt.“

„Nein, das hab’ ich nicht; aber trotzdem habe ich Glück gehabt! Wir wollen irgendwo essen und dann ins Theater gehen.“

„Ja, ich bin dabei, wenn Sie lieb und mit einem vernünftigen Mittagessen zufrieden sein und nachher ruhig auf Parkettplätze gehen wollen. Ich kann keine Verschwendung dulden.“

Der Vertrag wurde entworfen und gutgeheissen. Wir speisten — einerlei wo — um den gewöhnlichen Preis von einer halben Guinee, eine wohlgekühlte Flasche Champagner zwischen uns. Dann sassen wir höchst vernünftig auf unsern Parkettplätzen und nahmen soviel Interesse an der Vorstellung, als die übrigen Leute auch. Vor der Posse gingen wir fort, und ich kaufte einen Schleier in Coventry Street, unter dessen Schutz Mrs. Brabazon mit mir ins Café de l’Europe ging, wo wir ein bescheidenes Abendessen einnahmen.

Es war wirklich, wie ich bereits bemerkt habe, etwas Kindliches und in dieser Beziehung Unschuldiges in unsrer schlichten Art, uns Vergnügen zu suchen. Dann fuhren wir nach unserm Kosthause zurück, doch bestand meine Gefährtin darauf, dass ich an der Strassenecke ausstieg und sie vollends allein nach Hause fahren liess. Da es nicht anging, ihr allzu rasch zu folgen, so verweilte ich noch in einem benachbarten Gasthof, wo ich mit dem Wirt in dessen Schenkstübchen sass, bis ich mir schliesslich mit meinem eignen Drücker Eingang in das Kosthaus verschaffte.

Doch ich will mich nicht in weiteren Einzelheiten über diese folles journées ergehen. So viel steht fest, dass ich bis über die Ohren verliebt war, und ebenso gewiss ist es, dass Mrs. Brabazon Wohlgefallen an meiner Verehrung fand. Schon oft habe ich mich gewundert, wie es kam, dass ich sie nicht geheiratet habe, ich glaube aber, die Antwort auf diese Frage ist in dem Mrs. Brabazons eignen gesunden Menschenverstand zu finden und noch mehr in ihrer Ehrenhaftigkeit und Treue. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, sie sei älter als ich, und es sei besser, unsre Beziehungen blieben unverändert und währten, solange sie mochten, so dass wir einst, wenn die sommerliche Blüte der Liebe abgefallen, uns jedenfalls die herbstliche Frucht der Freundschaft gerettet hätten. Und ehrlich gesprochen, glaube ich dass Susan Brabazon meine Freundschaft höher schätzte als meine Liebe, und dass sie, als sie anfing mich zu ermutigen, dies mehr aus Langweile als aus irgend einem andern Grunde that. Ohne eitel oder geckenhaft zu sein, glaube ich sagen zu dürfen, dass sie stolz auf mich war und wünschte, mich im Leben etwas leisten und dann denen entgegentreten zu sehen, die mich schlecht behandelt und über die Achsel angeblickt hatten.

Wir Männer wundern uns nie, wenn sich ein Mann von fünfundfünfzig Jahren in ein siebzehnjähriges Schulmädchen verliebt. Wir denken nicht an das Leben, zu dem das arme Kind in seinen schönsten Jahren verdammt ist. O nein! Die alten Graubärte wackeln mit den Köpfen und versichern, es sei eine höchst passende und glückliche Verbindung. Warum sollte es nicht auch ein gleich passendes und glückliches Zusammentreffen von Umständen sein können, wenn eine Frau von mittleren Jahren einen jungen Fant, der ganz gut ihr Sohn sein könnte, unter ihre Flügel nimmt? Man wird mir entgegenhalten, dies sei schon oft dagewesen und ich verteidige meine eigne Sache. Wohl, aber ist es nicht die Pflicht eines jeden Mannes, seine eigne Sache zu verteidigen, und hat es je etwas Neues gegeben unter der Sonne?

Wenn ich heute auf all dies zurückblicke, kann ich mich nur über mein Glück wundern und es dankbar preisen. In ihrem unendlichen Gleichmut und ihrer unverfälschten weiblichen Güte wachte Mrs. Brabazon über mich, wollte aber nichts weiter. Ich bin fest überzeugt, dass sie in jedem Augenblick unsrer Freundschaft oder unsres mehr als freundschaftlichen Verhältnisses sich mehr als irgend jemand sonst gefreut hätte, mich glücklich und gut verheiratet zu sehen, und alles aufgeboten haben würde, eine derartige Verbindung zu stande zu bringen, wenn sie Zeit, Ort und Gelegenheit hierzu hätte ausfindig machen können.

Prüde und Sittenprediger, welch letztere noch schlimmer sind als die Prüden, mögen von ihrem Benehmen denken, was sie wollen; mir ist es stets „echt weiblich“ erschienen.

Viertes Kapitel.

An dem bestimmten Tag machte ich meinen zweiten Besuch bei Mr. Raphael, der mich mit freundlichem, wohlwollendem Wesen empfing. Er war, wie er sagte, in betreff der Sicherheit zufriedengestellt und war bereit, mir das Geld zu geben, das ich brauchte. Mr. Jakobs hatte die nötigen Papiere vorbereitet, doch würde ich sie vielleicht lesen wollen, ehe ich sie unterschrieb.

Ich erfreute mich einer ganz hübschen Rechtsunkenntnis im allgemeinen und, was die Uebertragung von Rechten im besondern betraf, der denkbar grössten Unwissenheit. Ausserdem wünschte ich, mein Geld zu erhalten und fortzugehen. Ich unterschrieb also einen Wechsel über einhundertzwanzig Pfund und erhielt dagegen meinen Schuldschein über zehn Pfund und einen Check auf neunzig Pfund.

„Ich habe die Spesen Mr. Jakobs’ nicht abgezogen,“ bemerkte mein philosophischer Gönner und Freund, „ich will sie selbst entrichten. Vielleicht kommen Sie wieder zu mir, und ich werde mich jederzeit freuen, Sie bei mir zu sehen, das heisst in vernünftigen Grenzen, sowohl in Bezug auf Zeit als auf Beträge.“ Bei diesen Worten schien sich mir die unbeschränkte Aussicht auf eine goldne Höhle zu eröffnen; ich kam mir vor wie ein zweiter Aladin, und das Blut stieg mir zu Kopfe.

„Hoffentlich frühstücken Sie einmal bei mir,“ bat ich meinen neuen Mäcenas.

„Sie sind sehr freundlich, allein ich darf dies nicht wagen. Meine Verdauung ist gänzlich gestört, so dass ich mich streng nach ärztlicher Vorschrift richte und beinahe nur von Reispudding und Steinwein lebe. Adieu! Doch lassen Sie mich Ihnen noch einen Rat geben, ehe Sie gehen. Wenn Sie Bargeld brauchen, so kommen Sie wieder zu mir. Gehen Sie nirgends sonst hin; ich würde es erfahren, wenn Sie es thäten, und ich wäre dann genötigt, mich dadurch sicher zu stellen, dass ich Ihre Angehörigen über unsre Beziehungen unterrichtete, was, wie ich glaube, nicht ganz angenehm für Sie wäre. Ausserdem könnte ich Ihnen auch einen Zahlungsbefehl zustellen lassen. Sie wissen doch, was dies sagen will?“

Errötend entgegnete ich, dass ich es nicht wisse.

„Gehen Sie in Ihr Rechtskollegium zurück und fragen Sie einen Ihrer Freunde. Doch Sie sind ein Gentleman, Mr. Severn, und werden nichts hinter meinem Rücken thun, dessen bin ich sicher. Jetzt habe ich aber zu arbeiten. Gehen Sie nach der ‚Münze.‘“

Ich ging nach der „Münze“ oder mit andern Worten nach dem Westender Zweighaus der Bank von England und setzte dort meinen Check in Bargeld um. Da diese Zweiganstalt an der Ecke von Burlington Gardens liegt, nahm ich meinen Weg durch die Arkaden gleichen Namens, wo ich einige Kleinigkeiten für Mrs. Brabazon kaufte und auch meine eigne Toilette etwas vervollständigte. Ich wurde „gekämmt und gekräuselt“, bis ich, wie es bei Tenny heisst:

Aussah in meiner Locken Zier

Wie ein frisierter assyrischer Stier!

Ein wenig unterhalb der Burlington-Arkaden, von wo ich einen Fächer, Handschuhe und einen Sonnenschirm mitbrachte, befindet sich der Laden eines berühmten Obsthändlers. Hier holte ich Nektarinen. Die Nektarine ist eine der besten Früchte der Welt, aber sie kommt erst spät im Jahre.

Dann führte mich mein Kutscher nach Bayswater zurück, mit einem Umweg über den Tattersall, wo er unter dem Vorwand, sein Pferd zu tränken, die neuesten Wetten zu erfahren hoffte. Die Gutherzigkeit der Jugend ist immer überströmend. Als ich ausstieg, gab ich ihm eine Schillingcigarre und zwei Schilling über die Taxe. Er mochte wohl glauben, ich sei über den Betrag des Fahrgeldes, das ich zu bezahlen hatte, nicht genau unterrichtet und wolle mich vermittelst der Regalia einer Erörterung entziehen; wenigstens nahm er Geld und Cigarre ohne den geringsten Versuch, auch nur den Rand seines Hutes zu berühren, und fuhr davon, als wäre er froh, mich los geworden zu sein.

Als ich in den Hausflur trat, waren die Vorbereitungen zum Mittagessen in vollem Gang, und Mrs. Brabazon befand sich in dem Raum des Hauses, den wir bis fünf Uhr abends Empfangs- und von da ab Speisezimmer zu nennen pflegten. Es war gerade fünf Uhr, und ein schmutziges, zerzaustes Dienstmädchen war eben daran, ein drei Tage altes Tischtuch aufzulegen.

„Sie sind unverbesserlich! Offenbar wollen Sie sich für ein Wettrennen trainieren oder zum Lastträger ausbilden. Sie sind ja beladen wie ein Kauffahrteischiff. Sind Ihr Vater und Ihre Brüder gestorben und Sie in den Besitz der Familiengüter gelangt?“

„Keine Spur. Ich habe nur das Schwanzende meines väterlichen Erbes zu fassen gekriegt und dies um ein Gericht Linsen verkauft, das übrigens gar nicht zu verachten ist.“

„Sie haben also eine Dummheit gemacht?“

„Und wenn ich eine gemacht habe?“

„Dann sollen Sie nicht hier in diesem schmutzigen Dunstkreise bleiben und schlechtes Bier und noch schlechteren Marsala trinken und davon zu plaudern anfangen, sondern müssen mit mir auswärts essen. Kommen Sie mit! Ich befehle es Ihnen! Sie brauchen keinen Cognac mit Sodawasser, nicht einmal Riechsalz, obgleich ich welches habe.“

Ich folgte ihr einen Teil der Treppe hinauf, dann zögerte ich, wie ein grosser Schuljunge, der ich ja eigentlich war, aufs neue. Sie stampfte mit ihrem kleinen Fuss auf den Boden.

„Kommen Sie mit hinauf,“ sagte sie. So ging ich also mit auf ihr eignes Zimmer.

Ich folgte ihr unterwürfig in ihr kleines Wohnzimmer, und mein Erstes war, meine Pakete auf dem Tisch abzulegen, dann liess ich mich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in einen grossen Korbstuhl nieder. Ohne ein Wort zu sagen, schob sie sich einen Stuhl so herzu, dass sie mein Gesicht in vollem Lichte vor sich hatte und dessen Ausdruck genau beobachten konnte. Dann begann sie:

„Ich wiederhole, was ich schon unten gesagt habe. Ich habe gesagt, Sie seien ein dummer Junge. Jetzt, da wir allein sind, sage ich Ihnen, dass Sie etwas viel Schlimmeres sind. Sie sind so schlimm wie ein unreifer Quartaner und durchaus nicht im stande, sich vorzusehen. Was in aller Welt haben Sie denn gethan?“

„Ich muss einen Cognac mit Sodawasser haben,“ schlug ich vor, „dann kann ich’s Ihnen erzählen.“

„Sie brauchen gar nichts derart, ebensowenig wie ich Rubinen brauche in diesem Schinken- und Ochsenbratenhaus, wo mir die andern Damen schmeichelhafte Bemerkungen über die Grösse meiner Granaten machen würden, wenn ich Rubinen anhätte. Nun, seien Sie artig, schenken Sie sich ein Glas Wasser ein und stecken Sie eine Cigarrette an. Ich weiss so gewiss, dass Sie Cigarretten bei sich haben, als wäre ich dabei gewesen, als Sie sie kauften. Ich schäme mich, dass ich neulich mit Ihnen ausgegangen bin und Sie zu Unfug verleitet habe. Wenn Sie Ihre Cigarrette angezündet haben, können Sie mir alles sagen.“

Damit stand sie von ihrem Stuhl auf und schob sich ein Kissen dicht neben mich heran; dann ergriff sie meine Hand, sah mir voll ins Gesicht und wartete auf den Anfang.

„Nun also,“ sagte ich mit beträchtlicher Unruhe „ich bin ausgewesen und habe mir Geld verschafft. Das ist alles. Und ich habe nur einen kleinen Teil davon ausgegeben und alles übrige habe ich bei mir.“

„Soweit sind Sie ein guter Junge. Ich weiss, was ‚Geld verschaffen‘ bedeutet. Ich weiss, dass Sie dafür bezahlen mussten, es ist das teuerste Ding in der Welt. Das will ich Ihnen aber verzeihen. Was haben Sie sonst noch gethan?“

„Einkäufe gemacht. Ich bin in Burlington und noch an ein paar andern Orten gewesen und dann geradeswegs zurückgekommen.“

Es entstand eine Pause, während welcher wir einander fest anblickten.

„Sie haben nur Einkäufe gemacht?“ fragte sie.

„Ich versichere Sie, Susan, sonst nichts. Ich habe noch einige Schulden zu bezahlen, und ausserdem brauchte ich mehr, um mich eine Weile über Wasser zu halten. Ich weiss ja, dass ich Billard spiele, aber ich habe keine einzige Wette stehen, obgleich ich heute noch keine bezahlt habe. Sie verstehen mein Billardspiel nicht recht, Susan; es ist so harmlos für mich, wie Lawntennis. Ich kann es nur nicht vermeiden, dabei zu gewinnen, obgleich ich mir selbst aus dem Weg gehe und dem Gegner vorgebe.“

Sie sprang auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Ich war erstaunt, sie zum erstenmal aufgeregt zu sehen, während ich im Bewusstsein, kein grösseres Unrecht begangen zu haben als ein Schuljunge, der einen überhängenden Apfel gepflückt oder verbotener Weise eine Forelle geangelt hat, keineswegs niedergeschlagen war. Ich dachte, sie mache ein unnötiges Wesen aus einer Sache, die eigentlich doch einzig und allein mich anging, und so wartete ich gelassen, mit der philosophischen Ruhe, die einem Manne meines Alters anstand.

„Wir wollen für den Augenblick nicht mehr von Geschäften reden,“ sagte sie plötzlich. „Sie sollen mich heute abend wieder an irgend einen hübschen, ruhigen Ort führen, irgend wohin, wo uns gar nichts belästigt oder zwingt, an die Wirklichkeit zurückzudenken. Bleiben Sie hier, ich will mich rasch fertig machen. Was die Leute dazu sagen? Ganz einerlei, wir gehen zusammen aus. Was brauchen wir, Sie oder ich, uns denn um solches Pack zu kümmern? Arme Leute! Sie haben nichts zu thun als zu klatschen, die schnatternden Dummköpfe! Warten Sie! Ich werde mir alle Mühe geben, Ihnen durch mein Aussehen Ehre zu machen.“

Nach ganz kurzer Zeit erschien sie wieder und sah in der That wundervoll aus, und zwar bin ich überzeugt, dass der Höhegrad meiner Bewunderung nicht nur durch meine Ueberschwenglichkeit bestimmt wurde, sondern dass neun Männer unter zehn mit mir übereingestimmt hätten. Sie hatte ein mit möglichster Einfachheit gearbeitetes, dunkelgrauseidenes Strassenkleid angezogen, dazu trug sie um Hals und Hände schlichte Streifen aus weisser Leinwand und lavendelfarbene Handschuhe. Ihr kleines, fest anschliessendes, ohne Bindebänder befestigtes Hütchen zeigte als einzigen Schmuck eine Marschall Niel-Rosenknospe. Eine dunkle, wollige Jacke, die offenbar von einem geschickten Schneider gemacht war, und ein Schirm, zu gross für einen Sonnen- und zu klein für einen Regenschirm, vervollständigten ihren Anzug.

„Für manches ist es noch zu früh, für andres zu spät, Jack, zu spät am Tage und zu spät in der Jahreszeit. Wir wollen zuerst an einem anständigen und doch nicht allzu langweiligen Ort zu Mittag essen.“

Einen Ort vorzuschlagen, der anständig und doch nicht langweilig war, überschritt die Grenzen meiner Erfahrung, und dies sagte ich ihr ehrlich.

„Dann überlassen Sie es mir.“

Sie führte mich in den St. Jameser Distrikt, in einen Gasthof mit einem öffentlichen Kaffeezimmer, wo man Table d’hote oder à la carte speisen konnte. Es war ein hübscher Raum, der nichts vom Restaurationslokal und nichts Ueberladenes an sich hatte; in ruhigen Farben gehalten, grossenteils mit Wachskerzen erhellt, machte er einen ausgesprochen englischen Eindruck.

„Ich werde alles bestellen,“ sagte sie. „Sie sollen sehen, welch unendliche Fähigkeiten zu grossen Thaten in mir erwachen, sobald der Wind aus Westen weht.“

Ich wiederhole die Speisenfolge nicht aus dem Gedächtnis, sie wurde von ihr auf eine zierliche Karte geschrieben, die ich mitnahm und noch heute sorgfältig aufbewahre — nicht weil ich ein Brillat Savarin bin, sondern weil mir die Erinnerung an dieses Diner oder vielmehr an die Veranlassung dazu wichtig ist. Wir hatten Austern, Frühlingssuppe, Soles au vin blanc, Cotelettes à la Soubise, Rebhuhn, Salat, Omelette, Reispudding, Trauben und Parmesanbiskuits. Der einzige Wein war Rheinwein, der schon mit den Austern erschien, und danach gut gekühlter 68er Sekt, Perrier Jouet. Gern überlasse ich die Beurteilung dieses Menüs solchen, die mehr davon verstehen als ich.

Von da, wo wir assen, ist es nur eine kurze Fahrt nach der Alhambra, dem Londoner Versuch eines Trokadero. Dorthin gingen wir und nahmen eine kleine Loge für uns, wo ich rauchen und Susan eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Gläschen Chartreuse geniessen konnte.

Die Alhambra bot uns diesen Abend ihr gewöhnliches Programm, oder besser gesagt, ihre gewöhnliche Abwechselung: fremde Sänger, Akrobaten und Ballett.

Als wir die Alhambra verliessen, rief ich einen Wagen und hiess den Kutscher mich früher absetzen und dann Mrs. Brabazon vollends nach Hause fahren. Da es voraussichtlich seine letzte Fahrt war in dieser Nacht, fuhr er langsam, um seine Pferde für den andern Tag zu schonen.

„Sie sind zu den Juden gegangen, Sie schlechter Junge, Sie,“ begann Susan, sobald das Pferd sein regelmässiges Stossen begonnen hatte und wir aus dem geräuschvollsten Verkehr hinausgekommen waren.

„Und, und wenn auch? Das ist meine Sache.“

„Nicht so ganz allein Ihre Sache, denn jedenfalls sind Sie mir so wert, dass ich Ihnen sagen muss, dass alles, was Ihrer Zukunft im Wege steht, einen Schatten auf den Rest meines Lebens werfen würde. Kommen Sie. Es ist nichts unheilbar als die Ehrlosigkeit, und eine solche zu begehen, sind Sie nicht fähig. Sagen Sie mir alles.“

Fünftes Kapitel.

Ich gehorchte ihrem Befehl und „sagte ihr alles“, so gut ich es vermochte. Die Erzählung war etwas unvollkommen, mit Ausnahme der Zahlen, deren ich mich natürlich ganz genau entsann. Als ich zu Ende war, nahm sie meine rechte Hand in ihre linke und streichelte sie sanft mit der andern.

„Haben Sie mir wirklich die ganze Wahrheit gesagt? Haben Sie mit nichts zurückgehalten? Bitte, täuschen Sie mich nicht, sonst werde ich Sie nie mehr bitten, mir zu vertrauen.“

„Auf Ehre, Susan, ich habe Ihnen alles gesagt, bis auf den letzten Heller.“

„Dann ist’s gut! Thun Sie aber in dieser unseligen Sache keinen Schritt mehr, ohne es mir vorher zu sagen. Natürlich sind Sie vor der Hand gebunden und insoweit sicher. Ich glaube, Sie werden es leichter finden, ins Netz zu laufen, als wieder herauszukommen, aber wir wollen sehen, was sich machen lässt. Und nun wollen wir von etwas anderm sprechen.“

Somit sprachen wir von etwas anderm, bis es Zeit wurde, unser getrenntes Nachhausekommen ins Werk zu setzen. Als ich nach einer Viertelstunde der Einsamkeit und des Nachdenkens heim kam, war alles dunkel im Hause. Dass ich mich eines gesunden Schlafes erfreute, versteht sich von selbst.

Am andern Morgen erschien Mrs. Brabazon nicht zum Frühstück, deshalb schlug ich den Weg nach dem Flusse ein und bediente mich des Dampfbootes, als der besten Gelegenheit, die in London zu haben war, mir einen annähernd frischen Lufthauch zu verschaffen, wenn man sich nicht an so abgelegene Orte, wie z. B. Primrose Hill, begeben will.

Das Boot brachte mich nach Temple Pier. Mein Anwalt verhielt sich offenbar meiner Abwesenheit gegenüber gänzlich gleichgültig. Jedenfalls machte er keine Bemerkung darüber, sondern händigte mir, nachdem er geäussert, es sei heute schönes Wetter, eine Anzahl Fragestücke ein, die ich entwerfen und dann seinem Gutachten unterbreiten sollte; auf die Rückseite der Papiere hatte er mit Bleistift einige orakelhafte, unleserliche Hinweise auf „Adolphus und Ellis“, „Petheram über Verhöre“ und „Mason und Welty“ geschrieben. In diese Arbeit stürzte ich mich, wenn auch nicht con amore, so doch mit dem unbestimmten Gefühl, dass sie eine Abwechselung sei. Als ich damit zu Ende war und die huldvolle Versicherung empfangen hatte, dass die Arbeit mir zur Ehre gereiche, entwich ich ins Freie.

Es war noch früh am Tag, und mein erster Gedanke war, im Bewusstsein, tugendhaft eine Tagesarbeit vollbracht zu haben, zurückzukehren und zu versuchen, ob ich nicht Mrs. Brabazon wieder zu einem Ausflug bringen könne. Allein in gewissem Sinne war es ihr gelungen, mir bange zu machen, und meine Liebe zu ihr, so vollkommen dieselbe auch sonst gewesen sein mag, war nicht von der Art, die Furcht ausschliesst. So fand ich den Weg in einen Billardsaal in Holborn, wo ich ohne grosse Schwierigkeiten mit Spielen und Wetten auf meine Stösse einige Sovereigns gewann. Zu ziemlich früher Stunde machte ich mich auf den Heimweg, von der Ueberzeugung durchdrungen, ich sei ein Muster aller Tugenden, und die Brust von den unbestimmtesten und kühnsten Hoffnungen geschwellt.

Ich wollte Advokat werden und wie ein Meteor vor den Schranken des Gerichtes erscheinen. Ich wollte eine Jacht halten und während der langen Ferien mit Mrs. Brabazon in derselben kreuzen. Ich wollte ins Parlament kommen (thatsächlich wusste ich in diesem Augenblick nicht, ob ich Tory oder Whig, Liberaler oder Radikaler oder gar Homeruler war) und daran schlossen sich ganz unklare Gedanken und die Vision eines Wollsackesb): Si jeunesse savait! Si vieillesse pouvait!

Am nächsten Tage war ich zu keiner Arbeit, mochte sie heissen wie sie wollte, am allerwenigsten aber zu einer im Büreau meines Anwaltes, aufgelegt. Ich hatte einen Wirbelsturm überstanden und befand mich in dem, was die Seeleute einen „Stilltegürtel“ nennen. Bei einem Wirbelsturm packt einen der Wind von allen Seiten zumal; bei einem „Stilltegürtel“ oder einer Windstille ist gar kein Wind da, der einen von einer Seite her fassen könnte, und man liegt da, so artig wie ein „gemaltes Schiff auf einer gemalten See“. Ich befand mich, wie schon gesagt, in diesem Augenblick in dem „Stilltegürtel.“

In dieser Gemütsverfassung schrieb ich ein kleines Briefchen, in dem ich Susan zu einem Spaziergang aufforderte, und erhielt den mündlichen Bescheid, dass sie sofort bereit sein werde. Wir bummelten zusammen in den Kensington-Gärten, die wie gewöhnlich voll Soldaten, Kindermädchen, Kindern, Säuglingen und Müssiggängern waren.

Dicht am Wasser, unter einer ungeheuren Buche liessen wir uns nieder. Schon begannen die Blätter zu fallen und die Bäume eine rötliche Färbung anzunehmen, aber die Kensington-Gärten waren noch immer ein wahres Vogelparadies. Gerade in diesem Augenblick zogen Schwalben über uns hinweg; man konnte den klagenden Ton der Waldtaube vernehmen und dann und wann wagte sich ein scheuer, kleiner Blauspecht hervor, drehte seinen Hals papageiartig bald hierin, bald dorthin und spähte mit seinen kleinen, forschenden Augen nach herumschweifenden Insekten. In den Kensington-Gärten ist niemand misstrauisch und tadelsüchtig. Niemand kümmert sich darum, wer mit wem spazieren geht, und wir waren so allein, als hätten wir uns im Herzen eines tropischen Urwaldes befunden.

Ich begann mit unbedeutendem Erfolg zu plaudern und hatte den unbehaglichen Verdacht, dass Susan sich an meiner Verlegenheit weide. Dies brachte mich ganz zur Verzweiflung und schliesslich zu der Ueberzeugung, dass ich in die Enge getrieben sei und am besten thäte, das Feuer sofort zu eröffnen. Es gibt ein Sprichwort, das in bitterm Humor als „elftes Gebot“ empfiehlt, eine Lüge zu sagen und an dieser festzuhalten. Mir schien es nun, dass es für mich nicht nur das richtigste, sondern unter allen Umständen auch das beste sei, die Wahrheit zu sagen. Natürlich meine ich nicht das Beste von einem niedrigen oder unwürdigen Gesichtspunkt aus — meine bisherige Geschichte wird mich hoffentlich von jedem derartigen Verdacht befreien. Ich will lediglich sagen, dass ich wünschte, die Sache zu Ende zu bringen, und mich infolgedessen in der mir eignen tappigen Weise ans Werk machte.

„Sehen Sie einmal, Susan,“ brach ich plötzlich los.

„Was soll ich sehen, mein lieber Junge?“

„O, verdrehen Sie meinen Ernst nicht immer in Scherz. Nehmen Sie mich ernsthaft!“

„Ich nehme Sie immer ernsthaft; ich habe Sie nie auch nur für einen Augenblick getäuscht oder irre geleitet.“

„Nun wohl, ich möchte, dass Sie mich heiraten. Ich möchte, dass Sie dies aus Freundschaft und Mitleid für mich thäten. Ich will Advokat werden und irgend wohin in die Kolonieen gehen und an einem Kolonialgericht praktizieren, wo man gern junge Leute hat und ich mir Erfolg versprechen darf. Wir werden niemand treffen, den wir kennen, niemand, der uns belästigen oder irgendwie unangenehm sein könnte. Man kann sich nicht leicht eine einfachere und gründlichere Veränderung seines Lebens denken, und doch wäre diese Umwandlung in etwa sechs Wochen herbeigeführt und würde nicht mehr Schwierigkeiten verursachen, als sie die höchst angenehme Fahrt in einem prächtigen Dampfboot mit sich bringt, und vor der Abreise würden wir uns noch trauen lassen.“

„Die Welt schreitet voran, Jack! Ich erinnere mich noch wohl, wie junge Leute Luftschlösser bauten. Sie dagegen sind nicht zufrieden, wenn Sie sich nicht Königreiche nebst den dazu gehörigen Dynastieen geschaffen haben.“

„De l’audace! De l’audace! Toujours de l’audace!“ antwortete ich.

„Alles,“ erwiderte sie, „sogar eine gute französische Aussprache kann einem jungen Mann mit der Zeit zu teil werden, wenn er nur Selbstbeherrschung genug hat, um warten zu können.“

„Warten!“ echote ich ärgerlich. „Warten! Immer die nämliche Antwort. Warten! Warten bis zum Frühjahr, warten bis in den Hochsommer, warten bis zum Herbst. Ich habe das Warten satt und will nicht länger warten. Vielleicht habe ich insoweit das Leben bis jetzt falsch aufgefasst, aber das ist kein Irrtum, der sich nicht wieder gut machen liesse. Ganz und gar nicht, und es ist gerade mein ruhiger, aber fester Entschluss, das Leben von neuem zu beginnen. Ich habe schlecht angezogen, ein falsches Gambit gespielt, aber ich habe immer noch einiges Vertrauen in mich und will noch einmal von vorn anfangen. Mein Alter, wenn ich alt werde, soll kein reuevolles sein.“

„Ich spreche nicht von mir selbst, Jack; im Gegenteil, ich spreche in vollem Ernst. Es ist albern von Ihnen, mich heiraten zu wollen, und von mir wäre es mehr als albern, wenn ich Sie in der Absicht bestärken wollte. Sie wissen ja gar nichts von mir.“

„Doch.“

„O nein, Sie wissen nichts — nicht das Geringste. Ich habe eine sehr schlimme Vergangenheit und abgesehen davon bin ich faul, selbstsüchtig und ausserordentlich verschwenderisch. Einen oder zwei Monate würde ich mit Ihnen leben wie im Schlaraffenland und dann würden Sie sich eines Morgens allein sehen und dazu noch den weiteren Aerger haben, aus der besten Quelle zu wissen, dass ich mich mit einem andern davon gemacht habe. Ich habe Sie viel zu lieb, um Sie etwas Derartigem auszusetzen, und werde mich, sei es auch noch so indirekt, bei nichts beteiligen, was ein solches Ergebnis haben könnte; davon dürfen Sie ganz fest überzeugt sein. Sie sind ein lieber, guter, liebenswürdiger Junge, — wenn Sie es wünschen, kann ich auch sagen, ein lieber, guter, liebenswürdiger Mann, und deshalb will ich Sie gegen sich selbst beschützen. Und nun, Jack, bin ich furchtbar müde. Begleiten Sie mich in die Grove und geben Sie mir Gefrornes, und eine Woche lang, während welcher Sie hoffentlich wieder zur Besinnung kommen, soll über diesen Unsinn kein Wort mehr gesprochen werden.“

Natürlich musste ich gehorchen, aber ich war mir wohl bewusst, dass ich dies mit möglichst wenig Anmut that, und in dieser Gemütsverfassung begleitete ich Mrs. Brabazon nach Westbourne Grove; dort nahmen wir Gefrornes und einiges Obst, nebst einer harmlosen Pint Claret mit Siphon zu uns. Nach dieser einfachen Bewirtung bestand sie darauf, allein nach Hause zu gehen.

„Sie können gehen und Billard spielen,“ sagte sie, „das ist ein Spiel, bei dem Sie Ihre armen, kleinen Flügel nicht verbrennen werden.“

Ich weiss nicht, ob dies eine Stichelei sein sollte, oder nicht — jedenfalls sah es allzusehr nach einer solchen aus, als dass meine Stimmung sich dadurch wesentlich verbessert hätte.

„Souvent femme varie,

Bien fou qui s’y fie.“

So summte ich vor mich hin, als ich mich aufmachte, Calverleys virides sed non e gramine mensas zu suchen.

Sechstes Kapitel.

Ich erfreute mich nicht meines gewöhnlichen Glückes, wodurch ich das alte Sprichwort: „Unglück in der Liebe, Glück im Spiel“, glänzend widerlegte. Es misslangen mir leichte Stösse, die mir anstandslos hätten gelingen sollen, und ich blieb beharrlich in der Mitte des Tisches. Endlich wurde es mir leid, und ich ging mit einem Gewinn von nur zwei oder drei Schilling fort. Der Marqueur goss noch Oel ins Feuer, indem er mir leise den freundlichen Rat gab, meinen offenbar angegriffenen Nerven mit braunem Cognac und grünem Curaçao aufzuhelfen, was er für ein vorzügliches „Mittel“ erklärte. Ich selbst bin damals und immer ein mässiger Mann gewesen, ich habe mir aber von Veteranen aus dem andern Lager versichern lassen, dass brauner Cognac und grüner Curaçao, auch in bescheidenen Dosen angewendet, innerhalb einer Woche ein Rhinoceros umbringen könnten.

Am andern Morgen stand ich früh auf, schrieb ein Briefchen an Mrs. Brabazon, dass ich gegen zwölf Uhr zurückkommen werde, und ging, ohne das Frühstück abzuwarten, in den Park. Ich hielt mich scharf nach Süden, bis ich an den Fluss kam. Dort lagen einige Nachen am Ufer, und die Bootsknechte standen dabei. In sorgloser Laune lud ich die Biedermänner ein, auf meine Kosten ein Glas Bier zu trinken. Sie nahmen miteinander etwa eine Gallone zu sich, und ich erinnere mich, dass ich mit einem alten Schiffsmann eine Partie Kegel spielte, die er glänzend gewann. Der Einsatz war unwesentlich, und nachdem das Spiel zu Ende war, schickte ich mich zum Gehen an.

„Wenn Sie einmal eine Fahrt machen wollen, Herr,“ sagte ein Seebär mit einem blauen Wollhemd und einer Mütze aus Katzenfell, „dann fragen Sie nur hier in diesem Haus nach der ‚Matilda und Klara‘. Hier kann man immer erfahren, wo ich bin, und in meiner Kabine gibt’s stets eine Pritsche; wenn es auch nicht sehr bequem ist, so ist es doch reinlich, und ich lande Sie, wo Sie wollen.“

Ich dankte meinem neuen Freund, schrieb seinen Namen in mein Taschenbuch und ging. Von Battersea nach Hyde Park und durch den Park nach Bayswater ist ein angenehmer Weg, den ich mit ungeheuren Schritten zurücklegte, so dass ich eine halbe Stunde nach der verabredeten Zeit zu Hause ankam. Das Dienstmädchen musste nach mir ausgeschaut haben, denn sobald ich meinen Drücker in das Thürschloss steckte, öffnete sie auch und händigte mir einen Brief ein, worauf sie sich wieder in die oberen Regionen zurückzog.

Der Umschlag, von der grössten Sorte, die man in der Schreibstube eines Advokaten finden kann, war schreckenerregend, aber mein Name war von Susans Hand darauf geschrieben, und auch das Siegel war das ihre.

Ich eilte in mein Zimmer und riss das Paket auf; zu allererst fiel die Urkunde heraus, die ich Mr. Raphael ausgestellt hatte, den Stempel ausgeschnitten und in die Kreuz und die Quere mit kräftigen Strichen durchzogen. In starrem Erstaunen sah ich sie an, und dies Erstaunen wuchs noch, als ich auf der Rückseite eine vollständige Quittung sah. Soweit sah ich klar. Aber dabei war noch eine zweite Einlage, — ein Brief von Susan selbst. Ich schloss die Thür und öffnete eiligst den Brief; zwei- oder dreimal musste ich ihn lesen, ehe ich seinen Inhalt fassen und glauben konnte.

Er lautete folgendermassen:

„Mein lieber, einziger Junge!

„Ich sende Ihnen hier das Papier zurück, das Sie thöricht genug waren, Raphael auszustellen, um das Geld für mich verschwenden zu können. Ein Streich nach dem andern. In dem Augenblick, in dem Sie diesen Brief erhalten, bin ich schon viele Meilen von Ihnen entfernt — thatsächlich aus Ihrem Bereich, wenn ich auch hoffe und vertraue, dass wir uns als die alten, guten Freunde einmal wiederfinden. Sie sind weit mehr als ein flüchtiger Sonnenblick gewesen in meinem stürmischen Leben.

„Was Sie auch thun mögen, sorgen Sie, dass Sie möglichst bald als Advokat zugelassen werden. Ich bin überzeugt, Sie werden in Bälde vorwärts kommen, ohne zu wissen wie, warum und durch wen, und dann liegt die Welt offen vor Ihnen, mit der besten Aussicht, sich ihrer auch erfreuen zu können.

„Verlieben Sie sich in niemand — nicht einmal in Miss M’Lachlan; Sie können, wenn Sie wollen, fortfahren mich zu lieben. Morgen bin ich in Paris und von dort werde ich Ihnen meine Photographie senden.

„Ich werde keinen Brief von Ihnen beantworten, aber Sie dürfen mir schreiben, wenn Ihnen was daran liegt. Mein Sachwalter, Mr. Amos Clarke, wird mir Ihre Briefe zustellen, aber er gibt Ihnen meine Adresse nicht und seinen Schreibern ist sie nicht bekannt. Seien Sie gut und passen Sie wohl auf sich auf, und dann werden Sie eines schönen Tages wieder von mir hören.

Immer die Ihre

Susan Brabazon.“

Ich steckte den Brief in meine Tasche und eilte durch den Park nach dem Kanal, dessen Leinpfad um diese Tageszeit völlig verödet ist. Hier ging ich auf und ab und dachte über den Brief nach.

Offenbar war Susan, wenigstens für den Augenblick, fest entschlossen, sich vor mir zu verbergen, und falls ich nicht grosse Summen zur Verfügung hatte, schien es vergeblich, sie aufspüren zu wollen. Sie konnte in Wien, Venedig, Biarritz, Rom oder sonst wo sein, und angenommen selbst, sie wäre in Paris gewesen, wie hätte ich sie auffinden sollen? Ein Aufruf in den Zeitungen wäre auch vergeblich gewesen und hätte sie nur geärgert.

Es blieb mir nichts anders übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ich denn auch, mein Schicksal verwünschend, that, und dann versuchte ich, mich in einer unter dem Namen „York und Albany“ bekannten Wirtschaft mit englischem Bier und einer Thonpfeife zu betäuben.

Von hier schlenderte ich über die Brücke in den Regents-Park und hinunter bis an den Portland Road Bahnhof. Dicht neben demselben führt ein Weg südlich nach der Oxford Street. Ich verfolgte diese Strasse und ging über den Soho Square und durch Soho nach dem Piccadilly Rondell. Da mir der Gedanke, in Bayswater zu essen, unerträglich war, so begnügte ich mich mit einem Beefsteak und einem Glas Bier bei Stone, von wo ich in das Adelphi-Theater ging. Nachdem die Vorstellung zu Ende war, bummelte ich langsam nach Hause.

Am andern Morgen sprach ich bei Mr. Raphael vor, der mich heute bereitwillig, aber mit einigen Zeichen der Verwunderung empfing. Als ich ihm sagte, ich sei diesmal nicht gekommen, um Geld zu entlehnen, schien er noch erstaunter und fragte mich, zwar nicht grob, aber ziemlich scharf, warum ich dann gekommen sei.

Dies erklärte ich ihm, so gut ich konnte; ich sagte ihm, ich wünsche zu wissen, auf welche Weise seine Forderungen an mich getilgt worden wären

„Dies geschah einfach genug,“ sagte er. „Eine Dame kam zu mir, und ich werde wohl annehmen dürfen, dass Sie wissen, wer sie ist. Sie sagte, sie sei mit Ihnen verwandt, und ich will Ihnen nur wünschen, dass Sie in Ihrer Familie noch mehr von der Sorte haben. Sie bezahlte mich, nahm die Papiere und Dokumente an sich und dann schalt sie mich aus und sagte mir ihre Meinung mehr als gründlich, das kann ich Sie versichern. Sie hiess mich alles, was ihr gerade auf die Zunge kam, und als ich ihr Biskuits und ein Glas Champagner anbot, waren meine Augen in der äussersten Gefahr, ausgekratzt zu werden. Immerhin waren aber die Banknoten gut, und ich händigte ihr die Scheine ein. Aber das eine will ich Ihnen noch sagen, Mr. Severn, ich habe die Absicht, ihr mein Wort zu halten, zwischen uns beiden gibt’s kein Geschäft mehr — das steht fest.“

„Es thut mir leid, dass die Dame so hart gegen Sie war, Mr. Raphael,“ entgegnete ich, kaum im stande, das Lachen zu verhalten. „Ich selbst werde immer überzeugt bleiben, dass Sie sich mir gegenüber sehr freundlich und rechtlich benommen haben.“

„Was wollen Sie, Mr. Severn, Geschäft ist Geschäft! Die Leute werfen Steine auf meine Art von Geschäft, aber sie können an der Art und Weise, wie ich das meine führe, nichts aussetzen. Ich fürchte kein Gericht, obgleich sie mich mit allen Hunden hetzen; schon eine ganze Menge meiner Geschäfte ist untersucht worden, aber kein einziges brauchte das Licht zu scheuen, und dies ist mehr, als mancher Bankier aus der City von sich behaupten kann. Nehmen Sie ein Glas Champagner? Nein? Dann stecken Sie sich wenigstens eine Cigarre an. Guten Morgen und meine besten Wünsche für die Zukunft, Mr. Severn. Mason, begleiten Sie Mr. Severn hinaus!“

So kehrte ich ratloser als je nach Bayswater zurück, aber zwei Dinge standen fest bei mir: Nichts sollte mich je wieder verlocken, Schulden zu machen, und ich wollte sobald als möglich als Advokat zugelassen werden. Das war im Augenblick der beste Dank für ihre Güte. Es war so gut als gewiss, dass sie mir schreiben würde, um mir zu meiner Ernennung Glück zu wünschen, und dann konnte ich sofort zu ihr eilen oder jedenfalls mit leichtem Herzen suchen, sie aufzufinden.

Diese guten Vorsätze gingen nicht den Weg, den die meisten ihresgleichen einzuschlagen pflegen, und verloren sich nicht in dem Pflaster, das zu dem Orte führt, den nur Dante zu beschreiben vermochte. Ich begnügte mich nicht damit, sie zu fassen — ich hielt sie auch. Von nun an wurde mein Lebenslauf langweilig und ereignislos, ich nahm die vorgeschriebenen Mahlzeiten im Temple ein und besuchte die Schreibstuben meines Anwaltes mit lobenswerter Regelmässigkeit; ich bestand meine Examina und wurde als Advokat zugelassen. Bei dieser Gelegenheit wurde mein Vater seiner strengen Sparsamkeit insoweit untreu, als er mir eine Hundertpfundnote schickte und mir mitteilte, er wolle mein Jahreseinkommen von nun an auf hundertfünfzig Pfund erhöhen. Er schlug mir auch vor, zu Weihnachten nach Hause zu kommen; einige Fasanen würden wohl noch übrig geblieben sein, und vermutlich würde es auf dem See, der schon ein paarmal zugefroren gewesen, eine gute Eisbahn geben.

Auf diese Epistel erwiderte ich mit dem richtigen Gefühl kindlichen Dankes, bezahlte dann meine Rechnung in dem Kosthaus, verabschiedete mich von Mrs. Jersett, Miss M’Lachlan und den übrigen Hausgenossen und fuhr dann, ehe ich nach Hause reiste, auf eine Woche nach Brighton.

Die Brightoner Luft scheint bei den Londonern Wunder zu wirken, und ehe ein paar Tage vorüber waren, fühlte ich mich wieder wie ein Junge von achtzehn Jahren.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,22 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
190 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711462294
Naşir:
Tərcüməçi:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar