Kitabı oxu: «Immer noch wach»

Şrift:

Fabian Neidhardt

Immer noch wach

Roman

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

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Abspann

Fabian Neidhardt

Zum Autor

Impressum

Für die, denen du wichtig bist.

Und jetzt sind es beinah auf den Tag sieben Jahre, dass weggegangen ist, nein, dass hat weggehen lassen – und nun stürzen die Erinnerungen nur so herunter, alle zusammen. Ich weiß, was ich in Ihm und an Ihm beklage:

unser ungelebtes Leben.

[…] Wäre die Zeit normal (und ich auch), so hätten wir jetzt ein Kind von, sagen wir, 12 Jahren haben können, und, was mehr ist, die Gemeinsamkeit der Erinnerungen.

Kurt Tucholsky in seinem letzten Brief an Mary Gerold, 19. Dezember 1935

And if you get into a jam – call me. I stay up late.

Lester Bangs in „Almost Famous“

1

Die Geräusche des Regens und der vorbeifahrenden Autos sind längst Grundrauschen. Die Sonne ist schon seit Stunden nicht mehr durch die Wolkendecke gekommen, als die Bremslichter eines Wagens aufleuchten und er ein paar Meter hinter mir am Straßenrand stehen bleibt. Ich betrachte das Auto für einen Moment, die Tropfen zwischen uns reflektieren das rote Licht. Ich bin mir sicher, dass es nicht für mich gehalten hat. Dann aber lasse ich den Daumen sinken, packe meinen Rucksack und den Koffer und laufe los, vollkommen durchnässt und ausgekühlt.

Ein weißer Passat, Kombi, relativ neu. Nach unten hin verläuft die Wagenfarbe ins Graue. Nur die Fingerabdrücke am Kofferraum lassen erkennen, dass es Dreck ist. Der Deckel gleitet auf, ich schmeiße mein Gepäck hinein und gehe zur Beifahrertür. Bei jedem Schritt spüre ich das Wasser in den Schuhen und meine Boxershorts unter der Anzughose, die zwischen den Beinen klebt. Ich öffne die Tür, zwänge mich durch den Spalt und lasse mich in den Sitz sinken. Hemd und Hose drücken sich klamm und kalt an den Körper und ich bin froh, raus aus dem Regen zu sein.

Der Fahrer ist um die 60, das hellgraue Haar kurz, bis auf eine geflochtene Strähne, die er sich hinters Ohr schiebt. Er sieht mich durch die eckigen Gläser seiner Nickelbrille an und hebt eine Augenbraue.

„Vielen Dank! Entschuldigung, ich bin ganz schön nass.“

Er macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Den Sitzen ist das egal. Deinem Anzug tut das nicht gut.“

„Ich hatte das anders geplant.“

„Wo willst du denn hin?“

„So weit in den Süden, wie Sie fahren. Ich muss nach Stuttgart.“

Ich wische mir das Wasser aus dem Gesicht und die Hand an der Hose ab. Aber die Hose ist genauso nass und macht die Hand nicht trockener.

„Was sind das? 700 Kilometer? Das ist eine ganz schöne Strecke.“

Mein Blick verliert sich in den Tropfen auf der Windschutzscheibe, die immer nur kurz alleine bleiben, sich dann sammeln und abfließen.

„Ich wollte weit weg.“

„Scheint ja geklappt zu haben.“

Ich nicke langsam.

„Wenn Sie wüssten.“

Ich leere meine Hosentaschen. Die Ränder des Notizbuches sind aufgeweicht und ein Teil der Schrift hat sich in dunkle Schlieren verwandelt. Scheiße. Ich lege es vorsichtig auf meinen Schenkel und krame den Rest heraus, zwei nasse Fünfer und ein paar Münzen. Ich zähle und reiche es ihm.

„So viel habe ich noch, das kann ich Ihnen geben.“

Er betrachtet meine ausgestreckte Hand, dann schüttelt er den Kopf, legt den Gang ein und setzt den Blinker.

„Einmal hat mir eine Frau einen Blowjob angeboten, damit ich sie mitnehme. Anschnallen, bitte.“

Ich sehe ihn irritiert an, er blickt über die Schulter und gibt Gas.

„Aber ich bin mit einer Coke Light und einem Kaffee zufrieden.“

2

Haus Leerwaldt war einmal ein Gehöft. Zwei Gebäude aus rotem Backstein, ein alter Schuppen und ein Stall drängen sich um den Innenhof, in dem das Auto hält. Es liegt vielleicht zwei Kilometer außerhalb der Gemeinde, inmitten von Wiesen und direkt an einem Wäldchen. Die Luft ist kalt und frisch, der Wind fährt mir in den Kragen und bläht die Jacke auf. Auf der Wiese neben der Zufahrt stehen Pferde, ich kann kilometerweit sehen, die Sonne scheint und ich habe einen metallisch-salzigen Geschmack im Mund.

Hier lässt es sich sterben.

3

Ich rede eine Weile mit Doktor Münchenberg, bis er einlenkt und mir ermöglicht, in ein Hospiz zu gehen.

Wir sitzen in seinem Sprechzimmer, zwischen uns die Ergebnisse der Untersuchungen und die Röntgen- und CT-Aufnahmen. Er hört sich meine Beschreibungen der Symptome an, die schlimmer werden. Der Druck unter den Rippen, der mittlerweile ständig spürbar ist. Die Übelkeit, das Übergeben, die Kopfschmerzen und die Müdigkeit, die trotz viel Schlaf nicht nachlässt. Er schiebt die Brille nach oben und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen.

„Herr Fink. Ich sage Ihnen, lassen Sie sich helfen. Wir haben immer noch viele andere Möglichkeiten. Ich kann das nicht gutheißen, was Sie sich antun.“

„Das ist meine Entscheidung.“

Er verschränkt die Arme vor der Brust.

„Wollen Sie nicht wenigstens in Ihrem gewohnten Umfeld … viele Patienten empfinden es als heilsam, von Familie und Freunden umgeben zu sein.“

„Sie wollen mir helfen? Dann helfen Sie mir dabei.“

„Ich sage Ihnen ausdrücklich, dass Sie gegen meinen ärztlichen Rat handeln.“ Widerwillig wendet er sich dem Computer zu. „Ich gebe Ihnen eine vorläufige Bescheinigung, damit Sie mit einem Hospiz in Kontakt treten können. Falls Sie einen Platz bekommen, kommen Sie nochmal zu mir, dann kriegen Sie die richtigen Papiere.“

~

Frau Renninger leitet Haus Leerwaldt und ist am Telefon genauso skeptisch wie mein Arzt. Aber ich habe sie, die ärztliche Bescheinigung zur Feststellung der Notwendigkeit vollstationärer Hospizversorgung nach § 39a Abs. 1 Sozialgesetzbuch, fünftes Buch. Mein Ticket fürs Hospiz. Schließlich setzt Frau Renninger mich auf die Liste. Für meine letzten zwei Monate darf ich hier sein. Wenn ich überhaupt so lange lebe.

~

Der Wagen wendet und verlässt die Zufahrt. Es ist früher Abend und ich habe den ganzen Tag gesessen. Ich strecke mich in den Wind und bemerke kaum, wie Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand instinktiv die Stelle unter den Rippen suchen und ich einatme.

Es war lange Zeit nicht klar, ob zum richtigen Zeitpunkt überhaupt ein Zimmer frei ist. Viele Menschen sterben, die Warteliste ist lang. Jetzt stehe ich hier und sehe niemanden. Aus ein paar Fenstern scheint Licht, hinter einigen Gardinen flimmert das Fernsehblau. Aber niemand ist auf dem Hof, niemand steht auf den kleinen Balkonen oder sieht aus dem Fenster.

Etwas streicht an meinen Beinen entlang und ich zucke zurück. Die Katze wirft mir einen lauernden Blick zu und läuft um die Ecke des Hauses. An der Wand hängt ein Schild, in pastellfarbenem Braun und Türkis, eine Silhouette der Gebäude, die mich umgeben, darunter der Name.

Haus Leerwaldt. Den letzten Tagen Leben geben.

Zwischen meinen Schulterblättern kribbelt es. Ich räuspere mich, nehme den Rucksack und ziehe den Koffer über den Schotter zur Eingangstür.

~

Der Mann hinter der Theke ist Anfang 20 und sieht mich so freundlich und vertraut an, dass ich mir sicher bin, dass er mich mit jemandem verwechselt. Er steht auf und ich lege meine Hände auf die Holzfläche des Tresens. Später werde ich wissen, dass Martin zu jedem so freundlich ist.

„Herzlich willkommen in Haus Leerwaldt. Was kann ich für Sie tun?“

„Alexander Fink. Ich möchte … einchecken? Sagt man das so?“

Er lächelt und beugt sich zu der Tastatur.

„Die meisten sagen gar nichts. Aber die meisten kommen hier auch nicht alleine reingelaufen. Hallo Herr Fink, ich bin Martin. Nehmen Sie gerne Platz, ich sage Frau Renninger Bescheid, dass Sie da sind.“

Indirektes, warmes Licht beleuchtet den Raum, ein heller, türkisfarbener Streifen verläuft in einem Meter Höhe über die Wände. Die Lehnen des Sofas und der Sessel sind aus dunklem Holz, daneben steht eine Pflanze, die aussieht wie eine Palme.

Auf dem kleinen Tisch vor einem Sofa steht eine Schale mit Süßigkeiten, daneben liegen ein paar Zeitschriften. Der Spiegel, die Glamour, die AutoMotorSport, die Landlust.

Die Tür neben dem Empfang öffnet sich und Martin tritt mit Frau Renninger heraus. Sie ist älter als auf dem Foto im Internet, die Haare sind kürzer und grauer und das Gesicht hat eine rundere Form, die Brille ist neu. Sie ist nur ein wenig kleiner als ich und hat einen überraschend kräftigen Händedruck.

„Haben Sie gut hergefunden? Kommen Sie. Brauchen Sie Hilfe mit dem Gepäck? Ich gehe davon aus, dass Sie müde sind. Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer und lasse Ihnen das Abendessen bringen. Sie können in Ruhe ankommen und wir unterhalten uns morgen. Dann zeige ich Ihnen auch den Rest unseres Hauses.“

Der Gang ist mit dem gleichen warmen Licht beleuchtet, der Holzboden schimmert und knapp über dem türkisfarbenen Streifen verläuft ein Handlauf an den Wänden. Rechts sind die Fenster zum Hof, auf der linken Seite des Flurs gehen Zimmer ab, jedes mit eigener Klingel samt Messingschild, eingravierter Nummer und einem Feld, auf das eine geübte Hand Namen gemalt hat. Über jeder Tür ist eine unauffällige, zweifarbige Ampel angebracht. Manche Türen sind nur angelehnt und eine so weit geöffnet, dass ich den laufenden Fernseher und ein kleines Nachtlicht in Mondform sehen kann.

Wir kommen an einer Nische vorbei, in der weitere Sessel stehen und von der eine Glastür nach draußen führt. Der Gang steigt sanft an und ich verstehe, dass wir von einem Haus ins nächste gehen. Kurz darauf bleibt Frau Renninger an einem Aufzug stehen.

„Wir befinden uns nun im Matthiasflügel. Ihr Zimmer liegt im zweiten Stock. Wir haben zwar seit vorgestern noch ein Zimmer im Erdgeschoss frei, aber Sie gehören zu den agileren Gästen. Da können Sie noch ein paar Stockwerke überwinden. Sobald sich das ändert, bekommen Sie einen Rollstuhl.“

„Okay.“

Die Fahrstuhltüren öffnen sich und ich folge Frau Renninger durch einen weiteren Flur.

„Wie gesagt, morgen werden Sie durch das Haus geführt, und dann finden Sie sich auch bald zurecht.“

„Okay.“

Vor einer Tür steht eine kleine rote Kerze auf dem Boden, deren Flamme sich sanft bewegt. Wir gehen daran vorbei und ich drehe mich nach ihr um.

„Die Kerze?“

„Der Gast ist heute Nacht verstorben. Im Gemeinschaftsraum brennt eine weitere. So weiß jeder Bescheid.“

„Okay.“

Wir biegen um eine Ecke und bleiben vor einer offenen Tür stehen, Zimmer 208. Frau Renninger zeigt in den offenen Raum.

„Bitte sehr. Ihr Zimmer.“

Durch die beiden Fenster sehe ich die ersten Bäume des Waldes, eine Glastür führt auf einen kleinen Balkon. Das Bett steht unter der Dachschräge, gegenüber ein Tisch und zwei Stühle, darüber ein Fernseher an der Wand. Direkt neben der Zimmertür eine Schiebetür aus Milchglas, die ins Bad führt. Auf der anderen Seite ein in die Wand eingelassener Schrank.

„Falls Sie Fragen haben, neben dem Bett steht das Telefon. Im Notfall können Sie auch den Knopf drücken.“

„Okay.“

„Kommen Sie gut an. Haben Sie eine gute Nacht.“

Sie streckt mir ihre Hand hin und geht. Ich ziehe den Koffer in das Zimmer. Mein Zimmer. Mein letztes Zimmer.

4

Ich habe keine Erinnerung an ein Leben ohne Bene. Wir kennen uns, seit wir mit zwei Jahren das erste Mal zusammen in einem Sandkasten gespielt haben. Wir haben uns gegenseitig Schaufel und Formen ausgeliehen, ich habe einen Sandkuchen gebacken und Bene ein Eis gemacht, die Waffel aus Plastik, der Rest aus Sand. Bene hat alles probiert. Danach haben unsere Mütter die Spielsachen nach den aufgemalten Nachnamen geordnet und sich lächelnd verabschiedet. Bene und ich jedoch haben uns seither nicht mehr aus den Augen gelassen. Er ist ein Teil meines Lebens. Linke Hälfte meiner Seele.

Wir waren zusammen im Kindergarten und in der Schule, ich habe bei ihm übernachtet, als mein Vater gestorben ist, und wir haben uns gemeinsam fürs Studium beworben. Wir haben zusammengewohnt, er stand bei der Beerdigung meiner Mutter neben mir, durch ihn habe ich Lisa kennengelernt und wir haben uns gemeinsam über unsere Jobs aufgeregt. Über monotone Arbeitszeiten, über nervige Chefs und über dieses beschissene Gefühl, Lebenszeit für etwas zu verschwenden, das einem überhaupt nicht am Herzen liegt.

5

Die wenigen Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe, als er noch gesund war, ähneln sich alle. Er sitzt am Tisch in der Küche und isst, was meine Mutter gekocht hat. Ich sitze neben ihm, meine Mutter mir gegenüber. Ich bin als Erster fertig, ich schlinge, denn dann kann ich meinem Vater erzählen, was ich an diesem Tag gemacht habe.

Er isst bedächtig und betrachtet dabei die Tischplatte zwischen uns. Manchmal fallen ihm die Augen für einen Moment zu, manchmal sinkt sein Kopf ein wenig in Richtung Brust, dann zuckt er, sieht mich an und lächelt sein halbes Lächeln, zu müde für ein ganzes.

Ich mache immer wieder Pausen in meinen Berichten und warte auf sein Nicken. Manchmal isst er stoisch weiter, den Blick immer auf das gleiche Stück Tischplatte gerichtet. Dann rutsche ich auf meinem Stuhl ein wenig nach vorne und lege meinen Kopf so auf den Tisch, dass er mich ansehen muss. Er grinst dann und fährt mir durch die Haare. Obwohl er sich die Hände jeden Abend schrubbt, bevor er sich an den Tisch setzt, sind die Ränder seiner Fingernägel immer ein wenig verfärbt. Weil das Motoröl sich nach all den Jahren in der Haut festgefressen hat. Die Furchen und Rillen in seinen Händen sind tief, und wenn meine Mutter erfolglos versucht, ein Glas von Omas Marmelade zu öffnen, dann nimmt mein Vater das Glas in eine Hand, verdeckt mit der anderen den gesamten Deckel und bewegt ihn nur ein kleines Stück. Danach kann selbst ich den Deckel abschrauben.

Manchmal müssen wir mit dem Essen auf ihn warten. Meistens essen wir dann trotzdem allein, aber wir fangen nicht sofort an. Wenn mein Vater so spät kommt, dann flucht er über alles. Ich denke, wenn er so viel länger arbeiten muss, dann müsste er doch eigentlich noch müder sein. Stattdessen erzählt er, von seinem Chef und den Kunden und den Ersatzteillieferanten und wie scheiße einfach alles ist. Ich sehe ihn mit großen Augen an und nach einem Schwall von Schimpfwörtern, die meine Mutter nicht mal mehr kommentiert, schaut er zu mir.

„Alex, du darfst später arbeiten, was du willst. Aber geh auf die Uni. Lern was Richtiges. Mach es nicht so wie ich.“

~

Das ist der einzige Ratschlag, von dem ich sicher weiß, dass ich ihn von meinem Vater bekommen habe. Bis ich studieren kann, ist er schon lange tot. Aber natürlich studieren Bene und ich. Die Leute sagen, mit BWL stünde uns die Welt offen. Die Welt, das sind in diesem Fall Büros, in denen wir unsere jahrelang erlernten Fähigkeiten nutzen, um Zahlen aus der einen Tabelle in eine andere zu übertragen. Aber wir wohnen in unserer eigenen Wohnung und ich habe mein eigenes Zimmer.

6

Eine fremde Umgebung, ein fremdes Bett, die Geräusche der Nacht sind vollkommen andere und wahrscheinlich habe ich mich doch noch bei Lisa angesteckt. Trotz der Decke wird mir immer kälter, bis ich irgendwann stöhnend mit den Zähnen klappere und mein ganzer Körper zittert.

Ich zerre einen Pullover aus meinem Koffer und wickele mich in ein großes Handtuch, ziehe zwei Paar Socken übereinander und drehe die Heizung auf, dann krieche ich wieder unter die Decke.

Mehr Wahn als Traum, ausgefranste Bilder von Lisa und mir, von Bene, Sandra, Lea, meinem Vater, der darum weint, dass jetzt ich den Krebs bekommen habe und wie gern er ihn wieder zurücknehmen will, und der schwarze Klumpen unter den Rippen, der immer härter und größer wird, sodass sich die Haut dunkel verfärbt und ausbeult, die Rippen brechen und durch die Haut stechen, sie sehen aus wie die Grabsteine meiner Eltern.

Irgendwann wache ich verschwitzt auf, alles klebt, alles ist eng. Ich ziehe mir den Pullover über den Kopf und befreie mich aus dem Handtuch, in dem sich mein Körper verheddert hat. Und erst, als es wieder hell wird, realisiere ich, dass ich mein Lieblingskissen zwar dabei, aber noch nicht ausgepackt habe. So konnte es keine gute Nacht werden.

Helen ist eine der Schwestern, sie hat mir am Abend zuvor das Essen gebracht und sich vorgestellt. Jetzt klopft sie wieder. Ich bin wach, aber meine Glieder schmerzen, mein Kopf pocht dumpf, ein konstanter Druck hinter den Augen, und mir ist so schlecht, dass ich mich kaum aufsetzen kann. Seit ihrem letzten Besuch scheint eine höllische Ewigkeit vergangen zu sein. Ich stöhne auf und lasse mich wieder zurückfallen.

„Wie war die erste … Oh, wohl nicht so gut. Bleiben Sie ruhig liegen.“

Sie stellt das Tablett auf den Tisch und kommt zum Bett, greift an eine versteckte Leiste am Kopfende und ich spüre, wie mein Oberkörper sich hebt. Als ich aufrecht sitze, stellt sie das Tablett auf den ausgeklappten Beistelltisch, den sie mir über die Beine schiebt.

„Sie sehen nicht gut aus. Aber Frau Renninger müsste sowieso nach dem Essen kommen. Dann schauen wir mal, ob das nur die erste Nacht in einer neuen Umgebung war.“

„Ich befürchte nicht. Meine Freundin war krank, als ich gefahren bin, und ich glaube, ich habe mich angesteckt.“

„Frau Renninger wird sich das ansehen. Guten Appetit.“

Sie nimmt das Geschirr vom Abendessen, schließt die Tür hinter sich und ich muss niesen.

~

Es klopft, ich schrecke aus meinem Dämmern und Frau Renninger steht im Zimmer, in ihren Händen verteilt sie das Desinfektionsmittel.

„Wie fühlen Sie sich?“

Ich wische mir die Spucke aus dem Mundwinkel und verziehe das Gesicht, als ich den Kopf hebe. Meine Nackenmuskeln schmerzen, mein Kopf ist heiß und mein Magen flau. Mein Körper führt einen Krieg gegen sich selbst.

„Nicht gut.“

Sie betrachtet mich, sieht zum kaum angerührten Frühstück und nickt nach einem kurzen Moment.

„Ich schicke gleich jemanden vorbei. Und ich schlage vor, wir verschieben den Rundgang, bis Sie wieder fit sind. Alles andere genauso. Kommen Sie erstmal an und erholen Sie sich. Einzig die Bescheinigung bräuchte ich. Nein, bleiben Sie liegen, sagen Sie mir einfach, wo sie ist.“

Sie findet die Mappe, stellt das Tablett auf den Tisch und zeigt mir, wie das Bett funktioniert. Ich drehe mich auf die Seite, höre, wie die Tür zugeht, und schließe erschöpft meine Augen.

~

Als ob mein Körper nur darauf gewartet hat, hier anzukommen, holt er nach, was ich die letzten Wochen wohl unterdrückt habe. Fieber, Husten, Schnupfen und schmerzende Glieder, Kopfschmerzen sowieso, und immer wieder übergebe ich mich in die Tüten, die Martin mir gebracht hat. Weißes, undurchsichtiges Plastik mit einem festen Ring an der Öffnung, sodass man sie direkt verwenden kann. Und immer, wenn ich die Augen schließe, das Bild von Lisa und Bene und den andern am Bahnhof, das nicht schwächer wird. Ich dachte eigentlich, das Schlafshirt von Lisa würde mich beruhigen. Es macht genau das Gegenteil. Seit ein paar Tagen liegt es ganz hinten im Schrank.

Martin und Helen und die anderen Mitarbeiterinnen kommen mehrmals am Tag, bringen die Mahlzeiten und unterhalten sich mit mir. Aber ich will nicht sprechen. Ich bin erschöpft, ich schmerze, ich will, dass alles vorbei ist. Bin ich nicht deshalb hier?

Ich schleppe mich ins Bad und sitze mit hängendem Kopf auf der Schüssel oder verbringe in die Decke eingepackt ein paar Minuten auf dem Balkon. Das Zimmer stinkt nach Erbrochenem, der Geruch setzt sich fest.

Ich hab es schon immer gehasst, mich übergeben zu müssen. Ich hasse es, wenn sich der Magen und all die Muskeln um ihn herum zusammenziehen, wie etwas meine Speiseröhre in falscher Richtung durchquert und mein Rachen und mein Mund sich anspannen. Hasse den Geschmack, den ich auch durch mehrmaliges Ausspülen nicht aus dem Mund bekomme. Hasse das Brennen in der Speiseröhre und die eklige Erschöpfung, wenn die Muskeln sich beruhigen. Allein der Gedanke daran verpasst mir eine Gänsehaut. Und der Geruch erst. Jeder Atemzug ein Aufglimmen der Erinnerung, die ich nie verdrängen konnte.

7

Als mein Vater zum ersten Mal mehrere Wochen im Krankenhaus liegt, bin ich fast immer bei ihm. Ich gehe nicht mehr in die Schule, weil was bringt die Schule, wenn der Vater nicht mehr da ist? Nur wenn eine Schwester ihm hilft, aufs Klo zu gehen, ohne das Bett zu verlassen, schleiche ich beschämt aus dem Raum.

Immer wieder darf ich sogar bei ihm übernachten. Manchmal auf dem Stuhl, meist neben ihm im Bett, mein Gesicht an seiner Brust, sein Arm um meinen Körper. Das Bett ist viel zu schmal und ich passe auf, dass ich nicht herausfalle, immer höchstens im Halbschlaf. Die Nächte sind voller blinkender Lichter und dem sterilen Geruch von Desinfektionsmittel, oft sind Schritte auf dem Gang zu hören. Im Zimmer stehen weitere fünf Betten. Jemand hustet, jemand stöhnt auf oder kratzt sich schmerzhaft lange. Und für eine Nacht ist dieser eine Mann da.

Hager, das Haar bis auf wenige Millimeter geschoren, die Wangen extrem eingefallen und voller roter Flecken. Keine rosige, lebendige Farbe, mehr der Anblick von offenen Wunden, an denen helle Hautschuppen hängen. Auf seinem Schoß liegt eine Nierenschale aus Edelstahl, die er mit beiden Händen umfasst. Ich sitze auf dem Stuhl und beobachte, wie er auf den Platz zwischen meinem Vater und dem Fenster geschoben wird. Er sieht erschöpft aus, er atmet tief und kontrolliert und starrt in die silberne Schale. Dann hebt er den Kopf und sieht zu mir. Mein Vater schläft oder döst mit geschlossenen Augen. Seine Hand umschließt meine, immer noch rau, aber mittlerweile ist kein Dreck mehr in den Rillen, so lange ist er schon im Krankenhaus.

Der Mann lächelt mich an und legt einen Finger an die Lippen. Ich sehe, dass auch seine Hände die Flecken haben. Als löse sich die Haut von ihm. Ich senke erschrocken den Blick und starre auf die Bettdecke. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie er noch einen Moment länger zu mir schaut und dann den Kopf in die andere Richtung dreht. Ich hebe meinen und betrachte ihn, wie er aus dem Fenster sieht. Er ist vielleicht so alt wie mein Vater, aber er hat diese Flecken überall, die Haut ist rissig und faltig. Er wirkt älter. Plötzlich zuckt er zusammen und ich kann sehen, wie eine Welle von unten nach oben durch seinen Körper bebt. Er hebt die Schale, würgt, reißt den Mund auf und verzerrt das Gesicht, dann platscht der erste Schwall aufs Metall. Mein Vater bewegt sich unruhig und der beißende Gestank von Erbrochenem erfüllt das Zimmer. Ich spüre, wie sich auch in mir alles zusammenzieht. Aber ich kann nicht wegsehen.

~

In der Nacht übergibt er sich immer wieder. Er isst nichts, und bald füllt er die Schalen nur noch mit Galle und Spucke. Ich verbringe die Nacht neben meinem Vater, ich habe ihm das versprochen, bevor der Mann reinkam. Liege an seiner Seite, sein Körper zwischen mir und dem Mann, aber wenn ich die Geräusche höre, die den nächsten Schub ankündigen, hebe ich vorsichtig den Kopf, so weit, dass wenigstens ein Auge ihn sieht, und beobachte, wie er mit seinem Körper kämpft, wie er sich immer wieder verkrampft, den Mund offen und voller Spuckefäden, die Muskeln am Hals angespannt, wie er immer erschöpfter zurücksinkt und tief durchatmet. Die Hände zittern, wenn er eine Schale auf dem Beistelltisch abstellt und sich eine neue nimmt. Manchmal schwappt schaumige Galle auf den Tisch. Alle paar Stunden kommt eine Schwester, nimmt die benutzten Schalen mit, putzt und lüftet.

Der Mann wird nach dieser einen Nacht wieder aus dem Zimmer geschoben, aber ich habe den Geruch noch Wochen später in der Nase.

Bald darauf geht es meinem Vater schlechter und er beginnt selbst, sich zu übergeben.

8

Die ersten beiden Wochen bleibe ich in meinem Zimmer. Martin und Helen duze ich mittlerweile, was selten ist, weil die Menschen, die hier arbeiten, sich durch das Sie eine gesunde Distanz bewahren. Intimität und Nähe gibt es hier genug. Es gibt noch fünf oder sechs andere, hauptsächlich Frauen, die regelmäßig vorbeisehen. Freundliche, meist gemütliche Menschen, die mir das Gefühl geben, willkommen zu sein. Deren Freundlichkeit und Anteilnahme echt scheint. Sie haben ein sanftes Klopfen und stecken immer erst den Kopf rein, entscheiden jedes Mal neu, ob sie im Rahmen stehenbleiben oder bis ans Bett treten. Sie wissen die Dinge, die ich ihnen erzähle, auch beim nächsten Mal noch. Ihre Namen habe ich sofort vergessen. Und zu fragen traue ich mich nicht.

~

Irgendwann ist der Infekt vorbei. Ich bin zwar immer noch schwach, habe ein paar Kilo verloren und der Druck unter den Rippen ist mittlerweile permanent spürbar, genauso wie das Stechen hinter den Augen, aber ansonsten bin ich einigermaßen fit. Trotzdem will ich nicht raus.

Mein Essen wird mir gebracht, der Fernseher lenkt mich ab, und für frische Luft stelle ich mich kurz auf den Balkon. Mehr brauche ich nicht.

Mein Zimmer ist fünf durchschnittliche Schritte breit und sieben Schritte lang. Die Decke ist abgehängt, sie klingt hohl, wenn ich auf dem Bett stehe und dagegen klopfe. In der Ecke hinter dem Bett ist ein dichtes Spinnennetz, von dem ich niemandem erzähle. Manchmal sehe ich der Spinne zu, wie sie gefangene Fliegen umgarnt. Ich nenne sie Lukas.

Alle paar Tage kommt Frau Renninger vorbei. Wie es mir gehe, ob ich etwas brauche, ob sie mir den Rest des Hauses zeigen solle. Gut, danke. Alles in Ordnung. Mein Zimmer reicht mir. Dann nickt sie.

„Sagen Sie einfach Bescheid. Es lohnt sich, glauben Sie mir.“

~

Manchmal sehe ich Helen oder Martin oder einer der anderen Mitarbeiterinnen von meinem Balkon aus zu, wie sie einen Rollstuhl nach draußen schieben oder neben jemandem gehen, der sich mit einem Rollator oder einem Stock vorwärtsquält. Manche sitzen auf den Bänken und lesen, immer wieder raucht jemand, die Fitteren machen einen Spaziergang in den Wald. Durch den gepflasterten Weg ist das auch für die Gäste im Rollstuhl möglich. Trotz September sind die meisten Leute schon warm eingepackt und unter den Mützen ahne ich oft haarlose Köpfe.

Manchmal schreit jemand in der Nacht, dann eilen Schritte über den Flur. Und natürlich weint immer wieder jemand. Es ist schön hier, wir sind alle Gäste und Liebe und Frieden und so. Aber fast jeder Mensch, den ich hier treffen könnte, wird demnächst sterben.

Mein eigener Tod ist mir erstmal genug.

9

Wir sind sowieso jeden Tag im Café, aber nach der Eröffnung sind wir fast rund um die Uhr dort. Wir arbeiten mehr als jemals zuvor und ich merke, wie ich an meine Grenzen komme. Ich bin immer erschöpft und müde, habe regelmäßig Kopfschmerzen und manchmal ist mir so übel, dass ich denke, mich übergeben zu müssen. Und trotzdem bin ich glücklich.

Jeden Tag gibt es diesen einen Moment, in dem ich irgendwo lehne und die Leute beobachte. Unsere Gäste. Und das wiegt alles auf. Ich tue, was ich immer tun wollte. Warum soll ich mich beschweren?

~

Es ist Dienstagnachmittag, ich stehe im Verkaufsbereich hinter der Theke und lasse die Rechnung für Tisch sieben raus, einer der runden Tische vor den Fenstern. Lisa kommt demnächst, um mich abzuholen, Bene zieht sich für seine Schicht um. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, höre ein Fiepen im linken Ohr und spüre mal wieder dieses Ziehen im Magen, das seit Wochen nicht weggeht. Oft bemerke ich es nicht, aber in ruhigeren Momenten meldet es sich. Ein Druck, ein Völlegefühl, obwohl ich nichts gegessen habe.

Ich freue mich auf Lisa, freue mich auf unsere Couch. Der Drucker summt und der Streifen Papier kommt heraus. Ich will ihn abreißen, greife daneben und spüre, wie meine Beine nachgeben. Meine Sicht verschwimmt.

~

Dann ein pochender Schmerz am Hinterkopf und das bedrängende Gefühl, von mehreren Menschen umgeben zu sein. Ich verziehe das Gesicht, sauge die Luft zwischen den Zähnen ein, und noch bevor ich die Augen öffne, greife ich mir an den Hinterkopf. Eine große Beule, aber meine Finger bleiben trocken, kein Blut. Dann höre ich meinen Namen, wie im Nachhall, als ob jemand schon länger zu mir spricht, aber meine Ohren erst jetzt wieder zu hören beginnen.

Ich liege hinter der Theke, die Beine verwinkelt und gegen die Schränke gepresst. Vor mir knien die beiden Gäste von Tisch sieben und hinter ihnen steht Lisa. Sie muss gekommen sein, ohne dass ich sie bemerkt habe. Oder ich bin länger ohnmächtig gewesen. Benes Gesicht vor meinem, kopfüber, er hält mich davon ab, mich aufzusetzen.

„Bleib liegen! Mach ganz langsam. Kannst du deinen Kopf bewegen?“

Langsam neige ich den Kopf.

„Ich habe ’ne fette Beule am Hinterkopf, ansonsten scheint alles zu funktionieren.“

„Na, dann komm.“

Bene packt mich unter den Armen, richtet meinen Oberkörper auf und lehnt mich an den Schrank. Lisa hält mir ein Glas Wasser hin.

„Alles okay? Was ist passiert?“

Ich trinke vorsichtig in kleinen Schlucken und sehe sie dabei an.

„Ich habe keine Ahnung. Ich wollte die Rechnung holen und plötzlich bin ich zusammengesackt. Knie weich, nichts mehr gesehen und dann auf dem Boden aufgewacht.“

Ich sehe zu den Gästen und versuche ein Lächeln.

„Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit, ich wollte Sie nicht warten lassen. Ihre Rechnung geht aufs Haus. Danke, dass Sie da waren.“

„Schwachsinn.“

Bene steigt über meine Beine, reißt den Zettel vom Drucker und reicht ihn weiter.

„Hören Sie nicht auf ihn, er hat sich den Kopf gestoßen. 17,50, bitte.“

Lisa nimmt mir das Glas ab.

„Kannst du aufstehen? Ich helfe dir.“

Ich halte mich an der Theke fest und ziehe mich nach oben. Lisa lässt mich los, aber ihr Körper bleibt angespannt, bereit, mich aufzufangen. Für einen Moment stütze ich mich, dann lasse ich den Kopf kreisen und betaste meinen Hinterkopf. Mir geht’s gut, bis auf die Beule. Und das ungute Gefühl im Magen. Und dann zieht er sich zusammen. Ich spüre, wie ich versteife, wie die Erinnerung daran mich erstarren lässt. Abrupt drehe ich mich um, dränge mich an Lisa vorbei und renne aufs Klo.

10

„Schließen Sie das rechte Auge und halten Sie den Kopf still, folgen Sie dem Stift nur mit dem linken Auge.“

Ich sitze auf der Liege des Arztes und verfolge den Kugelschreiber, den er senkrecht nach oben hält und auf einer horizontalen Linie nach links und rechts bewegt. Ich habe ihm erzählt, was passiert ist und dass es das erste Mal war, er tastet meinen Hinterkopf ab und lässt mich auf einer Linie durchs Zimmer laufen. Ich muss die Augen schließen, mit dem Finger meine Nase berühren und eine Weile auf einem Bein stehen.

~

Das letzte Mal habe ich all diese Sachen machen müssen, als wir auf unserer Deutschlandtour waren. Wir haben ein Festival besucht und das Gelände gerade hinter uns gelassen, als wir auf die Polizeikontrolle stoßen. Sie stehen so in der Auffahrt zur Autobahn, dass ich sie vorher nicht sehen konnte und an ihnen vorbeimuss. Der Polizist sieht uns und winkt mich mit der Kelle an den Straßenrand. Am Fenster beugt er sich nach unten, sieht zu Lisa und dann zu Bene, der sich auf dem Rücksitz zwar aufgesetzt hat, aber definitiv nicht nüchtern aussieht.

„Guten Tag. Kommen Sie vom Festival?“

Ich nicke und reiche ihm die Papiere aus dem Fenster. So, wie ich es schon oft genug in irgendwelchen Filmen gesehen habe. Der Polizist betrachtet sie kurz.

„Wären Sie so freundlich und würden für einen Moment aus dem Fahrzeug steigen?“

„Klar.“

Ich bin nüchtern, ich muss mir also keine Sorgen machen. Aber trotzdem spüre ich die Angst, vielleicht doch irgendwas falsch gemacht zu haben. Er fragt mich nach Alkohol- und sonstigem Konsum und ich verneine. Dann lässt er mich auf dem Seitenstreifen laufen, auf einem Bein stehen und mit dem Zeigefinger meine Nasenspitze treffen. Er leuchtet mir in die Augen.

„Ihre Reaktionen sind ein wenig langsam. Und Ihre Pupillen reagieren verzögert.“

„Ich habe vier Tage Festival hinter mir, ich bin müde.“

„Das könnte sein. Es könnte aber auch sein, dass Sie unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen stehen.“

Das waren seine Worte. Der Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen. Das Ganze ist fast 15 Jahre her und bei vielen anderen Sachen muss ich überlegen, wie das genau war. Diese Worte aber, die sind da.

Ich schüttele den Kopf.

„Ich habe nichts genommen.“

„Wären Sie bereit, einen Urintest zu machen? Ich unterstelle Ihnen nichts, das ist nur zur Überprüfung.“

Ich weiß, ich kann das verweigern und so. Aber ich bin müde und will weiter. Er drückt mir einen transparenten Plastikbecher in die Hand und schickt mich zu einem Busch. Ich lasse es gerade laufen, als neben mir ein anderer Kerl auftaucht und ebenfalls in einen Becher pinkelt, in einem Strahl, der seinen Becher in Sekunden füllt.

Wir stehen nah beieinander, es wäre ein Leichtes, Becher zu tauschen. Aber ich habe ja nichts genommen. Oder ist es möglich, passiv zu kiffen? Der Polizist schraubt den Deckel auf den Becher, schiebt ein Stück Pappe durch den vorgesehenen Schlitz und stellt den Becher auf einem Pfosten ab.

„Wir müssen kurz warten, dann bekommen wir das Ergebnis.“

Auf der Pappe sind mehrere Streifen zu sehen, auf denen nun rote Linien erscheinen.

„Was genau passiert jetzt?“

„Jeder Streifen ist für eine andere Droge. Cannabis, Koks, Opium, Speed und Ecstasy. Wir können den Urin gleich auf mehrere Drogen untersuchen. Sobald die Streifen zwei rote Linien bekommen, ist alles in Ordnung. Ich sehe schon, Sie sind sauber.“ Er hält mir meine Papiere hin. „Danke. Haben Sie eine gute Fahrt und schlafen Sie sich aus.“

Ich sehe noch nicht bei jedem Streifen zwei rote Linien und ich weiß nicht, welcher das THC misst. Aber wer bin ich, ihm widersprechen zu wollen? Lisa beobachtet mich. Ich kehre zum Auto zurück, überrascht, dass das alles war, setze mich, drücke ihr die Papiere in die Hand und schnalle mich an.

„Alles gut?“

„Alles gut.“

Ich grinse und will den Motor starten, als der Polizist wieder am Fenster auftaucht.

„Einen Moment noch.“

Er hält mir den Becher hin und ich denke, das war ja klar. Also gibt es doch Passivkiffen und eine rote Linie fehlt.

„Normalerweise machen wir das nicht, aber nehmen Sie den Becher mit, ausnahmsweise. Sie werden an ein bis zwei weiteren Kontrollen vorbeikommen, in jeder Richtung. Sagen Sie den Kollegen Grüße und zeigen Sie ihnen den Becher, vielleicht müssen Sie nicht nochmal pinkeln.“

~

Der Arzt nickt.

„Jetzt das andere.“

Ich wechsele das Auge und muss schmunzeln.

„Soll ich auch pinkeln?“

„Nein, aber ich werde Ihnen Blut abnehmen. Wie ist Ihr genereller Gesundheitszustand? Trinken oder rauchen Sie übermäßig? Haben Sie sonstige Beschwerden?“

„Kein Trinken, kein Rauchen. Ich habe seit Tagen Kopfschmerzen und bin übermüdet. Und jetzt eben die Ohnmacht und das Übergeben. Wir haben vor kurzem ein Café eröffnet und ich arbeite zu viel. Mir geht’s gut, ich muss nur schlafen.“

Er nickt, klickt mit dem Kugelschreiber und schreibt auf den Block vor sich.

„Die Bauchschmerzen.“

Wir schauen beide zu Lisa, die auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch sitzt und bisher nichts gesagt hat, dann blickt der Arzt wieder zu mir. Ich ziehe das Shirt hoch und greife mir an den Bauch, rechte Seite, knapp unter den Rippen.

„Hier zieht es immer wieder.“

Er betastet den Rand der unteren Rippe.

„Ein dauerhaftes Ziehen?“

„Ich habe nicht immer drauf geachtet, aber eigentlich ist es immer da. Mal mehr, mal weniger. Seit ein paar Wochen vielleicht.“

Er presst zwei Finger unter die Rippe.

„Einatmen, bitte. Wird der Schmerz schlimmer?“

Ich schüttele den Kopf, er nickt und schreibt wieder auf den Zettel.

„Haben Sie Krebserkrankungen in der Familie?“

Er fragt es, wie man nach dem Wetter oder dem Befinden fragt, während man etwas anderes tut. Als ob er nur fragt, um die Stille zu überbrücken oder um eine von sehr vielen Fragen schnell abhandeln zu können. Aber ich bekomme eine Gänsehaut und ein Kribbeln wandert den Rücken hinauf bis zur Beule.

„Ach, was für eine Scheiße.“

Er sieht irritiert auf, aber ich sage nichts mehr.

„Sein Vater hatte Magenkrebs.“

Er ergänzt es auf seinem Zettel und blickt abwechselnd zu mir und Lisa.

„Also, wahrscheinlich haben Sie Recht und Sie sind einfach nur müde. Die Bauchschmerzen könnten vom Stress kommen. Die Ohnmacht und das Erbrechen könnten Zeichen Ihres Körpers sein, dass Sie mehr auf ihn achten sollten.“

Er fährt mit seinem Daumen über die beiden Finger, die er mir an den Bauch gesetzt hat.

„Ich habe einen Widerstand gespürt, der da nicht sein sollte. Das muss nichts Schlimmes sein. Ich würde aber gern sichergehen. Deshalb werde ich Ihnen Blut abnehmen und Sie an einen Kollegen der Gastro überweisen.“

„Und der sagt mir, wie ich stressfrei ein Café betreibe?“

„Gastroenterologie. Magen, Darm. Er wird sich das Ziehen genauer ansehen, per Ultraschall oder Computertomografie. Und dann haben wir Gewissheit.“

11

Knapp Viertel nach vier in der Nacht, ich bin wach und verzweifelt. Habe gerade die letzten Blätter von der Klopapierrolle gezogen und mich irritiert im Bad umgesehen. Wenn ich mich übergebe, was ich erfolgreich ins Bad verlagert habe, will ich nicht das Handtuch benutzen. Deshalb muss Klopapier da sein, bevor ich es brauche.

Für einen Moment stehe ich unschlüssig neben meinem Bett am Telefon. Nachts ist das Hospiz nur minimal besetzt und ich würde mich über jeden ärgern, der anruft, weil sein Klopapier ausgegangen ist. Aber ich kann runtergehen und höflich fragen.

Erst auf dem Flur wird mir klar, dass ich zum ersten Mal mein Zimmer verlasse und überhaupt keine Ahnung habe, wohin ich muss.

Sind wir am ersten Abend von rechts gekommen? Ich betrachte den schwach beleuchteten Gang. In diesem Haus brennt immer Licht. Alle Türen sehen gleich aus, bis ich vor dem Aufzug stehe. Richtige Richtung also.

Als ich aus dem Aufzug trete, sehe ich rechts die kleine Nische, den Übergang zwischen den beiden Häusern. Ich schleiche durch den Gang und bleibe irritiert vor der Tür stehen, die halb offen steht. Die schon damals halb offen stand.

Auf dem Messingschild neben der Tür steht „K. Haron“. Wahrscheinlich das andere leere Zimmer. Ich halte mich am Türrahmen fest und strecke diskret und neugierig den Kopf hinein. Das sanfte Nachtlicht in Form eines Mondes leuchtet in der Zimmerecke. Der Fernseher ist dunkel und es ist still.

„Du kannst ruhig reinkommen.“

Erschrocken ziehe ich den Kopf zurück. Die alte Stimme kichert heiser und hustet. Ich wage mich so weit ins Zimmer, dass ich die Konturen des Mannes im Bett erkenne, und warte, bis er sich wieder beruhigt hat.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht stören.“

„Schon okay. Ich kann nicht schlafen, wenn die Tür zu ist. Aber eigentlich kann ich sowieso nicht schlafen. Deshalb krieg ich viel mit.“

Er knipst das Licht auf dem Nachttisch an. Das Bett summt und der Oberkörper des Mannes richtet sich auf. Dieses Zimmer sieht nach Krankenhaus aus. Über dem Mann eine Triangel aus grauem Plastik und neben dem Bett eine blinkende Maschine, aus der durchsichtige Kabel bis zu seiner Nase führen. Seine Haut ist fleckig und eingefallen, ich ahne die Konturen des Schädels unter den Falten und den altersgrauen, dünnen Haaren. Die Augenbrauen sind buschig und die Bartbehaarung voller als der Kopf. Er setzt sich eine große, dunkelbraune Hornbrille auf, die heute wieder in Mode ist, sie scheint in die Nase einzusinken. Als er aufrecht sitzt, streckt er die Hand aus. Schmal, mit dicken Gelenken, aber ein kräftiger Griff.

„Ich bin Kasper.“

„Alex, hallo.“

„Du bist neu hier, oder?“

„Knapp zwei Wochen.“

„Also auch ein Gast. Na und, was fehlt uns denn?“

12

Drei Wochen später habe ich die Ergebnisse der Blutuntersuchung, des Ultraschalls, der Magenspiegelung und der Computertomografie. Besser gesagt, Doktor Münchenberg hat sie, Oberarzt der Gastroenterologie. Verrückt, dass ich dieses Wort irgendwann mal flüssig aussprechen kann. Doktor Münchenberg ist kaum älter als ich, hat einen rasierten Schädel, trägt eine dickrandige, schwarze Brille und begrüßte mich bei unserem ersten Treffen mit einem zugewandten Lächeln. Jetzt sitzt er mit ernstem Gesicht hinter seinem Schreibtisch und sortiert Bilder und Ausdrucke, sieht sich immer wieder einzelne Seiten an. Dann kommt er um den Tisch herum, nimmt meine Hand und drückt Zeige- und Mittelfinger rechts unter die Rippen. Ich setze mich auf.

„Atmen Sie tief ein. Spüren Sie das?“

Ich taste, wie es mein Hausarzt getan hat, und nicke unsicher.

„Da ist etwas. Aber ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlen soll. Also, normalerweise.“

Er setzt sich auf die Ecke seines Schreibtisches.

„Das soll nicht da sein. Aber es könnte alles Mögliche sein, angefangen bei festen Dingen, die Ihren Darm durchwandern. Doktor Clemens hatte mir von der Erkrankung Ihres Vaters berichtet und von Ihrer Reaktion, als diese zur Sprache kam. Deshalb hielten wir es für angebracht, Sie nicht zusätzlich zu belasten und jedes Gespräch über einen Tumor zu vermeiden, solange wir keine Gewissheit hatten. Die histologische Untersuchung der Gewebeproben aus der Magenspiegelung hat unseren Verdacht aber unglücklicherweise bestätigt. Es tut mir wirklich leid, aber was Sie spüren, ist ein Karzinom. Sie haben Magenkrebs.“

~

Ich lasse mich nach hinten in den Stuhl sinken, die Hände auf den Lehnen, den Blick auf den Schreibtisch, auf die Papiere gerichtet.

Krass.

Ich habe Jahre damit verbracht, Krebs aus meinem Kopf und aus meinem Leben zu verdrängen. Bis auf Bene und Lisa weiß niemand in meinem Freundeskreis von meinem Vater. Ich rede nicht über Krebs, ich klicke jeden Artikel darüber weg, und wenn es in Gesprächen zum Thema wird, klinke ich mich aus. Das ist nicht leicht, heute führt ja irgendwie alles zum Krebs. Jedes Symptom kann irgendeine Art von Krebs sein. Regelmäßig sterben Promis daran und selbst, wenn es nur um das Sternzeichen geht, kribbelt meine Kopfhaut.

Weil immer, wenn es um Krebs geht, spüre ich diese kleine, brennende Flamme der Gewissheit. So wie andere wissen, wenn es die Liebe ihres Lebens ist, so wusste ich schon immer, dass ich Krebs bekommen werde. Mein Vater hatte ihn, also werde ich ihn auch haben. Ich dachte nur, wenn ich ihn lange genug meide, dann schaffe ich es vielleicht, ihm zu entkommen. Am Arsch.

Alles Gedanken, die später kommen. Erstmal schlucke ich nur und denke gar nichts. Und bekomme nichts mit. Spüre Lisas Hand, die sich auf meine legt. Drehe den Kopf zu ihr, sie hat schon lange begriffen. Sie sieht den Doktor an.

„Was genau bedeutet das?“

Er greift hinter sich und zieht ein schwarz-weißes Bild hervor. Ein Apfel, von oben, in der Mitte aufgeschnitten. Und dann erkenne ich die Wirbelsäule, rechts und links davon die Rippen und die Organe darin. Das bin ich, von oben, in der Mitte aufgeschnitten. Der Arzt zeigt auf einen grauen Bereich, der die rechte Seite fast ausfüllt.

„Das ist Ihr Magen. Sehen Sie diesen dunkleren Bereich? Das ist der Tumor. Das ist das, was Sie unter Ihren Rippen spüren. Und das spüren Sie auch nur, weil Sie so mager sind. Und das hier in der Leber sieht aus wie eine Absiedlung. Metastasen.“

Er redet weiter und sieht abwechselnd Lisa und mich an, aber ich bin nicht ansprechbar, reagiere nicht und bekomme nur Bruchstücke mit. Lisa stellt die Fragen. Sie sammelt die Informationen. Sie kümmert sich.

13

Im Sommer nach unserem Abitur machen Bene und ich eine Tour durch Deutschland. Wir beerdigen meine Mutter, packen den alten Volvo 740, der jetzt mir gehört, und fahren sechs Wochen lang durch die Republik. Der Wagen ist groß und eckig und für diese Reise unser Zuhause. Wir besuchen Städte und Freunde, wir schlafen auf der Matratze im Kofferraum, wir werden ADAC-Gold-Mitglieder und decken uns am Tag der Abfahrt in einer Filiale mit Karten für ganz Deutschland ein. Wir wollen es machen wie früher. Oder wie in unserer romantischen Vorstellung früher war.

Wir meiden Autobahnen, weil der Weg das Ziel ist, und wenn ich fahre, kurbelt Bene das Fenster runter und spielt auf seiner Gitarre, was immer ihm durch den Kopf geht. Manchmal Lieder, die wir mitsingen können, oft aber Melodien, die er sich in diesem Moment ausdenkt. Manchmal sehen wir tagelang nur andere Menschen, wenn wir tanken oder einkaufen. Dann verbringen wir wieder ein paar Tage bei Leuten, die wir irgendwann kennengelernt und denen wir beim Abschied versprochen haben, sie mal zu besuchen.

Diese Versprechen, die man, wenn man sie gibt, von Herzen ernst meint und gleichzeitig weiß, dass sie nie gehalten werden. Auf dieser Fahrt halten wir sie. Wir sitzen morgens in der offenen Heckklappe und klicken uns durch die Telefonnummern, bis einer von uns einen Namen nennt, wir uns an einen Urlaub, eine Party oder was auch immer erinnern und anrufen.

Einige Nummern sind nicht mehr vergeben, andere haben keine Zeit oder wollen nicht, dass wir vorbeikommen. Aber es gibt genug Leute, die sich freuen. In Weimar schleppen wir einen Tisch aus einer engen WG-Küche auf den Gehweg neben das Auto und frühstücken dort. In Neuss springen wir nur mit Boxershorts bekleidet zusammen mit den Mädels, die wir dort kennengelernt haben, in den Rhein. Bis jemand uns aus dem Wasser ruft, die Strömung ist zu stark. In der Nähe von Hannover verbringen wir ein paar Tage auf einem Aussiedlerhof und verstehen, wie viel Arbeit es ist, sich abgeschnitten von der Welt selbst zu versorgen. Und dann erzählt uns jemand von diesem Festival in der Nähe von Berlin.

~

Schon in der Schlange vor dem Festivalgelände lernen wir die ersten Leute kennen, und nachdem wir das Auto zwischen all den anderen Nachtlagern abgestellt haben, ziehen wir los. Tagelang sehen Bene und ich uns nur zufällig, ansonsten ist jeder für sich unterwegs.

Am Tag vor unserer Abfahrt komme ich mittags zum Auto und sehe Bene im offenen Kofferraum sitzen, mit einem Eimer zwischen den Beinen. Ein Mädchen sitzt bei ihm und streichelt ihm über den Rücken.

„Sieht so aus, als ob ich morgen fahre.“

Beide sehen auf.

„Kannst du fahren?“

„Klar.“

„Geil. Das ist Lisa.“

Das verschmierte Grün um ihre Augen lässt sie groß erscheinen, ihre Wangen glitzern ein wenig, der Armreif aus Leuchtstäben am linken Arm leuchtet nicht mehr. Die roten Locken fallen offen auf die Schultern, das bunte Hemd ist weit und lang und bedeckt im Stehen ihre Shorts, kurz abgeschnittene Jeans. Sie ist hübsch, besonders wenn sie so lächelt. Aber auf diesem Festival glitzern alle Wangen, alle lächeln und bewegen sich sanft zu den Beats. Ich habe in den letzten Tagen zu viele hübsche Menschen gesehen, zu viel Musik, zu viel Kunst und Besonderes. Ich freue mich darauf, mit Bene auf irgendeiner Lichtung zu halten, vielleicht ein Buch zu lesen und Benes Gitarre zuzuhören. Oder einfach den Geräuschen des Waldes.

Ich komme den Tag über immer wieder am Auto vorbei und sehe nach Bene, aber Lisa macht ihre Sache gut. Zu gut. Bene geht es schlecht, aber Lisa leidet. Er liegt die meiste Zeit im Gras, im Schatten des Autos, der Kopf in Lisas Schoß, der Eimer daneben. Sie liest ein Buch, aber jedes Mal, wenn Bene stöhnt, legt sie es zur Seite und sieht aus, als ob es ihr mindestens genauso schlecht geht.

Ich übernachte allein im Auto. Am nächsten Morgen sieht Bene immer noch nicht fit aus.

„Alter, wo fahren wir denn jetzt hin? Können wir sie mitnehmen?“

„Geht’s dir so schlecht, dass sie sich auch während der Fahrt um dich kümmern muss?“

Er würgt und ich weiche zurück.

„Ich muss nach Kummerow. Das ist ein kleines Dorf, vielleicht eine Stunde nach Norden.“

Irgendwas klingelt bei dem Namen, aber ich komme nicht drauf. Ein Dorf. Im Norden. Eine Stunde. Wieso nicht.

„Klar. Hol dein Zeug, dann geht’s los.“

Sie dreht sich um und Bene hält mir seine Faust hin. Wir packen so, dass die Rückbank frei bleibt. Bene klettert mit seinem Eimer nach hinten, aber Lisa setzt sich auf den Beifahrersitz. Er sieht mich über den Rückspiegel irritiert an, ich zucke mit den Schultern.

Wir stehen beim Ausgang in der Schlange, Lisa hält mir einen Joint hin und ich lehne ab. Sie gibt ihn an Bene weiter und erzählt von ihrem Freund, der bei seiner Oma in Kummerow auf sie wartet, von den beiden Büchern, die in einem Ort namens Kummerow spielen, der aber nicht ihr Kummerow ist, und von ihrem Wunsch, irgendwo im Süden Deutschlands zu studieren. Dann landen wir in der Polizeikontrolle. Zwei weitere folgen.

Ich erzähle von unserem Trip, meiner Mutter und unserer Stadt, und nach zwei Stunden verabschieden wir uns. Bene umarmt sie länger, als es mir oder ihr angenehm ist, dann drückt sie mich kurz.

„Und wenn du mal im Süden bist, melde dich.“

Sie nickt und wir beide wissen, dass das nicht passieren wird.

~

Zwei Jahre später sind Bene und ich auf der Suche nach einem dritten Mitbewohner, treffen uns mit Bewerbern und reden im Halbstundentakt darüber, was wir studieren, woher wir uns kennen und ja, witzig, du studierst auch BWL, und plötzlich steht Lisa da. Ohne Glitzer und grünes Make-up, die Haare bis auf 22 Millimeter abrasiert, und erst jetzt sehe ich die Sommersprossen auf Wangen und Nase. An ihrem Handgelenk hängt noch das zerfranste Festivalbändchen, das Bene und ich schon lange abgeschnitten haben. Sie lächelt. Erst in diesem Moment erkenne ich sie. Ich habe schon länger niemanden so lächeln sehen.

14

Der Doktor erzählt, dass Magenkrebs meistens spät entdeckt wird, dass er in meinem Alter selten vorkommt und deshalb auch keine Vorsorge getroffen werden kann. Dass es anhand der Größe schwer ist, zu operieren, dass eine Transplantation nicht in Frage kommt, trotzdem gibt es eine Menge …

„Wie lange habe ich noch?“

Er verstummt, Lisa starrt mich an und mir wird klar, dass nur ich diese Frage beantwortet haben will. Doktor Münchenberg nickt, legt den Ausdruck zurück auf den Schreibtisch und faltet die Hände.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Krankheiten verlaufen bei jedem Menschen anders, und je nachdem, wie die Therapie bei Ihnen anschlägt …“

Ich lache auf und er sieht mich irritiert an.

„Es muss doch Durchschnittswerte geben. Erfahrungen durch andere Patienten.“

Er zuckt mit den Schultern, ratlos.

„Es tut mir wirklich leid, da spielen so viele Faktoren eine Rolle, ich kann Ihnen das nicht sagen. Wir stehen ja ganz am Anfang.“

„Fühlt sich für mich eher wie das Ende an.“

„Alex!“

„Sorry.“

„Ich habe schon mit Kollegen aus der Onkologie über Sie geredet, Sie sollten sich mit ihnen zusammensetzen und die Therapieoptionen und den weiteren Verlauf besprechen.“

Für einen Moment schweigen wir alle. Lisa und der Arzt sehen mich an und ich spüre, wie sich alles in mir verkrampft, spüre Wut aufsteigen und versuche, ruhig zu bleiben und normal zu sprechen.

„Wenn es jetzt keine Medikamente gibt und keine Therapie, wenn der Krebs einfach weitermachen kann, wann sterbe ich dann?“

„Auch dann kann ich keine validen Aussagen treffen. Das hängt trotzdem noch davon ab, wie Sie leben, mit wem Sie zusammenleben, wie Sie sich ernähren, manchmal sogar, wie Sie über die Krankheit denken.“

„Geben Sie mir bitte eine Zahl.“

Er blickt zu Lisa, die mit den Schultern zuckt.

„Er ist stur. Wenn Sie ihm keine Einschätzung geben, wird er sie sich woanders holen.“

Doktor Münchenberg betrachtet mich einen Moment, dann atmet er tief aus und nickt.

„Das ist eine extrem grobe Schätzung. Wenn der Krebs sich weiter so ausbreiten kann, gebe ich Ihnen etwa sechs Monate. Sie würden erfahrungsgemäß vielleicht vier Monate lang ähnliche Schmerzen und Symptome haben wie jetzt, also noch relativ gut zurechtkommen. Insbesondere am Ende der Erkrankung muss man mit großen Komplikationen rechnen.“

Das hat er so wahrscheinlich nicht gesagt, aber das ist das, was bei mir ankommt. Ich zähle die Monate an den Fingern ab.

„Dann werde ich nicht mal mehr 31.“

Lisa drückt meine Hand, der Arzt hebt seine.

„Nur unter der Voraussetzung, dass wir nichts dagegen tun. Wie gesagt, wir stehen am Anfang dieser Reise.“

15

„Magenkrebs. Endstadium. Wenn die Rechnung des Arztes stimmt, bin ich in etwa einem Monat tot.“

Kasper kichert wieder.

„Wenn die Rechnerei der Ärzte stimmen würde, wäre ich seit einem halben Jahr tot.“

„Wie lange bist du denn schon hier?“

Er macht eine vage Handbewegung.

„Vielleicht acht Monate. Demnächst habe ich wieder eine Untersuchung, ob ich überhaupt hierbleiben darf. Zu krank, um zu leben. Und trotzdem sterbe ich einfach nicht.“

Das Kichern wird wieder ein trockenes Husten, und für einen kurzen Moment habe ich Angst, er stirbt gleich hier. Mit weit aufgerissenen Augen, einer Hand an der Brust und hervortretenden Sehnen am Hals. Dann holt er krächzend Luft und schüttelt sich, hustet noch einmal und grinst dann erschöpft, dreht sich zur Seite und greift nach dem Wasserglas.

„Das tut tatsächlich ganz schön weh. Aber ich kann doch nicht mit dem Lachen aufhören.“ Er schlürft das Glas halb leer und beobachtet mich dabei. „Warum bist du denn wach?“

„Ich kann nicht schlafen.“

„Angst?“

Ich erzähle von meinem Klopapierproblem, was Kasper wieder zum Lachen und Husten bringt. Diesmal muss auch ich grinsen. Als er das sieht, lacht er nur noch mehr, schlägt sich die Hand auf den Mund, schaut mich mit großen Augen an und zeigt zur Tür. Als ich sie zuschiebe, holt er prustend Luft, das Gesicht mittlerweile ganz rot. Ich greife zum Notschalter, aber Kasper schüttelt den Kopf. Kurz darauf beruhigt er sich.

„Wegen Klopapier zu sterben, das wäre lustig gewesen. Kannst eine Rolle von mir haben.“

„Hast du denn noch genug?“

„Ist egal. Alleine schaffe ich es eh nicht aufs Klo. Der Nächste, der kommt, bringt eine mit.“

Ich hole die Rolle und hebe die Hand zum Abschied. Kasper winkt mir zu.

„Lass die Tür offen.“

Ich schleiche durch gedimmtes Licht die Flure entlang und lese im letzten Gang die Schilder, bis ich meinen Namen entdecke. In geübter Handschrift geschrieben.

16

Als Helen am nächsten Morgen klopft, sitze ich auf dem Bettrand und habe zum ersten Mal seit zwei Wochen meine Schuhe an.

„Guten Morgen, Alex. Dir geht’s besser.“

„Auf jeden Fall. Heute können wir die Führung machen.“

Kurz darauf steht Frau Renninger in der Tür.

„Herr Fink, wie schön, dass es Ihnen besser geht.“

Wir gehen los.

„Insgesamt haben wir 16 Zimmer.“

„Ganz schön viel Platz für nur 16 Zimmer.“

„Wir hatten Glück. Der Hof wurde damals zu einem Hotel umgebaut, das aber nie in Betrieb genommen wurde. Mehr als 16 Patienten darf ein Hospiz in Deutschland nicht aufnehmen, obwohl die Warteschlangen lang sind.“

„Komisch, dabei habe ich noch nie Werbung für Hospize gesehen.“

Sie betrachtet mich von der Seite.

„Für den ganz großen Andrang sind wir zu abgelegen, Sie können sich aber trotzdem glücklich schätzen.“

Sie öffnet eine Tür neben dem Aufzug und lässt mich eintreten.

„Das ist das Bunte Zimmer, unser Kunsttherapieraum. Zeichnen, malen, töpfern, alles möglich. Dreimal die Woche kommt Sandro, unser Kunsttherapeut, und bietet seine Hilfe an. Aber Sie können auch alleine hier arbeiten.“

Sie führt mich weiter zum Musikzimmer, in dem nicht nur ein Klavier, ein paar Gitarren und einige andere Instrumente stehen, sondern auch große Boxen an der Wand hängen.

„Manche unserer Gäste wollen nicht Musik machen, aber sie laut hören. Natürlich geht das auch auf dem Zimmer, aber ab einer gewissen Lautstärke und Uhrzeit bringen wir sie hierher. Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch das Haupthaus.“

Je näher wir dem Haupthaus kommen, desto mehr Leute treffen wir. Ein paar Besucher stehen vor dem Fahrstuhl, dann sehen wir Helen eine Gästin aus einem Raum herausschieben. Ich meine, die Frau mit der rot-grünen Harlekinmütze schon mal draußen gesehen zu haben. Als sie auf unserer Höhe ist, hält sie ihre flache Hand nach oben und sieht mich erwartungsvoll an. Ich klatsche meine Hand dagegen, sie lacht kopfschüttelnd und die Glöckchen an ihrer Mütze klingeln. Ich drehe mich nach ihr um.

„Es ist ihre Lieblingsmütze.“

„Und sie soll sich hier wie zuhause fühlen?“

„Nein, sie soll sich wohl fühlen.“

Frau Renninger öffnet eine weitere Tür. Viele Tische stehen in kleinen Gruppen. In einem Regal sehe ich Brettspiele und Bücher, auf der anderen Seite Sofas vor einem Fernseher, der ein wenig größer ist als die in den Zimmern. An einem Tisch sitzen sich zwei Rollstuhlfahrer gegenüber und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Direkt neben der Tür entdecke ich eine Kerze.

„Das ist unser Gemeinschaftsraum. Er steht immer offen und kann von allen genutzt werden. Sonntags schauen sich ein paar Leute hier den Tatort an.“

„Eigentlich fehlt nur noch ein Bolzplatz.“

Frau Renninger runzelt die Stirn. Ich hätte den Witz bei Martin machen sollen. Oder bei Helen.

„Mit 16 Patienten bekommen wir keine zwei Mannschaften zusammen. Und bis wir die fit haben, ist die Hälfte schon gestorben. Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch den Speiseraum.“

~

Der Speiseraum liegt zwischen Gemeinschaftsraum und Eingangsbereich und ist mehr ein Saal. Gegenüber der Tür gelangt man wieder auf die Terrasse und in den Garten, eine Doppeltür führt in die Küche daneben. Zwei lange Tischreihen stehen mittendrin, lose bestuhlt.

„Hier nehmen wir gemeinsam die Essen ein. Sie haben ja schon festgestellt, dass dies lediglich ein Angebot ist. Wobei die meisten es annehmen, zum Teil auch dann, wenn sie selbst nichts mehr essen oder trinken wollen. Dann haben sie trotzdem Gesellschaft.“

„Wie meinen Sie das, wenn sie nichts mehr essen oder trinken wollen?“

„Manchmal entscheiden sich Menschen, nichts mehr zu essen. Wenn das eine bewusste Entscheidung ist, dürfen wir sie nicht zwingen.“

„Bis sie sterben?“

Frau Renninger hebt die Schultern und legt den Kopf zur Seite.

„Dafür sind sie hier. Aber den Fall haben wir sehr selten. An der Seite haben wir noch die Küchenzeile für die Gäste und ihre Besucher. Dort kann sich jeder selbst Essen zubereiten.“

Frau Renninger geht mit mir bis zu den Glastüren auf der anderen Seite und tritt nach draußen.

„Das ist unsere Terrasse.“

„Die sehe ich vom Balkon aus.“

„Richtig. Dort sind unsere Hochbeete. In Rollstuhlhöhe. Bis dahin können Sie sich komplett frei bewegen, wann Sie wollen. Das Gatter zum Wald schließen wir nachts ab.“

„Ist das Ihr Wald?“

„Wir haben den Weg bis in den Wald pflastern lassen, damit die Gäste es leichter haben. Und wir haben die Bänke aufgestellt. Aber offiziell gehört der Wald dem Land.“

Sie dreht den Kopf Richtung Haus und legt dann die Hände ineinander.

„Das ist alles. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns.“

„Ja, ich glaube, hier bleibe ich bis zum Ende meines Lebens.“

„Sie glauben nicht, wie oft ich diesen Witz höre. Ich muss zurück ins Büro. Finden Sie Ihr Zimmer alleine?“

Ich nicke, leicht betreten, sie geht ins Haus zurück. Ich traue mich nicht, gleich hinterherzulaufen.

Zwischen den Beeten sitzt eine Frau im Rollstuhl, beide Hände tief in der Erde, während sie mich anstarrt. Ich starre zurück, und als sie meinem Blick standhält, winke ich ihr zu. Ihre Augen verengen sich.

„Sind Sie ein Pfleger?“

„Nein, ich bin Gast. Ich heiße Alex.“

Sie zuckt mit den Schultern.

„Sich mit Gästen anzufreunden, lohnt sich nicht. Sobald man sie sympathisch findet, sterben sie.“

Sie senkt den Kopf und widmet sich wieder ihrem Beet.

Die Frau heißt Birte und die anderen sagen mir, ich solle mich nicht wundern, sie ist eben Einzelgängerin. Die meisten freuen sich hier aber über Gesellschaft.

~

Beim Mittagessen im Speiseraum lerne ich noch mehr Gäste kennen. Peter ist ein Männchen, wenn wir nebeneinander stehen, reicht sein grauer Haarschopf knapp über meinen Bauchnabel. Er schiebt seinen Rollator neben meinen Stuhl und zieht sich auf die Sitzfläche. Er ist fast 80 und weiß seit zwei Wochen, dass sein Krebs gestreut hat.

Um seinen Hals hängt ein Brustbeutel, in dem ein flaches Gerät steckt. Kabel laufen heraus und verschwinden unter seinem Pullover. Durch das Sichtfenster kann ich ein paar Knöpfe und ein kleines Display sehen, wie bei einem alten Taschenrechner. Peter bemerkt meinen Blick, schaut an sich herunter und nimmt das Gerät in die Hand.

„Cool, nicht? Das ist meine Schmerzmittelpumpe. Ich kriege die ganze Zeit was gespritzt. Und wenn’s nicht reicht, gibt’s diesen Powerknopf. Für den Bolus. Die Extraportion Watte im Kopf.“

Ich höre ein aufgeregtes Klingeln und sehe, wie Helen die Frau mit der Mütze in den Saal schiebt. Sie sieht mich und zeigt zu mir. Helen rollt sie uns gegenüber. Die Frau unter der Harlekinmütze heißt Lilia.

Sie redet viel und schnell und ich verstehe sie nicht. Was nicht schlimm ist, besonders nicht für sie, sie lacht einfach und redet weiter. Anna dagegen redet gar nicht. Sie fährt ihren Rollstuhl neben uns und Peter erzählt mir, dass niemand weiß, wie ihre Stimme klingt. Seit sie hier ist, hat sie noch nichts gesagt. Ihr Mann hat sie gepflegt. Bis er vor kurzem an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Am anderen Ende unserer Reihe sitzt noch eine kleine Gruppe, neben dem Tisch steht ein Bett. Ein paar Leute sitzen allein. Ich bin froh, dass sich nicht noch mehr zu uns setzen. Ich habe für ein Mittagessen genug Geschichten gehört, die mich an meine eigene erinnern.

17

In einer Sache sind Doktor Münchenberg und das Internet sich einig: Es gibt keine Heilung. Nur palliative Behandlungen. Ein schönes Wort für einen bitteren Geschmack: Sie lindern den Schmerz, aber sie können die Krankheit nicht heilen. Was ist das für ein Leben?

Ich lehne im Rahmen des Zimmers, in dem früher Bene gewohnt hat und das mittlerweile unser Wohnzimmer ist. Ich habe Lisa im Treppenhaus gehört, irgendwann erkennt man Menschen anhand ihrer Schritte. Sie schließt die Tür hinter sich und verharrt im Flur, als sie mich sieht. Dann zieht sie den Mantel aus und löst ihren Zopf, ohne mich aus den Augen zu lassen.

~

Ich habe ihre kurzen Haare geliebt. Geliebt, wie der schmale Rahmen ihr Gesicht betont, die Lippen hervorhebt. Geliebt, darüberzufahren und den leichten Widerstand an meinen Fingern zu spüren. Geliebt, sie alle paar Wochen mit dem Rasierer auf 22 Millimeter zu bringen. Als sie in dieser Wohnung aufgetaucht ist, waren es diese kurzen Haare, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Irgendwann hat sie sie wachsen lassen. Mit den kurzen, krausen Locken sah sie aus, wie ich mir Georgina von den fünf Freunden immer vorgestellt habe. Und dann fielen sie ihr irgendwann wieder über die Schulter.

Wenn sie vor dem Spiegel steht und versucht, ihre Mähne zu bändigen, bleibe ich manchmal neben ihr stehen und schwelge von 22 Millimetern. Sie schüttelt jedes Mal den Kopf.

„Weißt du, was es für eine Qual war, sie wachsen zu lassen? Auf keinen Fall.“

~

„Was ist los? Ist alles okay?“

„Ich muss mit dir reden.“

Kann es offensichtlicher sein, dass eben nicht alles okay ist? Sie folgt mir ins Wohnzimmer und setzt sich in den Sessel mir gegenüber.

Bene und ich haben ihn irgendwann auf dem Sperrmüll gefunden und quer durch die Stadt in den vierten Stock und in ihr Zimmer geschleppt, weil wir sicher waren, dass sie ihn lieben würde. Kurz nachdem Lisa an dem Abend nach Hause gekommen war, stand sie in der Küche.

„Wer hat dieses hässliche Ding in mein Zimmer gestellt? Wo kommt das her?“

Trotz all ihrer Bemühungen ist er in der Wohnung geblieben. Wir nennen ihn ihren Lieblingssessel.

Vor mir auf der Holzkiste liegen die Kopien, die mir Doktor Münchenberg mitgegeben hat, mein Computer und ein Notizblock. Lisa sieht mich erschöpft an.

Neben ihrem normalen Job hilft sie im Türrahmen, und zuhause warten der Krebs und ich auf sie.

„Doktor Münchenberg hat gesagt, vielleicht noch vier gute Monate, dann wird’s schlimmer.“

„Er sagt auch, dass ein operativer Eingriff das Ganze hinauszögern könnte. Und dass es viele weitere medizinische Möglichkeiten gibt. Und noch mehr außerhalb der Schulmedizin.“

„Hinauszögern. Könnte. Und dann liege ich die hinausgezögerte Zeit im Krankenhaus und erhole mich von der Operation. Lisa, ich will die Zeit, die ich habe, noch nutzen.“

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und lässt sich nach hinten fallen.

„Und wie willst du sie nutzen?“

Ich beginne, mit den Fingern abzuzählen. Der Daumen.

„Ich will Dinge aus der Welt schaffen. Ich muss mit ein paar Menschen reden. Sachen sagen, die ich immer sagen wollte. Mich entschuldigen. Anderen die Möglichkeit geben, sich bei mir zu entschuldigen. Menschen sagen, was sie mir bedeuten.“

Der Zeigefinger.

„Ich will viel Zeit mit den Menschen verbringen, die mir wichtig sind. Ich will viel Zeit mit dir verbringen!“

Mit dem Ärmel ihres Pullovers fährt sie sich über die Augen, zieht fast trotzig die Nase hoch und muss dann doch lächeln. Auf dieses Lächeln habe ich gewartet. Es wird den Rest hoffentlich leichter machen. Der Mittelfinger.

„Ich möchte eine kleine Liste von Dingen zusammenschreiben und sie erledigen. Meine Löffelliste.“

„Scheiß Name.“

„Wenn dir ein besserer einfällt, sag Bescheid.“

Ich klappe den Daumen ein und strecke alle anderen Finger aus.

„Ich will eine große Feier machen. Eine Abschiedsparty, im Türrahmen.“

Lisa sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich lasse die Hand sinken.

„Und dann werde ich in ein Hospiz gehen.“

Sie runzelt die Stirn, dreht den Kopf leicht, lässt die Worte wirken, sieht mich aber unentwegt an.

„Aber … kann ich nicht für dich sorgen?“

Ich rutsche nach vorne und greife über die Kiste hinweg nach ihrer Hand.

„Lisa, du würdest kaputtgehen. Ich weiß, wie ich am Ende aussehen werde. Im Krankenhemdchen, abgemagert, die Wangen eingefallen. Erst kann ich noch mit einem Rollator und am Ende dann gar nicht mehr laufen. Und du wirst neben mir am Bett sitzen. Ich werde unruhig schlafen und du wirst so lange wach bleiben, wie dein Körper es zulässt. Eine Hand an meinem Kopf, die andere am Arm. Du wirst darauf achten, dass die Infusionsnadel sich nicht löst und dass das Licht mich nicht blendet. Du wirst mich füttern, und du musst damit nicht einmal warten, bis ich 64 bin. Ich bin es, der krank ist, der sterben wird. Aber du wirst leiden. Das will ich nicht.

Und ich will nicht, dass du mich als ausgezehrten, schwachen Kranken in Erinnerung behältst, dem du am Ende die Scheiße vom Hintern und die Kotze aus dem Bart kratzen musst. Ich will nicht, dass das dein letztes Bild von mir ist.“

Ihre Schultern beginnen zu zucken, sie hält meine Hand fest und zieht mich zu sich. Ich klettere über die Kiste und knie vor ihr auf dem Boden, Lisa rutscht vom Stuhl auf meinen Schoß und umfasst meine Hände, legt ihren Kopf an meinen. Ich habe den Begriff „heiße Tränen“ nie verstanden, aber jetzt spüre ich ihre warme, feuchte Wange an meiner. Sie schluchzt und schüttelt den Kopf, drückt ihre Stirn gegen meinen Kopf. Ihr Rotz bleibt an meiner Nase hängen.

„Aber ich will mich um dich kümmern. Ich will für dich da sein.“

Ich nehme ihr Gesicht in beide Hände, wische ihr mit den Daumen die Tränen von den Wangen und halte sie fest.

„Seit ich dich kenne, kümmerst du dich. Du bist die Beste darin, sich um andere zu kümmern. Aber du leidest jedes Mal. Denk doch, wie weh es dir tut, wenn ich mal eine Grippe habe.“

Sie nickt und lächelt und schluchzt.

„Wir reden von Monaten, die damit enden, dass ich tot bin. Ich will nicht, dass du das machst. Ich will dir das nicht antun.“

Ihr Kopf rutscht auf meine Schulter und ich lege meine Arme um ihren Körper. Spüre ihr Atmen, die stoßenden Schluchzer, ihr Zittern. Dann lässt sie die Luft kontrolliert durch die Lippen entweichen. Ihre Stimme klingt nass und hoch, als sie etwas sagen will. Kraftlos und unsicher, wie ich sie selten gehört habe. Sie räuspert sich und setzt neu an.

„Was … was ist mit dem, was ich will?“

Ich weiß, was sie gleich antworten wird, aber ich frage trotzdem. Manchmal folgt das Leben einem unsichtbaren Drehbuch. Alle sagen ihre Zeilen, obwohl es wehtut. Weil wir hoffen, dass es am Ende besser sein wird.

„Und was willst du?“

„Ich will bei dir bleiben, solange es geht. Doktor Münchenberg hat gesagt, es ist eine Schätzung. Jeder Körper kämpft anders. Vielleicht hast du ja mehr Zeit.“

„Oder weniger.“

Sie schlägt auf meine Brust und rutscht von mir herunter, steht auf. Ich sehe ihr zu. Wir müssen da durch. Das macht es aber nicht einfacher.

Vor dem Fenster bleibt sie stehen, und selbst in der Spiegelung der Scheibe sehe ich, wie nass ihre Wangen sind. Und wie sich ihr Gesicht verzieht, trotzig, wie sie die Arme verschränkt.

„Wie willst du mich denn davon abhalten, dich zu besuchen? Im Hospiz?“

„Ich will dich nicht abhalten müssen. Ich bitte dich, dass du nicht kommst.“

Sie schnaubt und reckt das Kinn hoch.

„Und ich werde dir nicht sagen, wo ich bin.“

Sie dreht sich um und starrt mich an. Dann sieht sie zu den Papieren auf der Kiste und schüttelt langsam den Kopf.

„Du Arschloch.“

Ich nicke. Sie schüttelt wieder den Kopf, dann läuft sie an mir vorbei, greift nach ihrem Mantel und der Tasche und zieht die Tür hinter sich zu.

~

Als sie wiederkommt, hänge ich schräg auf der Couch, dösend. Ich wollte auf sie warten. Sie wirft eine Decke über mich und kriecht darunter. Ihre Haare riechen nach Rauch, und als ich meine Arme um sie lege, spüre ich, wie sehr sie zittert.

~

Am nächsten Morgen liege ich immer noch dort und mein Nacken schmerzt. Zu lange in der falschen Position. Ich setze mich vorsichtig auf, drehe langsam den Kopf, drücke zwei Finger unter die Rippen und atme tief ein. Die Verhärtung ist noch da, Lisa ist weg und auf der Kiste liegt nur noch ein kleiner Zettel.

„Komm in den Türrahmen.“

Scheiße. Sie ist mir zuvorgekommen.

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Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
17 aprel 2022
Həcm:
221 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783709939376
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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