Kitabı oxu: «Super, Mann!»

Şrift:

Fabian Vogt

Super,

Mann!

Briefe an all die Mannsbilder in uns

Mit Illustrationen von Thees Carstens


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865065469

© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Titelgrafik und Innenillustrationen: Thees Carstens

Satz: Brendow PrintMedien, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Männer-Fantasien

Warum ich dieses Buch gerade so geschrieben habe

Brief an den Träumer

Brief an den Ängstlichen

Brief an den Ehemann

Brief an den Liebhaber

Brief an den Vater

Brief an den Sohn

Brief an den Berufstätigen

Brief an den Sportler

Brief an den Freund

Brief an den Kulturfreak

Brief an den Glaubenden

Brief an den Autofahrer

Empfänger glücklich verzogen

Dank

Männer-Fantasien

„Super, Mann!“ ist ein Buch für … Männer. Ihr wisst schon, was ich meine: echte Männer! Helden des Alltags! Die Herren von Welt! Die Jäger im Dschungel der Postmoderne! Die Krieger des Lichts! Die Macher im Anzug, im Designerpulli oder im Blaumann! Die Zampanos! Die vor Virilität strotzenden Kerle, die der Gesellschaft lässig zeigen, wo der Hammer hängt und die Post abgeht. Sprich: die ganzen dominanten Testosteron-Bomben, die einfach alles im Griff haben, sei’s die Hilti, den Golfschläger, die Aktienkurse oder ihre Frauen …

… zumindest hat mir das mal einer erzählt. Also: Wie das angeblich abläuft mit dem Mann-Sein. Der Typ war aber nur 1,65 Meter groß und stand – so mein Eindruck – total unter dem Pantoffel seiner äußerst gewichtigen Frau. Da hätte ich wahrscheinlich auch so wirres Zeug von mir gegeben. Puh!

Jungs, mal ehrlich: Es gibt doch keinen Mann, der nicht gern ein echter Mann wäre. Ein forscher Eroberer des Abenteuerlands „Leben“. Ist doch so! Wenn wir uns beschreiben müssten und nur zwischen „Mann“ oder „Memme“ wählen dürften, dann würde ja wohl keiner so bescheuert sein und sich bei „Memme“ melden. Nur stellt sich da natürlich schnell die äußerst komplexe Frage: Wer oder was ist ein „echter Mann“? Wisst Ihr’s?

Ich wusste es lange nicht und habe deshalb dem Verlag dieses Buch vorgeschlagen, quasi als unterhaltsamen Klärungsprozess. Ja, weil ich die Wahrheit wissen wollte. Die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit.

Denn mal ganz ehrlich: Wie Brad Pitt sehen die meisten von uns ja nicht aus. Leider. Auch an Orlando Bloom und George Clooney kommen wir – zumindest die überwiegende Mehrzahl von uns – unter ästhetischen Gesichtspunkten nicht ran. Statt eines drallen „Sixpacks“ á la Schwarzenegger haben wir in der Regel einen ausgeprägten Waschbär-Bauch. Ewig den coolen John Wayne raushängen lassen, ist auch nicht mehr so ganz angesagt. Und ob Til Schweiger, Boris Becker und Dieter Bohlen tatsächlich mannhafte Vorbilder für uns Männer der Zukunft sind, ist nicht nur in den Medien äußerst umstritten. Ja, selbst Bond … James Bond, die ewig smarte Doppel-Null mit der Lizenz zum Löten, der Frauen-ins-Bett-Locker mit dem unwiderstehlichen Charme des Siegers hat neuerdings massive psychische Probleme, muss sich erst mal selbst finden, fängt am Ende gar an zu flennen und weiß überhaupt nicht mehr so recht, ob Geheim-Agent wirklich so ein Bringer-Job ist. Ich fass es nicht. Da bin ich nicht gerührt, da werde ich geschüttelt.

Sprich: Mit den traditionellen Männerbildern aus Film, Funk und Fernsehen lässt sich die Frage, was ein „echter Mann“ ist, nicht ernsthaft und überzeugend beantworten. Jedenfalls nicht mehr. Kurz und gut … bzw. kurz und schlecht: Das Elend ist groß. Oder anders ausgedrückt: Mann-Sein erweist sich anscheinend als unfassbar kompliziert. Finde ich jedenfalls. Keine Vorbilder, völlige Verunsicherung und viele verdrehte Vorstellungen.

Dazu kommt noch, dass wir Männer ja seit einigen Jahren auch noch von wilden Amazonen gebetsmühlenartig erzählt bekommen, wir müssten endlich die verborgenen, sanften Seiten in uns entdecken und ausleben. Die einfühlsamen Facetten. Die weiblichen Eigenschaften. Die weichen Charakterzüge: „Wein doch! Lass es raus! Stell dich deinen tiefsten Gefühlen, du zarte Seele.“ Weil die emotionale Intelligenz angeblich ja nicht nur die kognitive Intelligenz, sondern vor allem die Muckis schlägt.

Viele sagen zwar, das sei vor allem Alice-Schwarzer-Humor, trotzdem setzt diese Forderung den wahren Gentleman in uns ordentlich unter Druck. Denn wir möchten den Frauen ja gefallen. Das bedeutet: Weil wir Männer auch Meister der Anpassung sein wollen, bemühen wir uns mit allen Kräften und mit zunehmender Verzweiflung, den verschiedenen Männerbildern in der Gesellschaft gerecht zu werden. Stark wollen wir sein … und zugleich schwach. Bestimmend … und diskussionsfreudig. Kantig … und flexibel. Durchsetzungsfähig ... und anschmiegsam. Draufgängerisch … und zurückhaltend. Würdig … und total humorvoll. Aktiv … und doch in uns ruhend. Offen … und so weiter …

Ja, wir spazieren ernsthaft stundenlang durch stinklangweilige Wälder, obwohl wir es zum Kotzen finden, nur um zu signalisieren: „Schaut her, ihr Frauen, wir sind ja so unfassbar romantisch und naturverbunden.“ Was für eine Perversion des Mann-Seins! Nebenbei: Dürften wir unterwegs ein Wildschwein mit der bloßen Faust erlegen, sähe die Sache vielleicht anders aus. Dürfen wir aber nicht. Und wer es als Mann in der Boutique vor den Umkleidekabinen wagt, den gefühlten 356. Pullover seiner Begleiterin („Na, wie findest du den hier?“) nicht auch noch mit dem Kommentar: „Also, der steht dir wirklich hervorragend“ zu versehen, obwohl die Liebste darin aussieht wie eine leicht vergammelte Presswurst, gilt als unsensibel und verroht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der modernde Mann will es allen recht machen. Wirklich allen. Und macht damit eher schlechte Erfahrungen. Aufgerieben zwischen schier endlosen Ansprüchen unterschiedlichster Personen, Institutionen und Vorstellungswelten, hechelt er verwirrt seiner undefinierten Männlichkeit hinterher – ohne sie jemals einzuholen. Wie denn auch? Er weiß ja nicht mal, wem oder was er da eigentlich nachjagt. Wie soll man etwas erreichen, dessen Erscheinungsbild und Position man gar nicht kennt? Oder anders gesagt: „Wie soll ich denn mein Mann-Sein überzeugend leben, wenn ich es nicht definieren kann?“ Was für ein trauriges Bild.

Ja, es muss einfach mal gesagt werden – und zwar ohne jede Larmoyanz: Männer haben’s echt nicht leicht. Was vor allem daran liegt, dass es heutzutage eben nicht nur einen Anspruch an den Mann gibt – „Sei ein guter Ernährer!“ – sondern Dutzende. Jede und jeder hat eine diffuse Vorstellung davon, was einen Mann ausmacht und konfrontiert uns schonungslos mit all diesen radikalen Anforderungen. Ist doch so! Irgendwie sollen wir alles gleichzeitig sein: wunderbare Ehemänner, großartige Väter, fürsorgliche Söhne, erfolgreiche Geschäftsleute, gute Freunde, fleißige Haushaltsgehilfen, leidenschaftliche „Lover“ und glaubensstarke Visionäre. Kein Wunder, dass wir oft nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht.

Höchste Zeit also für eine fröhliche Erkundungsreise: Was ist ein wahrer „Super-Mann“? Tja, wer sagt uns, welche Eigenschaften unser Mann-Sein gesund und stark machen? Und wie können wir gerne und ungehemmt Männer sein und bleiben, ohne dabei oberflächlichen Macho-Klischees auf den Leim zu gehen oder die Menschheit unter unserem Profilierungswahn leiden zu lassen? Das muss doch machbar sein. Himmel hilf!

Nun: Weil solche Selbsterfahrungstrips allzu oft bierernst und ziemlich unentspannt daherkommen, geht es in diesem Buch in erster Linie darum, sich mal unterhaltsam mit den unterschiedlichen Männer-Rollen auseinanderzusetzen, denen wir so gerne genügen wollen. Heiter und gelassen. Das Mann-Sein ist schon herausfordernd genug. Und vielleicht hilft ja gerade ein unverkrampfter Blick auf unsere Rollen, unserer männlichen Sehnsucht Schritt für Schritt auf die Schliche zu kommen. Würde mich freuen, wenn es klappt.

Herzlich

Fabian Vogt

PS: Liebe Frauen, die Ihr dieses Buch in die Hände genommen habt, um endlich zu begreifen, warum Eure Macker sich so verhalten, wie sie es tun, denkt daran: Wenn wir erst echte Männer sind, dann haben wir es nicht mehr nötig, uns als solche aufzuspielen. Ihr solltet diesen Aufklärungsprozess also mit allen Kräften fördern. Und vielleicht seid Ihr ja nach dieser Lektüre etwas gnädiger mit uns. Ganz bestimmt sogar.

Warum ich dieses Buch
gerade so geschrieben habe

Ich komme gerne abends nach Hause. Sehr gerne sogar. Nach einem langen Arbeitstag. Der Körper ist matt. Der Geist hat sich wund kommuniziert. Die Seele hängt noch halb auf der Autobahn. Und die Aussicht auf ein süffiges Glas Rotwein in meinem Ohrensessel erscheint mir wie ein Vorgeschmack auf das Paradies.

Doch dann steht meine Frau in der Tür. Wie ein übereifriger Feldwebel. Nicht etwa bösartig. Oder gar mit Nudelholz. O nein. Sie sieht wundervoll aus. In ihrem ausgeleierten Labber-Shirt. Liebenswert und attraktiv. Und ihre Absichten sind ganz rein. Sie möchte mir nur – verantwortungsbewusst, wie sie ist – so etwas wie einen knappen Überblick über das Tagesgeschehen geben … und meine sich daraus ergebenden Pflichten sanft andeuten. Meist klingt das dann ungefähr so:

Hallo! Gut, dass du endlich da bist! Wurde auch Zeit. Die Heizung gluckert seit heute Mittag so komisch. Schau doch bitte mal nach. Im Bad wird es gar nicht mehr warm. Ach ja, deine Mutter war auf dem Anrufbeantworter, sie wartet auf einen Rückruf. Was ganz Dringendes.

Unser Sohn hat vorhin einen riesigen Spiderman aus Pappmaschee und Fango gebastelt, den du dir unbedingt angucken musst. Na, vielleicht soll das Schlamm-Ding auch Dumbledore darstellen. Irgend so ein Fantasy-Wesen eben. Ja, er wartet im Garten auf dich.

Dieses hemmungslose Schluchzen ist übrigens unsere Tochter. Sie versteht Mathe nicht und heult seit über einer Stunde rum. Na, ich versteh’s auch nicht. Kümmer du dich bitte. Ihr müsst nur noch die Aufgaben 2 bis 49 machen. Das sollte in knapp einer Stunde erledigt sein. Morgen schreibt sie außerdem eine Arbeit in Biologie. Wiederhole doch bitte mit ihr noch mal alle Grundarten der Quastenflosser und das Paarungsverhalten schlesischer Frettchen.

Ist das Brot, das du mitbringen solltest, in der Tasche? Sag ja nicht, dass du es vergessen hast.

Warte. Richtig, da war noch was: Dein Kollege braucht dringend eine Kopie des Vertragsentwurfs mit Hamburg. Ganz dringend sogar. Na, er sagt: Bis Mitternacht reicht.

Da fällt mir ein: Du bist doch heute dran mit Geschirrspülmaschine ausräumen. Und mit Treppe fegen. Von dem Elektronikschrott, der seit vier Wochen zum Bauhof soll, ganz zu schweigen.

Außerdem fragt Alex, ob du heute Abend mit ihm in den neuen „Hobbit“-Film oder in „Stirb langsam 14“ gehen willst. Na, ich glaube ja nicht, dass das gut für dich wäre.

Sag mal, ist dir eigentlich bewusst, dass du in letzter Zeit gar nicht mehr so oft joggen warst? Ich finde, man sieht’s auch. Da an den Hüften – und hier im Gesicht.

Was noch? Genau! Hast du, wie besprochen, das Hotel für die Herbstferien gebucht? Da waren ja nur noch sehr wenige Zimmer frei. Und ich will auf jeden Fall Blick zum Meer. Auf jeden Fall!

Außerdem bricht der Kaninchenstall auseinander. Nicht, dass unser Hoppelchen ausbüxt. Mich würd’s ja freuen, aber die Kinder wären untröstlich.

Nicht zu vergessen: Der Steuerberater braucht kurzfristig eine umfangreiche Rückmeldung über deine unfassbaren Nebenverdienste als Autor von Männer-Büchern.

Die Nachbarn wollen jetzt doch klagen, wenn unsere Äpfel weiter in ihre Einfahrt plumpsen. Wurde ziemlich laut heute.

Davon mal abgesehen: Es wäre doch total schön, wenn wir zwei mal wieder einen Abend ganz für uns hätten.

Manchmal nimmt mich meine Frau dann noch zärtlich in den Arm, streichelt mir einmal beruhigend über die Wange und flüstert mir ins Ohr: Du siehst müde aus, mein Schatz. Sehr sogar. Du solltest dringend etwas entspannen. Aber bitte erst, wenn du die ganzen Sachen erledigt hast.

Und dann kommt er, der schneidende, der einzigartige Satz, der wie ein Damoklesschwert über fast der Hälfte der Menschheit hängt: Sei ein Mann!

O ja, das wäre ich gerne. Wenn ich nur endlich wüsste, wie. Wie geht das? Ich sage mal so: Wenn ich meiner Frau glauben soll, dann hat Mann-Sein etwas damit zu tun, dass ich all die Rollen ausfülle, in denen sie mich braucht. Und in denen die Welt mich braucht. Und in denen mich die Gesellschaft Europas so gerne erfolgreich sehen möchte.

Denn: Ist euch das aufgefallen? Innerhalb der zwei Minuten, die der allabendliche Rapport meiner Frau im Schnitt dauert, spricht sie rund 10 bis 12 unterschiedliche Profile an, 10 bis 12 männliche Bewährungsfelder, rund ein Dutzend Herausforderungen, denen ich mich zu stellen habe. Ja, schon bei einem einzigen Nach-Hause-Kommen, wie ich es eben beschrieben habe, wird mir ein ganzes Panoptikum an Typen vorgesetzt, in die ich hineinschlüpfen und deren Zuständigkeiten ich – bitte schön – erledigen darf. Vom Reparateur über den Erzieher. Vom Laufburschen bis zum Organisator. Und vom Kulturfreak bis zum Haushaltsgehilfen. Letztlich bis zum „Retter der Menschheit“. Und weil in jedem lässigen Mann von Anbeginn der Welt ohnehin der Wunsch steckt, der „Retter der Menschheit“ zu sein, reiben wir uns darin auf, jede dieser Rollen bis zur Perfektion auszufüllen und zu vollenden.

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Grundsätzlich habe ich da gar nichts dagegen. Ja, ich merke, dass ich das sogar möchte. Ich möchte gerne den vielfältigen Aufgaben und Anforderungen gerecht werden und Vater, Sohn, Kollege, Freund, Ehemann, Sportler, Glaubender und was weiß ich noch alles sein. Es ist eine unvorstellbare Bandbreite an Wesenszügen, die ich nicht missen möchte – und die das Leben bunt und abwechslungsreich macht. Aber es ist eben auch überaus anstrengend. Zeitraubend, nervenaufreibend und manchmal ziemlich frustrierend.

Deswegen gestehe ich hier offen: Bisweilen schaue ich doch ein wenig neidisch auf meinen Großonkel Hellwig, der sein Leben lang zu Hause keinen Finger krumm gemacht und alles, wirklich alles meiner Großtante Roswitha überlassen hat. Bis heute unvorstellbar, dass Hellwig sich etwa selbst ein Wurstbrot schmiert, ein kühles Bier aus dem Getränkekeller holt, den Rasen mäht oder eine Glühbirne wechselt. Er wüsste wahrscheinlich gar nicht mehr, wie das geht. Wenn er es denn überhaupt je wusste. Sein reizendes Lebensmotto lautet: „Ich hab die Knete heimgebracht, dafür soll Rosi es mir schön machen. Und zwar dalli.“

Ich habe meiner Frau dieses bewährte, traditionsreiche und klar strukturierte Beziehungsmodell mal mit einer brillanten Power-Point-Präsentation vorgestellt. Aber sie wollte nicht. So überhaupt gar nicht! Ja, sie war nicht mal bereit, wenigstens darüber nachzudenken. Sehr schade. Andererseits: Wenn ich Hellwig da so bräsig sitzen sehe, wie er seine „Haussklavin“ scheucht … nee, das ist es dann wohl auch nicht. Obwohl …

Dass das klassische Männerbild in den letzten Jahrzehnten einen umfassenden Wandel erlebt hat und Frauen zu Recht aus dem überlieferten Käfig patriarchaler Strukturen ausgebrochen sind, ist einerseits ein Segen, es stellt uns gebeutelte Männer der Neuzeit aber vor einige Problemchen, die es früher einfach nicht gab: In den erstaunlichen Epochen, in denen nur die Frauen für die Kindererziehung, den Haushalt, die Versorgung der Eltern und die Gestaltung der Kontakte zuständig waren, galt das Territorium der Männer als klarer abgesteckt und vor allem als eindeutig definiert. Mann wusste, was man zu tun hat. Heute ist – so zumindest mein Eindruck – die Bandbreite wesentlich größer. Und das hat klar erkennbare Konsequenzen.

Vor allem findet sich der Mann des 21. Jahrhunderts eben in einer (ziemlich unschönen) Zerrissenheit wieder. Von allen Seiten zerrt und reißt es an ihm. Perfekt soll und will er ja – wie gesagt – nicht nur in einer Rolle sein, sondern, bitte schön, in jeder. Und da sind wir mittendrin im Dilemma. Denn: Wie ich es auch mache, ist es falsch. Kümmere ich mich intensiv darum, im Beruf erfolgreich zu arbeiten, dann vernachlässige ich meist unweigerlich die Kinder. Treibe ich zu viel Sport am Wochenende, dann habe ich keine Zeit, mit meiner Frau essen zu gehen. Sorge ich dafür, dass im Garten alles tipptopp ist, dann leiden meine Freundschaften darunter. Und übernehme ich im Haushalt voller Hingabe immer mehr Aufgaben, dann schauen mich meine Kollegen bald ziemlich mitleidig an.

Es scheint fast, als käme man aus dem ungnädigen Sog der vielfältigen und miteinander konkurrierenden Rollen gar nicht mehr raus. Als könne man nie alle so vollkommen erfüllen, dass man in dem Gesamtkonzept Zufriedenheit findet. Mann-Sein wird deshalb immer mehr zu einer wahren Sisyphos-Aufgabe.

Außerdem führt die Zerrissenheit gleichzeitig dazu, dass man im Normalfall ja vor lauter Trubel gar nicht genügend Zeit hat, den einzelnen Herausforderungen seines Mann-Seins mal etwas konzentrierter und intensiver auf den Grund zu gehen. Die divergierenden Rollen in Ruhe etwas genauer zu betrachten. Nun: Genau das möchte ich in diesem Buch gerne machen, das heißt, in die einzelnen Betätigungs- und Identifikationsfelder des Mannes eintauchen, sodass wir als Männer eine reale Chance haben, mit ihnen produktiv umzugehen und sie bewusst zu gestalten.

Denn natürlich muss ich diese Rollen in meinem Leben – und wahrscheinlich auch in verschiedenen Lebensphasen – immer gewichten. Ich muss entscheiden, wie viel Raum ich einem bestimmten Zug meines Mann-Seins geben kann, darf und möchte. Und ich muss ernsthaft prüfen, was mir an welcher männlichen Rolle wie wichtig ist. Zu einem solchen Entscheidungsprozess gehört aber, dass ich die Potentiale und Risiken jeder Rolle auch kenne. Je konkreter ich sie mir vor Augen führe, desto aktiver werde ich sie ausfüllen können. Garantiert.

Ich bin der festen Überzeugung: Es ist eine höchst komplexe Herausforderung, dem eigenen Mann-Sein auf die Schliche zu kommen und in dem Wirrwarr der zahllosen Rollen endlich einmal eine überschaubare Grundordnung herzustellen. Ja, das ist – im wahrsten Sinne des Wortes – „was für Männer“. Vor allem aber ist es eine bewegende Angelegenheit, für die wir möglichst viele Gedankenanstöße, Inspirationen, Bilder und Ideen brauchen. Es gibt einfach zu wenige Orientierungspunkte, die uns helfen, uns im unübersichtlichen Labyrinth der Geschlechter dauerhaft zurechtzufinden.

Das – nicht weniger, aber auch nicht mehr – will dieses Buch leisten. Es ist kein Ratgeber, kein Selbsthilfebuch, kein Nachschlagewerk und auch kein umfassendes Kompendium maskuliner Verhaltensmuster. Ich bin ja kein Psychologe. Ich möchte mit diesen kleinen „Ausflügen“ in die Niederungen männlicher Handlungsfelder einfach Lust machen, die Buntheit der Rollen im Dasein eines Mannes klarer und selbstbewusster wahrzunehmen. Und zwar so, dass wir Mannsbilder etwas gelassener daran gehen können, uns als Männer wohlzufühlen. Fröhlich, entspannt und … ja, mannhaft.

Trotzdem ist der Umgang mit den verschiedenen Männer-Rollen mehr als nur ein heiteres Gedankenspiel. Viel mehr sogar. Denn die Gestaltung und die Gewichtung solcher Rollen in einem Persönlichkeitsprofil haben ja ganz schnell existenzielle Folgen. So treffe ich zum Beispiel immer öfter auf Männer, die ernsthaft glauben, sie könnten das Glück ihres Lebens dadurch finden, dass sie kurzerhand eine bestimmte Rolle in ihrem Dasein austauschen. Sei es, dass sie einen neuen Job anfangen, sich eine neue Frau suchen oder einem neuen Hobby frönen. Die Hoffnung dahinter klingt dann so: „Wenn ich in einer Rolle meines Lebens einen radikalen Wechsel gestalte, dann wird sich der Rest schon fügen. Dann wird alles gut.“ Was sich meist sehr bald als Irrtum herausstellt. Oftmals sogar als ziemlich fataler.

Ich werde doch kein neuer Mann, wenn ich die Koordinaten einer einzelnen Rolle verändere. Mag uns das in Midlife-Crisis-Momenten oder an persönlichen Tiefpunkten auch gelegentlich sehr attraktiv erscheinen. Ja, bisweilen haben wir den Eindruck, dass just in dieser oder jener Rolle, die wir ausfüllen sollen, so der Wurm drin ist, dass wir einen Kahlschlag anstreben sollten. Und mancher macht das dann auch. Aber: Wirkliche Lebensveränderungen sind nur da möglich, wo ich das Gesamtsystem meiner Rollen kenne und mich mit meiner kompletten Persönlichkeit auf einen Umgestaltungsprozess einlasse. Diesem Gesamtsystem möchte ich ein wenig nachspüren, indem ich heiter die einzelnen Komponenten durchstöbere und nach den verbindenden Elementen forsche.

Nehmt dieses Buch deshalb einfach als einen fröhlichen Wegbegleiter, der einlädt, immer wieder mal innezuhalten, in dieser oder jener Rolle eine individuelle Standortbestimmung vorzunehmen und – möglicherweise – auch das eigene Wertesystem infrage zu stellen. Das kann zwar gelegentlich bedeuten, dass man Unbequemes aushalten muss – aber Bequemlichkeit hat meines Wissens noch keinen Menschen einen einzigen Schritt vorangebracht. Und wenn wir als Männer wissen, was wir wollen und warum wir so sind, wie wir sind, dann ist intensive Selbsterforschung sicher der beste Weg einer zukunftsweisenden Emanzipation.

Weil ich die Suche nach dem „Super, Mann!“ nicht einfach als Abhandlung oder als Konzept oder als allgemeingültige Darstellung gestalten wollte, bin ich auf die Idee mit den Briefen gekommen. Briefe sind ein wunderbares Medium. Anregend. Persönlich. Und vertraulich. Nun: Dieses Buch besteht aus Briefen, die ich Euch … oder mir … oder den vielen Rollen in mir und meinen Freunden schon immer mal schreiben wollte. Das hat einen persönlichen und ungezwungenen Charakter. Und lässt sich sicher auch entspannter und anregender lesen als eine theoretische Darstellung.

Ich schreibe diese Briefe quasi als ein Freund, der sich mal auf den einen, mal auf den anderen Zug der männlichen Persönlichkeit konzentriert und dadurch mit ihnen ins Gespräch (oder ins Plaudern) kommt. Der freundschaftliche Zugang ist auch deshalb wichtig, weil ich mich all den unterschiedlichen Anforderungen an das Mann-Sein ja sehr verbunden fühle. Es wäre tragisch, wenn ich eine Facette meines Seins hassen oder verachten würde. Nein, ich mag sie erst einmal. Aber ein guter Freund darf eben auch mal nachhaken, den Finger in eine Wunde legen oder auf Fehlentwicklungen hinweisen. Und dann kommen in der Regel äußerst hilfreiche Prozesse in Gang.

So, und jetzt geht es los …


Brief an den Träumer

Hallo, großer Visionär!

Ich hoffe, es geht Dir gut. Weißt Du, ich wollte mich ja schon seit Längerem mal bei Dir melden. Tja, und nun ist es soweit. Endlich. Und ... also ... um ehrlich zu sein ... als Freund möchte ich ungern lange um den heißen Brei herumreden. Nimm es mir also bitte nicht übel, wenn ich gleich zur Sache komme. Ich würde nämlich mit Dir am liebsten direkt mal über den Stand Deiner Lebensträume nachdenken.

Warum? Nun, ich nehme ja an, dass Du – wie fast alle Männer – solche verrückten Momente kennst, in denen Du auf einmal unruhig wirst und in denen plötzlich eine ziemlich schillernde Frage im Raum hängt ... wie soll ich das beschreiben … man hat dann gelegentlich das Gefühl, als ob einem von irgendwoher eine raue Stimme zuflüstert: „Schau Dir Dein Leben doch an! So! Und jetzt sag mir: Ist es wirklich das, was Du wolltest?“ Manchmal ist die Stimme sogar so laut, dass es wehtut: „Ja, Du Träumer, was ist aus Deinen Träumen geworden?“ Tja, was? Träumst du noch – oder lebst du nur? Und was machst Du mit Deinen Träumen, wenn Du sie denn hast?

Meist tut sich dahinter gleich eine gigantische Palette ähnlicher unschöner Anfragen auf: Ist meine Existenz wenigstens annähernd so, wie ich sie mir ursprünglich mal vorgestellt habe? Oder nicht? Was ist aus all den farbenfrohen Erwartungen und Hoffnungen geworden, mit denen ich in meiner Jugend gestartet bin? Und: Habe ich wirklich das Beste aus mir gemacht – oder bin ich weit unter meinen Möglichkeiten geblieben? Wie sieht es aus: Hätte mein Leben auch ganz anders ablaufen können? Viel schöner vielleicht? Erfüllter? Entspannter? Und: Hat der Typ in meinem Rasier-Spiegel irgendwas mit meinem Ideal von einem „erfolgreichen“ Mann zu tun?

Tja, und mit einem Mal wird einem klar, wie viele existenzielle Entscheidungen man schon getroffen hat. Für einen bestimmten Beruf. Für einen bestimmten Arbeitgeber. Für eine Partnerin. Für ein Land. Für einen Wohnort. Für ein Lebensmodell. Für eine Automarke. Für ein Rasierwasser. Für ein Hobby. Und für einen Kleidungsstil. Beunruhigend dabei ist: Jede dieser Entscheidungen war eine Weichenstellung. Und wäre die Weiche anders gestellt gewesen, dann wäre unser „Zug des Lebens“ wahrscheinlich ganz woanders hingefahren. Möglicherweise ins Paradies. Oder auch nicht!

Manchmal driften die Gedanken dann richtig ab. Ungefähr so: „Wenn ich damals diese eine Entscheidung anders gefällt hätte, dann besäße ich jetzt wahrscheinlich eine Surfschule auf Bora Bora mit der unfassbar süßen Rothaarigen aus der Nachbarklasse, die ich aus lauter Unsicherheit leider niemals angesprochen habe – obwohl meine Freunde mir versichert haben, sie wäre ungemein an mir interessiert. Wir lägen jeden Abend mit Cocktails am Strand, hätten grandiosen Sex unter einem schier endlosen Sternenhimmel und wären einfach nur glücklich.“ Ich bin sicher, dass Du solche verführerischen Gedankenspiele auch kennst. Es wäre seltsam, wenn nicht. Das sind nun mal die wilden „Was-wäre-wenn“-Fantasien, die sich ab und an in unseren Kopf schleichen.

Besonders unangenehm wird das Eintauchen in derartige „Lebensalternativen“ übrigens, wenn man irgendwann im Laufe seines Entwicklungsprozesses zwischen zwei beinah gleichwertigen Optionen entscheiden musste. Ich denke da etwa an den begabten Musiker, der sich auf Anraten seiner Eltern – die es wirklich nur gut mit ihm meinten – dann doch für eine „anständige“ Ausbildung entschieden hat. Oder an den Berufseinsteiger, der statt beim quirligen und kreativen Start-Up-Unternehmen lieber beim Branchenriesen unterschrieben hat. Weil das fürs Renommee besser schien. Oder an den Großstädter, der sich in stillen Stunden immer noch fragt, ob er nicht doch diese romantische Hofreite im grünen Hinterland hätte sanieren sollen, die ihm ein Bekannter damals für einen Spottpreis angeboten hat. Was wäre, wenn ... Diese Frage schickt unsere Gedanken auf Reisen. Bisweilen auf verführerische Reisen. Ganz anders könnte man leben ...

Nebenbei: Nicht in jedem Leben gibt es solche extremen Alternativen, aber wenn Du Deinen Lebenslauf anschaust, entdeckst Du garantiert auch überall potenzielle „Abzweigungen und Alternativrouten“, die Du hättest nehmen können. Und dass Du sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht gewählt hast, wird Dir gerade in schwierigen und unklaren Zeiten Deiner Biografie schmerzhaft bewusst werden. Natürlich kannst Du nie sagen, ob die anderen Strecken tatsächlich in ein stimmigeres Dasein geführt hätten, aber wenn wir mit dem Ist-Zustand unzufrieden sind, wächst verständlicherweise die vermeintliche Attraktion der „Alternativen“. Und plötzlich fragst Du Dich: Was hätte ich anders machen können? Oder hätte ich sogar etwas anders machen müssen?

Brisant an diesen Fragen ist vor allem, dass Du ja nicht alle Entscheidungen völlig autark und selbstbestimmt gefällt hast. In den meisten Fällen gibt und gab es zahlreiche äußere Faktoren, die uns beeinflusst haben: Freunde, Gegebenheiten, Kontakte, Zufälle, Bequemlichkeit, miserables Wetter, eine grässliche Grippe und vieles mehr. Ja, oftmals erschien uns bloß der eine Weg „einfacher“ oder „sicherer“ als der andere. Mit einem BWL-Studium hat man nun mal ein klareres Berufsbild als mit „Kunstgeschichte“ oder „Ökotrophologie“. Nur kann es dann auch passieren, dass man nach zwanzig Berufsjahren enttäuscht feststellt, dass der ach so „sichere“ Beruf zwar gut bezahlt, aber leider nicht besonders erfüllend ist. (Womit ich überhaupt nichts gegen BWL sagen will. Wirklich nicht! Ich liebe BWLer. Sind ja auch Menschen.)

Jetzt denkst Du möglicherweise: „Hey, wenn ich solche Zweifel nicht kenne, bzw. wenn keine Sehnsüchte an mir nagen, dann ist ja alles in Ordnung.“ Da kann ich nur sagen: Vorsicht! Möglicherweise machst Du Dir was vor. Kein Lebenslauf ist so gradlinig, dass darin nicht auch noch eine andere verlockende Variante denkbar wäre. Und es ist etwas ganz Natürliches, sich diese Möglichkeiten auch hin und wieder vor Augen zu führen: „Was wäre, wenn ...“

Ja, mehr noch: Wenn ein Leben letztlich so etwas wie die „Summe unserer Entscheidungen“ ist, dann sollten wir diese Entscheidungen auch ernst nehmen. Sehr ernst sogar. Und das können wir nur, wenn wir die Alternativen genau kennen und geprüft haben. Nur wenn wir sorgfältig betrachten, welche verschiedenen Möglichkeiten wir überhaupt haben oder gehabt hätten, können wir mündig und begründet wählen – und letztlich zu unseren Entscheidungen auch aus ganzem Herzen „Ja“ sagen. Und wer beim achten Bier leutselig gesteht: „Och, ich hab das Mädel damals geheiratet, weil grad keine andere da war!“, der hat letztlich nicht wirklich gewählt, sondern einfach das Naheliegende geschehen lassen. Das heißt: Erst, wenn ich verschiedene Optionen geprüft habe, ist eine Entscheidung eine echte Entscheidung.

Die Erfahrung lehrt jedenfalls: Wenn wir die verschiedenen Möglichkeiten bei unserer Wahl nicht vor Augen hatten und einen bestimmten Weg nicht ganz bewusst gegangen sind, dann holt uns dieses Versäumnis irgendwann ein. Dann kann die Frage „Führe ich das Leben, das ich mir erträumt habe?“ schnell auch krank machende Züge annehmen und in die berühmte Midlife-Crisis führen.

Dann erscheinen die möglichen Alternativen, die ich – aus welchen Gründen auch immer – bislang nicht auf dem Schirm hatte, auf einmal so betörend, dass manche Männer bereit sind, dafür ihre gesamte Vergangenheit zu verdammen – und gegebenenfalls auch abzustoßen, was manchmal tatsächlich helfen kann, verfahrene Lebensmuster aufzubrechen. Meist werden dabei aber nur oberflächliche Symptome behandelt, ohne dass den Ursachen auf den Grund gegangen würde. Deshalb ist das mit den Lebensträumen so ein relevantes Thema.

Also: Wie sieht es aus mit Deinen Lebensträumen? Lebst Du sie? Oder ist die Realität viel kleiner als all das, was Du erreichen wolltest? Tut die Diskrepanz weh? Helfen Dir Deine Lebensträume, Deinem Dasein eine Struktur zu verleihen? Hier ein paar Anregungen:

1. Träume sind Kraftquellen. Das ist erst einmal großartig. Und darum solltest Du auch niemals aufhören zu träumen. Denn wenn Du Deine Träume nicht wahrnimmst, dann verkümmern sie nach und nach. Und damit ein Teil von Dir. Darum bringt es auch nichts, seine Träume immer wieder auf die lange Bank zu schieben. Natürlich kann man sich vornehmen: „Meinen Lebenstraum – die große Weltreise, die Overland-Safari, den Tauchgang auf den Hybriden, den Einsatz als Stuntman, die freiberufliche Karriere – den erfülle ich mir nach der Pensionierung.“

Aber erstens weiß niemand, wie es ihm nach der Pensionierung körperlich und mental geht, und zweitens ist beispielsweise eine Weltreise mit 30 Jahren etwas anderes als eine mit 67 Jahren. Außerdem: So mancher, der sich lange damit beruhigt hat, dass er für seine Träume ja noch viel Zeit hat, ist mit 50 Jahren tot umgefallen – und dann stand auf seinem Grabstein in breiten Buchstaben: „Er wäre so gerne mal nach Australien ins Outback geflogen.“ Die richtige Zeit für Träume ist immer jetzt. Dabei darfst Du allerdings nie die eigentliche Funktion von Träumen vergessen:

2. Träume sind Wegweiser. Sie verweisen zuallererst auf starke Wesenszüge in Deiner Persönlichkeit. Und die gilt es vordringlich wahrzunehmen. Also: „Was sagen Deine Träume über Dich aus, über Deinen Charakter und Deine Sehnsüchte?“ Das gilt es zu klären. Weil kein Mann glücklich werden kann, der Teile von sich selbst verdrängt. Und das wiederum bedeutet: Manchmal ist es wichtiger, Lebensträume zu haben, als sie in einer konkreten Form umzusetzen. Weil sie uns intensiv helfen, uns selbst zu verstehen. Auch die Illusionen.

Lebensträume sind wegweisend. Trotzdem hat man mit 18 Jahren in der Regel noch keine Vorstellung von der Komplexität des Daseins. Und manches junge Paar, das sein erstes Kind bekommt, stellt verwundert fest, dass der 24-Stunden-Betreuungs-Service eines brüllenden Säuglings mit dem vorher gepflegten Partyleben gar nicht so leicht vereinbar ist. Sprich: Natürlich führt jede Entscheidung (etwa die für eine Familie oder für einen Wohnort) zu Kompromissen. Ja, zu selbst gewählten Abstrichen von ersehnten Lebenszielen. Zumindest in einer bestimmten Lebensphase.

Und dann ist es entscheidend, nicht nur ärgerlich zu fragen: „Was fehlt Dir?“ sondern vor allem zu sehen: „Was hast Du? Wofür hast Du Dich entschieden?“ Welche Facetten Deiner Lebensträume konntest Du Dir erfüllen, auch, wenn sie möglicherweise andere Ideale begrenzen? Jede Entscheidung für etwas ist zugleich eine Entscheidung gegen etwas. Und diesen Schmerz gilt es manchmal einfach auszuhalten.

3. Träume sind Aufforderungen. Sie motivieren uns, mit uns selbst im Gespräch zu bleiben. Das Spannende daran ist jedoch: Ich kann zu einem Ziel auch sehr bewusst „Nein“ sagen. Und die Kernfrage wird irgendwann lauten: Hängt der „Erfolg“ Deines Lebens für Dich von der Erfüllung Deiner Lebensträume ab? Interessante Frage, oder? Hängt der „Erfolg“ Deines Lebens von der Erfüllung Deiner Lebensträume ab? Nur: Wenn dem so ist, bist Du ohnehin zum Scheitern verurteilt. Denn mal unter uns: Wem gelingt es schon, alle seine Träume zu verwirklichen? Ja, man kann sogar frech fragen: Wäre das wirklich wünschenswert? Ein Leben, in dem es keine Lebensträume mehr gibt? Wohl eher nicht.

Wenn der „Wert“ Deines Daseins aber nicht von Umsetzung ganz konkreter Träume bestimmt werden darf, dann gilt es, den Träumen auch den ihnen zustehenden Platz zuzuweisen: Sie dürfen Dich unterstützen, leidenschaftlich sogar, als Anreger und Leitlinien, als Motivatoren und Prüfsteine – aber sie dürfen nicht in einer Form Macht über Dich gewinnen, die etwas in Dir (oder gar um Dich herum) zerstört.

Wenn das gelingt, dann sind Lebensträume wie Leuchttürme: Sie weisen den Weg – aber manchmal stehen sie eben auch auf dem Riff, dem Du ausweichen sollst. Lebensträume bringen Dich – hoffentlich – auf einen guten Kurs. Viel entscheidender ist aber die Frage: Ist das Schiff seetüchtig und die Mannschaft fit?

Nebenbei: Die Frage „Lebe ich das Leben, das ich mir erträumt habe?“ ist ziemlich egozentrisch. Schließlich geht es darin ausschließlich um Dich. Deshalb ist sie trotzdem legitim, aber wenn wir schon beim Thema „Lebensträume“ sind, sollten wir nicht vergessen, dass viele Männer in ihrer Jugend tatsächlich noch von viel mehr geträumt haben, nämlich davon, „die Welt zu retten“.

Ja, sie haben als junge Heißsporne radikale Träume, die weit über die persönliche Entwicklung hinausgehen. Sie möchten etwas Bedeutendes für die Gesellschaft tun, für Gerechtigkeit, Freiheit und die Zukunft der Erde. Sie engagieren sich in Umwelt-Gruppen, demonstrieren für den Frieden, setzen sich für fairere Lebensbedingungen ein und beweisen Zivilcourage. Wie war das bei Dir? Erinnerst Du Dich noch an die Zeiten, in denen Du die Welt verändern wolltest? Oder willst Du es immer noch?

Wenn ja, dann bist Du eher eine Ausnahme. Denn leider sind es oftmals diese höheren „Lebensträume“, die als allererste flöten gehen. Und das ist tragisch, weil dadurch der Horizont der Träumenden ganz klein wird. Wer nur noch ängstlich fragt, wie er sein kleines, individuelles Heil erreichen kann, der wird es schon deshalb nicht schaffen, ein stimmiges Leben zu führen, weil nun mal jeder Mann Teil von größeren Zusammenhängen ist. Und diese Zusammenhänge darf man nicht ignorieren.

Ja, ich behaupte sogar: Glücklich wird man nie unabhängig von der Gesellschaft, in der man lebt, sondern nur in ihr und mit ihr. Darum ist es so grundlegend, dass Du Dir klarmachst, in welchen Dimensionen Du träumst. Geht es Dir nur um Deine privaten Begierden? Oder fragst Du nach dem, was eurer Partnerschaft, Deiner Familie, Deiner Gemeinde, Deinem Land oder Deiner Erde guttäte? Um es auf den Punkt zu bringen: Je stärker in Deinen Träumen die Verantwortung für andere eine Rolle spielt, desto weiser bist Du. (Siehe dazu: Brief an den Kulturfreak)

Natürlich darfst Du Dich dabei nicht vor lauter Altruismus selbst verlieren, aber andersherum geht es eben auch nicht. Persönliche Lebensträume müssen immer vernetzt sein mit den großen Systemen, in denen Du existierst. Zugegeben: Das ist bisweilen ungeheuer kompliziert. Aber erst ein Mann, der die Folgen seines Handelns für andere im Blick hat, kann dann auch beobachten, ob seine Träume für ihn selbst dauerhaft Segen stiften oder nicht.

Insofern wünsche ich Dir, dass Du ein großer Visionär wirst oder bleibst. Einer, der die Folgen seiner Visionen im Blick hat und sich von den „Was wäre, wenn“-Träumen nicht beirren, sondern inspirieren lässt. Denn wer weiß: Vielleicht wagst Du es ja demnächst, den einen oder andern Lebenswunsch intensiver in den Blick zu nehmen. Dann tue es. Nicht aus Verzweiflung, sondern mit dem liebevollen Blick für das, was Dir und der Welt guttut.


Brief an den Ängstlichen

Hallo, wilder Zweifler!

Da bin ich wieder. Und sorry, dass es gleich am Anfang meiner Briefe so zur Sache geht. Aber manchmal muss das eben sein. Also: Gerade haben wir uns mit den Fragen der Lebensträume beschäftigt – und jetzt würde ich gerne mit Dir ein wenig über Ängste nachdenken. Deine Ängste. Mann o Mann!

Ja, stimmt. Das ist kein leichtes Thema. Gerade für uns Männer. Weil es noch immer zu den scheinbar absoluten Tabus einer coolen Macho-Gesellschaft gehört, über seine Sorgen und Nöte zu reden. „Hey, so was macht man nicht, kapiert?“ Das klingt viel zu sehr nach Weichei und Selbsthilfegruppe: „Hallo, ich bin der Jürgen. Und ich bin ein anonymer Schisser!“ Uahh ...

Nur: Dass man über etwas nicht redet, verändert leider nichts. Schon gar nicht die Realität. Auch wenn wir diesem bescheuerten Irrtum immer wieder unterliegen. Ja, wir glauben in unserer Naivität:

• „Wenn ich nicht über den Tod rede, dann werde ich ganz bestimmt nicht sterben.“

• „Wenn ich meine Eheprobleme nicht anspreche, dann lösen sie sich garantiert von selbst.“

• „Wenn ich meinem Chef nicht sage, dass ich kurz vor dem Burn-out stehe, dann tue ich der Firma einen Riesengefallen.“

• „Wenn ich nicht wahrhabe, dass mein Fußballverein auf dem letzten Tabellenplatz steht, dann wird er garantiert nicht absteigen.“

So ein Unfug! Wie kann man sich nur so in die Tasche lügen? Mann kann!

Das Erstaunliche ist: Obwohl wir alle wissen, dass es nichts hilft, heikle Themen zu verschweigen, tappen wir alle immer wieder in diese Falle. Wir bilden uns dann ernsthaft ein: „Worüber ich nicht spreche, das gibt es nicht.“ Hä? Ja, so sind wir Männer! Seltsam, oder? Natürlich kann ich bestimmte Themen totschweigen, aber dadurch werden sie doch meist im Untergrund nur umso einflussreicher und mächtiger. Ich würde sogar behaupten: Manche Dinge bestimmen unser Leben gerade deshalb so sehr, weil wir uns ihnen nicht stellen wollen. Sie zerfressen uns quasi von innen heraus – aus den finsteren Winkeln unserer Seele, in die wir sie unbedingt verbannen wollten. Sie kommen zurück – als furchterregende Guerilla-Kämpfer. Eiskalt und unberechenbar.

Darum ist es so absurd, wenn zum Mann-Sein angeblich immer noch die Aura des „Ritters ohne Furcht und Tadel“ gehört. So ist die Welt noch nie gewesen. Oder kennst Du einen Mann, der keine Ängste hätte? Ich nicht. Aber ich kenne unendlich viele „harte“ Jungs, die ernsthaft denken, man dürfe – um es mit Star-Trek-Begriffen zu sagen – seine Schutzschilde nicht herunterfahren. „Über Ängste redet man nicht. Basta.“ Nun, sagen wir doch mal offen, wie es in Wirklichkeit ist: Nur Angsthasen reden nicht über ihre Ängste.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es Dir guttut, Dich mit dem Ängstlichen in Dir auseinanderzusetzen. Mit dem Mann, der allzu oft Sorge hat, nicht gut genug zu sein, der fürchtet zu versagen, der die ganze Zeit den Druck empfindet, ein guter „Verdiener“ zu sein, mit dem unsicheren Zeitgenossen, der die Verantwortung für den „Lebensstandard“ der Familie und das noch nicht abbezahlte Haus wie ein schweres Joch auf seinen Schultern fühlt und sich den nicht enden wollenden Herausforderungen des Alltags oftmals einfach nicht gewachsen fühlt. Kennst Du diesen Mann in Dir? Wenn ja, dann lass uns überlegen, wie wir ihn unterstützen können. Wenn nein, dann solltest Du ihn schleunigst kennenlernen. Denn er ist da. Glaub mir: Er ist ein Teil von Dir. Ob Dir das gefällt oder nicht.

Das Verrückte dabei ist, dass Du in Dir Persönlichkeitsanteile voller Angst hast, das willst Du ja nicht nur vor den anderen, sondern auch vor Dir selbst verbergen. Darum entwickelst Du – wie alle anderen Männer – ziemlich kluge Mechanismen, um Dich den Sorgen nicht stellen zu müssen? Witzigerweise nimmst Du viele dieser Schutzmechanismen bei Dritten sehr kritisch wahr, nur bei Dir selbst klingen sie ganz überzeugend. Hier ein paar Beispiele:

• „Dass etwas im meinem Leben nicht klappt, daran sind nur die Umstände schuld.“

• „Mir werden andauernd von irgendwelchen Leuten Steine in den Weg gelegt.“

• „Wenn ich nur so könnte, wie ich wollte, dann wäre alles ganz einfach.“

• „Ich hatte es schon immer viel schwerer als alle anderen. Darum läuft es nicht so.“

Die Ängste vor dem Leben sind die ganze Zeit in uns, aber wir reden uns cool ein, äußere Faktoren wären dafür zuständig, dass wir nicht alles im Griff haben. Weil wir uns davor fürchten, uns selbst infrage zu stellen. Eigentlich bescheuert. Denn es ist ja gar keine Schande, der eigenen Begrenztheit mal Ausdruck zu verleihen. Natürlich bist Du nicht perfekt. Kein Mann ist es. Und der Einzige, der sich das nicht eingestehen will, bist Du selbst. Wie schade, denn damit verleugnest Du zugleich einen äußerst wichtigen Teil Deiner Persönlichkeit. Ja, der Ängstliche gehört doch auch zu Dir.

Mich würde interessieren: Hast Du Dich schon einmal hingesetzt und aufgeschrieben, was Dir im Leben Angst macht? Was Dich bedrückt und bedrängt? Was Dich manchmal nicht schlafen lässt? Das solltest Du mal machen. Es hilft. Weil es Dir wesentliche Charakterzüge Deines Wesens offenbart. Aber nicht nur das: Eine Angst, die man benannt hat, verliert auch augenblicklich ganz viel von ihrer Kraft. Wirklich. Es gibt dazu eine berühmte Geschichte, in der Jesus einem Mann begegnet, der von einem Dämon besessen ist. Und was macht Jesus? Ganz einfach: Er fragt den bösen Geist als Allererstes: „Wie heißt du?“ Weil etwas, das einen Namen hat und mit dem wir uns offen auseinandersetzen können, lange nicht so furchterregend ist, wie das, was im Halbdunkel unserer Gedanken umherschleicht. Frage also Deine Ängste: „Wie heißt ihr?“ Nimm ihnen die Möglichkeit, sich im Geheimen zu Gruselwesen zu entwickeln.

Ich weiß natürlich nicht, welche Ängste Du auf Deinem Zettel notieren würdest, aber ich nehme mal stark an, dass dahinter – wie bei fast allen Männern – zwei Urängste erkennbar würden. Die eine ist die furchtbare Angst, nicht gut genug zu sein, die andere die damit verbundene Sorge, den unzähligen Anforderungen, die von allen Seiten an uns zerren, nicht gewachsen zu sein.

„Ich kann das nicht!“ und „Ich schaff das nicht!“ stehen für die zwei großen Angst-Ungetüme, die uns Männern regelmäßig zu schaffen machen. Wir möchten doch so gerne alles im Griff haben und alles hinbekommen – und entdecken an vielen Stellen, dass uns die Aufgaben trotz besten Willens über den Kopf wachsen: „Was ist, wenn ich es nicht hinbekomme? Zum Beispiel, weil ich so erschöpft bin und andauernd an meine Grenzen stoße?“

Diese Sorgen sind verständlich: Einerseits fürchten wir uns vor den vielen möglichen Folgen des Versagens – eine Kündigung, die Aufgabe bestimmter Luxusgüter oder einen massiven Ansehensverlust – viel gravierender ist aber sicherlich die tief sitzende Angst, man könne uns nicht mehr lieb haben. Ja, was ist, wenn man mich nicht mehr schätzt und achtet? Als Kollegen, als Ehemann, als Vater? Was ist, wenn Du den Erwartungen nicht entsprichst und fallen gelassen wirst wie eine heiße Kartoffel?

Wir leben alle von der Anerkennung, und wenn wir befürchten, diese Anerkennung zu verlieren, flößt uns das schreckliche Angst ein. Eine so große Angst, dass wir lieber die Wirklichkeit verbiegen, dass wir bereit sind, anderen zu schaden, oder dass wir uns selbst ausbeuten, um nur ja niemals in diese Situation kommen zu müssen.

Allerdings ist das natürlich ein sehr brisanter Zustand. Solange ein Mann fortwährend das Gefühl hat, er müsse sich die Anerkennung seiner Umwelt verdienen, bzw. er bekäme sie nur für entsprechende Leistungen – so lange wird er auch unter Strom stehen und sich selbst verrückt machen. Und so lange wird er auch voller Sorge sein, er könne irgendwann den Erwartungen seiner „Anerkennungsspender“ nicht mehr genügen. Sprich: Der Dauerstress ist programmiert. Solange das Spiel „Anerkennung gegen Erfolg“ heißt, bleibst Du ein Abhängiger Deines Outputs. So lange darfst Du Dir keine Fehler, keine Krankheiten, keine Freiheiten und keine Freizeit gönnen. Ein fataler Denkfehler, den wir aber alle begehen.

Erich Fromm hat in seinem Buch „Haben oder Sein“ klug ausgeführt, dass es letztlich nur zwei Arten gibt, wie man sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen kann. Entweder man definiert sich über das, was man hat – oder man definiert sich über das, was man ist. Natürlich weist er mit Nachdruck darauf hin, dass wir versuchen sollten, uns nicht mehr über das „Haben“, sondern über das „Sein“ zu definieren. Und da sind wir beim Kern der Sache. Letztlich funktioniert unser Streben nach Anerkennung nämlich ausschließlich nach den Regeln des „Habens“. Du willst etwas bekommen, nämlich Anerkennung! Du bestimmst Deinen Wert über die Rückmeldungen Deiner Umwelt. Und je mehr Anerkennung Du bekommst, desto besser fühlst Du Dich. Vermeintlich jedenfalls. Und immer nur für einen Moment. Weil das Haben-Muster ja niemals aufhört. Weil wir nie an den Punkt kommen, an dem wir glauben, so viel zu haben, dass es genügt. Das Haben-Muster ist ein Kreislauf des Begehrens, der kein Ende kennt.

Entscheidend im Umgang mit unseren Ängsten ist deshalb die Arbeit an unserem Sein. Und so wie unsere Partnerin und unsere guten Freunde hoffentlich auch dann zu uns stehen, wenn es im Job mal nicht so gut läuft, sollten wir das auch selbst tun: Wir sollten lernen, zu uns zu stehen. Unabhängig von der aktuellen Bilanz unseres Handelns. Und wir sollten froh über uns sein, selbst wenn gerade vieles schiefgeht.

Die mittelalterlichen Mystiker haben für diesen Zustand einen wunderbaren Begriff erfunden, den ich über alles liebe. Er heißt: Gelassenheit. Ja: Gelassenheit. Was für ein herrliches Wort! Und gemeint ist damit: Ein Mann, der in sich ruht und seinen Wert nicht über sein „Haben“, sondern über sein „Sein“ erhält, der kann das Leben gelassen angehen. Trotzdem wird er nicht weniger aktiv an die Gestaltung seiner Aufgaben herangehen, im Gegenteil: Er kann ohne die Bremse des „Was ist, wenn es schiefgeht?“ leben, und er wird vom Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens nicht auf seinen Wert schließen. Und das ist eine echte Gnade. Ein heilvoller Zustand.

Natürlich zogen die Mystiker ihre Kraft dabei vor allem aus ihrem Glauben. Sie waren der festen Überzeugung: Dass Gott uns liebt, dass er für mich und für Dich Mensch geworden ist, das macht unsere Existenz schon derart wertvoll, dass äußere Kriterien dagegen relativ unbedeutend werden. Ja, die Mystiker waren leidenschaftliche Menschen, aber sie bezogen ihre Stärke nicht aus irdischen Erfolgserlebnissen, sondern aus der Liebe Gottes. Oder, um es ein wenig poetischer zu sagen: Wenn der Schöpfer des Himmels und der Erde mich für wertvoll hält, ist das wichtiger als jede Anerkennung von Menschen.

Deshalb solltest Du Dich bei der Auseinandersetzung mit Deinen Ängsten weniger fragen, was Du an materiellen Dingen gewinnen oder verlieren kannst, sondern prüfen, ob Dein Lebensfundament so stark ist, dass es allen äußeren Stürmen trotzen könnte. Weil dann die Ängste ganz schnell ihre Macht verlieren. Verstehst Du jetzt, warum mir das Thema „Ängste“ so wichtig ist? Weil es etwas darüber aussagt, was uns im Innersten Halt gibt. Hier sind übrigens noch ein paar ganz konkrete Anregungen für den Umgang mit der Angst:

1. Nimm Dir regelmäßig Zeit, vor Dir selbst, aber auch vor und mit anderen, über Deine Befürchtungen und Sorgen zu reden. Weil der offene Umgang damit auf jeden Fall besser ist, als eine wie auch immer geartete Form der Verdrängung. Wer seine Ängste unterdrückt, der lebt nämlich letztlich in einer Art Scheinwelt, weil er grundlegende Bausteine seines Daseins ausblendet. Das mag nach außen hin auch eine Zeit lang funktionieren, es bringt aber eine dauerhafte Ebene der Falschheit in Dein Handeln, eine Ebene des Ausgeschlossenen, die dazu führt, dass Du nie in einem ganzheitlichen Sinn heil werden kannst. Und ich befürchte: Solange Du das Lebendige in Dir durch etwas Mechanisches wie eine verborgene Angststruktur belastest, wirst Du immer ein Unbehagen empfinden.

2. Mach Dir bewusst, dass unterdrückte Ängste Konsequenzen haben. Schließlich bringen sie eine schmerzhafte Unehrlichkeit in unser Mann-Sein. Warum? Nun, wer sich seinen Ängsten nicht stellt, der ist andauernd gezwungen, vor sich selbst und vor seiner Umwelt seine Angst auf unterschiedlichste Art zu überspielen. Und es ist kein Zufall, dass eigentlich die meisten männlichen Unarten – Aggression, Brutalität, Unbelehrbarkeit – auf unterdrückte Ängste zurückgeführt werden. Weil wir Männer uns die Furcht nicht eingestehen wollen, überspielen wir sie mit abstoßenden Formen der Machtausübung: „Seht her, wie stark ich bin. Wer so stark ist, der hat doch keine Angst.“ Nur ist es in Wirklichkeit genau andersherum: „Wer keine Angst hat, der hat es nicht nötig, andere klein zu halten.“

3. Erstaunlicherweise geistert in unseren Köpfen immer noch ein Ideal herum, das uns das Leben richtig schwer macht. Dieses Ideal lautet: „In einem gelungenen Leben läuft alles gut.“ Ich habe keine Ahnung, wer diese verkorkste Theorie in die Welt gesetzt hat, aber sie steht weder in der Bibel, noch in sonst einem guten Buch. Und trotzdem leben wir alle danach. Ja, wir sind der Überzeugung, dass wir einen Weg gehen sollten, der gradlinig nach oben führt, von einem Erfolg zum nächsten. Nur hat uns das nie einer versprochen. Wie gesagt: auch Gott nicht. In jedem Lebenslauf gibt es Hochs und Tiefs, traumhafte Erfahrungen und schmerzvolle Erlebnisse. Und manche Menschen behaupten sogar, dass gerade die harten Momente ihnen etwas von den Geheimnissen des Lebens offenbart haben. Nur: Wenn dem so ist, wenn das Leben weder als Dauerparty gedacht war, noch sinnvoll wäre, dann können wir vielleicht etwas entspannter akzeptieren, dass selbst der perfekteste Mann bisweilen ins Stolpern gerät. Das ist nicht tragisch, das ist nur menschlich.

4. Männer tun sich mit ihren Ängsten auch deshalb so schwer, weil sie ja irgendwie – ich habe es schon angedeutet – doch alle denken, sie müssten die Welt retten. Ich habe in einer Klinik Männer gesehen, die hatten gerade ihren dritten Herzinfarkt, saßen im Krankenzimmer vor ihrem Laptop und sagten: „Der Arzt meinte, ich dürfte nichts machen. Aber wenn ich nicht mehr für meine Firma da bin, dann bricht doch alles zusammen.“ Was für ein Angstsyndrom! Und was für ein perverses Gefühl: Wenn ich nicht da bin, bricht alles zusammen. Darauf gibt es nur zwei Antworten. Erstens: „Wenn ohne Dich alles zusammenbricht, dann hast Du ohnehin einen ganz miesen Job gemacht. Denn Du hättest ja rechtzeitig gute Vertretungsstrukturen schaffen können.“ Und zweitens: „Wenn Du morgen stirbst, dreht die Welt sich auch weiter.“ Darum ermutige ich Dich, Dir immer wieder zu sagen: „Ich muss die Welt nicht retten.“ Fromme Menschen werden hinzufügen: „Die Welt ist schon gerettet.“

5. Die Gelassenheit, von der ich oben gesprochen habe, lässt sich ganz schön in einem Bild zusammenfassen, das in christlichen Kreisen gerne benutzt wird: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich bin sicher, dass dieses Wissen für Glaubende das entscheidende Argument gegen die Angst ist. Natürlich kann ich materiell und emotional viel verlieren, aber ich werde daran nicht zugrunde gehen, wenn mein Innerstes fest verankert ist. Wenn es ermutigende und tragfähige Zusagen des Himmels gibt, denen ich vertraue. Wenn ich weiß, dass ich niemals ins Bodenlose stürze.

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23 dekabr 2023
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