Kitabı oxu: «Sprechen wir über Europa»

Şrift:

Sprechen wir über Europa

Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Für die Unterstützung des Buchprojekts danken wir:

André von Graffenried, Tagesschule Sesam in St. Wolfgang/Düdingen

Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs) Valeria Caflisch

Karin Beyeler und Andreas Baumgartner Gerhard E. Schmid

Für die freundliche Genehmigung der Abdruckrechte danken wir dem Carl Hanser Verlag und dem Stämpfli Verlag.

Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Lektorat:

Rachel Camina, Hier und Jetzt

Gestaltung:

Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich

Satz und Bildbearbeitung:

Benjamin Roffler, Hier und Jetzt

Druck und Bindung:

CPI books GmbH, Ulm

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-478-0

ISBN E-Book 978-3-03919-951-8

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

© 2019 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz

www.hierundjetzt.ch


Inhalt

Einleitung

Gret Haller (*1947)

Auszug aus Europa als Ort der Freiheit, 2018

Lukas Bärfuss (*1971)

Die Schweiz ist des Wahnsinns, FAZ 15.10.2015

Peter von Matt (*1937)

Rede zum 1. August auf dem Rütli, 2009

Ben Vautier (*1935)

La Suisse n’existe pas, Weltausstellung in Sevilla, 1992

Jean Rudolf von Salis (1901–1996)

Rede am Jahreskongress der Europa-Union in Locarno, 4.10.1974

Karl Schmid (1907–1974)

Meditation über Europa, Rede in Berlin, 6.10.1957

Denis de Rougemont (1906–1985)

L’esprit européen, discours, tenu aux 1. Rencontres Internationales à Genève, 8.9.1946

Hans Bauer (1901–1995)

Wahneuropa oder Paneuropa, Rede in Basel, 10.11.1933

Paul Seippel (1858–1926)

Offener Brief an General Wille, National-Zeitung, 11.5.1920

Felix Ludwig Calonder (1863–1952)

Rede vor der eidgenössischen Bundesversammlung, 6.6.1918

Anhang

Einleitung

Um offen zu sein: Für das politisch organisierte Europa – die heutige Europäische Union – begann ich mich erst zu interessieren, als Griechenland in die schwere Krise schlitterte und ich auf einer Reise nach Athen zu einem Freund erstmals die Begriffe Troika und Staatsverschuldung hörte. Von Athen kehrte ich mit dem Eindruck zurück, Europa sei abzuschaffen. Wenig später startete ich bei der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs) ein Praktikum. Was als pseudorevolutionäre Idee ihren Anfang nahm, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Mein Arbeitsbeginn war der 3. Februar 2014, eine Woche bevor die Masseneinwanderungsinitiative angenommen und das Sekretariat der Nebs mit Anmeldungen für eine Neumitgliedschaft überflutet wurde. Ich erschrak sehr. Wie kamen die Menschen dazu, für ein Europa einzustehen, das kleine Mitgliedstaaten wie Griechenland und Portugal mit hanebüchenen Fiskalregeln drangsalierte und sich offensichtlich nicht um demokratische Mitspracherechte kümmerte? Mir wurde bewusst, dass es offenbar gute Gründe gab, trotz Wirtschaftskrise und Demokratiedefiziten weiterhin an ein geeintes Europa zu glauben. Auf der Suche nach diesen Gründen habe ich eine Faszination erfahren, eine Hingabe, eine Begeisterung für ein politisches Projekt, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs traf ich schliesslich auf Menschen wie Gret Haller oder André von Graffenried. Ich spürte ihre Leidenschaft für ein geeintes Europa, aber auch ihre Ängste und ihre Verunsicherung.

Mir wurde klar, dass die ambivalente Beziehung zu Europa für die Schweiz eine existenzielle Dimension hat: Sie definiert sich über sie, sei es in Abgrenzung oder als Modellfall. Läufts schief in Europa, rühmt sich die Schweiz sofort eines Besseren. Gelingt hingegen etwas, so weiss die Schweiz darauf hinzuweisen, dass sie als Vorbild dafür diente. Dieser Reflex existiert nicht erst, seit sich die Nachbarn in der EU organisiert haben. Er besitzt eine lange Geschichte.

Die zehn Reden und Texte, welche für dieses Buch ausgewählt wurden, stehen für drei spezifische helvetisch-europäische Themenkomplexe: Erster und wohl prominentester Gedanke ist die Idee, dass die Schweiz Europa ein Vorbild sein könne. Alle im Folgenden präsentierten Personen arbeiteten sich an dieser Thematik ab. Einig sind sie sich darin, dass die vielsprachige Schweiz etwas genuin Europäisches in sich trägt. Das Wesen der Schweiz «als eine vielgestaltige, in mehreren Sprachen redende, viele Meinungen bekennende Volksgemeinschaft», wie es Jean Rudolf von Salis beschreibt, ist tatsächlich einzigartig in Europa: Weder entsprechen die Sprach- den Konfessionsgrenzen, noch sind städtische Ballungszentren bestimmend für Kantonsgrenzen. Der vielfältigen politischen Zusammenarbeit sind damit kaum Grenzen gesetzt. Hinzu kommen die direktdemokratische Beteiligung der Bevölkerung sowie der föderale Aufbau der politischen Schweiz. Was von aussen betrachtet seine Schwierigkeiten in der augenscheinlichen Schwerfälligkeit hat, ist für die Schweizerinnen und Schweizer Ausdruck von Mitbestimmung und Schutz der Minderheiten. Wir alle wissen um die Dauer politischer Prozesse in der Schweiz: «Die wirklichen Abläufe geschehen» bei uns eben «gletscherhaft langsam in der Tiefe», so Peter von Matt. Unser politisches System fördert offenbar den Ausgleich, dominierende Parteien und Politiker werden früher oder später abgestraft, Kompromisse sind möglich, die vernünftige Mehrheit setzt sich – im Gegensatz zu den «Anhängern des Machtkultus», wie es Paul Seippel nennt – durch. Die vielgestaltige Schweiz bewegt sich stärker, als von aussen wahrgenommen wird. Was die politischen Grundkonzepte des Föderalismus und der direkten Demokratie betrifft, kann Europa von der Schweiz lernen, darüber sind sich die nachfolgend vorgestellten Personen einig. In dieser Idee enthalten ist auch der Gedanke der Weiterentwicklung: Das Projekt Europa ist noch längst nicht abgeschlossen, es kann und muss sich fortentwickeln. Begreift sich Europa als Projekt, das in einem demokratischen «Aushandlungsprozess», so Gret Haller, immer weiter ausgestaltet wird, so wird es auch zukunftsfähig sein.

Damit Europa gelingen kann, braucht es den politischen, mündigen Bürger, nicht das Individuum und nicht das Kollektiv, sondern die «freie und verantwortliche Person», sagt Denis de Rougemont; auch darüber herrscht Einigkeit bei den Autoren. Womit wir bei der zweiten Thematik dieses Buches sind: Europa als Ort der Aufklärung. Europa beginnt für die hier vorgestellten Schweizer Intellektuellen «mit der Aufklärung» und diese Aufklärung wiederum «mit einer Frage», so Lukas Bärfuss. Grundvoraussetzung für dieses aufgeklärte Europa ist der Gedanke der Gleichheit der Person in ihrer Unterschiedlichkeit. Ein jeder Mensch hat die gleichen Rechte, wiewohl er sich als Person von allen anderen Personen unterscheidet. Dasselbe gilt natürlich für grössere Einheiten, für Regionen, für Völker, für Nationen ebenso: Das aufgeklärte Europa, das ist nach Ben Vautier die «Gleichheit der Völker in ihrem Recht auf Verschiedenartigkeit». Als nichts anderes als ein «hohes Menschheitsideal» beschreibt es Felix Ludwig Calonder. Mag es in der Bundesratsrede vor 100 Jahren auch etwas pathetisch klingen, am Grundsatz lässt sich nicht rütteln. Als klare Befürworter der europäischen Aufklärung ragen die Persönlichkeiten aus der an sich schon kleinen Masse Schweizer Intellektueller heraus: Sie versuchen Verantwortung zu übernehmen in einer Schweiz, die sich auffallend häufig schwertut, für die europäische Aufklärung das Wort zu ergreifen.

Europa und die versammelten Autoren erlebten in verschiedenen Kriegen immer wieder, was geschieht, wenn das Trennende stärker wird als das Verbindende. Wenn die «Krankheit des Nationalismus», so Hans Bauer, überhandnimmt, dann ist auch die kleine, neutrale Schweiz betroffen und bedroht. Das ist die dritte Thematik dieses Buches: das Gefühl der Verwundbarkeit in der Schweiz, das Wissen um die Abhängigkeit vom Goodwill unserer grossen Nachbarnationen. Damit verbunden ist der Reflex der Ablehnung, der Wille zur Isolation, der Gedanke, dass man von den grossen Ereignissen in der Welt am liebsten in Ruhe gelassen werden möchte. Was die zehn hier vorgestellten Persönlichkeiten in diesem Punkt verbindet, ist ihre konsequente Ablehnung dieser Idee. Sie sehen in der Isolation eine grosse Gefahr, der nur über eine Verbindung mit Europa entgegnet werden kann. Für diese Verbindung muss eingetreten werden, auch wenn die europäischen Nachbarn Fehler machen. Zusammenarbeit ist offensichtlich fruchtbarer – und letztlich sicherer – als Ablehnung und Isolation. Wenn wir also, wie ich das bis vor wenigen Jahren ebenfalls getan habe, Europa verachten für seine Fehler, für sein Demokratiedefizit etwa oder für seine Haltung an der Grenze im Mittelmeer, so ist es durchaus möglich, dass wir das aus einer unbewussten Angst tun, einer Art «Unbehagen im Kleinstaat», wie Karl Schmid es nennt. Die Angst also der verwundbaren, aber bislang verschont gebliebenen Schweiz in Europa: die Angst vor übergreifendem Zentralismus und Rationalismus, die Angst vor dem Befehl, die Angst vor dem Recht des Stärkeren, die Angst davor, dass der Vielfalt und damit der europäischen Aufklärung enge Grenzen gesetzt werden. Alle zehn Autorinnen und Autoren begegnen dieser Angst mit der Aufforderung nach mehr Zusammenarbeit, nicht nach mehr Abgrenzung.

Es heisst manchmal, es mangle der Schweiz an starken Persönlichkeiten. Diese Schelte widerlegen die zehn Denkerinnen und Denker. Über einen Zeitraum von 100 Jahren setzten sie sich vor dem jeweiligen zeithistorischen Hintergrund intensiv mit dem Verhältnis der Schweiz zu Europa auseinander. In einem Essay werden jeweils die Person und ihr biografischer Hintergrund beleuchtet. Es findet eine Einordnung statt, wann, weshalb und wo die nachfolgende Quelle publiziert oder die Rede gehalten wurde, allenfalls auch, welche Resonanz das Gesagte hatte. Die zehn Personen zeichnet Folgendes aus: Sie blicken kritisch auf Europa, sie suchen nach neuen Lösungen, sie stellen sich Fragen, sie sprechen über die Schweiz und Europa, sie befassen sich aktiv mit dieser Beziehung und widerstehen einer passiven Ablehnung. Die Reihenfolge der Texte ist chronologisch. Begonnen wird in der Gegenwart mit einem Text von Gret Haller aus dem Jahr 2018, den Schluss bildet eine Rede von Bundespräsident Felix Ludwig Calonder von 1918 zur Frage des Völkerbunds. Diese Reihung, dieser Blick zurück von den heutigen Debatten und Herausforderungen auf die damaligen Auseinandersetzungen, zeigt die verblüffende Aktualität der Reden. Damit erschliesst sich die zeithistorische Dimension über den weiten Bogen, der über «100 Jahre Nachdenken über die Schweiz und Europa» geschlagen wird.

Diese Arbeit hat mir klar vor Augen geführt, dass die Schweiz in der heutigen, globalisierten Welt im Alleingang nur verlieren, in der Zusammenarbeit mit Europa aber gewinnen kann. Dieser Gewinn sollte gegenseitig sein, so selbstbewusst darf die Schweiz durchaus sein. Und so selbstbewusst haben es auch viele Rednerinnen und Redner in diesem Buch formuliert. Sprechen wir über Europa und beziehen dabei ein, was dazu in den vergangenen 100 Jahren gedacht und gesagt wurde, so eröffnen sich neue Perspektiven, und die Zukunft gewinnt an Schärfe.


Gret Haller (*1947)

Die Politikerin und Anwältin Gret Haller setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass die künstlich geschaffene Ordnung in eine «äussere», und damit «männliche», und in eine «innere», «weibliche» Welt überwunden wird. Eisern hat sie während ihres gesamten Lebens an den Prinzipien der Offenheit, der Gleichheit und der Zukunftsorientierung festgehalten und findet so in ihrem neuesten Buch über Europa zur Geburt des weltoffenen und dialogbereiten «Europabürgers».

2018: Zahlreiche Krisen halten Europa in einer sonderbaren Lähmung gefangen. Es fehlt an Ideen. Da ist wohl ein Emmanuel Macron, der mit seiner Bewegung «En Marche» für ein progressives Europa einsteht. Doch mag man vor dem Hintergrund der aktuellen Protestwelle wirklich an eine Veränderung glauben? Glatt wirkt der französische Präsident, zu nah bewegt er sich an den elitären Kreisen der Pariser Wirtschaft und des Militärs. In Deutschland bleibt Kanzlerin Angela Merkel seit Jahren matt und lässt sich von der bayerischen CSU drangsalieren. Begleitet von grossen Friktionen verabschieden sich Theresa May und Grossbritannien aus der EU. Die Visionen werden aus der Vergangenheit entlehnt: Man spricht wieder von der «Nation» als Körper einer ethnischen Gemeinschaft. Man ruft wieder «Deutschland den Deutschen» oder «Ausländer raus».

Gret Haller, Ehrendoktorin der Universität St. Gallen, formuliert einen Zukunftsentwurf für Europa: Sie sieht in der europäischen Integration das Entstehen einer neuen Form von «Staatlichkeit», im Sinne einer staatspolitischen Identität, einer Gleichheit, die über den Begriff der Nation hinausgeht. Wie lassen sich diese Überlegungen politisch vermitteln? Wie kann sich ein politischer Wille entfalten?

Wer mit Gret Haller das persönliche Gespräch sucht, wird schnell mitgerissen von ihrem Tatendrang und ihrer Lust am Widerstand, am Widerstreit. Man merkt: Diese Frau sucht die Auseinandersetzung. Nicht die schlichte Provokation. Die offene Auseinandersetzung auf Augenhöhe, mit Respekt für die Meinung des Gegenübers. Gleichheit, wie sie die Französische Revolution forderte, ist der zentrale Begriff im Denken und Handeln Gret Hallers, und er war der Ausgangspunkt und die Leitlinie ihrer juristisch-politischen Tätigkeit. Ihr Lebensweg ist für eine Schweizerin aussergewöhnlich – ihre Laufbahn äusserst erfolgreich, sie führte sie bis weit nach Europa.

Im Alter von 25 Jahren reicht Gret Haller in Zürich ihre Doktorarbeit zur Stellung der Schweizer Frau verglichen mit den UNO-Menschenrechtskonventionen ein. Sie benennt darin die Diskriminierung der Frau als eine Folge der Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern. «Innerhäusliche Aufgaben» sind der Frau zugewiesen, während dem Mann die Aufgabe des Ernährers und andere «ausserhäusliche Aufgaben»1 zufallen. Das Risiko für beide Parteien, also für den Mann und die Frau, aus den herrschenden Rollenbildern auszubrechen, sei nur schon finanziell sehr hoch. Zudem sei die Vorstellung verbreitet, dass die Frau eine höhere Bildung nicht nötig habe, da sie sich in der Ehe in erster Linie um den Haushalt zu kümmern habe und nicht um ihre beruflichen Möglichkeiten. Die Diskriminierung der Frau in der schweizerischen Gesellschaft lässt sich laut Gret Haller folglich nur beheben, wenn «das Familienrecht beiden Ehegatten grundsätzlich zu gleichen Teilen die Verantwortung für den Familienunterhalt, die Kinderbetreuung und die Haushaltführung auferlegt».2 Gleichheit bedeutet für Gret Haller also erst einmal, die privaten und gesellschaftlichen Verantwortungen – und damit auch Entlohnung und Anerkennung – gleich aufzuteilen. Ist die familiäre Verantwortung egalitär auf die Schultern der Frau und des Mannes verteilt, so wird sich auch die übrige Gleichstellung ergeben, ist Haller überzeugt: Die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger würden diese Entflechtung der klaren Rollenverteilung in der Familie früher oder später auch in ihren Tätigkeitsbereichen übernehmen müssen.

Nach ihrer Dissertation arbeitet Gret Haller zunächst in einem Büro für Architektur und Raumplanung, dann ab 1975 als Sachbearbeiterin für die eben in Kraft getretene Europäische Menschenrechtskonvention im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement in Bern. Bern ist ein Wendepunkt im Leben Gret Hallers. Sie tritt in jenem Jahr in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz ein und wird schon bald politisch aktiv. Sie habe, so sagt sie später, «einfach gemerkt, wie viel nicht stimmt», und habe sich dann überlegt, was sie «tun wolle».3 Schon zwei Jahre später wird sie ins Berner Stadtparlament, den Stadtrat, gewählt. Ihre politische Karriere beginnt. Sie gründet eine private Anwaltskanzlei und wird Ende 1984 in die Stadtberner Exekutive gewählt, wo sie die städtische Schuldirektion übernimmt. Im Gemeinderat muss sie sich als einzige Frau gegen sechs männliche Kollegen behaupten. Sie lernt, «konfliktfähig»4 zu sein, und sie lernt abzuwägen. «Überall, wo man mitmacht», sagt sie kurz nach ihrer Wahl in den Gemeinderat, «wägt man ab, wie häufig man sich querstellen will.»5 Sie lernt die Funktion von Macht kennen, lernt, «wann man hart sein muss und wann weich und offen».6 Offen sein, offen bleiben, auch wenn die Macht verlockend ist, persönlich, aber auch als Gesellschaft. Offenheit, das ist der zweite zentrale Begriff im Leben Gret Hallers, daneben verwendet sie oft Wörter wie «Diskussion», «Neugier», «Prozess», «Zuhören», auch «Möglichkeit» und «Wille». Sie fordert von sich selbst und von ihren Zeitgenossen die Diskussion. Eine Diskussion, deren Ausgang ergebnisoffen ist; Meinungen können revidiert, verworfen, erneuert werden, alles ist erlaubt.

Eine Diskussion versucht Gret Haller auch an jenem denkwürdigen 17. November 1987 zu führen. Die Berner Alternativszene hat im Gaswerkareal ein Zelt- und Wagendorf, das «Zaffaraya», errichtet. Die Polizei hat bereits den Räumungsbefehl erteilt, man gibt sich unnachgiebig. Ein letztes Mal versucht Gemeinderätin Gret Haller unter den Augen der Medien, die Bewohner des Dorfes zum Nachgeben und zu weiteren Verhandlungen zu bewegen. Die einzige Frau im Gremium stellt sich offen gegen das Vorgehen des Gemeinderats. Noch heute denkt Gret Haller, dass es auch diese Aktion war, die zu ihrer Abwahl aus dem Gemeinderat führte. Der Dialog aber gilt ihr als zentrale Aushandlungsform in einer Gesellschaft; er ist ein Gut, das verteidigt werden will. Das harte Durchgreifen der Polizei bei der Räumung des «Zaffaraya» war für sie auch eine Demonstration der Gesprächsverweigerung. Zur Gewaltanwendung bei der Räumung des Areals sagt Haller kurz nach den Vorgängen in einem Interview: «Das ist Krieg.»7

Für Gret Haller ist eine freie politische Diskussion nur in einer Demokratie möglich. Nur die Demokratie lasse verschiedene Meinungen zu, was wiederum «eine pluralistische Gesellschaft […], in der es unterschiedliche Meinungen gibt, die öffentlich ausdiskutiert werden»,8 voraussetzt. Durch demokratische Teilhabe eröffnet sich für Gret Haller die Möglichkeit der Veränderbarkeit. Die Menschen in einer Demokratie treten in einen «Aushandlungsprozess»9 miteinander. Damit weist die Demokratie in die Zukunft.

Zukunftsorientierung ist das dritte wichtige Anliegen Gret Hallers. Ihre Politik dient nicht dem Heute, vielleicht dient sie dem Morgen, ganz klar dient sie den nächsten Generationen. «Säen», sagt sie einmal, «säen lohnt sich immer, auch wenn man erst in vielen Jahren ernten kann.»10 Zukunftsorientierung ist eine Frage der Geduld. Geduldig sein, sich in Geduld üben, das verlangt Gret Haller immer wieder, auch von sich selbst. Sie erlebt das in ihrer Karriere, die verschiedene Umwege für sie bereithält. Nach vier Jahren im Berner Gemeinderat wird sie 1988 abgewählt. Das Schicksal hat «offenbar etwas anderes im Sinn»11 mit ihr. Bereits 1987 ist sie für den Kanton Bern in den Nationalrat gewählt worden, wo sie sich bei der Auseinandersetzung um eine mögliche AHV-Revision nach eigenen Angaben «Durchhaltevermögen» aneignet.12 Die politische Karriere Gret Hallers nimmt jetzt weiter Fahrt auf: Ab 1989 gehört sie der parlamentarischen Versammlung des Europarats an, 1993/94 präsidiert sie den Nationalrat. Danach tritt sie aus dem Nationalrat zurück und wird Botschafterin der Schweiz beim Europarat. Kaum ein Jahr in diesem Amt, stösst das Schicksal Gret Haller erneut auf einen anderen Weg: Sie wird als Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina nach Sarajevo berufen. «Dinge», erklärt Haller in jener Zeit einmal, «lassen sich nur verwirklichen, wenn die Zeit dafür reif ist.»13 Wer also geduldig und offen bleibt, dem steht auch die Zukunft offen. Das lässt sich auf die Gesellschaft und unseren Umgang mit den Herausforderungen, die aktuelle Entwicklungen mit sich bringen, übertragen.

Für Gret Haller gibt es keine Grenzen, keine Abstufungen zwischen den Menschen, auch wenn jeder Mensch anders ist. «Das Mass aller Dinge» besteht für sie nicht «in sinnloser Produktion, nicht […] in tödlicher Verschwendung […], sondern in der Hinwendung zum Menschen.»14 Es darf keine Rolle spielen, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist. Ein friedliches Zusammenleben muss möglich sein. Nicht die Abkehr voneinander, nicht die Denunziation, nicht das Beharren auf einer männlichen und einer weiblichen Identität sind letztlich entscheidend. Entscheidend und damit «lebensorientiert» ist für Gret Haller ein «In-Beziehung-treten-Wollen»,15 den Willen aufzubringen, miteinander auszukommen, ein Zusammenleben auszuhandeln. So wird die Zukunft besser sein als die heutige Gegenwart. Verweigert man die Beziehung zueinander und zur Natur, dann weiss man in den Worten Gret Hallers beim besten Willen nicht, ob «die Menschheit überhaupt ein nächstes Zeitalter erleben wird»,16 denn dann droht nicht nur die gegenseitige Zerstörung der Menschen, sondern auch der ökologische Kollaps.

Was das alles mit Europa zu tun hat? Alles. Im heutigen Europa scheint die Ausformulierung gegenseitiger Ressentiments wieder mehr zu zählen als der Wille, miteinander in Beziehung zu treten. Die universale Gleichheit steht in Konkurrenz mit einer partikularen Gleichheit von Gemeinschaftsmitgliedern, welche Nichtmitglieder explizit als nicht gleich definieren. Gleich ist nur, wer der jeweiligen Gruppe – «den Männern», «den Sachsen», «den Europäern» etc. – angehört. Offenheit ist einer Grenzpolitik gewichen, die Menschen daran hindern soll, nach Europa zu kommen. Zukunftsperspektiven wurden abgelöst von einer Vergangenheitsorientierung, vom harmlosen Schwärmen vergangener Zeiten in der sozialistischen DDR bis hin zur gewalttätigen Rückbesinnung auf völkische Politik. Was die europäische Zukunft betrifft, so ist man sich heute wieder erschreckend uneinig. Diese Uneinigkeit wäre an sich nicht gravierend, würde man sich daran erinnern, wie man sie politisch verhandeln könnte. Doch mit dem in vielen europäischen Ländern erstarkten Rechtspopulismus und Autoritarismus haben sich die politischen Fronten zusehends verhärtet, sichtbar etwa in der Migrationsfrage. Deutschland – und das ist nur ein Beispiel – soll wieder den Deutschen gehören. Diese gegenseitige Abgrenzungsmentalität ist antieuropäisch und fusst auf einem fundamentalistischen Gedanken, der eine Trennlinie zieht zwischen «wahr» und «falsch», zwischen «gut» und «böse», zwischen «eigen» und «fremd». Damit hat in Europa eine Tendenz Einzug gehalten, deren Grundmuster Gret Haller bereits während ihrer Jahre in Sarajevo in US-amerikanischen Denkweisen beobachtet hatte und die damals nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina sehr dominant waren. Gret Haller beschrieb dies dann in ihrem 2002 erschienenen Buch Die Grenzen der Solidarität.

Was die Fragen der Gleichheit und der Offenheit betrifft, so geht man laut Haller in den USA von anderen Prämissen aus als in Westeuropa. Erster wichtiger Unterschied ist der Gedanke der Auserwähltheit: Über die letzten Jahrhunderte konnte sich in den USA im Gegensatz zu Europa eine eigentliche «Vorstellung von Auserwähltheit»17 entwickeln. Hinzu kommt in den USA eine stärkere Prägung durch religiöse Konzepte – in erster Linie durch das Christentum – als in den säkularisierten Staaten Westeuropas. Während in Europa über die Etappen des Westfälischen Friedens und der Französischen Revolution hin zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 und damit der neuartigen Einbindung des Individuums in das Völkerrecht die Idee der Gleichheit immer weitere Verbreitung fand, sind in den USA moralische und religiöse Argumentationen stets wichtig geblieben. Sind in Europa und in Gret Hallers Verständnis die Menschenrechte universal gültig und haben damit auch «Terroristen Menschenrechte»,18 so ist in den USA bis heute die Unterscheidung in Freunde und Feinde des Landes wichtig, was beispielsweise in der Verwendung des Begriffs der «Achse des Bösen» sichtbar wird. Terroristen besitzen in den USA kaum oder gar keine Rechte, sie werden als Bedrohung der Gemeinschaft explizit vom Recht ausgeschlossen, etwa indem sie als «illegale Kombattanten» auf Guantánamo festgehalten werden.19 Die sich als Gemeinschaft verstehende Gesellschaft in den USA setzt klare Grenzen: Es wird definiert, wer zu dieser Gemeinschaft gehören darf und wer nicht. Gret Haller sieht diese Unterscheidung auch in einem gewissen Widerspruch zu einem europäischen Gesellschaftsentwurf. Nach europäischem Rechtsverständnis werden Recht und Moral getrennt gesehen. Betrachtet man den Menschen universal als gleichen Menschen unter Menschen, so darf niemandem mit einer moralischen Begründung ein fundamentales Recht abgesprochen werden. Alle Menschen haben die gleichen Menschenrechte, auch wenn sie schwere Verbrechen begangen haben. Alle Menschen besitzen als Menschen eine Würde – es ist die universal gültige Menschenwürde. Mit Gret Haller wird sichtbar, warum der oben erwähnte transatlantische Unterschied für das Europa des 21. Jahrhunderts so entscheidend ist: Wird die Würde nämlich «nicht mehr dem einzelnen Menschen zugeschrieben, sondern einer Gruppe von Menschen als Kollektiv, dann geraten die Menschenrechte in Gefahr, weil der Universalismus der Menschenwürde verlorengeht».20

Unter dem Begriff Staatlichkeit beziehungsweise Res publica findet Gret Haller in der Menschenrechtsfrage eine starke europäische Gegenposition zu den USA. Res publica ist für sie «die einzige Garantin von Individualismus und Universalismus und von Menschenwürde».21 Über ihre eigene Universalität wird Staatlichkeit allen Menschen zugänglich, auch wenn diese weiterhin über verschiedene «Wir-Identitäten» verfügen. Staatlichkeit oder eben Res publica stützt sich für Gret Haller «nicht auf ein Wir-Gefühl, sondern sie bindet die verschiedenen Wir-Identitäten ein».22 Staatlichkeit verlangt von einem Menschen nichts anderes als dessen Existenz, allein durch sie wird Zugehörigkeit möglich. Damit ist Staatlichkeit auch nicht an die Grenzen eines Nationalstaats gebunden. Die Entwicklung der Europäischen Union zeigt diesen Schritt deutlich auf: Man verlässt den nationalstaatlichen Rahmen und bewegt sich einerseits hin zu etwas Grösserem, Überstaatlichem, der Union. Andererseits ist aber auch eine Entwicklung in kleinere Einheiten möglich und sichtbar, die Bewegung weg vom Nationalstaat hin zu Regionen oder Bezirken. Staatlichkeit ist also mehrschichtig und losgelöst vom Nationalstaat, und, was noch wichtiger ist: Weil sich Staatlichkeit auf das Individuum abstützt, dient sie der Vielfalt, nicht der Vereinheitlichung. In Sarajevo, diesem «Ort in Europa, wo sich kulturelle Vielfalt und Toleranz unbeschadet staatspolitischer Geschehnisse immer wieder hat halten können»,23 beobachtet Gret Haller das Aufeinandertreffen der europäischen Idee von Staatlichkeit mit der amerikanischen Idee der Gemeinschaft und bemerkt, wie diese beiden Vorstellungen nicht miteinander vereinbar sind. Was Gret Haller in Bosnien als Erstes verlangte, war die Ausformulierung einer staatspolitischen Identität und damit die Bereitschaft aller Bewohnerinnen und Bewohner in Bosnien und Herzegowina, sich, ungeachtet der ethnischen Verschiedenheit, staatspolitisch zu engagieren. Das Abkommen von Dayton, welches die Grundlage bildete für den Wiederaufbau nach dem Krieg, wies jedoch in die umgekehrte Richtung. Das stark von US-amerikanischer Seite geprägte Abkommen festigte die alten ethnischen Grenzen in Bosnien und Herzegowina auch im Staatsaufbau und liess so einer übergeordneten staatspolitischen Identität wenig Platz. Für Gret Haller haben die USA im Abkommen von Dayton «die Möglichkeit eines europäisch verstandenen staatsbürgerlichen Bemühens der Citoyens und Citoyennes um das multiethnische Zusammenleben»24 verkannt.

Was Gret Haller früh schon beschrieben hat – die Einbindung der Menschen in den USA in ein Zugehörigkeitsgefühl, die Einteilung in Mitglieder der Gemeinschaft und Ausgeschlossene, die Verbindung des Rechts mit der Moral –, dies alles tritt heute deutlich zutage. Und so gewinnt auch die Gegenthese Gret Hallers immer mehr an Bedeutung, dass nämlich Europa als Gegensatz zu den USA ein Ort der Inklusion sei, ein Ort der Pluralität, die Wiege der Souveränitätsteilung und der universalen Denkweise. In dieser Gegenthese wird Europa zu einem «Ort der Freiheit». Und mitten in Europa liegt – die Schweiz.

Für Gret Haller ist die Schweiz durch und durch europäisch. Die Schweiz als Ort der Staatlichkeit: Hier führt die direkte Demokratie zu staatspolitischem Denken und Handeln. Die Schweiz als Ort der Kooperation: Vier verschiedene Sprachgemeinschaften müssen eine gemeinsame Politik betreiben. Die Schweiz als die Verwirklichung eines «politischen Willens», als Ort der Souveränitätsteilung auch: Die Kantone gaben Souveränität an den Bundesstaat ab, im Wissen darum, dass die Willensnation nur überleben kann, wenn ihre regionale Souveränität geteilt und damit das «Wir-Gefühl» in einen rechtsstaatlichen Rahmen gebracht wird. Nationale und regionale Identitäten sollen auch in der Europäischen Union weiterhin nebeneinander möglich sein. Um dies zu verwirklichen, sieht Gret Haller nur einen Weg: «Sucht man nach einer Möglichkeit, Kleinräumigkeit im Rahmen einer staatspolitischen Dimension mitzuberücksichtigen, so bietet sich die föderative Organisation des Nationalstaates an»,25 sagte sie schon 2005 in einem Referat. Zur Frage, ob sich die EU an der Schweiz orientieren kann, äusserte sie sich 2018 differenziert: «Die historische Entwicklung der Schweiz kann Fragestellungen illustrieren helfen, welche die Union und ihre Zukunftsperspektiven heute durchaus betreffen.»26 Die schweizerische Auseinandersetzung mit dem Anderen, die Auseinandersetzung des Berners mit den anderen drei Landessprachen, die Auseinandersetzung des katholischen Tessiners mit dem zwinglianischen Zürcher – vielleicht eine Auseinandersetzung des Bauers von Corippo mit dem CEO der Zürcher Goldküste – macht die Eigenheit zur Stärke. Es gibt für Gret Haller «keinen anderen Kontinent auf diesem Planeten, der seine Geschichte, seine Stärke und seine Kreativität so stark aus Polaritäten ableitet, das heisst aus der Auseinandersetzung mit dem Anderem und dem Verändertwerden durch dieses Andere»,27 als Europa. Die Schweiz ist europäisch. Und Gret Haller ist es auch.

Ihr neuestes Buch, Europa als Ort der Freiheit, schmücken Sterne auf blauem Hintergrund. Europa habe heute zwei Aufgaben zu bewältigen, sagt Gret Haller: Erstens müsse die «Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit» verteidigt und zweitens die «politische Individualisierung und Zukunftsorientierung auf die europäische Ebene»28 gehoben werden. Gret Haller versteht Europa, versteht die Europäische Union als Prozess. Der einzelne Europäer muss sich an seine Rolle als Staatsbürger erst gewöhnen, an seine Rechte, aber auch an seine Verantwortung. Solange Europa weiterhin an der politischen Individualisierung arbeitet, Menschen also nicht als Mitglieder einer Gemeinschaft, sondern als politische Individuen zu organisieren versucht, solange wird sich auch der Prozess der Demokratisierung der Europäischen Union fortsetzen. Auch in der Schweiz habe sich die direkte Demokratie schliesslich nur langsam ausgebildet, so Gret Haller.29 Es gebe in der Europäischen Union zwar noch viel zu tun, sagt sie, doch könne man bereits Fortschritte sehen.

Es lohnt sich, die beiden hier abgedruckten Kapitel, «Die politische Dimension der Union» und «Die Geburt des Europabürgers», genauer zu studieren. Wichtig ist in erster Linie die Unterscheidung der «Freiheit vom Staat» von der «Freiheit zum Staat». Unter der «Freiheit vom Staat» versteht Gret Haller die gängigen staatlichen Freiheitsgarantien westlicher Demokratien, etwa die Meinungsfreiheit oder die Religionsfreiheit. Diese «Freiheit von der Europäischen Union» sei in der EU bereits weit entwickelt. Mehr Arbeit brauche es hingegen noch bei der «Freiheit zum Staat», im vorliegenden Falle also bei der «Freiheit zur Europäischen Union», worunter Gret Haller natürlich die offene Gestaltung der Union durch eine demokratische Mitwirkung der Individuen versteht. Auch hier gebe es aber bereits Fortschritte, wie etwa der erfolgreiche demokratische Widerstand gegen die Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada zeige. In diesem Widerstand habe man «eine neue Form von Staatlichkeit auf der europäischen Ebene» erleben können. Eine weitere grosse europäische Errungenschaft seien «die vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes – freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital», wobei für Gret Haller nicht primär diese Freiheiten die grosse Errungenschaft sind, sondern vielmehr die Möglichkeit eines jeden Bürgers, diese Freiheiten als Individuum nutzen zu können. So kann man sich auch, ganz gleich aus welchem Mitgliedstaat man kommt, in einem anderen Mitgliedstaat – und auch vor dessen nationalen Gerichten – zur Wehr setzen, falls man als Ausländer diskriminiert wird. Hier bilde sich eine gemeinsame Verantwortung heraus, jedoch nicht eine Verantwortung unter Mitgliedern einer Nation, auch nicht eine Verantwortung unter einer «europäischen Identität», sondern eine Verantwortung «unter Fremden», eine gemeinsame Verantwortung von Menschen unterschiedlichster Herkunft, Art und Kultur. Hier, in dieser Unterschiedlichkeit, werde der «Europabürger» geboren.

Im Bekenntnis zur Unterschiedlichkeit der Menschen liegt eine grosse Kraft. Unterschiedlichkeit kann verhandelt, Forderungen von marginalisierten Personen müssen berücksichtigt werden. So kann sich eine Gesellschaft offen weiterentwickeln, immer mit dem Gedanken der universalen Gleichheit im Hinterkopf. Das Europa der Unterschiedlichkeit wird damit zu einer Vision, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wenn heute die vom amerikanischen Konservativen Robert Kagan propagierte These von einem Europa als «Venus» und von den USA als «Mars»30 aufgenommen und diskutiert wird, so macht man nichts anderes, als die Welt wieder in Weibliches und in Männliches einzuteilen. Für einmal aber ist die Gegenwehr Gret Hallers gegen diese Trennung nicht besonders stark, im Gegenteil: Für sie ist längst klar, dass die weibliche Welt und damit der nicht kriegerische, der verbindende, der nicht trennende Ansatz der richtige Weg in die Zukunft ist. Mit den genannten Eigenschaften wie Diskussion, Inklusion, Gleichheit der Menschen unter verschiedenen Menschen, Auseinandersetzung, Offenheit und Zukunftsorientierung ist Europa für sie «schon lange auch ein Frauenprojekt».31 Während Kagan mit seiner These Europa abwerten wollte, erachtet Gret Haller die Zuweisung Europas zum Venus-Prinzip als Kompliment, vor allem auch im Lichte des heute wieder zunehmenden Nationalismus.

Auszug aus:
Europa als Ort der Freiheit, 2018
Die politische Dimension der Union

«In der weltweiten Rechtsentwicklung stellt die Europäische Union etwas Neues dar, das es zuvor nicht gegeben hat.1 Dies kann ein kurzer Rückblick auf die Rechtsentwicklung seit der Erfindung des Völkerrechts im Westfälischen Frieden von 1648 deutlich machen. Zuvor waren Staaten absolut souverän gewesen, oder vielmehr waren es die Monarchen, die diese Staaten beherrschten. Danach galten die Staaten grundsätzlich als gleichgestellt und konnten völkerrechtliche Verträge miteinander abschliessen. Die Veränderungen, die sich Ende des 18. Jahrhunderts aus der Geburt des Staatsbürgers ergaben, sind bereits beschrieben worden. Nun ging man in demokratischen Staaten davon aus, dass der Staat dem Einzelnen die Freiheit und demokratische Mitwirkungsrechte garantierte sowie einen richterlichen Schutz dieser Rechte. Nach der beispiellosen Verletzung der Rechte seiner eigenen Bürger durch den Nationalsozialismus wurden die Menschenrechte international in völkerrechtlichen Verträgen festgeschrieben. Es wurde ein staatenübergreifender Rechtsschutz eingerichtet, zunächst in Europa vor dem Gerichtshof für Menschenrechte, später weltweit vor Gremien der Vereinten Nationen. Damit wurde der Einzelne neu zu einem Subjekt des Völkerrechtes, das bis anhin nur die Staaten als Akteure gekannt hatte. Dieselbe Entwicklung, die Ende des 18. Jahrhunderts im Rahmen des Nationalstaates zur Anerkennung der individuellen Bürger- und Menschenrechte geführt hatte, übertrug sich damit auf die internationale Ebene des Völkerrechtes.

Ein viel weiter gehendes Fundament wurde durch die Gründung der Vorgängerorganisationen der Europäischen Union gelegt. Diese war von Anfang an als politisches Projekt gedacht.2 Aber anfänglich erschien sie in der eher technischen Funktion der Integration von Märkten. In der Folge legte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg die Kompetenzen der Gemeinschaft immer expansiver aus, insbesondere durch den Entscheid, dem Unionsrecht den Vorrang vor nationalem Recht einzuräumen.3 Ab 1986 nahmen die Mehrheitsentscheidungen im Rat der Minister zu, und über verschiedene Stufen entwickelte sich die Europäische Union zu ihrer heutigen Form.4 Sie verfügt heute über politische Willensbildungsmechanismen und kann ihre Entscheide gegenüber den Mitgliedstaaten und gegenüber deren einzelnen Bürgern durchsetzen: Die Union kann dem Bürger gegenüber ‹hoheitlich› handeln, genauso wie der Staat dem Bürger gegenüber Hoheitsbefugnisse ausübt. In Demokratien bedarf hoheitliches Handeln immer der demokratischen Legitimation. Deshalb ist in der Union eine normative Tendenz zur Demokratisierung angelegt.5 Dieser Unterschied zum Völkerrecht macht die politische Dimension der Union aus. Obschon in den völkerrechtlichen Verträgen zu den Menschenrechten auch von politischen Mitwirkungsrechten die Rede ist, verstehen sich völkerrechtlich definierte Freiheitsrechte grundsätzlich negativ, sie beruhen also auf der ‹Freiheit vom Staat›. Die so verstandenen Menschenrechte haben eine staatsbegrenzende und damit eine die Politik begrenzende Funktion, sie schützen das Individuum vor dem Staat. Diese Funktion haben die Grundrechte und Freiheitsgarantien der Europäischen Union ebenfalls, aber sie werden um eine politische Komponente erweitert. Sie enthalten zusätzlich das Element positiver Freiheit im Sinne der demokratischen Teilhabe an der Setzung des Rechtes.6 Hier zeigt sich in Ansätzen wieder eine Analogie der europäischen Integrationsbestrebungen zu den Vorgängen im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Seit der Geburt des Staatsbürgers geht dessen Akzeptanz jeder staatlichen Rechtsordnung Hand in Hand mit den staatlichen Freiheitsgarantien einerseits und mit den Mitwirkungsrechten des Bürgers andererseits. Genauso ist die Akzeptanz der europäischen öffentlichen Ordnung durch die Europabürger nicht denkbar ohne zwei Dinge: zum einen die individuellen Grundrechte- und Freiheitsgarantien der Union und zum anderen den politischen Anspruch der Unionsbürger auf demokratische Mitwirkung bei der Entstehung des Rechtes dieser Union. Die erste Bedingung kann als erfüllt betrachtet werden, die ‹Freiheit von der Europäischen Union› ist durch ausformulierte Freiheitsrechte gewährleistet, die gegen Hoheitsakte der Union auch gerichtlich geltend gemacht werden können.7 Die zweite Bedingung befindet sich immer noch auf dem Weg ihrer Realisierung, mit anderen Worten ist die ‹Freiheit zur Europäischen Union› nach wie vor entwicklungsbedürftig, auch wenn ein Teil des Weges schon zurückgelegt worden ist, zum Beispiel durch zunehmende Kompetenzen des Europäischen Parlamentes sowie einen vermehrten Einbezug der nationalen Parlamente. Jedoch steht ausser Zweifel, dass die Union als politisches Projekt Form und Reichweite der politischen Mitwirkung der Unionsbürger weiterentwickeln muss und auch weiterentwickeln wird. Sonst wird sie ihrem politischen Anspruch nicht gerecht.

Der politische Anspruch der Union und ihre normative Tendenz zur Demokratisierung machen auch deutlich, dass sie mit anderen internationalen Organisationen in Europa nicht verglichen werden kann. Neben dem Europarat sind dies vor allem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Ihre spezifischen Tätigkeitsgebiete ergeben sich aus ihrer historischen Entwicklung, so auch die geografische Reichweite ihrer Mitglied- und Kooperationsstaaten, die alle weit über die Grenzen der Union hinausgehen. Als Kooperationspartner für die Union besonders wichtig ist der Europarat, vor allem aufgrund seiner herausragenden Funktion im Bereich der Menschenrechte. Er ist Träger des völkerrechtlichen Menschenrechtsschutzes, der in Europa auf der Grundlage der Europäischen Menschenrechtskonvention weiter ausgebaut worden ist als alle anderen Schutzmechanismen weltweit. Die staatenübergreifende öffentliche Ordnung des Kontinents in einer neuen Form von Staatlichkeit weist zwar völkerrechtliche Elemente auf, geht aber weit über diese hinaus.8 Sie kann nur im Rahmen der Europäischen Union entstehen, weshalb es wenig Sinn ergibt, die Bedeutung der verschiedenen Organisationen gegeneinander in Stellung bringen zu wollen.

Schliesslich ist es der politische Anspruch der Union, der den europäischen Freihandel von den weltweiten Freihandelsbemühungen unterscheidet. Weil sich der europäische Freihandel in ein politisches Projekt einordnet, dessen Zielsetzung anspruchsvoller ist als der Freihandel auf der globalen Ebene, gehorcht er nicht denselben Gesetzmässigkeiten. Anschaulich zeigte sich dies am Beispiel verschiedener Freihandelsabkommen der Union mit Drittstaaten, deutlich am Abkommen über eine Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft mit den USA (TTIP) und am Umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommen mit Kanada (CETA). Widerstand gegen diese Abkommen ergab sich vor allem daraus, dass die Entwürfe Einschränkungen der demokratischen Abläufe in Mitgliedstaaten und in der Union selber vorsahen. Privaten Investoren sollte die Möglichkeit von Schadenersatzklagen vor Schiedsgerichten eingeräumt werden […].

Solche Regelungen tangieren den demokratischen Anspruch der Union und betreffen direkt ihre normative Tendenz zur Demokratisierung. Die Kommission musste diesen Widerstand berücksichtigen und war bereit, anstelle von Schiedsgerichten spezielle Investitionsgerichte der öffentlichen Hand vorzusehen. Indessen besteht die Problematik der Einschränkung demokratischer Gesetzgebungshoheit auch bei dieser Lösung. In einem Grundsatzurteil hat der Europäische Gerichtshof denn auch festgehalten, dass die Einsetzung ausserordentlicher Schiedsgerichte durch Freihandelsabkommen den nationalen Parlamenten aller Mitgliedstaaten unterbreitet werden muss.9 Damit hat er den demokratischen Anspruch der Union noch weitgehender zum Ausdruck gebracht als die Kommission. Das Grundsatzurteil markiert eine Etappe auf einem Weg, für den noch ungewiss ist, wohin er schliesslich führen wird. Es ist dies ein typischer Ablauf und Beispiel dafür, wie sich die neue Form von Staatlichkeit auf der europäischen Ebene langsam herausbildet, gleichsam mit offenem Ende.

Die Widerstände aus den Mitgliedstaaten betreffen nicht nur deren Verhältnis zur Union und die entsprechende Kompetenzaufteilung. Sie betreffen auch die Rolle des Europäischen Parlamentes, seine Legitimation und seine Kontrollkompetenzen gegenüber der Kommission. Die Kommission hat aufgrund der Verträge den Auftrag, den freien Handel mit Drittstaaten voranzubringen, dies aber im Zusammenwirken mit dem Europäischen Parlament. In letzter Konsequenz macht sich in diesem Konflikt auch die heute noch nicht umfassende Gesetzgebungskompetenz des Parlamentes bemerkbar, und dies in jenen Bereichen, die ihm aufgrund des Subsidiaritätsprinzips zustehen sollten. Die Förderung des Freihandels mit Drittstaaten gehört offensichtlich zu diesen Bereichen, denn die Mitgliedstaaten wären einzeln dazu nicht in der Lage. Aber die Randbedingungen dieser Förderung sind noch nicht genügend klar, insbesondere was die Gefahr einer Einschränkung der Gesetzgebungshoheit anbelangt, übrigens nicht nur der Mitgliedstaaten, sondern auch der Union selber. Der Gerichtshof hat nun diesbezüglich klärend eingegriffen und den Markstein einer neuen Etappe zugunsten der nationalen Parlamente gesetzt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in einer späteren Etappe auch das Europäische Parlament mit vermehrten Befugnissen ausgestattet wird, was die Gewichte wieder verschieben kann.

Die Geburt des Europabürgers

Auch hinsichtlich der Stellung des Individuums hat die europäische Integrationsmethode weitgehendere Konsequenzen als andere Freihandelsbemühungen. Im Bereich der vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes – freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital – verfügt das Individuum über einen einklagbaren Anspruch auf Gleichbehandlung mit den Staatsangehörigen eines anderen Staates, auch wenn es dessen Staatsangehörigkeit nicht besitzt. Selbst wenn dadurch vor allem die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit angestrebt und auch erreicht wurde, hat diese Europäisierung eine nicht zu unterschätzende politische Bedeutung. Nicht nur wurden damit einklagbare und durchsetzbare Freiheitsgarantien auf die europäische Ebene angehoben. Auch kann sich jedes Individuum, wenn es im Bereich dieser Freiheitsgarantien in einem anderen Staat aufgrund seiner fehlenden Staatsangehörigkeit diskriminiert wird, vor den Instanzen dieses anderen Staates zur Wehr setzen. Der Rechtsschutz ist diesbezüglich europäisiert worden, sodass der Binnenmarkt hinsichtlich des Diskriminierungsverbotes einen einzigen, europäischen ‹Rechtsschutzstaat› bildet.10

Zwar erinnert diese Entwicklung zunächst an die Vorgänge Ende des 18. Jahrhunderts, als sich das Individuum aus der Definition durch seine Herkunft herauslöste und zum Staatsbürger wurde, der zusammen mit seinen Mit-Bürgern den demokratischen Nationalstaat bildete. Diese Analogie stimmt aber nicht vollumfänglich. Denn die heutige Europäisierung geschieht nicht etwa dadurch, dass ein europäischer Staat mit einem gesamteuropäischen Volk geschaffen würde.11 Vielmehr ergibt sich die Verschiebung auf eine übergeordnete Ebene über die Inanspruchnahme der Freiheiten durch die einzelnen Individuen.12 Je mehr die Freiheiten in Anspruch genommen werden, desto mehr entsteht eine gemeinsame Verantwortung für deren institutionelle Rahmenbedingungen, also für die Institutionen, durch die diese Freiheiten geschützt werden. Aber – und dies ist entscheidend – die gemeinsame Verantwortung bleibt eine solche unter Fremden. Es wird von niemandem verlangt, eine ‹europäische Identität› zu entwickeln, so wie sich im 19. Jahrhundert nationale Identitäten entwickelt haben. Gemäss dem Grundgedanken der Europäischen Union sollen Fremde, ‹ohne ihre wechselseitige Fremdheit, die auf sehr verschiedenen geschichtlichen Entwicklungspfaden beruht, aufzugeben, dennoch einem gemeinsamen Herrschaftsverband angehören und damit so etwas wie eine politische Gemeinschaft bilden›.13

Und trotzdem kann man diesen Vorgang analog der Geburt des Staatsbürgers Ende des 18. Jahrhunderts als Geburt des Europabürgers bezeichnen, der durchaus auch Staatsbürger bleibt. So wie damals der politische Austausch unter ‹Fremden› verschiedener Herkunft im Rahmen des neugeschaffenen Nationalstaates ermöglicht wurde, entstand zweihundert Jahre später und entsteht im Rahmen der Europäischen Union weiterhin eine dauerhafte Beziehung der Verantwortungsteilung zwischen Personen verschiedener Staatsangehörigkeit, ‹die ihre wechselseitige Fremdheit nicht zu überwinden trachten, aber Brücken zueinander schlagen wollen›.14 Voraussetzung dafür ist die politische Dimension dieses Gebildes, das heisst der Anspruch des Einzelnen auf politische Mitwirkung beim Zustandekommen der Regeln, welchen sich dieses Gebilde unterstellt. Und dieser Anspruch hat letztlich mit Demokratie zu tun, auch wenn der demokratische Einfluss erst auf dem Weg ist, zu seiner befriedigenden Form zu finden. Dies ist auch der Grund, weshalb der Vorgang wie damals verbunden ist mit politischer Individualisierung.

Wer die auf die europäische Ebene angehobene Freiheit in Anspruch nimmt oder wer als Staatsbürger auch nur ermessen kann, was die Freiheitsgarantien der Union politisch bedeuten, wächst in diese Teilung der Verantwortung unter Fremden hinein, die den Europabürger letztlich ausmacht. Zugehörigkeit zu diesem europäischen Kontinent und Loyalität zu seinen Institutionen sind nicht eine Frage ‹europäischer Identität›, was immer man unter dem Begriff der Identität verstehen will.15 Sie sind die Folge der Inanspruchnahme von Freiheit, die sich die Bürger der verschiedenen europäischen Staaten gegenseitig einräumen. Damit verbunden ist die gemeinsame Verantwortung dafür, dass die Rahmenbedingungen für diese Freiheit gewährleistet bleiben. Diese Verantwortung betrifft nicht nur den Bestand, sondern auch die Weiterentwicklung der Institutionen, über welche die gegenseitige Einräumung von Freiheiten erfolgt. Deshalb steht sie in einem Zusammenhang mit dem demokratischen Anspruch der Europäischen Union. Der Schweizer Alfred Kölz hat unter dem Titel ‹Demokratie und Freiheit› den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung auch für die europäische Ebene deutlich herausgearbeitet.

Demokratie sei ‹ein die Freiheit unterstützendes Element, welches jene zu einem dynamischen aktiven Lebenselement macht. Dadurch wird die individuelle Freiheit aus ihrer bloss abgrenzenden, sozusagen ,quietistischen’ und statischen Funktion herausgelöst und gewinnt die neue Dimension einer Freiheit der Mitwirkung und Verantwortung, die sowohl für den Einzelnen wie auch für das Gemeinwesen fruchtbar ist.›16

Mit diesem Zitat zeigt sich, wie auch schweizerische politische Kultur für die Weiterentwicklung der Europäischen Union nutzbar gemacht werden kann. Neben die eher abstrakte Aussage von Alfred Kölz sei – in derselben Absicht der Nutzbarmachung – […] jenes Bild von Denis de Rougemont aus dem Jahre 1965 gestellt, das konkreter nicht sein könnte. Der jodelnde Appenzeller Bauer, der sozialistische Arbeiter aus Bern und der anglomane Bankier aus Genf, die sich fremd bleiben und dennoch verbunden werden durch die eidgenössischen Institutionen.17 Auch sie sind Vorfahren der Europabürger, die trotz gegenseitigem Fremdbleiben gemeinsam Verantwortung tragen für die europäischen Institutionen.»

Aus: Haller, Gret. Europa als Ort der Freiheit. Die politische Rolle des Individuums in Zeiten des Nationalismus. Bern 2018. S. 92–98. © Stämpfli Verlag, Bern.


Lukas Bärfuss (*1971)

«Kein Mensch ist eine Insel»: Was Eva im Stück Meienbergs Tod des Schweizer Autors Lukas Bärfuss über den Journalisten Niklaus Meienberg sagt, das gilt auch für die Schweiz. Akribisch untersucht Bärfuss in seinen Texten die Schweizer Befindlichkeiten, die Lust an der Ordnung etwa, oder auch den Willen zum Rückzug, zur Abschottung. Die seelische Vereinsamung aber, die uns Menschen einholt, wenn wir uns, statt uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, nur noch der Arbeit und dem Konsum widmen, ist verheerend, sie ist tödlich. Als Lukas Bärfuss in einer Brandrede in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die heutigen Zustände in der Schweiz anprangert, wird er in Schweizer Medien aufs Heftigste persönlich angegriffen.

«Wie ist er denn, der Mensch?»,32 lässt der Schriftsteller Lukas Bärfuss eine seiner Figuren einmal fragen. Vielfältig ist er, soviel steht fest. Wer nur schon zwei oder drei Bücher des Autors gelesen hat, der wird diese Erkenntnis nicht mehr bestreiten. Echt sind sie, die Figuren in seinen Geschichten, sie tauchen auf und verschwinden wieder, alles eigentlich Nichtsnutze und doch imstande, unser Weltbild gehörig aus den Angeln zu heben, Parzival und David die einen, Eva und Alice die anderen. Es sind gewöhnliche Leute. Aus allen möglichen Schichten kommen sie und formen sich unter den Fingern dieses Autors zu wuchtigen Gestalten, sind plötzlich Philosoph, dann Mörder, dann wieder einfach nur leidenschaftlich Liebende. Es wird einander nachgestellt, Schwierigkeiten treten auf, Neid, Eifersucht, Missgunst, Rache, es wird intrigiert, der Jähzorn bricht von Zeit zu Zeit aus diesen Menschen, dann fluchen sie, und die derben Wörter stehen so irritierend im kunstvollen Text. Die Figuren verirren sich und finden sich meist wieder, als seelische Wracks, Gewalttäter, kleine Möchtegerndiktatoren oder Beziehungstyrannen, verelendet – wie etwa Parzival – auf der ewigen Suche nach dem heiligen Gral. Diese Menschen brauchen keine Kostüme, sie rauchen in einer miefigen Wohnung eine letzte Zigarette und lassen sich von Herrn Dr. Gustav Strom, dem Sterbehelfer, ins Jenseits befördern. Einfach so. So einfach.

Was nützt uns das, die Vielfalt des Menschen in der Literatur, mal vom Lesegenuss abgesehen? Zunächst einmal: nichts. Das sagt auch der Autor: Literatur bringt nichts. In seinem Buch Koala stellt der Erzähler seinen Ehrgeiz an den Pranger und sagt, er habe zwar stets täglich sein Soll erledigt und habe sich nur schlafen gelegt, «damit ich wieder frisch war für das nächste Tagwerk»,33 doch genützt habe es letztlich nichts: «Was ich damit schuf, war Abfall, ein grosser Haufen Vergeblichkeit, eine Beschäftigung um der Beschäftigung willen.» «Es wird nicht helfen», schreibt der Autor konsterniert, «nicht dir, nicht deinen Kindern, nicht der Welt.»34 Literatur, das Lesen: vergeudete Zeit, sagt Lukas Bärfuss. «In der Zeit, die sie jetzt gerade mit Lesen vergeuden, nimmt das Elend der Welt zu, während sie nicht das Geringste dagegen tun.»35 Literatur hilft nicht. Und doch hat Bärfuss bis heute nicht mit dem Schreiben aufgehört. Vielleicht sollten wir also statt nach ihrem Nutzen eher fragen, was Literatur ist oder was sie sein kann?

Literatur, so der Autor an anderer Stelle, ist Gestaltung, ist Malerei, ist Veranschaulichung, sie ist also eine Form der Kunst. «Worte definieren Bilder / und Bilder definieren Werte.»36 Werte, ein konservatives Wort. Ein gesellschaftlicher Wert hat sich über lange Zeit herausgebildet, er besitzt eine gewisse Konstanz. Doch gibt es einen Wert, der sich gerade durch seine stete Veränderung als Wert auszeichnet. Vielfalt. Vielfältig ist das menschliche Leben, und es ist ständiger Veränderung unterworfen. Lukas Bärfuss, ein Schweizer, ein Berner, ein Berner Oberländer, wird immer wieder an die Vielfalt, an «den Reichtum der deutschen Sprache»37 erinnert: «Über mein Idiom / wann immer ich das Bernbiet verlasse / machen sich die Leute lustig.»38 Man fühlt sich an Friedrich Dürrenmatt erinnert. Als Schweizer fühlt man sich im Hochdeutschen streng beobachtet. Man quittiert es mit Humor, mehr noch, man nimmt es als Kompliment. Wir reden anders als ihr, und trotzdem haben wir etwas zu sagen. Der Wert der verschiedenen Dialekte, der Wert des freien Wortes: eine schweizerische, aber auch eine europäische Möglichkeit. Man kann sich verbinden, trotz der Vielzahl von Sprachen und Idiomen. Man spricht eine gemeinsame Sprache, trotz unterschiedlicher Dialekte, ja sogar trotz unterschiedlicher Sprachen. Man spricht, zum Beispiel, die Sprache der Aufklärung: Wer sich verbindet «mit den anderen / Mit den Fremden / […] beginnt zu denken».39 Wo die Sprache auf Vielfalt hinweist, da ist das «Faktische» abgeschafft, da kann ein «Entwurf der Möglichkeiten»40 ausgestaltet werden. Und damit wird, mit den Worten Lukas Bärfuss’, nichts Geringeres als die Aufklärung – eine genuin europäische Errungenschaft – selbst gerettet.41 Man muss versuchen, sich zu verstehen, muss Fragen stellen und Fragen beantworten, so findet man trotz unterschiedlicher Sprache zu einem gegenseitigen Verständnis. Wo Fragen sind, da wird nachgedacht. Der Ausgang dieses Nachdenkens ist ungewiss, er ist beliebig, vielfältig.

Sprache, Literatur: ein Ort der Verbundenheit mit der Komplexität dieser Welt, ein Möglichkeitsort. Wo Geschichten sind, da ist Kommunikation, da wird etwas vermittelt, wo etwas vermittelt und nicht einseitig behauptet wird, da gibt es auch Differenzen. «Ohne […] Konflikte gibt es keine Literatur»,42 sagt Bärfuss. Die Frage ist also, ob Konflikte möglich sind oder nicht. Totalitäre, mittlerweile auch populistische Gesellschaften lassen den Konflikt nicht zu: «Der Feind ist der Feind. Das Volk ist das Volk. Die Schande ist eine Schande.»43 In demokratischen Gesellschaften hingegen ist der Konflikt konstitutiv, überlebensnotwendig. Wo Differenzen offen ausgesprochen werden können, wo die Rede frei ist, da öffnet sich für den Schriftsteller Lukas Bärfuss ein Raum für Wahrheit. «Wahrheit», so Bärfuss, «braucht Dialektik, sie braucht Kritik.»44 Wahrheit ist eine Erfahrung, keine Offenbarung, sie wird ausgehandelt, ist nicht in Stein gemeisselt. «In allen Himmeln / In allen Zeiten / gab es nicht zwei gleiche Schneekristalle / Jeder ist einzigartig.»45 Jeder ist einzigartig. Und Bärfuss meint damit natürlich den Menschen. Als Redner an einer Maturitätsfeier – hier zitiert aus Stil und Moral – erklärte er einmal: «Die Matura ist vielleicht nichts Besonderes Aber Sie Sie sind etwas Besonderes Jede und Jeder von ihnen ist einzigartig […] Sie können sich darauf verlassen Sie sind einzigartig Punkt.»46

Der Mensch also ist einzigartig in seiner Vielfältigkeit. Und so sind es auch die von Lukas Bärfuss geschaffenen Figuren. Alle seine Figuren: einzigartig. Ihr Denken, Fühlen, Handeln: einzigartig. Als der Sterbehelfer Gustav das einmal genau so sagt zu einem Kunden: «Everyone is unique», da quittiert dies sein Gegenüber zwar mit einem müden «Yeah, blablablabla, Doctor, blabla»,47 doch diese Reaktion ist gerade der Beweis seiner Einzigartigkeit, dafür, dass er eine eigene Meinung hat und es ihm möglich ist, diese Meinung auch mitzuteilen, den Konflikt auszutragen. In der Möglichkeit des Konflikts werden die Figuren in Lukas Bärfuss’ Texten zu Menschen.

In einer freiheitlichen Gesellschaft einzigartiger Menschen entwickeln sich unendlich viele Konflikte. Mit ihnen klarzukommen, dazu braucht es eine grosse Offenheit. Ist jeder Mensch einzigartig, fehlt die Möglichkeit der Gleichschaltung und damit der Boden für Totalitarismen. Vielleicht aber, und das ist die grosse Herausforderung, sind hier die Gemeinschaft und ihr Zusammenhalt in Gefahr. Gemeinschaften stehen auch für das «Begehren […], aus vielen Körpern einen Körper, aus vielen Geistern einen Geist formen zu wollen».48 Und wer sich von diesem Gedanken der Einheit entfernen möchte, der muss einen Preis bezahlen, «den Preis, sich endgültig getrennt zu wissen und alleine».49 Ist das nicht die grösste Gefahr im heutigen Europa? Die Vereinsamung, die völlige Isoliertheit? Ist es nicht diese Einsamkeit, welche die Menschen in die Arme der populistischen Parteien treibt, die ihnen wieder eine Identität als Heimat versprechen, eine Gemeinschaft, ein Volksgefüge, eine Definition von Nation?

Ein Denkfehler. Nicht die Einzigartigkeit der Menschen macht sie einsam, sondern ihr Unvermögen, ihr Unwissen darüber, wie mit dieser Einzigartigkeit umzugehen ist, inwiefern sie für sie ein Gewinn sein kann. «Der Zeitgenosse», so Bärfuss kritisch, «hat gelernt, seinen Alltag pragmatisch anzugehen. Das heisst in seinem Fall: darauf zu achten, als wirtschaftliches Subjekt zu bestehen.»50 Die Anpassung, die Leere, das Lauwarme, die Gemütlichkeit: Immer wieder streben die Figuren in Bärfuss’ Texten danach. Dem widerspenstigen Tony werden mittels eines chirurgischen Eingriffs des Autors im Stück Zwanzigtausend Seiten kurzerhand alle schlechten Seiten wegoperiert. «Wir konnten die Seiten, die Tony belastet haben, entfernen und durch solche ersetzen, mit denen er sein Leben erfolgreich gestalten kann»,51 erklärt die Therapeutin der Leserin, dem Leser jetzt nüchtern. Der Makel gilt nicht mehr als Spezialität, sondern als störendes Geschwür. Der Rückzug in sich selbst wird bei Bärfuss zu einem Credo, niemand möchte mehr anecken, niemand dem anderen zur Last fallen. Die Jugend und mit ihr das Aufbegehren, das Rebellieren wird zu einer «Provokation».52 Kritische Stimmen werden rar, sie werden zu Ikonen, wie der Journalist Niklaus Meienberg, der im Stück Meienbergs Tod als Einziger noch «Lust verspürt, diese Körper zu öffnen, um zu sehen, ob etwas lebt unter diesen Haarschnitten».53 Ordnung muss herrschen in der heutigen Welt, alles hat seinen Platz und sollte auch dort bleiben. «Die unwillkürlichen Bewegungen: unsere Gesellschaft hasst sie, sie hasst den Kontrollverlust»,54 so Bärfuss.

Nirgends lässt sich dieser Rückzug in die Unbewegtheit schöner beobachten als in der Schweiz. Bärfuss’ Literatur handelt von und in der Schweiz. Hundert Tage, sein wohl bekanntester Roman, ist der Bericht eines Schweizer Entwicklungshelfers in Ruanda. Was sich für den Entwicklungshelfer David Hohl in angenehmer Vertrautheit zunächst wie eine Ferienreise in ein «kleines, bergiges» und von «schweigsamen, misstrauischen und fleissigen Bauern»55 bewohntes Land ausnimmt, entwickelt sich zu einem Horrortrip inklusive unbewusster Mittäterschaft am Völkermord in Ruanda. Da wird der Name David Hohl natürlich zum Programm. David, der Retter, bleibt inwendig erstaunlich pragmatisch und leer. Hohl sucht das Abenteuer im dunklen Afrika, weil der Friede in der Schweiz «sich durch Langeweile»56 auszeichnet. Als die Gewalt ausbricht, verfliegt damit für Hohl auch die Langeweile, und er hätte «etwas darum gegeben, wenn in meinem Land so viel in Bewegung gekommen wäre wie hier».57

Die perfekte Ordnung, die grösstmögliche Sauberkeit: «So ein schönes Land. Die Schweiz. Bei uns sind die Bahnhöfe ja Löcher. Aber hier. So menschenfreundlich»,58 sagt Alice, die sterbewillige Deutsche, einmal in Alices Reise in die Schweiz. Wer das anders sieht, der kommt in den Geschichten von Lukas Bärfuss schnell unter die Räder, der führt ein schwieriges, ein prekäres, ja ein gefährliches Leben. Da «hierzulande alles, was exzellent sei, gleichzeitig eine Gefahr darstelle», müsse man sich in das Ordinäre, ins Gewöhnliche flüchten, «da jeder stinke, müssen alle stinken, da dieses Land eine Latrine sei»,59 erklärt ein aufgebrachter Professor einmal unter der Feder von Bärfuss. Ab und an beklagen sich die Figuren zwar darüber, dass es in der Schweiz «kaum mehr Menschen» gebe, «die ausbrechen wollen»,60 doch es sind einzelne Ausrufe, das traute Heim, die Wohlbehaglichkeit, die Sicherheit ist dann doch wichtiger, «Sicherheit ist alles»,61 so der Autor an anderer Stelle.

Was die Figuren von Bärfuss nicht oder erst viel zu spät merken, ist, dass auch in der Ordnung und in der Sicherheit eine Gefahr liegt, gar eine lebensbedrohliche. Erst im Nachhinein, im sicheren Zuhause in der Schweiz, geht dem Entwicklungshelfer David Hohl auf, dass es vielleicht «eine Symbiose gab zwischen unserer Tugend und ihrem Verbrechen», eine Symbiose also zwischen einerseits unseren Schweizer Tugenden wie «Ordentlichkeit, Sauberkeit, Ehrlichkeit, […] Fleiss»62 und andererseits dem 100 000-fachen Abschlachten der Menschen in Ruanda. Erst hier in der Schweiz beginnt David Hohl zu ahnen, «dass in der perfekten Hölle die perfekte Ordnung herrscht».63 Die Sicherheit ist angenehm, klar, aber sie führt auch «zu Erstickungsanfällen. Die Menschen leben nicht, sie tun nur so».64 Nicht zu retten sind die Menschen, wenn sie nur noch nach Sicherheit streben. «Rette uns», fleht «die Dicke» ihre Kontrahentin Erika einmal an, doch diese will nicht: «Ihr seid nicht zu retten.» Da erkennt die Dicke plötzlich, wie es um sie und die Menschen, die sie umgeben, steht: «Wir sind leer», antwortet sie, «fülle uns mit deinem Glauben.»65

Ein möglicher Ausweg aus dem lähmenden Stillstand ist die Bewegung, die Auseinandersetzung, das Verlassen von Sicherheiten, die Provokation, die Rebellion. Für den Entwicklungshelfer David Hohl waren die 100 Tage in Ruanda auch ein Abenteuer. Endlich ging etwas. Die Lust am Krieg, auch am Tod, sie hilft den Figuren in den Stücken von Lukas Bärfuss immer dann, wenn die Leere unerträglich wird. «Heil dir, Gegenwart, dass du uns wieder Kriege führen lässt», sagt Hans zu Niklaus Meienberg, dem Rebellen, «unsere Worte haben wieder die grösste und erhabenste aller Entsprechungen in der Wirklichkeit: den Krieg.»66 Hans freut sich auf das Gemetzel, darauf, dass «wir uns endlich wieder im Krepieren [werden] üben»67 können. Das Ausbrechen aus der Langeweile kann aber auch, wie von Bärfuss in seinem Roman Koala beklemmend aufgezeigt, der Weg in den Freitod sein. Es ist die Geschichte über den Selbstmord des Bruders, welcher mit der Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, «endgültig und ohne Widerruf die Arbeit verweigert».68 Die heutige Gesellschaft überdeckt den Stillstand mit Arbeit, mit Fleiss. «Die Medizin gegen die Angst», die Angst vor dem Stillstand, ist «der Fleiss».69 Man arbeitet sich die Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Stillstand weg und merkt nicht, wie man ein wirtschaftliches Subjekt im weltumspannenden System des Kapitalismus ist, gesichtslos und ohne Spezialität, ein «Zahnrädchen» im «Räderwerk dieser Gesellschaft», das so «reibungslos ineinandergreift» ohne Knirschen und Knacken.70 «Der Mensch ist gefangen in Kreisläufen.»71 Eine nicht gerade optimistische Betrachtung der menschlichen Existenz.

Doch ausweglos ist die Situation nicht. Ganz am Anfang der menschlichen Existenz steht die Erkenntnis, die Eva – ihr Name ist kein Zufall – im Stück über Meienberg hat: «Kein Mensch ist eine Insel.»72 Alleine kann der Mensch nicht leben. Er braucht ihn umgebende Menschen, die mit ihm in Dialog stehen. Gegen den Stillstand, gegen die Einsamkeit hilft die Konfrontation. Wer leben will, muss sprechen. «Es gibt etwas, das man nicht zerstören kann, solange es Menschen gibt», sagt John, der Literaturagent, zum widerspenstigen Tony. «Etwas, das weiterlebt, lebendig bleibt. Was wissen wir von den Römern, von den Rittern und den Seefahrern. Nichts als ihre Geschichten. Es gibt nichts Stärkeres als eine Geschichte.»73 Der genuine Ort, an dem die menschlichen Geschichten erzählt werden, ist das Theater. Das Theater ist Bärfuss’ grosse Leidenschaft. Dass Geschichten gefährlich sein können wie der Krieg, aufregend wie ein Abenteuer im dunklen Afrika, das ist bei Bärfuss offensichtlich. «Es ist gefährlich, ins Theater zu gehen. Ein Theater ist ein Irrenhaus»,74 sagt die Figur Niklaus Meienberg einmal. Im Theater wird der Mensch zerlegt. Seine Widersprüche, seine Konflikte, seine Ängste werden plötzlich sichtbar. Man könnte zwar meinen, alles sei nichts als Spiel, doch die Erkenntnis, die aus diesem Spiel gewonnen wird, ist real, sie ist lebensecht. Das berühmte Spiel Hamlets vor seinem Stiefvater, dem neuen König, wird zu einer Anklage und gleichzeitig zu einem Prozess. Die unmittelbare Reaktion des Königs auf das Theaterspiel überzeugt Hamlet von dessen Schuld am Mord seines Vaters. Auch Bärfuss’ Stücke, wie er sie simpel nennt, ermöglichen Erkenntnis. Die wohl wichtigste Erkenntnis ist die: Die Menschen sind vielfältig, die Konflikte ohne Zahl und Zeit. Wir erfahren im Theater also Möglichkeiten, wie mit menschlichen Konflikten umzugehen ist, oder, vielleicht ist das sogar noch wichtiger, wir erfahren, wie mit menschlichen Konflikten eben gerade nicht umzugehen ist, will man sich nicht plötzlich tot auf einer Bühne wiederfinden.

Bärfuss zeigt auf, warum «am Ende der Sprache», am Ende des Theaters, der Tod lauert. Die vereinsamten Menschen irren umher und kommen sich abhanden. Einer der einsamsten Menschen in Bärfuss’ Stücken ist Parzival im gleichnamigen Stück. Die Welt, in der dieser Parzival aufwächst, ist zu einer seelischen Wüste verkommen. «Du kannst den Jungen aus der Einöde holen, aber die Einöde nicht aus dem Jungen»,75 steht da einleitend und wie eine Art Prophezeiung über Parzival. Alles Schöne ist in dieser Welt vernichtet, oder es wird gerade vernichtet, von Parzivals eigener Mutter: «Geht. Tötet alle Vögel», beauftragt sie die Bauern, Parzival «soll nicht sehnsüchtig sein.»76 Die Menschen in den Stücken von Lukas Bärfuss können ihre Konflikte nicht anders als mit Gewalt lösen, und es wird einem bewusst, wie bedroht die menschliche Existenz doch eigentlich ist. Man überlegt sich, wie eine andere Welt aussehen könnte: eine blühende, farbige Welt, in der Konflikte Platz haben, in der man sich austauscht. Hier wird das Theater politisch. «Im Zentrum des Theaters […] steht allein der Mensch. Der Mensch ist teuer. Man könnte auch sagen, er ist kostbar»,77 sagt Bärfuss. Das Theater verweist auf den Menschen und seine Konflikte, es bildet den Menschen in seiner Unterschiedlichkeit aus. «So habe ich Bildung seither verstanden», erklärt Bärfuss einmal, «als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, der anders ist und der diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht.»78 Anerkennt der Mensch seine Einzigartigkeit, erkennt er sie hoffentlich auch in den anderen Menschen. Hier tut sich ein Raum auf: eine Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig in ihrer Vielfalt würdigen. Das Theater verweist so «auf den Menschen, dem es nicht genügt, im fahlen Licht der Bildschirme zu ermatten, zu Hause vom Home-Cinema unterhalten zu werden, in vierzig Folgen und in Dolby-Surround». Das Theater wird zu einer Begegnungszone für alle Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, auf der Bühne, aber auch im Publikum. Das Theater «steht für den Menschen, dem es nicht genügt, alleine zu sein und ohne Applaus».79

Das Theater ist die ganz persönliche Rettung von Lukas Bärfuss. Seine Kindheit und Jugend in der Kleist-Stadt Thun, wo «die Panzer […] in langen Kolonnen durch die Stadt» fahren und «vom Übungsplatz […] der Lärm der Maschinengewehre und Haubitzen»80 herüberdrängt, sind schwierig. Um ihn herum bricht alles zusammen, «es war ein einziges Niederreissen, nichts blieb, wie es war».81 Ein Hirntumor macht seinen besten Freund zu einem anderen Menschen, und bald darauf verschwindet auch der Stiefvater «spurlos, und die Familie, in die ich geraten war, ging in die Brüche».82 Sein leiblicher Vater hatte sich schon früher «aus der Gesellschaft verabschiedet».83 In seiner Jugend besucht Bärfuss kurz das staatliche Lehrerseminar und nennt dies die «einzige höhere Ausbildung, die ich in meinem Leben genossen habe».84 Bärfuss lebt im Moment, zieht umher, geniesst seine Freiheit und will einfach «nicht dazugehören» zur Gesellschaft.85 Ein Aussenseiter, einsam wie seine Figuren. Dann beginnt er zu lesen. Es ist, wie er selbst sagt, seine Rettung.86 Durch die Literatur findet er Zugang zu seiner eigenen Geschichte, eine Geschichte, die plötzlich einen Wert bekommt, die erzählt werden kann. Seine eigene Geschichte kann jetzt, indem er darüber zu schreiben beginnt, erfahren werden, von ihm selbst, aber auch von seinen Lesern. «Was mir blieb», sagt Lukas Bärfuss heute über seine späte Jugendzeit, «war das Schreiben, die Erfindung meiner oder irgendeiner Geschichte, weniger, um zu erzählen, als um etwas zu erfahren, über mich und meine Stellung in den Ereignissen, die man als Schicksal bezeichnet.»87 Er stemmt sich gegen die Flucht, die Ausflucht; sein Vater, sein Stiefvater und auch sein Bruder sind geflüchtet, er findet einen anderen Ausweg aus der Misere, die auch eine zutiefst menschliche ist. Er versucht jetzt, aus seinen Erfahrungen zu lernen. «Es gibt angenehme und schmerzhafte Erfahrungen», sagt Bärfuss, aber es gibt «keine falschen Erfahrungen.»88 Bärfuss will den Problemen, die immer wieder auf ihn zukommen, nicht ausweichen, im Gegenteil. «Wir könnten ein paar neue Probleme gebrauchen»,89 sagt er den Maturanden an ihrer Feier, und ein anderes Mal: «Schwieriges hielt mich nicht ab, es spornte mich an.»90

Probleme, Schwierigkeiten, Konflikte: Hier entsteht die Literatur, hier wird der Autor Lukas Bärfuss fündig. Das menschliche Zusammenleben wird zu einem «Abmühen». «Wir werden uns abmühen müssen mit der Grammatik des menschlichen Zusammenlebens»,91 fordert Bärfuss einmal. Man muss die Lösung gemeinsam suchen, die Konflikte gemeinsam angehen, alles ist miteinander verbunden, Isolation, auch Flucht ist nicht möglich, sie führt in die Zerstörung, gerade die Literatur lehrt uns das: «In jeder Geschichte findet man die Spuren aller anderen Geschichten. Keine Geschichte kann sich isolieren»,92 ist Bärfuss überzeugt. Wer den Konflikt als menschliches Schicksal anerkennt, der trachtet danach, den Konflikt lösen zu können. Wer den Konflikt nicht anerkennt, also vor ihm flüchtet, der wird ihn auch nicht lösen können. Das ist die Entscheidung, die Lukas Bärfuss in seiner Jugend fällte: sich dem Konflikt zu stellen. Damit ist er ein politischer Mensch geworden. «Sich [zu] entscheiden» heisst für Bärfuss, «politisch zu werden».93

Das Abstrakte, die Vereinfachung: Politisch gesehen sind sie eine Unmöglichkeit. Es gibt keine «Schweiz», und sollte es sie doch geben, dann höchstens in der Vielzahl. «Genau genommen gibt es den Staat, die Schweizerische Eidgenossenschaft nicht, nicht in der Wirklichkeit. Sie ist ein Abstraktum. […] Das Land ist nicht unabhängig, ganz im Gegenteil: Die politischen, kulturellen, wirtschaftlichen, klimatischen Abhängigkeiten sind offensichtlich – und vor allem sind viele von diesen segensreich. […] Jedenfalls bleibt der Staat eine Behauptung.»94 Das führt zur Schlussfolgerung, dass die «Abschottung […] nicht gelingen» kann und nicht gelingen wird, «mit welcher Gewalt sie auch durchgesetzt werden will».95 Die Schweiz ist Teil eines grösseren Ganzen, sie ist Teil Europas. Wenn kein Mensch «eine Insel» sein kann, dann können es auch Gesellschaften oder Gemeinschaften wie beispielsweise die Schweiz nicht sein. Nein, eine Scholle ist die Schweiz mit Sicherheit nicht. Der Mensch und damit die menschlichen Gesellschaften existieren für Lukas Bärfuss «streng genommen […] nur durch die Beziehung».96

Wenn also die Schweizerinnen und Schweizer in einer eigenartigen Manie an einem Sammelspiel eines Grossverteilers teilnehmen, statt abstimmen zu gehen, dann stimmt etwas nicht mehr mit den politischen Zeitgenossen. Das ist der Aufhänger des Textes von Lukas Bärfuss, der im Oktober 2015, eine Woche vor den nationalen Wahlen, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. «Die Schweiz ist des Wahnsinns», diagnostiziert Bärfuss jetzt ernüchtert. Der Text ist eine Polemik, eine Wutrede. Man flüchte sich in der Schweiz vor den Herausforderungen, die anstünden, liest man da. Was ein bisschen rieche, etwa das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union, das hänge man in der Schweiz jetzt einfach mal auf den Balkon, in der Hoffnung, der Gestank werde sich wieder verziehen. Brav seien die Schweizerinnen und Schweizer, Protest sei rar, Nase zuhalten und durchmarschieren, das sei die Devise. Alle machten dieses Spiel mit, auch die Medien, sagt Bärfuss entrüstet. Man ducke sich und ziehe sich zurück. Jetzt endlich werde man auch von aussen als die Zwerge wahrgenommen, als die sich die Schweizer immer gerne ausgeben: verantwortungslos, klein, irrelevant. Dass diese Flucht, diese Idee, man könne sich von Europa abschotten als kleine Schweiz, man könne sich lossagen von den Verantwortlichkeiten, dem Schriftsteller Lukas Bärfuss zutiefst zuwider ist, hat seine Gründe: Die Flucht weist in irritierender Weise zurück in seine Kindheit, und er stellt sich ihr in der Konfrontation. Damit ist Lukas Bärfuss auch Europäer geworden: «Jeden Tag finde ich Dinge, die ich nicht verstehe, und jeden Tag tröste ich mich, dass mein Europa mit der Aufklärung und die Aufklärung mit einer Frage beginnt, nicht mit einer Antwort.»97

Die Polemik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommt nicht gut an. Sie wird in den Schweizer Medien verrissen. Im Zürcher Tages-Anzeiger werden die von Bärfuss beschriebenen Zerfallserscheinungen der Schweiz kurzerhand auf seine eigenen «analytischen Fähigkeiten»98 übertragen. Man wirft dem Autor vor, dass er seinen Text nicht gut recherchiert habe, sondern mit «Schaum vor dem Mund» eine «undifferenzierte» Attacke geführt habe.99 Wer «von der Schweiz, diesem ökonomisch und künstlerisch potenten Land, als einem ‹Volk von Zwergen› spricht», so der Ressortleiter Kultur des Tages-Anzeigers, der bleibe «fern der Realität».100 Wehe, wer es wagt, die Schweiz in ihrem Stolz zu verletzen. Der Chefredaktor der Aargauer Zeitung moniert in einem Kommentar, dass Bärfuss in seinem Text «nichts zu sagen» habe, «was man nicht schon anderswo – und dort stringenter formuliert – gelesen hat».101 Auch die Basler Zeitung nennt die literarischen Fähigkeiten von Lukas Bärfuss «limitiert» und den Autor selbst einen «literarischen Grobmotoriker», der sich «in seiner geistigen Provinz» verschanze.102 Lukas Bärfuss hat die Schweizerinnen und Schweizer persönlich angegriffen, jetzt wird zurückgeschossen. Pedro Lenz, Schriftsteller aus Olten, hat das kommen sehen und Lukas Bärfuss in einem offenen Brief gewarnt: «Ich warne dich vor der Rache derer, die du herausforderst. Es gibt nichts gratis bei uns, nicht einmal die Gratispresse ist gratis. Sie werden dich plagen. […] Auf dich als Person werden sie zielen, plump, aber böse […].»103

Am darauffolgenden Wochenende sorgten die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für einen weiteren Rechtsrutsch im Parlament. Das Verhältnis der Schweiz zur EU ist nach wie vor schwierig. Eine Lösung der zahlreichen Probleme, die anstehen – wie etwa ein Rahmenabkommen –, ist weiterhin nicht in Sicht. Nase zuhalten und abwarten: An dieser helvetischen Devise änderte sich auch nach der Polemik von Lukas Bärfuss nichts.

Die Schweiz ist des Wahnsinns, FAZ 15.10.2015

«Am kommenden Sonntag wählt die Schweiz das neue Parlament. Der dritte Rechtsrutsch in sechzehn Jahren scheint eine ausgemachte Sache zu sein; aber was viele hierzulande in Unruhe versetzt, ist nicht der Wahlsonntag, sondern der ebenfalls nahende 26. Oktober.

An jenem Montag läuft nämlich die Frist aus im Sammelspiel, das Migros, der grösste Einzelhändler der Schweiz, in diesen Tagen veranstaltet. In seinen Filialen gibt es für jeden Einkauf über zehn Franken ein Glücksbeutelchen, darin eine von insgesamt fünfzig nationalen Sehenswürdigkeiten. Mit im Beutelchen ein Sticker, den der Sammler in ein Album kleben darf. Die Gebühr für das Heft wird durch die aufwendige Gestaltung gerechtfertigt. Vierfarbig glänzen da die schönsten Schönheiten des Schweizerlandes. Das Spalentor zu Basel, der Zytgloggeturm in Bern, das Schloss Chillon am Genfer See – und als Zugabe eine schillernde Postkarte, die je nach Betrachtungswinkel ihr Aussehen ändert: Im orangen Nichts schwebt oszillierend eine Scholle mit den Umrissen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Titel dieser famosen Sammelaktion: ‹Suissemania›.

Heiligtum direkte Demokratie

Eine Manie ist nach dem Pschyrembel eine psychotische Störung der Affektivität, häufig mit Wahnvorstellungen und Katatonie verbunden. Man muss dies alles nicht als Diagnose der hiesigen Malaise lesen. Man muss nicht, aber man kann. Wie auf der Postkarte verliert das Land auch in der Wirklichkeit mehr und mehr jede erkennbare Kontur. Zerrüttet von den globalen Stürmen, sucht das Land Halt in nationalen Monumenten, die mittlerweile auf Miniaturgrösse geschrumpft sind, als Beifang des täglichen Konsums kostenlos abgegeben werden und problemlos in die persönliche Nippessammlung passen. Selbst der Werbespruch auf dem Umschlag scheint die hiesige Umnachtung aufzunehmen: ‹Mit vielen tollen Rätseln!›

Die Kräfte, die dieses Land im 21. Jahrhundert formen, werden derweil erfolgreich ignoriert. Wie Geister flössen sie den Menschen Angst ein und lähmen sie bis zur Katatonie. Keine der politischen Parteien hat den Mut, sich im Wahlkampf den realen Herausforderungen zu stellen. Dabei liegen sie meterhoch vor den Chalets des gebeutelten Heimatlandes, und es braucht enorme Verdrängungsleistungen, um an ihnen vorbeizusehen.

Am lautesten ist nach wie vor das Schweigen über das Verhältnis zur Europäischen Union. Die Situation ist einfach auch zu kompliziert: staatsrechtlich, diplomatisch und ökonomisch undurchschaubar und obendrein für jeden Politiker im Wahlkampf eine unerhörte Peinlichkeit. Wie soll er seinen Wählern auch erklären, was sie damals, am 9. Februar 2014, bei jener Abstimmung über die Masseneinwanderung, angerichtet haben? Und dass das Heiligste aller schweizerischen Heiligtümer, so himmelsgleich und gnadenreich, dass selbst die Spieledesigner es nicht gewagt haben, es in Plastik zu giessen, die direkte Demokratie nämlich, für diesen Unfall verantwortlich ist? Den nationalen Karren hat er so tief in den Dreck gefahren, dass keiner weiss, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.

Was auf der Strecke bleibt

Europa ist auch im Herbst 2015 ein vergifteter Trank, von dem zu kosten sich selbst robuste Naturen nicht trauen. So hält man sich allenthalben an den Trost seiner Halluzinationen, schliesst die Augen und hofft, das Problem möge auf magische Weise von allein verschwinden. Keine erfolgreiche, aber dafür eine verbreitete Methode: Was riecht, wird auf den Balkon gehängt. So verpesten die zum Verlüften aufgehängten Kümmernisse mehr und mehr die Umgebung. Doch wer die Augen verschliesst, mag sich auch die Nase zuhalten, auch wenn ihm dann bald die Hände für eine vernünftige Arbeit fehlen.

Zu tun gäbe es genug. Die Schweiz hat seit 1990 das niedrigste Wirtschaftswachstum aller OECD-Länder. Ein Umstand, den man hier angeht, indem man Arbeitnehmer drangsaliert, Arbeitszeiten verlängert und Löhne kürzt. Die Linke und die Gewerkschaften, von denen man Protest erwarten könnte, verharren in einer über Generationen angelernten Bravheit, glauben immer noch an den Arbeitsfrieden und den Sozialvertrag und haben noch immer nicht verstanden, dass sie vom Melker zur Kuh geworden sind.

Die Exportwirtschaft ächzt unter dem starken Franken, aber man deutet die monetäre Folter zum Ertüchtigungsprogramm um, das in der gesundbeterischen Logik der ökonomischen Elite schliesslich dem gesamten Organismus zugutekommen wird. Weil sich höhere Angestellte gern beim Dauerlauf in Schwung halten, reden sie sich ein, auch eine Volkswirtschaft müsse ein wenig an die Grenzen gehen, um zu besseren Zeiten zu rennen. Was bleibt dabei auf der Strecke? Löhne, Steuern, Investitionen in Bildung und Forschung.

Ein Land unter Druck

Hoffnung für die Wirtschaft kommt nur aus deutschen Exklaven und den grenznahen Gebieten jenseits des Rheins. Dort hat man sich auf die Verhältnisse eingestellt und neue, innovative Geschäftsmodelle entwickelt. Weil die Schweizer Konsumenten schneller als die Politik begriffen haben, dass man den starken Franken in diesen Zeiten besser hortet als ausgibt, kaufen sie ihre Ware gerne bei ausländischen Lieferanten im Internet. Die fakturieren glücklicherweise in Euro, also viel billiger. Und um gleich noch die Mehrwertsteuer zu sparen, lässt sich der helvetische Shopper das Paket an eine deutsche Adresse schicken. Und so erblüht das deutsche Jestetten, fast ganz von schweizerischem Territorium umgeben, im Zug der florierenden Paketdienste. Getränkehändler und Frisörsalons stellen ihre Postadressen preisbewussten Schweizern zur Verfügung, nehmen die Ware in Empfang, lagern sie treu, bis der Eigentümer sie auslöst. Die Autokolonnen am Wochenende und nach Feierabend nimmt man in Kauf. Schliesslich verdient man ordentlich. In Jestetten. Für die schweizerische Volkswirtschaft bedeutet der Einkaufstourismus im laufenden Jahr einen Schaden von elf Milliarden Franken.

Ganz zu schweigen vom Geld, das der öffentlichen Hand durch die Schlaumerei entzogen wird. Die demographische Entwicklung wird die Altersvorsorge zusätzlich demontieren, aber darüber hört der Schweizer selten Verlässliches. Sicher ist nur: Die Kantone stöhnen unisono unter Haushaltsdefiziten. Und auch diese Jeremiaden werden so wenig Anlass zum Handeln wie der von der Regierung längst versprochene Energiewandel. Der älteste Atommeiler der Welt steht bekanntlich auf schweizerischem Boden. Das Kernkraftwerk Beznau produziert ebenso zuverlässig Strom wie Störfälle. Internationale Experten schütteln über die Fahrlässigkeit den Kopf. Die Aktien der Trägergesellschaft liegen vollständig in den Händen der Kantone, und die verspüren wenig Lust, für sicheren Strom mehr Geld zu bezahlen. Und so lässt man den Lotter-Reaktor weiter brennen. Und hofft, der Herrgott im Himmel möge der Eidgenossenschaft weiter so gnädig sein wie bisher und das Schlimmste verhindern.

Niemand sollte glauben, dass sich das Land nicht verändert. Im Gegenteil. Es transformiert sich so schnell wie Ektoplasma aus Hollywood. Die Form, die es sich anzunehmen schickt, ist nicht dem himmlischen Schicksal überantwortet, sondern reagiert, wie jedes Plasma, auf Druck. Und Druck ist reichlich da. Dass sich die Schweiz seit zwanzig Jahren in einem Kulturkampf befindet, bezweifelt niemand mehr. Obwohl es einige Pessimisten gibt, die behaupten, dieser Kampf sei bereits entschieden und seit kurzem vorbei.

Notorische Lügen

Die nationale Rechte lässt die Bären tanzen, wo und wann sie will. Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet, sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt. Geld in den Händen eines chemischen Industriellen, Christoph Blocher, der seit Jahr und Tag das Land mit seinen obskuren Ideen inspiriert. Kunstsinnig wie immer, ist er auf seine alten Tage zudem grosszügig geworden. Der Mann besitzt nicht nur Milliarden, er scheint mehr und mehr gewillt, sie auch auszugeben.

Zum Frühstück spendiert er sich die erste öffentliche Ausstellung seiner privaten Gemäldegalerie in einem respektablen Kunstmuseum, dem Oskar Reinhart Museum in Winterthur, das des Industriellen Sammlung hiesiger Genremaler ausstellen darf und ihn dafür mit dem Glanz des Gönners salbt. Und weil ein rechtsnationaler Sammler mit Sendungsbewusstsein ein paar Selbstporträts veröffentlicht sehen will, kauft sich der Mäzen gleich die passende Publikation dazu. Das Du-Magazin, über Jahrzehnte das Zentralorgan des honorablen, kunstbeflissenen Bürgertums, hat praktischerweise sein Konzept gewechselt. Nun kann jeder, der sechzigtausend Schweizer Franken zu zahlen bereit ist, das Blatt komplett buchen, und niemand stört sich daran, dass eine Zeitung, die einmal bekannt war für die Arbeiten von Werner Bischoff und Hugo Lötscher, eine Woche vor den nationalen Wahlen den politischen Extremismus mit den Weihen der Kunst bemäntelt und rechtfertigt.

Das bunte Blatt im Hochformat reiht sich damit ein in die neue mediale Front, die von der Zürcher Weltwoche über die Basler Zeitung alle jene verbindet, die bereit sind, ihre journalistischen Standesregeln zu verhökern. Das Geschäftsmodell dieser Parteiorgane sorgt sich längst nicht mehr um Inserate, Abonnenten oder gar Leser. Wie die Defizite gedeckt werden, hat selten jemand gefragt, nie jemand recherchiert. Einer solchen Aufgabe scheinen die schweizerischen Medienhäuser zurzeit nicht gewachsen zu sein. Man begnügt sich mit den notorischen Lügen der Beteiligten.

Gezählt wird nur noch mit neun Nullen

Schweizerische Medien? Muss man sich um sie Sorgen machen? Man muss nicht, aber man sollte vielleicht. Der Durchmarsch der Rechten hat gerade erst begonnen. Den Sturm auf die Chefredaktion der Neuen Zürcher Zeitung konnte eine mutige Redaktion gerade noch verhindern. Bei der Neubesetzung der Feuilletonleitung ist ihr das leider nicht mehr gelungen. Der rechte Verwaltungsrat hat aus der vorigen Niederlage gelernt und im letzteren Fall den Arbeitsvertrag wohl zuerst unterschrieben – und dann erst über die Personalie informiert. Was vom neuen Kulturchef zu erwarten ist, bleibt abzuwarten. Ein Schuft, der an seiner Haltung zweifelt, nur weil sein letzter Arbeitsort eine Publikation mit einschlägig faschistischer Vergangenheit ist. In diesem Familienstück der Reaktionäre hiess der Chefredakteur früher ‹Hauptschriftleiter›, die Financiers hofierten Hitler und versorgten den Faschismus mit Barschaft. Heutzutage kommt das Geld von einem Privatbankier, der sein Institut unter dem Druck der amerikanischen Steuerbehörden verscherbeln musste. Aber auch danach blieb offensichtlich genug Geld und Einfluss übrig, um seinen journalistischen Zögling in eine der einflussreichsten Positionen der deutschsprachigen Publizistik zu hieven. Qualifikationen? Unnötig. Internationale Erfahrung? Das wäre in diesen Tagen geradezu unerwünscht.

Aber es gibt ja noch die Konkurrenz auf der anderen Seite der Sihl. Leider scheint auch mancher Redaktor des Tages-Anzeiger mittlerweile von den ewigen Budgetkürzungen zermürbt. Anders kann man es sich nicht erklären, dass der dortige Kulturchef in dasselbe Horn wie jener Schriftsteller bläst, der neulich in der NZZ zur Schliessung von Theatern aufgerufen hat und obendrein die nicht ganz von der Hand zu weisende Behauptung aufstellte, Dichter von seiner Sorte gebe es zu viele – ein Mann, der am Schweizerischen Literaturinstitut den Nachwuchs ausbildet. Solche spektakulären Pointen kann man bei der NZZ noch verlässlich dem neoliberalen Schema und ihrem Duktus zuordnen.

Beim Tages-Anzeiger scheinen sie bisweilen nur noch verwirrt zu sein. Das ist allerdings kein Wunder in einem Haus, das fünfzig Prozent des Geschäfts nicht mehr mit Journalismus, sondern mit Adresshandel und einem Internetauktionshaus verdient. Noch weniger erstaunlich ist es, wenn man weiss, dass in diesem Mischkonzern in den letzten Jahren eine gute Milliarde von den Redaktionen zu den Aktionären verschoben wurde. Hierzulande zählt man nur noch mit neun Nullen. Für manches Rückgrat in den Redaktionsstuben ist das nicht ohne Folgen geblieben.

Ein Volk von Zwergen

Hoffnung brächte eigentlich das gebührenfinanzierte Staatsfernsehen. Doch was man dort von Kritik hält, zeigt sich in der Art und Weise, wie man mit Intellektuellen umspringt. Ein kritischer Film über die Schweiz, verantwortet vom Schriftsteller Robert Menasse und dem Übersetzer Stefan Zweifel, wurde kurzerhand aus dem Programm gekippt. Und auch hier fanden die Verantwortlichen, als sie sich nach Tagen zum ersten Mal vernehmen liessen, nur die Fadenscheinigkeit der mangelnden Qualität und also die bekannte Rückzugsposition aller Feiglinge als Rechtfertigung für die Zensur. Vertrauen kann ein Schweizer Bürger heute eigentlich nur noch auf die Justiz. Allerdings nicht auf die schweizerische, sondern auf die amerikanische. Sie sorgt regelmässig dafür, dass die Eidgenossenschaft den Kontakt zu den zivilisatorischen Nationen nicht ganz verliert. Ohne die Staatsanwälte aus Übersee hätten die Banken das Gold der ermordeten Juden bis heute nicht zurückbezahlt. Die internationalen Steuerhinterzieher würden sich immer noch auf das Bankgeheimnis verlassen können. Und korrupte Sportfunktionäre könnten weiterhin unbehelligt von Zürich aus die Jugend der Welt an den Mammon verkaufen. Da nimmt man als Bürger die peinlichen Wildwest-Szenen aus den Strassen Zürichs, die im Sommer um die Welt gingen, gerne in Kauf. Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Darauf besteht man durch alle sieben Böden und bis ins hinterste Tal. Und man zeigt sich jetzt immer erstaunter, dass man vom Ausland plötzlich auch als Zwerg behandelt wird. Die Schweiz hat immer weniger zu sagen. Die Verhandlungen über das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen finden selbstverständlich ohne die Schweiz statt. Die neuen Bestimmungen in allen wirtschaftlichen Bereichen werden die Schweiz in einer Weise verändern, die die Torturen der letzten Jahre als lockere Dehnungsübungen aussehen lassen werden. Als Schweizer hat man dazu kein Wort zu sagen, aber wir werden natürlich nachvollziehen müssen. Der einzige Trost liegt im Umstand, dass man sich auch daran mittlerweile gewöhnt hat. Ein guter Teil der eidgenössischen Verwaltung ist damit beschäftigt, Gesetze nachzuvollziehen, die nicht in Bern, sondern in Brüssel oder New York erlassen wurden.

Böses Erwachen

Als Schweizer hat man in der globalisierten Welt nichts mehr zu sagen. Gefühle der Ohnmacht werden gerne mit grossen Worten kompensiert. Und wenn grosse Worte nicht mehr reichen, nimmt man eben unanständige. Der Populismus wird immer frecher, die Anwürfe immer primitiver. Im Schweizer Fernsehen muss sich ein Moderator zur besten Sendezeit auf eine Weise antisemitisch angehen lassen, die in keinem anderen Land möglich wäre, vielleicht mit Ausnahme Irans. Die Empörung darüber hält sich in sehr engen Grenzen. Genauso wenige stört es, wenn die grösste Partei der Schweiz mit Nazisymbolen Werbung macht. Die Einzige, die ihr Fett abbekommt, ist die Schriftstellerin, die darauf hingewiesen hat, dass die Ziffernfolge ‹88›, die in diesem Wahlclip einer Bundesratspartei präsentiert wird, unter Nazis als Chiffre für ‹Heil Hitler› steht. Sie muss sich von den Parteiideologen in ihren Kampfschriften anpöbeln lassen und erhält Morddrohungen, wie sie viele kennen, die hierzulande kritische Fragen stellen.

Man darf sich deswegen nicht beklagen. Andere zahlen einen noch höheren Preis. Etwa jener jüdische Mitbürger, der in Zürich am helllichten Tage von einem braunen Mob angegangen wurde. Zusammenhänge? Man wird doch nicht so paranoid sein! Suissemania: Der Wahnsinn, die Katatonie, die psychotische Störung können nicht ewig herrschen. Die Vernunft hierzulande ist nicht tot, sie schläft einfach sehr, sehr tief. Es wäre an der Zeit, sich zu regen und den Monstern zu trotzen, die ihre Ruhe gebiert. Sonst wartet am Ende einer langen Nacht ein böses Erwachen und als Trost nur die Nippessammlung, das Kloster Einsiedeln, die Schlacht am Morgarten und das Schellen-Ursli-Haus im schönen Graubünden, jedes davon durchschnittlich drei Zentimeter gross, aus ordinärem Plastik und selbstverständlich made in China.»

Bärfuss, Lukas. Die Schweiz ist des Wahnsinns. Ein Warnruf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2015.


Peter von Matt (*1937)

Der Mensch ist das lebenslange Studienobjekt des Germanisten Peter von Matt. Zu Gewalt ist der Mensch fähig, aber auch zu Liebe und Versöhnung. In seiner Rede am 1. August 2009 auf dem Rütli verweist Peter von Matt auf die Gewalttätigkeit von Wilhelm Tell, aber auch auf den Rütlischwur und die Verbrüderung. Schillers Tell ist ein einsamer Mensch, glücklich scheint er nicht zu sein. Ist die Schweiz in der Verbindung mit Europa vielleicht auch glücklicher als alleine?

«Der Mensch ist das geschichtenerzählende Tier»,104 sagt der Germanist Peter von Matt. Das Wort, die Sprache, die Literatur: Sie sind, was den Menschen ausmachen. Das Wort kann «gewaltlos und ohne Falsch»105 sein, aber auch gewalttätig, die Gewalt suchend106 und bewusst falsch, fake. Das ist der Ursprung jeder Geschichte: dass Menschen sie hören, dass sich die Menschen mit dieser Geschichte auseinandersetzen, dass sie sie beurteilen als eine gute oder schlechte, als eine wahre oder falsche Geschichte. In Geschichten geben Menschen Auskunft über Menschen und über ihr Verhalten.

Darin gründet die Liebe Peter von Matts zu den Menschen, zu den Existenzen. Über Tschechow schreibt er einmal: «Seine Botschaft ist sein Blick, seine Lehre die Einzigartigkeit jeder Figur.»107 Wer liest, dem bieten sich Einsichten in die Vielfalt der menschlichen Existenz. Und so einzigartig die Figuren in der Literatur auch sind, mal grundböse, mal liebend, mal offen, mal verschlossen – sie zu definieren, fällt einem schwer. Die Literatur hat nicht moralisch zu sein, sie hat aufzuzeichnen, sie hat die Beziehungen zwischen den Menschen wiederzugeben, sie hat den Menschen zu zeigen, wie er ist oder wie er sein könnte. Das moralische Urteil fällt ganz alleine auf den Leser zurück. Er selbst darf entscheiden, wer sich im Buch moralisch richtig verhält und wer nicht.

Zwei wesentliche Eigenschaften zeichnen den Menschen aus: Erstens ist er gewalttätig. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Gewalt. Die Literatur kann uns hier etwas lehren, sie kann uns Einsichten geben in die verschiedenen Formen von Gewalt, denn solange wir noch von Gewalt lesen, von Krieg, von Unterdrückung, solange können wir auch den Frieden wollen. Nichts ist schlimmer, als wenn die Menschen nicht mehr wissen, was Krieg ist. «Um Glück», sagt Peter von Matt, «eine bestimmte und fundamentale Form des Glücks, geht es überall, wo es um den Frieden geht. Dieses Glück wird nur erfahren, wer um das Gegenteil des Friedens weiss. Wo man es vergessen hat, wird der Frieden zum öden Alltag.»108 Das Gegenteil von Gewalt ist das Glück, die Liebe, in der Literatur der Kuss: Es ist die zweite wesentliche Eigenschaft des Menschen. Die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte der Liebe. Die Liebe, der Kuss: meistens ein kurzer Moment in einer Geschichte, aber immer ansteckend. Ein weiterer Kuss muss folgen, und koste es das eigene Leben. Wer einmal geküsst hat, der «trägt das Wissen vom Glück immerzu mit sich herum»,109 sagt von Matt.

Wer sich, wie Peter von Matt, den anthropologischen Konstanten der Intrige und des Kusses in ganzen Büchern widmet, für den ist Literatur auch ein «Spiel» zur Veranschaulichung des Menschen. «Alle Konflikte, in die die Menschen geraten können, hat die Literatur […] durchzuspielen, und desgleichen alle Formen ihres möglichen Ausgangs. Spiel als Erkenntnis.»110 Das Spiel der Literatur kennt keine Grenzen, auch keine Hierarchien. Alles ist erlaubt, einzig eine Interpretation muss möglich sein. Die Leserin, der Leser tritt in einen Dialog mit dem Stück: Was will ich aus dir lernen? Was nehme ich mit, was lasse ich zurück? Literatur provoziert also unzählige unterschiedliche Meinungen bei den Lesern. Auch dadurch wird Literatur menschlich, wird sie anthropologisch. «Der Streit der Meinungen» gehört für von Matt «zur Würde des Menschen».111 Die einzig wahre Meinung gibt es nicht, «die Wahrheit kommt immer in der Mehrzahl daher».112

Eine Mehrzahl von möglichen Wahrheiten? Das ist etwas Neues in der Geschichte der Menschheit. War Wahrheit bis zur Aufklärung «von oben deklariert»,113 war sie früher «Epiphanie»,114 so ist sie heute für Peter von Matt ein «Resultat»,115 etwas, das «gemeinsam errungen»116 wird. Das gemeinsame Ringen um Wahrheit ist Dialog, Diskussion, «das Gespräch, die Debatte, der Disput, der Diskurs».117 Wo dieser Diskurs nicht stattfindet, da herrscht Gewalt und Rechthaberei. Die Welt der Gewalt aber ist eine einfache Welt, oder um es in den Worten Peter von Matts zu sagen: «Sobald Schüsse fallen, wird die Welt einfacher.» Wenn man sich gegenseitig umbringt, dann «verschwinden alle Widersprüche. Man war in Probleme verstrickt, sie sind gelöst. Man hat sich mit Fragen herumgeschlagen, sie sind beantwortet.»118 In der Welt der Gewalt gibt es nur eine Wahrheit: Wir sind die Guten, die anderen sind unsere Feinde, sie sind die Bösen. Die Welt der Sprache, der Kommunikation – die Welt der Liebe, des Kusses? – ist komplexer, in dieser Welt gibt es viele Wahrheiten. Der Mensch muss «die Wahrheit suchen» und bleibt sich selbst damit treu: «Solange er weitersucht, bleibt er menschlich; sobald er damit aufhört, wird er gefährlich.»119

Wo Dialog stattfindet, manifestiert sich Demokratie, es entsteht eine politische Öffentlichkeit. «Moderne Demokratien», so Peter von Matt, beruhen «auf dem Prinzip der Gleichheit.» Sie stellen somit einen wichtigen Gegensatz zur «Differenz» dar, die in heutigen populistischen Zeiten als etwas Unausweichliches verstanden wird, als eine «naturhafte Gegebenheit».120 Versteht man die modernen westlichen Demokratien als ein Produkt der Aufklärung, dann trifft Peter von Matt hier auf einen der wichtigsten europäischen Gegensätze überhaupt: den Gegensatz zwischen Natur und Vernunft. Es ist ein Gegensatz, der Peter von Matt bis heute nicht loslässt. Die populistische Hetze macht von Matt zu schaffen, die Verrohung der Sprache irritiert ihn zutiefst, so tief, dass er manchmal nicht mehr weiterweiss mit Europa. «Ich übersehe gegenwärtig nicht mehr, was in und mit Europa läuft», schreibt er in einer Notiz zu diesem Buchprojekt. «Ich fürchte Attacken gegen Europa aus der Mitte von Europa selbst heraus, die fatale Folgen haben könnten.» Da sich «die Wahrheitsfindung im öffentlichen Prozess» im Bereich der Sprache ereignet, benötigt sie laut Peter von Matt «eine entsprechende sprachliche Kultur. Die Qualität der Öffentlichkeit bemisst sich auch nach dem Entwicklungsstand ihrer Sprache.»121 Wo Komplexität herrscht, da darf die Sprache nicht vereinfachen. Wer achtsam in der Wahl seiner Worte ist, der ist es auch mit seinen Mitmenschen. Die Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur führt zu einer Erkenntnis, die vielfältig, frei und beständig ist, weil sie sich immer wieder erneuert. «Literatur», so ist von Matt überzeugt, «kennt keinen Untergang ihrer Wahrheit.»122 Mit der rassistisch-populistischen Hetze, mit der Vereinfachung der Sprache erobert sich die gewalttätige Natur ihren Platz in der aufgeklärten europäischen Gesellschaft zurück. Nicht die Wahrheitssuche zählt mehr, sondern es wird eine Wahrheit gesetzt. Das führt zu Gewalt, sagt von Matt: «Die Wahrheit als Setzung schielt insgeheim immer auf Gewalt.»123 Wenn im heutigen Europa also die Menschenrechte kritisiert werden, wenn die universale Gleichheit an der Grenze im Mittelmeer haltmacht, wenn Wahrheiten Fake News werden, dann kann man die Ratlosigkeit Peter von Matts verstehen. Für ihn fällt Europa damit in einen Naturzustand zurück, von dem es sich die letzten Jahrhunderte versucht hat zu befreien. «Die Natur», so Peter von Matt, «kennt keine Rechte. Die Natur kennt nur Gewalt und List. Die freie Setzung der Menschenrechte ist daher eine der grössten Leistungen der Vernunft.»124

Die Vernunft, auch die Demokratie, «das ist glanzlos»,125 sagt Peter von Matt jetzt. Eine komplexe Sprache, viele mögliche Wahrheiten, Dialog und Kompromiss, wahrlich, diese Begriffe leuchten nicht sehr hell. «Die Demokratie hat im Arsenal der grossen Träume keinen Platz. Ihr Wesen ist der Kompromiss, das Beigeben, sind immer nur die halben Siege als immer auch halbe Schlappen.»126 «Unansehnlich von Natur aus»127 ist die Demokratie in den Augen Peter von Matts, sie ist «umständlich» und «schildkrötenhaft langsam».128 Die Demokratie hat also ihre Schwächen, sie ist vielleicht zu träge in der sich hektisch bewegenden Welt, doch für den Germanisten gehört der «demokratische Staat […] zu den höchsten Errungenschaften, die es auf unserem gequälten Planeten gibt».129 Aber: Demokratie ist schwierig.130 Demokratie gibt zu tun, «auch die Schweiz hat zu tun gegeben».131 Wer den Blick öffnet, von der Schweiz auf Europa hin, der findet hier einen Anknüpfungspunkt. Die Schweiz hat in Sachen Demokratisierung bereits einen langen Weg beschritten und verschiedene Krisen erfolgreich überwunden. Sie ist hier weiter als Europa, das sich in der bildhaften Beschreibung Peter von Matts «etwa im Zustand eines Pubertierenden» befindet, «der seinen Eltern schlaflose Nächte macht».132 Demokratie braucht Geduld, doch was aus der Demokratie entsteht, ist kristallklar, hat Wert, hat Substanz. «Die wirklichen Abläufe geschehen gletscherhaft langsam in der Tiefe»,133 sagt Peter von Matt und rückt damit die alpine Schweiz in das Zentrum Europas. Föderalismus und direkte Demokratie, das sind die nächsten Etappen der «langen Reise», die das pubertäre Europa noch zu gehen habe, und die Schweiz könne hier ein «Wegweiser»134 sein.

Man kann also argumentieren, dass Demokratie und Aufklärung an ihrer Langsamkeit, an ihrer Langweiligkeit kranken. Das scheint auch Friedrich Schiller erkannt zu haben, und so hat er seinen Wilhelm Tell als ein gewalttätiges Gegenstück zum friedlichen, pathetisch aufgeladenen Rütlischwur in Szene gesetzt, ihm sozusagen ein bisschen Würze verliehen. Tell ist, um hier weiterhin am Gegensatz von Gewalt und Liebe festzuhalten, der Intrigant, wie ihn Peter von Matt beschreibt: «Der Intrigant […] sagt: Ich mache es selbst. […] Mein Schicksal bin ich selbst, und so handle ich auch.»135Wilhelm Tell als Intrigant? Das grenzt schon beinahe an Gotteslästerung. Doch Peter von Matt kann sich erklären: Schlüssig argumentiert er, dass Tell ein Wilder sei, ein «Waldmensch, der keinen braucht, der sich selbst genug ist, der alles kann», ein «Einzelgänger, mehr noch: Er ist ein vorpolitischer Mensch», ein «Nichtrepublikaner».136 Peter von Matt findet in einer der wichtigsten literarischen Figuren der Schweiz mehr als viele andere vor ihm. Nicht die Gewalt, nicht der Tyrannenmord sind die zentralen Motive, sondern Tells Eigenbrötlerei. Doch in seiner Einsamkeit gehört Tell für ihn nicht zu den «tatsächlichen politischen Leistungen der Schweiz». Die wahren Leistungen, «das sind: die Kunst des politischen Kompromisses, die verhinderte Machtballung bei Einzelpolitikern und die überproportionale Förderung der Minderheiten».137 Nicht der gewalttätige und einsame Wilhelm Tell ist demnach für von Matt die grosse Leistung Schillers, sondern der Schwur auf dem Rütli: «Mich persönlich interessiert die Inszenierung der Menschenrechte am meisten. Das war das Gebot der Stunde. In der Rütliszene der Gestus: Wir holen die ewigen Gesetze vom Himmel herunter, im Sinne einer Berufung auf das Naturrecht.»138 Das ist grossartig. Den Wilhelm Tell – er stammt übrigens aus Dänemark, auch das verrät uns von Matt einmal – des deutschen Autors Schiller als ein Produkt der Französischen Revolution, des europäischen Humanismus verstehen zu können, das kann nur dem «Europäer»139 Peter von Matt gelingen. Damit ist Schillers Wilhelm Tell mehr als ein Stück über die «symbolische Gewalt der Berge»,140 es ist ein Stück über das «politische Know-how der Schweiz», über «ihre in Jahrhunderten entwickelte Versöhnungskultur».141

Europäer ist der Schweizer Peter von Matt durch die Literatur geworden. Die Schweizer Literatur ist seit ewig mit Europa verbunden, ist von Matt überzeugt, sie besitzt eine «doppelte Staatsbürgerschaft»,142 sie ist immer einerseits schweizerisch, andererseits aber auch europäisch, da sie sich an den grossen Sprachräumen des Deutschen, des Französischen und des Italienischen orientiert. Weiter weist von Matt darauf hin, dass die Schweiz für Napoleon «offensichtlich eine europäische Angelegenheit»143 war. Für Peter von Matt gibt es daher immer eine enge Verflechtung der Schweiz mit Europa, deren Beziehung reziprok ist: Die Schweiz kann Europa ein Wegweiser zu mehr Demokratie und Föderalismus sein, Europa wiederum hilft mit, die Schweiz als kleinen Staat zu beschützen und ihr ihre Neutralität zu lassen.

Auch wenn Tell beim Rütlischwur durch seine Abwesenheit glänzt, so ist das Stück von Friedrich Schiller doch Teil des europäischen «Raums der Inspiration».144 Wo die Politik versucht, Wilhelm Tell zum Eidgenossen zu machen, da macht ihn die Literatur zum Europäer. Die Literaten Europas, «die schaffenden Geister»,145 kommunizieren miteinander, sie überschreiten Grenzen und lassen ihre Helden dieselben Grenzen überschreiten. «Don Quijote reitet über alle Grenzen» heisst das dann bei Peter von Matt. Es gibt offensichtlich keine Nationalliteratur; alle Literatur ist für ihn grenzüberschreitend. Alles Nationalisierende ist zu verwerfen, alle Versuche, ein Volk als etwas Homogenes darzustellen, verlieren ihre Gültigkeit, der «Stacheldraht an den Grenzen der Staaten»146 wird belanglos, die Gewalt muss verworfen werfen und mit ihr die Vereinfachung. Was zählt, ist die Liebe, ist die Verbindung, ist die Diskussion, und «wenn es eine europäische Identität gibt, dann wurzelt sie hier, im gemeinsamen Raum der Inspiration».147

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