Kitabı oxu: «Lutherleben»

Şrift:

Felix Leibrock

LUTHERLEBEN

Ein Reformations-Roman

Michael Imhof Verlag

© 2011

Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG

Stettiner Straße 25

D-36100 Petersberg

Tel. 0661/9628286; Fax 0661/63686

www.imhof-verlag.de

Gestaltung und Reproduktion: Michael Imhof Verlag

Umschlagfoto: Britta Rehder, Apolda

ISBN ePUB 978-3-7319-0095-5

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft …

Philipper 4,7

Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis

Goethe

Hilf, heiliger Martin Luther, dass ich endlich den richtigen Mann finde …

Gebetszettel in der Wittenberger

Schlosskirche im September 2010

I

Eigentlich passte Wolfgang Trödler gut zu ihr. Nur die Weibergeschichten störten.

Zur Untreue hatte Wolle, wie sie ihn alle auf dem Campingplatz riefen, viele Gelegenheiten. Da waren die Frauen von den Dauercampern unten am See, direkt an der Blauen Bucht. Die Männer fuhren oft mit dem Motorroller alleine übers Land. Stundenlang. Hatten sie eine Geliebte, die sie besuchten? Kaum dass sie am Rezeptionshäuschen vorbeigebraust waren, ging bei Wolle eine SMS der alleingelassenen Frauen ein. Mal tropfte der Abfluss, mal war die Stromzufuhr defekt. Ob er mal schnell kommen könne. In den Blockhäusern des Campingplatzes mieteten sich manchmal Frauen, alleine oder zu zweit, ein. Dort fiel nach einer Weile des Einlebens erstaunlich oft ein Bild von der Wand oder die Mikrowelle streikte. Wer konnte da schnell und preiswert helfen? Wolle hier, Wolle dort. Mit bärengleichen Schritten tappte er über den Campingplatz. Nach ein, zwei, manchmal drei Stunden kehrte er zur Rezeption zurück. Man habe ihn noch zu einem Kaffee eingeladen, gab er in solchen Situationen beiläufig Rosemarie Aicher zu verstehen, seiner Lebensgefährtin. Sie war die Pächterin des Campingplatzes „Blaue Bucht“.

War ihre Eifersucht begründet? Einmal hatte sie den Zivildienstleistenden an die Rezeption gesetzt und war Wolle heimlich hinterhergeschlichen. Sie sah ihn mit halbem Körper unter einem Wohnwagen liegen. Er fummelte an den Leitungen am Unterbau des Wagens, neben ihm stand eine blondierte Sechzigjährige aus Leuna mit von der Sonne gegerbter Haut. Aus der Ferne sah sie, wie die trotz des Alters ungeniert bikinitragende Frau einen ihrer Füße mit lila lackierten Zehen direkt auf Wolles Bauch kreisen ließ. Rosemarie stürmte auf den Wagen zu, schob die Leunaerin zur Seite. Die zischte sie herablassend an und zündete sich eine Zigarette mit Goldfilter an.

„Lass doch den Fuß ruhig auf meinem Bauch, das beruhigt“, brummte es unter dem Wagen hervor. Rosemarie streifte sich blitzschnell einen Schuh ab und stieß ihren Fuß heftig in Wolles Speck.

„Holla, Liesel, kannst es wohl gar nicht erwarten“, stöhnte er lustvoll und robbte ans Tageslicht hoch. Ihm fiel die Wasserrohrzange aus der Hand, als er sah, wer ihm da so heftig den Bauch kujoniert hatte.

„Das habe ich nur getan, um ihn zu stabilisieren, damit er nicht seitlich wegkippt“, krächzte die Blondierte und drehte den Kopf nach oben.

„Ich will Ihnen mal was sagen“, keifte Rosemarie und einige Haarsträhnen hingen ihr in die Stirn, „wie soll ein Mann seitlich wegkippen, der so dick ist wie dieser und der gerade mal waagerecht unter den Wagen passt?“

„Ach Schätzchen“, sirrte die Leunaerin jetzt und blies ihr den Rauch ins Gesicht, „reg dich ab, dein Wolle hat mir nur einen Gefallen getan, der Süße, und dafür bekommt er jetzt auch einen Kaffee von mir.“

Rosemarie funkelte Wolle an, der etwas verunsichert zwischen den Frauen stand. Betreten schaute er auf die Erde und beobachtete eine Ameise, die ein weißes, für ihren Körper viel zu großes Ei auf dem Rücken transportierte.

„Ich werde dann wohl besser mal zur Rezeption gehen und wieder Gäste empfangen“, nuschelte er. Rosemarie stürmte schnaubend davon. Wolle gemächlich hinterher. Rosemarie konnte nicht mehr sehen, wie er der Liesel freundlich zuzwinkerte.

Wie sollte Rosemarie mit ihrer Eifersucht umgehen? Bis dahin war es nur ein Verdacht. Jetzt wusste sie es: Da war mehr zwischen Wolle und dieser Liesel aus Leuna als nur gemeinsames Kaffeetrinken. In ihr stiegen Bilder auf, Wolle in den Armen der Lederhäutigen, ihre lila Nägel in sein speckiges Rückenfleisch eingebohrt, es war zum Verzweifeln. Warum schämte Wolle sich nicht, ein solches Lotterleben zu führen? Sie beschloss, sich die Eifersucht einfach zu verbieten. Leicht gesagt. Sie wachte oft nachts auf, weil sie die Bilder nicht loswurde. Aber was war die Alternative? Wolle wegzujagen aus ihrem Leben? Das ging nicht. Sie war überzeugt, er liebte sie trotzdem. Doch, er passte gut zu ihr und zu ihrer Lebenslage, obwohl er dreizehn Jahre jünger war. Nur die Weibergeschichten störten.

„Moin, moin“, lachte ihm das Rentnerehepaar aus Cuxhaven entgegen, während er ihnen die Chipkarte und die anderen Unterlagen für den Campingplatz ins Auto reichte. „Wat is denn dat für’n Shietwetter, Wolle?“

„Na, ihr von der Küste müsst es ja wissen, wie das mit dem schönen Wetter ist!“, lachte er zurück. Der Regen prasselte auf das Dach der Rezeption. Durch die Scheibe des Holzhäuschens war Rosemarie zu erkennen, die die Mappen mit den Unterlagen für die neu eintreffenden Camper vorbereitete. Sie winkte dem norddeutschen Ehepaar zu, das schon seit vielen Jahren zum Urlaub an den Stausee kam.

Wolle zeigte den Neuankömmlingen die Richtung an, in der ihr diesjähriger Stellplatz lag. Handwerklich begabt, humorvoll, meist gut gelaunt, war Wolle auch äußerlich eine imponierende Erscheinung: Ein Brustkorb wie ein Panzerschrank, über den das lange weiche Haar seines ergrauten Vollbarts wallte. Obwohl nicht außergewöhnlich groß, füllte er mit seiner Tonnengestalt jeden Raum aus, vor allem wenn er dazu seine sonore Bassstimme ertönen ließ. Die alte Hornbrille auf der Stupsnase verlieh ihm etwas Verschmitztes. Mit seinen gerade mal fünfzig Jahren strahlte er etwas Väterliches, Beschützendes aus. Rosemarie bot ihm ein behagliches Zuhause und eine berufliche Perspektive. Sie beschäftigte ihn als geringfügig Verdienenden, darüber hinaus konnte er sich aus der Haushaltskasse bedienen. Das tat er vor allem dann, wenn er in die Stadt fuhr, um es sich, wie er es nannte, mal so richtig gut gehen zu lassen. Bezogen war das vor allem auf kulinarische Abenteuer. Vom Schweinebraten über die heiß geliebte Käsesahnetorte bis zum Latte Macchiato bei Giovanni, dem Italiener. Den Campingplatz hatte Rosemarie vor fünf Jahren übernommen, nachdem ihr Mann Eberhard an Lungenkrebs gestorben war. Anfangs tat sie sich schwer. Sie kannte sich nicht mit Buchführung aus, hatte keine Ahnung von Steuern und Versicherungen, von den vielen technischen Erfordernissen eines Campingplatzes ganz zu schweigen. Bis zum Tod ihres Mannes hatte sie die Gaststätte Seeklause auf dem Campingplatz geführt. Mit einem besonderen Angebot von Rosemarie hatte die Seeklause großen Zuspruch erfahren: Die Hobbyangler unter den Campern hatten die Möglichkeit, die in der Frühe in der Blauen Bucht geangelten Fische bei ihr abzuliefern. Sie bereitete sie ihnen am Abend zu einem Sonderpreis zu, mal die Forelle nach Müllerin Art, mal den Saibling gedünstet in Riesling-Senfsauce, immer mit Dill oder Mangold von der Blauen Bucht. Ihr Mann hatte den Campingplatz von der Gemeinde gepachtet, Rosemarie war seine Unterpächterin. Was sollte aber nach dem Tod von Eberhard geschehen? Ehe die Gemeinde ihr einen anderen Betreiber vor die Nase setzte, ging sie selbst zum Bürgermeister und sagte keck: „Ich mach es!“ Sie stellte einen Hilfstechniker auf Honorarbasis ein, außerdem Saisonkräfte vom Arbeitsamt und, weil der Campingplatz als besonders behindertenfreundlich zertifiziert war, immer wieder Zivildienstleistende. Für die Seeklause fand sich eine frühere Schulkameradin, die Rosemaries Tätigkeit fortführte.

„Goeden dag!“ Überschwänglich begrüßte Wolle die Insassen eines Wagens mit holländischem Kennzeichen. Ein junges Ehepaar grüßte zurück. Im Fond saßen zwei kleine Kinder und eine etwa 50-jährige Frau, die junge Großmutter. Ihr nickte Wolle vertraut zu und strich sich den Bart. Er kannte die Familie vom letzten Jahr. Die Großmutter hatte die Kleinen gehütet, wenn die Eltern in die Stadt fuhren oder am See einen Badenachmittag verbrachten. Da hatte er sich mit der Großmutter, die gar nicht wie eine aussah, angefreundet und bei ihr Unterricht in Niederländisch genommen. So hatte er die Stunden bei ihr jedenfalls gegenüber Rosemarie gerechtfertigt. Man brauche als Hausmeister und Empfangschef bei den vielen Gästen mit den gelben Autokennzeichen ein paar elementare Sprachkenntnisse. »Tja«, hatte Rosemarie nur geseufzt. Kaum waren die Holländer eingewiesen, kamen Hans-Peter und Ursel Schmitz aus Köln mit ihrem schweren Wohnmobil, Rheinländer durch und durch und im siebzehnten Jahr Gast; das Ehepaar Beauchamp aus Lothringen, das seit Jahren auf seiner Fahrt an die Ostsee einen mehrtägigen Zwischenstopp machte; die Steiners aus Sachsen, die mit Ingo, ihrem erwachsenen, spastisch gelähmten Sohn öfter im Jahr für eine Woche an der Blauen Bucht urlaubten; Omlors und Ruffings, zwei Ehepaare aus dem Saarland, die Wolle und Rosemarie auch dieses Mal mit launischen Fragen begrüßten: „Wo han ihr dann die Sunn vaschteggeld? Hanna es Bier kald geschtelld?“

Zu Dutzenden trudelten sie an diesem Freitagnachmittag aus ganz Deutschland und den Nachbarländern ein, altbekannte Gesichter für Rosemarie, aber auch schon für Wolle. Sie alle hatten ihn von Anfang an als Rosemaries Neuen akzeptiert.

Kennengelernt hatten sich Wolle und Rosemarie vor vier Jahren bei einem Linedance-Kurs des nahe gelegenen Country-Clubs. Linedance, jener steifbeinige Tanz, bei dem sich die Teilnehmenden mit emotionslosen, ja gefrorenen Gesichtern wie erratische Blöcke hin- und herschoben, mit angewinkeltem Daumen in der Gürtelschlaufe der Bluejeans, - der Tanz entsprach mit seiner streng fixierten Choreographie den psychotherapeutischen Bedürfnissen Rosemaries in dieser Lebensphase. Der überraschende Tod von Eberhard hatte ihren Seelenhaushalt komplett durcheinandergeworfen. Was sie suchte, war Ordnung, Halt, Orientierung, wie sie der Linedance offerierte. So gönnte sie sich einmal pro Woche die Tanzstunde. Auch war es wichtig, den Kontakt mit dem Country-Club zu pflegen. Der rührige Clubchef Harry Lohmann, genannt Howdie, unterbreitete Freizeitangebote, über die Rosemarie die Campingurlauber gerne kompetent informieren wollte. Nach der Tanzstunde saß man noch auf einen Whisky zusammen, schaute von der Ranchterrasse auf El Condor Pasa, das 23 Jahre alte Westernpferd, das beim Country-Club sein Gnadenbrot fraß. Alle gemeinsam beratschlagten über neue Aufgaben für den Club, um die klamme Clubkasse aufzubessern. Nur zu gerne wollte Howdie zwei, drei Pferde anschaffen und Ausritte für die Urlauber anbieten. Pläne schmieden war das eine, und darin waren alle im Country-Club Meister. Die Finanzen waren das andere. Da schwadronierten sie von Sponsoren, reichen Leuten aus der Stadt, die sich mit dem Country-Club eine goldene Nase verdienen könnten. Aber bisher hatte kein Sponsor diese Einschätzung geteilt und El Condor Pasa trottete weiter alleine seine müden Runden.

Insgeheim hoffte Rosemarie beim Linedance-Kurs auf eine Männerbekanntschaft. Sie brauchte jemanden, der sie auf dem Campingplatz unterstützte, aber auch einen Menschen, mit dem sie alles bereden konnte, was das Leben an Sorgen und schönen Erlebnissen mit sich brachte. Ein Herr mit gezwirbeltem Schnauzbart und edlem Cowboyhut machte ihr gleich zu Beginn des Kurses Avancen. Doch sprach er beim Whisky die ganze Zeit von seinen Arztbesuchen. Er schilderte ihr ausführlich die Prostatauntersuchung beim Urologen, begeisterte sich für die Wanderung des Koloskops durch seinen Dickdarm, die er am Bildschirm mitverfolgt hatte, und wog vor ihr selbstversunken ab, ob er seine Krampfadern in Kürze veröden, lasern oder strippen lassen sollte. Als sie auch noch sein Alter erfuhr, 72 Jahre, schied er als zupackender Mithelfer auf dem Campingplatz und auch als liebender Gatte für sie aus. Mit ihren damals 58 Jahren war sie vom Leben gezeichnet. Die rötlichen Haare dünnten aus und gaben den Blick auf die Kopfhaut an manchen Stellen frei, das Gesicht war von kleinen Falten durchfurcht und unter den Augen deuteten sich dunkle Ringe an. Die Ansprüche an einen Zukünftigen hatte sie zwar zurückgeschraubt, aber jeden würde sie deswegen noch lange nicht nehmen! Nein, lieber wollte sie sich allein durchs Leben kämpfen als beispielsweise diesen Egomanen nehmen, der ihr nur eine einzige Frage während des einstündigen Zusammenseins gestellt hatte, nämlich die, wo im Country-Club die Toilette sei.

Eines Tages war er da, wie Phönix aus der Asche: Wolle. Linedance war der einzig mögliche Tanz zwischen beiden: Er mit der Statur eines Bud Spencer, nur nicht so groß, sie einen Kopf kleiner als er, kugelrund, mit fleischigen Oberarmen. Sie trampelten in Traversen und Quadrillen vor- und nebeneinander über den knarrigen Bretterboden der Ranch zur Musik von Johnny Cash und Shania Twain den Canadian Stomp. Nach wenigen Tänzen warf Wolle mit seinen kleinen Augen lustige Blicke in Richtung Rosemarie und stampfte noch fester auf. Die kopfüber hängenden Whisky- und Ginflaschen über der Theke wackelten bedrohlich. Am Ende der Stunde lud er sie zu einem Johnnie Walker Black Label ein. Noch am selben Abend zeigte sie ihm den Campingplatz und bot ihm an, in einem der Blockhäuser for free zu übernachten. Am nächsten Morgen hackte er Holz im Freien, während sie den Kaffee brühte. Als er seinen Strammen Max schmatzend aß und Bierschinken scheibenweise verschlang, hatte sie das Gefühl, hier sei ein Leben am Ort seiner Bestimmung angelangt.

So redselig Wolle von Anfang an war, wenn es um Gott und die Welt ging, so knapp angebunden war er, wenn sie ihn auf seine persönliche Vergangenheit ansprach. Auch nach vier Jahren Zusammenleben wusste sie nur von einem abgebrochenen Jurastudium in München, von einer Zeit als Bahnkellner und von dem zermürbenden Dasein als Verkäufer in einem Möbelzentrum. Dort hatte er für einige Monate in der Bettenabteilung gearbeitet. Nach einer Verkaufsschulung musste er den Kunden mit der Frage auflauern, ob er helfen könne. Fast immer war die Antwort gleich: „Wir wollen uns nur mal umschauen!“

Er sprach nie von seinen Eltern oder Geschwistern, anderen Lebenspartnerinnen oder gar Kindern. Als er nach zwei Monaten aus seiner Stadtwohnung auf den Campingplatz in Rosemaries Wohnung über der Seeklause einzog, hatte er nur wenige Möbel und Kleider, dafür aber eine Vielzahl von Biergläsern und Weinkaraffen, Humpen, Krügen und Kelchen. Außerdem brachte er sein Akkordeon mit, mit dem er manches Mal an schwülen Sommerabenden die angetrunkenen Gäste der Seeklause beglückte. Ab und zu spielte er noch über den Beginn der Nachtruhe um 22.00 Uhr hinaus, was Rosemarie auf die Palme brachte. Denn wenn unter Campern eines heilig war, dann die Campingplatzordnung. Der Ruf der Blauen Bucht stand auf dem Spiel!

„Ich fahr noch mal eben eine Runde“, warf er Rosemarie zu, nachdem sich die Ankunftswelle der Urlauber gelegt hatte. Der Regen hatte nachgelassen, der Wald über dem Gelände war erfüllt von jubelnden Vogelstimmen.

Wolle zurrte sich den sternverzierten Helm fest und stieb mit seinen weiß-pinken Inlinern davon. Rosemarie hatte sie ihm zum 50. Geburtstag geschenkt. Sein größter Wunsch hatte sich damit erfüllt. In einem der seltenen Momente, in denen er von seinem Früher erzählte, hatte er offenbart, als Kind leidenschaftlich gern Rollschuh gefahren zu sein. Keine Frage, diesen Wunsch musste Rosemarie ihm erfüllen, auch um ihn zu weiteren Gesprächen über seine Herkunft zu motivieren. Schon bald hatte er eine Lieblingsstrecke über Rad- und geteerte Fußwege gefunden. Sie führte ihn am Country-Club und am Tiergehege vorbei zum See und um diesen herum zurück zum Campingplatz. Mit voller Fahrt brauste er jetzt das leicht abschüssige Gelände auf die Bundesstraße zu, um kurz vor der Einmündung abzubremsen und dann in scharfem Bogen in den Radweg Richtung See einzubiegen. Normalerweise war das kein Problem. Aber heute war der Teer vom Regen glatt und wie aus dem Nichts huschte ein Hase über die Waldstraße. Wolfgang Trödler versuchte, ihm auszuweichen. Er kam von der Strecke ab und raste auf eine 500 Jahre alte deutsche Eiche am Straßenrand zu. Im letzten Augenblick breitete er die Arme aus, um den Baum zu umarmen. Die Wucht war gewaltig, er schlug auf die groben Schuppen der Borke auf und kippte dann leblos zur Seite. Blut tropfte aus der Nase in den nassen Waldhumus.

II

„Wolle, mein liebster Wolle, komm doch wieder zurück zu mir“, flüsterte Rosemarie bei jedem Besuch in der Klinik. Sie saß am Krankenbett und hatte ihren Kopf neben den von Wolle gelegt. Wolle war in eine andere Welt abgetaucht. Nach dem Unfall fand ihn ein Camper, der Notarzt war zehn Minuten später da. Im städtischen Krankenhaus versetzte man ihn in ein künstliches Koma. Erst nach zwei Wochen kam er von der Intensivstation in die Neurologische Klinik. Neben drei Rippenbrüchen und einer Fraktur des linken Unterarms sowie vielen Blutergüssen, Hautabschürfungen und einer geschwollenen Nase hatte er ein Schädel-Hirn-Trauma davongetragen. Kam Rosemarie auf Besuch, erkannte er sie nur eingeschränkt: Sie war ihm eine vertraute Person, das glaubte sie zu spüren, aber er wusste ihren Namen nicht mehr. Auch erinnerte er sich nicht an die Blaue Bucht, die Seeklause, den Country-Club, überhaupt alles, was vor dem Unfall lag. Routinehandlungen dagegen funktionierten. Er arbeitete sich aus dem Bett empor und trottete zum Fenster, er aß manierlich, er konnte Zeitschriften lesen und kommentierte manche Meldung mit undefinierbaren Lauten. Manchmal suchte er Rosemaries Hand, drückte sie vorsichtig an seinen lädierten Körper oder lachte sogar mit ihr, wenn ihm etwas von der Gabel fiel. Die Ärzte wollten Rosemarie zunächst gar keine Auskunft geben, weil Wolfgang Trödler für diesen Fall nicht vorgesorgt hatte. Sie war keine Verwandte, sie war, aus Sicht der Ärzte, gar niemand mit Bezug auf ihn. Vor einem Jahr hatte die Ehefrau eines Patienten die Klinik mit einer Klage überzogen. Ein Arzt hatte einer weiblichen Person, die sich als Lebensgefährtin ausgab, Auskunft über den Patienten gegeben. Sie war die Geliebte. Auf dem Flur der Klinik begegnete sie der Ehefrau. Die erkannte die Konkurrentin und empörte sich, was sie hier zu suchen habe. Die angebliche Lebensgefährtin berichtete genüsslich vom Zustand des Mannes, den sie beide begehrten. Sie hatte einen Informationsvorsprung, sie war eher am Bett des Verunglückten. Das sollte die Ehefrau spüren. Seit der Klage der Ehefrau waren die Ärzte noch vorsichtiger mit ihren Auskünften. Erst als keine leiblichen Verwandten auftauchten und Wolle Rosemarie vor den Ärzten nicht zurückwies, erhielt sie einige Informationen. Dr. Heinrich, der Stationsarzt, sprach vom Amnestischen Syndrom und erläuterte die retrograde Amnesie, auch von posttraumatischen Belastungsstörungen war die Rede, – medizinische Fachbegriffe, die Rosemaries Angst eher verstärkten, ihr Wolle werde niemals wieder das volle Gedächtnis erlangen. Eine Prognose lehnte Dr. Heinrich ab.

Gerne hätte sie Tag und Nacht an seinem Bett gewacht, gerne hätte sie den Augenblick erlebt, wenn schlagartig wieder die Erinnerung da war. Aber auch mit kleinen Schritten der Besserung wollte sie zufrieden sein. Doch auf dem Campingplatz begann die Saison und durch den Ausfall ihres Lebensgefährten war sie doppelt gefordert. Nur jeden zweiten, manchmal jeden dritten Tag reichte es für einen Besuch in der Klinik. Sie sah ihn dann die ganze Zeit über liebevoll an, streichelte seine Hand und flüsterte ihm warme Worte ins Ohr. Einmal, als sie ihn lange beobachtete, da glaubte sie, Wolle habe sich auch körperlich verändert. Was war mit seiner Stupsnase geschehen? Sie kam ihr jetzt größer, kantiger vor. Auch die Lippen erschienen ihr voller, wulstiger. Und die Augen, waren sie nicht ein Stück tiefer in die Höhlen zurückgetreten? Das kann doch gar nicht sein, schalt sie sich selbst, jetzt fange ich an zu spinnen. Doch mit Wolle geschah etwas, was sie nicht einordnen konnte.

„Wir können uns den Zustand ihres Lebensgefährten nicht ganz erklären“, gab ihr Dr. Heinrich nach vier Wochen zu verstehen.

„Nicht ganz, was soll das heißen?“ Sie war nervös.

„Nun ja, retrograde Amnesie bedeutet häufig, der Patient kann sich nicht mehr an den Unfall erinnern, verliert aber nicht sein komplettes Langzeitgedächtnis. Herr Trödler aber ist fremd in seinem eigenen Leben, und es sieht so aus, als müsse er sich viele emotionale Kompetenzen neu erwerben. Sie sagen ja selbst, er erinnere sich nicht mehr an die vertraute Umgebung, diesen Campingplatz und alle diese Dinge. Hat er Sie denn mittlerweile wieder mit Namen angeredet?“

Rosemarie schüttelte den Kopf.

„Weiß er denn noch etwas aus seiner Kindheit? Aus den Jahren, bevor er Sie kennengelernt hat? Sie kennen sich doch erst ein paar Jahre, sagten Sie das nicht?“

Sie schwieg und empfand die Fragen als peinlich. Sie wusste so gut wie nichts über Wolles Vorleben. Wieso sollte sich das gerade in seinem jetzigen Zustand ändern? Das war doch eigentlich nicht normal, mit einem Menschen zusammenzuleben, über den man fast nichts wusste!

„Das Ganze ist etwas rätselhaft, weil wir keine Blutungen im Gehirn, keine Hypoxie oder andere Befunde haben, die einen Gedächtnisverlust in dieser Form plausibel machen.“

Ein unsicheres Zucken ging durch Rosemaries Gesicht.

„Passen Sie auf, Frau Aicher, wir haben bei unserem Konsilium erwogen, Herrn Trödler in eine spezielle Reha-Klinik zu verlegen. Die Klinik in Sachsen hat Einrichtungen und Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit ungewöhnlichen Formen der Amnesie. Dort wird er einige Zeit bleiben und wir hoffen auf die Regenerationsfähigkeiten des Gehirns.“

Nach Sachsen, schoss es Rosemarie durch den Kopf. Sie klammerte sich an der Stuhlkante fest. Da kann ich ihn ja kaum besuchen, ohne Führerschein. Der Campingplatz, die bevorstehende Hochsaison, wer hält ihm dann die Hand? Wird er nicht völlig vereinsamen? Wer hilft mir an der Rezeption? Beim Einchecken der Gäste? Bei Reparaturen?

„Frau Aicher, hallo, sind Sie einverstanden?“, holte sie Dr. Heinrich aus ihren Gedanken. Sie nickte. Was sollte sie auch anderes vorschlagen?

„Gut, dann können Sie sich ja heute von ihm verabschieden und morgen bringt ihn ein Krankentransport in die Reha.“

Dr. Heinrich wandte sich der Patientenmappe zu und füllte Formulare aus. Die farblose Gardine am Fenster wehte im Wind. Draußen nieselte es in dünnen Fäden vom Himmel. Leise verließ Rosemarie den Besprechungsraum. Wolle war schon eingeschlafen. Lange sah sie ihn an. Was war nur mit Wolle los? In welche Welt war er abgetaucht? Sie schloss die Tür und ging an der Glaskabine vorbei, hinter der sich die Schwestern aufhielten. Dr. Heinrich unterhielt sich angeregt mit ihnen. Eine Schwester in blauer Dienstkleidung aß ein Stück Pflaumenkuchen. Einige Fliegen schwirrten unruhig zwischen Flur und Glaskabine hin und her. Für einen Augenblick hatte Rosemarie einen schrecklichen Gedanken: Verschwieg man ihr in der Kinik etwas Entscheidendes? Hatten die Ärzte Wolle am Gehirn operiert, mit Fehlern, die sie jetzt vertuschen wollten?

Am nächsten Morgen brachte ein Krankentaxi Wolfgang Trödler in die mehrere Autostunden von der Blauen Bucht entfernte Klinik. Der neue Patient ordnete sich gut in die Abläufe der Klinik ein, saß immer pünktlich im Speisesaal und nahm alle Therapien wahr. Manchmal klingelte das Stationstelefon für ihn. Wenn ihm die Schwester den Hörer brachte und sich am anderen Ende eine „Rosemarie“ meldete, sagte er gar nichts, drückte sie aber auch nicht weg. Die Frau redete von neuen Dauercampern, von einem Stromausfall, vom Zahnweh El Condor Pasas. Neugierig sah er bei diesen Worten aus dem Fenster in die hohen Pappeln des Parks.

„Mein lieber Wolle, nächsten Mittwoch komme ich dich besuchen“, sagte die Stimme eines Tages.

Der Angesprochene hatte keine Ahnung, welche Mühen es Rosemarie bereitet hatte, sich diesen Tag freizuschaufeln.

„Wolle, hast du gehört, ich komme zu dir! Die Steiners nehmen mich auf ihrer Fahrt nach Hause mit. Stell dir vor, ihr Ingo macht in der gleichen Klinik wie du eine Reha. Dann werden dich die Steiners öfters besuchen!“

Wolle starrte stumm das Telefon an.

„Wolle, hallo, hörst du mich?“

Rosemarie erwartete wie immer keine Antwort, wenn sie mit ihm telefonierte. Schon wollte sie auflegen, als in das leichte Rauschen der Funkverbindung zwei leise Worte vom anderen Telefon fielen:

„Mit Akkordeon.“

Rosemarie verschluckte sich fast vor Aufregung. War das Wolles Stimme? Oder hatte das jemand anderes für ihn geflüstert? Aber Akkordeon, das war doch sein Instrument.

„Wolle, du möchtest das Akkordeon haben, habe ich das richtig gehört?“ Wolle hatte gesprochen, einen Satz mit Bezug auf eine versunkene Zeit, es kam ihr vor wie ein Wunder! Das Akkordeon! Die Krankheit Wolles machte sie bescheiden, demütig. Sie war dankbar für den geringsten Fortschritt.

„Klar bringe ich das mit, lieber Wolle, klar doch, mein Liebster. Na klar, sehr gerne …“

Glückswellen. Wolle begann, sich wieder zu erinnern. Längst hatte er sie weggedrückt.

Der Mittwoch, an dem Rosemarie Wolle besuchte, verging für sie wie im Fluge. Wolle hatte sie zwar anfangs finster angeschaut, wie eine Fremde. Auch als sie ihm von der Blauen Bucht erzählte. Von den Gästen in der Seeklause, die sich schon freuten, wenn er ihnen wieder mal aufspielte. Sein Blick wirkte bedenklich, die Stirn zeigte eine bisher unbekannte Furche über der Nasenwurzel. Erst als die Steiners, die Ingo in seine Reha-Abteilung gebracht hatten, das Akkordeon ins Zimmer hereinschleppten, hellte sich seine Miene etwas auf.

„Wir werden jetzt öfter bei dir reinschauen, Wolle“, sprachen sie aufmunternd. Rosemarie erhob sich. Sie war auf Steiners angewiesen, die sie zum Bahnhof brachten. Auch Wolle stand jetzt von seinem Krankenbett auf. Rosemarie streckte sich zu ihm empor und schlang die Arme um seinen Hals, so weit das ihrer beider Leibesfülle und die ungleiche Körpergröße zuließen. Sie sah von unten direkt durch die glatten Barthaare zur Unterlippe, zur Nase. Das waren doch nicht mehr die alten Wolle-Organe, oder? Sie zweifelte. Hatten die Ärzte ihn im Gesicht operiert, um einer Entstellung vorzubeugen? Hatte sie die Schwellung des Gesichtes nach dem Unfall fehlgeleitet? Zwei Tage nach dem Unfall hatte sie ein gerahmtes Foto mit ihr und Wolle vor der Seeklause auf die Intensivstation gebracht. Das Foto stellte sie auch in der Neurologischen Klinik auf den Nachttisch. Eines Tages war es spurlos verschwunden. Die Schwester mit dem Pflaumenkuchen behauptete sogar, ein Foto habe nie auf dem Nachttisch gestanden. Hatte Dr. Heinrich bei der Visite auf diesem Foto das ursprüngliche Gesicht gesehen und ein Verschweigen der OP für sinnvoller gehalten? Doch da, erwiderten Wolles Arme nicht ganz leicht die Umarmung? Alles würde gut, glaubte sie für einen Augenblick. Was sie nicht wusste: Der sie da zu umarmen schien, war nicht mehr Wolfgang Trödler.

III

Sabine Harder legte den Bleistift zur Seite und zerriss das kaum beschriebene DIN-A4-Blatt. Zu dem Brief an die Kolosser, wie er in der Bibel stand und über den sie am Sonntag predigen sollte, fand sie keinen richtigen Zugang. So viele moralische Aufforderungen, wer wollte das noch hören! Eigentlich hatte sie sich das mit dem Predigen als Klinikseelsorgerin anders vorgestellt. Mit ihrer 50%-Stelle beabsichtigte sie den Schwerpunkt auf die Gespräche mit den Kranken zu legen. In der Woche hielt sie die Vormittage dafür frei. Dazu kamen die Notfälle, die sie jeder Zeit ereilen konnten. In die sonntäglichen Gottesdienste kamen stets neue Patienten. Ein Dutzend Predigten mit speziellem Bezug zu der Sorgenwelt von Kranken bereitete sie vor, die sie dann nacheinander hielt. Alle drei Monate begann sie den Predigtzyklus von vorne, mit einigen Aktualisierungen, wie sie die Weltgeschichte oder der Klinikalltag nahelegten. Die Predigt jedenfalls sollte nicht mehr wie zuvor im Stadtpfarramt die Arbeitszeit übermäßig beanspruchen. Schließlich hatte sie zwei kleine Kinder und einen Mann, der als Pharmavertreter viel unterwegs war. Alles das hatte sie bei ihrer Bewerbung bedacht, doch dann kamen sie: Frau Adlung und Frau Beer, zwei ältere, distinguierte Damen mit Konzertabo im Stadttheater und edlem Geschmeide an Hals und Arm. Sie wohnten nicht weit weg vom Klinikgelände. An einem eisigen Wintersonntag erschien es ihnen zu gefährlich, die abschüssige Straße in die Stadt und zur Friedenskirche zu laufen. Sie entschieden sich für den Gottesdienst in der Reha-Klinik. Es sollte eine Ausnahme sein. Ein Mal. Dieses eine Mal fanden sie aber viel bequemer. Auch predigte die Pfarrerin schön. Außerdem war ihnen als treuen Leserinnen der „Apotheken-Umschau“ und von eigenen Zipperlein her das Thema Krankheit ohnehin vertraut. Kurzum, sie entschieden sich, in Zukunft jeden Sonntag in die Reha-Klinik zum Gottesdienst zu gehen. So war es nichts mit dem einen Dutzend Predigten für Sabine Harder. Denn was gab es Schlimmeres, als wenn die Damen irgendwann erzählten, die Frau Pfarrerin predige immer das Gleiche. Ein Ehrgefühl stieg in ihr hoch. Nein, dieser Schmach wollte sie sich nicht aussetzen. So saß sie an einem Samstagnachmittag in ihrem schönen Dienstzimmer mit Blick in den Kurpark, die Birken schwankten im Wind und die Kohlmeisen zirpten im Psalmgarten. Den hatte die Klinik auf ihr Betreiben hin angelegt, finanziert von der Pharmafirma ihres Mannes. An diesem Nachmittag war er mit den Kindern in den Zoo gefahren, um ihr den Rücken freizuhalten. Nur dass ihr zu der Stelle aus dem Brief an die Kolosser partout nichts einfallen wollte.

War da nicht Musik zu hören? Draußen im Park. Das konnte sie jetzt gar nicht vertragen: Ablenkungen. Sie erhob sich, um das Fenster zu schließen. Schon hatte sie den Fenstergriff umgedreht, schon war sie einen Schritt zum Schreibtisch zurückgegangen, da drehte sie den Kopf langsam wieder in Richtung des Fensters und stutzte. Sie sah jetzt konzentriert nach draußen. Da saß ein schwerer Mann mit grauem Bart im dunkelblauen Bademantel, den Kopf über ein Akkordeon gebeugt, auf einer der neuen Parkbänke mitten im Psalmgarten. Genau dort, wo hohe Weidenruten, in ihrer Krone zusammengeflochten, eine Art Schlucht bildeten. Sie illustrierten den Vers aus dem 23. Psalm: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal. Sie hatte den Mann noch nie gesehen. Irgendwie eine unwirkliche Szene, wunderte sie sich. Der Eindruck verstärkte sich, nachdem sie das Fenster leise wieder geöffnet hatte. Der Mann spielte nur mit der rechten Hand auf dem Akkordeon. Sie nahm eine einstimmige Melodie wahr, die etwas unbeholfen klang, wie von einem Anfänger in der Musikschule. Unablässig wiederholte der Graubärtige die Melodie, ausdruckslos, mantramäßig. Es dauerte, dann dämmerte ihr, was sie wirklich irritierte. Die Melodie war von Martin Luther. Keine Frage, der Mann spielte Ein feste Burg ist unser Gott. Jetzt sah sie, wie er die Lippen bewegte. Ja, er schien auch den Text zu brummen. Schon wollte sie in den Psalmgarten, um den Sonderling anzusprechen, da fielen ihr die Damen Adlung und Beer ein. Morgen kamen sie wieder, mit Perlenketten behangen saßen sie dann in der zweiten Reihe links erwartungsvoll vor ihr. Morgen, am Sonntag, der den Kirchennamen Kantate trug. Kantate! Singt! Darum ging es doch in diesem Brief an die Kolosser auch: … mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott! Der Mann im Park tat genau das: Ein Lied spielen und singen, das Gott als feste Burg gegen die Feinde pries. Die Klinik war auch so eine Burg. Die Feinde der Patienten waren die Krankheiten. Gott wollte mit den Menschen sein, die sich vor den Feinden fürchten. Dafür ist er zu loben mit Liedern … Jetzt hatte sie einen Zugang zum Thema des Sonntags. Kurz überlegte sie, den sonderbaren Mann mit seinem Lutherlied als Einstieg zu nehmen, entschied sich aber dagegen. Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass der Mann entweder morgen in den Gottesdienst kam oder die Übertragung ins Zimmer einschaltete! Es wäre ihm dann peinlich, sich auf diese Weise erwähnt zu finden. Auch ist die seelsorgerische Gesprächssituation belastet, wenn er sich auf diese Weise kompromittiert sieht. Nein, das würde sie nicht tun. Aber der Mann muss doch auf meiner Liste sein, sagte sie sich, nachdem sie die Predigt in einem Zuge niedergeschrieben hatte. Sie blätterte die Computerausdrucke durch. Die Klinikverwaltung hatte gestern und heute keinen männlichen Neuankömmling gemeldet, der das Kästchen „Besuch der Klinikseelsorgerin erbeten“ angekreuzt hatte. Noch einmal sah sie aus dem Fenster. Der Mann im Bademantel hatte sein Akkordeon eingepackt und trug den Koffer jetzt in Richtung der neurologischen Abteilung. Sabine Harder zweifelte, ob sie ihn wirklich nicht kannte. Er war ja eine imposante Erscheinung! Sie besuchte nicht nur die, die ausdrücklich den Besuchswunsch angekreuzt hatten, sondern auch die, die als evangelisch gemeldet waren. Dieser Mann war nicht darunter. Entweder gehörte er keiner Kirche an oder er hatte die Mitgliedschaft aus irgendeinem Grund nicht mitgeteilt oder er war katholisch. Drei Motive, die sich alle nicht mit seinem öffentlichen Auftritt im Park vertrugen. Das hatte eine besondere Bewandtnis, wenn jemand es wagt, ein uraltes Kirchenlied in einem Klinikpark zu spielen. Hatte ihn der Psalmgarten inspiriert?

Der Mann tauchte am nächsten Tag nicht im Gottesdienst auf. Frau Adlung und Frau Beer lauschten andächtig den Worten Sabine Harders und sangen das Lied nach der Predigt demonstrativ ohne Gesangbuch mit: Ein feste Burg ist unser Gott, solch ein Lied hatte man in ihrer Generation im Konfirmationsunterricht noch auswendig gelernt! Nachdem die Pfarrerin die kärgliche Kollekte gezählt und das Sakristeibuch ausgefüllt hatte, ging sie zur neurologischen Abteilung. Sie wollte den wunderlichen Mann sprechen. Die Flure waren in Pastelltönen gestrichen. In den Aufenthaltsräumen fand sie ihn nicht. Sie beschrieb den Schwestern den Musikanten im Bademantel. Schulterzucken, ungläubiges Staunen auf den ersten Stationen. War sie einem Phantom aufgesessen? Sie stieg die Treppen zum vierten Stockwerk hoch und traf auf Schwester Petra. Sie kannten sich vom gemeinsamen Volleyballspiel des Klinikteams. Kurz trug sie ihr Anliegen vor. Die Schwester wusste gleich Bescheid und flüsterte ihr zu: „Wundere dich nicht über das, was du jetzt gleich siehst.“ Am Ende des Stationsflures lag der Aufenthaltsraum. Den beiden Frauen schlug das Trommeln und Klingen Orffscher Musikinstrumente entgegen, ein bizarres Klanggemisch mit einer darüber schwebenden Melodie.

„Unsere Musiktherapeutin leitet die Patienten an“, gab Petra zu verstehen und drückte sanft die Tür auf. An der Stirnseite des nüchternen Raumes stand ein Schrank offen. In seinen Regalen lagen abgenutzte Kartons mit Brett- und Kartenspielen. Auf einer Pinwand waren Ansichtskarten befestigt, die dankbare Patienten aus ihren Heimatorten gesandt hatten. Ungläubig starrte Sabine Harder auf das Szenario, das sich ihr in der Mitte des Raumes bot. Mit ausgezehrten Gesichtern saßen vier Männer auf wackligen Stühlen. Ihre Blicke waren auf die gepflegten Hände einer jungen Frau mit violettem Halstuch und kunstvoll geflochtenem Zopf gerichtet. Sie gab ihnen den Takt vor. Rhythmisch klopfte der Älteste des Quartetts auf eine Schellentrommel. Bei jedem Schlag vibrierte sein Knebelbart. Ein anderer mit Glatze und buschigen Augenbrauen schlug eine Triangel an. Der Jüngste mit zitronengelbem T-Shirt und mehreren Lippenpiercings versuchte etwas unbeholfen, mit Kastagnetten Schritt zu halten. Harders schweifender Blick blieb beim vierten Mann haften. Seine mächtige Statur, sein grauer Vollbart ließen ihr keinen Zweifel, auch wenn er jetzt den blauen Bademantel gegen ein weites Hemd aus weißer Baumwolle eingetauscht hatte. Es war der Mann, der sie am Vorabend bis in den Schlaf hinein beschäftigt hatte. Mit seinem Akkordeon gab er den drei anderen Musikanten die Melodie vor. Eine Melodie, über die sie vor einer halben Stunde gepredigt hatte: Ein feste Burg ist unser Gott. Leise drückte Schwester Petra die Tür wieder zu.

„Wer ist der Mann im weißen Hemd?“, flüsterte die Klinikseelsorgerin, obwohl niemand zu sehen war.

„Das ist Herr Trödler“, erklärte die Schwester, „er hatte einen Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma. Bei uns ist er, um die posttraumatischen Störungen abzubauen. Er spielt den ganzen Tag Akkordeon. Immer dieses eine Lied. Du musst das doch kennen. Ist doch wohl ein Kirchenlied. Weißt du, wie ihn die anderen Patienten nennen?“

Sabine Harder sah ihre Volleyballfreundin fragend an.

„Die nennen ihn Martin Luther. Und was glaubst du, wie er reagiert?“

Wieder spannte die Krankenschwester Sabine Harder auf die Folter.

„Na, beim letzten Mal, als ihn einer so nannte“, erlöste Petra die Pfarrerin, „da haben einige gelacht und er ist wütend geworden. Aber nicht, weil sie ihn so nennen. Nein, im Gegenteil, er ärgerte sich, weil sie die Sache nicht ernst nahmen. Ich bin Martin Luther und weiß nicht, was es da so blöd zu lachen gibt. Ich habe ein bisschen Respekt verdient angesichts meiner Leistungen, hat er gesagt.“ Petra verkniff sich mit Mühe ein Lachen.

Die Pfarrerin blickte auf den Park. Es war Mittagszeit. Die Patienten strömten in Richtung Speisesaal. Was war das für eine Erkrankung, an der dieser Herr Trödler litt, fragte sie sich. Vor Kurzem hatte sie in einer Zeitschrift einen Artikel über multiple Persönlichkeitsstörungen gelesen. War es das, was diesen Mann plagte? Das Entstehen einer zweiten Person im Gehirn zur Bearbeitung einer traumatischen Erfahrung? Aber dieser Herr Trödler wirkte heute gar nicht geplagt, im Gegenteil. Sein Musizieren, sein ruhiger und konzentrierter Blick strahlten eine innere Harmonie aus, so als ob da jemand mit sich im Reinen wäre. Wenn Luther die eine Persönlichkeit war, in der er sich zu Hause fühlte und mit Hilfe derer er ein Trauma abbaute, vor welcher anderen Persönlichkeit wich er aus?

Sabine Harder sah auf die Uhr. Zu Hause wartete ihre Familie auf sie. Sie ging zu ihrem Fahrrad. Neben ihr öffnete jemand ein Fahrradschloss. Es war Gudrun Wiegand, die Musiktherapeutin. Die Übungsstunde war vorbei. Sie wechselten ein paar Sätze. Wolfgang Trödler war seit drei Tagen in der Musikgruppe.

„Das Spiel mit dem Akkordeon hilft“, erläuterte die Therapeutin, „scheinbar abgestorbenes Gedächtnis zu reaktivieren. Ich bin zu ihm ins Zimmer gegangen und habe ihm einen Katalog mit Musikinstrumenten gezeigt. Erst beim Akkordeon hat er reagiert. Ja, das wolle er spielen. Wenige Tage später hat ihm die Lebensgefährtin sein Akkordeon gebracht. Allerdings hat die bisherige Reha-Zeit zu einem auch für mich überraschenden Ergebnis geführt.“

Sie hatte das Schloss um die Sattelstange befestigt und schob das Fahrrad aus dem Ständer.

„Herr Trödler erinnert sich nicht an sein bisheriges Umfeld, an seine Lebensgefährtin, an den Campingplatz, auf dem er gearbeitet hat. Alles ist noch wie weggeblasen. Dafür hat er aber erstaunliche musikhistorische Kenntnisse, obwohl er von Beruf Hausmeister auf einem Campingplatz ist. Stellen Sie sich vor, morgen will er mit den anderen Patienten ein neues Lied einüben. Das Lied, so sagte er uns, hat den Titel Es ist gewißlich an der Zeit. Er sagt, er habe die Melodie in Anlehnung an das Dies irae, dies illa aus dem 12. Jahrhundert komponiert. Ich bin schon gespannt, wie das klingen wird.“

Dies irae? Dies illa? Eine SMS ihrer 12-jährigen Tochter Swantje fragte drängelnd, wann sie endlich nach Hause komme. Dennoch eilte sie noch einmal in die Klinikkapelle. Sie blätterte im Gesangbuch und stieß mit einem leisen Aufschrei auf das Lied mit der Nummer 149. Es ist gewißlich an der Zeit. Am Ende der Strophen las sie atemlos, wer wann die Melodie kreiert hatte: Martin Luther, 1529.

Sie radelte nach Hause. Am nächsten Morgen musste sie das Gespräch mit Wolfgang Trödler suchen. Besser gesagt, mit Martin Luther. Jetzt huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Dass ich das noch erleben darf, zitierte sie einen Satz, den sie sonst bei Diamantenen Hochzeiten oder hohen runden Geburtstagen hörte. Doch in die fast heitere Vorfreude mischte sich ein Gefühl von Unsicherheit. Musste sie diesem Herrn Trödler nicht reinen Wein einschenken? Genaugenommen hatte sie etwas Angst vor dem Gespräch. Verletzte sie ihn nicht, wenn sie ihm die Illusion seiner scheinbaren Identität nahm? Ich werde ihm Fragen zu Luther stellen, die er nicht beantworten kann, nahm sie sich vor. Ein psychischer Zusammenbruch ist nicht auszuschließen, wenn er die Wahrheit erkennt. Ihr war jedenfalls klar, was sie ihm verweigern musste: Ihn als Martin Luther anzuerkennen und mit ihm auf dieser Ebene zu kommunizieren. Dieser Herr Trödler durfte nicht in religiöse Wahnvorstellungen abgleiten. Immerhin hatte sie eine positive Möglichkeit, ihn aufzufangen: Sie konnte ihm Wege zeigen, in der heutigen Zeit an Gott zu glauben, gerade auch mit Hilfe von Luthers Lehre. Ja, morgen werde ich dem Spuk ein Ende bereiten. Sie trat entschlossen in die Pedale.

IV

„Ja, dann kommen Sie mal herein.“ Sabine Harder hatte sich in der Tür kurz vorgestellt. Sie hatte eine weichere Stimme erwartet. Wolfgang Trödler sah sie emotionslos an.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach aufsuche, Herr Trödler.“ Sie schloss die Tür hinter sich und näherte sich dem Krankenbett, auf dem eine rot-weiß gestreifte Überdecke lag. Auch die Vorhänge waren in kräftigen Farben. Man spürte das Bemühen, die Atmosphäre eines Krankenhauses zu vermeiden. Der Patient saß mit angewinkelten Knien auf dem Bett, dessen Rückenteil hochgestellt war. Vor sich hatte er ein Exemplar von Psychologie heute aufgeschlagen, das er jetzt auf den Nachtschrank legte. Stumm zeigte er auf einen Stuhl und blickte zum unterhalb der Decke montierten Fernsehgerät. Tonlos flimmerten Bilder von einem Wettbewerb im Springreiten.

„Sie scheinen ja nicht einer Kirche anzugehören und haben auch nicht angekreuzt, dass Sie meinen Besuch wünschen“, versuchte sie einen Gesprächseinstieg und nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. Ihr Gegenüber blickte sie weiterhin völlig ohne Ausdruck an. Keinerlei Anstalten, auf die Bemerkung einzugehen. Nur die Lippen zuckten leicht nervös.

„Gut, Herr Trödler, ich möchte Sie gerne etwas fragen. Geht das?“ Keine Reaktion. Trödler starrte knapp an ihren Augen vorbei, vielleicht auf die Stirn, vielleicht darüber hinweg auf den Fernseher. Ein Pferd verweigerte gerade vor dem Doppel-Oxer.

„Herr Trödler, Sie spielen sehr schön Akkordeon“, nahm sie erneut Anlauf, „könnten Sie sich vorstellen, nächsten Sonntag im Gottesdienst hier in der Klinik ein oder zwei Lieder zu begleiten?“

Sabine Harder fixierte ihn mit ihren Blicken. Dieser Frage sollte er nicht ausweichen. Tatsächlich zeigte Trödler nach einigem Zögern eine Reaktion, allerdings eine, die sie überraschte. Das Zucken der Lippen wanderte in die Wangen hoch, dann lachte er laut in Staccato-Tönen, eine Tonleiter abwärts, immer wieder neu ansetzend. Sein Bauch hüpfte und lief Gefahr davonzuspringen, wenn er nicht die Hände über ihm wie einen Gürtel zusammengefaltet hielt. Nachdem das Lachen abgeebbt war, wechselte er blitzschnell in eine ernste Tonlage und sah sie streng an. Er schüttelte mehrfach den rechten Zeigefinger drohend hin und her und begann dann zu reden:

„Weiß Sie nicht, dass mein eigentliches Instrument die Laute ist? Doch was ist aus der Königin der Instrumente geworden? Wo bekommt man heute noch eine Laute her? Aber gut, das ist der Lauf der Dinge. Neue Zeiten, neue Instrumente. Akkordeon ist wunderbar. Aber im Gottesdienst, vor voller Kirche, tut mir leid, Schwester in Christus, ein absolut unerfüllbarer Wunsch. Sie möge verzeihen. Und eine Bitte: Ich bin kein Trödler. Nenn Sie mich bitte beim Namen. Bruder Martin oder Herre Doktor Luther, ich darf wohl bitten.“

Ihr Kopf schwirrte. Laute, das war doch in der Tat Luthers Lieblingsinstrument. Wie hatte er sie genannt? Schwester in Christus. Ein Pfarrerskollege nannte sie auch Schwester, heuchlerisch, wie sie fand. Er hatte sich auch um die Krankenhausstelle beworben. Sie aber hatte den Zuschlag bekommen. Dagegen hatte er eine Konkurrentenklage eingereicht, ohne Erfolg. Aber ihr hatte die Klage geschadet, stand doch viel in der Lokalpresse darüber. Die Kritiker der Kirche freuten sich diebisch und erzählten bei allen Gelegenheiten: Da seht ihr mal, wie es in der Kirche zugeht, in diesem verlogenen Laden, da kloppen sich sogar die Pfarrer um die Stellen und so weiter. Ausgerechnet dieser Kollege, der jetzt an der Friedenskirche in der Stadt Dienst tat, nannte sie Schwester Harder, scheinheilig, falsch …

„Die Laute war immer meine große Trösterin“, hörte sie jetzt den Patienten Trödler reden, „ich bin oft von dem geplagt, was hier in diesen Blättern ‚Depression‘ genannt wird. Es ist Satan, der sich schon früh in meiner Seele eingenistet hat. In meiner Kindheit war ich von diesen Bildern heimgesucht. Vom Satan, der als Tod seine Finger nach mir ausstreckt. In der Zeit meines Studierens im altehrwürdigen Erfurt wünschte ich mir manches Mal das Ende meines Lebens herbei. Was wäre aus mir geworden ohne Frau Musica, ohne meine Laute, die mich wegriss von Bildern entfleischter Gebeine, von frohlockend tanzenden Knochengerüsten, vom feurig einherfahrenden Satan, der seine Hand nach mir ausstreckte …“

Er hatte sich in Rage geredet. Die Klinikseelsorgerin blickte ihn unsicher an. Alle ihre Vorsätze, Trödler von seinen Wahnvorstellungen abzubringen, waren zum Scheitern verurteilt. Viel zu überzeugend wirkte er in seiner neuen Identität.

„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern“, rief sie halblaut in Trödlers Redefluss, „aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“

Wie würde er auf ein Luther-Zitat reagieren? Zwar wollte sie Trödler nach wie vor nicht in seiner Luther-Identität anerkennen, aber sie war ratlos. Langsam beschlich sie auch eine Faszination. Woher nur wusste dieser Campingplatzwart so viel über den Reformator?

Trödler hielt sich die Hand vor die Augen, als ob er sich konzentriere. Eine Schweißperle hatte sich auf seiner Stirn gebildet.

„Ja, gewiss, solche Bilder habe ich vor langer Zeit gezeichnet, weil ich meine finsteren Täler im Sinne des 23. Psalms nicht anderen zumuten wollte. Meines Amtes ist es doch, die Menschen aufzurichten. Und es stimmt ja. Die Depressionen ebben irgendwann auch wieder mal gewisslich ab, vor allem wenn man im ständigen Gebet bleibt und im Vertrauen auf die erlösende Kraft unseres Herrn Jesus Christus der Dinge harrt, die da kommen.“

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück“, flüsterte die Seelsorgerin vor sich hin. Was der Patient erzählte, leuchtete ihr ein. War er wirklich ein normaler Patient? Sie entschied sich, aufs Ganze zu gehen.

„Halten Sie denn nach wie vor daran fest, das Entscheidende an Luthers Lehre sei die Rechtfertigungslehre?“

Sie sah den Mann auf dem Bett gespannt an.

„Luthers Lehre? Sie glaubt mir also nicht, dass ich dieser Luther bin!“ Für einen Augenblick zog Trödler den Mund schmollend zusammen. Doch dann fuhr er fort: „Ich weiß nicht, was Sie mit diesem schwierigen Wort meint: Rechtfertigungslehre. Wenn es bedeutet, das Entscheidende am Glauben sei es, Gott recht zu sein, vor ihm Gnade zu finden, dann stimme ich ihr zu. Doch ist es ihre Aufgabe als Schwester in Christus und Dienerin des Herrn, diese Botschaft in die Sprache unserer jetzigen Zeit zu übersetzen. Ich lese hier fliegende Blätter, die man jetzt zusammenheftet. ‚Das ist doch eine Zeitschrift, junger Mann‘, hat mir die dicke Frau in dem Käfig belehrend gesagt. Sie war wiederum ganz beleidigt, als ich vom Käfig sprach. ‚Das ist ein Kiosk, junger Mann‘, hat sie gemeint. Aber egal. Ich höre Nachrichten in diesem Ding hier, was die Schwester Radio nennt. Oder ich sehe Rätselsendungen im Gerät da oben, welches ihr Fernsehen nennt, alles wunderbare Erfindungen, um vielen Menschen an vielen Orten vom auferstandenen Herrn zu künden. Was ich geschrieben habe, ist in der Sprache der Menschen, die vor 500 Jahren gelebt haben. Heute verstehen das sicher viele nicht mehr. Das müssen die Jüngeren ändern, Leute wie Sie, Schwester in Christus! Wie alt ist Sie?“

Sabine Harder schluckte. Ihr Hals war trocken und sie hätte gerne etwas getrunken, wollte aber das Gespräch nicht unterbrechen.

„Achtundreißig“, antwortete sie und ging auf Trödlers Rede ein. „Ist es nur die Sprache? Oder sind es auch die Inhalte? Heute will doch kaum noch jemand einen gnädigen Gott, weil viele gar nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt!“

Trödler-Luther wog den Kopf in seiner Hand hin und her. Er sah auf den Fernseher, wo ein Pferd leichtfüßig über den Wassergraben sprang.

„Ja, Sie spricht ein wichtiges Thema an. Kann der Mensch ohne Gott leben? Sucht er sich nicht seine Götter, wenn er den einen Gott nicht glauben will? Ich bin sicher, jeder Mensch braucht Gott. Ersetzen wir mal das Wort Gott mit Geborgensein bei einer höheren Macht. Bei jemandem, der uns nicht so enttäuscht, wie es Menschen oft tun. Hier, in dieser Zeitschrift, ist überall die Rede von enttäuschten Menschen, enttäuscht vom Partner, von der Partnerin, von den Kindern, den Eltern, Freunden, Nachbarn. Da, lesen Sie Psychologie heute. Das Thema heißt: Enttäuschung als Chance. Ent-täuscht. Man hat uns eine Täuschung genommen. Das ist die Möglichkeit eines neuen Anfangs. Ohne diese Täuschungen. Aber vorerst sind die Enttäuschten in ein Tief gestürzt. Wer holt sie da heraus? Auf wen ist in letzter Instanz Verlass?“

In diesem Augenblick ertönte eine leise Melodie aus dem Lautsprecher über der Tür.

„Oh, das Abendessen steht bereit. Ich muss gehen, sei Sie auf der Hut vor den Werken des Satans und halte Sie fest an dem, der Ihr das Leben geschenkt hat.“

Trödler-Luther sprang erstaunlich behände auf und schlurfte aus dem Zimmer. Sabine Harder war viel ratloser als vor dem Gespräch. Vor dem Stationszimmer freute sie sich, Schwester Petra anzutreffen. Sie bat sie um die Telefonnummer von Trödlers Lebensgefährtin. Irgendwo in seinem Leben gab es einen Luther-Bezug, der jetzt auf unerklärliche Weise hervorbrach. Diese Rosemarie Aicher musste ihr weiterhelfen. Vor allem wollte sie erfahren, ob Wolfgang Trödler vor dem Unfall öfter von Satan gesprochen hatte. Der Satan war in seiner neuen Identität sehr präsent, und vielleicht war er es auch in der alten gewesen. Sie brauchte einen Punkt in seinem früheren Leben, an dem sie ansetzen konnte. Sie war dabei, in ein fremdes Leben einzudringen. Ein Unterfangen, das ihr eigenes Leben völlig verändern sollte. Noch ahnte sie nichts davon.

V

„Na, Rosemarie, was guggsche dann so traurisch?“

Renate Omlor sah der Campingplatzbetreiberin ihre Sorgen an. Es war Freitagabend, ein heißer Sommertag ging zu Ende. Die Terrasse der Seeklause war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nasik, die aus Armenien stammende Aushilfe mit den rehbraunen Augen, trug in luftigem Kleid Dutzende Krüge mit frisch gezapftem Bier zum durstigen und lebhaft sich unterhaltenden Campingvolk. Untermalt wurde der Geräuschpegel von CD-Musik. Die Flippers, Ute Freudenberg, Udo Jürgens.

„War schön, wenn manchmal Monsieur Wolle ier gespielt at!“, versuchten die Beauchamps aus Metz, Rosemarie ins Gespräch zu ziehen.

„Dass kannsche laud saan“, pflichtete Richard Omlor bei, der wie alle Saarländer ungeniert in vollem Dialekt sprach. „Wenn der Wolle sei Schiffaklawier ausgepaggd hadd, do is die Poschd abgang, aba gewaldisch!“

Rosemarie stocherte mit dem Löffel abwesend in ihrem Sex on the Beach. Eine Ärztin und eine Schwester Petra von der Reha-Klinik hatten sie angerufen. Sie war schockiert. Darüber zu reden, fiel ihr schwer. Sie schämte sich ein wenig. Was sollten die anderen von Wolle denken, wenn sie das hörten? Andererseits lief die Zeit in der Reha-Klinik ab, in einer Woche kam er zur Blauen Bucht zurück. Die Brüche, Prellungen, alles war geheilt. Nur die posttraumatische Belastungsstörung war geblieben und die Ärzteschaft stand vor einem Rätsel. So wenig er sich an sein Leben vor dem Unfall erinnern konnte, so präzise sprach er über Luthers Lieder. Dass er von sich behauptete, Martin Luther selbst zu sein, das musste doch allen auf dem Campingplatz den Eindruck vermitteln, er habe, ganz einfach gesagt, einen Dachschaden. Sie hatte keine Vorstellung, wie Wolle auf dem Campingplatz wieder arbeiten sollte, wenn er sich als Martin Luther empfand. Würde er dann wie der Reformator die Leute am Eingang mit Worten wie „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ begrüßen? Den Satz hatte sie im Internet gelesen, als sie einmal kurz das Stichwort Luther in eine Suchmaschine eingegeben hatte. Pflanzte er, nach einem angeblichen Luther-Zitat, das sie dort auch gesehen hatte, angesichts depressiver Stimmungen, von denen sein Arzt gesprochen hatte, jeden Tag einen Apfelbaum auf dem Gelände? Es war zum Heulen. Andererseits: War es nicht besser, die Stammgäste und Dauercamper ein wenig vorzubereiten, wenn Wolle bald als Reformator des 16. Jahrhunderts an der Blauen Bucht aufschlagen würde? Hinzu kam die veränderte Physiognomie, die kantigere Nase, die wulstigen Lippen, die tiefer liegenden Augen. Natürlich konnte sie das mit dem Unfall begründen, die Auszehrung, das Krankenhausessen. Aber war das wirklich glaubhaft? Schwester Petra hatte sie zur Hälfte der Reha-Zeit um ausschließlich weiße und schwarze Hemden und ebensolche Hosen in XXXL-Format gebeten. Wolfgang Trödler weigerte sich, in Holzfällerhemden oder Jeans herumzulaufen. Das sei seiner Würde als Geistlicher nicht angemessen. Außerdem stopfte er sich die Hemden nicht mehr in den Hosenbund, sondern trug sie offen, wie ein priesterliches Gewand. Nur so, so habe er gesagt, brachten ihm die Mitpatienten mehr Respekt entgegen. Auch fragte er bei der Klinikleitung an, ob man eine Näherei beauftragen könne, ihm sein Zeichen, die Lutherrose, auf alle Hemden und die Gesäßtaschen der Hosen zu nähen. Ein Lazarus Spengler habe ihm 1530 eine Zeichnung dieser Lutherrose auf die Veste Coburg geschickt, während der Verhandlungen auf dem Augsburger Reichstag. Er, Wolle alias Luther, habe die Rose später zu seinem Siegel gemacht.

Rosemarie starrte nach all diesen Mitteilungen ihr Mobiltelefon an. War sie in irgendeine Versteckte-Kamera-Sendung geraten? Vielleicht gibt sich die Schwester am anderen Telefon als Mitarbeiterin eines Fernsehsenders zu erkennen und der ganze Spuk ist vorbei, hoffte sie. Doch nichts davon geschah. In ihrer Not bat sie den Zivi bei einem seiner Stadtgänge, ihr eine leicht verständliche Luther-Biographie aus der Buchhandlung mitzubringen. Sie las gebannt die ersten Seiten über das Leben des Reformators und wusste schon bald mehr über dessen Kindheit als über die ihres Lebensgefährten. Etwas Hoffnung keimte in ihr auf, auf diesem Wege vielleicht auch ein wenig über Wolles Vorleben zu erfahren. Ich muss die schwierige Situation annehmen, sagte sie sich, und das Beste daraus machen.

„Ei, ich glaab“, ergänzte Heinz Ruffing, „dass med dem Wolle is nur voriewergehend. Wenn der widder e Zeidlang unner uns is, dann werd der sich aach widder erinnere.“

Schön wäre es, sagte sich Rosemarie. Dass Wolle keine Erinnerung mehr hatte, das hatte sie den befreundeten Campern erzählt. Aber der Anruf heute, der war eine noch viel größere Zumutung für alle. Sie zog noch einmal einen kräftigen Schluck aus dem Cocktailglas.

„Wolle leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung“, sagte sie halblaut. Die etwas weiter am Tisch wegsitzenden wie Renate Omlor und Hilde Ruffing beugten sich ganz weit zu ihr hin. „Er weiß zwar nichts mehr von seiner eigenen Geschichte, glaubt aber, ein anderer zu sein.“

„E annerer?“, hakte die rotbackige Hilde Ruffing vorsichtig nach und holte sich einen Zigarillo aus dem Etui, „saa nur!“

„Loss mich roode“, ging Richard Omlor dazwischen, „ich saan emol, er glaabt, er is de Papschd!“

Rosemarie Aicher sah verblüfft auf den Saarländer, der immer so einfältig daherkam.

„Gar nicht so weit weg!“, entgegnete sie. Sie musste sogar ein bisschen schmunzeln.

Das Schmunzeln blieb nicht unbemerkt und ermutigte die anderen zu einem munteren Rätselraten.

„Ei, vielleischd iss er jo enner von denne Prieschder, die sich do an denne Kinner vergang hann“, spekulierte Hilde Ruffing vor sich hin, „er had bestimmd das Gefiehl, Schuld ze sinn an dem Unfall. Unn weil er in de Zeidung vor dem Unfall von denne Prieschder gelees had, iss dass in seim Kopp hänge geblieb unn deswee glaabt er a, eener von denne zu sinn.“

„Isch saan emool, er glaabt, er is de Jürgen Fliege“, sprang Heinz Ruffing auf den Zug auf.

So ging es noch eine Weile weiter. Es fielen Namen wie Eugen Drewermann, Margot Käßmann und Bischof Mixa.

„Er meint, er ist Martin Luther!“

Der Satz Rosemarie Aichers saß. Stille trat ein und Albert Beauchamp hielt sich instinktiv am Tisch fest.

„Noch eine Runde?“

Nasik, die Bedienung, sah etwas verwundert auf die stumme Versammlung.

„Jetzt brauchen wir alle einen Cognac, oder?“, rief Hans-Peter Schmitz und nickte Nasik zu.

Es ist raus, sagte sich Rosemarie erleichtert. Die Campingfreunde fanden allmählich wieder Worte und debattierten, wie man ihn wohl empfangen solle. Man könne ihn wie Martin Luther begrüßen und ihn als Reformator anerkennen, meinten die einen. Andere schlugen vor, ihn in seiner neuen Identität auf den Arm zu nehmen, bis er selbst über sich lachen müsse. Dann platze der Knoten und er sei wieder der alte Wolle. Von Seiten des Ehepaars Schmitz aus dem Rheinland kam der Vorschlag, Ablassbriefe auszustellen.

„Wir bieten einen Sündenerlass gegen Zahlung an, wie vor 500 Jahren“, begeisterten sich die Rheinländer, „die Briefe bieten wir dann dem Wolle an. Das reizt den als Martin Luther dann so dermaßen, dass er austickt. Der bricht zusammen, emotional und so. Und dann findet er aus seiner Rolle heraus!“

Rosemarie zweifelte an solchen hobbypsychologischen Überlegungen. Auf der anderen Seite freute sie sich, mit ihrem Problem nicht allein zu sein. Auf die Camper-Freunde war wenigstens Verlass. Die Ärzte und Psychologen der Reha-Klinik hatten mehr oder weniger resigniert. Sogar die Hoffnung, die Erinnerung an das Akkordeon sei ein erster Schritt auf dem Weg ins alte Leben, hatten sie ihr zerstört: Die Musiktherapeutin hatte, wie man ihr mitteilte, Wolle auf das Akkordeon hingewiesen. So wie er weiterhin wusste, wie man eine Gabel und ein Messer benutzte, so fand er sich auf dem Akkordeon zurecht. Nur dass er statt dem Schneewalzer und den lustigen Holzhackerbuam jetzt Neubearbeitungen des Dies irae, dies illa spielte.

Nasik brachte die Runde Cognac. Das gemeinsame Gespräch löste sich auf. Renate Omlor setzte sich direkt neben Rosemarie und flüsterte geheimnisvoll. Sie lenkte das Gespräch gezielt auf ein anderes Thema, nachdem sie bemerkt hatte, wie Wolles Verwandlung am Nervenkostüm der Campingplatzbetreiberin zehrte.

„Kennsch du e Liesel aus Leuna? So e Gelifdedie und Blondierdie?“

Sie habe diese Frau im Verdacht, ihren Mann, den Richard, zu bezirzen, führte Renate aus und rollte die Augen, sie glaube, diese Liesel sei mannstoll. Und ihr Richard, der sei ihr in gewisser Weise hörig. Schämen solle sich diese Frau, verheiratete Männer anzumachen. Die Männer interessierten sie eigentlich gar nicht. Der Reiz für diese Liesel sei es, andere Frauen zu demütigen. Sie wolle nur zerstören. Das verschaffe ihr ein Triumphgefühl.

„Abba lang loss ich mir das nimie gefalle“, wechselte sie in einen drohenden Ton, „ich hann e Plan, wie ich die ferdisch mach!“

„Ach Renate“, entgegnete Rosemarie und atmete tief durch, „ich wäre froh, ich hätte nur solche Sorgen.“

VI

Die Reha-Klinik war kein Gefängnis. Dennoch mussten die Patienten, wollten sie das Klinikgelände verlassen, einen Antrag stellen. Ein einfaches Formular reichte dazu aus. Man musste wissen, wo die Patienten waren. Für den Fall eines Falles.

Sonntagmorgen, von der Stadt her waren die Glocken der Friedenskirche zu hören. Um zehn Uhr begann dort der Gottesdienst. Trödler ging zum Stationszimmer und las den Aushang: „Klinikgottesdienst, jeden Sonntag 10.00 Uhr“. Aber er wollte nicht zu dieser Klinikseelsorgerin. Ihn zog es in die Stadt, raus aus der Klinik.

Bin im Gottesdienst. M. Luther

Er legte den Zettel der gerade abwesenden Stationsschwester auf den Tisch und begab sich auf den Weg Richtung Stadt. An der Auffahrt zur Klinik sah er mehrere Männer stehen. Nanu, was sind das für Metallkästen, an die sie sich anlehnen, wunderte er sich. „T-A-X-I“, entzifferte er laut und ging auf einen der Männer zu: „Wisset ihr, wo mein Rollwägelein ist?“ Mit einem solchen war er 1521 vom Wormser Reichstag ins Ungewisse geflohen.

„Rollwägelein?“, fragte ihn der Taxifahrer und zog an einem Zigarillo.

„Ja, auch mit einem Pferd wäre ich zufrieden.“

Der Fahrer drehte sich zu seinen Kollegen und imitierte mit einer Hand den Scheibenwischer vor seinem Kopf.

„Ein Pferd will er haben, so so. Na ja, ich habe unter meiner Haube hier 160 Pferde.“

Ungläubig starrte Luther den Mann an, der die Haube öffnete. Der Motor war gut gepflegt.

Dunkel erinnerte er sich an die Fahrt in die Reha-Klinik. Vor Antritt hatte man ihm einen schweren Trunk verabreicht, so dass er den Transport komplett verschlafen hatte.

160 Pferde, hier will sich jemand über mich lustig machen, sagte er sich. Im selben Moment kamen undefinierbare Geräusche aus dem Taxiinnern. Ein Pfeifen und Knattern, dann Worte wie „Otto 3 an Friedrich 1“.

Unglaublich, sagte sich Luther, die alten Kaiser leben also auch noch. Nur als Friedrich 1 aufgefordert wurde, eine alte Frau mit Namen Ilse Beinert zum Einkaufen zu fahren, war er verwirrt. „Das ist die alte Dame mit dem vielen Trinkgeld“, knatterte die Stimme. Der Mann warf die Haube zu, den Zigarillo in den Straßengraben und rief: „Ab, schnell ins Auto!“ Er drückte ein paar Knöpfe und fuhr davon. Fuhr der Stauferkaiser jetzt Metallkasten und rauchte braune Stangen?

„Huch“, rief er laut, als der Wagen ihm beinahe über die Füße fuhr. Jetzt erst sah er auf der Straße vor der Klinik ganz viele dieser Metallkästen fahren, ohne die Schilder auf dem Dach und an den Seitenteilen. Sollten sie die Rollwägelein abgelöst haben? Im Inneren sahen sie jedenfalls bequemer aus als sein Gefährt mit der Holzbank. Wie war er da immer hin und hergeworfen worden, wenn der Kutscher die Pferde mit der Peitsche über die Untiefen und durch die Schlammlöcher jagte!

Kopfschüttelnd stolzierte er weiter. Das schwarze Baumwollhemd, das er über der Hose trug, und sein wiegender Schritt gaben ihm etwas Erhabenes, Weihevolles. Auf dem Weg die Straße abwärts Richtung Friedenskirche begegneten ihm zwei perlenkettenbehängte Damen, die er freundlich grüßte. Während er weiterging, blieben die beiden Damen stehen und eine flüsterte: „Jesus, wer war jetzt das? Sieht ja aus wie ein Kirchenvater!“

Der Gottesdienst in der Friedenskirche war spärlich besucht. Trödler saß ganz weit hinten. Der Aufforderung des Pfarrers, sich doch weiter vorne zu platzieren, damit man eine bessere Gemeinschaft sei, folgte er nicht. Der Pfarrer, der Mitte vierzig sein mochte und den das Gemeindeblatt vielfach als Lukas Kraushaar auswies, predigte von der Kanzel mit stetem Blick in seine Blätter von den Mühen des christlichen Lebens. Irgendwann, so tröstete er mit pathetischer Stimme, seien diese Mühen vorbei und fänden in einer anderen Welt verdienten Lohn. Der Gemeindegesang drohte oft zu ersterben, so schwierig und fremd waren die alten Lieder, die der Organist intonierte. Trödler war froh, wieder die Sonne zu erblicken. Beeindruckt war er nur von den Kästchen und Stäben, in die der Pfarrer mit ganz normaler Lautstärke gesprochen hatte und trotzdem bestens zu verstehen war. Ob das die Geräte und Schläuche waren, die die Stimme auch in sein kleines Radio ins Zimmer der Reha-Klinik übertrugen? Oder die Knatterstimme im Metallkasten? Das wäre eine Katastrophe, sagte er sich, wenn diese nichtssagende Predigt in alle Krankenzimmer der deutschen Lande und in die unzähligen Metallkästen übertragen würde. Er beeilte sich, noch vor dem Pfarrer die Kirche zu verlassen. Er wünschte keinen Handschlag, wie es schon vor dem Gottesdienst zur Begrüßung der Fall gewesen war. Hinter dem Türbogen stehend sah er unauffällig von hinten auf den Geistlichen. Sein Talar war an den Schultern dicht mit Schuppen belegt. Er hörte, wie er sich nach der Verabschiedung der Gemeindeglieder über einen Pfarrer in der Nachbarstadt ereiferte. Ein schmalbrüstiger Mann in grauem Anzug hörte ihm zu.

„Dieser sogenannte Kollege hat ein Kind aus unserem Bezirk getauft. Ohne mich um Erlaubnis zu fragen! Ich bin doch zuständig! Natürlich hätte ich ihm das auch nicht genehmigt. Wo kommen wir hin, wenn jeder sich seinen eigenen Pfarrer aussucht! Dann bricht unsere Gemeinde noch mehr auseinander! Zur Not muss man die Leute zwingen, dorthin zu gehen, wie es die Bezirkseinteilungen vorschreiben. Oder sie sollen es bleiben lassen! Der hat auch schon mal ein Paar aus unserer Gemeinde getraut. Ohne Genehmigung! Der hat wohl geahnt, dass er keine Erlaubnis bekommt und einfach getauft und getraut. Das Brautpaar sind Bekannte von mir, hat er als Ausrede vorgebracht. Na ja, ich habe den Vorgang schon an die Vorgesetzten weitergeleitet. Da bekommt der Kollege hoffentlich ein Disziplinarverfahren.“

Er zog leicht die Nase hoch. Der Mann in Grau blinzelte in die hochstehende Sonne. „Ja, ja, schlimm“, sagte er mit Fistelstimme. Doch der Pfarrer war noch nicht fertig.

„Und dann gibt’s da noch diese Schwester Harder. Die wirbt offensiv Gemeindeglieder von der Friedenskirche ab.“

„Ja, ich weiß, um wen es sich handelt“, bestätigte der Schmalbrüstige, offenbar ein Statistiker, „das ist ein Skandal. Die beiden Gemeindeglieder machen exakt 16,66 Prozent der regelmäßigen Gottesdienstbesucher aus. Ein Aderlass, dem wir nicht länger tatenlos zusehen können. Ich habe selbst mehrere Sonntage beobachtet, wie die beiden Damen ihre Wohnungen um 9.25 Uhr verlassen haben. Um 9.30 Uhr haben sie sich auf der Straße vor dem Discounter getroffen, um dann bergaufwärts ins Klinikum zu streben. Dort haben sie zwischen 9.42 Uhr und 9.45 Uhr die automatische Eingangstür durchlaufen, um rechts in Richtung Klinikkapelle einzubiegen. Die Indizien sind eindeutig.“

Pfarrer und Statistiker überlegten, einen Rundbrief an alle 899 Gemeindeglieder zu senden und sie nochmals auf die Ordnungen der Kirche hinzuweisen und die Pflichten der Gemeindeglieder klarzustellen.

Trödler trat hinter dem Türbogen hervor. Die beiden Herren, die sich alleine gewähnt hatten, zuckten kurz zusammen.

„Kommen Sie, Herr Strunz, wir wollen die Kollekte zählen“, forderte Pfarrer Kraushaar den Rechenmeister auf und schob im Weggehen, den Kopf leicht nach hinten gedreht, nach: „Und die hinteren Sitzreihen sollten wir in Zukunft einfach mit einem Seil absperren!“

Ich war immer für die Ordnung, erinnerte sich Trödler-Luther, gerade am Anfang meiner Reformen. Die Ordnungen sollten den einfachen Menschen, den Bauern helfen, sich zu orientieren, wenn die Zeiten unübersichtlich waren. Damals waren alle Menschen vom Nachdenken über Hölle, Tod und Teufel besessen. Eine Kirche, die da mit klaren Ordnungen und langsamen Reformen Halt gab, war gut und wichtig. Doch heute ist das ja offenbar ganz anders. Viele brauchen die Kirche nicht mehr. Denn wo sind die Menschen heute Morgen zur Gottesdienstzeit gewesen? Aber ist ja auch furchtbar, diese Kirche, wie ich sie eben erlebt habe! Warum freuet sich dieser Pfarrer nicht über eine Taufe und eine Trauung von Menschen aus seiner Stadt? Egal wo das stattfand und wer die Handlung durchgeführet hat? Gott ist die Freiheit und das bedeutet auch: Wenn Ordnungen überhaupt noch nötig sind in der Kirche, dann doch so, dass sie den Menschen dienen. Nicht umgekehrt.

Lautes Reifenquietschen schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Ein untersetzter Mann mit dem Blick einer Bulldogge riss die rostige Tür seines kleinen Peugeots auf und sprang auf ihn zu.

„Du Hornochse, hast du denn keine Augen im Kopf? Siehst du denn nicht, dass hier Autos fahren?“

Aus dem Wageninneren wummerten die Bässe einer Hiphop-Band. Beinahe hätte er Luther über den Haufen gefahren. Der war abwesend über die Straße gelaufen, ohne nach links und nach rechts zu schauen. Autos, überhaupt dieses Getrieben- und Gehetztsein der Menschen, das war ihm nicht vertraut. Wie anders schlug doch die innere Uhr vor 500 Jahren. Auf seinen weiten, schier endlosen Fußmärschen als Mönch hatte er seine innere Ruhe gefunden, um wichtige Dinge zu bedenken, Pläne zu schmieden. Wie sollte das in so einem Metallkasten, den sie Auto nannten, gehen?

Knurrend zog sich die Bulldogge ins Auto zurück und gab Gas. Zu viel Gas, zu wenig Kupplung, er würgte den Peugeot ab und das Auto sprang auf Luther zu. Panisch rannte der davon.

Am Eingang der Fußgängerzone spielte ein südländisch aussehender Mann in zerknautschtem Anzug ungarische Weisen auf der Geige. Passanten warfen gelegentlich ein paar Münzen in den offen vor ihm stehenden Geigenkasten. Luther schlenderte gedankenversunken von der Kirche zum nahegelegenen Spielplatz. Mehrere Mütter waren in ein Gespräch vertieft, während die Kinder Sandburgen bauten und sich zwischendurch um Schaufeln und Siebe stritten.

„Letzte Woche war ich mit meinem Mann und den Kindern im Spaßbad“, sagte eine Brünette mit Lederjacke und Flickenjeans.

„Das kann ich mir nicht leisten“, klagte eine mit roten Haaren, „kostet für mich und Valentina für zwei Stunden 12 Euro. Das ist mehr als uns für den ganzen Tag zur Verfügung steht. Und etwas essen und trinken müssen wir ja auch.“

„Geht mir genauso“, pflichtete eine mit Nasenpiercing bei, „nicht mal Urlaub ist dieses Jahr drin. Ich wollte mit meinem Luis ja nur ein paar Tage in die Sächsische Schweiz. Aber jetzt ist das Auto kaputt. Neuer Keilriemen und so. Kostet mehr als 200 Euro. Das war’s mit Sächsischer Schweiz.“

Während die Frauen so vor sich hin klagten, starrte Wolfgang Trödler in den Wipfel einer Birke. So mancher verstohlene Blick der Frauen traf ihn. Sie waren skeptisch. Vor einiger Zeit hatte ein Unbekannter ein Kind auf einem Spielplatz in der Nähe unsittlich berührt. Die Polizei hatte den Täter zwar geschnappt, doch man konnte ja nie wissen. Aber die Blicke waren nicht nur misstrauisch. So manche der alleinerziehenden Mütter hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einen Partner zu finden, der ihr Halt geben konnte. Einer, der ihr eine Perspektive eröffnete, ein Leben jenseits staatlicher Mindestzuwendung und alleiniger Verantwortung für das Kind zu führen. Der graubärtige Brummbär auf der Bank, auch wenn er vielleicht 15 Jahre älter war, könnte er ein solcher Erlöser sein?

„Entschuldigen Sie, verehrte Frauen“, wandte sich Wolfgang Trödler an die Mütter, „darf ich Ihnen zwei Fragen stellen?“

Die Frauen verstummten. Die Nasengepiercte blickte ihn forsch an und sagte dann ein gedehntes „Jaaaaaa???“

„Danke, gute Frau, mich interessiert zum einen, was das bedeutet: Ein Spaßbad.“

„Mama, was will der Onkel da?“, rief ein Knirps mit Ball in die Stille, die sich nach Trödler-Luthers Frage ausgebreitet hatte.

„Luis, das kannst du mal dem Onkel erklären, was ein Spaßbad ist!“, freute sich seine Mutter über eine unkomplizierte Lösung des Problems.

„Also, im Spaßbad, da gehen Leute hin, die viel Geld haben. Meine Mama sagt, sie ist Hartz-Vierer. Deshalb können wir da nicht hin.“

„Ich weiß noch nicht genau, was das meint: Ein Spaßbad“, blinzelte ihn Luther jetzt an.

„Na also, einmal, da habe ich gehört, wie meine Mama mit ihrer Freundin gesprochen hat. Sie hat zu der Freundin gesagt, ich sei in einem Spaßbad gemacht worden. Deswegen heißt das Spaßbad.“

„Luis!“, kam es jetzt schrill von der Nasengepiercten und alle anderen Mütter lachten unbändig.

Luther hatte das Gefühl, etwas Geheimnisvolles angesprochen zu haben, etwas, was ihm nicht zustand. Als sich das Lachen der Mütter gelegt hatte, fragte er eine andere Mutter, wo denn eigentlich die Väter seien.

„Gute Frage!“, kam es jetzt von einer dicklichen Frau mit Leberfleck über der Lippe. „In der Kneipe? Beim Fußball?“ Sie schaute Luther herausfordernd an und erzählte ihm vom Alltag einer Frau, die ein Kind alleine großzieht. Er erfuhr Bestürzendes: Väter, die Kinder in die Welt setzten und sich dann dünne machten. Die nicht als treusorgende Familienoberhäupter für die Ihren sorgten, sondern die Verantwortung scheuten wie der Teufel das Weihwasser.

„Das gibt es doch nicht!“, zeigte er sich aufrichtig erschüttert und die Mütter waren froh, endlich einmal einen mitfühlenden Mann kennenzulernen.

„Sage Sie mir, bitte, gute Frau, was hat Sie getan, dass man Ihr zur Strafe einen Ring durch die Nase gezogen hat?“, wandte er sich an Luis’ Mutter.

„Jetzt will er mich wohl auf den Arm nehmen?“, fragte sie lachend. Luther starrte gebannt auf den glitzernden Ring und war zugleich ratlos. Mit großen Buchstaben schrieb sie in den Sand: PIERCING.

„Das ist Schmuck, Zierde, wie Ohrringe, nur durch die Nase, guter Mann!“, gab sie ihm amüsiert zu verstehen.

„Noch eine letzte Frage sei mir gestattet“, versuchte Luther seine Neugierde einzugrenzen. Ihm knurrte der Magen und in der Klinik war Mittagstisch angesagt. „Warum gehen die verehrten Frauen nicht in den Gottesdienst am Sonntagmorgen?“

Bei dieser Frage wendeten sich alle Frauen merklich von ihm ab und bliesen zum Aufbruch. Er hatte ein Thema angesprochen, das sie sichtbar peinlich berührte. Komisch, sagte er sich, wir haben doch früher nur dieses eine Thema in unseren Gesprächen gehabt, nämlich die Frage nach Gott. Und jetzt? Er dachte an das merkwürdige Spiel, das einige Kinder aufgeführt hatten. Ein Kind rief „Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann“ und dann liefen alle vor diesem sogenannten Schwarzen Mann davon. War für die Mütter Gott dieser Schwarze Mann? Oder dieser komische Pfarrer? Der hatte in der Tat schwarze Locken. Vielleicht hatten sie ihn ein Mal erlebt und seitdem Ängste wie vor dem Jüngsten Gericht? Sonst war dieser eilige Aufbruch nicht zu erklären. Während sie Spielsachen und Kinder hastig zusammenpackten, fragte er sich, was die Mütter aus dem Gottesdienst an Inhalten für ihr Leben ohne Väter und in offenbarer Armut hätten mitnehmen können. Ob die Nasenringträgerin etwas mit dem von ihm vor Urzeiten komponierten Choral Christ lag in Todesbanden hätte anfangen können, das sie dort gesungen hatten? Nur alte Menschen und zwei 13-, 14-Jährige waren in die Kirche gegangen. Die Jugendlichen hatten dem Pfarrer am Ausgang ein Heft entgegengestreckt, welches er abzeichnete. Waren sie nur wegen dieser Unterschrift gekommen?

Nachdenklich begab er sich auf den Weg zurück in die Klinik. An der Kreuzung begegnete ihm noch mal die Nasenringfrau, die ihren Luis auf den Rücksitz gepackt hatte. Sie teilte die beiden Stöpsel eines kleinen Kastens mit ihm. Ein Lied, das ein Haus am See besang, drang daraus hervor. War das der Traum dieser jungen Frau? Der ganzen Generation? Ein Haus am See, wo einen keine Autos jagten. Der Mensch lebt von Träumen. Sie müssen sich nicht mal erfüllen. Nur wer nicht träumt, geht verloren. Man könnte das, was diese Frau und mit ihr offenbar viele andere wünschen, zusammenfassen in dem Begriff Geborgensein. Warum war davon in der Kirche, im Gottesdienst keine Rede gewesen?

Aus dem Stationszimmer traf ihn ein tadelnder Blick der Schwester. Ausgang sei früher anzumelden und bedürfe erst der Zustimmung, gab sie ihm zu verstehen. Wortlos, ohne eine Miene zu verziehen, ging er weiter. Vor seinem Zimmer standen zwei Personen, die ihn erwarteten: Die Klinikseelsorgerin Sabine Harder, mit Talar über dem Arm, und ein Mann, der wie er ein langes schwarzes Hemd trug und den ihm Sabine Harder als Klaus Schulz vorstellte, ihren katholischen Kollegen in der Klinik. Ob sie beide mit ihm das Gespräch vom letzten Mal noch fortsetzen könnten. Sabine Harder fragte das höflich und vorsichtig. Sie hatte in der Zwischenzeit mit Rosemarie Aicher telefoniert. Der Lebensgefährtin von Wolfgang Trödler war es peinlich, fast gar nichts über dessen Vergangenheit zu wissen. Die Seelsorgerin sagte ihr Vertraulichkeit zu und notierte eifrig das Wenige mit, was sie erfuhr: In München hatte er Jura studiert, bei der Deutschen Bahn hatte er gekellnert, in einem Möbelzentrum war er als Verkäufer beschäftigt. Vom Satan habe er nie gesprochen. Das waren immerhin ein paar Ansatzpunkte für Recherchen. Aus Sorge, sie könne sich in eine Spinnerei verirren, hatte sie den Kollegen Schulz gebeten, am Gespräch mit Trödler-Luther teilzunehmen. Mit Schulz verstand sie sich gut. Sie wollte seine Meinung zum sonderbaren Patienten hören.

„Herr Trödler-Luther“, eröffnete sie das Gespräch, nachdem sie sich an den Tisch im Patientenzimmer gesetzt hatten. Sie erntete sofort fragende Blicke von beiden Herren: Vom Patienten, weil sie ihn offenbar immer noch nicht in seiner alleinigen Identität als Martin Luther anerkannte; von Klaus Schulz, weil er nicht glauben konnte, dass sich eine so vernünftige Seelsorgerin dem obskuren Willen eines Patienten unterwarf und ihn mit dem Namen des Reformators ansprach.

„Also, wir haben beim letzten Mal über das Geborgensein gesprochen …“, fuhr sie fort, doch Trödler fiel ihr alsbald ins Wort: „Ja, das scheint mir heute eine entscheidende Kategorie, um Menschen die Nähe Gottes zu veranschaulichen.“

Er breitete aus, was er aus den Gesprächen der Mütter auf dem Spielplatz aufgeschnappt hatte, tat Lektüreeindrücke aus psychologischen Zeitschriften kund und sezierte die Predigt in der Friedenskirche, die er gehört hatte. Nichts daran habe mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun, nur faules und seichtes Geschwätz sei das. Ständig habe der Pfarrer selbstherrlich etwas von einem Praktikum in einem fernen Land erzählt, das er gemacht habe. So sehr er, Luther, für Beispiele aus der eigenen Lebenswelt sei, bei diesem Mann auf der Kanzel habe nicht der Heilige Geist geweht, sondern Frau Eitelkeit habe sich ein herrlich Gewand umgeworfen und ihn zu ihrem Sprachrohr gemacht.

Auch wenn sie es sich verbieten wollte, konnte Sabine Harder ein kleines Triumphgefühl nicht unterdrücken, das die herbe Kritik am Kollegen in ihr auslöste. Genau dieser Kollege hatte sie wegen ihrer Anstellung in der Klinik mit einer Klage überzogen. Trotzdem wollte sie die Situation nicht auskosten und den Kollegen vor den beiden anderen gerade verteidigen, da fuhr Trödler-Luther aufgebracht fort:

„Kein einziges Amen hat die Gemeinde gesprochen. Ist das der neue Katechismus? Dass der Pfarrer sich selbst das Amen zuspricht? Oder muss das nicht respondieren? Der Pfarrer betet mit Worten auch für die anderen und die bestätigen mit einem lauten und geschlossenen Amen! das Gesagte? Was ist von der Gemeinde geblieben, wie ich sie zum Exempel 1544 in der Schlosskirche zu Torgau bei deren Eröffnung beschrieben habe? Ein Alleinunterhalter vorne und eine vor sich hin dösende Gemeinde!“

Klaus Schulz nickte zustimmend und schob ein: „Bei uns in der katholischen Kirche ist das etwas anders. Da weiß die Gemeinde zumindest, wann sie das Amen zu geben hat.“

Trödler-Luther starrte den Geistlichen an und überging dessen Einwurf. Eine Stechmücke umschwirrte sein rechtes Ohr. Ärgerlich schlug er nach ihr.

„Kann mir jemand von der hier versammelten Geistlichkeit erklären, warum dieser Bruder in der Friedenskirche auf die Kanzel gestiegen ist? Nein? Keine Antwort? Als ich die großen Predigten gehalten habe, anno 1517, 1521, 1522, da war die Kirche voll. Und es gab noch nicht diese Stäbe und Kästchen, in die man spricht und die den Ton lauter machen. Damit auch die oben auf den Emporen und die, die im Eingang standen, etwas hörten, habe ich die Kanzel genutzt, weil sich dort der Klang am besten verbreitet. Doch heute ist das eine ganz andere Situation. Da muss doch der Prediger die Kanzel nicht mehr besteigen! Da muss doch der Prediger sich nicht an seinen Zetteln festhalten! Vielmehr ist ihm aufgetragen, frei das Wort Gottes zu verkünden, nachdem er sich gründlich darauf vorbereitet hat. Memorieren ist Übungssache. Dem Prediger ist es so möglich, auf Käthchen Müller zuzugehen und sie während der Predigt zu trösten. Er kann sie als Exempel für eine trauernde Witwe nehmen, die des Trostes bedarf. Legt er den Arm um sie und sagt vernehmlich für alle: Wir wollen dem Herrn als unserem guten Hirten vertrauen, dass er uns nicht verloren gebe, so wie er dem verirrten Schaf bis ins äußerste Gebirge hinterhereilt, um es zu erretten, dann, ja dann wächst ein Trost für alle daraus. Die anschauliche Geste, das persönliche Wort, der engagierte Vortrag, so was muss doziert, geübt und zur Meisterschaft gebracht werden!“

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22 dekabr 2023
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9783731900955
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