Kitabı oxu: «Das österreichische Antlitz: Essays»
Felix Salten
Das österreichische Antlitz: Essays

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066112400
Inhaltsverzeichnis
DIE WIENER STRASSE
KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY
ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG
FÜNFKREUZERTANZ
STALEHNER
BEIM BRADY
NACHTVERGNÜGEN
PETER ALTENBERG
SPAZIERGANG IN DER VORSTADT
LUEGER
GIRARDI-KAINZ
MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN
MAUERBACH
DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH
MARIAZELL
RADETZKY
THRONREDE
»GEWEHR HERAUS!«
FRÜHJAHRSPARADE
KAISERMANÖVER
ELISABETH
DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ
DIE WIENER STRASSE
Inhaltsverzeichnis
Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch:
Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen. Voller Sonnenglanz und Wärme, und in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet. Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden bin, möchte mich freilich herabstimmen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin ganz gut gelaunt. Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag zu haben, wenn es so warm wird, und wenn die Straßen nach frischen Blumen riechen. Was will man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann bei der Oper auf den Ring hinaus und wieder zurück. Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen.
Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit Stillschweigen darüber weggehen; weil es aber schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß ziehe, und ein bisserl was aufschreibe von dem, was ich mir denke, will ich es auch heute nicht versäumen. Obwohl … Denn viel habe ich ja kaum zu sagen. Da liegen in der Lade die Bogen aus all den Jahren, und wenn ich sie jetzt durchlesen wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen stehen. Ich habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt, und wenn man ein Junggeselle ist, gibt es nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu nehmen. Sie könnten mich am Ende in eine sentimentale Verfassung bringen, und das hätte keinen Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz angeregt.
Bald wird man auch wieder im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind die zwei Kaffeehütteln schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch nicht riskiert. Es war übrigens nicht zum Vorwärtskommen heute, so viel Menschen sind in der Stadt herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen sieht, das ist eine wahre Freude. Man weiß gar nicht, welche man zuerst anschauen soll. Gleich in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie reizend ist das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter, diese lachenden Augen! Seit vierzig Jahren gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch die Innere Stadt und über den Ring und immer seh' ich diese vielen schönen Mädchen. Es ist unglaublich, wo die nur herkommen.
Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung. Das darf man sich nicht einbilden. Denn sonst müßte ich ganz allein alt werden, und dafür tät' ich mich doch schönstens bedanken. Aber das nimmt alles seinen geordneten Gang. Wenn man sich auch wundert. Ich hab' das an der Baronin Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen habe. Gott, wie die ausschaut! Ganz schneeweiße Haare hat sie schon, und recht zusammengebrochen ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal wieder.
Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben und hab' ihr nachgeschaut. Da ist sie ein junges Mädchen gewesen, und war schön. Mir wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran denke, wie schön sie war. Damals habe ich sie rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist längst in mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt. Das heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich nicht. Wie wäre das auch möglich gewesen? Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich denn im Monat gehabt haben, vor dreißig Jahren? Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß nicht. Aber was will man …? Ein junger Mensch! Und so hat sie damals mein ganzes Dasein erfüllt. Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am Sonntag in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann ich sie am Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn ich jetzt die Bogen von damals hervornehmen möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich weiß, wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir vorgestellt habe, ich werde auf einmal ein Millionär, oder ich werde in zwei Jahren Minister, oder ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so daß mich alle Leute anschauen, wenn ich über die Straße gehe, und daß sich alle Leute um mich reißen, und dann … na, und dann … Es war so wundervoll, sich das ganz genau vorzustellen, so lebendig, als ob es wirklich wäre, als ob es morgen schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen in diese Träume und hab' ihnen viele glückliche Stunden zu verdanken.
Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist eine alte Frau. Ich habe ihr ganzes Leben mit angeschaut. Damals war sie eine Komtesse Nußbach. Auch ihren Vater kannte ich, den alten General. Der hatte so schön dichte, weiße Haare wie jetzt seine Tochter. Dann hat sie den Baron Ruttersdorf geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern spazieren gegangen. Was für reizende Kinder sind das gewesen, besonders der älteste Bub, der Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie hat das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat ihr Mann die Geschichte gehabt mit der ungarischen Sängerin, und man hat gesagt, sie werden sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand erschossen. Er war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern. Und dann ist ihr Mann gestorben. Wenn ich sie heute angesprochen hätte, und hätte ihr erzählt, daß ich ihr ganzes Leben kenne und daß ich sie geliebt habe, was für Augen hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht tun; und ich bin auch gar nicht der Mann dazu. Aber wer weiß, wie gut wir jetzt miteinander reden würden.
Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre, mit so einer Dame zu sprechen, ohne einen Fehler zu machen. Und ich denke, auch meine Kleidung ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren. Auf anständige Manieren habe ich nämlich immer sehr acht gegeben, und auf gute Kleider habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste, was ich getan habe, wie ich fix angestellt worden bin, daß ich mich mit einem Schneider auf Monatsraten verständigte. Und seitdem bin ich immer sehr fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur in noblen Lokalen verkehrt. Natürlich nur in Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja doch für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf kommt es gar nicht an. Was hat man denn von einem Restaurant? Man ißt, steht auf und geht wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch mein Gasthaus in der Piaristengasse, wo ich abonniert bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten alle Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber mit dem Kaffeehaus ist das etwas anderes. Und im Café Imperial oder im Pucher hat man mich immer für einen Baron gehalten.
Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf nicht angesprochen und werde sie auch niemals anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht, daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen. Da würden wir freilich genug Gesprächstoff haben, und vielleicht wird sie sich dann mit mir sogar lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl. Hier aber bleibt es schon beim Alten. Denn da müßte ich gar viele Leute ansprechen, wenn ich das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem ich das ganze Leben zugeschaut habe.
Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in Berlin oder in London, das weiß ich nicht. Aber bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen, die interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie sie leben. Man lebt mit ihnen, und es ist gar nicht einmal notwendig, daß man reich ist oder vom Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß nicht zur Aristokratie, aber ich kenne trotzdem alle. Ich kenne sie, wie sie jung waren, sehe ihnen zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen und dieselben Geschichten machen. Ich habe nie so viel Geld gehabt, um alle Augenblick in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch den Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß es noch wie heute, wie er im Fiaker über den Ring gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr. Im Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe doch alle gekannt und gesehen; die Wolter, wie sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat, und die Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden ist, und alle miteinander. Woher ich sie kenne, das vermöchte ich nicht einmal zu sagen. Vielleicht macht es die Übung, wenn man so viele Jahre Tag für Tag durch die Stadt geht. Da findet man die berühmten Gesichter einfach heraus; und da weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen zuletzt alles von ihren Gesichtern, von ihrem Gang, von ihrer Haltung ablesen kann, was sie erleben. So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg gemacht habe, immer bin ich davon angeregt und zerstreut worden, immer habe ich mich glänzend unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt, daß ich in einer vorzüglichen Gesellschaft verkehre. Und dazu braucht man wirklich keine Reichtümer. Was will man denn mehr?
Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger Mensch nach und nach gelernt habe, die Augen aufzumachen … Ich bin zwar in ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich doch, was es für schöne Dinge gibt in der Welt. An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz still ist, da habe ich stundenlang herumgehen können und mir die alten Palais anschauen; die Portale, und der Blick, der sich in die weiten Höfe erschließt, und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf. Dann die engen Gassen, so um die alte Universität herum. Und wie lang bin ich immer auf dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. An frühen Winterabenden zum Beispiel, wenn der Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich den ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten schimmern, und wenn hier alles so abseits, so wie in einer anderen Welt ist. Oder an Nachmittagen im Hochsommer, wenn man weiß, der Kaiser ist nicht da, und alles, was sich regt, ist nur Dienerschaft. Wenn dieser Platz mit der Wache und den Gendarmen und den verhängten Fenstern so was Träges und Schläfriges hat. Und dann die Sommerabende draußen auf dem äußeren Burgplatz, wenn der Himmel so schön weit ist, und wenn in der Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. Wieviel habe ich sehen gelernt, seit ich ein junger Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren gegangen bin; und wieviel könnte ich sagen. Aber ich möchte nur bemerken, daß in diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. Der Burgplatz zum Beispiel, der Graben, der Kohlmarkt, … da habe ich nach und nach einen Sinn für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine Neigung zu besseren Lebensformen und eine gewisse Empfindlichkeit gegen das Ordinäre und gegen das Geschmacklose.
Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die ich täglich sah, einen gewissen Zwang auf mich ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt, unordentlich oder aufdringlich angezogen unter ihnen zu erscheinen. Wenn ich mein Bureau verlassen und gespeist hatte, dann lief ich in die Stadt, um das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch will eben sein Vergnügen haben. Und mir war es ein Vergnügen, mir ist es heute noch eines. Meine Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und mehr geweckt. Und ich brauchte nur spazieren zu gehen, um diesen Luxus zu genießen. Nehmen wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder viermal in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, daß es sehr schön ist, wie leicht solch ein Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben, wie das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. Ich brauche das nur anzuschauen, und genieße die Annehmlichkeit, die in einem so famosen Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch aufmerksam an, es unterhält mich jedesmal. Nehmen wir die Burg und die Oper. Ich kann es an meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. Aber unzählige Male bin ich nach der Vorstellung im Opernvestibül gestanden und habe mir die vornehme Welt angeschaut, und bin wie nach einer glänzenden Unterhaltung heimgegangen, wenn ich dieses prachtvolle Gedränge schöner Frauen und eleganter Herren die majestätische Logentreppe herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen Lakaien. Im Sommer, wenn man keine Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die Treppenhäuser angesehen, bin im großen Foyer herumspaziert, mitten unter dem Menschenschwarm. Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, stürzten die Leute wieder in den Zuschauerraum. Ich aber entfernte mich und hatte wieder einen Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren, wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, mit einem Wort, wäre ich reich gewesen, wer weiß, ob sich nicht alles für mich mit der Zeit abgestumpft hätte. So aber habe ich immer nur den besten Schaum von den Dingen gekostet, habe mir alle Genüsse in meiner Phantasie noch herrlicher ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, und so hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz verloren.
Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt herumgelaufen und habe geglaubt, es müsse mir etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, das mit schönen Frauen, mit Pracht und Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige Erwarten hat sich mit der Zeit nun freilich stark gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig Jahre alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere Stadt promeniere, wenn ich durch das Rauschen der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne Frauengesichter an mir vorübergleiten, dann ist mir, als sei noch manche verborgene Möglichkeit irgendwo vorhanden, und als könne doch noch etwas Merkwürdiges und Festliches geschehen. Das ist gewiß töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht so schnell dabei, und man fühlt sich dann so angeregt und so zufrieden.
Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles für mich vorüber ist. Ich bin ein armer Teufel. Das weiß ich auch. Und ich habe nichts erreicht. Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, so zufrieden zu sein. Manche Leute werden finden, ich hätte meine Jahre besser anwenden, hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere Strebsamkeit ungleich weiter bringen können. Und ich muß ihnen recht geben. Ich muß es um so mehr, als ich zu alledem noch weiß, daß es mir nicht an guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, wo es doch schon zu spät ist. Ich hätte etwas werden können in der Welt. Etwas Großes vielleicht. Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. Aber ich muß sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich bin. Vielleicht wäre ich als armer Teufel in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und sehr unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, denn ich kenne die Verhältnisse anderswo nicht, und weiß nicht, ob ich mich anderswo wegen meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich mich niemals ausgeschlossen gefühlt, sondern habe immer die Empfindung, mindestens aber die Illusion gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit und an aller Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen zu dürfen. Vielleicht hätte ich anderswo nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, wenn ich des Abends von meinen Spaziergängen heimwärts wanderte, von allen meinen Eindrücken ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz wunderbar beschwichtigt war. Wenn mir manchmal der Trieb kam, etwas Besonderes zu leisten, etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, als sei ja schon längst alles unternommen und geleistet und erreicht, und es bliebe jetzt nichts mehr zu tun übrig, als das Vorhandene wie einen köstlichen Besitz zu verstehen und zu genießen. Das mag ein verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde ich mich jetzt nicht mehr damit befassen, ihn richtigzustellen. Ich habe schließlich genug erlebt, habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle und Fülle, ich habe mein sicheres Auskommen und meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch den Frühling und diese fröhlichen Tage voll Sonne und Blumenduft. Bald wird man auch im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind ja schon die Kaffeehütteln hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es ist. Was liegt denn dran?
KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY
Inhaltsverzeichnis
Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, mit einem netten Turm, der sich stramm davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner Kindheit; und seit ich als Bub auf der Türkenschanze umherlief, die damals freilich noch hinter jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen den fröhlich dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, der an milden Frühlingsabenden aus der Pforte unter dem Turm herauskam und über die Wiesen zum Heinrichshügel spazierte; immer munter, und immer von schönen, exotischen Frauen gesprächig umgeben.
Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte Abendsitz inmitten wogender Kornfelder, ist lange verschwunden. Die Felder und Wiesen sind ja alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert nicht mehr. Es sind, wie gesagt, über zwanzig Jahre her. Aber der weißbärtige alte Herr blickt immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, und immer noch von schönen exotischen Frauen gesprächig umgeben. Und sein kleines, rotes Kottagehaus, mit dem netten Turm, der sich stramm davor aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste Ort in Wien geworden. Jedenfalls etwas einziges in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern überall. Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser Meinung sein, denn aus sämtlichen Weltgegenden kommen sie hierher. Wie man sagt: ein Brennpunkt. Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was in diesem Hause geschieht, dann hört es sich wie gar nichts an: Hier werden Klavierstunden gegeben. Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu oft besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem Geräusch verbunden ist und nicht gerade als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller Klaviermusikanten, hier ist das Rom und der Vatikan aller Pianogläubigen, hier werden die höchsten Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, hier segnet, und flucht zuweilen auch, der unfehlbare, alleinseligmachende Klavierpapst.
Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit Theodor Leschetitzky als ein schon längst berühmter Mann in Wien sich ansiedelte. Man kann nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert habe, daß die Reklametrommel für ihn gewirbelt worden sei; und während sein Ruhm aus den entferntesten Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt, kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer Art machtvolle und seltene Persönlichkeit in weiteren Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm vorübergehen, wissen eben nach so langer Zeit, das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen sie aber nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute erst »nachträglich« alles erfahren. So kommt es, daß man jetzt nicht einmal sagen kann, Leschetitzky habe sich in Wien eine große Stellung gemacht. In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky nimmt in der Welt eine große Stellung ein und lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es nämlich nicht die Wiener gewesen sind, die ihn verkündet haben, sondern die Fremden, die Engländer, die Amerikaner, die Schweden, Dänen, Franzosen und Russen.
Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode sprechen. Erstens vermöchte ich das gar nicht, zweitens interessiert mich diese Methode nur sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische Erörterung darüber nur einen schwachen Begriff von Leschetitzkys Individualität geben. Diese allein aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt, die von ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht bloß pädagogischen Einfluß übt, sondern sich vollständig ihres Menschentums bemächtigt. Die Persönlichkeit eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm alle bedingungslos ergeben sind, daß sie ihn über gelegentliche Schroffheit und manche Tyrannei hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor ihm befangen werden und für sein kärglichstes Lob den Beifall von Tausenden freudig dahingehen. Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter seinen Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen roten Kottagehäuschen beisammen sind und er ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent einen Produktionsabend gönnt.
Von diesen Abenden ist immer wie von einem Feiertag die Rede; und es geht auch sehr feierlich zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß es hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher und viel mehr erhöht als in einem öffentlichen Musiksaal. Das kommt daher, weil hier eine fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet. Künstler, die unter sich sind und froh darüber, daß die Profanen draußen bleiben müssen. Nur selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt.
In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an der oberen Schmalseite zwei Klaviere nebeneinander, derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet, von denen sie durch die ganze Länge des Instruments getrennt sind. An derselben Schmalseite des Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer. Hier sitzen gewöhnlich die Amerikaner und sehen nur gerade die Vortragenden. Spielt ein gewöhnlicher Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert und aus dem Speisezimmer hört man bald nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner oder eine Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher stille, während aus dem Speisezimmer der Beifall der unsichtbaren Landsleute noch weiterklingt.
Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen Gesellschaft. In Wien an und für sich schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen in prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen Edelsteinen; dann die dunkeläugigen, ein wenig zur karikaturmäßigen Genialität neigenden Polen; dann die blonden Schwedinnen, die so stolze und nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar goldblonde Haare, die so einfach angezogen und so schön und biegsam von Wuchs sind; dann ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren Schick, der sie sogleich von allen anderen unterscheidet, und von jener gesammelten Sachlichkeit in Miene, Geberden und Worten, die mit ein Reiz ihrer Schönheit ist; Engländerinnen, die manchmal nicht schön sind, aber fast immer märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, und von einer märchenhaft rostroten Farbe. Dann die Amerikaner und die Engländer mit ihren Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren langen Armen und Beinen; kleine stämmige Russen, breitknochige Gesichter, niedere, aber gewölbte Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich die gewissen Jünglinge mit den überspannten Locken und den überspannten Kravatten, oftmals recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie zeichnet. Vor Jahren ging hier als ein hagerer Jüngling Paderewski umher, mit einem dünnen, langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf wie ein halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein Gesicht trug die vielen Sommersprossen der Rothaarigen und er hatte einen roten Schopf, der ihm verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur Nase ins Gesicht herein wuchtete und sich ausnahm wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche deutsche Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich schnarren. Endlich die beweglichen Wiener Judenmädel und die Wiener Christenmädel, von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen und manche wie Erzherzoginnen.
Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; allen ist der heiße Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, das angespannte, mühevolle Streben, allen merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das Ringen mit dem eigenen Wesen, mit den tückischen Problemen der Technik. Und alle sind erregt, als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. Es ist ganz merkwürdig, wie alle miteinander befangen werden, wenn einer ans Klavier gerufen wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. Wie durch einen elektrischen Kontakt sind sie alle sofort mit dem einen verbunden, der aus ihrer Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern mit ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der Schule her wird man sich erinnern, wie durch die ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen allen Streit und wünschen auch dem feindlichen Kameraden in diesen schweren Minuten jegliches Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver und stärker als in solchen frühen Augenblicken. Hier aber ist doch noch ein wesentlicher Unterschied, denn neben der Anteilnahme regt hier sich in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu. Die Ansprüche sind hoch; man ist verwöhnt, hier in diesem kleinen roten Kottagehaus, wo seit fünfundzwanzig Jahren alle großen Künstler, die nach Wien kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände die allerbeste und die allerhöchste Musik seit einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses ganze Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden großen Tradition und in diesen Räumen hier sind die edelsten Weisen verhallt, die in der Welt nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, vier Virtuosengenerationen haben von hier ihren Ausgang genommen, sind über die ganze Erde gewandert, da und dort verschollen, am Wege gestorben oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen in das kleine Haus im Kottage zurückgekehrt, um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife bestätigen zu lassen.
Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen während der kurzen Schritte zum Klavier sich an diese Dinge erinnerte, dann müßte das bißchen Courage freilich zusammenschnappen. Meistens aber denken sie an gar nichts als an ihr Stück, an dessen schwierige Stellen, und nur daran, daß »der Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine hübsche Engländerin. Das rostrote Haar umgibt ihr Haupt wie ein brennender Schein. Sie spielt scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den Lauf der Finger über die Tasten. Ihre lächelnden Mienen werden ernster und ernster, ihre Mundwinkel zucken leise, und allmählich steigt eine sanfte Röte über den Saum ihres Kragens herauf zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt ihr blasses Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt sie sofort zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht hat, verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am Flügel. Ein kleines, blühendes Ding, eine Wienerin rotwangig und frisch, aber mit kurzsichtigen Augen und mit willensstarken, geschlossenen Zügen, aus denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit und sichere Ruhe spricht. Sie stößt mit sprungartigen Bewegungen in die Tasten, hält sich verkauert, fährt zurück und schießt gleich wieder mit aller Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, den Kopf geduckt, so daß man bei ihren Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu sehen. Zum Schluß aber tritt sie sofort, des Beifalls nicht achtend, zu Leschetitzky, aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Alle wenden sich ihm so zu, wenn sie fertig sind; alle haben die gleiche Art, zu ihm zu flüchten, einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu stehen und dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein sehr bleicher, sehr englisch aussehender junger Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich hinstarrt, und der doch unter dem Zwange des Augenblicks alles aus sich herausholt, was an Talent, an technischer Sicherheit und durchdachter Auffassung in ihm bereit lag. Dann kommt eine bildschöne Russin, die sehr ruhig scheint. Ihr elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht höher, nur den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen und ihre Nasenflügel beben, während sie mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. Nach ihr eine Amerikanerin, die sich im Sessel wie in einem Sattel wiegt, die gütig den Kopf zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als könne sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr ernster Mann mit einer Rubinsteinfrisur und – wenn man so gut sein will – mit einem Rubinsteingesicht, der hier nur gastiert, und der sein Lampenfieber hinter einer düsteren Entschlossenheit zu bergen trachtet. Dann ein Kind von vierzehn Jahren. American Girl, nicht eben schön. Ein bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, ein bißchen breitnasig und ein bißchen zu vollwangig. Spielt aber, als ob sie allein sei und nach keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit zurückgeworfen, Verzückung in den Mienen, die großen hellen Augen, die manchmal zu jauchzen scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt in ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von Begeisterung.
Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie, Ehrgeiz und Fleiß wacht der weißbärtige alte Herr, der mit seinen weißen, russisch geschnittenen Haaren, mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden, verkniffenen, vergnügten blauen Augen wie ein Muschik aussieht. Rosig und frisch im ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, ist er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, scheint aus der musizierenden Jugend, die ihn beständig wie ein Choral des Lebens umgibt, immer neue Erquickung, immer neue Frische zu schöpfen. Mit der Präzision eines Thermometers und mit derselben Empfindlichkeit reagiert sein Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. Andere ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber wächst von Stunde zu Stunde und ermattet nicht. Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann lachen seine Augen, sein Mund, seine Wangen; alles an ihm lacht, auch sein Herz: das sieht man sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man wahrnehmen, wie durch und durch künstlerisch das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. Oft und oft setzt er sich an das zweite Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden ungleich, oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am Rhythmus oder an der dynamischen Wirkung hapert. Dann begleitet er nach seiner Weise den Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller mit sich fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder gibt einer Cantilene mehr Weichheit, hilft einem Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. Oder er fährt wütend dazwischen, schickt die Vortragende unter heftigen Scheltworten vom Klavier weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so ein junges Ding nun seine ganze Aufmerksamkeit in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende zu erreichen. Niemand wundert sich über solche Zwischenfälle, niemand von den Betroffenen zeigt falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier eigentlich nur für ihn allein spielen, und nicht für die anderen hundert Menschen, die zufällig dabei sind.
Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle des Ruhmes steht er vor dieser andrängenden, stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die er durch sein Künstlertum beherrscht, durch den Glanz einer großen Vergangenheit und durch den Scharme einer immer sprudelnden, immer lebendigen und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist ein hervortretender Zug im Wesen Leschetitzkys, daß er Festlichkeit um sich verbreitet. Damit lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine Wissenschaft und Erkenntnis würde ihm die Menschen nicht zuführen und könnte den Menschen nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister wäre und kein Künstler, wenn sein Ernst trocken wäre und er dieses strömende, zum Wohlsein und zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht besäße. Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, und es ist kein Schaffen möglich ohne Heiterkeit des Herzens und festlich gestimmte Laune.
Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf, man würde sich beeilen, von Wien aus hinzureisen, um diese seltene Kunstakademie zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die nur durch die Persönlichkeit eines einzelnen lebt, und aus der so viele Berühmtheiten hervorgegangen sind. Man würde den weiten Weg nicht scheuen, um einmal in dieser rätselhaften und wohltuenden Atmosphäre zu weilen, um diesen Mann genauer zu betrachten, der von weitem wie ein Magier aussieht, der in der Nähe jedoch nichts weiter ist als ein starker Mensch und ein Künstler von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in Währing ist, kann die Sache aufgeschoben werden, denn da kommt man ja sowieso alle Tage hin.
ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG
Inhaltsverzeichnis
Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein wenig gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? Da gibt es denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen schreien, und das würde das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind überschwengliche, vermessene Träume, gefördert durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große Antichambre, dann schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern, Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben in den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien. Ein solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne. Denn welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es ist wirklich herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen. Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng dabei; die Gebärden von ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen des Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier muß man sich geehrt fühlen.
Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein, unstreitig das angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung nur einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse ersten Ranges traktiert, daß man sich zu ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt und sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder begeistert, Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber Vorstellungen, in denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann, gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt den Zuschauerraum, und gleich am Eingang steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten, eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis. Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit der Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob du nun willst oder nicht, du hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.
Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen. Wer wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer, der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten – ein zwar nicht allen, aber doch allen zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort wird, dann, bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten Künstler sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße Begabung verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen und Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was, Himmelherrgott!
Und – Himmelherrgott – es ist auch was! Schon der Zuschauerraum, dieses ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium bietet genug und genug. Wollte man die Kronen der hier versammelten Herrschaften auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles tut: An einem anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen geben, daß sie immer und überall »unter sich« sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem in den Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette, zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man erst umdrehen, um hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er »wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften Zügen, mit seiner alltäglichen, ein wenig farblosen Wohlgenährtheit und mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen, und die Kleider am Leibe: – genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein Fürst. Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, und man würde sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie feine Kellner und sind Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit herrischen Mienen, scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals und in Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht wie Grafen aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen. Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft!
Einen gänzlich Fremden – man brauchte ihn gar nicht von den Südsee-Inseln herzunehmen – könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren. Weder das Publikum, da er unsere Uniformen und Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, noch die Gaben der Bühne, da ja die stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig wären, die Namen, ohne die beinahe alle Akteure ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, die das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und mondainen Leuten mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst hoch über ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich zu sehen.
Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten Bild. Eine reizende kleine Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen Stellung ruhig dazusitzen, indes die anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor Befangenheit, wurde rot und röter unter der ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt werden, wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild war übrigens die Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen. Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge, daß man an die wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend winziger Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich rührten, indessen die anderen mit einer großartigen Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die Prinzessin Mimi – das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar niedliche Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling war bei ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele, dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten wie Schubertsche Lieder. Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger – und die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac im Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm. Weniger empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die man hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild, wo in der Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger Feschheit der Wassermajestät zur Seite stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog, als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo inmitten der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem Frack und den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte, und wo endlich – auch im Frack – Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein willkommenes Ende zu bereiten.
Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten. Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden sie uns Schauspiele geben können, die nur der Adel zu geben vermag, werden eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun, wozu er Talent hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt doch stets ein arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus selbst sich nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden muß, bei einem Haustheater zu sein, in einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren, sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus scheint das gar nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste, und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.
FÜNFKREUZERTANZ
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Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon früher beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein! Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe Versunkenheit aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so überraschenden Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann wiedersah, war sie freilich nicht mehr allein.
Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde. Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen. Sie eilten zum Tanz.
Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.
Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde.
Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.
Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich, gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten.
Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir. Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.
Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen, mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit verrichtet.
Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen, die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen, sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und vieldeutige Sentimentalität.
Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe Feste.
Pulsuz fraqment bitdi.