Kitabı oxu: «Fünfzehn Hasen»
Felix Salten
Fünfzehn Hasen
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2021 OK Publishing
EAN 4066338113146
Inhaltsverzeichnis
Coverpage
Titelblatt
Text
Wo sind meine Geschwister?«
Der junge Hase, der im Dickicht unter Farnwedeln neben seiner Mutter saß, hatte das plötzlich gefragt.
Er war so klein wie ein Klümpchen Erde des Waldbodens. Er glich einem Flöckchen Wolle, doch er schien fast noch zarter als der zarteste Flaum, schier hauchartig. Er sah ganz nebelgrau aus; sein Fell hatte jenes feine Farbengemenge, das man Pfeffer und Salz nennt. Er war eigentlich so wesenlos und dabei doch so wunderbar wie der erste blasse Schimmer des frühen Morgens, der soeben herandämmerte. Auf seiner Stirn stand der weiße Stern, das Zeichen seiner Kindheit.
»Wo sind meine Geschwister?« fragte er noch einmal. Sie waren ihm gerade jetzt eingefallen. Er wußte nicht, wie, und er dachte auch nicht weiter darüber nach. Er war gewohnt zu fragen, und so fragte er.
Die Mutter schwieg.
Eine große, stattliche Häsin, saß sie völlig in sich verkauert, hatte einen schwarzen Streifen, der sich den Rücken entlang über das erdbraune Fell hinzog, hatte kleine schwarze Streifen am Bug der Löffel. Und ihre mächtigen weißen Schnurrhaare befanden sich jetzt in unaufhörlicher, leiser Bewegung. Es blieb unwahrscheinlich, daß der winzige Junge neben ihr jemals so gewaltig werden könnte wie sie.
»Mir ist doch«, fing er wieder an, »mir ist doch, als seien viele Geschwister dagewesen . . .«
Als keine Antwort kam, redete er weiter: »Brüder und Schwestern waren bei mir . . . Ich weiß nicht mehr wie viele, es ist so lange her, und ich bin noch zu klein gewesen, damals . . .«
Dieses »lange her« und dieses »damals« hatte sein eigenes Maß, denn der Junge war erst ein paar Wochen auf der Welt.
Die Mutter wandte sich zu ihm. Ganz wenig, ohne ihre Haltung zu ändern. Doch ihre Schnurrhaare spielten etwas lebhafter. »Ja, ja«, sprach sie, »mein lieber Hops, du wirst größer. Es ist zum Staunen, wie schnell du groß wirst . . .«
Der winzige Hops richtete sich auf, saß in den Hinterbeinen und stellte erfreut die Löffel hoch. »Wo sind die andern?« forschte er dringend.
Die Mutter antwortete leise: »Verschwunden . . .«
Hops legte die Löffel nieder. »Auch du verschwindest manches Mal . . . aber du kommst wieder . . .«
Die Mutter hielt die Nase fest zwischen die Vorderpfoten gepreßt und schwieg.
Dem Kleinen ahnte Schlimmes; er fragte: »Wann . . . wann kommen sie zurück . . . die andern?«
Noch fester drückte die Mutter ihren Kopf in die Vorderpfoten, noch leiser sagte sie: »Niemals . . .«
»Wo sind sie?« Hops war es bang zumute, aber er ließ nicht locker.
Ohne sich zu regen, gab die Mutter Antwort: »Verloren sind sie . . .«
Der Kleine begriff nicht ganz, was er da hörte. Gleichwohl war er erschüttert. Nach einer Pause verlangte er zu wissen: »Und ich . . .? Werde auch ich verloren sein?«
Die Mutter zuckte: »Mein Hops . . . mein lieber Hops . . .« Sie seufzte, ehe sie weitersprach: »Du mußt aufpassen, immer, immer achtgeben, immer . . . verstehst du? Und du mußt laufen können . . . schneller als alle andern Geschöpfe hier im Walde . . .«
Hops beteuerte: »Oh, Mutter . . . ich gebe ja acht . . . ich weiß eigentlich noch gar nicht, warum, aber ich geb' immer acht!«
»Du bist brav«, wurde er gelobt, »eines Tages wirst du von selbst lernen, warum wir immer auf der Hut sein müssen . . . Du bist jung, mein Kleiner . . .«
»Und laufen kann ich«, rief Hops, »schau mir zu . . .«
Er begann zu rennen, unbeholfen, kindlich, doch mit bestem Willen. Er umsprang die Mutter, rannte in immer größeren Kreisen.
Die Mutter saß still und blickte ihm nach. Eine geringe Zufriedenheit durchzog warm ihr Herz. Dann murmelte sie vor sich hin: »So oder so . . . niemand behält seine Kinder . . .« Sie legte die stattlichen Löffel melancholisch und langsam nieder, während sie bekümmert wiederholte: »So oder so . . . die Kinder bleiben nie . . . sie brauchen uns eines Tages nicht mehr . . .«
Hops geriet in eine Ekstase des Laufens. Das graue Flöckchen Wolle, das von seiner Mutter Hops genannt wurde, fegte über den Boden hin, unter den Blättern von Farnkraut und Lattich, unter dem dünnen, niedrigsten Gezweig junger Hartriegel- und Brombeerstauden. Manche von den Gerten peitschten ihn, wenn sie zurückschnellten, ganz leicht. Hops empfand das angenehm und als eine Mahnung, noch rascher dahinzurennen.
Der Wald begann zu erwachen.
Eine fahle Helligkeit drang durch das frische Maiengrün der Laubwipfel in das Dickicht.
Holztauben schwangen sich mit geräuschvollem Flügelschlag von den Ästen. Laut knatternden Fittichs verließen die Fasanen ihre Schlafbäume, und ihr metallischer Balzton, abgerissen und berstend, klang überall auf. Das wirkte, als züngelten da und dort im Walde blitzende Flammen empor, um gleich wieder zu verlöschen; hörte sich an wie ein im Ausbrechen schon bereuter Schrei, gemengt aus Schmerz und Lust.
Hoch oben, auf den höchsten, dünnsten Zweigspitzen der Buchen und Linden saßen die Amseln, waren vom Erdboden gesehen nur schwarze Punkte, aber ihr andauernder, in frohen Weisen wunderbar abwechselnder Gesang strömte die Musik inbrünstiger Daseinswonne durch den Maimorgen.
Der Pirol schleuderte seinen goldgelben Leib von Baum zu Baum und jauchzte dazu, immer dieselbe begeisterte Strophe, als wäre die Sonne schon aufgegangen.
Das zornige Kreischen der Häher schrillte durch die Luft; der tanzende Lachton, in dem die Elstern schäkerten, ließ sich vernehmen. Im Buschwerk regte sich das zarte Gezwitscher der flinken Meisen, das Gezirpe der huschenden Grasmücken.
Immer wieder, fern und nah, rief der Kuckuck.
Als Hops sein Laufen einstellte und zurückkehrte, war die Mutter fort.
Er suchte sie nicht.
Viele andere Hasenkinder kamen durch das Unterholz daher. Hier, dort, ganz nah, ein wenig weiter, hoppelten sie, rannten, saßen aufrecht mit hochgestellten Löffeln, gehabten sich fröhlich und übermütig.
Hops kannte sie alle und schloß sich ihnen an.
Manche andere Morgenstunde verbrachte Hops mit den Gefährten seiner Kindheit draußen auf der Wiese.
In der langen, wunderreichen Stunde, während die Nacht versank, wie ein schwarzer Schleier sich löste, sich hinweghob, der Himmel heller und heller wurde und die Sterne verblaßten, während dieser Stunde ergötzten sich die Hasenkinder auf der Wiese.
Die Wiese lag mitten im Laubwald; sie hatte gar keine ausgesprochene Form, weder die eines Kreises noch sonst eine andere. Mit vorgestoßener Spitze drang der Wald an der einen Stelle in den Rasen, gleich einer schmalen Halbinsel. An einer anderen Stelle riß die Wiese eine tiefe Bucht in das Dickicht. So unregelmäßig und so lieblich konnte nur ein See, ein Weiher oder nur eine wilde Wiese sein. Sie war wie ein Aufatmen des großen Waldes, ein Stückchen Freiheit, Licht, Luft und . . . Gefahr.
Da tummelten sich die jungen Hasen und waren oft ganz berauscht, waren voll jener seligen Raserei, die alle Geschöpfe nur in der Kindheit erfüllt.
Sie glichen kleinen Wolkenrestchen, die noch einen Schein des Himmels an sich tragen, und denen es Spaß macht, auf der Erde zu tanzen. So körperlos, so zart sahen sie aus.
Sie jagten einander rundum. Ganz nah am Waldrand. Denn ein Etwas lag dabei immer in ihrem Kindersinn, das ihnen sagte, man könne nie wissen, was geschehen werde, und es sei vorteilhaft, mit einem Satz im Dickicht zu verschwinden.
Hops war einer der Vorsichtigsten von allen. Oft trieb es ihn, drauflos, mitten in die Wiese zu rennen und weiter, immer weiter. Er hielt sich zurück. Hie und da gewaltsam, ohne daß er recht wußte, warum. Immer blieb er ganz nah am Rande der Dickung, immer war er bereit, zu flüchten und sich zu verstecken.
Die kleine Plana vertraute sich seiner Führung an. Das war von ungefähr so gekommen, ganz von selbst.
Plana war lustig, war übermütig, doch ohne jede Selbständigkeit.
Wenn die andern sich überkugelten, weil sie so schnell dahinschossen, war die kleine Plana mitten drunter. Wenn alle von dem unfreiwilligen Purzelbaum entzückt in die Höhe sprangen und erst recht anfingen wie verzückt zu rennen, war Plana die Tollste.
Dann klapperte Hops mit den Löffeln und rief nach ihr.
»Plana . . .«
Sie kam sogleich.
»Bleib bei mir . . .« sagte Hops.
Und sie blieb. Sie hockte neben ihm und sah ihn fröhlich an. Er schwieg.
Sie war hold, die kleine Plana. Und sie hatte etwas Rührendes in ihrem Wesen, etwas von hilfloser Ergebenheit.
Hops konnte das noch nicht so deutlich empfinden. Doch er fühlte es wohl, wenn Plana bei ihm saß.
Manchmal gerieten die Hasenkinder außer sich vor Entzücken über sich selbst, über die starke, belebende Morgenluft, über den Hauch der Gräser und Blumen.
Da sprangen sie hintereinander drein, so blitzschnell, daß es unmöglich blieb, zu erkennen, wer den Verfolger spielte und wer den Verfolgten. Sie hätten selbst nicht vermocht das zu entscheiden.
Auch Plana fiel regelmäßig in diese Ekstase, der sich sogar Hops nicht entziehen konnte. Er sauste mit Plana auf und nieder, hin und her. Aber stets nah der Dickung, immer die schützenden Sträucher entlang.
Wollte Plana übermütig gegen die Wiese ausbrechen, dann kam Hops sogleich zur Besinnung, hockte nieder und rief: »Nicht so weit!«
Plana kam herbei, setzte sich zu ihm und sagte nur: »Ach . . . du!«
Über den Rasen schritten feierlich Fasane: farbenprächtig, stolz, nickenden Hauptes. Sie waren Familienväter auf Ferien. Denn drinnen, im lockeren Dickicht, führten die Hennen ihre junge Brut spazieren. Und die Mütter, umwimmelt von den winzigen Küchlein, hatten ein demütig-selbstbewußtes Gehaben und vermochten sich vor lauter Wachsamkeit nicht zu fassen.
Draußen, auf der Wiese, hob da und dort ein Reh sein Haupt, bewegte anmutig die Lauscher und äugte zu den spielenden Hasenkindern hinüber.
Manchmal blieb denen der Atem weg vor Laufen und Springen. Dann saßen sie still und nahmen ernste, ja bekümmerte Mienen an. Der Schatten des schweren, künftigen Schicksals schien während solcher Sekunden über sie alle hinwegzuhuschen.
Sie saßen da, regten sich nicht, indessen ihre Lungen flogen und ihre Pulse jagten.
Aber so junge Hasen brauchen nicht lange, um sich zu erholen.
Da fing einer von neuem an, hockte sich in die Hinterbeine und blinzelte pfiffig umher; der zweite hoppelte zu ihm, stieß ihm die Nase in die Flanke; ein dritter tat so, als wäre die ganze Schar hinter ihm drein, und rannte wie gehetzt.
Worauf die ganze Bande nun sofort wieder ins Kreiseln geriet.
Heute jedoch wurde die allgemeine Heiterkeit durch ein ernstes Ereignis gestört.
Ein kleiner, ein winzigkleiner Hase wurde vor sinnloser Freude so närrisch, daß er weit fortrannte. Mitten hinein in die Wiese. Er war ein netter Junge, der tollste, der lustigste von allen. So rannte er drauflos, zutraulich, neugierig, unerfahren und berauscht von seiner Fröhlichkeit.
Ein paar Krähen, die feldwärts strichen, erblickten den kleinen Hasen, wie er allein auf der Wiese umherlief.
Da senkten sich die schwarzen Vögel rasch zu ihm herab, und ehe der Arme sich zu besinnen vermochte, fühlte er grimmigen Schmerz in beiden Augen. Die schöne grüne Welt verschwand ihm, wurde schwarz und finster. Wühlende Pein fuhr durch sein Hirn. Und alles war vorbei.
Das Klagen des sterbenden Jungen, der noch kaum gelebt hatte, blieb ungehört. Es klang zu leise, und es verstummte zu schnell.
Nichts blieb übrig als umhergestreute Flöckchen zarter Wolle und ein bißchen Blut, das in Rubintropfen an den Gräsern hing oder im Erdboden bald versickerte.
Manche von den Hasenkindern hatten den Zwischenfall gar nicht bemerkt. Einige andere hatten die Krähen, die herniederstießen, erblickt. Während der kurzen Sekunde, in der sie sich mit hochgeschnellten Löffeln aufrichteten, hatten sie den Mord, der dort draußen an einem der Ihren begangen wurde, mehr erraten als mitangesehen.
Verstört duckten sie sich und flüchteten, mitten aus dem Spiel, ins Dickicht.
Aber keiner redete zum andern auch nur eine Silbe über das Geschehnis.
Ein stilles Grauen zerrte an ihnen, verblaßte bald wieder und zwang sie doch zu schweigen.
Hops saß unter einer niedrigen, dichten Holunderstaude am Wiesensaum und hatte Plana bei sich. Über Holunder und anderem Buschwerk ragte riesenhaft eine uralte Esche und breitete prächtig ihren Wipfel.
Zwei Eichhörnchen jagten einander baumauf, baumab. Ihre roten Standarten fegten durch das hellgrüne Laub.
»Es ist gefährlich, so drauf loszurennen«, sagte Hops leise. – Plana seufzte nur.
Sie saßen beide ganz still. Hin und wieder bewegten sie ihre Löffel. Und ihre Schnurrhaare bebten.
Als dann die Sonne emporstieg und ihre ersten Strahlen wie hingeschleuderte goldene Speere niederblitzten, krochen die Hasenkinder in das schattenkühle Dickicht. Sie blieben nicht beisammen. Einzeln schlüpfte jedes zu seiner Mulde, die es sich unter dem überhängenden Geäst eines Strauches zurechtgekratzt hatte. Jedes allein und für sich drückte den kleinen, schmalen Leib in die warme Scholle, blieb ohne Regung liegen und gab sich dem dünnen Hasenschlummer hin.
Nur Hops und Plana waren nahe beieinander. Die Vögel sangen, zwitscherten, pfiffen, jauchzten ein paar Stunden noch, bejubelten den blauen Morgen, beschwatzten ihre Liebesangelegenheiten, ihre Sorgen, Freuden und Zerwürfnisse. Dann breitete der Mittag sein brutheißes Schweigen über den Wald.
»Wie schön!« sagte Plana, manchmal aus ihrem Halbschlummer erwachend.
»Schön . . . und schwer«, antwortete Hops jedesmal. Und fügte jedesmal die Mahnung hinzu: »Halt dich still.«
Nicht immer war Plana geneigt, auf diese Mahnung zu achten. Sie hatte solche Worte zu oft gehört, dachte sich nichts mehr dabei, ja sie fühlte sich mitunter dadurch einfach gereizt. So geschah es hie und da, daß sie, gerade wenn Hops ihr zugeflüstert hatte: »Halt dich still«, aufsprang und im Kreise herumzurennen begann.
»Du bist toll!« murrte Hops.
Und Plana entgegnete: »Toll vor Freude!«
Hops warnte: »Du wirst schon sehen . . . aber dann ist es zu spät.«
Plana duckte sich sogleich. »Es ist ja nichts geschehen«, meinte sie begütigend.
»Jeden Augenblick kann etwas geschehen«, erwiderte Hops.
»Ich bin schon still«, versicherte Plana und lag ohne sich zu regen in ihrer Mulde. – –
Eines Nachts jedoch wurden sie beide Zeugen eines Ereignisses, das sie zittern machte.
Groß, unhörbar und majestätisch schwebte die Eule im Gehölz umher. Manchmal hoch oben, längs der Baumwipfel, manchmal ganz nah am Boden.
Noch nie hatten die zwei solch ein zauberhaftes Wesen erblickt. Doch Hops wurde mißtrauisch; diese Erscheinung war ihm unheimlich, ohne daß er wußte, weshalb. Er rührte sich nicht. So leise er konnte, schickte er dringende Warnung zu Plana hinüber, die sich aufrichten wollte.
Sie erschrak und gehorchte.
Aber ein anderes Hasenkind, etwa zwanzig Sprünge von ihnen entfernt, hatte den wunderbaren schwebenden Schatten sehen wollen und hatte sich bewegt, kaum merkbar, nur ganz leise.
Schon war es von den breiten Schwingen der Eule gedeckt, war umfangen von dem lautlosen und wie zärtlichen Gefieder. Wäre nicht der kurze, schwache Schmerzensschrei gewesen, der Hops und Plana ans Ohr drang, sie hätten geglaubt, das sei eine Liebkosung.
Gleich scharfen Dolchen fuhren die Krallen der Eule dem armen Hasenkind durch den schmalen, mageren Leib. Ein paar Schnabelhiebe, und es war schon tot, als es aufgehoben und durch die Nachtluft fortgetragen wurde.
»Furchtbar . . .« flüsterte Plana. Das Grauen schüttelte sie. Hops verharrte in Schweigen.
Plana begriff jetzt die Mahnung, die ihr von Hops immer wieder zuteil wurde. Nun hatte sie es erlebt, wie man Neugier, wie man Leichtsinn büßen mußte. Sie empfand Dankbarkeit für Hops. Und sie hörte jetzt selbst in ihrem eigenen Blut die ängstliche Stimme, die ihr zuraunte: »Halt dich still.«
Am Morgen kamen ein paar Mütter, um nach den Kleinen zu sehen.
Auch Hops saß wieder einmal bei seiner Mutter und erzählte ihr von der Eule.
»Ja, ja«, sagte die Mutter nachdenklich vor sich hin, »uns bedrohen alle . . . alle verfolgen uns . . . und wir verfolgen keinen . . .«
»Wo ist mein Vater?« fragte Hops plötzlich. Er hatte Sehnsucht nach einem Beschützer.
Die Mutter erschrak. »Was fällt dir ein?« rief sie, und ihre Löffel schnellten entsetzt in die Höhe. Ihre schönen Schnurrhaare bebten erregt, während sie fortfuhr: »Was hast du für verwegene Wünsche? Laß es dir nicht einfallen, ihm in den Weg zu kommen!«
Hops überwand die Scheu, die ihn sogleich durchdrang. »Warum denn nicht?« forschte er.
»Aber Kind!« rief die Mutter, »er würde dich umbringen!«
Hops war erschüttert. Es dauerte eine Weile, bis er sich fassen konnte. »Umbringen . . .?« stammelte er.
»Laß dich vor ihm nicht blicken«, bat die Mutter, »jetzt nicht, solange du so klein bist . . .«
»Weshalb haßt er mich?« wollte Hops wissen.
»Ach, er haßt dich ja gar nicht«, die Mutter seufzte ein bißchen, »er hat mich nur so schrecklich lieb. Immer soll ich bei ihm sein, immer . . .«
Hops saß verblüfft da. Er verstand kein Wort.
Die Mutter begann zu erklären: »Siehst du, ich will doch mit meinen Kindern sein . . . wie jetzt mit dir . . . denn ich hab' jetzt nur noch dich . . . aber das begreift er nicht, das duldet er nicht! Wenn er eins von den Kleinen erblickt, wird er zornig. In seiner Eifersucht, in seiner Wut kennt er sich nicht mehr.«
»Hat er schon einmal . . .?« Hops stockte.
»Beinahe«, gab die Mutter Bescheid, »beinahe . . . den Schrecken vergess' ich nie. Aber ich hab' das Kleine damals noch gerettet.«
Hops saß still und grübelte. Das war eine schwierige Sache, die er nicht ganz verstehen konnte. Es war schmerzlich, das zu hören; zugleich war es auch auf eine seltsame Weise schön und spannend. »Mutter«, sagte er dann, »ist das der Grund, warum ich dich so selten sehe?«
Sie antwortete sofort: »Du darfst deinem Vater nicht böse sein, Hops.«
Er lag ganz eng an den Boden gedrückt, hielt die Löffel glatt auf dem Rücken und sprach: »Nein, ich bin ihm nicht böse. Ich kann ihm gar nicht böse sein . . . nur . . . daß ich jetzt auch vor ihm Angst haben muß . . . auch vor ihm!«
»Nicht mehr lange«, tröstete die Mutter, »nicht mehr lange. Bald bist du groß genug, bald ist der weiße Stern auf deiner Stirne verschwunden. Dann darfst du dich ihm ruhig zeigen, und er wird nett zu dir sein.«
»Ich werde warten«, sagte Hops.
Als dann die Mutter fort war, hockte er sich wieder zu Plana. Doch er verschwieg ihr das Gespräch, das er mit seiner Mutter geführt hatte. Wozu sollte er davon reden? Plana war doch so kindisch. Und überdies: Hops schämte sich zu erwähnen, daß der Vater die Mutter so sehr liebte.
Was war ein Abenteuer! Es riß den munteren Hops weg aus der Schar seiner Spielkameraden. Er lernte sich selbst und das große, gefährliche Leben einmal kennen.
Während etlicher Wochen hatten sie alle eine herrliche Zeit verbracht. Hie und da schien die Sache freilich nicht geheuer. So zwischendurch gab es den entfernten Hauch einer Gefahr. Doch sie kannten ja nun die Warnsignale von Tag zu Tag besser, mochten diese auch nicht gerade ihnen selber gelten.
Wenn ein Häher zeterte, wenn eine Elster zu schakern begann, horchten sie auf. Sie wußten natürlich schon, daß Häher und Elster jetzt zu den Feinden zählten; allein sie wußten zugleich und wußten es von Tag zu Tag genauer, daß Elster und Häher mit ihren Rufen das Herannahen stärkerer Feinde verrieten.
Das helle Murren der Eichhörnchen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie begriffen das Wispern und Fegen von Grasmücken und Meisen, die durch das Astwerk der Büsche schlüpften. Und sie verstanden zu flüchten.
Nichts auf dieser Erde vollbrachten sie mit solcher Meisterschaft wie die Kunst, zu entwischen und sich unauffindbar zu verbergen.
Und nichts in der Welt war ihnen so notwendig.
Der Trieb, sich irgendeinem lebenden Geschöpf zu widersetzen, sich zu verteidigen oder gegen einen noch so geringen Widersacher gar zu kämpfen, regte sich niemals in ihren kleinen Hasenherzen.
Ihre Verteidigung bestand in Wachsamkeit, ihr Widerstand war das schnell erregte Angstgefühl, das sie durchzuckte, und die Flucht, diese kunstvolle, listenreiche, im Augenblick ergriffene Flucht, war ihre Art, zu kämpfen.
Nun kam dieses Abenteuer, das Hops dahinfegte.
Er saß auf einer engen Blöße an der Salzlecke, die er und die andern gerne aufsuchten.
Dickicht, das schier undurchdringlich, doch nicht sehr geräumig war, trennte diesen Platz von der Wiese.
Beinahe alle erquickten sich zu dieser frühen Morgenstunde an der Lecke.
Indessen die andern, Rino und Olva, Murk und Lugea, Trumer, Plana, Klipps und wie sie alle hießen, am nackten, ockerfarbigen Lehmboden hockten und mit dem Tau der Frühe das köstlich erfrischende Salz schlürften, saß Hops mitten auf dem Trog, der, in die Erde gerammt, den puren Salzstein enthielt, den der helle Lehm eng umschloß.
Hops saß ganz am Stein und gab sich schrankenlosem Genießen hin.
Die andern unternahmen manchmal ein kurzes Haschenspiel, saßen dann wieder still und schleckten. Einige hoppelten ins Gras, das gerade hier noch einmal so üppig aufgeschossen war und besonders würzig schmeckte.
Nur Hops saß mitten auf dem Trog.
Ein munterer Bursche war dieser Hops jetzt geworden, und soweit seine Möglichkeiten reichten, dreist, dazu gierig; er liebte es, aus der Fülle zu schlemmen. Er konnte in Schwelgerei gerade versinken und sogar das oberste Daseinsgebot der Hasen, die ängstliche Vorsicht, gelegentlich für Augenblicke außer acht lassen.
Das geschah ihm auch jetzt.
Plötzlich merkte er, daß alle seine Kameraden auseinanderstoben und gleich darauf verschwunden waren.
Ihm fuhr's durch den Sinn, daß er die Alarmsignale von Häher und Eichhörnchen überhört hatte. Jetzt, da sie schon verstummt waren, nahm er sie nachträglich wahr und erstarrte darüber vor Entsetzen. Über ihm, auf der alten Buche, ganz niedrig, lief das Eichhörnchen den starken Ast entlang, saß an dessen äußerster Spitze, die leise wippte, hielt beide Vorderpfoten beschwörend vor die weiß schimmernde Brust und rief zu ihm hinunter: »Großmächtiger Baum! Du bist noch immer da!«
Sofort wandte es sich und sauste im dichten Laub des Wipfels hoch hinauf, daß man seine geschwenkte Fahne nur wie einen dünnen roten Strich durch die Blätter fegen sah.
Hops blieb regungslos.
Sein Herz begann wild zu klopfen.
Er zog den Wind so heftig ein, daß seine Schnurrhaare sich rasch bewegten. Nichts! Der Wind trieb ihm keine Witterung zu.
Hops stellte die Löffel hoch.
Da vernahm er gegenüber, im Hochholz, dem der leichte Wind zustrich, ganz leises Knacken im gebrochenen zarten Unterwuchs, vernahm ganz leises Tappen und Treten von Schritten. Zweibeinig.
Was war denn los?
Hops richtete sich in den Hinterbeinen auf. Kerzengerade saß er da, die Löffel hochgestellt, die Schnurrhaare, die schmucken, zitternd in Bewegung, die runden, klaren Augen so angstvoll erweitert, daß man das Weiße erblicken konnte.
Und jetzt erschaute er zwischen den Stämmen im Hochholz das riesenhafte, geheimnisvolle Wesen, das auf zwei Beinen aufrecht ging, das von jeglicher Kreatur im Wald mehr als alles andere gefürchtet wurde, und das nun herankam. Ganz nahe war dieses Wesen schon, schlich vorsichtig, tückisch und furchtbar bedrohlich näher und näher.
Hops blieb, vom Schrecken gebannt, wie angewurzelt sitzen.
Auch die kleinen Hasen hatten erfahren, daß dieses grauenhaft seltsame Wesen ihr Herr sei, wie es der Herr über jegliches Geschöpf des Waldes war. Sie wußten, daß es mit entsetzlichem Donnerschlag von ferne Vernichtung schleuderte. Und als neulich der Rehbock Gobo auf der Wiese draußen von diesem Donner getroffen wurde, saß Plana ganz nahe am Rande in der Dickung.
Gobo war über sie hinweggesprungen; da spritzte der rote Schweiß, der aus Gobos zerrissener Lunge troff, auf Plana, so daß sie an den Löffeln und Flanken ganz naß vom Blut war.
Blitzartig durchzuckte die Erinnerung an diesen Vorfall jetzt die Angst, die Hops erstarren ließ; seine Gelähmtheit löste sich, und mit einem hohen Satz sprang er vom Trog, stürzte sich ins Gras, das ihn taufeucht umzischte, während er dem Dickicht zustrebte. Als er es erreichte, atmete er tief und empfand den wohligen Schutz des Pflanzenwuchses, der ihn barg.
Noch einmal setzte er sich in die Hinterbeine, hob den Leib mit hochgestellten Löffeln und spähte zu der gräßlichen Gestalt hinüber, die jenseits der Blöße im Hochholz stand und lauerte.
Hops fühlte sich wohl im Augenblick zur Not geborgen, aber doch nicht ganz sicher. Die Nachbarschaft des Unheimlichen flößte ihm Bangen ein; die Furcht, die in seinen Pulsen hämmerte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er wandte sich ab und begann die Dickung in beschleunigtem Tempo zu durcheilen.
Nur fort von hier. Weit fort!
Da raschelte es neben ihm. Etwas tat einen Sprung und schnappte nach ihm. Hops hörte deutlich das beinerne Zusammenklappen eines mörderischen Gebisses.
Feindselige Witterung schüttete über ihn her, giftig, scharf, stinkig, betäubend. – Ein Fuchs!
Der war hier gelegen, und sein Ansprung hatte im dichten Buschwerk Hops um Haaresbreite verfehlt.
Instinktmäßig vollführte Hops einen Haken, in der Richtung der Gefahr, doch an ihr vorbei.
Das zwang den Fuchs zu einer ganzen Wendung, doch inzwischen hatte Hops schon etwas Raum gewonnen.
Er raste davon.
Hinaus aus dem gefährlichen Dickicht, dessen Gestrüpp ihn etwa aufhalten oder hindern könnte. Hinaus auf die Wiese, wo die Bahn frei war.
Als er die grüne Weite erreicht hatte, durchdrang ihn das Gefühl, Kraft zur Flucht zu haben, mit einer Freude, in die sich seine Angst seltsam und aufwühlend mengte.
Hops lief geradeaus. In einer genauen Folge elastischer Sprünge. Er war schön in diesem Rennen, anmutig in seiner Jugend, in seiner unbedingten Entschlossenheit zu entwischen, in allen Bewegungen, darin die leicht und frisch verrichtete Arbeit des Laufens sichtbar wurde.
Ein paar Hasen hockten auf der Wiese, zwei Rehe standen da.
Hops nahm sie nur wie Nebelbilder wahr, und gleich Nebelbildern war es ihm, wie alles auseinanderstob.
Er rannte.
Der Fuchs war dicht hinter ihm her. Ganz eingenommen von der Beute, die er schon im Fang geglaubt hatte, die ihm nicht mehr verlierbar schien, verfolgte er Hops.
Jetzt . . . jetzt . . . würde er ihn fassen! Jetzt . . . jetzt . . . wird er die Wonne genießen, den warmen Balg zwischen den Zähnen zu spüren, dem zappelnden Ding das Genick zu zermalmen, während der klägliche Todesschrei wie Festgesang ihm in die Ohren tönt.
Nah vor sich sah er die runde weiße Blume von Hops auf und nieder wiegen, sah diese ersehnte, helle, üppige kleine Kugel lockend vor sich her tanzen, das im Rennen geschwenkte Hasenpanier von Hops, das er um alles niederwerfen und erobern wollte.
Aber da schlug Hops einen Haken.
So plötzlich tat er das, so überraschend, daß der Fuchs in voller Fahrt noch eine Strecke geradeaus ins Leere schoß.
Ein kurzer, jaffender Laut der Ungeduld entrang sich ihm.
Er wechselte die Richtung, sah die weiße Kugel gewichtlos durch das Gras auf und nieder schwingen. Nur etwas weiter entfernt. Er nahm die Diagonale des Bogens und lief, was er konnte.
Hops hatte den Jafflaut des Fuchses vernommen, er hörte das Gras hinter sich rauschen, hörte im Rücken den Verfolger wieder näher kommen. Er fühlte sich gehetzt und schlug einen neuen Haken.
Nun sauste er dahin, quer über die Wiese, sehnte sich danach, gegenüber in den knappen Waldstreifen zu gelangen. Dann hindurch, um den weiten Kahlschlag zu erreichen. Dort würde er den Fuchs zum Narren halten. Und wenn das nicht glückte . . . Er dachte nichts mehr sonst.
Jetzt bot er einen guten Anblick, wie er so den feuchten Rasen durchschnitt und in den von seinem Laufen gebeugten Gräsern einen Strich hinterließ, der genau so schmal war wie sein schmaler, junger Körper.
Seine Vorderpfoten waren gerade und parallel gestreckt. Sein Kopf schien sich zwischen diese Pfoten zu schmiegen. Die Löffel lagen dicht an den Leib gepreßt und deckten fast den halben Rücken. Nur die langen Hinterbeine, die unsichtbar blieben, schnellten ihn vorwärts. Die Vorderpfoten schienen den Boden kaum zu streifen.
Alles an diesem vollendeten kleinen Geschöpf sprach jetzt: Eile, Eile, Eile! Sprach jetzt: Flucht, Flucht, Flucht! Und sprach das in höchster Vollkommenheit.
Hops wurde reifer bei diesem tollen Laufen, wurde von Sekunde zu Sekunde mehr und mehr erwachsen. Die treibende Furcht, die ihn beherrschte, milderte sich, je rascher er dahinfegte. Und unbewußt tauchte in ihm die Empfindung auf, daß er nun seine Bestimmung erfüllte.
Er rannte um sein Leben.
Der knappe Waldstreifen war glücklich passiert. Vor Hops lag der weite Kahlschlag, den nur ein paar vereinzelte Birken, Eschen und Buchen überragten.
Hops rannte. Jetzt aber begann ihm das Blut im Kopf und in den Ohren zu sausen. Das Herz und die Halsadern hämmerten betäubend laut. Der Atem fing an schwer zu ziehen und schmerzte brennend am Gaumen, in der Kehle, die allmählich trocken wurde, zerriß ihm die keuchende Lunge. Und die Muskeln seiner Beine wurden immer lahmer.
Sehnsucht, sich hinzulegen und zu schlafen, beschlich ihn. Ein Schuldgefühl bemächtigte sich seiner, weil er davonlief, weil er zu entwischen strebte. Schuldgefühl, überhaupt auf der Welt zu sein.
Allein die Furcht brach übermächtig in ihm aus; er wurde ganz berauscht von ihr, und sie trug ihn vorwärts.
Jetzt war es einzig die Furcht in ihm, die noch rannte.
Er schlug Haken auf Haken. Er fiel in dicht überwachsene, lange Gräben, lag halbe Sekunden still, rappelte sich auf, sauste in der Richtung, die er gekommen war, zurück und erschien an Stellen wieder, wo der Fuchs ihn nicht vermutet hatte.
Sein weißes Hasenpanier schwenkte nun weniger blitzartig über die niedrigen Hartriegelstauden.
Mit einemmal blies ihm der Wind, gegen den er anlief, eine grausige Witterung an die ausgedörrte Nase. Das war Er, der aufrecht Schreitende, Er, der vernichtende Herr des Waldes.
Hops ließ jede Hoffnung schwinden. Verzweifelt machte er kehrt. Ihm war kein rechter Haken mehr gelungen. Nur ein schmächtiger Bogen, der ihn dem Fuchs gerade entgegenführte. – Da krachte der Donner.
Hops stürzte, vom Schrecken hingestreckt, nieder und sah, zusammensinkend, wie der Fuchs dort drüben sich überschlug. – Dann war Stille.
Am Boden liegend, mit atemlos fliegenden Flanken, behorchte Hops sich selbst. Er war fertig, hatte keine Spur Kraft noch Entschlossenheit zur Flucht. Still lag er da, in Angst und bebender Erwartung des Allerletzten. Aber der Donner hatte ihn nicht getroffen, hatte ihm gar nicht gegolten.
Die grausige Witterung des unbegreiflich Mächtigen wurde nun schärfer, aufreizender fühlbar, immer stärker und stärker.
Hops blieb liegen, hob nur sein todmüdes, gramgezeichnetes Gesicht, und die schönen weißen Schnurrhaare, die seine Oberlippe umbarteten, gerieten in ein lebhaft zitterndes Vibrieren, während er die bittere Botschaft dieser Witterung mit schnuppernder Nase einsog.
Aber er regte sich nicht. Er war am Ende und vollständig ergeben. Das Ausruhen, das langsam wieder Atemschöpfen, das Stillerwerden der Pulse, das Sanfterwerden des Herzpochens erfüllten ihn mit einem Entzücken, das er noch nicht kannte. Der Krampf seiner Muskeln begann nachzulassen. Die Beine, die hölzern gewesen und schmerzhaft, wurden nun heiß und wie von einem seltsam wonnig brausenden Summen durchströmt. Hops gebot über seinen erschöpften Körper noch nicht. Er hatte ihn bis zum äußersten angestrengt, ihn über die Kraft gebraucht. Jetzt hielt dieser ermüdete Leib Hops in seinem Bann. Ein angenehmer Dämmerzustand hüllte ihn ein und verwirrte seinen Willen. Eine süße Trunkenheit umnebelte seine Sinne.
Hops fühlte die gräßliche Witterung näher und näher. Er vernahm die Schritte des Zweibeinigen. Und als der Entsetzliche ganz dicht an ihm vorbeiging, blieb Hops reglos liegen.
Ohne Erstaunen sahen seine nebelverhangenen Augen, wie Er sich niederbeugte, den Fuchs, der sich nicht mehr bewegte, am Kragen emporhob und ihn davontrug.
Dann versank Hops in einen Schlaf, der ein wenig tiefer war als sonst.
Währenddessen begab sich bei den andern allerlei Alltägliches. Sie waren, noch bevor Hops erkannt hatte, daß jener erste Er herankam, rechtzeitig und ohne Panik in das schützende Buschwerk geschlüpft. Sie drückten sich fest an den Waldboden, und Er bemerkte sie nicht, wie sie dalagen und sich ganz ruhig hielten.
Er sah nicht ihre vor Angst gerundeten Augen, sah nicht die zarte, bebende Bewegung ihrer straffen, weißen Schnurrhaare, und Er vernahm auch nicht das heftige Schlagen von zehn furchtsam erregten Hasenherzen.
Sie waren alle, bis auf Plana, jenseits vom Hochholz, durch das Er kam und darin Er stehenblieb.
Nur Plana befand sich drüben bei Ihm.
Gerade Plana!
Natürlich mußte ihr so etwas Unangenehmes widerfahren. Natürlich!
Plana war ein nettes, kleines Ding. Jeder ihrer Kameraden mochte sie gerne leiden, und sogar die andern Hasenmädchen waren freundlich zu ihr. Sie hatte solch ein drolliges Wesen, solch eine heitere Liebenswürdigkeit. Niemals fing sie mit jemand Streit an und gab niemals Anlaß zu irgendwelchem Zank.
Aber Plana war gedankenlos, fahrig, zerstreut und schien manchmal nicht zu wissen, was sie tat.
Die andern glaubten zuweilen, daß Plana ein wenig dumm sei. Doch sie war, im Grunde genommen, gar nicht dumm, sondern nur verblüffend unbesonnen.
So geschah es ihr auch diesmal, daß sie, als die Signale der Häher, Elstern und Meisen gar keine Zweifel mehr ließen, daß Er da sei, es geschah ihr, daß sie nicht mit den andern ins Dickicht jenseits der Salzlecke schlüpfte.
Sie saß dicht am Hochholz; sie begriff, daß man flüchten und sich verstecken müßte, und sie begab sich einfach in das Hochholz, darin Er herumschlich.
Sie drückte sich zu Boden, ganz nach den Geboten ihrer Art, sie schmiegte sich zärtlich in die weiche Scholle, so wie nur Plana sich zu schmiegen verstand.
Da hörte sie Ihn, hörte Seine leisen Schritte, näher und näher.
Plana fieberte vor Entsetzen. Doch sie blieb ruhig liegen.
Sie dachte nur: »Wahrscheinlich hab' ich das wieder falsch gemacht.« Und ganz verzagt dachte sie: »Warum mache ich denn immer alles falsch?«
Dann dachte sie nichts mehr, konnte überhaupt nichts mehr denken.
Denn nun war Er ganz bei ihr.
Ganz nahe bei ihr war der Fürchterliche, stand und stand und bewegte sich kaum.
Nichts als ein armseliges Büschel Lattichblätter trennte die beiden, Ihn und Plana, die jetzt dalag und das Letzte erbangte.
Seine Witterung fiel über sie her wie stürzendes Gewässer, fortwährend, sinnverwirrend, niederschmetternd. Plana verlor beinahe das Bewußtsein, überschüttet von diesem fremden, drohenden Geruch, der ihr Innerstes aufwühlte und sie zugleich lähmte.
Sie erblickte vor sich zwei harte, braune Ungeheuer. Seine Füße! Diese sonderbaren, geheimnisvollen Füße, deren Er nur zwei besaß, und die Ihn doch trugen, diese rätselhaften Füße, die noch kein Hase jemals gesehen hatte.
Plana starrte sie an und wartete. In Todesangst.
Sie hörte Seinen Atem.
Er atmete freilich sehr leise. Ihr aber war es ein Brausen, das hoch, sehr hoch über ihr durch die Luft wehte.
Ein paar Minuten verstrichen.
Hierauf unternahm Plana etwas, das sicherlich nur Plana unternehmen konnte, weil sie eben nie recht wußte, was sie tat.
Sie sprang auf.
Wirklich, sie sprang auf, ganz nah vor Seinen Augen. Und sie sprang einfach hinaus zur Blöße, sprang in ihrer Fassungslosigkeit sogar über den Trog der Salzlecke und raste dem Dickicht gegenüber zu.
Alles blieb still.
Erst drüben, im bergenden Dämmer des Buschwerks, glücklich angelangt, saß sie zitternd auf den Hinterbeinen, hob die Löffel, einen um den anderen, und dachte erschrocken: »Was hab' ich da nur wieder gemacht?«
Im Hochholz jedoch, an den Stamm einer alten Eiche gelehnt, stand Er, paßte auf einen Rehbock und beachtete die Junghasen gar nicht.
Den Rehbock aber hatten vielerlei Signale, vielerlei Kundschafterzeichen gewarnt, so daß er beschloß, heute morgen der Salzlecke fernzubleiben.
Lange stand Er an der Eiche. Lange regte sich kein Laut, kein Wesen in Seinem Umkreis. Die Hasen hielten sich still und flach am Boden, gedeckt vom dichten Gestrüpp und von den Blättern der Brombeersträucher. Die Fasane ringsum waren alle fortgelaufen. Die Mäuse hüteten sich, ihre Erdlöcher zu verlassen. Nur die Bienen und Hummeln summten, die Schmetterlinge schaukelten durch die Luft, die wunderbaren Flugzeuge der Libellen schwebten, hielten für Sekunden, zuckten weiter und gaukelten anmutig auf und nieder. Im Gras, an den Sträuchern und an den Baumrinden kroch, kribbelte, marschierte, hüpfte das unzählbare, winzige Volk der Ameisen, Käfer, Heuschrecken, Bremsen. Eine märchenhaft vielgestaltige Welt für sich.
Die Häher und die Elstern, die Eichhörnchen und ein paar Krähen, alle Grasmücken und Meisen aber waren auf ihren Wachtposten geblieben.
Beständig gaben sie Signale. Andauernd tönten ihre Warnungszeichen, ihre Meldungen durch diesen Teil des Waldes.
Plana lag flach am Boden. Ihre Fassungslosigkeit schwand; sie wurde besonnen, blieb wachsam; die hübsche kleine Nase war immer in Bewegung, prüfte unermüdlich die Luft nach verdächtigen Gerüchen; die Schnurrhaare spielten leise. Manchmal richteten die Löffel sich auf, sprangen kerzengerade empor, wie Soldaten, die ein Befehl ruft. Plana horchte. Dann senkten sich die Löffel wieder, langsam und schlapp, wie Segel, die bei Windstille eingeholt werden.
Das war ein tätiges Ausruhen. Ein anderes Ausruhen gab es für die Hasen nicht.
Plana dachte: »Ich habe doch recht gehabt. Schlau bin ich gewesen! Ich hab' gar nicht gewußt, wie schlau ich war.« Und sie geriet in eine vergnügte, selbstzufriedene Stimmung.
Die Wächter, Aufpasser und Spione schwiegen im Hochholz. Denn Er hatte sich entfernt; die Luft war wieder rein.
Noch eine Weile stand nun zur Verfügung, um ein wenig zu äsen, um an der großen hellen Weite da draußen seine Freude zu haben.
Schon fuhren die Mäuse im Gebüsch mit leisem Pfeifen lustig umher. Ein paar Maulwürfe kamen zum Vorschein, tapsend-mürrisch, aber witzig und offenbar harmlos, wenn man sie ansprach. Man unterhielt sich immer glänzend mit ihnen. Sie hatten liebe, spitze, ein wenig ironische Gesichter; und in ihrem dichten, dunkelvioletten Pelz, der so schmiegsam war, und von dem, wenn sie ans Licht kamen, die Erdkrümel so reinlich abfielen, sahen sie richtig vornehm aus.
Der Igel Grunz schlapfte träge durch das Buschwerk heim. Das war ein spaßiger Bursche. Er war nicht neugierig, er wollte mit niemand verkehren, und er gab immer sehr grobe, aber lustige Antworten. Er hatte von allen, die hier im Walde lebten, das feinste Gehör, das von einer staunenswerten, unterhaltsamen Empfindlichkeit war. Bei dem leisesten Pfeifen, Knacken, Piepen zuckte er getroffen zusammen. Es warf ihn förmlich. Dann blieb er sitzen, und sein still schmunzelndes Antlitz bekam den Ausdruck tiefsinniger Weisheit.
Fasane zogen vorsichtig durch die Dickung, hielten inne, hoben lauschend den kleinen Kopf, zogen weiter.
Nun sprangen die Hasen wieder auf die Wiese hinaus, saßen eine Zeitlang ruhig am Waldrand, die Löffel glatt an den Rücken gelegt, und schauten zu den Baumwipfeln, schauten zum Himmel hinauf, der sich sacht grün und blaßrosa zu färben begann.
Sie hatten alle schon den bekümmerten Ausdruck, als wären sie von schweren Sorgen beladen oder von einem immerwährenden Kummer bedrängt, indessen sie sich doch der gefahrlosen Schönheit dieser Morgenstunde erfreuten. Aber aus diesem kummervollen Ausdruck, den sie unbewußt hatten, sprach das Hasenschicksal; in dieser sorgenschweren Haltung, die sie jetzt, während einer köstlichen Pause, ohne es zu wissen, einnahmen, war der tausendjährige Schmerz des ewig Verfolgten.
Murk kam zu Plana. »Fein hast du dich wieder einmal benommen«, redete er sie an.
»Ich?« Plana tat, als wäre sie erstaunt.
»Du verstehst ganz gut, was ich meine«, fuhr Murk fort. »Keinen Grashalm hätte ich mehr für dich gegeben.«
»Mach dich nicht wichtig, Murk«, fiel Iwner ein, der sich näherte. – Auch Mamp und Trumer waren herbeigeeilt.
»Was gibt's?« rief Mamp, wie einer, der zu befehlen hat.
»Murk spielt sich wieder als ganz Gescheiter auf«, rief Iwner, »er gibt Plana weise Lehren.«
Mamp blickte erwartungsvoll und gebieterisch von einem zum andern.
Murk hielt den Kopf schief. »Das Mädchen ist so dumm«, begann er mit kluger Miene, »man muß ihm helfen.«
Trumer hatte sich behaglich gesetzt. »Wozu helfen?« sagte er gleichgültig. »Jeder für sich!«
Murk klapperte ein wenig mit den Löffeln. »Ich denke gar nicht daran, Plana beizuspringen, aber ich wollte nur . . .«
Iwner fiel ihm hitzig in die Rede: »Aber du wolltest dich wichtig machen . . . du Prahler.«
Murk war beleidigt. Er schob sich ganz nahe an Iwner: »Sag das noch einmal!«
Iwner richtete sich in den Hinterbeinen empor, seine Schnurrhaare sträubten sich. »Prahler!« schimpfte er und begann sofort auf Murks Kopf loszutrommeln.
Der stieg nach dem ersten Streich gleichfalls in die Hinterbeine und erwiderte mit Ohrfeigen.
Da stürzte sich Mamp auf die beiden. Er hämmerte so kräftig auf Murk und Iwner los, daß sie ins Gras kugelten und winzige Flöckchen ihrer Wolle umherflogen.
Dann wandte er sich zu Trumer: »Und du? Was willst du?«
Trumer blieb in aller Ruhe sitzen, wie er saß. Seine Löffel speilten abwechselnd auf und nieder. »Jeder für sich«, sprach er bedächtig, »ich menge mich da nicht ein.«
»Nicht?« fragte Mamp drohend. »Also, da hast du etwas für dich!« Und er schlug einen Trommelwirbel auf Trumers Haupt und Löffel, von dem jedem andern schwindlig geworden wäre.
Trumer jedoch duckte nur die Nase zu Boden. »Ist das so?« murrte er und fügte gleichmütig hinzu: »Ja . . . das geht jetzt mich an!« Hierauf erhob er sich so schnell und unerwartet und hieb Mamp derart kräftig ins Gesicht, daß dieser nach hinten stürzte und seinen weißen Bauch zeigte.
Nun kamen plötzlich alle andern herbei. Sie sahen, ein wenig verblüfft, wie die vier sich nun wahllos und durcheinander prügelten.
»Was ist geschehen?« rief Rino. Doch Klipps und Sitzer fragten nicht erst, sondern beteiligten sich augenblicklich an der Rauferei, die sich in wechselnde Zweikämpfe löste.
Epi, der Kleinste, wollte nicht mittun und rannte stracks ins Gebüsch.
Die Mädchen versammelten sich um Plana, die ganz bestürzt dasaß.
»Was war denn los?« erkundigte sich Nella.
Lugea und Olva waren dringender: »Du mußt es wissen!« riefen sie. »Erzähl doch gleich!« Und sie hielten die Löffel steif.
»Ach«, meinte Plana bescheiden, »nun, ich glaube, sie prügeln sich um meinetwillen . . .«
»So?« Nella stieß das scharf hervor. »So?!«
Plana erhob bei diesem feindseligen Klang einen Löffel, der andere hing ihr wie geknickt den Hals hinab. Sie schwieg.
Eine ganz milde, fast schmeichelnde Stimme flüsterte: »Warum denn nur um deinetwillen, Plana . . .?« Das war Lugea, die gemächlich herzugerutscht war.
Plana fühlte sich ungemütlich und wollte fort.
»Bleib doch, Liebling«, flehte Lugea, »bleib und sag uns alles . . .«
Die Burschen hatten ihren Kampf beendet und saßen vereinzelt im Gras umher; sie waren erschöpft und ratlos.
»Es begann . . .« Plana sprach zaudernd, »es begann damit, daß Murk kam und mir Vorwürfe machte . . .«
Lugea unterbrach sie freundlich: »Murk . . . wahrhaftig . . . Murk? Was hast du mit Murk zu schaffen?«
Plana beteuerte ihre Unschuld: »Nichts . . . gar nichts . . . er wollte . . .«
Lugea ließ sie nicht weitersprechen. Sehr teilnahmsvoll, zärtlich, leise, als verstünde sie alles, erklärte sie: »Er wollte . . . ach ja . . . er wollte . . . und er hat dir Vorwürfe gemacht . . . gewiß, mein Liebling . . . wir kennen dich . . . still! Keinen Laut! Wir wissen, was für eine Abgefeimte du bist, und wir wissen, wie gerne du prahlst. Ja, mein Liebling, du verdienst, daß man dich einmal tüchtig durchbläut . . .«
Nella erhob sich ganz wenig und begann ohne Vorbereitung auf Planas geduckte Stirne einen erbitterten Wirbel zu hämmern.
Auch die andern Mädchen schickten sich an, Plana zu mißhandeln. Ihr verhaltener Zorn brach aus.
Aber Plana dachte keine Sekunde daran, sich prügeln zu lassen oder sich zu widersetzen. Sie wich den wütenden Pfotenhieben aus und lief einfach davon, mitten in die Wiese hinaus. Blitzschnell rannte sie, daß ihre weiße Blume hoch auf und nieder schwenkte.
Das war überraschend.
Die andern setzten ihr nach.
Plana schlug Haken auf Haken.
Mamp, Klipps, Sitzer beteiligten sich an dem Wettlauf. Iwner folgte und Trumer. Rino jagte allen voraus, und Trumer entschloß sich, als letzter mitzumachen.
Plana lief in Kreisen.
Die andern zogen in Kreisen nach. Es wurden zwei, es wurden drei Kreise. Und auf einmal war das wieder nur ein heiteres Spiel. Jeglicher Zorn war während des Wettlaufens verraucht.
Hoch aus den Lüften klang der Schrei des Bussards.
Augenblicklich schwenkten alle Hasen ab, ins Dickicht.
Trumer war der erste, der in die üppig grünende Sicherheit gelangte. »Jeder für sich!« dachte er und suchte sein Bett.
Die Spitzen der Baumwipfel erglühten goldfarben, berührt von den ersten Strahlen der Sonne.
Gegen Abend kehrte Hops zurück. Er war ausgeschlafen, spürte nichts mehr von Müdigkeit und hatte alle seine Kräfte wiedergewonnen.
Die Stimmung, in der er sich befand, kannte er noch gar nicht. Er schien sich selbst ganz fremd, als er den Weg langsam durchmaß, den er heute morgen, um sein Leben rennend, vor dem Fuchs einhergerast war. Von Fleck zu Fleck erinnerte er sich an all die furchtbaren Augenblicke dieser Flucht. Hier war er in die Bodenfurche gestürzt. Jetzt kletterte er behaglich hinunter, fand Waldmeisterblätter, von denen er ein bißchen naschte, fand oben am Rand, beim Hinaussteigen, duftende Minze, die ihm schmeckte. Dann stand er eine kurze Weile vor einem Plätzchen, das ihn abstieß und zugleich festhielt. Da waren ein paar arme, ganz kleine Triebe von Haselstauden, Brombeeren und Silberpappeln geknickt, andere schienen sich allmählich zu erholen, sie waren im Begriff sich aufzurichten. Viele rote Fellhaare hingen an den Stengeln, lagen büschelweise am Boden, vermengt mit weißlicher Bauchwolle. Scharfe Witterung haftete noch an ihnen, und die Erde wie die Blätter nahe an der Erde zeigten getrocknete rote Spritzer, fast schon pulverisiert.
Hops schnupperte, geriet in fieberhafte Erregung und wußte dabei, daß keine Gefahr drohte.
Hier war der Fuchs gestürzt, hatte sich im Sturz überschlagen, als der Donner des Gebieters ihn umwarf.
Hops dachte das nicht genau. Es zog nur in Gedankenwolken durch sein Hirn. Das undeutliche Erinnerungsbild des sich überschlagenden Verfolgers, der dann so still, so sanft ergeben in der Luft hing, als Er ihn emporhob, dieses verschwommene Erinnerungsbild und das letzte Bett des Feindes, davor Hops nun saß, wurden eins. Hops fühlte: er war gerettet worden.
Ein Schauer griff ihn an und rieselte über seinen Rücken.
Schleunigst entfernte er sich von der unheimlichen Stelle.
Es gab Geheimnisse, die ihn zittern machten. Er begriff nichts davon. Er konnte nur ahnen und zittern.
Als er den weiten Kahlschlag durchmessen hatte und an den Rand des Gehölzes gelangt war, hielt er inne, hob den Leib empor, stellte die Löffel steif, spähte, witterte und lauschte umher. Das war eine Gebärde, die lustig schien, die in ihrer altklugen Art komisch wirkte, die jedoch der ernsthaftesten, mißtrauischen Vorsicht diente.
Dann saß Hops aufrecht, die Löffel glatt an den gewölbten Rücken gestrichen, saß ohne andere Bewegung als die seiner vibrierenden Schnurrhaare und blieb so, ganz still, eine geraume Zeit. Seine Haltung, der runde, glatte Kopf, ein wenig schräg und wie fragend zum Himmel gerichtet, die großen, runden Augen, die voll Sorge waren, all das sprach den Seelenzustand aus, in welchem Hops sich während einer der ruhigsten Stunden seines Daseins befand. Er glich, wie er so dasaß, einem bescheidenen, ängstlichen und demütigen Kleinbürger, der sich in seiner Naivität und Beschränktheit daran gewöhnt hat, viel Not zu leiden, viel Bedrückung zu ertragen, und dem es niemals in den Sinn kommt, sich zu wehren. Solch einen armseligen, geringen Mann, der in der Abendkühle vor der Schwelle seiner Wohnung sitzt, um ein bißchen Luft zu schöpfen, der aber selbst dieses Atemholen schon als Vermessenheit empfindet, solch einem Wesen der Geduld glich Hops.
Dennoch war er gerade jetzt von so viel Selbstgefühl durchströmt, als er überhaupt erschwingen konnte. Was waren denn alle die Erlebnisse, die er bisher überstanden, gegen das Abenteuer von heute morgen?
Er hatte die große Gefahr durchlitten, die größte, die es gab. Doppelt und dreifach. Zuerst an der Salzlecke: Er! Dann der Fuchs, dem er so lange zu entwischen vermochte. Dann wieder ein zweiter Er. Doch Hops hatte die große Gefahr doppelt und dreifach überstanden!
Sein weißer Schnurrbart zuckte. Hops fühlte eine Anwandlung von Stolz. Mehr nicht, nur eine leise, wohlig-warme Anwandlung, die mit dem Zucken seines Schnurrbarts schnell wieder verging.
Er wußte jetzt, daß er seiner Flinkheit, seinem guten Rennen, seiner List im Entwischen vertrauen durfte.
Aber zugleich stellte sich das Wissen ein, welch eine unaufhörliche Wachsamkeit ihm geboten blieb.
Er gehörte nun einmal zum Geschlecht der Wehrlosen und Verfolgten! Allein er, Hops, war in diesem Volk der immer Gehetzten ein tüchtiger Bursche, der heute seine erste ernste Probe bestanden hatte, und der sich nun vornahm, immer tüchtiger zu werden.
Die zarten Gerüche saftiger Stengel, knuspriger Blätter, vom Abendtau befeuchteter Blüten umspielten seine Nase. Hunger begann sich in ihm zu regen, und er verschwand im Gebüsch. Eilig strebte er durch den Waldstreifen zur Wiese. Dort traf er die andern. Ihn zog es zur Wiese, zog es jenseits der Wiese zu dem Dickicht. Wie sie ihre tändelnde Mahlzeit oftmals unterbrachen, um sich spielend im Kreis zu jagen, schienen sie ihm kindisch.
Mit überlegener Ruhe begann er zu äsen, wählerisch, genußvoll, bedächtig.
»Da ist Hops!« Plana rief das voll Erstaunen.
Der kleine Epi rutschte herbei, betrachtete ihn verblüfft und wiederholte schüchtern: »Wirklich . . . Hops!«
Plana und Epi schwippten mit den Löffeln.
Olva und Rino kamen, Iwner und Lugea. Dann Sitzer und Klipps.
»Hops, bist du da?« redete sie ihn an. »Bist du's oder bist du's nicht?«
Hops untersuchte eine Rispe, erhob sich ein wenig und biß die feinen Spitzen ab.
Die andern saßen um ihn herum. Hops schwieg.
Nun sprangen Murk, Trumer und Nella nacheinander heran.
»Was gibt's denn?«
»Was ist denn los?«
Und Nella rief: »Ach . . . Hops! Wie nett!« Sie wandte sich zu Trumer: »Denk nur . . . Hops!«
Trumer ließ einen Löffel den Hals hinabhängen.
»Wichtigkeit«, sagte er, »Ereignis!«
Hops wandte sich zu ihm: »Das war auch ein Ereignis, mein Lieber.«
Auf einmal befand sich Mamp in ihrer Mitte. Er staunte nicht, er grüßte nicht, er schwippte nicht mit den Löffeln. Er stand herausfordernd vor Hops und wollte wissen: »Von was für einem Ereignis sprichst du?«
»Daß mir der Fuchs dicht am Leib war«, antwortete Hops und trat Mamp ebenso herausfordernd entgegen.
»Der Fuchs?« riefen Klipps und Sitzer, Rino und Iwner entsetzt. – »Dicht am Leibe . . .« erschraken die Mädchen.
Ein Schauer überflog die Hasen alle. Sie duckten sich und lagen flach am Boden.
Der kleine Epi seufzte: »Furchtbar!«
Nur Mamp und Hops blieben stehen, einander gegenüber.
»Und weiter . . .?« forschte Mamp.
Hops fuhr großartig fort: »Ich bin ihm entwischt! Und er ist . . .«
»Sei froh«, unterbrach Trumer in gleichgültigem Tone. »Was hilft es mir, was hilft es uns, daß du entwischt bist? Jeder für sich!«
Hops wollte sprechen.
Da rief Murk belehrend dazwischen: »Wir haben gesehen, wie dumm du dich benommen hast.«
Hops wandte sich mit einem Ruck zu ihm: »Dumm? Ich . . .?«
»Jawohl«, bekräftigte Murk, »heute morgen an der Salzlecke . . .«
Doch Mamp übertrumpfte ihn: »Prahl nicht, armer Hops! Mitten auf der Salzlecke bist du gehockt, mitten drauf! Jawohl . . . hast gar nicht bemerkt, daß Er geschlichen kam . . .«
Hops schwieg. Jetzt war er beleidigt und wollte nichts mehr sagen.
Indessen vollendete Murk mit lehrhafter Überlegenheit: »So unaufmerksam, so leichtsinnig darf ein rechter Hase gar nicht sein.«
Mamp stimmte zu, und das war den andern ein Zeichen, gleichfalls beizustimmen.
Murk triumphierte: »Nur Plana hat sich noch dümmer benommen als du.«
Hops blieb allein. Alle hatten sich entfernt.
Enttäuscht und verdrossen saß er da. Nun war er nicht einmal dazu gelangt, ihnen die wichtige Nachricht mitzuteilen, daß der Fuchs . . . Er ließ beide Löffel tief herunterhängen. Ihm lag nichts daran! Er würde diese Nachricht eben bei sich behalten.
Plötzlich saß Plana neben ihm.
»Ach, Hops«, begann sie, und in ihrer Klage war ein Unterton von Schelmerei: »Ach, Hops . . . die andern glauben, daß ich dumm gewesen bin. Glaubst du das auch?«
»Nein«, erwiderte Hops und hatte die Teilnahme, die ein Verkannter für den andern empfindet. »Nein, das kann ich von dir nicht glauben, Plana.«
Sie rückte näher. »Weißt du . . . ich war nur zerstreut . . . aber dann . . .«
Und sie erzählte ihm den ganzen Zwischenfall.
Als sie geschlossen hatte, ließ sich die dünne Stimme des kleinen Epi vernehmen: »Sehr klug war Plana . . . sehr klug . . . nicht wahr?«
Hops lauschte gespannt, wie Er von Plana geschildert wurde.
Dann sagte Hops: »Nein, so nahe, so entsetzlich nahe hab' ich Ihn freilich nicht gesehen. Aber . . .« Und er berichtete sein ganzes, großes Erlebnis.
Atemlos lauschte Plana.
Epi warf rasche, winzige Ausrufe der Bewunderung und des Staunens dazwischen.
Hops war außerordentlich befriedigt von dem starken Eindruck, den seine Schilderung machte.
Er und Plana standen von nun an einander noch näher. Und der kleine Epi wurde ihr treuer Begleiter.
Pulsuz fraqment bitdi.