Kitabı oxu: «Neue Menschen auf alter Erde»

Şrift:

Felix Salten

Neue Menschen auf alter Erde

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musaicumbooks@okpublishing.info

2021 OK Publishing

EAN 4066338113122

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

I

Inhaltsverzeichnis

Man muß durch die Wüste, um von Ägypten nach Palästina zu gelangen, von Afrika nach Asien. Man muß fort von dem penetranten Grün der Fluren, die der Nil durchströmt, muß hinaus in die wundersame Öde. Weg von der unaufhörlichen, saftigen Fruchtbarkeit, weg von den üppig getränkten, fetten Ackerflächen, die bukolisch belebt sind, hin durch die herrliche Strenge der gelben Sandwellen.

Nirgendwo ist die Erde so ganz und so vollkommen sie selbst, wie in der Wüste. Weder auf dem Meer, noch auf den Gletschergipfeln des Hochgebirges wirkt sie so einsam, so erhaben, als Erdball.

Nicht Wohnstätte, nicht Pflanzung, nichts was mit Zweck oder Nutzen verwandt ist, verwirrt hier den Blick. Das alles wird dem Bewußtsein gering; hier in der Wüste erscheint Wuchs der Felder, Walddickicht nur wie Flechte, die den Riesenleib dieser Kugel da und dort bedeckt, unwichtig, klein, nebensächlich. Und das Treiben der Menschen ist so winzig, wie das Gewühl von Maden. Niederschmetternd bis zum Gefühl letzter Nichtigkeit ist der Eindruck, den die Wüste bietet und zugleich erhebend bis zur Ahnung des Göttlichen. Ja, hier liegt die Erde ausgebreitet, die Erde an sich. Ihr nackter Leib, den Menschenhände mit aller Arbeit nicht verändern können, ist seidig feiner Sand, weich schimmernd in allen Tönen, die das Gelb von der Ockerfarbe bis zum Kupferrot immer nur mischen kann. Da sind runde Hügel und flachgehöhlte Täler, vom Wind geschichtet und angewühlt, vom nächsten Sturm wieder zerblasen und in neue Formen geteilt, die doch wieder ewig dieselben bleiben. Was man da von einer, mühsam im rieselnden, rutschenden Sandgerinne erklommenen Anhöhe überschaut, Welle an Welle, ins Unendliche, gleicht der Beweglichkeit einer See, die, einst von Orkanen gepeitscht, nun erstarrt ist. Es gleicht der Formation eines Gestirnes, das nach der letzten Feuerkatastrophe seiner Vulkane, nun zur Ruhe kam. Hier waltet, feierlicher, größer, ein anderer Sinn, ein anderer Rhythmus als derjenige, der kurzatmig und zappelnd unser Leben bewegt. Hier ist, beinahe, Mondlandschaft, ist vollkommen, wie nirgendwo: Erdlandschaft.

Das war der Weg, den Moses die Juden geführt hat, fort aus Mizrajim, dem Lande der Knechtschaft, in das Land der Verheißung.

Armes Volk, das diesen harten, einsamen Weg der Befreiung gegangen ist; ausgeschieden und ausgetrieben aus den Gefilden des Reichtums, aus den Fluren des Genieß ens, aus der guten Stallwärme beständig ruhigen Wohnens. Armes Volk, das ganz allein war mit sich und seinem strengen Gott, umgeben von der drohenden Strenge der Wüste und dazu noch gestriemt von den Erinnerungen an die stets gefüllten Futternäpfe. Denn die Heimat, der sie suchend entgegenwanderten, kannten sie nicht mehr, und das Land, von dem sie ausgezogen waren, hatten sie noch nicht vergessen.

Als sie Ägypten verließen, im ersten Rausch der Freiheit, im Triumph über ihre Peiniger, im Taumel ihrer neu errungenen Rechte, aßen sie das Brot ungesäuert und achteten die Kargheit ihrer Speise für weniger, als ein kleines Opfer. Sie hätten, wie jedes Volk, in den Tagen der Erhebung und der Erregung bereitwillig auch Hobelspäne geschluckt oder Stroh gekaut. Aber dann, draußen in der Wüste, allein in der großartigen Öde, allein mit ihrem Gott, den sie nicht schauen konnten und den sie nicht beim Namen nennen durften, preisgegeben dem Befehl eines Führers, dessen Tyrannei sie verschüchterte, dessen Absichten sie nur halb begriffen, dessen majestätische Hoheit sie kaum ahnten, brach ihre Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens ungestüm hervor.

Es war, damals schon, jenes wurzellose Heimweh, das die Juden so oft um einer Heimat willen gelitten haben, die nicht die ihre gewesen und die ihnen nur Mißhandlung geboten hatte.

Wie verängstigt und erschrocken mag das Volk am Fuß des Sinai hingesunken sein, vor dreitausend Jahren, als Gott sich in Gewitterwolken zum Gipfel des Berges niederließ. Der Sinai steht heute noch genau so da wie einst. Nichts ist verändert, alles wie damals und die dreitausend Jahre scheinen in seinem Anblick wie ein Tag. Er gleicht seinen geringeren Vettern, der Sinai, den anderen Felsgebirgen, die sich hier oft aus der Wüste erheben, dem Mokkatam bei Kairo oder den Steinwänden vor Theben, in denen die Ägypter ihre Pharaonen begruben; er gleicht ihnen in den rötlichen und fahlgelben Farben seiner Mauern und in der toten Zerrissenheit seines Bodens. Nur mächtiger ist er, als seine übrigen, kleinbürgerlichen Verwandten hierzulande. Er reckt sich empor, wie das Haupt eines riesenhaften Löwen; er steht da, wie die unbarmherzige Drohung eines Giganten, und er ist in das Antlitz der Erde hier gezeichnet, wie das Stirnrunzeln einer zürnenden Gottheit. Gewaltiger als alle Gebirgsgipfel der Welt ist der Sinai, denn auf seinem Rücken hat er Gott getragen, indessen die anderen Bergspitzen auf ihrem Haupt und an ihren Schultern nur Schnee liegen haben, den jede Sommersonne zu schmelzen, den jede Wolke wieder zu erneuern vermag. Die Gegenwart Jehovas aber ist vom Sinai nicht mehr zu tilgen und die Lawine des göttlichen Wortes, die damals niederdonnerte, haben die Sonnen dreier Jahrtausende nicht hinwegschmelzen können; ihre Spur wird aus den Herzen der Menschen in zehnmal drei Jahrtausenden nicht zu löschen sein und frisch bleiben, wie am ersten Tag.

Herrlicheren Reichtum, als je aus quelldurch-rauschtem Felsenhang sprudelte, oder aus goldgeädertem Bergesschoß gegraben wurde, hat diese steinerne Anhöhe der Welt geschenkt. Denn in der knapp gemeißelten Form der Zehn Gebote ist der Inhalt und der Weg, die Weisheit und das Glück der Seele beschlossen, ihre Stütze und ihre Ruhe, ihre Fülle und ihre Unsterblichkeit.

Ein neues sittliches Bewußtsein erwachte, loderte empor, war noch klein und noch nicht weithin sichtbar, war noch genau so unbekannt, wie die Flammen des brennenden Dornbuschs, aber ebenso rein, ebenso unwiderstehlich wie diese. Alle die Gottheiten und Götzen Ägyptens wurden von diesem Feuer zu Asche vernichtet; ausgetilgt wurden die Fetische der Philister und Amalekiter, die mächtigen Dämonen der mächtigen Perser und Assyrer. Selbst die schönen, daseinsfreudigen Götter Griechenlands verbrannten zu Asche. Ihre prächtigen Tempel, ihre Bildsäulen und Altäre wurden Ruinen und Trümmer und der Welt blieb nichts, als jener brennende Dornbusch, den das Feuer nicht verzehrte, blieb nichts als dieser Berg in der Wüste «hier, der ein einzigesmal zum Schemel für Jehovas Füße gedient hatte.

Das Volk, das damals hier erschrocken auf sein Angesicht fiel, war von der Sorge um das tägliche Brot zu sehr gequält, von der Sehnsucht nach dem Land, darin Milch und Honig fließt, zu arg zerwühlt, um zu verstehen, was an seinem Erlebnis erhaben war und ins Ewige reichend. Sie ahnten nur, ganz leise, tief im Dämmern ihres tiefsten Innern, daß sie auserwählt seien. Aber, wenn die andächtige Beklemmung des Augenblicks sich wieder löste, empfanden sie nichts, als daß sie gepeinigt wurden, daß Leiden ihr Teil blieb, daß ihnen ein fernes, ein unendlich fernes Ziel gesetzt war und daß sie ihr Leben dran geben mußten, um dieses Zieles willen. Sie trugen das Los, das Auserwählte immer tragen, so lange die Welt steht: gepeinigt werden, leiden und das Leben einem fernen Ziel zum Opfer bringen.

In der Wüste, die ich durchfahre, wandern Beduinen. Sie kommen aus Ägypten und sind, wie ich, auf dem Weg nach Palästina. Ausgestreut im gelbroten, sonneglühenden Sand, zieht ihre Schar langsam dahin. Sie reiten auf schönen, arabischen Pferden, die dünne Beine haben und kleine, zierliche Köpfe. Kamele führen sie mit, die ihre Zelte tragen, viele Esel, die stämmig sind, graue und weiße, die hochbepackt einhertrollen, oder auf denen die Frauen sitzen. Ihre Herden treiben sie mit, Schafe, Ziegen und kleine Rinder. Von den jungen Männern gehen manche zwischen dem Gewimmel zu Fuß und sie gehen in einem merkwürdigen, adelig sorglosen Schlenderschritt.

Aus den Geflügelkörben auf dem Rücken eines Kamels hat sich ein Huhn losgemacht, flattert zu Boden und rennt davon; erst langsamer, mit vornickendem Kopf und mit dem behutsam affektierten Zustechen der Beine; dann aber, gescheucht, läuft es ziellos kreuz und quer, mit schlagenden Flügeln. Ein junger Kerl springt hinterdrein, will das Huhn fangen, das nun wie ein dunkles Pünktchen über den hellen Wüstenboden huscht. Drei, vier andere junge Männer eilen zu Hilfe. Es ist kein Spaß dabei, sondern wie ernste Arbeit. Man merkt an dieser Jagd, wie viele Löcher und Buckel, wie viele Spalten und Ritzen der seidenglatte, schimmernde Sandboden hat. Und man versteht an der leidenschaftlichen Verfolgung, welchen Wert ein einziges Huhn für Menschen besitzt, die in der Wüste wandern müssen.

Die Beduinen ziehen, wie einst die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob gezogen sind, als Nomaden, mit ihren Kamelen und Pferden und Eseln, Schafen, Ziegen und Rindern. Nur wenig unterscheidet sich das Leben dieser Beduinen da von dem Leben unserer Patriarchen in grauer Vorzeit.

Diese Beduinen gehen die gleiche Richtung, in der die Juden einst auszogen, von Ägypten nach Palästina, vor dreitausend Jahren. Und alles ist hier unverändert, alles ist wie damals. Die Wüste, der schmale Silberstreif des Mittelmeeres, der in weiter Ferne manchmal aufglänzt, der hochgewölbte, saphirblaue Himmel, und die grelle, nackte Sonne, die ihre blendenden Strahlen wie Feuer niederschüttet. Alles, wie einst.

Die Beduinen werden zum lebendigen Traumbild einer längst dahingesunkenen, ungeheueren Vergangenheit. Aber diese Beduinen, die von den Weidegründen des Fayoum kommen, marschieren ohne Hindernis, ohne Wunder und ohne Erscheinungen zu erleben, und sie werden Halt machen, bis sie die Wiesenflächen von Gaza erreicht haben. Sie legen diesen Weg in freier Entschließung Jahr für Jahr zurück und er dauert nur wenige Wochen. Ihr Zug weckt aber die Erinnerung an den Exodus der Juden, der eine große, gottbefohlene Tragödie gewesen ist.

Sie haben sich auf gelehnt in der Wüste gegen ihren jähzornigen Gott, die armen Juden, die aus Ägypten kamen. In ihrer Bedrängnis entsannen sie sich der vielen kleinen, gefälligen Götterchen und Götzen am Nilufer, entsannen sich des gutmütigen Apis, der ein Rindvieh war, und wollten auch so einen Gott besitzen, den man sehen, den man mit Händen greifen konnte, mit dem man vertraulicher, bequemer umgehen durfte. Damals geschah es, daß sie den Schmuck ihrer Frauen zu Aaron trugen. Dieser Mann, der bei all seiner Güte wankelmütig war und vielleicht auch ein wenig eifersüchtig auf den rätselhaft gebietenden Bruder, dieser Mann, der es zehnmal verdient hätte, davongejagt zu werden und der wohl nur durch seine im Grunde liebevolle Seele der Verdammnis immer wieder entging, formte aus all den Schmucksachen einen kleinen Vetter des Apis. Dann lief er, während die Juden um das goldene Kalb tanzten, Moses entgegen, und bat ihn mit reuigen Worten um Verzeihung. Gott aber erzürnte sich und sprach: „Ich sehe, daß es ein halsstarriges Volk ist.“

Er war, wie schon bemerkt, sehr jähzornig, dieser Gott, er ist es wahrscheinlich heute noch, und er ließ sich von seinen Zornanfällen oftmals viel weiter hinreißen, als er wollte, so daß dann Moses ihn beschwichtigen und vom Äußersten zurückhalten mußte. Aber er hat die Eigenschaft, in seinem Zorn herrliche Wahrheiten auszusprechen. So gehört denn auch sein Ausspruch bei Gelegenheit des goldenen Kalbes, daß nämlich die Juden ein halsstarriges Volk sind, zu den absoluten Wahrheiten und ist wahr geblieben bis auf diesen Tag.

Ach, es sind die besten und die treffendsten Dinge, die es jemals über das Judentum zu hören gab, gerade während jener Zeit der Wüsten Wanderung gesagt worden. Das sind Aussprüche, so erschöpfend charakteristisch, so tief, so meisterhaft psychologisch und so weit voraussehend, daß man kopfstehen könnte vor Staunen, wüßte man nicht, daß sie von Gott stammen und von Moses, die alle beide wie niemand sonst auf Erden die Juden gekannt haben, und von denen der eine eben Gott, der andere nur um ein Geringes weniger als Gott gewesen ist, nämlich Moses.

Aber die Juden wären nicht Menschen und, vor allem, sie wären nicht Juden gewesen, wenn sie nicht rebelliert hätten gegen ihren Gott und gegen ihren Anführer. Es ging ihnen oft erbärmlich genug. Nicht immer fiel Manna vom Himmel; nicht immer kamen Wachteln in Riesenschwärmen und nicht immer schlug Moses mit dem Stab an den Felsen, daß klares Wasser hervorsprang. Da gab es Männer, die der festen Meinung waren, sie könnten das Volk besser führen als Moses. Solche Männer hat es immer wieder in Israel gegeben und sie vermögen es immer wieder, Unheil anzurichten, denn Gott mengt sich nicht mehr ein, wie damals, da er den Korah und seine Rotte vom Erdboden vertilgte. Auch die Frauen trugen mit ihrer Klatschmäuligkeit das ihrige dazu bei, Gott und dem Propheten das Leben zu erschweren und zu verbittern. Der wackere Aaron, der immer nur dann ganz zuverlässig war, wenn ihm die eherne Hand des Moses auf der Schulter lag oder wenn er vor den Feueraugen des großen Bruders den Blick zu Boden senken mußte, Aaron also hatte das Schicksal, neben einem Genie zu stehen, wie Lucian Buonaparte etwa neben Napoleon stand, und Aaron besaß in Mirjam ein braves, ein begeistertes Weib, das aber manchmal vor Neid und Ehrgeiz verging. Sie wäre mit ihrer Frage: Warum Moses und nicht du? beinahe drauf und dran gewesen, einen bösartigen Bruderzwist zu entfesseln. Doch Gott schlug Mirjam und eine Woche lang bedeckte der Schnee des Aussatzes ihr Antlitz, so daß sie sechs Tage lang abgesondert interniert werden mußte, in welcher Frist ihr die Lust verging, Streitigkeiten anzuzetteln, und die Brüder sich wieder vertrugen.

Was auch vorfiel in dieser langen Zeit an Ungehorsam, Widerstand, Kleinmut oder Verzweiflung, es ist menschlich, gemessen an dem trostlosen Dasein in der Wüste, gemessen an der Not, die Leib wie Seele litt, an dem hart geprüften Hoffen. Und das Ausharren der Kinder Israels über alle die schweren Heimsuchungen hinweg, die stille Zähigkeit, mit der sie ihr Schicksal trugen, die unüberwindliche Kraft des Leidens, ihre grenzenlose Bereitschaft, sich zu opfern, Brücke zu sein, Wegzeichen und Straßenstaub für die Kommenden, dies alles ist erstmalig in der Welt gewesen und jüdisch. Erstmalig in der Welt war auch dies inbrünstige Hangen am Gedanken des einzigen, unsichtbaren Gottes, zu dem sie von allen augenblicklichen Versuchungen immer wieder heimfanden. Diesem Volk, das zwischen üppig fruchtbaren Ländern durch Wüstenöde in der Irre umherzog, war der einzige, unsichtbare, unnennbare Gott Heimat und Wurzelerde. Sie haben die vielen kleinen Götterchen und Götzen Ägyptens aus der Tiefe ihres Blutes verachtet. Sie sind arm gewesen, aber stark; mitleidswürdig, aber heroisch; rebellisch aber dennoch treu; zerstritten und zerzankt untereinander, aber eins und einig in allen großen Stunden. Sie sind begierig gewesen nach Wohlleben und Reichtum, trotzdem waren sie jedesmal bereit, alle Kostbarkeiten der Erde von sich zu werfen für die Schätze des Geistes. Und sie geben ein Beispiel damit bis heute. Denn sie sind sich gleichgeblieben in jedem Ägypten, dessen Mißhandlungen sie zu dulden hatten und auf allen Wüsten Wanderungen, zu denen sie gezwungen waren bis auf diesen Tag.

Hier, auf dem Weg von Ägypten ins gelobte Land, mitten in der strahlenden Öde, die so beredsam ist und so belebt von großen Erinnerungen, hier wo ich gleich weit entfernt bin von den Ufern des Nils wie von den Fluren des Jordans, neige ich mich stumm vor dem Gott meiner Väter. Hier bin ich ganz allein mit ihm, wie niemals zuvor. Er war ein Fremdling damals auf Erden, unbekannt, nur wenig geachtet von den Völkern der Welt, von ihren Königen, Feldherren und Priestern. Aber er hat seit jenen Tagen eine ungeheure Karriere gemacht, die so einzig bleibt, wie er selbst einzig ist. Mit dem kleinen Volk, das er aus-erwählt hatte, zog er sich in die Wüste zurück und bereitete den gewaltigsten Umsturz vor, den die Menschheit je erlebt hat. Dieses Volk aber ließ er arm und rechtlos und elend zurück, während er dann zum höchsten Triumph emporstieg.

Doch er bewahrte es vor Untergang, er hielt es lebendig, kraftvoll und jung, indessen so viele andere, größere Völker vom Alter entkräftet hinsanken, starben und verschwanden. Sein Volk hat die Mission, die es in Ägypten, die es vom Sinai herab und hier in der Wüste empfing, weitergetragen in alle Lande. Es ist ein Volk von Umstürzlern und Rebellen geblieben, bis in die Gegenwart, ein halsstarriges Volk. Arm und rechtlos streitet es für die Rechte der Freiheit, kämpft auf allen Schlachtfeldern und Barrikaden wider Pharao und ist nicht erschöpft durch die Ströme Blutes, die es im Lauf der Jahrtausende hingeschüttet hat, nicht gebeugt von den vielen Jochen und Ketten, die es tragen mußte, nicht geschwächt noch entmutigt von den Foltern, mit denen sein Leib wie seine Seele zerrissen wurde.

Waffenlos, hat dieses Volk seine machtvollsten Feinde, die sich Sieger wähnten, immer noch besiegt. Denn in ihm lebt die Idee des ewigen Gottes, in seinem Hirn und Herzen pocht unsterblich die Ewigkeit der Idee.

II

Inhaltsverzeichnis

Der vornehme Herr in Kairo, mit dem ich manchmal sprach, sagte: „Es ist nichts los in Jerusalem.“ Was ich auch ein wenden mochte, wie sehr ich auch in ihn drang, er blieb jedesmal dabei: „In zwei Tagen sind Sie mit diesem Nest fertig, in fünf Tagen mit dem ganzen Land... es ist nichts los in Palästina.“

Er war sehr reich, dieser Herr, er hatte ausgebreitete und offenbar sehr einträgliche Geschäfte, aber er war trotzdem kein großer Kaufmann, denn ihm fehlte die Phantasie, ihm fehlte der Schwung und der Idealismus, ihm fehlte der Tropfen Künstlerblut, den ich immer noch bei großen Kauf leuten gespürt habe. Er war von einer eleganten Glätte, in seinen Manieren ebenso wie in seinem Wesen, doch er besaß keinen Funken Persönlichkeit und war eigentlich ein ganz unbedeutender Mensch. Deshalb sagte er, obwohl er unzähligemal dort geweilt hatte: „Es ist nichts los in Jerusalem.“

In der Folge unterhielt ich mich auch nur noch aus Höflichkeit über diese Dinge mit ihm. Aber hier erst, seit ich in Palästina bin, weiß ich, daß jener Mann zu den Leuten des ancien regime gehört, zu jenen Menschen, deren Engstirnigkeit es überhaupt erst verschuldet, daß ein Regime alt wird und vergeht. Er saß gesättigt, zufrieden und stolz vor den Fleischtöpfen Ägyptens. Sein innigster Seelenwunsch, daß dieser angenehme Zustand ewig dauern möge, hatte sich längst in die feste Überzeugung gewandelt, es werde immer so bleiben. Darum hütete er sich ängstlich, wo anders und nun gar auf dem heiklen Boden Palästinas, neues Leben zu sehen, hatte eine geheime, ihm selbst nicht bewußte Angst, von diesem neuen Leben die geringste Kenntnis zu nehmen. Oh ja, es sitzen überall in der Weit, nicht bloß in Ägypten, satte, zufriedene und stolze Juden vor hochgefüllten Fleischtöpfen, und rühren sich nicht, weil sie, bewußt oder unbewußt, schreckliche Angst vor dem neuen Leben im uralten Lande haben, weil ein dunkler Schreck sie peinigt, sie könnten ihre eigenen Errungenschaften gefährden, wenn sie der Arbeit für die Zukunft zu Hilfe kommen. Sie ahnen nicht, die Armseligen, wie sehr sie schon zum ancien regime gehören, sie ahnen nicht, daß sie nur um so gewisser versinken werden, je hartnäckiger sie sich an ihr gutes Leben klammern, je eigensinniger sie in ihrer Einstellung zur Welt beharren.

Gleich nach dem ersten Tage der Ankunft, habe ich Jerusalem wieder verlassen. Keineswegs weil nichts los war. Die Stadt ist mir zu stark gewesen für den ersten Tag des Anfangs. Ihr Name, dieser uralte heilige Name, brach wie ein Donnerklang in mir aus, jetzt, da er nicht bloß ein Name mehr war, sondern als Wirklichkeit vor mir lag. Dieser Name, der mit dem Brausen großer Orgeln in mir schütterte, verhängte meinen Blick, so daß ich nicht wagte, Jerusalem anzuschauen. Das Rauschen dieses Namens, darin alle Ereignisse der Bibel und der Geschichte wie ungeheuere Katarakte niederstürzten, verscheuchte den Schlaf von meinem Lager. Und am ändern Morgen bin ich fort aus der physischen und seelischen Höhenluft von Jerusalem, bin abwärts gefahren durch die Berge von Judäa, hierher an den Meeresstrand, in die Stadt Tel Awiw, die ganz von Juden erbaut ist, die eine Eroberung vorstellt, mehr noch: eine Leistung.

In den breiten, schnurgeraden Straßen von Tel Awiw lebt das Heute. Kein aufregender Schatten der Vergangenheit, nur der lebendige Puls dieser Gegenwart. Biegt man auf der großen Avenue, die zum Strand führt, in eine der Nebengassen, so winken Häuser aus den Dünen. Ohne Trottoir, ohne rechten Weg stehen sie da, auf dem gelben Sandgrund der vDünen und sind eben erst fertig geworden. Sie sind das Morgen. Und weiter draußen, die vielen anderen Häuser, noch von Gerüsten umkleidet, noch im Bau begriffen, stellen das Übermorgen vor. Diese Stadt, in der es keine Vergangenheit gibt, hat nichts als das Heute, kaum ein Gestern, und sonst nur ein höher und größer anschwellendes Morgen und Übermorgen.

Kaum fünfzehn Jahre sind es her, seit hier die ersten Wohnstätten errichtet wurden, in naher Nachbarschaft der jüdischen Quartiere von Jaffa. Dann muß man vier Jahre des Weltkriegs abrechnen, während welcher Zeit nirgendwo gebaut und überall nur zerstört wurde. Dann aber kam ein Aufschwung, wie er im Orient ohne Beispiel ist, ein Tempo, das oft amerikanisch genannt wurde, das aber solch ein Prestissimo hat, daß man die Stadt buchstäblich wachsen sehen kann, wenn man auch nur ein paar Tage bleibt.

Tel Awiw wird, dereinst einmal, eine schöne Stadt sein, auch architektonisch. Vorläufig merkt man nur, daß die Erbauer der ersten Häuser zu große Eile hatten, um überhaupt nach Schönheit zu streben, oder daß sie die Schönheit in jener Richtung suchten, die man in Wien „Sezession“, in München „Jugendstil“ nennt. Die neuen und neuesten Gebäude zeigen jedoch schon beträchtlichen Fortschritt. Man baut einfache Fassaden, deren Gliederung, deren Loggien und Balkons eine schmucklose, gleichsam natürlich gewachsene Schönheitslinie haben und sich der Küstenlandschaft ruhig einfügen, statt ihr schreiend zu widersprechen.

Jugend ist das Berückende an dieser Stadt. Jugend, Arbeit und ein jugendlich stürmisches Aufstreben. Aus allen Teilen der Erde sind Juden hier zusammengeströmt, aus dem Osten Europas, aus Indien, aus Amerika, aus dem Kapland und aus dem Yemen. Man spricht Englisch, Französisch, Deutsch, Jiddisch, auch Arabisch. Doch alle vereint die offizielle Umgangssprache: das Hebräische.

In den breiten Straßen sausen Automobile, gehen lastentragende Kamele, traben bepackte Esel, und rasche Autobusse besorgen den Verkehr nach Jaffa, das sie in etwa fünf Minuten erreichen. Tel Awiw besitzt Institute, die für ganz Palästina wichtig sind. Das Herzl-Gymnasium in der Herzlstraße gilt als Musteranstalt. Ferner ist eine Handelsschule da und eine Musikschule und außerdem eine landwirtschaftlich gerichtete zoologische Versuchsstation. Jetzt noch ein wenig außerhalb der Stadt, aber bald von ihr erreicht und umschlossen, liegt das Ruttenbergsche Elektrizitätskraftwerk. Das Turbinengebäude ebenso wie das Beamtenhaus sind von monumentaler Schönheit. Ein paar Jahre hat die nahe Nachbarstadt Jaffa von dem jüdischen elektrischen Licht nichts wissen wollen, dann aber die ablehnende Haltung aufgegeben, und jetzt wird die Leitung, die Jaffa mit Licht wie mit Kraft für eine Straßenbahn versieht, fertiggestellt. Man arbeitet eben daran, während ich hier bin.

Dieser Vorgang im Kleinen darf wohl für die ganze Entwicklung im Großen gedeutet werden. Die arabische Bevölkerung wird sich einige Jahre der Elektrizität, mit der das Land von den Juden bildlich und wirklich durchströmt und durchzuckt ist, ablehnend gegenüberstellen. Doch der Tag muß kommen, da sich auch die Araber der gemeinsamen Leitung anschließen, da sie sich der Kraft wie des Lichtes gerne bedienen, die von der jüdischen Aufbaubewegung ausgeht.

Inzwischen gibt es noch trennende Gegensätze, Abneigung, ja sogar Feindseligkeiten auf beiden Seiten genug. Man sieht freilich Araber in den Straßen Tel Awiws; man sieht gruppenweise katholische Nonnen und Geistliche hier spazieren gehen und die Judenstadt betrachten, die so grundverschieden ist von den „Judenstädten“ im alten Europa. Sie schlendern hier umher und sehen die schönen Parks, sehen die Kinder-gärten, darinnen die Kleinen und ihre Pflegerinnen hebräische Lieder singen, sehen die Jungens auf freien Plätzen vor den Schulen ihre Turnübungen vollführen, in ausgezeichneter Disziplin, trotzdem die Lehrer in ihrem Verhalten zu den Kindern ganz kameradschaftlich sind. Sie sehen den fleißigen Betrieb in den Werkstätten, die Ordnung in allen Häusern und in allen Straßen. Es blitzt und blankt hier vor Sauberkeit, wie in irgendeiner Stadt Skandinaviens und nicht wie an der Südostküste des Mittelländischen Meeres. Das Staunen dieser Menschen ist ein Irrtum. Denn weil Juden so rein, so ordentlich, so einfach fleißig sind, staunen sie, statt sich beschämt zu wundern, was Gehässigkeit, grausame Unterdrückung in Europa aus diesem Volk gemacht haben, das man viele Jahrhunderte lang in Wohnstätten gepfercht hielt, die für das Vieh zu schlecht wären, dem man alle Rechte nahm, sogar das Recht auf Arbeit.

Tel Awiw hat natürlich alle Rechte. Auch das Recht der autonomen Verwaltung. Und vom Bürgermeister an bis zum letzten Lastträger ist in diesen Mauern alles jüdisch. Die Polizisten, die Elektrizitätsmaschinisten, die Arbeiter am Wasserdienst. Alles. Selbstverständlich kann die Permanenz solcher Funktionen nie gestört und nie unterbrochen werden, auch nicht durch den Sabbath. Daß vom Freitag abend bis zum Samstag abend Christen oder Mohammedaner an die Stelle der sabbathfeiernden Juden treten, ist ein Ghettobrauch gewesen. Er muß hier, wo es kein Ghetto mehr gibt, auch keines im Geiste oder in der Seele, notwendig verschwinden. Und so wie hier am Sabbath jede Arbeit ruht, die Ruhepausen verträgt, so tun alle ihren Dienst, der keine Unterbrechung duldet: die Polizei, die Männer, die an der Elektrizität, am Wasserwerk oder am Verkehr beschäftigt sind. Auch während des Sabbaths. Das lebendige Leben ist hier wieder einmal stärker gewesen als das starre Gebot. Ja, es ist in Palästina auf allen Wegen stärker.

Am Purimfest wogt eine nach Tausenden zählende Menschenmenge durch die Straßen. Denn Tel Awiw hat schon über dreißigtausend Einwohner. Geputzte Kinder, geschmückte junge Mädchen, festlich gekleidete Jünglinge. Und der Flirt blüht. Man tanzt beim Fünfuhr-Tee zum Spiel einer kleinen Salonkapelle in dem hübschen Kasino am Meeresstrand Foxtrott und Shimmy. Man wird am Abend ein paar Bälle haben und Purimspiele. Sogar Araber sind aus Jaffa herübergekommen, um sich hier mit all den anderen zu vergnügen. Nachdem die Sonne herrlich ins Meer gesunken ist, strahlt die ganze Stadt im Lichtglanz der elektrischen Bogenlampen und Glühbirnen. Musik, Gesang, Lachen und Freude überall in der Menge, die unter diesem milden Himmel sich ergeht, die überströmt ist von der salzigen Luft des Meeres und von dem betäubenden Duft der Orangenblüte, der aus den großen Gärten der Umgebung herüberweht. Aber mitten in der Nacht knallt ein Schuß, kaum gehört im Festklang, der die Straßen erfüllt, und ein Jüngling liegt tot auf dem Pflaster. Es gibt nur eine einzige Meinung darüber: Araber! Niemand weiß, ob das ein momentaner Streit gewesen ist, oder das letzte Kapitel einer langen persönlichen Feindschaft, oder ob der junge Mensch einem planmäßigen Terrorakt als zufälliges Opfer fiel.

Tragödie des Anfangs.

III

Inhaltsverzeichnis

Tage in Jaffa. Immer komme ich von Tel Awiw hierher, den Weg, auf dem die alte Stadt landeinwärts von ihrem Felsen steigt, um sich in Parks, in Boulevards, deren Mitte Gartenanlagen schmücken, zu erneuern. Aber der Eindruck Geschäftsviertel, Quartier der Spediteure, dieser vorstädtische, kleinstädtische Eindruck bleibt auch hier, im jungen Teil von Jaffa, trotz der Versuche zur Eleganz, trotz der Anläufe zu festlicher Geschmücktheit. Diese Anläufe sind, wie fast überall im Süden und besonders im Orient, bald schlapp geworden, muten an, wie verstaubt und vergessen, und stimmen eher traurig als festlich. Sie können meist nur den einzelnen Tag, meist nur die gegenwärtige Stunde feiern, die Kinder der südlichen Sonne. Dann flammt die Festlichkeit in ihren Städten auf als ein herrlicher Brand von Farben und Pracht, dann tritt die wildkühne Phantasie, tritt das Märchen lebendig geworden in die Wirklichkeit, die davon wunderbar erglüht und bis ins Zügellose berauscht wird. Die Menschen sind dann wie außer sich geraten. Es ist unmöglich, sich dieser Glut und diesem Rausch zu entziehen. Man wird hingerissen, wie man nur in die Nähe eines solchen Taifuns freudig erregter Volksleidenschaft. gelangt.

Jetzt aber ist Alltag in Jaffa. Unaufhörlich durchwandern die langen Züge von Kamelen, eines hinter dem anderen, die Straßen und bringen die Orangenernte an den Hafen.

Merkwürdig sind die Tiere in ihrer Häßlichkeit, die etwas aristokratisches hat. Den kleinen Kopf auf gebogenem Hals wiegend, gehen sie einher, lassen die lange, vorgespitzte Unterlippe wie im Ekel schlaff herabhängen, blicken mit ihren schönen, dichtbewimperten Augen hochmütig auf die Menschen rings um sich, von denen sie unterjocht sind und an denen sie sich durch eine offen zur Schau getragene, grenzenlose Verachtung zu rächen scheinen. Sie spucken auch auf alles, leicht und zielsicher, und man hält sie deshalb für boshaft, denn sie spucken meist, wenn man glauben könnte, daß sie sich ärgern. Aber sie tun es ganz verächtlich, sie spucken so erledigend, wie nur jemand, der seinen Ärger schon überwunden hat und damit fertig ist. Sie murren auch und brüllen. Beständig murren sie, grollen, brummen oder brüllen laut. Das habe ich vor zwanzig Jahren und jetzt wieder in Assuan bemerkt, in Luxor, in Komombo, in Heluan, und überall, wo man auf Kamelen reitet. Sie brüllen, wenn von ihnen verlangt wird, sie sollen sich hinlegen, damit man in den Sattel steigen kann. Und sie brüllen schrecklich, wenn sie aufstehen sollen. Unterwegs murren und maulen sie beständig und das hört sich an wie eine fortwährende Drohung, wie eine erregte Folge wüster Beschimpfungen. Ihr Gebrüll aber klingt wie das Brüllen wilder Tiere, die knapp vor dem Rasendwerden sind. Man erwartet jede Sekunde irgend einen furchtbaren Ausbruch, einen tobenden Angriff, der zerstören und töten will. Aber es folgt gar nichts. Diese Tiere schleppen geduldig und brav die schwersten Lasten, tragen Menschen auf ihrem Höcker, gehen so lang man will, legen sich gehorsam nieder, stehen gehorsam auf, so oft es gefordert wird, und erfüllen das, was der Mensch ihre Pflicht nennt, viel restloser als die meisten Menschen ihre Pflichten erfüllen. Es ist bei ihnen nur, wie bei manchen alten Dienern, die treu sind, opferwillig, unermüdlich, die es aber nicht lassen können, laut zu denken, ihren Herrn zu bekritteln und alles herauszusagen, alles vor sich hinzubrummen, was ihnen so durch den Kopf geht. Mir erschienen ihre Monologe interessant und schön. Ihre Stimme hat so viele eindringliche Modulationen und ihre Sprache ist so reich an Ausdruck und so beredsam, wie nur die Sprache irgendeines anderen Orientalen. Oft glaubte ich, sie zu verstehen, wenn sie ausrufen: „Was ist nur das wieder für eine gottverdammte Narrheit!“, glaubte, es zu hören, wenn sie knurren: „Hol’s der Teufel, ich stell’ mich gar nicht her, mit so einem Idioten streiten“, meinte sie zu verstehen, wenn sie vor sich hingrollend sagen: „Soll er schon seinen Willen haben, der Arme, der Geplagte, der Unglückliche, er ist ja doch hilflos, wenn nicht ich ihm beistehe.“ Und es ist mir immer ein großes Vergnügen, mich in ihrer Nähe aufzuhalten, ein Stück Weges mit ihnen zu gehen, um ihnen zu lauschen.

In den Städten jedoch, oder auf Landstraßen werden sie, wie die Pferde, manchmal scheu, wenn sie Autos mit knatternden Motoren begegnen. Entsetzt steigen sie kurz in die Hinterbeine, spucken, knurren, brüllen und stieben mit herausquellenden Augen in ihrem schlenkernden Paßgalopp querfeldein. Ja, das eiserne Tier, das mit eiserner Stimme gleichfalls beständig murrt und schnaubt, flößt ihnen Grauen ein. Sie erkennen ihren Todfeind oder sie ahnen ihren Befreier.

Jetzt gehen sie ruhig ans Meer. Ich folge ihnen durch den Trubel der unteren Stadt, höre ihre Selbstgespräche mit an, und ehe ich mich dessen versehe, bin ich am Hafen. Kann aber die Uferzeile von Jaffa wirklich ein Hafen genannt werden? Eine Landungsstelle ist hier freilich seit tausenden von Jahren, seit die Phöniker mit ihren Schiffen von hier aus in See stachen. Ganz offen liegt die Reede von Jaffa, ganz preisgegeben dem Sturm und der Brandung. Ein Ring von Klippen und Riffen sperrt die Zufahrt, so daß die Dampfer weit draußen vor Anker gehen müssen. Ihre Fracht und ihre Passagiere werden vom Bord in kleine Boote gelassen und diese Boote rudern einen Kilometer, anderthalb Kilometer bis sie ans Ufer gelangen. Wenn das Meer oder der Sturm hohe Wellen wirft, ist es ganz unmöglich, an den Felsklippen vorbeizukommen, und es ist selbst bei bloß unruhiger See ein schweres, mitunter ein gefährliches Beginnen. Vielen Leuten ist das Ausgebootetwerden vor Jaffa weit schlimmer als die lange Schiffsreise. Manche wären beinahe ertrunken, wie der Kaiser Franz Joseph, der auf seinem Weg nach Jerusalem hier landete. Dieser „Hafen“ ist noch genau so unangenehm, wie er zur Zeit der Kreuzzüge war und vorher, bis zurück in die graue Vorzeit. Trotzdem ist er ein belebter Platz für den Handel des Landes. Die herrliche Orange, die in Palästina wächst, die fast so groß ist, wie eine Ananas, die dicke Schalen hat, wenig oder gar keine Kerne, voll süßesten Saftes ist und zartduftenden Fruchtfleisches, und von der die englischen Ärzte herausbekommen haben, daß ihr Genuß der Grippe vorbeugt, heißt überall in der Welt Jaffa-Orange nach dem Hafen, von dem aus sie exportiert wird. Während ich hier bin, scheint es überhaupt nur Orangen zu geben. Jeden Tag trampeln von Früh bis Abend die langen Züge der Kamele durch die Stadt zum Hafen, beladen mit den netten, weißen Kisten, die voll Orangen sind. Sie kommen aus den Plantagen der Umgebung, kommen vom Bahnhof und schleppen abertausende solcher Kisten an den Uferkai, wo Boot nach Boot damit bepackt, abstößt und sacht hinausfährt zu dem großen Dampfer, der draußen liegt.

Es wimmelt und kribbelt in Jaffa von Leben, von einer kleingewerbetreibenden Geschäftigkeit. In allen Straßen und Gäßchen, in allen Basaren wühlt und wirbelt die Fülle der Gestalten stadtauf und stadtab. Einem Ameisenhaufen gleicht dieses Jaffa, das auf einem Hügel dicht am Meer erbaut ist, auf einem Kogel, der vereinzelt aus der Strandebene ragt, auf einem Gupf, der über und über bekrochen ist von Hütten und Häusern, von Moscheen und Klöstern. Nichts fordert so sehr zum Müßiggang heraus, wie das fleißige Getriebe einer fremden Stadt, in der man nur ein paar Tage zubringt. Nichts reizt so sehr zum Ausruhen als das Toben einer fremden Arbeit, in deren Lärmkreis man plötzlich für kurze Zeit eintritt.

So sitze ich denn behaglich auf der Terrasse eines kleinen arabischen Kaffeehauses, dicht am Ufer. Man kann nichts von all den Dingen, die dem Gast hier geboten werden, genießen. Kaum den Mokka, der nicht eben nach Mokka duftet. Denn es ist eine Schenke für Hafenarbeiter und Ruderknechte. Aber weil es eine Schenke für Moslims ist, wo es keinen Schnaps und sonstigen Alkohol gibt, geht es auch ohne jede Besoffenheit zu, ganz still, sehr anständig und überaus manierlich. Es ist prächtig, hier zu sitzen, Zigaretten zu rauchen und in die Sonne zu schauen. Diese Terrasse bildet den Rest einer alten Festungszinne. Irgend ein Vorwerk, ganz am Strand errichtet, hatte die niedrige, dicke Mauer hier, die einen Wehrgang trug. Jetzt trägt sie die Tischchen und die Stühle eines Kaffeesieders. Von der Seeseite lecken die Wellen an den alten, weiß grauen Quadern, und vom Land her spült das Wogen des arbeitsamen Alltagsleben mancherlei Hausierer, Bettler und andere seltsame Gestalten hier herauf.

Ich blicke behaglich rund umher, schaue auch mal zu Boden vor mich hin und plötzlich fällt es mir ein, wie viel Blut diese Steine da unter mir schon getrunken haben mögen. Gegen diese Mauer da stürmten die Kreuzfahrer in ihrer großen, aber wenig geistvollen Begeisterung, hier stürmten, viele Jahrhunderte später, die Soldaten Napoleons, in einem Enthusiasmus, der nicht viel klüger war. Immerfort ist im Lauf der Zeiten um Jaffa gestritten worden. Die Phöniker besaßen die Stadt, die Ägypter sind da Herren gewesen, Jonathan eroberte sie den Juden, denen sie erst Pompejus entriß und denen sie Julius Cäsar wieder zurückgab. Vespasianus hat die Stadt zerstört. Sie erhob sich wieder. Dann hat Beibars, der in Ägypten Sultan war, Jaffa dem Erdboden gleichgemacht und wiederum entstand es langsam. Bis in dunkle Urzeit reicht die Erinnerung an Kampf und Krieg zurück.

Hier kämpften Tiere im Namen Gottes gegen Menschen, wie der große Walfisch, der den Propheten Jonas da draußen auf dem Meere verschlang, und hier kämpften Menschen unter dem Beistand der Götter gegen Ungeheuer, wie Perseus, der ein Sohn des Zeus und der geldliebenden Danae gewesen ist. Er tötete hier den Drachen und befreite die schöne Andromeda, die da draußen an einen der Klippenfelsen gebunden war.

IV

Inhaltsverzeichnis

Viele Straßen durchlaufen das Land über Berg und Tal, schlüpfen tief durch Schluchten und Hohlgänge, steigen hoch, zu Gipfeln empor. Straßen gibt es, die breit sind, ausgezeichnet zu befahren, gepflegt, mit festem Unterbau, glatt gewalzt, und noch mehr geglättet von den Pneumatiks der vielen Automobile, die drüber hinsausen. Straßen, die sich wie weiße oder gelbe Bänder durch das Grün der Hügel hinziehen, die, von ferne schon, wie feine Adern den Leib dieser Erde mit verästelten Linien durchschimmern. Straßen, die sich gleich Schlangen um die vorgewölbte Brust eines Berges ringeln. Dann sind verlassene, alte Straßen da, grasbewachsen, schwer zu finden und schwerer noch zu benützen, verkrustet und überwuchert vom Boden wuchs wie verjährte Narben im Fell eines alten, vielgejagten Tieres. Alle diese Straßen, die jetzt noch vortrefflichen und die verschwindenden, haben Juden und Römer gebaut, Syrer, Araber, Kreuzfahrer, Türken und andere, viele andere. Fast alle Völker der alten Welt sind hier im Land gewesen, um es zu erobern, um es zu besitzen, um es aufzurichten und um es zu zerstören. Im Namen ihres Glaubens, im Zeichen ihres Gottes, auf Betreiben ihrer Priester, ihrer Könige, gespornt von ihrem Ehrgeiz, von ihrem Fanatismus, gepeitscht von unbelehrbarer Dummheit oder von erbarmungsloser Gier nach Reichtümern gehetzt. Fast alle Völker haben sich in das offene Buch dieses Landes eingezeichnet. Man liest die Geschichte ihres Charakters von den Befestigungen, die sie hinterließen, von den Ruinen ihrer Burgen und aus den Zeilen der Straßen, die sie bauten. Immer noch kann man auf diesen Straßen des Nachts, auch am hellichten Tag überfallen oder von einer Kugel aus dem Hinterhalt ausgelöscht werden, wenn man allein im Auto fährt, weshalb denn auch die Chauffeure hier nur ungern mit einem Einzelpassagier losziehen oder gar ihre Rückfahrten ohne Passagier machen. Sehr oft sind es ganz gewöhnliche Räuber, die solch einen Überfall vollführen, manchmal sind es Politiker. Aber es gibt Fälle genug, in denen der Räuber mit dem Politiker identisch ist, Fälle wieder, in denen man schwer entscheiden könnte, wo der Politiker aufhört und der Räuber anfängt. Das ist übrigens nicht bloß in den arabisch-levantinischen Ländern so!

Die Berge von Judäa sind hoch. Bis zu tausend Metern und darüber. Ineinander getürmt liegen sie gewaltig da, bilden tiefe Talrinnen und grüne Wiesenbetten zwischen ihren Erhebungen, tragen die Häupter stolz in den blauen Himmel gehoben, steinerne, kahle Köpfe oder Hochplateaus mit zerklüfteten Abhängen. Fast ganz verkarstet, geben sie den Eindruck majestätischer Öde. Sie sehen aus wie einsame Vulkane, denen die herabgeronnene Lava den ganzen Leib verbrüht hat. Nur spärlich deckt da und dort ein dünner Graswuchs das Gestein, wie Schorf die wunde Haut eines Menschen überzieht.

Ja, dieses Land, einst das gelobte, dieses Land der Verheißung, darin Milch und Honig floß, es ist nun lange schon öde, verkarstet und wund. Das Gebirge von Judäa ist nicht vulkanisch; es hat einst, vor vielen Jahrhunderten, herrliche, dichte Wälder auf seinem breiten Rücken getragen, darinnen viel Wild lebte, Gazellen, Bären und der edle Hirsch. Üppige Matten breiteten sich talwärts in sanften Lehnen und auf ihnen weideten die Rinder, Schafe und Ziegen, furchte der Pflug den fetten Boden. Ein Volk, das unruhig, streitbar und stolz war in seinem Geist, lebte hier glücklich, auf eigener Scholle. Unausdenkbar, wenn dieses Volk niemals vertrieben, niemals hingestreut worden wäre über die ganze Erde, wenn es hätte weiterleben dürfen in seiner Heimat. Unübersehbare Perspektiven ins Banale, in eine Reihe von Jahrtausenden, die nur Ereignisse, aber kein Schicksal enthalten hätten. Doch dieses Volk gab der Welt einen Gott, gab ihr den göttlichen Gedanken einer unsichtbaren Allmacht und gab ihr etwas von der eigenen Unruhe. Dies Land hier ist, auf dieser Hemisphäre, das vulkanische Gebiet der Menschheit gewesen. Die Feuerströme, die sich über die Erde ergossen, sind hier hervorgebrochen, aus den Herzen derjenigen, die in Judäa und Galiläa geboren waren. Und wenn heute der Boden hier von den Gipfeln bis zu den Tälern verbrannt ist, rührt das nicht von der glühenden Lava her, die aus dem Innern der Erde aufsprang, sondern von den Seelengluten der Menschen, die den Erdkreis entzündet und erleuchtet und darüber ihr eigenes, kleines Land verloren haben.

Dieses Land, seit sein eingeborenes Volk aus den Wurzeln gerafft und verschleudert wurde, ist immerfort nur Beute gewesen; Beute, die man errungen hat, oder Beute, die man erjagen will. Und man hat es so wenig geschont, so wenig gepflegt, wie man eben eine Beute, von der man nicht weiß, wie lange man sie behalten wird, schont oder gar pflegt. Gleich einem Stück Knochenfleisch, um das sich wütende Hunde raufen, ist dieses Land zerzaust, zerbissen, zerrissen und zerfetzt worden.

Mehr als tausend Jahre lang hat hier niemand einen Baum gepflanzt. Nur gefällt hat man Bäume, ganze Wälder hat man niedergeschlagen. Berg um Berg wurde des dichten, kostbaren grünen Mantels beraubt, der die Erde schützte. Man hat das Dickicht der hohen, alten Stämme vernichtet und das Dickicht von Busch und Strauch zerstört. Langsam wurde der Reichtum dieser weithin gedehnten Wälder zu einer kahlen, öden Armut gewandelt; es wich der kühle Schatten herrlicher Bäume, darin Menschen und Tiere sich ergingen, und immer mehr breitete sich die Wehrlosigkeit entblöster Hänge, die der glühenden Sonnenschein verbrannte, die der Sturm mit ungehemmter Kraft durchwühlte und auf die der wütende Regen niederpeitschte.

Dieses arme, von habsüchtigen Händen bis zur Nacktheit ausgezogene Land konnte nicht widerstehen. Der Regen wusch in Jahrhunderten den fetten Humus von den Lenden, Schultern und Rücken der Berge so gründlich, bis das Urgestein zum Vorschein kam. Wer Griechenland gesehen hat, die kahlen Heiden um Konstantinopel, Kleinasien und Palästina, der versteht den Ausdruck „türkische Wirtschaft“, der jetzt hoffentlich für alle einst von den Türken beherrschten Gebiete wie für die Türken selbst der Geschichte angehört.

Nichts mehr ist dieses Land, als der leergeräumte Boden für eine Aufgabe. Nichts anderes ist es, wie die Stätte für einen Anfang. Nur die Aufforderung, die Gelegenheit, der Mahnruf, der Notschrei, der Alarm zur Arbeit.

Die Jugend Israels arbeitet hier. Sie arbeitet so hart wie einst unter der Herrenfaust des Pharao. Vielleicht härter noch und schwerer. Aber diese jungen Menschen arbeiten freudig, aus freiem Entschluß, mit dem Feuerfunken der Hoffnung im Herzen. Sie klopfen Steine und bauen Straßen. Sie stehen bis an die Knie im Schlick und ziehen Gräben, um Sümpfe zu trocknen. Und sie tragen, in Handkörben, den Humus wieder die Berge hinauf, bedecken die wunde, unfruchtbare Nacktheit der steinigen Wände wieder mit guter Scholle. Sie pflanzen wieder Bäume, überall. Sie pflanzen den Eukalyptus in den Niederungen, weil er das Grundwasser wegtrinkt und weil er schnell wächst. Sie setzen Ölbäume und Maulbeer- und Obstbäume und Palmen an die Berglehnen, damit von ihren Wurzeln das Erdreich gehalten und vom Regen nicht mehr niedergeschwemmt werde. Ach, es ist noch wenig zu sehen, obwohl sehr viele Bäume gesetzt wurden. Aber alles, was bis zum Jahre 1914 schon seine Wipfel hob, hat dann der Krieg unerbittlich niedergehauen. Auch seit dem Krieg ist viel gepflanzt worden und vieles wieder zur stattlichen Höhe gewachsen. Doch in diesem baumlosen Land, in diesem verkarsteten Gebirge sieht das nach gar nichts aus, kaum wie der Anfang eines Anfanges, und die Kahlheit ringsumher tritt nur noch erschreckender, nur verzweifelter noch hervor. Steht irgendwo, am Bergesabhang, ein Grüppchen Bäume, dann zeigt Ghaim Mandelbaum, der Chauffeur, stolz darauf hin und sagt schon: „Ein Wald!“ Er kennt jeden Baum im ganzen Palästina und liebt ihn. Er weiß, wie er gedeiht, und beobachtet sein Wachstum. Er hat alle die Bäume gekannt, die lebendig waren, als der Krieg ausbrach und die dann gefällt wurden. Er zeigt die Plätze, an denen sie standen, und er trauert um sie, wie man um Kriegsgefallene trauert. Chaim Mandelbaum ist nicht der einzige. Alle jüdischen Menschen hier kennen jeden Baum im Lande und sprechen davon wie von Angehörigen, die man liebt, wie von Kindern, die man pflegt und hütet.

Nun beginne ich, den Sinn zu begreifen, den einzigen Sinn, den die Verwüstung Palästinas haben kann, und ich bin nicht mehr so entsetzt, bin gar nicht mehr so verzweifelt über den trübseligen Zustand des Bodens, wie in den ersten Tagen. Dieses Land ist niedergetreten, ausgeplündert, mißhandelt worden und es ist verschmachtet, als es sein Volk verloren hatte. Aber auch das Volk hat man niedergetreten, geplündert und mißhandelt, seit es von seiner gottgegebenen Scholle verjagt wurde und es ist verschmachtet seither. Wohin sollte dieses verfolgte, dieses verstoßene Volk sich wenden, was für ein Ziel könnte es in dieser Welt noch haben, was für einen Halt und was für einen Daseinswillen, wenn dieses Land nicht daliegen und warten würde? Nichts bliebe dem Judenvolk übrig, als die vollkommene Auflösung, als das Untergehen im Meer aller anderen Völker. Längst wäre der Untergang schon hereingebrochen, längst die restlose Auflösung schon vor sich gegangen, und Israel wäre spurlos verschwunden im Orkan von neunzehn Jahrhunderten, in diesen Stürmen, von denen es umhergeschleudert wurde, ein Wrack, ohne Segel und Steuer.

Aber das Land lag da und wartete. Das Land hatte sich niemals wieder erholt, seit ihm die eingeborenen Kinder weggerissen wurden, entwurzelt, wie ihm nachher der Wald mit allen Bäumen von der Brust der Gebirge gerissen worden ist. Das Land lag da, es litt und wartete. Es tat genau dasselbe wie die Juden: Leiden und Warten, neunzehn Jahrhunderte lang. Aber neuzehnhundert Jahre sind keine zu lange Zeit für dieses Land! Und es zeigt sich, daß neunzehnhundert Jahre auch für das Volk nicht zu lange sind.

Dieses Volk ist in der Verbannung städtisch geworden und ... Einen Augenblick! Die Verbannung umnebelt uns mit so vielen Lügen, daß man sie beinahe nachspricht wie ewige Wahrheiten.

Die Juden sind also städtisch geworden; sie sind dem Handel ergeben und jedem Schacher, der Geld bringt, denn sie lieben das Geld über alles? Nun ja, man hat sie in Städte eingepfercht, hat ihnen in den Städten besondere Quartiere anbefohlen und sie im Ghetto gehalten. Man hat ihnen den Besitz von Boden untersagt und ihnen das freie Wohnen auf freier Scholle verboten. So sind sie städtisch gewordenI Ihnen war der Zugang in die arbeitenden Berufe, in die Zünfte des Handwerks gesperrt und so mußten sie sich dem Handel ergeben. Aber da war einmal in Kastilien irgendein König, Alfonso oder so ähnlich, der emanzipierte die Juden eines Tages und sofort hingen, siebzig von hundert, die Männer ihren Handel an den Nagel, um die Universitäten des Landes zu beziehen, darunter Fünfzigjährige. So leidenschaftlich sind die Juden dem Handel ergeben! Es war ein Ausbruch, eine Explosion der vulkanischen Volksseele und der Lügennebel des Ghettos wurde davon entzweigerissen. Aber vor vielen Jahrhunderten, und nur für einen Moment.

Dieses Volk liebt das Gold? Doch wohl nicht viel stärker als alle anderen Völker am Golde hängen, nach Golde drängen. Unter der Bauernschaft, den Grundbesitzern und Reichen der ganzen Welt ist es eine ganz besondere, eine ganz vereinzelte, eine ganz seltsame Ausnahme, wenn einer je die ideale Gelehrsamkeit, die Künste, die Wissenschaft, die Weisheit höher achtet, als den eigenen Reichtum, wenn er sie so sehr verehrt, daß er sein Geld und sein Tagewerk diesen idealen Gütern dienstbar macht. Doch bei den Juden, soweit sie von der Angleichung ihren Traditionen noch nicht entfremdet, in ihrer Wesensart noch nicht entfärbt sind, gilt Wissen und Weisheit mehr als Besitz. Geld ist gut, denn Geld kauft ein Stückchen Daseinsrecht, kauft Licht und Luft, besonders in den Ländern, bei deren Beamtenschaft solche Dinge bis vor kurzem käuflich waren und morgen vielleicht wieder zu kaufen sein werden. Die anderen freilich haben dieses Daseinsrecht, haben das bißchen Sicherheit selbstverständlich umsonst. Doch der Jude muß alles bezahlen, was er haben, was er bewahren, was er erhalten will. Er muß ja auch in den sogenannten freien Ländern den Umgang mit Vornehmen, die gesellschaftliche Stellung bezahlen. Oh, wie lache ich in den Fluren Palästinas über die gesellschaftliche Stellung so vieler arrivierter Juden, über den Ehrgeiz dieser sonst so begabten Männer, über den Snobbismus ihrer Frauen. Ich rechne mir aus, wieviel Bäume hier im Lande gepflanzt werden könnten um all das Geld, das diese Leute opfern, damit ein paar Aristokraten zu ihnen ins Haus kommen oder damit sie in den nobeln Klubs geduldet, damit sie zu den großen Soireen geladen werden. Ich denke mir aus, wieviel Bäume... und schon bedecken sich alle diese verarmten Berge hier mit rauschenden Wäldern. Ich stelle mir vor, wieviel Geld täglich von diesen Verblendeten hingeschüttet wird, nur aus heißer Sehnsucht, ihr Judentum vergessen zu machen oder wenigstens Vergebung zu erlangen für das jüdische Blut, das einem doch keiner je vergißt oder vergibt; ich überlege,, wieviel Dunam Ackerboden man dafür kaufen, wieviel Arbeiter man ansiedeln könnte für dieses sinnlos verschwendete Geld, und schon sehe ich im Geiste das ganze Land vor mir, emsig bewirtschaftet, aufblühen in segensreicher Fruchtbarkeit. Da vergeht mir das Lachen.

Diese Juden, die auf allen ihren Wegen Flüchtlinge des eigenen Blutes sind, wissen nichts mehr vom Judentum. Und die Christen wissen erst recht nichts davon. Sie wissen nicht, daß ein jüdischer Vater sich’s zur höchsten Ehre, seiner Tochter zum höchsten Glück anrechnet, ihr einen Gelehrten zum Manne zu geben. Er plagt sich gerne, dieser Vater, den Schwiegersohn, die Tochter und die Enkelkinder zu ernähren, denn er hält sein Haus nun für geadelt, weil er das Heim ist für selbstloses Denken, für Forschen, Erkennen und Weisheit. Viele Ehen werden im Volk, das diesen Namen noch verdient, derart geschlossen, daß der Reiche den armen Philosophen als Tochtermann ins Haus nimmt. Auch in der Demokratie, die dem jüdischen Volke eigen ist, die ihm von altersher in den Instinkten sitzt, verschafft weder Besitz noch Macht den Adel, sondern es ist einzig der Geist, der adelig sein läßt. Aber was weiß man in gewissen großstädtischen Salons davon?

In ihrem Ghetto sind die Juden Handwerker und Arbeiter, sie sind Lastträger und Schmiede, Schlosser und Tischler, wie sie Uhrmacher und Juweliere sind. Wo sie mit dem Boden je Zusammenkommen durften in der Verbannung, sind sie tüchtige Landwirte, Viehzüchter und Weinbauern. Die Güter, die in Ungarn von Juden verwaltet wurden oder gepachtet oder als Eigentum betrieben, beweisen es. Und ein Fürst Urussow, der in den Achtzigerjahren Gouverneur der Ukraine war, in einem Gebiet, in dem die Juden Land besitzen durften, wundert sich in seinen Memoiren maßlos über den Ackerbau wie über den Weinbau der Juden, der nach seinen eigenen Worten dem Weinbau am Rhein in nichts nachsteht. Er ist als Russe der herrschenden Klasse kein Judenfreund gewesen, dieser Fürst und Gouverneur, dennoch meint er, es wäre vielleicht vorteilhaft, den Juden die Erlaubnis zu geben, sich auch in anderen Gegenden des großen Rußland anzusiedeln, damit die Trägheit der russischen Bauern durch ihr Beispiel befeuert werde. Und er sagt das alles mit einem Erstaunen, das ganz ohne Wohlwollen ist.

Kein Mensch wundert sich, wenn von den Juden das Schlechteste behauptet wird; aber jeder gerät in sprachloses oder stotterndes Staunen, wenn er ein Gutes an ihnen bemerkt. Die Juden wissen von ihrem eigenen Volk nur sehr, sehr wenig; die anderen aber ahnen nichts vom jüdischen Wesen und so ist es gekommen, daß die Juden unter allen Völkern fast gar nicht gekannt und am meisten gehaßt werden. Richtiger: sie werden am meisten gehaßt, weil sie gar nicht gekannt werden.

Jetzt ist Palästina die große Gelegenheit für die Juden, ihre wahren Kräfte zu zeigen. Ihr Rhodus ist es; hier müssen sie beweisen, wie sie tanzen können, müssen es für sich beweisen und für die ganze Welt. In diesem Land, das so lange gelitten und gewartet hat, wird niemand gebraucht, der sich nur auf die Listen und Kniffe des Ghetto, auf die Schliche der Diaspora versteht, niemand, der nur den Kuhhandel der Angleichung kennt. Aber jeder ist nötig, der die Bereitschaft hat, mit seiner Hände Arbeit zu helfen, daß der Boden hier wieder fruchtbar werde, jeder, der den Opfermut mitbringt, sein Leben hinzugeben dafür, daß diese Äcker wieder Ernten tragen und auf den Berghängen wieder Wälder rauschen. In dieser übermenschlich mühevollen Arbeit wird dem Volk wieder diejenige Schichte erzogen, die ihm so lange gefehlt hat: die im Erdreich Wurzelnden, die mit ihrem Körper und mit ihren Muskeln Schaffenden, die Einfachen, die Unhysterischen, die Beständigen.

Niemand sonst vermag es, dieses Land zu retten. Die Araber besitzen unermeßlich weite Gebiete, und der Entwicklungsweg, den sie zurücklegen müssen, ehe sie zur Höhe intensiver Wirtschaft gelangen, ist noch sehr, sehr lang, obwohl sie intelligent und fleißig sind. Aber sie gebieten über riesengroße Länderstriche, sie haben Zugänge zum Mittelmeer, die bessere Hafenplätze bieten als die an Buchten arme und an Klippen reiche Küste von Palästina. Sie können überdies noch an das Rote Meer und an den Indischen Ozean. Das kleine Palästina ist ihnen keine Lebensnotwendigkeit. Und wenn sie nicht verhetzt sind, sehen sie Palästina auch gar nicht als Lebensnotwendigkeit an.

Die Christenheit der ganzen Welt wäre nicht imstande, das Heilige Land wieder in ein Land zu wandeln, das dem Gelöbnis Gottes keine Schande machen würde.. Denn um diese Wandlung zu vollziehen, braucht es Dezennien, braucht es vielleicht ein Jahrhundert angespanntester Arbeit, und zur Anspannung wie zur Stetigkeit solchen Wirkens gehört ein großer, einheitlicher Wille, aus der Seele eines einzigen, einheitlichen Volkes.

Aber die Christenheit zerfällt in viele Nationen, die einander, manchmal blutig, bekriegen und die auch in Friedenszeiten leider nicht davon lassen, miteinander zu rivalisieren. Außerdem ist die Christenheit durch viele Bekenntnisarten getrennt, die sich gegenseitig immerfort bekämpfen. Es gibt zwischen römischen Katholiken und orthodox Rechtgläubigen, wie sich die russisch-griechischen Konfessionen nennen, zwischen Katholiken und Protestanten wohl keinen offenen Krieg, aber auch niemals einen Frieden. Und gerade auf dem Boden von Palästina gerät dieser Gegensatz jedesmal in Brand, ist gerade hier eigentlich beständig im Glimmen. Die Flammen des Zankes jedoch haben noch immer jedes Haus, das feindliche Parteien miteinander bauen wollten, in Asche gelegt, ehe es vollendet war.

Die Juden dagegen sind von Urzeiten her mit Palästina verknüpft und verbunden. Es ist ihr Land, ihre Wurzelerde und da zwei Jahrtausende die Fäden nicht zerreißen konnten, mit denen Volk und Land Zusammenhängen, wird Palästina immer das Land und die Wurzelerde der Juden bleiben, in Ewigkeit. Amen.

Alle Nationen der Erde haben in einem offiziellen Akt diesen Zusammenhang anerkannt. Der große Wille zum Wiederaufbau lebt glühend in dem Volk, das über die ganze Welt zerstreut ist. Aus allen Himmelsrichtungen zieht die Sehnsucht dieses Volk hieher, eilen die Arbeitsfreudigen, die Opferwilligen herbei. Palästina vereinigt Wille, Sehnsucht, Denken, Hoffen und Schaffensdrang der Juden, wie das Brennglas die Strahlen der Sonne.

Den Arabern, die im Lande und rings um das Land in großen Gebieten wohnen, sind die Juden stammverwandt; und wenn sie nicht politisch verhetzt sind, werden die Araber erkennen, wie viel Antrieb und Ankurbelung ihren eigenen motorischen Kräften durch die Arbeit der Juden zuteil wird, welch ein Aufschwung ihren eigenen Ländern durch die geordnete Arbeit der Juden in Palästina bevorsteht. Von europäischen Einflüssen auf die Dauer nicht zu stören noch zu hindern, wird sich die Verbrüderung mit den Arabern vollziehen, wird sich vollziehen müssen als die einzige, wirklich feste Grundlage für das Bestehen Palästinas wie für das Bestehen eines freien Arabien.

Dieses winzige kleine Fleckchen Boden wird man den Juden, die hierher kommen, um es mit ihren Händen zu bebauen, mit ihrem Schweiß zu tränken und mit den Leibern ihrer Toten zu düngen, wohl gönnen müssen, da man ihnen doch sonst jede andere Scholle auf der großen weiten Erde als Heimat verweigert. Auch die Heiligtümer wird man in ihre Obhut geben müssen, da man sie doch so lange in der Obhut der Türken lassen mußte! Man darf gewiß sein, sie werden ebenso viel Pietät zeigen wie die Türken und sie werden die Priester nicht stören. Daß für die christlichen Stätten Schließung zu besorgen wäre, wenn die Juden einmal zu reden haben, ist törichte V erleumdung.

Sie sind ja aus ihnen, aus den jüdischen Heiligtümern entstanden, diese geweihten Stätten des Christentums, sie sind aufgebaut auf den Trümmern jüdischer Heiligtümer und sie sind gar nicht zu denken, wenn diese nicht vorher gewesen wären. Niemand vermag das Land zu retten als die Juden, und durch nichts in der Welt kann das Judentum gerettet werden als durch dieses Land.

Nun bin ich auf der Straße gefahren, die aus dem Gebirge sacht hügelabwärts niederleitet zur Ebene. Bei Amwas, dem Dorf, kam ich vorbei, das vor Zeiten Emmaus geheißen hat, und wo Juda Makkabäus siegreich kämpfte. Mein Auto saust durch die Ebene Schephela, vor mir glänzen wie goldene Seide die fernen Dünen, blitzt in Sonnenfunken das Meer auf, um mich her grünen die Felder, weit hinter mir blauen die Berge von Judäa.

Mir zittert das Herz, so stark fühle ich hier den ungeheuer andauernden Zusammenhang, der in zwei Jahrtausenden nicht zerreißen konnte. Es ist das Land der Verheißung, immer noch!

Es ist das Land, das verdorrte, weil es wartend lag; das wieder aufblühen will. Laßt es nicht warten!

Rechts und links der Straße sehe ich die grünen Matten und gelben Äcker gesprenkelt mit weißen, beweglichen Tupfen; das sind die Männer der ersten Hilfe, das sind die Jünglinge, die den wunden Boden hier heilen und in ihrer Seele gesund werden an dem Heilungswerk, das sie vollbringen. Das sind die jungen Brüder, die ihr Leben einsetzen und die verloren sind, wenn nicht wir alle zu ihnen halten, wenn nicht wir alle wenigstens halbwegs unsere Pflicht tun, da sie doch mehr, weit mehr tun als bloß ihre Pflicht.

Mit einemmal denk ich des reichen Mannes in Kairo wieder, der mir gesagt hat: „Es ist nichts los in Palästina.

Und ich lächle.

V

Inhaltsverzeichnis

Unter den hohen Eukalyptusbäumen gehen wir spazieren. Mein Begleiter ist ein junger Mensch, fast noch ein Knabe, sehr zart, sehr zierlich und ganz hellblond. Sein Teint hat ein so absolutes Weiß, daß er unter der Sonne hier nicht braun wird, sondern rot brennt. Rot flammen ihm die schmalen Wangen und rot ist seine Brust, wo das offene Hemd sie freiläßt. Er führt mich in der ganzen Farm umher. Die Entstehungsgeschichte dieser großen landwirtschaftlichen Schule interessiert ihn nicht besonders, vielleicht weiß er auch nur wenig davon. Aber die Arbeit, die heute in Mikwe-Israel verrichtet wird, die Arbeit, die gestern geleistet wurde und morgen getan sein muß, hat sein ganzes Interesse gefangengenommen, ihr hat er sein ganzes Wesen mit aller Leidenschaft ohne jeden Vorbehalt hingegeben.

Er freut sich, daß er Mikwe-Israel zeigen darf, daß er alles erklären, alles schildern und besprechen soll. Seine Freude ist ruhig und vollständig im Sachlichen haftend; man merkt sie ihm nur an den Augen an, in denen Bereitwilligkeit strahlt, nur an dem hübschen Gesicht, davon jeder Zug aufrichtig, einfach und jungenhaft herzlich ist.

Mikwe-Israel gleicht einem mittleren Gutsbesitz und die Zöglinge bebauen den Boden unter den Anleitungen der Lehrer. Diese Arbeiten bilden das Praktikum ihrer Lehrzeit; Schulunterricht in den landwirtschaftlichen Fächern erhalten die jungen Leute, wenn kein Feld bestellt, kein Orangengarten gepflegt werden muß. Das ist ja überall in den Farmschulen der Fall. Sie wohnen in einem großen Hause mit den Lehrern beisammen; auch andere Wohnhäuser für Lehrer und Gärtner sind da, ebenso eine kleine Synagoge. Sie steht mit Scheunen, Ställen, Schmiede und Werkstätten am Eingang der Farm. Wenn man, von der großen Straße, die Jaffa mit Jerusalem verbindet, abbiegt, die Allee herauffährt, und das hohe Gittertor passiert, ist man gleich auf dem „Hof“, der weiträumig hügelan sich dehnt. Schon kommt man, zwischen dichtem Grün, zu den Wohnhäusern. Und dann ist man, hier umhergehend, in einer kleinen, eigenen Welt, die ganz für sich abgeschlossen lebt und offenbar zufrieden damit, so ganz für sich zu sein.

Vor bald sechzig Jahren hat ein Mann, der Charles Netter hieß, diese Schulfarm gegründet. Das war die Epoche, die fast überall in Europa den Liberalismus zur Herrschaft schreiten sah. Die Jünglinge, die anno 1848 Revolution gemacht hatten, waren Männer geworden und schickten sich an, nun der Absolutismus auf den Schlachtfeldern zusammengebrochen, keinen erheblichen Widerstand mehr leisten konnte, ihre Ideen zu verwirklichen. Das war die Zeit, in der die Juden überall den Traum einer Versöhnung, einer wirklichen Gleichberechtigung träumten und sich einbildeten, nun, da die Gegensätze der Konfessionen durch das glorreiche Werk der Aufklärung überwunden seien, werde es, könne es nichts mehr geben, das ihr sehnsüchtiges Herz vom Herzen aller anderen trennte. Was würden sie sagen, was empfinden, diese Männer, die alles aufs beste bestellt glaubten, als sie schlafen gingen, wenn sie heute aufwachten, und die gehässige Zerrissenheit sehen würden, die ärger vergiftet ist denn je? Was würden die jüdischen Studenten sagen, die auf dem Pflaster von Wien und Berlin ihr Blut verspritzt haben für die Sache der Freiheit, wenn sie heute an den Universitäten in Deutschland und Österreich statt jener Menschlichkeit von achtundvierzig, die engstirnige Brutalität der deutschnational-aggressiven Gesinnung fänden?

Der treffliche Charles Netter ließ es sich wohl kaum einfallen, daß er einer der ersten Schrittmacher für den Aufbau des jüdischen Palästinas sei, als er vor nun fast sechzig Jahren hierherkam und Mikwe-Israel gründete. Er wollte damals die Jugend im Lande, in Syrien und Kleinasien, die jüdische Jugend des Orients auf dem historischen Boden von Palästina zu Ackerbauern erziehen. Ich denke mir, er hat sich vorgestellt, die Judenschaft, die hier die Scholle bearbeitet, werde dereinst, etwa um 1924, der befreiten, gleichberechtigten Judenschaft Europas würdig sein. Er war voll Enthusiasmus für seine schöne Idee; er drang durch, gründete mit Hilfe und im Auftrag der Alliance Israelite Mikwe-Israel, er war voll Hingabe an sein Werk, das er eingerichtet, in Gang gesetzt und geleitet hat. Aber er starb schon nach wenigen Jahren, ehe noch die ersten Enttäuschungen sich einstellten. Jetzt liegt er hier begraben, auf der höchsten Höhe der breiten Bodenwelle, die Mikwe-Israel einzäumt, nahe der Stelle, wo der Baumgarten, das Buschwerk der Farm sich öffnet zu den Äckern und zum freien Land. Sein Name, der den einfachen Grabstein ziert, sein Leib, der hier in der Scholle modert, ist von einer kleinen Unsterblichkeit umgeben, die, ganz an die Scholle gebunden, mit der Erde ringsumher weiter- -lebt.

Noch war die Zeit nicht erfüllt, als diese Farm hier entstand. Noch war den jungen Menschen, die hierherkamen, um zu lernen, kein gemeinsames Ziel vor die Seele gerückt. Sie fanden sich aus zufälligen Einzelwünschen hier zusammen, nicht gesendet, getrieben, geschleudert vom Pulsschlag einer großen Volksbewegung. Immer hatte Mikwe-Israel Schüler, die Landwirte werden wollten, aber nur wenige von ihnen wurden wirklich Bauern, die meisten verstreuten sich in viele andere Berufe. Nun aber ist seit dem Kriegsende ein einheitlicher Entschluß und Schritt, wie überall in der Bodenarbeit des Landes, also auch hier. Sie lernen in Mikwe-Israel das Feld bestellen, sie ziehen den Pflug durch die Ackererde und säen Weizen. Sie pflanzen Wein, Orangen und ölbäume, sie pflegen Blumen und Zierpflanzen, die im nahen Jaffa nach allen möglichen Teilen des Landes wie der Nachbarländer verkauft werden; sie halten viele Bienenstöcke und gewinnen Orangenhonig, und sie beginnen jetzt auch Tabak zu bauen.

Es sind heute auch nicht mehr die Juden des Orients allein, für deren Jugend diese Farm wirkt. Sie kommen nun von überall hierher, die jungen Männer, und der Jüngling, der mich führt, ist aus Berlin. Ich habe ihn liebgewonnen, diesen braven, tüchtigen Burschen, der achtzehnjährig fort ist aus dem Vaterhaus, weg von den Annehmlichkeiten der Großstadt, weg von blödsinnigen Beschimpfungen, in denen deutsche Studenten ihren nationalen Geist austoben. Er ist erfrischend, dieser sanfte junge Mensch, der nun hier lebt, in der Zwilchhose und im Hemd des Arbeiters, hier unter dem blauen Himmel Palästinas, im Duft der Orangenblüten, im Salzwind des nahen Meeres. Er hat seine Bildung, dieser Junge, denn er hat seine Matura gemacht, ehe er abfuhr von Berlin, er hat seine geistigen Interessen und er hat hier seine schwere körperliche Arbeit. Kerngesund ist er, heiteren Gemüts und seine Klugheit ist beschwichtigt durch die heilsame Berührung mit dem Boden; diese helle Klugheit hat keine Schärfen, wie sie der jüdische Verstand so oft aufweist. Die ätzende Schärfe kommt freilich aus den Wunden, aus den vielen, vielen alten und neuen Wunden, die dem jüdischen Gemüt und dem jüdischen Verstand so tausendfach geschlagen werden. Bei dem Jungen da sind alle Wunden spurlos vernarbt, er hat vergessen, er hat verziehen, ja er versteht kaum noch etwas von dem Haß und Hader, der Deutschland zerfrißt. Unbefangen steht er neben mir auf der Anhöhe von Mikwe-Israel, kennt nur noch das Land, das Heute und Morgen seiner Arbeit, die dem Lande gilt. Er ist das Kind einer neuen Zeit, die eben erst anbricht und er hat die zarte Frische ihrer ersten Morgenstunde.

Der alte Charles Netter, der da vor unseren Füßen in seinem Grabe liegt, würde sich freuen mit dem Jungen, und ihn sicherlich lieben. Denn der Junge verkörpert ein Ergebnis, das alle Hoffnungen, die Charles Netter einst gehegt hat, auch die kühnsten, weit übertrifft.

VI

Inhaltsverzeichnis

Man sagt Kolonie, wenn man von Rischon le Zion spricht, weil man alles, was in eine fremde Bevölkerung eingepfropft ist, alles, was in dieser Art als Experiment angefangen hat, Kolonie nennt. Aber Rischon le Zion ist ein jüdisches Bauerndorf, mit seinen fünfzehnhundert Einwohnern und mit seinem Grundbesitz von etwa fünfzehntausend Dunam schon ein stattliches Bauerndorf. Es hat eine Klinik und eine Apotheke, ein Volkshaus, eine Schule, einen Kindergarten, eine Talmud-Thora-Schule und ein öffentliches Bad. Dieses merkwürdige Dorf hat auch ein Eukalyptuswäldchen und einen Park, um darin zu lustwandeln, mit herrlichen Palmenalleen, und es gibt sogar „Hotels“ da. Auf dem höchsten Platz von Rischon le Zion steht weithin sichtbar, der Tempel, und das hat dieses Dorf jüdischer Bauern mit fast allen Dörfern christlicher Bauern gemeinsam: das auf dem höchsten Punkt errichtete Gotteshaus. Sonst aber, wenn ich der Klinik, des öffentlichen Parkes, besonders aber des Bades gedenke, finde ich nur wenig Gemeinsames.

Sitzt man im Wirtshaus beim Mittagessen, ergibt sich doch wieder Ähnlichkeit. Denn da gesellt sich der eine oder andere Dorfbewohner zu dir, ein Handwerker oder ein Bauer, kann auch sein, er führt das Gespräch vom Nebentisch herüber, und er verlangt zu wissen, wer man ist, woher man kommt und so weiter. Aber es ist so unwichtig, wer ich bin, so uninteressant, woher ich komme, dafür so wichtig, wer dieser Dorfbewohner ist und so interessant, woher er einst gekommen war. Dieser Mann, der da bestaubt und gemächlich sitzt, um mich auszufragen, ist älter als Rischon le Zion, das Dorf, das gegen zwei- oder vierundvierzig Jahre zählt. Der Mann aber ist sechzig. Also, er kam aus Rußland; ein Knabe, gerettet aus dem Blutbad irgendeines Pogroms. Seither hat er hier gelebt, ein Leben der Arbeit, der Entbehrung, der Sorge, aber nicht gepeinigt vom drohenden Mord. War’s auch manchmal unruhig, es ging nie ans Leben oder doch beinahe niemals. Man hatte so viel Sicherheit wie die anderen, man durfte sich zur Wehr setzen und man war jedenfalls im Lande der Väter, „daheim“. Immer wieder ist es dasselbe Lied. Diese Schicksale sind eins dem ändern ähnlich und sie sind allzusammen das Schicksal des jüdischen Volkes.

Auch in Rischon ist es wie in anderen, alten Kolonien begegnet, daß die Söhne der ursprünglichen Ansiedler wieder in die Fremde zogen, nach Europa zurück, nach Amerika, Australien oder ins Kapland. Nicht alle Söhne freilich, aber doch genug, um sagen zu können, die Ansiedler hätten nicht Wurzel gefaßt. Je öfter ich diese Tatsache konstatieren höre, desto weniger Eindruck übt sie mir. In vielen anderen Län-dem geschieht dasselbe häufig genug: die zweite Generation verläßt die Kolonie, die von den Vätern gegründet wurde. Weil das Bebauen des Bodens zu schwierig ist und der Ertrag die harte Arbeit nicht lohnt. Weil die Zustände des besiedelten Gebietes, an mangelnder Sicherheit, an fehlenden Verkehrsmitteln der Entwicklung zu viele Hindernisse schaffen. An solchen Dingen hat, wie oft, das beste Bauernblut schon versagt.

Hier in Palästina sind die Sicherheitsverhältnisse unter der Türkenherrschaft so schwankend gewesen, daß ihnen bis heute noch eine endgültige Festigkeit nicht beizubringen war, und die Verkehrsmittel lagen gänzlich in primitiven Anfängen. Das verminderte den Ertrag, der nur durch schwere Arbeit dem Boden abgerungen werden kann.

Die heute ins Land kommen, um da zu bleiben, urteilen wohl zu streng über die alten Kolonisten und deren Söhne. Denn sie kommen heute getrieben und getragen von einer großen Idee, der die Kraft einer Religion innewohnt. Sie kommen, jedes Schiff, das neue Ansiedler bringt, als Kolonnen einer Arbeiter-Armee, deren Aufmarsch erst begonnen hat, und noch viele Jahre, wahrscheinlich Dezennien, andauern mag. Der Horizont ihres Wirkens ist nicht beschränkt durch die Grenzen ihres Ackers, der ihnen zugewiesen wird; er umfaßt das ganze Land der Verheißung, mit einem ungeheuren kühnen Arbeitsplan, hundertfach gegliedert, hundertfach veränderlich und ständig erweitert. Jeder einzelne ist hier diesem Plane eingefügt, ist ein Teil davon, ein tätig schwingendes Rad der großen Maschine, und alle Juden der Welt, siebzehn Millionen Menschen, sind dem großen Vorhaben, das Land der Verheißung in das Land der Erfüllung zu wandeln, unauflöslich verknüpft. Das ergibt eine andere Situation, innerlich und äußerlich, ideell, moralisch und praktisch, als die Lage, in der sich die ersten Kolonisten vor einem halben Jahrhundert befanden, die ihr Hiersein nur der Wohltätigkeit zu danken hatten.

Es ist eine merkwürdige Sache um die Wohltätigkeit. Sie bringt Segen, heißt es, doch selbst das Bibelwort wagt nur die Behauptung, daß sie denjenigen Segen bringe, die Wohltaten üben. Von den Unglücklichen jedoch, die Wohltaten empfangen müssen, ist nirgends ausführlich die Rede. Offenbar will sich keiner so recht darauf einlassen, diese heikle Angelegenheit näher zu untersuchen. Seit die menschliche Gesellschaft besteht, ist das Wohltun, ist das Almosengeben nur ein lächerlich schwaches Korrektivmittel, das Unrecht der sozialen Ordnung zu mildern. Selbst der liebe Gott hat kein besseres Mittel gefunden. Er befiehlt, er bittet, er verspricht ewigen Lohn, aber wie viele sich auch beeilen, dem göttlichen Gebot gehorsam zu sein, wie viel auch geholfen wird, niemals ist eine wirkliche Hilfe draus geworden. Alle geben, der Talentvolle dem Talentlosen, der Hervorragende dem Unbedeutenden, der glückliche Erbe dem Stiefsohn des Glückes, dem kein Erbteil zufiel, der Reiche dem Armen. Sicherlich, in tausend Fällen gibt der Gute dem Besseren, in tausend Fällen sogar der Schlechte dem Guten. Aber wie viel auch gegeben wird, noch nie schwand die Armut aus der Welt, und ich kann es nicht leugnen, das ist deine Schuld, du mein Gott, der du der Gute bist und ebenso gewiß der Einzige, der die soziale Frage lösen könnte. Bei aller Ehrfurcht vor dir und bei aller Liebe zu dir, mein Gott, es ist deine Schuld. Ja, noch mehr. Du hast durch dein Gebot des Wohltuns das Gewissen der Mächtigen und Reichen eingelullt, den Sinn der Armen umnebelt, und soweit eine soziale Gerechtigkeit auf Erden überhaupt denkbar ist, hast du ihr Walten so lang wie nur möglich hinausgezögert.

Zum Wesen der Wohltätigkeit gehört es, daß ihr der Dank, den sie oftmals verdient, niemals gezollt wird. Es ist schön, daß der Baron Rothschild die Kolonie Rischon le Zion und noch andere Siedlungen mit seinem Geld gegründet und dauernd gestützt hat. Aber weder Dank, noch Bewunderung gebührt ihm dafür. Man kann eben nicht der Baron Rothschild sein, während in Rumänien und Rußland arme Juden geplündert, mißhandelt und ermordet werden. Man kann das als Rothschild nicht miterleben und ruhig in seinem Pariser Palais des Daseins sich freuen, als sei nichts geschehen. Man muß etwas tun, um sich den Schlaf der Nächte wieder zu kaufen.

So sind die ersten Ansiedler nach Rischon le Zion gelangt, armseliges Menschheitsgestrüpp, von niederträchtigen Händen aus armseligem Ghettoboden gerauft, und durch Wohltätigkeit der heiligen Erde Palästinas eingepflanzt. Ein edles Werk. Doch es vollzog sich nach so unzulänglichem Gesetz, daß weder dem Gesetz, noch seinem zufälligen Vollstrecker dafür zu danken bleibt.

Jetzt wird auch dieses große Bauerndorf vom neuen Geist der Allgemeinheit, vom neuen Willen des ganzen jüdischen Volkes langsam durchdrungen und jetzt erst beginnt Rischon le Zion tiefer in der Erde zu wurzeln, sicherer in der Scholle zu ruhen. Hier hat der Weinbau geblüht und würde immer weiter, immer reicher gedeihen, wenn die Welt noch so viel trinken würde wie früher. Aber seit die Sowjets in Rußland regieren, hat dieses Reich aufgehört, ein Absatzgebiet zu sein. Und seit sie in den Vereinigten Staaten die Prohibition haben, ist auch diese Kundschaft verloren gegangen. Nun liegen in den Kellereien von Rischon le Zion herrliche Weine in riesigen Mengen und finden keinen Käufer, finden nicht mehr so viel Käufer, daß der Weinbau im früheren Umfang ferner noch lohnend wäre.

Der Küfer, der mich durch die Keller führt, ist ein schmächtiger alter Jude, er hat ein schmales, feines Gesicht, das durch den dünnen, silbergrauen Bart nur noch schmäler wird. Seine sanften, rehbraunen Augen sind voll Ergebenheit, und seine Reden haben jene ergebene Höflichkeit, in der das Persönliche dennoch im Unnahbaren gehalten und gewahrt wird.

Man trifft hierzulande bei vielen Juden, besonders bei den älteren Männern diesen Ton, der so angenehm wirkt, weil er so erbötig ist, ohne sich dabei das Geringste zu vergeben.

Der Küfer zeigt mir die ungeheuren Fässer, die voll alten Kognaks daliegen, voll Chartreuse und Benediktiner-ähnlichem Likör. Er zeigt mir die Weinbehälter im Keller, die viele Hektoliter fassen an schwerem alten Süßwein, roten, der wie Bordeaux oder Madeira oder wie Tokaier schmeckt, und weißen, der an Haute Sauterne und an manche Rheinweinsorten erinnert. Diese Behälter sind aus Beton und inwendig mit dicken, großen Glasplatten ausgelegt, und sie können von innen beleuchtet werden. Er zeigt das Schlauchsystem, das die Füllung der zum Abtransport bestimmten Fässer ermöglicht, die Maschinen, die zur Bereitung der Trauben, zum Keltern, dienen, zum Betreiben und Beobachten der Gärung, endlich die Böttcherei, das chemische Laboratorium, die Werkstätte und die Mühle. Alles ist so vollendet und so musterhaft, wie nur in irgend einem europäischen Großbetrieb.

Unterwegs erzähle ich ihm von den Memoiren des Fürsten Urussow und von der Anerkennung, die er den jüdischen Weinbauern in der Ukraine gezollt hat. Der alte Jude hört aufmerksam zu, mit bewegungslosen Mienen. Dann lächelt er nur. Aber dieses Lächeln löscht den Fürsten Urussow, löscht die ganze fürstliche Anerkennung weg; so leicht und so rasch, wie man ein wenig Staub vom Rockärmel bläst.

Er begreift die Prohibition in Amerika, und er begreift auch, wie gut es ist, wenn die Menschen wenig oder gar keinen Wein trinken; es tut ihm nur leid, daß eine Sache gut genannt werden muß, die dem Betrieb hier Schaden bringt. Man wird von nun an den Tabakbau pflegen. Alle Menschen rauchen Tabak, die Moslims wie die Christen, die Amerikaner wie die Europäer, es gibt also keine Absatzschwierigkeiten. Dennoch ist der Tabak ebenso schädlich wie der Wein, vielleicht noch schädlicher, weil ja das starke Rauchen viel mehr verbreitet ist als das unmäßige Saufen. Aber man darf der Menschheit nicht alle Gifte entziehen, wenigstens nicht alle auf einmal.

Und so kann einstweilen noch Tabak gebaut werden.

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