Kitabı oxu: «Versuch über die physische Erziehung der Kinder»

Şrift:

Ferdinand Wurzer

Versuch über die physische Erziehung der Kinder


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112448

Inhaltsverzeichnis

Berichtigungen.

Eingang.

Ueber das Verhalten während der Schwangerschaft.

Ueber die Behandlung der Neugebohrnen.

Ueber das Selbststillen.

Warte und Pflege.

Vom Schlafen.

Von der Bewegung.

Vom Essen und Trinken.

Von der Kleidung.

Vom Baden.

Von den Blattern.

Von dem Unterricht der Jugend.

Von den gymnastischen Uebungen.

Von den Findlingshäusern.

Berichtigungen.

Inhaltsverzeichnis


S. 13. Z. 11 statt sicheres, lies sieches.
– 16. – 13 — daß l. das.
– 31. lezte Z. — l. c. l. Dissert. sur l’éducat. phys. des enfans.
– 35. – 8 — heum l. herum.
– 43. – 21 — entstehe l. entsteht.
– 55. – 19 — verbundenen schlaffen l. schlaff verbundenen.
– 61. vorlezte Z. — st. verdorbene l. verdorbenen.
– 62. – 16 u. 17. — st. Stickstoff, Kohlensaurem, und Wasserstoffgas l. Stick-, Kohlensaurem-, und Wasserstoffgas.
– 73. vorlezte Z. — st. étoilée l. étiolée.
– 77. – 10 st. (b) l. (a).
– 101. – 5 — Eheleuten l. Eleuten.
– 105. lezte Z. — Mit l. Aus.
– 125. – 2 (in der Note) st. Diseasi l. Disease.
– 139. – 6 — Seiltänzers l. Seiltänzer.
– 154. – 20 — 600 l. 60°.

Die Bemerkung der noch übrigen meist minder wichtigen Druckfehler bleibt der gütigen Nachsicht des Lesers überlassen.

Eingang.

Inhaltsverzeichnis


Wir wechseln unsere Meinungen, wie unsere Wäsche, finden das heute abgeschmackt, worüber wir vor vier Wochen entzückt waren! Das war vorzüglich der Fall mit unserm Erziehungswesen. Wir künstelten so lange, fanden so vieles zu verbessern, daß wir endlich vom Wege der Natur ganz abkamen; daher die widersprechenden Methoden, daher die entgegen gesetzten Meinungen so vieler Pädagogen, daher das Fallen von einem Extrem ins andere. —

Zurückgehen, ohne alle Umstände zurückgehen müssen wir auf den einfachen Weg der Natur. Jeder andere Weg ist Irrweg, und führt um so weiter vom Ziele, je mehr er von diesem geraden abgeht. Der Verlust so vieler Tugenden, die unsere Vorfahren so vortheilhaft auszeichneten, ist großen Theils Folge unseres schwankenden Erziehungs-Systems.

Unsere guten Ahnen künstelten nicht mit komplizirten Erziehungs-Planen. Sie folgten ihrem geraden Menschenverstande, und blieben der Natur getreuer; sie ließen dieser weisen Künstlerinn freiere Hände, und eben deswegen wurden ihre Kinder gesunder, stärker, und tugendhafter[1]. Sie machten ihre Kinder nicht altklug, pfropften sie nicht voll theoretischer Kenntnisse und verhinderten also dadurch das Wachsthum und die Vervollkommnung ihrer Körper nicht.

Durch ihre natürliche Erziehung erwachte bei ihren Kindern der Geschlechtstrieb spät; daher ihr hohes und gesundes Alter, daher ihre eiserne, unerschütterliche Gesundheit.[2] Und was sind denn wir nun gegen unsere Alten, und was werden, wenn das so fortgeht, unsere Nachkommen seyn? Gebildeter, geschmeidiger, verschlagener sind wir; aber wie viel denn nun weniger Laster? Was denn nun neues für alte, wilde Sitte, und rohe Natur? — Chikane und List doch nicht für Gewalt: doch nicht geschmacklose, gefühlwidrige, naturlästernde Verzierung für den ungekünstelten Schmuck noch unentstellter, unverdorbener, reizender Wesen: doch nicht hinlänglich lodernde Rache — verlarvte langsam peinigende Wuth: im Herzen verschlossener, verdorbener, nachlaurender Groll, für offenen, männlichen, schnellstürmenden Grimm, oder in Heftigkeit aufbrausenden, und bald wieder in Empfindungen ächter Freundschaft sich stillenden jähen Unwillen unsrer Väter? — Schminke doch nicht für Tugend?

Wir machten durch Kultur unseres Bodens unsern Himmelsstrich südlicher; wir bereicherten durch Vermischung der Erzeugnisse aller Klimaten unsern Körper und unsern Geist mit den Eigenschaften südlicher Völker, mit ihrer Empfindsamkeit, lebhaften Einbildungskraft, frühreifen Verstande, mit ihrer Geilheit und Trägheit. Unser unausstehlicher Egoismus, unsere fade Selbstsucht kömmt zum Theil aus unserer abgeschmackten Diät; eben daher kömmt unsere läppische Eitelkeit, die ihre Nahrung bei äußerlichen Zeichen findet. Die wahre Ehrbegierde durch sich selbst groß zu seyn, ist mit unserer Lebensart weggewichen. Unsere erhöhte Empfindsamkeit, unsere kränkliche überspannte Eitelkeit machen uns Eckel an allen ernsthaften Arbeiten, sind Schuld an unserem unaufhörlichen Hindringen zu rauschenden Gesellschaften, jagen uns von Zerstreuung zu Zerstreuung; machen, daß wir nicht leicht zur Besonnenheit, zur stillen Ausübung des Geistes zurückkommen, daß wir immer kränklich, unlaunicht, mißvergnügt mit der ganzen Welt, und daher unglücklich sind. — Wir sind aus diesem Wirbel nicht zu retten; aber unsere Nachkommen wieder in den glücklichen Zustand unserer Vorältern zu setzen, ihnen die Tugenden ihrer Ahnen wieder zu geben, das wird bessere, das wird natürlichere Erziehung vermögen; die wird es dem Moralisten leicht machen, zu wirken: wie und was er will.

Die Natur wollte den Menschen zum Bewohner der ganzen Erde machen, daher konnte sein Instinct nicht überall derselbe seyn. Sie modifizirte ihn nach Klima, Diät, Gewohnheit und Erziehung etc., die bekanntlich sehr auf den Menschen wirken[3], und Schuld daran sind, daß er in so verschiedenen Formen auf der Erde erscheint: daß man kaum glauben sollte, daß es ein und dieselbe Menschengattung sey; allein in jeder Lage, unter jedem Himmelsstrich giebt sie ihm seine Weisung, wie er gesund, wie er glücklich leben kann.

Da wo unsere Seefahrer den nackten, kalten Eisthron der Natur antrafen, da an dieser Gränze ist der Grönländer, der meistens nur fünf Fuß hoch ist, mit den Eskimos seinen Brüdern, die kleiner sind, je näher sie nach Norden wohnen. Sein Kopf ist im Verhältnisse des Körpers groß; das Gesicht breit und platt, weil die Natur, die nur in der Mäßigung und Mitte schön wirkt, hier noch kein sanftes Oval rundet, und insonderheit die Zierde des Gesichts, den Balken der Wage, die Nase, noch nicht hervortreten lassen konnte[4]. Seine Haare sind sträubigt, weil es, um weiche und seidne Haare zu bilden, an seinen emporgetriebenen Säften fehlt; das Auge ist unbeseelt, das Blut fließt träge, sein Herz schlägt matt, der Geschlechtstrieb ist bei ihm kalt. Die Lappen bewohnen einen mildern Erdstrich, daher sind auch sie milder. Ihre Größe ist schon beträchtlicher, die runde Plattigkeit des Gesichts nimmt ab, die Backen senken sich, das Auge wird dunkel grau, die schwarzen stracken Haare werden schon gelbbraun u. s. w.

Mitten im Schoose der höchsten Gebürge liegt das Königreich Kaschmire verborgen, wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höhern und höhern Bergen umschlossen, deren letzte sich mit ewigem Schnee bedeckt zum Himmel erheben. Hier rinnen schöne Bäche und Ströme; Inseln und Gärten stehen im erquickendsten Grün; mit Viehweiden ist alles überdeckt; die Einwohner werden für die geistreichsten und witzigsten Indier gehalten. Sie sind zur Poesie und Wissenschaften gleich aufgelegt; sie sind die wohlgebildetesten Menschen, ihre Weiber oft Muster der Schönheit. Die Gestalt der Hindus[5] ist gerade, schlank, schön; ihre Glieder fein, proportionirt; ihr Gesicht offen, gefällig; ihr Tragen des Körpers im höchsten Grade anmuthig und reizend, und wie die Leibesgestalt, so ist auch ihr Geist. Mäßigkeit, Ruhe, sanftes Gefühl bezeichnen ihre Arbeit, ihre Sittenlehre, Mythologie, ihre Künste, selbst ihre Duldsamkeit unter dem äußersten Joche der Menschheit.

Bei dem heissen Afrikaner ist das Profil und der ganze Bau des Körpers wieder anders. Der Mund tritt hervor, dadurch wird die Nase stumpf und klein. Die Stirne ist zurückgewichen, das Gesicht hat von vorne Aehnlichkeit der Konformation zum Affenschädel. Hienach richtet sich die Stellung des Halses, der Uebergang zum Hinterkopf, der ganze elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum thierischen sinnlichen Genuß gemacht ist. In diesem Mutterlande der Sonnenwärme ist alles fruchtbar, alles Leben. Feine Geistigkeit wird hier der kochenden Brust versagt, aber dafür hat der Afrikaner Fibernbau, der an jene Gefühle nicht denken läßt. Er schwimmt, läuft, klettert sorglos mit unglaublicher Behendigkeit: er trägt alle Unfälle seines Klima[6]. Er vermißt nicht das quälende Gefühl höherer Freuden, für die er nicht gemacht ist. Die Natur hätte kein Afrika schaffen müssen, oder in Afrika müßten Neger wohnen.

Wie der Araber in der Wüste, und der Mongole auf seiner Erdhöhe in seinen Steppen einherzieht, so zieht der wohlgebildete Beduin in seiner weiten afrikanisch-asiatischen Wüste herum. Auch er ist ein Nomade in seiner Gegend, mit ihr ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte, sein Karakter harmonisch; er liebt seine Freiheit, verachtet Reichthümer und Wollüste, ist leicht im Laufe, fertig auf dem Roße, seine Gestalt hager, nervigt; seine Farbe braun, seine Knochen stark; er ist edel, treu, sein gefahrvolles Leben macht ihn behutsam, argwöhnisch; das Einsame seiner Wüste macht ihn zum Gefühl der Rache, der Freundschaft, des Enthusiasmus aufgelegt.

Der Kalifornier am Rande der Welt[7] in seinem unfruchtbaren Lande, bei seiner dürftigen Lebensart, bei seinem wechselnden Klima, klagt nie über Hitze und Elend, irrt immer und schläft fast jede Nacht wo anders, entgeht oft dem Hunger nur schrecklich, ißt nicht selten den Heusamen aus seinem eigenen Koth wieder heraus; sein Hausgeräth besteht in Därmen, worin er Wasser hohlt, und doch ist er — gesund und glücklich. Er schäckert, singt und lacht den ganzen Tag, wird alt, und ist so stark, daß er mit seinen zwei Vorderzähnen beträchtliche Steine heben kann. Er erträgt Schmerzen mit unglaublicher Standhaftigkeit, und erwartet den Tod im hohen Alter mit einer Gleichgültigkeit, die kaum ein europäischer Philosoph erreicht. Die Einwohner an den Ufern des Senegal leben in einer Hitze, die den Weingeist zum Kochen bringt; und die in der Hutsons- und Davids-Bay in Kamschatka, im nördlichen Asien in einer Kälte, die den konzentrirtesten Weingeist, selbst das Quecksilber gefrieren macht[8], und sind gesund, stark. —

Das sind nun die Menschen aus verschiedenen Winkeln der Erde, das sind solche, die wir Barbaren nennen, das sind Völker, deren Körper und Karakter durch die Einwirkung äußerer Ursachen so sehr von uns absteht, und sie sind — glücklich, weil sie den Instinct, durch den die weise Natur spricht, hören, und — befolgen, wenigstens genauer, wie wir. Der Europäer, der immer künstelt, immer an der Natur zu verbessern findt, ist kränklich, siech, elend — unglücklich. Wo er auch nur immer in einen Winkel der Erde hinkömmt, da weicht Ruhe, Gesundheit und Glückseligkeit weg. Das auffallendste Beispiel sind die Brasilier, die ehedem ihres Alters wegen berühmt waren. Damals lebten sie ganz einfach, und daher glücklich. Sie waren stark, gesund; ihre Kinder wurden früh mannbar, waren fast nie krank, und lebten sehr lange; allein so bald die Europäer sie überwanden, ihre Erziehung, ihre Sitten, ihre Kniffe einführten, sie mit ihren Ausschweifungen, mit ihrer Unmäßigkeit bekannt machten, — weg war das Glück dieser guten Einwohner, Gesundheit, langes Leben, Zufriedenheit, Alles, Alles war verschwunden, wie der Nebel bei der aufgehenden Sonne.

Also noch einmal: Zurückgehen müssen wir auf den Weg der Natur; dann werden wir glücklicher werden, und dann wird die Kultur unseres Geistes groß, und kraftvoll werden; wenn unser Körper gesunder seyn wird. —

Es ist wahr: es entscheiden schon über unser künftiges Glück, über einen großen Theil unserer physischen und moralischen Tugenden Umstände, die sich lange vor unserer Geburt ereignen. Der körperliche und Seelenzustand unserer Aeltern in dem Augenblicke, da sie sich mit der Gründung unserer Existenz beschäftigen, bestimmt schon großen Theils unsern zukünftigen Werth. „Ich wünschte (sagt Tristram Shandy) daß mein Vater, oder meine Mutter, oder lieber alle beyde (denn im Grunde war der eine so gut dazu verbunden, als der andere) hübsch darauf gedacht hätten, worauf sie umgiengen, als sie mich zeugten: hätten sie gehörig in Erwägung gezogen, was für ein wichtiges Geschäft sie verrichteten — ich bin innig überzeugt: ich würde eine ganz andre Figur in der Welt gemacht haben.“ Und wirklich es ist keine phantastische Vermuthung, daß in dem Augenblicke unsrer anfangenden Existenz schon mancherlei Umstände auf uns — auf immer auffallend grossen Einfluß haben. Müller hat wahrlich ganz Recht, daß er sagt, so oft ich ein mürrisches, träges Temperament sehe, so fühle ich mit Frank die Versuchung zu denken, daß die Mutter desselben zur Unzeit genießt, und der Vater noch halb im Schlafe ihr gedankt habe. Kinder, die mehr aus Pflicht, als natürlicher Aufwallung gezeugt werden, haben immer das Ansehen, als wäre es ihnen nicht recht Ernst, in der Welt ihre angewiesene Rolle mitzuspielen, und höchstens dienen sie — die Scenen des menschlichen Lebens auszufüllen. — Das leidet wohl keinen Widerspruch; eben so wenig, als daß die Aufführung der Mutter während der Schwangerschaft auf unser künftiges Wohl und Wehe wirkt; aber eben so wahr ist es, daß das Physische der Erziehung alle unsere mitgebrachte Anlagen auf eine unglaubliche Art modifizirt; daß sie durch ihren Einfluß auf den Körper eben so auf Moralität wirkt; wie umgekehrt Regierungsform, Religion etc. auf unsere physische Beschaffenheit wirken. Man kann versichert seyn (sagt Hufeland)[9] daß man durch eine gute physische Erziehung nicht bloß den Körper, sondern auch die Seele bildet, und daß man schon im ersten Jahre dadurch selbst den Seelenorganen eine ungemein glückliche Richtung geben kann, die die nachherige moralische Bildung sehr erleichtert, so nach meiner Meinung ein wesentliches Stück derselben ist. — Denn wie viel Schiefheiten der Denkart, und des moralischen Gefühls sind im Grunde nichts weiter, als Kränklichkeit und Verstimmung der Seelenorganen; und ich bin völlig überzeugt, daß ein gesunder Zustand der Organisation, und naturgemäße Vertheilung, und Harmonie der Kräfte der wesentliche Grund von der Gabe ist, die man gesunden Menschenverstand, bon sens, nennt, und die eigentlich nichts anders ist, als ein gehöriges Gleichgewicht, und harmonische Brauchbarkeit der Seelenkräfte. Man wird’s dem Arzte verzeihen, wenn ich zu bemerken glaube, daß aus eben dieser Ursache Witz, Genieflug, erhitzte Einbildungskraft, Schwärmerey u. s. w. in unserer Generation weit häufiger sind als reiner natürlicher Sinn, und richtige Urtheilskraft; wenn ich jene glänzenden Eigenschaften der jetzigen Zeit nicht als Ausbrüche von Kraft, sondern als bedenkliche Symptomen einer kränklichen, und ungleichen Seelenreizbarkeit ansehe, und wenn ich zu hoffen wage, daß durch fortgesetzte bessere, und naturgemäßere Behandlung des physischen Menschen auch eine gesündere Geistesstimmung zu erwarten seyn dürfte. Dieser Meinung ist auch der ehrliche J. J. Rousseau[10].

Die Natur bildet selbst den physischen Menschen zu dem, was er mit der Zeit seyn soll, und wenn man sie ungehindert arbeiten läßt, so bringt sie beinahe lauter Meisterstücke hervor, und überläßt uns die grosse Kunst — aus Bäumen, und Menschenkindern Zwerge zu erziehen. Man lasse also nur die Natur allein ihren eigenen Weg einschlagen; man dünke sich nur nicht weiser, als diese kluge Schöpferinn; man lasse ihr ganz freies Spiel (wenigstens denn doch in so weit, als unser gesellschaftlicher Zustand es erlaubt) und man hat dann gerade alles gethan, was man in diesem wichtigen Zeitpunkte thun muß, weil man — nichts gethan hat. Daher sind die mehrsten Menschen, die man Wilde nennt, von der vortrefflichsten körperlichen Bildung, ihre Mädchen schlank, und zur Geburtsarbeit so aufgelegt, daß unter tausend Gebärenden nicht eine stirbt.

Ueber das Verhalten während der Schwangerschaft.

Inhaltsverzeichnis


Das Betragen der Mutter während der Schwangerschaft hat auf ihr Kind einen so wichtigen Einfluß, daß diese Periode auch wohl bloß in Hinsicht auf das Kind, eine eigene Betrachtung verdient. — Die Erfahrung lehrt, daß fast immer das Kind gesund, und stark zur Welt kömmt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft sich wohl befand. Die Mutter ist es daher nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Kinde schuldig, Alles anzuwenden, um in dieser Zeit gesund zu seyn. Krankheiten, sieches Leben, und der Tod erwarten sie, wenn sie während diesem Zeitpunkte ihre Gesundheit vernachlässigt: eine leichtere Entbindung, ein gesundes Kind, und häusliche Freude sind der Lohn, den ihr die Natur für diese kleine Aufopferungen werden läßt.

Um gesund zu seyn, muß eine Schwangere im Allgemeinen so leben, wie Frauenzimmer überhaupt leben müssen, wenn sie gesund bleiben wollen. Mäßige Leibesbewegung zu Fuße ist den Schwangern durchaus wesentlich. Zu heftige Bewegung durch Tanzen, durch Spazierfahrten in rüttelnden Kutschen ist äußerst nachtheilig. Sie müssen sich bestreben in die Haltung ihres Körpers so viele Mannigfaltigkeit zu bringen, als nur möglich ist. Zu langes Stehen, lange anhaltendes Sitzen, Liegen, Gehen, sind gleich nachtheilig. Ihre Kleidung muß bequem, und besonders der Ausdehnung des Bauchs, und dem Anschwellen der Brüste, angemessen seyn, und hinlänglich warm halten, vorzüglich in Jahrszeiten, wo die Witterung oft plötzlich wechselt. Am meisten fehlen hiebey Frauenzimmer in der ersten Schwangerschaft, und am Anfange, wo eine, sehr übel angebrachte Schaam, ihre Bestimmung erreicht zu haben, und Mutter geworden zu seyn, sie nicht selten verleitet, sich in enge Kleider einzuschnüren, und dadurch dem Wachsthume des Kindes hinderlich zu seyn. — Reinlichkeit ist auch in diesem Stande sehr zu empfehlen, da die Geburtstheile in den letztern Monaten fast immer eine schleimigte Feuchtigkeit ausfließen lassen.

Ihre Nahrung muß in gesunden, gutnährenden, leicht verdaulichen Speisen bestehen; z. B. Fleischspeisen, Fleischsuppe, weichgekochten Eyern u.d.gl. Blähende Gemüse, und Früchte, alles Fett, Mehlspeisen sind ihnen nachtheilig. Sie müssen wenig auf einmal, aber oft essen, weil ihre Eingeweide gedrückt werden. Zum Getränke müssen sie das wählen, woran sie gewohnt waren. Schwächlichen ist es besonders zuträglich, täglich etwas Wein zu trinken. Mutter, und Kind werden sich dabey sehr wohl befinden. Die Alten verboten den Weibern in diesem Zustande zu allgemein den Wein, und so strenge, daß grundgelehrte Männer demonstrirt haben, dadurch sey das Küssen aufgebracht worden, um nämlich zu erfahren, ob die Weiber — Wein getrunken hätten. Reine Luft ist den Schwangern sehr anzurathen; daher sind Spaziergänge bei schönem Wetter für sie so heilsam; daher aber sollen sie auch keinen zahlreichen Versammlungen beiwohnen; z. B. in Kirchen, Schauspielhäusern etc., wo ihnen ohnedies noch das Gedränge schädlich werden kann; deswegen bekömmt ihnen auch der Aufenthalt in Obstkammern, Kellern, in Zimmern, die frisch angeweißt sind u. s. w. gar nicht gut. Schlafen müssen Schwangere wohl etwas länger, als andre, da sie sich leichter ermüden, also mehr Erholung bedürfen, und auch gewöhnlich etwas unruhig schlafen.

Vor allem aber ist Mäßigkeit im Genusse der Liebe, und Vermeidung jeder heftigen Gemüthsbewegung den Schwangern streng zu empfehlen. Blutstürze, Mißfall, Tod sind nicht selten die Wirkungen von beiden.

Aber was hat es in der Schwangerschaft mit dem so genannten Versehen für ein Bewandniß? Die Weiber versehen sich nie. Die Furcht vor dem Versehen ist ganz ungegründet, und dies Vorurtheil ist um so nachtheiliger, da es die vielen Unbequemlichkeiten in diesem Stande bei einer Menge von Weibern beträchtlich vergrößert; aber wie (werden eine Menge Matronen mit sichtbarem Aerger in ihrem sonst ganz weisheitsvollen Angesicht sagen) wie läßt sich das behaupten, da tausend, und abermal tausend Geschichten die Wirklichkeit des Versehens bewähren: ja freilich Geschichten; aber welche? Den meisten steht unverkennbar der Stempel ihres Ursprungs vor der Stirne; bei weitem der größte Theil kömmt schnurgerade aus der Ammenstube, und sie datiren sich fast alle aus den Zeiten des Aberglaubens, und der Unwissenheit! Wer ist heute noch gutmüthig genug zu glauben, daß eine italiänische Dame sich an dem Bären in dem Wappen des Herzogs von Ursini versehen, und darauf einen Knaben — in einer Wildschure geboren habe? daß eine Schwangere, wie Pater Mallebranche erzählt, einen Verbrecher radbrechen sah, und in einigen Tagen nachher ein Kind gebar, dessen Glieder, wie die des Geräderten, gebrochen gewesen seyen? Der Ehrwürdige Pater hat bey Erzählung dieser Geschichte noch die Menschenliebe, ein leichtes, und ganz wohlfeiles Hausmittel bekannt zu machen, das sich nur nicht in jeder (wohlgezogenen) Gesellschaft anwenden läßt, nämlich: die Schwangere soll sich gleich an dem ründesten, und hintersten Theil des Körpers kratzen, wenn ihr der schreckliche Gegenstand einfällt; und dann sind alle Folgen des Schreckens wieder weggewischt: Wer Lust hat die lächerlichsten Dinge der Art zu lesen, der kann sie in den Schriften Schenk’s, Hellwig’s, Horst’s, und andrer Kompilatoren dieser Gattung, in reichlicher Menge finden. Indessen sind allerdings nicht alle Geschichten von derselben Art. Die wahrscheinlichsten entstanden daher, daß sie verkehrt vorgetragen wurden, und dadurch natürlich großes Gewicht erhielten. Der Vortrag ist nämlich so eingerichtet, als wenn man die Beobachtung schon während der Schwangerschaft angefangen hätte; und nun bey der Niederkunft sey die Sache eingetroffen, da doch in der That solche Mahlzeichen unvermuthet gekommen sind, ob man sie gleich nachher von diesem, oder jenem Umstande nach der gewöhnlichen Methode hergeleitet hat, und nicht selten mit beträchtlichen Vergrößerungen. Eins der am meisten verführerischen Beispiele ist, meines Erachtens, die bekannte Geschichte vom König Jacob, dem 1ten in England. Seine Mutter Maria Stuart war mit ihm schwanger, als ihr Liebling Rizzio vor ihren Augen mit vielen Wunden erstochen wurde. Sie erschrak über diesen Zufall heftig, und wurde nachher von Jacob entbunden, der nun eine solche Furchtsamkeit besaß, daß er nie einen bloßen Degen, ohne Zittern und Entsetzen sehen konnte; aber man verschweigt meistens geflissentlich, daß Jacob sich eben so heftig vor dem Knall einer losgeschossenen Flinte entsetzte, und doch war Rizzio durch kein Schießgewehr umgebracht worden!

Diese Geschichte beweißt (deucht mir) im Grunde das Gegentheil; denn Jacob brachte nicht ein einziges Muttermal zur Welt, trotz den vielen Wunden, die seine Mutter an Rizzio mit Schrecken gesehen hatte. — Wer die Geschichte der zartesten Kindheit Jacobs, und die großen Unruhen in seiner Minderjährigkeit kennt, der kann es, ohne an das Versehen zu glauben, leicht begreifen, wodurch dieser König so furchtsam wurde.

Kein Blutgefäß (weder Schlagader, noch Blutader) gehen unmittelbar von der Mutter in’s Kind, und nicht ein einziger Nerve! Und Einbildungen sind doch, wie alles, was von unsern Sinnen abhängt, ein Spiel der Nerven! Das Kind steht mit seiner Mutter in keiner unmittelbaren Verbindung; es lebt für sich, ein eigenes Leben, lebt durch die Nachgeburt. Wie kann also das Versehen statt haben?

Die Einbildungskraft kann uns gähnen, erbrechen, traurig, fröhlich machen; ober ich weiß nicht, wie sie dem Kinde im Mutterleibe den 11ten Finger, oder einen 2ten Kopf machen kann, oder im Gegentheil wie sie die Nase aus dem Gesichte zu wischen vermag, u. d. gl.

Hat denn die Einbildungskraft der Mutter dem Kinde die 10 natürlichen Finger, oder den natürlichen Kopf gebildet? Ist es denn ein Werk der Phantasie der Mutter, schwanger zu seyn? Im Stande der Unschuld, sagt der heil. Thomas von Aquino, war schon durch die bloße Einbildung der Mutter ein Kind fertig: die Theile, die man jetzt dazu braucht, kamen erst nach der Erbsünde. Wir sind aber bekanntlich nicht mehr in jenen Zeiten. —

Die Muttermäler sind nichts anders, als Hautkrankheiten, oder Knochenauswüchse, die die geschäftige Phantasie der Gevatterinnen im ersten Falle zu Kirschen, Erdbeeren, Mäuse, u. s. w. erhebt; und im letzten entsteht denn oft das, was man mit dem Namen Kalbs-, Schweinsgesichter, Froschköpfe etc. etc. belegt. — Daß die Maulbeeren, Erdbeeren, u. d. gl. im Sommer mit den Früchten dieses Namens wachsen, ist sehr natürlich; das ist ja auch der Fall mit den Sommersprossen, die mit ihnen eine und dieselbe Hautkrankheit sind. Auch bey den Thieren und Pflanzen finden sich Monstrositäten; versehen sich diese etwa auch? Weickardt sagt in dem ihm eigenen Tone: „Ich sah im vorigen Jahre einen Kirschbaum, woran viele Kirschen mit krummen Stielen hiengen. Das muß wohl auch ein Muttermaal an den Kirschenstielen gewesen seyn; vielleicht hat sich der Baum an einem krummbeinichten Kerl versehen, da er eben in der Blüthe stand? Ich sah an einem Apfelbaum einen Apfel, an welchem noch ein kleiner Auswuchs war, der vollkommen einer Stachelbeere glich: ich fand nun bald die Ursache dieses Maalzeichens, indem ich eine Stachelbeerenstaude in der Nähe sah, woran also vermuthlich sich der Apfelbaum muß versehen haben.“

Wenn eine sehr heftige Begierde der Mutter eine Veränderung in der Gestalt des Kindes bewirken kann, wie kömmt es denn, daß es noch so viele Häßliche unter uns giebt? Welche Mutter sehnt sich nicht während ihrer Schwangerschaft nach einem schönen Kinde? Warum endlich gleichen so manche Kinder nicht ihrem vorgeblichen Vater, sondern dem Cicisbeo der Mutter?

Es ist aber doch nichts gewisser, als daß gerade bey den Kindern, über deren Vater die meiste Controverse statt hat, die Mütter den sehnlichsten Wunsch hegen, daß das Kind dem Manne, und nicht dem Hausfreunde gleichen möge.

Ueber die Behandlung der Neugebohrnen.

Inhaltsverzeichnis


Der aus dem Schooße seiner Mutter hervorgetretene Mensch kömmt kaum — in diese beßte Welt, so vereinigen sich (noch ehe er athmet) schon Konvenienz und Vorurtheile aller Art, ihn gleich in Empfang zu nehmen, denn zum Unglück hält er seine joyeuse entrée meist immer unter lauter Weibern.

Halb ohnmächtig, müde, abgemattet von seiner beschwerlichen Reise, kömmt er in ein neues Element. Er muß athmen, er muß sich einer plötzlichen Veränderung der Temperatur unterwerfen; das ist viel, sehr viel. Doch das hat er mit vielen Thieren gemein, aber daß er nun auch gleich einem halben Dutzend Gevatterinnen und Frau Baasen in die Hände fällt, das ist — weit mehr. Nicht selten hat er schon Glieder zerbrochen, verrenkt, ehe er geboren ist u. d. gl.! Bei andern Thieren lehrt der Instinct den Neugebohrnen, was er thun soll, aber den haben unsere Kinder durch die Kultur der Aeltern schon eingebüßt; und hätten sie ihn auch noch, was würde er ihnen helfen? Dem würden die Weiber, und das Profanum Vulgus der Aerzte, die sich immer klüger wähnen, als die Natur, schon secundum Leges Artis begegnen.

Die Mutter ist gleich nach der Geburt, in Beziehung auf andre Thiere, in Beziehung auf natürliche Menschen in einer schrecklichen Lage, liegt oft Stundenlang — ermattet, kraftlos da. Andre Mütter zerkauen meist in diesem Augenblicke die Nabelschnur; allein diese oder sonst eine sichere Trennung von der Nachgeburt, würden unsere Mütter aus Schwäche nicht vermögen; ein Dritter ist daher meist immer schon nöthig, um durch ein Verband das Leben des eben Gebornen zu retten.

Die Natur hat, um das Leben der Neugebornen zu schützen, bei allen uns verwandten Thieren, wo nicht in beiden Zeugenden, doch immer in der Mutter eine kräftige Schutzwehre für den Kraftlosen gesetzt. Denn gerade wie das Kind noch schwächer ist, ihres Schutzes mehr bedarf, gerade in dem Verhältnisse ist ihre Zuneigung größer. Die Natur gab in diesem Zustande dem Kinde Wächter, die das Wohl des Kindes mit ihrem Leben erkaufen, und bey denen in dieser Epoche die laute Stimme eigener Selbsterhaltung taub ist. Das ist der Fall bey sehr vielen Thieren, und der Mensch selbst ist wenigstens hierinn noch nicht ganz ausgeartet. Die Liebe zum Kinde (möchte ich sagen) verhält sich umgekehrt, wie die Kultur der Aeltern. Konvenienz und Degeneration machen den kultivirten Menschen die Kinder gewöhnlich zur Last. Das letzte wirkt sogar auf die Thiere, die der Mensch unterjochte, die er zu seinen Hausthieren machte; auch die lieben ihre Jungen um so weniger, je mehr sie gezähmt sind; betrachten wir z. B. die Pferde, die Kühe, die Schafe etc.; auch bei denen ist dieser edle Instinct fast ganz verloschen.

Wir wollen ein Mal, um zu sehen, was wir mit unsren Neugebornen thun müssen, betrachten, was die Thiere, die uns am nächsten sind, mit den ihrigen machen.

So wie die Jungen zur Welt gekommen sind, lecken die Mütter sie ab, legen sie so, daß sie warm bleiben, und bedecken sie gewöhnlich, um diesen Endzweck vollkommner zu erreichen, von Anfang meistens ununterbrochen mit ihrem Körper, und geben ihnen dann die mütterlichen Brüste. Das Lecken dient ihnen statt des Bades; die Wärme, um den Uebergang von der Temperatur der mütterlichen Gebährmutter zu der der Atmosphäre nicht zu plötzlich fühlen zu lassen; vielleicht auch, um die Wirkungen der Luft auf die noch ungewohnte Haut vor der Hand öfter zu unterbrechen. Die Milch dient den Jungen in diesem Augenblicke statt Arzney, um das Mutterpech abzuführen, und zugleich als Nahrung. Auf die Art, wie die Jungen liegen, nehmen die Alten keine sonderliche Rücksicht: diese liegen, wie sie selbst wollen, das heißt: wie sie am bequemsten warm gehalten werden können. Was thun nun aber wir?

Wir Meisterstücke der Schöpfung kommen mit einem weißen, käsigten Firnis zur Welt, der das erste Bad nothwendig macht, da unsere Damen zum Ablecken sich ohnedies nicht verstehen würden. Wir haben nach den verschiedenen herrschenden Principien der Aerzte uns auch gewöhnlich verschiedener Surrogate für das Lecken bedient. — Viele werfen, wie ehemals die Deutschen, die Kinder, die kaum dem mütterlichen, warmen Bade entschlüpft sind, in eiskaltes Wasser, als wenn es eine Kleinigkeit sey für den Neugebornen, die Temperatur des Mediums, worinn er sich aufhält, von 96° Fahr. plötzlich auf 32° herunter zu bringen. Oder als wenn man den menschlichen Körper wie einen Stahl durch plötzliches Löschen hart machen könnte. Diese Mode ward schon einigemal in verschiedenen Gegenden und zu verschiedenen Zeiten befolgt. Das thaten noch nicht sehr lange russische Mütter. Raulin[11] zeigt in einem eigenen Kapitel, daß bey den Alten die kalten Bäder für die Kinder üblich gewesen seyen. Und dies fand zu jeder Zeit hier und da Beifall. Floyer glaubt, die rachitische Krankheit sey nur erst seitdem entstanden, da man in der englischen Kirche aufgehört, die Kinder bey der Taufe ganz einzutauchen, und sie statt dessen blos besprengt habe. Cullen[12] versichert, daß er in allen den Familien, in welchen man die Kinder von ihrer Geburt an alle Morgen in kaltes Wasser getaucht habe, nie ein Beispiel von einem rachitischen Kinde gesehen habe. Vermuthlich war das der Fall, weil es nur äußerst starke Kinder waren, die das überlebten; die andern wurden wahrscheinlich durch diese Operation nicht bloß von der englischen Krankheit, sondern von allen Uebeln, die uns diesseits des Vorhangs der Ewigkeit befallen können, radikal geheilt[13].

Auch Venel[14] ist für die kalten Bäder, und immer noch giebt es einige Aerzte, die dieser Methode nicht ganz abgeneigt sind, vorzüglich die, die das Rauhe der Erziehung nicht genug vertheidigen können, und ihren ganzen Plan so einrichten, als wenn sie aufgestellt wären, unsere Kinder als Rekruten nach Lappland zu schicken. Offenbar ist diese Sitte aus der irrigen Voraussetzung entsprungen: „Kälte stärkt.“ — Unglücklicher Weise wird meistens nach jener Eisprobe gleich noch eine Art von Feuerprobe vorgenommen, die immerdar, wenn sie ausgehalten werden kann, einen sehr soliden Fond von Kräften des neugebornen Kindes voraussetzt: ich meine das Wickeln. Neun Monate war es in seiner Mutter in einer fast kuglicht zusammengerollten Lage; aber so wie es zur Welt kömmt, so spannt man es gleich kerzengerade in Windeln, umwickelt es recht nachdrücklich mit Binden, und damit dieser kleine mummisirte Martyrer gar nicht friere, so wird er erst in ein Kissen gebunden, mit diesem unter Federbetten in eine Wiege vergraben, diese wieder mit einer Himmeldecke verwahrt, und wenn das Glück gut geht, nun — zum heissen Ofen gesetzt. In der That sollte man glauben, daß einem Menschen, der solche Qualen hat ertragen können, keine andere im Laufe seines künftigen Lebens unerträglich fallen könnten.

Aber was sollen wir dann nun thun in dieser Periode? — Das, was augenscheinlich die Natur gebeut. Sie verträgt nie Sprünge, und wohl am allerwenigsten hier. Man soll das Kind also die Abwechselung der Temperatur so wenig, wie möglich, fühlen lassen. Man soll es daher gleich in ein Bad von lauwarmem Wasser bringen, das die Wärme des menschlichen Körpers hat, und ihm da gelinde den käsigten Ueberzug abwaschen. Brouzet[15] sagt: die Haut bekomme dann eine rosenartige Röthe; und nach Vandermonde[16] sollen die Kinder um so schöner werden, je röther sie nach ihrer Geburt wären, und das ist warlich ein Umstand, der unsere Mütter sehr interessirt. Das Kind hier wie einen Hering mit Salz einzupöckeln, wie Galen[17] schon anrieth, und nach ihm Unterwood, ist widersinnig; es prickelt die Haut, und verursacht ein unangenehmes Jucken. Andere empfehlen, wie Camper z. B. das Waschen mit Seife; allein das lauwarme Wasser thut hier doch wohl dasselbe. Unzweckmäßig sind auch die Zusätze von riechenden Salben, Wein und aromatischen Wässern bei gesunden Kindern; weil diese mehr oder weniger reizen, und hier ist doch gar nichts nöthig, als — das Abwaschen der käsigten Materie.

Nach diesem Bade trockne man das Kind ab, ziehe ihm die Kleider an, von denen wir unten reden werden, und halte es so warm, daß es die Temperatur des vorigen Aufenthalts nicht vermißt. Man lege es erst zu seiner Mutter ins Bette, und fange allmählig an, es vor und nach etwas mehr und mehr an die Atmosphäre zu gewöhnen, indem man es zuweilen am Tage aus dem Bette herausnimmt, und in dem Zimmer herumtragen läßt.

Aber wie sieht es mit seiner ersten Nahrung aus? — Mir deucht, es leide keinen Widerspruch zu behaupten, daß die Mutter dem Kinde die Brust reichen müsse; wenn nicht physische Fehler es ihr schlechterdings unmöglich machen.

Ueber das Selbststillen.

Inhaltsverzeichnis


So weit ist es nun mit uns gekommen, daß man jetzt beweisen muß, daß man das thun soll, was die Natur so laut befiehlt! — Ist es der Gesundheit des Säuglings zuträglicher, die Milch seiner Mutter zu trinken, oder die einer Amme; oder ist es vollends besser für das Kind, ihm Thiermilch zu geben? Das sind Fragen, die man noch in unsren Zeiten aufstellt. — Wunderbare Fragen! Wahrlich wunderbar! Und doch hat nicht der Pöbel bloß sie aufgestellt, sondern auch Aerzte! — Die Natur gab ja unsern Weibern Brüste, bereitet diese schon in der Schwangerschaft allmählig zum Säugen vor, und wirft der Kindbetterinn meist unter einem heftigen Fieber die Milch stromweise in diese Organe! Das ist der Fall bei allen säugenden Thieren, und auch bei Menschen. Größern Beweis unserer Ausartung giebt es doch wohl nicht, als eben diese Fragen!

Man sollte es kaum glauben, daß ein Thier in der Schöpfung so weit sinken könnte, daß es mit dreister Stirne, frevelnd gegen die Gesetze der Natur die volle Quelle auszutrocknen wage, die nach der Entbindung, als in dem gefährlichsten Zeitpunkte des Lebens, der Gebärenden zur Sicherheit, und zur zweckmäßigsten Nahrung ihres Kindes aus ihren strotzenden Brüsten strömt; daß unsere empfindelnden Schönen, die in Ohnmacht fallen, wenn sie eine Gans bluten sehen, sich erdreisten könnten, ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit auf so eine gefahrvolle Art aufs Spiel zu setzen[18]. — Auch unsere Hausthiere thun in diesem Punkte wieder um so vornehmer, je länger sie von den Menschen unterjocht, je mehr sie kultivirt sind. Unsere Kühe, unsere Ziegen geben Milch ohne ihre Säuglinge; aber auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung geben die Kühe der Hottentoten und die Ziegen keine, wenn nicht ihr Kalb dabei ist; ist das geschlachtet, so wird das Fell über ein andres gelegt, damit sie bei Empfindung des Geruchs die Milch fließen lassen[19]. Auch Pallas[20] erzählt, daß weder die Kühe, noch die Stuten bei den Kalmucken Milch geben, wenn nicht ihr Kalb oder Füllen gegenwärtig ist. Aber bei uns hat kaum die, leider! so oft ganz gegen ihren Willen schwangere Mutter geboren, so ist weder ihre eigne Gefahr, noch die Stimme der Natur vermögend, ihre Rechte geltend zu machen. Eiligst entzieht sie sich dieser heiligen Pflicht, und übergiebt ihr Kind einem Thiere, oder, wenn es viel ist, einer Säugamme, die, wie J. J. Rousseau sagt, nicht den Namen Mutter verdient, wenn sie um ein Stück Geld ein fremdes Kind dem ihrigen vorzuziehen niederträchtig genug ist. Sehr viele redliche Männer, vorzüglich Aerzte aus allen Nationen, denen das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, haben es übernommen, unsern Weibern die schlechte Erfüllung ihrer Mutterpflicht vorzuwerfen, ihnen die Schuldigkeit und Vortheile des Selbststillens, die Gründe, warum eine Mutter ihr Kind selbst stillen soll, und die glücklichen Beispiele überzeugend mit Beredsamkeit darzustellen. An Ueberzeugung kann es nicht fehlen; nur Ausgelassenheit, Wollust, Schwelgerei, und Gemächlichkeit haben dieses Band der mütterlichen Liebe zerrissen; denn so, wie es jetzt bei uns ist, so war es auch zu Rom, als die Ueppigkeit am höchsten gestiegen war. Plutarch erzählt schon als etwas außerordentliches, daß die Mutter des Kato selbst gestillt habe. Aber damals waren die Sitten unserer Ahnen noch nicht verdorben. Da waren die stillenden Frauen nicht, wie jetzt, ein verächtlicher Haufen entehrter Weibsbilder. Dort (erzählt Tacitus)[21] stillt jede Mutter ihre Frucht mit eigenen Brüsten. In unsern Tagen, sagt Frank, würde Tacitus diese, wie viele andere Stellen, die er zu unserm Lobe geschrieben, ganz ausstreichen müssen. Die Zärtlichkeit deutscher Weiber ist nun zu ihren Ehegatten gar zu groß, als daß sie in Erfüllung dieser Pflichten ihren Wuchs und das Harte und Runde ihres Busens zernichten möchten.

Auch der eigene Vortheil der Weiber ist es sogar, wenn sie diese mütterliche Pflicht nicht versäumen; denn die nicht stillenden Mütter sind fürchterlichen Zufällen, und dem Tode weit eher unterworfen. — Wir wollen, um nicht zu weitläufig zu werden, hievon nur einige Data näher beleuchten. Wenn sich die Kindbetterinn von der verrichteten Arbeit etwas erhohlt, so wendet sich der Trieb der Säfte zu den zwei größten Drüsen des Körpers: zu den Brüsten, durch deren natürliche Ableitung bei dem bestimmten Saugen des Kindes alle Beklemmung gehoben wird, und alle vorhergegangene Ueberfüllung der Gefäße sich legt. Durch das Saugen des Kindes, so oft es die Brustwarzen aufrichtet, wird die Geburtsreinigung der Mutter befördert, und die hält in diesen Umständen nicht lange, selten länger, als vierzehn Tage an, da die Nichtstillenden Wochen, selbst Monate lang damit zu kramen haben. Die Gebärmutter gewinnt Zeit, ihre vorige Stärke wieder zu erhalten, und dadurch die Mutter zur künftigen Schwangerschaft geschickter zu machen. Viele Weiber, die die Wohlthat und das Vergnügen ganz Mutter zu seyn, fühlen wollten, versichern, daß sie nie so wohl gewesen wären, als in der Säugezeit, und daß auch die Natur mit dieser Pflicht ein sinnliches Vergnügen verbunden habe; das bestätigt Ballexerde, und Morton; letzter erzählt, daß bei verschiedenen Engländerinnen, denen durch ihre delikate Leibesbeschaffenheit eine Auszehrung bevorstand, ihre Gesundheit durch das Säugen stärker, und blühender geworden sey. Ich selbst sah mehrere Weiber, die diese Pflicht übernommen hatten, während dieser Zeit schöner, und vollkommner werden. Ihr Aussehen war lebhaft, sie waren munter an Geist und Leib, ihre Brüste wurden nicht durch Knoten und Abscesse verunstaltet, ihr Fleisch war fest und stark. Leake[22] empfiehlt das Selbststillen sogar um der Schwindsucht vorzubeugen, und Bierchen[23] erzählt ein Beispiel, wo durch das Säugen ein schmerzhafter Scirrhus geheilt ward. Es ist eine Folge des vernachlässigten Selbststillens, wenn man bei den mehrsten Halbmüttern aus erwähntem häufigern Zuflusse der Säfte zu den Geburtstheilen bald nach der ersten Niederkunft den weißen Fluß[24] entstehen sieht. Wohl drei Viertel nichtstillender Mütter sind diesem ekelhaften Ungemache unterworfen, wodurch wahrlich die eheliche Zuneigung — nichts gewinnt. Das ist aber im Gegentheile so etwas seltenes bei Säugenden, daß man beinahe nie eine Säugamme hieran, oder am Krebse oder an Milchgeschwüren etwas bedenkliches leiden sieht.

Aber betrachten wir nur den Einfluß, den das Nichtstillen der Mütter auf das Kind hat. Es ließ sich schon vorhersagen, daß dieser äußerst nachtheilig seyn müsse; denn kann das ohne Uebel abgehen, wenn ich so plötzlich dem Kinde statt seiner gewohnten Nahrung eine andre willkührliche erkaufe? Wenn ich dem Kinde statt den Säften, aus denen es (ich möchte fast sagen) ganz besteht, auf einmal andre gebe? Aber die Erfahrung hat hier die Theorie auf eine traurige Art bestätigt, denn die Sterblichkeit der Kinder ist jetzt außerordentlich groß[25], und ist offenbar da viel größer, wo mehrere Mütter ihre Kinder nicht stillen[26]. Es giebt einige, die die Thiermilch der Frauenmilch an die Seite setzen, oder gar vorziehen[27]. So behauptet Brouzet: die Kühmilch, mit der man in nördlichen Ländern oft Kinder zu erziehen pflegt, sey gleich gut mit der Frauenmilch[28]. Er hätte noch, sagt Frank, die Guancho’s auf Teneriffa beizählen können, die ihre Kinder statt Müttern den Ziegen anhängen. Man hat vorzüglich dafür gesagt: die Fortpflanzung der bösen Neigungen werde durch den Genuß der Muttermilch unterhalten, und durch Thiermilch natürlich unterdrückt. Aber ist denn nicht die Milch anderer Thiere von der Weibermilch sehr unterschieden? Ist nicht für eine jede Art lebender Geschöpfe eine eigne Art Milch bestimmt? Und warum hätte die weise Natur gerade die Frauenmilch so verschieden von jeder andern gemacht? Man lese nur die Analisen, vorzüglich die neuern, der Milcharten. Der Unterschied zwischen Frauenmilch und Thiermilch[29] ist wirklich so auffallend groß, daß schlechterdings keine andre Milch dafür ein Surrogat abgeben kann. Es zeigt wahrlich einen großen Grad von chemischer Unwissenheit bei den Aerzten an, die sie bei den Neugebornen der Menschenmilch substituiren wollen. Man braucht sich hier nur an die Schwierigkeiten zu erinnern, mit der sie durch Säuren zum Gerinnen gebracht werden kann, an die Verschiedenheit des Rahms in der Frauenmilch von dem in der Kühmilch, daß man z. B. nie wirkliche Butter daraus bereiten kann, u.s.w., was hier unnöthig wäre weitläufig zu erzählen; so ist es deutlich genug, daß Thiermilch für die Neugebornen eine zweckwidrige Nahrung ist. Wie verschieden müssen also die Erfolge seyn, die aus der Ernährung mit dieser oder jener Milchart entstehen! Gesetzt auch, man wollte das weibliche Geschlecht so weit herabsetzen, und für gewiß annehmen, daß das Verderbniß ihrer Sitten gestiegen sey; welchen Vorzug würde dieses in Rücksicht auf das Sittliche der Thiermilch vor der Frauenmilch geben? Gleichgültiger sind wohl andre Thiere; aber obschon wenigern, doch auch heftigern Leidenschaften unterworfen. Werden nicht diejenigen, so die Frauenmilch als eine Ursache von Leibs- und Seelenkrankheiten verwerfen, die Dummheit des Esels von der vorgeschriebenen Eselsmilch, und das Geile der Ziege von der Ziegenmilch befürchten müssen? So erzählt wenigstens Unzer[30] eine aus dem englischen Zuschauer entlehnte Geschichte, daß nemlich ein im übrigen rechtschaffener Mann, der mit Ziegenmilch war aufgezogen worden, wenn er sich allein befand, zu hüpfen und zu springen anfing, und von Reins redet von einem mit Saumilch gestillten Knaben, der als Jüngling im Essen, und Trinken so unflätig und ungezogen lebte, daß er an eine körperliche Bildung gar nicht dachte, und die kothigen und schmutzigen Orte so liebte, daß er sich immer sehnte, sich darin herumwälzen zu können; was er denn auch that, wenn ihn niemand sah. Zudem, so liegt ja oft bei Thieren eine Krankheit verborgen, und ihre Sehnsucht nach Begattung macht nicht selten bei ihnen eine eigne Art von Krankheit, die ganz gewiß für das Wohl des Säuglings nicht gleichgültig ist. Auch bewährt das die Erfahrung hinlänglich: So sagt z. B. Joh. Ailken,[31] Das Großziehen der Kinder ohne Säugen habe in seinem Vaterlande nicht gelingen wollen; die meisten Kinder stürben. Es kann wirklich eine so starke Abweichung von dem Gange der Natur nicht ohne Schaden seyn. Die Erfahrungen in Findelhäusern beweisen es auch so augenscheinlich, daß es der Menschheit für ihren Todtenlisten graut.

Das Erziehen mit Ammenmilch hat freilich eher etwas für sich, aber dennoch ist der Nachtheil für den Säugling auffallend groß. Er verliert schon gleich im Anfange seines Lebens die erste ihm so wesentliche Nahrung der Mutter, die gleichsam nur aus dünnen Molken besteht, die von der Natur dazu bestimmt ist, den in dem Unterleibe gesammelten Unrath abzuführen; denn es ist ja fast unmöglich, eine gute Amme gerade zu finden, die mit der Mutter am selben Tage niedergekommen ist. Und denn ist das Kind wahrlich nicht aufgelegt, welches so eben aus dem warmen Unterleibe seiner Mutter entschlüpft, sich nun an Luft und Athemholen gewöhnen muß, gleich eine Nahrung zu nehmen, die von den Säften seiner Mutter, von denen es bisher lebte, so verschieden ist. Es ereignet sich bei ihm fast das nemliche, was bei den Pflanzen geschieht, die, wenn sie von ihrem Geburtsorte weggenommen werden, nun auf ihrem neuen Standorte nicht gut Wurzel fassen, und leicht verdorren, oder bei einem Ueberflusse von fremder Feuchtigkeit, von ihrer natürlichen Gestalt in ein schwammigtes Wesen ausarten. Eben so wird auch jederzeit einer fremden Milch, ob sie schon alle Kennzeichen einer gesunden an sich trägt, ihre Eigenschaft zu nähren fehlen, welche die Muttermilch, die den zarten Bau bis jetzt unterhielt, und durch die Bemühung, und nach dem Gesetze der Natur bereitet wurde, in einem so hohen Grad besitzt[32]. Aber der wichtigste Punkt, der Punkt, bei dem dem Menschenfreunde die Haut schaudert, ist: die Einpfropfung physischer und moralischer Gebrechen auf diesem Wege. Der Säugling nimmt offenbar Antheil an den Gemüthsbewegungen und Krankheiten der Säugenden. Balbini kannte ein siebenjähriges Mädchen, das einen unwiderstehlichen Hang zum Branteweintrinken von seiner Amme eingesogen hatte. Baume kannte eine Dirne, deren Arme konvulsivisch bewegt wurden, und welche diese Krankheit auf ein Mädchen fortpflanzte, was sie stillte. Helmont erzählt, daß er eine Säugamme gekannt habe, die ausgelassen, diebisch, geizig etc. war, und die diese Eigenschaften allen ihren Säuglingen einflößte. Wie oft werden nicht gefährliche Krankheiten auf diese Art in den Säugling gebracht! Das ist der Fall vorzüglich mit der Lustseuche. Blumenbach erzählt hievon ein schreckliches Beispiel. Ich selbst sah einst ein schönes, junges Frauenzimmer, der ich mich in diesem Augenblicke noch sehr lebhaft erinnere; ich erschrak, als sie zu sprechen anfing; sie sprach durch die Nase, und so undeutlich, daß man sie kaum verstehen konnte. Die Ursache ihres Unglücks war ihre Amme, die sich durch ihre Lüderlichkeit die Lustseuche zuzog, und sie dem Kinde mittheilte, was kaum mit dem Verluste des Zäpfchens etc. gerettet wurde.

Diese Thatsachen (glaube ich) werden es niemanden schwer machen, obengenannte Fragen zu beantworten. Der würde sich das größte Denkmaal in den Jahrbüchern der Menschheit errichten, der es dahin bringen könnte, daß alle Mütter ihre Kinder selbst stillen müßten. — Ich glaube, man könnte dies dadurch bewerkstelligen, daß der Staat solche unnatürliche Mütter ohne Rücksicht des Standes bestrafte; — oder daß man, wie bei den Alten, das Fest der Entwöhnung mit vieler Pracht und Feierlichkeit wieder einführte. Von Seiten der Eitelkeit ist ja unsern Weibern am besten beizukommen. Man führe das Fest mit vielem Glanze ein, lasse sie in Begleitung einer ansehnlichen Menge ihrer Freundinnen — im prachtvollsten Anzuge dafür öffentlichen Dank hören. Dann thut sicher die Eitelkeit und das Vergnügen, einen Tag mehr zu haben, wo man im Glanze erscheinen kann, vor der Hand mehr, als alle Moralisten und Aerzte durch Gründe und Ueberredungskunst vermochten.

Aber wie muß sich die Mutter während der Säugezeit verhalten? Muß hier ihr Betragen so ängstlich und pünktlich seyn, wie man im gemeinen Leben dafür hält, und verschiedene Aerzte es anrathen?[33] — Ganz und gar nicht. Sie soll arbeiten, und wenn sie dazu zu vornehm ist, brav spazieren gehen; sie soll essen und trinken, so viel sie Hunger hat. Sie soll sich für heftige Leidenschaften hüten, und im Ganzen so betragen, wie sie sich in jeder Periode des Lebens betragen muß, wenn sie gesund seyn will. Mangel an Bewegung[34], sich vor der Luft verwahren, eine andre Lebensart anfangen, ist gerade das, was der Mutter und dem Kinde nachtheilig ist; und die Säugende erhält eben dadurch sehr leicht, die in dieser Periode so gefürchtete monathliche Reinigung[35]. Es ist zwar ein Vorurtheil, was von den ältern Aerzten herkömmt, daß die Erscheinung des Monatlichen dem Kinde nachtheilig sey[36]; allein diese Erscheinung hat bei Säugenden, die sich vernünftig betragen, ohnedies nur höchst selten statt; wie das der Fall bey unsern Bäuerinnen ist; und wenn sie eintritt, so darf sich deswegen die Mutter vom Stillen nicht lossagen; da auch die Erfahrung es deutlich zeigt, daß die Reinigung weder der Mutter, noch dem Kinde Nachtheil bringt: es sey denn, daß die Mutter sehr blutarm sey, oder das Kind sich offenbar übel dabei befinde. In dem Falle ist gewöhnlich eine Krankheit der Mutter Schuld an diesem Blutflusse, und daher schadet die Milch dann dem Kinde, nicht weil die Stillende ihre Reinigung hat, sondern weil sie krank ist.

Noch ist zu bemerken, daß nicht jede Krankheit der Mutter immer bösen Einfluß auf den Säugling hat. Man hat gesehen, daß Mütter in sogenannten faulen Fiebern, beym bösartigen Kerkerfieber[37] bis an den Tod ihr Kind ohne Nachtheil selbst gestillt haben. Im Gegentheil kann es gewiß oft sehr üble Folgen für die Mutter haben, wenn sie in einem heftigen Fieber plötzlich den Säugling entwöhnt. Doch da es für, aber auch wider noch Erfahrungen gibt, so läßt sich hierüber nichts allgemeines bestimmen; indessen ist es sicherer für das Kind (wenn es nicht mehr gar zu jung, wenn es schon mehr als sechs Monate alt ist), ihm, wenn die Mutter krank wird, eine Amme zu geben. Auch mache man es sich zur Regel, dem Kinde nie die Brust zu geben, wenn sich die Mutter, oder Amme geärgert hat, sondern lieber alle Milch auszuziehen; denn genaue Beobachter lehren, daß eine solche Milch dem Kinde wahres Gift sey, und daß oft die Fallsucht, und nicht selten selbst der Tod darauf erfolge.[38] — Es gibt auch in neuern Zeiten noch Aerzte von Bedeutung, die die alte Meinung begünstigen; daß während der Säugezeit der Beischlaf dem Kinde schade; so sagt Rosenstein[39]: „Sie (die Amme) muß sich nicht von der Liebe hinreißen lassen; denn das Kind leidet dadurch und die Milch wird ungesund und salzig. Daher erfodert die Vorsichtigkeit, daß man einer verheiratheten Amme nicht Gelegenheit läßt, mit ihrem Manne umzugehen. Bemerkt man bey ihr ein Verlangen darnach, so ist sie nicht weiter tüchtig, Amme zu seyn.“ Aber wenn das wahr wäre, wie viel Kinder würden wohl gesund bleiben! Sind nicht auf dem Lande sehr oft die Weiber wieder schwanger, ehe sie zu säugen aufhören? Wird nicht die Sehnsucht weit größern Einfluß auf die Gesundheit haben, als der Genuß? Ich finde daher gar keinen Anstand, der Mutter in dieser Zeit den ehelichen Umgang ganz zu erlauben; da er ohnedies im Ehestande nicht immer mit sehr gewaltigem Reize verbunden seyn mag. —- Selbst eine eintretende Schwangerschaft darf die Mutter nicht abhalten, ihr Kind zu stillen, obschon unsre leichtgläubigen Alten hiebey viel arges ahndeten. Van Swieten beweist vorzüglich unter den neuern Aerzten, wie ungegründet diese Furcht sey[40]: dabey ist der Fall bey säugenden Frauen nicht sehr häufig. Weiber haben meistens Ueberfluß an Milch, wenn sie gesund sind, oft mehr als drei Pfund täglich zu viel, wie Haller bemerkt; Mütter können ja auch ohne ihren Schaden und ohne Nachtheil für die Frucht Zwillinge und Drillinge ernähren. Warum sollen sie also nicht auch eins an der Brust, und ein anderes im Unterleibe ernähren können? Die Bösartigkeit der schwangern Milch, von der uns die Alten erzählen, ist Grille, ist Hypothese, die die Erfahrung täglich widerlegt. Welcher Chemist fand, was Schenk sagt[41]: Die Milch werde auf eine neue Schwangerschaft süßlicht und wässerichter? Oder daß die Milch der Schwangern eine widerstehende und abscheuliche Natur annehme? Doch thut man nach meiner Meinung am besten, wenn man auch hier den mittlern, und daher, wie fast immer, den sichersten Weg einschlägt, und den Säugling bis zur Hälfte der Schwangerschaft trinken läßt; dann ist er gewiß in dem Falle, daß er der Muttermilch nicht mehr so sehr bedarf. Uebrigens aber versteht es sich, daß hier so wohl als bey der nicht schwangern Mutter das Säugen in jeder Periode ausgesetzt werden muß, wenn man sieht, daß die Milch dem Kinde nicht bekömmt; was aber ganz gewiß sehr selten der Fall seyn wird.

Aber nun die letzte Frage: Wie lang soll eine Mutter ihr Kind stillen? — Im allgemeinen läßt sich das freilich nicht mit Zuverlässigkeit bestimmen; denn natürlich ist ein Kind schwächer als das andre, und bedarf also der Muttermilch länger. Das beste ist hier: man folge der Natur, die den Termin des Entwöhnens zu bestimmen scheint, wenn sechs oder acht Zähne zum Kauen der Speisen durchgebrochen sind: Es sey denn, daß eine noch besondere Schwäche des Kindes die zarte und weiche Nahrung von der Mutter nothwendig mache, die sich denn durch schwache Gliedmassen, und Muskeln, durch allzu große Zartheit der Haut, und welkes Fleisch zu verrathen pflegt. Wenn es aber die Mutter zu sehr schwächt, so darf man darauf nicht bestehen, und muß sie denn eher dispensiren. Der Fall ist doch zuweilen, daß durch das lange Stillen eine Anlage zur Auszehrung und ein asthenischer Habitus entsteht.

Auch ist das zu lange Stillen für den Säugling, wenn schon die Milch nicht fehlerhaft ist, gar nicht zuträglich. Und es würde ja eben so widernatürlich seyn, diesen Zeitpunkt zu verlängern, als ihn eigenmächtig abzukürzen! — Das Entwöhnen muß allmählig geschehen, sonst giebt es mehrere Ungemächlichkeiten für Mutter und Kind; denn durch das plötzlich beendigte Stillen wird eine beträchtliche Ab- und Aussonderung in dem Körper unterdrückt; daher schwellen von der angehäuften Milch die Brustdrüsen so leicht an, und entzünden sich: Morton erzählt Beispiele, daß von dem jählingen Entwöhnen die Schwindsucht entstanden sey. Nur wenn das Stillen zu lang geschieht, hat der Einwurf statt, durch den man das Selbststillen herabwürdigen wollte: daß nämlich die stillenden Mütter weniger fruchtbar wären; und Süsmilch glaubt mit Recht[42], daß die Gewohnheit der Türkinnen, die zu Aleppo ihre Kinder bis in das dritte, vierte Jahr säugeten, zur Entvölkerung Asiens beitrage: So sah auch Cleghorn[43] zu Minorka die armen Weiber ihre Kinder zwey bis drey Jahre stillen, um nicht ihre Familie zu sehr zu vermehren. Allein daß selbststillende Mütter, die die Pflicht der Natur genau erfüllen, weniger fruchtbar seyen, ist ganz falsch, und streitet gegen alle Erfahrung; denn Leute von der Klasse der weniger Vermögenden in den Städten haben offenbar eine größere Anzahl Kinder, als solche, die zum Stillen zu vornehm sind. Die Bäuerinnen will ich nicht einmal anführen; weil hier mehrere Umstände z. B. ihre gesundere Kost, ihre natürlichen Geschäfte schon zu ihrer größern Fruchtbarkeit mit beitragen. Aber gesetzt: man könnte erweisen, daß nicht stillende Weiber öfter gebähren; könnte das wohl ein Grund gegen das Stillen mit Frauenmilch seyn? Wahrlich nicht; denn gewiß werden wir dann die Grenzen der Fruchtbarkeit, die die weise Natur in dem Stillen legte, nicht mit frevelnder Hand willkührlich erweitern dürfen, ohne unsern eigenen sehr empfindlichen Nachtheil. Wir sehen auch wirklich manchmal, daß nicht stillende Weiber eher wieder von neuem schwanger werden; allein sie werden durch die schnell aufeinander folgenden Geburten und Schwangerschaften, ehe sie Zeit hatten, sich zu erhohlen, außerordentlich geschwächt, und ihre Kinder aus demselben Grunde treffliche Rekruten — für Spitäler und Siechenhäuser.

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