Kitabı oxu: «Ich will doch nur frei sein»

Şrift:

Originalausgabe

1. Auflage 2020

Verlag Komplett-Media GmbH

2020, München

www.komplett-media.de

ISBN E-Book: 978-3-8312-7035-4

ISBN print: 978-3-8312-0554-7

Text-Mitarbeit & Konzept: Alexander Behr

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Cover und Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Ich möchte dieses Buch all jenen widmen, die in ihrem Drang nach Frieden, Freiheit und Wohlergehen ihr Leben verloren haben, sei es in der Wüste oder auf dem Meer, in den Foltergefängnissen in Libyen oder in der Gewalt von Dschihadisten. Im Gedenken an sie wollen wir die Schicksale aller Leidenden im Bewusstsein behalten.

Inhalt

Vorwort von Claus-Peter Reisch

Vorwort von Filimon Mebrhatom

Der Überfall durch die eritreische Armee im Sommer 2010

Meine Kindheit

Meine Schulzeit

Meine Ausbildung zum Kameramann

EXKURS: Warum fliehen Menschen aus Eritrea?

Erste Etappe in mein neues Leben

Aufbruch Richtung Sudan

Zweiter Versuch

Mein Weg durch die Wüste

In der libyschen Hölle

Das Massaker im libyschen Gefängnis

EXKURS: Libyen – vom Bürgerkrieg zerrissen

In der Gewalt der Dschihadisten

Endlich frei

EXKURS: Libyen, Europa und die Flucht über das Mittelmeer

Über das Mittelmeer

Ankunft in München

Mein Leben in Deutschland

Meine Zukunft in Deutschland

Danksagung

Vorwort
von Claus-Peter Reisch

Es ist schon bemerkenswert zu erfahren, aus welchen Gründen sich Menschen auf die Flucht aus ihren Heimatländern machen. Viele fliehen vor den Kriegen, wie etwa aus Syrien oder dem Jemen, um nur zwei Beispiele zu nennen. In vielen Ländern toben Stellvertreterkriege, es geht um Geld, geopolitischen Einfluss und natürlich um Ressourcen. Allen voran Öl und Mineralien. Die einheimische Bevölkerung betrachtet man dabei wohl als Kollateralschaden.

Die im Überfluss lebende Gesellschaft der sogenannten »Ersten Welt« bedient sich gern an den Gütern des ärmeren Teils der Erde und vergisst dabei oft, eine entsprechende Entlohnung zu bezahlen. Gleichzeitig werden diese Länder dann mit unseren billigst erzeugten Waren oder gar Abfall überflutet, und man nimmt den Menschen ihre Erwerbsquellen. Aber das ist ja weit weg, und so gut wie niemand kümmert sich darum. Anders wird es, wenn diese Menschen plötzlich bei uns an der Tür klingeln. Dann ist mit einem Mal die Empörung groß und die Ablehnung in manchen Bevölkerungsteilen teilweise wirklich rassistisch motiviert.

Filimon ist unter anderem vor den Repressionen des sogenannten »Nationaldienstes« geflohen. Er hatte Angst, einfach in diesem unmenschlichen System für unbestimmte Zeit zu verschwinden. So wie viele vor und nach ihm ebenso. Er sah, ebenso wie viele seiner Landsleute, keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Sicher ein guter Grund zu gehen.

Die Geschichte, die Filimon über sich erzählt, ist so authentisch, wie sie authentischer nicht sein könnte. Er beschreibt seine Erlebnisse mit der Emotion eines Betroffenen, und er hat wirklich sehr viel Glück im Unglück gehabt. Er hat überlebt. Viele seiner Landsleute sind auf der Flucht umgekommen, und nicht einmal ihre Angehörigen wissen etwas über ihr Schicksal. Seine Schilderungen über Libyen und die Fahrt über das Mittelmeer kann ich nur allzu gut nachvollziehen.

Dass Europa weder die Fluchtursachen wirksam bekämpft noch die Menschen aus lebensbedrohlichen Situationen rettet, ist beschämend. Aber auch der Umgang mit den Geflüchteten hierzulande ist oft unmenschlich. Die Willkommenskultur ist trotz vieler großartiger Initiativen und des großen ehrenamtlichen Engagements der Zivilbevölkerung nicht mehr das, was es noch 2015 war.

Wir sollten Menschen wie Filimon eine reelle Chance geben, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Mag sein, dass das nicht immer einfach ist. Aber es lohnt sich. Für beide Seiten.

Ich wünsche Filimon alles, alles Gute für seinen Lebensweg und bin froh, dass er dieses Buch geschrieben hat. Ich hoffe, dass es vielen Leuten einen Eindruck und vor allem ein Verständnis für die Geflüchteten vermittelt.

Herzlichst und in freundschaftlicher Verbundenheit,

Claus-Peter Reisch

Kapitän der Lifeline

Vorwort
von Filimon Mebrhatom

Ich war vierzehn Jahre alt, als ich mein Heimatland Eritrea verlassen und unter schrecklichen Bedingungen die Flucht angetreten habe. Eritrea ist ein kleines Land am Horn von Afrika, das von einem rücksichtslosen Diktator in Schach gehalten wird. Es gibt weder Meinungs- noch Pressefreiheit, und junge Menschen werden in einen brutalen Militärdienst gezwungen, dem Monat für Monat Tausende durch Emigration entkommen wollen – so auch ich.

In einer Nacht im Januar 2014 floh ich über die südliche Grenze nach Äthiopien. Von dort führte mich mein Weg durch den Sudan nach Libyen. Bei der Durchquerung der Sahara erlitt ich furchtbare Gewalt. Ich geriet in die Fänge von Dschihadisten, wurde eingesperrt, gefoltert und versklavt. Zu meinem großen Glück gelang es mir, der Verbrecherbande zu entkommen. Auf einem Flüchtlingsboot verließ ich gemeinsam mit Hunderten anderen Flüchtenden die libysche Hölle und wurde auf hoher See von einem Schiff der italienischen Marine gerettet. Knapp ein Jahr, nachdem ich von zu Hause aufgebrochen war, im Dezember 2014, kam ich schließlich in München an, wo ich heute lebe.

Zum Glück habe ich meine Flucht nicht mit dem Leben bezahlt. Mir geht es hier in Deutschland gut, und ich lebe nun in Freiheit und Sicherheit. Doch ich habe auch großes Heimweh. Ich möchte meine geliebte Mutter, meine Familie, meine Freunde und Bekannten wiedersehen. Tag für Tag denke ich daran, wie ich mit den anderen Kindern meines Dorfes im Freien gespielt und gesungen habe. In Deutschland leben die Menschen isoliert – die meisten sitzen abends zu Hause vor dem Fernseher oder vor dem Computer. Ich hingegen wuchs ohne Facebook, WhatsApp, Viber, YouTube oder Netflix auf. Da es auf dem Dorf weder Internet noch Strom gab, kannte ich all das nicht. Alles, was uns mit der Außenwelt verband, waren krachende, batteriebetriebene Radios, die wir in die Höhe halten mussten, um nach Empfang zu suchen.

Wie sehr vermisse ich die Sonne und das Licht in Eritrea! Die Luft ist sauber und riecht gut, das Essen ist frisch und frei von Pestiziden. Ich sah stets den Lauf der Sonne und des Mondes, was in einer deutschen Großstadt nur schwer möglich ist. In meiner Heimat hingegen ist der Himmel frei – wie oft blickte ich gemeinsam mit den anderen Kindern zu den Sternen und suchte nach Sternschnuppen!

Wer verlässt sein Heimatland schon freiwillig und vor allem allein, im Alter von vierzehn Jahren? Doch solange die Diktatur in Eritrea besteht, ist an eine Rückkehr für mich nicht zu denken.

Es heißt, ein Fünftel der knapp sechs Millionen Einwohner Eritreas lebe im Ausland. Obwohl unser Land klein ist, kamen seit dem Jahr 2013 mehr als 60.000 eritreische Asylbewerber nach Deutschland, mehr als aus jedem anderen afrikanischen Land. Es findet ein regelrechter Exodus statt, und noch immer verlassen jeden Monat etwa 3000 bis 5000 Menschen Eritrea.1

Die Regierung des Landes übernimmt keine Verantwortung für die Menschen, die weggehen. Aufgrund der nicht existierenden Pressefreiheit wissen nur wenige Menschen in Eritrea, wie schrecklich die Lager in Libyen tatsächlich sind. Nichts davon wird im staatlichen Fernsehen oder in der einzigen Zeitung des Landes berichtet.

Ein Zeichen dafür, wie sehr junge eritreische Migrantinnen und Migranten das Regime in Asmara fürchten, sind die zahlreichen Selbstmorde von eritreischen Jugendlichen, denen die Abschiebung aus Europa droht. Besonders tragisch ist der Fall von drei jungen Eritreern in London, die sich im Jahr 2017 und 2018 aus Verzweiflung und aus Angst, abgeschoben zu werden, das Leben nahmen. Keiner von ihnen war älter als neunzehn Jahre.2

Diese Dinge müssen ein Ende haben. Wann sehen wir Freiheit und Frieden? Wann wird es in unserem Land Wahlen geben, wann wird sich die Meinungsfreiheit durchsetzen? Die Menschen in Eritrea fühlen sich von der Welt im Stich gelassen: Europa interessiert sich mehr für die Abwehr der Flüchtenden als für eine wirkliche Bekämpfung der Fluchtursachen. Was wir brauchen, sind Hilfe und Solidarität, um die Diktatur zu stürzen. Ich habe mir geschworen, mich mit all meinen Kräften dafür einzusetzen, dass sich die politische Situation in meinem Heimatland so bald wie möglich zum Positiven verändert.

Mehr als fünf Jahre sind nun vergangen, seit ich Eritrea verlassen habe. Nach meiner Ankunft in Deutschland im Winter 2014 schrieb ich immer wieder Passagen meiner Flucht auf. Zunächst in meiner Muttersprache Tigrinya, dann immer öfter auf Deutsch. Es fiel mir unglaublich schwer, an die schrecklichen Erlebnisse zurückzudenken – doch das Schreiben war für mich gleichzeitig eine Art Therapie. Auf diese Weise konnte ich das Erlebte verarbeiten, und es erschien mir, als ob ich durch den schriftlichen Ausdruck ein Stück weit meinen Schmerz abschütteln konnte.

Etliche Jahre lang lagen die zahlreichen Manuskriptseiten in meiner Schublade, ohne dass sich irgendjemand dafür interessierte. Aber als ich im Frühling 2019 in München einen Vortrag über meine Fluchtgeschichte hielt, änderte sich dies schlagartig: Julia Loschelder vom Verlag Komplett-Media trat an mich heran und schlug eine Publikation meiner Geschichte vor. Im Lauf des restlichen Jahres arbeitete ich zusammen mit dem Wiener Politikwissenschaftler, Journalisten und Aktivisten Alexander Behr intensiv an dem nun vorliegenden Buch. Alexander half mir, meine Textfragmente auszuformulieren und zu einer kohärenten Geschichte zusammenzufügen. Er ergänzte in langen Gesprächen fehlende Passagen mit mir und fügte Exkurse zur Situation in Eritrea und Libyen ein. Claus-Peter Reisch, der unermüdliche Vorkämpfer für die Seenotrettung im Mittelmeer, erklärte sich bereit, ein Vorwort beizusteuern.

Fünf Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland liegt mein Buch nun der deutschsprachigen Öffentlichkeit vor. Ich bin unglaublich froh und stolz darüber. Denn mein Ansinnen war es immer, die Europäerinnen und Europäer darüber aufzuklären, warum Menschen ihre Länder verlassen und welchen Leidensweg sie gehen.

Ich verließ Eritrea nicht ohne Grund: Ich wollte frei reden, ohne Angst. Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen, wohin ich reise, wo ich lebe und wohin ich gehe – so, wie es die Europäer tun. Ich wollte die Demokratie selbst erleben, anstatt immer nur von ihr zu hören. Und ich wollte ohne Angst mein Leben genießen.

Egal welche Hautfarbe, welche Herkunft und welchen Glauben man hat, Mensch ist Mensch. Oftmals frage ich mich: Wieso bin ich zu jener Zeit, an jenem Ort auf dieser Welt geboren? Allein der Zufall der Geburt entscheidet, ob man alle Möglichkeiten hat oder in Angst und Schrecken leben muss. Er entscheidet, ob man von Privilegien profitiert oder ein Dasein im Elend fristen muss. Diese Ungerechtigkeit muss sich ändern.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch einen Beitrag dazu leisten wird, dass die Menschenrechte in Zukunft allerorts geachtet werden und dass alle Menschen ein Leben in Würde führen können.

1 https://www.youtube.com/watch?v=RQEzlI-bBeI&feature=youtu.be

2 https://www.theguardian.com/uk-news/2019/aug/12/inquest-uncovers-suffering-of-eritrean-refugee-found-hanged

Der Überfall durch die eritreische Armee im Sommer 2010

An diesem Tag wachte ich wie jeden Morgen auf, doch als ich auf dem Weg zur Toilette war, spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Durch Spalte in unserer Haustür konnte ich das Licht von Taschenlampen in der Dämmerung erkennen.

Plötzlich klopfte jemand mit schweren Gegenständen heftig an unsere Haustür. Sofort schlugen die Hunde an. Ich wusste sogleich, dass es sich um Soldaten der eritreischen Armee handeln musste. Im Normalfall wären wir alle weggelaufen, aber dafür war es jetzt zu spät.

Ich hatte große Angst vor dem, was nun passieren würde, und wusste nicht, wo ich mich verstecken sollte. In Panik lief ich zurück zu meinem Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt krank und konnte nicht aufstehen. Das Klopfen, das Bellen der Hunde und das Trampeln der Tiere hatten sie aber alarmiert, und sie rief mir zu, ich solle die Tür öffnen. Dazu hatte ich aber zu viel Angst. Obwohl meine Mutter in einem schlechten Zustand war, stand sie auf, stützte sich an der Wand ab und erreichte bald die Tür.

Kaum hatte sie diese ein kleines Stück weit geöffnet, wurde die Tür brutal aufgestoßen. Meine Mutter fiel zu Boden, und die Soldaten stürmten in unser Haus. Die Tiere – wir hatten zwei Ochsen, zwei Esel, ein Kalb und in etwa sechzig Schafe – gerieten in Panik und liefen über meine Mutter hinweg nach draußen. Mit ihren Waffen im Anschlag stürmten die Soldaten sämtliche Zimmer unseres Hauses.

Sie kamen auch in das Zimmer, in dem ich und meine Geschwister schliefen. Ich hörte meine kleine Schwester, sie war gerade sechs oder sieben Jahre alt, neben mir weinen. Meine Geschwister waren noch zu klein, als dass sich die Soldaten für sie interessiert hätten. Stattdessen kamen sie direkt zu meinem Bett und entrissen mir die Decke. Ich drückte mein Gesicht tief in die Matratze – unter allen Umständen wollte ich vermeiden, ihnen ins Gesicht sehen zu müssen. Ihre Waffen machten mir furchtbare Angst. Der Soldat, der als Erstes in unser Zimmer eingedrungen war, stieß mich mit dem Fuß an und forderte mich auf aufzustehen.

Zunächst konnte ich mich vor lauter Angst nicht bewegen. Erst als er mich mit einem Stock brutal auf den Rücken schlug, stand ich auf. Ich hatte nur eine Unterhose an. So, wie ich war, fesselten sie meine Hände auf dem Rücken. Barfuß musste ich mein Zimmer verlassen. Ich wurde an meiner Mutter vorbeigeführt, die immer noch am Boden lag. Gern hätte ich ihr geholfen und sie wieder ins Bett gebracht – doch daran war nicht zu denken. All das war grauenvoll für mich. Tränen rollten über meine Wangen. So brachten sie mich nach draußen. Ich war es nicht gewohnt, ohne Schuhe zu laufen, und die Nadeln der Bäume, die am Boden lagen, bohrten sich in meine Fußsohlen.

Ich war elf Jahre alt.

Und ich war bei Weitem nicht der Einzige, der diese Gewalt über sich ergehen lassen musste. Im Morgenlicht sah ich, wie die Soldaten, es waren etwa dreißig oder gar vierzig, viele andere Menschen aus ihren Häusern holten. Die Frauen schrien und weinten, weil sie verhindern wollten, dass ihre Kinder und Männer in den Krieg geholt wurden. Viele von denen, die man an diesem Morgen mitnahm, sind nie wieder zurückgekehrt.

Ich hätte gern selbst bestimmt, wie meine Zukunft aussah, durfte das aber nicht. Auch meine Familie wurde nicht gefragt. Die Soldaten entscheiden bei solchen Überfällen selbst, wen sie mitnehmen und wen sie unbehelligt lassen.

Ich war wütend und fassungslos: Der eritreische Staat hatte sich nie um mich gekümmert. Er machte keine Anstalten, den Kindern seines Landes kostenlose Schulen zur Verfügung zu stellen. Meine geliebte Mutter war es, die sich immer um mich gekümmert und die trotz der mageren Mittel, die sie besaß, alles dafür getan hatte, dass ich zur Schule gehen konnte. Und nun sollte ich einen Militärdienst von unabsehbarer Länge absolvieren, bei dem ich nicht wusste, ob ich dabei mein Leben lassen würde? Ich wollte mit der Armee nichts zu tun haben und sah nicht ein, warum ich gezwungen werden sollte, Menschen zu töten.

Die Gewalthandlungen nahmen ihren Lauf. Alle Menschen wurden gefesselt auf einem Feld in Bihat zusammengetrieben. Wir waren etwa fünfzig bis sechzig Leute. All das geschah ganz in der Nähe unserer Getreidefelder und unserer Scheune. Hier mussten wir erst einmal warten.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und brannte auf uns herunter. Ich war sehr durstig, durfte aber niemanden um Wasser bitten. Alles um uns herum war trocken, meine Haut brannte, meine Zunge klebte an meinem Gaumen. So lange gefesselt zu sein war schmerzhaft, und so bat ich einen Soldaten, meine Fesseln zu lockern. Doch er hörte mir nicht einmal zu. Sie bildeten mit ihren Waffen einen Kreis um uns, sodass niemand weglaufen konnte.

Dann kamen fünf von ihnen auf uns zu und fragten uns nach unseren Pässen. Letztlich war es ihnen aber egal, ob man einen Pass hatte oder nicht – der Befehl war reine Schikane. Ich selbst hatte noch nie einen Pass besessen. Die Soldaten hätten wissen müssen, dass ich als kleiner Junge von elf Jahren in Eritrea keinen Pass hatte. Um mich zu testen, holte einer der Soldaten mich dennoch aus der Menge und löste meine Fesseln. Er wollte, dass ich sein Gewehr hochhob, aber dafür war ich zu schwach.

In diesem Moment hasste ich mein Leben.

Als er merkte, dass ich das Gewehr nicht halten konnte, lachte er mich einfach aus. Daraufhin ließ er mich laufen.

Auch andere, die man für den Militärdienst als nicht geeignet ansah, wurden wieder weggeschickt. Die Soldaten schlugen viele der Ausgemusterten. Ihre Familien, die aus Sorge mit auf das Feld gekommen waren, mussten all das beobachten und konnten nichts dagegen tun.

Ich lief sofort zu meiner Mutter nach Hause und war in großer Sorge, dass sie sich durch den Überfall und den Sturz schwer verletzt haben könnte. Zum Glück war sie in der Zwischenzeit schon von anderen Dorfbewohnern entdeckt und zurück in ihr Bett gebracht worden.

Als ich zu ihr gelangte, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ihre Hand gebrochen war. Sie hatte große Schmerzen. Ich wollte ihr helfen, wusste aber nicht, was ich tun sollte. Der nächste Arzt war weit entfernt, und es gab niemanden, der sie dorthin hätte bringen können.

Es gab im ganzen Dorf kein Auto. Ich hatte auch keine Möglichkeit, telefonisch Hilfe zu rufen, weil es im Dorf ja weder Telefonleitungen noch Internet gab. Auch so etwas wie einen Rettungsdienst gab es in meinem Dorf nicht. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich meiner Mutter nicht helfen konnte, und machte mir große Sorgen, dass sie sterben könnte. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen.

Normalerweise brachte man Kranke aus unserem Dorf mit einer selbst gebauten Trage zum nächsten Arzt oder ins Krankenhaus. Das hätte ich gern gemacht. Doch Männer zu finden, die mir hätten tragen helfen können, war unmöglich: Alle Männer waren von den Soldaten zusammengetrieben und gefesselt worden.

Ich war verzweifelt.

Schließlich setzte ich mich einfach zu meiner Mutter ans Bett und litt mit ihr. All das war sehr schwer für mich. Ich wollte meine Mutter aber auf keinen Fall allein lassen. Mehr, als bei ihr zu sein, konnte ich nicht tun.

An diesem Tag musste ich von einem Moment auf den anderen schmerzlich feststellen, dass sich meine Mutter nicht mehr um mich kümmern konnte. Ich merkte, dass ich noch nicht gelernt hatte, die einfachsten Handgriffe selbstständig auszuführen. Ich wollte für meine Mutter Kaffee kochen, schaffte es aber nicht mal, ein Feuer anzuzünden. Strom gab es im ganzen Dorf nicht. Alles wurde mit Feuer gemacht. Als meine Augen vom vielen Qualm tränten, verstand ich, wie schwer und mühselig die Arbeit der eritreischen Frauen war. Bisher hatte ich mich nie darum gekümmert.

Schließlich fasste ich einen Entschluss: Mit meinem Fahrrad fuhr ich zu einer Freundin meiner Mutter und bat sie, mir zu helfen. Auch sie war verzweifelt und am Boden zerstört, da die Soldaten ihre Kinder in derselben Nacht mitgenommen hatten. Als ich ihr aber berichtete, dass meine Mutter beim Überfall der Soldaten verletzt worden war, entschloss sie sich kurzerhand mitzukommen.

Als wir daheim ankamen, ließ ich sie mit meiner Mutter allein und machte mich auf die Suche nach unseren Tieren, nach den Kühen, Schafen und Eseln. Diese Aufgabe kam mir entgegen, denn ich brauchte nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Nacht Abstand, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Die Tiere waren weit über das Dorf verstreut, und es dauerte lange, um sie alle zu finden. Das alles war sehr belastend für mich. Ich brauchte den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag, um die Tiere wieder einzufangen.

Als ich sie endlich allesamt gefunden hatte, brachte ich sie zurück nach Hause. Mittlerweile ging es meiner Mutter zum Glück wieder etwas besser. Doch ihr Handgelenk war stark geschwollen und bereitete ihr bei jeder Bewegung Schmerzen. Nach ein paar Tagen war sie zwar wieder stark genug, um laufen zu können, aber auch jetzt konnten wir ihr Handgelenk nicht behandeln lassen. Alle Ärzte, die für uns erreichbar gewesen wären, hätten ihr nicht helfen können. Sie hätten uns mit Sicherheit an ein Krankenhaus in Asmara weiterverwiesen, um dort eine Operation vorzunehmen.

Aber das war nicht möglich – denn allein hätte sie den weiten Weg nicht geschafft, und ich durfte sie nicht begleiten, da man in Eritrea nicht frei reisen darf. Als Schüler ohne Pass hätte ich nicht nach Asmara fahren können. In Eritrea führt die Armee häufig Straßenkontrollen durch, die an beliebigen, oft wechselnden Streckenabschnitten stattfinden. In der nahe gelegenen Stadt Senafe gibt es hingegen fixe Kontrollen.

Selbst wenn man einen Reisepass hat, darf man nicht überall hin. So ist es auch nicht einfach, in die Stadt Teseney, die im Osten des Landes an der Grenze zum Sudan liegt, zu reisen. Viele Menschen versuchen, über Teseney das Land zu verlassen. Ob man frei reisen darf oder nicht, hängt vom Gutdünken des Militärs ab.

Kurzum: Es gab nichts, was wir tun konnten. Ich habe das Essen meiner Mutter immer sehr gemocht; nun, mit der verletzten Hand, konnte sie leider nicht mehr kochen.

Ihre Hand ist nie wieder richtig geheilt. Meine Mutter hat in ihrem Leben nie Geld verdient, sondern sich nur um die Familie gekümmert. Wir haben uns mit dem Ertrag unserer Felder und den Tieren selbst versorgt. Deswegen war auch kein Geld für eine Operation da.

Nach dem Überfall brach eine dunkle Zeit für mich an. Die viele Arbeit mit den Tieren war sehr schwer für mich. Obwohl ich meine Mutter nicht allein lassen wollte, musste ich nun täglich mit unseren Tieren zusammen mit einem Hirtenhund nach draußen.

Von unseren Nachbarn war keine Hilfe zu erwarten. Jeder versuchte zurechtzukommen und kümmerte sich um sich selbst. Die eritreische Diktatur hat das soziale Miteinander zerrüttet. Es kam immer wieder zu Denunziationen. Denn wenn jemand im Dorf oder in der Nachbarschaft davon erfuhr, dass jemand Fluchtpläne hegte, war es ein Leichtes, das Militär darüber in Kenntnis zu setzen.

Ich hatte noch nie als Schäfer gearbeitet, und ich wollte das eigentlich auch nicht. Ich tat es aus Verantwortungsbewusstsein meiner Familie gegenüber. Mein Traum war es eigentlich immer, Kameramann zu werden. Doch dazu später ...

Mehr und mehr hatte ich den Eindruck, dass sich die Lage in Eritrea zunehmend verschlechterte. Seit meiner Geburt hatten sich die Lebensbedingungen in dieser Diktatur verschärft. Gern hätte ich etwas in meinem Heimatland verändert, aber ich sah keine Möglichkeit, Entscheidungen über die Zukunft Eritreas oder auch nur über mein eigenes Leben treffen zu können.

Wenn ich ein besseres Leben haben will, so sagte ich mir, werde ich nicht umhinkommen, das Land zu verlassen. Bis ich mich tatsächlich zu diesem Schritt entschloss, sollte aber noch einige Zeit vergehen.

Meine Kindheit

Meine Kindheit verbrachte ich zum größten Teil zusammen mit meinen Eltern zu Hause. Wir hatten ein Haus in Bihat, einem Dorf, das in etwa 2000 Einwohner zählt und unweit der Grenze zwischen Eritrea und Äthiopien liegt. Da die beiden Länder bis vor Kurzem im Kriegszustand waren, kenne ich die Grenze nur geschlossen und unpassierbar.

Die Mehrheit der Einwohner von Bihat ist christlich, es gibt nur wenige Muslime. Verständigungsprobleme zwischen Christen und Muslimen gab es niemals. Rund um unser Dorf gibt es große Weiden und ausreichend Wasser, weswegen die meisten Familien von der Landwirtschaft und der Viehzucht leben. Mein Vater baute auf unseren Feldern Tomaten, Rote Bete, Salat, Kartoffeln und andere Gemüsesorten an. Außerdem hielten wir Kühe, Schafe und Esel.

Bihat besitzt keine Schule und keinen Arzt. Meine Kindheit hindurch machte ich die Erfahrung, dass sich die Menschen im Dorf selbst helfen mussten. Es gab auch keinen Kindergarten, und so war ich bis zum Alter von fünf Jahren meistens mit meiner geliebten Familie zu Hause, auf den Weiden oder auf dem Feld.

Meine Mutter kümmerte sich um mich und beschützte mich. Mit fünf Jahren begann ich schließlich, mit meinem Vater auf den Feldern zu arbeiten und ihm bei der Versorgung unserer Familie zu helfen. Es waren oft schwere Arbeiten, doch ich hatte keine andere Wahl, denn bei uns fand keinerlei Hilfe vonseiten der Regierung statt.

Weil wir in der Nähe der Grenze wohnten, gab es auf den Weiden und Feldern nicht selten umherliegende alte Bomben und Minen. Meine Mutter war deshalb immer in großer Sorge, wenn ich allein unterwegs war. Sie befürchtete, dass ich mit einer Waffe hätte spielen können, die auf den ersten Blick einem Kugelschreiber oder einer Dose glich.

Und tatsächlich: Eines Tages fanden ich und ein anderes Kind beim Spielen im Wald eine große Mine. Wir wussten nicht, was das war, und waren neugierig. Deshalb schlugen wir mit Stöcken auf die Mine, bis sie bedrohlich heiß wurde. Wir bekamen Angst und liefen mit klopfenden Herzen weg, so schnell wir konnten. Das war unser Glück, denn wir hätten die Mine leicht zur Explosion bringen können. Zwei Erwachsene, denen wir unser Erlebnis schilderten, machten die Mine unschädlich – nicht jedoch, ohne uns vorher eindringlich zu ermahnen, so etwas nie wieder zu tun. Meine Mutter, der ich von unserem Erlebnis erzählte, schwor mich ebenfalls darauf ein, solche Gegenstände unter keinen Umständen zu berühren oder gar aufzuheben.

Rasch verstand ich, dass Bomben gefährlich waren, und rannte, so schnell ich konnte, davon, wenn ich etwas entdeckte, was danach aussah. Ich instruierte sehr früh all meine Freunde und versuchte, auch ihnen einzubläuen, was mir meine Mutter gesagt hatte.

Mein Vater stieß beim Umpflügen mit dem Ochsen auch immer wieder auf Bombensplitter. Ich wollte ihm gern bei seiner Arbeit helfen, durfte aber nur dabeisitzen und zuschauen. Die Sorge meines Vaters war zu groß.

Tatsächlich geschah es, dass ein Junge aus einem Nachbardorf eine Bombe fand, die wie ein Stift aussah. Als er damit schreiben wollte, explodierte sie, und er kam ums Leben. Meine Angst wurde danach noch größer, und ich sah auch in harmlosen Dingen Waffen.

Der Krieg war aber nicht nur in Form der herumliegenden Waffen und Minen in unserem Leben präsent, auch Soldaten waren häufig zu sehen.

So kam einmal ein Soldat zu uns, als mein Vater und ich auf dem Feld arbeiteten. Er trieb seine Scherze mit mir und wollte, dass ich mit seinem Gewehr schießen solle. Ich war noch klein und begann zu weinen – doch er setzte sich in den Kopf, dass ich ein Tier aus unserer Herde, das bereits alt und schwach war, erschießen solle. Mein Vater begann, mit dem Soldaten zu streiten. Voller Zorn bespuckte mich der Mann mit Kath – also mit Blättern der Kathpflanze, die viele Menschen in Eritrea kauen, um sich zu berauschen – und verließ unser Feld.

Mein Vater ist Priester – vor ihm sollten alle Respekt haben, auch Soldaten. Die Militärs in Eritrea hingegen erhoben sich über alle Sitten und Gesetze. Ich war damals ungeheuer wütend und fühlte mich ohnmächtig.

Wäre ich groß gewesen, hätte ich dem Soldaten meine Meinung gesagt. Ich wollte für meinen Vater einstehen und das Prinzip der Freiheit verteidigen. Doch ich war klein und schwach.

Mein Vater hatte kein glückliches Leben. Auch ihn wollte der Chef unserer Stadt wie alle anderen zum Dienst an der Waffe zwingen. Aber aufgrund seines Status als Priester war es für die Militärs nicht so einfach wie sonst.

Ich erinnere mich, dass mein Vater in dieser Zeit viel betete. Er musste sich bei den Behörden zum Dienst melden. Aber ihre Rechnung sollte nicht aufgehen: Die Menschen in unserem Dorf protestierten gegen den Militärdienst. Und tatsächlich musste mein Vater nach nur einem Tag wieder freigelassen werden.

Mit seinem Alter von 49 Jahren wäre er für die Armee ohnehin zu alt gewesen, doch in Eritrea interessieren solche Dinge niemanden. In Bezug auf den Militärdienst herrscht mehr oder weniger Gesetzlosigkeit. Wenn er Soldat geworden wäre, hätten wir zu Hause keine Hilfe mehr gehabt. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits krank und konnte nicht nach draußen gehen. Sie machte sich sehr viele Sorgen um ihn und um uns, ihre Kinder.

Auch ich machte mir in dieser Zeit viele Gedanken und verstand nicht, warum die Armee solch eine große Macht in unserem Land hatte. Ich fragte mich immer wieder, ob mir wohl das Gleiche passieren würde, wenn ich groß war.

Als heranwachsender junger Mensch festigte sich immer mehr meine Überzeugung, wonach alle Menschen in Freiheit leben können sollten – niemand sollte jemals zu etwas gezwungen werden, was er oder sie nicht mochte. Zunehmend verstand ich auch, welche ökonomischen Probleme es in unserem Land gab. Ein großer Teil der Menschen in Eritrea arbeitet in der Landwirtschaft, wovon die meisten Selbstversorger sind oder ihre Produkte auf lokalen Märkten verkaufen.

Doch wenn sie alt werden, wird es häufig immer schwieriger für sie, für sich selbst zu sorgen. Vom Staat bekommen sie keine Unterstützung, deshalb sind alte Menschen auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Wer nun aber keine Kinder hat, um den kümmert sich im Alter auch niemand. Das ist der Grund, weswegen nicht wenige Menschen früh sterben – niemand bringt sie ins Krankenhaus oder zahlt für sie, wenn sie krank sind.

In Eritrea gibt es keine Altenheime, in denen alte Menschen betreut werden könnten. Der Staat zahlt auch keine Renten, also fehlt ihnen das Geld, wenn sie nicht mehr arbeiten können. Und selbst diejenigen, die ein halbwegs akzeptables Auskommen haben, finden keine Pfleger, da es diesen Beruf in Eritrea kaum gibt.

Auch behinderte Menschen, die blind sind oder nicht laufen können, können auf keinerlei staatliche Unterstützung zählen. Ein Rollstuhl bleibt für viele ein Wunschtraum. Kranke und Behinderte schlafen deshalb nicht selten irgendwo im Wald oder in Ruinen. Dort verschlimmert sich ihr Zustand – und sie sterben unbemerkt.

Wenn Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen das Glück haben, in einer Familie zu leben, fehlt ihnen allerdings häufig die Möglichkeit, am öffentlichen Leben teilzunehmen – sie fristen ihr Dasein also einfach zu Hause.

Menschen mit Behinderung sehen so oftmals keinen Sonnenaufgang oder -untergang, und weil Fernsehen und Internet sehr wenig verbreitet sind, bekommen sie kaum Nachrichten und wissen nicht, was in der Welt vor sich geht.

Diese Mängel betreffen die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit, denn die Regierung lässt oft den Strom abstellen. Für viele ist die Kommunikation über Distanzen dann nicht mehr möglich – die Akkus der Handys können schlicht nicht mehr aufgeladen werden. In meinem Heimatdorf Bihat gibt es tatsächlich keinerlei Stromquellen. Um Handys oder Akkus aufzuladen, mussten wir immer in das nahe gelegene Städtchen Senafe laufen.

Fernsehen und elektrisches Licht funktionieren auch nicht mehr, und die Menschen sind darauf angewiesen, sich mit Streichhölzern und Kerzen zu behelfen. Für Menschen, die in Städten leben, sind die geplanten oder pannenhaften Stromausfälle besonders schwierig zu meistern. Sie kochen auf elektrischen Kochplatten und besitzen keinen Holzofen. Kurzum: Es herrscht Mangel am Notwendigsten.

Es kann außerdem vorkommen, dass die Regierung das Leitungswasser sperrt. So geschieht es mitunter, dass in einer bestimmten Woche nur für drei Stunden Trinkwasser zur Verfügung steht. Auch hier ist die Stadtbevölkerung wieder besonders betroffen: Dort gibt es seltener Brunnen, aus denen man sich zusätzlich Wasser holen könnte.

Die Menschen sind dann dazu gezwungen, sich gemeinsam mit ihren Nachbarn für viel Geld Wasser aus einem Tankwagen zu kaufen. Der Mangel an fließendem Wasser in den Städten hat zur Folge, dass viel Wasser aus Plastikflaschen gekauft wird; diese werden anschließend einfach auf die Straße geworfen. Es entstehen große wilde Müllhalden – herumstreunende Hunde und andere Tiere fressen den Müll und verenden oft auf diesen Halden. Aufgrund der Armut wird das Fleisch dieser Tiere trotzdem gebraten und gegessen – ich war oft in Sorge, dass jemand in meinem Umfeld vom Verzehr des verdorbenen Fleisches krank werden könnte. Ich selbst aß kaum Fleisch. Obwohl wir zu Hause selbst Nutztiere hielten und sie schlachteten, verweigerte ich dies meistens. Mir taten die Tiere leid, und ich wollte nicht, dass man sie schlachtete. Weil mein Vater Priester war und es ihm die religiösen Gesetze untersagten zu schlachten, wollte er ursprünglich, dass ich dies tat. Doch ich weigerte mich. Schon als Kind war ich der Überzeugung, dass man Tiere nicht töten sollte.

Meine Schulzeit

Meine Eltern konnten mich und meine Geschwister nicht zur Schule schicken, weil die Schule sehr weit weg von unserem Haus war und sie uns nicht bringen konnten. Deshalb hatte ich erst mit acht Jahren die Gelegenheit, zur Schule gehen. Es war die Arbeit mit meinem Vater auf dem Feld, die es mir ermöglichte, etwas Taschengeld für die Schule zu verdienen. Aufgrund der fehlenden Unterstützung durch den Staat ist es in Eritrea bei Weitem nicht für alle Kinder möglich, die Schule zu besuchen. Unsere Regierung lässt die Menschen unseres Landes und speziell die Kinder einfach im Stich.

Ich entschloss mich also, die Arbeit auf dem Feld hinter mir zu lassen und die Schule zu besuchen. Mir wurde bewusst, dass es mir nur auf diese Weise gelingen konnte, eine bessere Zukunft für mich und meine Familie aufzubauen.

Die Schule lag nicht in unserem Dorf, und ich musste jeden Tag weite Strecken zu Fuß zurücklegen, weil ich kein eigenes Fahrrad besaß. Auch gab es bei uns weder einen Schulbus noch Autos, die mich zur Schule gefahren hätten.

Meine Mutter war in meiner Kindheit immer für mich da. Sie war immer nett und liebevoll zu mir. Sie weckte mich jeden Morgen und ermahnte mich, mein Gesicht zu waschen. Da ich meine Mutter respektierte, tat ich das auch. Danach machte sie mir Frühstück, meistens Honigbrote. Dann packte ich meinen Rucksack und trat den Weg zur Schule an.

Auf dem Schulweg sah ich tagaus, tagein, wie die Bauern und Bäuerinnen mit ihren Kindern auf den Feldern schwer arbeiteten. Das beschäftigte mich sehr und machte mich betroffen: Warum, so fragte ich mich, können die Eltern ihren Kindern keinen Schulbesuch ermöglichen? Die Antwort war einfach: Den Familien fehlte das Geld.

Ein Leben lang auf den Feldern zu arbeiten ist sehr hart, und man altert schnell. Viele erkranken früh – doch fehlen Ärzte, die sie versorgen können. Als Kind führte ich viele Gespräche mit Bäuerinnen und Bauern. Sie alle klagten, dass sie von der Regierung keinerlei Unterstützung bekommen würden. So hatten sie keine andere Wahl, als sich auf den Feldern abzurackern. »Wenn wir das nicht tun«, so ihre bittere Erkenntnis, »werden wir einfach verhungern. Denn aus der Stadt können wir nichts erwarten, gar nichts.«

All das machte mich sehr wütend: Wann wird das Leiden der Menschen in Eritrea endlich vorbei sein, fragte ich mich viele Male. Warum gibt es für die armen Bauern keine Hilfe? Ach, so dachte ich oft, wie grausam ist doch das Leben in unserem Land.

Wie wohltuend war es da, die Schule besuchen zu können! Nun konnte ich endlich lernen und musste nicht mehr auf den Feldern arbeiten. Ich war glücklich – und auch meine Mutter spürte, dass ich endlich meinen Interessen folgen konnte. Sie freute sich für mich. Ich gab diese Freude an meine Mutter zurück. »Endlich«, so sagte ich ihr, »kann ich mir eine Zukunft aufbauen, damit ich euch später unterstützen kann.«

Die Lernbedingungen in der Schule waren allerdings alles andere als einfach: Wir waren fünfundsiebzig Kinder in einer Klasse, aus vielen verschiedenen Dörfern der Umgebung. Unterrichtet wurden wir von vier verschiedenen Lehrern. Wir lernten Mathe, Geschichte, Englisch und meine Muttersprache Tigrinya – kein leichtes Unterfangen bei so vielen Kindern.

Obwohl ich die Zeit in der Schule sehr genoss, machte ich auch schmerzhafte Erfahrungen: Da ich von Beginn an sehr gut in der Schule war und alle Aufgaben problemlos meisterte, begannen einige der anderen Schüler, mich zu hänseln. Sie wollten mich ausnutzen und drängten mich, sie bei mir abschreiben zu lassen, was die Lehrer immer verhindern wollten.

Außerdem ernannten sie mich gegen meinen Willen zum Klassensprecher. Ich widersetzte mich, doch meine Lehrer zwangen mich in diese Position. Sie waren richtiggehend gewalttätig, schlugen mich mit einem Stock auf meine Hände und zogen mich an den Ohren.

Meine Aufgabe bestand darin, Namenslisten anzulegen und Anwesenheitskontrollen durchzuführen. Ich sollte melden, falls jemand den Unterricht schwänzte. Ich hatte Angst vor den größeren Kindern und ließ sie immer wieder gehen, ohne die Eintragungen zu machen, die mir aufgetragen worden waren. Oft meldete ich alle Schüler als »anwesend«, um sie vor den Lehrern zu schützen.

Eines Tages passierte es, dass der Direktor die Anwesenheitsliste persönlich kontrollierte. Meine Schummelei flog auf, und man drohte mir Schläge an. Ich lief weinend nach Hause zu meiner Mutter.

Nach diesem Vorfall flehte ich meine Mutter an, mich in eine andere Schule zu schicken; doch in Eritrea kann man nicht einfach so die Schule zu wechseln. Ich lernte damals, dass man kämpfen musste, wenn man etwas im Leben erreichen wollte.

Ein weiteres Problem war, dass die Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule ihren Job oft nach kurzer Zeit aufgaben. Der Grund war, dass ihre Bezahlung miserabel war. Sie bekamen monatlich nur 400 Nakfa bezahlt, was heute rund 24 Euro entspricht. Mit diesem mageren Gehalt konnten sie sich nicht mal ihr Essen leisten oder die Fahrtkosten zur Schule bezahlen.

Einige Lehrer kamen aus anderen Städten, zum Beispiel aus der Hauptstadt Asmara. Sie hatten es sich nicht ausgesucht, in unserer Kleinstadt zu unterrichten; vielmehr waren sie von der Regierung hierher zugeteilt worden. Wenn einer unserer Lehrer nicht kam, sperrte man uns nicht selten einfach in unserem Klassenraum ein, bis endlich ein anderer Lehrer auftauchte und uns Unterricht gab. Die Lehrer waren nicht nur mit ihrem Gehalt unzufrieden, sondern auch mit der eritreischen Regierung im Allgemeinen.

Eines Tages, es war im Jahr 2013, waren die Konsequenzen aus dieser misslichen Lage besonders dramatisch: Ich erschien wie immer um acht Uhr morgens in der Schule. Doch diesmal kam kein Lehrer zu uns – man sperrte uns einfach bis zur Mittagszeit im Klassenzimmer ein. Danach erfuhren wir, dass acht Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule einfach ohne Vorankündigung weggegangen und nach Äthiopien geflüchtet waren.

Dieses Ereignis löste bei mir gemischte Gefühle aus: Einerseits war ich sehr traurig, dass diese Lehrer nicht mehr bei uns waren. Andererseits freute ich mich für sie, denn es war ihnen geglückt, aus Eritrea zu fliehen.

Der plötzliche Aderlass an Lehrern hatte zur Folge, dass der Schulbetrieb nicht mehr ordentlich funktionierte. Für westliche Verhältnisse ist dies schwer vorstellbar – doch ich blieb danach einfach ein halbes Jahr zu Hause und ging nicht zur Schule. Dadurch litten natürlich meine Lernfortschritte enorm.

Warum, so fragte ich mich viele Male, war das Leben der Menschen in Eritrea so schlecht? Was war die Ursache für das Unglück und den Schmerz, den ich so oft in ihren Gesichtern gesehen hatte? In dieser Zeit wurde mir immer klarer, dass auch ich innerlich verkümmern würde, wenn ich mein Leben lang in Eritrea blieb.

Nach dem Schulunterricht ging ich immer sofort nach Hause, denn es war meine Aufgabe, den restlichen Tag über die Tiere unseres Bauernhofes zu hüten. Meistens musste ich mit ihnen in den Wald gehen. Das war keine leichte Aufgabe, denn als Kind hatte ich Angst vor wilden Tieren. Diese Angst war nicht unbegründet – bei uns gibt es äußerst gefährliche Giftschlangen. Da uns im Dorf Medikamente fehlten, konnte ein Biss tödlich sein.

Je mehr Zeit verging, desto hoffnungsloser und trauriger wurde ich. Ich fragte mich, wie mein Leben wohl weiterverlaufen würde. Es war mir inzwischen klar, dass es in meinem Dorf keine Hoffnung und keine Perspektive für mich gab.

Meine Ausbildung zum Kameramann

Wieder und wieder fragte ich mich, wie es sein konnte, dass so viele Kinder am Feld und im Wald arbeiten mussten, anstatt zur Schule zu gehen. Ich habe damals oft geweint. Meiner geliebten Familie stellte ich immer wieder die Frage, wie ich mir denn eine bessere Zukunft aufbauen könnte. So kam es, dass ich eines Tages die Entscheidung traf, von zu Hause wegzugehen und Kameramann zu werden.

Meine geliebte Mutter machte sich große Sorgen um mich und weinte viel, als ich ihr meine Entscheidung mitteilte. Ich könne mir doch nicht einmal selbst Essen zubereiten, klagte sie. Aber hinter dieser banalen Sorge verbargen sich noch ganz andere, viel größere Bedenken. Die Ausbildung zum Kameramann fand in der Stadt Senafe statt, die für ihre spektakulären Felsen und ihre Lage am Rand der Berge bekannt ist. Senafe liegt auf beinahe 2500 Meter Seehöhe. Gleich in der Nähe liegt Matara, ein Ort, der für seine archäologischen Funde bekannt ist. Dort finden aber auch oft militärische Kontrollen statt.

Um Senafe gibt es wunderbare Wanderwege. Vielerorts findet man Wasserfälle mit gutem, sauberem Wasser, mit dem man sich abkühlen kann, und kleine Bergwiesel laufen umher. Von den Bergen hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt und die umliegenden Dörfer. In Senafe gibt es christliche Kirchen und Moscheen. Muslime und Christen leben hier friedlich zusammen.

Die Ankunft in der Stadt war für mich nicht einfach: Ich musste zwei Tage im Freien schlafen, da ich kaum Geld hatte und niemanden kannte. Danach fand ich für wenig Geld ein undichtes Zimmer in einem Wohnhaus, mit einem nassen und unangenehmen Bett. Gegessen habe ich in dieser Zeit nur wenig. Für das Zimmer musste ich monatlich 150 Nakfa auftreiben, zusätzlich dazu kostete die Kameraschule im Monat 350 Nakfa Gebühren. Ich bat meinen Vater, mir zu helfen – er schickte mir zwar regelmäßig Geld, die Schulgebühren musste ich aber selbst bestreiten. Ich schlug mich in Senafe mit Gelegenheitsjobs durch, um das Geld zusammenzubekommen.

Die Unterrichtsbedingungen in der Foto- und Kameraschule in Senafe waren alles andere als ideal: Es gab nur eine sehr spartanische Einrichtung und nicht einmal Tische, sodass wir auf dem Schoß ­schreiben mussten.

Hinzu kam, dass die Regierung oft den Strom abschaltete. Fehlte das elektrische Licht in meinem Dorf zur Gänze, so gab es in einer Stadt wie Senafe bestenfalls stundenweise Strom – dann wieder keinen. Viele Menschen versuchen, sich deshalb mit lauten und stinkenden Dieselgeneratoren durchzuschlagen.

Für unsere Klasse mit 85 Schülerinnen und Schülern standen nur drei Kameras zu Verfügung. Pro Woche konnte jeder Schüler nur rund zehn Minuten mit einer Kamera arbeiten. Wie soll man so lernen können, dachte ich mir oft.

Ich bekam das Gefühl, dass ich mein Geld verschwendete. Nur theoretisch zu lernen, danach stand mir nicht der Sinn. Doch weil ich mein Ziel unbedingt erreichen wollte, blieb ich während der vollen Ausbildungszeit von drei Monaten in der Stadt.

Der Unterricht begann jeden Tag um vier Uhr nachmittags und ging bis halb sieben Uhr abends. Zu Beginn war ich sehr einsam – die meisten Jugendlichen hatten ein soziales Umfeld in Senafe, ich aber kannte niemanden.

Ich vermisste meine Familie, besonders meine Mutter, schrecklich. Ja, ich fühlte mich so einsam, dass ich bereits für das erste Wochenende zu Fuß nach Hause zurückkehrte. Wie groß war die Wiedersehensfreude! Meine Füße schmerzten vom vielen Laufen, meine Kleider waren schmutzig, doch wie schön war es, wieder bei den Eltern zu sein! Zu diesem Anlass wurden eine Henne geschlachtet und ein Fest gefeiert. Ich aß zwar kein Fleisch, war aber trotzdem überglücklich.

Meine Mutter fragte mich Löcher in den Bauch über mein Leben in Senafe: Was isst du? Wie wohnst du? Hast du Freunde? Ich wollte ihr nicht von meiner Einsamkeit erzählen, da ich Angst hatte, dass sie sich zu viele Sorgen machen würde. Aber in Wahrheit fehlte sie mir schrecklich. Zu Hause hatte meine Mutter selbst Brot gebacken; morgens hatte ich es immer frisch, noch warm gegessen. In Senafe hingegen aß ich nur schlechtes gekauftes Essen.

Um meine Mutter zu besänftigen, versuchte ich, ihr zu erklären, dass ich durchhalten müsse, um meinen Traum, Kameramann zu werden, zu erreichen. Dafür sei es eben notwendig, allerlei Entbehrungen auf mich zu nehmen. Doch sie ließ nicht locker und bestand darauf, dass sie mir regelmäßig frische Semmeln und Injera, das eritreische Fladenbrot, nach Senafe bringen würde.

Meine Mutter war damals bereits gesundheitlich angeschlagen, und ich wusste, dass ihr der weite Weg schwerfallen würde. Ich versuchte deshalb, ihr mit allen Mitteln klarzumachen, dass ich meine neue Aufgabe allein würde meistern können. Und so kamen wir an diesem Tag überein, dass sie für mich eine große Ration Brot backen würde, die ich dann nach Senafe mitnehmen würde.

Am darauffolgenden Tag brach ich um vier Uhr morgens auf. Wieder lief und lief ich, viele Stunden lang. Meine Füße schmerzten wegen der schlechten Straßenbedingungen und meines schweren Gepäcks. Ich ging den ganzen Tag, bis es dunkel wurde und ich Angst bekam, von wilden Tieren angefallen zu werden. Irgendwann kam ich endlich in Senafe an und fiel todmüde in mein Bett.

Die Zeit verging wie im Flug. An den Wochenenden besuchte ich weiterhin meine Familie. Meine Mutter hatte niemals die Möglichkeit gehabt, einer Lohnarbeit nachzugehen. Sie war immer zu Hause, umsorgte uns Kinder, kochte und wusch die Wäsche. Meine Sorge um sie erhöhte meine Motivation noch weiter, gut und strebsam zu lernen. Da ich wusste, dass es in Eritrea keinerlei Unterstützung für alte Menschen gab, fasste ich den Vorsatz, später Geld zu verdienen und meine Familie zu unterstützen.

In Senafe konnte ich mich alles andere als frei bewegen, denn das Militär patrouillierte ständig in der Stadt. Ich hatte keinen Pass, und es hätte leicht passieren können, dass ich zu dem berüchtigten »National Service«, also dem Militärdienst, eingezogen wurde. So machte ich niemals lange Spaziergänge und konnte auch die wunderschöne Umgebung der Stadt nicht genießen. Man wusste nie, wann die Militärs auftauchen würden. Unwillkürlich drehte man sich jeden zweiten Moment um – es herrschte eine regelrechte Paranoia.

Ich spürte in Senafe zum ersten Mal in meinem Leben die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die in Eritrea auch heute noch vorherrscht. Es war beklemmend und machte Angst, ständig Soldaten zu sehen und zu wissen, dass sie die Macht hatten, mich mitzunehmen und mir vorzuwerfen, etwas gegen das Regime gesagt zu haben.

In dieser Zeit dachte ich oft an meine liebe Schwester zurück. Sie war während meiner Schulzeit auf tragische Weise während der Flucht aus Eritrea gestorben. Meine Schwester war ein sehr guter Mensch gewesen, eine ausgezeichnete Schülerin und besonders fleißig. Sie schrieb großartige Gedichte und trug diese vor. Es beeindruckte mich als Kind ungemein, wie sie es mit Leichtigkeit schaffte, die Leute zum Lachen zu bringen.

Doch dann geschah das Unvermeidliche: Wie alle anderen Menschen in Eritrea wurde sie nach der elften Klasse zur Ausbildung in das Militärcamp Sawa berufen. Meine Schwester hatte den Plan zu heiraten, um der Einberufung zu entgehen. Nie hatte sie vorgehabt, eine Ehe einzugehen, aber nun tat sie es, um dem »National Service« zu entkommen. Der Mann, den sie heiratete, war beim Militär – so erhoffte sie sich, der Einberufung entgehen zu können. Sie sollte sich bitter täuschen. Der Militärdienst war auch für sie unvermeidlich. Sie wurde schwanger, gebar ein Kind und ließ es sechs Monate nach der Geburt bei meiner Mutter zurück. Dann ging sie aus Eritrea fort.

Mir, ihrem kleineren Bruder, hatte sie nichts davon erzählt, um mich nicht zu verletzen. Dann, eines Tages, es war ein Sonntag, bekamen wir die schreckliche Nachricht: Meine Schwester war bei ihrer Flucht im Fluss Tekeze, im Dreiländereck zwischen Eritrea, Äthiopien und dem Sudan, ertrunken. Das war im Jahr 2009 – ich war da gerade einmal zehn Jahre alt.

Selbst die Heirat und ihr Kind hatten meine Schwester nicht vor dem schrecklichen Militärdienst schützen können. Sie hatte keinen anderen Ausweg gesehen, als das Land illegal zu verlassen, und musste dies mit ihrem Leben bezahlen.

Mein Vater bekam die Hiobsbotschaft, als er gerade bei uns im Dorf den Gottesdienst vorbereitete. Er brach zusammen und musste von zwei Männern nach Hause gebracht werden. Ich schlief noch und wurde vom Weinen und Schreien meiner Eltern geweckt.

Es war eine schreckliche Zeit.

Ich konnte die Nachricht nicht fassen und weinte tagelang. Außer mir vor Schmerz wusste ich zeitweise nicht einmal, wo ich war. Alles in mir sträubte sich dagegen, den Tod meiner lieben Schwester zu akzeptieren.

Dieser schwere Schicksalsschlag war der Grund dafür, dass mich meine Mutter unaufhörlich davor gewarnt hatte, von daheim wegzugehen, um den Beruf des Kameramanns zu erlernen. Sie wusste genau, dass es viel wahrscheinlicher war, vom Militär eingezogen zu werden, wenn man in einer Stadt lebte, als wenn man im Dorf blieb. Sie hatte unter keinen Umständen ein weiteres Kind verlieren wollen.

Am Ende der Ausbildungszeit in Senafe mussten wir eine Abschlussarbeit machen und haben zwei Tage lang einen Film gedreht. Ich war überglücklich. Außerdem hatte ich mittlerweile neue Freunde gewonnen. Zur Abschlussfeier lud ich meinen Vater ein. Da ich aufgrund der fehlenden technischen Möglichkeiten nicht zu Hause im Dorf anrufen konnte, musste ich wieder zurückkehren und ihn abholen. Alle in meiner Familie waren stolz, dass ich den Abschluss geschafft hatte. Bei der Feier in Senafe waren dann die Bürgermeister der umliegenden Städte und Dörfer versammelt, und wir bekamen unsere Urkunden überreicht.

Jeder, der den Abschluss geschafft hatte, sollte dann auf der Bühne ein paar Worte sagen und erklären, warum er oder sie den Beruf an der Kamera gewählt hatte. Ich kündigte allerdings noch vor der Feier an, dass ich nichts sagen würde; der Grund war einfach: Ich wusste bereits, wie leicht es passieren konnte, dass man wegen einer unbedachten Aussage ins Gefängnis kam. So nahm ich nur mein Zeugnis entgegen und reiste mit meinem Vater am Tag darauf ab. Ich war erleichtert und froh, nicht vom Militär eingezogen worden zu sein.

EXKURS: Warum fliehen Menschen aus Eritrea?

Eritrea ist ein wunderschönes Land am Horn von Afrika. Seine Größe ist mit etwa 121.000 Quadratkilometern vergleichbar mit der Größe von Bulgarien. Das Land wird von etwas mehr als fünf Millionen Menschen bewohnt und grenzt im Nordwesten an den Sudan, im Süden an Äthiopien, im Südosten an Dschibuti und im Nordosten an das Rote Meer. Rund ein Viertel der Bevölkerung Eritreas konzentriert sich auf die Hauptstadtregion Asmara, die weiteren Städte des Landes sind deutlich kleiner.

Klimatisch ist Eritrea divers: Es reicht von der beinahe wüstenartigen Trockensavanne am Roten Meer über das niederschlagsreiche Hochland im Landesinneren, wo sich die meisten größeren Städte befinden, bis zum im westlichen Teil des Landes gelegenen Anteil an der Sahara.

Eritrea teilt mit den meisten Ländern Afrikas eine unheilvolle Geschichte von Kolonisierung und Unterdrückung durch die Europäer. So wurde das heutige Eritrea im Jahr 1890 zur italienischen Kolonie. Doch diese erste Phase europäischer Herrschaft dauerte nicht lange: Während des ersten italienisch-äthiopischen Krieges besiegte das Kaiserreich Abessinien, zu dem auch Eritrea gehörte, im Jahr 1896 in der Schlacht von Adua das Königreich Italien – das Land konnte seine Unabhängigkeit wiederherstellen.

Kaiser Menelik II. modernisierte das Land während seiner Herrschaft und erweiterte das Kaiserreich. Im Jahr 1923 wurde Äthiopien, neben Liberia und dem Königreich Ägypten der einzige unabhängige Staat Afrikas, in den Völkerbund aufgenommen. Kaiser Haile Selassie führte 1931 die erste Verfassung des Landes ein.

Nach dem Überfall des faschistischen Italiens auf Äthiopien erlebte das Land seine zweite Phase der Kolonisierung. Abessinien, und somit auch das heutige Eritrea, wurde im Jahr 1936 in das neu gegründete Italienisch-Ostafrika eingegliedert und stand somit unter der Kontrolle Roms.

Im Zuge des Zweiten Weltkriegs erkämpfte sich Großbritannien die Vorherrschaft in der Region. Das heutige Eritrea stand somit ab dem Jahr 1941 unter britischer Militärverwaltung und wurde im Jahr 1947 – nach der formellen Aufgabe Eritreas durch Italien – britisches Mandatsgebiet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Eritreas lange und konfliktreiche Geschichte mit dem großen Nachbarn Äthiopien fort: Der mächtige äthiopische Kaiser Haile Selassie hatte sich zwar große Verdienste im antikolonialen Kampf gegen die faschistische Besatzung durch die Italiener erworben, doch nach einem Votum der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1952, das eine Föderation der Provinz Eritrea mit dem Kaiserreich Abessinien vorsah, wurden die politischen Rechte der eritreischen Bevölkerung systematisch ausgehöhlt. Im Jahr 1961 wurde Eritrea durch die (Selbst-)Auflösung des eritreischen Parlaments an Äthiopien annektiert.

Danach folgte der entbehrungsreiche dreißig Jahre andauernde Kampf des eritreischen Volks um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.3 Besonders interessant an diesem Befreiungskampf ist meiner Ansicht nach die Analyse des Aufstiegs und der Pervertierung von ursprünglich sozialistischen, nach Freiheit und Gerechtigkeit strebenden politischen Bewegungen. Ich möchte das näher erklären:

Bereits im Jahr 1952 begann in Eritrea der Widerstand gegen den äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Ab den späten 1960er-Jahren wurde der Widerstand gegen den autoritären und despotischen Kaiser in erster Linie von der gesamtäthiopischen sozialistischen Bewegung getragen, auch MEISON genannt. Die MEISON wurde im Wesentlichen von sowohl in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, als auch in Europa und Nordamerika lebenden Studenten und Studentinnen gegründet und reihte sich in ihrer Programmatik in die Zielsetzungen der linken antikolonialen Befreiungsbewegungen ein.

Das feudale System von Kaiser Selassie sollte überwunden werden. Vorrangig ging es um Freiheit und Gerechtigkeit, um eine grundlegende Bodenreform, die den armen Bäuerinnen und Bauern zugutekommen sollte, sowie um bessere Bildungschancen für die Jugend.

Am 12. September 1974 gelang das Unwahrscheinliche: Kaiser Haile Selassie wurde gestürzt. Im März 1975 war die Monarchie Geschichte. Äthiopien – und mit ihm das angegliederte Eritrea – wurde zu einer sozialistischen Volksrepublik, und der sogenannte »Derg« – eine von der Sowjetunion unterstützte Militärjunta – übernahm die Macht. Anführer der Derg war der charismatische, aber gefürchtete Mengistu Haile Mariam. (Er regierte Äthiopien bis 1991.) Doch statt eine Gesellschaft zu etablieren, in der die selbst proklamierten Ziele von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verwirklicht wurden, errichtete der Derg eine brutale Gewaltherrschaft.

Die Zeit des sogenannten »Roten Terrors« begann, und Äthiopien sowie das angegliederte Eritrea versanken in einer blutigen Diktatur. Obwohl der Derg behauptete, eine klassenlose Gesellschaft ohne jede Herrschaft errichten zu wollen, wurden Zehntausende Oppositionelle und Gegner des Regimes verhaftet, gefoltert und exekutiert. Besonders tragisch ist, dass jegliche Versuche, in Äthiopien und Eritrea ein sozialistisches System einzuführen, ihr Ziel verfehlten und zu blutigen Diktaturen führten.

Der weltbekannte äthiopische Regisseur Haile Gerima hat das Scheitern des äthiopischen Sozialismus in seinem Spielfilm »Teza« thematisiert. Darin legt er ein eindrucksvolles Zeugnis über die Zeit der kommunistischen Derg-Regierung ab.4

Kurz gesagt: Die Revolution fraß ihre Kinder, und der Derg begann, mit brutalen Methoden zu herrschen. Seine Gewalt richtete sich gegen viele Revolutionäre aus den eigenen Reihen. Die Folge war, dass sich vor allem in den Regionen Tigray und in Eritrea bewaffneter Widerstand formierte.

Im Jahr 1988 gelang es eritreischen Guerilla-Kämpfern bei der berühmten Schlacht von Afebet – einer der größten militärischen Auseinandersetzungen, die jemals auf afrikanischem Boden stattgefunden haben –, einen legendären Sieg über die zahlenmäßig massiv überlegenen Äthiopier zu erringen.5

Mit dieser Schlacht wendete sich das Blatt: Im Jahr 1991, bald nachdem die Sowjetunion ihre Finanzhilfen für Mengistu eingestellt hatte, konnte der Derg entmachtet werden. Eritreische Befreiungskämpfer leisteten einen großen Beitrag zur Überwindung des Regimes.

Meles Zenawi, der in jungen Jahren die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) angeführt hatte und der ab 1989 ein breites Bündnis äthiopischer Oppositionsgruppen anführte, gelang mit der Unterstützung der eritreischen Guerrieros im Mai 1991 der lang ersehnte Sturz des Mengistu-Regimes.

Der Krieg hatte 200.000 Tote gefordert, die einerseits der Waffengewalt, andererseits dem mit dem Krieg einhergegangenen Hunger zum Opfer gefallen waren.

Mengistu floh nach Simbabwe, wo er heute noch lebt, ohne für seine furchtbaren Verbrechen zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Doch die neuen Herrscher in Addis Abeba brachten keine Verbesserung: Ohne den Beitrag der eritreischen Kämpfer für die Überwindung des Derg-Regimes zu würdigen, hielten sie Eritrea weiterhin unter ihrer Kontrolle.

Obwohl sich auch diese Regierung als demokratisch-sozialistisch bezeichnete, gab es weder Demokratie noch Gerechtigkeit. Trotz des Sturzes von Mengistu wollte der neue äthiopische Präsident Meles Zenawi Eritrea nicht in die Unabhängigkeit entlassen. So kämpfte Eritrea weiterhin um Selbstbestimmung.

Im eritreischen Befreiungskampf spielte ein Mann mit dem Namen Isayas Afewerki eine maßgebliche Rolle. Er wurde im Jahr 1969 zum Oberbefehlshaber der Eritreischen Befreiungsfront (ELF) ernannt, der damals wichtigsten Guerillaarmee im Kampf gegen den zu dieser Zeit noch herrschenden Kaiser ­Selassie von Äthiopien. Afewerki vereinte in seiner Person seit jeher ein außergewöhnliches Führungstalent, Charisma, militärische Kompetenz und Durchsetzungsvermögen.

Kurze Zeit später befehligte Afewerki die eritreische Volksbefreiungsfront EPLF, die im Jahr 1970 aus einer Spaltung mit der ELF hervorging und die fortan den Ton im Kampf um die Unabhängigkeit angab. 1988 begann die EPLF ihre Offensive in Richtung Äthiopien. Zusammen mit der Volksbefreiungsfront von Tigray, TPLF, hatte Afewerki einen wesentlichen Anteil am Sturz des Regimes von Mengistu.

Am 24. Mai 1991 nahm die EPLF dann auch Eritreas Hauptstadt Asmara ein und beendete damit den Unabhängigkeitskrieg. Genau zwei Jahre später, am 24. Mai 1993, löste sich Eritrea auch formell endlich von Äthiopien los, nachdem bei einer durch die Vereinten Nationen überwachten Volksabstimmung eine große Mehrheit der eritreischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit gestimmt hatte.

Eritrea war somit eines der letzten Länder Afrikas, die sich von einer ausländischen Besatzung befreiten. Der Jubel in Asmara war gigantisch.

Doch in den letzten dreißig Jahren wandte sich die Politik im nun unabhängigen Eritrea immer mehr gegen das eigene Volk. Isayas Afewerki, der zu Beginn als Freiheitsheld gefeiert worden war, wurde immer mehr zu einem brutalen Diktator.6

Schon im Jahr 1998 war es mit dem Frieden zwischen Eritrea und Äthiopien vorbei – ein absurder Territorialkrieg um das Grenzstädtchen Badme, der insgesamt 80.000 Tote fordern sollte, entbrannte. 2002 sprach ein internationales Schiedsgericht Badme Eritrea zu, aber Äthiopien akzeptierte den Entscheid nicht. Eine Periode des Kalten Krieges begann. Afewerki benutzte die Bedrohung durch Äthiopien, um den berüchtigten Militärdienst, der bisher achtzehn Monate betragen hatte, für unbefristet zu erklären, schaltete die freie Presse aus und ließ Regimekritiker verhaften.

Im November 2019 erklärte der eritreische Informationsminister Yemane Gebremeskel, dass der Militärdienst wieder auf die ursprünglichen achtzehn Monate zurückgestuft werden sollte. Doch solche Ankündigungen waren schon früher gemacht worden. Von einer Lockerung der Repression ist bis jetzt nichts zu spüren.

So wichtig und heldenhaft sein Einsatz für die Unabhängigkeit Eritreas auch gewesen war – zunächst im Kampf gegen Kaiser Haile Selassie, dann gegen Mengistu und den »Roten Terror« und schließlich gegen Meles Zenawi –, so schlimm war es für die eritreische Bevölkerung festzustellen, dass auch Afewerki die sozialistischen Ideale missbrauchte und eine Schreckensherrschaft aufbaute.

Heute ist Eritrea eine der schlimmsten Diktaturen der Welt und wird zu Recht als »Nordkorea Afrikas« bezeichnet. Ich durfte zu keinem Zeitpunkt frei meine Meinung sagen. Solange diese Diktatur an der Macht ist, herrscht keine Freiheit – nur politische Unterdrückung und Armut. Afewerki möchte mit allen Mitteln an der Macht bleiben. Und weil er Angst vor einem Regierungswechsel hat, unterdrückt er jegliche andere Meinungen. Die Gesetze formt er nach seinem Willen. Kaum jemand in Eritrea erwartet noch Gutes unter seiner Herrschaft.

Deswegen floh ich in andere Länder, auf der Suche nach Freiheit. Ich hatte keine Möglichkeit, in Eritrea meine Wünsche zu verwirklichen oder mir dort eine Zukunft aufzubauen.

Seit ich geboren bin, sehe ich immer nur Leiden unter dieser Macht. In meiner geliebten Heimat zu leben heißt, sein Leben zu verlieren. Familienväter, Mütter und ihre viel zu jungen Kinder werden ins Militär gezwungen. Die eritreische Regierung sperrt die Menschen nicht nur in Gefängnisse, sondern auch in Arbeitslager. Wer in Eritrea eine andere Meinung vertritt als die der Regierung, wird ins Gefängnis gebracht und verbringt sein restliches Leben in Fesseln. Sogar viele ehemalige Weggefährten des Präsidenten Afewerki wurden einfach weggesperrt.

Unzählige junge Menschen sind in den zahlreichen Gefängnissen des Landes. Sie sehen ihre Familien oftmals nie wieder und leben unter schrecklichen Bedingungen. Die Familien wissen oft nicht, wie es Müttern, Vätern, Söhnen oder Töchtern geht. Sie bringen ihnen Lebensmittel und Geld zu den Gefängnissen, damit sie nicht verhungern, dürfen ihre Verwandten aber nicht sehen. Oft werden die Lebensmittel und Geschenke, die die Verwandten bringen, nicht weitergegeben, sondern von den Wärtern einbehalten. Viele Gefangene sterben an den schrecklichen Haftbedingungen.

Ich frage mich so oft, wie es nach dem Unabhängigkeitskrieg so weit kommen konnte. Die Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 war ein großer Erfolg, und es gab so viel Hoffnung. Doch seither fanden keine freien Wahlen statt. Warum werden Menschen noch immer eingesperrt? Wieso können sie nicht frei leben in ihrem Land, nach diesem langen und entbehrungsreichen Krieg? Warum dürfen die jungen Menschen in Eritrea nicht über ihr eigenes Schicksal entscheiden? Wenn man keine Freiheit bekommt, ist es nur logisch, dass man flieht und sein Glück in anderen Ländern sucht.

Es stimmt zwar, dass nicht alles schlecht ist in Eritrea. Die HIV-Rate sowie die Mütter- und Säuglingssterblichkeit sind niedrig. Obwohl Eritrea ein sehr armes Land ist, gibt es zumindest in den Städten kostenlose Gesundheitsgrundversorgung. Die Minister und der Präsident leben nicht in dekadentem Saus und Braus, wie das in vielen anderen Ländern der Fall ist. Konflikte zwischen Ethnien und zwischen den Religionen existieren kaum.

Junge Menschen können sich in Eritrea aber nicht frei entwickeln – das Militär ist keine gute Schule. Die Dinge, die junge Menschen dort erlernen, sind grauenvoll. Die Gewalt, die an jungen Mädchen während des Militärdienstes verübt wird, ist schrecklich. Es kommt zu Vergewaltigungen, dabei sind es vor allem Angehörige höherer Dienstgrade, die die Frauen ­missbrauchen, und sie haben keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Wehrdienstverweigerer werden geschlagen oder getötet. Ich fordere die bedingungslose Einhaltung der Menschenrechte in meinem Land.

Leider wissen nicht viele Menschen in westlichen Ländern, warum so viele Jugendliche aus Eritrea fliehen. Ich möchte es in diesem Buch allen erklären! Niemand verlässt aus Jux und Tollerei sein Land. Der Zwang zum Militärdienst ist der wichtigste Grund, aber auch die fehlende Meinungsfreiheit, die ständige Gefahr, eingesperrt zu werden, und die Not und das Elend in unserem Land.

Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed, der sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist es zu verdanken, dass sich die Lage in der Region etwas entspannt hat. Doch auch nach dem berühmten Friedensabkommen zwischen Eritrea und Äthiopien vom Sommer 2018, auf das die Öffnung der Grenzen zwischen den beiden Staaten folgte, scheint sich in Eritrea die Lage nicht wirklich zu verbessern.7

Afewerki bleibt bei seinem paranoiden Kurs. Bereits im Dezember 2018, nur fünf Monate nach dem historischen Friedensabkommen, begann Eritrea damit, die ersten Grenzübergänge zu Äthiopien wieder zu schließen – ohne Angabe von Gründen. Im März 2019 wurde die Abriegelung der Grenze immer lückenloser, seit April sind alle Grenzübergänge wieder geschlossen. Vielfach wird diese neuerliche Grenzschließung vor allem als Zeichen der Angst aufseiten der eritreischen Führung interpretiert, da sie ein Überschwappen von Protestwellen aus den Nachbarländern fürchtet.

Vor allem nach dem Sturz des brutalen Al-Bashir-Regimes im Sudan fürchtet Afewerki, dass er der Nächste sein könnte, der durch eine dynamische soziale Bewegung vom Thron gestoßen werden könnte.

Freiheit bedeutet, dass jeder ohne Probleme seine eigene Meinung äußern kann. Freiheit bedeutet, dass sich jeder Mensch, sei es auf dem Land oder in der Stadt, angstfrei bewegen kann. Alle politischen Gefangenen müssen befreit werden, eine neue Regierung muss demokratisch gewählt werden.

Doch Eritrea belegt seit fünfzehn Jahren einen der letzten drei Plätze auf der Rangliste der Pressefreiheit von »Reporter ohne Grenzen«. In der Ausgabe des internationalen Rankings vom Mai 2019 schnitten nur Turkmenistan und Nordkorea schlechter ab.

Seit 2001, also nur zwei Jahre nach meiner Geburt, gibt es in Eritrea keine unabhängigen Medien mehr. Im Zuge einer politischen Säuberungsaktion schloss die Regierung damals alle nichtstaatlichen Medien und inhaftierte zahlreiche Journalistinnen und Journalisten. Einzig die Staatsmedien dürfen seither Nachrichten verbreiten, doch auch sie sind streng zensiert. Ich habe also praktisch niemals in meinem Leben erlebt, dass es in Eritrea freie Meinungsäußerung gab.

Es gibt kaum Nichtregierungsorganisationen, nur die Regierungspartei und eine einzige von der Regierung kontrollierte Zeitung. Das Rote Kreuz hat nicht das Recht, Gefangene zu besuchen, wie das normalerweise üblich ist. Dazu kommt, dass der Internetzugang sehr eingeschränkt ist.

Freie Wahlen sind nicht existent. Isayas Afewerki, der mittlerweile 73 Jahre alt ist, hat auch nicht im Geringsten vor, in Zukunft Wahlen oder andere Parteien zuzulassen. Eine Verfassung wurde zwar schon im Jahr 1997 geschrieben, sie trat aber nie in Kraft. Präsident Afewerki bezieht seine Legitimität vor allem aus seiner Rolle als Guerilla-Führer. Doch diese Legitimität ist längst verblasst.

3 Stauffer, Hans-Ulrich (2017): Eritrea – der zweite Blick. Rotpunkt-Verlag. https://rotpunktverlag.ch/buecher/eritrea-der-zweite-blick

4 Gerima, Haile (2008): Teza. DVD, Trigon-Film

5 Battle of Afabe 1988. https://www.youtube.com/watch?v=m4Jo5hRHgEA

6 https://www.nzz.ch/international/eritrea-schoene-fassade-vor-harter-repression-eine-reportage-ld.1521984

7 https://www.dw.com/de/ende-des-%C3%A4thiopisch-eritreischen-fr%C3%BChlings/a-48551674

Erste Etappe in mein neues Leben

Am frühen Morgen des zweiten Januars 2014 erreichte ich gemeinsam mit meinem Cousin Äthiopien. Unser Weg führte uns durch die Berge nach Süden. Sowohl mein Heimatort Bihat als auch Senafe, die Stadt, in der ich meine Ausbildung zum Kameramann absolviert hatte, liegen nahe der Grenze – deshalb gelang es uns, die Berge, die Eritrea von Äthiopien trennen, in einer Nacht hinter uns zu lassen.

Von meinen Fluchtplänen hatte ich zu Hause kein Wort gesagt. Ich hatte behauptet, dass ich zur Schule gehen würde, um meine Mutter nicht zu verletzen. Mit 500 Nakfa in der Tasche, umgerechnet heute etwa 30 Euro, die mein Cousin vorsorglich organisiert hatte, damit wir uns unterwegs etwas zu essen kaufen konnten, war ich auf und davon.

Ich war glücklich, dass mir auf der Flucht durch das Gebirge nichts passiert war und ich es geschafft hatte, Eritrea hinter mir zu lassen. Wo wir uns genau befanden, wussten wir nicht. Das Einzige, was wir wussten, war, dass wir die Grenze überquert hatten. Wir hatten keine Ahnung, in welche Richtung wir nun weiterlaufen sollten.

Zu unserem großen Unglück entdeckten uns äthiopische Soldaten, die die Berge mit Ferngläsern kontrollierten. Sie nahmen uns fest, und wir mussten ihnen mit erhobenen Händen bergauf zu ihrem Stützpunkt folgen.

Dieser war gut getarnt, und man hatte einen guten Blick über die Berge. Wir bemerkten, dass es hier sehr viele Soldaten gab, deren Unterkünfte unter der Erde versteckt waren. Wir wurden komplett durchsucht. Anhand der Fotos, die ich als Erinnerung dabeihatte, erkannten die Soldaten bald, aus welcher Region in Eritrea ich stammte.

Als sie sich untereinander berieten und auf einer Karte auf unser Land zeigten, wurde mir mit einem Mal klar, dass ich wahrscheinlich nie wieder in meine Heimat zurückkehren würde. Mit einem Mal bekam ich großes Heimweh. Unser Geld wurde uns von den Soldaten erst einmal weggenommen. Dann gab es Frühstück für alle, doch wir bekamen nichts, obwohl wir großen Hunger hatten. Später brachen wir mit einer Gruppe Soldaten zu Fuß in die kleine Grenzstadt Zela Ambesa auf. Das war anstrengend für uns, und vor lauter Durst vergaßen wir bald unseren Hunger.

»Bitte, ich verbrenne, können wir irgendwo Wasser besorgen?«, bat ich die Soldaten.

Vergebens – wir mussten einfach weiterlaufen.

Sie nahmen uns Gürtel und Schuhe weg, sodass wir unsere Hosen festhalten mussten und nicht weglaufen konnten. Der Boden war sehr felsig, und unsere Füße taten bald fürchterlich weh. Die herumliegenden Nadeln der Bäume bohrten sich in unsere Füße, und sie begannen zu bluten. Niemand kümmerte sich um unser Leiden.

Nach vier Stunden Marsch erreichten wir Zela Ambesa. Dort brachte man uns zur Polizei, die uns in einen Raum sperrte, in dem schon viele andere Menschen ausharrten. Wir erfuhren, dass manche hier schon seit Wochen eingesperrt waren.

Es gab keine Toilette, sondern nur einen Eimer, und es stank furchtbar. Diese Zustände erschreckten mich sehr. Alles, was wir zu essen bekamen, waren eine trockene Semmel und etwas Tee. Weil wir Hunger hatten, fragten wir nach dem Geld, das uns die Polizisten weggenommen hatten. Zunächst wollten sie es uns nicht geben, aber nachdem wir darauf bestanden, willigten sie ein, es in äthiopische Währung umzutauschen. Die Polizisten betrogen uns allerdings, denn sie tauschten es zu einem sehr schlechten Kurs um.

Alle eritreischen Flüchtenden, die in dem Raum eingesperrt waren, waren sehr hungrig, daher bestachen wir die Wachen, damit sie uns Essen brachten. Auf diese Weise gaben wir unser ganzes Geld aus – wir hatten keine andere Wahl. Wir aßen gemeinsam aus einer Schüssel, obwohl sich niemand vorher die Hände gewaschen hatte. Letztendlich wurden alle satt. Von daheim waren wir es gewohnt, gemeinsam zu essen, und es war für uns völlig normal, sich auf der Flucht gegenseitig zu helfen– deswegen machten wir das gern. Niemand von uns hätte allein essen wollen, wenn gleichzeitig andere nur zuschauen durften und Hunger litten. Das wäre nicht richtig gewesen. Ohne wechselseitige Hilfe und Solidarität hätte außerdem niemand von uns die Flucht überstanden.

In dieser Nacht mussten wir wie Sardinen aneinandergedrängt schlafen. Der Raum war dermaßen überfüllt, dass die äthiopische Lagerleitung am darauffolgenden Tag beschloss, mich, meinen Cousin und einige andere Flüchtende an einen anderen Ort zu verlegen.

Mit einem Jeep brachte man uns zunächst in die etwa 35 Kilometer südlich liegende Stadt Adigrat, wo wir eine Nacht blieben. In der Polizeistation mussten wir ohne Decken nur auf ganz dünnen Matratzen auf dem Betonboden schlafen und froren dabei entsetzlich.

Am nächsten Morgen ging es um sechs Uhr weiter, und wir mussten wieder in einen Jeep steigen. Wir waren an die zwanzig Leute, und es war unglaublich eng. Wir saßen dicht an dicht gedrängt. Die Luft war sehr schlecht. Einer der Gefangenen ertrug das nicht und musste sich nach einer Stunde übergeben. Daraufhin wurde die Luft natürlich noch unerträglicher. Uns wurde allen schlecht. Einer nach dem anderen übergab sich. Ich selbst hielt lange durch und versuchte, durch meine Kleidung zu atmen. Irgendwann wurde auch mir speiübel. Ich hatte zwar nichts gegessen, musste aber ebenfalls würgen. Meine Nachbarin übergab sich auf meine Kleidung, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als sie auszuziehen.

So fuhren wir den ganzen Tag lang, bis wir das Flüchtlingslager Endabaguna erreichten. Später erfuhr ich, dass dieser Ort weithin bekannt ist: Ein Erstaufnahmezentrum, von dem aus viele Flüchtende aus Eritrea auf andere Camps im Land verteilt werden. Man brachte uns zu einem umzäunten Platz, der teilweise überdacht war. Hier wurden schon sehr viele Eritreer festgehalten. Insgesamt waren wir wohl 4000, wenn nicht sogar 6000 Menschen.

Niemand durfte die große Halle verlassen, in die wir hineingetrieben worden waren. Bewaffnete Soldaten bewachten den Ort. Die Versorgung war sehr schlecht. Jeder musste warten, bis er aufgerufen und weggebracht wurde. Mit großem Schrecken stellte ich fest, dass es Flüchtende gab, die bereits seit über einem Jahr in diesem Lager festsaßen.

Es machte mir große Angst, wie die Menschen hier behandelt wurden. Aufgrund der Tatsache, dass so viele hier zusammen eingesperrt waren, kam es unter ihnen oft zu Gewalt und Verletzungen. Ich hätte gern meine Kleidung gewechselt, hatte aber nur das, was ich am Leib trug. Um die Kleider zu waschen, fehlte es an ausreichendem Wasser.

Für die Nacht brachte man uns in ein anderes Haus, das an das große Gebäude grenzte. Dort war es sehr eng, und wir waren dazu verdammt, buchstäblich übereinanderzuliegen. Es gab weder Matratzen noch Decken. Diejenigen, die keinen Platz zum Schlafen fanden, mussten sich an Türen und Wände lehnen.

Obwohl die Bedingungen in Endabaguna so hart und unmenschlich waren, trug mich in diesen ersten Wochen meiner Flucht die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich war mir sicher, dass ich die Torturen in diesem Lager bald überstanden hätte. Obwohl noch die Sahara und Libyen vor mir lagen, sah ich mich schon in Europa. Bald sollte ich jedoch erfahren, dass der Weg dorthin viel länger, entbehrungsreicher und qualvoller sein würde, als ich es hier in diesem äthiopischen Lager annahm.

In Endabaguna herrschte militärischer Drill: Jeden Morgen um sechs Uhr wurden wir nach draußen gebracht und mussten uns in Zweierreihen aufstellen, damit durchgezählt werden konnte. Viele Inhaftierte versuchten bei dieser Gelegenheit zu fliehen. Die bewaffneten Soldaten, die vor und hinter uns standen, hielten sie aber auf und schlugen sie mit Stöcken.

Tag für Tag führte man uns auf den großen Platz vor der Halle, wo es jeden Morgen dasselbe Frühstück gab: eine trockene Semmel und einen ungesüßten Tee, der nach nichts schmeckte. Nicht wenige Insassen wurden von diesem Essen krank. Die Sonne stach den ganzen Tag auf uns herab. Die Überdachung reichte nicht für uns alle, sodass viele Menschen in der heißen Sonne sitzen mussten.

Es gab zu wenig Wasser für alle – viele kollabierten deshalb. Auch ich hatte nicht genug Kraft, um mich durchzusetzen und mir einen Platz im Schatten zu erkämpfen. Meine Kleidung war mir schnell zu warm, deshalb behielt ich nur Unterhemd und kurze Hose an und »bastelte« mir aus den restlichen Kleidungsstücken einen Sonnenschutz, den ich auf dem Kopf trug.

Diejenigen, die den ganzen Tag über in der prallen Sonne verbringen mussten, waren völlig ausgetrocknet und stürzten sich auf jegliche Wasserreserven, die sie bekommen konnten. Da das Wasser aber meist sehr dreckig war und wir überhaupt nicht wussten, woher es kam, wurden viele davon krank.

Es war ein menschenunwürdiges Leben!

Während der Zeit im Camp betete ich häufig zu Gott, damit er mich von diesem schrecklichen Leben erlösen möge. Ich verstand nicht, warum er solche Qualen zuließ. Hier gab es für alle Menschen nur vier Toiletten, die immer dreckig und verstopft waren.

Nach Zahlen des UN-Flüchtlingswerks hielten sich im Juni 2013, also rund ein halbes Jahr vor meiner Ankunft, mehr als 70.000 Flüchtende aus Eritrea in Äthiopien auf. Die allermeisten, die aus Eritrea nach Äthiopien fliehen, kommen hier an und werden nach einer mehr oder weniger langen Wartezeit auf verschiedene andere Camps verteilt.

Und so erging es auch mir.

Am fünften Tag nach meiner Ankunft wurde ich aus dem Lager herausgeholt. Die Polizisten brachten mich in einen anderen Raum und stellten mir unzählige Fragen. Sie wollten genauestens wissen, warum ich hier war und wohin ich gehen wollte.

Nach dem Ende der Befragung hoben mich die Soldaten auf die Ladefläche eines Lkws, auf dem schon achtzig oder hundert andere Menschen warteten. Mit diesem völlig überladenen Lkw, der normalerweise zum Transport von Baumaterialien diente, fuhren wir los. Es war offensichtlich, dass die äthiopischen Soldaten nicht im Traum daran dachten, uns freizulassen. Ich musste mich also darauf einstellen, noch längere Zeit in Äthiopien festgehalten zu werden.

Mit der Zeit wurde die Landschaft um uns immer bergiger – doch wohin man uns eigentlich brachte, wusste niemand.

Weil die Ladefläche schrecklich überfüllt war, saßen die Menschen auch auf dem Dach der Fahrerkabine und auf den Seitenwänden. Mir war es in der Mitte viel zu eng, und die Leute um mich herum übergaben sich, weshalb ich versuchte, auf die hintere Ladeklappe zu klettern, um frische Luft zu bekommen. Dort stank es aber fürchterlich nach Abgasen, und ich saß in den Staubwolken, die die Reifen auf dem lehmigen Boden aufwirbelten.

Manchmal fuhren wir so schnell durch die Kurven, dass sich der Lkw auf bedrohliche Weise neigte und fast umkippte. Auf der einen Seite der unbefestigten Straße ging es sehr steil bergab, und wir befürchteten schon, von der Straße abzukommen, weil der Fahrer so schnell fuhr. Ich musste mich sehr gut festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen. Wer hätte mich in diesem einsamen Gebirge gefunden und gerettet?

Nach etwa eineinhalb Stunden erreichten wir ein Camp mit vielen Zelten. Wir hatten die Fahrt lebend überstanden. Obwohl vollkommen unklar war, was nun auf uns zukam und wie lange man uns hier festhalten würde, war ich sehr froh, dass wir nicht mehr in Endabaguna ausharren mussten. Obwohl es schon dunkel war, mussten wir absteigen und uns selbst einen Platz zum Schlafen suchen. Alles, was wir bekamen, war eine Karte, mit der man sich etwas zu essen holen konnte.

Einige von uns wurden direkt am Lkw von ihren Bekannten abgeholt. Ich jedoch wusste nicht, wohin ich gehen sollte, und kannte hier auch niemanden. So lief ich zwischen den Zelten herum und suchte nach Menschen aus meiner Heimatregion. Doch leider fand ich niemanden, und so legte ich mich schließlich unter einen Baum und schlief ein.

Weil die Nacht sehr kalt war und ich entsetzlich fror, war ich am kommenden Morgen schon sehr früh wach, während alle anderen noch schliefen. Wie am vorhergehenden Tag lief ich weiter im Flüchtlingslager herum und versuchte, jemanden zu finden, den ich von zu Hause kennen könnte.

Gegen sieben Uhr morgens stieß ich dann auf eine orthodoxe Kirche und ging hinein, um zu beten. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen in die Kirche. Irgendwann sprachen mich ein Junge und ein Mädchen, die aus meiner Region stammten und die mich erkannten, an. Endlich vertraute Gesichter! Die beiden nahmen mich mit zu ihrem Zelt, und ich durfte bei ihnen schlafen. Wie erleichtert war ich, nicht mehr allein zu sein. Wir unterhielten uns lange. Als das Mädchen ihre Familienfotos hervorholte, erkannte ich auf einem der Bilder einen meiner Cousins.

Es stellte sich heraus, dass auch er in diesem Camp feststeckte. Am nächsten Morgen kam er vorbei, um mich zu sehen, und obwohl er mich nicht gleich erkannte, war die Wiedersehensfreude groß. Er begann sofort, ausführlich über das Camp und seine Erlebnisse hier zu erzählen. Er war etwas älter als ich und berichtete, dass er schon fast zwei Jahre hier sei. Die Entstehung dieses Camps habe er von Anfang an miterlebt. Zu Beginn, so berichtete er, sei auch er im Camp von Endabaguna untergebracht gewesen. Dort sei ihm dieselbe Behandlung wie mir widerfahren: Als das Camp aus allen Nähten geplatzt sei, habe man ihn zusammen mit vielen anderen Menschen an diesen Ort gebracht.

Damals, so erzählte er, lebte hier noch niemand. Es gab nur einen dürren Wald und ein ausgetrocknetes Flussbett. Die äthiopischen Soldaten gaben den eritreischen Flüchtenden einige wenige Baumaterialien, mit denen sie Hütten und Zelte errichten sollten, die am Ende nicht einmal für alle reichten. So schliefen in einem dieser Zelte manchmal mehr als zwanzig Menschen.

Die Flüchtenden lebten hier unter improvisierten Umständen – sich an diesem Ort eine Zukunft aufzubauen, war undenkbar. Viele waren obdachlos oder schliefen in Zelten oder Baracken, in denen sie ganz und gar nicht gegen die Witterung geschützt waren. An eine Arbeit, der die Menschen hätten nachgehen können, oder an eine Schule, die man hätte besuchen können, war nicht zu denken. So saßen die meisten den ganzen Tag lang nur herum, weil sie nichts zu tun hatten.

Das alles machte mir große Sorgen, und ich wusste, dass ich hier unter keinen Umständen bleiben konnte. Ich fragte mich, wo ich denn wohl hingehen müsse, um ein besseres Leben zu finden. Die Berichte meines Cousins machten mich so schwermütig und traurig, dass ich ihn nach einer Weile bat, mit dem Erzählen aufzuhören. Auch wenn all diese Informationen für uns sehr wichtig waren – ich konnte seinen Ausführungen nicht mehr länger zuhören. Wenn dieses Camp wirklich meine Zukunft bedeuten sollte, würde ich lieber sterben, als hier leben zu müssen.

Ich wollte doch nur frei sein! Mein Ziel war es, an einen sicheren Ort zu gelangen, an dem die Menschenrechte gewahrt wurden, an dem ich eine gute Ausbildung machen und glücklich sein konnte. Wie lange würde es dauern, so fragte ich mich, bis diese Wünsche, die wohl jeder Mensch teilte, in Erfüllung gingen?

Selbstverständlich entging es meinem Cousin nicht, dass ich mich schlecht fühlte, und er wollte mir helfen. Deshalb fragte er mich, ob er mir in der kleinen Steinhütte, die er sich gebaut hatte, Obdach geben sollte. Ich willigte ein. In der Hütte war es angenehmer, da sie sich untertags nicht so stark aufheizte wie die vielen Zelte. Ich war dankbar, bei ihm zu sein, und entschloss mich, erst einmal hierzubleiben.

Er teilte sein Essen mit mir, und nachts schliefen wir vor der Hütte, weil es drinnen zu heiß war. Morgens gingen wir gemeinsam zu einer Wasserstelle und holten Wasser. Neben dem Fluss war die Wasserstelle in den Boden gegraben worden, da niemand das Wasser direkt aus dem Fluss trinken wollte. Das durch den Boden gefilterte Wasser füllten wir mithilfe eines Bechers in einen Plastikkanister, den wir wiederum zu unserer Hütte schleppten, wo wir das Wasser an einer Feuerstelle kochten. Das dafür notwendige Feuerholz schlugen wir mit einer Axt aus dem nahe gelegenen Wald. Das fiel mir schwer, weil ich noch sehr geschwächt war. Da wir keine richtigen Schuhe hatten, bohrten sich die Nadeln der Bäume in unsere Sohlen. Dadurch entzündeten sich unsere Füße oft und begannen zu eitern, sodass wir nicht mehr laufen konnten.

Beim Fällen der Bäume kam es immer wieder zu Unfällen, aber die Verletzten konnten nicht medizinisch versorgt werden, weil man selbst in der Krankenstation keine Hilfe bekam. All das erinnerte an das berühmte Buch »Archipel Gulag« des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn, in dem er das Leben in den Lagern Stalins beschreibt.

Doch nicht nur die Entbehrungen und die tödliche Langeweile, die im Camp vorherrschten, quälten uns – es kam auch immer wieder zu Vergewaltigungen von Mädchen und Jungen. Weil es so heiß war, schliefen die Mädchen wie alle anderen unter freiem Himmel und waren somit ein leichtes Ziel für die Soldaten.

Nach etwa zwei Wochen wachte ich eines Morgens auf und musste plötzlich feststellen, dass mein Cousin nicht mehr da war. Er war weggegangen, ohne mir etwas davon zu erzählen. Erst von anderen Leuten erfuhr ich, dass er versuchen wollte, den Sudan zu erreichen. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich ihn begleitet hätte, hätte er mir davon erzählt. Und als kleiner Junge wäre ich ihm bei der gefährlichen Flucht wohl nur zur Last gefallen.

Da ich jedoch unter keinen Umständen in diesem Camp bleiben wollte und mich so wie alle hier nach einer besseren Zukunft sehnte, beschleunigte das plötzliche Verschwinden meines Cousins nur noch meinen Drang, von hier fortzukommen und Richtung Sudan aufzubrechen. Ich wusste bereits, dass es in unserem Camp Schlepper gab, die in der Lage waren, die Flucht zu organisieren. Mein Cousin hatte über Verbindungsleute der Schlepper für mich bezahlt, und so konnte ich sicher sein, dass sie mich aus dem Lager bringen und in den Sudan schleusen würden.

Ich möchte davon absehen, dieses System der Geldübermittlung genau zu erklären, da ich niemanden in Gefahr bringen will. Ich möchte nur so viel sagen: Um flüchten zu können, musste ich mich auf Schlepperbanden einlassen. Ich hatte keine andere Wahl. Daran hat sich nichts geändert: Noch heute müssen sich viele Tausende Flüchtende aus Eritrea an Schlepper wenden, um das Land verlassen zu können. Wir tragen keine Schuld an den misslichen und oft gewaltvollen Verhältnissen auf den Fluchtrouten. Wer mit Schleppern reist, zu denen kein familiärer oder freundschaftlicher Kontakt besteht, wird an vielen Stationen der Flucht dazu gezwungen, Verwandte anzurufen, sei es in der Heimat oder im Exil. Diesen Verwandten wird über Verbindungsleute Geld abgepresst.

Gäbe es sichere Wege, Eritrea oder andere Länder, in denen die Menschenrechte verletzt werden, zu verlassen, müsste kein einziger Mensch mehr in der Wüste oder im Mittelmeer sterben. Schleppern, die ihre Macht missbrauchen und Menschen quälen und ihre Familien ausbeuten, wäre sofort jegliche Geschäftsgrundlage entzogen.

Aufbruch Richtung Sudan

Bereits wenige Tage, nachdem mein Cousin aufgebrochen war, holten die Schlepper abends, als es dunkel wurde, alle Menschen, die weggehen wollten, heimlich aus dem Camp und sammelten sie zunächst in einem tiefen trockenen Flussbett, das man durch die vielen darin wachsenden Sträucher nicht einsehen konnte. Wir waren insgesamt an die 200 Menschen.

Als alle da waren und es völlig dunkel war, gingen wir los. Wir liefen in zwei Reihen durch den dichten Wald, um nicht gesehen zu werden. Alle wurden angewiesen, absolut leise zu sein. Ohne zu zögern, schlugen die Schlepper alle, die aus der Reihe traten oder miteinander sprachen. Das Unterholz war sehr dicht, sodass wir immer wieder Äste ins Gesicht bekamen oder in Dornenbüschen hängen blieben, bis wir völlig zerkratzt waren. Die Nadeln der Bäume bohrten sich in unsere Füße.

Nach ungefähr einer Stunde erreichten wir einen Lkw, der auf der gegenüberliegenden Seite eines Flusses versteckt war. Um ihn zu erreichen, mussten wir zuerst den Fluss durchqueren. Obwohl uns die Schlepper gesagt hatten, dass dieser nicht tief sei, fürchteten sich viele von uns vor dem schnell fließenden Wasser.

Ich konnte ja nicht schwimmen, und allein das Geräusch des Wassers machte mir Angst. Weil ich mich zunächst weigerte, in den Fluss zu gehen, packte mich einer der Schlepper einfach an der Hand und zog mich hinein.

Das Wasser reichte mir bis zum Oberschenkel, und ich schaffte es, das andere Ufer sicher zu erreichen. Dort mussten wir alle auf den Lkw klettern. Der obere Teil der Ladefläche war mit Baumstämmen beladen, unter denen nur ein kleiner Raum von ungefähr eineinhalb Metern Höhe blieb. In diesen mussten wir uns dicht aneinandergedrängt setzen. Als alle eingestiegen waren, wurde die Lücke mit weiteren Baumstämmen verschlossen. Planen und Spanngurte hielten die Baumstämme an ihrem Platz.

Wir saßen in Reihen Rücken an Rücken mit dem Vordermann und hielten uns, so gut es ging, fest. Dennoch stießen sich viele den Kopf an und trugen Beulen davon. Wir konnten kaum atmen und versuchten, uns Luft zuzufächeln. Immer wieder wurden Menschen während der Fahrt ohnmächtig.

Wir konnten natürlich nicht sehen, wohin wir fuhren, wussten nicht einmal die Himmelsrichtung. Alle hatten große Angst, nach Eritrea zurückgebracht zu werden. Unser Ziel war jedoch der Sudan. Wir waren dazu verdammt, den Schleppern zu vertrauen.

Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Um vier Uhr morgens, als es noch dunkel war, hielten wir an. Man gab uns die Anweisung, schnell und möglichst unauffällig in einen Bus umzusteigen. Für einen kurzen Moment konnten wir durchatmen und spürten wieder Leben in uns. Die Schlepper befahlen uns, uns zu beeilen – niemand durfte uns beobachten.

Auch in diesem Bus war es sehr eng und warm. Die Vorhänge waren zugezogen, und wir durften die Fenster nicht öffnen, damit uns niemand sehen konnte. Wer es trotzdem tat, wurde von den Schleppern umgehend mit einem Stock geschlagen.

So fuhren wir bis zum Nachmittag, bis wir schließlich auf eine Straßenkontrolle stießen. Die Straße war mit einer Schranke versperrt. An der Seite der Straße, im Schatten, saßen Wachposten mit Gewehren.

Wir bekamen die Anweisung, unsere Köpfe geduckt zu halten und still zu sein, sonst, so sagten die Schlepper, würden wir alle sterben.

Dann plötzlich geschah das Unfassbare: Der Fahrer stieg unvermittelt und ohne dass wir auch nur im Geringsten damit gerechnet hatten, mit voller Kraft auf das Gaspedal und durchbrach so die Schranke. Die Grenzwachen begannen, sofort zu schießen. Unzählige Kugeln durchschlugen den Bus – der Lärm war ohrenbetäubend. Wir gerieten in Panik. Neben mir wurden Menschen von den Kugeln zum Teil schwer verletzt. Nichtsdestotrotz raste der Busfahrer in etwa eine Stunde lang weiter und achtete nicht auf die Schmerzensschreie der Verletzten.

Es war eine wirklich apokalyptische Fahrt.

Schließlich hielten wir an einem Waldstück, wo schon zwei Männer auf uns warteten. Wir mussten wiederum schnell aussteigen und den Männern in den Wald folgen. Der Bus fuhr weiter, die Verletzten hingegen wurden einfach an der Straße zurückgelassen. Man überließ sie schlichtweg ihrem Schicksal. Auch im Wald drängten uns die Schlepper zur Eile. Wir waren verängstigt und panisch – viele stolperten über Wurzeln oder Äste.

Nach einer Viertelstunde erreichten wir ein Versteck in einer Senke. Wir hatten auf dem ganzen bisherigen Weg weder gegessen noch getrunken und waren sehr durstig, doch es gab hier kein Wasser. Die Schlepper sagten uns, dass wir hier warten sollten, und ließen uns allein. Sobald sie weg waren, machten wir uns auf die Suche nach Wasser, aber wir fanden nur eine alte Viehtränke mit verschmutztem Wasser.

Uns blieb nichts anderes übrig, als uns damit zufriedenzugeben. Als es dunkel wurde, kamen die Schlepper zu unserer Überraschung mit drei Traktoren und Anhängern zurück. Damit fuhren wir auf steilen und holprigen Waldwegen weiter. Wir wurden von den Ästen der Bäume geschlagen, und immer wieder fielen Menschen hinunter. Dann wurde angehalten, bis alle wieder aufgestiegen waren. So fuhren wir bis drei Uhr morgens. Schließlich mussten wir wieder absteigen und zu Fuß weiterlaufen. Wir waren alle durstig und müde, durften aber keine Pause machen. Vor lauter Hunger begannen wir, Früchte von den Bäumen zu pflücken, die wir nicht kannten. Die Früchte waren trocken und verschlimmerten unseren Durst nur noch mehr.

Ich hatte meine Schuhe auf dem Weg verloren und lief nur mit meinen Socken. Die Steine und der Boden waren sehr heiß, und meine Füße taten weh. Streckenweise konnte ich nur noch auf einem Bein hüpfen. Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir eine Ruine, in der wir uns den ganzen Tag über verstecken mussten.

Als die Schlepper gegangen waren, machten wir uns wieder sofort auf die Suche nach Wasser. Manche Menschen wurden vor Durst ohnmächtig. Meine Lippen waren aufgesprungen. Die Zunge klebte an meinen Gaumen. Nach zwanzig Minuten Suche fanden einige von uns eine Wasserstelle. Dort war ein Hirte, der ihnen einen Kanister lieh. Damit gelang es ihnen, das Wasser zur Ruine zu transportieren. Den Menschen, die ohnmächtig geworden waren, goss man etwas Wasser aufs Gesicht. Ihre Körper waren schon furchtbar heiß. Das Wasser half ihnen, wieder zu Kräften zu kommen.

Doch die Verschnaufpause nahm ein jähes Ende: Der Hirte, der uns zuvor noch geholfen hatte, hatte die Armee verständigt – und so sahen wir uns plötzlich einer Gruppe von äthiopischen Soldaten gegenüber, die uns sofort festnahmen. Wir versuchten zu fliehen – alle liefen in unterschiedliche Richtungen davon.

Die Soldaten eröffneten daraufhin das Feuer und verletzten viele von uns. Andere, die sich wegen der Schüsse auf den Boden geworfen hatten, wurden sofort festgenommen. Insgesamt schnappten die Soldaten neunundzwanzig von uns. Auch ich wollte weglaufen, wusste aber nicht, wohin. Außerdem hatte ich nicht genug Kraft und wurde ebenfalls festgenommen.

Die Soldaten banden uns die Hände hinter dem Rücken fest und nahmen uns Gürtel und Schuhe weg. So war jeder weitere Fluchtversuch unmöglich. In diesem Zustand mussten wir zu einem verlassenen Dorf laufen. Der Boden war sehr heiß und verbrannte meine bloßen Füße. Ich hatte mich an Steinen und Dornen verletzt, sodass meine Füße nun auch bluteten.

Ohne Gürtel rutschte meine Hose ständig nach unten. Mit nach hinten gefesselten Händen war es unmöglich, sie festzuhalten. Aus diesem Grund musste ich die ganze Zeit gebeugt laufen, um zu verhindern, dass sie ganz nach unten rutschte. Obwohl ich meine Hände kaum bewegen konnte, versuchte ich, in die Gesäßtaschen zu greifen und die Hose festzuhalten.

Der Weg war sehr beschwerlich, und mein Durst verschlimmerte sich immer weiter. Nach etwa einer Stunde erreichten wir ein Dorf mit einfachen Lehmhütten. Dort gab es einige Fässer mit altem Wasser, das die Hirten zurückgelassen hatten. Es war dreckig, doch wir hatten keine andere Wahl, als aus diesen Fässern zu trinken.

Weil mir die Hände noch immer auf den Rücken gefesselt waren, versuchte ich, die oberste Schicht Dreck zur Seite zu blasen und direkt aus dem Fass zu trinken. Die Mädchen aus unserer Gruppe, deren Hände nicht gefesselt worden waren, halfen uns, indem sie mir und den anderen Wasser ins Gesicht und über die Kleidung spritzten. Das kühle Wasser linderte unsere Schmerzen ein wenig. Als alle getrunken hatten, liefen wir noch einige Minuten weiter, bis wir eine Straße erreichten. Dort wartete bereits die Polizei mit einem Kleinbus auf uns.

Einem Mann aus unserer Gruppe gelang es, sich während des Einsteigens an die Seite zu drängen und wegzulaufen. Obwohl die Soldaten sofort auf ihn schossen, schafften sie es nicht, ihn zu treffen – er lief zickzack und warf sich immer wieder auf den Boden. Außerdem war es bereits etwas dämmrig. Wir taten unser Möglichstes, um die Soldaten vom Schießen abzuhalten, doch sie hörten nicht auf uns. Nach einer Weile erreichte der Flüchtende eine Senke und konnte dadurch entkommen.

Wir waren erschüttert und standen wie gelähmt da. Es blieb uns nicht anderes übrig, als den Befehlen der Soldaten Folge zu leisten und wieder in den Bus zu steigen. Es sprach sich herum, dass wir nun in ein Gefängnis in Gondar, der zweitgrößten Stadt Äthiopiens, gebracht werden sollten. Somit war mein erster Versuch, den Sudan zu erreichen, gescheitert.

Um sieben Uhr abends erreichten wir schließlich Gondar. Dort erwartete uns bereits die nächste böse Überraschung: Denn anstatt uns ins Gefängnis zu werfen, versuchten die Polizisten unverhohlen, uns an andere Schlepper zu verkaufen. Aber sie sollten sich damit verkalkulieren. Es stellte sich heraus, dass sie einen zu hohen Preis veranschlagten – der Schlepper, mit dem die Polizisten verhandelten, weigerte sich, die geforderte Summe zu zahlen.

Stattdessen riet er uns, in einem unbemerkten Moment wegzulaufen, damit sie uns später in der Stadt finden konnten. Da aber überall Polizisten mit Waffen standen, konnte zunächst niemand fliehen. Wenn nur jemand einen Schritt zur Seite machte, wurden sofort die Waffen entsichert. Jeder, der versucht hätte wegzulaufen, wäre sofort erschossen worden.

In der Zwischenzeit war der Schlepper in einen erbitterten Streit mit dem Polizisten geraten. Nach langem Hin und Her brachte man uns letztendlich doch ins Gefängnis. Die Polizisten waren wütend, weil sie nichts verdient hatten, und ließen ihre Wut an uns aus. Viele von uns wurden geschlagen. Die drei Mädchen, die bei uns waren, wurden von uns getrennt, während man die Männer und Jungen ins Gefängnis brachte.

Dort saßen wir nun unter verurteilten Verbrechern und Mördern. Das Gefängnis war überfüllt, und wir mussten über viele Menschen, die auf dem Boden saßen, steigen. Es stank ganz fürchterlich und statt Toiletten gab es nur Plastikkanister, die vor Urin und Fäkalien überquollen.

An diesem Abend bekamen wir nichts zu essen. Die einheimischen Gefangenen bekamen ihr Essen von ihren Familien, aber diese teilten nicht mit uns. Allein der Geruch des Essens verschlimmerte unseren Hunger noch weiter. Wir erkundigten uns, ob man irgendwo etwas zu essen organisieren könne, mussten aber hören, dass man nichts bekam, wenn man keine Familie hatte, die einen unterstützte. Aus Verzweiflung kauften wir den anderen Gefangenen mit dem Geld, das wir noch übrig hatten, eine Schüssel mit Essen ab. Dieses Essen bestand aus Resten, die vom Boden aufgesammelt worden waren. Es war verdreckt und sicher nicht gesund, doch wir aßen es trotzdem.

In dem Raum, in dem wir gefangen gehalten wurden, gab es kein Licht, weswegen einige Männer Kerzen angezündet hatten. Das machte die ohnehin stickige Luft in dem Raum noch unerträglicher.

Mir war enorm heiß – all diese Dinge wurden mir viel zu viel.

Irgendwann konnte ich kaum noch atmen. Die anderen machten sich deswegen große Sorgen um mich und fächelten mir Luft zu. Als es mir immer schlechter ging, trommelten sie gegen die Tür und versuchten, die Wärter um Hilfe zu bitten. Die Wärter kamen zwar – doch statt mir zu helfen, entsicherten sie nur ihre Waffen und bedrohten uns.

Wir hätten ihnen viel Geld zahlen müssen, das wir nicht hatten, damit sie geholfen hätten. Gegen Mitternacht ging es mir wieder etwas besser, und wir lehnten uns zum Schlafen gemeinsam an die Wand – denn am Boden fanden wir keinen Platz mehr.

Mitten in der Nacht schreckte ich mit einem Mal hoch – mit Entsetzen stellten wir fest, dass jemand die Kleider eines Flüchtenden, der mit uns hier angekommen war, durchsuchte. Sofort war uns klar, dass es andere Gefangene waren, die uns bestehlen wollten.

Wir hatten unser Geld vorsorglich in einem sicheren Versteck in unseren Unterhosen vernäht. Der Mann, der angegriffen wurde, stieß die Diebe fort – dadurch kam es im Handumdrehen zu einem brutalen Streit.

Wir waren hoffnungslos in der Unterzahl und wurden von den anderen überwältigt. Viele von uns wurden geschlagen. Ein Junge wurde sogar mit einem Messer schwer verletzt. Durch unsere Schreie und den Tumult wurden die Wärter aufmerksam und öffneten die Türen. Ohne lange zu fackeln, schossen sie mit ihren Gewehren in die Decke.

Sofort war es still. Natürlich hatten sie keinerlei Interesse daran, zu erfahren, was eigentlich passiert war. Die restliche Nacht standen wir alle mit dem Rücken zur Wand, um sofort zu sehen, ob ein weiterer Angriff drohte. Den Jungen, der mit dem Messer verletzt worden war und der stark blutete, versuchten wir mit zerrissenen Kleidungsstücken zu verarzten.

Statt meine Flucht fortsetzen zu können, um endlich frei zu sein, saß ich nun also in einem äthiopischen Gefängnis, zusammengepfercht mit gewöhnlichen Dieben und Verbrechern, vor deren Gewaltbereitschaft wir nicht sicher waren. Hätte ich damals geahnt, dass das erst der Anfang meiner Odyssee sein sollte, hätte ich vielleicht davor zurückgeschreckt, Eritrea zu verlassen. Aber welche Wahl hatte ich denn? Sollte ich mein ganzes Leben in der eritreischen Diktatur fristen? Die Qualen der Flucht waren schlimm, doch beim eritreischen Militärdienst traumatisiert zu werden oder gar zu sterben, war keine lockendere Vorstellung.

Am Morgen um sechs Uhr brachte man uns dann nach draußen. Die Gefangenen stellten sich in einer Reihe an, um Frühstück zu bekommen. Wir aber wussten nicht, wo genau wir uns anstellen sollten, und standen nur vor der Tür, weshalb uns bereits die nächsten Schläge von den Wärtern drohten.

Der verletzte Junge lag noch immer im Inneren des Gefängnisses. Es ging ihm sehr schlecht. Er hatte große Schmerzen, und er konnte nicht laufen. Zwei von uns mussten ihn nach draußen tragen.

Die anderen Gefangenen, die um uns herumstanden, lachten uns nur aus und spuckten auf unser Essen. Das trockene Brot und der Tee, den wir bekamen, waren so geschmacklos, dass wir es kaum herunterbrachten.

Nach dem Essen mussten die anderen Gefangenen wieder nach drinnen gehen, nur wir sollten draußen bleiben. Denn die Wärter hatten plötzlich im Sinn, uns in einen anderen Raum zu sperren. Dieser Raum war sehr klein und eng, und wir konnten darin nur dicht gedrängt sitzen. Nach und nach bekamen wir großen Durst und Hunger – aber den ganzen Tag über kümmerte sich niemand um uns.

Als die Ersten von uns ohnmächtig wurden, versuchten wir aufs Neue, die Wärter zu alarmieren. Doch niemand reagierte auf unser Schreien und Klopfen mit Händen und Füßen. Erst als uns Hände und Füße schmerzten, hörten wir auf damit. Am Ende saß jeder in einer Ecke. Viele weinten.

War das der Preis dafür, frei sein zu dürfen? Diese Frage sollte ich mir in den kommenden Monaten immer wieder stellen.

Die Tränen vertrockneten im Nu auf unseren Gesichtern. Wir hatten nur drei Flaschen, in die wir pinkeln konnten, und als diese voll waren, versuchten wir mit großer Mühe und unter Schmerzen, unseren Urin zu unterdrücken.

Doch nicht alle konnten sich zurückhalten, und so war bald der ganze Boden nass. Manche von uns versuchten gar, ihren eigenen Urin zu trinken. Auch mein Durst war so quälend, dass ich es versuchte – aber ich musste würgen und ließ sofort davon ab.

Erst am Nachmittag brachte man uns in Dreiergruppen zur Toilette. Dort hatte man aber nur vier Minuten Zeit, während die äthiopischen Wärter bewaffnet danebenstanden und zur Eile drängten. War man nicht schnell genug, wurde man getreten. Die Toilette war völlig überfüllt, und es stank fürchterlich. Trotz des Ekels, den wir empfanden, beeilten wir uns und hielten uns mit einer Hand die Nase zu.

Auf dem Rückweg zu unserem Raum durfte man sich noch ein Stück Brot und einen Becher Tee mitnehmen, dann wurden wir wieder eingesperrt. Das Brot schmeckte widerlich. Ich konnte es kaum runterwürgen und musste mich meist wieder übergeben, nachdem ich es gegessen hatte. Wie oft dachte ich in diesem Gefängnis an das Brot und an die Mahlzeiten, die mir meine Mutter zubereitet hatte. Mir ging es sehr schlecht, doch niemand meiner Begleiter konnte mir helfen, denn wir alle waren geschwächt.

Manche waren so schwach, dass sie nicht einmal mehr richtig aufstehen konnten. Sie torkelten ein kleines Stück weit und fielen dann sofort wieder hin. Meine Augen waren trocken. Irgendwann konnte ich die Welt um mich herum nur noch wie durch einen Schleier wahrnehmen. Wir waren ganz verzweifelt und baten die Polizisten, uns freizulassen. Wir hatten schließlich nichts verbrochen, unser einziges Verbrechen war, in Freiheit und Sicherheit leben zu wollen.

Es dauerte ganze zwei Wochen, bis wir schließlich freikamen. Um unsere Freilassung zu erreichen, legten wir unser ganzes Geld zusammen. Wir bekamen 2000 äthiopische Birr zusammen, was rund 55 Euro entspricht – das war den Wärtern aber nicht genug, sie verlangten 3000 Birr. Doch wo hätten wir das restliche Geld auftreiben sollen?

Die Polizisten waren von vorn bis hinten korrupt und interessierten sich überhaupt nicht für uns, sondern nur für unser Geld. Zum Glück fanden wir nach einer gewissen Zeit in diesem Gefängnis aber andere Gefangene mit gutem Willen und Hilfsbereitschaft, die die fehlenden Birr für uns bezahlten.

So kam es, dass wir auf der offenen Ladefläche eines Lkws wieder zurück zu dem ersten Camp in Endabaguna gebracht wurden. Wir setzten also unsere absurde und qualvolle Odyssee in die Richtung fort, aus der wir gekommen waren. Das alles kam mir vor wie ein Albtraum.

Abermals mussten wir die gefährliche Strecke durch die Berge zurücklegen, die wir schon einmal gefahren waren. Die Straße durch die Berge war nicht geteert, sehr schmal, und links von uns ging es steil nach unten. Manchmal neigte sich der Lkw in den Kurven zur Seite, und die Räder des Wagens hingen bedrohlich in der Luft. Zudem brannte den ganzen Tag die Sonne auf uns herunter. Wir hatten großen Durst, sodass uns die Zunge am Gaumen klebte. Das Metall des Lkws war so heiß, dass man sich verbrannte, wenn man durch die abrupten Schwankungen dagegenfiel. Wir atmeten die ganze Zeit über den Staub der Straße ein.

Nach fünf Stunden hielten wir neben einem Fluss, und wir durften unter Bewachung der Soldaten ins Wasser, um uns zumindest ein bisschen abzukühlen. Der Fluss war jedoch sehr verschmutzt – in ihm trieben große Mengen an Müll, und das Wasser schäumte. Trotzdem tranken wir von dem Wasser.

Danach fuhren wir weiter und erreichten nach einem Tag Endabaguna. Noch vor dem Camp mussten wir alle absteigen und den Rest des Weges zu Fuß gehen. Wir fanden uns in einer Gruppe von sieben Jungen zusammen, manche gleich alt wie ich, manche älter. Wir mussten ohne jedes Licht unseren Weg durch den Wald finden. Weil wir Angst hatten, liefen wir, obwohl wir alle müde und hungrig waren und unsere Füße immer schwerer wurden. Wir versanken im Sand, sodass wir oft stolperten. Als wir nach einer Weile eine Straße erreichten, versuchten wir, vorbeifahrende Autos zu stoppen. Schließlich hielt ein Lieferwagen an. Doch er nahm nur einen Jungen mit, der sich am Fuß verletzt hatte und kaum noch laufen konnte.

Um etwa zehn Uhr morgens erreichten wir endlich das Camp. Wir waren die ganze Nacht hindurch gelaufen. Ich musste mit Ernüchterung feststellen, dass in der Zwischenzeit alle Sachen, die ich in der Hütte zurückgelassen hatte, in der mein Cousin und ich gelebt hatten, gestohlen worden waren.

Mittlerweile waren zwei Mädchen in die Hütte eingezogen, die neu in das Camp gekommen waren und nicht gewusst hatten, wohin. Sie boten mir zwar an, zu dritt in der Hütte zu wohnen, weil ich aber die Mädchen überhaupt nicht kannte, lehnte ich ab. Da ich sie aber auch nicht aus der Hütte verjagen wollte, ließ ich sie dort allein und ging stattdessen zu einer eritreischen Frau, die mit ihren Kindern im Camp lebte und die ich bei meinem Aufenthalt zuvor kennengelernt hatte. Sie nahm mich mit offenen Armen auf und bot mir sogleich einen Schlafplatz an.

Mir ging es in dieser Zeit nicht gut. Die Erlebnisse der letzten Wochen hatten mir sehr zugesetzt. Langsam realisierte ich, dass mir noch viele Prüfungen bevorstanden, bis ich in Frieden und Sicherheit würde leben können. Doch zurückzukehren nach Eritrea war ausgeschlossen. Mein Drang nach Freiheit war größer als die Angst vor den möglicherweise noch bevorstehenden Qualen.

Ich konnte in diesen Tagen nichts essen, nur ein bisschen trinken. Eine Woche lang blieb ich nur in der Hütte. Weil ich so schwach war, konnte ich mir nicht einmal meine Essensration abholen. Meine Bekannte versuchte, sie mir mitzubringen, aber die Wärter lehnten ab. Ich war auf ihre bedingungslose Hilfe angewiesen. Selbst zum Pinkeln brauchte ich jemanden, der mir nach draußen half.

All das war mir sehr unangenehm. Nach einiger Zeit war mein Zustand so schlecht, dass ich zur Krankenstation des Lagers gebracht wurde. Doch dort bekam ich keine Untersuchung – stattdessen wollte mir das Lagerpersonal einfach Tabletten geben, deren Einnahme ich schlicht verweigerte.

Zum Glück verbesserte sich mein gesundheitlicher Zustand nach einigen Tagen wieder, und ich konnte draußen ein bisschen spazieren gehen. Meine Bekannte und andere Häftlinge zwangen mich sanft dazu, wieder zu essen.

Ich war ja erst vierzehn Jahre alt und auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen. Am nächsten Tag war ich wieder in der Lage, mir mein Essen selbst zu besorgen, obwohl man sich dafür ab dem frühen Morgen stundenlang in der prallen Sonne anstellen musste.

Die Lagerleitung sah vor, dass sich acht Leute bei der Essensausgabe jeweils einen Sack Mehl und einen Kanister Öl teilen mussten. Außerdem gab es noch eine kleine Schüssel Zucker für jeden. Diese Lebensmittel hätten für einen Monat reichen sollen. Dafür war es aber viel zu wenig, und bei der Verteilung gab es immer Streit. Viele Leute versuchten durch Tricks oder pure Gewalt mehr zu bekommen, als ihnen zustand.

So wollte ich auf Dauer nicht dahinvegetieren.

Ich wusste ja schon seit Langem, dass es in diesem Lager keinerlei Perspektive auf ein besseres Leben gab – für niemanden. Deshalb beschloss ich, so bald wie möglich von hier fortzukommen. Da es beim ersten Versuch nicht geklappt hatte, nahm ich mir vor, es diesmal mit anderen Schleppern zu versuchen. Das notwendige Geld organisierten wir abermals über eritreische Verwandte, die entweder zu Hause oder im Exil lebten.

Pulsuz fraqment bitdi.

28,29 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
30 iyul 2025
Həcm:
300 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783831270354
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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