Kitabı oxu: «Ein Werdender - Dritter Band»

Şrift:

Fjodor M Dostojewski

Ein Werdender - Dritter Band

Übersezt von Korfiz Holm

Saga

Ein Werdender - Dritter Band

Übersezt von Korfiz Holm

Titel der Originalausgabe: Podrostok

Originalsprache: Russischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1922, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726981285

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Erstes Kapitel
1

Jetzt – von ganz etwas anderm.

Ich kündige immer »etwas andres, etwas andres« an und spreche doch in einem fort von mir selber. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, eine Beschreibung meiner eignen Person zu liefern; und ich habe es auch durchaus nicht tun wollen, als ich meine Aufzeichnungen begann: ich verstehe nur zu gut, daß den Leser meine Persönlichkeit nicht im geringsten interessiert. Ich beschreibe andre Leute und will andre Leute beschreiben und durchaus nicht mich selber; und wenn ich selber doch immer wieder hereinkomme – so ist das nur ein betrübliches Versehen, weil ich es auf keine Weise vermeiden kann, so gern ich es auch möchte. Besonders ärgert es mich, daß ich meine eignen Erlebnisse mit einer Hitze beschreibe, daß man danach von mir denken könnte, ich wäre noch immer derselbe, der ich damals war. Der Leser wird sich wohl dessen erinnern, daß ich schon mehr als einmal den Stoßseufzer emporgeschickt habe: »Oh, wenn ich doch das Frühere ungeschehen machen und ganz von neuem anfangen könnte!« Das hätte ich wohl nicht sagen können, wenn ich mich inzwischen nicht radikal verwandelt hätte und ein ganz andrer Mensch geworden wäre. Das springt doch geradezu in die Augen; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich leider gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, und dazu noch mitten in den Fluß meiner Erzählung hinein!

Zur Sache!

Nachdem ich neun Tage bewußtlos gelegen hatte, erwachte ich wie neugeboren, nicht aber gebessert; Wiedergeburt war übrigens selbstverständlich ein ganz törichter Ausdruck dafür, wenn man es in einem weitern Sinne betrachtet; und wenn dasselbe heute passierte, würde das vielleicht in einem ganz andern Sinne zutreffen. Meine Idee, das heißt mein Gefühl, bestand (wie schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich ganz von allen fort wollte, aber diesmal ganz bestimmt fort, nicht so wie früher, als ich diesen Entschluß tausendmal gefaßt hatte und ihn doch nie hatte zur Ausführung bringen können. Rächen wollte ich mich an niemand, darauf gebe ich mein Ehrenwort, – wenn sie mich auch alle im tiefsten gekränkt hatten. Ich wollte davongehen ohne Groll, ohne Verwünschungen; ich wollte mich auf meine eigne Kraft stellen, aber diesmal wirklich auf meine eigne Kraft., die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhängig wäre! Ich schreibe diese Worte über meine damaligen Träume nicht nieder, um sie für einen besondern Gedanken auszugeben, sondern weil dies damals meine Gefühle waren, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Formulieren wollte ich sie noch nicht, solange ich im Bette lag. Krank und kraftlos lag ich da in Wersilows Zimmer, das man für mich hergerichtet hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: ein Strohhalm lag im Bette und kein Mann, und die Schuld daran trug nicht die Krankheit allein – oh, wie tief mich das kränkte! Und siehe da, aus der innersten Tiefe meines Wesens, aus allen meinen Kräften hervor erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem Gefühle ins Unendliche gesteigerter Anmaßung und eingebildeten Trotzes. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von anmaßenderen Gefühlen erfüllt gewesen wäre als damals, in den ersten Tagen meiner Genesung, das heißt, als ich wie ein Strohhalm im Bette lag.

Aber fürs erste schwieg ich noch und hatte mir sogar vorgenommen, überhaupt nicht darüber nachzudenken! Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, daraus zu erraten, was ich wissen mußte. Ich sah leicht, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten; sie sprachen nur von gleichgültigen Dingen mit mir. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich auch; ich will diesen Widerspruch nicht erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, selbst zweimal an einem Tage. Aus Bruchstücken ihrer Unterhaltung und aus ihrem ganzen Wesen schloß ich, Lisa müsse sehr viel Plackereien haben und wäre sogar sehr oft nicht zu Hause, weil sie ihren »eignen Angelegenheiten« nachginge: schon in dem Gedanken an diese »Angelegenheiten« lag für mich etwas Kränkendes; übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, deren Beschreibung der Mühe nicht wert ist. Tatjana Pawlowna kam gleichfalls fast täglich zu mir, und wenn sie auch durchaus nicht sanft mit mir umging, so schimpfte sie doch wenigstens nicht nach ihrer frühern Manier, und das erboste mich höchlichst, so daß ich ihr gerade ins Gesicht sagte: »Tatjana Pawlowna, wenn Sie nicht schimpfen, sind Sie tödlich langweilig.« – »Na, dann komm' ich eben nicht mehr zu dir«, schnitt sie das Gespräch kurz ab und ging. Ich war froh, daß ich wenigstens die eine weggeekelt hatte.

Am meisten quälte ich Mama durch mein aufbrausendes Wesen. Es entwickelte sich bei mir ein ungeheurer Appetit und ich knurrte heftig, ich bekäme mein Essen nicht zur rechten Zeit (ich bekam es aber immer rechtzeitig). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen solle. Eines schönen Tages brachte sie mir die Suppe, begann mich, wie gewöhnlich, selber zu füttern, und ich krakeelte die ganze Zeit, während ich aß. Und auf einmal ärgerte ich mich darüber, daß ich so krakeelte: »Sie ist vielleicht die einzige, die ich liebhabe, und gerade sie muß ich quälen.« Aber meine Wut verminderte sich dadurch nicht, und ich fing plötzlich vor Wut an zu weinen; und sie, die Arme, glaubte, ich weinte vor Rührung, beugte sich über mich und begann mich zu küssen. Ich nahm mich zusammen und ertrug das, so gut es ging; in Wirklichkeit haßte ich sie aber in dem Moment. Aber ich habe Mama immer liebgehabt, hatte sie auch damals lieb und haßte sie durchaus nicht; es war nur, wie es immer ist: wen man am meisten liebt, den kränkt man zu allererst.

Hassen tat ich in jenen ersten Tagen nur den Doktor. Dieser Doktor war ein junger Mensch und führte mit aufgeblasener Miene scharfe und fast unhöfliche Reden. Diese Leute tun immer so, als hätten sie erst gestern unerwarteterweise etwas ganz Besondres und Neues in der Wissenschaft entdeckt, während doch gestern gar nichts Besondres geschehen ist: aber so ist immer die Art der Mittelmäßigkeit und der Dutzendmenschen. Ich ertrug das lange mit Geduld, endlich aber platzte ich damit heraus und erklärte ihm vor allen meinen Angehörigen, daß er ganz umsonst herkäme, daß ich ganz ohne seinen Beistand gesund werden würde, und daß er zwar äußerlich wie ein Realist aussähe, dabei aber von lauter Vorurteilen bis zum Rande erfüllt wäre und daher nicht begriffe, daß die Medizin noch keinen geheilt hätte, – und schließlich, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach von krasser Unbildung wäre, »wie heutzutage alle unsere Techniker und Spezialisten, die neuerdings die Nase so furchtbar hoch tragen.« Der Doktor war sehr beleidigt (damit allein bewies er schon zur Genüge, was für eine Sorte Mensch er war), setzte aber trotzdem seine Besuche fort. Ich erklärte schließlich Wersilow, wenn der Doktor seine Besuche nicht einstelle, würde ich ihm noch zehnmal unangenehmere Dinge sagen. Wersilow bemerkte daraufhin nur, es wäre wohl kaum möglich, doppelt so unangenehme Dinge zu sagen, geschweige denn zehnmal so unangenehme, wie ich sie ihm schon gesagt hätte. Ich freute mich, daß er das bemerkt hatte.

Nein, dieser Mensch! Ich spreche von Wersilow. Er, er ganz allein war an allem schuld – aber trotzdem: nur auf ihn allein war ich damals nicht böse. Nicht nur seine Art mir gegenüber bestach mich. Ich glaube, wir hatten damals gegenseitig das Gefühl, daß wir einander viele Erklärungen schuldeten . . . und daß es eben deshalb das beste wäre, uns nie Erklärungen zu machen. Es ist außerordentlich angenehm, wenn man in solchen Lebenslagen an einen intelligenten Menschen gerät! Ich habe schon im zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erzählt, daß er mich knapp und klar von allem Nötigen unterrichtet hatte: von dem Briefe des verhafteten Fürsten an mich, von Serstschikows Ehrenerklärung zu meinen Gunsten. Da ich beschlossen hatte zu schweigen, hatte ich ihm dabei nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen gestellt; er hatte klar und präzis darauf geantwortet, ohne alle überflüssigen Worte und, was das beste daran war, ohne überflüssige Gefühle zu äußern. Vor überflüssigen Gefühlsäußerungen hatte ich damals große Angst.

Von Lambert sage ich kein Wort, aber der Leser hat natürlich schon erraten, daß ich nur zuviel an ihn dachte. Im Delirium hatte ich mehrfach von Lambert gesprochen; aber als ich aus dem Delirium erwacht war und näher zusah, gewann ich bald die Meinung, daß die Sache mit Lambert ein Geheimnis geblieben sein müsse und daß sie nichts davon wüßten, auch Wersilow nicht ausgenommen. Darüber freute ich mich, und meine Angst verschwand; ich hatte mich aber getäuscht, wie ich später zu meinem Erstaunen erfuhr: er war noch während meiner Krankheit dagewesen, aber Wersilow hatte es mir verschwiegen, und daraus hatte ich geschlossen, ich wäre für Lambert schon in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Nichtsdestoweniger dachte ich häufig an ihn; mehr noch: ich dachte nicht nur ohne Widerwillen an ihn, nicht nur mit Neugier, sondern sogar mit einer Art von Sympathie, als fühlte ich da etwas Neues heraus, das mir Hilfe bringen könnte, etwas, was den neuen Gefühlen und Plänen entsprach, die in mir geboren waren. Kurz und gut, ich beschloß, mir die Sache mit Lambert vor allen Dingen ernstlich durch den Kopf gehen zu lassen, sobald ich erst anfangen würde nachzudenken. Etwas Sonderbares muß ich noch erwähnen: ich hatte total vergessen, wo er wohnte, und in welcher Straße das alles damals passiert war. Sein Zimmer, Alphonsine, das Hündchen, den Korridor – das alles sah ich deutlich vor mir; ich hätte es malen können; aber wo das alles passiert war, das heißt, in welcher Straße und in welchem Hause, das hatte ich vollkommen vergessen. Und was das Allersonderbarste war: das merkte ich erst drei oder vier Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein gekommen war, als ich mich schon lange wieder eifrig mit Lambert beschäftigte.

Also das waren meine ersten Empfindungen nach meiner Genesung. Ich habe nur das Alleroberflächlichste aufgezeichnet, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelungen ist, die Hauptsache aufzuzeichnen. In der Tat ist es sehr möglich, daß sich gerade in der Zeit das Hauptsächliche in meinem Innern loslöste und formulierte; ich lag doch nicht immer da und ärgerte und boste mich, weil ich meine Bouillon nicht bekam. Oh, ich weiß noch so gut, wie traurig mir zumute war, und wie ich mich damals härmte, besonders wenn ich lange allein blieb. Und die andern hatten leider sehr bald bemerkt, daß ihre Anwesenheit mich bedrückte und ihre Anteilnahme mich aufbrachte; so begannen sie mich denn mehr und mehr allein zu lassen: das war nun ein sehr überflüssiges Feingefühl.

2

Am vierten Tage, nachdem ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, lag ich, so um drei Uhr nachmittags, in meinem Bette, und es war niemand bei mir. Es war ein heller Sonnentag, und ich wußte genau: um vier Uhr, wenn die Sonne unterginge, würde ein schiefer, roter Strahl genau auf die Ecke der Wand, an der ich lag, fallen und einen grellen Lichtflecken dahin werfen. Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das ganz bestimmt nach einer Stunde eintreffen müsse, und vor allem, daß ich das voraus wußte, so genau, wie ich wußte, daß zweimal zwei vier ist, erboste mich bis zur Wut. Ich warf mich konvulsivisch mit meinem ganzen Körper herum; da hörte ich auf einmal, mitten in der tiefen Stille, deutlich die Worte: »Herrgott, Jesus Christus, unser Herr, erbarme dich unser.« Diese Worte wurden halblaut geflüstert, darauf folgte ein Seufzer aus tiefster Brust, und dann wurde es wieder ganz still. Ich hob hastig den Kopf.

Ich hatte schon früher, das heißt gestern und schon vorgestern, bemerkt, daß irgend etwas Besondres in unsern drei Zimmern hier unten vorgehen müsse. In dem Zimmer auf der andern Seite des Wohnzimmers, wo früher Mama und Lisa geschlafen hatten, hauste jetzt sichtlich jemand anders. Ich hatte schon ein paarmal allerhand Geräusche vernommen, bei Tage und nachts, aber sie hatten immer nur einen ganz kurzen Augenblick gedauert, und sofort war wieder für mehrere Stunden tiefste Stille eingetreten, so daß ich nicht weiter darauf geachtet hatte. Gestern war ich auf die Idee gekommen, Wersilow wäre dort drüben, zumal er bald darauf zu mir hereingekommen war, obgleich ich aus ihren Gesprächen ganz bestimmt wußte, daß Wersilow für die Zeit meiner Krankheit in eine andre Wohnung gezogen war, wo er auch schlief. Was Mama und Lisa anbetrifft, so war mir schon länger bekannt, daß sie beide (damit ich Ruhe hätte, glaubte ich) hinaufgezogen waren in meinen ehemaligen »Sarg«, und ich hatte schon einmal so bei mir darüber nachgedacht, wie sie da wohl zu zweien Platz finden könnten. Und jetzt auf einmal erwies es sich, daß in ihrem früheren Zimmer ein Mann hauste und daß dieser Mann nicht Wersilow war. Mit einer Leichtigkeit, die ich mir durchaus nicht zugetraut hätte (denn ich hatte bis zu diesem Augenblick geglaubt, ich wäre noch ganz schwach), ließ ich meine Beine vom Bett hinunter, schlüpfte in die Pantoffeln, zog den grauen Lammfellschlafrock an, der auf dem Stuhle lag (und den mir Wersilow abgetreten hatte) und begab mich durch unsre Wohnstube in Mamas früheres Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, gab mir gleichsam einen Schlag vor den Kopf: so etwas hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Da saß ein alter, uralter Mann mit einem großen, schneeweißen Barte, und man sah auf den ersten Blick, daß er schon lange dasaß. Er saß nicht auf dem Bette, sondern auf Mamas Fußbank, und lehnte sich nur mit dem Rücken ans Bett. Übrigens hielt er sich so gerade, daß er überhaupt keine Stütze zu brauchen schien, obgleich er sichtlich krank war. Er trug über dem Hemde einen überzogenen kurzen Pelz, über seine Knie war Mamas Plaid gebreitet, seine Füße staken in Pantoffeln. Man konnte ahnen, daß er hochgewachsen und breitschultrig war; er sah trotz seiner Krankheit sehr frisch aus, wenn er auch ein wenig blaß und mager war; sein Gesicht war länglich, die Haare dicht, aber nicht sehr lang; er mochte ungefähr siebzig Jahre zählen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. Wenn ich auch nicht mit dem leisesten Gedanken erwartet hatte, ihn hier zu treffen, so erriet ich doch sofort, wer er war; ich konnte mir nur immer noch nicht vorstellen, wie er diese zwei Tage hier so still hatte sitzen können, beinahe Wand an Wand mit mir, ohne daß ich bis jetzt etwas davon vernommen hatte.

Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur fest und schweigend an, genau wie ich ihn, nur mit dem Unterschiede, daß in meinem Blick ein maßloses Erstaunen lag, in seinem aber nicht das geringste. Im Gegenteil, als er mich in diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens gleichsam bis zum letzten Zuge mit den Augen aufgenommen hatte, begann er plötzlich zu lächeln und lachte dann still und lautlos, und wenn dies Lachen auch gleich wieder verschwand, so blieb doch eine helle, heitre Spur davon auf seinem Gesicht und besonders in den Augen, die blau, leuchtend groß waren, wenn auch die Lider vom Alter schwer herabgesenkt und geschwollen waren und unzählige winzige Fältchen sie umgaben. Und dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich.

Ich finde: wenn ein Mensch lacht, ist es weitaus in der Mehrzahl der Fälle unangenehm, ihn anzusehen. Meistens äußert sich im Lachen der Menschen etwas Häßliches, etwas, was gleichsam den, der da lacht, herabsetzt, obgleich der Lachende selbst fast nie etwas von dem Eindruck weiß, den er hervorbringt. Genau, wie er nicht weiß, und wie überhaupt niemand weiß, was für ein Gesicht er im Schlafe hat. Mancher Mensch hat auch im Schlafe ein kluges Gesicht, bei andern wieder, selbst bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlafe furchtbar dumm und infolgedessen lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß ein Mensch, der lacht, genau so wie einer, der schläft, fast nie weiß, was für ein Gesicht er macht. Die überwältigende Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht zu lachen. Übrigens, da ist gar nichts zu verstehen: das ist ein Talent, und man kann sich's nicht geben. Höchstens kann man sich's dadurch geben, daß man sich durch Selbsterziehung ändert, daß man sich zum Besseren durchringt und die schlechten Instinkte seines Charakters niederkämpft: es ist durchaus wahrscheinlich, daß auf die Weise auch das Lachen eines Menschen sich zum Besseren verwandeln könnte. Durch sein Lachen verrät sich so mancher, und man erkennt auf einmal sein Innerstes. Unstreitig ist auch ein kluges Lachen zuweilen abstoßend. Zum Lachen gehört vor allen Dingen Aufrichtigkeit; aber wo findet man in den Menschen Aufrichtigkeit? Zum Lachen gehört nichts weniger als Bosheit; die Menschen lachen aber am häufigsten boshaft. Ein aufrichtiges, nicht boshaftes Lachen, das ist Fröhlichkeit; aber wo findet man bei den Menschen von heute Fröhlichkeit; und können die Leute überhaupt noch fröhlich sein? (Dieses Wort über die Fröhlichkeit von heute stammt von Wersilow, und ich habe es mir gemerkt.) Die Fröhlichkeit eines Menschen ist der Zug, der am meisten von ihm verrät. Mancher Charakter ist wie eine Nuß, an der man sich lange die Zähne ausbeißt, aber der Betreffende braucht nur einmal recht ungeniert zu lachen, und sein Charakter liegt offen da, wie auf der flachen Hand. Nur ein Mensch mit der höchsten und glücklichsten Kultur versteht es, so zu lachen, daß er seine Fröhlichkeit andern mitteilt, das heißt, unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche hier nicht von Verstandeskultur, sondern von der Kultur des Charakters, des ganzen Menschen. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und sein Herz erkennen will, so muß man sich nicht darum kümmern, wie er schweigt, oder wie er spricht, oder wie er weint, oder wie er von edelsten Idealen durchglüht wird; sondern man beobachtet ihn am besten, wenn er lacht. Hat ein Mensch ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Man muß dabei übrigens gut auf alle Nuancen achten: so darf einem zum Beispiel das Lachen eines Menschen auf keinen Fall dumm erscheinen, so fröhlich und gutmütig er auch lachen mag. Bemerkt man auch nur den kleinsten Zug von Dummheit in seinem Lachen, so ist dieser Mensch sicherlich von beschränktem Verstande, mag er auch so tun, als schüttle er die großen Gedanken nur so aus dem Ärmel. Und wenn sein Lachen auch nicht dumm ist, wenn aber der Betreffende selber einem beim Lachen aus irgendeinem Grunde plötzlich lächerlich erscheint, wenn auch nur ein ganz klein wenig lächerlich, so bedeutet das, daß dieser Mensch keine echte persönliche Würde besitzt, oder wenigstens nicht genug davon. Oder schließlich: wenn eines Menschen Lachen sich zwar mitzuteilen vermag, einem aber ungeachtet dessen abgeschmackt erscheint, so ist dieser Mensch sicherlich selber ein abgeschmackter Kopf, und alles Edle und Hohe, das man früher an ihm bemerkt hat, ist entweder mit Vorbedacht geheuchelt oder unbewußt von außen angeeignet; so ein Mensch wird sich späterhin sicherlich zum schlechteren verändern, er wird sich auf Dinge werfen, die »gemeinen Nutzen« versprechen, und die edeln Ideen ohne Bedauern als jugendliche Verirrungen und Schwärmereien abtun.

Diesen langen Exkurs über das Lachen habe ich in wohlerwogner Absicht hier eingefügt und ihm sogar den glatten Fluß meiner Erzählung geopfert, weil ich ihn für eine der wichtigsten Erkenntnisse halte, die das Leben mir gebracht hat. Und besonders empfehle ich ihn jungen Bräuten, die im Begriff stehen, den erwählten Mann zu heiraten, aber ihn doch noch immer nachdenklich und mißtrauisch beobachten und keinen endgültigen Entschluß fassen können. Und niemand soll über den trübseligen Halbwüchsling lachen, weil er sich in seinen Moralpredigten mit der Frage der Ehe befaßt, wovon er doch nicht das geringste versteht. Soviel verstehe ich doch, daß das Lachen die sicherste Probe auf den Gehalt eines Herzens ist. Schauet die Kindlein an: nur die Kinder verstehen es, vollkommen gut zu lachen, – deshalb sind sie auch so bezaubernd. Ein Kind, das weint, ist mir widerlich; ein lachendes, fröhliches aber ist wie ein Strahl vom Glanze des Paradieses, eine Offenbarung aus der Zukunft, wo die Menschen wieder rein und einfältig wie die Kindlein sein werden. – Und so etwas Kindliches und ganz unwahrscheinlich Einnehmendes leuchtete auch aus dem flüchtigen Lachen dieses alten Mannes. Ich trat sogleich auf ihn zu.

3

»Setz' dich nieder, setz' dich, du kannst wohl noch nicht recht auf den Füßen stehen«, forderte er mich freundlich auf und wies auf einen Platz neben sich; dabei sah er mir immer noch mit demselben strahlenden Blick in die Augen. Ich setzte mich neben ihn und sagte:

»Ich kenne Sie, Sie sind Makar Iwanowitsch.«

»Sehr richtig, lieber Freund. Schön, daß du aufgestanden bist. Du bist ein junger Mensch, für dich ist's schön. Der Alte gehört in die Grube, der Junge soll leben.«

»Sind Sie denn krank?«

»Freilich, mein Lieber, die Füße besonders; bis an die Tür hier haben sie mich noch getragen, die alten Füße, aber kaum hab' ich mich hier niedergesetzt, da sind sie gleich aufgeschwollen. Das hab' ich seit letztem Donnerstag, wo der Frost so stark wurde. Ich habe sie bisher immer mit einer Salbe eingeschmiert, weißt du; die hat mir ein Doktor in Moskau, Edmund Karlytsch Lichten hieß er, vor drei Jahren verschrieben, und die Salbe hat geholfen, so gut hat sie geholfen; na, und jetzt hilft sie halt nicht mehr. Und auf der Brust hab' ich's auch. Und seit gestern tut mir der Rücken arg weh, als ob mir die Hunde drin herumbissen . . . Und schlafen kann ich auch nicht die Nächte.«

»Wie kommt's denn, daß man Sie hier gar nicht hört?« unterbrach ich ihn. Er sah mich an, als überlege er sich etwas.

»Weck' nur deine Mutter nicht auf«, fuhr er dann fort, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. »Sie hat da nebenan die ganze Nacht geschafft, so leise, daß man nichts hören konnte, wie eine Fliege; und jetzt, weißt du, hat sie sich hingelegt. – Ach, so ein kranker alter Mann hat's nicht gut«, seufzte er. »Woran hängt das Herz nur so, und will und will nicht loslassen, und immer noch freut es sich am Licht; und wenn's drauf ankäme, das ganze Leben noch einmal von vorn anzufangen, ich glaube, auch davor würde das Herz sich nicht fürchten; zwar, so ein Gedanke ist vielleicht sündhaft.«

»Warum denn sündhaft?«

»Ein Traum ist's, so ein Gedanke, und ein alter Mann muß mit Freuden dahingehen. Denn, siehst du, wenn du den Tod mit Murren oder mit Mißvergnügen begrüßt, so ist dieses eine große Sünde. Nun, aber wenn einer aus geistlicher Fröhlichkeit das Leben liebgewonnen hat, so denke ich mir, wird Gott ihm verzeihen, wenn er auch ein alter Mann ist. Schwer ist's für den Menschen, zu wissen bei jeder Sünde, was da sündig ist, und was nicht: da ist ein Geheimnis dabei, das über Menschenverstand geht. Ein alter Mann aber muß zufrieden sein zu jeder Zeit, und sterben muß er in der vollen Blüte seines Verstandes, selig und gern, gesättigt von seinen vielen Tagen, entgegenseufzend seiner letzten Stunde und freudig, wie eine Ähre zur Garbe dahingeht, wenn er sein Geheimnis erfüllt hat.«

»Sie sagen immer ›Geheimnis‹; was heißt das: sein Geheimnis erfüllt haben?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich freute mich, daß wir allein waren, und daß ringsum unverbrüchliche Stille herrschte. Die untergehende Sonne schien grell ins Zimmer. Er sprach ein wenig schwülstig und unklar, aber sehr überzeugt und in einer starken Erregung, als freue er sich in der Tat sehr über mein Kommen. Aber ich bemerkte wohl, daß er zweifellos fieberte, und zwar recht stark. Ich war gleichfalls krank und fieberte seit dem Augenblick, da ich zu ihm gekommen war.

»Was das Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, lieber Freund, in allem ist das göttliche Geheimnis. In jedem Baume, in jedem Kraute ist dieses selbe Geheimnis beschlossen. Ob nun ein kleines Vöglein singt, ob die ganze Schar der Sterne in der Nacht am Himmel glänzt – das alles ist dieses Geheimnis, gleicherweise. Und das größte Geheimnis liegt in dem, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So ist es, lieber Freund!«

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie . . . Ich sage das natürlich nicht, um mich über Sie lustig zu machen, und Sie können mir glauben: ich glaube an Gott; aber alle diese Geheimnisse hat der Verstand schon lange durchschaut, und was er noch nicht entdeckt hat, das wird alles entdeckt werden, ganz sicher, und vielleicht in kürzester Frist. Die Botanik weiß ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiolog und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen; und was die Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle gezählt, sondern jede ihrer Bewegungen ist genau auf die Minute ausgerechnet, so daß man sogar auf tausend Jahre hinaus voraussagen kann, genau auf die Minute, wann irgendein Komet erscheinen wird . . . Und heutzutage ist auch schon die Zusammensetzung der entferntesten Sterne bekannt. Nehmen Sie ein Mikroskop – das ist ein Vergrößerungsglas, das die Dinge millionenfach vergrößert, und schauen Sie sich einen Wassertropfen dadurch an: Sie werden dort eine ganze neue Welt erblicken, eine ganze Welt von lebenden Wesen; und sehn Sie, auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch entdeckt.«

»Ich habe wohl davon gehört, mein Lieber, mehr als einmal haben mir die Leute davon erzählt. Da ist nichts zu sagen, das ist ein großes und rühmliches Werk; alles ist dem Menschen gegeben nach Gottes Willen; nicht umsonst hat Gott ihm seinen lebendigen Odem eingeblasen: ›Lebe und erkenne‹.«

»Nun, das sind Gemeinplätze. Sie sind also kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen . . .«

»Nein, lieber Freund, ich habe von Jugend auf Achtung vor der Wissenschaft gehabt, und wenn ich selbst nicht gescheit darin bin, so murre ich doch nicht darüber: ist sie mir nicht zuteil geworden; so ist sie andern zuteil geworden. Es ist vielleicht auch besser so, weil so jeder sein Teil hat. Weil auch nicht jedem die Wissenschaft zum Nutzen dienen würde, lieber Freund. Gar mancher kann sich keine Grenze ziehen, gar mancher möchte die ganze Welt in Erstaunen setzen, und ich würde das vielleicht mehr als irgendein andrer wollen, wenn ich gelehrt wäre. Aber wo ich jetzt ganz und gar nicht gelehrt bin, wie kann ich mich da überheben, wo ich doch selber ganz und gar nichts weiß? Du aber bist jung und hast scharfe Augen, und dir ist das als Gebiet gegeben, lerne du nur. Suche alles zu erkennen: wenn dir dann ein Gottloser oder ein Frecher begegnet, so kannst du ihm antworten, und er kann dich mit seinen hitzigen Redensarten nicht irreführen und deine unreifen Gedanken nicht verwirren. – Und so ein Glas, wie du sagst, hab' ich selbst gesehen, es ist noch nicht so lange her.«

Er holte Atem und seufzte. Ich hatte ihm durch mein Kommen entschieden große Freude gemacht. Sein Durst, sich mitzuteilen, war fast krankhaft. Außerdem täusche ich mich ganz bestimmt nicht, wenn ich behaupte, daß er mich zuweilen mit ganz besondrer Liebe ansah: er legte seine Hand liebkosend auf die meine und streichelte mir die Schulter . . . allerdings manchmal, muß ich gestehen, vergaß er mich dann wieder ganz, es war, als säße er ganz allein; und wenn er auch eifrig weitersprach, so sprach er doch gleichsam in die leere Luft.

»Lieber Freund,« fuhr er fort, »es lebt da im Gennadios-Kloster ein sehr gescheiter Mann. Er ist aus vornehmer Familie, nach seinem Range Oberstleutnant und sehr reich. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; jetzt ist es schon das zehnte Jahr, daß er sich von der Welt abgeschlossen hat, er liebt die stillen, schweigsamen Zufluchtstätten, und sein Gefühl hat das weltliche Sorgen und Eifern abgetan. Er hält alle Klosterregeln ein, aber Mönch werden will er nicht. Und Bücher, lieber Freund, hat er soviel, wie ich noch bei keinem Menschen gesehen habe, – er selbst hat mir gesagt, sie haben ihn achttausend Rubel gekostet. Er heißt Piotr Valerianytsch. Er hat mich zu verschiedner Zeit viel gelehrt, und ich hab' ihm immer furchtbar gern zugehört. Also frage ich ihn einmal: ›Wie kommt es, Herr, daß Sie bei Ihrem großen Verstand, und wo Sie schon zehn Jahre im Mönchsdienst leben und in der vollkommenen Abtötung Ihres Willens – wie kommt es, daß Sie nicht das löbliche Ordensgelübde ablegen, um dadurch noch vollkommener zu werden?‹ Und er gibt mir zur Antwort: ›Was redest du da von meinem Verstande, Alter; vielleicht hat mich mein Verstand zu seinem Gefangnen gemacht, und nicht ich habe ihm seine Grenzen gesetzt. Und was redest du von meinem Mönchsdienst: vielleicht habe ich längst das eigne Maß für mich verloren. Und was redest du von der Abtötung meines Willens? Meinem Gelde würde ich sofort entsagen, Rang und Stand würde ich hergeben, und alle meine Orden würde ich auf den Tisch legen, aber meiner Pfeife Tabak kann ich nicht entsagen, und kämpfe doch schon zehn Jahre darum. Was wäre ich also für ein Mönch, und was für eine Willensabtötung rühmst du an mir?‹ – Ich wunderte mich damals über diese Demut. Na, und also im vorigen Sommer, um die Zeit der Peter- und Paulsfasten, komme ich wieder in dieses Kloster – Gott hatte mich hingeführt – und da sehe ich, in seinem Zimmer steht eben so ein Ding – ein Mikroskop – das hatte er sich um viel Geld aus dem Ausland kommen lassen. ›Wart', Alter‹, sagt er zu mir, ›ich zeig' dir etwas ganz Erstaunliches, weil du so etwas noch nie gesehen hast. Sieh diesen Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: na, also, schau dir an, was darin ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes durchforscht haben werden, nicht ein einziges werden sie für dich und mich übriglassen.‹ Mit den Worten sagte er das, ich hab' es genau behalten. Aber ich hatte in so ein Mikroskop schon fünfunddreißig Jahre vorher hineingeschaut, bei Alexander Wladimirowitsch Malgasow, unserm Herrn, Andrej Petrowitschs Onkel von Mutters Seiten, von dem Andrej Petrowitsch dann nachher, nach seinem Tode, das Stammgut geerbt hat. Er war ein großmächtiger Herr, ein hoher General, und hielt sich eine große Hundemeute, und ich war damals lange Zeit Jäger bei ihm. Na, und damals stellte er auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht hatte, und befahl dem ganzen Gesinde, Männern und Weibern, sie sollten eins nach dem andern herkommen und hineinschauen, und da wurde denn auch allerhand gezeigt: ein Floh und eine Laus, eine Nadelspitze, ein Haar, ein Tropfen Wasser. Und das war ein Spaß: die Leute fürchteten sich, hinzugehen, und vor dem Herrn fürchteten sie sich auch – er konnte sehr böse werden. Manche konnten überhaupt gar nicht hineinschauen, sie kniffen die Augen zu und sahen gar nichts; andre grausten sich und schrien, und Sawin Makarow, der Starost, hielt sich die Augen mit beiden Händen zu und schrie: ›Macht mit mir, was ihr wollt, – ich geh' nicht hin!‹ Törichtes Gelächter gab's da genug. Piotr Valerianytsch sagte ich aber nichts davon, daß ich schon früher, vor fünfunddreißig Jahren, das gleiche Wunder gesehen hatte, weil ich sah, er hatte große Freude daran, es mir zu zeigen; darum tat ich so, als ob ich mich schrecklich wunderte und entsetzte. Er ließ mir Zeit zur Überlegung und fragte dann: ›Na, Alter, was sagst du jetzt?‹ Ich aber verneigte mich und sagte zu ihm: ›Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht‹, und er fragte auf einmal hastig zurück: ›Ward nicht am Ende Finsternis?‹ Und das sagte er so sonderbar, und lachte nicht einmal dazu. Da wunderte ich mich über ihn, und er war förmlich böse geworden und sagte nichts mehr.«

»Ganz einfach, Ihr Piotr Valerianytsch ißt im Kloster geweihten Reis und macht vorgeschriebene Kniebeugungen, aber er glaubt nicht an Gott, und Sie sind gerade in einem solchen Augenblick zu ihm gekommen – das ist die ganze Geschichte,« sagte ich, »und außerdem ist er ein recht lächerlicher Mensch: er hat doch sicher seine zehnmal vorher schon ein Mikroskop gesehen; warum schnappt er dann beim elftenmal plötzlich in der Weise über? Das ist so eine nervöse Empfindlichkeit . . . die hat sich wohl durch das Klosterleben bei ihm entwickelt.«

»Er ist ein Mensch von reinem Herzen und hohem Verstande,« sagte der Alte eindringlich, »und er ist kein Gottloser. Er hat eine Menge Verstand, aber sein Herz ist unruhig. Solche Leute gehen jetzt sehr viele aus dem herrschaftlichen und gelehrten Stande hervor. Und noch eins will ich dir sagen: solch ein Mensch straft sich selber für seine Sünden. Und du mach' einen Bogen um solche Leute und ärgere sie nicht, aber bevor du nachts einschläfst, gedenke ihrer im Gebete, weil solche Leute Gott suchen. Betest du vor dem Schlafengehen?«

»Nein, ich halte das für eine leere Formalität. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, daß Ihr Piotr Valerianytsch mir gefällt: er ist wenigstens kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und hat ein wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen, der uns beiden nahe steht, und den wir beide kennen.«

Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort:

»Das ist gar nicht recht, lieber Freund, daß du nicht betest; beten ist etwas Gutes und macht das Herz froh, vorm Schlafengehen, und wenn man in der Früh aufsteht, und wenn man nachts erwacht. Das kann ich dir sagen. Vorigen Sommer, im Juli, pilgerten wir zum Kirchenfeste nach dem Bogorodskij-Kloster. Je näher wir hinkamen, desto mehr Leute stießen zu uns, und schließlich waren wir unser fast zweihundert, die alle die gleiche Straße pilgerten, um die heiligen und gnadenkräftigen Reliquien der beiden Wundertäter Anikios und Gregorios zu küssen. Wir nächtigten im freien Felde, und ich erwachte am Morgen sehr früh, alle schliefen noch, und selbst die liebe Sonne sah noch nicht hinter dem Walde hervor. Also, lieber Freund, ich neigte mich im Gebete, ließ meinen Blick in die Runde gehen und seufzte! Eine Schönheit überall, daß man es nicht sagen kann! Alles still, die Luft ist weich; die Gräschen wachsen – wachst nur, ihr Gräschen Gottes; ein Vöglein singt – sing nur, Vöglein Gottes; ein Kindchen schreit im Arm seiner Mutter – der Herr sei mit dir, Menschlein, wachs zum Glück auf, Kindchen! Und siehst du, es war, als hätte ich damals zum erstenmal in meinem ganzen Leben das alles in mich aufgenommen . . . Ich neigte mich wieder im Gebet; dann schlief ich so gut ein. Schön ist's auf dieser Welt, lieber Freund! Weißt du, wenn es mit mir besser werden sollte, dann ziehe ich im Frühling wieder aus. Und was das Geheimnis betrifft, so macht es das ja nur noch besser: das Herz scheut sich und staunt davor; und diese Scheu gereicht dem Herzen zur Erbauung: ›Alles ist in dir beschlossen, o Herr, und auch ich bin in dir beschlossen, und du nimm mich auf!‹ Murre nicht dawider, junger Mensch: darum eben ist es noch schöner, weil es ein Geheimnis ist«, fügte er ergriffen hinzu.

»›Darum eben ist es noch schöner, weil es ein Geheimnis ist‹ . . . Dieser Worte werde ich gedenken. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, aber ich verstehe Sie schon . . . Mich überrascht es, daß Sie viel mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie gleichsam wie im Fieber . . .« sagte ich unwillkürlich, wie ich so in seine fiebrigen Augen und sein bleich gewordnes Gesicht sah. Aber er schien meine Worte überhaupt nicht zu hören.

»Weißt du auch, lieber junger Mensch,« begann er wieder in einem Tone, als setzte er seine frühere Rede fort, »weißt du auch, daß dem Gedächtnis des Menschen auf dieser Erde eine Grenze gesteckt ist? Das Gedächtnis des Menschen währt nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die sein Angesicht gesehen haben, später aber kann wohl noch sein Gedächtnis fortleben, aber bloß im Munde der Leute, bloß im Gedanken, dieweil alle dahingegangen sind, die sein lebendiges Antlitz geschaut haben. Und verschwinden wird sein Grab auf dem Friedhof unter Gras, zerfallen wird der weiße Stein darauf, und vergessen werden ihn alle Leute, und selbst seine eignen Nachkommen, vergessen wird selbst sein Name werden, dieweil nur wenige bleiben im Gedächtnis der Menschen – und was schadet das! Mögt ihr mich vergessen, Geliebte, ich liebe euch noch aus dem Grabe heraus. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, ich höre eure Schritte über die Gräber eurer leiblichen Vorfahren wandern; lebt nur noch so lange unter der lieben Sonne und freuet euch, ich will für euch zu Gott beten, im Traum will ich zu euch kommen . . . ob man auch tot ist, die Liebe bleibt dennoch! . . .«

Die Sache ist die, daß ich selber genau in demselben Fieberzustande war wie er; statt hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn vielleicht auch ins Bett zu bringen, weil er geradezu im Fieberdelirium war, – statt dessen ergriff ich plötzlich seine Hand, ich beugte mich über ihn, drückte seine Hand und flüsterte erregt, das Herz geschwellt von Tränen:

»Ich bin so froh, daß Sie da sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Von den andern habe ich nicht einen lieb: ihnen allen fehlt die Vornehmheit . . . Ich kann nicht mit ihnen gehen, ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, ich gehe mit Ihnen . . .«

Zum Glück kam Mama herein, ich weiß nicht, wie das sonst noch geendet hätte. Sie kam mit noch schlaftrunknem und aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Medizinfläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie:

»Ich hab' es doch gewußt! Ich habe ihm die Chinatropfen nicht zur Zeit gegeben, er hat wieder starkes Fieber! Ich habe mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Lieber!«

Ich stand auf und ging hinaus. Sie gab ihm die Arznei und brachte ihn zu Bett. Ich legte mich auch zu Bett, war aber sehr erregt. Eine große Neugierde hatte ich mit herübergebracht, und ich dachte mit allen Gedanken nur an diese Begegnung. Was ich damals davon für Folgen erwartete, – ich weiß es nicht. Natürlich, ich dachte ohne Zusammenhang, und was durch meinen Kopf ging, waren keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und erblickte auf einmal in der Ecke den grellen Sonnenflecken, auf den ich vorhin unter Stöhnen und Fluchen gewartet hatte; und ich weiß noch, wie mein ganzes Innres gleichsam frohlockte und gleichsam ein neues Licht mein Herz erfüllte. Ich gedenke dieses herrlichen Augenblicks und will seiner nicht vergessen. Das war nur ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft . . . Ich war damals in der Genesung, und da war also wohl dieser Aufschwung die unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes; aber derselben lichten Hoffnung vertraue ich auch heute noch – das ist es, was ich hierher schreiben und wessen ich damit gedenken wollte. Natürlich wußte ich auch damals genau, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch auf die Pilgerfahrt gehen würde, und daß ich selber nicht wußte, worin eigentlich dieser neue Drang bestand, der mich erfaßt hatte, aber ein Wort hatte ich schon ausgesprochen, wenn auch bloß im Fieberdelirium, das hieß: »Sie haben die Vornehmheit nicht!« – »Es ist ganz klar,« dachte ich in meiner großen Erregung, »von diesem Augenblick an will ich die ›Vornehmheit‹ suchen, den andern aber fehlt sie, und darum will ich von ihnen gehen.«

Etwas raschelte hinter mir, ich drehte mich um: da stand Mama, über mich gebeugt, und sah mir mit schüchterner Neugier in die Augen. Ich ergriff auf einmal ihre Hand:

»Mama, warum haben Sie mir denn nichts von unserm teuern Gaste gesagt?« fragte ich plötzlich, ohne selber vorher gewußt zu haben, daß ich so fragen würde. Alle Unruhe verschwand auf einmal aus ihrem Gesicht, und eine Art Freude leuchtete darin auf, aber sie gab mir zur Antwort nur dieses eine Wort:

»Du solltest Lisa auch nicht vergessen; du hast Lisa vergessen.«

Sie sagte das hastig, wurde rot dabei und wollte schnell davoneilen, denn sie liebte es gar nicht, aber auch gar nicht, Gefühle breitzutreten; und in der Beziehung war sie genau wie ich, das heißt, zurückhaltend und keusch; außerdem natürlich wollte sie auch nicht mit mir von dem Thema Makar Iwanowitsch anfangen; es war genug daran, was wir uns gegenseitig mit unsern Blicken sagen konnten. Aber ich, ich, der jedes Breittreten von Gefühlen haßt, ich hielt sie mit Gewalt am Arme zurück: ich sah ihr freundlich in die Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der andern Hand ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich über mich und preßte ihre Stirn gegen meine:

»Christus beschirme dich,« sagte sie und richtete sich plötzlich auf, mit strahlendem Gesicht, »werd' nur gesund! das vergesse ich dir nicht. Er ist krank, sehr krank . . . Gott ist der Herr über Leben und Tod . . . Ach, was sage ich da, das kann ja gar nicht sein! . . .«

Sie ging hinaus. Sie hat ihren ehelichen Mann, den Pilger Makar Iwanowitsch schon wirklich ihr Leben lang verehrt, in Furcht und Zittern und in Andacht, ihn, der ihr so großmütig, und ein für allemal verziehen hatte.

Zweites Kapitel
1

Lisa aber hatte ich durchaus nicht »vergessen«; Mama täuschte sich. Die Mutter hatte mit feinem Gefühl empfunden, daß zwischen Bruder und Schwester eine Art Abkühlung eingetreten war; aber das lag nicht an einem Mangel an Liebe, sondern eher an Eifersucht. Das will ich, da es für das Folgende nötig sein dürfte, mit zwei Worten näher erklären.

Die arme Lisa zeigte, seitdem der Fürst verhaftet war, eine Art anmaßenden Stolz, eine Art abweisenden Hochmut, der beinah unerträglich war; aber jedermann im Hause verstand die Wahrheit und begriff, wie sie litt; und wenn ich mich anfangs über ihre Art uns gegenüber aufhielt und ärgerte, so lag das nur an meiner kleinlichen Empfindlichkeit, die die Krankheit noch verzehnfacht hatte, – so denke ich heute darüber. Daß ich Lisa deshalb nicht mehr liebgehabt hätte, war durchaus nicht der Fall, im Gegenteil, ich liebte sie nur noch mehr, ich wollte nur nicht der erste sein, der sich näherte, obgleich ich freilich genau wußte, daß sie um keinen Preis den ersten Schritt tun würde.

Die Sache war die, daß Lisa, sobald die ganze Geschichte mit dem Fürsten an die Öffentlichkeit gedrungen war, sogleich, nachdem er verhaftet war, nichts Eiligeres zu tun wußte, als sich uns und allen andern gegenüber auf einen Standpunkt zu stellen, als wolle sie den Gedanken schon im Keime ersticken, daß man sie am Ende bedauern oder die Absicht haben könnte, sie zu trösten und den Fürsten in Schutz zu nehmen, Im Gegenteil, – sie nahm sich dabei durchaus nicht die Mühe, sich mit irgend jemand auszusprechen oder zu streiten, – aber sie ging gleichsam in einem ewigen Stolze über die Tat ihres unglücklichen Bräutigams herum, als wäre sie das höchste Heldenstück. Sie sagte gleichsam in jedem Augenblick zu uns allen (ich wiederhole es noch einmal: ohne je ein Wort davon laut werden zu lassen): »Von euch brächte das doch niemand zustande, – ihr denunziert euch nicht selber aus Ehr- und Pflichtgefühl, von euch hat keiner ein so zartes und reines Gewissen. Und seine Vergehen? Wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem Gewissen? Aber andere verstecken sie ängstlich; dieser Mensch hingegen wollte lieber sich selbst zugrunde richten, als in seinen eignen Augen als ein Unwürdiger dastehen.« Das war es ungefähr, was jede Gebärde von ihr auszudrücken schien. Ich weiß nicht, aber ich hätte an ihrer Stelle wohl genau so gehandelt. Ich weiß auch nicht, ob sie eben diese Gedanken in sich herumtrug, das heißt, wenn sie sich selber ganz aufrichtig fragte; ich glaube eigentlich nicht. Mit der andern, klaren Hälfte ihres Verstandes mußte sie sicherlich die ganze Unbedeutenheit ihres »Helden« durchschauen; denn wer würde mir heute nicht darin beistimmen, daß dieser unglückliche und in seiner Art vielleicht sogar großherzige Mensch zu gleicher Zeit ein äußerst unbedeutender Mensch war? Gerade auch ihre hochmütige und aggressive Art uns allen gegenüber, ihr ewiges Mißtrauen, daß wir anders über ihn denken könnten, – eben das ließ einen zum Teil erraten, daß sich in den geheimsten Tiefen ihres Herzens wohl ein andres Urteil über ihren unglücklichen Freund gebildet haben mochte. Ich will dazu aber gleich bemerken, freilich nur als meine ganz persönliche Ansicht, daß sie, wie ich die Sache ansehe, wenigstens zur Hälfte tatsächlich im Recht war; ihr konnte man es eher verzeihen als uns andern allen, wenn sie vor der letzten Schlußfolgerung schwankte. Ich selbst bekenne aus tiefstem Herzensgrunde, daß ich auch heute noch, wo das alles schon weit hinter mir liegt, durchaus nicht weiß, wie und als was ich diesen Unglücklichen einschätzen soll, der uns allen solch ein Rätsel aufgegeben hat.

Nichtsdestoweniger machte sie aus unserm Hause fast eine kleine Hölle. Lisa, die so stark liebte, mußte auch sehr schwer leiden. Ihrem Charakter gemäß zog sie es vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er war selbstherrlich und stolz, und ich war immer der Ansicht, damals wie jetzt, daß sie den Fürsten aus Selbstherrlichkeit liebgewonnen hatte, eben weil er keinen Charakter hatte, und weil er sich ihr vom ersten Worte und von der ersten Stunde an gänzlich unterworfen hatte. So etwas entsteht in einem Herzen ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Überlegung; aber solch eine Liebe, eine starke Liebe zu einem Schwachen, ist manchmal unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen gleichgearteten Charakteren, weil man unwillkürlich die Verantwortlichkeit für seinen schwachen Genossen mit auf sich nimmt. Ich wenigstens denke mir das so. Alle unsre Angehörigen umgaben sie von Anfang an mit zärtlichster Sorgfalt, besonders Mama; aber sie wurde nicht weicher, sie antwortete nicht auf die Teilnahme und stieß gleichsam jede Hilfe zurück. Mit Mama hatte sie anfangs noch gesprochen, aber von Tag zu Tag wurde sie wortkarger, kürzer angebunden und sogar härter. Mit Wersilow hatte sie anfangs Rats gepflogen, aber sehr bald erkor sie sich als Ratgeber und Helfer Herrn Wasin, wie ich später zu meiner Verwunderung vernahm . . . Sie besuchte Wasin täglich, sie lief auf den Gerichten herum, ging zu den Vorgesetzten des Fürsten, zu den Advokaten, zum Staatsanwalt; schließlich sah man sie daheim oft ganze Tage nicht. Selbstverständlich besuchte sie auch täglich, und zwar zweimal, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der adligen Abteilung; aber diese Besuche waren, wie ich mich in der Folge überzeugte, für Lisa sehr schwere Stunden. Natürlich, welcher Dritte kann das Verhältnis zwischen zwei Liebenden ganz durchschauen? Aber ich weiß, daß der Fürst sie in jedem Augenblick, da sie bei ihm war, tief kränkte; und wodurch? Das ist eine merkwürdige Sache: durch ewige Eifersucht. Darauf komme ich übrigens später noch zurück; aber einen Gedanken möchte ich gleich hier anfügen: es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, wer von ihnen den andern mehr quälte. Denn wenn Lisa sich uns gegenüber auch mit ihrem Helden brüstete, so verhielt sie sich doch ihm gegenüber, unter vier Augen, vielleicht ganz anders; davon bin ich mit ziemlicher Sicherheit überzeugt, nach einigen Anzeichen, von denen übrigens auch erst später die Rede sein wird.

Also, was meine Gefühle für Lisa und meine Beziehungen zu ihr angeht, so kann ich sagen, daß alles, was zutage lag, nur eine äußerlich vorgegebne, eifersüchtige Lüge von beiden Seiten war; geliebt aber haben wir beide uns gegenseitig nie stärker als zu der Zeit. Ich möchte noch bemerken, daß Lisa sich Makar Iwanowitsch gegenüber beinahe geringschätzig, ja hochmütig benahm, vom ersten Augenblick an, sobald er unser Haus betreten hatte, und nachdem die erste Verwunderung und Neugier vergangen war.

Als ich mir, wie ich im vorigen Kapitel erzählt habe, das Wort gab, zu »schweigen«, da gedachte ich natürlich, in der Theorie, das heißt, in meinen Träumen, mein Wort auch zu halten. Oh, mit Wersilow zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den römischen Imperatoren gesprochen als etwa von ihr oder von jener einen, allerwichtigsten Zeile seines Briefes an sie, worin er ihr mitgeteilt hatte, das Dokument wäre nicht verbrannt, sondern existiere und würde noch zum Vorschein kommen, – jener Zeile, über die ich ungesäumt aufs neue nachzugrübeln begonnen hatte, sobald ich nach dem Fieber wieder zu Bewußtsein und Verstand gekommen war. Aber, o weh! Bei den ersten Schritten in der Praxis, und fast bevor ich überhaupt einen Schritt tat, bemerkte ich, wie schwer und unmöglich es ist, an solchen Vorsätzen festzuhalten: am Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch geriet ich durch einen ganz unerwarteten Umstand in höchste Erregung.

2

In diese Erregung wurde ich durch einen unerwarteten Besuch von Darja Onisimowna, der Mutter der verstorbenen Olla, versetzt. Ich hatte von Mama bereits gehört, daß sie während meiner Krankheit zweimal dagewesen war und sich sehr für mein Befinden interessiert hatte. Ob diese »gute Frau«, wie Mama sie immer nannte, eigentlich meinetwegen gekommen war, oder bloß nach einer früheren Gewohnheit Mama besucht hatte, – danach hatte ich nicht gefragt. Mama pflegte mir immer von allen Vorgängen im Hause zu erzählen, wenn sie mir die Suppe brachte und mich fütterte (als ich noch nicht selber essen konnte), – sie tat das, um mich zu zerstreuen: ich aber bemühte mich, demgegenüber jedesmal zu zeigen, daß ich mich für diese Nachrichten wenig interessierte; so hatte ich sie auch wegen Darja Onisimowna nicht nur nicht näher ausgefragt, sondern überhaupt kein Wort darüber gesagt.

Es war so gegen elf Uhr; ich hatte gerade aus dem Bett aufstehen und mich in den Lehnstuhl am Tische setzen wollen, als sie ins Zimmer trat. Ich blieb absichtlich im Bette. Mama war oben mit irgend etwas sehr beschäftigt und war nicht heruntergekommen, sie zu begrüßen; deshalb war ich auf einmal allein mit ihr. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl am Fußende; dabei lächelte sie und sagte kein Wort. Ich sah eine Art Gesellschaftsspiel, wer am längsten schweigen könne, voraus; überhaupt hatte ihr Kommen mich höchlichst geärgert. Ich nickte ihr nicht einmal zu und sah ihr starr in die Augen: aber sie sah mich gleichfalls starr an.

»Langweilen Sie sich nicht allein in der; Wohnung, seit der Fürst fort ist?« fragte ich plötzlich: ich hatte die Geduld verloren.

»Nein, ich bin jetzt gar nicht mehr in der Wohnung. Anna Andrejewna hat mir jetzt die Pflege des Kindes verschafft.«

»Welches Kindes?«.

»Des Kindes von Andrej Petrowitsch«, brachte sie in vertraulichem Flüstertone hervor und schaute sich nach der Tür um.

»Aber ich dächte doch, Tatjana Pawlowna . . .«

»Ja, auch Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna, alle zwei, und Lisaweta Makarowna auch, und Ihre liebe Frau Mama . . . alle. Alle nehmen sie Anteil daran. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind jetzt sehr befreundet miteinander.«

Das war eine Neuigkeit. Sie wurde ordentlich munter beim Sprechen. Ich sah sie haßerfüllt an.

»Sie sind sehr munter geworden, seit Sie das letztemal bei mir waren.«

»Ach ja.«

»Sie haben auch zugenommen, glaube ich?«

Sie sah mich mit sonderbarem Ausdruck an:

»Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.«

»Wen denn?«

»Ja, eben Anna Andrejewna. Sehr lieb. So ein edles Fräulein, und so gescheit . . .«

»Na also! Na, und sie, wie geht's ihr!«

»Anna Andrejewna ist sehr ruhig, sehr.«

»Ruhig war sie ja immer.«

»Ja, immer.«

»Wenn Sie mir mit Klatschgeschichten kommen,« schrie ich plötzlich, – ich konnte mich nicht mehr halten – »so merken Sie sich, daß ich mich um nichts kümmre, ich habe mich entschlossen, mich . . . um nichts, um niemand mehr zu kümmern, mir ist alles gleich – ich gehe auf und davon! . . .«

Ich verstummte, weil ich wieder zu mir kam. Mich deuchte es eine Erniedrigung, ihr gleichsam meine neuen Pläne mitzuteilen. Aber sie hörte mich ohne Staunen und ohne Erregung an; dann folgte wieder das Schweigespiel. Plötzlich stand sie auf, ging zur Tür und schaute ins Nebenzimmer. Als sie sich davon überzeugt hatte, daß sich dort niemand befand, und daß wir allein waren, kam sie ganz ruhig wieder zurück und setzte sich auf ihren früheren Platz.

»Das machen Sie gut!« lachte ich plötzlich auf.

»Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Herrn Beamten behalten?« fragte sie auf einmal, beugte sich ein wenig zu mir vor und senkte ihre Stimme, genau, als wäre das die wichtigste Frage, wegen der sie eigentlich gekommen war.

»Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht ziehe ich auch um . . . Wie soll ich das wissen?«

»Ihre Wirtsleute warten mit Sehnsucht auf Sie; der Herr Beamte ist ordentlich ungeduldig, und seine Frau auch. Andrej Petrowitsch hat ihnen versichert, Sie kämen bestimmt wieder.«

»Ja, aber was interessiert Sie denn das?«

»Anna Andrejewna wollte das auch gern wissen und äußerte ihre große Zufriedenheit damit, daß Sie bleiben wollten.«

»Aber woher weiß sie denn so genau, daß ich ganz bestimmt in der Wohnung bleibe?«

Ich wollte hinzufügen: »Und warum interessiert sie das?« – aber ich unterdrückte diese Frage aus Stolz.

»Auch Herr Lambert hat es ihr versichert.«

»Wa–a–as?«

»Herr Lambert hat es auch Andrej Petrowitsch ganz bestimmt versichert, daß Sie bleiben würden, und hat es auch Anna Andrejewna versichert.«

Es schüttelte mich ordentlich. Was für wundersame Begebenheiten! So kannte Lambert also schon Wersilow, Lambert hatte sich an Wersilow heranmachen können, – Lambert und Anna Andrejewna, – er hatte sich auch schon an sie heranmachen können! Eine Hitze überflog mich, aber ich schwieg. Ein ungeheurer Strom von Stolz überflutete mein Herz, von Stolz, oder was weiß ich wovon. Aber ich sagte in dem Augenblick plötzlich zu mir selber: »Wenn ich jetzt nur noch ein Wort der Erklärung verlange, dann verwickle ich mich wieder in diese Welt und komme nie dazu, mit diesen Leuten entschieden zu brechen.« Der Haß kochte in meinem Herzen. Ich beschloß mit aller Kraft zu schweigen und lag, ohne mich zu rühren; sie blieb gleichfalls eine ganze Minute stumm.

»Was macht Fürst Nikolaj Iwanowitsch?« fragte ich plötzlich, als hätte ich den Verstand verloren. Die Sache war die, daß ich natürlich fragte, um das Thema zu wechseln, dabei stellte ich aber wiederum gerade die Hauptfrage und kehrte damit wie ein Irrsinniger selber wieder in die Welt zurück, der zu entfliehen ich so krampfhaft entschlossen war.

»Der Fürst ist in Zarskoje-Selo. Der Fürst ist nicht ganz wohl, und in der Stadt herrschen um die Jahreszeit ja diese Fieber; alle haben ihm geraten, nach Zarskoje zu ziehen, in sein eignes Haus dort, weil die Luft dort so gut ist.«

Ich antwortete nicht.

»Anna Andrejewna und die Frau Generalin besuchen ihn jeden dritten Tag!« Ich schwieg hartnäckig.

»Und so befreundet sind die beiden jetzt, und Anna Andrejewna äußert sich so freundlich über Katerina Nikolajewna . . .«

Ich schwieg immer noch.

»Und Katerina Nikolajewna hat sich wieder in die Welt ›gestürzt‹, ein Fest nach dem andern, Katerina Nikolajewna glänzt förmlich; man sagt, sogar die Herren bei Hofe sollen alle in sie verliebt sein . . . und mit Herrn Bjoring ist es ganz aus, und aus der Hochzeit wird nichts; das sagen alle . . . seitdem damals die Sache war.«

Das hieß also: seit Wersilows Brief. Ich zitterte am ganzen Leibe, sagte aber kein Wort.

»Anna Andrejewna bedauert die Sache mit Fürst Sergej Petrowitsch so sehr und Katerina Nikolajewna auch, und alle meinen, er wird freigesprochen werden, und der andre, der Stebelkow, verurteilt . . .«

Ich sah sie voll Haß an. Sie stand auf und beugte sich plötzlich über mich:

»Anna Andrejewna hat mir besonders aufgetragen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, flüsterte sie mir ganz leise zu, »und mir dringend aufgetragen, ich soll Sie bitten, gleich zu ihr zu kommen, sobald Sie nur ausgehen können. Leben Sie wohl! Werden Sie nur gesund, ich werde es ihr schon sagen . . .«

Sie ging. Ich setzte mich im Bette auf, der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn, aber ich fühlte keinen Schrecken: die mir unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht über Lambert und seine Ränke zum Beispiel erschreckte mich durchaus nicht, wenn ich es mit dem vielleicht unsinnigen Entsetzen verglich, mit dem ich während meiner Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht zurückgedacht hatte. Im Gegenteil, in jenem wirren ersten Augenblick, damals im Bette, gleich nachdem Darja Onisimowna gegangen war, hielt ich mich beim Gedanken an Lambert gar nicht auf, sondern . . . am meisten hatte mich die Nachricht über sie ergriffen, über ihren Bruch mit Bjoring, über das Glück, das sie in der Welt mache, über ihre Feste, ihren Erfolg, ihren »Glanz«. »Katerina Nikolajewna glänzt förmlich«, klangen mir Darja Onisimownas Worte in den Ohren. Und ich fühlte auf einmal, daß ich mit allen meinen Kräften nicht aus diesem Wirbel hinauskonnte, obgleich ich so stark gewesen war, zu schweigen und Darja Onisimowna nicht auszufragen, nachdem ich ihre sonderbaren Geschichten vernommen hatte. Ein unbezwinglicher Durst nach diesem Leben, nach dem Leben der andern hatte mein ganzes Inneres ergriffen und . . . und noch ein andrer wollüstiger Durst, der sich in meinem Gefühl bis zum höchsten Glück, bis zum quälendsten Schmerz steigerte. Meine Gedanken wirbelten gleichsam im Kreise, aber ich ließ sie wirbeln. »Was soll ich da groß überlegen!« sagte mein Gefühl. »Aber sogar Mama hat mir verschwiegen, daß Lambert da war,« dachte ich in zusammenhanglosen Gedankenbruchstücken, »das hat ihr Wersilow beigebracht, daß sie schweigen sollte . . . Und wenn ich sterben muß, ich frage Wersilow nicht nach Lambert!« – »Wersilow,« ging es mir wieder durch den Kopf, »Wersilow und Lambert, oh, wieviel Neues sich da angesponnen hat! Ein famoser Kerl, der Wersilow! Er hat diesem Deutschen, dem Bjoring, einen gesunden Schrecken eingejagt mit seinem Briefe; er hat sie verleumdet, la calomnie . . . il en reste toujours quelque chose, und dieser deutsche Höfling hat eine Heidenangst vor dem Skandal – hahaha . . . ihr ist's auch eine gute Lehre!« – »Lambert . . . hat sich Lambert nicht am Ende auch an sie heranmachen können? Kunststück! Warum sollte sie sich auch nicht mit ihm ›einlassen‹?«

Und dann schob ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken beiseite und wühlte meinen Kopf verzweifelt in die Kissen. »Das kann ja nicht sein!« rief ich mit plötzlicher Entschlossenheit, sprang aus dem Bette, zog Pantoffeln und Schlafrock an und begab mich direkt in Makar Iwanowitschs Zimmer, als wäre da der Blitzableiter für alle Versuchungen, der Rettungsanker, an den ich mich klammern könnte.

In der Tat ist es möglich, daß ich diesen Gedanken damals aus tiefster Seele empfand; weshalb wäre ich denn sonst so unaufhaltsam und plötzlich aus dem Bette gesprungen und in dieser Gemütsverfassung zu Makar Iwanowitsch gerannt?

3

Aber bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz wider Erwarten Besuch, – Mama und den Doktor. Weil ich beim Hinübergehen, Gott weiß warum, fest davon überzeugt gewesen war, daß ich den Alten, genau wie gestern, allein treffen würde, so blieb ich auf der Schwelle in stumpfer Verwunderung stehen. Aber ich hatte noch keine Zeit gehabt, ein ärgerliches Gesicht zu machen, als auch schon Wersilow erschien und hinter ihm plötzlich noch Lisa . . . Also hatte sich das ganze Haus bei Makar Iwanowitsch versammelt und gerade in einem Augenblick, wo es mir »gar nicht paßte«!

»Ich komme, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, sagte ich und ging direkt auf Makar Iwanowitsch zu.

»Ich danke dir schön, lieber Freund, ich hatte dich erwartet: ich wußte, daß du kommen würdest! Ich habe heute nacht an dich gedacht.«

Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich konnte sehen, daß er mich wohl von allen Anwesenden am liebsten hatte, aber ich bemerkte auch gleich im ersten Augenblick und ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, aber daß seine Krankheit trotzdem während der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Der Doktor hatte ihn gerade vorher sehr gründlich untersucht. Ich erfuhr später, daß dieser Doktor (derselbe junge Mensch, mit dem ich mich so gezankt hatte und in dessen Behandlung Makar Iwanowitsch vom Tage seiner Ankunft an war), – daß der Doktor diesem Patienten große Aufmerksamkeit widmete und, – ich weiß die medizinischen Fachausdrücke nicht – kurz und gut, er hatte eine ganze Kombination von allerlei Krankheiten in ihm entdeckt. Makar Iwanowitsch stand schon, das sah ich auf den ersten Blick, in den engsten freundschaftlichen Beziehungen zu ihm; mir gefiel das gleich nicht; und im übrigen war ich in dem Augenblick natürlich überhaupt nicht sehr angenehm aufgelegt.

»Ja, Alexander Semionowitsch, wie geht es denn heute unserm lieben Patienten?« erkundigte sich Wersilow. Wenn ich nicht so aufgeregt gewesen wäre, so hätte ich nichts Wichtigeres zu tun gehabt, als furchtbar neugierig die Art des Verkehrs zwischen Wersilow und dem alten Manne zu beobachten, worüber ich mir auch schon tags vorher allerhand Gedanken gemacht hatte. Vor allem überraschte mich jetzt Wersilows ungewöhnlich weicher und liebenswürdiger Gesichtsausdruck, der etwas durchaus Aufrichtiges hatte. Ich glaube, ich habe es schon einmal irgendwo gesagt, daß Wersilows Gesicht überraschend schön werden könnte, sobald er sich nur halbwegs ungekünstelt gab.

»Ja, wir zanken uns in einem fort«, erwiderte der Doktor.

»Mit Makar Iwanowitsch? Das kann ich nicht glauben: mit ihm kann man sich gar nicht zanken.«

»Er gehorcht ja nicht: nachts will er nicht schlafen . . .«

»Na, hör' schon auf, Alexander Semionowitsch, und schimpf nicht so viel«, lachte Makar Iwanowitsch. »Na, wie ist's, Andrej Petrowitsch; wie ist die Sache mit unsrer Mamsell ausgegangen? – Sie ächzt und stöhnt schon den ganzen Morgen und ist in solcher Unruhe«, fügte er hinzu und zeigte auf Mama.

»Ach ja, Andrej Petrowitsch,« rief Mama, in der Tat sehr beunruhigt, »erzähle nur schnell und quäle uns nicht lange; wie ist es für die Ärmste ausgegangen?«

»Ja, man hat unsre Mamsell verurteilt!«

»Ach!« rief Mama.

»Ja, aber nach Sibirien kommt sie nicht, sei nur ganz unbesorgt – fünfzehn Rubel Strafe muß sie zahlen, weiter nichts; es war das reine Theater!«

Er setzte sich, auch der Doktor nahm Platz. Ihr Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna, und ich wußte noch gar nichts von dieser Geschichte. Ich saß links von Makar Iwanowitsch, Lisa hatte sich mir gegenüber zu seiner Rechten niedergelassen; sie trug sich sichtlich mit einem eignen, besondern, neuen Kummer und hatte auch wohl eben deswegen Mama aufgesucht; ihr Gesicht zeigte einen unruhigen, erregten Ausdruck. In diesem Moment wechselten wir ganz zufällig einen Blick, und ich dachte plötzlich bei mir: »Wir sind beide beschimpft, und ich muß den ersten Schritt zu einer Annäherung tun.« Mein Herz wurde ihr gegenüber plötzlich weich. Wersilow begann derweil von den Ereignissen des heutigen Morgens zu erzählen.

Die Sache war die, daß Tatjana Pawlowna an jenem Morgen einen Prozeß mit ihrer Köchin vor dem Friedensgericht gehabt hatte. Es war eine höchst alberne Geschichte; ich habe schon erwähnt, daß die boshafte Finnin zuweilen, wenn sie sich geärgert hatte, wochenlang schweigen konnte; sie antwortete dann auf alle Fragen ihrer Herrin nicht ein einziges Wort; ich habe auch schon von Tatjana Pawlownas Schwäche ihr gegenüber erzählt, und daß sie sich von ihr alles gefallen ließ und sie um keinen Preis ein für allemal an die Luft setzen wollte. Alle diese psychologischen Kaprizen bei alten Jungfern und alten Weibern überhaupt erscheinen mir im höchsten Grade verächtlich und durchaus nicht weiter beachtenswert, und wenn ich die Geschichte hier dennoch erwähne, so geschieht es nur, weil diese Köchin später, im weitern Verlaufe meiner Erzählung, noch eine nicht unwichtige und ziemlich verhängnisvolle Rolle spielen wird. Na also, schließlich war eines schönen Tages Tatjana Pawlowna die Geduld gerissen und sie hatte der eigensinnigen Finnin eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie passiert war. Die Finnin hatte auch daraufhin nicht den leisesten Laut von sich gegeben, aber sie hatte sich noch an demselben Tage mit einem Herrn in Verbindung gesetzt, der in demselben Hinterhaus wohnte, irgendwo in einem Loch im Erdgeschosse; das war ein Marineleutnant außer Diensten, namens Osiotrow, der sich mit allerhand Vertretungen vor Gericht befaßte und selbstverständlich immer gleich zum Prozeß zu hetzen pflegte: schlug er sich doch auf die Weise notdürftig durchs Leben. Das Ende vom Liede war, daß Tatjana Pawlowna vor den Friedensrichter geladen wurde, und Wersilow hatte als Zeuge zur Feststellung des Tatbestandes gleichfalls erscheinen müssen.

Das alles erzählte Wersilow so lustig und spaßhaft, daß selbst Mama darüber lachen mußte; er stellte Tatjana Pawlowna, den Marineleutnant und die Köchin sogar mimisch dar. Die Köchin hatte vor Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe. »Denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna äußerst hochnäsig geantwortet, ohne es überhaupt der Mühe wert zu finden, sich zu verteidigen; im Gegenteil, sie hatte folgendermaßen geschlossen: »Ich habe sie geschlagen und werde sie noch ganz anders schlagen«, wofür sie denn auch gleich wegen Ungebühr vor Gericht in eine Ordnungsstrafe von drei Rubel genommen worden war. Der Marineleutnant, ein langer, dünner, junger Mensch hatte eine große Rede zur Verteidigung seiner Klientin beginnen wollen, hatte sich dabei aber blamiert und war aus dem Konzept gekommen, so daß der ganze Gerichtssaal vor Lachen gebrüllt hatte. Die Verhandlung war bald beendigt, und Tatjana Pawlowna war verurteilt worden, der beleidigten Maria fünfzehn Rubel zu bezahlen. Sie hatte ohne Verzug ihr Portemonnaie gezogen und das Geld zahlen wollen, und der Marineleutnant hatte sich dabei sofort genähert und die Hand hingehalten, um sein Honorar in Empfang zu nehmen, aber Tatjana Pawlowna hatte seine Hand zur Seite gestoßen, das heißt, eigentlich mehr geschlagen, und sich zu Marja gewendet. Die hatte aber gesagt: »Lassen Sie es gut sein, gnädiges Fräulein, es ist der Mühe nicht wert, schreiben Sie es auf Rechnung, und mit dem da rechne ich schon selber ab.« – »Guck mal, Marja, was für ein langes Laster du dir engagiert hast!« hatte Tatjana Pawlowna gesagt, auf den Marineleutnant gezeigt und sich dabei schrecklich gefreut, daß Marja endlich wieder mit ihr sprach. – »Ja, der ist schon ein langes Laster, gnädiges Fräulein«, hatte Marja mit schlauem Gesicht geantwortet. »Haben Sie die Kotelettes für heute mittag mit Erbsen bestellt, ich hab' es vorhin nicht genau gehört: ich hatte solche Eile, aufs Gericht zu kommen?« – »Ach nicht doch, Marja, mit Sauerkraut; laß es aber freundlichst nicht wieder anbrennen, wie gestern.« – »Nein, heute gebe ich mir ganz besondre Mühe, gnädiges Fräulein; küss' die Hand.« Und sie hatte ihrer Herrin zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Kurz und gut, der ganze Gerichtssaal hatte sich die Seiten gehalten.

»Nein, wie die Tatjana Pawlowna auch ist!« sagte Mama kopfschüttelnd und war sehr befriedigt über diese Nachrichten und durch die Art, wie Andrej Petrowitsch sie erzählt hatte; dabei warf sie aber verstohlen einen beunruhigten Blick nach Lisa hinüber.

»Eine Mamsell mit Charakter war sie von jung auf«, lachte Makar Iwanowitsch.

»Galle und Mangel an Beschäftigung«, diagnostizierte der Doktor.

»Bin ich die mit dem Charakter, bin ich die mit der Galle und dem Mangel an Beschäftigung?« fragte Tatjana Pawlowna, die plötzlich zu uns ins Zimmer trat und sehr zufrieden mit sich zu sein schien. »Du, mein lieber Alexander Semionowitsch, brauchst wirklich nicht solchen Unsinn zu reden; du hast mich schon gekannt, als du zehn Jahre alt warst und könntest wissen, ob ich wirklich so wenig zu tun habe, und auf die Galle hin kurierst du mich selber schon ein ganzes Jahr und kannst mich nicht gesund machen, darum würde ich an deiner Stelle nicht so viel davon reden. Na, jetzt habt ihr euch wirklich lange genug über mich aufgehalten; ich danke dir schön, Andrej Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, für mich aufs Gericht zu laufen. Na, wie geht es, Makaruschka, ich bin nur gekommen, um nach deinem Befinden zu fragen, durchaus nicht nach dem dieses Jünglings . . .« (Sie deutete auf mich, klopfte mir aber im gleichen Augenblick freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie so gut aufgelegt gesehen.)

»Na, wie steht's?« sagte sie dann und wendete sich plötzlich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.

»Er will sich ja nicht zu Bett legen, und wenn er so dasitzt, erschöpft er sich nur.«

»Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Leute da sind«, murmelte Makar Iwanowitsch mit wie kindlich bittendem Gesichtsausdruck.

»Ja, das haben wir freilich gern, freilich haben wir das gern; das haben wir zu gern, die Leute um uns zu versammeln und ein bißchen zu schwatzen; ich kenn' meinen Makaruschka schon«, sagte Tatjana Pawlowna.

»Hat der es eilig, ach, du lieber Gott,« lächelte der Alte wieder und wendete sich zum Doktor, »nicht mal reden willst du einen lassen; warte doch ein bißchen, laß mich aussprechen: ich leg' mich schon hin, Freundchen, aber bei unsereins sagt man: ›Wenn du dich erst mal legst, stehst du vielleicht nicht mehr auf, – siehst du nun, was da für mich noch hinterm Berge steht?‹«

»Na ja, das dachte ich mir, der Bauernaberglaube: ›Leg' ich mich hin, wozu soll's gut sein? Dann steh' ich auch nicht mehr auf,‹ – ja, die Angst haben unsre Leute aus dem Volke oft genug, und darum machen sie ihre Krankheiten lieber stehenden Fußes ab, statt ins Spital zu gehen. Und Sie, Makar Iwanowitsch, haben einfach Sehnsucht, Sehnsucht nach der freien Weite, nach der breiten Landstraße – das ist Ihre ganze Krankheit; Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einer Stelle zu bleiben. Sie sind ja doch ein sogenannter Pilger? Na, und die Landstreicherei wird bei unserm Volke fast zur Leidenschaft. Das habe ich bei Leuten aus dem Volke schon öfter beobachtet. Unser Volk ist in erster Linie ein Vagabundenvolk.«

»Also ist der Makar nach deiner Ansicht ein Vagabund?« fiel ihm Tatjana Pawlowna ins Wort.

»Oh, durchaus nicht in dem Sinne; ich habe das Wort im weitesten Sinne angewendet. Natürlich gibt es religiöse Vagabunden, gottesfürchtige Leute, aber Vagabunden sind sie deshalb doch. Vagabunden im guten, im achtbaren Sinne, aber immerhin Vagabunden . . . Ich sage das von der Warte des Mediziners aus . . .«

»Ich kann Sie nur versichern,« wendete ich mich plötzlich an den Doktor, »daß eher Sie und ich Vagabunden sind, und wir alle, soviel wir unser hier versammelt sind, und nicht dieser alte Mann, von dem wir beide noch viel lernen könnten, denn er hat einen festen Rückhalt im Leben, wir andern aber, soviel unser da sind, haben keinen festen Rückhalt im Leben . . . Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!«

Das hatte ich entschieden in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber das war ja auch meine Absicht gewesen, seitdem ich hier war. Eigentlich weiß ich nicht, weswegen ich so lange dasaß, wo ich doch so sinnlos aufgeregt war.

»Was hast du denn schon wieder?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich mißtrauisch an. »Na, Makar Iwanowitsch,« fuhr sie fort und zeigte mit dem Finger auf mich, »was sagst du denn zu dem da?«

»Gott segne ihn, er ist ein gescheiter Kopf«, sagte der Alte mit ernstem Gesicht, – aber bei den Worten »ein gescheiter Kopf« fing auf einmal fast die ganze Gesellschaft an zu lachen. Ich verbiß es mir mit Mühe und Not; am lautesten von allen lachte der Doktor. Recht schlimm war es, daß ich damals noch nichts von einer Verabredung wußte, die sie vorsichtshalber getroffen hatten: Wersilow, der Doktor und Tatjana Pawlowna waren vor drei Tagen übereingekommen, alles daranzusetzen, um Mama von ihren schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen in bezug auf Makar Iwanowitsch abzulenken; sein Zustand war nämlich viel hoffnungsloser, als ich damals vermutete. Aus diesem Grunde spaßten sie auch alle so viel und gaben sich Mühe, recht oft zu lachen. Nur war der Doktor leider dumm und verstand infolgedessen natürlich nicht zu spaßen: daraus entstand später diese ganze Geschichte. Wenn ich gleichfalls von ihrer Verabredung unterrichtet gewesen wäre, hätte ich natürlich die Geschichte nicht angerührt, zu der es so kam. Lisa wußte auch nichts von der Abmachung.

Ich saß da und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, ich aber hatte Darja Onisimowna und ihre Neuigkeiten im Kopfe und konnte nicht davon loskommen; mir war, als sähe ich sie immer noch dasitzen und mich anschauen und dann behutsam aufstehen und einen Blick ins Nebenzimmer werfen. Schließlich fingen sie alle auf einmal laut zu lachen an: Tatjana Pawlowna hatte, ich weiß nicht in welchem Zusammenhange, den Doktor einen gottlosen Menschen genannt: »Na, ihr Herren Doktoren seid ja doch alle durch die Bank gottlose Menschen! . . .«

»Makar Iwanowitsch!« schrie der Doktor und stellte sich auf die ungeschickteste Weise beleidigt und tat, als ob er ihn zum Richter aufrufe: »Bin ich gottlos oder nicht?«

»Ob du gottlos bist? Nein, du bist nicht gottlos,« erwiderte der Alte gemessen, nachdem er ihn lange und fest angesehen hatte, »nein, Gott sei Dank!« Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heitrer Mensch.«

»Und wer heiter ist, kann also überhaupt nicht gottlos sein?« fragte der Doktor ironisch.

»Das ist in seiner Art ein Gedanke«, bemerkte Wersilow, ohne dabei aber im geringsten zu lachen.

»Das ist ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich, durch diese Idee überrascht. Der Doktor sah uns fragend an.

»Vor diesen Gelehrten, eben vor diesen Professoren (sie hatten vorher wahrscheinlich irgend etwas von Professoren gesprochen),« begann Makar Iwanowitsch ein wenig eingeschüchtert, »vor diesen Leuten habe ich anfangs eine furchtbare Angst gehabt: ich wagte nicht mit ihnen zu sprechen, weil ich am meisten Furcht vor den Gottlosen hatte. Ich dachte bei mir: ich habe bloß eine Seele; wenn ich die verderbe, kann ich mir keine andre suchen; na, aber dann sprach ich mir gut zu: ›Sie sind ja doch keine Götter,‹ dachte ich mir, ›sondern genau so arme, niedrige Menschen wie unsereins.‹ Ja, und natürlich war auch meine Neugier groß: ›Ich kann da,‹ dachte ich mir, ›erfahren, was das eigentlich ist, die Gottlosigkeit?‹ Nur, liebe Freunde, ist mir nachher selbst diese Neugier gänzlich vergangen.«

Er verstummte, hatte aber die Absicht, weiterzureden, immer mit demselben stillen, gemessenen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut ist und keinen Spott erwartet. Solche Leute sind immer beschränkt, weil sie bereit sind, das Kostbarste aus ihrem Herzen vor dem ersten besten auszubreiten, der ihnen in den Weg läuft. Aber bei Makar Iwanowitsch kam noch etwas andres dazu, und noch etwas andres trieb ihn zum Sprechen, nicht nur die Harmlosigkeit der Einfalt: ich sah aus seinen Augen den Propagandisten hervorschauen. Ich verstand mit großem Vergnügen das leise, sogar ein wenig verschlagene Lächeln, mit dem er den Doktor und vielleicht auch Wersilow ansah. Diese Unterhaltung war sichtlich eine Fortsetzung früherer Dispute, die sie in diesen Tagen gehabt hatten: aber es sollte zum Unglück dasselbe verhängnisvolle Wörtchen darin vorkommen, das mich gestern elektrisiert hatte und das mich zu einem Ausbruch verleitete, den ich noch heute bedaure.

»Vor gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »würde ich vielleicht noch heute Angst haben; nur, lieber Alexander Semionowitsch, ist die Sache die: einem Gottlosen bin ich überhaupt noch nie in meinem Leben begegnet, aber vielen Unruhigen bin ich begegnet – so benennt man sie richtiger. Es gibt allerhand Leute darunter; man stellt sich nicht vor, was alles für Leute; große und kleine, dumme und gelehrte, und sogar Leute von der einfachsten Abkunft gibt es darunter, und alle sind sie unruhig. Denn sie lesen ihr ganzes Leben lang und legen das Gelesene aus, wenn sie sich an der Süßigkeit der Bücher gesättigt haben, und dabei bleiben sie immer im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer verirrt sich dabei ganz und kann sich selber nicht mehr sehen. Manch einer verhärtet sich mehr als ein Stein, aber in seinem Herzen brodeln die Träume; andre wieder werden gefühllos und leichtsinnig und suchen nur über alles ihr spöttisches Gelächter zu lachen. Manch einer sucht sich aus den Büchern nur die Blumen heraus, und das auch nur nach seinem eignen Geschmack; dabei ist er aber unruhig und weiß sich keinen Weg. Und ich sag' es noch einmal: da macht die Langeweile viel. Ein kleiner Mann leidet Not, es fehlt ihm am Brot, er weiß nicht, wie er seine Kinderchen durchbringen soll, er schläft auf hartem Stroh, aber doch ist sein Herz fröhlich und leicht; er sündigt wohl auch und führt häßliche Reden, aber dennoch ist sein Herz leicht. Aber so ein großer Herr hat zu essen und zu trinken genug, er sitzt auf einem Haufen Gold, aber in seinem Herzen bleibt immer der Gram. Manch einer hat alle Wissenschaften durchforscht – aber sein Teil bleibt der Gram. Ich denk' es mir so: je mehr Klugheit einer erwirbt, um so mehr Langeweile hat er auch. Ja, und um nur eines zu nehmen: lehren tun sie, solange die Welt steht, aber was haben sie uns denn Gutes gelehrt, daß davon die Welt zur schönsten und fröhlichsten und aller Freuden vollen Wohnung geworden wäre? Und noch eins sag' ich: sie haben die Vornehmheit nicht, und sie wollen sie nicht einmal haben; und wenn sie alle zugrunde gehen, jeder lobt die Art, auf die er zugrunde geht; sich aber an die einzige Wahrheit zu wenden, daran denkt er nicht; aber ein Leben ohne Gott ist eine einzige Qual. Und so kommt es, daß wir das verfluchen, wovon wir erleuchtet werden, und wissen es selber nicht einmal. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: es kann keinen Menschen geben, der sich nicht vor etwas beugte; solch ein Mensch könnte sich selber nicht ertragen, und kein Mensch könnte das. Und wenn einer sich von Gott wendet, so betet er einen Götzen an, – mag er nun von Holz sein oder von Gold, oder mag er ein Gedanke sein. Götzendiener sind das alles, nicht aber Gottlose, so muß man sie nennen. – Aber sollte es denn keine Gottlosen geben? Es gibt Leute, die geradezu gottlos sind, nur sind sie viel gefährlicher als jene, weil sie mit dem Namen Gottes auf den Lippen daherkommen. Ich habe öfters von solchen Leuten gehört, aber begegnet bin ich noch nie einem. Liebe Freunde, es gibt schon solche Leute, und ich denke mir, es muß sie auch geben.«

»Es gibt welche, Makar Iwanowitsch,« bekräftigte plötzlich Wersilow, »es gibt solche Leute und es muß sie auch geben!«

»Sicherlich gibt es sie und ›muß es sie geben!‹« entriß es sich mir unaufhaltsam und erregt, ich weiß nicht, warum: aber mich hatte Wersilows Ton mitgerissen, und irgendein Gedanke fesselte mich, den das Wort »es muß sie auch geben« erweckt hatte. Dieses Gespräch war mir ganz unerwartet gekommen. Aber in diesem Augenblick geschah etwas gleichfalls ganz Unerwartetes.

4

Es war ein selten klarer Tag; der Vorhang in Makar Iwanowitschs Zimmer war auf Anordnung des Doktors gewöhnlich den ganzen Tag nicht aufgezogen worden; jetzt aber befand sich an dem Fenster kein Vorhang mehr, sondern nur eine kurze Gardine, die den obersten Teil des Fensters frei ließ; diese Änderung war deshalb vorgenommen worden, weil es den Alten bedrückt hatte, daß ihn der Vorhang früher die Sonne überhaupt nicht hatte sehen lassen. Und wie wir nun so dasaßen, kam auf einmal der Augenblick, wo plötzlich der Sonnenschein Makar Iwanowitsch direkt ins Gesicht fiel. Er hatte das im Eifer des Gespräches anfangs gar nicht beachtet, dann aber, während er sprach, den Kopf ein paarmal mechanisch zur Seite geneigt, weil das grelle Licht seine kranken Augen sehr reizte und angriff. Mama, die neben ihm stand, hatte schon ein paarmal unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach ganz verhängen sollen, aber, um das Gespräch nicht zu stören, wollte sie versuchen, die Fußbank, auf der Makar Iwanowitsch saß, ein bißchen nach rechts herüberzuziehen: man brauchte sie nur eine oder höchstens zwei Spannen weiter zu rücken. Sie hatte sich schon ein paarmal gebückt und an die Fußbank gegriffen, hatte sie aber nicht bewegen können; die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte ihre Bemühungen gespürt und ein paarmal unbewußt versucht, sich zu erheben, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Mama plagte sich aber doch immer weiter und zog daran; und da schließlich machte das alles Lisa furchtbar böse. Ich hatte ein paar funkelnde, zornige Blicke von ihr aufgefangen, hatte aber im ersten Augenblick nicht gewußt, worauf ich sie beziehen solle, und zudem war ich von dem Gespräche sehr in Anspruch genommen. Da auf einmal höre ich, wie sie mit scharfer Stimme Makar Iwanowitsch beinah anschreit:

»Ja, erheben Sie sich doch wenigstens ein bißchen: Sie sehen doch, wie Mama sich anstrengt!«

Der Alte warf einen schnellen Blick auf sie, verstand sofort, was sie wollte, und versuchte sich hastig zu erheben; es wurde aber nichts daraus: er kam vielleicht eine Spanne hoch und fiel wieder auf die Bank zurück.

»Ich kann nicht, Liebe«, antwortete er Lisa gleichsam klagend und sah sie mit einer eignen, ergebnen Demut an.

»Lisa!« schrie nun Tatjana Pawlowna. Makar Iwanowitsch machte mit der größten Kraftanstrengung noch einen Versuch.

»Nehmen Sie Ihren Krückstock, neben Ihnen liegt er, mit dem Krückstock kommen Sie schon hoch!« sagte Lisa noch einmal hart.

»Das ist auch wahr«, sagte der Alte und griff sogleich hastig nach dem Stocke.

»Man muß ihm einfach aufhelfen«, sagte Wersilow und erhob sich; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber sie hatten ihm noch nicht beispringen können, als sich Makar Iwanowitsch, der sich aus aller Kraft auf den Stock gestützt hatte, auf einmal erhob und in freudigem Triumphe dastand und um sich blickte:

»Also, nun bin ich doch aufgestanden!« sagte er beinahe stolz und lachte vergnügt. »Ich danke dir auch schön, Liebe; du hast mich zu Verstand gebracht; und ich dachte schon, die lieben Füße gehorchten mir gar nicht mehr . . .«

Aber er blieb nicht lange stehen, er hatte noch nicht ausgesprochen, als plötzlich der Krückstock, auf den er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers lehnte, auf dem Teppich ausrutschte; und da die »lieben Füße« ihn so gut wie gar nicht unterstützten, stürzte er von seiner ganzen Höhe zu Boden. Das war fast grausig anzusehen, weiß ich noch. Alle schrien auf und stürzten hinzu, um ihn aufzuheben, aber er hatte sich Gott sei Dank nichts getan; er war nur schwer und laut auf beide Knie gestürzt, hatte aber doch vermocht, die rechte Hand vor sich auf den Boden zu stemmen und sich so zu halten. Er wurde aufgehoben und aufs Bett gesetzt. Er war sehr bleich, nicht vor Schrecken, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem andern auch ein Herzleiden konstatiert.) Mama war vor Schrecken außer sich. Und auf einmal wendete sich Makar Iwanowitsch, immer noch ganz bleich, mit zitternden Gliedern und gleichsam noch nicht wieder ganz bei Bewußtsein, zu Lisa und sagte mit fast zärtlicher stiller Stimme zu ihr:

»Nein, Liebe, die lieben Füße tragen mich wahrhaftig nicht mehr!«

Ich kann nicht beschreiben, was für einen Eindruck das auf mich machte. Die Sache war die, daß bei diesen Worten des armen Alten nicht die Spur einer Klage oder eines Vorwurfes mitklang; ganz im Gegenteil: man merkte deutlich, daß er von Anfang an wirklich nicht das geringste Bösartige in Lisas Worten gefunden hatte, sondern es statt dessen für ganz gerecht gehalten hatte, daß sie ihn anschrie, das heißt, er fand, diese Zurückweisung hätte er für sein Verschulden reichlich verdient. Das alles wirkte auf Lisa sehr heftig. Als er gestürzt war, war sie wie alle andern aufgesprungen und hatte leichenblaß dagestanden und selbstverständlich Schmerz empfunden, weil sie die Veranlassung zu dem allen war; als sie aber diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, fast momentan, glühend rot vor Scham und Reue.

»Jetzt ist's genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna. »Das kommt nur von dem ewigen Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; wozu soll das führen, wenn der Doktor selber mit dem Geschwätz anfängt!«

»Freilich«, stimmte Alexander Semionowitsch ihr zu, der sich um den Kranken zu schaffen machte. »Das war nicht recht von mir, Tatjana Pawlowna, er braucht Ruhe!«

Aber Tatjana Pawlowna hörte nicht auf ihn: sie musterte Lisa wohl eine halbe Minute lang schweigend und verbissen.

»Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, wenn du Lust hast; ich altes, dummes Frauenzimmer!« sagte sie dann unvermittelt.

Und sie küßte sie, ich weiß nicht weswegen, aber eben das war es, was sich gehörte; ich wäre am liebsten selber auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte ihr einen Kuß gegeben. Es war jetzt nicht am Platze, Lisa durch Vorwürfe nur noch tiefer niederzudrücken, sondern es war viel richtiger, das neue, schöne Gefühl, das jetzt sicherlich in ihr geboren wurde, mit Freude zu begrüßen und sie zu beglückwünschen. Aber statt mich allen diesen Gefühlen hinzugeben, sprang ich plötzlich auf und rief, jedes Wort hart betonend:

»Makar Iwanowitsch, Sie haben heute wieder das Wort ›Vornehmheit‹ gebraucht, und ich habe mich gerade gestern und alle die Tage mit diesem Worte abgequält . . . und habe mich überhaupt mein Leben lang damit gequält, ich wußte früher nur nicht, daß es das war. Und dieses Zusammentreffen der gleichen Worte halte ich für einen Wink des Schicksals, fast für ein Wunder . . . Ich erkläre hier in Ihrer Gegenwart . . .«

Aber die anderen taten mir sofort Einhalt. Ich wiederhole es: ich wußte nichts von ihrer Abrede wegen Mama und Makar Iwanowitsch; und sie hielten mich, nach früheren Erfahrungen, natürlich zu jedem Skandal in der Art für fähig.

»Hinaus mit ihm, hinaus!« schrie Tatjana Pawlowna wie ein wildes Tier. Mama zitterte vor Angst. Makar Iwanowitsch sah, daß alle erschraken und erschrak selber auch.

»Arkadij, laß das!« rief Wersilow strenge.

»Mir, meine Herrschaften,« schrie ich noch lauter, »mir erscheint es einfach scheußlich, wenn ich Sie alle neben diesem reinen Kinde ansehe« (ich deutete auf Makar). »Nur eine Heilige sehe ich – das ist Mama, aber selbst sie . . .«

»Sie regen ihn auf!« sagte der Doktor eindringlich.

»Ich weiß, daß die ganze Welt wider mich ist«, stotterte ich (oder etwas Ähnliches), aber blickte noch einmal rundum und sah dann Wersilow herausfordernd an.

»Arkadij!« schrie er noch einmal, »genau so eine Szene hat hier schon einmal stattgefunden. Ich beschwöre dich, nimm dich zusammen!«

Ich kann nicht beschreiben, mit was für einem tiefen Gefühl er das sagte. Eine außerordentliche, aufrichtige, tiefe Traurigkeit sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste war, daß er schuldbewußt dreinschaute: ich war der Richter, und er der Verbrecher. Das alles machte mich vollends toll.

»Ja,« schrie ich zurück, »genau so eine Szene hat schon einmal stattgefunden, als ich Herrn Wersilow begrub und ihn aus meinem Herzen riß . . . Aber später ist darauf eine Auferstehung von den Toten gefolgt, jetzt aber . . . jetzt folgt kein Morgen mehr darauf! Aber . . . aber ihr alle hier werdet noch sehen, wozu ich imstande bin: ihr laßt euch nicht träumen, was ich euch noch beweisen werde!«

Als ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Wersilow eilte mir nach . . .

5

Ich bekam einen Rückfall; das Fieber brach mit größter Gewalt aus, und in der Nacht phantasierte ich. Es war aber nicht alles bloß Delirium: es waren unzählige Träume, ein ganzer Zug von Träumen, Träume ohne Maßen; und davon ist ein Traum oder das Bruchstück eines Traumes mir auf Lebenszeit im Gedächtnis geblieben. Ich erzähle ihn ohne ein Wort der Erläuterung; er war prophetisch, und ich kann ihn nicht auslassen.

Ich befand mich plötzlich, mit irgendeinem großen und stolzen Plan im Herzen, in einem großen, hohen Zimmer; es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna: ich erinnre mich jenes Zimmers sehr deutlich; das sage ich hier vorgreifend. Und ob ich gleich allein bin, fühle ich die ganze Zeit, mit Unruhe und Qual, daß jemand auf mich wartet, und daß man etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter der Tür sitzen Leute und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl: »Oh, wäre ich doch allein!« Und auf einmal tritt sie herein. Sie schaut schüchtern drein, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. In meiner Hand halte ich das Dokument. Sie lächelt, um mich einzufangen, sie will mich durch Schmeichelei gewinnen; mir tut sie leid, aber ich beginne Ekel zu empfinden. Plötzlich bedeckt sie ihr Gesicht mit beiden Händen. Ich schleudre das »Dokument« mit unsäglicher Verachtung auf den Tisch: »Bitten Sie mich nicht! Da! Ich will von Ihnen gar nichts! Ich räche mich für allen Schimpf, der mir angetan ist, durch Verachtung!« Ich verlasse das Zimmer und verschlucke mich fast vor maßlosem Stolz. Aber an der Tür, im Dunkeln, faßt mich Lambert! »Esel, Esel!« wispert er mir mit der höchsten Eindringlichkeit zu und hält mich an der Hand fest, »sie kann einfach auf der Wasilij-Insel ein adliges Fräuleininstitut aufmachen.« (NB. das sollte heißen, daß sie das zu ihrem Unterhalt nötig hätte, wenn ihr Vater durch mich von dem Dokument erführe und sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich schreibe die Worte Lamberts buchstäblich nieder, wie ich sie geträumt habe.)

»Arkadij Makarowitsch sucht die ›Vornehmheit‹«, höre ich Anna Andrej etwas stille Stimme irgendwo in der Nähe, im Treppenhause, wo wir uns befinden; es liegt aber keine Anerkennung, sondern ein unerträglicher Hohn in ihren Worten. Ich gehe mit Lambert wieder ins Zimmer zurück. Aber als sie Lambert erblickt, fängt sie auf einmal an zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein Schreck, so stark, daß ich stehenbleibe und mich ihr nicht nähern will. Ich sehe sie an und will's nicht glauben; es ist, als hätte sie auf einmal eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber es ist, als hätte sich jeder kleinere Zug zu maßloser Gemeinheit verzerrt. »Den Kaufpreis, Gnädigste, den Kaufpreis!« schreit Lambert, und beide lachen sie noch toller, und mein Herz erstarrt: »O Gott, ist dies schamlose Weib wirklich dieselbe, die mit einem einzigen Blick mein Herz in edeln Gefühlen aufwallen lassen konnte?«

»Siehst du, wozu sie fähig sind, diese stolzen Seelen, in ihren hohen Kreisen, für Geld!« ruft Lambert. Aber nicht einmal das bringt dieses schamlose Weib in Verwirrung; sie lacht eben darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie ist bereit, den Kaufpreis zu zahlen, ich sehe es wohl und . . . und was geschieht denn mit mir? Ich fühle weder Mitleid mehr, noch Ekel; ich zittre wie noch nie in meinem Leben . . . Ein neues, unbeschreibliches Gefühl bemächtigt sich meiner, wie ich es noch nie gekannt habe, und stark ist es wie die ganze Welt . . . Oh, ich wäre um keinen Preis imstande, jetzt hinauszugehen! Oh, wie gut es mir gefällt, daß das alles so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen ihren schamlosen, roten Lippen, die vor Lachen zittern und mich rufen . . .

Oh, fort mit dieser niedrigen Erinnerung! Verfluchter Traum! Ich kann darauf schwören, daß vor diesem schmutzigen Traume in meinem Geiste nichts gelebt hat, was diesem schändlichen Gedanken auch nur ähnlich gesehen hätte. Nicht einmal irgendein unwillkürlicher Traumgedanke von der Art war je in mir wach geworden (obschon ich das »Dokument« wohleingenäht in der Tasche trug und manchmal mit einem sonderbaren Lächeln nach dieser Tasche fühlte). Woher entsprang also dies alles so auf einmal ganz und fertig? Das kam daher, weil eine Spinnenseele in mir lebte! Ich meine: das alles war schon längst geboren und kauerte in meinem verderbten Herzen, in meinem Wunsche lag es, aber bei Licht schämte sich mein Herz noch davor, und mein Verstand wagte noch nicht, sich etwas Derartiges bewußt vorzustellen. Aber im Traume stellte meine Seele aus sich selber heraus alles vor meine Augen, zeigte mir alles, was in meinem Herzen lebte, ganz genau und in einem abgerundeten Bilde und in prophetischer Form. Und war es nicht am Ende das gewesen, was ich ihnen beweisen wollte, als ich am Vormittag Makar Iwanowitschs Zimmer in solcher Hast verlassen hatte? Aber genug davon: erst an seiner Stelle mehr davon! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eins der merkwürdigsten Ereignisse meines Lebens.

Drittes Kapitel
1

Nach drei Tagen stand ich in der Frühe aus dem Bette auf und fühlte, als ich auf den Füßen war, plötzlich, daß ich mich nicht mehr hinlegen würde. Ich empfand mit Macht, daß die Genesung nahe war. Es wäre vielleicht nicht der Mühe wert, alle diese kleinen Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit diesem Morgen begannen ein paar Tage, an denen sich zwar nichts Besonderes ereignete, die mir aber alle als etwas Tröstliches, Ruhiges im Gedächtnis geblieben sind; und das ist eine Seltenheit in meinen Erinnerungen. Meinen Seelenzustand will ich fürs erste nicht formulieren; wenn der Leser erführe, wie er war, würde er es sicherlich nicht glauben. Das wird sich nachher alles besser aus den Tatsachen erklären. Und fürs erste will ich nur das eine sagen: der Leser soll die Spinnenseele nicht vergessen. Und die beherbergte der Mensch, der sich von ihnen allen und der ganzen Welt im Namen der »Vornehmheit« zurückziehen wollte! Der Durst nach Vornehmheit lebte natürlich im höchsten Grade in mir, und das ist ja ganz selbstverständlich, aber wie er es fertigbrachte, mit Gott weiß was für andern »Dürsten« in mir zusammen zu hausen – das bleibt ein Rätsel für mich. Und das ist mir auch immer ein Rätsel gewesen, und ich habe mich tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und, ich glaube, des Russen im besondern) gewundert, daß er in seinem Herzen das höchste Ideal neben der tiefsten Gemeinheit zu hegen vermag, und das alles bei vollkommenster Ehrlichkeit. Ist dies nun eine besondre Vorurteilslosigkeit bei den Russen, die sie zu Hohem berufen erscheinen läßt, oder ist es nur ganz gewöhnliche Gemeinheit – das ist die Frage!

Aber genug davon! So oder so, jedenfalls trat eine Windstille ein. Ich hatte einfach eingesehen, daß ich um jeden Preis gesund werden müßte, und zwar so bald wie möglich, um so bald wie möglich handeln zu können, und deshalb beschloß ich, hygienisch und nach den Anordnungen des Doktors zu leben (mochte der sein, wer er wollte); und meine stürmischen Pläne verschob ich mit außerordentlicher Vernünftigkeit (einer Frucht jener Vorurteilslosigkeit) auf den Tag, wo ich zum erstenmal ausgehen würde, das heißt, auf meine Genesung. Auf welche Weise es meine friedlichen Eindrücke und Freuden vermochten, in dieser Windstille mit den qualvoll süßen, erregten Schlägen meines Herzens zusammen zu hausen, die von dem Vorgefühl meiner stürmischen Pläne geweckt wurden – das weiß ich nicht, ich schreibe das aber auch wieder der »Vorurteilslosigkeit« zu. Aber die Unruhe, die ich früher und noch vor kurzem empfunden hatte, war von mir gewichen; ich hatte alles auf einen gewissen Zeitpunkt verschoben, ich zitterte nicht mehr vor dem, was kommen mußte, wie noch vor kurzem, sondern hatte das Gefühl eines reichen Mannes, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Meine Anmaßung und die herausfordernde Sicherheit gegenüber dem Schicksal, das mir bevorstand, wurde größer und größer, und ich denke mir: das kam teilweise schon von der wirklichen Genesung und den schnell wiederkehrenden Lebenskräften. Und eben dieser wenigen Tage der endgültigen und wirklichen Genesung gedenke ich heute noch mit großem Genusse.

Oh, sie hatten mir alles verziehen, ich meine, meinen Ausfall; und das hatten dieselben Leute getan, deren Anblick ich ihnen ins Gesicht für eine Scheußlichkeit erklärt hatte! Das liebe ich an den Menschen, das nenne ich den Verstand des Herzens; jedenfalls zog mich das gleich wieder zu ihnen hin, natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Wersilow und ich zum Beispiel sprachen auch weiterhin miteinander, als wären wir die intimsten Bekannten, aber nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald die Mitteilsamkeit zu groß werden wollte (und sie wollte das manchmal), verschlossen wir uns alle beide sogleich wieder, als wenn wir uns ein klein wenig vor irgend etwas schämten. Es gibt Fälle, wo der Sieger sich vor dem Besiegten schämen muß, und eben deshalb, weil er die Oberhand behalten hat. Der Sieger war offenbar – ich; und ich schämte mich auch.

An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall aus dem Bette aufstand, kam er zu mir herein, und da erfuhr ich aus seinem Munde zum erstenmal von der erwähnten Verabredung, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen hatten; dabei sagte er mir auch, daß der Alte sich zwar wohler fühlte, daß der Doktor aber für nichts garantieren könne. Ich versprach ihm auch für mein Teil aus vollem Herzen, mich künftighin einer größeren Vorsicht zu befleißigen. Und als Wersilow mir damals das alles mitteilte, bemerkte ich ganz plötzlich zum erstenmal, daß auch er selber sich sehr aufrichtig für diesen alten Mann interessierte, ich meine, viel lebhafter, als man es bei einem Menschen von seiner Art hätte erwarten können. Ich merkte, daß er ihn als ein Wesen ansah, das auch ihm selber aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, und nicht nur Mamas wegen. Mich interessierte das sogleich, ja, es setzte mich beinahe in Erstaunen, und ich bekenne offen: wenn Wersilow nicht gewesen wäre, ich hätte so mancher Eigenschaft dieses alten Mannes keine Aufmerksamkeit geschenkt oder sie nicht nach Gebühr gewürdigt. Und doch ist der Alte eine der dauerhaftesten und originellsten Erinnerungen meines Herzens geblieben.

Wersilow hatte eine gewisse Angst wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch, das heißt also: er traute weder meinem Verstande noch meinem Taktgefühl besonders viel zu; und deshalb war er nachher sehr befriedigt, als er sah, daß auch ich manchmal imstande bin, zu begreifen, wie man sich gegenüber einem Menschen von ganz andern Begriffen und Anschauungen benehmen muß, kurz und gut, daß auch ich, wo es not tut, nachgiebig und vorurteilsfrei sein kann. Ich bekenne außerdem (und ich glaube mich dadurch nicht herunterzusetzen), daß ich in diesem Mann aus dem Volke in bezug auf manche Gefühle und Anschauungen etwas für mich ganz Neues entdeckt habe, etwas, was ich noch nicht gekannt hatte, etwas viel Klareres und Tröstlicheres, als meine eignen früheren Anschauungen über diese Dinge. Nichtsdestoweniger wäre es unmöglich gewesen, nicht manchmal außer sich zu geraten über manche reine Vorurteile bei ihm, an die er mit der empörendsten Ruhe und Sicherheit glaubte. Aber daran war natürlich bloß seine Unbildung schuld; sein Verstand war recht gut organisiert, so gut sogar, daß ich noch nie bei einem Menschen einen besser organisierten getroffen habe.

2

Wie ich schon weiter oben bemerkt habe, war das anziehendste an ihm seine außerordentliche Offenherzigkeit und das vollkommne Fehlen jeder Eigenliebe; dahinter verspürte man ein Herz, das fast frei war von jeder Sünde. Er hatte die »Fröhlichkeit« des Herzens und deshalb auch die wahre Vornehmheit. Das Wort »Fröhlichkeit« liebte er sehr und wendete es häufig an. Allerdings überkam ihn manchmal eine Art krankhafte Verzücktheit, eine gewisse krankhafte Rührung, – zum Teil, glaube ich, auch infolge des Fiebers, das ihn, genau genommen, diese ganze Zeit nicht verließ; jedoch für die Vornehmheit war das kein Hindernis. Es waren aber auch Kontraste in ihm: neben einer erstaunlichen Einfalt, die manchmal die Ironie in den Worten eines andern durchaus nicht bemerken wollte (oft zu meinem Ärger), – neben dieser Einfalt zeigte er oft eine gewisse pfiffige Feinheit, die am häufigsten bei den polemischen Scharmützeln zutage trat. Und er war ein großer Freund von Polemiken, führte sie aber oft nur zu sehr auf seine eigne, besondre Art. Man merkte, daß er weit in Rußland herumgekommen war, daß er viel gehört hatte, aber, ich sage es noch einmal, am meisten liebte er die Rührung und daher auch alles, was zu ihr hinführte, und liebte es daher auch, selber rührsame Geschichten zu erzählen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn viel erzählen hören, von seinen eignen Pilgerfahrten, und auch allerhand Legenden aus dem Leben der frühesten »Glaubensstreiter«. Ich weiß hierin nicht Bescheid, aber ich denke mir, er wird bei diesen Legenden viel aus eignem hinzugetan haben; kannte er sie doch größtenteils nur aus der mündlichen Wiedergabe einfacher Leute. Manche Dinge, die er erzählte, konnte man einfach nicht ruhig hinnehmen. Aber neben augenscheinlichen Verdrehungen oder aufgelegten Lügengeschichten tauchte immer wieder ein erstaunliches Rundes und Ganzes auf, das erfüllt war von volkstümlichem Gefühl und immer rührend war . . . Mir ist zum Beispiel von diesen Geschichten eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben – das »Leben Mariä in Ägyptenland«. Von dieser Legende, wie von fast allen ähnlichen Legenden, hatte ich bis dahin keine Ahnung gehabt. Ich sage es geradeheraus: man konnte das kaum ohne Tränen hören, und die Tränen kamen einem nicht vor Rührung, sondern aus einer Art seltsamer Begeisterung: man glaubte etwas Ungeheures, Glühendes vor sich zu sehen, eine versengte Sandwüste, bevölkert mit Löwen, in der die Heilige umherirrte. Übrigens war es nicht das, wovon ich sprechen wollte, und ich bin auch nicht kompetent dafür.

Außer dieser Rührung gefielen mir an ihm besonders allerlei manchmal außerordentlich originelle Ansichten über durchaus strittige Fragen aus dem Leben der Gegenwart. So zum Beispiel erzählte er einmal eine kürzlich erst passierte Geschichte von einem zur Reserve entlassenen Soldaten; er selber war beinahe Augenzeuge dieser Geschichte gewesen. Es war also ein Soldat nach beendeter Dienstzeit in die Heimat zurückgekehrt, und das Leben unter den Bauern hatte ihm nicht mehr gefallen wollen, und er selber wieder hatte den Bauern nicht gefallen. Der Mann kam vom rechten Wege ab, er fing an zu trinken und machte irgendwo einen Raubanfall auf jemand; sichre Beweise dafür waren nicht vorhanden, aber er wurde trotzdem festgenommen und vor Gericht gestellt. Vor Gericht war es seinem Advokaten schon beinahe gelungen, ihn frei zu bringen – es ließ sich eben gar nichts beweisen –, als der Soldat, der immer erstaunter zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Anwalt unterbrach: »Nein, hör' jetzt auf mit deiner Rede«; und nun erzählte er alles, bis zum »letzten Stäubchen«; er bekannte alles, mit Tränen und Reue. Die Geschwornen zogen sich zur Beratung zurück, und dann auf einmal kommen sie wieder und verkünden: »Nein, er ist unschuldig.« Alle schreien auf und freuen sich, aber der Soldat bleibt stehen, wie er steht, und rührt sich nicht vom Fleck, als wäre er zur Salzsäule geworden und versteht kein Wort davon; er verstand auch kein Wort von der Ermahnung, die der Vorsitzende ihm mitgab, als er ihn wieder in die Freiheit entließ. Der Soldat ging in die Freiheit hinaus und wollte es sich selber nicht glauben. Er verfiel in Schwermut und Grübelei, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhenkte sich. »So ist das, wenn man mit einer Sünde auf dem Gewissen leben muß!« schloß Makar Iwanowitsch. Diese Geschichte ist ja natürlich albern, und von der Art findet man heute übergenug in allen Zeitungen, aber mir gefiel dabei sein Ton, und vor allen Dingen gewisse feine Worte, die sicherlich einen neuen Gedanken bargen. Als er zum Beispiel davon sprach, wie der Soldat bei seiner Heimkehr ins Dorf den Bauern nicht mehr gefallen hatte, drückte sich Makar Iwanowitsch so aus: »Man weiß ja, was ein Soldat ist: ein Soldat ist ein verdorbener Bauer.« Und als er nachher von dem Anwalt sprach, der den Prozeß beinahe gewonnen hätte, sagte er wieder: »Man weiß ja, was ein Advokat ist: ein Advokat ist ein gemietetes Gewissen.« Diese beiden Ausdrücke brachte er ganz mühelos hervor und ohne selbst irgend etwas daran zu finden; und dabei lag doch in diesen beiden Ausdrücken eine ganz eigenartige Anschauung der beiden Gegenstände, die ja sicherlich wohl nicht die des gesamten Volkes, dafür aber jedenfalls Makar Iwanowitschs eigne, nirgend entlehnte Anschauung war! Diese volkstümlichen Anschauungen über manche Themen sind zuweilen wirklich wunderbar in ihrer Originalität.

»Und, Makar Iwanowitsch,« fragte ich ihn bei derselben Gelegenheit, »wie denken Sie über die Sünde des Selbstmordes?«

»Der Selbstmord ist die größte menschliche Sünde,« erwiderte er mit einem tiefen Seufzer, »aber Richter darüber ist der Herr allein, weil ihm allein alles bekannt ist, jegliches Ziel und jegliches Maß. Wir aber müssen natürlich für solch einen Sünder beten. Jedesmal, wenn du von so einer Sünde hörst, bete vor dem Schlafengehen innig für diesen Sünder; und wenn du auch nur einen Seufzer um ihn zu Gott emporschickst, selbst wenn du ihn überhaupt nicht gekannt hast, – um so wirksamer wird dein Gebet für ihn sein.«

»Aber kann ihm mein Gebet denn helfen, wenn er doch schon gerichtet ist?«

»Woher weißt du das? Viele Leute, ach, unzählige, sind ungläubig und führen dadurch unwissende Leute in die Irre; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht, was sie denken. Das Gebet eines lebenden Menschen für einen Gerichteten ist in Wahrheit wirksam. Also, wie mag es dem ergehen, der niemand hat, der für ihn betet? Darum, wenn du vor dem Schlafengehen betest, so füge zum Schlusse die Worte hinzu: ›Erbarme dich, Herr Jesus, auch aller derer, die niemand haben, der für sie betet!‹ Sehr wirksam ist dieses Gebet und gottgefällig. Und auch für alle Sünder bete, die noch leben: ›Herr Gott, wäge ihnen du selber ihr Schicksal zu und errette alle Unbußfertigen‹, – auch das ist ein gutes Gebet.«

Ich versprach ihm, daß ich so beten wolle, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem Versprechen eine unendliche Freude machen würde. Und wirklich erstrahlte sein ganzes Gesicht vor Freude; aber ich will gleich hinzusetzen, daß er mich bei solchen Gelegenheiten niemals von oben herab behandelte, ich meine, nicht wie ein alter Mann mit einem beliebigen Halbwüchsling spricht; im Gegenteil, er hörte auch mir gern und häufig zu, sogar mit großer Aufmerksamkeit, wenn ich über allerlei Themen sprach, wenn ich auch nur ein »junger Mensch« war, wie er sich auszudrücken pflegte; er begriff eben sehr wohl, daß dieser »junge Mensch« an Bildung hoch über ihm stand. Er liebte es zum Beispiel, sehr häufig über das Einsiedlerleben zu sprechen und stellte den »Einsiedler« weit höher als den »Pilger«. Ich widersprach ihm heftig, indem ich auf den Egoismus dieser Leute hinwies, die die Welt verließen und allen Nutzen, den sie der Menschheit leisten könnten, für nichts achteten, und das alles nur um der egoistischen Idee der Rettung ihrer eignen Seele willen. Er verstand mich anfangs nicht und vermutete sogar, ich hätte überhaupt nicht begriffen, was er meine; dabei verteidigte er die Einsiedler lebhaft: »Anfangs ist einem natürlich traurig zumute (das heißt, wenn einer Einsiedler wird), dann aber wird deine Freude mit jedem Tage größer, und schließlich wirst du Gott schauen.« – Daraufhin entwarf ich ihm ein ganzes Bild von der nützlichen Tätigkeit des Gelehrten, des Mediziners, oder überhaupt jedes Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn dadurch in aufrichtige Begeisterung, weil ich selber eben auch mit Feuer sprach. Er stimmte mir in einem fort zu: »Jawohl, lieber Freund, ganz richtig, Gott segne dich, du hast wahre Gedanken«; aber als ich zu Ende war, erklärte er sich dennoch nicht ganz einverstanden mit mir: »Ja, so ist es wohl,« sagte er mit einem tiefen Seufzer, »aber gibt es viele, die standhalten und nicht vom rechten Wege gelockt werden? Das Geld ist zwar kein Gott, aber doch immerhin ein Halbgott – das ist eine große Versuchung; und dann ist da das weibliche Geschlecht, und da ist der Zweifel und der Neid. Siehst du, das Große vergessen sie und werfen sich auf das Kleine. Gibt es das bei einem Einsiedler? Nein, als Einsiedler wird ein Mensch vielmehr stark zu jeder Tat. Lieber Freund! Und was hat man in der Welt?« rief er mit begeistertem Gefühl, »ist es denn nicht nur ein Traum? ›Nimm ein Sandkorn und säe es auf einen Stein,‹ sagt man bei uns, ›wenn gelber Sand auf dem Steine aufgeht, dann wird sich dein Traum in der Welt erfüllen‹. Genau so heißt es bei Christus: ›Gehe hin und verteile deine Habe und werde jedermanns Knecht.‹ Und ob deine Habe sich unzählige Male vermehre: nicht durch Speise, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid wirst du glücklich, sondern dadurch, daß deine Liebe sich unzählige Male vermehrt. Nicht kleinlichen Reichtum verdienst du dir, nicht hunderttausend, nicht eine Million, sondern die ganze Welt! Jetzt sammeln wir, ohne Sättigung zu finden, und verschwenden mit Unverstand, dann aber wird es keine Waisen mehr geben und keine Bettler, weil alle mein sein werden, alle verwandt mit mir, alle werde ich mir verdient haben, alle bis zum letzten erkauft haben! Heutzutage geschieht es nicht selten, daß auch der Reichste und Vornehmste gleichgültig ist gegen die Zahl seiner Tage und selbst nicht mehr weiß, welches Vergnügen er sich ausdenken soll; dann aber werden sich deine Tage und Stunden förmlich tausendfach vermehren, dieweil du nicht eine kleine Minute wirst verlieren wollen und jede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann wirst du auch die höchste Weisheit nicht bloß aus den Büchern allein gewinnen, sondern du wirst mit Gott selber reden von Angesicht zu Angesicht; und leuchten wird die Erde heller als die Sonne, und wird kein Traum sein und kein Seufzen, sondern überall nur ein herrliches Paradies . . .«

Und ebensolche begeisterten Ausbrüche liebte, glaube ich, Wersilow ganz besonders. Bei diesem war er gerade auch im Zimmer anwesend.

»Makar Iwanowitsch,« fiel ich ihm plötzlich ins Wort, selber ganz maßlos hingerissen (oh, ich gedenke jenes Abends), »Sie predigen also den Kommunismus, den vollkommensten Kommunismus!«

Und da er nicht das geringste von der kommunistischen Lehre wußte und selbst das Wort Kommunismus zum erstenmal hörte, begann ich, ihm auf der Stelle alles mitzuteilen, was ich über dieses Thema wußte. Ich muß gestehen, ich wußte darüber nur wenig und unklar Bescheid und bin heute noch nicht sehr kompetent in der Beziehung; aber was ich wußte, das erklärte ich ihm mit dem größten Feuer, ohne mich durch irgend etwas beirren zu lassen. Ich gedenke noch heute mit Freuden des gewaltigen Eindrucks, den ich damit auf den Alten machte. Das war überhaupt kein Eindruck mehr, sondern eine Erschütterung. Dabei interessierte er sich ungeheuer für historische Einzelheiten: »Wo? Wie? Wer hat das eingerichtet? Wer hat das gesagt?« Beiläufig, ich habe bemerkt, daß das überhaupt eine Eigentümlichkeit des einfachen Volkes ist: wenn es sich für etwas lebhaft interessiert, begnügt es sich nie mit der allgemeinen Idee, sondern verlangt unbedingt ganz sichere und genaue Einzelheiten. Ich für mein Teil verwirrte mich in den Einzelheiten; und da Wersilow dabei war, genierte ich mich ein bißchen vor ihm und geriet dadurch noch mehr in Hitze. Es lief schließlich darauf hinaus, daß Makar Iwanowitsch, sehr ergriffen, zu jedem meiner Worte: »Ja, ja!« sagte, sichtlich aber nichts mehr verstand und den Faden verloren hatte. Ich fing an mich darüber zu ärgern, aber Wersilow schnitt das Gespräch plötzlich dadurch ab, daß er aufstand und erklärte, es wäre Zeit zu Bett zu gehen. Wir waren damals alle versammelt, und es war schon spät. Als er nach ein paar Minuten in mein Zimmer schaute, fragte ich ihn gleich, wofür er Makar Iwanowitsch im allgemeinen ansehe, und wie er über ihn denke. Wersilow lächelte heiter (aber durchaus nicht über meine Irrtümer über den Kommunismus – durchaus nicht, er tat ihrer überhaupt keine Erwähnung). Ich sage es noch einmal: er hatte entschieden eine große Zuneigung für Makar Iwanowitsch gefaßt, und ich erhaschte auf seinem Gesicht häufig ein sehr sympathisches Lächeln, wenn er dem Alten zuhörte. Übrigens schloß dieses Lächeln die Kritik keineswegs aus.

»Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein Hofknecht,« sagte er mit einer großen Freude am Sprechen, »er ist ein ehemaliger Hofknecht und ein ehemaliger Diener, als Diener und Sohn eines Dieners geboren. In früheren Zeiten haben die Hofleute und die Dienerschaft sehr viele Interessen des privaten, des religiösen und des geistigen Lebens mit ihrer Herrschaft geteilt. Achte doch darauf, wie sich Makar Iwanowitsch auch heute noch am lebhaftesten für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, aus der bessern Gesellschaft interessiert. Du weißt noch nicht, in welchem Grade er sich für manche Ereignisse interessiert, die erst in letzter Zeit in Rußland vor sich gegangen sind. Weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? Lieber, als wenn du ihn mit Honig fütterst, ist es ihm, wenn du ihm erzählst, wo ein Krieg geführt wird, und ob wir einen Krieg bekommen werden. In früheren Zeiten konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig machen. Er hat großen Respekt vor der Wissenschaft, und vor allen andern Wissenschaften schwärmt er für die Astronomie. Dazu hat er sich eine gewisse innere Unabhängigkeit erworben, die man durch nichts zum Wanken bringen kann. Seine Überzeugungen sind fest und ziemlich klar . . . und richtig. Obgleich er vollkommen ungebildet ist, ist er doch fähig, einen plötzlich durch eine ganz unerwartete Vertrautheit mit manchen Begriffen zu überraschen, die man bei ihm durchaus nicht vermutet hätte. Er schwärmt vom Einsiedlerleben, aber er würde um keinen Preis Einsiedler werden oder ins Kloster gehen, weil er durch und durch ›Vagabund‹ ist, wie ihn Alexander Semionowitsch so nett bezeichnet hat. Auf den Doktor bist du übrigens, ganz beiläufig gesagt, ganz ohne Veranlassung so böse. Ja, und was soll man schließlich noch sagen? Der Alte ist auch ein Stück Künstler, er hat viel eigne Worte, er hat aber auch solche, die nicht sein eigen sind. Er ist ein wenig lahm in der logischen Entwicklung von Gedanken und hie und da sehr abstrakt; er hat Anfälle von Sentimentalität, aber einer ganz volkstümlichen Sentimentalität, oder besser gesagt, Anfälle jener volkstümlichen Rührsamkeit, die unser Volk in so breitem Strome in sein religiöses Gefühl einführt. Von seiner biedern Offenherzigkeit und seiner Gutmütigkeit schweige ich: es steht mir und dir nicht an, darüber zu sprechen . . .«

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