Kitabı oxu: «Lass mich Arzt, ich bin durch!»
Inhaltsverzeichnis
Car Glass
Fingernagelgroß
Erinnerungen sind aufgelöste Lebensspuren
Stille Sehnsucht
Tellerrand
Ruhe
Holzauge, sei wachsam!
Erdnussbutter
Der zündende Begriff
Die Panik lässt nach
Generation Langstrumpf
Timewalk oder: Murmeltiertag in Borgholzhausen
Novemberluft
Schweinegrippe
Seifenparty
Dackelcholera
Baumfieber
Deko- Stress
Schnee schippen
Last Christmas
Zeiträuber
Schlafräuber
Der graue Riese
Haferschleim
Januargefühl
Hexenschuss
Yoga
Nordic walking
New York
Der Wolf und der Fuchs
Zimmer frei
Aquafit
Abrechnung
Pubertät = format c:\
Das Mädchen Tausendschön
Elternabend
Amtsärztin
Countdown
Mausetot
Volltreffer
Der schwarze Teich
Weltmeister
Ohne Komma
Wir lieben die Stürme
Was ziehe ich bloß an?
Rund um die Frau
Love is in the hair
Hartholz
Die Businessfrau
Lehrer und anderes Gesindel
Querstellungsbeauftragter
Einfach zu haben
Versöhnungssex
Ostreise
Stoffmarkt
Ist das Kunst ...?
Meine Perle und ich
Kettenbriefunterbrecher
Glühwein im April
Rattenschwanz
Schmutzige Wäsche
Irgendwann ist Feierabend
Beamtenklo
Potpourri
Taken by a stranger
So weit das Auge reist
In Saus und Braus
Dreizack
Schnittblumen
Hühneraugen
Sündenbock
Bratkartoffelverhältnis
Altheimer
Ich tue, was ich machen kann
Der Zahn der Zeit
Selbstgebackenes
Empompie Kolonie
Ratzfatz
Das Résumé für alle Frustrierten und Einarmigen
Jagdfieber
Immer wieder Murmeltiertag
Dreckstage
Wenn ich jemand anders wär’, dann wär’ ich lieber ich
Die Butter schmier’ ich mir nicht aufs Brot!
Deutsche far niente
Sandkastenliebe
Hitlers Schnurrbart
So oder so
Alter Zopf
Dawo
Es kann so sein
Unterwegs
So aber auch
Satansbraten
Im Grunde
Wunderbar
Holpersteine
Kaffee Hag
Zappenduster
Ätschi Kolätschi
Werwiewasweissobi
In meinem Kopf
Wenn jetzt Sommer wär
Wie ich es mag
Von Tag zu Tag
Durchenwind
Siehstema
Wennichma
Nachtlos
Schlafvollzug
Warum ich den Rattenfänger erschoss
Zappzerapp
Om Au Am Zeh
Waswenn
Dahamwadensalat
Angsthalm
Endlich
Orthodoxe Drüse
Auf Messers Schneide
Frei sein
Falscher Irrtum
Eine schrecklich nette Familie
Durchgangszug
So nicht
So isses!
Planetenkonstellation
Verraten und verkauft
Dort
Blind date
Impressum
Lass mich Arzt,
ich bin durch!
Quergefönte Bekenntnisse eines unverbesserlichen Moralapostels
von Franco Bollo
1. Auflage, 2015
www.franco-bollo.de
Facebook
Die Handlung und alle Figuren in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.
Über mich
Franco Bollo (italienisch "francobollo" = Briefmarke) wurde 1967 irgendwo in der ostwestfälischen Puddingstadt, die es nicht gibt, geboren. Schon als Kind entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben und bekritzelte die Tische in seiner Grundschule ("Wea dass list is dov!"), alle, bis auf den eigenen, er war ja nicht doof.
Über das Buch
Kleine Geschichten voller Sehnsüchte, Humoresken, Nachdenklichem und Skurrilem. Rabenschwarz wie eine Neumondnacht in Ostwestfalen- Lippe, lächerlich wie die Unschuldsbehauptungen von Würstchen- Uli und grotesk wie der Aufstiegstraum von Arminia Bielefeld.
Weitere eBooks von mir:
Quergefönt (2014), ISBN: 978-3-7380-3214-7
Henkersmahlzeit und andere Delikatessen (2015), ISBN: 978-3-7380-2484-5
erhältlich auf allen bekannten Plattformen wie:
Amazon.de, Buecher.de, Buch.de, Weltbild.de, Thalia.de, Hugendubel.de, Mayersche.de, ebook.de, Google Play, Kobo und angeschlossenen Händlern
Irgendwas habe ich immer zu meckern. Und wenn nicht, dann denke ich mir halt etwas aus.
Dabei bin ich kein notorischer Nörgler, ich bin ein unverbesserlicher Moralapostel.
Car Glass
Nix car glass, ich will gar nicht wissen, was dein Kunde mit der gesprungenen Windschutzscheibe in zwei Stunden bei der Hauptuntersuchung ohne Zuzahlung so alles gemacht hat.
Wir bei car glass: Scheibe raus, Scheibe rein. Kein Schmutz, kein Dreck, kein Lärm.
Schnell das Radio umgeschaltet. Aber da faselt Herbert im Duo mit dem Weichei Xavier von ihren gemeinsamen Wegen. Warum habt ihr Luschen euch nicht verlaufen? Geht doch ins Buschcamp oder lasst euch einmauern! Und sicher findet ihr auch noch ein paar Leute, die ihr mitnehmen könnt, z. B. Sieben Uhr sechsundfünfzig– Vier Minuten vor acht- Sager, Wo haben Sie den denn gekauft?- Frager oder ebay- Langsamverschicker. Singende Latzhosen, kleine Rumänen, Ochsenknechte oder andere Fleischmützenträger. Depressive Saunagänger, langatmige Hochbegabte, Nichtssager, Vielsprecher.
Und eine Bitte habe ich: Lasst mich draußen! Hier in meinem Auto.
Fingernagelgroß
Fingernagelgroß war er da, der Impuls zu schreiben. Hatte sich gut versteckt hinter dem Daumen.
Die Initiative fuhr einfach fort, raus aus dem Murmeltiertag.
Auf einer Wurzelspitze schlief der Veränderer noch. War müde und erschöpft von der Routine. Von seinen Aufgaben und Pflichten, von der Arbeit und mit Nichten.
Da trafen beide auf einer Haarlichtung auf den Herausforderer und den Bewahrer.
“Lass mich mal machen”, sagte die Initiative.
“Ich kann es aber besser”, prahlte der Veränderer.
“Das wollen wir mal sehen”, wetteiferte der Herausforderer.
“Es ist doch gut, wie es ist”, bangte der Bewahrer.
Ene mene mu und raus bist du!
Erinnerungen sind aufgelöste Lebensspuren
In einem kleinen, verstaubten Gefäß standen sie auf der Fensterbank, solange ich denken kann.
Eines Tages griff ich mir das Glas, drehte und wendete es im Sonnenlicht, untersuchte es am Abend und in der Nacht. Doch so oft ich es auch betrachtete, ich konnte einfach nichts darin entdecken. So beschloss ich, den Inhalt in Wasser aufzulösen. Die eine Hälfte kochte ich auf, die andere stellte ich zurück.
Ich kochte und kochte, und wie ich kochte! Ich wusste nicht, welche vergangenen Momente ich zu extrahieren versuchte. Ich nahm wieder einen Teil beiseite, wog ihn, bestimmte seine Dichte und elektrische Leitfähigkeit, sowie seinen Siede- und Gefrierpunkt. Aber was immer ich auch damit anstellte, ich konnte nicht mehr herausfinden, als dass die Summe ihrer Einzelteile das Ganze ergibt.
Stille Sehnsucht
Direkt am Meer. Dort, wo die Sonne untergeht. Da stehe ich auf dem Deich, schaue den Möwen beim Scheißen zu. Der Wind pfeift mir um die Nase. Hier oben ist das Gefühl der Freiheit näher als das der Kälte. Die Luft riecht nach Salz und Fisch.
In der Nacht wird die Stille hörbar: das Rauschen des Meeres, das metallische Schlagen der Segel am Mast, das Knallen der Fahnen im Wind, das Klingen der Glocken auf den Schiffen und Booten, das dumpfe Stöhnen der sich spannenden Taue. Lichter am Horizont blinzeln zu mir herüber. Die Flut drückt Wellen an den Strand, spült Muscheln und Tang immer ein Stückchen näher an den Deich.
Stille Sehnsucht nach Sand in den Schuhen, Krabbenkuttern und Kiefernwäldern, Leuchttürmen und Lachsbrötchen, Dünen und Dorschen.
Tellerrand
Auf dem Teller ist ganz klar: Die Welt ist eine Scheibe. Etwas verkehrt herum gewölbt. Das führt dazu, dass in der Mitte alles zusammen kullert. Dann wird es eng. Es bleibt immer weniger Platz. Aber je weiter außen, je größer die Geschwindigkeit, der Teller dreht sich ja bekanntermaßen, und umso größer die Gefahr, heraus geschleudert zu werden.
Und genau das geschah eines Tages plötzlich. Ein Krümel konnte sich nicht mehr halten und flog einfach über den Tellerrand hinaus, durch die Luft, über das Kuckucksnest hinweg, immer schneller, um dann als kristalliner Krümel mit einem lauten Pock auf meiner Windschutzscheibe aufzuprallen, dabei einen circa 5 Millimeter großen Krater zu hinterlassen und sich dann klammheimlich aus dem Staub zu machen. Mir fiel dann zum Glück diese Werbung im Radio wieder ein.
“Ich muss ja auch bald zur Hauptuntersuchung mit meinem Auto”, dachte ich und suchte in meiner Tasche nach meinem Handy, um da anzurufen.
Doch plötzlich hatte ich diesen Krümel in der Hand! Ich hatte ihn in seinem Versteck aufgestöbert. Diesen kleinen Miesepeter, diesen Wichtel, diesen Wurm! Hat wohl gedacht, ich fände ihn da nicht! Ha! Wie lächerlich! So etwas dumm- dreistes ist mir noch nie untergekommen! Sein Opfer auch noch verhöhnen und sich bei ihm verkrümeln! So ein Arschloch, dreckiges!
Ich wollte ihn grade zwischen Daumen und Zeigefinger atomisieren, als mir wieder einfiel: “Hey, wo willst du eigentlich hin?!”
Ich war dann bei junited wegen der neuen Windschutzscheibe. Das war echt toll. In nur zwei Stunden war alles fertig, ohne Dreck, ohne Lärm und ohne Krümel.
Ruhe
Ich möchte die Sonne am Horizont zischend und brodelnd im Meer verschwinden hören. Ich möchte ihrer stillen Lebendigkeit lauschen.
Wie mit dem Kopf halb unter Wasser, wenn ich zwischen Playmobil- Booten der Kinder in der Badewanne liege. Nur Augen und Nase schauen noch heraus. In den Ohren knistert Badeschaum, Hitzeschwaden steigen aus dem Wasser empor. Alle Geräusche verschwinden. Ich schließe meine Augen.
In meinem Kopf entsteht eine Musik aus einem vergangenen Jahrhundert. Unter der heißen Sonne prescht das riesige Schiff über das weite Meer. Die Masten stöhnen und ächzen unter der Last des Windes in den Segeln. Der Bug sticht tief in die Wellen, Gischt spritzt hoch empor. Der Kapitän blinzelt ins helle Licht, brüllt den Matrosen ein paar Befehle zu. Schon kurze Zeit später liegt das Schiff wieder ruhiger in der See. Der Kapitän geht zurück unter Deck.
Ich tauche auf und öffne die Augen. Mein Badezimmer schwimmt. Ich ziehe mich an, mache die Moby Dick- CD aus und schließe die Tür zum Kinderzimmer. Endlich Ruhe!
Holzauge, sei wachsam!
Was soll denn das bloß wieder bedeuten?
Ich kenne Holzbeine und Holzwürmer. Holzköpfe natürlich auch, jede Menge sogar. Aber Holzauge?!
Soll ich mir da eine geschnitzte Murmel drunter vorstellen? Aus Mahagoni oder schwedischer Kiefer, gelaugt und geölt? Vielleicht bedeutet es ja: Pass auf, wenn du zu IKEA fährst, dass hinterher nichts fehlt! Irgendeine kleine, verschissene Aufhängevorrichtung, ein Häkchen, ein Knöpfchen oder ein Deckelchen! Dann musst du deswegen an einem langen Samstag noch einmal dahin! Und wenn grade Knut ist, fällt dir womöglich noch ein Weihnachtsbaum auf den Kopf. Au weh.
Sei lieber wachsam. Und halt deine Augen zusammen.
Erdnussbutter
Zugegeben: Ich habe noch nie welche gegessen. Ich habe so viele Dinge noch nicht gegessen: Schnecken zum Beispiel. Oder Froschschenkel (ob Froschschutzmittel dagegen hilft?). Muscheln, Hummer, Hund und Katze auch nicht. Bei Hund bin ich mir nicht ganz sicher. Das Bildsymbol am Buffet im letzten Urlaub sah schon aus wie Schäferhund. Wenn ich Glück habe, war es Schaf. Das will ich alles aber auch gar nicht probieren.
Aber Erdnussbutter? Das klingt zwischen süß und salzig im Geschmack, auf jeden Fall aber klebrig und fest. Zu fest. Aus dem Kühlschrank sowieso. Es soll Menschen geben, die bewahren dort auch ihr Nutella auf. Im Kühlschrank! Das Zeug wird hart wie Omis Zartbitterschokolade von Lindt. Wenn man damit sein frisches Brötchen bestreicht, gleicht es schnell dem Inhalt einer Krümelschublade im Toaster! Deswegen kommt die Plömpe bei mir erst Mal pauschal zwei Minuten bei 800 Watt in die Mikrowelle. Dann kriegt man es fein raus aus dem Glas. In die Tasse. Mit einem Klecks Sprühsahne ist das echt lecker!
Ob das wohl mit Erdnussbutter auch schmeckt?
Der zündende Begriff
Manchmal fehlt er mir: Der zündende Begriff. Einer wie Diktiergerät zum Beispiel, oder Tesafilmabroller, Tackerklammerentferner. Mein Blick kreist dabei dreimal über meinen Schreibtisch.
Wie heißt es denn richtig? Warentrennstab, Warentrennholz, Warenteiler, Warenseparator, Kassentrenner, Kundentrenner, Kundentrennstab oder Kundentrennholz? Ich habe mich schließlich für Warenbandtrennstück entschieden. Jedenfalls meine ich diese mit Werbung versehenen Plastikstäbe, die den eigenen Einkauf im Supermarkt von dem des Vorder- und Hintermannes oder -frau trennen sollen. Das geht nicht immer gut, wie wir alles wissen. Da landet schon mal eine Packung Always Ultra bei einem Mitte vierzigjährigen Familienvater. Heißen die Binden eigentlich so, weil man sie immer tragen muss?! Oder ich schiebe die Packung Kondome dem kleinen Dötz vor mir unter, um sie ihm nach der Kasse lautstark wieder abzuknöpfen. So ein kleine Sau, in dem Alter schon… ! Hat wohl gedacht, das wäre Kaugummi, stand ja auch Erdbeere drauf.
Ein weiterer, mit vielen Erinnerungen besetzter Begriff ist die Klospülungskette. Diese silbernen, irgendwie geflochtenen Ketten, als der Spülkasten noch oben an der Wand montiert war. Bei Oma. Im Harz. Das Klo war eiskalt, auf halber Etage. Aus dem Absperrhahn kam das Wasser nur spuckend, die Kernseife hatte tiefe Risse und Haare.
Heute ist das schöner. Die Heizung bullert, das Radio trällert, die Zeitung ist aktuell und zum Lesen da.
Ach, manches wird doch besser!
Die Panik lässt nach
Ich möchte von meinem Fenster das Meer rauschen hören, die salzige Luft schnuppern, dem Geschrei der Möwen lauschen. Ich lasse mir einen Bart wachsen, rauche Pfeife und trinke Rotwein. Abends zünde ich mir im Kamin ein Feuer an, obwohl ich Angst habe, Spinnen könnten sich im aufgeschichteten Spaltholz versteckt haben. Ich lebe von der Luft und der Liebe, vom Schreiben und Schmökern, vom Malen und Maulen. In meinem Kapitänshäuschen genieße ich die Ruhe, jeden Tag.
All die Katastrophen sterben aus, die Panik lässt nach.
Generation Langstrumpf
Ich komme aus der Pipi Langstrumpf– Generation, als 2 x 3 noch 4 machte. Freitags Abend lief Väter der Klamotte in schwarz- weiß. Das machte nichts, der Fernseher hatte ja auch noch keine Farbe. Ich und meine drei Schwestern wurden alle in der Badewanne durch das selbe Wasser gezogen. Lieber Gott, lass mich wenigstens zweiter gewesen sein, der Geburtsreihenfolge nach! Ede Zimmermann ging mit Konrad Töns aus Zürich und Peter Nidetzky aus Wien in Aktenzeichen XY… ungelöst auf Verbrecherjagd. In Western von Gestern flogen die Kugeln tief. Pinocchio bekam eine lange Nase und rote Ohren, wenn er nur an Schneewittchen dachte. Die Biene Maja sammelte Honig und es war noch ein bisschen Frieden. Heintje kriegte seine ersten Pickel.
Doch dann wurde ich eingeschult. Vor dem Genossenschaftshaus stand ich mit Holger unter meinem Kletterbaum, meine gold- metallicfarbene Schultüte im Arm. Papa bestach den Eismann, dass er uns die Kugel für 10 Pfennig verkaufte. Der Sommer war heiß, auch wenn Rudi Carrell das nicht wahr haben wollte. Ich saß in Papas altem Opel Kapitän, setzte mir seine Prinz- Heinrich- Mütze aus Cord auf und fühlte mich wie wohl wie Ernst August von Hannover. Der aber legte viele Jahre später oft einen Gang zu, ich nahm ihn raus. Im Schatten meines Kletterbaumes rollte ich dann ganz langsam rückwärts. Bis unter Holgers Papas Kohlenlaster. Als dann die Reparaturrechnung bei uns im Briefkasten war, obwohl der ja auf unser Auto gefahren ist, malte ich alle Kästen an. Bis auf unseren, ich bin ja nicht doof.
Das alles geschah noch lange, bevor ich schreiben konnte. Ich war ein helles Kerlchen, spielte gerne Bananenkästchen in der Schule und hörte wohl gerade zu, als die Rechtschreibung von das und daß erklärt wurde. Ich merkte mir die Regel, dass das Das mit, wenn das Das nicht, dass es dann ohne sz geschrieben wird, gut und schrieb im Diktat trotzdem eine sechs. Ich hatte siebzehn Mal daß mit s und z geschrieben.
Ich brauchte lange, um mich von diesem Schock zu erholen. Erst mit der ersten Liebe, die mich überfiel, schrieb ich im Unterricht mit: "Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, nein, vielleicht."
Lesen lernte ich so auch: Ja, aber erst, wenn ich mit Holger Schluss gemacht habe!
Timewalk oder: Murmeltiertag in Borgholzhausen
Über eine schier endlose Landstraße fuhr ich durch dichten Nebel. Ich suchte nach Lichtpunkten in der Dunkelheit, doch selbst die Scheinwerferkegel meines Autos wurden nach etwa zwei Metern unbarmherzig wie von einem riesigen, schwarzen Maul verschluckt. Die Tankanzeige war schon lange im zweiten Untergeschoss angekommen und blinkte hektisch. Die Chance, lebend gefunden zu werden, wenn mir jetzt das Benzin ausginge, glich einer homöopathischen Hochpotenz. Ich tastete nach dem Reservekanister um festzustellen, dass er im Schuppen beim Rasenmäher stand.
Nervös hielt auf einer kleinen Anhöhe an. Ich drehte das Radio stumm, kurbelte das Fenster hinunter und lauschte minutenlang. Hier und da glaubte ich, etwas zu hören, aber es war zu weit entfernt um herauszufinden, was es war. Doch dann wurden plötzlich die Geräusche lauter. Es war, als habe jemand eine Tür geöffnet. Schweres, dumpfes Grollen waberte zu mir herüber. Ich spitzte die Ohren, weitete die Nüstern. Mit einem Mal erkannte ich den Rhythmus: Es war Smoke on the water von Deep Purple! Irritiert versuchte ich, die Richtung der Musik auszumachen, aber das war hoffnungslos unter diesen Bedingungen.
Vorsichtig ließ ich den Wagen langsam den Hügel hinunter rollen, immer mit dem Ohr im nächtlichen Fahrtwind. Es gab eh nur zwei Richtungen: Die, aus der ich gekommen war und die, in die ich fuhr. Wie beim Blinde Kuh– Spiel tastete ich mich voran, der lauter werdenden Musik entgegen.
Nach endlosen Minuten, die langsam wie Adventssonntage im Nieselregen verrannen, bog ich auf einen Schotterparkplatz ein und stellte den Wagen ab. An einem Gebäude flackerte im staubigen Fenster blassgrau ein Open– Schild, Fetzen von Child of vision wehten zu mir. Ich ging hinüber, öffnete die Tür und betrat durch dichte Rauchschwaden einen zum Bersten gefüllten Wirtsraum. Im Menschengetümmel suchte ich mir nahe der Theke einen Platz und blickte mich stumm um. Es wirkte, als seien die, die noch Heizöl im Tank ihres Strich– 8er hatten, heute Abend in die Stadt gefahren, dabei hätten sie mir entgegenkommen müssen!
Alle anderen waren hier: die Bedienung mit blondiertem Haar, die nach Tosca roch, die Zigeunerin, der Bürgermeister, der Vorsitzende des Geflügelzüchtervereins, der letztes Jahr mit dem Kaninchenzuchtverein Deutsche Riesen fusioniert hatte, die Bewegungssportgruppe der Abteilung Ausdruckstanz und die Frauengruppe von den Weight Watchers. Auf einer kleinen Bühne spielte eine Band guten, alten Rock. Und ich mittendrin.
“Was trinkst du?”, fragte mich Tosca.
“Ein Guinness”, schrie ich zurück.
“Was ist das denn? Das kenne ich nicht!”
“Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?”
Ich wartete nur noch darauf, ein Wicküler zu bekommen und in DM bezahlen zu können. Kurze Zeit später stellte sie mir einen großen Glashumpen auf den Tisch und machte ein X auf den Deckel.
“Habt ihr auch was zu essen?”, fragte ich sie.
“Da musst du hinten raus, da wird gegrillt!”
Draußen war nicht viel los, eine Frau in weißer Kittelschürze hinter einer Biergartengarnitur drehte grade Würstchen und riesige Fleischlaken um. Ich bestellte eine Bratwurst mit Kartoffelsalat, Hausgemacht, wie sie extra betonte, und bekam eine Portion, bei der selbst die Hunde im Waisenhaus noch hätten mitessen können und satt geworden wären.
Mit einem Wagenrad von Teller ging ich wieder hinein. Die Band spielte Dr. Green is dead und ich fragte mich, ob er an der Portion gestorben war oder ob er noch hier vor Ort erschossen wurde, weil er nicht aufaß?
Um mich herum verhüllten Tropfkerzen Flaschen mit grotesken Mänteln, Kunstblumen blühten wie frisch verliebt, Häkeldeckchen auf den Tischen erstrahlten in Persilweiß und alte Männer gingen hüftsteif die steilen Stufen zu den moosgrün gefliesten Toiletten hinab und kamen als windelnasse Jungspunde wieder herauf.
Ich freue mich schon auf das nächste Konzert dieser Band.
Novemberluft
Kalte Novemberluft schlug ihr entgegen, als sie vors Haus trat. Die Sonne blinzelte gold- rot durch das dünne Laubkleid der Bäume. Sie blinzelte zurück. Morgens hockte der Frost schon auf den Autoscheiben und aus den Nasen und Mündern stieg Drachenqualm empor. Das Gesicht zu einer Grimmasse verzogen, versuchte sie, ihre Brille zu beschlagen oder Rauchringe zu pusten.
In der Tristesse des Novembergraus sah sie aus wie ein Farbkaleidoskop: Kirschrote, kniehohe Lederstiefel, eine laubgrüne Wollstrumpfhose, einen kürbisorangenen Cord- Minirock, einen pfaublauen Pullover, einen zitronengelben Samtmantel und eine pflaumenviolette Strickmütze mit Pompons.
Ihre kleine Wohnung hatte sie herbstlich dekoriert: An der Tür baumelte ein Jutedrachen, Zierkürbisse lagen in einem Weidenkorb auf der Friesenbank daneben und auf den Treppenabsätzen standen Getreidegarben. Kleinen Holzwichteln, Elfchen und Zapfenigeln hatte sie aus Kastanien, Bucheckern und trockenem Laub auf dem Fenstersims in der Küche ein heimeliges Winterquartier geschaffen.
Neulich war es noch Sommer!
Schweinegrippe
Überall ist sie in aller Munde und ich frage mich, ob das dann nach Schnitzel schmeckt. Man hört davon in den Nachrichten, man liest darüber in den Zeitungen. Wie damals beim Rinderwahnsinn.
Aber ich kriege es einfach nicht. Ich kann mir Mett, halb Rind, halb Schwein, Zentimeter dick aufs Brötchen schmieren, ich kriegs einfach nicht. Ich bekomme weder lila Flecken, noch ringelt sich mein Schwänzchen. Auch die Hühnerpest ist Zugvogel artig an mir vorbeigeflogen, ohne dass ich Eier gelegt hätte. Was mache ich bloß falsch? Ich habe mich mit aktiven Erregern impfen lassen. Nix! Noch nicht einmal eine Rötung an der Einstichstelle! Ich war im Urlaub an der Schweinebucht, lass mich auf jeden Kuhhandel ein, telefoniere täglich mit der Hotline im Bundesgesundheitsministerium, habe ein sechsmonatiges Praktikum bei Bauer Ewald auf Prickings- Hof absolviert.
Es passiert einfach nix.
Ich werd noch wahnsinnig.
Seifenparty
Ach du scheiße. Das kann ja auch nur Frauen einfallen! Eine Seifenparty?! So ein in Seidenpapier eingeschlagenes 50 Gramm– Stück kostet bestimmt 12,95 und riecht auch nicht besser als die gute alte Fa. Aber wahrscheinlich belagern da zehn bis zwölf Hühner um die Vierzig das heimische Wohnzimmer den ganzen Abend lang zur besten DSF– Sendezeit, zeigen sich ihre neuen Frisuren, Schuhe und Übergangsjacken und trinken sauren Prosecco. Da ist so ein Stückchen Seife nicht zu teuer und ein willkommener Anlass, über Männer im Allgemeinen und ihre eigenen im Besonderen herzuziehen und nebenbei mal eben vier bis fünf handgezogene Duftklumpen mit ätherischen Ölen aus wildwachsenden Kräutern von den Hängen des südlichen Apennin zu kaufen. Das Geld ist ja schließlich selbst verdient. In der Boutique oder im Gummibärenladen. Wo wiederum nur Frauen einkaufen. Und weil die Seife ja doch nicht so ganz billig war, findet sie im Louis– Philippe– Vertiko einen passenden, letzten Aufbewahrungsort.
Der Mann ist natürlich zu so einem Happening ausgeladen. Er rennt derweil im real,-. Einmal hin. Alles drin!, dreimal um den Akkuschrauber aus der Werbung herum und überlegt genau, ob er den wirklich braucht, kauft dann einen Kasten Bier, eine neue Jeans und eine Tüte Lakritze und besucht einen alten Freund. Wir gucken Fußball, reden über schöne Frauen, die wir nicht haben und betrinken uns.
Ich bin schon mal gespannt auf seine neuen Alufelgen!
Dackelcholera
Ich habe Nachbars Dackel ausgeführt. Jetzt hat es mich erwischt. Ich stinke aus dem Mund, habe eine kalte Nase und das dringende Bedürfnis, auf den Rasen vorm Haus zu scheißen. Ist das die Dackelcholera? Wie hieß die noch gleich, R2D2?
Baumfieber
Weihnachten stand vor der Tür und wieder einmal hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben. Seit zwei Wochen stritten sie jeden Abend darüber, ob sie am ersten Feiertag ihre Eltern zu Gans mit Rotkohl und Klößen besuchen oder zu seinen Eltern fahren, wo es traditionell Kartoffelsalat mit Bockwürstchen im Brötchen gibt.
“Immer dieses heilige Gedudel im Oberhemd”, dachte er und schüttelte sich, “und diese scheiß schweren handgeriebenen Kanonenkugeln, die den fetten Vogel vom Himmel geschossen haben…”
Mit Grauen erinnerte er sich an das heuchlerische Bestaunen des oberförsterlich erschlagenen grün- (n)adeligen Waldbewohners mit echten Bienenwachskerzen im letzten Jahr. Das Mistding piekste, war nach zwei Tagen kahl wie ein katholisches Kirchenoberhaupt und auf allen Fotos sah man diesen dämlichen Löscheimer! Und der Gedanke an einen diskret zugeschobenen Büttenumschlag mit 50 Euro stimmte ihn auch nicht fröhlicher.
Daheim aber tauchten hunderte kleine Lämpchen die Rundfichte, eine schnittgrüne Konifere, in ein heimeliges und verheißungsvolles Licht. Engelschöre verkündeten die heilige Nacht. Mutter deckte durch Berge von Geschenkaltpapier watend den Tisch mit ihrem himmlischen hausgemachten Kartoffelsalat, ein kulinarisches Weihnachtsgedicht. Ihm lief bei diesem Gedanken das Wasser im Munde zusammen. Und die 20 Euro konnte er gut gebrauchen.
“Schön, dass ihr da seid”, riss sie ihn aus den Träumen, als sie die Tür öffnete, “ich hab heute zur Abwechslung ‘mal Gans gemacht!”
Deko- Stress
Es ist wieder soweit: Der Deko- Stress beginnt. Da kommt man nicht drumrum. Selbst wenn ich mir beim Autogramm von Oliver Kahn geschworen habe, Gott hab ihn selig, diesen Wahnsinn einfach zu ignorieren, basteln die Kinder in der Schule sicher etwas Tolles. Mit ihren Lehrerinnen wird da gemalt und geklebt, gehäkelt und geklöppelt, gefilzt und gefärbt. So werden Dutzende Pappsterne mit Bommeln, Engelchen zum Hinstellen, Wachstropfformen, verzierte Nadelgehölzzweige, rote Filzmützchen oder selbstgebackene knüppelharte Kekse, die unbedingt am Baum hängen müssen, stolz nach Hause getragen. Unsinnige Wichtelgeschenke werden angeschleppt und Nümmerchen für Adventskalender gezogen. Seitdem ziert unsere Küchenfensterbank ein kleiner Nikolaus mit Glitzer, der je nach Wetterlage seine Farbe verändert. Bei Regen oder Schnee ist er rosa und wenn die Sonne scheint, funkelt er blau. Nur Abwaschen kann er nicht. Na ja, beim Schrottwichteln in der Firma werde ich ihn wenigstens im nächsten Jahr wieder los!
Die Kinder schmücken zu Hause weiter bis die Wohnung aussieht wie die Asservatenkammer des Weihnachtsmannes: Kleine Rentier- und Wichtelkarawanen stolpern durch die selbstgebaute Winterlandschaft aus Styropor und die Krippe wird auf dem Fernsehgerät aufgebaut. Ich dreh dann immer den Bass auf, bis der Esel umplumpst. Auf dem Küchentisch nadelt ein trockener Adventskranz, beim Auspusten der Kerzen spritzen Wachsflecken bis an die Tapete und den ganzen Tag dudelt aus dem Radio Rolf Zuckerdosis:
Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus …
Ich baue mir jetzt erstmal die Freistoßsituation in den Schnee, als Kamper dem Kahn einen indirekten Freistoß an der Mauer vorbei ins Eck knallt. Schön mit Schal und Trikot! Das war auch wie Weihnachten.
Schnee schippen
Weihnachten naht. Draußen bricht der Winter los, holt sich alle Passanten ohne Mütze, Schal, Handschuh und warme Schuhe. Der eisige Wind gefriert ihnen die unbedeckte Nase und die Ohren. Ich kann’s vom meinen Fenster aus sehen. Lustig schlittern sie über vereiste Bürgersteige, den Kragen hochgeschlagen, den Hals ganz klein gemacht, die Hände tief in den Taschen vergraben. Sie sehen aus wie 1,70 Meter große Pinguine. Gehen auch so. Auf der anderen Straßenseite dreht ein Sommerreifenfahrer grade durch. Er hat nur ein winziges Guckloch gekratzt, der Anlasser klingt wie Bert aus der Sesamstraße, wenn er lacht. Endlich springt die alte Möhre an. Die Vorderreifen machen bestimmt im Stand schon 80 Stundenkilometer, das Auto qualmt wie der Kühlturm eines Braunkohlewerkes, als der Motor wieder stirbt. Wutschnaubend verstaucht er sich den Fuß beim Tritt gegen den hartgefrorenen Reifen und schließt sich humpelnd der Pinguinkarawane an.
Die Flocken werden dichter, man kann fast nur noch die Schirmspitzen sehen. Ich will mir grade einen neuen Glühwein heiß machen, als mir der Kehrwochenplan in die Hände fällt. Schneedienst? Ich?
Ach du scheiße, wo sind bloß meine Handschuh und die Mütze?!
Last Christmas
Seit 1984 geht mir das auf die Nüsse. An jedem Glühweinstand trällern mir diese beiden Lappen die Ohren voll. In der Bahn, im Bus, im Auto, beim Brötchen holen, im MP3- Player, auf dem Deich, selbst im Radio. Keine Ruhe!
Wann kommt endlich die Version Very last christmas heraus? Dann singe ich mit: Letzte Weihnacht, allerletzte Weihnacht…
Ich habe früher immer Pink Floyd gehört: Wish you were here. Das mache ich jetzt auch wieder!
Zeiträuber
Davon geistern im Moment viele durchs Haus:
Kleine Notizzettel, blinkende Anrufbeantworter, SMS- Signaltöne, Stofftiere und lange Unterhosen mit Löchern, ferngesteuerte Autos und Taschenlampen mit leeren Akkus, volle Wäschekörbe, leere Kühlschränke, harte Brötchen, keine Eier, Zahlungsaufforderungen, Weihnachtsdeko, Adventskalender, Pfandflaschen, Altpapier, Schneeschipper, zugefrorene Scheiben, Matsch im Flur, nasse Schuhe, gerissene Schnürsenkel, verklemmte Jalousien, durchgebrannte Glühlampen, Steinschlag in der Windschutzscheibe, Winterreifen im Schuppen, Abfallkalender, Koffer, unaufgeräumte Kinderzimmer, nicht gemachte Betten, Nachts plötzlich piepende Wecker, Elternstunden in der Kita, Fortbildungen am Freitag, Hunger in der Mittagspause, Klebefilm- und Scherenverstecker, Brillen- und Hausschlüsselverschlürer!!
Wenn das morgen alles weg ist, ja Scheiß in Dreck, was mach ich dann?!
Schlafräuber
Davon spuken auch gerne welche durchs oder ums Haus, besonders aber dann, wenn ich mal extra früh schlafen gegangen bin:
Späte Anrufer, Zeitverschiebungsvergesser, SMS- Signaltöne, Poltergeister, Taschenlampengespenster, Klingeljäger, Klingelhosen, Krähen auf dem Kamindach, Eulenheulen, Ameisenhusten, Flohräuspern, Froschfürze, Mückensummen, Hundebellen, Magenknurren, Netzteilbrummen, automatisiertes Reinigungsprogramm Drucker, Stand- by- Lämpchen, Autotürenzuschläger, Motorenaufheuler, Scharfbremser, Alarmanlagenbesitzer, Vor dem Fenster– Unterhalter, marodierende Horden, Zahlungsaufforderungen, Hähnchenschnitzel in Gorgonzolasoße, Heimniederlagen, Auswärtsniederlagen, Heimsiege, Auswärtssiege, Unentschieden, Martins- Singer, Sternsinger, Schiefsinger, Schleudergänge, Schlagregen, Schneeschipper, Schlüsselklimperer, Verliebt sein, Zeitumstellung, Zeitungseinwerfer, Vollmond, Doppeltermine, piepende Wecker, kratzende Bettwäsche, tropfende Wasserhähne, knartschende Lattenroste, klappernde Türen, kalte Füße, quälende Gedanken wie: Ich muss noch die Mülltonne an die Straße stellen, In vier Stunden muss ich wieder aufstehen, Habe ich das Auto abgeschlossen?, Wie hieß der/ die/ das bloß?, Was koche ich morgen?, Was habe ich heute gegessen?, Wer bin ich überhaupt?
Wenn das morgen alles weg ist, dann schlaf ich erst mal aus!
Der graue Riese
Das Meer zeigte sich von seiner rauen Seite. Grollend warf der graue Riese seine kalten Arme ans Ufer. Sein eisiger Atem fegte dicke Schneeflocken vor sich her wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug. Aufgepeitschte Gischt küsste mich feucht wie eine junge Affäre. Benommen stolperte ich über seine Gebeine den Strand entlang, der inzwischen schon knietief unter Schnee begraben lag.
Am Horizont blinzelte mir ein Zyklop aufmunternd zu.
Haferschleim
Ich war mal krank. Musste sogar ins Krankenhaus. Sollte sogar da bleiben. Am nächsten Nachmittag spielte aber Arminia Bielefeld- Bayern München. Ich wollte nicht bleiben. Ich wollte auf den Block, wo ein anständiger Fan hingehört, wenn er in Bielefeld wohnt. Ich musste aber bleiben. Ich hatte aber meine Dauerkarte und mein Trikot eingepackt. Komisch. Ich dachte, höre ich das Spiel eben im Radio. So blieb ich eine Nacht, bat die Schwester, mir den Zugang zu ziehen, weil er weh täte und machte dann einen GAAANZ langen Spaziergang. Am Stadion vorbei. Zufällig. Und als Fan hatte ich natürlich mein Trikot an. Und meine Dauerkarte dabei. Vielleicht könnte ich die ja noch einem Freund geben. War aber keiner da. Warn schon alle auffem Block. Ging ich also mal gucken. Hallo sagen. War ein geiles Spiel. Ham aber verloren.
Am Abend gabs wieder Haferschleim im Krankenhaus. Lauwarm. Das Zeug schmeckt ja wie aufgeweichtes Löschpapier in Grau. Sieht auch so aus. Also erst einmal einen Teebeutel reinhängen. So gings schon besser runter. Mit weniger Würgen. Mein Körpergewicht näherte sich inzwischen dem einer gusseisernen Bratpfanne.
Dann kam Ostern. Ich löste kleine eingeschmuggelte Schokohäschen im Haferschleim auf. Das war schon ein anorektisches Festmahl. Sehr empfehlen kann ich auch einen etwa zwei Zentimeter langen Streifen Zahnpasta. Nimmt man Signal, ist es quasi sogar Haferschleim rot- weiß.
Nach fünf Tagen und 7 Kilo geschmolzenem Körpergewicht hätte ich jede Schwesternschülerin zugunsten eines Butterkekses nackt liegen lassen.
Anschließend gab es Aufbaukost. Ich dachte, dass mich das aufbaut. Vergeblich suchte ich unter der Portionsmarmelade nach Aufschnitt. Wie ein Huhn, nicht wie ein Mann, pickte ich meine Scheibe Un- ge- Toast und mopste mir bei entlassenen Mitpatienten Magermilch- Joghurts vom Tablett, bevor die abgeräumt wurden.
Am Abend, nachdem mich das erste Mal die osteuropäische Außenhandelsvertreterin nach Brötchen zum Frühstück gefragt hatte, wurde ich entlassen.
Schlank wie ein Zaunpfahl, geil wie ein Murmeltier nach dem Winterschlaf und der Kühlschrank leer wie eine Halle zwei Stunden nach Ende eines Konzertes von Hansi Hinterseer.
Pulsuz fraqment bitdi.