Kitabı oxu: «Julius Payer. Die unerforschte Welt der Berge und des Eises»
Frank Berger
JULIUS PAYER
DIE UNERFORSCHTE WELT DER BERGE UND DES EISES
INHALT
Kapitel 1
FAMILIE UND MILITÄRLAUFBAHN
Kapitel 2
ALPINISTISCHE ANFÄNGE: DAS GLOCKNERGEBIET
Kapitel 3
ADAMELLO UND PRESANELLA (1864 UND 1868)
Kapitel 4
PAYERS ZWEITE HEIMAT: DER ORTLER
Kapitel 5
DIE ZWEITE DEUTSCHE POLARFAHRT (1869–1870)
Kapitel 6
DIE „ISBJÖRN“ – EXPEDITION IN DIE SPITZBERGENSEE (1871)
Kapitel 7
VOR DER GROSSEN REISE (1872)
Kapitel 8
DIE ENTDECKUNG VON FRANZ-JOSEF-LAND (1872–1874)
Kapitel 9
RÜCKKEHR IM JUBEL (1874)
Kapitel 10
ORDEN UND EHREN (1874–1876)
Kapitel 11
DIE ERGEBNISSE DER POLAREXPEDITION
Kapitel 12
FANNY KANN, DIE LIEBE AUS FRANKFURT
Kapitel 13
MALER IN FRANKFURT UND MÜNCHEN (1876–1882)
Kapitel 14
ERFOLG ALS KÜNSTLER: DIE BAI DES TODES (1883)
Kapitel 15
PARIS. GROSSE BILDER MIT EINEM AUGE (1884–1887)
Kapitel 16
STREIT UND TRENNUNG (1888/1889)
Kapitel 17
EIN MALLEHRER MIT POLARPLÄNEN
Kapitel 18
DIE PAYERSCHLANGE
Kapitel 19
TOD UND NACHLEBEN
Kapitel 20
QUELLEN UND HINWEISE
KAPITEL 1
FAMILIE UND MILITÄRLAUFBAHN
HERKUNFT UND FAMILIE
Julius Johannes Ludovicus Payer wurde am 1. September 1841 im nordböhmischen Kurort Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov) als Sohn von Franz und Blandine Payer geboren. Die Taufe fand in der Pfarre St. Elisabeth statt. Als Geburtsdatum findet sich in der Geburtsmatrikel des Pfarramtes der 2. September, aber Payers eigener Aussage zufolge hatte er am 1. September Geburtstag. Er hatte zwei Brüder, den 1836 geborenen Richard, der als Amazonasreisender bekannt wurde und den 1844 geborenen Hugo, der zwanzigjährig starb.
Julius Payer wird heute in der Werbung als der berühmteste Sohn der Stadt Teplice bezeichnet. Der Ort Teplitz war im Jahre 1841 dank seiner Heilquellen und des reichen kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der „Salon Europas“ und ein „Klein-Paris“. Die Heilkraft der Thermen und der Kurbetrieb zogen Zaren, Kaiser, Könige, Adel, Diplomaten, Geschäftsleute, Dichter und Gelehrte des ganzen Kontinents an. Beethoven, Goethe und Humboldt badeten in diesen Quellen. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen war 1841 das 25. Mal in ununterbrochener Reihenfolge in Teplitz. Dank unzähliger Ortsund Bäderführer sind Sehenswürdigkeiten und Alltag dieses Ortes heute noch präsent. Teplitz bestand aus drei Teilen, der Stadt selbst, dem Schlossbezirk und der Judenstadt. Wenige Minuten östlich lag, verbunden durch die Lindenstraße, das Dorf Schönau.
Im Jahre 1841 hatte die Stadt Teplitz 422 Häuser sowie 3000 Einwohner, Schönau besaß 85 Häuser und 650 Einwohner. Sämtliche Bürger sprachen deutsch. Der Haupterwerb der Bevölkerung bestand in der Bedienung der Kurgäste, so verwundert es nicht, dass es allein 63 Schankwirtschaften gab. In der Töpferschänke war 1810 der Dichter Johann Gottfried Seume gestorben. Die Kurfrequenz weist aus, dass sich 1841 knapp 4000 „Parteien“ dem Kurbetrieb widmeten und 1861 etwa 6500 Personen bzw. Paare und Gruppen. Schutzherrn des Kurortes waren die Grafen Clary-Aldringen. Im Schloss residierte seit 1831 Fürst Eduard Moritz, ein eifriger Förderer des Bäderwesens und der örtlichen Infrastruktur.

Teplitz-Schönau, Foto um 1860 (Postkarte)
Die Eltern Julius Payers besaßen das Haus „Morgenstern“ an der Schlangenbadstraße in Schönau. Das Geburtshaus kann heute jederzeit aufgesucht werden, denn es beherbergt das 4-Sterne-Hotel „Payer“. Die heutige Anschrift lautet: „U Hadích Lázní 1153/44“. Zwei Tafeln neben dem Eingang erinnern an den berühmten Alpinisten. Vom Haus aus schweift der Blick auf das Steinbad, das heutige „Kaiserin-Elisabeth-Bad“, und den Schönauer Kurpark. Hinter dem Haus liegt die Stefanshöhe, heute „Janáckovy Sady“. Sie erhebt sich direkt am Hinterhof des Hauses mit einem 15 m hohen steilen Felsen, der heute mit einem Gitter gesichert ist. Hier dürfte der kleine Julius seine ersten Kletterübungen vollzogen haben.
Die Familie Payer stammte seit vielen Generationen aus dem Ort Kriegern (heute: Kryry) bei Podborany (Krutský 1993, S. 52). Payers Vater, Franz Anton Rudolf, wurde am 7.4.1791 in Kriegern geboren. 1807 trat er als privater Kadett in ein Infanterieregiment ein. 1813 wurde er Leutnant. Ab 1815 diente er im Ulanenregiment Nr. 4, in dem er 1821 zum Oberleutnant und 1830 zum Rittmeister befördert wurde. Anfang 1832 wurde Franz Payer zum Infanterieregiment Nr. 26 „Herzog von Nassau“ versetzt und im gleichen Jahr im Rang eines Hauptmanns in den Ruhestand verabschiedet. Im Rahmen seines Militärdienstes war Franz Payer als Kartograf und Zeichner tätig, Fähigkeiten, die er seinem Sohn Julius weitervermittelte. Als Ruhesitz wählte der Pensionär Franz Payer den Kurort Teplitz-Schönau. Hier lernte er seine Frau Blandina Franziska John kennen, mit der er drei Söhne haben sollte. Das Paar heiratete erst nach der Geburt des zweiten Sohnes Julius. Anschließend zogen die Eltern vom „Morgenstern“ in das Haus „An der Weinlese“ in Teplitz, Grüne Straße (heute: Zelená) Nr. 24 um. Hier starb Franz Anton Rudolf Payer 1855 im Alter von 65 Jahren an einer Lebererkrankung.
Mütterlicherseits entstammt Julius Payer der Familie John, die nach dem 30-jährigen Krieg von Seestadl (Ervenice) nach Teplitz zog (Krutský 1993, S. 53–55). Payers Großvater war Dr. Ludwig Alois John (1760–1834), Jurist, Schriftsteller und Chronist von Teplitz. Nach dem Studium der Rechte in Prag und Dresden wurde er Stadtsyndikus, Advokat und Rechtsvertreter der Fürsten Clary. Neben seinen juristischen Aufgaben entfaltete er eine reiche Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wohltätigkeit und Heimatforschung. Er publizierte tschechische Legenden mit Bezug zu Teplitz. Die Prager Universität verlieh ihm 1805 das Ehrendoktorat der Philosophie. Ludwig Alois John heiratete 1790 Philippina Rauscher, die Tochter des Teplitzer k. k. Postmeisters Franz Rauscher. Von den acht Kindern dieser Ehe erreichten nur der Sohn Eduard und die Tochter Blandina das Erwachsenenalter.
Plakette am Geburtshaus Payers (F. Berger)

Blandinas Großonkel Dr. Johann Dionysus John (1764–1814) war Arzt, anerkannter Autor von ärztlichen Publikationen und erster Professor für Gerichtsmedizin an der Universität Prag. Aus Liebe zu seiner Heimatstadt gab er 1796 seine Professur auf und gründete in der Lindenstraße in Teplitz das John`sche Spital für arme fremde Kurbedürftige. 1814 wurde er ein Opfer seines Berufes. Nachdem er 289 Personen in Teplitz von Typhus geheilt hatte, starb er selbst daran. Dr. Johann John hatte zwei Töchter. Die Tochter Maria heiratete den späteren Bankoberkontrolleur Anton Pechwill. Dieser Ehe entsprangen vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne namens Julius und Gustav.
Gustav Pechwill (1819–1905), der Cousin zweiten Grades, war zeitlebens der engste familiäre Vertraute Julius Payers. Pechwill brachte es zum Hofrat im Wiener Finanzministerium. Der hochgebildete Jurist stand in brieflichem Kontakt mit Adalbert Stifter. Gustav Pechwill war mit Eugenie, geborene Knörlein aus Linz († 1936), verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Eugenie Pechwill war Frauenrechtlerin. Sie gehörte seit 1906 dem Vorstand des Wiener Frauenerwerbsvereins an. Julius Payer betrachtete Gustav und Eugenie Pechwill als seine Familie. Dazu gehörte auch noch ein Neffe der Eugenie Pechwill, Rudolf von Gallois (geb. Linz 1862 – gest. Wien 1926). Die Korrespondenz von Julius Payer mit Cousin Pechwill, erhalten in der Österreichischen Nationalbibliothek, datiert von 1872 bis 1895. Dieses Konvolut von ca. 160 Briefen ist die wichtigste Quelle für mehr als zwei Lebensjahrzehnte Julius Payers.
Die Familie der Blandina Franziska John gehörte zur Spitze der Teplitzer Gesellschaft. Payers Mutter wurde am 27.11.1803 im väterlichen Haus „Goldenes Kreuz“ am Schlossplatz von Teplitz geboren. Im fortgeschrittenen Alter galt Blandina John als geistesgestört. Sie wurde ab 1874 von der Familie Faber in Jannegg gepflegt, starb 1882 an Altersschwäche und wurde auf dem Friedhof von Jannegg (heute: Jeníkov) begraben. Ihr Bruder Eduard John, Julius Payers Onkel, wurde 1851 Bürgermeister von Teplitz. Er erwarb sich Verdienste um die Gründung der Sparkasse, um die Errichtung einer Schule in Teplitz und um den Bau der Eisenbahnstrecke Teplitz – Aussig. 1905 wurde eine Straße der Stadt nach ihm benannt.
Zwei der drei Söhne von Franz und Blandina Payer, Julius und Hugo, zog es zum Militär, dem väterlichen Vorbild folgend. Der älteste hingegen, Richard Payer, war ein unsteter Geist. Er besuchte die technische Hochschule in Prag, hörte Vorträge über Boden- und Verwaltungskunde und wurde Leiter der Domäne Arnau am Riesengebirge. 1870 ging er nach Russland, um Güter an den Wäldern des Waldai zu verwalten. In der Folgezeit bereiste er St. Petersburg und Russisch-Polen, Ungarn, Slawonien, die Schweiz, Frankreich, Italien und Portugal. Die Bekanntschaft mit einem brasilianischen Politiker ermöglichte ihm am 1. Januar 1876 den Antritt einer Fahrt auf dem Dampfer „Amazonas“ von Lissabon nach Manaos. Dort erforschte Richard Payer von 1876 bis 1887 das weitere Becken des Amazonas. In den 1890er-Jahren lebte er zwischenzeitlich in Teplitz, Dammstraße 4 (heute: Na Hrázil), wo er als Kaufmann geführt wurde. Im Jahr 1904 unternahm er seine 16. Überfahrt von Amerika nach Europa und landete in Genua. Der unruhige Mann durchwanderte von 1905 bis 1910 die Zillertaler Alpen, die Steiermark und die Donaugegend, um sich dann in der Umgebung von Melk niederzulassen. Größeren Kontakt mit seinem Bruder Julius hatte er nicht mehr. Das letzte Lebenszeichen Richard Payers ist eine Kurznotiz im Neuen Wiener Tageblatt vom 9. September 1912. Er hatte eine Tochter namens Paula Payer, die 1915 als Sängerin in Bamberg wohnte.
Der jüngere Bruder Hugo Payer (1844–1864) wechselte 1859 von der Kadettenschule in Marburg an die Militärakademie in Wiener Neustadt, gerade als sein älterer Bruder Julius diese verließ (Krutský 1993, S. 56). 1863 wurde er Leutnant Zweiter Klasse im Militärregiment Nr. 26. Nur zwanzigjährig starb er am 10. Juni 1864 an Tuberkulose im Militärsspital in Josefstadt, tief betrauert von seinem Bruder Julius, der ihn als seinen talentierteren Bruder betrachtete.
SCHULISCH-MILITÄRISCHE LAUFBAHN
Die erste höhere Lehranstalt Julius Payers war die Unterrealschule Hainburg. Im elften Lebensjahr wurde Julius Payer 1853 als Zögling in das Kadetteninstitut Lobzow bei Krakau gegeben (Katalog 1993, S. 99). In Österreich gab es vier Kadetteninstitute mit je 200 Schülern, aufgeteilt in vier Jahrgänge. Es war ihr Zweck, den Zöglingen einerseits einen guten Stand der allgemeinen Bildung zu vermitteln, andererseits ihnen diejenigen theoretischen Kenntnisse beizubringen, die ein späterer Offizier für seinen Beruf benötigte. Die Aufnahme erfolgte im vollendeten 11. Lebensjahr. Bedingung war der vorherige Besuch von vier Jahren einer Normalschule. Beim Schulgeld wurden Söhne von Offizieren und Militärbeamten bevorzugt. Es betrug im Falle Payers 12 Gulden jährlich. Der Lehrplan der allgemein bildenden Fächer umfasste unter anderem Französisch, Geografie, Geschichte und Freihandzeichnen. Dienstsprache des Heeres war die deutsche Sprache, in der auch die theoretische Prüfung abgehalten wurde. Nach erfolgreichem Abschluss des vierten Jahrgangs wechselte der Schüler in der Regel an eine von drei Militärakademien: Wiener Neustadt (Theresianische Militärakademie), Mährisch Weißkirchen (Artillerie-Akademie) oder Klosterbruck (Genie-Akademie).
Als Absolvent der Kadettenschule in Lobzow bekam der 16-jährige Junge von seinem Klassenvorstand als Schulprämie ein Buch überreicht. Es war von Karl Brandes: „Sir John Franklin. Die Unternehmungen für seine Rettung und die nordwestliche Durchfahrt, Berlin 1854“. Dieses Geschenk sollte weitreichende Folgen haben. John Franklin – das ist mit großem Abstand der berühmteste Name, der mit den arktischen Expeditionen verbunden ist, nicht erst seit Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Das Verschwinden der Schiffe „Erebus“ und „Terror“ mit 128 Mann Besatzung bewegt bis heute die Gemüter (Bucher 2013, 83). Das Buch darüber, eines von Hunderten, die zu diesem Thema erschienen, entzündete in dem jungen Mann die Begeisterung für Schnee, Eis und Entdeckungen. Als Schulpreis an der Wiener Neustädter Militärakademie bekam Julius später eine weitere Expeditionsbeschreibung Franklins, welche die Fahrt von der Hudsonbay bis zur Mündung des Kupferminenflusses in den Jahren 1819–1822 schildert (Katalog 2012, S. 60). John Franklin und sein Schicksal gruben sich nachhaltig in die Vorstellungswelt des jungen Julius Payer ein.
Das Faszinosum Franklin lebt fort. Eine entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Schicksal John Franklins und seiner Männer erhält unsere Gegenwart. Der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper trat am 9. September 2014 mit einer Sensationsmeldung vor die Weltpresse. Seine Behörden betrieben seit 2008 die systematische Suche nach den beiden verschollenen Schiffen „HMS Erebus“ und „HMS Terror“. Zwei Tage zuvor identifizierte ein kanadisches U-Boot in der Victoria Strait eines dieser beiden Schiffe Franklins. Es handelt sich um die „Erebus“, ein Dreimastsegelschiff von 32 m Länge und 372 Tonnen Verdrängung. Das in geringer Tiefe liegende Wrack ist in einem vergleichsweise gutem Zustand. Taucher entdeckten am 6. November sogar die Schiffsglocke. Ein Jahrhunderträtsel, das Payer lebenslang beschäftigte, ist damit gelöst.

Julius Payer als Leutnant, 1866 (Frontispiz aus Luciano Viazzo, Caro Ortles, Julius Payer, Cremona 1997; Katalog 2012)
Von 1857 bis 1859 besuchte Julius Payer die berühmte Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt. Nach dreijähriger Ausbildungszeit wurde er im Jahr 1859 als Unterleutnant Zweiter Klasse zum 36. Böhmischen Infanterie-Regiment ausgemustert. Er war in der Bundesfestung Mainz stationiert, lernte aber nur wenige Monate Garnisonsleben kennen, bevor im April 1859 der Krieg zwischen Österreich und Piemont-Sardinien ausbrach. In der Doppelschlacht von Solferino und San Martino am 24.6.1859 kämpfte der 18-Jährige mit seinem Regiment derart tapfer, dass er das Verdienstkreuz mit Kriegsdekoration erhielt (Müller 1956, S. 2). Die Schlacht ging dennoch für Österreich verloren, da es die Lombardei mit Mailand an das neu gegründete Königreich Italien abtreten musste. Venetien bis zum Po mit Verona und der Grenzfestung Mantua blieben weiterhin Teil Österreichs. Mit einer Monatsgage von 36 Gulden wurde Julius Payer nach der Schlacht zum Leutnant befördert.
Payers Liebe zu den Bergen erwachte, wie er selbst schrieb, in Verona, wo er ab 1860 stationiert war. Vom Exerzierplatz aus sah er mit Sehnsucht auf den Monte Baldo. Es begeisterte ihn, wie die eisbedeckten Spitzen der Alpen aus der blühenden Landschaft ragten. In diesen Momenten entschloss er sich, seine gesamte freie Zeit, alle seine Kräfte und sein weniges Geld der Eroberung dieser unerforschten Schönheiten zu weihen. Er stellte dabei fest, dass die bestehenden Karten unzulänglich und mangelhaft waren. Daher setzte sich Payer, nun 21-jährig, das Ziel, die Erforschung und Kartierung unbekannter Alpenregionen durchzuführen. Die Mittel für die notwendige Ausrüstung ersparte er sich aus seiner geringen Gage. 1862 bestieg er seinen ersten Berg. Es folgte eine Versetzung nach Venedig. 1864 wurde er Kommandant eines Forts am Canale Lombardo bei Chioggia und zugleich zum Leutnant Erster Klasse befördert. Für den Sommer des Jahres hatte er 100 Gulden gespart und konnte jetzt mit seinen topografischen Aufzeichnungen beginnen. Diese führten ihn im September 1864 in das Adamello- und Presanellagebiet. Das folgende Jahr war er am Ortler im Gebiet von Sulden tätig.
Bevor Payer 1866 die nächsten Besteigungen in Angriff nehmen konnte, brach der deutsche Bruderkrieg aus. Kurz zuvor war er zum Oberleutnant befördert worden. Das mit Preußen verbündete Italien versuchte, Venetien zu erobern. Bei Custozza, einem kleinen Dorf südwestlich von Verona, stießen am 24. Juni 1866 ein österreichisches Heer mit 73.000 Soldaten unter Erzherzog Albrecht von Österreich-Teschen und ein italienisches Heer mit 65.000 Soldaten unter General Alfonso La Marmora zusammen. Österreich ging siegreich aus der blutigen Schlacht hervor, beide Parteien verloren etwa 8000 Mann.
In der Schlacht von Custozza gehörte Payers Regiment Nr. 36 zur Infanterie-Reserve-Division unter Generalmajor Heinrich Rupprecht von Virtsolog. Payer focht im Infanterie-Regiment Graf Degenfeld Nr. 36, kommandiert von Oberst Carl Ritter von Bienerth (1825–1882). Nach der Schlacht von Custozza wurde Payer erneut dekoriert, da er an der Eroberung zweier feindlicher Kanonen beteiligt gewesen war. Trotz der siegreichen Schlacht musste Österreich Venetien an Italien abtreten, weil Preußen nach seinem Sieg bei Königgrätz die Friedensbedingungen diktieren konnte. Von Ende 1866 und bis Frühjahr 1868 war Payer im schlesischen Jägerndorf stationiert. Seine Urlaube im Spätsommer 1866 und im Sommer 1867 widmete er der Erschließung des westlichen und des südlichen Teils der Ortlergruppe.
Zwei Offiziere sollten Payers Leben und Wirken auf unterschiedliche Weise, doch jeder für sich sehr nachhaltig, beeinflussen: der Maler Moritz Menzinger, von Payer ausdrücklich als sein „bester Freund“ tituliert (ÖNB 373/3 Beilage 5), und der k. u. k. Kriegsminister Baron Franz von Kuhn.
MENZINGER, DER BESTE FREUND
Der Offizier und liechtensteinische Maler Moritz Menzinger wurde 1832 im ungarischen Karansebes geboren. Sein Vater Michael Menzinger (1792–1877) ging 1833 nach Vaduz und leitete die Landvogtei, womit der Sohn liechtensteinischer Bürger wurde. Nach Schulbesuch in Vaduz, Feldkirch und Hall in Tirol trat er 1848 als Kadett in das liechtensteinische Militärkontingent ein und wurde nach wenigen Monaten zum Leutnant befördert. Nach dem Militärdienst war er Kanzleigehilfe seines Vaters und führte Landvermessungsarbeiten durch. Dabei entwickelte er eine Vorliebe für das Zeichnen von Landschaften. 1854 begab sich Menzinger in österreichische Heeresdienste. Nach einer ersten Stationierung in Ungarn wurde er nach Mainz versetzt und von 1857 bis 1861 nach Frankfurt am Main. Dort war er Bataillons-Adjutant bei der Kommandantur und beim Präsidenten der Bundeskommission. In Frankfurt machte Menzinger die Bekanntschaft des Malers Carl Theodor Reiffenstein (1820–1893). Bei ihm erweiterte er sein zeichnerisches Können und verbesserte seine Technik des Aquarellierens. 1861 bis 1867 war er in Verona stationiert und erlebte die Schlacht von Custozza als Kompaniechef. Nach dem Krieg wurde er Zeichenlehrer an der Kadettenschule in Olmütz. 1871 erfolgten Moritz Menzingers Beförderung zum Hauptmann und die Anstellung am „Militärgeographischen Institut“ in Wien. Als Oberstleutnant und Bataillonskommandeur ging er 1889 in den Ruhestand. Seitdem lebte Menzinger, der nie heiratete, in Überlingen am Bodensee und widmete sich der Malerei. Er starb 1914, ein Jahr vor Julius Payer.
Wann lernten sich Julius Payer und Moritz Menzinger kennen? Es trennten sie immerhin neun Lebensjahre und entsprechende Rangunterschiede. 1859 waren Unterleutnant Payer und Bataillonsadjutant Menzinger kurz in Mainz stationiert. Gemeinsam waren sie auch von 1861 bis 1863 in Verona in Garnison. Gewiss waren es die gemeinsamen Vorlieben, die Menzinger und Payer zusammenführten: die Freude am Zeichnen und an der Malerei, der Sinn für Topografie und die Fähigkeiten der Vermessung sowie die Leidenschaft für alpine Bergwelten. Verona wurde der Ausgangspunkt für gemeinsame Erlebnisse und Unternehmungen. Seitdem verloren sich die Freunde lebenslang nicht mehr aus den Augen.

Moritz Menzinger, Offizier und Maler, Payers bester Freund (R. Rheinberger/ N. Hasler, Moritz Menzinger 1832–1914, Konstanz 1986)
Ein gut dokumentiertes Zeugnis freundschaftlicher Zusammenarbeit findet sich in vier der fünf alpinistischen Hefte Payers. Nach dessen zeichnerischem Entwurf führte Menzinger die Titelbilder aus. Es handelt sich um das Frontispizbild „Ansicht aus der Adamello Gruppe“ (1865), die „Ansicht der Königspitze von Osten (dem Eisseepass) aus“ (1867), Menzingers Gemälde „Der Ortler 12356’ von der Schwarzen Wand aus“ (1868) und das Gemälde „Der Monte Saline vom Cerno Vios aus“ (1869). Auf dem letzten Bild sehen wir vor einer großartigen Bergkulisse rechts eine Gruppe von drei Männern. Während die beiden Führer sich gerade bei einer Flasche Wein ausruhen, steht Payer hinter dem Messtisch und notiert seine Beobachtungen. Ebenfalls 1869 erschien ein Titelbild Menzingers „Die Marmolata aus dem Fassathale“ zu Payers Aufsatz „Die Bocca di Brenta“ im Jahrbuch des Österreichischen Alpenvereins (5/1869). Die Frontispizabbildung des 1872 erschienenen Heftes fertigte nicht Moritz Menzinger an, sondern der britische Holzschneider und Alpinist Edward Whymper.
Die Jahre von 1869 bis 1872 waren Menzinger und Payer zeitweilig am Wiener Militärgeographischen Institut tätig, unterbrochen von zwei Polarreisen Payers. Als Payer im Frühjahr 1872 beabsichtigte, noch kurz vor der dritten Expedition seine Verlobte Marie Trousil zu heiraten, erstellte er eine lange Liste der zur Vermählung einzuladenden Personen. Ganz oben auf der Liste stand bekanntlich „Menzinger, mein allerbester alter Freund“. Die Hochzeit wurde jedoch verschoben. Vor der Abreise Richtung Nordpol im Mai 1872 bat Payer den Freund, der Verlobten in allen Dingen hilfreich zu sein. Noch aus Bremerhafen schrieb er ihm einen herzlichen Abschiedsbrief und instruierte ihn nochmals, sich im Sinne des Freundes um Marie Trousil zu kümmern.
Nach der Rückkehr von der abenteuerlichen Polarreise im September 1874 stand Menzinger wieder an seiner Seite. Payers polare Abenteuer wurden zum Bestandteil seines eigenen Schaffens. Nach Payers Vorlagen und Motiven malte er Bilder in Farbkreide und Pastell wie etwa das Bild „Polarnacht“ mit der „Tegetthoff“ im Eis (Städtisches Museum Überlingen, LLM A 26). Über Briefe blieben die Freunde weiterhin in ständigem Kontakt. Nach der Trennung von Frau und Kindern war Menzinger der erste, den Payer im Sommer 1890 in Überlingen für vier Tage besuchte.

General Franz von Kuhn (Mazzoli 2003)
DER LEUTNANT UND DER GENERAL
Die für Julius Payers Leben alles entscheidende Begegnung war jene mit General Franz von Kuhn (1817–1896). Franz Freiherr Kuhn von Kuhnenfeld hatte 1860 in Trient das Kommando über das 17. Infanterieregiment übernommen. 1862 wurde der ausgewiesene Kenner Tirols Generalmajor und Brigadier. In dieser Position lernte ihn der junge Leutnant Julius Payer kennen. General Kuhn war von 1868 bis 1874 k. u. k. Kriegsminister und reorganisierte mit der ihm eigenen Tatkraft das Wehrwesen der Monarchie. 1873 stieg er in den Rang eines Feldzeugmeisters auf und wurde nach seinem Abschied als Minister Kommandierender General in Graz. 1888 wurde er mit großen Ehren in den Ruhestand verabschiedet.
Die so bedeutende Begegnung zwischen Payer und Franz von Kuhn ereignete sich im September 1864. Payer hatte 17 Tage Urlaub vom Heeresdienst, den er kartografischen Aufnahmen in der Adamello- und Presanellagruppe widmete. Auf dem Rückweg kam er durch Tione und meldete sich vorschriftsgemäß beim örtlichen Kommandanten. Es war ein Major der Jäger, mit dem Payer im selben Regiment gedient hatte und der ihn zur Übernachtung einlud. Am nächsten Morgen verabschiedete sich Payer von seinem Gastgeber und bestieg ein Fuhrwerk, das ihn nach Trient zur Bahn bringen sollte. In letzter Minute eilte der Major herbei, um ihm ein Fässchen mit lebenden Forellen anzureichen. Payer sollte dieses Fässchen seiner Exzellenz General von Kuhn übergeben. Am selben Nachmittag meldete er sich in Trient bei dem General, stellte sich vor und überreichte ihm auftragsgemäß die lebendige Fracht. Der General, hemdsärmelig zivil und ohne Uniform, fragte den Leutnant nach seinem Treiben. Daraus entwickelte sich ein Gespräch, das für Payer weitreichende Folgen haben sollte. Payer skizzierte den Dialog 1909, also Jahrzehnte später, aus der Erinnerung (Müller 1956, S.14):
Kuhn: Was machen Sie hier?
Payer: Ich reise nach Verona und komme vom Adamellogebirge.
Kuhn: Was haben Sie dort gemacht?
Payer: Eine neue Karte.
Kuhn: Waaas? Eine neue Karte? Wo ist sie?
Payer lief in die Unterkunft und holte seine neue Adamellokarte. General Kuhn zog inzwischen seine Uniform mit dem goldenen Kragen an. Payer trug noch immer sein abgetragenes Jägergewand und die festen Bergschuhe mit Nägeln. Er zeigte die Karte vor.
Kuhn: Die haben Sie gemacht? Aus eigenen Mitteln?
Payer: Ja, Exzellenz.
Kuhn: Sind Sie so reich?
Payer: O nein, ich lebe von meiner Gage.
Kuhn: Wie ist das möglich?
Payer: Ich spare. Ich esse Polenta und in den Bergen nur Brot.
Kuhn: Da bewundere ich Sie und bemitleide Sie. Freilich, bei uns hat man für die Wissenschaft kein Geld. Wäre ich Kriegsminister, dann hätten Sie ihre Arbeiten auf Kosten des Staates fortzusetzen und nicht mehr zu darben.
Dabei soll Kuhn seine Hände auf Payers Schultern gelegt haben. Die Forellen wurden auf diese Weise zur Schicksalswende in Payers Leben. Er wählte später drei große Forellen in Silber als Motiv für sein Wappen. General Franz von Kuhn wurde vier Jahre später tatsächlich Kriegsminister. Er berief Payer Anfang 1868 von seinem Regiment ab und bestellte ihn als Generalstabsoffizier zum Militärgeographischen Institut nach Wien. Dessen Direktor, der spätere Feldmarschallleutnant August von Fligely, förderte Payer nach Kräften. General Kuhn schenkte Payer zum Antritt der neuen Stellung einen Theodolit, mit dem er die neuen Karten vom Ortler- und Adamellogebiet entwerfen sollte. Im Jahr 1868 war Julius Payer jetzt in offiziellem Auftrag mit Theodolit und Vermessungswerkzeugen im Ortlergebiet (Martell, Laas und Saent) unterwegs. Kuhn sollte auch später noch Payers Gönner bleiben.
Nach Beendigung der spätsommerlichen Vermessungs- und Erschließungsarbeiten am 17. Oktober 1868 reiste Payer zurück von Pinzolo über Tione, Bozen und Innsbruck nach Wien. Zuhause waren zwei hocherfreuliche Nachrichten eingetroffen. Die Universität Halle hatte ihm aufgrund seiner Verdienste um die Erschließung der Alpen das Ehrendoktorat verliehen. Von seinem Freund und Verleger August Petermann lag ein Brief vor, in dem er ihn in seiner Eigenschaft als Bergsteiger und Topograf zur Teilnahme an der Zweiten Deutschen Nordpolexpedition einlud. Payer war davon begeistert und sagte sofort zu. Zunächst aber blieb er Lehrer für Geschichte an der Militärakademie in Wien. Für seine Teilnahme an der Zweiten Deutschen Nordpolexpedition, die am 15. Juli 1869 beginnen sollte, entband ihn Kriegsminister Kuhn im Januar 1869 von seinen militärischen Dienstpflichten.
KAPITEL 2
ALPINISTISCHE ANFÄNGE: DAS GLOCKNERGEBIET
Wenn einem Alpinisten der Name Payer genannt wird, dann denkt er an die Blütezeit des klassischen deutschen Alpinismus. Waren noch Anton von Ruthner, J. A. Specht und Johann Jakob Weilemann die Bahnbrecher im mittleren 19. Jahrhundert, dann begann mit den 1860er-Jahren die Zeit der großen Erschließer und Bergeroberer. Diese Männer widmeten ihre Tätigkeit einer bestimmten Berggruppe. Mit einer Kette von Bergbesteigungen strebten sie die topografische und wissenschaftliche Erfassung sowie die touristische Erschließung ihres Alpenteils an. Hierzu gehören Namen wie Paul Grohmann und Franz Senn genauso wie die großen britischen Alpenklubisten Francis Fox Tuckett und Douglas William Freshfield. Neben diesen steht Payer in der ersten Reihe des Alpinismus.
Gewissermaßen als Prolog für einen atemberaubenden bergsteigerischen Werdegang machte Julius Payer als junger Leutnant 1862 seine ersten Erkundungen in den zwischen der Stadt Verona und dem Pasubio gelegenen Monti Lessini und am Monte Baldo (Müller 1956, S. 3). Sein erster Gipfel war die Cima Posta (2215 m), gefolgt vom Monte Pasubio (2232 m) und dem Corno d`Aquilio (1545 m), alles eher leichte Unternehmungen. Dennoch beabsichtigte er, diese Besteigungen zu publizieren. Er schickte Skizzen und beschreibende Texte seiner Wanderungen an die „Leipziger Illustrierte Zeitung“ mit Bitte um Abdruck gegen Honorar. Als Antwort musste er lesen, dass sich die Leserschaft nicht für das Gebirge interessiere.
An dieser Stelle zeigt sich jedoch, worauf Payer in der Zeit seines alpinistischen Wirkens Wert legte. Er strebte immer nach öffentlicher Wirkung und Anerkennung. Dabei kam ihm zugute, dass er ein Vielfachtalent war. Dem versierten Bergsteiger gelang es, seine Routen und Besteigungen exakt zu vermessen und kartografisch wiederzugeben. Die Fähigkeit des Zeichnens, vom Vater erlernt und in der Militärausbildung vertieft, ließ ihn allerorten exakte Skizzen und Zeichnungen anfertigen. Die Vermittlung seiner Unternehmungen wäre blass geblieben, hätte er nicht eine Sprache von großer Ausdruckskraft und Humor gehabt, verbunden mit literarischer Qualität. Seine Beschreibungen waren in den wissenschaftlichen Abschnitten sachlich, fachlich ambitioniert und präzise beschreibend. Payer beherrschte die Kommunikation mit seinen Lesern. Bei ihm folgte jeder alpinen Saison umgehend die Beschreibung und Auswertung der Ergebnisse, selbstverständlich unter Vorlage der neu erstellten Karte.

Die Monte Lissini nördlich von Verona. Bleistiftskizze Payers, 1863 (Unbekannt)

Corno d‘Acquilio, von Fosse (Sant‘Anna d’Alfaedo) aus gesehen, 1863 (Lehner 1920)
Einen Urlaub vom Heeresdienst im Jahre 1863 nutzte er, jetzt in Venedig stationiert, erstmals zu größeren alpinen Unternehmungen. Am 14. September 1863 bestieg Payer von Kals aus, in Begleitung der Führer Joseph Schnell nebst Hund und Peter Hutter, nach einer schwierigen Bergwanderung den Gipfel des Großglockners (3798 m). Er wählte eine außergewöhnliche Route, die mit einigen Schwierigkeiten verbunden war. Im selben Jahr bestieg er den Großvenediger (3662 m) und den Ahrnerkopf (3051 m). Die Laufbahn des Alpinisten Julius Payer hatte begonnen.
Nach erfolgter Großglocknerbesteigung wandte sich Payer durchaus unbescheiden an August Petermann (1822–1878), den führenden Geografen seiner Zeit. Petermann hatte 1855 eine eigene Zeitschrift, die „Mittheilungen aus Justus Perthes geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie“, kurz „Petermanns Geographische Mittheilungen“ (PGM), begründet. Sofort stieg die Publikation zur bedeutendsten geografischen Zeitschrift der Welt auf. Petermanns besondere Anliegen waren die Erforschung Afrikas und der Polargebiete. Es sprach für Payers publizistischen Ehrgeiz, seine Beschreibungen ausgerechnet an dieser Stelle gedruckt sehen zu wollen. Petermann nahm das Ansinnen an. Er konnte offenbar in den textlichen Schilderungen und den topografischen Leistungen des 22-jährigen Leutnants der Infanterie das Potential für eine künftige Bergsteigerlegende erkennen.

Großglockner mit Besteigungsroute (PGM 1864)

Detailzeichnung der Glocknerspitze (PGM 1864)

Großvenediger, Bleistiftskizze 1863 (Steinitzer 1924)
Payers Erstlingsaufsatz trägt den Titel: „Eine Besteigung des Gross-Glockner von Kals aus, im September 1863“. Er erschien im Umfang von elf zweispaltig bedruckten Seiten in den „Geographischen Mittheilungen“ des Jahres 1864. Zum Aufsatz gehörte eine Tafel mit fünf Ansichten und einem Übersichtskärtchen. Damit befand sich Payer bereits auf dem Olymp der geografischen Publizistik. Denn in dieser Zeitschrift waren auch epochale Entdeckungen wie die Erreichung Timbuktus durch Heinrich Barth oder die Entdeckung des Victoria-Sees durch John Speke erstmals publizistisch aufgearbeitet worden. Auch Payer sollte binnen eines Jahrzehnts eine Vielzahl von Berichten über die Entdeckung neuer Berge, Länder und Meere in der angesehenen Zeitschrift unterbringen.
Voller Dankbarkeit nannte Julius Payer später August Petermann seinen „Civil-Protektor“, neben seinem militärischen Protektor General Kuhn. Petermann öffnete ihm die Tür zur wissenschaftlichen Geografie. Er druckte wohlwollend alle weiteren alpinen Ergebnisse und Beobachtungen seines Schützlings. Und Petermann war es auch, der Payer 1868 die Teilnahme an einer arktischen Expedition vermittelte: ein für das Leben Payers bedeutendes Ereignis. In seinen späteren Jahren wies Payer immer wieder darauf hin, dass er seine alpinen und polaren Erfolge maßgeblich, wenn nicht ausschließlich, seinen beiden Protektoren Petermann und Kuhn zu verdanken habe. Payer war auf seine Leistung im Gebiet der Glocknergruppe mehr als nur stolz. Entsprechend begann er seinen Aufsatz weit ausholend und mit pompösen Worten:

Dreiherrnspitze vom Ahrner Kopf, Bleistiftskizze auf Sepiapapier mit weißer Lasierung 1863 (Lehner 1924)
„Allen Hindernissen trotzend treibt der Forschungs- und Wissenschaftsdrang den Menschen in immer neue unbekannte Gebiete unseres Erdballs; bald wird es keinen undurchsuchten Winkel der Meere und Länder mehr geben. Unbefriedigt, nur etwas und nicht alles zu wissen, durchschifft der kühne Seefahrer die Polar-Meere, durchzieht der Reisende die brennenden Wüsten Afrika’s wie die endlosen Urwälder Amerika’s, besteigt die höchsten Gebirge, um entweder durch die Krater in die Eingeweide der Erde zu blicken oder auf Gletscher-Wanderungen der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen und aus dem Baue und der Beschaffenheit der kolossalen Erdgerüste die Art ihrer Entstehung und Bildung, überhaupt das ‚Werden‘ zu errathen. Und überall, wohin die Märtyrer der Wissenschaft die Pfade getreten, folgen die anderen nach, diesen und nicht jenen fällt der Nutzen in den Schooss.“

August Petermann, Initiator der deutsch-österreichischen Polar-Expeditionen (Holzstich F. Berger)
Dieser Auftakt von Payers wissenschaftlicher Publizistik beschreibt sein persönliches Programm. Er wollte noch verbliebene neue Gebiete der Erde entdecken, bevor es keine mehr gab. Im Kopf saß unverrückbar John Franklin, das Idol seiner Jugendlektüre. Aber voran stand das Näherliegende, die Besteigung hoher Berge und Wanderungen über die Gletscher. Es sollte sich zeigen, dass bei Payer die Durchschiffung der Polarmeere der Erforschung eines Alpengebietes folgte.
Im Anschluss auf seine ambitionierte Einleitung kam Payer auf die Schönheit der Alpen im Allgemeinen zu sprechen, um schließlich beim Gegenstand seines Aufsatzes, der Großglockner-Gruppe, anzukommen. Payers gute und genaue Schilderung beginnt mit einem geografischen Überblick des gesamten Glocknerstocks. Er erörterte die Geologie dieses Alpenteils und beschrieb die verschiedenen Routen auf den Gipfel. Seinen eigenen Aufstieg schilderte er lebhaft und plastisch, ja geradezu packend und sprachlich anschaulich. Dieser Bericht und die Skizzen dürften August Petermann gefallen haben, der in Payer den guten Zeichner und Topografen erkannte. Hinzu kam sein lebhafter literarischer Stil. Petermann ermutigte den jungen Leutnant, sich noch intensiver der Erforschung der Hochalpen zu widmen (Müller 1956, S. 3f.). Petermanns vielfach erprobte Motivationskunst brachte es auch in diesem Fall zustande, dem zukünftigen großen Entdecker alpiner Gipfel und polarer Landschaften den Weg zu weisen.
KAPITEL 3
ADAMELLO UND PRESANELLA (1864 UND 1868)
PAYERS ERSTE KARTIERUNGSKAMPAGNE 1864
Vor seinem Aufenthalt im Glocknergebiet hatte Payer im April 1863 eine Wanderung durch das Val Genova unternommen. Weit kam er nicht, weil abgegangene Lawinen das Tal an mehreren Stellen versperrten. Im folgenden Jahr untersuchte Payer die Adamello- und die Presanella-Gruppe. Diese beiden Gebirgsmassive werden durch das Val Genova getrennt, in dem die Sarca fließt. Das gesamte Gebiet war generell wenig erforscht und auch kartografisch kaum erfasst. Die höheren Regionen wurden von der örtlichen Bevölkerung weitgehend gemieden, da sich dort nur unwirtliches Land befand. Die Namengebung war widersprüchlich und steckte noch in den Anfängen. Viele Pässe und Gipfel trugen bis zu diesem Zeitpunkt keine Bezeichnungen und waren teilweise nie begangen worden.
Die ersten Schritte zur Erschließung unternahmen Anton von Ruthner, Carl Sonklar von Innstädten, John Ball und Albert Wachtler, etwa zeitgleich mit Payer, in den Jahren 1862 bis 1864. Wenige Tage vor Payer gelang Douglas William Freshfield die Erstbesteigung der Presanella. Doch die gründliche und systematische Beschreibung und Erforschung dieses schönen Ostalpengebiets blieb Payer vorbehalten, der dabei zahlreiche Erstbesteigungen durchführte. Es war überhaupt nur ein einziger einheimischer Bauer und Jäger namens Gerolamo Botteri (1812–1887), ein großer Mann von 50 Jahren, in der Lage, Payer Orientierung und Führung zu bieten. Und auch dieser war störrisch und eigenwillig wie so viele Begleiter in diesem Gebiet. Als Arbeitsmaterial verfügte Payer tatsächlich nur über einen Kompass und einfache Winkelmesser. Seil und Eisaxt standen nicht zur Verfügung, die fehlende Ausrüstung ersetzte Payer durch Mut und Tatkraft. Die Höhen schätzte er zunächst nur ein.
Die Gletscherlandschaft des Adamello übte auf Payer eine besondere Faszination aus. Die Gletscher lagen wie eine Polarlandschaft mit völliger Abwesenheit organischen Lebens vor ihm, vor Sonnenaufgang von schneidender Kälte durchzogen. Das Krachen und Bersten der Gletscher, der Wechsel des Erstarrens und Abschmelzens, faszinierten ihn. Ebenso das Zusammenspiel dieser Gletscherwelt mit den kolossal auftretenden Granitmassen. Dem größten Ferner des Adamello, der Vedretta del Madron, widmet er eine längere Betrachtung:
Der Gebirgszug der Presanella-Kette weicht deutlich vom Adamello ab. Hier fehlen die kolossalen Eismeere und hohen Gletscherplateaus. Auffallend bei der Presanella ist seine enorme Steilheit mit zackigen klippigen Kämmen, scharfen Vorsprüngen und raschen Abfällen. Das dazwischen gelegene Val di Genova vereint, so Payer, nahezu alle Erscheinungen der großartigsten Alpennatur.
Von Trient kommend, überquerte Payer zunächst die Brenta-Dolomiten. Am 4. September hatte Payer den Übergang über die Bocca di Brenta ausgeführt und kam nach Pinzolo am Ausgang des Val Genova. Dort organisierte er die Vorräte für mehrere Tage, vor allem Polentamehl, aber auch Brot, Käse, Salami, Kaffee, Zucker und Reis. Auf jeder Unternehmung führte Payer Branntwein und Wein in größeren Mengen mit sich. Die ansehnlichen Vorräte an geistigen Getränken wurden meist am späten Vormittag auf den Pässen und Gipfeln ausgetrunken. Die Abstiege geschahen aus diesem Grund mit einer Heiterkeit und manchmal auch einer Unvorsichtigkeit, die heute sehr erstaunt.
Von Pinzolo aus brach Julius Payer am 7. September mit den aus Strembo stammenden Führern Gerolamo Botteri und Giovanni Catturani auf, um den Adamello zu besteigen. In der Botteri gehörenden Malga Muta (einer Art Sennhütte) wurde ein Seil improvisiert, indem man mehrere kleine Stricke auf 35 m zusammenband. Hier verbrachte man auch die erste Nacht. Der Almknecht Antonio Bertoldi, genannt „Der Bär“ („Orso“), transportierte die Vorräte zur Malga Fargorida, wo erneut Nachtlager gehalten wurde. Der „Bär“ sollte auch auf den weiteren Bergtouren als Träger dienen. Nach verspätetem Aufbruch überstiegen sie den Passo delle Topette und standen vor dem Lobbiaferner. Da es zur Besteigung des Adamello schon zu spät war, bestieg Payer von Osten die nördliche Spitze des Dosson di Genova (3441 m), mit schwindelerregendem Blick auf den Mandronferner. Zurück über den Lobbiaferner passierten die Bergsteiger den Passo della Lobbia alta (3015 m) und rutschten hinab auf den Mandronferner. Der lange Abstieg zum Baito Mandron, einer winzigen verlassenen Hütte, geschah unter ständiger Auseinandersetzung mit seinen beiden italienischen Begleitern, was Payer grimmig-humorvoll beschreibt.

Ansicht von Molveno/Malfein, Bleistiftskizze 1864 (Lehner 1924)
Am Vormittag des 9. September zogen es Botteri und Catturani vor, sich der Gemsenjagd zu widmen und weigerten sich, Payer zu folgen. Also kletterte er allein, in lebensgefährlicher Steilheit, „reich an wahrhaft furchtbaren Einzelheiten und peinlichen Momenten“ und mit zitternden Gliedern auf den Corno di Lago Scuro (3166 m) und stand gegen 12 Uhr mittags auf dem Gipfel. Zwei der Führer kamen später noch nach. Sie traten den Abstieg über Bedole zur Malga Muta an, wo sie abends um 20.15 Uhr ankamen. Schon um 4 Uhr morgens standen sie auf und gingen, gezeichnet von den Anstrengungen, zurück nach Pinzolo.
Am 12. September ging Payer zur Malga Muta im Genovatal zurück und verharrte dort zwei Tage wegen schlechten Wetters. Am 14. September ging er mit den Führern zum Baito Mandron, um die Besteigung des Adamello in Angriff zu nehmen. Schon um drei Uhr morgens in der Dunkelheit brachen sie auf, um am folgenden 15. September den Adamello zu bezwingen. Das Frühstück bestand aus Polenta und Wein. Nach längerem Marsch über den Mandrongletscher bestiegen sie um 9 Uhr morgens zuerst den Corno Bianco (3477 m), den Payer zunächst für den Adamello hielt. Auf dem Gipfel offenbarte sich der Irrtum, denn der Adamello befand sich in Form eines steilen Eishorns noch zwei Einschnitte vom aktuellen Standpunkt entfernt. Unter Jubel erreichte Payer um 11.15 Uhr die Spitze des Adamello (3559 m) und genoss bei strahlendem Sonnenschein eine Aussicht von unendlicher Großartigkeit.

Passo della Lobbia Alta, von Payer am 8. September 1864 erstbegangen (F. Berger)
Die Eiswelt der Ortlergruppe lag vor seinen Augen und zog ihn unwiderstehlich an. Gegen Westen reichte die Sicht bis zum Großglockner und zum Monte Rosa. Nach knapp zwei Stunden, angefüllt mit topografischen Arbeiten, begann der Abstieg. Abends um 19.30 Uhr langten sie im Baito Mandron an. Die gesamte Besteigung hatte 151/2 Stunden in Anspruch genommen. Der 16. September sah den Abstieg ins Tal mit Entlassung und Bezahlung des „ungeschliffenen, unnützen“ Giovanni Catturani.

Vedretta del Mandron mit Corno Bianco, von Payer am 14. September 1864 auf dem Weg zum Adamello begangen (F. Berger)

Gipfel der Presanella, von Payer am 17. September 1864 als Zweiter bestiegen (F. Berger)
Nach kurzem Essen, Trinken und Reinigen erfolgte bei gutem Wetter bereits der Aufstieg Richtung Presanella bis zur zweiten Rocchetta-Hütte, die ebenfalls Botteri gehörte. Gehemmt durch Regen, brachen die Bergsteiger am 17. September erst um 8 Uhr zum Passo Scarazon delle Rocchette auf und sahen dahinter ins Nardistal hinab. Dieses durchquerend erstiegen sie mühsam den Monte Bianco. Witterung und Eishänge setzten den Führern stark zu, so dass Payer sie nur mit äußerster Mühe überreden konnte, weiterzugehen. Einige anspruchsvolle Felsen und eine Schneeschlucht trennten Payer noch von der Cima Presanella (3558 m), deren Gipfel um 15.15 Uhr bezwungen war.
Payer glaubte, die Presanella als Erster bestiegen zu haben, eine Hoffnung, die ein Steinmann zerstörte, der in einer Flasche zwei Visitenkarten enthielt. Die Engländer Richard Melvill Beachcroft, James Douglas Walker und Douglas William Freshfield nebst ihren Führern François Devouassoud und Vermiglio Bartolomeo Delpero hatten darauf notiert, dass sie die Presenella am 25. August 1864, also vier Wochen vor Payer, bestiegen hatten. Auch Payer steckte ein kleines Fläschchen in dieselbe Steinfigur, seinen und Botteris Namen enthaltend. Generell schätzte Payer die Besteigung der Presanella als weniger gefährlich als die des Adamello ein. Der Abstieg zusammen mit dem ob seiner Leistung stolzen Botteri erfolgte nahezu im Laufschritt und bereits im Dunkeln. Erst um 21.30 Uhr abends kamen sie zur Brücke an der Malga Muta im Genovatal.
Mit einer heftigen Entzündung an beiden Augen musste sich Payer hier erst einmal ausruhen. Eine Besteigung des Carè Alto am 18. September fiel krankheitshalber aus. Am 20. September verabschiedete sich Payer von dem am Ende doch zuverlässigen und redlichen Botteri und seiner Familie, schenkte dem „Bären“ seine defekte Hose und stieg hinab nach Pinzolo. Am nächsten Tag besuchte er noch den Nardis-Fall und Carisolo. Am 25. September trat Payer wieder den Dienst in seinem – wie er sich ausdrückte – „Steppen-Fort“ an der Brenta-Mündung an, dessen Räume ihm jetzt weniger gefielen als die kalten Steine am Mandronferner.
Im Heeresdienst im Lagunenfort von Choggia hatte Payer die Muße, seine Messungen und Zeichnungen auszuwerten. Sofort machte er sich an die Arbeit. Die Ergebnisse der 1864 erfolgten Aufnahmen der Adamello- und Presanellagruppe mit einer Karte im Maßstab 1:56.000 erschienen bereits 1865 im Ergänzungsheft 17 der „Geographischen Mittheilungen“ zu Gotha. Die großen Erfolge in der Adamellogruppe regten Payers Tatkraft mächtig an. Fortan richtete er seine Schwungkraft und Energie auf den Ortler. Eisern sparte er, um mit geringen Mitteln und knapp bemessener Zeit möglichst umfassend und präzise dieses Gebiet zu erschließen. Die Sommer der folgenden vier Jahre 1865 bis 1868 verbrachte er am Ortler, der Payers zweite Heimat werden sollte.
FORTSETZUNG DER ERSCHLIESSUNGSFAHRTEN 1868
Nach vierjährigen Kartierungsarbeiten im Ortlergebiet kam Payer zurück nach Welschtirol. Er plante die Fortsetzung und Ergänzung seiner Erschließungsfahrten des Jahres 1864 in der Adamello- und Presanellagruppe. Während der ganzen Unternehmung des Jahres 1868 konnte er auf die Mitwirkung von drei erfahrenen Bergsteigern aus dem Kaiserjägerregiment zurückgreifen, auf Haller, Coronna und Griesmayer. Mit diesen drei bewährten Helfern begab sich Payer vom Ortler in das Val di Genova. In Bedole nahm er zusätzlich den einheimischen Jäger Luigi Fantoma (1819–1896) aus Strembo in Dienst. Fantoma, genannt „Der König des Genovatals“ („Re di Genova“) war eine schwarze, wilde, räuberhafte Gestalt, in Gemsenfelle gehüllt. Ohne Verlegenheit kannte er jeden Berg beim Namen und behauptete, schon 23 Bären und 176 Gemsen geschossen zu haben, obwohl er bei gemeinsamen Schießübungen immer als Schlechtester abschnitt.
Es regnete im August tagelang, nur am 24. August konnte, begleitet vom ständigen Jammern des Führers Fantoma, die Besteigung des Monte Menicigolo (2685 m) in Angriff genommen werden. Als weiteren Begleiter auf den Bergtouren hatte Payer einen Hund angeschafft. Dieses Tier trug sechs paar Steigeisen auf dem Rücken, was ihm das Aussehen eines überdimensionierten Igels gab. Gegen Mittag standen sie auf dem Menicigolo. Der Ausblick vom Gipfel beeindruckt Payer sehr. Seine auch hier sehr bildhafte Schilderung zeigt die Begeisterung: „Nicht leicht kann es Örtlichkeiten geben wie im Adamellogebirge, die den dämonischen Ernst erkennen lassen, welcher in grauenhaften Wänden und plötzlichen, ungeheuren Abstürzen liegt, die Seele mächtig erfasst und den Willen stählt. Hier sucht das Auge vergeblich nach jenen sanften Hängen, hoch hinauf beweidet, und den verfallenen Felsstufen, wie sie die Schieferzone kennzeichnen. Alles rings ist starr, die Linie plötzlich gebrochen, jeder Bach ein Wasserfall; der Presanellazug bildet ein Felsmassiv von den Gipfeln bis zur Talsohle Genovas, in welches der Menicigolo in einem unübersehbaren Gewirre hinabfällt. Seine fast ununterbrochene Nordwand bildet eine 3600 Fuß hohe Felswand. Gegenüber der ungeheure, dem Madatschberg Trafois ähnliche Felsblock der Lobbia bassa, welch ein Anblick!“ Der Abstieg wurde schwieriger als der Aufstieg und gegen 17 Uhr erreichte die Gruppe die Malga Stablel. Wieder folgten drei Tage Regen und das in der kostbarsten Zeit des Jahres.

Die Lobbia Bassa zwischen Lobbiagletscher (links) und Mandrongletscher, rechts Corno Bianco und Adamello, aquarellierte Zeichnung 1864 (PGM Ergänzungsheft 17)
Nach einer Übernachtung unterhalb des Gipfels am 29. August stand Payer schon um 5.30 Uhr früh auf der Cima del Tamalé (2578 m) und bestieg tags darauf die Cima delle Rocchette (3235 m). Danach übernachteten sie in der Malga Muta und gingen am Morgen hinauf zur Malga Stablel. Ziel des Tages war der Monte Stablel, wohin der Weg nur durch mühsames Steigen über klippige Grate und über schiefe, von Abgründen scharf begrenzte Platten möglich war. Jenseits des Canalone di Matterot schien ein Weiterkommen unmöglich. In dieser Situation stieg Johann Haller mit größter Verwegenheit eine Wand empor, ließ sein Gepäck oben und half jedem Einzelnen beim Aufstieg. Haller erwies sich hier als der beste Bergsteiger der Gruppe. Um 8.30 Uhr morgens des 1. September standen sie auf dem Monte Stablel (2864 m), einem Felszahn von nur einem Quadratklafter (knapp 4 qm) Fläche. Auf diesem winzigen Plateau musste Payer mehrstündige Messungen vornehmen. Am 3. September bestieg die Gruppe morgens über die bequem zu gehende Vedretta di Lares den Crozzon di Lares (3351 m), am Nachmittag das Corno di Cavento (3401 m) und am frühen Abend um 19 Uhr den Carè Alto (3462 m). Hier fand sich ein Steinmann mit Notiz, den der englische Bergpionier John Tyndall errichtet hatte. Nach einem unerquicklichen Marsch in der Dunkelheit, vorbei an Eisspalten und Geröllhängen, konnten Payers Männer endlich kurz vor Mitternacht das Nachtmahl in der unteren Malga des Val Lares einnehmen.
Am 4. September stieg die Gruppe hinab in das Genovatal. Payer schlug hier zur Erholung im Gebüsch ein Lager auf und schickte die Jäger zur Ergänzung der Lebensmittel nach Pinzolo. Plötzlich stand der bekannte Alpinist Dr. Anton von Ruthner (1817–1897) vor ihm, begleitet von seinem alten Führer und Freund Johann Pinggera. Sie kehrten umgehend in der Malga Muta der Familie Botteri ein, wo sie zu „Rigipreisen“ bewirtet wurden. Ruthner bestieg im Anschluss daran mit Haller und Pinggera die Presanella.
Julius Payer litt unter einem Magenkatarrh, wozu nun auch noch eine Durchfallerkrankung kam, die ihn sehr schwächte. Je zwei Jäger schleppten ihn am 7. September zum Passo Lago Scuro, seilten ihn an und zogen ihn über Trümmer und Felsen, „wie man ein Schiff stromaufwärts schafft“ (Payer), auf den spitzen Gipfel des Corno Lago Scuro (3140 m). Auf gleiche Weise „schleifte man mich auf den Monte Pisgana (Rohrspitze)“ (3154 m). Auf diesem Grat, den Payer halb ohnmächtig und unter Schmerzen passierte, sollte sein Name in die alpinistische Namengebung eingehen. Südwestlich des Passo di Lago Scuro befindet sich, verbunden durch einen Grat von 300 Metern Länge, die Cima Payer (3056 m), von der aus es zum Passo Payer (2978 m) hinabgeht. Östlich unterhalb des Passo Payer liegt der Lago Scuro und südlich dieses Sees, unweit der Rifugio Mandron, das „Centro Studi Glaciologico Julius Payer“. Auf diese Weise ist das Andenken Payers noch heute im obersten Val Genova lebendig. Payers Weg führte am Abend nach Ponte di Legno, wo ein einfaches Mittel, Opium, Payers Gesundheit wiederherstellte.
Der Anmarsch für die nächste Unternehmung ging von Ponte di Legno über Prevale in das Val d`Avio. Payer und seine Begleiter übernachteten in der vorletzten Hütte des Avio, oberhalb des Lago d`Avio. Am 9. September wurde bei klarem Wetter der Monte Veneroccolo (3315 m) bestiegen. Nach 21/2-stündiger Arbeit auf der platten Kuppe ging Payer nur mit Haller und Coronna über die Vedretta Venezia zum Monte Mandron (3285 m). Um die Aufnahme des obersten Mandrongebietes abzuschließen, ging Payer in großer Eile quer über den Mandrongletscher und stand um 5 Uhr nachmittags auf dem spitzen Gipfel der Lobbia Alta (3191 m). Steil hinab über den Mandrongletscher kamen sie in Finsternis um 21 Uhr an die Mandronhütte, wo Griesmayer schon das Nachtlager und ein gebratenes Schneehuhn vorbereitet hatte.
Am 10. September stiegen Payer, Haller und Coronna auf die Lobbia Bassa (2956 m), genossen einen Ausblick auf die wilde Pracht der umgebenden Felslandschaften und kehrten zur Mandronhütte zurück. Am 11. September gelangten die Bergsteiger bei günstigem Wetter auf das große Plateau der Cima del Cigolon (3048 m). Dann kamen Wolken auf, die Payer aber nicht daran hinderten, über ein steiles Eisfeld im Nebel den Felsgipfel Croz Val Cigola, die heutige Cima Presena (3066 m), zu besteigen. Ein Rückweg nach Bedole über den Passo dei Segni misslang, daher stiegen sie über die Scharte des Passo della Ronchina durch das Val Ronchina zur Malga Bedole ab.
Am 12. September begann ein für die Südalpen und Italien verheerendes Unwetter, das Überschwemmungen und Zerstörungen mit sich brachte. Bei ununterbrochenem Regen harrte Payer bis zum 9. Oktober in Pinzolo aus. Denn zur Beendigung der Vermessung dieses Gebiets bedurfte es noch der Besteigung einiger Gipfel. Die einmonatige Regenzeit stellte Payers ohnehin nicht sehr ausgeprägte Geduld auf eine harte Probe, wie er selbst einräumte. Zu seinem Überdruss meldete sich auch noch das Magenleiden zurück.
Erst am 11. Oktober klarte es auf und Payer konnte das „Gemsenleben“ wieder aufnehmen. Die Gruppe ging das Cercental aufwärts zum Cercenpass und wandte sich nach Westen zum Monte Cercen (3280 m). Am 13. Oktober stiegen die Männer nochmals das Cercental aufwärts über den Cercenpass, um den imposanten Monte Gabbiolo (3458 m) zu besteigen. Die tiefen Temperaturen von bis zu minus 15 Grad ließen die Steigeisen an den Schuhen festfrieren, dennoch arbeitete Payer fünf Stunden an Theodolit und Messtisch. Der gutherzige Haller schleppte ihn fast mit Gewalt zum wärmenden Feuer. Um 17.30 Uhr waren sie zurück in Bedole. Die letzte Besteigung im Presanellagebiet, überhaupt die letzte Unternehmung Payers in Welschtirol, erfolgte am 15. Oktober. Es ging um das Folgoridagebiet. In den drei Stunden von 5 bis 8 Uhr morgens bestiegen Payers Männer den Crozzon di Folgorida (3079 m). Zähneklappernd und zu leicht gekleidet in der Kälte konnte Payer die Metallgeräte kaum noch anfassen. Es war höchste Zeit, die Bergbesteigungen für dieses Jahr einzustellen. Am nächsten Tag beendete Payer oberhalb der Malga Muta seine topografischen Arbeiten. Am 17. Oktober erfolgte der Abmarsch von Pinzolo nach Tione. Einen Tag später in Trient entließ Payer Coronna in seine Heimat Primiero. In Bozen verabschiedete er sich von Griesmayer und Haller, beide ausgestattet mit sehr empfehlenden Dienstzeugnissen.

Johann Haller, Bergsteiger aus St. Leonhard im Passeier, Foto 1872 (Höbenreich 2007)
In den Jahren 1864 und 1868 bestieg Payer insgesamt 36 Gipfel im Adamello-Presanella-Gebiet. Dabei handelte es sich 21-mal um Erstbesteigungen. Die beiden Unternehmungen des Jahres 1868 erschienen unter dem Titel: „Die Aufnahme der centralen Ortler-Alpen. (Gebiete: Martell, Laas und Saent); nebst einem Anhange zu den Adamello-Presanella-Alpen des Ergänzungsheftes 19“, erschien als Ergänzungsheft 31 der „Geographischen Mittheilungen“, Gotha 1872, 36 Seiten mit einer Karte 1:56.000 und einer Ansicht. Mit diesen beiden Besteigungs- und Kartierungsunternehmungen wurde Julius Payer zum Pionier der Alpinistik in dieser wunderbaren italienischen Gebirgsregion.
KAPITEL 4
PAYERS ZWEITE HEIMAT: DER ORTLER
SULDEN-GEBIET (1865)
Im Sommer 1865 lenkte Julius Payer seine Aufmerksamkeit auf die Ortler-Alpen, vor allem auf das Tal von Sulden mit dem sich im Süden anschließenden Gebirgsstock des Monte Cevedale. Der Hauptgrund für seine Besteigungen war die Verbesserung der Karten dieses Gebietes, da alle vorliegenden Blätter in den Einzelheiten der Nomenklatur und der Gebirgsformationen unzureichend waren. Die Maßstäbe der Karten waren alle zu klein, so hatte die Tiroler Generalstabskarte nur einen Maßstab von 1:144.000 (1 Zoll = 2000 Klafter). Zur Zeit ihrer Anlage im frühen 19. Jahrhundert fanden die Hochlagen der Gebirge kaum Berücksichtigung im Kartenbild. In dieser Hinsicht bedeutete Payers Karte mit 1:48.000 einen gewaltigen Fortschritt. Die Ortler-Alpen waren das höchste Gebirgsmassiv der Monarchie. Sie bilden eine gewaltige Felsmasse mit scharf ausgezackten Kronen und wilden Gebirgsspitzen, drapiert von ansehnlichen Gletschern in den oberen Bereichen, die teilweise bis zu den Talsohlen herabreich(t)en. Die Einfassung des Gebirgsstocks erfolgt im Norden durch den Taleinschnitt von Trafoi und im Osten durch den von Sulden. Das Suldental wurde zum Ausgangspunkt der Erkundungen im ersten Jahr. Die Bevölkerung des gesamten Tales betrug 180 Seelen mit St. Gertraud als größter Ansiedlung. Hier kam Julius Payer am 23. August 1865, aus Wien kommend, an.
Payers Wirt in St. Gertraud war Pfarrer Eller (1829–1901), der seit 1863 in Sulden als selbständiger Geistlicher mit dem Titel eines Curaten tätig war. In seinem Pfarrhaus neben der Kirche, „Widum“ genannt, hatte er drei Zimmer für sechs Gäste zur Verfügung. Eller empfahl Payer als einzigen tauglichen Führer des Suldentales den Holzarbeiter Johann Pinggera (1837–1916), später „der alte Honnesle“ genannt. Mit Pinggera sollte Payer auf seinen weiteren Exkursionen im Ortlergebiet einen idealen Partner für seine hochalpinen Unternehmungen gefunden haben. Er beschrieb ihn (Payer 1865, S. 7) als 29 Jahre alt, untersetzt, stark, von sicherer Kühnheit, munterem, bescheidenem Wesen und von mäßiger Intelligenz, die bei den vorgenannten Eigenschaften gerne in Kauf genommen werden konnte.
Königspitze vom Eisseepass, aquarellierte Zeichnung 1865 (PGM Ergänzungsheft 18)


St. Gertraud (Sulden), Zeichnung um 1880 (Th. Christomannos, Sulden – Trafoi, Innsbruck 1895)
Am 24. August erfolgte die Besteigung der Suldenspitze (3376 m). Da Pinggera den Aufbruch versäumt hatte, begleitete Veit Reinstadler den Bergsteiger. Gewohnheitsmäßig machte Payer an markanten Punkten im Gelände Halt, um seine Aufnahmen und Zeichnungen anzufertigen. Um 13.45 Uhr mittags standen sie auf dem steinlosen Gipfel bei prächtiger Aussicht, umgeben von drei großen Gletschern. Um 19.15 Uhr waren sie nach 12-stündiger Abwesenheit im Widum zurück. Es folgten zwei Tage schlechten Wetters. Am Nachmittag des 27. Augusts ging Payer mit Pinggera, Veit Reinstadler und einem Träger vom Gampenhof hinaus ins Rosimtal, um gegen 19 Uhr auf 2600 m Höhe unter einem Felsen zu übernachten. Der Träger kehrte heim. Die schlaflose Nacht verursachte einen Aufbruch bereits um 4.30 Uhr morgens, so dass die drei um 7.45 Uhr den Gipfel der Vertainspitze (3545 m) erreichten. Nach zweistündigem Aufenthalt stiegen sie ab und waren um 14.30 Uhr im Gampenhof.
Zwei Versuche zur Besteigung des Ortlers scheiterten durch Hagel und Regen. In der Nacht vom 29. auf den 30. August übernachteten sie am Fuß der Tabarettaspitze, kehrten aber um 6 Uhr morgens zum Widum zurück. Der 30. August brachte Dauerregen. Der 1. September, Payers 24. Geburtstag, begann sonnig. Sie stiegen zum Tabarettafelsen an, wurden abends aber durch Regen und Hagel zur Umkehr gezwungen. Deshalb wandten sich Payer und Pinggera am 2. September der Hinteren Schöntaufspitze (3325 m) zu. Sie passierten den Halleitpass, überquerten den Ebenwandferner und erreichten um 13.15 Uhr den klippigen Felskamm des Madritschjoches. Von hier stiegen sie in 45 Minuten zum Gipfel der Schöntaufspitze, der nur 5 Fuß im Quadrat groß war. Nach raschem Abstieg waren sie um 16.30 Uhr im Tal zurück.

Curat Eller vor seinem Haus (Th. Christomannos, Sulden – Trafoi, Innsbruck 1895)
Die Besteigung des Ortlers war Payers langjähriger Wunsch. Sie wurde erst am 4. September durch klares Wetter möglich. Der Aufbruch geschah im Dunkeln um 2.15 Uhr morgens. Die Männer kamen Richtung Tabarettaspitze gut voran. Pinggera hatte den Ehrgeiz, nun „ganz allein einen Herrn auf den Ortler zu bringen.“ Während des Anstiegs leerten beide im Laufe des Vormittags drei Flaschen Wein gegen den Durst. Um 10 Uhr standen Payer und Pinggera auf dem Gipfel des Ortlers (3905 m) und genossen das Bergpanorama. Zwei Stunden lang führte Payer bei gutem Wetter auf der Spitze seine Vermessungsarbeiten durch. Als Abstieg wählten die beiden Männer den Trafoier Ortlerweg durch das Tabarettatal. Vorbei an den Heiligen Drei Brunnen waren sie um 16.45 Uhr in Trafoi und kamen um 22.15 Uhr abends in St. Gertraud an. Die Ortlerbesteigung, so schätzte Payer, war leichter als jene des Großglockners und ohne besondere Gefährlichkeit.
Ein Tag war der Erholung gewidmet. Am 6. September brach Payer bereits um 3.15 Uhr in der Früh mit Pinggera und Joseph Rainstadler als Träger zur Königspitze auf. Um 4.30 Uhr waren sie schon an der Schönleitenhütte. Der Weg ging über den Suldenferner zum Fornopass (= Cedec-Pass zwischen Kreilspitze und Schrötterhorn). Ohne Reisepass standen sie an der Grenze zur italienischen Lombardei. Diese Formalität stellte jedoch kein Hindernis dar. Auf einem Schneefeld ließen sie Rainstadler zurück, der sechs Stunden auf die Rückkehr der Gefährten warten sollte. Die Ersteigung der Königspitze (3859 m) führte Payer und Pinggera über Passagen, die zu den gefährlichsten ihrer alpinen Unternehmungen zählten. „An der Grenze des Lebens“ balancierten sie auf der Gebirgsschneide. Um 14.25 Uhr standen sie auf dem geräumigen Gipfel der Königspitze und kamen nach einem „schauerlich gefährlichen“ Abstieg zum dritten Mann zurück. Dann passierten sie, nach Süden absteigend, den Lago di Zebru und kamen um 19 Uhr zur Alpe Forno (Malga di Forni), wo bei Feuer, Wein und Heulager eine prächtige Übernachtung anstand.

Die „Ortler-Spitze“, Bleistiftskizze 1865 (Alpenvereinsjahrbuch 2003)

Johann Pinggera im Alter (Steinitzer 1924)

Der Monte Cevedale vom Martell-Tal aus, Holzschnitt von Edward Whymper nach einer Vorlage von Julius Payer (PGM Ergänzungsheft 29)
Schon mitten in der Nacht wurden die Bergsteiger durch Eselsgeschrei, Flöhe, Kälte und laute Unterhaltung geweckt. Sie brachen am 7. September um 3.45 Uhr Richtung Cevedale-Spitzen auf. Schon um 7 Uhr waren sie am Cevedale-Pass. Die Besteigung des höchsten Cevedalegipfels (3762 m) beurteilte Payer als relativ mühelos. Sie erreichten den höchsten Punkt um 11.15 Uhr und verblieben eine Stunde oben. Bei einer zweiten Vesper vor dem Eisseepass um 14 Uhr mittags leerten sie das Fässchen Rotwein vollständig und gingen über den Suldenferner herab nach St. Gertraud, wo sie um 17.30 Uhr ankamen. Nach zwei Tagen, die der Ruhe und letzten Vermessungsarbeiten gewidmet waren, ging der Urlaub zu Ende. Am 10. September holte sein Freund Padilla Payer ab nach Wien.
Die Aufnahme der Ortler-Alpen (Sulden-Gebiet und Monte Cevedale) durch Julius Payer erschien als Ergänzungsheft 18 der „Geographischen Mittheilungen“, Gotha 1867, im Umfang von 15 Seiten, einer Karte 1:48.000 und einer Ansicht im Farbdruck.
DAS TRAFOIER GEBIET (1866)
August Petermann war aufs Neue höchst angetan von der wissenschaftlichen und literarischen Qualität von Payers Arbeit. Ihm, dem nahezu tagtäglich Expeditionsberichte vorgelegt wurden, gefielen besonders die prächtig gezeichnete Spezialkarte und die künstlerisch ausgeführte Ansicht der Königspitze. Er rühmte Payer in seiner Zeitschrift wegen seines glühenden, alle Gefahren und Mühen verachtenden Enthusiasmus ebenso wie für die Gründlichkeit seiner Forschertätigkeit. Payer kündigte ihm bei der Übersendung des Manuskripts an, dass er heuer, also 1866, das Trafoier Gebiet des Ortlers durchforschen wolle. Doch im Juni stand der unselige, von Bismarck vom Zaun gebrochene, deutsche Bruderkrieg vor der Tür. Petermann, und nicht nur er, hielt diesen Krieg für verhängnisvoll und hatte Angst um das Leben Julius Payers: „Möge die gütige Vorsehung diesen eifrigen Beförderer der Spezial-Geografie vor dem Schicksal bewahren, ein Opfer der traurigen politischen Verhältnisse zu werden.“ (PGM 1866, S. 237f.)
Payer überstand den Krieg unbeschadet. In Laibach konnte er am 1. September 1866 das Heer verlassen und, wie er sich ausdrückte, „das Schwert mit dem Alpenstock vertauschen“. Er reiste über Marburg, Villach, Lienz, Brixen, Bozen und Meran nach Prad, wo er am 8. September ankam. Hier traf er auf heimkehrende Heereseinheiten, das 2. Bataillon der Kaiserjäger, die Kompanien der Tiroler Landesschützen und die Armee Liechtensteins, welche das Stilfser Joch erfolgreich gegen überlegene italienische Kräfte verteidigt hatten. Während der Vorbereitungen in Prad kam sein bewährter Führer Johann Pinggera aus dem Suldental zu ihm und freute sich, den Herrn Leutnant unverletzt wiederzusehen. Pinggera war laut Payer der einzige verlässliche Führer des Ortlergebietes, von reger Sorge für den Reisenden und mit einer seltenen Orientierungsgabe versehen. Seine besondere Liebe galt dem Eis und steilen Schneewänden, wogegen er den Felsen eher mit misstrauischer Vorsicht begegnete. Payer schrieb über ihn: „Im Übrigen besitzt er eine überraschende Ähnlichkeit mit Pipin dem Kurzen.“
Am 10. September stiegen Payer und Pinggera von Trafoi zur Franzenshöhe auf. Am 11. September gingen sie zum Stilfser Joch und trafen dort einen 30 Mann starken italienischen Vorposten an. Trotz der jüngsten Kriegsereignisse verkehrten die ehemaligen Kriegsgegner heiter und freundlich miteinander. Der Tag sah noch die Besteigung des Monte Scorluzzo (3111 m). Am 12. September erklommen Payer und Pinggera von der Franzenshöhe aus bei nebeligem Wetter die Tuckettspitze (3465 m). Die nächsten Tage war das Wetter schlecht. Zudem plagte Payer am 13. September eine Augenentzündung. Er wanderte herauf nach St. Gertraud. Hier erlebte er am 14. September die Rückkehr eines Engländers vom Ortlergipfel, den die Führer Joseph und Veit Reinstadler begleitet hatten. Payer begab sich zum Suldenferner und mit Pinggera zurück zur Franzenshöhe. Am 15. September hielt ihn schlechtes Wetter am Gletscherende bei den Heiligen Drei Brunnen zurück. Tags darauf war er im Regen mit Pinggera am unteren Ortlerferner. Nicht besser war es am 17. September, bei Regen waren sie am Madatschferner und übernachteten auf der Franzenshöhe. Am nächsten Tag gingen sie im Schneetreiben zurück nach Trafoi. An der Schwarzen Wand fertigte Payer am 19. September die Skizze für das Titelbild der gedruckten Ausgabe der an. Bis zu diesem Tag war das Wetter schlecht.
Am 20. September bildete sich eine größere Bergsteigergruppe mit Leutnant Radinger vom Kaiserjägerregiment, dessen Bergführer Johann Thöni, Julius Payer und Johann Pinggera. Die beiden Ersteren erwiesen sich in den folgenden Tagen als erheblich schwächer als das bewährte Gespann. Alle verließen Trafoi um 4.45 Uhr, erreichten um 11.45 Uhr das Trafoier Joch und standen um 12.30 Uhr zu viert auf der Schneeglocke (3439 m). Die Wirtin von Trafoi konnte jeden Schritt der Gruppe mit dem Fernglas verfolgen, wie sie später erzählte. Das Weinfässchen, das sie den Männern mitgegeben hatte, wurde um 14 Uhr mittags geleert und gab den Bergsteigern neue Kraft („tat Wunder“).
Der Abstieg ging in den Kessel des Val Marmotta. Am Abend schliefen sie auf den harten Brettern der Malga des Val Zebru. Am 21. September sollte der Monte Zebru erstiegen werden, wobei Radinger und Thöni darauf verzichteten, den Berg umgingen und am Ortlerpass warteten. Payer und Pinggera gerieten freilich in dichten Nebel, an unübersteigbare Felsen und glatte Eiswände, so dass sie sich gegen die Fortsetzung der Ersteigung entschieden. Auch der Abstieg erwies sich als Irrfahrt im wilden Chaos der Eisbarrieren. Sie trafen Radinger und Thöni um 13 Uhr am Ortlerpass, kamen gegen 17.30 Uhr zu den Heiligen Drei Brunnen und kehrten nach Trafoi zurück. Payer begab sich am 22. September nach Prad und ging zurück nach Gomagoi. Am folgenden Tag ging er hoch nach Trafoi und zum unteren Ortlerferner. Schlechtes Wetter verhinderte am 24. September jegliche Exkursion, so dass der Tag mit Kartierungsarbeiten ausgefüllt wurde.

Ortler von der Schwarzen Wand aus, aquarellierte Zeichnung von Moritz Menzinger nach einer Zeichnung von Julius Payer 1866 (PGM Ergänzungsheft 23, 1868)
Nach diesen drei Tagen schlechten Wetters stieg Payer am 25. September von seinem Trafoier Wirtshaus aus mit Georg Thöni vom Kaiserjägerregiment – denn Pinggera kam zu spät – über den Madatschferner auf die Vordere Madatschspitze (3107 m). Den nächsten Tag verbrachte er bei schlechtem Wetter in Trafoi. Am 27. September ging Payer mit Pinggera von Trafoi aus zur Franzenshöhe und über den Ebenferner zur Geisterspitze (3463 m), deren Gipfel um 11.15 Uhr erreicht wurde. Von dort erklommen sie entlang des Naglerkamms die Naglerspitze (3257 m) und waren um 18 Uhr zurück an der Franzenshöhe. Am 28. September bestiegen Payer und Pinggera von Trafoi aus die höchste Kristallspitze (3496 m) und eine halbe Stunde später den kleinsten Kristallgipfel. Über das Madatschjoch, die Vedretta Cristallo und das Gansjoch langten sie um 16.30 Uhr nachmittags wieder in der letzten Malga des Val Zebru an.
Am 29. September wurde der Monte Zebru erneut in Angriff genommen. Sie brachen um 5.30 Uhr in der Malga auf und gingen zum Südfuß des Zebru. Um 10 Uhr standen sie am höchsten Punkt. Den Rückweg traten sie über die nie zuvor begangene Hochwand an, herab durch eine kolossale Schneewand in den Kessel des Suldenferners. Payer und Pinggera kamen um 16.15 Uhr zum Gampenhof, wo Pinggera seine Geliebte mit dem Einfahren von Heu beschäftigt fand. In einem Akt christlicher Nächstenliebe gönnte Payer ihm mit dem hübschen Dirndl eine halbe Stunde für „dolcissima relazione“. Über St. Gertraud, wo der Wein des Curaten Eller genossen werden konnte, gingen sie anschließend zu Pinggeras Wohnung im Oberthurnhof. Am 30. September war Payer zurück in Trafoi. Den 1. Oktober bestimmte Payer mit Florian Ortler, einem Sohn der Wirtin, und Georg Thöni zur Besteigung der Mittleren Madatschspitze (3364 m). Denn Pinggera war wieder zu spät. Um 12 Uhr standen sie auf dem Gipfel, wo sich Payer 2¼ Stunden für Arbeiten gönnte. Um 18.45 Uhr waren sie zurück in Trafoi. Tags drauf bestieg Payer mit Pinggera die Hochleitenspitze (2793 m), wo er sich sechs Stunden mit Vermessungsarbeiten beschäftigte.
Wieder wurde das Wetter schlecht, wurden die Tage zudem spürbar kürzer. Den 3. Oktober regnete es, am 4. Oktober arbeitete Payer bei der Cantoniera del Bosco und am 5. Oktober hatte er in Prad zu tun. Am 6. Oktober verließen Payer und Pinggera um 5.30 Uhr früh Trafoi, um den Großen Eiskogel (3580 m) zu besteigen. Die Route dorthin führte sie nicht über den Ortlerpass, sondern über den kleinen Eiskogel. Auf dem Gipfel des Großen Eiskogel um 13 Uhr stehend, erwies es sich als schon zu spät, um noch die Thurwieserspitze in Angriff zu nehmen. Payer leerte noch eine letzte Flasche Wein in einem Zug, was ihn in heitere, aber auch lockere Stimmung versetzte. Mit sorglosem Gang bewegte er sich über eine mehrere hundert Meter lange Schneide, glitt aus und stürzte den Hang herunter. Pinggera hatte das kommen sehen, und so wurde Payer von ihm mit Seil davor bewahrt, auf den Unteren Ortlerferner herabzustürzen. Zu Recht musste er sich Pinggeras Vorwürfe anhören. Um 18.15 Uhr waren sie zurück in Trafoi.
Am 7. Oktober ging Payer nochmals nach Prad. Am nächsten Tag unternahmen Payer und Pinggera die letzte Besteigung des Jahres, zur Kor- und Rötlspitze. Nach leichtem Aufstieg standen sie bereits um 7.45 Uhr auf der Korspitze (2928 m) und hatten einen großartigen Ausblick. Payer arbeitete hier 5½ Stunden lang. Pinggera machte Feuer mit dem Holz einer alten Hütte und bereitete ein Mahl aus Kalterer Seewein, Speck, Salami und Brot. Sie verließen den Gipfel um 13.15 Uhr und standen eine halbe Stunde später auf der Rötlspitze (3023 m), die sich auf Schweizer Territorium befindet. Von dort stiegen sie ab nach Trafoi. Am 9. Oktober war Payer in der Cantoniera del Bosco, wo er seine Karte bearbeiten ließ. Zur Abreise aus dem Tal am 10. Oktober verabschiedete ihn Johann Pinggera in seinem Sonntagsanzug. Die Wirtin Barbara Ortler verehrte ihm einen Tropfen ihres besten Weines. Mittags war er in Prad und um 20.30 Uhr abends in Mals. Über München begab sich Payer diesmal in das heimische Teplitz.
Die Aufnahme der westlichen Ortler-Alpen (Trafoier Gebiet) erschien als Ergänzungsheft 23 der „Geographischen Mittheilungen“, Gotha 1868, im Umfang von 40 Seiten, mit einer Tafel und einer Karte 1:36.000.
SÜDLICHE ORTLER-ALPEN (1867)
Anfang August 1867 reiste Julius Payer von seiner Garnison Jägerndorf über Wien, Venedig, Trient, Cles und Fucine nach Pejo. Sein Standquartier schlug er in der Cannonica des Curaten von Pejo, Guiseppe Baggia, auf. Aus Sulden kam weisungsgemäß Johann Pinggera hinzu, bestückt mit Regenschirm, Steigeisen, Bergstöcken, Axt und Strick. Als örtlichen Bergführer engagierte Payer Antonio Chiesa, einen ehemaligen Kapuziner, mittelgroß, 60 Jahre alt, „zur Mumie vertrocknet“, ein Schwätzer und Zecher, aber auch, wie sich herausstellen sollte, schlau, treu und ausdauernd.
Am 27. August bestiegen Payer und Pinggera mit Chiesa den Corno Vioz (2498 m). Von 8 bis 12 Uhr arbeitete Payer auf dem Gipfel am Messtisch. Weil es nachmittags in Strömen regnete, übernachteten sie in der Malga Saline und kamen am nächsten Morgen völlig durchnässt in Pejo an. Am 30. August bestieg Payer allein mit Pinggera die Cima Garneda (2893 m) und am folgenden Tag noch einmal den Corno Vioz, um die Triangulierung fortzusetzen. Am 31. August bestiegen Payer, Pinggera und Chiesa die Cima Ganani (2887 m) und übernachteten abends in der Malga Vedrignana.
Am Morgen des 1. September („meinem Geburtstage“) brachen sie zur Rotspitze (3324 m) auf. Auf der Spitze arbeitete Payer zwei Stunden am Messtisch. Die Herstellung des trigonometrischen Netzes erforderte die Besteigung einer zweiten Spitze, und so stand die Gruppe um 14.15Uhr auf der Cima Lago Lungo (3125 m). Sie verließen den Gipfel erst um 18 Uhr und übernachteten in der Alphütte von La Mare. Der 2. September diente der Genesung des erkrankten Pinggera, den Payer am 3. September wieder für marschfähig erklärte. Zusammen mit Chiesa gingen sie das Val Vioz hinauf und lagerten unter einem Felsen. Dann bestiegen sie den höchsten Punkt des Monte Vioz (3628 m). Knapp zwei Stunden verweilten sie auf dem Gipfel in extremer Kälte, was nur wenige Messungen zuließ. Belebt durch viel Wein, aber dann auch völlig erschöpft, stiegen sie durch das Val Vioz herab nach Pejo.

Der Monte Saline vom Monte Viòz aus, aquarellierte Zeichnung von Moritz Menzinger nach einer Vorlage von Julius Payer, 1867 (PGM Ergänzungsheft 27, 1869)
Nach einigen Tagen diverser kleinerer Exkursionen brachen Payer, Pinggera und Chiesa am 10. September zum Palon della Mare (3669 m) auf, den sie um 13 Uhr erreichten. Anschließend stiegen sie nach Santa Caterina ab, einem Ort, der sich des Besuchs vieler englischer Alpinisten erfreute. Am 12. September bestiegen sie die Punta Cadini (3482 m) und im Anschluss daran den Pizzo Taviela, die heutige Rocca S. Caterina (3497 m). Von Pejo aus bestiegen Payer, Pinggera und Chiesa am 14. September den Monte Saline (3588 m). Die nächsten Tage waren Rasttage in La Mare, weil es in Strömen regnete.
Am 21. September bestiegen Payer und Pinggera, diesmal ohne Chiesa, den Monte Giumella (3551 m) und auch das prächtige Gletscherhorn der Punta San Matteo (3633 m). Um 11 Uhr verweilten sie für eine Viertelstunde am Gipfel, den sie über eine überstehende Eiswechte verließen. Pinggera, die Gefahr dieses Weges erkennend, rief ihm zu: „Sie sind ja dümmer als die Nacht!“, setzte aber den Weg mit Payer fort. Ein Stück der Wechte mit Pinggera darauf brach ab, doch der eiserfahrene Begleiter konnte sich wieder auf die Schneide hinaufschwingen. Selbst dies reichte nicht aus als Warnung. Wenige Minuten später brach die Wechte noch einmal und Payer und Pinggera stürzten samt abgelöstem Schneeüberhang kopfüber in die Tiefe. In freiem Fall erwartete Payer den tödlichen Aufschlag auf einen Felsen. Doch nach einem letzten Sturz von einem Überhang von 60 Fuß blieb Payer in einer Schneegrube stecken, aus Mund und Nase blutend, aber ansonsten unverletzt. Er fürchtete um das Leben Pinggeras. Dessen Namen rufend, mit einem Augenglas bewehrt – Payer war stark kurzsichtig – suchte er die Gegend ab und entdeckte ihn schließlich ebenso unverletzt bis auf eine durch das Steigeisen verursachte Wunde am linken Oberschenkel. Die gesamte Sturzhöhe schätzte Payer auf etwa 800 Fuß.
Alle Ausrüstung war verloren. Dennoch beschlossen Payer und Pinggera, ohne Axt, Steigeisen und Bergstock noch auf den Monte Tresero (3547 m) zu steigen. Um 14.45 Uhr standen sie in großer Kälte auf der Hauptspitze. Sie stiegen nach Süden auf die Vedretta Gavia ab. Beim weiteren Abstieg verirrten sie sich vollständig, wurden aber in einer Hütte des Val Bormina gastfreundlich ausgenommen. Am 22. September kamen die beiden in das Dorf Pezzo, wobei Pinggera schon stark hinkte und krank an den Augen war. Ihre letzten 2 Franken reichten gerade noch für das Frühstück. Soweit gestärkt gingen sie nach Pejo.
Da eine Lücke in der Karte zu schließen war, musste die Cima Venezia noch einmal erstiegen werden. Es war der 24. September. In La Mare verabschiedete Payer den Führer Antonio Chiesa, der vor Zuneigung weinte. Ohne Bergstöcke, aber mit zwei Maßflaschen Wein, Pinggera beladen wie ein Saumtier, stiegen sie über tiefen Schnee zur Vedretta Marmotta und zum oberen Hochfernerjoch hinauf. Um 13 Uhr standen sie auf der Cima Venezia (3345 m). Nach langen Verzögerungen in tiefem Schnee schritten sie das Martelltal hinab und gerieten in die Nacht und in einen Orkan mit starkem Regen. Um 20 Uhr erreichten sie ihr Ziel, das Bauernbad Salt. Payer litt schon länger unter einer Bindehautentzündung, wogegen die Wirtin ein Mittel wusste. Sie legte ihm auf beide Augen einen in Leinen gewickelten toten Frosch. „Das Mittel war gewiss sehr gut. Hatte nur den Einen Fehler, dass es Nichts half.“, meinte Payer.
Am 25. September verabschiedete sich Payer von Pinggera. Sie kamen überein, im nächsten Jahr im Martell- und Laafertal gemeinsam zu arbeiten. Payer fuhr mit einem Fuhrwerk nach Bozen und von dort aus mit der Bahn über Innsbruck, Wien und Troppau nach Jägerndorf. Er versäumte es nicht, den lebensgefährlichen Sturz journalistisch auszuwerten. Die Volks- und Schützenzeitung vom 30. September druckte Payers eigenen Bericht von dem Absturz ab. Guten Kontakt zur Presse zu halten, darin war Payer zeitlebens ein Meister. Die Aufnahme der südlichen Ortler-Alpen erschien als Ergänzungsheft 27 der „Geographischen Mittheilungen“, Gotha 1869, im Umfang von 30 Seiten mit einer Karte 1:56.000, einer Ansicht im Farbdruck und drei Profilen.
GEBIETE MARTELL, LAAS UND SAENT, 1868
Im Januar 1868 war es soweit. Feldmarschall-Leutnant Baron Kuhn wurde zum k. u. k. Kriegsminister ernannt. Und tatsächlich erinnerte er sich an sein altes Versprechen gegenüber Julius Payer. Der Oberleutnant wurde jetzt dem Militärgeographischen Institut beim Infanterieregiment Nr. 36 zugeteilt. Unter Belassung dieser Verwendung wurde er am 1. Februar 1872 zum Tiroler Jägerregiment Kaiser Franz Joseph versetzt. Kuhn beauftragte Payer im Sommer 1868 mit der Fertigstellung der schon weit fortgeschrittenen kartographischen Arbeiten im Ortler- und Adamellogebiet. Diesmal dienten die Arbeiten Payers nicht seinem persönlichen Vergnügen, sondern einem offiziellen und dienstlichen Zweck, nämlich als Vorarbeiten für die österreichische Generalstabskarte.
Der Kriegsminister stellte ihm 1000 Gulden, einen Theodolit und drei Mann als Gehilfen zur Verfügung. In Bozen durfte Payer am 27. Juni aus dem Kaiserjägerregiment die erfahrenen Bergsteiger Haller, Coronna und Späth als Begleiter auswählen. Letzterer wurde bald wieder als unzuverlässig zurückgeschickt und durch Griesmayer ersetzt. Am 28. Juni kaufte Payer Wein in Meran ein und ging am folgenden Tag über Latsch nach Salt. Als nunmehr in staatlichem Auftrag tätiger Vermesser bekam er eine Wohnung im Haus des Messners Schropp neben der Kirche von Thal im Martelltal zugewiesen. Die Armee seiner Gehilfen vergrößerte sich am 1. Juli noch um den Träger Kobald sowie um den treuen Johann Pinggera. Mit großem Gepäck stieg Payers Mannschaft am 2. Juli zur unteren Marteller Alpe auf.

Kartografische Aufnahme des Martell-Gebietes im Maßstab 1: 50.000 (PGM Ergänzungsheft 29, 1872)
Die Arbeiten begannen am 3. Juli mit Vermessungen auf dem Ebenen Jöchl (2786 m). Den nächsten Tag verbrachten sie bei Regen in der Hütte. Pinggera bekam sechs Tage Urlaub. Es folgte der Aufstieg zur Peder-Ochsenhütte. Am 6. Juli erfolgte ohne den Jäger Späth um 3 Uhr in der Früh der Marsch das Pedertal hinauf über die Schildhütte auf die Äußere Pederspitze (3402 m). Es hatte Schneetreiben eingesetzt, als die Mannschaft zur Peder-Ochsenalpe abstieg, wo sie um 17 Uhr ankam. Ganz alleine beging Payer am nächsten Tag den Grat „Auf den Vertainen“. Es folgte die Besteigung der Inneren Pederspitze (3282 m) mit Abstieg über den Pederknott zur Peder-Ochsenalpe. Am 9. Juli bestieg Payer mit Haller das Pederköpfl, während die anderen die Ausrüstung in die Zufallhütte brachten. Hier ereignete sich am folgenden Tag ein, wie sich später zeigen sollte, folgenschweres Missgeschick. Durch den Genuss von verdorbener Milch und ranzigem Speck holte sich Payer einen Magenkatarrh, unter dem er nicht weniger als 10 Wochen zu leiden hatte. Zur Fortsetzung der Tätigkeit überschritt Payer das Langenfernerjoch und marschierte über die Vedretta di Cedeh zur Alpe Forno. Am 11. Juli ging Payer über das Forno-Joch nach Santa Caterina und Bormio, sodann hinauf über das Stilfser Joch nach Trafoi. Im Wirtshaus der Barbara Ortler schlief Payer erstmals seit 10 Tagen wieder in einem Bett.
Am 12. Juli traf Payer Pinggera daheim im Oberthurnhof im Suldental. Er nächtigte abends im Widum bei seinem alten Bekannten, dem Curaten Eller, und dessen Schwestern. Wieder wurde das Wetter schlecht. Am 13. und 14. Juli blieb er mit Pinggera in St. Gertraud. Seine Leute schickte er über das Madritschjoch ins Zufalltal. Am 15. Juli stand Payer mit Pinggera und dem zufällig anwesenden Touristen Wallner im strömenden Regen und Schneetreiben am Eisseepass, von dem er zur Zufall-Alpe hinabstieg. Hier beschloss Payer, seine Arbeiten für einige Tage zu unterbrechen. Sein Magenleiden plagte ihn sehr, überdies war das Wetter alles andere als gut. Er schickte am 16. Juli die Jäger zurück zu ihrem Regiment. Wallner und Pinggera gingen zurück nach Sulden. Payer selbst versuchte, in Bozen das Magenleiden auszukurieren. Sechs Tage lang, vom 17. bis 22. Juli, notierte Payer Regen. Als Ersatzmann für einen ungeeigneten Jäger brachte er den gebirgserfahrenen Griesmayer mit ins Zufalltal.
Am 24. und 25. Juli vermaß er die Umgebung der Mutspitze (2294 m). Von der Zufallhütte aus bestieg Payer mit dem tüchtigen Jäger Griesmayer am 26. Juli nochmals den Mittleren Zufall-Gipfel (3762 m). Bei der Rückkehr traf er den zurückgekehrten Pinggera in der Hütte wieder an. Mit Pinggera, Haller, Griesmayer, Coronna und seinem Diener Kobald bestieg er am 27. Juli die Vordere Rotspitze (3029 m), wo er auf dem Gipfelplateau neun Stunden lang arbeitete. Nach einem Regentag, an dem Kobald für fünf Tage Urlaub bekam, bestiegen sie am 29. Juli die Gramsenspitze (3152 m). Wieder regnete es. Payer hatte starke Schmerzen im Knie und ging mit Pinggera hinab ins Val Rabbi zur Osteria von Pizzola zur kurzzeitigen Erholung. Einen Tag und einen halben blieb er mit Fußleiden im Bett. Nachmittags wanderte er dann hinauf über die Malga Stablasol zur Malga Saent. Von dort, wo Coronna und Griesmayer zurückgeblieben waren, stiegen sie am 1. August über Val und Gletscher Sternai auf die Eggenspitze (3435 m). Noch am Nachmittag begab sich die Gruppe auf die Lorkenspitze (3351 m) und die Sällentspitze (3219 m). Unter Knieschmerzen stieg Payer hinab zur Zufallhütte am unteren Steg über die Plima nahe der Madritschmündung. Dort traf er neben Kobald auch seinen alten Freund Padilla an.
Am 2. August erfolgte ein Stützpunktwechsel mit allem Gepäck zur Unteren Alpe im Unteren Martelltal. Am 3. August arbeitete Payer 11½ Stunden auf dem Rotstallkopf (2610 m) und kartierte am folgenden Tag das Tal. Am 5. August bestieg er ohne den erkrankten Haller die Altplittschneide (3243 m). Wieder folgte ein Regentag, an dem Payers Freund Padilla sich Richtung Schweiz verabschiedete. Am 7. August ging er, noch ohne Kobald, ab 4 Uhr früh das Rothstall-Tal hinauf, stand um 11 Uhr auf der Lysispitze (3347 m). Nach Übernachtung auf der Peder-Ochsenalpe bestieg er am 8. August die Mittlere Pederspitze (3459 m), die Schildspitze (3456 m), ging über den Rosimpass zur Angelusscharte, von wo aus er den Hohen Angelus (3523 m) erklomm. Der Abstieg über die Angelusscharte durch das Lysital zur Unteren Martellerhütte wurde erneut von großen Schmerzen in Payers linker Kniescheibe beeinträchtigt.
Am 9. August erfolgte die letzte von Payers insgesamt 60 Bergbesteigungen der Ortleralpen. Nach Aufbruch um 4.30 Uhr war er ab 8.30 Uhr für einige Stunden auf der Zutrittspitze (3430 m) und konnte die Bearbeitung des Martelltales abschließen. Sein Gesundheitszustand war derart schlecht, dass Ohnmachtsanfälle drohten. Selbst der Wein, sein gängiges Allheilmittel, bekam ihm schlecht. Langsamen Schrittes kamen sie um 17.45 Uhr zur Unteren Alpe. Der 10. August war der Tag des Abschieds. Payer entließ Pinggera, „welcher weinte“. Haller und Coronna sollten sich vorweg nach Pinzolo begeben, der Diener Kobald und der Jäger Griesmayer nach Bozen. Payer ging ihnen nach Laatsch voraus. Zwar erholte er sich fünf Tage in Bozen, konnte sein Magenübel aber nicht vollständig auskurieren. Anschließend begab sich Payer mit Haller, Coronna und Grießmayer für einige Wochen in das Adamello- und Presanellagebiet, um seine topografischen Aufnahmen des Jahres 1864 zu ergänzen.
ALPINER ABSCHIED
Damit gingen im Sommer 1868 vier Jahre der intensiven Erforschung des Ortlergebietes zu Ende. Payers Bilanz war eindrucksvoll. Mehr als 70 Gipfel der Ortlergruppe hatte er bestiegen, davon 56-mal in Begleitung von Johann Pinggera. Payer, der leidenschaftliche Kletterer im Fels, und Pinggera, der versierte Bergsteiger in Eis und Schnee, stellten ein aufeinander abgestimmtes Bergsteigerpaar dar, wie es wohl selten vorkommt. Wenn das Bild vom blinden Verständnis zweier Berggefährten auch viel strapaziert wird, auf Payer und Pinggera traf es zu. 38 ihrer Gipfelerfolge waren zugleich Erstbesteigungen.
Die Universität Halle ernannte Payer in diesem Jahr für seine Verdienste um die Erforschung der Alpen zum Dr. phil. h.c. Damit fand für ihn, ohne dass er es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte, ein Lebensabschnitt sein Ende. Die zweite Karriere des Julius Payer, die seine Bekanntheit ins schier Unermessliche steigern sollte, nahm ihren Anfang. Sein Kindheitstraum, auf den Spuren John Franklins in unbekannte arktische Gefilde vorzustoßen, sollte Realität werden. Dorthin lenkte ihn die einflussreiche Hand seines „Civil-Protektors“.
Auf Initiative von August Petermann war im Frühjahr 1868 die Erste Deutsche Nordpolarexpedition unter Kapitän Koldewey in arktischen Gewässern unterwegs. Am 9. Oktober kam das Expeditionsschiff „Grönland“ wieder nach Bremerhaven zurück. Die Nachricht der Rückkehr war binnen weniger Tage dank der elektrischen Telegrafie in allen Zeitungen zu lesen. Payer bekam ein solches Blatt in die Hand und las seinen Helfern daraus begeistert vor. Bald sollte er selbst in der Arktis weilen: „Über Innsbruck reiste ich nach Wien, woselbst mich ein Brief Dr. Petermanns zu meiner höchsten und freudigsten Überraschung zur Teilnahme an der Nordpolar-Expedition einlud.“ (Payer 1872, S. 36). Der Einladung Petermanns konnte er als Oberleutnant nur folgen, wenn der Staat und sein Dienstherr, der Kriegsminister, einverstanden waren. Die Zusage kam, genoss er doch die Gunst des Generals von Kuhn, „…eines Mannes, vor dem sich alles beugte“. (Rauchensteiner 2001, S. 44)
Mit der Initiative zu den Polarfahrten suchte August Petermann die Bestätigung einer gewagten Theorie zu erreichen. Er war der Ansicht, dass dank des Golfstroms das Meer zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja auch im Winter nicht ganz zufrieren würde. Nach Durchdringen eines Gürtels von Treibeis könne ein Dampfer bis zum Nordpol vordringen. Diese These wurde in Österreich und Deutschland mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Auf ihr beruht auch die große, von Carl Weyprecht und Julius Payer von 1872 bis 1874 durchgeführte Österreichisch-Ungarische Nordpolarexpedition, die zur Entdeckung des Kaiser-Franz-Josef-Landes führen sollte.

Richtfest beim Bau der Payerhütte auf dem Tabarettakamm, 1875 (Katalog 2012)
Payers Name lebt in den Ostalpen vielfach fort. Auf dem Tabarettakamm am Ortler auf 3020 m wurde 1875 auf Initiative von Johann Stüdl (1839–1925) die Payerhütte eingeweiht. Johann Stüdl, ein Kaufmann aus Prag und bedeutender Alpinist, war selbst im Umfeld der Glocknergruppe tätig gewesen. Er war Gründungsmitglied des Deutschen Alpenvereins und 50 Jahre lang Obmann der Sektion Prag des Alpenvereins. Heute gehört die Payerhütte der Sektion Mailand des Italienischen Alpenvereins. Zwar konnte Payer bei der Eröffnungszeremonie der Payerhütte nicht anwesend sein, doch die Namengebung nahm er mit Dank und Stolz wahr.
Die Verdienste Payers um die Erschließung des Ortlergebietes führten 1892 zur Errichtung einer Payer-Gedenktafel in Sulden durch den Deutschen und Österreichischen Alpenverein. Sie trägt den Kopf Payers in Seitenansicht und erwähnt auch den Namen Pinggeras. Die Festrede hielt Johann Stüdl am 7. September des Jahres. (KA A/204:4 Bl. 160) Payer zu Ehren gibt es das Payer-joch (3434 m) zwischen Zebru- und Königspitze, die Payerspitze (3396 m), eine Gratanhebung 15 Minuten von der Geisterspitze entfernt, die Cima di Payer (3050 m) nordöstlich der Mandronhütte, den Passo Payer (2985 m) an einem Übergang von der Mandronhütte über den Adamellokamm und die Vedretta Payer, einen kleinen Gletscher am Passo Payer. Am oberen Ende des Val di Genova, südlich des Corno di Lago Scuro, gibt es seit 1994 auf 2430 m Höhe an der Stelle der alten Mandron-Hütte das „Centro di Studi Glaciologi Julius Payer“. In Sulden betreibt die Familie Elmar und Christine Reinstadler das Drei-Sterne Hotel „Julius Payer“. Ebenfalls in Sulden, im Messner Mountain Museum Ortles, sind zahlreiche Gemälde von Payers Hand zu sehen. Ein Schlepplift und eine Piste auf dem Stilfser Joch tragen den Namen „Payer“.

Tafel an der Payer-Hütte, 2010 (F. Berger)
KAPITEL 5
DIE ZWEITE DEUTSCHE POLARFAHRT (1869–1870)
DIE VORBEREITUNGEN ZUR EXPEDITION
Eine erste reale Vorstellung von polaren Welten bekam Payer 1864 beim Anblick der ausgedehnten Gletscher der Adamello- und Presanellagruppe. Vier Jahre später las er jene Zeitungsmeldung, welche die Erste Deutsche Nordpolarexpedition beschrieb und erzählte seinen Kaiserjägern und Bergführern davon (Müller 1956, S. 65). Die in diesem Artikel beschriebene Unternehmung des Jahres 1868 hatte die Küste Grönlands nicht erreichen können. Die Expedition wurde weithin als Fehlschlag bewertet. Für eine zweite Expedition würde man stärkere Schiffe benötigen. Erreichte man Grönland, dann könnte das Schiff als Stützpunkt und Ausgangspunkt für Reisen in das Innere des Landes und entlang der Küste der großen Insel dienen.
Zu diesem Zweck fand in Bremen am Abend des 24. Oktober 1868 die Festversammlung für eine Zweite Deutsche Nordpolarfahrt statt (Krause 1992, S. 151 f.). August Petermann stellte in einer längeren Rede die Grundzüge und Ziele dieser zweiten Expedition vor. Beabsichtigt war eine Fahrt mit zwei Dampfern nach Ostgrönland, um von dort aus mit einer Landexpedition in das zentrale Polargebiet vorzustoßen, wo eine Überwinterung unternommen werden sollte. Der Bremer Großkaufmann H. H. Meier stellte dafür 100.000 Taler Zuschuss in Aussicht. Zur Durchführung der Landexkursionen benötigte man einen erfahrenen „Gletscherfahrer“. Unter dem Eindruck dieser Überlegungen hatte Petermann bereits bei Julius Payer angefragt, ob er dazu bereit wäre, als Topograph und Führer bei den Schlittenreisen an dieser zweiten Deutschen Nordpolarexpedition teilzunehmen. Durch seine Publikationen und seine Karten galt Payer als bestens ausgewiesen und die Empfehlung Petermanns wog schwer. Julius Payer wurde unter dem Eindruck seiner alpinistischen Qualitäten als Expeditionsteilnehmer ausdrücklich akzeptiert. Payer sah bei sich selbst noch einige Defizite auf dem Gebiet der Geologie. Daher besuchte er im Winter 1868/1869 die universitären Vorlesungen des renommierten Geologen Ferdinand von Hochstetter, der im Übrigen auch Privatlehrer des Kronprinzen Rudolf war.
Julius Payer bekam im Januar 1869 Urlaub von seinen Dienstpflichten und konnte sich den Vorbereitungen zur Polarfahrt widmen. Bei seinen geologischen Studien in Wien traf Payer den Universitätsassistenten Dr. Gustav Laube (1839–1923) wieder, mit dem er schon seit seiner Jugend in Teplitz bekannt war. Nach Studium in Prag, München und Tübingen wurde Gustav Laube 1865 promoviert und 1866 im Fach Paläontologie habilitiert. Durch den Ankauf eines zweiten Schiffes, der „Hansa“, wurde Laubes Expeditionsteilnahme möglich. Später wurde Laube Professor für Mineralogie und Geologie am Polytechnischen Institut in Prag und an der Deutschen Universität Prag. Er verfasste zahlreiche Werke, insbesondere zur Geologie Böhmens.
August Petermann veröffentlichte im März 1869 einen Überblick zu den aktuellen Expeditionsplänen. Ziel war die Erforschung Ostgrönlands nördlich von 75 Grad nördlicher Breite. Die erforderlichen Mittel in Höhe von 80.600 Talern beschaffte das „Bremer Comité für die Deutsche Nordpolarfahrt“. Mit diesem Betrag konnten die zwei Schiffe ausgerüstet werden. Im besten Einvernehmen aller Beteiligten schritten die Vorbereitungen zur Abfahrt voran. Die k. k. geographische Gesellschaft in Wien sah wegen der Teilnahme Julius Payers und Gustav Laubes das Unternehmen als ein partiell österreichisches an. Sie brachte die Angelegenheit im Abgeordnetenhaus zur Sprache. Ihr Präsident Ferdinand von Hochstetter verlas einen Aufruf zu Geldbeiträgen, welcher „den geehrten P. T. Mitgliedern des hohen Reichsrats zur Kenntnis“ gegeben wurde. Die Expedition sei der besonderen Unterstützung wert durch „die persönliche Theilnahme eines Österreichers, des k. k. Oberlieutenants Julius Payer.“
Der finanzielle Beitrag Österreich-Ungarns an den Kosten der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition war durchaus ansehnlich. Der Kaiser selbst gab 1000 Gulden und Erzherzog Karl Ludwig spendete 57 Taler. Vereine, Gesellschaften und Privatpersonen aus Wien sammelten zusammen ca. 880 Taler. Darüber hinaus zahlte die k. k. Akademie der Wissenschaften eine Reisesubvention von 400 Gulden, ausdrücklich gedacht für die Teilnahme von Dr. Gustav C. Laube und Oberleutnant Julius Payer (PGM 1869, S. 239). Aus Prag, dem Wohnsitz Gustav Laubes, kamen durch Sammlungen ca. 350 Taler zusammen. Bemerkenswert ist die Höhe der Spendengelder aus Teplitz. An die 150 namentlich bekannte Bürgerinnen und Bürger des kleinen Kurortes spendeten Beträge zwischen 20 Gulden und 30 Kreuzern, die Stadtgemeinde selbst 100 Gulden. Insgesamt überwies Bürgermeister Stöhr Ende Juli die Summe von 293 Talern aus Teplitz nach Bremen. Diese Sammlung ist ein Beleg dafür, wie populär Julius Payer bereits in seiner Geburtsstadt war (PGM 1869, S. 240). Die freiwilligen Beiträge aus Deutschland und Österreich für die Expedition beliefen sich Anfang Dezember 1869 auf 46.582 Taler und einen Groschen.
Am 28. Mai 1869 besuchte Payer in Begleitung von Dr. Gustav Laube August Petermann in Gotha. Die Reise ging weiter nach Hamburg zu Wilhelm von Freeden, dem Leiter der Deutschen Seewarte. Von hier aus besuchten sie auf Empfehlung Petermanns den Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld in Stockholm, um mit ihm die Möglichkeiten und Bedingungen der Expedition zu erörtern. Schon in Hamburg machte der künftige Expeditionsleiter Carl Koldewey die Bekanntschaft Payers und Laubes; er beschrieb sie als „prächtige Leute“. Der Kapitän ließ zu Ehren der beiden Böhmen abends im Zoologischen Garten ein feierliches Diner veranstalten, belustigte sich aber auch ein wenig über Laubes und Payers befremdliche Vorstellungen von der Seefahrt und dem Leben an Bord (Krause 1992, S. 174). Zur Ergänzung der Ausrüstung ließ Payer aus Wien eine größere Sendung von Gewehren und Munition nach Bremen schicken (Krause 1992, S. 185). Teil seiner Ausrüstung war auch jener Theodolit, den ihm der Kriegsminister geschenkt hatte und der ihm bei der Aufnahme der Ostalpen so gute Dienste geleistet hatte. Das Instrument sollte auch noch die Expedition nach Franz-Josef-Land mitmachen, musste aber 1874 dort zurückgelassen werden (Müller 1956, S. 43).
August Petermann verfasste für die Zweite Deutsche Nordpolarexpedition eine Instruktion in 31 Paragrafen und druckte sie in seiner Zeitschrift ab. Der Paragraf 24 ist ausdrücklich Julius Payer gewidmet:
„In richtiger Würdigung und Verwendung einer so erprobten Kraft wie Oberlieutenant Julius Payer sind so häufig als nur immer möglich, besonders im Frühjahr 1870, Gletscherfahrten und Exkursionen ins Innere von Grönland zu arrangieren, die unter dessen Kommando zu stellen sind. Eigentliche Gletscherfahrten von Belang in den Polargegenden gab es bis jetzt nicht; der Versuch des berühmten Matterhornbesteigers Whymper in West-Grönland mit Schlitten und Hunden misslang vollständig, da er nur ½ Deutsche Meile vordringen konnte. Die Exkursion des Dr. Hayes von Fort Foulke aus entbehrt aller sicheren Bestimmungen und Anhaltspunkte, und hat daher für die Wissenschaft keinen Werth. Im Übrigen sind noch nie ordentliche Versuche gemacht worden, nicht einmal in den wenigausgedehnten Gebieten Spitzbergens. Es wäre daher von hohem Interesse, wenn es Herrn Payer gelänge, das vergletscherte Innere von Grönland bis zu einer beträchtlichen Entfernung von der Küste zu erforschen.“
Von großer Bedeutung für die Expedition sollte die Frage der Namengebung neu entdeckter Gebiete sein. Hierzu gab es in den Instruktionen Petermanns ebenfalls einen Paragrafen: „§ 27 Was die Namen für die zu entdeckenden Länder und alle ihre einzelnen Punkte anlangt, so bleibt die Bestimmung der großen Mehrzahl für die gemeinschaftliche Anfertigung der Karte daheim überlassen, wobei den hauptsächlichsten Freunden und Unterstützern der Expedition die erste Berücksichtigung zu Theil werden wird.“ (Müller 1956, S. 73; Krause 1992, S. A40f.)
DIE REISE DER „GERMANIA“
In Anwesenheit König Wilhelms von Preußen, des Ministerpräsidenten Bismarck, des Kriegs- und Marineministers Roon und des Generalstabschefs Moltke startete am 15. Juli 1869 in Bremerhaven die „Zweite Deutsche Nord-polar-Fahrt“. Die Expedition bestand aus zwei Schiffen, dem neugebauten Dampfschoner „Germania“ (Kapitän Koldewey) und der „Hansa“ als Begleitschiff (Kapitän Hegemann). Die „Germania“ war ein Schraubenschoner von 28 m Länge, 7,1 m Breite und 3,5 m Tiefgang. Sie war mit einer Eisenhaut verkleidet und hatte eine Größe von 143 Tons (400 Kubikmeter Zuladung). Ihr Dampfmotor leistete 30 PS, womit eine Geschwindigkeit von 4½ Knoten erreicht werden konnte.
Die Besatzung bestand aus 17 Personen. Kapitän des Schiffes war Karl Koldewey, zugleich auch Führer der gesamten Expedition. Wissenschaftliche Begleiter auf der Germania waren der Astronom Dr. Carl Börgen (1843–1909), der schottische Astronom und Physiker Dr. Ralph Copeland (1837–1905), Dr. Adolf Pansch (1841–1887) für Zoologie und Botanik, zugleich Schiffsarzt, und Oberleutnant Julius Payer, zuständig für Alpinistik und die Schlittenreisen zu Lande. Die Mannschaft der „Germania“ bestand aus dem Ersten Steuermann Sengstacke, dem Zweiten Steuermann Tramnitz, dem Maschinisten Krauschner, dem Bootsmann Warkmeister, dem Zimmermann Büttner, dem Koch Ollenstädt, den Matrosen Ellinger, Herzberg, Klentzer, Mieders und Iversen sowie dem Heizer Wagner. Der 22-jährige Matrose Peter Ellinger aus Frankfurt sollte bei dieser Reise der bevorzugte Begleiter Payers auf allen Landreisen werden. Die kleinere „Hansa“ mit 110 Tons (301 Kubikmeter Zuladung) stand unter dem Befehl des Kapitäns Paul Hegemann. Wissenschaftliche Begleiter waren der Arzt Dr. Buchholz, zugleich Zoologe, und Payers Freund, der Geologe Dr. Gustav Laube aus Wien. Die Besatzung bestand aus dem Ersten Steuermann Richard Hildebrandt, dem Zweiten Steuermann Wilhelm Bade, dem Zimmermann Bowe, dem Koch Wüpkes und den Matrosen Heyne, Kewell, Gätjen, Schmidt, Tilly, Büttner und Gierke.
Die Reise ging schnell voran. Schon am 5. Juli 1869 wurde der Polarkreis überschritten, zufällig exakt über dem Meridian von Greenwich. Am 9. Juli tauchte die Insel Jan Mayen aus dem Nebel auf, ohne dass eine Landung dort angestrebt wurde. Die Eisgrenze vor Grönland wurde am 15. Juli erreicht. Fünf Tage später verloren sich die beiden Schiffe aufgrund eines missverstandenen Flaggensignals für immer aus den Augen. Die „Hansa“ und ihre Besatzung erwartete ein dramatisches, am Ende aber glückliches Schicksal.
Die „Germania“ erreichte am 13. August 1869 bei 75 Grad 30 Minuten nördlicher Breite das geschlossene Packeis. Kapitän Koldewey kehrte um zum Kap Philipp Broke (südlichster Punkt der Insel Shannon an der Nordostküste von Grönland), um hier eine Verbesserung der Eissituation abzuwarten. Payer ging dort am 15. August an Land und bezog die Zelte, während Koldewey zur Pendulum-Insel zurücksegelte. Das Erkundungsteam bestand aus Payer, den Wissenschaftlern Börgen und Copeland sowie den Matrosen Sengstacke, Iversen, Klentzer und Ellinger.
Die 1823 von Douglas Clavering entdeckte Insel wurde zehn Tage lang intensiv vermessen und erforscht. Zum Abschluss dieser Arbeiten, am 25. und 26. August, unternahmen Payer, Sengstacke, Iversen und Ellinger zu viert eine kleine Schlittenreise zu dem 14 Meilen entfernten Doleritplateau im Südosten der Shannon-Insel. Nach längerem Marsch im Nebel wurde eine Anhöhe erreicht, die einen imposanten Blick über die grönländische Küstenlinie bot. Die kleine Gruppe schoss einen Eisbären, traf eine Herde von Moschusochsen (Payer 1876, S. 475) und wurde zwecks Resteverwertung von einem Polarfuchs begleitet. Nach zweitägiger Abwesenheit und einiger Suche im Nebel wurde am 26. August wieder der Ausgangspunkt erreicht, wohin auch gerade das Schiff zurückkehrte.

Die Besatzung der Germania 1869, links sitzend Dr. Laube und Oberleutnant Payer (Alfred Wegener Institut Bremerhaven)
Anfang September fuhr das Schiff nach Süden vor die Sabine-Insel. Der Insel südlich vorgelagert war ein etwa 2500 Fuß hoher Sattelberg. Zu dessen Erforschung verließen Payer und Ellinger am 11. September um 8 Uhr morgens das Schiff, ausgerüstet mit Theodolit und Barometer. Während des Anstieges schloss sich Dr. Copeland den beiden an. Mühsam und steil war der Anstieg auf den Doleritkamm des Sattelberges. Auf dem Gipfel herrschte Nordwind bei minus 10 Grad. Die Aussicht nach Westen reichte bis weit in die Fjorde hinein. Von diesem Platz aus hielt Payer eine ausgedehnte Schlittenreise im nächsten Frühjahr für wünschenswert. Anschließend fuhr die „Germania“ am 13. September in ihren Hafen im Süden der Sabine-Insel zurück. Hier wurde das Schiff den Winter über, also 10 Monate lang, am Eis festgemacht.

Das Expeditionsschiff „Germania“, Zeichnung 1869 (IHK Frankfurt am Main)
LANDEXPEDITIONEN IM HERBST
Vor Einbruch der großen Kälte und langen Dunkelheit beschloss Payer, zwei Herbstschlittenreisen zu unternehmen. Da bei der Bestückung der „Germania“ keine Ausrüstung für Schlittenreisen vorgesehen war, musste beim Bau dieser improvisiert werden. Die erste Herbstexpedition fand vom 14. bis zum 21. September statt. Die Mannschaft bestand aus sechs Mann: Kapitän Koldewey, Julius Payer, Tramnitz, Krauschner, Klenzer und Ellinger. Die Schlittenlast betrug sechs Zentner. Der Weg führte von der Sabine-Insel nach Nordosten, das Kap Berlin entlang auf die Kuhn-Insel zu, die gegenüber von Kap Hamburg erreicht wurde. Hier folgte die Gruppe dem nach Norden abbiegenden Fligely-Fjord. In einiger Entfernung war die Westendspitze zu sehen, deren Gipfel eine gute Rundsicht versprach. Tramnitz, Krauschner und Klentzer blieben beim Schlitten, während sich Koldewey, Payer und Ellinger an die Besteigung machten. Der Gipfel wurde nach 6½ Stunden erreicht. Auf dem ca. 4000 Fuß hohen Berg dauerten die Vermessungsarbeiten drei Stunden bei einer Temperatur von minus 10,5 Grad. Gegen Mitternacht und bei wolkenlosem Himmel kamen die drei zum Zelt zurück, wo mittels Treibholz in einem Topf eine kräftige Rentierfleischsuppe gekocht wurde (Payer 1876, S. 488).
Der Rückweg zum Schiff gestaltete sich schwierig und äußerst anstrengend. Ein Schlitten brach ein, wobei zwei Barometer und der Theodolit verlorengingen. Das durchnässte Zelt war nachts hart gefroren. Während des Rückweges wurde am Südhang der Kuhn-Insel ein Kohleflöz entdeckt, etwa ¾ bis 18 Zoll mächtig. Am 21. September kam die Expedition in heftigem Schneetreiben am Kap Berlin an und übernachtete drei Stunden später am Eingang der „Flachen Bai.“ Nach einer Schlittenreise von 107 Meilen Länge (Payer 1876, S. 491) wurde am Morgen des 22. September wieder die „Germania“ erreicht. An diesem Tag war das Schiff schon von einer festen Decke jungen Eises eingeschlossen.
Trotz des nahen Winters unternahm Payer am 27. Oktober noch eine zweite Reise mit Copeland, Wagner, Herzberg und Iversen. Er hatte die Teilnehmer komplett ausgetauscht, um die Strapazen aufzuteilen. Mit einer Ausrüstung für neun Tage untersuchte er die inneren Verzweigungen der Gael Hamkes Bay. Die Gruppe passierte die Clavering-Insel im Norden und drang in den von Payer so benannten Tyroler Fjord vor. Bei prachtvollem Wetter und minus 12 Grad wurde das Gletscherende dieses Fjordes erreicht und danach der Rückmarsch angetreten.
Am Abend des 4. November kamen sie zum Schiff zurück, bevor am 6. November die Sonne endgültig für drei Monate unterging. Gleichzeitig setzten grauenvolle Schneestürme ein, die kein Arbeiten im Freien zuließen. Ein Zeltdach bedeckte das Schiff. Unter Deck herrschte eine quälende Monotonie, unterbrochen von Mahlzeiten, meteorologischen Messungen und Polarlicht. Unter diesem feierte die Mannschaft Weihnachten und Neujahr. Eine erste Dämmerung machte sich am 1. Februar bemerkbar und drei Tage später zeigte sich der erste Sonnenstrahl. Der 21. Februar erzielte mit minus 32 Grad die größte während der Reise gemessene Kälte. Nicht einmal Eisbären ließen sich sehen.

Der Germania-Hafen, Überwinterungsstelle 1869/1870 (F. Berger)
FRÜHJAHRSEXPEDITION UND HEIMKEHR
Noch in der Winterkälte des 10. März 1870 startete die erste Frühjahrsexpedition mit zwei Schlitten und zehn Mann. Beabsichtigt war eine Reise nach Norden mit maximal 60 Tagen Dauer. Wegen heftiger Stürme wurde sie abgebrochen und am 24. März erneut in Angriff genommen. Den großen Schlitten zogen Payer, Koldewey, Ellinger, Herzberg, Mieders, Klentzer, Wagner und der Zimmermann. Der Begleitschlitten mit Sengstacke, Krauschner, Iversen und dem Bootsmann musste schon nach wenigen Tagen zurückkehren. Es folgten einige Tage und Nächte mit grauenhaften Schneestürmen. Als sich das Wetter besserte, konnte eine tägliche Marschleistung von 8 bis 12 Meilen erreicht werden. Die Route ging zwischen Shannon-Insel und Hochstetters Vorland nach Norden, passierte die Halbinsel Haystack, Cap Ritter, das Teufelscap, die Felsen der Orientierungsinseln und die Dove-Bai. Am 12. April erstieg Payer ein Plateau nördlich von Cap Bismarck. Am Karfreitag, den 15. April, erfolgte der letzte Gang nach Norden. Dabei überschritten Julius Payer, Carl Koldewey, Theodor Klenzer und Peter Ellinger den 77. Breitengrad. An diesem Punkt wurde in etwa 1500 m Höhe auf 77°1’ N und 18°50’ W eine Steinpyramide errichtet und mit der norddeutschen und der österreichischen Flagge verziert. An diesem Tag konnte ein Streckenrekord von 24 Meilen verzeichnet werden.
Die Heimkehr gestaltete sich äußerst mühsam. Immerhin verbesserte sich die Proviantlage durch erlegte Moschusochsen und Eisbären. Das schlechte Wetter hielt bis zum 23. April an und die Temperatur fiel bis auf minus 24 Grad. Peter Ellingers Hand drohte zu erfrieren. Daher trennte sich Payer mit Ellinger von der Hauptgruppe, um möglichst rasch das Schiff zu erreichen und Ellinger dem Arzt zu überantworten. Zum Schiff waren es zu diesem Zeitpunkt noch 32 Meilen.
Am 26. April kam wieder ein Schneesturm auf, der überraschend schnell freundlichem Wetter wich: „Die Sonne blickte wieder strahlend über das Land. Wir rasteten wenige Minuten; Ellinger legte sich am aufgebrochenen Saum des Küsteneises nieder, ich setzte mich zu ihm. Mit großem Behagen konnte man die sonnige Wildnis betrachten. Das durch die Fluth bewegte Strandeis begann zu flüstern und zu klingen, die Stimme eines Vogels in den Wänden oberhalb war zu hören, und der erste Gruß der erwachten Schöpfung!“ (Payer 1876, S. 616). Payer und Ellinger stiegen von den Bergen herab und erreichten nach 21½-stündigem Marsch mitternachts das Schiff, freudig begrüßt von Krauschner, Copeland, Börgen und Pansch. Sengstacke ging mit einigen Begleitern sofort Koldewey entgegen, der am nächsten Tag eintraf. Alle Teilnehmer genehmigten sich einen Festschmaus mit Bärenfleisch, Speck, Kraut, Brot, Butter, Käse, Wein, Schokolade und Kaffee.
Nach 10-tägiger Erholung beschloss die Expeditionsführung, nun auch noch die Untersuchung der Ardencaple-Bai vorzunehmen. Nur Klentzer und Ellinger mussten aufgrund ihrer schweren Verwundungen, die sie sich beim vorherigen Marsch zugezogen hatten, an Bord bleiben. Die Schwierigkeiten des späteren Frühjahres waren nun jenen des Winters ganz entgegengesetzt. Die Wärme machte zu schaffen, das Eis wurde weich und ständig drohten die Männer einzubrechen. Im weichen Schnee war kaum noch ein Fortkommen möglich. Es blieb nur übrig, die Kuhn-Insel näher zu untersuchen. Von Hitze und Nässe geplagt, kamen die Männer am 29. Mai zum Schiff zurück.

Das Teufelsschloss im Franz-Joseph-Fjord, Holzschnitt einer Wiener Zeitung 1870 nach einer Zeichnung von Julius Payer (Holzstich 1870)
Das Eis gab die „Germania“ am 22. Juli wieder frei. Eine kurze Fahrt nach Norden kam bis zu 75 Grad 29’ nördlicher Breite. Weiteres Vordringen nach Norden war undenkbar, da einige Röhren des Heizkessels leckten. Am 1. August ging die Fahrt zurück in südliche Richtung. Am Cap Broer Ruys angekommen, bestieg Payer mit seinem Begleiter Peter Ellinger den höchsten Gipfel dieses Vorsprunges mit 3400 Fuß, um dort topografische Aufnahmen zu machen.
Von diesem Standpunkt aus nahmen sie den Ausgang einer großen Meerenge wahr, den sie „Kaiser Franz Josef Fjord“ tauften. Dessen Erkundung waren die folgenden Tage gewidmet. Der Fjord erwies sich als ungeheuer groß und erlaubte einen Vorstoß tief in das Innere Grönlands. Die Entdeckungsfahrt, bequemer als alle Schlittenreisen zuvor, wurde nur durch die drohende Untauglichkeit des Dampfkessels beeinträchtigt. Am 12. August um 10 Uhr morgens bestiegen Payer, Copeland und Ellinger einen 7000 Fuß hohen Berg am westlichsten Punkt ihrer Reise, die dann so genannte Payer-Spitze. (Payer 1876, S. 640; 645). Nach Westen war eine Fortsetzung des Franz-Josef-Fjordes zu erkennen, außerdem eine große Eispyramide, die nach Payers Schätzung 11.400 Fuß (3500 m) hoch war und „Petermannspitze“ getauft wurde. Auf der Payerspitze zeichnete Payer mehrere Stunden lang und arbeitete am Theodolit. Der Rückweg erfolgte gegen Mitternacht. Um 7 Uhr morgens kamen die drei Teilnehmer beim Schiff an, auf dem man sich schon für die Rückfahrt nach Europa gerüstet hatte.

Das Teufelsschloss im Franz-Joseph-Fjord (F. Berger)
Die Heimreise startete am 17. August. Eine Woche später konnte die „Germania“ das dichte Eis hinter sich lassen. Am Abend des 11. September 1870, nach 453 Tagen Abwesenheit von Deutschland, erreichte die „Germania“ die Wesermündung. In der Deutschen Bucht war es dunkel und still. Deutschland befand sich im Krieg mit Frankreich. Kaum jemand nahm von der Rückkehr der Polarfahrer Notiz. Viel schlimmer jedoch war das Schicksal des Begleitschiffs „Hansa“. Es hatte die Küste Grönlands nie erreicht, wurde am 22. Oktober 1869 vom Packeis zerdrückt und sank. Die vierzehnköpfige Mannschaft verbrachte sieben Monate lang treibend auf Eisschollen und legte dabei 1200 Seemeilen zurück. Im Mai 1870 bestiegen die Männer die Beiboote und erreichten am 13. Juni 1870 die Missionsstation Friedrichsthal am Südende Grönlands. Über Kopenhagen kommend, trafen die 14 Schiffbrüchigen erst am 5. September in Bremen ein. Dr. Gustav Laube verfasste später einen Erlebnisbericht über diese dramatischen Ereignisse.

Letzter Ankerplatz der „Germania“ im Franz-Joseph-Fjord, Holzschnitt einer Wiener Zeitung 1870 nach einer Zeichnung von Julius Payer (Holzsstich 1870)
AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE
Das große Expeditionswerk erschien in zwei Teilen. Der erste Band enthielt den erzählerischen Teil mit den Exkursionen und Bergbesteigungen. Den größten Anteil daran hatte Koldewey, daneben waren auch Pansch, Hegemann, Börgen, Laube und Payer beteiligt. Payers Berichte gehören zu den eindrucksvollsten Passagen dieses Werks. Viele der Illustrationen beruhen auf seinen Skizzen. Payers Karten der Pendulum-Inseln (1:100.000), des Tiroler Fjords (1:200.000) und Ostgrönlands zwischen 73°30’ und 76°0’ nördlicher Breite (1:400.000) sind ebenfalls enthalten. Payer wie auch die Teilnehmer Börgen, Copeland, Hegemann, Koldewey und Pansch legten ihren Schilderungen meist ihre Tagebücher zugrunde. Als Gesamtherausgeber fungierte Karl Koldewey. Band 1 des Hauptwerks erschien Anfang 1874 im Druck. Der zweite Band enthält die „Wissenschaftlichen Ergebnisse“. Das Gesamtwerk lag im Dezember 1874 bei Brockhaus in Leipzig in Buchform vor. Der erzählende Teil erschien im folgenden Jahr ebenfalls bei Brockhaus verkürzt und überarbeitet als „Volksausgabe“.

Payer auf der Petermann-Spitze. Holzschnitt von Edward Whymper nach einer Zeichnung von Julius Payer (PGM 1871, Frontispiz)
Julius Payer hatte bereits vorab eine Artikelserie in vier Folgen unter dem Titel „Deutsche Nordpolexpedition“ in der in Wien erscheinenden Zeitschrift „Wanderer“ veröffentlicht, mit der ersten Folge am 19. Oktober 1870. Für Petermanns „Geographische Mittheilungen“ verfasste er einen größeren Aufsatz, der 1871 in drei Monatslieferungen erschien. Eine von ihm selbst illustrierte Zusammenfassung seines Reiseberichts im Umfang von 195 Seiten publizierte Payer später im Rahmen seines 1876 erschienenen großen Expeditionsbuches über die Entdeckung von Kaiser Franz Josef Land.
Dem Jahrgang 1871 der „Geographischen Mittheilungen“ war als Frontispiz ein Holzschnitt beigegeben, mit dem sich der Herausgeber August Petermann selbst schmeichelte. Der Stich hatte den Titel „Der Kaiser Franz Josef Fjord und die Petermann Spitze im Inneren von Grönland“. Der Künstler des Stiches war Edward Whymper, nach einer Zeichnung von Julius Payer. Whymper (1840–1911) galt seit der Erstbesteigung des Matterhorns 1865 als der berühmteste Alpinist seiner Zeit. Im Sommer 1867 hatte er an der Westküste Grönlands mit großen Ambitionen eine Gletscherfahrt mit Schlitten in das Innere Grönlands begonnen (PGM 1867, S. 435–436). Zwar konnte er nicht weit vordringen, doch schickte er eine große Ausbeute an Pflanzen, Tieren und menschlichen Gerätschaften nach Hause. Neben seinen Reisen widmete sich der gelernte Illustrator in der übrigen Zeit der Anfertigung von Abbildungen für seine Reisewerke. Nach einer Zeichnung Payers fertigte er den Holzschnitt „Die Zufall-Spitze, von der unteren Marteller Alpe aus“ für Beiheft 31/1872 der „Geographischen Mittheilungen“ an. Ob es je eine persönliche Begegnung der beiden verdienten Alpinisten gegeben hat, kann nicht gesagt werden. Ausgeschlossen ist es nicht. Die beiden Illustrationen in Payers Werken von der Hand Whympers sind auf jeden Fall ein verbindendes Glied zwischen beiden.

Von Payer vergebene geografische Namen am Tyroler Fjord (B. Holm Jakobsen, Topografisk Atlas Grönland, Kopenhagen 2000)
Die Nordpolfahrten der „Germania“ und „Hansa“ waren bald in aller Munde. Alle großen Zeitungen berichteten darüber. Einige Blätter enthielten Illustrationen von Julius Payer, die das Charakteristische der Polarlandschaft gut erfassten und die dramatischen Situationen der Reise eindrucksvoll herausstellten. König Wilhelm von Preußen ließ sich Payers Schilderungen über die Polarfahrt vorlesen. Mit seinem Gespür für Presse und Öffentlichkeit war Payer der beste Propagandist der Polarforschung. Der Bremer Journalist Moritz Lindeman nannte ihn den „Infanteristen der Polarforschung“ (Abel/Jessen 1954, S. 34). Die deutsche Polarbegeisterung vom Herbst 1870 bereitete das Feld für weitere Polarexpeditionen vor, die aber nicht in Bremen, sondern überraschenderweise in Wien ihren Ursprung haben sollten.

Das in Nordostgrönland erkundete Gebiet, Beilage in Payer 1876 (Payer 1876, Beilage)

Würfelspiel zur Zweiten Deutschen Nordpolarexpedition, 1870 (Alfred Wegener Institut, Bremerhaven)
STREIT UM DIE NAMEN
Nach Beendigung der Expedition kam es zu einem Streit bei der Namengebung der neu entdeckten Gebiete Nordostgrönlands. Eine Kurzmeldung der „Wiener Lokal-Presse“ vom 21. Oktober lautete: „Se. Majestät der Kaiser hat, wie gemeldet wird, dem Ansuchen des Urhebers der deutschen Nordpol-Expedition, Herrn Petermann in Gotha, das werthvollste Entdeckungsobject, ein großer, vielleicht ganz Grönland durchschneidender Fjord, unterm 73. Grad nördlicher Breite gelegen, den Namen Kaiser-Franz-Joseph-Fjord führe, gern willfahrtet.“ (Krause 1992, S. 208). Diese Meldung gelangte am 23. Oktober in die Bremer Tagespresse. Der Urheber dieser Namengebung war Julius Payer. Er hatte Petermann gebeten, ein Gesuch an den Kaiser zwecks Zustimmung der Namengebung zu richten (Krause 1992, S. 222).
Der Bremer Polarverein war über diese willkürliche Namengebung empört. Es wurde überlegt, in welcher Form ein Dementi abzugeben sei, ohne den Kaiser von Österreich zu verletzen. Denn diese Bezeichnung verstieß gegen Petermanns selbst verfasste Instruktion. Dies teilte ihm der Bremer Polarverein in einem Einschreibebrief mit.

Orden der Eisernen Krone, verliehen 1870 (Dorotheum, Wien)
Payer flehte die Vereinsmitglieder an, den Namen zu akzeptieren. Sollte die Namengebung zurückgenommen werden, dann wäre er in Österreich ein erledigter Mann. Seine Karriere wäre ein für alle Mal zu Ende. Eine Desavouierung des Herrschers wäre der gerade stattfindenden politischen Annäherung Österreichs an Deutschland alles andere als förderlich. Außerdem sei das Wohlwollen des Kaisers erforderlich für die geplanten künftigen polaren Unternehmungen. Falls der Bremer Polarverein die Rücknahme des Namens offiziell betreiben wollte, drohte Payer zwischen den Zeilen mit der Verweigerung seiner Mitarbeit am Expeditionswerk. Um des lieben Friedens willen bat er darum, „eine Beleidigung des Kaisers von Österreich in dieser Dimension zu unterlassen.“ (Krause 1992, S. 209f.)
Am Ende lenkte der Bremer Polarverein ein und konsolidierte auf einer Versammlung die Namengebung „Kaiser-Franz-Joseph-Fjord“. Der höchste auf der Expedition gesehene Berg bekam den Namen „Petermannspitze“ zuerkannt (Krause 1992, S. 210). Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit dem Namensstreit ein Schreiben des Expeditionsteilnehmers Börgen an den Polarverein, in dem er sich über den Charakter Julius Payers sehr unvorteilhaft äußert:
„Ich kann nur aus ganzem Herzen der Ansicht von Koldewey und Herrn v. Freeden beistimmen, dass nach diesem Zeugnis einer bornierten Arroganz ein Zusammenarbeiten mit Payer hier in Europa ebenso unmöglich ist wie es während der Reise der Fall war. Da uns dieses Ereignis schon während der Expedition als möglich vorschwebte, so haben wir alle, wie Ihnen bekannt ist, soviel wie die eigenen Arbeiten es uns erlaubten das Material zu sammeln gesucht, um nöthigenfalls auch ohne Payer ein zusammenhängendes Ganzes liefern zu können. […] Besser wäre es natürlich wenn Payer mit uns arbeitete, aber bei der Art wie er auftritt, wird dies zur Unmöglichkeit. Ich beklage tief, dass ein Mitglied der Expedition die wohlmeinenden Absichten des Vereins so missverstehen kann und sich von unbegrenztem Ehrgeiz zu solchen Äusserungen hinreissen lassen kann.“ (Krause 1992, S. 222)
Wie dem auch sei, in Anerkennung seiner Verdienste um die Zweite Deutsche Nordpolarexpedition verlieh der Kaiser von Österreich am 29. November 1870 dem Oberleutnant Julius Payer den Orden der Eisernen Krone Dritter Klasse.
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