Kitabı oxu: «Die Überlebenden von Atlantis»

Şrift:


Frank Joseph

DIE
ÜBERLEBENDEN
VON
ATLANTIS

Wie der Untergang einer Zivilisation die Welt veränderte

Aus dem Amerikanischen von Dr. Baal Müller


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Amerikanische Originalausgabe:

Survivors of Atlantis. Their Impact on the World

Deutscher Erstdruck im AMRA Verlag

Auf der Reitbahn 8, D-63452 Hanau

Hotline: + 49 (0) 61 81 – 18 93 92

Service: Info@AmraVerlag.de


Herausgeber & Lektor Michael Nagula
Textredaktion Silvia Neumeier
Einbandgestaltung Guter Punkt
Layout & Satz Birgit Letsch
Druck CPI books GmbH

ISBN Printausgabe 978-3-939373-17-9

ISBN eBook 978-3-95447-064-8

Ebenfalls von Frank Joseph bei uns erhältlich:

Der Untergang von Atlantis. Ende einer Zivilisation Lemurien. Aufstieg und Fall der ältesten Weltkultur

Copyright © 2004/2020 by Frank Joseph

Copyright © Germany 2021 by AMRA Verlag

Published by Arrangement with Inner Traditions

International Limited, Rochester, Vermont 05767, USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, Hohenzollernstr. 56, D-30161 Hannover.

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Inhalt

Einleitung: Eine Million Tonnen Kupfer

1Atlantis im Krieg

2Die Strafe des Imperiums

3Die vier Katastrophen

4Atlanter kommen nach Ägypten

5Noah war ein Atlanter

6Das Wissen der Griechen

7Atlanter durchqueren die Sahara

8Die Amazonen und Atlantis

9Verloren im Hades

10Kinder von Atlantis

11Atlantische Könige in Irland und Wales

12Als die schlimmen Tage kamen

13Amerikanische Ureinwohner erinnern sich an Atlantis

14Gefiederte Schlangen aus versunkenen Städten

15Die erste Einwanderungswelle aus Atlantis

16Die zweite Welle von Überlebenden

17Atlantische Söhne der Sonne

Schlusswort: Eine Warnung für unsere Zeit

Bibliografische Hinweise

Register

Für N. Thomas Miller, in dessen Kunst der Geist von Atlantis lebt


EINLEITUNG
Eine Million Tonnen Kupfer

Es gab und es wird noch viele verschiedene Katastrophen geben, um die Menschheit zu vernichten, die größten in Form von Feuer und Wasser.

PLATON: TIMAIOS

Atlantis! Kaum ein anderer Name bewegt so viele Millionen von Menschen auf der ganzen Welt selbst noch nach tausenden von Jahren. Er taucht in Kinofilmen und Fernsehsendungen auf, und selbst ein Space Shuttle wurde danach benannt. Mehr Bücher als jemals zuvor werden heute über das versunkene Reich veröffentlicht; insgesamt sind etwa zweitausendfünfhundert Bände und Zeitschriftenartikel zum Thema Atlantis erschienen. Unter konventionellen Gelehrten genügt die bloße Andeutung, dass es für die Existenz der verschollenen Stadt eine faktische Grundlage geben könnte, um als »Mythomane« verurteilt zu werden. Doch trotz der offiziellen Ablehnung hat sich die populäre Faszination für Atlantis dauerhaft erhalten. Und auch ein kleiner internationaler Kreis meist unabhängiger Wissenschaftler glaubt, dass es einmal Realität gewesen sein könnte. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist dieser Kreis nun unversehens gewachsen, da neue Forschungsergebnisse aus Theorien Fakten machen könnten.

Trotz seines legendären Rufs wissen die meisten Menschen sehr wenig über Atlantis. Sie vermuten, dass es ein ozeanisches Reich war, das lange Zeit einen großen Teil des Globus beherrschte, bevor es durch eine Naturkatastrophe im Meer versank, worauf einige wenige Überlebende in verschiedene Regionen des Planeten flohen. Viele Atlantisforscher glauben, dass die erste menschliche Zivilisation vor mindestens zwölf Jahrtausenden auf dem »Kontinent« von Atlantis entstand und um 9500 vor Christus durch eine große Flut zerstört wurde. Sowohl Skeptiker als auch wahre Gläubige könnten jedoch durch dieses Buch eines Besseren belehrt werden. Es ist kein Neuaufguss meines zuvor erschienenen Werkes Der Untergang von Atlantis, sondern präsentiert völlig neues Material. Der Atlantische Krieg, vier globale Katastrophen und das Schicksal der Überlebenden in verschiedenen Teilen der Welt werden hier zum ersten Mal beschrieben.

Die Überlebenden von Atlantis beruht auf einer Konferenz führender Wissenschaftler, die sich im englischen Cambridge trafen. Experten verschiedener akademischer Disziplinen, von der Geologie und Astrophysik bis hin zur Archäoastronomie und Ozeanographie, stellten ihre Erkenntnisse vor. Dabei skizzierten sie eine neue Sicht der Vergangenheit, die sich grundlegend von dem bisher vertretenen Bild unterscheidet. Die Beweise, die sie vorlegten, waren ebenso überraschend wie überzeugend. Sie zeigten, dass während der ersten Epoche der Menschheitsgeschichte eine Reihe von Kometen, die dicht an der Erde vorbeiflogen, zu vier verschiedenen katastrophalen Szenarien auf unserem Planeten führten. Diese Himmelsereignisse und die nachfolgenden Geschehnisse sind nicht bloße Vermutungen von Theoretikern. Vielmehr existiert eine Fülle materieller Beweise, die bestätigen, dass diese weltweiten Katastrophen tatsächlich stattgefunden haben und dass die letzte davon die Zivilisation an den Rand des Aussterbens brachte.

Beim Studium der Präsentationen dieser Konferenz in Cambridge wurde mir eindringlich ins Bewusstsein gerufen, dass zahlreiche Kulturen auf der ganzen Welt sich an große Fluten erinnern, denen jeweils Massenwanderungen folgten. Diese Überlieferung existiert bei so unterschiedlichen Völkern wie den Inka in Peru, den keltischen Iren, den klassischen Griechen, den Azteken Mexikos und vielen anderen. Diese Erinnerungen passen gut zu dem, was die Wissenschaft heute als ein Quartett von Naturkatastrophen identifiziert hat, die vor mehr als fünftausend Jahren die Erde verwüsteten. Doch wenn zum Mythos, der Astronomie und der Geologie auch noch der Beweis durch geophysikalische Methoden der Archäologie hinzukommt, dann wirft das ein ganz neues Licht auf die uralte Vergangenheit. Dadurch enthüllen sich die bisher unsichtbaren Ursachen, die den Lauf der Geschichte bestimmten. Offensichtlich gibt es ein gemeinsames Thema, dessen Fäden immer wieder zusammenlaufen und das all den verschiedenen Drehungen und Wendungen des großen menschlichen Dramas einen Sinn gibt: Atlantis. Der Name ist ebenso unausweichlich wie kraftvoll.

Durch die Verbindung dieses versunkenen Reichs mit vier verschiedenen globalen Katastrophen lassen sich der Beginn sowie die Entwicklung der menschlichen Zivilisation erklären. Und gleichzeitig liegt Atlantis damit plötzlich innerhalb der glaubwürdigen Parameter realer Geschichte statt spekulativer Fantasie. Es erlebte nicht eine, sondern mehrere Katastrophen, zwischen denen jeweils viele Jahrhunderte lagen, bis schließlich ein viertes Ereignis das Reich auslöschte. Das vorliegende Buch beschreibt diese Einzelereignisse erstmals anhand von Überlieferungen aus Ägypten, Mesopotamien, Marokko, den Kanarischen Inseln, Irland, Wales, Skandinavien, dem präkolumbischen Nordamerika sowie Mittel- und Südamerika. Viele der Flutmythen über ein versunkenes Reich wurden noch nie einem allgemeinen Publikum zugänglich gemacht. Nun sollen sie endlich präsentiert werden, um den wissenschaftlichen Beweisen ein menschliches Gesicht zu geben. Schließlich waren die Männer und Frauen der vorklassischen Zeit Augenzeugen von Kataklysmen, die ihre Welt wiederholt zerstörten. Sie haben diese Katastrophen in einem unvergänglichen Medium dokumentiert. Papyri können verbrennen, in Stein gemeißelte Worte verwittern, Tontafeln zerbröseln. Doch eine Botschaft, die in einen Mythos gehüllt ist, überdauert den Lauf der Jahrhunderte wie der Körper eines Insekts, das in Bernstein eingeschlossen ist.

Die Überlebenden von Atlantis erzählt eine weitere Geschichte, von der bisher noch nie berichtet wurde, nämlich die des Krieges, den die Atlanter laut Platon begannen, um die Welt zu erobern. Dieses militärische Abenteuer, das von Historikern bisher vernachlässigt wurde, war eng mit den Naturkatastrophen verknüpft, von denen sie schließlich überwältigt wurden. Das Chaos, das die Menschheit auf der Erde angerichtet hatte, spiegelte sich in den erzürnten Himmeln wider. In dieser Hinsicht ist Die Überlebenden von Atlantis eine Weiterführung meiner ersten Untersuchung des Themas, welche den Krieg zwar erwähnte, aber nicht näher erläuterte.

Der Untergang von Atlantis konzentrierte sich auf die letzten Augenblicke dieser verlorenen Zivilisation, weil diese Momente uns zeitlich am nächsten liegen und daher leichter dokumentiert werden können. Leser, die der Annahme waren, dass Atlantis zum Zeitpunkt seines Untergangs um 10.000 vor Christus bereits viele Jahrtausende alt gewesen sei, erfuhren überrascht, dass die Stadt vor lediglich 3.200 Jahren ihr endgültiges Schicksal ereilte. Der Sinn des Buches war jedoch nicht, über die Ursprünge oder das Alter von Atlantis zu diskutieren, sondern ein endgültiges vernichtendes Ereignis in der Bronzezeit zu erklären. Mit deren plötzlichem Ende um 1200 vor Christus brach die vorklassische Zivilisation überall zusammen, vom pharaonischen Ägypten und dem homerischen Griechenland bis zum Hethiterreich und der chinesischen Shang-Dynastie. Atlantis war ein weiteres Opfer der weltweiten Katastrophe. Nach Platons Beschreibung war es – wie die anderen auch – eine nachweisbare Stadt während der Bronzezeit gewesen.

Die Dialoge Timaios und Kritias, die Platon um 340 vor Christus schrieb, enthalten die frühesten überlieferten Erzählungen ihrer Art. Sie stellen die Atlanter als hervorragende Seefahrer und Metallschmiede dar, die große Entfernungen zurücklegten und »Orichalcum« herstellten, eine außergewöhnlich hochwertige Bronzelegierung, die zu Platons Zeit nicht mehr verfügbar war. Durch ihren Export von Orichalcum, so erklärte er, wurden die Atlanter sagenhaft reich und mächtig. Er beschreibt sie als wohlhabende seefahrende Bergleute; dies ist das Beweisstück, das zwei große historische Rätsel miteinander verbindet.

Seit mehr als zehntausend Jahren war der nordamerikanische Kontinent nur spärlich von paläoindianischen Stämmen nomadisierender Jäger und Sammler bewohnt, die wandernden Tierherden folgten und nur wenig an materieller Kultur besaßen. In der Region der Großen Seen sammelten sie gelegentlich Stücke von Kupfer auf, die zurückweichende Gletscher hinterlassen hatten, und schmiedeten oder hämmerten diese zu Schmuckstücken. Doch dann, um 3000 vor Christus, entstanden plötzlich ehrgeizige Bergbauunternehmungen entlang der Ufer des Oberen Sees auf der Oberen Halbinsel sowie auf der Isle Royale. In den folgenden 2.200 Jahren wurden in fünftausend Gruben, von denen einige zweihundert Meter tief durch massives Gestein ausgeschachtet waren, mindestens 22.500 Tonnen hochwertiges Kupfer abgebaut. Wie in meinem bisher nur in den USA erschienenen Buch Atlantis in Wisconsin berichtet, wurden durchschnittlich 1.000 bis 1.200 Tonnen Erz pro Grube entnommen, die jeweils etwa 45 Tonnen Kupfer ergaben.

Für diese erstaunliche Ausbeute verwendeten die alten Bergleute einfache Techniken, die es ihnen ermöglichten, schnell und effizient zu arbeiten. Sie erzeugten intensive Feuer oberhalb einer Kupferader, erhitzten das Gestein damit auf sehr hohe Temperaturen und übergossen es anschließend mit kaltem Wasser. Das Gestein zerbrach, woraufhin sie das Kupfer mit Steinwerkzeugen extrahierten. Tief in den Gruben wurde eine Essigmischung verwendet, was den Aufschluss des Gesteins in einzelne Schichten beschleunigte und Rauchentwicklung vermied. Wie sie entsprechend hohe Temperaturen erzeugen konnten, ist Teil des Rätsels. Die Unterseite eines Feuers auf einer felsigen Oberfläche ist sein relativ kühlster Bereich. Selbst bei einem extrem heißen Holzfeuer würde es sehr lange dauern, um eine Ader ausreichend zu erhitzen, und es ist fraglich, ob es überhaupt möglich wäre. Wie die vorzeitlichen Bergleute solch hohe Temperaturen im Boden erzeugen konnten, ist eine Frage, die die moderne Technologie bisher nicht beantworten kann.

Ein beträchtlicher Teil ihrer Techniken lebt jedoch bis heute fort. Große Stücke Kupfergestein mit einem Gewicht von teilweise über 2,5 Tonnen wurden ausgegraben und mithilfe von ausreichend belastbaren Holzbehältern, Stein- und Holzplattformen an die Oberfläche befördert. Die Behälter wurden meist aus behauenen Stämmen in Art einer Blockhütte gebaut und konnten durch eine Reihe von Hebeln und Keilen angehoben werden. Ein Beispiel für die massiven Proportionen des im alten Michigan abgebauten Gesteins ist der Ontonagon Boulder. Dieser Kupferbrocken, der um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts zum Smithsonian gebracht wurde, wiegt fünf Tonnen. Eine sechs Tonnen schwere Kupfermasse wurde vor Ort auf einer erhöhten Holzkonstruktion entdeckt und dort anscheinend zurückgelassen. Sie ist drei Meter lang, neunzig Zentimeter breit, sechzig Zentimeter dick und teilweise behauen.

Abb. E1. Ein durch sein langes Gewand als Angehöriger der Seevölker identifizierbarer Mann trägt einen »Ochsenhautbarren« aus Kupfer. Darstellung auf einem Ständer für ein zypriotisches Räuchergefäß, um 1200 vor Christus. Nach Platon waren die Atlanter die führenden Kupferbarone der Bronzezeit. (Archäologisches Museum Bodrum, Türkei)

Angesichts dieser Dimensionen stellt sich die Frage, ob die Minenarbeiter, die Tonnen von rohem Kupfer auf Michigans Oberer Halbinsel bewegten, eventuell die gleichen Leute waren wie die, die auf ganz ähnliche Art und Weise die Steinblöcke der Großen Pyramide transportierten.

Unglaublicherweise wurden Tausende von Werkzeugen gefunden, die die alten Minenarbeiter benutzt hatten. Bereits im Jahr 1840 hat man zehn Wagenladungen mit Steinhämmern an einem einzigen Ort in der Nähe von Rockland, Michigan, entdeckt. Die Funde in McCargo Cove an der Nordküste der Isle Royale beliefen sich auf sage und schreibe 1.000 Tonnen. Auch waren diese Hämmer nicht etwa grob gefertigt. Roy W. Drier, ein Experte für alte Kupferminen, schreibt dazu:

»Bei der Untersuchung der gefundenen Werkzeuge ist man unwillkürlich erstaunt über die Perfektion der Verarbeitung und über ihre Ähnlichkeit mit den Werkzeugen, die für vergleichbare Zwecke in heutiger Zeit hergestellt und verwendet werden; es sind die Prototypen der Werkzeuge unserer gegenwärtigen Zivilisation. Die Fassungen der Speere, Meißel, Pfeilspitzen, Messer und Fleischermesser sind in fast allen Fällen so symmetrisch und perfekt geformt, als seien sie vom besten Schmied der heutigen Zeit mit allen hochentwickelten Hilfsmitteln seiner Kunst gefertigt worden.« (DuTemple 1962, 27)

Die Minen selbst waren nicht nur einfache Gruben, sondern mit modernen Bewässerungssystemen ausgestattet, die es ermöglichen sollten, Schutt über bis zu hundertfünfzig Meter lange Gräben auszuschwemmen. Für William P. F. Ferguson, einen frühen und immer noch angesehenen Experten für den historischen Bergbau in Nordamerika, ist die Arbeit »kolossal«, denn sie bedeutete »die Umwandlung der gesamten Formation in ihrer Tiefe sowie die Bewegung von vielen Kubikmetern Stein – es wäre nicht übertrieben, von Kubikmeilen zu sprechen«.

Die Grabungen erstreckten sich über zweihundertvierzig Kilometer an der Küste des Oberen Sees und über fünfundsechzig Kilometer auf der Isle Royale. Würde man alle diese vorzeitlichen Grubenminen kombinieren, würden sie einen Graben von mehr als acht Kilometer Länge, sechzig Meter Breite und neunzig Meter Tiefe bilden.

So plötzlich, wie die Minen entstanden waren, wurden sie um 1200 vor Christus aber auch wieder geschlossen. Octave DuTemple, die führende Expertin für diese einst im großen Stil betriebenen Gruben, fragt sich:

»Warum haben diese Minenarbeiter ihre Gerätschaften so hinterlassen, als ob sie ihre Arbeit am nächsten Tag wiederaufnehmen wollten, und sind dann mysteriöserweise nie wieder zurückgekehrt? In den Legenden der Indianer werden diese Bergbauarbeiten nicht erwähnt. Dabei sind sie doch von einer Größenordnung, die es wert gewesen wäre, in die Geschichte jedes Volkes aufgenommen zu werden. Was die Legenden berichten, ist, dass es in der Geschichte der Indianer vor langer Zeit eine weiße Rasse gegeben habe, die vertrieben worden sei.« (DuTemple 1962, 59)

Die Indianer, auf die sich DuTemple bezieht, sind die Menominee, deren ursprüngliche Wurzeln auf Michigans Oberer Halbinsel liegen. Ihre volkstümlichen Überlieferungen sprechen von den »Meeresmenschen« – von hellhäutigen Seefahrern, die in großer Zahl über das Meer kamen, um »die Erdmutter zu verwunden, indem sie ihre glänzenden Knochen ausgruben« – eine poetische Anspielung auf das Kupfer. Das Rätsel um den vorzeitlichen Bergbau in Nordamerika wird noch größer, wenn wir uns bewusst machen, dass 25.000 Tonnen oder mehr Kupfer verschwunden sind. »Wo dieses Kupfer landete, ist noch immer ein Rätsel«, sagt DuTemple. Mit den Worten von Dr. James P. Scherz, einem emeritierten Professor an der Universität von Wisconsin in Madison:

»Eine der grundlegenden Fragen, die noch nicht beantwortet wurde, lautet: Was geschah mit dem Kupfer vom Oberen See? Das Kupfer, das in Grabhügeln gefunden wurde – auch wenn es eine große Menge war – stellt nur einen kleinen Prozentsatz davon dar. Die Europäer haben ein vergleichbares Problem. Woher kam all ihr Kupfer? Die Europäer befanden sich von 3000 bis 1000 vor Christus in einem Kupferrausch, vergleichbar mit dem heutigen Handel mit Öl, weil Kupfer ihre Wirtschaft antrieb.« (Joseph 1995, 54)

Scherz stellt damit die andere Seite des Rätsels vor. Die Bronzezeit begann in Europa und im Nahen Osten, da Waffen und Werkzeuge aus Bronze jenen aus Kupfer oder Stein überlegen waren. Bronze ist härter, widerstandsfähiger und lässt sich besser zu einer scharfen Klinge schmieden als Kupfer, und es ist leichter als Stein. Um Bronze herzustellen, muss Kupfer mit Zinn und Zink amalgamiert werden. Je höher der Kupfergehalt, desto besser die Waffe oder das Werkzeug. Die Alte Welt verfügte jedoch nicht über genügend Quellen hochwertigen Kupfers, um die Massenproduktion hochwertiger Bronzewerkzeuge zu ermöglichen, wie sie damals in jedem Reich der zivilisierten Welt üblich war. Woher hatten die Metallschmiede all das hochwertige Kupfer für die Millionen Speere, Schwerter, Rammen, Meißel, Bohrer, Statuen, Kessel, Altäre, Tempeltüren und all die anderen unzähligen Gegenstände, die sie fertigten? Beweise, die mehr als nur Indizien sind, weisen auf die Obere Halbinsel von Michigan hin. Dort haben die »Meeresmenschen« nicht nur die weltgrößten Vorräte an hochwertigem Kupfer ausgegraben, sondern auch Zinn gewonnen, eine weitere wichtige Komponente in der Bronzeherstellung.

Auf halbem Weg zwischen Nordamerikas gewaltigem Kupferbergbaugebiet und der Alten Welt mit ihrem Hunger nach Kupfer lag Atlantis, das für seine Seefahrer und Bergarbeiter berühmt war. Der Zusammenhang zwischen dem Kupferabbau in Michigan und dem Kupferverbrauch in der Alten Welt wird noch deutlicher, wenn man die Zeitparameter vergleicht: Der Kupfer- und Zinnbergbau auf der Oberen Halbinsel von Michigan startete um 3000 vor Christus, zur selben Zeit, als die Bronzezeit in Europa und im Nahen Osten begann. Sowohl der nordamerikanische Bergbau als auch die Bronzezeit der Alten Welt endeten gleichzeitig um 1200 vor Christus, dem Zeitpunkt – wie weiter unten beschrieben – der endgültigen Zerstörung von Atlantis.

Abb. E2. Drei wohlgeformte Speerspitzen aus Kupfer von der Oberen Halbinsel in Michigan. Ihre Produktion zwischen 3100 und 1200 vor Christus fällt mit der Bronzezeit der Alten Welt zusammen, die von den reichen mineralogischen Quellen abhängig war, über die die Kuperbarone von Atlantis herrschten.

Nach Platons Aussage müsste der Untergang von Atlantis 8.300 Jahre früher stattgefunden haben. Doch warum sollte seine Zeitvorstellung damals – im vierten Jahrhundert vor Christus – dieselbe gewesen ist wie unsere heutige? In der Tat war sie nämlich ganz anders! Niemand weiß genau, was er damit meinte, als er berichtete, Atlantis sei vor 11.500 Jahren zerstört worden. Was bedeuteten diese »Jahre« für ihn? Sonnen- oder Mondjahre, siderische oder astrologische Jahre – all diese Maße und noch weitere waren in der Antike in Gebrauch, und Wissenschaftler haben lange darüber debattiert, welches System Platon verwendete. Ich plädiere für die Annahme, dass er sich auf den Mondkalender bezog, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Damit lässt sich Atlantis in der späten Bronzezeit ansiedeln, als seine Zitadelle, wie von Platon beschrieben, typisch war für das monumentale Bauwesen jener Zeit im Mittelmeerraum. Diese Zitadelle hätte früher als 3000 vor Christus nicht erbaut werden können und wäre am Ende der letzten Eiszeit so fehl am Platze gewesen wie ein Wolkenkratzer mitten in der Bronzezeit.

2. Die endgültige Zerstörung von Atlantis fällt dadurch mit dem gleichzeitigen Ende der Bronzezeit in der Alten Welt und des Kupferbergbaus in Nordamerika zusammen.

3. Die ägyptischen Priester, die die Geschichte von Atlantis ursprünglich tradierten, benutzten einen Mondkalender.

4. Die Wissenschaft weiß heute, dass unser Planet um 1200 vor Christus eine sehr enge Begegnung mit einem Kometen hatte. Die Erde war damals einer globalen Katastrophe ausgesetzt, die alle zeitgenössischen Zivilisationen vernichtete, einschließlich der von Atlantis.

Neue Beweise zwingen uns dazu, alte Ansichten von der verlorenen Zivilisation von Atlantis aufzugeben. Sie war ein Phänomen der Bronzezeit und hatte ihre Blütezeit nicht während der letzten Eiszeit, wie früher angenommen wurde. Diese Datierung würde auch nicht zu dem von Platon beschriebenen milden Klima passen. Heute sind wir in der Lage, sowohl die finale Zerstörung von Atlantis zu datieren als auch einen Teil seiner Geschichte zu rekonstruieren, nämlich fast zweitausend Jahre vor diesem Ereignis. Das vorliegende Buch, Die Überlebenden von Atlantis, verbindet Wissenschaft und Überlieferung, um zu eruieren, was aus jenen wurde, die der Katastrophe entrannen.

Wann genau Atlantis gegründet wurde und wie lange seine Blütezeit währte, ist jedoch nach wie vor unklar. Die Ereignisse vor der ersten Katastrophe von 3100 vor Christus lassen sich nicht nachvollziehen. Bis dahin war Atlantis allen Anzeichen nach bereits zu einer hochentwickelten Gesellschaft mit einer ausgeklügelten materiellen Kultur herangewachsen. Die Entwicklung von den ersten Ursprüngen in der Steinzeit muss Jahrhunderte gedauert haben. Wir können jedoch Parallelen finden, wenn wir die zeitgenössische Vorgeschichte in Westeuropa betrachten. Verschiedene neolithische Kulturen entwickelten sich während des vierten Jahrtausends vor Christus. Damals waren die Menschen bereits geübte Seefahrer – und teilweise schon lange davor, wie die moderne Wissenschaft entdeckt hat. Diese frühen Seefahrer und ihre Nachkommen brachten wahrscheinlich ihre Fähigkeiten auf die Insel mit, die später nach ihrem Hauptvulkan Atlas benannt wurde. Der fruchtbare Boden und das gemäßigte Klima der Insel erleichterten die Landwirtschaft und sorgten für ein rasches Bevölkerungswachstum, Grundlage jeder Zivilisation. Um 3500 vor Christus entwickelte sich eine Siedlung zwischen der Südküste und dem Vulkan zu einer Stadt – der »Tochter des Atlas«, Atlantis.

Im Sanskrit bedeutet Atlas »der Tragende«. Vor sechstausend oder mehr Jahren könnte dieses Wort einfach gleichbedeutend mit »Berg« gewesen sein. Einige Forscher fragen sich, ob das A in unserem modernen Alphabet eventuell ein Ideogramm aus atlantischer Zeit ist, das einen im Meer stehenden Berg darstellt. In jedem Fall hätte Atlantis ein hohes kulturelles Niveau erreicht haben können, vergleichbar mit dem zeitgenössischen Mesopotamien um die Mitte des vierten Jahrtausends vor Christus, wenn nicht gar fortgeschrittener.

Doch all das ist Spekulation. Die Überlebenden von Atlantis konzentriert sich stattdessen auf die vier globalen Katastrophen, die von der Wissenschaft identifiziert wurden und die in den Erzählungen aller Völker, deren Küsten vom Atlantischen Ozean überschwemmt wurden, anschaulich geschildert werden. Dabei rückt das verlorene Reich klarer in den Fokus als jemals zuvor.

Sein anhaltender Einfluss auf unsere gegenwärtige Zivilisation hebt sich zum ersten Mal deutlich ab – und wir gelangen zu der Erkenntnis, dass die Geschichte von Atlantis die Geschichte unserer Welt ist.



EINS
Atlantis im Krieg

Wenn Luxus herrscht, verzehrt Feuer die Welt, und Wasser wäscht sie hinweg.

BURMESISCHES SPRICHWORT

Der erste große Weltkrieg begann nicht am 21. Juli 1914 in Serbien. Er begann mehr als dreitausend Jahre zuvor an der Nordwestküste des Landes, das heute die Türkei ist. Wie bei seinem Pendant im zwanzigsten Jahrhundert waren auch bei dem antiken Krieg anscheinend alle Völker der zeitgenössischen zivilisierten Welt am gegenseitigen Abschlachten beteiligt. Mächtige Flotten zogen eine Blutspur vom Atlantischen Ozean bis zum östlichen Mittelmeer. Schlachtfelder in Nordafrika und dem Nahen Osten waren bedeckt mit toten Soldaten und Zivilisten. Die Hauptstädte der feindlichen Reiche gingen in Flammen auf, während Millionen entwurzelter Menschen flohen, um ihr Leben zu retten. Niemals zuvor hatte es eine militärische Konfrontation dieser Größenordnung und Grausamkeit gegeben. Ganze Zivilisationen verschwanden, menschliche Rassen wurden ausgelöscht. Niemand blieb verschont. Eine ganze Ära brach zusammen, wobei Jahrtausende kultureller Errungenschaften ausgelöscht wurden. In der Folge zog ein finsteres Zeitalter über den schwelenden Ruinen der Menschheit herauf und verdunkelte für die nächsten fünfhundert Jahre ihre Erinnerungen.

Diese enorme Tragödie ist zwar größtenteils vergessen, doch wurde sie von vier führenden Persönlichkeiten ihrer Zeit aufgezeichnet – von zwei Ägyptern und zwei Griechen. Jeder von ihnen dokumentierte eine besondere Phase dieses gewaltigen Kampfes – das, was sie davon gehört oder selbst erlebt hatten. Im Zusammenhang gesehen, ergänzen sich ihre Berichte und enthüllen den Konflikt als ein ganzheitliches Panorama des Weltgeschehens.

Die früheste Version findet sich in den königlichen Berichten des Merenptah, eines Königs der 19. Dynastie, der Ägypten gegen die als Hanebu bezeichneten Seevölker verteidigte. Er beendete ihre Invasion des Nildeltas im Jahre 1229 vor Christus, doch vierzig Jahre später kehrten sie mit einer größeren Streitmacht zurück. Erneut wurden die Hanebu besiegt, dieses Mal von Merenptahs Nachfolger Ramses III., der nach seinem Triumph einen Siegestempel errichtete. Dieser weitläufige Komplex in Medinet Habu (siehe Abb. 1.1 und Abb. 1.2) wurde um das Jahr 1187 vor Christus im westlichen Theben im oberen Niltal erbaut und folgte den Traditionen der Baukunst des Neuen Reiches. Seine Mauern sind mit einem Augenzeugenbericht des militärischen Erfolges des Pharaos geschmückt, samt den Zeugnissen gefangener Angehöriger der Seevölker sowie Illustrationen von Uniformen, Waffen und Schiffen.

Diese Zusammenstöße in Ägypten ereigneten sich gleichzeitig und in Zusammenhang mit dem von Homer beschriebenen Trojanischen Krieg. Homers Ilias, verfasst etwa fünf Jahrhunderte nach den Ereignissen, die sie schildert, ist die poetische Zusammenfassung mündlicher Überlieferungen, die seit Generationen bekannt waren. Lange für Fantasie gehalten, wurde Ilios, die trojanische Hauptstadt, 1871 entdeckt, zusammen mit physischen Beweisen für den Krieg, der mit ihrem Namen verbunden ist.

Abb. 1.1. Der Siegestempel von Ramses III. in Medinet Habu, wo der Bericht über Ägyptens Krieg mit Atlantis noch immer in Stein bewahrt ist.

Um 355 vor Christus verfasste der athenische Philosoph Platon zwei Dialoge, Timaios und Kritias, die von einem Angriff gegen die Mittelmeerwelt berichten. Er erzählt, wie atlantische Flotten- und Landstreitkräfte das westliche Italien und einen großen Teil Nordafrikas eroberten. Sie bedrohten anschließend Ägypten, wurden aber von einer griechischen Koalition bezwungen. Inmitten dieses Debakels wurde die Hauptstadt Atlantis durch eine Naturkatastrophe zerstört.

Merenptah, Ramses III., Homer und Platon beschreiben denselben Krieg, jeder aus einer anderen Perspektive. Und sie waren nicht seine einzigen Chronisten. Ureinwohner Amerikas, von Neuengland bis zur Yucatán-Halbinsel, erzählen von einer großen Flut, vor der ihre Urahnen nach einem schrecklichen Krieg flüchteten. Eine Synthese dieser verstreuten Quellen von beiden Seiten des Atlantiks lässt zum ersten Mal ein vollständiges Bild des Konflikts entstehen. Er taucht auf als ein gewaltiger Schlagabtausch, der nicht nur ein ganzes Zeitalter durch Feuer beendete, sondern auch die Fundamente legte, auf denen unsere moderne Welt noch heute beruht.

Die Ursprünge dieses gigantischen Kampfes reichen fast zwei Jahrtausende in die Vergangenheit zurück. Gegen Ende des vierten Jahrtausends vor Christus hatte die Zivilisation auf der Insel des Atlas eine beispiellose Verfeinerung erreicht. Die kulturellen und technischen Errungenschaften ihrer Bewohner waren allen anderen auf der Welt weit voraus. Jedes Volk hat seine nationale Ethik, die seine Identität definiert; ebenso die Atlanter. Sie waren friedliebend und tugendhaft, stolz auf ihre einzigartigen Erfolge als Architekten, Bewässerungsspezialisten, Mediziner, Astronomen und Seefahrer. Ihre Wurzeln reichten zurück bis in die Altsteinzeit mit der Mystik ihrer bemalten unterirdischen Höhlen. Sie bewahrten und nährten den Glauben ihrer Ahnen, der die wiederkehrenden Zyklen einer grundlegenden, natürlichen Ordnung betonte. Die Menschen hatten, wie alle anderen Lebewesen auch, Teil am ewigen Kreislauf von Geburt, Reifung, Verfall, Tod und Wiedergeburt. Sich im Einklang mit den wahrgenommenen Mustern des Lebens zu verhalten brachte eine Gesellschaft im Gleichgewicht hervor, bei der die äußere materielle Größe ihre innere spirituelle Einheit widerspiegelte.

Doch diese Harmonie sowie die ursprüngliche Weltsicht wurden um 3100 vor Christus erschüttert. Ein Komet oder vielleicht sogar eine ganze Reihe von Kometen ließen Schauer von Meteortrümmern auf die Erde niedergehen, die zu geologischen Umbrüchen führten. Heimgesucht durch das vom Himmel stürzende Feuer und heftige seismische Aktivitäten unter ihren Füßen, erlebten die Atlanter das Zerbrechen und die teilweise Überflutung ihres Heimatlandes. Bei diesem Aufruhr von Himmel, Meer und Erde kamen Tausende um, während die Zivilisation um sie herum in Trümmer fiel. Nachdem die heftigste Erschütterung vorüber war, erblickten die Überlebenden eine komplett veränderte Landschaft. Viele verzweifelten an der Aufgabe, ihre Heimat wiederaufzubauen, und flohen in entfernte Gegenden der Welt, weit weg von einem Ort, der offenbar von den Göttern verflucht war. Die meisten ihrer Führer und Denker schlossen sich der Massenmigration ins Niltal und nach Mesopotamien an. In diesen Regionen arbeiteten sie mit den einheimischen Bewohnern zuammen und gaben ihre Technologie und Spiritualität an sie weiter, wodurch neue Dynastien und Siedlungen entstanden. Dabei vermischte sich ihre Identität mit der der eingeborenen Bevölkerung, und so entstanden die Mischvölker und Kulturen des pharaonischen Ägypten und des sumerischen Schwemmlandes. Schwache Erinnerungen an die Atlanter sind in den Gründungsmythen der Ägypter sowie im Gilgamesch-Epos erhalten geblieben.

Abb. 1.2. Diese maßstabsgetreue Rekonstruktion zeigt den Tempel kurz vor seiner Vollendung, um 1185 vor Christus. Auf der großen Mauer ist ein gigantischer Ramses III. porträtiert, der die geschlagenen atlantischen Seevölker mit über den Köpfen gefesselten Händen in die Gefangenschaft führt. (Milwaukee Public Museum)

Andere Überlebende entschlossen sich, zu bleiben, die Trümmer zu beseitigen und eine neue Zivilisation auf den Überresten der alten zu errichten. Während dieser Zeit waren sie natürlich relativ ungeschützt gegenüber Angriffen von außen. Fremde Krieger nutzten die Notlage der traditionell friedfertigen Inselbevölkerung aus und unterwarfen sie, wenn auch nur zeitweise. Diese Demütigung führte zu einer Veränderung in der Psyche der Atlanter. Angesichts der harten Wirklichkeit der Bedrohung und Besatzung sowie des Traumas der Naturkatastrophe gaben die Inselbewohner die friedlichen Lehren ihrer Vorfahren von Harmonie und Menschlichkeit allmählich auf.

Ein weiterer einflussreicher Faktor trug zur Veränderung ihres Verhaltens bei: Reichtum. Einige Überlebende der Katastrophe segelten über das Meer, um an fernen Gestaden ein neues Leben zu beginnen. Ihre Flucht führte sie an die Küsten Nordamerikas. Dort trafen sie auf Ureinwohner, die den außergewöhnlichsten Kupferschmuck trugen, den die Atlanter jemals gesehen hatten. Nach dem Ursprung des Metalls befragt, brachten die Indianer sie tausende Kilometer tief ins Land, ins Gebiet der Großen Seen und der Oberen Halbinsel von Michigan. Dort stießen sie oberirdisch auf Brocken von gediegenem Kupfer, die Jahrtausende zuvor von zurückweichenden Gletschern zurückgelassen worden waren. Diese wurden von Stammesangehörigen gesammelt und zu Schmuck verarbeitet. Die Fremden sahen jedoch diese Kupfervorkommen an den Küsten des Oberen Sees mit anderen Augen. Als erfahrene Erzsucher wussten sie, dass solche Funde unterirdischen Reichtum versprachen.

Sie kehrten also zurück zur Insel des Atlas, die sich noch von dem Unglück von 3100 vor Christus erholte, und erzählten ihren Landsleuten von dem mineralischen Reichtum jenseits des Meeres. Als Bergleute, nicht als Flüchtlinge, zogen sie nun aus und begannen auf der Oberen Halbinsel mit dem Abbau der Erze in wahrhaft atlantischer Größenordnung. Millionen Tonnen Erde wurden ausgehoben, um Tonnen von Kupfer auszugraben. Das gewonnene Kupfer wurde zu Barren geschmolzen, um es auf die Insel des Atlas zu transportieren, wo es mit Zink und Zinn legiert wurde. Das Bronzezeitalter war geboren.

Damit beherrschten die Atlanter den Markt und bestimmten das Angebot an Kupfer, unverzichtbares Element der Bronzeproduktion. Jeder Herrscher der zivilisierten Welt wurde zum Kunden dieser ozeanischen Metallbarone. Kein König konnte sein Reich gegen die Bronzewaffen eines Feindes schützen, wenn seine eigene Streitmacht nicht ebenso ausgerüstet war. Aus Bronze ließen sich außerdem hervorragende Werkzeuge herstellen, und Monarchen stellten ihren Reichtum und ihre Macht zur Schau, indem sie Stadtmauern und -tore damit verzieren ließen. Bronze war die Atomenergie jener Tage: Sie nicht zu besitzen, schloss ein Volk aus dem Verbund der zivilisierten Gesellschaften aus. Und die Atlanter waren die einzigen Händler. Infolgedessen flossen die Reichtümer der damaligen Welt auf ihre Insel und veränderten sie und ihr Volk für immer.

Als fähige Seefahrer bauten sie eine starke Flotte zur Verteidigung der geheimen Seewege nach Nordamerika mit seinen reichen Kupfervorkommen. Mächtige Schiffe transportierten nicht nur Ladungen des Metalls, sondern bekämpften auch Piraten und Konkurrenten, denn der atlantische Reichtum beruhte auf dem Monopol des Kupferhandels. Bald gründeten sie Kolonien, von Yucatán und Kolumbien bis zu den britischen Inseln, Spanien und Nordafrika – einschließlich anderer Atlantikinseln wie Azoren und Kanaren –, um die jeweiligen regionalen Ressourcen, wie zum Beispiel Nahrungsmittel, exotische Materialien, wertvolle Hölzer, Luxusgegenstände und andere Handelsgüter, zu nutzen.

Lange nachdem das Land sich von dem ersten Unglück erholt hatte, schlug 2193 vor Christus eine weitere Kometenkatastrophe zu. Wie zuvor flüchteten große Teile der Bevölkerung von der Insel, doch diesmal wanderten sie in die angegliederten Königreiche und Kolonien auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans aus, womit sie das Reich stärkten. Die Hauptstadt war stark beschädigt, aber der Wiederaufbau begann sofort. Zwar versanken einige Teile der Insel aufgrund vulkanischer Eruptionen im Meer, was zu neuen Auswanderungswellen zu den Küsten auf beiden Seiten des Atlantiks führte. Jedoch verloren die Atlanter niemals die Kontrolle über das Bronzezeitalter, das sie selbst hervorgebracht hatten.

Während der folgenden sechshundert Jahre lieferten die Minen von Michigan Millionen Tonnen von Kupfer für den unersättlichen Markt. Auch wenn die traditionelle Spiritualität von Atlantis vom Materialismus überschattet wurde, war das Volk zwar kommerziell orientiert, aber nicht militärisch aggressiv. Die Flotten und Armeen bewachten die Kolonien und verteidigten das Heimatland gegen jede äußere Bedrohung, aber Eroberungen wurden durch Handel gemacht, nicht durch Waffengewalt. Fast die ganze erste Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus hindurch genossen die Atlanter beispiellosen Wohlstand und all die kulturellen Errungenschaften, die damit einhergehen. Das Idyll dauerte an, bis das »Feuer des Himmels« im Jahr 1628 vor Christus erneut zuschlug. Noch einmal wurde die Welt Opfer eines mörderischen Kometen, von dem flammende Trümmer auf eine wehrlose Menschheit herabregneten. Der mittelatlantische Rücken bebte unter dem kosmischen Angriff und sandte Schockwellen in alle atlantischen Länder.

Wie schon zweimal zuvor in ihrer Geschichte machten die Atlanter Bekanntschaft mit Zerstörung und Auswanderung. Ihre Stadt litt, aber beim Wiederaufbau jener Epoche zeigte sich eine bemerkenswerte Veränderung. Vor langer Zeit hatte die Stadt Atlantis sich über den neolithischen Ruinen einer heiligen Stätte erhoben, aber mit dem Wachstum der Bevölkerung expandierte sie weiter und wurde schließlich zu einer Metropole. Nun offenbarte sich ihre militärische Einstellung in kreisförmigen Kanälen, die als Verteidigungsgräben für künstliche Inseln dienten, und hohen Mauern, die mit Wachttürmen gesäumt waren. Der innerste Kreis wurde zur Residenz des Reiches, zu einem geschäftigen Hauptquartier von Generälen und Admiralen, mit Paradeplätzen und Kasernen für Seeleute und Marinesoldaten. Ein neuer Hafen, der größte, wurde ausschließlich für Kriegsschiffe gebaut. Die hochgerüsteten Verteidigungsanlagen der Hauptstadt verraten die Sorge vor neuen potenziellen Gefahren und deuten vielleicht sogar auf eine aggressivere Außenpolitik hin. Tatsächlich reflektierten diese Veränderungen veränderte Bedingungen in anderen Teilen der Welt.

Die Naturkatastrophe von 1628 vor Christus hatte ihre schlimmsten Auswirkungen im östlichen Mittelmeer, wo sie die vulkanische Insel von Thera, das heutige Santorin, mit der Kraft eines gewaltigen nuklearen Ereignisses zur Explosion brachte. Die Zivilisation in der Ägäis wurde dadurch zwar nicht ausgelöscht, aber schwer angeschlagen, und die politischen Machtverhältnisse strukturierten sich neu. Vorher hatte das minoische Kreta mit seinen Handelsflotten diesen Teil der Welt dominiert, aber nun begegneten seine Seefahrer ernsthaften Konkurrenten. Die Erschütterungen hatten die Region destabilisiert, was zu einem Aufschwung der Piraterie rund um Zypern, Rhodos und die Kykladen führte. Auf dem griechischen Festland verheerten die Mykener die Randgebiete des minoischen Wirtschaftsimperiums mit Plünderungen und zunehmender Gewalt. Aus dieser Bedrohung wurde schließlich eine Invasion, wie sich durch die Einführung eines neuen Schrifttyps in Kreta, der Linearschrift B, belegen lässt.

Diese griechische Eroberung alarmierte ein anderes Volk nahe den Küsten des nordwestlichen Kleinasiens in der heutigen Türkei. Die Trojaner herrschten dort über ihr eigenes Reich von einer bekannten Stadt aus, Ilios, die auf einem Hügel thronte und einen guten Überblick über alle Zugänge bot, besonders die vom Meer aus. Die Hauptstadt besaß extrem starke Verteidigungsanlagen. Die Bewohner waren buchstäblich eingeschlossen hinter militärisch konstruierten Mauern voller Wachtürme und einer Reihe von Anti-Belagerungswaffen, die Tag und Nacht besetzt waren. Aber die Bewohner von Ilios waren nicht paranoid. Sie hatten guten Grund, die Außenwelt zu fürchten, denn ihre Stadt war schon einmal geplündert worden. Diese Niederlage hatte zwar in ferner Vergangenheit stattgefunden, doch nun waren die Trojaner reicher als jemals zuvor, weil sie die Dardanellen kontrollierten, die Meerenge, die dem europäischen Handel den Zugang zu den lukrativen Märkten rund um das Schwarze Meer ermöglichte.

Im Bewusstsein ihrer strategischen Bedeutung erhoben die Trojaner Zollgebühren von allen Händlern, die dort passieren wollten. Die resultierenden Einnahmen füllten die Kassen von Ilios und zogen Verbündete an, die vom Wohlstand der Stadt profitieren wollten. Doch sie machten sich damit auch Feinde, denn so einige missbilligten die hohen Zahlungen, die sie für das Durchsegeln der Dardanellen entrichten mussten. Der wichtigste dieser Konkurrenten, Mykene, hatte sich eben mit der Eroberung Kretas hervorgetan. Diese Übernahme trug enorm zur Erweiterung des mykenischen Einflussbereichs bei. Bereits im sechzehnten Jahrhundert vor Christus reichte ihr Handel bis Südfrankreich, aber auch über den Atlantik bis nach Cornwall. Dort traten sie mit den Atlantern in direkte Konkurrenz um den Handel mit Zinn, das wichtig war für die Bronzeproduktion, die die Könige von Atlantis als ihr eigenes Monopol betrachteten.

Die Übernahme des minoischen Handels, an dem Ilios seit Jahrhunderten aktiv beteiligt gewesen war, durch feindliche Griechen bedrohte die Trojaner, und sie suchten nach hilfreichen Verbündeten. Ihr mächtiger Nachbar im Osten, der hethitische Großkönig, war der Stadt Wilion, wie er die Hauptstadt Ilios nannte, durchaus wohlgesonnen. Doch sein Interesse konzentrierte sich auf den großen Rivalen Ägypten, dessen Reich sich damals bis ins heutige Nordsyrien erstreckte, wo sich in den Grenzregionen ernsthafte Konflikte zwischen den beiden Supermächten, dem ägyptischen und dem hethitischen Reich, anbahnten. Das Letzte, was er nun wollte, war eine Ablenkung in der Ägäis, wo hethitische Interessen nicht zur Debatte standen.

Im Westen hatten die trojanischen Abgesandten mehr Glück. Ihr Gründungsmythos beschreibt sie schließlich als Abkömmlinge des Dardanos, des Sohnes der Elektra, der Tochter von Atlas – und damit einer Atlanterin. Nun waren die Atlanter in jüngster Zeit durch mykenische Übergriffe in Britannien verunsichert worden. Zusätzlich würde ein Pakt mit Troja Atlantis den Mittelmeerraum eröffnen. Wenn Atlantis der Status einer begünstigten Nation gewährt würde, hätten seine Kaufleute Zugang zu den Märkten am Schwarzen Meer auf der anderen Seite der Dardanellen.

Das Abkommen zwischen Atlantis und Troja sandte Schockwellen durch den Rest der damaligen zivilisierten Welt, vor allem nachdem Libyen, der ewige Feind Ägyptens, diesem Pakt beigetreten war. Pharao Ramses II. schloss hastig ein Bündnis mit den Hethitern, die ihn gerade in der epischen Schlacht von Kadesch in Nordsyrien besiegt hatten. Die Hethiter waren nicht weniger entsetzt angesichts der atlantischen Ambitionen im Mittelmeerraum, insbesondere da sie befürchteten, dass die Mykener entweder besiegt oder gezwungen werden könnten, sich den Seevölkern anzuschließen – ein Name, mit dem sowohl die Ägypter als auch die Hethiter alle Mitglieder des sich vergrößernden Bundes bezeichneten. Im Jahr 1283 vor Christus wurden schriftliche Zeugnisse ihres Beistandspakts in den jeweiligen Hauptstädten, Theben im oberen Niltal und Hattusas im Zentrum Anatoliens, verewigt. Heute, nach mehr als zweiunddreißig Jahrhunderten, können Besucher des großen Luxor-Tempels den Text noch heute auf den monumentalen Säulen der Stadt erkennen, zusammen mit den in Stein gemeißelten Bildern der bedrohlichen Seevölker, die ausdrücklich im Vertrag erwähnt werden.

Die unerwartete diplomatische Kehrtwende zwischen diesen einstigen Gegnern, den Ägyptern und Hethitern, alarmierte wiederum die Atlanter, und ihre Militärmaschine legte einen höheren Gang ein. Ein ganzer Abschnitt des vierten Teils von Platons Kritias beschreibt die Streitkräfte von Atlantis auf dem Zenit seiner Macht. Die Landarmee wurde von sechzigtausend Offizieren geführt, die »eine unbegrenzte Menge von Männern in den Bergen und anderen Teilen des Landes« kommandierten. Diese Fußsoldaten wurden unterstützt durch zehntausend Wagen mit je zwei Hopliten (schwer bewaffnete Fußsoldaten), zwei Bogenschützen, zwei Schleuderern, drei leicht bewaffneten Steinwerfern, drei Speermännern oder vier Marinesoldaten. Die Seestreitmacht war die größte der damaligen Zeit und verfügte über zwölfhundert Kriegsschiffe, Versorgungsschiffe und Transporter. Diese Zahlen beziehen sich nur auf Atlantis selbst und schließen nicht die neun angegliederten Königreiche ein, aus denen sich der Rest des Reiches zusammensetzte. Insgesamt reichten ihre Kräfte aus, um selbst die Ägypter und die Hethiter so einzuschüchtern, dass sie einen Vertrag zur gegenseitigen Hilfe abschlossen.

Trotz all ihrer Flotten und Armeen waren die Atlanter mit ihren Chancen noch immer unzufrieden, und sie begannen zusätzliche Verbündete in Italien, Sardinien, Sizilien und Palästina zu rekrutieren. »Sie hatten keine gemeinsame Sprache«, sagt Homer über die Seevölker, »sondern eine Verwirrung der Zungen, denn sie waren aus vielen Ländern gerufen worden.« Lydien, Luwien, Kizzuwatna und fast alle anderen Küstenländer Kleinasiens schlossen sich dem trojanischen Lager an. Einer von Trojas Prinzen, Ilioneus, prahlte: »Viele Nationen und viele Rassen haben ein Bündnis mit uns gesucht und wollten, dass wir uns mit ihnen zusammenschließen.« Zu jener Zeit erstreckte sich das Atlantische Reich mit seinen Kolonien, angegliederten Königreichen und Verbündeten von den Küsten Mittel- und Südamerikas im Westen bis zu den britischen Inseln und schloss die Iberische Halbinsel, Italien, ganz Nordafrika bis zur ägyptischen Grenze sowie die Westküste Kleinasiens mit ein. Es umfasste Millionen von Menschen über viele tausend Kilometer sowie ein politisches Netzwerk, das größer war als das Roms und für die nächsten dreitausend Jahre, bis zum Aufstieg des britischen Imperialiums, unerreicht bleiben sollte. Wie Ilioneus staunend bemerkt, war es »das mächtigste Reich, das die Sonne bei all ihren Reisen vom äußersten Rand des Himmels je gesehen hat«.

Zur gleichen Zeit listete der hethitische Großkönig Tudhaliyas IV. für seinen königlichen Verbündeten im Amurri-Reich auf Zypern seine eigene Koalition auf: »Die Könige, die mir gleichrangig sind, sind der König von Ägypten, der König von Babylon, der König Assyriens und der König von Ahhiyawa [Homers Achaia, das mykenische Griechenland].« All diese Kämpfer wurden nun für eine internationale Konfrontation aufgestellt, und noch nie hatten sich so viele verschiedene Armeen und Flotten über so große Entfernungen hinweg versammelt.

Die Mykener hatten weitaus weniger Erfolg damit, die anderen Griechen davon zu überzeugen, dass ein universelles Bündnis notwendig war. Dafür sprachen allerdings die Umtriebe trojanischer Freibeuter (gegen die auch die Mykener nicht immun waren), deren Verwüstungen sich auf den gesamten Peloponnes auszudehnen begannen. Es gab außerdem beunruhigende Nachrichten aus Troja selbst. König Priamos hatte gerade ein intensives Schiffsbauprogramm gestartet. Seine Untertanen waren führend in der Herstellung von Segeltuch und der Produktion von Pech, und ihr Land war ungewöhnlich reich an Wäldern und Bauholz. Die Mykener schlossen daraus, dass eine Invasionsflotte gegen sie vorbereitet würde, und es kam zu einem Wettrüsten der Seestreitkräfte.

Inmitten dieser Umtriebe könnten trojanische Piraten zu weit gegangen sein, absichtlich oder zufällig, als sie eine königliche Person gefangen nahmen, vielleicht eine Frau namens Helena. Ihre Entführung könnte der Propaganda-Akt gewesen sein, der die zerstrittenen Griechen einte. Keine geringere Autorität bezüglich der Ereignisse jener Zeit als der renommierte Lionel Casson vermutet, dass die »Entführung« Helenas tatsächlich der Funke war, der das Pulverfass zum Explodieren brachte. Sie war zumindest ein zugkräftiges Symbol für die Verluste, die Mykene durch trojanische Piraten erlitt. Angesichts des Charakters jenes Zeitalters ist es durchaus im Bereich des Möglichen, dass eine griechische Prinzessin während eines der zahlreichen Akte der Piraterie, die damals in der Ägäis vorkamen, geraubt wurde.

Die Entführung eines Mitglieds des königlichen Hauses wäre sicher Grund genug für einen Krieg zwischen zwei Völkern, deren Beziehungen auf Messers Schneide stehen. Vielleicht war es auch ein bewusster Akt der Trojaner, um eine entscheidende Konfrontation zu provozieren. Was auch immer das Motiv war, die Mykener zogen alle verfügbaren Schiffe zusammen und versammelten alle Krieger von Pylos bis Phillippi für einen waghalsigen Erstschlag. Dies war mit Sicherheit die richtige Entscheidung, weil die Trojaner dadurch nicht nur vom Zugang zum Meer abgeschnitten wurden, wodurch ihre Flotte wertlos wurde, sondern sie auch gezwungen waren, für die Dauer des Konflikts defensiv zu kämpfen. Im Jahr 1237 vor Christus überquerten griechische Streitkräfte in großer Zahl das Ionische Meer, um an mehreren wichtigen Punkten entlang der Westküste Kleinasiens zu landen und Troja von aller Hilfe von außen abzuschneiden. Sie begannen sofort, die Hauptstadt zu belagern. Ab dem ersten Tag des Krieges lag der Vorteil bei den Eindringlingen. Sie besiegten nacheinander König Priamos’ anatolische Verbündete und bereiteten anschließend einen großen Angriff auf Ilios vor (siehe Abb. 1.3).

Angesichts der griechischen Seestreitmacht im Norden und der ägyptischen Marine, die im Süden zum Einsatz bereitstand, wollten die atlantischen Admirale es vermeiden, ihre Flotte in eine so offensichtliche Falle zu lenken, gleichgültig, wie verzweifelt die Situation für ihre anatolischen Verbündeten war. Sie warteten also ab, ob eine trojanische Gegenoffensive die Umzingelung des Feindes durchbrechen und die Mykener zurück ins Meer treiben würde, wo sie sich leichter angreifen ließen. Die Hethiter auf der anderen Seite des belagerten Ilios warteten ebenfalls ab. Auch wenn sie die Seevölker fürchteten und auf ihre Vernichtung hofften, trauten sie Ägypten nicht, denn sie wussten, dass ein endgültiger Showdown mit dem Pharao – Vertrag hin oder her – unvermeidlich war. Die Ägypter ihrerseits hielten ebenfalls Abstand und begnügten sich damit, Getreide und Waffen an ihre unsicheren Verbündeten in Kleinasien zu schicken. Die Hethiter beschlossen, alle Gegner gegeneinander auszuspielen, bis sich eine günstige Gelegenheit zur Intervention ergeben würde. Wenn die Mykener sich überlegen zeigten, würden die Hethiter Ilios erobern, um zu verhindern, dass es an die Griechen fiele. Und wenn die Trojaner die Oberhand gewönnen, würden die Hethiter Troja besetzen, bevor die Seevölker in Kleinasien Fuß fassen konnten. In der Zwischenzeit bestand die beste Strategie wohl darin, allen Seiten zu erlauben, sich durch gegenseitiges Abschlachten zu schwächen, während sie ihre eigene Kraft für den entscheidenden Moment des Eingreifens aufsparten.

Dieser Moment schien gekommen zu sein, als sich die atlantische Hoffnung auf einen trojanischen Ausfall erfüllte: Ein Streitwageneinsatz durchbrach von Ilios aus die feindlichen Linien und bedrohte die Flotte der Griechen. Viele Schiffe gingen in Flammen auf. Die Mykener wurden zunächst ins Meer zurückgedrängt, sammelten sich jedoch wieder und begannen eine verzweifelte Gegenoffensive, so dass die Trojaner sich schließlich unter schweren Verlusten hinter ihre sicheren Stadtmauern zurückziehen mussten.

Während das eigentliche Ziel der Operation – den Feind an der Küste von weiteren Versorgungsmöglichkeiten abzuschneiden – nicht erreicht wurde, waren die Griechen doch zutiefst erschüttert, da sie während der Schlacht um ihre Schiffe der Vernichtung nur knapp entgangen waren. Die Verluste und die Erschöpfung der Griechen ausnutzend, griff die atlantische Flotte nun plötzlich an und durchquerte mit hoher Geschwindigkeit überall dort die Linien mykenischer Kriegsschiffe, wo sie nur dünn verteilt waren. Die Schiffe wurden in Schach gehalten oder versenkt, während Truppen der Seevölker erfolgreiche Landungen entlang der anatolischen Küste unternahmen. Eine ganze Armee – zehntausend Marineinfanteristen – ging unter dem wilden Beifall ihrer lydischen Verbündeten an Land. Sie wurden von Memnon angeführt, einem großen und kraftvollen Mann. Allgemein waren die Atlanter bekannt für ihre mächtige Statur, so dass die griechischen Mythen sie als »Titanen« bezeichneten.

Abb. 1.3. Die schrägen Verteidigungsmauern von Ilios, der Hauptstadt Trojas. Der Trojanische Krieg, der hier stattfand, war eigentlich nur eine lokale ägäische Phase der atlantischen Invasion der mediterranen Welt, wie sie von Platon beschrieben wurde.

In den Posthomerica wird Memnon als ein König aus Äthiopien beschrieben. Äthiopien wurde in früh- und vorklassischer Zeit mit den atlantischen Küsten Nordwestafrikas sowie mit dem atlantischen Reich im Allgemeinen assoziiert. Erst Jahrhunderte später wurde der Name »Äthiopien« einem Land südlich von Ägypten zugeordnet (siehe Joseph, Der Untergang von Atlantis, viertes Kapitel, Abschnitt »Der Strahlende«). Ovid beschreibt im vierten Buch seiner Metamorphosen, dass Prinzessin Andromeda in Äthiopien an eine hohe Klippe mit Blick auf das Meer gefesselt wurde – in dem Gebiet, das wir heute als Äthiopien kennen, wäre das nicht möglich gewesen. Andere Elemente des Andromeda-Mythos beschreiben nicht nur die Grenzen des Landes zum Ozean hin, sondern enthalten auch erkennbare atlantische Themen. Andromeda war die Urenkelin Poseidons, des Schöpfers von Atlantis. Dieser verwüstete die Küsten Äthiopiens mithilfe eines Ungeheuers, das Ovid als »vulkanisch« beschreibt, was auf Tsunamis hindeutet, die vom vulkanischen Berg Atlas ausgingen. Ein anderer römischer Gelehrter, Plinius der Ältere, gibt an, dass Äthiopien ursprünglich als Atlantia bekannt war. Memnon sagt von seiner frühen Kindheit: »Die Hesperiden zogen mich weit entfernt am Strom des Okeanos auf.« Die Hesperiden waren Atlanterinnen, Töchter des Atlas, die den heiligen Baum mit goldenen Äpfeln in der Mitte seines Inselreiches bewachten. Dass Memnon von ihnen »aufgezogen« wurde, zeigt, dass er in der Tat ein König war, ein Mitglied des königlichen Hauses von Atlantis. Nach seinem Tod wurde er von einer anderen Gruppe von Atlanterinnen betrauert, den Plejaden, Töchtern der Meeresgöttin Pleione und des Atlas.

Politisch und militärisch war Memnon ein idealer Führer. Seine Mutter Eos (Göttin der Morgenröte) gebar ihn in Atlantis, und sein Vater Tithonus gehörte zum königlichen Haus von Troja – ein Stammbaum, der ihm die Unterstützung sowohl atlantischer als auch trojanischer Truppen sicherte. Zu einer besonderen Armee namens Memnoniden vereint, trugen seine Soldaten unverwechselbare Brustpanzer mit dem Abbild einer schwarzen Krähe, dem Tier des Kronos, eines Titanen, der mit dem Atlantik in Verbindung gebracht wurde. Das Krähenabzeichen war ein Ausdruck der stolzen Herkunft der Truppen, ihres Korpsgeistes und ihrer Treue zu ihrem Anführer.

Memnon marschierte mit ihnen über die lydische Grenze nach Norden, entlang der anatolischen Küste und weiter, um Ilios zu entlasten. Dabei stellte sich ihnen ein bewaffnetes Heer von Solymi entgegen, griechischen Verbündeten, die Entsatzversuche wie diesen verhindern sollten. Die Memnoniden griffen sie frontal mit einer solch blitzartigen Geschwindigkeit an, dass die Front des Feindes in zwei Teile zerfiel, worauf das gesamte Zentrum zusammenbrach. Die Atlanter kreisten sie daraufhin ein und vernichteten ihre betäubten Gegner mit einer meisterhaft koordinierten Doppelzangenbewegung, mit Memnon selbst inmitten der Kämpfe. Im ersten Buch der Posthomerica beschreibt Quintus von Smyrna, wie der Atlanter »mit zornerfüllten Händen eine große Armee aufsässiger Solymi tötete«. In der Tat überlebte keiner den Angriff. Die Schnelligkeit und Vollständigkeit ihrer Niederlage schockierte die übrigen griechischen Verbündeten, die sich zerstreuten, so dass die Memnoniden schnell und ungehindert auf Ilios zusteuern konnten.

Memnons Truppen kamen gerade noch rechtzeitig an. Hektor, Trojas wichtigster Heerführer und Feldherr in der beinahe siegreichen Schlacht um die Schiffe, war vor kurzem im Zweikampf mit Achilles gefallen. Der rachsüchtige Grieche kostete diesen Triumph aus, indem er die Leiche des trojanischen Heerführers an seinen Streitwagen band und sie um die Mauern von Ilios schleifte – ein makabres Schauspiel für dessen unglückliche und hilflose Bewohner. In diesem dunklen Augenblick der langen Belagerung hatte das Erscheinen Memnons an der Spitze seiner Armee von Seevölkern eine erhebende Wirkung auf die kriegsmüden Trojaner. Mit seiner Hilfe erschien ein Sieg nun doch noch möglich. Die Memnoniden stürzten sich in den Kampf und erlitten schreckliche Verluste, konnten dem Feind aber ebenfalls schwere Schläge zufügen. In einer schnellen Folge von erbitterten Schlachten wurden die Mykener erneut zu ihren Schiffen zurückgetrieben. Nichts schien den atlantischen Titanen aufhalten zu können. Das Kriegsglück verließ die Griechen, und sie erwogen, das Feld zu räumen, solange sie noch konnten. Doch just in dem Augenblick, als die Memnoniden kurz davorstanden, das feindliche Lager aufzurollen, starb ihr Anführer durch dasselbe Schwert, das auch Hektor getötet hatte.



ZWEI
Die Strafe des Imperiums

Eine militärisch hochgerüstete Rasse kam aus dem Atlantik und fiel mit einer großen Flotte und einer starken Armee in ganz Westeuropa und Nordafrika ein, bis hin zur libyschen Wüste. Ohne Rücksicht auf Nationen, die in jenen fernen Tagen neutral bleiben wollten, überrannten sie jedes Land zwischen Gibraltar und der heutigen Levante.

HAROLD T. WILKINS:

MYSTERIES OF ANCIENT SOUTH AMERICA

Mit Memnons Tod verloren seine Soldaten den Kampfesmut. Er war Trojas letzte Hoffnung gewesen. Nach zehnjähriger Belagerung fiel die Hauptstadt in einem Feuersturm, als Homers Achäer Ilios plünderten. Ihre Schiffe, mit Beute und Sklaven beladen, kehrten über das Ionische Meer nach Griechenland zurück. Die atlantische Flotte forderte sie nicht heraus, sondern zog still in südlicher Richtung ab. Bei jedem Versuch, die Dardanellen zu erobern, wären sie nun mit den siegreichen Mykenern auf der einen Seite und den abwartenden Hethitern auf der anderen Seite konfrontiert gewesen – eine Situation, die es zu vermeiden galt. Selbst wenn sie die Meerenge hätten einnehmen können, wäre es doch unmöglich gewesen, sie zu halten.

Auch wenn die Atlanter eine Armee verloren hatten, repräsentierten ihre Schiffe doch immer noch eine weitgehend intakte, starke, wenn auch von ihrer Basis entfernte Seemacht. Ein Rückzug aus dem Mittelmeer wäre eine Demütigung gewesen, die man nicht in Betracht ziehen konnte – und zudem gefährlich, weil ihre Autorität untergraben würde, was sich kein Imperialist leisten kann, der seine Untertanen in hinreichender Ehrfurcht halten möchte.

Die atlantischen Strategen ließen sich jedoch nicht entmutigen. Trotz des Debakels von Troja waren ihre libyschen, italienischen, palästinensischen und sonstigen Verbündeten noch immer bereit zum Handeln. Inzwischen zerfiel die Einheit der Griechen bereits wieder in die zerstrittenen Fraktionen der Vorkriegstage, und nachdem die Griechen Ilios nach der Plünderung brennend zurückgelassen hatten, waren die Hethiter damit zufrieden, sich die trojanische Einflusssphäre im Nordwesten Kleinasiens kampflos einzuverleiben. Obwohl offiziell mit Ägypten verbündet, hatten sie nicht vor, es vor Angriffen von außen zu verteidigen, besonders wenn die Seevölker sich dem Niltal zuwandten und Kleinasien dabei in Frieden ließen. Ein atlantisch-ägyptischer Krieg würde sicher beide Seiten schwächen, zum Vorteil der Hethiter.

Die atlantischen Kommandeure waren jedoch zuversichtlich, dass sie mehr als ein Patt mit Ägypten erreichen könnten. Kurz nachdem der trojanische Krieg begonnen hatte, starb der mächtige Ramses II. im Alter von 97 Jahren und hinterließ den Thron einem anderen alten Mann, seinem dreizehnten Sohn. Zum Zeitpunkt seiner Inthronisation im Jahre 1236 vor Christus war Pharao Merenptah etwa sechzigjährig und wurde im In- und Ausland allgemein für schwach und unentschlossen gehalten. Es kam zu Arbeiteraufständen, etwas, was es während der langen Regierungszeit seines Vaters nie gegeben hatte, und Nubien zeigte Anzeichen von Unruhe.

Von der allgemeinen Situation ermutigt und nicht bereit, nach Hause zurückzukehren, da sie für beinahe zehn Jahre auf See wenig vorzuweisen hatten, entwickelten die Atlanter eine Strategie zu Land und zu See, die nichts weniger als die Unterwerfung Ägyptens zum Ziel hatte. Eine solche Eroberung würde Atlantis unbestreitbar zum mächtigsten Reich der Erde machen und seine Position im Nahen Osten sichern. Der oberste militärische Architekt dieses ehrgeizigen Unternehmens war Teucer, bei den Ägyptern als Tjeker bekannt. Er erscheint in Homers Ilias als Gründer von Salamis auf Zypern, einem der wichtigsten Sammlungsorte der Seevölker für die geplante Invasion.

Teucers Kriegsplan sah einen dreiseitigen Angriff der atlantischen Flotte auf das Nildelta vor, wobei gleichzeitig ihre konföderierten Einheiten aus dem Norden einfallen sollten. Sein Ziel dabei war, mit einem einzigen kombinierten Schlag die ägyptische Seestreitmacht zu überwinden und Truppen an Land zu bringen. Die Marinesoldaten sollten landeinwärts marschieren und die strategisch gelegenen Städte Damietta, Busiris und Sais einnehmen. Die wichtigsten Kampfkreuzer sollten sie unterstützen, indem sie parallel zu ihrem Vormarsch den Nil hinauf segelten. Hauptangriffsziel dieser Eröffnungsphase der Kampagne war das Verwaltungszentrum in Memphis. Wenn dieses eingenommen werden könnte, würde es den Ägyptern schwerfallen, ihren Widerstand zu koordinieren.

Parallel zum Angriff vom Meer aus sollten libysche Streitkräfte unter der Führung von König Meryey von Westen her in das Delta eindringen. Und im Osten würden atlantische Transporter Streitkräfte der Philister (auch als Pelischti oder Peleset bekannt) an Land setzen, Verbündete der Seevölker, die die Landesteile südlich der hethitischen Landesgrenze (im heutigen Syrien) erobern sollten. Diese Truppen würden dann, vermutlich mit dem inoffiziellen Segen der Hethiter, zum Nildelta marschieren, das bereits von Norden und Westen angegriffen wurde.

Im beginnenden Frühjahr des Jahres 1227 vor Christus, in der Nacht bevor all diese ausgeklügelten Prozesse in Gang gesetzt wurden, befand sich das geplante Opfer in tiefem, wenn auch unruhigem Schlaf. Merenptah hatte einen lebhaften Traum. Der Gott, nach dem er benannt war, erschien ihm in riesiger Gestalt. Ptah, der göttliche Schöpfer, reichte dem Pharao wortlos ein Schwert, als wollte er sagen: »Verteidige meine Zivilisation!« Merenptah schreckte auf und erwachte zu vollem Bewusstsein. Er ergriff den bereitliegenden Klöppel, schlug auf den Kupfergong neben seinem Bett, und die Kammer des Königs füllte sich sofort mit bewaffneten Wachen. Es war kein Priester nötig, um seinen Traum zu interpretieren. Er versammelte alle Befehlshaber und befahl, die Verteidigungslinien des Deltas in volle Bereitschaft zu versetzen.

Während sie ihre Vorbereitungen trafen, füllte dreihundert Kilometer entfernt eine frische Morgenbrise die Segel der Atlanter. Die Armada führte ihre zweitausend Schiffe von den Hauptquartieren in der Ägäis, Zypern und Rhodos, heran. Ihre Seestreitmacht war die größte und am besten ausgestattete der damaligen Welt. Bildnisse der Kriegsschiffe und Seeleute sind noch an den Wänden des Tempels in Medinet Habu im oberen Niltal zu sehen (siehe Abb. 2.1). Es handelte sich nicht um die relativ kleinen, an der Küste stationierten Schiffe der Ägypter, sondern, mit den Worten von Lionel Casson, um »wirkliche Hochseeschiffe«, die zu längeren Fahrten auf dem offenen Meer geeignet waren. Sie waren in der Tat die Flotte eines Seevolkes und wiesen für die damalige Zeit enorme nautische Fortschritte auf, wie Taue oder dicke Seile zur Kontrolle der Segel, die dem Wind ausgesetzt waren, und stark verspannte Rümpfe, die den Stößen großer Wellen widerstehen konnten.

Abb 2.1. Das Profil eines atlantischen Marinesoldaten, wie er auf den Tempelmauern von Medinet Habu in Oberägypten abgebildet ist.

Diese Kriegsschiffe waren nicht nur viel größer als alles, was die Ägypter kommandierten, sondern sahen auch ganz anders aus. Sowohl Bug als auch Heck erhoben sich steil und formten langschnäblige Greifvögel als Galionsfiguren. Dieses Schiffsdesign erscheint auf einem Bügelkrug aus dem Jahr 1180 vor Christus, der auf Skyros gefunden wurde, einer der Zufluchtsinseln der Atlanter in der Ägäis nach dem Fall von Troja. Das vogelköpfige Seemotiv findet sich auch überall in der Villanova-Kultur der Etrusker, besonders in der alten Stadt Tarchna. Beispiele aus dem Monterozzi-Grab zeigen, dass Modelle dieser besonderen Schiffe zusammen mit etruskischen Kriegern von höherem Rang begraben wurden, worauf auch ein prächtiger Helm und goldene Armbänder hinweisen, die bei der Ausgrabung gefunden wurden.

Wie Poseidons Dreizack traf die Invasion das Nildelta gleichzeitig aus drei Richtungen – aus dem Norden, Westen und Osten. Als die Morgendämmerung über dem Meer anbrach, erblickten ägyptische Wachtposten, die vor dem Delta postiert waren, ein furchteinflößendes Spektakel: Der nördliche Horizont wurde von einer Armada mit geblähten Segeln verdunkelt. Zu dem angsteinflößenden Anblick trugen auch die Schnitzereien monströser Vogelköpfe und anderer grotesker Tierfiguren an den Vordersteven der großen Schlachtschiffe bei. Die zahlenmäßig unterlegenen ägyptischen Schiffe versuchten in verzweifeltem Abwehrkampf gegen sie zu manövrieren. Ihre Verluste waren enorm, und das »Große Grün«, ihr Name für das Mittelmeer, mischte sich mit dem Blut der Verteidiger. Rücksichtslos durch die treibenden Trümmer zerbrochener Schiffe krachend, setzte die mächtige atlantische Flotte den Bug ihrer siegreichen Schiffe auf die heiligen Küsten Ägyptens, um Zehntausende von Seekriegern auszuspucken.

Zur selben Zeit stürmten libysche Truppen mit dreißigtausend Mann gegen Ägyptens Westgrenze und drängten die Verteidiger hinter die Grenzlinie zurück. König Meryey hatte Mitglieder der königlichen Familie und sogar allerlei persönlichen Luxus mitgebracht, voller Zuversicht, dass er bald seinen Thronsitz in Memphis errichten würde. Die gleichzeitige Landung der Atlanter im Osten verlief ungehindert und erlaubte den verbündeten Philistern eine erfolgreiche Besetzung Syriens. Sie brachten die ägyptischen Garnisonen auf, während die Hethiter, wie erwartet, nervös, aber unbeteiligt zuschauten. Vom schnellen, leichten Sieg begeistert, marschierten die Philister mit höchster Geschwindigkeit in Richtung Nildelta. Zusätzliche Hilfe kam aus dem Süden, wo die Nubier die Ereignisse am unteren Nil ausnutzten und unerwartet einen Aufstand gegen die ägyptischen Statthalter begannen. Pharao Merenptah wurde nun von allen vier Seiten aus angegriffen.

Die Selbstaufopferung seiner Marine war jedoch nicht umsonst gewesen. Ihr selbstmörderischer Widerstand hielt die Invasion gerade so lange auf, dass Merenptahs Streitkräfte die Hafenstadt Prosopis verstärken konnten. In Unkenntnis deren strategischer Lage waren die Seevölker in Schussweite der dort stationierten Einheiten von Bogenschützen gelandet. Die Invasoren wurden nun durch schwere Salven unmittelbar auf sie gerichteter Trommelfeuer von Pfeilen aus verdeckten Positionen überrascht und niedergeworfen. Gleichzeitig griff die Hauptstreitmacht der ägyptischen Armee in überwältigender Zahl an. Von den unerbittlichen Pfeilen und einem ganzen Infanterie-Korps auf einem engen Strandbereich festgenagelt, konnten die Marinesoldaten der Seevölker nicht weiter vordringen. Diszipliniert erkämpften sie sich ihren Rückzug zu den Schiffen und konnten so ihre Verluste auf wenige tausend Gefallene oder Gefangene begrenzen.

Diese Schlacht wurde von Homer in der Odyssee dramatisiert. Nachdem sein Held nach Ithaka zurückgekehrt war, verbarg er seine Identität, indem er einem Hirten erzählte, er sei ein Kreter, der sich nach dem Erfolg der Achäer in Troja einer Flotte von Piraten für eine Expedition gegen Ägypten angeschlossen hatte. Das Abenteuer, sagte er, wäre fehlgeschlagen, wobei die meisten Invasoren getötet und die übrigen versklavt worden wären. Die Schlacht bei Prosopis beschreibt Odysseus folgendermaßen:

»Der ganze Ort war voller Infanterie, Streitwagen und glänzender Waffen. Zeus, der Donnerer, schlug meine Gruppe mit entsetzlicher Panik. Kein Mann hatte die Kraft, sich dem Feind zu stellen, denn wir waren von allen Seiten bedroht. Sie metzelten schließlich einen großen Teil meiner Gefährten nieder und verschleppten die Überlebenden, um sie als Sklaven für sich arbeiten zu lassen.«

Zurück an Bord ihrer Schiffe warteten die Seevölker vor der Küste auf eine weitere Gelegenheit, die Invasion fortzusetzen. Dabei wurden sie jedoch ununterbrochen von ägyptischen Marineeinheiten bedrängt, die, statt die überlegenen Kriegsschiffe direkt anzugreifen, kurze Guerilla-Angriffe gegen die Transport- und Versorgungsschiffe unternahmen, um den Feind damit aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Im Vertrauen darauf, dass seine verbliebene Flotte die Seevölker in Schach halten würde, evakuierte Merenptah den Großteil seiner Armeen aus Prosopis und ließ dieses praktisch unverteidigt zurück, um stattdessen die Festung Perite zu verstärken. Dies war die letzte wichtige Verteidigungsposition gegen den Vormarsch von König Meryey, der bereits den westlichen Rand des Deltas erreicht hatte. Am frühen Morgen des 15. April griff ein größeres Kontingent von Libyern, den Sonnenaufgang vor Augen, in Erwartung einer offenen Feldschlacht an. Stattdessen ließen die gefürchteten Bogenschützen des Pharaos einen Pfeilhagel auf die heranstürmenden Wellen von Fußsoldaten niedergehen. Trotz des resultierenden Massakers drangen die Libyer weiter voran und kämpften Mann gegen Mann sechs Stunden lang unter den Festungsmauern gegen die Verteidiger.

Schließlich kamen den Ägyptern ein Streitwagengeschwader und eine Brigade von Speerwerfern zu Hilfe. Damit brach der libysche Angriff endgültig zusammen und wurde schließlich zur Niederlage. Als sich die Schlacht zu wenden begann, tat es auch König Meryey. Er floh vom Schlachtfeld und ließ seine königliche Familie zurück, die in die Hände des Feindes fiel. Seine sechs Söhne waren bereits im Kampf gefallen. Zusammen mit dem Mobiliar des Monarchen erbeuteten die Ägypter 120.000 Waffen und weitere militärische Ausrüstungsgegenstände sowie 9.000 Kupferschwerter. Haufenweise trugen sie die libysche Beute fort, die einen unumstößlichen Beweis dafür bildete, dass der Angriff der ernsthafte Versuch einer Invasion gewesen war. Alle Trophäen wurden an Heeresschreiber übergeben, die alles bis zum letzten Artikel inventarisierten. Dann wurden die Lederzelte der Invasoren in Brand gesetzt. Fast 10.000 Libyer waren gefallen. Weitere 9.111 wurden gefangen genommen. König Meryey war nicht unter ihnen. In Schande zu seinem Palast zurückgekehrt, wurde er von seinem eigenen Volk abgesetzt und hingerichtet. Doch auch die Ägypter erwiesen sich nicht als großzügig. Als Preis der Kapitulation schlugen sie 2.362 libyschen Offizieren die Hände ab.

Merenptah konnte jedoch keine Zeit mit Siegesfeiern verschwenden. Er wandte seine erschöpfte Armee in die entgegengesetzte Richtung, um sie gegen die Philister zu führen, die das östliche Delta bedrohten. Nachdem sie von den atlantischen und libyschen Rückschlägen erfahren hatten, waren sie nicht mehr sicher, ob sie die Invasion auf eigene Faust weiterführen sollten. Während sie noch zögerten, schlugen die Ägypter mit einem konzentrierten Frontalangriff zu, der ihre Gegner den ganzen Weg in die Levante zurücktaumeln ließ. Dort legten sie ihre Waffen nieder und gelobten, sie nie wieder aufzunehmen. Diesmal zeigte der Pharao Milde gegenüber den Besiegten. Er erlaubte ihnen, sich dauerhaft in dem Gebiet niederzulassen, das fortan den Namen Palästina trug. Den Nubiern gegenüber war er nicht zu ähnlicher Nachsicht geneigt und schlug ihren Aufstand mit eiserner Faust nieder.

Mit diesem Scheitern an allen Fronten löste sich die Koalition der Seevölker auf, und ihre Schiffe verließen die ägyptischen Gewässer. Merenptah hatte die Erwartungen von Freund und Feind gleichermaßen übertroffen. Der schlaue Pharao war ein zäher alter Mann, der seine zahlenmäßig überlegenen Feinde überlistet, ausmanövriert und vernichtend geschlagen hatte. Die Atlanter zogen sich daraufhin in ihre Hauptquartiere auf Zypern und Rhodos zurück. Obwohl die Dardanellen verloren gegangen waren und Ägypten unbesiegt blieb, waren Italien, die Balearen, Sardinien, Sizilien und wichtige Inseln der Ägäis noch in ihren Händen. Das Reich von Atlantis hielt immerhin noch einen großen Anteil am östlichen Mittelmeer.

So spektakulär Merenptahs Sieg erschien, offenbarte er doch auch die Schwäche Ägyptens. Die Schlachten bei Prosopis und der Festung Perite hatten die Streitkräfte so viel gekostet, dass sie nicht in der Lage waren, ihren Sieg über die Libyer zu nutzen und König Meryey bis zu seinem Palast zu verfolgen. Und die Nachsicht des Pharaos gegenüber den in die Flucht geschlagenen Philistern war wohl weniger auf seinen Großmut zurückzuführen als vielmehr auf seine Unfähigkeit, militärisch nach seinem Gutdünken mit ihnen zu verfahren. Die brutale Unterwerfung der militärisch weniger starken Nubier diente vermutlich dem Zweck, dem Rest der Welt ein Signal uneingeschränkter Kraft zu senden, um seine reale Schwäche zu verbergen.

Die Verluste der Seevölker waren zwar schwerwiegend, beschränkten sich jedoch auf die gelandeten Streitkräfte. Keines ihrer Schiffe war versenkt worden, im Gegensatz zur Flotte der Ägypter, die völlig vernichtet worden war. Dennoch konnten die Atlanter kein drittes Debakel riskieren, solange ihre Feinde von einem so klugen Strategen angeführt wurden. Während sie ihre Flotte auf Rhodos und Zypern überholten, warteten sie darauf, dass Merenptah an Altersschwäche starb. In dem politischen Chaos und der Unsicherheit, die regelmäßig zwischen dem Tod eines Pharaos und der Einsetzung des nächsten in Ägypten herrschten, war das Land am anfälligsten gegenüber einem Angriff von außen. Die Atlanter bereiteten sich also darauf vor, zu einem entsprechend günstigen Zeitpunkt wieder zuzuschlagen. Doch sie mussten länger warten als erhofft, denn Merenptah erwies sich als fast so langlebig wie sein Vater.

Die Atlanter bezähmten notgedrungen ihre Ungeduld hinsichtlich einer Eroberung Ägyptens und griffen stattdessen Sardinien an, wo gehörnte Helme, Bronzeschwerter und atlantische Architektur in Form großer Steintürme, bekannt als Nuraghen, noch immer von der Besetzung durch die Seevölker zeugen. Sie waren zu einer echten Bedrohung geworden, da sie stets zur Plünderung von Inseln und Küstenstädten rund um das Mittelmeer bereit waren. Dank griechischer Uneinigkeit, hethitischer Zurückhaltung und ägyptischer Schwäche konnten sie ungestraft ihrer Piraterie nachgehen und plünderten in größerem Ausmaß als jemals zuvor.

Im Jahre 1198 vor Christus war der Tag, auf den sie so lange gewartet hatten, endlich gekommen. Merenptah war im hohen Alter verstorben, und ihm folgten in schneller Folge nicht weniger als fünf Herrscher, darunter Siptah, der einen Klumpfuß hatte, und Tewosret, eine Königin, deren Regierungszeit nur kurz währte. Die andauernden politischen Krisen destabilisierten die neunzehnte Dynastie, und die atlantischen Strategen waren bereit, die Situation zu nutzen. Die Ägypter waren mit der Thronbesteigung eines neuen Pharaos und all den aufwändigen Begleitumständen beschäftigt, die ein Wechsel der göttlichen Führung zwangsläufig jedes Mal mit sich brachte. Diesmal aber hatten sie besonderen Grund zur Sorge. Ein beängstigendes Omen erschien nach dem Tod von König Sethnacht, der gerade die zwanzigste Dynastie begründet hatte. Eine unermessliche dunkle Wolke bedeckte mit unnatürlicher Geschwindigkeit, von Westen kommend, den Himmel. Die Sonne wurde blutrot und verschwand schließlich. Das Tageslicht wurde zur Dämmerung, und wochenlang fiel schwarzer Staub auf das ganze Land. »Die Menschen gehen wie Raben umher«, berichtet ein ägyptischer Schreiber, »niemand kann seine Kleidungsstücke mehr sauber halten.«

Diese bedrohlichen Umstände waren auch für die Atlanter ein schlechtes Zeichen. Inmitten der Vorbereitungen für eine erneute Invasion des Nildeltas wiesen solche Zeichen und Wunder am Himmel auf eine Katastrophe hin, die jemanden treffen würde. Da sie auf einer geologisch aktiven Insel geboren und aufgewachsen waren, erkannten sie den schwarzen Staub als Asche, die durch die vorherrschenden Westwinde von einem gewaltigen Vulkanausbruch jenseits des Mittelmeers herangeweht wurde. Natürlich wandten sich ihre Gedanken voller Angst zum Atlas, dem immer rauchenden Berg in ihrer fernen Heimat.

Ihre schlimmen Befürchtungen wurden durch Wellen von Flüchtlingen bestätigt, die sich bald durch die Säulen des Herakles ergossen. In Panik geratene Menschen strömten zu Hunderttausenden an der nordafrikanischen Küste entlang oder kamen in ungeordneten Flottillen von Booten und Schiffen, überfüllt mit Familien, die durch eine Katastrophe traumatisiert waren. Die meisten von ihnen waren Landsleute aus Atlantis, und sie hatten nichts Gutes zu berichten. »Ihr könnt nicht wieder nach Hause«, erklärten sie, »weil unser Zuhause nicht mehr da ist.«

Mit kaum mehr als einem Tag Vorwarnung in Form ausgedehnter seismischer Aktivitäten war die Insel Atlantis von Erdbeben und Himmelsfeuern verwüstet worden, bevor das wütende Meer sie ganz verschlang. Die damit einhergehende Zerstörung war so groß und stark, dass die gesamte Region, einschließlich aller angrenzenden Küstengebiete, durch eine Serie zerstörerischer Tsunami-Wellen unbewohnbar geworden war. Die besetzten Gebiete Italiens und der Mittelmeerinseln füllten sich mit zahlreichen neu angekommenen Überlebenden, was die Lebensbedingungen überall verschlechterte.

Abb. 2.2. Porträt von Pharao Ramses III. mit der blauen Krone des höchsten militärischen Befehlshabers. Im frühen 12. Jahrhundert vor Christus hatte er es mit einer massiven Invasion des Nildeltas durch atlantisch geführte Koalitionsstreitkräfte zu tun.

Aber die Emigranten brachten mehr mit als nur ihre Leidensgeschichten. Große Teile der Heimatflotte waren der Katastrophe entkommen und konnten Krieger und Vorräte sowie die evakuierten Menschenmengen transportieren. Die Armada der Seevölker auf Zypern und Rhodos wurde durch diese neu angekommenen Kriegsschiffe und Marinesoldaten spürbar verstärkt. Die Eroberung Ägyptens war jetzt noch wichtiger als zuvor, da sie einen Ort finden mussten, wo die Flüchtlinge angesiedelt werden konnten; ihre wachsende Zahl belastete zunehmend die begrenzten Ressourcen der besetzten Gebiete. Gestützt auf frische Schlachtkreuzer, Munition und Soldaten, beschlossen die atlantischen Kommandeure, sofort zuzuschlagen, während die Ägypter noch durch ein Interregnum geschwächt und durch die himmlischen Vorzeichen abgelenkt waren. Fast zweitausend Jahre zuvor hatten die Atlanter zum ersten Mal nach der Flucht vor einer Naturkatastrophe Ägypten erobert. Sie würden es wieder tun. Das Wehen des schwarzen Staubes sollte ein Unglückszeichen für den neuen Pharao sein!

Dieser neue Pharao hieß Ramses III. (siehe Abb. 2.2) und war unerfahren und unbekannt. Seine Thronbesteigung verlief ohne religiöse Reibereien oder politische Konflikte, und sein Volk war dankbar für den reibungslosen Übergang der Macht, trotz der buchstäblich dunklen Wolke, unter der seine Herrschaft begann. Er war sich der fremden Bedrohung, die unmittelbar auf Ägypten gerichtet war, bewusst. Er wusste auch, dass die Hau-neb oder Hanebu (»die ihren Schiffen folgen«) wiederkommen würden, sobald sein Vorgänger tot war. Schon Jahre zuvor hatte Ramses Verteidigungsmaßnahmen entwickelt, die sofort wirksam werden sollten, wenn eine Invasion unmittelbar bevorstand. Nun war der Augenblick gekommen, um seine Strategie und ihre wichtigsten Faktoren – Geschicklichkeit, Mut und Disziplin seiner Krieger – zu erproben.

Die Unvermeidbarkeit eines Angriffs war klar; deutliches Anzeichen dafür war das völlige Fehlen jeglicher diplomatischer Beziehungen zwischen Ägypten und dem Hauptquartier der Seevölker in Rhodos seit der ersten Schlacht im Nildelta. Während der nachfolgenden 29 Jahre hatten die atlantischen Kommandeure auf der Basis ihrer Erfahrungen einen neuen Invasionsplan ausgearbeitet. Vor allem jetzt, da ihre Armada durch zusätzliche Flotteneinheiten und Kompanien aus dem überfluteten Atlantis verstärkt worden war, konnten sie mehrere gleichzeitige Landungen planen, im Gegensatz zum einzigen Angriff bei Prosopis. Nach wie vor stand das Ziel, die Verteidiger zur See zu überwältigen, an erster Stelle. Zwischen den beiden atlantischen Invasionen hatten auch die Ägypter fast dreißig Jahre Zeit gehabt, ihre Flotte wieder aufzubauen; daher erwarteten die Atlanter eine ernste Konfrontation an der Küste vor einer möglichen Anlandung der Truppen. Mehrere Schwadronen Schlachtschiffe sollten in Reserve gehalten werden und nur teilnehmen, wenn die vorausfahrenden Schiffe Hilfe benötigten. In einer Wiederholung von Teucers Taktik sollten Kriegsschiffe die Soldaten unterstützen, indem sie parallel zum Vormarsch ins Landesinnere den Nil hinauf segelten. Ihr oberstes Ziel war die Besetzung des gesamten Deltas, von dem aus sie den Rest des Feldzugs planen und sich nach Süden gen Theben, die feindliche Hauptstadt, vorkämpfen konnten. Deren Einnahme würde die Invasion beenden.

Neue Verbündete aus Korsika, Sardinien und Libyen schlossen sich den alten Kameraden an. Wenn die Libyer tief genug in das ägyptische Grenzgebiet eindrängen, könnten die Atlanter im Norden anlanden und versuchen, sich mit ihnen zu vereinigen und dadurch das Nildelta in zwei Hälften zu teilen.

Die atlantischen Marinesoldaten waren die am besten ausgestatteten ihrer Zeit. Anders als ihre Gegner trugen sie metallene Brustpanzer und längere Bronzeschwerter von überlegener Handwerkskunst. Ihre Helme waren Vorläufer der römischen Form, mit kurz geschnittenen, rot gefärbten Kämmen aus Rosshaar. Lederne, mit Bronze beschichtete Schienen schützten ihre Schienbeine. Die Fußsoldaten waren in Kompanien von Speerwerfern, Schleuderern und Schwertkämpfern unterteilt, unterstützt von Truppen mit Streitwagen, die größer und schwerer waren als ihre ägyptischen Gegenstücke.

Zunächst schien die Operation die erste Invasion von fast drei Jahrzehnten zuvor zu wiederholen. Wieder wurden die kleineren Kriegsschiffe durch die Masse der atlantischen Schlachtkreuzer zerstreut, und die erwartete Seeschlacht mit der ägyptischen Flotte kam nicht zustande. Die Landungen waren weiträumiger und effektiver, weil die separaten Angriffe gut koordiniert waren. Die ägyptische Infanterie wusste nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Es war, als würde man versuchen, mehrere Feuer auf einmal zu löschen – es schien aussichtslos. Die Invasoren bewegten sich rasch und rücksichtslos vorwärts, wobei sie Prosopis und andere strategisch ungünstige Bereiche mieden, und vertrieben die Verteidiger aus einer befestigten Position nach der anderen. Im Gegensatz zum ersten Angriff gegen Merenptahs Ägypten zerschmetterten die Seevölker diesmal die vordersten Verteidigungslinien. Mit massiver Kraft breiteten sich die Marinesoldaten und die Infanterie über das Delta aus. Eine Stadt nach der anderen fiel vor dem Ansturm, bis sogar die großen administrativen und religiösen Zentren in Memphis und Heliopolis besetzt waren.

Diesmal drangen die atlantischen Kriegsschiffe auch tatsächlich in den Nil vor. Lange Reihen der riesigen Schiffe begannen, den heiligen Fluss hinaufzusegeln. Ihre Breitsegel und die monströsen vogelköpfigen Vordersteven versetzten die einheimische Bevölkerung in Panik, so dass sie mit ihrer Armee nach Süden floh. Inzwischen überwältigten libysche Truppen die Grenzbefestigungen im Westen und drangen so tief in ägyptisches Gebiet ein, dass sie sich bald mit den nördlichen Invasoren zu verbinden drohten. Nach wenigen Tagen waren die meisten Hauptziele von den Atlantern eingenommen, darunter wichtige Städte wie Busiris. Das gesamte Delta war kurz davor, in ihre Hände zu fallen.

Doch kurz vor Sais, als die Streitkräfte der Seevölker sich daran machten, die massiven Tore dieser antiken Stadt anzugreifen, wurden die eindringenden Schlachtkreuzer, die Vorhut der gesamten Armada, von einem Geschwader kleinerer Kriegsschiffe herausgefordert. Angesichts der Bedeutung von Sais war der wilde Mut der Ägypter keine Überraschung. Doch auch sie konnten sich nicht gegen die viel größeren angreifenden Schiffe durchsetzen. Die Reste des dezimierten Geschwaders flohen den Fluss hinunter, die angreifenden Eroberer dicht hinter sich. Nicht weit vom Schauplatz ihrer Niederlage entfernt verließen die anscheinend fliehenden Kapitäne den Nil und fuhren in einen seiner Nebenarme. Die Atlanter nahmen an, der in Panik geratene Feind sei auf dem Weg zu seinem Heimathafen, und folgten den Booten, begierig darauf, das Hauptquartier der ägyptischen Seestreitmacht zu zerstören.

Die Flüchtigen bogen von dem Nilarm ab und durchquerten eine lange, schmale Bucht, die auf beiden Seiten von Steilhängen beherrscht wurde. Dicht auf ihren Fersen segelte der Hauptteil der atlantischen Schiffe, doch keine Werften, Hafenanlagen oder vor Anker liegenden Kriegsschiffe säumten die beiden Ufer. Nur ein paar Schiffe des kürzlich geschlagenen Geschwaders kamen in Sicht. Die Invasoren gruppierten sich zum Kampf um. Ihre größeren Kriegsschiffe manövrierten sich in Position. Ihre tiefen Kiele liefen jedoch einer nach dem anderen auf unsichtbaren Untiefen auf Grund. Die Schlachtkreuzer stauten sich kreuz und quer, während sich die Seeleute unter lauten Befehlen und Gegenbefehlen mit Tauen und Stangen abmühten.

Während sie noch mit der wachsenden Verwirrung im seichten Wasser mit zu wenig Platz zum Manövrieren beschäftigt waren, schossen plötzlich neue Geschwader ägyptischer Kriegsschiffe von beiden Enden in die Bucht. Zusammen mit den Resten der Flottille aus Sais fielen sie die unbeweglichen feindlichen Ungetüme von allen Seiten an. Brandsätze wurden an Bord der Schiffe geworfen, bis ihre riesigen Segel in Flammen aufgingen. Große schwarze Rauchschwaden stiegen von der sich ausbreitenden Feuersbrunst auf den Schiffen in den Himmel. Weitere ägyptische Schiffe, mit regulären Truppen beladen, drängten in die überfüllte Bucht. Taue mit Enterhaken wurden über die Seitendecks geworfen, und ganze Meuten von Enterern folgten, die inmitten der Brände auf den halbzerstörten Schiffen zum Nahkampf ansetzten.

Währenddessen erhielten die Krieger der Seevölker, die immer noch in Sais wüteten, Nachricht von den Kämpfen. Daraufhin entsandten sie eine große Zahl von Streitwagen, die mit voller Geschwindigkeit zur Rettung eilen sollten. Dunkle Rauchwolken, die von dem brennenden Pech aufstiegen, wiesen ihnen schon von weither den Weg. In ihren Karren und Streitwagen trugen sie Faltflöße, die ausreichen würden, um bewaffnete Männer über die kurze Wasserstrecke in die Kampfzone zu tragen. Ihre Ankunft an dem Ufer, das den Kämpfen am nächsten war, wurde von den bedrängten Soldaten an Bord der atlantischen Schiffe mit lautem Jubel begrüßt. Während sie noch hastig ihre Flöße zusammensetzten, erschienen jedoch plötzlich mehrere Kompanien von Bogenschützen und Schleuderern, die von Ramses persönlich angeführt wurden, auf den Hügeln hinter und neben ihnen. Sie ließen einen Hagel von Pfeilen und Steinen auf die überraschten Invasoren niederregnen, die zu Hunderten unter dem unerbittlichen Trommelfeuer fielen (siehe Abb. 2.3). Vielleicht hundert Mann, meist Wagenlenker, suchten ihr Heil in der Flucht. Kaum mehr überlebten auf dem Schlachtfeld und kapitulierten schließlich.

Als alle Hoffnung auf Rettung vom Land her verloren war, gaben auch die meisten der Atlanter an Bord der belagerten Schiffe auf. Einigen wenigen gelang es mit dem Mut der Verzweiflung, aus der Bucht des Todes auszubrechen, doch ihre Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Zu ihrem Entsetzen versperrten hunderte weiterer ägyptischer Kriegsschiffe voller Feuertöpfe und Bogenschützen den Nil in ganzer Breite. Einige der Schlachtkreuzer verfingen sich in einem Gewirr von Tauen, die zwischen den Booten gespannt waren, und wurden in die Gefangenschaft gezogen, aber die Strömung war mit denen, die standhielten und so schnell wie möglich zum Mittelmeer weiterfuhren. Als die halbverbrannten Schiffe endlich die Freiheit des offenen Meeres erreichten, um sich der Reserveflotte am nördlichen Ufer des Deltas anzuschließen, war fast die Hälfte der Invasionsflotte verloren gegangen.

Abb. 2.3. Atlantische Invasoren fallen durch ägyptische Bogenschützen, die das Nildelta verteidigen. Kampfszene an den Wänden der Tempelanlage von Medinet Habu.

Der Hauptteil der Truppen der Seevölker – etwa vierzigtausend Mann – war jedoch immer noch bestrebt, die Kontrolle über Sais zu übernehmen. Die Ägypter behaupteten jetzt den Nil zu beiden Seiten des südlichen Deltas. Ohne ihre unterstützenden Schiffe waren die Eindringlinge auf zwei von drei Seiten eingeschlossen. Ramses landete praktisch seine gesamten Streitkräfte, etwa fünfzigtausend Krieger, oberhalb der Stadt, marschierte in Eilmärschen von einem Arm des Flusses zum anderen und schloss den Feind im unteren Delta ein. Sobald die Falle zugeschnappt war, befahl er den Vormarsch.

Plötzlich erfuhr der Pharao, dass weitere dreißigtausend Libyer vom westlichen Delta aus herbeieilten, um ihren in die Enge getriebenen Verbündeten zu Hilfe zu kommen. Er war jetzt in Gefahr, von beiden Seiten von Feinden eingekesselt zu werden. Um seine südliche Offensive gegen die Seevölker nicht abbrechen zu müssen, ging er das Risiko ein, alle seine Streitwagen abzuziehen. Er formierte sie zu einer einzigen Kompanie und schickte sie ohne Infanterieunterstützung los, um die Libyer aufzuhalten. Die Wagenlenker protestierten, weil sie zahlenmäßig mindestens eins zu fünf unterlegen waren, aber Ramses weihte sie in seine Pläne ein und konnte ihnen damit zeigen, dass die Operation nicht so selbstmörderisch war, wie es schien. Er gab ihnen seine Befehle und schloss sich dann wieder dem Vormarsch gegen die Atlanter an.

Der zähe Widerstand der Seevölker wurde nicht nur von ihrer prekären Lage angefacht, sondern auch durch ihr Wissen, dass die Libyer im Anmarsch waren, um sie zu befreien. Wenn die umzingelte Truppe nur lange genug durchhielte, bis diese kämen, würden die Ägypter zwischen den zwei Hälften der Invasionsmacht zerrieben werden. Ramses trieb seine Offensive stetig voran, und der Feind gab jedes Stück Boden nur widerwillig auf. Allerdings waren die Verluste auf beiden Seiten hoch, und der ägyptische Fortschritt verlangsamte sich, da die Streitwagen des Pharaos fehlten. Die Last des Kampfes ruhte ausschließlich auf der Infanterie. Die Feinde im Westen – die Libyer – müssten jeden Moment auftauchen, und die Ägypter wären dann von beiden Seiten mit Angreifern konfrontiert.

Die Strategie des Pharaos war jedoch vorausschauender und wurde auch genauestens ausgeführt. Seine Wagenlenker vermieden nämlich die Konfrontation mit dem anmarschierenden libyschen Gegner und schwärmten stattdessen den ganzen Weg um ihn herum nach hinten aus. Die Ausführung dieses Manövers dauerte so lange, dass die angreifenden Libyer die Streitmacht von Ramses beinahe schon erreicht hatten, als seine Streitwagen endlich ihren koordinierten Überraschungsangriff aus drei Richtungen starteten – von Norden, Nordosten und Nordwesten. Die Abruptheit dieses dreifachen Angriffs versetzte die Libyer in Panik, so dass sie buchstäblich in die Speere der Nachhut des Pharaos hineinstolperten und kapitulierten, bevor viel Blut vergossen worden war und die hoffnungsvollen Atlanter Zeit gehabt hatten zu reagieren.

Die Seevölker widersetzten sich zwar weiterhin den Ägyptern, waren nun jedoch hoffnungslos unterlegen. Ihre Invasion brach zusammen, doch der Krieg war damit noch nicht vorbei. Die Atlanter in den besetzten Gebieten des nördlichen Deltas wurden evakuiert und an Bord ihrer Schiffe gebracht; sie hatten wenig Zeit, entmutigt zu sein, da sofort weitere Operationen von Syrien aus beginnen sollten. Der Plan war, bei ihren alten Verbündeten, den Philistern, die sich dort nach dem früheren Krieg gegen Merenptah niedergelassen hatten, Truppen an Land zu setzen. Diese erneuerte Konföderation sollte dann von Osten aus nach Ägypten marschieren und ihre Feinde überraschen, die zweifellos von den vielen Kämpfen erschöpft waren.

Abb. 2.4. Diese Reproduktion restaurierter Tempelkunst in Medinet Habu zeigt gefangene Marinesoldaten der Seevölker, die den Siegeskelch von Ramses III. halten. Die Abbildung gibt Aufschluss über Kleidung und Aussehen der Atlanter. (Grafik von Virginia Hardyman)

Die geschwächte, aber immer noch große Armada näherte sich der syrischen Küste in der Nähe der Stadt Amor, aber es waren keine Verbündeten da, um sie zu begrüßen. Die Philister hatten kein Interesse an dem Eroberungsversuch und waren überdies durch die Anwesenheit einer riesigen Armee eingeschüchtert, die vom Pharao persönlich kommandiert wurde. Ägyptische Marineeinheiten hatten die ausgerückten atlantischen Schiffe beobachtet und Ramses von deren Fahrt in Richtung Syrien berichtet. Da er die Absicht des Feindes erriet, begab sich Ramses mit seiner Armee schnellstens zur syrischen Küste nahe Amor. Dort wurden Infanterie und Bogenschützen, von Streitwagentruppen unterstützt, in Stellung gebracht. Bevor die Atlanter beginnen konnten, ihre Truppen zu landen, trafen zwei Flotten ägyptischer Kriegsschiffe von Norden und Süden aus ein, griffen gleichzeitig die hinteren Flanken der Seevölker an und drängten so die Schlachtkreuzer effektiv gegen das Ufer und an den Strand.

Dann begann das Gemetzel. Die Invasoren wurden von Meer und Land durch Pfeile von dreitausend Bogenschützen durchbohrt. Von der Hitze des Kampfes erregt, ging sogar Ramses selbst mit seinem großen Bogen gegen den Feind vor. Nachdem sie den unglücklichen Gegner mit einem Geschosshagel eingedeckt hatten, stürzten sich seine Männer auf die Atlanter. »Sie wurden am Strand zu Boden geworfen«, berichtet der ägyptische Kriegsschreiber, »sodann getötet und vom Heck bis zum Bug ihrer Galeeren angehäuft, während alles, was sie bei sich führten, auf dem Wasser schwamm.«

Abb. 2.5. Atlantische Kriegsgefangene nach der gescheiterten Invasion Ägyptens, dargestellt auf den Mauern des Siegestempels von Ramses III.

Das Massaker an der syrischen Küste war die letzte Kriegshandlung. Nachdem ihre Hauptstadt im fernen Meer versunken, ihr Reich zerschmettert und der Rest ihrer Streitkräfte vernichtet war, siedelten sich die Atlanter, die von den Katastrophen der Natur und des Krieges verschont geblieben waren, bei ihren Verwandten und einstigen Verbündeten in Italien, Spanien, Nordwestafrika, auf den britischen Inseln und sogar in den einstigen Kolonien in Amerika an. In all diesen Ländern teilten sie ihr kulturelles und genetisches Erbe mit den Völkern, bei denen sie lebten. Unter ihrem Einfluss entstanden Mischzivilisationen vom Dschungel Yucatáns bis zu den Tälern Irlands.

Das Schicksal jener Angehörigen der Seevölker, die von den Ägyptern als Kriegsgefangene gehalten wurden, war weniger glücklich. Bei einem öffentlichen Triumphzug durch die Hauptstadt Theben wurden mehr als zwanzigtausend Atlanter und Verbündete in Ketten vor dem Pharao auf seinem Thron präsentiert (siehe Abb. 2.4). Diese Szene und die Höhepunkte des Krieges wurden in Worten und Bildern (siehe Abb. 2.5) an den Mauern der majestätischen Tempelanlage in Medinet Habu aufgezeichnet, des Tempels, den Ramses seinem Sieg über die Hanebu westlich des Nils weihte.

Sie sind dort alle zu sehen – die atlantischen Schlachtschiffe mit ihren Soldaten, die von Bogenschützen massakriert und ins Meer geworfen werden; der Pharao auf seinem Streitwagen, wie er die zitternden Feinde Ägyptens niedermäht; die langen Reihen von Hau-neb (Atlantern), Luka (Lydiern), Scherdan (Sarden), Drdny (Dardanern), Turischa (Trojanern), Temeh (Libyern), Scheklesch (Sizilianern), Tyrsenern (Etruskern aus Westitalien) und weiteren Völkern. Henry Brugsch-Bey, ein renommierter Ägyptologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, stellte fest:

»Diese uns überlieferten Namen tragen ein unverwechselbares Kennzeichen, das auf einem engen politisch-geografischen Verhältnis beruht. Sie zeigen die militärische Macht Westasiens in Gestalt seiner wichtigsten Vertreter, wie sie bereits von Homer im Katalog von Trojas Verbündeten namentlich aufgeführt werden.« (Ryan 1959)

Die gefangenen Atlanter erzählten bei ihren Verhören, dass ihre heilige Inselheimat zerstört worden war und sie keine andere Wahl hatten, als die Invasion zu beginnen. Die Gefangenen sind in naturgetreuen Details dargestellt, von ihren Helmen und Uniformen bis hin zu den Metallringen um ihre Hälse, mit denen sie in Gruppen zusammengekettet wurden. Nach ihrer demütigenden Zurschaustellung vor den Massen in Theben wurden die Soldaten von ihren Offizieren getrennt, die daraufhin kastriert wurden. Die Überlebenden dieser Martern wurden zu ihren Kameraden in den Minen des Tura-Kalksteinbruchs abkommandiert, in denen sie den Rest ihrer Tage mit dem Zuschneiden und Schleppen schwerer Blöcke für die monumentalen öffentlichen Gebäude ihrer Herren verbrachten, einschließlich Ramses’ Siegestempels.

Sein Triumph war einer der größten Erfolge der Militärgeschichte. Er sorgte dafür, dass in den nächsten 625 Jahren niemand mehr in Ägypten einmarschieren würde. Ramses III. war einer der herausragendsten Strategen und Feldherren aller Zeiten. Doch gab es nach ihm keine großen Ramessidenkönige mehr und nur noch wenige denkwürdige Pharaonen. Nach seiner Regierungszeit begann der langsame Niedergang Ägyptens. Ramses selbst fiel nicht auf dem Feld einer heroischen Schlacht, sondern starb durch ein Attentat, das im Harem seines Palastes angezettelt wurde. Er lebte noch eine Zeit lang unter Qualen, während sich der Prozess gegen seine Verschwörer in die Länge zog und noch andauerte, als er bereits den Wunden erlegen war, die sie ihm zugefügt hatten.

Sein Grab im Tal der Könige wurde in der Neuzeit ausgegraben und enthielt ein bemerkenswert gut erhaltenes Profilbildnis des Pharaos, das ihn zeigt, wie er – passenderweise – die Chepresch, die blaue Kriegskrone, trägt. Sein Siegestempel ist in besserem Zustand als jeder andere größere dynastische Tempelkomplex, der noch im Niltal steht; auf dem Hauptportikus sind noch immer Spuren der Originalfarben zu sehen. Der sogenannte Papyrus Harris I, der seine Regierungszeit dokumentiert, gehört ebenfalls zu den vollständigsten und lesbarsten Aufzeichnungen dieser Art. Glücklicherweise war Ramses III. der bestdokumentierte Herrscher des Alten Ägypten, und da er der Pharao des atlantischen Krieges war, können uns diese Dokumente viel über jene Zeit enthüllen.

In der Deltastadt Sais, wo er die Schlacht gegen die Invasoren gewonnen hatte, wurde ein großer Tempel für die Kriegsgöttin Neith errichtet, mit einer Gedenksäule für den Krieg. Jahrhunderte später wurden die Hieroglyphen von einem Hohepriester für einen wichtigen Besucher übersetzt – den Mann, der Athen und der westlichen Welt das erste Gesetzbuch gab. Solon kehrte mit dieser Übersetzung nach Griechenland zurück, wo die Geschichte von Atlantis sich verbreitete und schließlich durch Platon dem Rest der Welt überliefert wurde. Sie beschreibt nicht nur einen Kampf zwischen Fürsten und Königreichen, sondern zwischen ganzen Völkern, die sich in einen beispiellosen Vernichtungskampf verstrickten, durch den eine ganze Epoche der Menschheitsgeschichte endete.



DREI
Die vier Katastrophen

Eure Erzählung davon, wie Phaeton, das Kind der Sonne, seines Vaters Streitwagen anspannte, aber nicht fähig war, ihn gemäß des Vaters Lauf zu führen, und so die Erde in Brand setzte und selber von einem Blitz erschlagen wurde, ist eine mythische Version der Wahrheit, dass es in langen Abständen eine Veränderung im Lauf der Himmelskörper und eine ihr folgende weiträumige Zerstörung der Erdoberfläche durch Feuer gibt.

PLATON: TIMAIOS

Im Jahr 1994 veränderten sich zwei Welten für immer: der Jupiter und die Erde. Als der Jupiter im Sommer jenes Jahres von zahlreichen Meteoren des Kometen Shoemaker-Levy 9 getroffen wurde, waren die Auswirkungen auf irdische Wissenschaftler kaum weniger dramatisch als die auf den betroffenen Planeten. Bis dahin hatten die meisten geglaubt, wie auch im Larousse Handbuch der Astronomie konstatiert, dass »die Wahrscheinlichkeit einer Kollision (zwischen einem Kometen und einem Planeten unseres Sonnensystems) wegen des dafür nötigen perfekten Timings und der exakten Positionierung äußerst gering ist«. Als jedoch ein Komet mit etwa vier Kilometer Durchmesser im Gravitationsfeld des Jupiters auseinanderbrach, bildeten sich einundzwanzig Fragmente mit Durchmessern von bis zu tausend Metern und trafen den Planeten schließlich mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200.000 Kilometern pro Stunde. Der Einschlag der Kometenteile erzeugte eine Energie, die zehntausend Mal so stark war wie das gesamte nukleare Arsenal der Menschheit. Staunend sahen die damaligen Beobachter zu, wie sich riesige Gasblasen bildeten, sogenannte Plumes. Mit dem Hubble-Weltraumteleskop ließen sich enorme dunkle Flecken in der Jupiter-Atmosphäre wahrnehmen, deren Spuren auch ein Jahr nach diesen Zusammenstößen noch sichtbar waren.

Jahrhunderte ruhiger Gewissheit, dass die Erde eine besondere Immunität gegen Bedrohungen aus dem Weltraum besäße, wurden damals auf dramatische Weise durch eine realistischere Einschätzung unserer prekären Position im Sonnensystem ersetzt. Astronomen waren jedoch nicht die einzigen Wissenschaftler, die gezwungen waren, ihre Theorien neu zu bewerten. Vor diesen Verwüstungen durch den Kometen Shoemaker-Levy 9 hatten die Archäologen lange Zeit über die Gründe des plötzlichen Aufstiegs und Niedergangs von Zivilisationen gerätselt, insbesondere während der Bronzezeit. Dies war eine wegweisende Epoche in der Geschichte der Menschheit gewesen: Werkzeuge und Waffen aus Stein und Kupfer wurden durch die Kombination von Kupfer mit Zinn ersetzt, was zu einem harten, widerstandsfähigeren und insgesamt überlegenen Material führte. Die Massenproduktion von Bronze prägte ein ganzes Zeitalter. Es umfasste den Aufstieg der Hochkulturen im Niltal und in Mesopotamien gegen Ende des vierten Jahrtausends vor Christus bis zum plötzlichen Zusammenbruch der zivilisierten Welt weniger als zweitausend Jahre später.

Die Erfindung der Bronze konnte jedoch nicht die einzige Ursache für die Entstehung der Zivilisation sein. Ihr angeblicher Ersatz durch Eisen war auch nicht verantwortlich für das lange dunkle Zeitalter, das anschließend folgte, da Eisen von Ägyptern, Hethitern und anderen Völkern schon Jahrhunderte vor ihrer finsteren Epoche verwendet worden war. Tatsächlich wurde die Bronzezeit selbst von zwei großen Intervallen unterbrochen, in denen alle Zivilisationen gleichzeitig schwere Krisen durchliefen, die sie an den Rand des Untergangs brachten. Durch welche Ereignisse wurden diese Krisen ausgelöst? Kriege, Hungersnöte, religiöser Eifer, Epidemien – nichts konnte angemessen erklären, wie oder warum ganze Völker zu verschiedenen Zeiten auf ähnliche Weise aufstiegen und untergingen und was den völligen Untergang der vorklassischen Welt hätte bewirken können.

Ab 3100 vor Christus schienen die hochentwickelten Reiche Kleinasiens, der Ägäis und des Nahen Ostens für fast zwei Jahrtausende aufzusteigen und zu prosperieren. Um 1200 vor Christus verschwanden dann jedoch praktisch über Nacht alle für eine Hochkultur charakteristischen Errungenschaften – Literatur, Künste, Monumentalbauten, Stadtplanung, Medizin, organisierte Religion, die mathematischen Wissenschaften, Herstellungstechniken, Physik, Astronomie, Handel. In den nächsten vierhundert Jahren tasteten sich die Menschen durch ein dunkles Zeitalter, das so finster war, dass die meisten Leistungen ihrer Vorfahren entweder vergessen oder in den Bereich des Mythos verbannt wurden. Bis zur Wende des letzten Jahrtausends ist es den Wissenschaftlern nicht gelungen, diese große Frage der Geschichte zu beantworten: Woher stammte die Zivilisation, und was brachte sie so plötzlich an ihr Ende?

Mitte der 1990er Jahre haben akademische Forscher diese Frage angesichts der verheerenden Auswirkungen von Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter erneut überdacht. Sie begannen ernsthaft in Betracht zu ziehen, dass ähnliche Kataklysmen den Verlauf der frühen Entwicklung der Zivilisation hier auf der Erde grundlegend bestimmt haben könnten. In Europa, Asien und den Vereinigten Staaten überprüften Archäologen ihre Ergebnisse und gelangten überrascht zu einigen gemeinsamen Schlussfolgerungen, die geeignet waren, langgehegte Vorstellungen von der Vergangenheit radikal über den Haufen zu werfen, ebenso wie die Astronomen infolge des überraschenden Auftretens von Shoemaker-Levy 9 gezwungen waren, ihre Überzeugungen von einem sicheren Sonnensystem zu revidieren. Drei Jahre nach dem Zusammenstoß des Kometen mit dem Jupiter kamen weltweit führende Autoritäten auf den Gebieten der Archäologie, Archäoastronomie, Geologie, Paläobotanik, Klimatologie und verwandter Wissenschaften zu einer Sonderkonferenz zusammen, um ihre neuen, verstörenden Daten zu bündeln. Die Tagung trug den Titel »Naturkatastrophen in bronzezeitlichen Zivilisationen: Archäologische, geologische, astronomische und kulturelle Perspektiven«. Vom 11. bis 13. Juli 1997 beherbergte die Gesellschaft für Interdisziplinäre Studien im Fitzwilliam College in Cambridge Wissenschaftler aus Schweden, Japan, Australien und vielen anderen Ländern. Zu den Referenten gehörten solche akademischen Größen wie Mike Baillie, Professor am Paläoökologischen Zentrum der Queen’s University in Belfast, Nordirland, und führender Experte für die Datierung von Baumringen, Duncan Steel vom Pioneer Venus Orbiter Programm der NASA und Amos Nur, Professor für Geophysik an der Stanford University. Insgesamt nahmen rund einhundert Wissenschaftler an dieser Konferenz teil.

Weitere bekannte Referenten waren Victor Clube und William Napier, zwei Astronomen vom Armagh Observatory in Irland. Ihre Theorie lautete, dass ein riesiger Komet vor dreißig- bis siebzigtausend Jahren in eine Sub-Jupiter-Umlaufbahn geschleudert wurde. Anschließend zerlegte er sich allmählich in kleinere Kometen oder Asteroiden. Diese neuen Kometen erzeugten Trümmerhaufen, die sich noch immer als jährliche Meteoritenschauer bemerkbar machen. Als sie jünger waren, waren sie jedoch noch dichter und konnten immer dann Verwüstungen auf unserem Planeten anrichten, wenn die Erde ihren dichtesten Abschnitt durchquerte. Diese Meteorhaufen bewegen sich über mehrere Jahrtausende hinweg weiter, so dass ihre gefährlichsten Perioden ungefähr zweieinhalbtausend Jahre auseinander liegen. Für die Zeit seit ungefähr 3150 vor Christus postulierten Clube und Napier einen kürzeren Teilzyklus von ungefähr sechshundert Jahren (Palmer und Bailey 1998, 273).

Die Theorie von Clube und Napier erregte die Aufmerksamkeit anderer Wissenschaftler. Sie waren sich einig, dass eine Reihe bronzezeitlicher Kataklysmen durch den nahen Vorbeiflug und/oder den tatsächlichen Einschlag vier verschiedener Kometen verursacht worden war. Diese Zusammenstöße müssen die menschliche Zivilisation um 3100, 2200, 1628 und 1198 vor Christus grundlegend beeinflusst und traumatisiert haben. Die Referenten von Cambridge lieferten zahlreiche materielle Beweise, die überzeugend belegten, dass diese Katastrophen der Bronzezeit tatsächlich stattgefunden hatten. Dabei war erst in jüngster Zeit mit unabhängigen wissenschaftlichen Mitteln bestätigt worden, was die Menschen bereits vor dreitausend Jahren und mehr gewusst und in mythischen Erzählungen auf der ganzen Welt bewahrt hatten. Denn Griechen, Iren, Ägypter, Nordeuropäer, Afrikaner sowie Ureinwohner Mittelamerikas und der Anden erinnerten sich an dasselbe Quartett von Katastrophen.

Diese mündlichen Überlieferungen weisen trotz der oft enormen zeitlichen und räumlichen Distanz eine bemerkenswerte allgemeine Konsistenz auf: Sie beschreiben übereinstimmend ein früheres Zeitalter beispielloser zivilisatorischer Größe auf einer großen Insel im Atlantik. Anfangs tugendhaft, wurde dieses Volk schließlich von Laster und Gier korrumpiert. Daher bestraften die Götter sie mit einem »Feuer vom Himmel«, auf das eine schreckliche Flut folgte. Einige konnten entkommen und flohen in andere Teile der Welt, wo sie neue Kulturen aufbauten und Dynastien begründeten. Andere blieben in ihrer verwüsteten Heimat, um ihren früheren Glanz wiederherzustellen. Der Kreislauf von Macht, Katastrophe, Migration und Erneuerung wiederholte sich noch dreimal, bis das Reich von einer letzten Flut endgültig ausgelöscht wurde. Die letzten Überlebenden segelten in ferne Länder, die sie mit ihrer überlegenen Technologie beherrschten, bis sie von den einheimischen Populationen absorbiert wurden.

Um 340 vor Christus gab der griechische Philosoph Platon diesem Quell der Zivilisation einen Namen: Atlantis. Zweifellos war das Reich unter verschiedenen Namen bereits Jahrhunderte zuvor und bei vielen Völkern bekannt gewesen, doch deren Bezeichnungen waren nur individuelle Abwandlungen, die alle den gleichen Ort meinten. Den Gelehrten waren diese Erzähltraditionen seit langem bekannt gewesen, doch sie hatten sie immer als Mythen oder Allegorien abgetan. Durch das Wissen um die Begegnungen unseres Planeten mit Kometen in vorklassischer Zeit erhielten diese Mythen jedoch eine völlig neue Bedeutung. Sie können nun als Beschreibungen von vier Naturkatastrophen gelesen werden, die die gesamte Bronzezeit prägten. Die in den Mythen dargestellten Ursprünge und Einflüsse der frühen Zivilisationen traten vor dem Hintergrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erstmals als ein kühnes Relief hervor. Sie erzählen die vergessene Geschichte der Menschheit – ein Drama, das durch eine ähnliche Katastrophe auf dem Planeten Jupiter in unserer Zeit wieder zum Leben erweckt wurde.

Die Tagung der Forscher am Fitzwilliam College im Jahr 1997 zeigte, dass sich verschiedene Kometen am Beginn und am Ende der Bronzezeit der Erdumlaufbahn näherten, mit zwei weiteren Begegnungen zwischendurch. Hale-Bopp und Halley sind heute noch bekannte Kometen, doch vor fünftausend Jahren waren sie um ein Vielfaches massereicher und unserem Planeten näher. Die Astronomen Clube und Napier glauben, dass noch ein weiterer Komet, als Proto-Encke bezeichnet, zu den zerstörerischen Marodeuren aus dem All zählte. Möglicherweise gab es weitere, die inzwischen verschwunden sind, so wie ja auch Hale-Bopp, Halley und Encke heute weitaus weniger gefährlich sind als in der Vergangenheit. Denn jedes Mal, wenn diese drei Kometen in der Nähe der Sonne vorbeifliegen, lösen sie sich nach und nach etwas mehr auf, da die Eisstruktur, die ihr felsiges Material zusammenhält, durch die Sonnenwärme verdampft. Archäoastronomen haben berechnet, welche Dichte sie hatten, bevor sie im Verlauf ihrer Umkreisungen den größten Teil ihrer Masse verloren. Sie konnten feststellen, dass diese derzeit relativ altersschwachen Kometen einst den Himmel über der Erde beherrschten, heller als der Vollmond leuchteten und selbst bei Tageslicht deutlich sichtbar waren. Wenn sie sich näherten, war ihr Leuchten der Vorbote furchterregender Ereignisse, denn sie schleuderten Tausende flammender Felsbrocken auf einen wehrlosen Planeten.

Der naheliegendste Beweis für solch ein himmlisches Sperrfeuer wäre natürlich eine unbestimmte Anzahl von Einschlagskratern, die mit der Bronzezeit in Verbindung gebracht werden können. Solch ein Nachweis gestaltet sich jedoch schwierig. Wie Kenneth Caroli zu bedenken gibt, hat vermutlich ein Großteil der Trümmer keine Spuren an Land hinterlassen, da sie in den Ozeanen einschlugen, die den größten Teil der Erdoberfläche bedecken. Die Wahrscheinlichkeit, Einschlagskrater zu finden, wird auch dadurch weiter verringert, dass ein unbekannter, aber wahrscheinlich hoher Prozentsatz von Explosionen in der Atmosphäre stattfand, wobei die Meteore explodierten, bevor sie mit der Erdoberfläche kollidieren konnten, so wie der Asteroid, der 1908 über Sibirien detonierte. Da der Wirkungsradius größer ist, können solche Explosionen in der Luft sogar noch zerstörerischer sein, auch wenn sie kaum offensichtliche Spuren hinterlassen. Dazu kommt noch, dass die natürlichen Kräfte von Wind und Regen im Lauf der Jahrtausende Einschlagskrater bis zur Unkenntlichkeit abtragen oder verschwinden lassen können.

Dennoch fanden die Wissenschaftler eine Fülle physischer Beweise für die weltweite Zerstörung, die Kometen während der Bronzezeit hinterließen. Folgende unbestreitbare Nachweise wurden während der Tagung am Fitzwilliam College präsentiert: Wachstumsringe der Vegetation in irischen Mooren und Eichenwäldern; Ascheablagerungen in grönländischen Eiskernen; Aufpralllinien kolossaler Wellen entlang der Küste Marokkos; abrupte Veränderungen des Wasserstandes in Seen von Westeuropa bis nach Südamerika; kleine glasige Kügelchen, die aus Kometenkollisionen resultieren, bei denen das Gestein starker Hitze ausgesetzt ist. Dieser Effekt ist auch bei siebzig sogenannten verglasten Festungen in Schottland sichtbar. Euan MacKie, der ehemalige stellvertretende Direktor des Hunterian Museums in Glasgow, beschreibt solch ein ungewöhnliches Bauwerk: »eine zerstörte Hochburg auf einem Hügel, die so stark durch Feuer beschädigt wurde, dass Teile der Mauerwerke miteinander verschmolzen sind; dies impliziert Temperaturen von bis zu 1.000 Grad Celsius« (Palmer und Bailey 1998, 149). Seit dem späten achtzehnten Jahrhundert hatten die Forscher angenommen, dass prähistorische Völker die Festungen absichtlich starker Hitze aussetzten, um ihre Mauern zu verstärken. Aber wie MacKie betont, »zeigt die Ausgrabung solcher Stätten regelmäßig, dass die Verbrennung und Verglasung am Ende ihrer Nutzungszeit erfolgte und sie unbewohnbar machte« (Palmer und Bailey 1998, 312). Der Enzyklopädist William Corliss fügt hinzu:

»Der militärische Nutzen verglaster Festungsmauern ist nicht offensichtlich. Viele der Wände sind nur ein paar Meter hoch und so einfach zu erklimmen wie eine unverglaste Wand. Die Verglasung trägt wenig oder gar nichts zum militärischen Wert der Mauern bei. Tatsächlich ist es vernünftiger, die verglasten Festungsmauern als die verbrannten Überreste viel höherer Holzfachwerkmauern zu betrachten, die von scharfen Holzpfählen überragt wurden, welche auf den vorrückenden Feind gerichtet waren.« (Corliss 2001, 122)

Ende der 1980er Jahre durchgeführte Experimente von Archäologen der Universität Oxford zeigten, dass die frühen Westeuropäer nicht in der Lage waren, die zum Schmelzen von Steinmauern erforderlichen Temperaturen zu erzeugen. Jeder Baum in Großbritannien hätte verbrannt werden müssen, um eine einzelne schottische Festung zu verglasen! Während bei archäologischen Ausgrabungen häufig Hinweise auf Brandschäden durch Krieg oder Unglücksfälle zu finden sind, ist eine Verglasung selten, da die erforderlichen Temperaturen die normalen Verbrennungstemperaturen weit überschreiten. Darüber hinaus scheinen nahe gelegene Felsbrocken und andere Felsformationen, die in keiner Beziehung zu den Burgen standen, ebenfalls Verglasungen aufzuweisen und genauso durch ungewöhnlich starke Hitze geschmolzen zu sein. Ein weiteres Argument gegen die Verglasung als bewusst angewandte militärische Methode ist ihre Präsenz in anderen Teilen der Welt bei unterschiedlichen Völkern. Im Jahre 1982 entdeckten Bauarbeiter aus Colorado, die in den Bergen nordwestlich von Denver eine Pipeline gruben, zufällig die Überreste eines Dorfes mit sechzehn Lehmgebäuden, die vor mehr als viertausend Jahren durch extreme Hitze verschmolzen waren. »Das Alter dieser Stätte und ihr feuriger Niedergang«, bemerkt Corliss, »waren ein Alarmsignal für Anhänger der Katastrophentheorie« (Corliss 2001, 122).

Der amerikanische Antiquar Stephen Peet berichtet von prähistorischen Bauten in Bourneville, Ohio, auf einem Hügel zwanzig Kilometer westlich von Chillicothe, die außerordentlich hohen Temperaturen ausgesetzt gewesen waren. »Diese Steinhügel«, schreibt er, »weisen die Spuren intensiver Hitze auf, die die Oberflächen der Steine verglast und miteinander verschmolzen hat. An anderen Stellen der Mauer sind starke Brandspuren zu erkennen« (Corliss 2001, 123).

Ein Forschungsreisender im Auftrag des American Journal of Science, der 1839 den Irak besuchte, inspizierte die Ruinen von Birs Nimrud, einer eingestürzten Zikkurat (Stufenpyramide) etwa neunzig Kilometer südlich von Bagdad, und fand, dass

»… die Basis des Bauwerks nicht verändert war, aber die herabgeworfenen Stapel feiner Ziegelsteine in verschiedenen Farben verglast waren; sie gaben den klingenden Ton von sich, der für Verglasungen typisch ist. Die Zementlinien sind deutlich sichtbar und ebenfalls verglast. Die verzehrende Kraft des Feuers scheint von oben eingewirkt zu haben, und die nun verstreuten Ruinen fielen von einem höheren Punkt herab als die Spitze des gegenwärtig noch stehenden Fragments. Das Feuer, das solch erstaunliche Effekte erzeugte, muss mit der Kraft eines mächtigen Ofens gebrannt haben, und nach dem Erscheinungsbild des Risses in der Mauer dieser verglasten Massen neige ich dazu, die Katastrophe einem enormen Blitz zuzuschreiben.« (Corliss 2001, 179)

Seine Eindrücke wurden mehr als vierzig Jahre später von einem Reporter des Journal of the Transactions of the Victoria Institute bestätigt: »Am Fuße dieses turmartigen Bauwerks liegen große Brocken aus verglastem Mauerwerk, die offensichtlich durch Feuer geschmolzen und von der ursprünglichen Spitze des Gebäudes geschleudert wurden, das ohne Zweifel dreißig oder vierzig Meter höher gewesen war« (Corliss 2001, 178). Ein Schriftsteller, der Birs Nimrud 1929 für die Zeitschrift Antiquity beschrieb, berichtet von merkwürdigen Fragmenten in Form »mehrerer unförmiger, ziemlich schwarzer Mauermassen. Diese waren sicherlich heftiger Hitze ausgesetzt, da sie vollständig geschmolzen sind« (Corliss 2001, 177).

In Frankreich gibt es eine Reihe von Forts vitrifiés in Châteauvieux, Puy de Gaudy und in der Nähe von Saint-Brieuc (Côtes-du-Nord). Diese französischen Orte weisen keine kulturellen Beziehungen zu ihren schottischen Gegenstücken auf, außer im Hinblick auf den Zeitraum der Verglasung, nämlich während der Spätbronzezeit. Während aktuelle Datierungstechniken anzeigen, dass es um 800 vor Christus und später zu der Verglasung kam, glaubt MacKie, dass eine »Datierung durch Thermolumineszenz dagegen auf eine breitere zeitliche Streuung hindeutet« (Palmer und Bailey 1998, 245). Passenderweise stimmen die Daten für die Verglasung in Colorado, im Irak und in Indien mit dem Zeitpunkt von zwei früheren Kometeneinschlägen, nämlich um 2200 und 1628 vor Christus, überein. Tatsächlich hätte nichts Geringeres als ein Feuer vom Himmel ausreichend hohe Temperaturen erzeugen können, um Steinbauten auf der ganzen Welt zu verglasen.

Es gab vier solcher planetenübergreifenden Katastrophen, und jede von ihnen markierte grundlegende Veränderungen des menschlichen Schicksals. Die erste fand am 12. August 3113 vor Christus statt, ein Datum, das die Maya in ihrem heiligen Kalender als 4 Ahau 8 Cumku bewahrten. In den Jahrhunderten vor diesem schrecklichen Ereignis war die Zivilisation im mittelozeanischen Reich des Atlas gewachsen und gediehen. Doch im vierten Jahrtausend vor Christus fiel ein Komet oder sogar eine Reihe von Kometen auf die Erde, zerstörte ihre Oberfläche und sandte monströse Wellen gegen die ersten Städte der Menschheit. Die Insel des Atlas wurde durch seismische Gewalt schwer beschädigt, und zumindest einige ihrer Teile stürzten in das aufgewühlte Meer (siehe Abb. 3.1). Flüchtlinge gelangten nach Mesopotamien, wo man sich an sie als Seevölker erinnerte. Derselbe Name bezeichnete auch die Fomoraig oder Fomorer in Irland sowie die Pelasger in Griechenland. Im Nildelta waren es die Mesentiu oder Harpuniere. In Mexiko und Peru waren sie »Ausländer des Landes«, die Ah-Auab und die Ayar-manco-topa. Überall, wo sie siedelten, ließ eine Synthese der Hochkultur ihres ursprünglichen Heimatlandes mit indigenen Einflüssen neue Gesellschaften entstehen, die sowohl materiell als auch spirituell höher entwickelt waren und auf gemeinsamen Ursprüngen beruhten, sich jedoch in ihrer weiteren Entwicklung zunehmend voneinander unterschieden.

Fast tausend Jahre himmlischen Friedens ließen den Keim der atlantischen Zivilisation im Niltal, im Tal von Mexiko, im fruchtbaren Halbmond und in einem Dutzend anderer weniger stark zerstörter Länder gedeihen. Knapp der Vernichtung entgangen, litt das entkräftete Atlasreich unter der Demütigung fremder Besatzung. Nach der letztendlichen Vertreibung der Fremden bauten die unbezwingbaren Bewohner ihr Reich mithilfe ihrer Fähigkeiten als Seefahrer und Bergleute wieder auf.

Doch im Jahr 2193 vor Christus explodierte der Himmel erneut, wie in der Ura-Linda-Chronik, dem Erbstück einer Familie aus dem mittelalterlichen Friesland, dokumentiert ist (siehe Kapitel 12). Wie zuvor loderten kosmische Schlangen über den Himmel und spien flammende Trümmer über die Welt. Dynastien fielen, ganze Gesellschaften brachen zusammen, und Atlantis, das zu Erdbeben neigte, schwankte am Rande der Vernichtung. Immer mehr Menschen zogen in weniger gefährdete Gegenden fort, gründeten neue Herrschaftsgebiete oder bauten die von ihren Vorfahren erschlossenen weiter aus. Die daheimgebliebenen Atlanter wussten, wie man sich aus Trümmern befreite, um neu zu beginnen. Ihre Gesellschaft entwickelte sich prächtiger als jemals zuvor, denn Widerstandsfähigkeit war das Markenzeichen ihrer Bevölkerung.

Abb. 3.1. Diese Illustration zeigt Überlebende, die in einem Schilfboot vor dem Kataklysmus fliehen, der sich gegen Ende des 4. Jahrtausends vor Christus ereignete. Es war die erste von vier Naturkatastrophen, die Atlantis heimsuchten. (Illustration von Kenneth Caroli)

In den nächsten sechs Jahrhunderten führten sie die zivilisierte Welt in eine neue Phase der Bronzezeit, mit einer frischen Blüte von Kunst und Handel. Aber im Jahre 1628 vor Christus kam auch diese Periode zu einem bitteren Ende, als sich der Himmel verdunkelte und die Temperaturen aufgrund eines gewaltigen Aschefalls zurückgingen. Ausgelöst von einer Flut von Kometeneinschlägen, stießen Vulkane in der Ägäis und im Pazifik erneut Tod und Vernichtung aus, was zu einer weiteren Migration der Atlanter in die ganze Welt führte.

Obwohl die Hauptstadt diesmal weniger beschädigt war als nach den früheren Kataklysmen, traten nun Führer mit einer neuen imperialistischen Denkweise auf. Atlantis behauptete sich bald darauf als Hauptquartier eines aggressiven, expansiven Imperiums, gründete Kolonialherrschaften auf beiden Seiten des Ozeans, den es nach sich selbst benannt hatte, und engagierte sich in internationaler Machtpolitik. Um seine Ansprüche zu untermauern, baute es starke Flotten von Kriegsschiffen auf, die mit Marinesoldaten bemannt waren. Parallel zu diesem militärischen Aufschwung vergrößerte sich die Hauptstadt hinsichtlich ihrer Bevölkerung und materiellen Pracht zur prunkvollsten Metropole der Welt. Ihr Ehrgeiz führte jedoch zu Konflikten mit anderen Völkern, und die Atlanter standen schließlich im Krieg mit den anderen großen Reichen der damaligen Welt.

Obwohl sie zunächst erfolgreich waren, mündeten ihre Siege schließlich in eine Niederlage. Die militärische Katastrophe ging mit einer Kometenkatastrophe am Himmel einher: Eine schicksalhafte Kombination von himmlischen Phänomenen bewirkte den tödlichsten Angriff des Himmels, den die leidgeprüfte Menschheit jemals erdulden musste. Atlantis blieb nicht verschont. Erdbeben erschütterten seine Gebäude, kolossale Wellen schlugen in seine Häfen ein, und seismische Umwälzungen brachten den Atlas zu einem großen Ausbruch, der die Insel in zwei Teile sprengte. Die feurige, klaffende Wunde schluckte in wenigen Augenblicken Millionen Tonnen Meerwasser und saugte Atlantis und seine erschrockenen Bewohner auf den Grund des Ozeans. Einige flohen vor der endgültigen Vernichtung ihres Heimatlandes, nur um festzustellen, dass die Welt, in die sie flüchteten, ein dunkles Zeitalter fast universaler Zerstörung war.

Diese vier globalen Kataklysmen wurden von vormodernen Kulturen auf der ganzen Welt im Gedächtnis gespeichert, zum Teil in Form von Kalendersystemen, die diese großen Katastrophen nutzten, um wichtige Epochen voneinaner abzugrenzen. Zwei Systeme, die diese vier Naturkatastrophen auf solche Weise verwendeten, stimmen trotz der Trennung durch zwei Ozeane bemerkenswert gut miteinander überein. Der aztekische Kalender, der vom vierzehnten bis sechzehnten Jahrhundert nach Christus benutzt wurde, war die letzte Entwicklungsstufe zahlloser Vorläufer, die bis in die Ursprünge der mittelamerikanischen Zivilisation vor Tausenden von Jahren zurückgingen. Seine Sonnen oder Epochen waren durch vier Hauptstörungen in der Erdgeschichte gekennzeichnet. Die erste, 4-Ocelotl oder Jaguar, war eine Zeit, in der die Menschheit von riesigen Rudeln von Raubtieren beinahe verschlungen wurde. Einige Menschen überlebten, bauten eine neue Gesellschaft auf – und wurden reich, untätig und dekadent in einem Zyklus, der der nächsten Epoche vorausging: 4-Ehecatl oder Windsturm. Die vorletzte Zerstörung war 4-Quiahuitl, das Feuer vom Himmel. Die Azteken kannten die letzte und jüngste planetenweite Katastrophe als 4-Atl oder die Große Flut, worauf ihr Kulturheros, die Gefiederte Schlange, aus seinem verborgenen Reich auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans auftauchte. Diese aztekischen vier Epochenwenden fallen mit dem Quartett der kosmischen Katastrophen zusammen, von denen bekannt ist, dass sie die Erde um 3100, 2200, 1600 und 1200 vor Christus verwüsteten.

Auch Bewohner des indischen Subkontinents verwendeten diese vier Kataklysmen in ihrem Kalendersystem. Nach Carolis Forschung zu hinduistischen Zeitzyklen wurden diese durch bestimmte Konstellationen definiert, die den astrologischen Zeichen im westlichen Tierkreis entsprechen. Caroli erklärt, dass »der Zeitraum 3112 bis 3066 vor Christus eine plausible Trennungslinie zwischen ihren ersten beiden Häusern darstellt. […] In Kaschmir wurde das Nulldatum des Saptarshi-Kalenders auf den Zeitpunkt festgelegt, als die sieben Rishis oder Weisen 3076 vor Christus in den Himmel aufstiegen, um zu den Sternen in Ursa Major zu werden« (Caroli 2003). Auch wenn Madame Helena Blavatsky und ihre theosophischen Anhänger im späten neunzehnten Jahrhundert oft des Mystizismus beschuldigt werden, scheint es so, als würden einige ihrer Argumente zumindest teilweise auf echten indischen Traditionen beruhen. Caroli behauptet:

»Die theosophischen Zahlen lassen sich mit einer Art Mondgottheit erklären, die als Tithi bezeichnet wird – 1/360 eines synodischen Mondjahres mit 354 Tagen oder eines Solarjahres mit 365 Tagen. Unter dieser Annahme beträgt das Intervall zwischen dem ersten und dem letzten Kataklysmus 2130 bis 2156 Jahre. Blavatskys Zahl für ein Tierkreis-Zeitalter betrug 2155 Jahre. Wenn wir nun diese 2130 Jahre als ein ganzes Maha Yuga oder eine Epoche annehmen, die etwa 3112 bis 3066 vor Christus begann, erhalten wir einige interessante Ergebnisse. Es gibt vier Yugas in dieser Epoche, von denen jedes immer kürzer als das vorangegangene ist. Das Maha Yuga endete um 3100 vor Christus, als das Krita Yuga begann, das irgendwann zwischen 2260 und 2214 vor Christus zu seinem Ende kam. Es folgte ein Treta Yuga bis 1621 oder 1575 vor Christus. Zu dieser Zeit lebte Rama Prusha – im hinduistischen Mythos ein Avatar des Vishnu. Passenderweise ist eine große Hauptstadt namens Lankhapura in Erinnerung geblieben, die während des Treta Yuga im Meer versunken sein soll. Bevor sie unterging, wurde eine schöne Frau, Sita, von Rama, einem Helden mehrerer asiatischer Epen, insbesondere des Ramayana, gerettet. Nach dem Treta Yuga folgte das nach Krishnas Hauptstadt benannte Davpara Yuga. Davpara sank nach einem gewaltigen Krieg bei seiner Vernichtung auf den Grund des Ozeans. Das Davpara Yuga endete um 1231 oder 1213 vor Christus.« (Caroli 2003)

Ähnlichkeiten zwischen den aztekischen und den hinduistischen Zeitzyklen lassen vermuten, dass sie von Überlebenden derselben vier Katastrophen aufgestellt wurden. Nicht weniger bemerkenswert ist, dass beide Zyklen parallel zu den kürzlich entdeckten kosmischen Ereignissen des späten vierten und dritten Jahrtausends vor Christus und des frühen siebzehnten und zwölften Jahrhunderts vor Christus verlaufen. Die aztekischen Epochen und das Quartett der hinduistischen Yugas definieren eindeutig dieselbe Reihe von Naturkatastrophen, von denen die Wissenschaft heute erkennt, dass sie unseren Planeten in der antiken Vergangenheit heimgesucht haben. Am wichtigsten für unsere Untersuchung ist, dass der atlantische Charakter dieser Ereignisse in der globalen Flut von 4-Atl sowie durch Krishnas versunkene Stadt im Davpara Yuga deutlich wird.

Die weltumstürzende Gewalt, die diese und zahlreiche andere Traditionen beschreiben, spiegelt eine Geschichte, die über einen Zeitraum von fast zweitausend Jahren auf der gesamten Welt ablief. Der Umfang dieser Erzählung scheint beinahe zu groß zu sein, um sie zusammenzufassen. Wir beginnen gerade erst, dieses riesige Panorama zu überschauen, das die frühe Geschichte der menschlichen Zivilisation erklärt. Es kann jedoch noch deutlicher in den Blick genommen werden, wenn man die Mythen unmittelbar mit den Erkenntnissen der Wissenschaft im Hinblick auf die vier bronzezeitlichen Kataklysmen vergleicht, die die Astronomen mittlerweile identifiziert haben.

Die folgende Zeitachse der Katastrophen verbindet einige der wichtigsten Volkstraditionen mit den archäologischen und geologischen Erkenntnissen. Wenn diese Verbindungen hergestellt werden, beginnt sich das Weltdrama mit seinen Spielern, seinen Handlungen und seinem schließlichen Ausgang vor unseren Augen zu entfalten. Als austauschbare Vorlage für das Epos von Atlantis zeigt diese Zeitachse seinen Aufstieg zur Größe, seine kosmische Vernichtung und das Schicksal seiner Überlebenden.

ERSTER KATAKLYSMUS:
3113 vor Christus
Ereignisse am Himmel

•Der Komet Proto-Encke kommt der Erdumlaufbahn am nächsten.

•Ein Komet kollidiert mit Asteroiden im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, was zu Meteoritenströmen führt. Diese bilden später die Tauriden-Meteore, die mit den Kataklysmen der Bronzezeit in Verbindung gebracht werden. Die jüngste aktivste Phase der Tauriden fand um die Wende des vierten Jahrtausends vor Christus statt.

•Duncan Steel folgerte: »So war der Nachthimmel ab 3000 vor Christus für einen Zeitraum von mindestens ein oder zwei Jahrtausenden gestört und enthielt einen oder mehrere jährlich wiederkehrende Hauptkometen, verbunden mit Epochen (festgelegt durch die Präzession der Umlaufbahn), in denen der jährliche Meteoritensturm ein gewaltiges Ausmaß erreichte« (Wright 2000). Laut Steel kreuzte eine Reihe von vier Kometen, die einen Monat voneinander entfernt waren, um 3100 vor Christus den Orbit der Erdumlaufbahn (Wright 2000).

•Der etwa 150 Meter breite Henbury-Krater im Norden von Zentralaustralien wurde durch einen Meteoriteneinschlag um 3100 vor Christus erzeugt.

Geologische Beweise

•Im grönländischen Eisbohrkern von Camp Century tritt ein Säuregehalt auf, der auf eine plötzliche starke Zunahme von weltweit niederregnender Asche hinweist.

•In ihrem Buch Uriels Maschine stellen die Autoren Christopher Knight und Robert Lomas fest, dass sich die Richtung des Magnetfeldes der Erde in den letzten zehntausend Jahren nur zweimal abrupt geändert hat, zuletzt 3150 vor Christus, als ein Komet ins Mittelmeer stürzte.

•Der Vulkanismus im Atlantik erreichte um die Wende des vierten Jahrtausends vor Christus einen Höhepunkt, insbesondere auf Island und auf den Azoren, also in der Umgebung von Atlantis.

•Weltweit erhöhten sich die Erosionswerte von 20 bis 30 Tonnen/Quadratkilometer um 2950 vor Christus plötzlich auf 140 Tonnen/Quadratkilometer.

•An den Flüssen Tigris, Euphrat und Nil waren massive Überschwemmungen zu verzeichnen. In Brasilien floss das Amazonasbecken über, und es entstand der Lago Amazonica, ein mittlerweile verschwundener See.

Klimatischer Wandel

•Laut Dr. Robert M. Schoch, einem Geologen der Boston University, weist die Große Sphinx von Gizeh Schäden durch Regenwasser auf, die bei den aktuellen Niederschlagsmengen auf eine Errichtung gut 2.500 Jahre vor ihrem offiziellen Bau im sechsundzwanzigsten Jahrhundert vor Christus hindeuten würden. Kenneth Caroli weist jedoch darauf hin,

»dass sich das Klima um 3090 vor Christus verschlechterte. Der Höhepunkt dieser feuchteren Periode war kurz und erreichte seine höchsten Niederschlagsmengen um 2200 bis 2100 vor Christus. Die genaue Abfolge des Klimawandels ist nach wie vor umstritten, scheint sich aber, unterbrochen von plötzlichen extremen Dürrephasen oder kurzen Schlagregenausbrüchen, schrittweise verschärft zu haben.« (Caroli 2003)

Mit anderen Worten: Die Wasserschäden, die an der Großen Sphinx entdeckt wurden, sind wohl nicht vor siebentausend Jahren entstanden, also etwa zwanzig Jahrhunderte vor dem Ursprung des dynastischen Ägyptens, sondern einige Jahrhunderte nach dessen Beginn.

•Baumringe in den kalifornischen White Mountains zeigen, dass im amerikanischen Südwesten kühlere und feuchtere Bedingungen vorherrschten.

•Ein sogenanntes Staubschleierereignis, das plötzliche Auftreten gewaltiger Mengen von Asche in der Atmosphäre, wird durch Baumringe in Irland und England dokumentiert. Zugleich mit dem weit verbreiteten Abbrennen verschiedener nordeuropäischer Moore kam es zu einem erhöhten Eintrag von kosmischem Staub.

•Das Tote Meer hob sich um neunzig Meter.

•In der Antarktis ist am Midge Lake auf der Livingstone-Insel ein deutlicher Höchststand der Sedimente erkennbar, der um 2900 vor Christus kulminiert.

•Die Wachstumsrate von Torfmoos auf Elephant Island, einem Teil der Südlichen Shetlandinseln, erreicht um 3100 vor Christus einen Höhepunkt.

Regionale Ereignisse

•Atlantis. Schwere Erdbeben und Vulkanismus, ausgelöst durch Meteoriten, die den geologisch instabilen mittelatlantischen Rücken treffen, verwüsten weite Teile der Insel. Einige Landbereiche lösen sich ab und stürzen ins Meer. Küstengegenden werden durch neunzig Meter hohe Wellen überschwemmt, die sich mit einer Geschwindigkeit von 800 Kilometern pro Stunde fortbewegen. Die Personenschäden gehen in die Zehntausende. Mindestens die Hälfte der kulturellen Infrastruktur wird vernichtet. Auch wenn die meisten Überlebenden den Wiederaufbau der Gesellschaft beginnen, setzt danach eine großangelegte Migration in andere Teile der Welt ein, insbesondere ins Niltal und nach Mesopotamien.

•Irland. Newgrange und andere megalithische Stätten in Knowth und Dowth werden angelegt. Laut der irischen Volksüberlieferung treffen die Fomorer, die mit den Megalithbauten in Verbindung gebracht werden, an der Südküste ein.

•Großbritannien. Baubeginn wichtiger megalithischer Stätten, darunter Stonehenge in der Salisbury-Ebene sowie die Stones of Stenness, der Ring von Brodgar, Skara Brae und Maes Howe auf der Orkney-Insel Mainland.

•Europäischer Kontinent. Die Bronzeproduktion setzt ein. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien beginnt die Kultur der Schnurkeramiker.

•Ägäis. Auf Kreta tauchen Steingräber auf. Ursprungszeit von Troja I, dessen Überreste die frühesten archäologischen Beweise für die trojanische Stadt Ilios liefern. Im griechischen Mythos überlebt Phorkys die erste große Sintflut. Pelasgos kommt mit seinen Seefahrern, den Pelasgern, in Griechenland an. Wie Platon in Politikos berichtet, schien die Sonne während der dardanischen Flut gegen Mittag ihren Lauf umzukehren, und zahlreiche Menschen und Tiere kamen um.

•Ägypten. Die Shemsu-Hor und die Mesentiu erreichen das Nildelta. Plötzlich entsteht und gedeiht eine hoch entwickelte Zivilisation im gesamten Niltal. Die erste Dynastie beginnt mit König Hor-Aha oder König Narmer. Gemäß Radiokarbondatierungen, die in den späten 1980er Jahren sowie in den frühen 1990er Jahren durchgeführt wurden, beginnt der Bau der Großen Pyramide bereits im dreißigsten Jahrhundert vor Christus. Das Chalcolithikum, die Kupferzeit, bildet die Brücke zur frühen Bronzezeit.

•Mesopotamien. Die sumerische Dschemdet-Nasr-Kultur verdrängt diejenige von Uruk. Die Herstellung von Bronze setzt ein. Die frühdynastische Sumer-Periode beginnt. Eine piktografische Schrift kommt auf, das Elamitische, die früheste Form des Schreibens im Fruchtbaren Halbmond.

•Israel. Die Kabbala, hebräisch für »die erhaltene Tradition«, ist eine mystische Interpretation der hebräischen Schriften, die auf ihren ältesten und ursprünglichsten Bedeutungen beruht. Der kabbalistische Begriff »Aziluth« ist der Name für die erste von vier »Welten« oder spirituellen Kräften, die den Globus beherrschen. Aziluth bezeichnet die Welt der Emanationen oder den Willen Gottes, den Beginn des menschlichen spirituellen Bewusstseins. Philologische und mythologische Parallelen zu Atlantis, wo der moderne Mensch und dessen erste formalisierte Religion geboren wurden, scheinen sich in der Aziluth-Tradition der Kabbala erhalten zu haben.

•Iran. Gemäß der persischen Tradition findet die Große Sintflut 3103 vor Christus statt. Vor dieser globalen Katastrophe soll die Welt von zweiundsiebzig Solardynastien beherrscht worden sein. Dieselbe Zahl kommt in ägyptischen Berichten über die Sintflut vor. Eine Erzählung aus dem Alten Reich, »Die Sage vom schiffbrüchigen Seemann« (siehe Joseph, Der Untergang von Atlantis), berichtet von einer fernen Insel, die von zweiundsiebzig Schlangenkönigen regiert wurde, bevor sie von »einem Feuer vom Himmel« zerstört wird und im Ozean versinkt. Im bekannteren ägyptischen Mythos von Osiris wird dieser von zweiundsiebzig Verschwörern ermordet. In der arkanen hebräischen Tradition (der Kabbala) beträgt die Gesamtzahl der Engel zweiundsiebzig. Die Zahl scheint die Anzahl der Dynastien zu sein, die Atlantis vor der Katastrophe am Ende des vierten Jahrtausends vor Christus regierten, wie sie von den Nachkommen der Überlebenden im Nahen Osten und im Niltal unabhängig voneinander im Gedächtnis behalten wurde.

•Indien. Die erste geschriebene Sprache des Subkontinents erscheint im Indus-Tal. Nach dem indischen Epos Mahabharata beginnt 3137 vor Christus ein Weltzeitalter, das als Kali Yuga bekannt ist.

•China. Massive Überschwemmungen zwingen die austronesischen Vorfahren, die einer archäologischen Kultur angehören, die im Süden von Shandong und Jiangsu als Dawenkou bekannt ist, von Taiwan auf die Philippinen zu migrieren. Die meisten der proto-malaiopolynesischen Völker, die vom ostasiatischen Festland aus einwandern, leiten ihre Sprachen von der Dawenkou-Kultur ab. Nach zweitausend Jahren werden die neolithischen Gesellschaften Yangshao und Hongshan durch die Liangzhu-Kultur ersetzt, die Stadtplanung und organisierte Landwirtschaft einführt. Der Liangzhu-Anbau der Erdnuss, die vom amerikanischen Kontinent stammt, deutet darauf hin, dass bereits transozeanische Kontakte zwischen der Alten und der Neuen Welt bestehen. In der mythischen Überlieferung geht eine große Sintflut der Ankunft des Kaisers Fu Hsi um 2950 vor Christus voraus.

•Nordamerika. In der Region der Oberen Großen Seen setzt ein massiver Abbau in den Kupferminen ein.

•Mittelamerika. Die mesoamerikanische Zivilisation beginnt mit den Olmeken. Der Maya-Kalender setzt am 12. August 3113 vor Christus ein. Kulturträger der Maya erreichen die Ufer von Yucatán vor dem Hun yecil (»Das Ertrinken der Bäume«), einer globalen Sintflut. Im aztekischen Kalender wird die erste Sonne oder das erste Weltzeitalter durch 4-Ocelotl oder Jaguar zu einem katastrophalen Ende gebracht.

•Südamerika. In den Anden werden Lamas und Alpakas domestiziert. In den westlichen Gebieten des Kontinents treten Zeremonienkomplexe der Aspero-Tradition auf. Während der Salaverry-Zeit werden die ersten peruanischen Pyramiden mit ausgedehnten Vorhöfen entlang der Pazifikküste gebaut. Laut der Inka-Tradition kommt eine Flotte von Zivilisten, die Ayar-manco-topa, aus dem Osten. Archäologen betrachten die Zeit um 3000 vor Christus als die frühe prägende Periode der Hochkulturen der Neuen Welt.

ZWEITER KATAKLYSMUS:
2193 vor Christus
Ereignisse am Himmel

•Die Kometen Proto-Encke, Oljato und Hale-Bopp konvergieren in der Nähe der Erdumlaufbahn. Laut Caroli bedeutet dies Folgendes:

»Encke hat derzeit einen Durchmesser von ungefähr fünf Kilometern. der ehemalige Komet Oljato einen von eineinhalb Kilometern und Halley einen von etwa zwanzig Kilometern. Hale-Bopp ist mindestens vier- bis fünfmal größer als der Halleysche Koment, eventuell sogar zehnmal so groß. Bei seinem Erscheinen 1997 nahmen Computerberechnungen für Hale-Bopp eine Entfernung von etwa fünfzehn Millionen Kilometern zur Erde im Jahre 2213 vor Christus an. Etwa ein Jahr, bevor er sich unserem Planeten näherte, kam Hale-Bopp nahe an den Jupiter heran und könnte dabei in zwei oder mehr Teile zerbrochen sein. Er kommt keinem anderen Planeten so nahe wie der Erde und dem Jupiter, doch letzterer ist vergleichsweise so riesig, dass sein Gravitationsfeld Hale-Bopp in zwei Teile zerreißen würde. Der Komet hätte unseren Planeten nicht negativ beeinflussen können, wenn er nicht vor 100.000 bis vor 10.000 Jahren in zwei Hälften zerbrochen wäre.« (Caroli 2003)

•W. Bruce Masse, ein Umweltarchäologe der U.S. Air Force, kommt zu dem Schluss, dass »der Zeitraum von 2350 bis 2000 vor Christus mindestens vier kosmische Einflüsse (ca. 2345, 2240, 2188, 2000) und vielleicht einen fünften (ca. 2297 bis 2265) erlebte« (Masse 1998, 201).

•Ein Asteroid explodiert mit einer Kraft von 359 Megatonnen über Argentinien und hinterlässt eine Reihe von Einschlagskratern im Gebiet des Rio Cuarto.

Geologische Beweise

•Laut dem maltesischen Forscher Anton Mifsud stürzte eine große Landbrücke zwischen Malta und der nahe gelegenen Insel Filfla während einer Naturkatastrophe ein und erzeugte riesige Wellen, die den gesamten Archipel überfluteten und das Ende des neolithischen Lebens auf Malta bewirkten. Die Spuren größerer Verwerfungen im unterseeischen Pantelleria-Graben, über dem die beiden Inseln liegen, wurden auf 2200 vor Christus datiert.

•Die schwedischen Geologen Lars Franzen und Thomas B. Larsson fanden in ihrem geologischen Material »Hinweise auf eine stark erhöhte atmosphärische Zirkulation in rhythmisch auftretenden Perioden« während der Bronzezeit, mit einem Höhepunkt im späten dritten Jahrtausend vor Christus (Palmer und Bailey 1998, 311). Mithilfe des Ascheregens aus dem isländischen Vulkan Hekla-4 lässt sich ein großer Ausbruch auf etwa 2290 vor Christus datieren.

Klimatischer Wandel

•Im März 1998 erklärte Harvey Weiss, Professor für vorderasiatische Archäologie an der Yale University und ein Spezialist für Paläoklimatologie, dass die Habur-Ebene in Nordsyrien eine hochproduktive Agrar- und Metropolregion gewesen war, bevor alle Felder und Städte innerhalb kürzester Zeit aufgegeben wurden. Eine anhaltende, extreme Dürre erzwang eine Massenauswanderung. Uralte Ozeansedimente aus dem Golf von Oman lassen auf eine plötzliche Verschlechterung des ehemals stabilen Klimas um 2200 vor Christus schließen. Weiss’ Schlussfolgerung wurde von Peter deMenocal vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in New York bestätigt. Er fand heraus, dass bestimmte chemische Elemente im Greenland Ice Sheet Project 2 mit der Dürre in Syrien zusammenfielen.

•Vier Jahre vor diesem Nachweis durch deMenocal analysierte ein Forscher der Technischen Universität Zürich Sedimentkerne vom Grund des türkischen Van-Sees, der am Oberlauf des Tigris und des Euphrats liegt. Gerry Lemcke stellte fest, dass das Wasservolumen des Sees zu jener Zeit drastisch abnahm, was katastrophale Auswirkungen auf die ländliche wie die städtische Bevölkerung in Mesopotamien hatte.

•In Lappland, dem nördlichsten Teil Schwedens, und im Himalaya drangen die Gletscher erneut stark vor. Caroli beschreibt

»… schmale Wachstumsringe bei amerikanischen Bäumen gleichzeitg mit der Klimainstabilität, die aus der Sequenz in Anatolien hervorgeht. Spiegelt der Brand der nordeuropäischen Sümpfe extreme Dürre wider oder etwas anderes, wie zum Beispiel Explosionen in der Luft? Lars Franzen fand ähnliche ›Kügelchen‹ wie die in Syrien gefundenen. Er verglich einige seltene Mineralien, die in den verbrannten Schichten der Moore gefunden wurden – möglicherweise kosmischer Staub – mit dem Boden am Ort der Tunguska-Explosion von 1908.« (Caroli 2003)

•Irische Eichen weisen einen »außerordentlich schmalen Ring« im Jahr 2345 vor Christus auf, der auf ein außergewöhnliches Ereignis hindeutet. Bailey glaubt, dass es »eine Verbindung zu einem Kometen geben könnte« (Palmer und Bailey 1998, 147).

•Am Lough Neagh, dem größten See Nordirlands, kommt es in jener Zeit zu schweren Überschwemmungen.

•Radiokarbondatierungen von Ablagerungen in Schwemmlandebenen im Einzugsgebiet des Ripple Brook in Mittelengland weisen auf einen drastischen Anstieg der Sedimentablagerung hin.

Regionale Ereignisse

•Atlantis. Weit verbreitete seismische Aktivität zerstört viele Tempel und Wohngebiete. Vulkanismus verbrennt Ackerland und versenkt mehrere nahe gelegene Inseln. Tsunamis verwüsten Siedlungen entlang der regionalen Küsten. Viele Einwohner werden getötet, und eine zweite große Migrationswelle breitet sich in den Nahen Osten aus. Eine Mehrheit der Atlanter beginnt jedoch mit dem Wiederaufbau.

•Irland. Partholons Volk, das infolge einer Meereskatastrophe einwanderte, trifft an der Südküste ein. Der Abschnitt »Weltchronik« in den Annalen von Clonmacnois beschreibt »das Überfließen von Seen« im ganzen Land, begleitet von landesweiter Panik. James Ussher, Erzbischof von Armagh und Autor der King-James-Bibel, leitet anhand von Belegen im Alten Testament her, dass die Sintflut 2349 vor Christus stattfand.

•Großbritannien. Einer der größten Wissenschaftler des siebzehnten Jahrhunderts, William Whiston, der Nachfolger von Isaac Newton in Cambridge, kam zu dem Schluss, dass die Große Flut von 2349 vor Christus durch einen nahe vorbeifliegenden großen Kometen verursacht wurde.

•Europäischer Kontinent. Die friesische Ura-Linda-Chronik berichtet, dass die Zerstörung von Atland 2193 vor Christus stattfand.

•Ägäis. In seinem Werk Nomoi gibt Platon an, dass die »berühmte Sintflut« von Ogyges weniger als zweitausend Jahre vor seiner Zeit stattgefunden hat – das heißt, um 2300 vor Christus Und der römische Gelehrte Varo schreibt, dass laut der klassischen griechischen Tradition die Ogyges-Flut um 2136 vor Christus von neun Monaten Dunkelheit (aufgrund von Aschefall) begleitet wurde.

•Ägypten. Der Höhepunkt der ägyptischen Zivilisation im Alten Reich bricht mit dem Sturz der Sechsten Dynastie zusammen. Ein koptischer Bericht im Papyrus von Abu Hormeis berichtet von einer feurigen Gefahr, die vom »Herzen des Löwen«, dem Sternbild Löwe, in der Nähe des Sterns Regulus ausging. Begleitet von donnernden Gewittern, wurden die Landschaften Ägyptens in »der ersten Minute des Krebses« von einem Regen aus brennenden Steinen zerschmettert. Die Große Sintflut folgte unmittelbar darauf. Caroli gibt an, dass der Bericht »sich auf eine Zeit beziehen könnte, als die Sommersonnenwende den Löwen zum Krebs hin verließ, um 2200 vor Christus. Der Papyrus setzt die Katastrophe 399 Jahre nach einem prophetischen Traum an, der zum Bau der Großen Pyramide führte. In diesem Fall ereignete sich das Ereignis irgendwann nach 2254 vor Christus. Ein mysteriöses Massensterben, das gleichzeitig mit ausgedehnten Bränden auftrat, entvölkert die Hafenstadt Mendes, die zu Beginn des Neuen Reiches aufgegeben wird.

•Israel. Laut Masse gibt es Hinweise auf eine umfassende Zerstörung nach dem Beginn des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts vor Christus, die »darauf hinweist, dass ein kosmischer Einfluss ein Faktor gewesen sein könnte. Das Datum passt gut mit der Schätzung für den Einschlag bei Sodom und Gomorrah« im Jahr 2188 vor Christus zusammen (Palmer und Bailey 1998, 244).

•Mesopotamien. Das akkadische Reich bricht zusammen. Archäologisch gesehen kommt Ur III um 2160 vor Christus zu einem plötzlichen Ende. Shu Durul, der letzte König des Agade-Reiches, stirbt 2139 vor Christus. Ein zeitgenössisches Epos, Der Fluch von Akkad, erzählt von »schweren Wolken, die nicht regnen«, von »großen Feldern, die kein Getreide hervorbringen« und von »flammenden Tonscherben, die vom Himmel fallen«.

•Syrien. 1999 findet die Archäologin Marie-Agnes Courty eine Sammlung von Petroglyphen, die darauf hindeuten, dass die Menschen um 2350 vor Christus einen Einschlag erlebten.

•Indien. Die Banas-Kultur von Rajasthan entsteht.

•China. Die Liangzhu-Kultur wird durch die erste chinesische Dynastie, die Xia, ersetzt. Zehn »Sonnen« fallen vom Himmel, nachdem sie von einem göttlichen Bogenschützen beschossen wurden – eine Allegorie für das Chaos am Himmel jener Zeit. Neun Jahre katastrophaler Überschwemmungen folgen unter den Kaisern Kuan und Yu. Caroli glaubt, dass »beide mit Himmelsdrachen, wahrscheinlich Kometen, verbunden waren« (Caroli 2003). Unter Verwendung königlicher Chroniken datiert er das Ereignis der »Zehn Sonnen« auf etwa 2141 vor Christus. Kaiser Shun beschreibt einen großen Meteoriten, den er um 2240 vor Christus vom Himmel fallen und auf der Erde einschlagen sah, worauf die Große Flut folgte: »Die ganze Welt war überschwemmt und die ganze Welt ein endloser Ozean. Die Menschen schwammen auf den tückischen Gewässern und suchten nach Höhlen und Bäumen auf hohen Bergen. Die Ernten wurden vernichtet, und Überlebende wetteiferten mit wilden Vögeln um Wohnorte. Jeden Tag starben Tausende.«

•Mittelamerika. Im aztekischen Kalender wurde die zweite Sonne bzw. das zweite Weltalter durch eine globale Katastrophe, 4-Ehecatl, beendet. Diese Bezeichnung steht für Wirbelsturm, möglicherweise ausgelöst durch Meteoriten, die in der Atmosphäre explodierten, bevor sie auf der Erde aufschlagen konnten. Ehecatl ist eine stark atlantisch anmutende Version der Gefiederten Schlange, eine göttliche Gestalt, die in der heiligen Kunst der Azteken als ein Mann dargestellt wird, der wie Atlas den Himmel auf seinen Schultern trägt. Ihm gewidmete Tempel, wie der Tempel im Zentrum von Tenochtitlan, der Hauptstadt der Azteken, bestanden ausnahmslos aus runden Wänden, oft aus roten, weißen und schwarzen Steinen errichtet – die gleiche Konfiguration und die gleichen Farben, die laut Platon den atlantischen Baustil charakterisierten. Votan, der Gründungsvater der Quiché-Maya, stammt aus einem Atlantik-Königreich namens Valum.

•Südamerika. Laut der Volkstradition der Anden suchten die Auar-chaki (»Wanderer«) in Peru Zuflucht vor einer großen Flut auf der anderen Seite der Welt. In den Anden beginnt nun außerdem die Kotush-Tradition.

DRITTER KATAKLYSMUS:
1628 vor Christus
Ereignisse am Himmel

•Das Quartett der Killerkometen kehrt zur Erde zurück, aber Hale-Bopp und Halley sind diesmal zu weit entfernt, um Unheil anzurichten. Der größte Teil des Schadens wird von Oljato oder Proto-Encke verursacht.

•Alle Kometen haben aufgrund ihrer wiederkehrenden Umlaufbahnen um die Sonne nun eine wesentlich geringere Masse, was zu relativ weniger zerstörerischen Folgen für unseren Planeten führt. Trotzdem ereignet sich eine weitere globale Katastrophe durch Meteoriteneinschläge, die einen Staubschleier und besonders schwere Vulkanausbrüche in der Ägäis und im Südpazifik hervorrufen.

Geologische Beweise

•In grönländischen Eiskernen wird ein außergewöhnlich starker Aschefall registriert.

•Das Nildelta leidet unter massiven Ascheablagerungen, die die meisten Pflanzen in ganz Unterägypten abtöten.

•Eisenkugeln in tunesischen Torfmooren sind die Folge der Kollision eines Kometen mit der Erde im späten siebzehnten Jahrhundert vor Christus. »Ihre heterogene Zusammensetzung«, so Larsson und Franzen, »deutet auf einen anderen Entstehungsmechanismus [als Vulkanismus] hin, möglicherweise auf die Einwirkung von Kometen oder Asteroiden auf Sedimentgestein« (Palmer und Bailey 1998, 212).

Klimatischer Wandel

•Baumringe in Deutschland, Großbritannien, Irland und Nordamerika zeugen von einem starken Ascheregen.

•Caroli weist darauf hin, dass »Baumringe in der Türkei, die in den 1980er und 1990er Jahren von einem Team von Dendrochronologen der Cornell University unter der Leitung von Peter Kuniholm untersucht wurden, einen plötzlichen Wachstumsschub aufwiesen. Ein Baumstamm aus einem schwedischen Moor zeigte einen Klimarückgang von 1636 bis 1632 vor Christus. Ein ähnlicher Klimahorizont tauchte in einem chinesischen Moor auf« (Caroli 2003).

Regionale Ereignisse

•Atlantis. Die Insel wird zwar weniger stark verwüstet als durch die beiden vorangegangenen Katastrophen, erleidet jedoch vor allem durch Erdbeben und Tsunamis erhebliche Schäden. Der Wiederaufbau beginnt sofort, und die Hauptstadt tritt in ihre üppigste Phase ein, in der sie zum Inbegriff eines Zentrums der Bronzezeit wurde. Eine erneute, wenn auch relativ geringe Migration in andere Teile des Reiches sowie in weiter entfernte Länder findet statt.

•Irland. Die Nemidianer kommen aus Atlantis und legen an der Südküste an.

•Europäischer Kontinent. Die Glockenbecherkultur endet. Die frühe Bronzezeit gelangt an ihr Ende. In Skandinavien beginnt die Bronzeherstellung. In Italien bricht der Vesuv aus.

•Ägäis. Die Vulkaninsel Thera explodiert mit der Wucht eines nuklearen Großereignisses. Auf Kreta wird die Kultur der alten Paläste zerstört, und mykenische Griechen wandern ein.

•Ägypten. Die 14. Dynastie bricht zusammen, als die Hyksos das Nildelta überrennen, nachdem sie durch die drastische Verschlechterung der Klimabedingungen aus ihren Heimatregionen in der Levante vertrieben wurden. Der ägyptische Priester und Historiker Manetho berichtet, dass »ein Strafgericht Gottes« Ägypten niederwarf und es den Hyksos ermöglichte, einzudringen, ohne einen Schlag zu führen. Die »Sturmstele«, die im dritten Pylon von Karnak wiederverwendet wurde, erzählt von einem außerordentlich heftigen Sturm zur Zeit von Ahmose I. Außerdem beschreibt der spätdynastische El-Arish-Text, der ursprünglich aus Persoped im östlichen Nildelta stammt, eine tiefe, anhaltende Dunkelheit und den Tod eines Pharaos, dessen Erbe durch himmlisches Feuer verletzt wurde, nachdem sein Gefolge vollständig vernichtet worden war. Caroli merkt an, dass »in Avaris während der XIII. Dynastie ein mysteriöser Massentod stattgefunden hat« (Caroli 2003). Zu den um diese Zeit zerstörten oder verlassenen Großstädten zählen Ithtaw (die Residenzstadt) und Hetepsenusret. Ein kuschitisches Reich entsteht, als Ägypten die Kontrolle über das Gebiet verliert. Baillie vermutet, dass die biblischen Plagen in Ägypten auf einen starken Klimawandel aufgrund von Vulkanasche in der Atmosphäre zurückzuführen waren, sowie möglicherweise auf die Auswirkungen eines Kometen in der Nähe der Erde.

•Mittlerer Osten. »In Mittel- und Südkanaan gab es nach 1630 [vor Christus] eine ganze Reihe von Zerstörungen«, schreibt Caroli, »wie zum Beispiel in Jericho. Obwohl völlig verbrannt, scheint die Stadt auch von einem großen Erdbeben heimgesucht worden zu sein. Dadurch strömten offenbar Gase in nahegelegene Gräber, wodurch viele ansonsten verderbliche Dinge konserviert wurden« (Caroli 2003). Babylon versinkt für mehr als hundert Jahre in einem dunklen Zeitalter, nachdem die Hauptstadt der Amoriter geplündert wurde. Die geschwächten Mächte der Mittanni und Hurriter verlieren ihren Einfluss in Assyrien.

•Kleinasien. Das alte hethitische Königreich bricht plötzlich zusammen.

•Mesopotamien. In einer dunklen Zeitspanne von etwas mehr als neun Monaten im neunten Jahr von Amazidugas Herrschaft (1629 vor Christus) ist »Ninsianna« am Himmel zu sehen, von modernen Historikern meist mit Venus gleichgesetzt, der Beschreibung nach aber mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Komet.

•Indien. Tausende erstarrter »schwarzer Steine« wurden aus der alten indischen Stadt Mohenjo-Daro (heute in Pakistan gelegen) geborgen, die um 1600 vor Christus abrupt und aus ungeklärter Ursache zugrunde ging. Der Reiseschriftsteller David Hatcher Childress, der die Stätte besuchte, erklärt, dass es sich bei den amorphen Klumpen »anscheinend um Fragmente von Tongefäßen handelt, die unter extremer Hitze miteinander verschmolzen sind« (Childress 1985, 191).

•Zentralasien. Die Afanasevo-Kultur, die fünfzehnhundert Jahre früher die Weidewirtschaft einführte, bricht zusammen.

•China. Die Xia-Dynastie bricht zusammen. »Der Sturz der Xia-Dynastie«, schreibt Caroli, »wurde mit dem Ausbruch von Thera in Verbindung gebracht« (Caroli 2003). Die Shang-Dynastie hat in der Ebene des Gelben Flusses ihren Ursprung.

•Nordamerika. Die Geschwindigkeit und Menge des Kupferabbaus in Michigan nehmen abrupt zu. Bei Poverty Point in Louisiana wird eine neue Stadt gegründet. In Anniachak, Alaska, kommt es zu einem großen Vulkanausbruch. Die Kultur der Red Paint People im heutigen Bundesstaat Maine endet.

•Pazifischer Ozean. Die Lapita-Keramikkultur, deren Träger die Vorfahren der Polynesier waren, breitet sich im Pazifischen Ozean aus. In Neuseeland ereignet sich ein Vulkanausbruch, der mit dem gleichzeitigen Ausbruch auf Thera (Santorin) vergleichbar ist.

•Mesoamerika. 4-Quihuitl, wörtlich übersetzt »das Feuer vom Himmel«, ist die dritte der auf dem aztekischen Kalenderstein abgebildeten globalen Katastrophen und als eine Wand nach unten züngelnder Flammen dargestellt. Sie beendet ein weiteres Weltzeitalter, woraufhin einige Überlebende die Gesellschaft wiederaufbauen. Die Kultur der Olmeken nimmt ihren Anfang. Die Gefiederte Schlange und seine Gefolgschaft kommen aus dem »wässrigen Aztlán« an.

•Südamerika. Zu dieser Zeit beginnt die sogenannte mittlere formative Periode. Thonapas Volk kommt nach einem als Unu Pachakuti (»Durch Wasser zerstörte Welt«) bezeichneten Ereignis in Südamerika an.

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