Kitabı oxu: «Arnika - Königin der Heilpflanzen - eBook»

Şrift:

ARNIKA

Königin der Heilpflanzen


Johannes Wilkens

Frank Meyer

Ruth Mandera

ARNIKA

Königin der

Heilpflanzen



Inhalt

Einführung

Alltägliche Arnikageschichten

Arnikawiesen am Sitz der Götter

Ein goetheanistischer Blick auf die Arnika

Die Arnika – eine Königin und ihr botanischer und geografischer Umkreis

Die Korbblütler

Amerika – der Kontinent der Arnikas

Amerikanische Arnikas – Heilpflanzen der Indianer

Die Fähigkeiten der Arnica montana

Gestalt und Entwicklung der einzelnen Pflanzenteile

Die Bildung von ätherischen Ölen

Das Wesentliche der Arnika

Polarität …

… und Steigerung

Pflege und Anbau

Die Verwandten der Arnika

Ringelblume (Calendula officinalis)

Kamille (Matricaria recutita, früher Matricaria chamomilla)

Sonnenhut (Echinacea-Arten)

Gänseblümchen (Bellis perennis)

Löwenzahn (Taraxacum officinale)

Wegwarte (Cichorium intybus)

Disteln

Mariendistel (Silybum marianum, früher Carduus marianus)

Eselsdistel (Onopordum acanthium)

Artischocke (Cynara cardunculus subsp. flavescens, früher Cynara scolymus)

Benediktenkraut, Benediktendistel, Bitterdistel (Cnicus benedictus)

Edelweiß (Leontopodium nivale)

Arnika – Geschichte und Mythos

Die Arzneigeschichte der Arnika

Die Namensgebung

Wolfsblume Arnika

Sonnentier Wolf

Heilen mit der Arnika

Goethes Krankengeschichte als Vorbild der Arnikawirkungen

Wirkstoffe der Arnika

Arnika in der Pflanzenheilkunde

Eine Fallgeschichte

Selbstversuch mit Arnikatee

Arnika in der Homöopathie

Ergebnisse der Arzneimittelprüfung

Ein historischer Fall

Wissenschaftliche Untersuchungen zur homöopathischen Anwendung von Arnica montana

Arnika bei Schädigungen von Wirbelsäule und Bandscheiben

Arnika (und Brennnessel) bei Verbrennungen

Arnika bei entzündlichen Erkrankungen

Die Bedeutung der Arnika bei Blutern

Arnika beim psychischen Trauma

Arnika in der Anthroposophischen Medizin

Strukturgebung für das Nervensystem

Arnika und Gold

Arnika beim Herzinfarkt

Arnika beim Schlaganfall

Arnika bei multipler Sklerose

Arnika und die Honigbiene bei Nervenentzündungen und -schmerzen

Arnika bei Hirntumoren

Arnika und Auge

Arnika bei und nach Impfungen

Arnika und Arseneisen bei Muskeldystrophie

Epilog

Literatur

Bildnachweis

Autoren

Stichwortverzeichnis

Einführung


Arnika

Wo über mächt’ges Felsgestein

Der wilde Bergfluss jagt,

Und seiner Quellen Heimatort

»Leb wohl auf immer« sagt,

Wo tosend er in grauser Schlucht

Dem tiefen Abgrund nah –

Still trauernd wiegt im Wind ihr Haupt

Die gold’ne Arnika.

Dort, wo der Menschen Lieb’ und Hass

Nicht lodert hoch empor,

Dort, wo die Ruh’ ohn’ Unterlass

Zaub’risch umspinnt das Ohr –

Da trägt zu des Gebirges Ruhm

Dem blauen Himmel nah,

Ein Festgewand im Heiligtum

Die gold’ne Arnika.

Emil Schlegel (1852–1934)

Alltägliche Arnikageschichten

Die Triathleten hatten ihre Übungsstunde im Wasser beendet und betraten nun wieder den festen Boden. Ich bewunderte ihre Kraft und Ausdauer, ließ mich aber selbst gerade passiv von der Sonne bescheinen und genoss den Tag. Mein kleiner Sohn tauchte und schwamm im Wasser. Als er dann zu mir zurückeilte, stürzte er heftig und verletzte sich an der rechten Wade. Noch ehe ich mich erschrocken aufraffte und zu ihm eilte, war bereits einer der Triathleten zu ihm gerannt: »Hier, nimm Arnikaglobuli, dann wird es wieder.«

Meine Freundin konnte es nicht lassen. In der Fußgängerzone begrenzten Steinpolder im Abstand von einem Meter den Weg. Es war ihr ein Vergnügen, von Polder zu Polder zu springen, sie sang und sprang. Dann geschah doch das, was ich befürchtet hatte. Sie stürzte kopfüber mit der Stirn auf das Pflaster. Die Beule an ihrer Stirn wuchs in Sekunden an und hatte schnell die Größe von einem kleinen Ei erreicht. Arnica D30 hatte ich dabei. Sie nahm sofort ein paar Globuli davon, und verblüfft konnte ich zuschauen, wie die Schwellung sich binnen weniger Minuten fast komplett zurückbildete. Auch einen Tag später zeigte sich nur im Ansatz ein Bluterguss. Wer so etwas nicht selbst gesehen hat, der glaubt es nicht. So dachte ich schon damals, lange Zeit vor meinen wissenschaftlichen Forschungen zur Arnika.

Bei einem Patienten war es wieder passiert. Dabei hatte er sich von seinem Schlaganfall so gut erholt. Nach einem Sturz war erneut eine große Blutung im Gehirn aufgetreten. In der Klinik war man zögerlich und entschloss sich, erst einmal abzuwarten und zu beobachten. Ich riet dazu, täglich Arnika-Wundtücher (WALA) auf den betroffenen Schläfenbereich aufzulegen. Ergebnis der Kontrolle nach sieben Tagen: Hämatom komplett resorbiert.

Drei typische Arnikageschichten. Keine andere homöopathische Arznei hat so schnell den Weg in die moderne Hausapotheke gefunden wie Arnika. Keine andere Arznei ist so populär und wird von fast jeder Mutter in der Tasche mitgeführt. Arnika ist vielen Menschen ein Begriff beziehungsweise wieder ein Begriff geworden. In den Reformhäusern und Apotheken schmückt ihr Bild so manchen

Artikel: Shampoo, Fußbäder, Massageöle und viele weitere weisen als Inhaltsstoff Arnikaauszüge auf.

Viele der alten Bauersfrauen aus dem Frankenwald und dem nahegelegenen Fichtelgebirge kennen sie aus eigener Anschauung und haben früher selbst Arnika in Alkohol eingelegt. Noch vor fünfzig Jahren gab es Wiesen, die in Gänze mit Arnica montana besiedelt waren. Arnika aus dem Fichtelgebirge galt zur damaligen Zeit in Deutschland als die arzneikräftigste. Das ist inzwischen Legende. Sie ist fast vollständig aus dem hiesigen Gebiet verschwunden, und nur der Kenner weiß noch kleine Standorte zu nennen; Überdüngung und andere Nebenerscheinungen der modernen Landwirtschaft haben sie von ihren alten Standorten verbannt.

Es ist eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten: Je seltener Arnika infolge der modernen Landwirtschaft und der Industrialisierung geworden ist, desto mehr wird sie für die Zivilisationskrankheiten des Menschen benötigt. Sie ist tatsächlich eine Heilpflanze für die heutige Zeit: Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Unfallfolgen, Nervenerkrankungen gehören zu ihrem Heilrepertoire – alles Krankheiten der stressreichen heutigen Zeit.

In allen komplementärmedizinischen Richtungen nimmt die Arnika einen Stammplatz ein: Die Phytotherapie setzte sie bevorzugt bei Herzkrankheiten ein, die Homöopathie betont seit Hahnemanns Zeiten ihre Heilkraft bei Unfallfolgen, die Anthroposophische Medizin bedient sich ihrer zusätzlich für Nervenschädigungen in Rückenmark und zentralem Nervensystem. Man kann sich fragen, wie das möglich ist: Eine Pflanze heilt zugleich Rhythmusstörungen des Herzens, Nervenschwäche und Verletzungen der Blutgefäße. Was verbirgt sich hinter diesem »Mixtum compositum«, wie Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophischen Medizin, die Arnika einmal in einem Kurs für Mediziner bezeichnet hatte (Vortrag vom 2. 1. 1924)?

In diesem Buch soll versucht werden, dieser Pflanze in Geschichte, Botanik, Homöopathie, klinischen Studien und der anthroposophischen Anschauung nachzugehen. Die Darstellung beansprucht dabei keine Vollständigkeit; unsere Kenntnis ihrer vielen Seiten scheint noch sehr unvollkommen.

Das zeigt sich auch in der Forschung zur Arnica montana. Die Pflanze ist zu komplex, um in ihren Wirkungen auf bestimmte Inhaltsstoffe reduzierbar zu sein. Zu vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten. Fast jede neue Studie zeigt Arnika mit einem anderen Gesicht, findet etwas anderes. In alldem dennoch eine Linie, einen roten Faden zu finden und Ihnen eine der größten Arzneipflanzen Europas nahezubringen, das ist das Ziel unseres Buches.

Dr. med. Johannes Wilkens

Arnikawiesen am Sitz der Götter

Der Mount Shasta im Westen der USA gehört zu den heiligen Bergen dieses Planeten. Mit über 4300 Metern ist sein weiß vergletscherter Gipfel eine weithin sichtbare Landmarke in der kalifornischen Wildnis. Er strahlt eine erhabene Ruhe aus, die nicht ahnen lässt, dass es sich um einen Vulkan handelt, der jederzeit wieder ausbrechen kann. Die Mythen der indigenen Völker, die hier seit Jahrtausenden leben, kreisen um den heiligen Berg als Ausgangspunkt der Schöpfung und Wohnstätte des »Großen Geistes«. Bis heute ist er das zentrale Heiligtum mehrerer Stämme. Er ist ihre Kathedrale, und die arnikareichen Blumenwiesen an seinen Hängen sind die Gebetsteppiche, auf denen sie ihre religiösen Rituale verrichten.

An einem kühlen Augustmorgen vor zehn Jahren machte ich mich mit meiner Familie auf, um diese heiligen Wiesen zu erkunden. Eingebettet in die schützenden Flanken des Berges umfing uns eine unberührte Natur mit alpinen Wäldern und Fluren, die noch nicht durch menschliche Bewirtschaftung entweiht waren. Der Weg führte uns langsam hinauf auf weit über 2000 Meter durch die immer karger werdende Vegetation. Die Luft wurde spürbar dünner, und die Sonne, die sich klar gegen die spärliche Bewölkung durchgesetzt hatte, brannte erbarmungslos, als wir in alten Lavabetten aufstiegen. Während wir eine kaum bewachsene, staubige Steinwüste durchquerten, stellten wir fest, dass wir den Pfad verloren hatten. Desorientiert in der bizarren vulkanischen Landschaft, ohne verlässliche Karte oder Kompass und mit viel zu wenig Wasser, folgten wir jetzt nur noch unseren Instinkten und sprachen uns gegenseitig Mut zu. In der Richtung, in der wir unser Ziel, die Arnikawiesen vermuteten, sahen wir nicht eine Spur von Grün. Allerdings entdeckten wir in der Ferne einen steinigen Bergrücken, über den ein Pass zu führen schien, was die Hoffnung weckte, dort wieder einen Weg aufnehmen zu können – wohin auch immer.

Mit sinkender Hoffnung, jemals die berühmten Wiesen zu finden, kletterten wir über den steilen Kamm, und als wir ihn überquert hatten, änderte sich die Landschaft schlagartig. Vor uns breitete sich ein feuchter, schattenspendender Nadelwald aus, durch den wir alsbald abstiegen. Im Schutz von flechtenüberzogenen Tannen zogen kleine Bäche durch den moorigen Untergrund, Insekten und Vögel schwirrten umher und funkelten im einfallenden Sonnenlicht. Hier entdeckte ich die erste Arnika, die amerikanische Arnica mollis mit ihren wolligen Blättern, dem behaarten, überwiegend nackten Stamm, weichen, sanft leuchtenden, gelben Blütenköpfchen und dem typisch würzigen Duft. Als sich der Wald lichtete, breitete sich vor uns die herrlichste Wiese aus, eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln, Bergwäldern und vulkanischen Felsformationen, durchzogen von gurgelnden Bächen und kleinen Wasserfällen, die eiskaltes Gletscherwasser führten, das aus unzähligen Quellen sprudelte. Der fragile, steinige Untergrund wurde vom Wurzelwerk uralter Heidekrautstöcke zusammengehalten, die auch in den harten Wintern und während der Schneeschmelze den Elementen trotzen und dichte Rasen bilden, zwischen denen sich dunkle, fruchtbare vulkanische Erde angesammelt hat. Hier, nicht mehr allzu fern vom eisigen Gletscherrand, beschienen von einer kräftigen Sonne und einem makellosen Sternenhimmel, beschallt vom Murmeln und Plätschern der Bergbäche, gedeiht diese Arnika in vitalster, ungehemmtester Weise.

Die Schönheit dieser Wiesen mit der sie beherrschenden Farbe des goldenen Gelbs der Arnika, in perfekter Abstimmung mit dem Rot des Indian Paintbrush, auch »Präriefeuer« genannt (Castilleja-Arten), dem Violett vieler Blüten und dem allgegenwärtigen satten Grün, ist mystisch. Es handelt sich in der Tat um ein Heiligtum. Zum ersten Mal hatte ich intuitiv verstanden, was in den alten Mythen mit »Paradiesgarten« gemeint war und was es mit der ewigen Suche der Menschen nach paradiesischen Orten auf sich hat, nach Shangri-la, dem Gesundheit und Unsterblichkeit spendenden Ort, tief verborgen im Gebirge. Von diesem Moment an wurde die Arnika meine Geliebte. Bis zu diesem Augenblick auf der Blumenwiese am Sitz der Götter hatte ich ihre europäische Vertreterin, die Arnica montana, als Arzt zwar unzählige Male verordnet, voller Überzeugung, das Richtige zu tun – aber ohne dass ich mit dem Herzen wirklich dabei war.

Seitdem kehre ich immer wieder in meinen Träumen an diesen Ort der Kraft zurück. Ich sah Eiszeiten kommen und gehen und Vulkanausbrüche, die das Land bis zum Horizont in Feuer und Asche hüllten. Jäger und Krieger zogen über die Wiese, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, um keinen Stängel zu knicken. Einmal wartete dort eine Gestalt in festlicher Stammeskleidung auf mich, die Augen auf den glitzernden Bach zu Füßen gerichtet. Als sie den Blick hob und mich anschaute, griff sie sich gleichzeitig ans Herz und reichte mir sodann eine Arnika, die wie aus dem Nichts auf ihrer Handfläche erschienen war. Ein anderes Mal begegnete ich einer alten Frau mit langen grauen Haaren, die in der Wiese kauerte und ins Gebet vertieft schien. Ich näherte mich ihr vorsichtig, bedacht, sie nicht zu stören. Plötzlich und unerwartet drehte sie mir ihren Kopf zu, und ich sah zu meinem Erstaunen, dass es sich um einen grauen Wolf handelte, der mich aus gelben, leuchtenden Augen anschaute. All das hat mit der Arnika zu tun, der sonnigen Wolfsblume, die unser Herz erfreut und die Heilung nach Verletzungen aller Art befördert. Sie ist viel älter als die heutige Menschheit und, wer weiß, vielleicht wird sie diese auch überleben. Eines ist jedoch sicher: Wir haben ihre Heilkräfte heute nötiger denn je.

Dr. med. Frank Meyer

Ein goetheanistischer Blick auf die Arnika

Unter dem Datum des 24. Februar 1823 berichtete Kanzler von Müller (1956, S. 63), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) habe sich über die ihn behandelnden Ärzte geärgert, und notierte: »Er triumphierte, dass sein scharfer Geschmack etwas Anis in einer Arznei entdeckt habe, und dass man sich, weil ihm diese Kräuter stets verhasst gewesen, zur Umänderung des Recepts entschlossen. Mit Wohlgefallen hörte er, dass man ihm Arnika geben wolle, und hielt ganz behaglich eine kleine botanische Vorlesung über diese Blume, die er häufig und sehr schön in Böhmen getroffen.«

»Auch Arnika ist eine Goethe-Pflanze« heißt es deshalb in dem Essay, den der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer gemeinsam mit Franz-Christian Czygan, dem langjährigen Professor für Pharmazeutische Biologie in Würzburg, im Jahr 2000 veröffentlichte. Die tiefe Beziehung Goethes zur Arnika durchzieht auch unser Buch bis hin zu seinen dramatischen Krankengeschichten. Goethe hatte die Fähigkeit, polare Aspekte zu bemerken und sie in Worte zu kleiden, die durch ihre paradoxe Verknüpfung wachrütteln können, so zum Beispiel beim »offenbaren Geheimnis« oder der »anschauenden Urteilskraft«. Seine Art, Pflanzen wahrzunehmen, die Verwandlung ihrer Blätter zu beachten, Polaritäten und Steigerungen in ihrem Leben zu beschreiben – all dies hat immer wieder Menschen begeistert. Die goetheanistische Pflanzenbetrachtung bemüht sich, in seinem Sinne Entwicklungen von Pflanzen zu erfassen, die dazu passenden Begriffe zu bilden und die entsprechenden Prozesse innerlich mitzuerleben.

Glückliche Fügungen brachten uns drei Autoren zusammen. Alle lieben wir die Arnika schon lange und hatten uns jeweils intensiv mit ihr beschäftigt. Es war faszinierend zu erleben, wie aus unseren unterschiedlichen Begabungen in einem langen Prozess etwas ganz Neues entstand, ein echtes »Gesamtkunstwerk«, das niemand von uns allein zustande gebracht hätte. Die Gegensätze liebende Arnika ist in dieser Hinsicht ein großartiges Vorbild.

Ruth Mandera

Die Arnika – eine Königin und ihr botanischer und geografischer Umkreis


Die Korbblütler

Die Familie der Korbblütler (Asteraceae, Compositen), der die Arnika angehört, ist mit etwa 1600 Gattungen und etwa 24 000 Arten eine der größten Familien im Pflanzenreich – zehn Prozent aller Blütenpflanzen umfasst sie –, sie ist zudem fast über die ganze Erde, von der Arktis bis zu den Subtropen, verbreitet. Ihre großen, farbig leuchtenden »Überblüten« bilden einen absoluten Höhepunkt im Bereich der Blütenpflanzen. In anderen Pflanzenfamilien wird das Zusammenfügen von Einzelblüten zu langgestreckten oder kugeligen Blütenständen bereits kreativ ausgelebt. Den Doldenblütlern gelingt es zum Beispiel, fünfzig, hundert oder noch mehr kurze Stängelabschnitte zuerst auseinanderstrahlen zu lassen und dann zu einer großen Komposition zusammenzufassen: Es entsteht eine Dolde, eine plane oder konvexe Einheit der meist weißen, kleinen Endblütchen auf höherer Ebene. Die Korbblütler steigern dieses Prinzip des Zusammenschließens dadurch, dass sich ihr blütentragender, markerfüllter Stängel an seinem oberen Ende stark weitet. Auf diesem »Hochbeet« wachsen nun die zahlreichen Blütchen, dicht gedrängt, eng nebeneinander. Das Erstaunliche ist dabei, dass sich zusätzlich zwei ganz unterschiedliche Blütenformen entwickeln, die aufrechten, kleinen, glockenförmigen Röhrenblüten im Inneren des Korbes und die langgestreckten, ausgeweiteten Zungenblüten am Rand. Der Blütenstand eines Gänseblümchens, einer Kamille oder einer Calendula sieht wie eine Einzelblüte aus, mit Staubgefäßen und Fruchtknoten in der Mitte und andersfarbigen Blütenblättern außen herum. In Wirklichkeit aber ist es eine »Blüte aus Blüten«, also eine »Überblüte«, die zusätzlich außen von mehr oder weniger großen, grünen Hüll- oder Hochblättern umgeben ist, die an Kelchblätter erinnern.

Mit diesem »Material« aus Röhren- und Zungenblüten eröffnen sich den Pflanzenwesen schier unbegrenzte Variationsmöglichkeiten, Blütenkörbe zu füllen. So gibt es eine große Gruppe von Gattungen, die nur Zungenblüten tragen und innerlich Milchsaft bilden (Löwenzahn, Wegwarte), oder es wachsen nur Röhrenblüten in den Körbchen, wie bei Disteln, Pestwurz oder dem Wermut. Hier entstehen bevorzugt fette oder auch ätherische Öle. Die weitaus meisten Gruppen der Compositen zeigen jedoch sowohl Röhren- als auch Zungenblüten und ähneln dadurch einer »normalen« Blüte am ehesten. Allen Körbchenarten gemeinsam ist einerseits eine intensive Farbigkeit der Einzelblütchen und andererseits das vollkommen geordnete Aufblühen: in einer sich einwickelnden Spirale setzt es sich vom Rand aus allmählich nach innen fort. Da oft Hunderte von Blüten zusammengefasst sind, ist verständlich, dass sich das Blühen über eine sehr lange Zeit erstrecken kann, ohne dass das Körbchen als Ganzes unansehnlich wird, was viele Korbblütler zu beliebten Zierpflanzen werden ließ.


Blütenköpfchen des Echten Alant (Inula helenium) mit eng stehenden, dunkleren Röhrenblüten in der Mitte und sehr schmalen, gelben Zungenblüten.

Die kleinen Blüten der Korbblütler sind immer fünfzählig. Das ist besonders leicht bei den Röhrenblüten zu erkennen: Die fünf Blütenblätter sind zu einem fünfzipfeligen, aufrecht stehenden Glöckchen verwachsen. Innen stehen die fünf Staubgefäße, zu einer engen Röhre zusammengefügt. Durch diese Röhre schiebt sich vom unterständigen Fruchtknoten ausgehend der Griffel und öffnet sich erst oberhalb des Blütchens in seine beiden charakteristischen Gabeläste. Die kleinen harten Früchte werden Achänen genannt. Wie bei den Doldenblütlern sind Frucht- und Samenschale so eng miteinander verwachsen, dass die Früchtchen wie Samen wirken. Die Zungenblüten bestehen ebenfalls aus fünf Blütenblättern, sind aber nur ganz unten noch röhrenförmig verwachsen, ansonsten »geöffnet« und lang gestreckt. Ob sie zusätzlich zu ihrem unterständigen Fruchtknoten noch eine Staubbeutelröhre mit befruchtungsfähigen Pollen ausbilden, ist artspezifisch verschieden.

Amerika – der Kontinent der Arnikas

Stellen Sie sich vor, Sie blicken von oben auf einen Globus, auf den Nordpol, und jemand hätte das Verbreitungsgebiet der Gattung Arnica eingezeichnet, dann würde sich dieses rings um den Nordpol erstrecken, mit einem Schwerpunkt auf der westlichen Erdhalbkugel. Die Heimat der Arnikas umfasst weite Teile West-, Nord- und Mitteleuropas, Nordamerika sowie Japan. Heutzutage werden etwa 30 Arten (27 bis 32, je nach Wertigkeit der Unterarten) zur Gattung Arnica vereint. Die meisten davon leben im Westen von Nordamerika, von Alaska bis nach Kalifornien und New Mexico, drei Arten auch in Japan.

Auffällig ist, dass die Arnikas Regionen bevorzugen, in denen heute die auf Industrialisierung und damit verbunden Ausbeutung der Natur basierende »westliche« Zivilisation zu Hause ist: die westlichen Industriestaaten einschließlich Japans. Die Gattung besitzt einen absoluten Schwerpunkt hinsichtlich Verbreitung und Artenvielfalt dort, wo die moderne Informationsindustrie ihren Hauptsitz und ihr Zentrum hat: im amerikanischen Westen, in der Heimat von Giganten des Informationszeitalters, wie Apple, Google, Microsoft und anderen, sowie unzähligen größeren und kleineren Internet- und Technologie-Unternehmen. Spontan möchte man fragen: Ist es reiner Zufall, dass Vertreter der Gattung vor allem dort zu finden sind, wo heute gewissermaßen das zentrale Nervensystem der industrialisierten Menschheit lokalisiert ist?


Die Verbreitung der Arnikas (nach MAGUIRE). In der Mitte der Darstellung befindet sich der Nordpol. (Aus EKENÄS 2008)

Arnica mollis, eine amerikanische Art, die in Gestalt und Aroma der europäischen Arnica montana recht nahe kommt.

Interessanterweise wachsen die Arnikas aber eben gerade nicht wie Gänseblümchen am Wegesrand oder Löwenzahn in einer überdüngten Wiese (um zwei verwandte Heilpflanzen zu nennen), sondern sie brauchen zu ihrem Gedeihen abgelegene Gebiete, möglichst wenig vom Menschen gestört. Es ist eine Besonderheit des äußersten amerikanischen Westens, dass sich dort unberührte Bergwildnis in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Schaltstellen der hochtechnisierten westlichen Zivilisation findet. Wir werden noch genauer erfahren, dass Arnica montana eine besondere Affinität zum zentralen Nervensystem des Menschen hat (siehe vor allem »Arnika in der Anthroposophischen Medizin« ab Seite 143). Arnikaarten lieben Böden, die reich an Silikaten (wie man die Verbindungen der Kieselsäure nennt) sind. Das in der Kieselsäure bzw. den Silikaten enthaltene Silizium ist zugleich der Rohstoff schlechthin für die Computerindustrie – woraus die Bezeichnung Silicon Valley (»Silizium-Tal«) für die bedeutendste Hightech-Region in Kalifornien herrührt.

Was hat es mit diesen merkwürdigen Entsprechungen auf sich? Lassen sie womöglich auf eine tiefere Beziehung zwischen geografischer Region, Pflanzenwelt und menschlicher Kultur schließen? Und was sagen sie über das Wesen der Arnika aus?

Womit haben wir es überhaupt zu tun, wenn wir als Europäer von dem »Westen«, dem »Norden«, dem »Osten« und dem »Süden« sprechen? Vielfach geht es ja dabei nicht einfach um die Himmelsrichtungen als solche, sondern es gibt eine ganze Reihe von mitschwingenden Bedeutungen, die wir mit ihnen verbinden. So meinen wir, wenn wir die Begriffe »Orient« und »Okzident«, die alten lateinischen Bezeichnungen für »Osten« und »Westen« gebrauchen, auch nicht nur lediglich geografische Richtungen, sondern auch die jeweiligen Kulturen. Und auch »Osten« und »Westen« stehen manchmal nicht nur für verschiedene Traditionen, sondern für unterschiedliche, ja polare Geisteshaltungen, die in den entsprechenden Regionen der Welt günstige Bedingungen gefunden haben. Nicht umsonst gibt es Ost-West-Konflikte. Und auch mit dem viel zitierten Nord-Süd-Gefälle hat es eine Bewandtnis, die weit über unterschiedliche geografische Bedingungen hinausweist.

Die antiken Philosophen haben bereits gewusst, dass Himmelsrichtungen mehr sind als nur geografische Koordinaten. In der alten Lehre von den vier Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) waren Norden, Süden, Westen und Osten mit Qualitäten verbunden, was heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. So war in der Vier-Elemente-Lehre dem Norden das Element Erde (mit den Eigenschaften kalt und trocken) und dem Westen das Element Wasser (mit den Eigenschaften kalt und feucht) zugeordnet (siehe Tabelle).


ElementEigenschaftHimmelsrichtung
Feuerwarm und trockenSüden
Luftwarm und feuchtOsten
Wasserkalt und feuchtWesten
Erdekalt und trockenNorden

Die vier Elemente in ihrer Beziehung zu den vier Himmelsrichtungen und den vier Eigenschaften.

Beiden, dem Wasser und der Erde, ist in diesem Ordnungssystem die Kälte gemeinsam. Die Arnikas orientieren sich also, wenn man der Vier-Elemente-Lehre folgt, zur Kälte hin: Sie bevorzugen den Nordwesten. Zusätzlich gedeihen sie gern in gebirgigen Gegenden mit kalten Wintern.

In spiritueller und kultureller Hinsicht lässt sich die Bedeutung der Himmelsrichtungen auch so verstehen, dass vom Osten das Geistige in die Welt kam. Alle geistigen Traditionen haben letztlich ihre Quelle im Osten, das Christentum eingeschlossen. Im Westen hingegen tritt an die Stelle der Traditionen das Freiheitsstreben der Menschen. Das Geistige steht im Westen nicht länger im Zentrum der religiösen Verehrung. Infolge von Aufklärung und naturwissenschaftlicher Entwicklung machen sich die Menschen von traditionellen Bindungen frei und stoßen vom reinen Erfahren des Geistigen zu den angewandten Wissenschaften vor, mit dem Ziel der Emanzipation des Menschen von göttlichen und natürlichen Zwängen.

Zusammenfassend kann man sagen: Während das Geistige im Osten (Element Luft, warm und feucht) in Form des Denkens (als Religion und Philosophie) in die Welt kam, verbindet es sich im Westen mit den Kräften und Stoffen der materiellen Welt und wird hier zum Instrument des freien Willens und der willensbasierten freien Handlungen. Die Folge sind die technologischen Entwicklungen, die uns Raum und Zeit überwinden lassen, zunächst in Form von physischen Transportmitteln, zunehmend aber durch digitale Vernetzung im Internet. Diese Entwicklung geht hauptsächlich von der Westküste der USA aus, jener hochindustrialisierten Region, die sich vor allem vom bereits erwähnten Silicon Valley in Kalifornien bis hoch in den Nordwesten in den Staat Washington erstreckt, wo in der Nähe von Seattle Firmen wie Boeing (Flugzeuge, Weltraumfahrt) und Microsoft (Software) zu Hause sind.

Die besonderen Qualitäten des Nordens wiederum treten in Erscheinung, wenn wir uns die Polarität Süd-Nord vor Augen führen. Der Süden (Element Feuer, warm und trocken) spricht den Menschen vor allem an, indem er die Sehnsucht nach Emotionalität, nach farbenfrohem Eros, nach lichterloh brennender Liebe weckt. Im Norden hingegen herrschen Kälte, Nüchternheit, Zurückhaltung und Erstarrung vor, Eigenschaften, die der naturwissenschaftlich-technologischen, einseitig verstandesmäßig gesteuerten Entwicklung zugutekommen.

Kulturelle Einseitigkeiten, wie sie in den nordwestlichen Industriestaaten vorherrschen, begünstigen die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Das gilt vor allem für die sogenannten stressassoziierten Beschwerden, zu denen die meisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch viele neurologische Krankheitsbilder gehören.

Der große amerikanische Neurologe und Begründer der modernen Nervenheilkunde George Miller Beard (1839–1883) stellte diese Zusammenhänge zwischen Industriekultur und Zivilisationskrankheiten als einer der Ersten fest, als er in seinem berühmten Hauptwerk American nervousness (1881, »Amerikanische Nervosität« – Nervosität war damals eine gängige Bezeichnung für Stress und seine Begleiterscheinungen) schrieb: »Die amerikanische Nervosität breitet sich über Europa aus, das, zumindest in bestimmten Ländern, rasch amerikanisiert wird.« Dieser Prozess ist heute weit vorangeschritten – mit dem Ergebnis, dass sich die westlichen Zivilisationskrankheiten in den Industrieländern seit Generationen manifestiert haben.

Es ist faszinierend, sich an dieser Stelle den berühmten Vers von Friedrich Hölderlin (1770–1843) ins Bewusstsein zu rufen, der lautet: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« In diesem Falle – »wachsen« darf hier ruhig wörtlich genommen werden – wächst es seit langen Zeiten in Form von Pflanzen, die vornehmlich in den Bergwelten des Nordwestens zu Hause sind: die Arnikas. Hier finden wir diese Pflanzen in Massen gigantischen Ausmaßes, von denen wir im dicht besiedelten Europa nur noch träumen können.

Dass die Arnikas in Nordamerika in so großer Zahl und so artenreich gedeihen, hat auch geografisch-geologische Hintergründe, die der Vorliebe der Arnikas für raue Umgebungsbedingungen mit starken Temperaturschwankungen entgegenkommen. Arnikaarten lieben Gegensätze – und hiervon hat Nordamerika, vor allem im Westen, viel zu bieten. Das hängt mit der sogenannten Plattentektonik zusammen. Die Lithosphäre, der äußere Teil des Erdmantels, besteht aus keiner einheitlichen Gesteinsschicht, sondern aus einzelnen Platten, die sich gegeneinander bewegen, wie Eisschollen auf einem See. Man spricht auch von der Kontinentalverschiebung oder Kontinentaldrift. Der nordamerikanische Kontinent nun besteht aus einer einzigen Steinplatte, der sogenannten Nordamerikanischen Platte. An ihrem Westrand stößt diese mit der Pazifischen Platte zusammen. Die Pazifische Platte bewegt sich nach Osten und taucht im amerikanischen Westen unter die Nordamerikanische Platte ab, was man auch Subduzieren nennt. Folgen der Subduktion der Pazifischen Platte unter die Nordamerikanische sind der weitverbreitete Vulkanismus in dieser Region sowie die hohe Erdbebenaktivität.

Die Subduktion hat aber auch erhebliche Auswirkungen auf die Gestalt des nordamerikanischen Kontinentes als Ganzes. Denn sie ist der Grund dafür, weshalb sich die langen Hochgebirgsketten am Westrand der Nordamerikanischen Platte in Nord-Süd-Richtung aufgefaltet haben, nämlich infolge der beim »Abtauchen« entstehenden physikalischen Kräfte (in Europa geschieht dies in Ost-West-Richtung). Aus diesem Nord-Süd-Verlauf ergeben sich die spezifischen Bedingungen, die der gegensatzliebenden Arnika ideale Voraussetzungen bieten und mit denen sich auch die Menschen auseinandersetzen müssen, die sich in dieser Region niedergelassen haben. Sie führen dazu, dass die temperaturausgleichenden milden und feuchten pazifischen Westwinde nicht das Landesinnere erreichen, und ermöglichen stattdessen vor allem einen ungehinderten Luftmassenaustausch zwischen der Arktis und den Subtropen. Die Folge sind warme, trockene Sommer und extrem harte, lang andauernde Winter mit Dauerfrost über viele Monate. Blizzards, heftigste Schneestürme, wie wir sie in Europa überhaupt nicht kennen, sind damit auch weit im Süden möglich, während es umgekehrt im Sommer Warmlufteinbrüche bis weit hoch in den Norden gibt. Wegen dieser Polaritäten ist Nordamerika der Kontinent der Arnikas. Auch die dort ansässigen Menschen und ihre Kulturen wurden durch die Polaritäten auf vielen Ebenen geprägt.

Amerikanische Arnikas – Heilpflanzen der Indianer

DieVerwendung der amerikanischen Arnikaarten durch die Indianer wurde im Jahre 1927 erstmals von Alpheus HyattVerrill beschrieben. Verrill, der angesehene Universalgelehrte und Schriftsteller, geht sogar so weit zu behaupten, die Arnika sei wie Kartoffeln, Mais, Tabak und andere Pflanzen vor der Entdeckung Amerikas in Europa unbekannt gewesen. Dieser Vergleich ist sachlich nicht richtig, schließlich ist Arnica montana, ganz im Gegensatz zu Tabak, Mais und Kartoffel, eine in Europa heimische und weit verbreitete Pflanze. Es bleibt jedoch bemerkenswert, dass die europäische Arnika, der Bergwohlverleih (Arnica montana), erst ab dem 16. Jahrhundert an Popularität gewann (siehe »Die Arzneigeschichte der Arnika« ab Seite 86). Der Siegeszug von Arnica montana ist vor allem der Homöopathie zu verdanken, durch die Arnikaglobuli, -salben und andere Arnikamittel in die entferntesten Winkel der Erde Einzug gehalten haben.

Wissenschaftlich belegte Arnikaanwendungen bei den indigenen Völkern Nordamerikas

In der folgenden Übersicht werden die jeweils dokumentierten Arten nicht extra berücksichtigt. Fast allen der genannten Indikationen begegnen wir auch in Europa bei der Verwendung von Arnica montana.

• Sinnesorgane, Kopf und Hals: Augenentzündungen, Zahnschmerzen, Halsschmerzen, Haarausfall

• Schmerzen: Rückenschmerzen, Schmerzen aufgrund von Schwellungen

• Verletzungen: Prellungen, Verstauchungen, Schnittverletzungen und andere Wunden, Insektenbisse

• Bauch: Magenprobleme, Verdauungsstörungen

• Sonstiges: Tuberkulose, Warzen, Altersflecke, allgemein als Stärkungsmittel

• Ebenso ist die magische Verwendung von Arnica latifolia, der breitblättrigen Arnika, als Liebeszauber belegt, wie bei Hildegard von Bingen (siehe Seite 86) für »de Wolfesgelegena«. Außerdem die Einnahme von Arnica latifolia und der herzblättrigen Arnika, Arnica cordifolia, als Aphrodisiakum. Verwendet wurden bei den genannten Indikationen sowohl die unterirdischen Teile als auch die ganze Pflanze. Zubereitet wurden Aufgüsse für die innerliche und äußere Anwendung sowie Breis aus der ganzen Pflanze für Umschläge. Zahn- und Halsschmerzen wurden durch Kauen von Arnica cordifolia behandelt.

Welche Arten von den Indianern verwendet wurden, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Der Chicagoer Historiker Virgil J. Vogel (1918–1994) spricht von vier Arten, die von den einzelnen Stämmen genutzt wurden: Arnica fulgens, Arnica sororia, Arnica cordifolia, die herzblättrige Arnika, und Arnica acaulis. Ferner sind Anwendungen belegt für Arnica discoidea und die wollige Arnica mollis. Die reduzierte Gestalt und das würzige Aroma der letzteren, die auch in einer der Kalifornischen Blütenessenzen Verwendung findet, kommen dem Habitus von Arnica montana recht nahe. Es ist davon auszugehen, dass die Indianer je nach Bedarf mit anderen Arnikaarten geheilt haben.

Heinz J. Stammel (1926–1989) nennt 1986 Arnica lanceolata und Arnica chamissonis als indianische Heilpflanzen. Letztere, die Wiesenarnika (Meadow Arnica), ist von Alaska bis Kalifornien verbreitet und wächst in feuchten Wiesen. Näheres über sie auf der folgenden Seite.

Die Fähigkeiten der Arnica montana

Sowohl innerhalb ihrer großen Korbblütler-Verwandtschaft als auch in ihrer Gattung stellt Arnica montana eine Besonderheit dar. Sie ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig, denn sie vereint sehr eigenwillige Qualitäten, die nur für sie charakteristisch sind.

Es beginnt mit ihrem Verbreitungsgebiet: Was bedeutet es, wenn sich eine Pflanzenart so eindeutig von ihren Verwandten separiert? Nur Arnica montana ist eine wirklich gesamteuropäische Pflanze, von Südeuropa bis nach Skandinavien lebend. Sie wurde von Linné montana genannt, weil sie typischerweise in Mittelgebirgen wächst; sie kann aber auch im Hochgebirge bis in 2800 Meter Höhe gefunden werden. Die viel kleinere Arnica angustifolia (auch als Arnica alpina bezeichnet) wird nur bis 15 Zentimeter groß und wächst in Skandinavien, im nördlichen Russland und auf Spitzbergen, beschränkt sich also auf den Norden Europas. Von den zahlreichen nordamerikanischen Verwandten ist bei uns nur die bereits erwähnte Wiesenarnika, die Arnica chamissonis, bekannt. Ihren Namen bekam sie von dem Arzt und Botaniker Christian Friedrich Lessing (1809–1862), einem Enkel des Dichters Gotthold Ephraim Lessing, zu Ehren des aus Frankreich geflohenen preußischen Offiziers, Dichters und Weltumseglers Adalbert von Chamisso. In Schweden hat sie sich als Neophyt eingebürgert, in Russland und in Ostdeutschland wird sie seit Längerem angebaut. In Gartenmagazinen wird mit ihrer einfachen Kultivierbarkeit geworben. Ihre Unterart Arnica chamissonis ssp. foliosa ist bis zu 90 Zentimeter groß, reich verzweigt, trägt viele Blätter und zahlreiche gelbe Blütenkörbchen. Sie war von 1984 bis 2000 als Stammpflanze im Arzneibuch ebenfalls zugelassen (WICHTL 2016), um zusätzlich zu Arnica montana »Arnikablüten« für phytotherapeutische Zubereitungen zu liefern (entsprechend der Monographie der Kommission E, der Sachverständigenkommission des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte).

Beim Betrachten von Bildern der amerikanischen Arnikaarten fällt sofort eine Besonderheit von Arnica montana auf. Sie wird für eine Gebirgspflanze erstaunlich lang (30 bis 60 Zentimeter), verzichtet aber weitgehend auf Verzweigungen und Blattmasse. Ihr Thema ist: Zurückhaltung in der oberirdischen Gestalt.

Alle Arnikaarten haben gegenständige Blätter, was bei Korbblütlern selten ist. Typischerweise sind bei diesen vegetativ so kräftigen Pflanzen die Blätter spiralig angeordnet – das ist an einer Sonnenblume schön zu sehen. In der goetheanistischen Naturbetrachtung gilt die Gegenständigkeit von Laubblättern als Zeichen einer blütenhaften Durchdringung, wie beispielsweise bei den Lippenblütlern. An natürlichen Standorten beschränkt sich Arnica montana oberirdisch auf einen aufrechten Stängel und eine Dreiergruppe von Blütenkörbchen: nämlich auf den größeren endständigen Blütenstand sowie zwei kleinere aus den beiden etwas tiefer stehenden Blättern. Erst viel weiter unten, näher am Boden, entspringt in der Regel ein weiteres, größeres Blattpaar.

Arnica montana wächst am liebsten in Mooren, in Heiden, in Silikatmagerrasen und lichten Wäldern, auf feuchten, nährstoff- und kalkarmen, sauren Böden. Von daher liegen die wichtigsten Standorte im kieselhaltigen Urgestein. Sie ist jedoch auch in Kalkgebirgen zu finden, zum Beispiel in den Karawanken, wenn durch starken Niederschlag der Kalk in den obersten Erdschichten ausgewaschen wurde. Sie liebt Stellen mit einer relativ dichten Rohhumusschicht aus abgestorbenem, aber noch nicht vollständig zersetztem Pflanzenmaterial; Stellen, die feucht und ausreichend durchlüftet sind, sich im Sommer gut erwärmen und beim Betreten federnd schwingen. Immer braucht die Arnika in der Erde genügend Feuchtigkeit. Oberirdisch sind ihre Standorte meist stark dem Wind, dem Licht sowie Wärme und Kälte ausgesetzt.

Eine eindrückliche Beschreibung eines Erlebnisses mit der Arnika gibt die Apothekerin Christina Kiehs-Glos. Sie zeltete in den Vogesen am Rande von Arnika-Hochflächen, als Regenfluten und ein Orkan über die Landschaft hereinbrachen: »In der dritten Nacht gab ich auf, flüchtete, das Zelt dem Sturm überlassend, ins Auto, vorbei an Hunderten blühender Arnika. Sie alle tanzten im Wind und schienen das entfesselte Element zu genießen. Keine einzige war geknickt, keine einzige hatte den Kopf verloren« (KIEHS-GLOS 2002, S. 21).

Gestalt und Entwicklung der einzelnen Pflanzenteile

Das wichtigste Organ der Arnika ist das unterirdische Rhizom, ein annähernd horizontal wachsender »Erdspross«, rhythmisch gegliedert in Knoten und Internodien und nur maximal sechs Millimeter dick. Dieses Rhizom verbindet sich wenig mit dem Untergrund, sondern bleibt dicht unter der Erdoberfläche im Bereich der oben geschilderten Rohhumusdecke oder in Moornähe unter den Moospolstern. Es wird mehrere Zentimeter lang und spiegelt die Aktivitäten der Arnika im Jahresgang wieder: dickere, gestauchtere Abschnitte mit eng beieinanderliegenden Knoten und Blattnarben verweisen auf das Sommerwachstum; schmalere, weiter auseinanderliegende Knoten und Blattnarben entsprechen dem Frühjahrswachstum. Die Rhizome verzweigen sich zu einem Netzwerk, sodass die verschiedenen Erdsprosse benachbarter Pflanzen neben- und übereinander verlaufen. Nach einigen Jahren sterben die ältesten Teile ab.

Blattrosette von Arnica montana mit dunkelbraunem Rhizom und kräftigen hellbraunen Wurzeln.

Aus dem Rhizom entspringen viele Wurzeln. Sie sind – im Vergleich zum schmalen Rhizom – mit einem Durchmesser von etwa zwei Millimetern verhältnismäßig dick, erstaunlich fleischig und zunächst unverzweigt. Die bekannte Klagenfurter Wurzelforscherin Lore Kutschera (1917–2008) nennt sie »schnurförmig«. Sie grub Arnikapflanzen an verschiedenen Standorten aus und gibt Wurzeltiefen von 25 bis 90 Zentimetern an, je nach Bodenerwärmung und Untergrund. Die Wurzeln leben in Symbiose mit Mykorrhizapilzen.

Im Herbst sind an den Rhizomspitzen Knospen zu sehen, aus denen im Frühsommer (im Mai oder Juni, abhängig vom Standort) die jungen Blätter treiben. Diese ersten Blätter bleiben noch ganz dicht am Boden, bilden also eine sogenannte Rosette. Bei vielen Rosettenpflanzen sieht man wunderschöne Blattspiralen auf der Erde, vor allem wenn sie grün durch den Winter getragen wurden, wie beispielsweise bei der Nachtkerze, den Königskerzen oder der Wegwarte. Bei der Arnika gibt es niemals Blattspiralen, da alle ihre Blätter strikt gegenständig angelegt sind. Das entspricht der Blattstellung von jungem Feldsalat, dessen gekreuzt gegenständige Rosetten wir im Winter so gern essen. Am hellen Naturstandort im Gebirge legt die Arnika die Blätter der noch nicht blühenden Rosetten jedoch nach dem Sprießen flach auf den Boden und dabei so übereinander, dass das charakteristische »Arnikakreuz« entsteht. Inmitten der feingliedrigen Vegetation einer Magerwiese fällt es durch seine Größe und Robustheit sofort auf – auch wenn es nicht ganz exakt gebildet ist.

Das auffällige »Arnikakreuz« der Rosettenblätter.

Klas Diederich und Urte Riggers, die die Arnica montana ausführlich beobachteten, beschreiben, dass unter der Blattdecke ein eigenes Kleinklima entsteht, das auch bei starker Sonnenbestrahlung kühl und feucht bleibt: »Jede einzelne Arnikapflanze wird an ihrem Standort dominant. Sie selbst prägt das Klima am Boden« (DIEDERICH und RIGGERS 2003, S. 66). Die Blätter sind fest, übersät mit Drüsenhaaren und weißen Borstenhaaren, breit lanzettlich und »sitzend«, sie haben also keinen Blattstiel. Trotz der geometrischen Anordnung ist ein einzelnes Blatt bei genauer Betrachtung in sich nicht vollkommen symmetrisch, sondern oft leicht verzerrt beziehungsweise verbogen.

Viele Rhizomabschnitte bilden über mehrere Jahre diese der Erde verhafteten Blattkreuze, mal größer, mal kleiner. Hat sich jedoch der Vegetationspunkt der Achse für den Blütenimpuls geöffnet, dann erhebt sich rasch und kraftvoll aus der Mitte eines Kreuzes der Stängel, der die Dreiergruppe der Knospen hoch ins Licht trägt. Alle Blätter, auch die untersten, richten sich nun auf. Zunächst sind die drei Knospen vom untersten Blattpaar des Stängels noch wie von zwei großen grünen Händen umfasst. Der Stängel ist rundlich, fest, oft rötlich gefärbt. Neben den Borstenhaaren trägt er auch Drüsenhaare. Ganz im Inneren befindet sich ein weißes Mark, das sich im Laufe des Sommers auflösen kann, sodass dann die Stängel hohl werden.

Vor dem Aufblühen neigen sich die Blütenkörbchen noch einmal zur Erde zurück, ehe sie sich dezidiert in dieVertikale aufrichten. Die langen Zungenblüten drängen als Erste hervor. Ihre sonnengelbe Farbe ergibt einen warmen Farbklang mit den oft rot überlaufenen, ansonsten leuchtend grünen Hüllkelchblättern. Obwohl die Zungenblüten parallelnervig sind und in drei ordentlichen kleinen Spitzen enden, biegen sie sich von Anfang an in verschiedene Richtungen. Die sprichwörtliche wirbelnde »Strubbeligkeit« von Arnikaköpfchen, an denen man die Pflanzen in der Natur unfehlbar erkennen kann, rührt nicht vom Wind her, sondern ist tief mit dem Wesen dieser besonderen Pflanze verbunden. Mehr dazu später.

Die Zungenblüten der Arnika haben die Fähigkeit verloren, Früchte hervorzubringen – im Gegensatz zur Calendula (Seite 54). Sie bilden keine Staubblätter, und trotz eines vorhandenen Fruchtknotens mit langem Griffel kann keine Befruchtung stattfinden. Die dunkleren gelben Röhrenblüten verharren zunächst im Knospenstadium, ehe sie sich allmählich von außen nach innen öffnen. Kleine leuchtende Fünfsterne werden nun sichtbar, aus deren Mitte sich die rotgoldene Staubblattröhre herausschiebt (die Staubbeutel sind seitlich miteinander verklebt), durch die sich schließlich auch der zweiteilige Griffel ans Licht streckt (siehe Seite 18/19). Am natürlichen Standort entstehen in der Regel in einem Arnikakorb 15 bis 19 Zungenblüten, die eine Gruppe von 80 bis 90 Röhrenblüten einschließen. Arnika blüht zur Johannizeit bis in den Juli hinein. Helmut und Margrit Hintermeier beschreiben in ihrem Buch von 2012, dass bis zu 18 verschiedene Insektenarten – Bienen, Hummeln, Schwebfliegen, Falter und Käfer – die Arnika besuchen und Nektar und/oder Pollen aufnehmen.

Zu einer echten Blüte gehören typischerweise auch Kelchblätter. Bei vielen Korbblütlern sind die Kelchblätter der Röhren- und Zungenblüten gar nicht ausgebildet oder zu kleinen Zähnchen reduziert. Beim Löwenzahn dagegen kann man sie bereits im Blütenkorb als feine Haare oberhalb der Fruchtknoten bemerken. Die so verwandelte Kelchhülle wird »Pappus« genannt. Während der Frucht- und Samenreife strecken sich beim Löwenzahn sowohl alle Pappushaare als auch das Stielchen zwischen Frucht und Pappusschirmchen. Schließlich bilden alle Haare gemeinsam die lichte, eindrucksvolle Kugel der Pusteblume in ihrer kristallinen Vollkommenheit. Obwohl eine Arnika kaum Ähnlichkeit mit einem Löwenzahn hat, sind ihre Zungen- und Röhrenblüten auch von Pappushaaren umgeben. Sie machen einen beträchtlichen Teil der Droge »Arnikablüten« aus. Lässt man abgeschnittene Blütenköpfe der Arnika zum Trocknen liegen, dann strecken sich diese Haare und es entsteht auch eine kugelige Pusteblume. Im Vergleich mit einer Löwenzahnkugel ist die Arnikakugel kleiner, dichter und struppiger. Das liegt daran, dass Arnikafrüchtchen viel länger als Löwenzahnfrüchtchen sind und die 30 bis 40 Pappushaare direkt an ihrem oberen Ende entspringen: ein Stielchen fehlt. Außerdem sind die Haare borstig-rau, kürzer und schimmern nicht so rein weiß. Wenn man sie verbrennt, bleibt von jedem Pappushaar ein feinster, verkrümmter, aber zusammenhängender, reinweißer Strang übrig. Inwieweit es sich dabei um reine Kieselsäure handelt oder welche anderen Substanzen mit hineingewoben sind, müsste geprüft werden.

Längsschnitt durch ein junges Blütenköpfchen, die weißen Pappushaare bedecken die noch knospigen Röhrenblüten.


Kugelige »Pusteblume« der Arnika.

Leicht werden die Früchte ab Ende August mithilfe der Flugschirme vom Wind über die Landschaft getragen. Dort, wo die Grasnarbe durch Erosion, Trittspuren von Rindern oder auf Skipisten aufgerissen ist, können die Arnikafrüchtchen keimen und im Laufe der Zeit zu verzweigten Rhizomen und gekreuzten Rosetten heranwachsen. Die oberirdischen Triebe der Pflanze verdorren allmählich im Herbst und verharren braun, steif und rau bis zum Wintereinbruch. Unterirdisch bleiben die Rhizome aktiv und können noch im September neue kleine Rosetten bilden.

Bemerkenswert ist, dass die spitzen, durchsichtigen Borstenhaare zum Blütenstand hin zunehmen und auch im Inneren der Köpfchen vorhanden sind: Mit einer Lupe ist zu erkennen, dass die unteren Abschnitte der Röhrenblüten und die ausgereiften Früchte dicht borstig besetzt sind.

Die Bildung von ätherischen Ölen

Um das Duften einer Pflanze wahrzunehmen, stecken wir unsere Nasen in die Blüten. Aus Duftdrüsen an den Blütenblättern oder rund um den Fruchtknoten entströmen typischerweise die uns erfreuenden, charakteristischen Düfte. Nähern wir uns einem blühenden Arnikakörbchen von oben, so ist ein zarter, süßlicher, warmer Blütenduft wahrzunehmen, der nicht sehr spezifisch ist. Bewegen wir unsere Nasen jedoch weiter nach unten, zu den Hüllkelchblättern eines Korbes, dann tauchen wir in eine vollkommen andere Duftwelt ein: »kräftig«, »schwer«, »herb«, »aromatisch«, »würzig«, »warm«, »kampferartig«, »leicht stechend«, so lauten die Versuche, die Duftkomposition irgendwie in Worte zu fassen.

Schon mit bloßem Auge sind die unzähligen kleinen, oft rötlichen Drüsenhaare zu sehen, an deren Spitze ein duftendes Sekret gesammelt wird. Trotz einer schützenden Hülle strömen aus jedem Drüsenhaar unablässig Arnikasubstanzen in die Umgebung. Im Bereich der Hüllkelchblätter stehen diese Drüsenhaare besonders dicht und sind groß; am Stängel und an den Blättern sind sie ebenfalls vorhanden, aber kleiner und weniger zahlreich. Alle grünen Gewebe fühlen sich bei Berührung deshalb mehr oder weniger ölig (nicht klebrig) an. Ein Reiben verstärkt das Dufterlebnis. Sogar die reifen trockenen Früchtchen tragen noch kleine Drüsenhaare.

Stängel und Hüllkelchblätter sind mit weißen Borsten und roten Drüsenhaaren übersät.


Querschnitt durch ein Rhizom von Arnica montana mit angeschnittenen Ölgängen in der Rindenschicht. Rhizom-Durchmesser 5,7 mm. Ölgänge nachträglich gelb eingefärbt. (Aus Zeller 1983, S.174)

Duftabsondernde Drüsenhaare außen an den grünen Organen sind bei Korbblütlern nicht selten. Ebenso eindrucksvoll sind sie ja bei der Calendula: Dort verkleben sie unsere Hände und vermitteln uns den typischen Duft.

Arnica montana beschränkt sich nicht auf die Bildung ätherischer Öle im Kontakt mit der Außenwelt, sondern verlagert sie zusätzlich auch noch ins Innere ihrer gesamten Organisation! Dies ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal für einen europäischen Korbblütler.

Die Botanikerin Ottilie Zeller (1913–2004) konnte anhand von Längsschnitten durch winzige Blütenkörbchen der Arnika zeigen, dass lange Ölgänge den Stängel durchziehen und sich bis in den Körbchenboden hinein erstrecken. Diese Ölgänge sind mit Drüsenzellen ausgekleidet, die das entstehende Sekret nach innen in die Gänge hinein abgeben. Alle Pflanzenteile, ausgenommen Einzelblüten und Laubblätter, haben derartige Sekretgänge. Auf ihrem Rhizomquerschnitt sind in der Rindenschicht 28 angeschnittene Ölgänge zu erkennen, die zumeist in der Nähe der Leitgewebe liegen. Ungewöhnlich für die Pflanzenwelt ist allerdings, dass die Ölgänge wirklich die ganze Pflanze durchziehen – bis in die Wurzeln hinein! Damit wird verständlich, weshalb die Wurzeln vergleichsweise kräftig und fleischig sind. Zeller beschreibt einen Querschnitt durch eine Wurzel folgendermaßen: »Der vergrößert wiedergegebene Zentralzylinder der nur 2,4 Millimeter dicken Arnikawurzel erweckt den Eindruck, dass dieser wichtige Teil der Wurzel geradezu von einem Mantel von Gängen mit goldgelbem Arnikaöl umkleidet ist« (ZELLER 1983, S. 172).

Der Geruch des geschnittenen Rhizoms und der Wurzeln unterscheidet sich deutlich von dem der Blütenkörbchen. Oberirdisch überwiegt ein warmer, einhüllender, aromatischer Duft, selbst wenn die Köpfe geöffnet wurden und sich somit innerer und äußerer Duft mischen. Die unterirdischen Organe von Arnica montana riechen intensiver und beißender: »stark, aromatisch, etwas scharf, harzig, zimtig, fast etwas orientalisch«, so beschreibt es Franziska Roemer (ROEMER 1990, S. 2). »Pfeffrig-scharf, stechend und intensiv dunkel-aromatisch, Steinkohleteer-artig«, formulieren Torsten Arncken und Ulrike Ortin ihre Wahrnehmungen (ARNCKEN und ORTIN 1996, S. 8). Diederich und Riggers berichten, die Wurzel rieche »wie Mineralöl«, sie schmecke intensiv scharf und beiße im Rachen. Der Geschmack der Röhrenblüten sei dagegen anders: »Das Herbe, Bittere, Gerbende, was schon bei den Zungen auftritt, ist hier verstärkt, die Süße tritt nur kurz in Erscheinung. Bei Pflanzen von wirklich sonnigen Standorten tritt der Geschmack des Drüsensekrets, der den Rachen eklig stechend reizt, in den Vordergrund« (DIEDERICH und RIGGERS 2003, S. 72). Der bittere Geschmack durchzieht als »Grundton« alle Organe der Pflanze von den Wurzeln bis zu den Früchten.

Ätherische Öle

Ätherische Öle sind stark riechende und leicht verdunstende Substanzgemische, die aus vielen Pflanzen gewonnen werden können. Sie bestehen aus zahlreichen flüchtigen Substanzen (Alkoholen, Estern, Terpenen und anderen), die rasch in die Luft (den »Äther«) verdampfen können. Meist werden sie unter Verwendung von Wasserdampf aus den verschiedenen Pflanzenteilen destilliert. Da sie wasserunlöslich sind, schwimmen sie als »Ölfilm« oben auf dem Wasser. In fettem Öl lösen sie sich gut. Chemisch ist ihnen eine relative Sauerstoffarmut gemeinsam, weshalb sie leicht entflammbar sind. Sie »überspringen« also die wässrige Phase und sind mit ihrer Leichtigkeit mehr der Luft verwandt und damit unserem eigenen Seelischen. In ihrer leichten Entflammbarkeit haben sie auch eine Beziehung zum menschlichen Ich und zu seiner Begeisterungsfähigkeit.

Typischerweise bilden Pflanzen ätherische Öle in ihren Blütenorganen. So entsteht das kostbare Rosenöl in den frühen Morgenstunden als kleine Tröpfchen direkt in den Zellen der Rosenblütenblätter und verströmt sich dann – von der wärmenden Sonne herausgelockt – in die Umgebung. Aufgrund der »seelischen Berührung« des Pflanzenwesens durch den kosmischen Umkreis werden also in ihrer Entwicklung nicht nur die grünen Blätter in Blütenblätter verwandelt, sondern auch die Pflanzensubstanzen »verfeinert«, wie Goethe es nannte. Sie werden artspezifisch und so charakteristisch, dass wir Blütendüfte eindeutig als Maiglöckchen, Jasmin oder Rose erkennen. Die blühende Pflanze weitet sich über ihre physischen Grenzen hinaus aus und nimmt damit Kontakt zu den bestäubenden Insekten auf. Neuerdings wird auch diskutiert, ob Pflanzen mithilfe ätherischer Öle zum Beispiel bei Verletzungen oder Insektenbefall miteinander kommunizieren. Therapeutisch relevant ist bei ätherischen Ölen, in welchen Organen sie entstehen, etwa in den Duftdrüsen der Blätter wie bei Rosmarin und anderen Lippenblütlern oder in den Wurzeln wie beim Baldrian.

Unsere Arnika hat eine besonders innige und vielseitige Beziehung zu den ätherischen Ölen. Einerseits bildet sie flüchtige Substanzen ganz außen auf ihrer grünen Oberfläche, in ihren zahllosen Drüsenhaaren. Andererseits ist die ganze Pflanze auch im Inneren von Ölgängen durchzogen. Die »ätherische Leichtigkeit des Seins« hält bei ihr Einzug bis in die am tiefsten in die dunkle Erde hineinreichenden Organe, in Rhizome und Wurzeln.

Das Wesentliche der Arnika

»Im vergnüglichen Erinnern mag ich zum Beispiel gern gedenken, mit wie frohem Erstaunen wir die Arnica montana nach erstiegenen vogtländischen Berghöhen erst zerstreut, dann aber an sanften sonnigen abhängigen Waldwiesen, feuchten aber nicht sumpfigen, herrschend und man dürfte sagen wüthend erblickten.« So beschrieb Goethe die Arnika (in MAYER/CZYGAN 2000, S. 31). Wie kann man all die Einzelheiten zu einem Wesensbild der Arnica montana verdichten? Wieso erlebte Goethe sie »herrschend« und »wüthend«?

Um diese Fragen zu beantworten, muss ein wenig ausgeholt werden. 1831, ein Jahr vor seinem Tod, verfasste Goethe, 82-jährig, den Text »Über die Spiraltendenz der Vegetation«. Damit knüpfte er an seine 41 Jahre früher erschienene Schrift an, in der er die Blattverwandlung beschrieb und die er »Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären« genannt hatte (erschienen 1790). Nun fügte er zu dem »Spiralsystem« der Pflanzen (dem Blättrigen) das »Vertikalsystem« (die Achsenorganisation) und machte dadurch auf die größte Polarität im Pflanzenreich aufmerksam. Treu seiner Erkenntnis, dass zu jeder Polarität ihre Steigerung gehöre, erklärte er: »Keines der beiden Systeme kann allein gedacht werden; sie sind immer und ewig beisammen; aber im völligen Gleichgewicht bringen sie das Vollkommenste der Vegetation hervor.« Die vertikale Tendenz »ist anzusehen wie ein geistiger Stab, welcher das Dasein begründet und solches auf lange Zeit zu erhalten fähig ist« (Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, S. 218).

Rudolf Steiner (1861–1925) lebte nach seinem Studium ab 1890 für sieben Jahre in Weimar und gab während dieser Zeit die naturwissenschaftlichen Schriften von Goethe heraus, versehen mit eigenen Kommentaren. Später griff er Goethes Spiraltendenz und Vertikaltendenz der Pflanzen auf und »weitete« sie, indem er den Kosmos mit einbezog. Steiner zufolge entwickelt sich jede Pflanze zwischen Erde und Himmel mithilfe von irdischen und kosmischen Kräften. Durchzogen von Lebendigkeit, bildet sie nacheinander viele grüne Blätter am grünen Stängel – bis ihr von oben, vom Kosmos, ihr »Seelisches« entgegenkommt. Durch diese »seelische Berührung« kann die Pflanze anstelle von grünen Blättern Kelchblätter, Blütenblätter, Staubblätter und Fruchtblätter bilden, also die Organe des Spiralsystems verwandeln (Steiner, Vortrag vom 21. 10. 1908, S. 29). So entstehen die Blüten; anschließend, im Zusammenwirken mit der Achse nach der Befruchtung, auch Früchte und Samen, also all das, was man in der Botanik als »generative Organe« bezeichnet.

Wir wissen alle, dass Pflanzen ohne Sonnenlicht nicht leben können. Ihre Blätter richten sich in ihrer Stellung nach der realen Sonneneinstrahlung, ihr Vertikalsystem, der »geistige Stab« Goethes, orientiert sich jedoch zum Zenith, zur »geistigen Sonne«. Die von dort kommenden Sonnenstrahlen gehen durch die Pflanze hindurch zum Mittelpunkt der Erde. »In dieser Tätigkeit des geistigen Inhalts des Sonnenstrahls, der durch die Pflanze hindurch zum Mittelpunkt der Erde geht, drückt sich die Tätigkeit des Ichs der Pflanze aus« (Steiner, Vortrag vom 6. 8. 1908, S. 58). Die Fähigkeit der Pflanzen, sich mit ihrem Vertikalsystem aufrecht in den Raum zu stellen, kann man demzufolge – behutsam – als eine »Ich-Qualität« bezeichnen. Angesichts von Bäumen mit ihren eindrucksvollen Stämmen ist das unmittelbar zu erleben.

Mit der Blüten- und Fruchtbildung sind selbstverständlich besondere Substanzen verbunden, die sogenannten Sekundärstoffe, die für jede Pflanzenart spezifisch und meist therapeutisch wirksam sind. Ätherische Öle gehören typischerweise zu den Blütenorganen. Sind sie, wie bei den Lippenblütlern oder unserer Arnika, auch in anderen Organen vorhanden, deutet die goetheanistische Naturbetrachtung dies als eine Verlagerung einer »seelisch berührten« Substanz in den aufbauenden Bereich der lebendigen, vegetativen Prozesse.

Polarität …

Bezogen auf die Arnika wird hierunter die gegenseitige Durchdringung von polaren Aspekten – Vitalität einerseits und »seelische Berührung« andererseits – verstanden.

Arnica montana ist fähig, in allen ihren Organen »seelisch berührte« Substanz (ätherisches Öl) zu bilden, sowohl zur Umwelt gerichtet in ihren unzähligen Drüsenhaaren als auch ganz im Inneren, in ihren Ölgängen. Diese gewaltige Syntheseleistung bedarf einer enormen Lebensaktivität, die man der Pflanze zunächst gar nicht ansieht, da oberirdisch Blattwerk und Verzweigungen im Vergleich mit anderen Arnikaarten so reduziert sind. Tief beeindruckend ist, dass diese Vitalität sich gerade nicht aus einem reichhaltigen Nährstoffangebot des Bodens speist! Auf gedüngten Wiesen verschwindet sie, weil sie einen mageren, nicht triebigen Boden zum Überleben braucht.

Bei Arnica montana ist die Vitalität geheimnisvoll mit der Achse verbunden – also mit dem »Ich-Aspekt« –, obwohl sie als Rhizom und Stängel physisch wenig massig erscheint. Indem die Arnika ihre in Knoten und Internodien gegliederte Hauptachse als Rhizom in die Erde verlegt, entzieht sie sie den abbauenden Kräften: Es blühen, fruchten und verdorren ja immer nur die Seitenzweige, die von der horizontalen Grund- und Hauptachse aus vertikal ins Licht streben. Das Rhizom selbst bleibt lebendig und verzweigt sich kraftvoll weiter, innerlich angefüllt mit »seelisch berührter« Substanz. Auch an den aufstrebenden Blütentrieben findet man in jedem Bereich eine ungewöhnlich intensive Verbindung von vegetativen und blütenartigen Prozessen. So sind die gegenständigen, sitzenden und – von der Blattmetamorphose her gesehen – blütennahen Laubblätter groß, breit, ja nahezu grob und außerdem borstig behaart. Wie beschrieben, sind sie gerade nicht symmetrisch, obwohl man dies von blütennahen Blättern erwarten würde. Eine Asymmetrie bei Laubblättern weist immer auf starke vegetative Kräfte hin, wie man zum Beispiel bei Tomatenpflanzen oder auch beim Löwenzahn sehen kann.

Auch die Blütenköpfe von Arnika zeugen von Vitalität: Sie werden nämlich in den Bergen gern von Bohrfliegen als wohlgefüllte Vorratskammer für den Nachwuchs gewählt. Die in der älteren Arnikaliteratur stets genannte Bohrfliege Trypeta arnicivora wurde in Tephritis arnicae »zurückbenannt«. Diesen Namen hatte ihr Linne bereits 1758 verliehen. Sie gehört zu den Frucht- oder Bohrfliegen (Familie der Tephritidae, früher Trypetidae), deren Maden sich von Pflanzengewebe ernähren. Olivenfruchtfliegen oder Kirschfruchtfliegen sind bei Anbauern gefürchtet. Die Fruchtfliege/Bohrfliege Tephritis arnicae nun ist vollständig an den Lebenszyklus der Arnica montana angepasst. Die Fliegenmütter legen im Mai oder Juni ihre Eier in die ganz jungen, noch verschlossenen Blütenkörbe. Die zahlreichen weißen kleinen Maden ernähren sich zuerst von den Knospen der Röhrenblüten mitsamt den jungen Fruchtknoten, dann fressen sie sich durch den Körbchenboden bis in den Stängel hinein. Im Pflanzenlabor der WALA Heilmittel GmbH, dem Herstellungsbereich der pflanzlichen, wässrigen Urtinkturen, wird daher nach der Ernte jedes Blütenköpfchen der Arnika geöffnet und genauestens angeschaut. Etwaige Maden oder angefressene Gebiete werden sorgfältig entfernt.

Vergleicht man innerlich das Blütenkörbchen einer Echten Kamille, das sich im Laufe des Aufblühens hebt und ganz durchlüftet, mit dem Körbchen einer Arnika, in dem Fliegenmaden leben können, dann ist nachvollziehbar, dass bei der Arnika »seelische Berührungen« auf verschiedenen Ebenen stattfinden und verknüpft mit nahrhaften, lebendigen Aufbauprozessen sind.

Ebenso ist die »wirbelige« Dynamik der Zungenblüten, ihre Unregelmäßigkeit, ein Zeichen von Plastizität und überbordender Lebendigkeit, die hier über die Formkraft siegt, die sonst im Blütenbereich vorherrscht. Wenn Goethe die Arnika im Vogtland »herrschend« nennt, dann meinte er wahrscheinlich ihre Fähigkeit, sich in einer ihr gemäßen Landschaft wirklich flächendeckend auszubreiten. Dazu verhilft ihr das vitale Rhizom. »Wüthend« beschreibt jedoch eine andere Ebene. Nahm der geniale Pflanzenkenner dabei womöglich die geballte, aber gebändigte Vitalität wahr – dieselbe, welche die Arnika mit dem Wolf verbindet?

Torsten Arncken und Ulrike Ortin unternahmen 1994 eine Forschungsreise in die USA, um einige amerikanische Arnikaarten zu studieren. Anschließend bauten sie in Dornach/Schweiz vier dieser Arten an, um sie mit Arnica montana zu vergleichen. In ihrem Abschlussbericht charakterisieren sie die nordamerikanischen Arten folgendermaßen: »Die vier von uns angebauten Arnika-Arten sind alle deutlich wüchsiger als Arnica montana. Sie bilden im zweiten Jahr schnellwüchsige Ausläufer, die noch im selben Jahr zur Blüte kommen und dichte Horste bilden. (…) Die nordamerikanischen Arten bilden kein verdicktes Rhizom und kaum Geschmack oder Geruch in der Wurzel« (ARNCKEN und ORTIN 1996, S. 42 und 46). Sie beschreiben, dass der Blattbereich stärker betont wird als die Blütenregion, die Blätter also zahlreicher sind und am Stängel weit mit hinaufgenommen werden. Die Blätter sind nicht so zäh und ledrig wie bei Arnica montana, sie duften sehr stark und sind klebrig-ölig. Die Stängel sind weitaus dünner und zarter, und es werden mehr Seitentriebe gebildet. Die Blüten sind kleiner als die von Arnica montana, und sie duften kaum.

Dies alles bestätigt, dass bei den anderen Arnikas die vegetative, blättrige Seite überwiegt und die Verinnerlichung von ätherischen Ölen bis in Rhizome und Wurzeln nicht so ausgeprägt ist. Die polaren Bildeprinzipien sind zwar auch »im Gespräch« miteinander, aber sie sind nicht gleich stark, nicht ebenbürtig, und sie durchdringen sich auch nicht so innig. Bei unserer Arnika kommt aber noch ein weiterer Aspekt dazu.

Arnica latfolia, eine blattreiche nordamerikanische Art, hier im Mount Rainier National Park im US-Bundesstaat Washington.

… und Steigerung

Bezogen auf die Arnika wird hierunter verstanden, dass Arnica montana durch Zurückhaltung im Äußeren geistige Prinzipien sichtbar werden lässt.

Die aus Mexiko stammenden Zinnien mit ihren leuchtend roten, kräftigen, endständigen Blütenkörben haben ebenfalls große, gegenständige, sitzende Blätter. Bei ihnen weisen die Blattpaare wegen ihrer gleichmäßigen Verteilung entlang dem Stängel keck in vier verschiedene Richtungen. Vergleicht man hiermit blühende Arnikatriebe am natürlichen Standort, wird die »Eigenwilligkeit« der Arnika deutlich: Sie reduziert die Blattpaare am aufrechten Stängel auf zwei (bis drei) und dehnt gleichzeitig die zwischen ihnen liegenden Internodien. Der pflanzentypische Rhythmus von Ausdehnung und Zusammenziehung wird dadurch so verändert, dass Arnica montana klare, urbildhafte Zahlengebärden im Raum sichtbar werden lassen kann: Die »Vier« erscheint unübersehbar in der Jugendrosette im Kreuz, das dem Boden dicht anliegt, am Stängel ist sie abgeschwächt. Die »Drei« zeigt sich in dem dreizähligen Blütenköpfchen-Stand, der sich weit in den Lichtraum streckt (siehe Bilder Seite 18/19, 91, 98/99). Der mittlere Bereich, an dem sich bei anderen Arnikas die Fülle der gegenständigen Blätter entfaltet, bleibt bei ihr nahezu blattfrei und präsentiert unverfälscht das Wichtigste: die elastisch schwingende Aufrichte, das Organ der Ich-Qualität.

»Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.«

Diese Zeilen, mit denen Goethe ein 1807 veröffentlichtes Sonett enden lässt, weisen auf das Geheimnis der Arnica montana: Durch die Zurückhaltung in der äußeren Gestalt und die Verinnerlichung ihrer Seelenhaftigkeit wird sie zur Königin. Eine Königin kennt und verkörpert das Gesetz – aber sie prägt es individuell.

Pflege und Anbau

»Seit einigen Jahren verschwinden Pflanzen aus der Gegend, wo ich wohne, die sonst häufig da waren, zum Beispiel Gentiana ciliata, Verbena europaea, Pinguicula vulgaris. (…) Ich sehe doch nicht, dass die Arnika fehlt, von der man jährlich einen Pferdekarren voll sammelt und in Apotheken bringt« (Goethe, zitiert in MAYER/CZYGAN 2000, S. 31).

Wie sieht es seither aus? In den letzten zwei Jahrhunderten wurde die Arnika durch intensives Sammeln und den schleichenden Verlust geeigneter Lebensräume so rar, dass sie in verschiedenen Ländern Europas vom Aussterben bedroht ist und seit Langem unter Naturschutz steht. In Deutschland zählt sie zu den besonders geschützten Arten, das heißt, dass das Ausgraben und Sammeln von unter- und oberirdischen Teilen wild wachsender Pflanzen überall verboten ist; man kann aber eine offizielle Sammelgenehmigung beantragen. Die Firma WALA erntet mit Sammelgenehmigung Frischpflanzen auf gepachteten Wildstandorten, unter anderem im Schwarzwald, auf Wiesen, die durch Beweidung gepflegt werden. In Österreich und in der Schweiz sind die Einschränkungen je nach Region unterschiedlich. In Österreich dürfen Blütenköpfe in einigen Bundesländern gepflückt werden, in anderen ist die Arnika vor dem erwerbsmäßigen Handel geschützt. In der Schweiz ist sie in einigen Kantonen vollständig oder teilweise geschützt, in anderen gilt sie als nicht gefährdet (Rote Liste der gefährdeten Arten in der Schweiz 2002).

Naturschutz darf sich jedoch nicht auf ein Sammelverbot beschränken. Bedroht ist die Arnika zum einen durch eine düngungsintensive Landwirtschaft, zum anderen aber gerade durch das Fehlen einer Bewirtschaftung. Wird weder gemäht noch beweidet, verändert sich die Artenzusammensetzung der Wiesen oft so sehr, dass die Arnika verdrängt wird. Die wild wachsende Arnica montana benötigt heutzutage also die sorgsame Pflege durch verantwortungsvolle Menschen. Eine Zusammenstellung von Handlungsempfehlungen gibt das deutsche Bundesamt für Naturschutz unter https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/natura2000/Dokumente/Pfl_Arnimont.pdf. Sie braucht aufmerksame Bauern, die die geschützten Standorte zu den richtigen Zeiten mähen, indem sie die Fruchtreife der Arnika beachten und die Zwergsträucher in Schach halten. (Dies wird auch in unserem Arnikafilm deutlich, siehe https://tinyurl.com/arnika-heilt.) Andererseits unterstützt eine sachgemäße Beweidung auch die Ausbreitung der Arnika, da die Tiere ihr durch das Kurzhalten der übrigen Kräuter Raum und Licht verschaffen. Kühe fressen zwar die Blütenstände des giftigen weißen Germers (Veratrum album), nicht aber die bittere Arnika! Ebenso regt das achtsame Ernten von Blütenkörben oder auch der ganzen oberirdischen Pflanzen inklusive eines kurzen Rhizomstücks die Rhizome zu einer verstärkten Vermehrung an.

Um sich die benötigten Mengen vorstellen zu können, sei auf ein Zitat von Michael Straub verwiesen: »In Europa werden pro Jahr 50 bis 60 Tonnen Arnikablüten aus Wildsammlung verarbeitet«. (MEYER und STRAUB 2011, S.55). Hinzu kommen angebaute Pflanzen. Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, fehlte es nicht an Züchtungsforschung. So berichtete Ulrich Bomme, emeritierter Professor an der Bayerischen Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau in Freising-Weihenstephan, im Jahr 2000 von den Erfolgen einer neuen Arnica-montana-Sorte mit dem Namen ‘Arbo’ (Sortenschutz seit 1998): Sie zeige einen guten und gesunden Wuchs und einen hohen Ertrag an Blütenkörben. Bei der Sorte ‘Arbo’ bildet jede einzelne Arnikapflanze zahlreiche Rosetten, die ganz eng beieinanderbleiben, wodurch ein dichter Tuff entsteht. Die Arnikakreuze überlagern sich dadurch. Die oberirdischen Triebe entfalten sich nahezu gleichzeitig, und jeder endet mit drei oder mehr Blütenköpfen; die Zungenblüten sind dynamisch verwirbelt. Samen der Sorte ‘Arbo’ gehen im Anbau besser auf als Samen aus Wildherkünften, sie sind auch nicht so anspruchsvoll in Bezug auf die Bodenverhältnisse. Die erfolgreiche Einführung dieser Sorte führte dazu, dass seit 2000 die amerikanische Arnica chamissonis nicht mehr als Bestandteil von »Arnikablüten« gestattet ist (European Pharmacopeia 9, 2016, siehe auch Seite 30). Saatgut der Sorte ‘Arbo’ kann man beim Templiner Kräutergarten oder über Jelitto Staudensamen erhalten.

Wieder zum Blühen gebracht: Arnika in Fichtelgebirge und Frankenwald

Goethe wird auf seinen Reisen nach Marienbad im nördlichen Fichtelgebirge und Frankenwald noch üppige Arnikabestände gesehen haben. Selbst bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren noch zahlreiche Wiesen mit großen Arnikavorkommen vorhanden. Überdüngung und Aufforstung führten dann zum Verschwinden der letzten Bestände.

Dank der Förderung durch das Bundesamt für Naturschutz, den Aktivitäten der Landräte Bernd Hering und Dr. Oliver Bär sowie des Landschaftspflegeverbands Landkreis und Stadt Hof konnte in den letzten Jahren ein für Deutschland einmaliges Projekt initiiert werden. Durch gezielte Maßnahmen wurde an vielen Flecken die Arnika wieder zum Blühen gebracht, sodass nun hier die wohl deutschlandweit größten Arnikabestände zu finden sind.

Arnika-Rad- und -Wanderwege weisen dem interessierten Laien den Weg und lassen ihn staunen über die Kraft und die Schönheit der Arnika. (Weitere Informationen unter http://arnikaprojekt-hof.de)

Ähnlich ist das Erlebnis auf den Arnikawiesen in der Arnika-Stadt Teuschnitz im nördlichen Frankenwald. Hier gibt es sogar regelmäßig im Sommer ein Arnikafest und eine Arnikaakademie. (Weitere Informationen unter http://teuschnitz.de/arnika-akademie)


Diese Arnikawiese am »Alten Pfarrhaus« bei Schönwald ist Teil des Arnikaprojekts Hof.

Auch in den Niederlanden, in deren Sandböden die Arnika relativ gut gedeiht, wird Arnika angebaut. (SCHÜPBACH 1997). Arncken und Ortin untersuchten in den 1990er-Jahren zwei verschiedene Höfe, auf denen Arnica montana in biologischer Qualität feldmäßig angebaut wurde. Während auf dem einen Hof die Pflanzen klein und wohlgeformt blieben und den arnikatypischen Geruch und Geschmack zeigten, wurden sie auf dem anderen zu üppig und verzweigten sich stark. Für unsere Betrachtung ergab sich dabei etwas Bedeutsames: Durch die Massebildung im Vegetativen ging einerseits das Arnikakreuz am Boden verloren, andererseits wuchsen die Zungenblüten geordneter. Außerdem rochen die verdickten Rhizome rüben-/möhrenartig. Man kann sagen: Eine zu triebig wachsende Arnica montana verliert sowohl ihre arteigene Gestalt als auch ihre typische Substanz.

Schutz der Arnica montana durch nachhaltige Wildsammlung in Rumänien

Interview mit Michael Straub, Heilpflanzenexperte


Das Apuseni-Gebirge liegt im Westen Rumäniens. Es ist Teil der Westrumänischen Karpaten und bietet ein äußerst vielfältiges Landschaftsbild mit wunderschönen Mischwäldern, grünen, noch traditionell bewirtschafteten Wiesen und Weiden sowie Ausblicken auf alpine Gipfel bis in eine Höhe von über 1800 Metern. Im Zentrum dieses Naturparadieses, in dem etwa 500 Wildpflanzenarten, darunter rund 250 Heilpflanzen, gedeihen, entstand seit der Jahrtausendwende ein zukunftsträchtiges Projekt, das nicht nur wegweisend für die Heilpflanzenkultivierung ist. Es ist auch bedeutsam für den Erhalt des natürlichen Umfelds und der über Jahrhunderte gewachsenen sozialen Strukturen in einer ländlichen Umgebung, wo noch weitgehend mit der Hand und mit Pferden gearbeitet wird – ohne großen Einsatz von Maschinen, ohne Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmitteln oder synthetischem Dünger. Unter dem Motto »Schutz durch Pflege und Nutzung« wird hier die Wildsammlung der im Apuseni weitverbreiteten Arnika vorangetrieben, mit den Zielen, hochwertigste Arnika als Rohstoff für Naturarzneimittel und Naturkosmetik zu nutzen, den Fortbestand der Arnikabestände nachhaltig zu sichern und damit auch neue Wertschöpfungsmöglichkeiten für die ansässigen Kleinbauern zu schaffen. Diese betreiben Subsistenzwirtschaft, sind also weitgehend Selbstversorger. Es geht hier nicht um billige Arbeitskräfte und Rohstoffe, sondern um nachhaltige Nutzung, faire Arbeitsbedingungen und Qualität.

Wir sprachen über dieses großartige Projekt mit Michael Straub aus Mutlangen, einem der weltweit führenden Experten für die Sammlung, den Anbau und die Verarbeitung von Heilpflanzen. Der 1959 geborene Diplom-Agraringenieur hat als Anbauberater für Rohstoffprojekte bei Demeter und Weleda international Erfahrungen gesammelt und Heilpflanzenprojekte auf der ganzen Welt eingerichtet und betreut. Er ist Leiter des Heilpflanzengartens bei der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd. Er ist verantwortlich für die pflanzlichen Ausgangsstoffe der dort produzierten Naturkosmetika und anthroposophischen Arzneimittel, darunter viele Arnikapräparate. Zusammen mit dem Agrarwissenschaftler der Universität Klausenburg Dr. Florin Pacurar und dem WWF hat Michael Straub im Apuseni-Gebirge ein Konzept zur nachhaltigen Arnikawildsammlung entwickelt, durch das die Population der Arnika trotz der Sammlung nicht gefährdet wird und auf einigen Wiesen sogar zugenommen hat.

Seit 2005 betreut Weleda ein Projekt zur nachhaltigen Nutzung von Arnica montana aus Wildsammlung in Rumänien. Wie kam es dazu? Im Jahr 2000 entdeckten Wissenschaftler der Universität Freiburg den enormen Artenreichtum des Apuseni-Gebirges in den Westkarpaten Rumäniens. Von 2004 bis 2007 unterstützte der WWF mit dem Programm der Darwin-Initiative »Konservierung osteuropäischer Heilpflanzen: Arnika in Rumänien« die Region. Im Frühling des Jahres 2005 fand Weleda das Projekt und fördert seitdem die Initiative finanziell und mit Wissenstransfer zum Anbau von Arnika am Wildstandort.

Aufgrund welcher geologischen und klimatischen Bedingungen gedeiht die Arnika in dieser Region so prächtig? Die geologischen Bedingungen mit den hohen Eisen- und Quarzgehalten, der Höhenlage von 700 bis 1800 Metern, den Bodenverhältnissen mit den niedrigen pH-Werten, dem Klima mit intensivster Sonneneinstrahlung im Sommer und extremer Kälte mit viel Schnee in den harten Wintern bieten ideale Bedingungen für die Ausprägung des arttypischen Charakters der Wildpflanze.

Warum sind Quarz und Eisen so wichtig für die Arnika? Die Arnika ist eine Pflanze mit einem hohen Bedarf an Kieselsäure und Eisen. Der Kieselsäureprozess ist ein elementarer Gestaltungsprozess, der für robuste Gewebestrukturen sowohl bei der Pflanze als auch beim Menschen verantwortlich ist. Stabile Strukturen braucht die Arnika, um unter den harten Bedingungen des Gebirges überleben zu können. Kiesel festigt, erhält aber gleichzeitig die Biegsamkeit, die vor mechanischen Einwirkungen – zum Beispiel durch Tritte von Tieren oder hohen Schneedruck – schützt. Granit, das Urgestein des Apuseni-Gebirges, enthält sehr viel Kiesel.

Eisen ist für alle Pflanzen ein lebensnotwendiges Spurenelement und hat einen entscheidenden Einfluss auf ihr Wachstum und die Photosynthese. Bei alkalischen Böden ist die Verfügbarkeit von Eisen deutlich geringer und es kann zu Eisenmangel kommen. Böden auf der Basis von Granit, wie in bestimmten Regionen im Apuseni, sind eher sauer und halten das Eisen für die Arnika verfügbar, sodass keine Mangelerscheinungen auftreten.

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