Kitabı oxu: «Der Junge mit dem Feueramulett: Die Höhle der Drachen»

Şrift:

Frank Pfeifer

Der Junge mit dem Feueramulett: Die Höhle der Drachen

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Karte

Titel

Was bisher geschah

Zurück in der Alten Stadt

Jenseits des Dunklen Waldes

Feuer und Wasser

Die Verschwörung

Drachenzeit

Die Schlacht

Epilog

Impressum neobooks

Karte


Titel

Frank Pfeifer


Was bisher geschah

Kard, ein sechzehnjähriger Waisenjunge, lebt in dem mittelalterlichen Reich Haragor, das von dem Tyrannen Flanakan zusammen mit der blutrünstigen Priesterin Tsarr regiert wird. Er hat eine besondere Beziehung zu dem Element Feuer, das ihn nicht verletzen kann und so schickt ihn sein Ziehvater und Halbriese Wallas, bei dem er eine Lehre als Schmied absolviert, auf eine abenteuerliche Reise. Zusammen mit seinem treuen Freund Madad, einem sprechenden Hund, begibt sich Kard zum heiligen Vulkan Branubrabat, um ein von ihm geschmiedetes Minas-Schwert zu weihen. Damit hätte der Widerstand um den Torak Wallas eine mächtige Waffe, um sich gegen die unerträgliche Unterdrückung zur Wehr setzen zu können. Kard und Madad müssen viele Abenteuer bestehen, lernen viele Freunde kennen und Kard verliert sein Herz an Kyra, einem Straßenmädchen aus der Alten Stadt. Doch das Vorhaben des Widerstands ist nicht unbemerkt geblieben. Flanakan schickt den unbarmherzigen Laoch aus, um Kard zu töten und die magische Waffe an sich zu bringen Kard gelingt das Unmögliche - mit bloßen Händen taucht er das Minas-Schwert in die glühende Lava des heiligen Vulkans. Das magische Schwert ist nun eine mächtige Waffe und die ganze Hoffnung des Widerstands. Und der steht nun auch zusammen mit Wallas an seiner Seite, denn Laoch greift mit einem Heer von Wachen und einem mächtigen, magischen Ogul an. Zwar gelingt es letztendlich durch eine List, Laoch zu töten und den Sieg davonzutragen, aber in der Schlacht wurde auch Wallas getötet. Kard, für den das Schwert nun Tod und Leid bedeutet, beschließt, die Waffe in der Lava des heiligen Vulkans zu vernichten. Er ist nun völlig auf sich allein gestellt und sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben.

Doch dann lernt er Benji kennen, der im gleichen Waisenhaus lebt, in dem Kard aufgewachsen ist. Dort stoßen sie in einem Buch auf ein Rätsel, das Kard Hoffnung macht herauszufinden, wer seine Eltern waren. Um das Rätsel zu lösen, müssen sie ins ferne Erzgebirge zu den Alchemisten, um den ominösen Tempel der Sieben zu finden. Kard beginnt dann dort nicht nur eine Ausbildung zum Alchemisten, sondern gewinnt letztendlich sogar den jährlichen Wettbewerb. Und tatsächlich gelangen sie so im Tal der Feuer-Alchemisten zu dem Tempel - um dort mit einem weiteren Rätsel konfrontiert zu werden.

Kard erfährt, dass der Tempel der Sieben zu einer Sekte gehört, die den Goibratu huldigt. Ein Wesen, das die Gegensätze von Branu und Goiba, den beiden Hauptgöttern in Haragor, vereinigen kann. Ist am Ende er selbst der Auserwählte?

Aber als er seinen alten Freund Gsark als Sklave in einer Schwefelmine entdeckt, startet er eine Befreiungsaktion. Dank seiner Feuer-Magie, den Künsten der Alchemisten und mit Hilfe seiner Freunde Benji, den Toraks Zaza und Glast und Madad gelingt das waghalsige Vorhaben. Nun müssen sie das Erzgebirge verlassen. Ihr Ziel ist die Alte Stadt, um das Rätsel des Goibratus zu lösen.

Zurück in der Alten Stadt

Schon als Kard und seine Freunde die ersten Ausläufer der Alten Stadt erreichten, hatte er das Gefühl, dass diese quirlige Metropole sich verändert hatte. Worauf dieses Gefühl gründete, konnte er vorerst nicht sagen. In den Ruinen der Randbezirke standen die Wesen wie gehabt vor brennenden Feuern, den Kopf unter dunklen Kapuzen versteckt. Man beachtete die Reisenden nicht. Ein paar Wesen, die einen der vielen Wege in diese Stadt genommen hatten, wahrscheinlich um ihr Glück zu suchen und ihr Unglück zu finden. Tätowierte Torakfrauen wurden hier genauso wenig beachtet wie sprechende Hunde. Obwohl. Einen sprechenden Hund konnte man verkaufen. Alles, was man zu Argits machen konnte, erhielt entsprechende Aufmerksamkeit. Aber sonst? Die zwei Halbwüchsigen und der Torak, die den Rest der Gruppe ausmachten, sahen nicht so aus, als ob fette Lederbeutel mit Goldmünzen unter ihren zerrissenen Jacken warteten. Und wie die schlotterten. Der Winter machte sich eindeutig bemerkbar. An diesem Morgen waren die Pfützen in den Schlaglöchern zum ersten Mal gefroren gewesen. Und jetzt am Abend waren sie immer noch nicht aufgetaut.

Nach der Befreiung der Sklaven aus den Schwefelminen hatte sich Glast den Freunden angeschlossen. Der Torak hatte Verwandte in der Stadt. Und er traute sich nicht zurück nach Conchar. Sein altes Brillengeschäft hatte die Oberste Verwaltung sicherlich jemand anderem übereignet, wahrscheinlich einem Menschen. Harry Stamper hatte die letzten drei Sprengstoffstangen genommen, um damit eines Tages fischen zu gehen. Aber jetzt im Winter wollte er lieber bei Frau und Kinder in der warmen Stube sitzen und von seinen Abenteuern erzählen. Er war zwar diesmal nicht bis in das wunderbare Conchar gekommen, aber wer hätte gedacht, dass man direkt vor der Haustür, im Erzgebirge, so viele Abenteuer erleben kann? Der Abschied von ihrem Wegbegleiter hatte sie alle traurig gestimmt. Immerhin hatten sie ihm die zündende Idee mit den Sprengstoffstangen zu verdanken. Ohne diese Erfindung wäre die Befreiung der Sklaven im Schwefeltal kaum möglich gewesen.

Benji hatte gezögert, den Weg weiterhin gemeinsam mit Kard und Madad fortzusetzen. Einerseits wollte er unbedingt dabei sein, wenn das letzte Rätsel gelöst wurde, andererseits fühlte er sich bei den Alchemisten zum ersten Mal in seinem Leben so richtig anerkannt. Nur Bücher hatten sie keine. Aber die konnte man ja schreiben. N’gar hatte nichts dagegen gehabt, als Benji danach gefragt hatte. Aber ins Erzgebirge würde er auch später noch zurückkehren können. Und so war er mit ihnen gezogen.

Und Zaza hatte genug vom Alchemistenleben. Kacke, hatte sie gesagt, die Welt ist groß und ich muss mal schauen, was es noch so zu entdecken gibt.

Gsark und Klaus hatten sich auf den Weg zurück in die Hauptstadt gemacht. Um dort mit anderen Menschen und Toraks den Widerstand gegen Flanakan zu organisieren. Flugblätter waren nicht mehr genug, so viel war klar.

Der Falke, dessen Flügel nun wieder verheilt war, war immer länger weggeblieben. Alle paar Tage tauchte er plötzlich wieder auf, setzte sich kurz auf Kards Schulter, so als ob er sich vergewissern wollte, dass alles in Ordnung war. Dann verschwand er mit einem hellen Schrei wieder in den Wolken.

Und wo Kard war, da war auch Madad. Der Cu folgte seinem Freund überall hin. Selbst in diese stinkende Alte Stadt. Was Kard nur äußerst schwach wahrnahm, war für die beste Spürnase Haragors eine ziemliche Herausforderung.

»Puh, Schneckenschleimmoder.«

»Kacke, Madad, bist du ein Cu oder eine Miezekatze?«

»Eine Miezekatze, Zaza. Wenn du meine Nase hättest, dann würdest du nicht so große Töne spucken.«

»Ist es sehr schlimm?« Glast war ganz besorgt. »Ich hätte auch gerne mal so eine feine Nase. Das muss doch interessant sein. Und du hast wirklich die beste Nase von ganz Haragor?«

»Jetzt gerade nicht, Glast. Aber du hast im Prinzip recht. Oh, ich glaube da vorne rieche ich eine Hütehundfrau. Bin gleich wieder da.«

»Und Glast? Willst du auch Hütehunde erschnuppern? Du wärst sicherlich der erste Torak, der zu so etwas fähig wäre.«

»Meinst du? Der erste Torak? Hier in der Alten Stadt? Oder in ganz Haragor?«

»In ganz Haragor, Kacke.«

»Das glaube ich nicht. Ich habe da Sachen gelesen, das wollt ihr gar nicht wissen.«

»Benji schon wieder. Gibt es irgendwas, was du nicht in Büchern gelesen hast?«

Benji schaute Kard beleidigt an. »Ohne mein Bücherwissen wären wir gar nicht hier, du Feuer… Feuer… Feuerwerfer.«

Kard hob abwehrend die Hände nach oben und lachte.

»Hast ja recht, Benji. Du bist der Codeknacker hier. Aber für heute Nacht brauchen wir erstmal ein Dach über den Kopf. Also, Glast, wo wohnt deine Verwandtschaft?«

»Nicht weit weg von der Großen Allee. Im Viertel der Glasbläser und Lampenbauer. Scherbenbruchgasse 7.«

»Na dann, worauf warten wir noch?«

*

Ungläubig starrte Tsarr auf die Mini-Obsidiankugel, die nach dem gerade geführten Gespräch noch etwas glimmte. War sie denn von Idioten umzingelt? Erst dieser unfähige Laoch. Und jetzt versagte sogar der Vampyr? Er habe diesen Jungen bis ins Erzgebirge verfolgt, hätte aber seine Spur verloren, nachdem er von einem Alchemistengeschoss verletzt worden war. Was interessierte sie die Verletzungen dieser Kreatur? Die Begegnung mit dem Felsenwurm habe der Junge unerwartet überlebt. Unerwartet? Dieses Wort gab es im Wortschatz von Tsarr nicht. Und jetzt sei er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Erzgebirge verschwunden. Selbst die Krähen hatten nichts mitbekommen.

»Auch die Krähen nicht?«, hatte sie gefragt.

»Sie haben mir nichts berichtet«, versicherte der Vampyr.

»Und die Fledermäuse?«

Da hatte der Vampyr erst geschwiegen. Und dann kleinlaut zugegeben, dass er sie nicht beauftragt hatte. So ein Idiot! Krähen waren gute Spione für die Überwachung bei Tageslicht. Aber nachts saßen sie natürlich in ihren Schlafbäumen und träumten von leckeren Kadavern.

Doch die Fledermäuse waren auch Geschöpfe Goibas und dienstbare Gesellen. Gerade ein Vampyr sollte das wissen. Bei Goiba, Tod und Kälte, musste sie denn alles selbst machen? Wofür hatte sie denn ihre Gefolgsleute?

Und dann noch dieses graue Haar. Das graue Haar war eigentlich das Schlimmste. Schlimmer noch als dieser Junge und schlimmer noch als alle unfähigen Idioten zusammen. Denn es zeigte Tsarr, dass ihr Bund mit Goiba gegen die Zeit und gegen das Altern brüchig wurde. Auch Magie hatte ihre Grenzen.

Allerdings…

Auch wenn sie eine mächtige Goiba-Priesterin war, musste sie doch zugeben, dass die Sphäre ihrer Göttin weniger das Leben, sondern eher der Tod war. Den Tod hinauszuzögern, das war ihr, der Priesterin, möglich. Aber das Leben verlängern…

Das Leben war die Sphäre des Schöpfergottes. Des verhassten Branus. Und wenn jemand ein Mittel gegen ihre grauen Haare hatte, dann er. Und wenn sie den Tod aufhalten wollte, dann würde sie sich wohl an die andere Seite wenden müssen. Das schmeckte der Obersten Priesterin von Goiba nicht. Aber ein falsches Spiel war genau nach ihrem Geschmack.

Sie packte das Haar an der Wurzel und riss es mit einem Ruck heraus. Sie betrachtete diesen Beweis ihrer Sterblichkeit und ging damit zum Tor des Tempels. Draußen leuchteten die Sterne. Versuchten sich krampfhaft gegen die ewige Schwärze zu behaupten. Wer regiert die Nacht, ihr Idioten? Ihr schaut in den Himmel und seht diese winzigen hellen Punkte. Aber was ihr nicht seht, ist die Schwärze, die alles umgibt. Goiba für immer. Nun ja, und wenn es ›Tsarr für immer‹ heißen soll, dann musste sie ein wenig tricksen. Sie lächelte müde. Überall Stümper und Unfähige. Alles musste sie selbst machen.

Ihre Lippen begannen Worte zu formulieren, Laute, die niemand verstehen konnte, der die schwarze Magie Goibas nicht kannte. Ab und zu ein heller, spitzer Schrei. Es dauerte eine Weile. Noch mehr Schwachsinnige, dachte die Große Priesterin. Doch dann kam eine. Eine kleine Fledermaus. Und lauschte dem Auftrag der großen Tsarr.

Das graue Haar hatte Tsarr achtlos fallen lassen. Sollten es doch die Ratten fressen.

*

Der Schatten war ganz zufrieden mit seinem Werk in der Alten Stadt. Hier, wohin alle kamen, um ihr Glück zu finden, war es leicht, jemanden zu benennen, der für das Unglück verantwortlich war. Denn sobald man mit leeren Taschen aus dem Spielcasino kam, musste ein Schuldiger gefunden werden. Eben noch hatte man das besten Kartenblatt aller Zeiten auf der Hand gehabt und doch hatte der Nebenmann unglaublicherweise doch noch das Kreuz-Ass. Sieben Mal hatte man hintereinander beim Würfeln gewonnen und beim achten Mal alles verloren. Der Kampffisch, der bis eben noch alle Konkurrenten in Fetzen gerissen hatte und auf den man alle seine Argits gesetzt hatte, hatte eine Kolik bekommen und schwamm kurze Zeit später mit dem Bauch nach oben in der Wasserarena. Ganz abgesehen davon, dass man gerade die beste Boker-Grimasse aller Zeiten gezogen und trotzdem von dem Leibwächter des dicken Mitspielers eines auf die Zwölf bekommen hatte.

Das Leben war ungerecht und Schuld waren die anderen. Die Menschen. Die Toraks. Die Wahter. Die Frauen. Die Männer. Die Schwarzen. Die Weißen. Der Schatten sorgte dafür, dass jeder jemanden hatte, auf den er mit dem Finger zeigen konnte.

Leider hatte sich diese Mechanik in der Alten Stadt etwas verselbständigt. Und manche zeigten mit dem Finger auf die Wachen. Auf die Schergen. Auf Flanakan und Tsarr. So war das nicht gedacht gewesen. Aber jetzt war die Katze aus dem Sack. Schöner Scheibenkleister.

*

»Gibt es keinen anderen Weg?«

Kard und seine Freunde hatten die Große Allee erreicht. Die hell beleuchtete Straße stand in einem ausgesprochenen Gegensatz zu den dunklen und verfallen Randbezirken der Stadt. Die Häuser hatte feste Mauern und hatten zum Teil drei Stockwerke, man kam sich vor, als ob man sich in einer bunten Gebirgsschlucht bewegen würde. Viele Geschäfte hatten Fenster aus teurem Glas, in denen Glühwürmchen die Auslage beleuchteten. Von Besteckmessern mit Horngriffen über Schalen aus buntem Porzellan bis hin zu Stiefeln, die mit Faolsfell gefüttert waren, gab es alles, was man mit Argits kaufen konnte. Kard staunte, diese Vielfalt konnte es ohne Mühe mit dem Angebot des Marktes in Conchar aufnehmen. Auf der gepflasterten Straße liefen so viele Wesen umher, dass Kard sich wunderte, dass sie nicht zusammenstießen. Und alle hatten sich in ihren feinsten Zwirn gehüllt, schauten nicht nach links und rechts und schienen ein unbekanntes Ziel anzusteuern.

Vor ihnen hatten sich mehrere dunkel gekleidete Toraks versammelt. In ihren Händen hielten sie Plakate, auf denen Parolen zu lesen waren wie ›Keine Vorrechte für Menschen‹ oder ›Wir Toraks sind das Volk‹. Wer kein Plakat in den Händen hielt, hatte seine Finger um ein Schlagholz gelegt. Nur wenige Cas weiter befand sich eine dunkle Menschentraube, die mehr oder weniger die gleichen Plakate in die Höhe reckte. ›Auf jeden Fall - Toraks in den Stall‹ und ›Menschen zuerst‹. Von seiner Position aus konnte Kard ab und zu das Blitzen von Metall in dieser dunklen Masse wahrnehmen. Gegen die Muskelberge, die ihnen gegenüberstanden, hatte man wohl nicht nur Knüppel mitgenommen.

Eine Patrouille Wachen kam aus einer der Seitengassen und marschierte zwischen die beiden Parteien auf die Straße.

Die werden jetzt hier für Ordnung sorgen, dachte Kard. In Conchar verursachte die Präsenz der Uniformierten automatisch die Auflösung von Wesensansammlungen von mehr als zwei Personen. Sehr gut, dann wäre der Weg frei und sie könnten ungehindert den Weg zu Glasts Familie fortsetzen.

Aber die Wachen marschierten einfach über die Große Allee, ohne sich um das Geschehen dort zu kümmern.

Verdutzt schaute Kard zu Benji und Zaza, die neben ihm standen, aber sie sahen genauso ratlos wie er aus.

»Wieso machen die nichts?«

»Weeer, die Waaaachen?« Die Stimme war dunkel und grollend und schien aus Benjis Kniekehlen zu kommen. Es war ein Wahter. Kard, der aus seiner Zeit bei den kleinen Waldwesen noch ein paar Brocken Wahtisch sprach, grüßte das pelzige Wesen in dessen Sprache. Der Wahter wurde ganz gesprächig, als er das Geschnatter und Gebrumme seines Volkes vernahm. Zum Glück konnte er auch Haragorisch.

»Sind froooh, nicht selbst waaas auf die Mütze zu bekoooommen!«

»Wer? Die Wachen?« Kard schaute den Kleinen ungläubig an. Die Wachen sind froh, wenn sie keinen Ärger bekommen? Dabei waren es doch die Wachen, die immer Ärger machten, weil sie ja wussten, dass sie das letzte Wort haben würden.

»Ja, die Waaaachen. Wenn die jetzt dazwischen gehen, dann verbüüünden sich am Ende noooch Toooraks und Menschen gegen sie.«

Die langgezogenen dunklen Vokale klangen wie das Blöken eines Schafsbocks und Kard sah Madad an, dass sich der Cu ganz wörtlich auf die Zunge biss, um nicht gleich loszulachen.

»Du meinst…?« Kard schaute auf die beiden Gruppierungen, in die eine gewisse Unruhe gekommen war, nachdem die Wachen die Straße überquert hatten. »Aber die würden sich doch nie gegen die Wachen zusammenschließen. Schau doch mal hin. Die werden sich gleich gegenseitig aufmischen.«

»Daaas täuscht. In letzter Zeit haaaben die Waaaachen ganz schön einstecken müssen.«

In diesem Moment tauchte ein einzelner Uniformierter auf, der seinem Trupp hinterherstolperte. Der Mensch zog dabei an seiner Hose, offensichtlich hatte er eben schnell ein kleines Geschäft erledigen müssen und rannte seinen Leuten nun hinterher. Mitten auf der Allee wurde ihm plötzlich bewusst, wo er war. Er hob den Kopf, sah nach links und rechts und fing dann an zu rennen, als sei ein Ogul hinter ihm her. Dabei musste er mit einer Hand seine Hose festhalten, damit sie ihm nicht in die Knie rutschte. Mit der anderen Hand hielt er seinen Helm fest, der ihm bei seinem Spurt wohl sonst vom Kopf geflogen wäre. Dieser Anblick belustigte Menschen und Toraks, beide fingen an zu lachen. Und damit löste sich auch die Spannung, die bisher in der Luft gelegen hatte. Mit dem Anblick des fliehenden Uniformierten verflog die Lust der Meute, sich gegenseitig die Leviten zu lesen. Erleichtert sah Kard, dass sich die Gruppierungen auflösten und Menschen und Toraks mit dem wabernden Fluss der Leiber, der über die Große Allee zog, verschmolzen.

»Kacke, das hätte ins Auge gehen können.«

»Ich geh jetzt mal als Erster auf die andere Straßenseite.«

Glast schaute vorsichtig nach links und rechts, ob die Luft auch wirklich rein war, dann stiefelt er voran.

Kard und die anderen folgten dem Torak, der sich geschickt durch den Wesensstrom geschlängelt hatte und sich nun auf der anderen Seite suchend umschaute.

»Ah, da drüben. Das ist der Glaspfeifengeschäft. Keine Ahnung, wer so etwas braucht, aber ich finde, der Glasbläser ist ein echter Künstler. Schaut doch mal. Wie findet ihr die?« Glast zeigte auf die Schaufensterauslage, in der bunte, bauchige Glasflaschen standen, die Kard an die Utensilien der Alchemisten erinnerten.

»Schöne Farben. Gefällt mir.« Zaza nickte Glast anerkennend zu.

»Hier müssen wir rein. Ein paar Ecken weiter ist die Scherbenbruchgasse.«

»Glasti, bist du das?«

»Tante Berta. Ja, ich bin es.«

»Gsappa, rate mal, wer das ist. Glasti, unser Neffe aus Conchar. So eine schöne Überraschung. Warum hast du denn keinen Telegrammfalken geschickt?«

Tante Berta war eine imposante Erscheinung. Normale Toraks erscheinen einem Menschen ja schon ziemlich groß. Aber Tante Berta war nicht nur groß, sie war auch ganz schön breit. Ihre geblümte Schürze erinnerte Kard an einen Duschvorhang, den man als Kleidungsstück umgearbeitet hatte. Von drinnen hörte man schrille Gitarren-Akkorde.

»Jetzt leg doch mal das Ding weg, Gsappa. Glasti ist da.« Vertrauensvoll wandte sie sich an ihren Neffen und kniff ihm in die Backe. »Dein Onkel hat bald einen Auftritt mit dem Barden Weiße Schlange. So ein Konzert gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Ich sage ja immer, misch dich nicht ein, aber dein Onkel kann es ja nicht sein lassen.«

Inzwischen hörte man es im Hintergrund poltern, dann schob ein nicht weniger stattlicher Torak Tante Berta zur Seite. Lange Haare, imposanter Schnauzer und eine Latzhose wie ein Alchemist.

»Glasti, so eine schöne Überraschung. Wieso hast du denn keinen Telegrammfalken geschickt?«

»Ja, Onkel Gsappa, das ist eine etwas längere Geschichte. Erst mal will ich euch meine Freunde vorstellen.«

Kard, Benji und Zaza wurden nach vorne geschoben und mussten die gewaltigen Pranken der Gsappas, denn der Familienname war ebenfalls Gsappa, schütteln.

»Und ich bin, glaube ich, der erste Torak, der so ein Wesen kennt. Das ist ein Cu.«

»Wau.« Madad verdrehte die Augen.

»Oh, echt? Ein Cu? Und der kann sprechen?«

»Wau, wau.«

»Komm Madad, sag mal was.«

Madad liebte es zwar, im Mittelpunkt zu stehen. Aber von Glast hier als exotische Sensation präsentiert zu werden, schmeckte ihm dann doch nicht.

»Wau, wau, wau.«

»Jetzt komm, Madad. Tu doch nicht so.«

»Und der kleine Glasti macht uns dann einen Handstand vor?«

»Schaut. Habe ich es euch nicht gesagt. Der kann sprechen.«

»Und wo bleibt dein Handstand?«

»Jetzt kommt halt erstmal rein. Toll, Glasti, ein Cu. Du bist mir ja einer.«

Tante Berta gab den Weg frei und die Freunde folgten ihr ins Innere des Hauses. Wie immer im Haus eines Toraks kam sich Kard wie ein dreijähriges Kind vor. Diese riesigen Stühle und alles hing so weit oben. »Schoff oder Tee?«

»Für mich bitte Schoff in einer Schale.«

»Der Cu trinkt sogar Schoff. Wenn ich das meinen Jungs in der geheimen Widerstandsgruppe erzähle! Das glaubt mir doch keiner. Ich gehe noch ein bisschen üben. Macht es euch gemütlich.«

Gsappa griff sich seine riesige Gitarre und kurz darauf hörte man, wie er im Nebenzimmer dem Instrument die seltsamsten Geräusche entlockte.

»Geheime Widerstandsgruppe?«

Habe ich das gerade richtig gehört?

Kard sah Tante Berta fragend an. Wieso posaunte Onkel Gsappa das so lautstark hinaus?

»Ach, Kard war dein Name, oder? Ist doch so schlimm geworden in letzter Zeit. Erst die Wachen, dann die Menschen. Jetzt ist jeder in einer geheimen Widerstandsgruppe. Morgen ist wieder ein Treffen bei diesem Tsarkoik. Der nimmt die Sache viel zu ernst, wenn ihr meine Meinung wissen wollt. Kann man ja doch nichts machen, gegen diesen Flanakan. Was die sich alle einbilden.«

Kard und Madad schauten sich an. Das ist interessant. Da würden sie ihrem alten Freund Tsarkoik mal einen Besuch abstatten.

»Kacke, mit Flanakan wird unser Kard auch noch fertig, oder?«

Tante Berta schaute Zaza missbilligend an.

»Mal nicht so große Töne gespuckt, junges Mädchen. Wenn unser Herrscher will, dann ist der Spaß mit dem Widerstand aber schnell zu Ende.«

»Nein, nein, liebe Frau. Sie hätten unseren Kard mal sehen sollen. Der hat eine ganze Spezialeinheit aufgemischt.«

»Wir. Zaza. Wir haben das gemacht. Alle zusammen.«

»Moment mal. Bist du der…« Tante Berta schaute Kard ungläubig an.

»Heute Morgen auf dem Markt hat mir einer erzählt, er wäre aus den Schwefelminen geflohen. Und dass ein großer Magier sie befreit habe. Das bist aber nicht du, oder?«

Kard lächelte verkrampft und versuchte wie eine Schildkröte seinen Kopf zwischen den Schultern zu verstecken.

Nein, ich bin kein großer Magier.

»Doch, Tante Berta. Das ist der Kard gewesen. Ein ganz, ganz großer Magier. Ich war dabei.«

»Du?«

»Ja, Tante Berta. Ich war…« Glast musste kurz überlegen, was er sagen wollte. »Ich bin der erste Torak, der die Schwefelminen überlebt hat.«

»Der erste… Gsappa, kommst du nochmal?«

Das unmelodiöse Geschrammel im Nebenzimmer verstummte.

»Was denn, Berta?«

»Glast. Dein Neffe. Er war in den Schwefelminen.«

»Wirklich?«

Glast nickte heftig.

»Wahnsinn. Und du lebst noch?«

»Ja, Gsappa, das siehst du doch. Ist es denn nicht viel interessanter, wie unser Neffe dort hingekommen ist.«

Onkel Gsappa zuckte uninteressiert mit den Schultern. »Ach, Berta, heutzutage landet man in den Schwefelminen, wenn man falsch gefurzt hat. Oder, Glast? Was sagst du?«

»Genau, Onkel Gsappa. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wieso ich in den Schwefelminen gelandet bin.«

»Bist immerhin der erste unserer Familie, der da war.«

»Oh, das finde ich gut.«

»Aber was macht dann mein Bruder?«

Plötzlich war es totenstill im Raum und alle schauten Glast an. Der große Torak hatte plötzlich Tränen in den Augen.

»Papa ist tot, Onkel Gsappa.«

»Wie…?«

»Galgen. Die Schergen kamen ganz früh morgens.«

»Warum…?«

Glast hatte keine Antwort. Gsappa hatte sich inzwischen einen Stuhl herangezogen. Auch er hatte jetzt Tränen in den Augen. Er sagte nichts, nickte nur langsam vor sich hin, als ob ihn diese Kopfbewegung Trost spenden würde.

Auf die Frage des Warums brauchte man in Haragor keine Antwort. Die Entscheidungen der Wachen und Schergen waren willkürlich. Es konnte einen Grund geben, wieso sie jemanden abführten, musste es aber nicht.

»Mich haben sie dann in die Minen geschickt.«

Auch Tante Berta hatte sich inzwischen auf einen Stuhl gesetzt und hörte ihrem Neffen fassungslos zu.

»Wenn Kard nicht gewesen wäre…«

Gsappa und Berta sahen den kleinen Menschen ungläubig an. In ihren Blicken konnte man sehen, dass sie ihm nicht zutrauten, jemanden aus den Schwefelminen zu befreien.

»Zeig das doch mal mit dem Feuer, Kard.«

»Nein, lass mal, Glast.«

»Nein, echt. Kard ist der erste Feuer-Magier, den ich kenne. Ich glaube, er ist ein ziemlich guter.«

»Feuer-Magier?« Gsappa legte den Kopf schief und schaute Kard von der Seite an.

»Jetzt zeig schon, Kard.«

»Kacke, Kard. Das ist doch oberhammergeil, was du kannst. Zeig es doch ruhig mal.«

Kard schüttelte den Kopf und seufzte. Dann ließ er eine kleine Feuerkugel über der Hand entstehen. Gsappa und Berta rissen die Augen auf.

»Bei Branu. Ich kenne einen Govan, der macht echt gute Salben. Und ab und zu geben sie eine Vorstellung im Großen Casino mit einem Feuerspucker. Ein Govan, der behauptet, ein Feuer-Magier zu sein. Aber so etwas sehe ich zum ersten Mal.«

»Sage ich doch, dass ich der erste in der Familie bin, der einen Feuer-Magier kennt.«

»Der brennt diesem Flanakan noch den Hintern weg, das sage ich euch.«

»Ist ja gut, Zaza. Erstmal haben wir ja hier ein paar andere Probleme, ja?«

»Oh, was denn?«

Aber bevor Kard erzählen konnte, dass sie eine alte Karte der Stadt suchten, unterbrach Tante Berta ihn, und bat sie alle an den Esstisch. Immerhin war es schon spät und die Reisenden hatten sicherlich großen Hunger. Den Gsappas war zwar angesichts der schlechten Nachrichten der Appetit vergangen, aber Kard und die anderen waren dankbar, dass ihnen eine warme Mahlzeit aufgetischt wurde. Als das Gespräch dann doch auf die gesuchte Karte kam, wusste Gsappa erst auch keinen Rat.

»Karten aus der Zeit vor Flanakan? Findet man nicht mehr. Hat vielleicht noch jemand Unvorsichtiges im Keller. Aber wenn das einem Schergen in die Hände fällt, landet man ja gleich im Kerker.«

»Vielleicht im Archiv der Obersten Verwaltung?«, fragte Berta zu ihrem Mann gewandt.

»Das könnte sein. Aber wie soll er da herankommen? Da könnte man ja gleich auf dem Mond suchen.«

»Also bei den Alchemisten gab es einen, der einen Brocken bis auf den Mond schießen wollte.«

»Und hatte der auch so eine ausschweifende Fantasie wie du?« Tante Berta lächelte Zaza zwar an, während sie unverhohlen die Tätowierungen der Torak betrachtete, aber Kard hatte das Gefühl, dass sie ihr nicht nur Komplimente machen wollte.

Zaza deutete auf ein Seeungeheuer, das sich ihren Arm entlangschlängelte. »Gibt es wirklich. Warum soll man dann nicht zum Mond kommen? Alles ist möglich, wenn man will.«

»Zum Mond werden wir nicht müssen. Ich glaube kaum, dass wir dort einen alten Stadtplan finden. Ins Archiv hereinzukommen ist mir schon als Aufgabe schwierig genug. Aber wie du sagst, Zaza. Nichts ist unmöglich.«

»Yo, Kard, so kenne ich dich. Wie fangen wir es an?«

Tante Berta und Onkel Gsappa schauten sich entsetzt an. Was für Gäste hatte ihnen ihr geliebter Neffe nur da ins Haus gebracht?

»Ich wäre wahrscheinlich der erste Torak, der ins Archiv der Stadt einbricht, oder?«

»Ja, und der erste Torak, der deswegen am Galgen landet. Also bitte, Kinder, was habt ihr nur für abwegige Ideen.«

»Mit Kard ist gar nichts abwegig, Tante Berta. Er ist der Feuer-Magier.«

Kard überhörte Glasts letzten Satz und wollte wissen, wo man das Archiv findet.

»Gleich neben dem Großen Tempel von Goiba.«

»Also am Zentralen Platz?«

»Genau. Der Eingang ist aber in einer Seitengasse. Ich sehe, der Junge kennt sich hier aus. Hat aber jetzt geschlossen.«

»Und haben die morgen auf?«

»Vormittags. Jedenfalls das Amt für Genehmigungen aller Art. Ist ja alles im Gebäude der Obersten Verwaltung. Aber um ins Archiv zu kommen, benötigst du sicherlich irgendein offizielles Schreiben. Es kann ja nicht einfach jeder so ins Archiv laufen.«

»Aber Kard ist ja auch nicht jeder, Onkel Gsappa.«

»Für die Oberste Verwaltung schon, Glast. Er sei denn, er ist Anwalt.«

»Ein Anwalt?« Kard hatte davon gehört, konnte damit aber nichts anfangen. Was machte ein Anwalt?

»Der kennt sich mit diesem ganzen Kram von der Obersten Verwaltung aus. Also wenn ein Glasbläser zum Beispiel Instrumentenbauer werden will, dann braucht er eine Genehmigung der Obersten Verwaltung, um in seinem Haus Instrumente bauen zu dürfen. Dann sagt ihm vielleicht der Verwaltungsbeamte, dass so etwas nicht erlaubt ist. Also geht man zu einem Anwalt und der weiß, dass in Conchar der Herr Gsabbel das schon einmal gemacht hat. Und mit dieser Information geht man erneut zur Verwaltung und dann kann der Beamte nicht mehr einfach so sagen, dass das nicht erlaubt ist, weil es in Conchar schon einmal gemacht wurde.«

»Kacke, klingt das kompliziert. Ich würde es halt einfach machen. Was soll daran verkehrt sein, wenn man Instrumente baut?«

»Wir brauchen keinen Anwalt! Wir wollen nur ins Archiv. Wir gehen da morgen einfach mal hin und schauen uns um. Abgemacht?«

»Aber jetzt gehen wir erstmal los und suchen Kyra, oder Kard?«

Kard stimmte Madad zu. Und bekam dabei ein flaues Gefühl in der Magengegend. Was ist los mit mir? Es ist nur ein Mädchen. Eine alte Freundin.

Madad grinste ihn an.

»Was?«

»Kard ist verliebt. Kard ist verliebt.«

»Halt die Schnauze, du dummer Cu. Bin ich nicht. Ich weiß nicht, wieso du auf diese Idee kommst.«

»Ach, Kacke. Die Liebe. Damit kannst du mich auch jagen. Die Welt ist schon kompliziert genug, da kann man so etwas nicht auch noch gebrauchen, oder?«

»Aber die kleine Zaza fand den großen Gsark doch ganz nett, oder?«

»Madad! Was bildest du dir eigentlich ein? Und was bitte geht dich das an?«

»Nichts. Geht mich nichts an. Habe halt nur so eine feine Nase. Die beste Spürnase von Haragor. Falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Und ihr Menschen duftet einfach anders, wenn ihr verliebt seid.«

»Ja, Madad hat recht. Das habe ich auch gelesen. Streng genommen geht es dabei aber nicht um die Liebe. Sondern um sexuelle Botenstoffe.«

Kard und Zaza schauten sich entsetzt an.

»Kacke, er hat das S-Wort benutzt.«

»Ja, Zaza. Du bist auch kein kleines Mädchen mehr, oder? Man kann das alles sehr wissenschaftlich betrachten. Auch Bienen und Blumen verströmen solche Lockstoffe.«

»Lockstoffe? Bienen? Blumen? Sag mal, Benji, kann es sein, dass du zu viele Bücher gelesen hast?«

»Um was geht es hier? Ich will auch mitreden.«

»Es geht um die Liebe, Glast. Zwischen Männchen und Weibchen.«

»Wieso nur zwischen Männchen und Weibchen? Gibt es doch auch zwischen Männchen und Männchen und Weibchen und Weibchen.«

»Da hat Glast natürlich recht. Bist du dann vielleicht das erste Torak-Männchen, das sich in ein anderes Torak-Männchen verliebt hat?«

»Ach, Madad, was du schon wieder denkst.«

Aber Glast war puterrot angelaufen und hatte auf dem Absatz kehrt gemacht, um seiner Tante in der Küche zu helfen.

*

Tsarr hasste es zu reisen. Aber alle paar Jahre stieg sie in ihre schwarze Kutsche und durchpflügte ganz Haragor, um ihre Großnichten und sonstigen Verwandten, die über das Land verteilt in den Tempeln Goibas ihren Dienst verrichteten, daran zu erinnern, wer die Chefin war. Ab und zu schaffte sie es sogar bis Amazonien oder gar Ichtien, damit man auch dort nicht vergaß, wer die Zügel in der Hand hielt. Die Alte Stadt vermied sie wenn möglich und überließ es lieber Flanakan selbst, diesem chaotischen Haufen ab und zu zu zeigen, dass jeder Spaß seine Grenzen hatte.

Flanakan hatte allerdings keinerlei Verwunderung gezeigt, als sie von ihrem Vorhaben, in die Alte Stadt zu reisen, um den Umtrieben dort vor Ort selbst Einhalt zu gebieten, berichtet hatte. Obwohl er von ihrer Abneigung gegen das Reisen im Allgemeinen und gegen Reisen in die Alte Stadt im Besonderen wusste und obwohl ihre letzte Reichsinspektion erst im Jahr davor stattgefunden hatte. Jetzt kannten sie sich schon so lange, über einhundert Jahre, und trotzdem wurde sie aus diesem Bastard noch immer nicht schlau. Ihre Allianz war eine Zweckgemeinschaft und nicht auf Liebe gegründet. Liebe, bei Goiba. Wenn sie dieses Wort schon hörte, stellten sich ihr die Nackenhaare auf. Die Liebe war der Anfang allen Übels. Man bekam wirre Gedanken, fühlte sich in dem einen Augenblick im siebten Himmel und im nächsten todunglücklich. Kurz gesagt, man verlor die Kontrolle. Und das war das letzte, was Tsarr wollte.

Mit Verbitterung kam ihr das graue Haar wieder in den Sinn. Wer bitte schön wagte es, ihr hier die Kontrolle zu entziehen? Der Tod mochte seine Berechtigung haben. Für alle Wesen Haragors. Aber nicht für sie. Tsarr, Oberste Priesterin von Goiba, Göttin des Todes.

Zum Glück hatte sie noch eine Jungfrau gefunden, die sie Goiba opfern konnte. Und die ihr dabei das Elixier der Jugend schenkte. Diese störrischen Eltern. Heutzutage wurde es immer schwerer, Eltern zu finden, die ihren Sprössling voll Freude der Göttin darboten. Was heißt schwer? Schwer ist gar kein Ausdruck. Unmöglich. Wenn man nicht mit ein paar Argits nachhalf. Was war nur aus dieser Welt geworden?

Sie hatte einen Telegrammfalken vorausgeschickt. Die Oberste Verwaltung sollte bis zur ihrer Ankunft gefälligst einige Jungfrauen eingekerkert haben. Sie würde das frische Blut brauchen. Goiba würde es brauchen. Goiba bekam nie genug, sie war eine unersättliche Göttin.

Und diesen unfähigen Vampyr würde sie natürlich auch ganz schön zusammenstauchen! Nicht an Fledermäuse zu denken. Nun ja, er würde ihr noch nützlich sein können da oben. Einer musste ja die Drecksarbeit machen. Sie würde sich dort schön im Goiba-Tempel einrichten und die Opfer annehmen, die ihr das Volk, zu Ehren Goibas natürlich, darbieten würde. Wie hieß die Oberste Goiba-Priesterin der Alten Stadt nochmal? Matharadan? Keine Verwandte. Deswegen konnte sich Tsarr auch nicht gleich an sie erinnern. So eine Verrückte, die als Kind lange im Dunklen Wald gelebt hatte, vollkommen alleine. Am Branubrabat hatten sie Jäger damals in einer Höhle gefunden. Umringt von Ratten, die das Kind aus unerfindlichen Gründen nicht aufgefressen hatten. Also war sie eindeutig eine von Goiba Gesegnete. Tsarr erinnerte sich an ein Treffen mit der Matharadan vor einigen Jahren. Ihren Versuch, in ihre Gedanken einzudringen, hatte sie mühelos abgewehrt. Und als Gova des Waldes verstand sie sogar etwas von der Magie des Lebens. Dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Diese Frau könnte eine mächtige Verbündete bei ihren Plänen werden. Danach konnte man sie ja in die Wüste schicken. Tsarr musste innerlich lächeln. Jemanden in die Große Wüste zu verbannen, war eine schöne Idee. Für die Priesterinnen von Tod und Kälte waren diese trockenen und heißen Weiten eine grausame Marter. Mal sehen. Erst einmal musste sie in die Alte Stadt. Und diesen verdammten Jungen finden.

*

»So, auf geht’s. Wir schauen mal zum Viadukt, was meinst du, Kard?«

»Kennst du den Weg noch?«

»Klar doch. Bin ich hier der beste Fährtenleser oder was?«

»Wohin wollt ihr?« Zaza war neugierig geworden.

»Eine alte Freundin besuchen. Sie lebt auf der Straße.«

»Oh, bei Branu, die Arme. Bei dieser Kälte.« Glast war wirklich besorgt.

»Kann ich mitkommen? Die Alte Stadt nachts, das ist bestimmt aufregend.«

»Klar, Zaza kann mitkommen, oder Kard? Aber heute wird nicht mehr gezockt.«

»Gezockt?« Zaza war etwas überfordert.

»Ja, Zaza. Zocken. Wir sind hier in der Alten Stadt. Da dreht sich alles ums Glücksspiel. Großes Casino und so.«

»Hier, ich habe euch ein paar dicke Jacken besorgt. Für Kard und Benji ein paar Kindersachen. Die sollten für euch die richtige Größe haben. Ist das nicht süß?«

Tante Berta ist wirklich ein Schatz. Warme Kleidung war angesichts der Temperaturen dort draußen eine gute Idee. Lieber in Torakkinderklamotten herumlaufen, als mit dunkelblau gefrorenen Gliedmaßen im Graben zu liegen.

»Erstmal zum Zentralen Platz, Leute. Von dort finde ich den Weg.«

»Kann ich euch zeigen, ist gar nicht weit von hier.«

Auch für Glast hatte Tante Berta eine dicke Winterjacke hervorgezaubert und Zaza ging ebenfalls nicht leer aus.

»Sieht man zwar meine Tattoos nicht mehr, aber besser als erfrieren, Kacke.«

Der Zentrale Platz lag leer und verlassen da. Auf den Altären der göttlichen Geschwister lagen noch die Opfergaben des Tages. Es gab tiefgefrorenes Gemüse und steife Katze. Vor ihren Mündern bildeten sich Atemwolken, die im Licht der Glühwürmchen gut sichtbar waren. Es war kalt und feucht und das Echo ihrer Schritte wurde von den Häusern und Tempeln, die den Platz umgaben, zurückgeworfen. Kard fühlte sich von den Altären umzingelt, die ihm wie Grabsteine vorkamen, die jeden Moment über ihm zusammen brechen konnten. Er war froh, dass Madad sofort wusste, welche Richtung sie einschlagen mussten.

»Hier lang, Leute.«

Sie folgten dem Cu, der zielsicher zwischen den eng stehenden Häusern entlanglief. Als ihnen eine Patrouille entgegenkamen, sprangen sie schnell in den Schatten einer engen Gasse. Man ging der Willkür der Wachen besser aus dem Weg. Ein Torak und ein Mensch waren offensichtlich nicht so schlau gewesen. Zusammengekettet stolperten sie den Uniformierten hinterher, angetrieben von der Peitsche eines Schwarzgekleideten, der das Leder immer wieder auf das Pflaster der Gasse klatschte. Das Geräusch alleine ließ einen sofort ein wenig schneller gehen.

Schließlich kamen sie zu dem Viadukt, in dem sie damals Kyra und ihre Geschwister kennengelernt hatten. Aber es war niemand zu sehen. Kein Feuer brannte, keine hellen Kinderstimmen waren zu hören. Nur ein dunkles Bündel, das an die Wand des Tunnels gelehnt lag, war zu erkennen. Kard bückte sich, ging ein paar Schritte hinein und rüttelte daran. Aber es waren nur einige Decken. Kard wollte gerade zurückgehen, als sich ein Schatten von der Wand löste und ihm ein Messer an die Kehle setzte.

»Raus hier, das ist mein Revier.«

Kard erstarrte. Das Messer schnitt in seine Haut, noch ein wenig mehr Druck und es würde anfangen zu bluten.

»Kyra?«

Der Druck des Messers ließ etwas nach.

»Wer bist du?«

»Ich bin es. Kard.«

Der Schatten musste wohl erst etwas nachdenken, denn die scharfe Schneide drückte im unverändert den Kehlkopf zur Seite. Kard ließ eine kleine Feuerkugel entstehen, die das Viadukt dann in ein gelbliches, flackerndes Licht tauchte. Der Schatten sprang darauf hin zurück ins Dunkle.

»Kard? Der Junge mit dem Schwert?«

Es war Kyra. Kard erkannte jetzt ihre Stimme.

»Genau, dieser komische Junge mit dem komischen Schwert.«

Plötzlich hatte Kard zwei Arme um den Hals und er spürte, wie sich ein Körper gegen den seinen drängte. Aber es war kein Angriff, wie Kard im ersten Moment vermutet hatte. Und wenn doch, war es ein sehr schöner Angriff. Kard wurde umarmt.

»Hey, ich habe doch gesagt, dass ich wieder vorbeigucke, wenn ich in der Gegend bin.«

Kard hörte Kyra schluchzen. Was war aus dem frechen und stolzen Mädchen geworden, an das er sich erinnerte? Da stimmt etwas nicht. Einen kurzen Augenblick klammerte sich Kyra noch an ihn, dann lösten sich ihre Arme.

»Tschuldigung.«

»Kein Ding.«

Kard war etwas verlegen. Was soll ich denn jetzt sagen? Die Umarmung hatte irgendetwas in ihm ausgelöst, er wusste nur nicht genau was. Im flackernden Licht der Feuerkugel konnte er erkennen, dass Kyra dreckig und abgemagert war. Und trotzdem ist sie ziemlich hübsch. War ihm das eigentlich schon früher aufgefallen?

»Was ist los, Kyra?«

»Sie haben Kendra, Kian und Shay.«

»Sie? Die Wachen?«

Kyra nickte, schaute dabei zu Boden. Biss sich auf die Lippen. Versuchte, neue Tränen zu unterdrücken.

»Yo, ist das unsere Kyra? Ja, ist das denn unsere Kyra?« Madad hatte sich herangeschlichen und stand nun schwanzwedelnd vor dem Mädchen.

»Ach, da ist ja auch der Puschel. Und er kann immer noch sprechen.« Kyra beugte sich hinunter und umarmte Madad. Der wurde zu einer professionellen Teppichklopfmaschine, so schnell ging sein Schwanz hin und her.

»Hey, Leute. Sie ist da. Das ist Kyra.«

»Hallo Kyra. Hallo Kyra.« Dumpf hallten die Stimmen von Zaza und Glast in den feuchten Unterstand. Die wuchtigen Toraks waren lieber draußen geblieben.

»Leute, dann können wir ja zurück. Ich bin schon ganz durchgefroren. Und ich will nicht der erste Torak sein, der in diesem Winter erfriert.«

Kyra schaute Kard fragend an.

»Komm mit, Kyra. Das da hinten ist mein Freund Glast. Wir wohnen bei seiner Tante und seinem Onkel. Supernette Toraks.«

Kyra schüttelte den Kopf.

»Dann gibt es erstmal eine warme Suppe. Und dann erzählst du uns alles, einverstanden?«

Sie sieht aus wie ein verängstigtes Tier, das man aus seinem Bau lockt. Und auch wenn der Bau kalt und feucht ist, ist es besser, als draußen gefressen zu werden.

»Hey Kyra, wir sind bei dir. Madad und ich. Und zwei echt starke Toraks.«

Schließlich schien Kyra sich ein Herz gefasst zu haben. Sie nickte und folgte Kard hinaus auf die Straße.

Kaum hatten sie das schützende Dunkel des Viadukts verlassen, wurde Kyra wieder zu dem wachsamen Straßenkind, das Kard kannte.

»Wohin müssen wir?«

»Scherbenbruchgasse.«

»Alles klar. Mir nach.«

Und schon hatte Kyra die Führung übernommen. Statt die normalen Wege zu gehen, bewegten sie sich nun durch enge Seitengassen und offene Abwasserkanäle. Der Vorteil war, dass man keinen Wachen begegnete. Der Nachteil war, dass man als Torak irgendwo steckenblieb.

»Kann mal einer von hinten drücken?«

Kard drehte sich um. An einer Stelle, an der sich die Ecken zweier Häuser beinahe berührten, klemmte Glast zwischen den Steinen und blickte ihn hilflos an.

»Oh, daran habe ich nicht gedacht. Ist ein bisschen eng hier für Toraks.« Kyra verzog entschuldigend die Mundwinkel.

»Haben wir gleich.«

Kard konnte hören, wie etwas Schweres sich erst von ihnen entfernte und dann wieder schnell auf sie zukam. Es gab das dumpfe Geräusch eines Aufpralls und dann wurde Glast von den Hauswänden wieder ausgespuckt. In dem Spalt sah man nun Zaza mit triumphierenden Lächeln.

»Kacke, ich ziehe dann wohl mal lieber den Bauch ein.« Zaza drehte sich zur Seite und schob sich unter ziemlichen Schnaufen durch die Engstelle.

»Tschuldigung, Leute. Normalerweise bin ich immer die Größte. Kommt nicht wieder vor, versprochen.«

»Das sind bestimmt Wege, die in keinen Stadtplan verzeichnet sind.«

»Das ist übrigens Benji.«

»Hallo Benji, ich bin Kyra.«

»Ist sehr kalt, frierst du nicht? Wahrscheinlich wird es einer der kältesten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen unter Flanakan.«

Benji ist aber gerade sehr besorgt.

»Wem sagt ihr das?« Kyra hatte die Arme um sich geschlungen, um sich etwas zu wärmen.

Kard sah auf das dünn bekleidete Mädchen. Sie hatte zwar Hemd und Hose, aber die Jacke, die sie anhatte, sah ziemlich dünn aus.

»Alle da? Dann geht es weiter.« Kyra lief voran und die Wege wurden jetzt etwas breiter, so dass auch ein Torak durchkam, wenigstens wenn er ab und zu den Bauch einzog. Kard hatte zwar bald die Orientierung verloren, aber er vertraute Kyra, dass sie sie sicher zurück zu den Gsappas führen würde.

»Bei Branu. Noch so ein abgemagertes Ding. Hinsetzen. Ich hole die Suppe.«

Tante Berta war wirklich wunderbar. Die Menschen kletterten auf die Stühle und schon bald hatte Kyra einen dampfenden Teller vor sich stehen. Sie begann mit einer Schnelligkeit die Flüssigkeit in sich hineinzulöffeln, als wollte sie einen Wettbewerb gewinnen.

»Langsam, Kindchen, du verbrennst dich noch. Ist genug da. Keine Hektik. Wirst hier schon nicht verhungern.« Tante Berta schaute das abgemagerte Kind an ihrem Tisch mit großen Augen an.

›Nicht verhungern‹ schien ein gutes Stichwort zu sein. Kyra hob den Kopf und sah Tante Berta mit fragenden Augen an. Es dauerte eine Weile, bis ihr klar zu werden schien, dass sie hier niemand fortjagen würde. Die Löffelbewegungen wurden langsamer.

Nach dem zweiten Teller war Kyra so weit, dass sie erzählen konnte, was passiert war. Ihr Wangen leuchteten zwar und man sah ihr an, wie gut ihr die warme Mahlzeit getan hatte, aber in ihren Augen spiegelte sich Angst und Hoffnungslosigkeit. Erst vor wenigen Tagen waren sie und ihre Geschwister beim ›Einklauen‹ erwischt worden. Sie hatten sich an den Geldbörsen derjenigen bedient, die vor den Wechselstuben vor dem Großen Casino standen, um sich für den Abend im Paradies des Glücksspiels herauszuputzen. Verraten hatte sie ein Scherge, der sich ebenfalls als Straßenkind ausgegeben hatte und der mit ihnen zusammen auf Beutezug gewesen war. Plötzlich waren sie umzingelt gewesen. Sieben menschliche Wachen. Jung und beweglich. Frische Rekruten aus Conchar. Sie hatte entkommen können, aber Kendra, Kian und Shay hatten die Wachen mit sich genommen.

»Oh, das ist schrecklich. Die Armen. Das ist eine echte Tragödie.«

Kyra sah Glast an und nickte langsam.

Kard war wütend. Wieso verhaften die Wachen jetzt schon Kinder? Nicht allein, weil es sich um Kendra, Kian und Shay handelte. Also Freunden. Sondern auch, weil er sich über die Ungerechtigkeit aufregte. Im Großen Casino wurden die Leute so richtig ausgeraubt. Aber das war für die Oberste Verwaltung kein Problem. Schließlich verdiente sie mit daran. Und auch die Wachen würden ihren Anteil bekommen, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt in die falsche Richtung sahen. Aber kleine Kinder, die beim Stehlen erwischt wurden, behandelte man wie Schwerverbrecher. In dieser Welt ist einiges aus dem Gleichgewicht.

»Ich weiß noch nicht einmal, wo man sie hingebracht hat.« Kyras Stimme klang verzweifelt.

»So viele Möglichkeiten gibt es da nicht.«

»Wieso? Was meinst du damit?«

Kyra sah Benji in einer Mischung aus Zweifel und Hoffnung an.

»Yo, der Benji ist ein ganz Schlauer. Der hat so viele Bücher gelesen, da würde mir der Kopf platzen.«

Das Straßenkind musste lächeln. Ein Cu mit geplatzten Kopf, das war ja witzig.

»Wie meinst du das, Benji?«

Auch Kard war neugierig geworden.

»Laut Verwaltungsverordnung werden Kinder nicht hingerichtet oder in den Kerker geworfen.«

Kyra schaute Benji fragend an.

»Normale Kinder kann man freikaufen. Normale Kinder, die Eltern haben.«

»Meine Eltern sind froh, dass sie uns los sind. Die würden uns gegen ein Fass Winx eintauschen.«

»Den Fall gibt es natürlich auch. Waisen, Straßenkinder, Obdachlose. Da übernimmt dann die Oberste Verwaltung die Vormundschaft.«

»Vormundschaft? Was soll das sein? Ein Sportverein? Wie Grasball-Mannschaft? Kann man sich da bewerben?«

»Nein, Glast. Vormundschaft bedeutete, dass die über dich bestimmen können.«

»Oh, wie bei Sklaven?«

»Genau, wie bei Sklaven. Und dann sind wir auch schon bei meiner Vermutung, was mit deinen Geschwistern wahrscheinlich geschehen ist.« Benji schaute Kyra vielsagend an, die ihn ungläubig anstarrte.

Benji kann wirklich beeindruckend sein, wenn er mit seinem ganzen Bücherwissen angibt.

»Sklaven? Meinen Geschwister? Das sind Kinder. Was wollten die mit Kinder-Sklaven?«

»Die Staatliche Minengesellschaft kann immer ein paar Kindersklaven gebrauchen. Geschickte kleine Hände, da wird sich schon eine Verwendung finden.«

»Oder sie landen bei den Wettbüros.« Gsappa hatte sich unbemerkt zu ihnen gesellt und die letzten Worte Benjis mitbekommen. Die Freunde sahen den Torak fragend an.

Kinder? Wettbüros? Kard verstand nicht, auf was Gsappa hinauswollte.

»Keine schöne Sache. Aber wir sind hier in der Alten Stadt. Hier dreht sich alles um das Glücksspiel.«

»Ach, du wieder. Mach den Kindern doch nicht so eine Angst.« Tante Berta hatte sich neben ihren Mann gestellt und sah ihn nun vorwurfsvoll an.

»Ist aber so. Die nehmen Kinder für Wettkämpfe.«

Tante Berta rollte mit den Augen, als habe Gsappa von Gespenstern erzählt.

»Das bringt der Obersten Verwaltung nämlich mehr ein, als wenn man sie nur zur Minengesellschaft gibt.«

»Das bringt mehr ein…?« Glast wollte den Worten seines Onkels nicht glauben.

»Ja, das ist leider so. Die werden von der Verwaltung verkauft. Und landen dann bei den Buchmachern, die die Wetten organisieren.«

»Und was sind das so für Wetten?« Kard ahnte schon, dass die Antwort nicht besonders erfreulich sein würde.

»Meist so Kämpfe.« Gsappa schaute zu Boden, als ob er sich für das Vorgehen der Verwaltung schämen würde.

»So Kämpfe?«

Gsappa schien nach Worten zu suchen. Er knetete die Hände, setzte mehrfach an, um etwas zu sagen, aber so richtig kamen ihm die Worte nicht über die Lippen.

»Jetzt sag schon, Onkel Gsappa. Wir sind keine kleinen Kinder mehr.«

»Na ja. Gegen Hunde und so.«

»Gegen Hunde?« Kard erinnerte sich an das Aquarium mit den Kampffischen im Großen Casino. Und an die geifernden Ichtos, die sich am Blut berauscht hatten. »Um Leben oder Tod?«

Gsappa sagte nichts. Er nickte nur.

»Aber manche werden auch in die Minen geschickt, oder? Die sind doch viel zu klein. Kli und Kla werden bald zehn. Die lassen doch keine Zehnjährige gegen Hunde kämpfen?Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Unser Gast hat bestimmt recht. Gsappa, du und deine Schauermärchen. Ich habe auch schon von Kindern gehört, die dann zu kinderlosen Familien gekommen sind. Also, nicht gleich das Schlimmste denken.«

Kyras Gesicht hellte sich angesichts dieser Aussicht gleich auf. »Und kommen viele Kinder zu solchen Familien.«

»Nun ja…« Tante Berta sah Kyra mit so einem Gesicht an, dass man glaubte, sie wolle gleich alle hier umarmen. »Nicht viele, Kyra, so weit ich weiß. Aber schon einige. Also nicht nur ein paar. Sind schon einige, die zu solche Familien kommen.«

Kard nickte heftig. Genau, solche Familien gibt es. Davon hatte man im Waisenhaus damals auch viel gehört. Die berühmte kinderliebende Familie. Er selbst hatte allerdings nie erlebt, dass so etwas passiert war. Dass man als Waise eine neues Heim gefunden hatte. Wenigstens nicht, wenn man schon etwas älter war. Also kein Baby mehr. Wenn man noch ein süßes Baby war, dann sah die Welt noch anders aus. Aber sobald man reden und Widerworte geben konnte, war das vorbei. Deswegen hatten sie immer nur stumm genickt, wenn einmal ein solcher Besuch stattfand. Aber von den älteren Kindern wurden dann wiederum nur die Kräftigen mitgenommen. Die man gut zum Arbeiten gebrauchen konnte. Als Knecht bei den Tok-Rinder-Höfen. Oder als Erntehelfer bei den Winx-Bauern. Süß und winzig oder groß und nützlich. Die Geschwister von Kyra waren keins von beiden.

»Wann haben die Wachen sie mitgenommen?« Gsappa schaute das Menschenkind nachdenklich an.

»Vor zwei Tagen.«

»Vor zwei Tagen erst. Dann sind sie wahrscheinlich noch im Verwaltungsgebäude. Bis zum Vollmond dauert es noch eine Weile.«

»Im Verwaltungsgebäude?« Kyra sah Gsappa erwartungsvoll an.

»Ja, ich denke schon. Bei Vollmond werden die Spieler immer ganz verrückt. Goiba und so. Ich denke, wenn ich eine Wache wäre, würde ich die Kinder erst kurz vorher verkaufen. Das bringt mehr Gewinn.«

»Gsappa. Jetzt machst du den Kindern schon wieder Angst.«

»Ist aber so, Berta. Mußt nicht so tun, als du es nicht wüßtest. Wir sind hier in der Alten Stadt. Es ist einfach so. Alles dreht sich um das Spielen.«

Tante Berta wollte noch etwas sagen aber es fiel ihr in diesem Moment wohl keine passende Antwort ein.

»Moment mal, Gsappa. Du sagtest, dass die im Verwaltungsgebäude sind. Also dort, wo auch das Archiv ist?«

Der Torak nickte. Kard schaute in die Runde.

»Also. Wir wollen zum Archiv. Wegen des Stadtplans. Und wenn wir sowieso in das Gebäude müssen…«

»Yo, dann befreien wir Kendra, Kian und Shay.«

Kard nickte. Madad hatte sofort verstanden.

Kyra sah ihn mit offenem Mund an. »Du meinst…?«

Kard nickte. Genau. Sie würden Kyras Geschwister befreien und sich den alten Stadtplan besorgen. Wenn schon, dann richtig.

»Aber wie wollt ihr denn in das Verwaltungsgebäude hineinkommen? Tagsüber stehen Wachen davor und nachts ist es abgeschlossen.«

»Und nachts gibt es natürlich Patrouillen. Man müsste einen Schlüssel haben, um schnell in das Gebäude hineinzukommen. Und das ist unmöglich. Ich bewundere euren Mut und eure Entschlossenheit, aber ich befürchte, das alleine wird nicht ausreichen.«

»Dann klauen wir den Schlüssel, Kacke.«

»Den Obersten Verwalter der Alten Stadt beklauen? Bist du wahnsinnig. Da landest du am Galgen, bevor du bis fünf gezählt hast.«

»Tante Berta hat recht, Kinder. Der einzige, der den magischen Schlüssel hat, ist der Oberste Verwalter. Und der hat immer einige Wachen um sich. Kein Chance.«

»Yo, keine Chance. So etwas kennen wir Cus nicht. Ich stimme Zaza zu, wir klauen das Ding.«

»Und wieso magischer Schlüssel?«

»Ja, Kard. Das ist noch so ein Schloss von Davischi. Kein normales Schloss, kein normaler Schlüssel. Schon die Drachenkönige damals wollten nicht, dass jeder Hanswurst ihre Geheimnisse ausgräbt.«

Kard sah Gsappa an, der entschuldigend mit den Schultern zuckte. »Ich glaube, wir müssen niemanden bestehlen.«

Tsarkoik freute sich, sie zu sehen. Auch wenn Kard glaubte, dass er immer noch einen Groll gegen ihn hegte, da er damals das Minas-Schwert zerstört hatte. Falls es so war, ließ es sich der alte Torak auf jeden Fall nicht anmerken. Er bot ihnen ein Frühstück an, aber Tante Berta hatte sie an diesem Morgen schon gut versorgt. Der Widerstand in der Alten Stadt war nach dem Tod von Laoch und den darauf folgenden Razzien für eine Weile geschwächt gewesen. Aber die Hausdurchsuchungen und die Drohungen der Wachen waren nicht das eigentliche Problem. Schlimmer waren die Anschuldigungen, die man sich danach gegenseitig gemacht hatte. Immer waren die anderen verantwortlich für das Versagen. Erst war natürlich Kard der Schuldige gewesen. Ein Mensch. Dann waren alle Menschen Schuld. Oder die Toraks. Das waren ja auch Winxpanscher. Oder die Wahter. Oder die Ichtos. Oder die Männer. Oder die Frauen. Man hatte das Gefühl, dass ein Schatten über die Alte Stadt gefallen war, der Zwietracht und Streit mit sich gebracht hatte. Jeder gegen jeden. Aber niemand mehr gegen Flanakan. Inzwischen hatten die Wachen mit ihrer Willkür und Brutalität zwar vielen Wesen wieder ins Gedächtnis gerufen, wer der wahre Feind war, aber insgesamt blieb der gesamte Widerstand zerstritten. Die Liebespriesterin Nanda, die damals überraschend die Seiten gewechselt hatte, war inzwischen verschwunden. Ihren Nimbus als Vollstreckerin, die den Obersten Schergen vernichtet hatte, hatte sie Angesichts des Chaos hier vor Ort schnell verloren. Eines Tages war sie fort gewesen. Niemand wusste wohin. Als Kard nach dem Minas-Erz fragte, spürte er den Zweifel bei Tsarkoik.

»Willst du etwa…?«

»Nein, Tsarkoik. Ich möchte kein neues Minas-Schwert schmieden. Jedenfalls nicht heute. Vielleicht später einmal.« Kard hatte damit gerechnet, dass Tsarkoik dies vermuten würde. Denn nach der Erzählung des Toraks war klar, dass der Widerstand eine Führung brauchte, die ihn gegen Flanakan einigte. Aber das war nicht seine Aufgabe. Er war nicht der Junge mit dem Minas-Schwert, der sich dem Herrscher entgegenstellen würde. Er war nur ein Waisenjunge auf der Suche nach seiner Herkunft. Wer weiß, wenn er seine eigenen drängenden Frage gelöst hatte, würde er vielleicht auch einmal Teil dieser Widerstandsgruppe werden. Aber nicht heute. Heute brauchte er das Minas-Erz, um einen magischen Schlüssel anzufertigen.

Jemanden aus den Händen der Obersten Verwaltung zu befreien, gefiel dem Torak natürlich. Wenn es auch nicht gegen die Wachen oder Schergen ging, ging es doch gegen eine Einrichtung, die für Flanakan ebenfalls eine Säule der Macht war. Hier wurde alles organisiert, gewogen, verteilt. Hier wurde Recht im Sinne von Flanakan gesprochen und verwaltet. Man könnte auch sagen, dass dem Unrecht hier der Mantel eines Verwaltungsaktes angezogen wurde. Was die fleißigen Beamte dort abstempelten, sah auf den ersten Blick wie Gerechtigkeit aus. Erst beim zweiten Blick erkannte man, dass hier die gleiche Willkür herrschte, wie bei den Schergen und Wachen. Ob man zum Galgen oder in die Minen wandert, wurde hier entschieden. Mit einem Stempel, der achtlos auf ein Pergament gedrückt wurde.

Tsarkoik hatte tatsächlich Minas-Erz vorrätig. Seine Lizenz dafür hatte noch niemand infrage gestellt. Für die Oberste Verwaltung war er der brave Erzhändler.

Wallas hatte damals in Conchar die Lizenz als Schlüsselgießer besessen. Und hatte Kard alles beigebracht. Der Junge hoffte nun, dass die Schlösser, die noch aus der Zeit von Davischi stammten, die gleichen waren. Damit würde der Schlüssel, der zum Tor der Obersten Verwaltung von Conchar passte, auch hier der richtige sein. Und Wallas hatte ihm die Kunst der Herstellung des Schlüssels, dessen Bart aus Minas bestand, gezeigt. Nur, dass Kard selbst noch nie einen solchen Schlüssel angefertigt hatte. Er wusste nur theoretisch, wie es geht. Aber er hoffte, dass er nach der Erfahrung mit dem Schmieden des Schwertes aus Minas, auch das Kunststück mit dem Schlüssel hinbekommen würde.

Als Erzhändler hatte Tsarkoik sogar eine kleine Schmiede in der Werkstatt. Hier prüfte der Torak die angelieferte Ware auf ihren Gehalt an Eisen und anderen Metallen. Ohne Umschweife ließ Tsarkoik Fettkohle in die Essen füllen, denn das Schmelzen von Minas benötigte ungewöhnlich hohe Temperaturen. Kard setze sich sogleich hin, um die Rohform aus einem Gipsquader zu kratzen.

Da die anderen bis zum Abend nur abwarten konnten, hatte Kyra sich angeboten, ihnen die Stadt zu zeigen. Vom Großen Casino über den Zentralen Platz mit dem täglichen Schauspiel der sich streitenden Govas und Govans bis zur unterirdischen Schneckenbahn. Kard fiel es auf, dass Benji sehr bemüht war, Kyra zu erklären, wie man geruchlosen Schleim aus Knochenmehl, Baumharz und Wasser herstellen konnte, sodass man statt Rennschnecken auch kräftige Bos-Ochsen als Zugtiere für die Schlittenkabinen nutzen könnte. Aber seit sie bei den Alchemisten gewesen waren, zauberte sein Freund zu jeder Gelegenheit Rezepte hervor, die er einmal in einem Buch gelesen hatte. Kard winkte seinen Freunden zum Abschied und vertiefte sich dann wieder in die Herstellung der Form.

»Eifersüchtig, was?«

Kard schaute Madad verwirrt an. Was für ein Unsinn. Auf was sollte er denn eifersüchtig sein?

»Nein! Wie kommst du denn darauf?«

Wieso schreie ich eigentlich so?

»Alles in Ordnung?« Tsarkoik kam bei Kards lauter Stimme erschrocken herbeigelaufen.

»Kard ist eifersüchtig.«

»Bin ich nicht.« Jetzt hatte er schon wieder geschrien.

»Ach, das geht vorbei. Um wen geht es denn?«

»Um Kyra natürlich. Kard und Kyra…« Wenn Cus mit einem Auge zwinkern, bewegt sich immer der ganze Kopf zur Seite.

Und diesen Kopf reiße ich Madad gleich ab.

»Verstehe schon. Wenn du den Rat von einem alten Torak haben willst: Schnapp sie dir, Tiger.«

Kard verstand gar nichts mehr. Was soll ich mir schnappen? Und was bitte schön ist ein Tiger? Er schaute Tsarkoik mit offenem Mund an.

»Und, ist es bald heiß genug?«

Worauf bitte schön will Tsarkoik jetzt hinaus? Dann verstand Kard. Stimmt, die Esse. Die brauchte eine gewisse Temperatur.

»Bei Wallas hat es immer zwei bis drei Stunden gedauert.«

»Yo, Kard. Kann es sein, dass du ein wenig verwirrt bist?«

»Nein, Madad, wie kommst du denn darauf.«

»Mama hat immer gesagt, wenn das Herz vorangeht, hinkt der Kopf hinterher.«

»Was soll das heißen? Und überhaupt. Das stimmt alles gar nicht. Ich bin nur ein wenig müde.«

Der Cu gähnte solidarisch. »Dann gehe ich Krähen jagen.«

Sagte es und sprang mit einem Riesensatz aus der Werkstatt. Kard hörte draußen noch ein Kreischen und ein Flattern, dann war es still. Madad war seiner Beute offensichtlich hinterhergejagt.

Als Kyra am Abend mit den anderen zurückkam, war der Schlüssel bereits fertig. Das Minas, sonst ein widerspenstiges Metall, hatte ihm keine Mühe bereitet. Es war wie damals gewesen, als er das Schwert angefertigt hatte. Er war so konzentriert gewesen, dass er das Gefühl gehabt hatte, dass nicht seine Hände die Schöpfkelle mit dem geschmolzenen Metall geführt hatten, sondern sein Geist. Dazu die pulsierende Kühle, die von seinem Drachenzahnamulett ausgegangen war. Für einige Augenblicke hatte Kard vollkommen vergessen, wo er war und was er gerade machte. Und gleichzeitig war es genau umgekehrt. Er war von dem, was er tat, nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Der Schlüssel war perfekt geworden. Jetzt musste er nur noch in das Schloss der Obersten Verwaltung passen.

Was sie nicht wussten war, was sie hinter den Mauern erwartete. Das Gebäude würde wesenleer sein, die Beamten würden zu Hause in ihren Betten liegen und träumen. Aber wo befand sich das Archiv? Und wo sollten sie Kyras Geschwister suchen? Als sie abends erneut bei den Gsappas um dampfende Suppenschüsseln saßen und dies diskutierten, meldete sich der Torak zu Wort und erzählte, dass er zu Erneuerung der Musikantenlizenz das Gebäude bereits öfters von Innen gesehen hatte.

»Ist schon ein ziemliches Labyrinth. Lange Gänge, viele Seitenarme, dann wieder Innenhöfe. Soll schon Leute gegeben haben, die nicht mehr herausgefunden haben und dort jetzt als Gespenster spuken. Aber es gibt überall Schilder. Manche mit so kleinen Bildern. Weil wir Toraks ja angeblich nicht lesen können.«

»Piktogramme heißen die.«

»Oh, der schlaue Benji kennt sogar die Fachwörter.«

»Ja, Kard. Das kann ab und zu ganz nützlich sein.«

Eben noch die Ruhe selbst, jetzt regte er sich gleich auf, wenn Benji etwas wusste, was er selbst nicht wusste. Was ist nur mit mir los? Kard schielte zu Kyra hinüber. Sie nestelte in ihren Haaren herum und hörte der Diskussion aufmerksam zu.

»Gibt es denn einen Ort, wo meine Geschwister sein könnten«, fragte Kyra jetzt.

Gsappa überlegte. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Jetzt, wo wir darüber sprechen, fällt es mir wieder ein. Irgendwo habe ich noch einen Plan, den man am Eingang bekommt, damit man sich im Gebäude zurechtfindet. Wartet mal kurz.« Er verschwand im Nebenraum. Man hörte, wie er anfing, Sachen wegzuräumen. Gitarren vibrierten. Kisten wurden zur Seite geschoben. Dann kam Gsappa zurück und fächerte triumphierend mit einem Stück Papier in der Luft herum. Er breitete den Plan auf dem Tisch aus. Alle beugten sich darüber.

»Hey, schaut mal, da steht ARCHIV«

»Yo, dann ist das schonmal geklärt.«

»Aber wo können Kendra, Kian und Shay sein?«

»Vielleicht dort?« Glast zeigte auf die Aufschrift MENSCHENRECHTE. Daneben gab es aber auch TORAKRECHTE und ICHTOANGELEGENHEITEN. Gleich daneben konnte man sich einen Angelschein bestellen.

»MUSIKANTENLIZENZEN. Da muss ich immer hin.«

Ein wenig daneben gab es den Bereich BESCHLAGNAHMUNGEN und FUNDBÜRO. Kard deutete auf die Stelle in der Karte, die damit markiert war.

»Sag mal Gsappa. Erinnerst du dich, wie es dort aussah?«

Gsappa nickte.

»Klar. Da stand sogar eine Wache direkt vor der Tür. Damit keiner dort hineinstiefelte, um an den Goldschmuck seiner Großmutter heranzukommen, den die Wachen beschlagnahmt hatten. Man konnte sogar sehen, dass es Ställe für Tok-Rinder gab. Ihr wisst ja, dass die Wachen einfach alles mitnehmen.«

Dort mussten sie sein. Es war der ideale Ort, um Straßenkinder unterzubringen.

»Gut. Nur Benji und ich gehen. Je weniger wir sind, desto weniger Aufmerksamkeit erregen wir.«

»Kommt nicht infrage, Kard. Ich komme mit.«

»Aber Kyra, wenn wir erwischt werden, dann…«

»Dann ist es gut, wenn ihr mich dabei habt, denn keiner von euch kennt sich da draußen so gut aus wie ich.«

»Da hat sie recht, Kard. Mama sagt immer, vergiss den Kompass nicht, wenn du in die Berge gehst. Habe ich übrigens nie verstanden den Spruch. Bis wir damals Odysseus getroffen haben. Weißt du noch? Der hatte doch diesen Kompass dabei.«

Kard nickte. Da war etwas Wahres dran. Auch wenn er das lieber alleine geregelt hätte. Gerne mit Benji. Aber nicht mit Benji und Kyra zusammen. Bleib vernünftig, Kard. Lass dich nicht von deinen Gefühlen verwirren. Denk daran, was N’gar damals gesagt hat. Nach innen und nach außen schauen!

»Es sind meine Geschwister!«

»Einverstanden, Kyra. Aber erst das Archiv. Dann die Beschlagnahmungen.«

Kyra nickte langsam, so als ob sie sich dabei überlegen würde, ob es noch eine andere Lösung geben könnte.

»Und was machen wir? Ich will auch dabei sein.« Glast glühte vor Tatendrang.

»Du und Zaza steht draußen Schmiere. Wenn wir fertig sind, müsst ihr uns Bescheid geben, ob die Luft rein ist. Ich will in keine Patrouille laufen, die gerade in dem Moment vor dem Tor der Obersten Verwaltung vorbeimarschiert, wenn wir alle herauskommen.«

»Der Ruf des Nachtfalken.«

»Was soll denn der Ruf des Nachtfalken sein, Zaza?«

»Der ist ganz einfach und geht so.« Zaza bildete einen Trichter um den Mund und ließ einen dunklen Ton erklingen, der langsam heller wurde. Kyra tat es ihr gleich und ein fast identischer Ton erklang.

»Sehr gut. Dann ist das auch geklärt. Das ist unser Erkennungszeichen.« Kard nickte zufrieden. Jetzt musste nur noch der Schlüssel passen.

»Findest du nicht auch, dass heute Nacht ziemlich viele Fledermäuse unterwegs sind?« Benji schaute mit Kyra zusammen in den Sternenhimmel und hatte ihr in dieser kalten Nacht einen Arm um die Schultern gelegt, damit das arme Mädchen nicht so fror.

Kard durfte sich unterdessen abmühen, während die beiden einfach nur herumstanden. Das fand er wirklich ärgerlich.

Obwohl es kein Dardeugende war, hatten sie bis lange nach Mitternacht warten müssen, bevor die vielen Casino-Besucher sich endlich auf den Weg in ihre Herbergen gemacht hatten. Inzwischen lagen die Straßen wie ausgestorben da und nur das Geräusch marschierender Füße war ab und zu zu hören, wenn die Wachen ihren nächtlichen Runden drehten.

Der Schlüssel hatte doch nicht gepasst. Er hatte sich ins Schloss stecken lassen, aber es war unmöglich gewesen, ihn zu drehen. Irgendetwas stimmte an der Konstruktion nicht. Zu allem Unglück aber ließ sich der Schlüssel nun auch nicht mehr herausziehen. Kard kniete fluchend vor dem Tor während Benji und Kyra Fledermäusen nachschauten. So eine Kacke, würde Zaza jetzt wohl sagen.

Der verdammte Schlüssel und diese beiden Turteltäubchen in seinem Rücken, Kard wurde immer wütender. Und dann drehte sich der Schlüssel doch noch. Wenigstens ein Stück. Und Kard kribbelte es in den Händen und in den Unterarmen. Ein untrügliches Zeichen, dass hier Magie im Spiel war.

Natürlich. Immer wenn er wütend war, brach die Feuer-Magie unkontrolliert aus ihm heraus. Zwar hatte er das seit den wenigen Trainingsstunden mit N’gar besser im Griff, aber Kard würde nicht behaupten, dass er wirklich hundertprozentig sicher war, was da passierte. Diesmal musste die Feuer-Magie in den Schlüssel geflossen sein. Und würde das nicht auch zu einem Davischi-Schloss passen?

Kard konzentrierte sich. Seine Sinne glitten in den Schlüssel und bis hinein in das Minas. Er spürte, dass dieser Schlüssel nicht perfekt war und nicht passgenau zu diesem Schloss gehörte. Aber das Minas hörte ihm zu. Tastete das Schloss ab. Kard schoss Feuer-Magie in das heilige Metall. Das sich daraufhin verformte. Nur minimal, für das Auge kaum sichtbar. Aber doch so, dass sich der Schlüssel nun drehen ließ.

Dann erscholl der Ruf des Nachtfalken. In jedem Augenblick konnte eine Patrouille um die Ecke biegen. Kard drückte sich gegen das schwere Tor. Kyra und Benji waren schon zur Stelle, um ihm zu helfen. Auch sie hatten den Warnruf Zazas gehört. Zusammen schafften sie es. Das Tor öffnete sich so weit, dass sie sich durch einen engen Spalt hineindrücken konnten. Gerade rechtzeitig! Als sie das Tor leise schlossen, hörten sie das Echo der Schritte. Die Wachen mussten jetzt genau vor dem Gebäude sein.

»Also gut, wir müssen geradeaus und dann rechts.« Kard flüsterte, während er sich nach allen Seiten umsah und ins Dunkle spähte. Dann ließ er eine kleine Feuerkugel entstehen, die nun den Gebäudeplan beleuchtete, den sie von Gsappa bekommen hatten.

»Geradeaus, zweimal links und dann wieder rechts.«

»Nein, Kyra…« Kard sah dem Mädchen ins Gesicht. Man sah ihr das schlechte Gewissen an. Und ihre Entschlossenheit. Hätte ich mir das nicht denken können? So gut sollte ich Kyra inzwischen kennen. »Kyra, wir hatten doch…«

»Ich weiß, Kard. Tut mir auch leid. Aber ich muss zu meinen Geschwistern. Vielleicht sind sie gar nicht dort, wo wir sie vermuten?«

Kard wusste, dass jede Diskussion jetzt zwecklos war. »Gut, aber du wartest dann bei den Beschlagnahmungen. Wir kommen dort hin, wenn wir fertig sind.«

Kyra nickte. Und war schon verschwunden. Benji machte einen Schritt in ihre Richtung, um ihr nachzulaufen, besann sich dann aber anders.

»Die schafft das schon. Tolles Mädchen.«

Das war sie. Kard nickte zustimmend. Dann machten sich die beiden Freunde auf in Richtung Archiv.

Die Gänge waren dunkel und fensterlos. Tagsüber brannten hier Fackeln, aber die waren jetzt gelöscht. Kards kleiner Feuerball ließ sie immer nur die nächsten Schritte sehen. Zum Glück gab es die Schilder und Bilder, die den Besuchern den Weg wiesen. Das Echo ihrer Stimmen schien von den Steinwänden unverhältnismäßig laut reflektiert zu werden, obwohl sie nur flüsterten.

»Ausweise, Abfallentsorgung, Altlastenauskunft. Archiv.«

Das Archiv befand sich am Ende des Ganges. Die Tür war aus schnörkellosem Holz und schien älter als die Eingänge zu den anderen Dienstzimmern zu sein. Kard zog am Knauf aus abgegriffener Bronze. Vergeblich. Die Tür war abgeschossen.

»Kein Problem.« Triumphierend hielt Benji einen Draht in die Luft. Kard atmete erleichtert aus. Aber das Schloss sah von außen recht klobig aus, als ob im Innern eine komplizierte Mechanik verbaut worden war. Und so viel Zeit hatten sie auch nicht. Sie waren ja erst spät hier eingestiegen und die Beamten der Öffentlichen Verwaltung waren dafür bekannt, früh mit ihrer Arbeit anzufangen. Benji führte den Draht ein und begann, ihn hin und her zu drehen. Aber der Draht schien keinen Widerstand zu finden. Kard wurde langsam nervös.

*

Die Federmäuse mochten gute Kundschafter sein, aber sie waren genauso eine Plage wie die Krähen. Dieses Geschwätz, der Vampyr hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Nein, sie hatten keinen Jungen mit einem Hund gesehen. Ein paar zerlumpte Kinder liefen nachts durch die Straßen. Und eine Unmenge herrenloser Hunde. Aber in der gesuchten Kombination war nach Einbruch der Dunkelheit nichts mehr auf der Straße zu sehen gewesen.

Die Krähen hatten vor einiger Zeit einen Jungen mit einem Hund auf dem Weg vom Erzgebirge in die Alte Stadt mehrmals gesehen. An diesem Abend war er in der Alten Stadt angekommen. Und seitdem verschwunden. Aber seine Zielperson war ganz nahe. Und Laltans Krallen warteten nur darauf, beschäftigt zu werden.

Die Matharadan war auch nicht besonders gastfreundlich. Dass er ein Abgesandter der Obersten Goiba-Priesterin war, hatte sie nicht besonders beeindruckt. Und er selbst, der gefürchtetste Assassine des Reiches, imponierte ihr auch nicht sonderlich. Sie hatte sich sogar geweigert, eine Katze zu schlachten, um mit Hilfe derer Innereien in die nahe Zukunft zu schauen. ›Goiba ist zur Zeit blind.‹ Das waren ihre Worte gewesen. Immerhin dienten ihm die Krähen und die Fledermäuse als Kundschafter.

Die Fledermäuse der Alten Stadt waren allerdings eine Spezies für sich, das musste er zugeben. Aber das war auch kein Wunder, wenn man bedachte, dass sie sich darauf spezialisiert hatten, die Insekten zu fangen, die um die vielen Glühwürmchen schwirrten, die die Große Allee beleuchteten. Natürlich waren die Tiere nun alle halb blind. Geblendet vom Laster der Großstadt. Schlimme Zeiten heutzutage. Erst nachdem sie sich im Schein des Vergnügens der anderen Wesen satt gegessen hatten, waren sie zur nächtlichen Luftaufklärung gestartet. Und hatten nichts Verdächtiges gesehen.

Der Junge befand sich nichtsdestotrotz irgendwo in der Alten Stadt. Und diesmal würde er nicht entkommen. Denn schon am nächsten Tag würde die mächtige Tsarr hier sein. Bis dahin musste er herausgefunden haben, wo der Junge steckte. Dann sollten die Oberste Goiba-Priesterin und der Herrscher es untereinander ausmachen, wie sie mit dem Jungen verfahren wollten.

*

Kard klopfte Benji anerkennend auf die Schulter. Nachdem der Junge noch einen zweiten Draht zur Hilfe genommen hatte, war es ihm gelungen, die komplizierte Mechanik auszutricksen. Der Riegel im Schloss bewegte sich und sie konnten die schwere Holztür aufdrücken. Drinnen empfing sie der bekannte Geruch alter Bücher. Aber verglichen mit der Bibliothek im Waisenhaus roch es hier noch verstaubter, noch vergilbter, noch modriger. Kard begrüßte diesen Eidruck von Vergänglichkeit und Zerfall. Besagte er doch, dass die Dokumente, die hier gelagert wurden, sehr alt sein mussten.

Vorsichtig ließ er die Feuerkugel durch den Raum gleiten. Falls hier ein Funke in die falsche Ecke sprang, konnte schnell ein alles zerstörender Brand ausbrechen. Das Archiv bestand aus vielen Regalen, die ihm wie die Kiemen eines urzeitlichen Monsters vorkamen. Obwohl in ihnen nur Bücher, Papierrollen und Karten aufbewahrt wurden, atmete dieser Ort die Zeit aus, die hier konserviert wurde. Zwischen ihnen und diesem Ungetüm befand sich ein Schreibtisch, an dem tagsüber der Archivar sitzen musste. Und davor, und darauf hatten sie gehofft, eine Stele für einen magischen Stein, auf dem das magische Archivverzeichnis liegen sollte. Doch als sie sich der Säule näherten, bemerkten sie, dass sie leer war. Auf der abgeschrägten Fläche, die die Stele nach oben abschloss, befand sich weder eine dunkle Steintafel noch ein normales Buch. So ein Mist, dachte Kard. Wie sollten sie in diesem Labyrinth jetzt einen alten Stadtplan finden? »Hast du eine Idee?«

Aber Benji schüttelte den Kopf.

»Vielleicht kennt sich der Bibliothekar so gut aus, dass er weiß, wo er alles findet?«

Zweifelnd schaute sich Kard um. Wer könnte sich hier auskennen? Die schiere Menge an Papier ließ ihn zweifeln, dass irgendein normales Wesen sich hier orientieren konnte. Dazu kam, dass die kleinen Buchstaben, die man an den Regalen angebracht hatte und die ihnen gleich zu Beginn aufgefallen waren, einfach nur nach dem Alphabet geordnet waren. Es fing bei Aa an, ging dann über Mg bis Zz.

Willkürlich ging Kard an eines der Regale und zog eine Rolle hervor, die mit Ngl-12-78 gezeichnet war. Titel der Rolle war: Viehfutter zu jeder Jahreszeit. Ein Zusammenhang mit den Buchstabenkombinationen Ng oder gar mit den Zahlen konnte Kard nicht feststellen. Die Jungen waren ratlos.

»Ngl-12-78. Enn Geh Ell. An irgendwas erinnert mich das.« Kard hatte dieses Gefühl, etwas bereits Erlebtes noch einmal zu erleben. Aber er konnte sich nicht erinnern, wann das gewesen sein sollte. »Warte mal, Benji. Im Großen Buch damals im Waisenhaus gab es doch auch so eine Buchstabenkombination. Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Gleich auf der zweiten Seite, auf der auch die Flagge Flanakans gezeichnet war. Kaa Ell irgendwas.«

Benji zog die Brauen zusammen und blickte angestrengt den Fußboden an. »KLD3-PFG55.«

Zum Glück hat Benji so ein gutes Gedächtnis. Toll.

»Sag ich doch. Kaa Ell De Drei. Ist ein Versuch wert, oder?«

Sie gingen die Regale durch, flüsterten dabei die sich verändernden Buchstabenkombinationen vor sich hin.

»KLA, KLB, KLC gibt es nicht, hier KLD. Und hier KLD3.«

Das Regal war das letzte einer langen Reihe und schloss direkt mit der Wand ab. Kard zog willkürlich einige der Rollen hervor. »›Weitere Trockenlegung der unterirdischen Arme der Klatsch‹, ›Ausbau der Untergrundbahn‹ , ›Auswirkungen von Grabungen auf Fischerei und Schifffahrt‹. Klingt nicht so nach dem, was wir suchen.«

»Vielleicht doch. Es hat immerhin etwas mit Verkehrswegen zu tun. Und in so einem Stadtplan geht es ja auch um Straßen und Wege.«

»Aber was ist dann mit diesem PFG55?«

»P wie Plan?«

»Aber das nächste Regal ist schon mit KMX bezeichnet.«

»Also muss es doch irgendwo hier sein. Aber wo?«

So nah am Ziel. Und doch kamen sie nicht weiter. Verärgert hämmerte Kard mit der Faust auf das Regal. Die Konstruktion bebte, die Bücher und Rollen zitterten. Und der Widerhall der Faustschläge schien sich unterirdisch fortzusetzen. Das ist kein normaler Fußboden, auf dem wir hier stehen!

»Klingt nach einem Hohlraum, Kard. Was denkst du?«

Kard nickte. Es klang so, als ob unter ihnen noch ein Raum war.

»Leuchte doch mal die Wand ab. Ich glaube, ich habe da vorhin etwas gesehen.« Benji hatte recht. Dort, wo Regal KLD3 die Wand berührte, befand sich eine Tür. Benji hatte schon wieder den Draht in der Hand. Dieses Schloss war weniger kompliziert als das Schloss zuvor. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er es geknackt.

»Bist du sicher, dass du Alchemist werden willst, Benji. Mit deinen Talenten sehe ich da noch ganz andere Möglichkeiten.«

»Habe ich mir auch schon überlegt. Aber wenn du als Dieb erwischt wirst, landest du ganz schnell am Galgen. Oder sie hacken dir die Hände ab.«

»Dann lieber zum Mond fliegen?«

»Du sagst es.«

Lieber das Unmögliche probieren, als den einfachen Weg zu gehen!

Hinter der Tür führte eine schmale Steintreppe nach unten. Kard schickte eine Feuerkugel voraus. Dann stiegen die beiden Jungen vorsichtig die steinernen Stufen hinab.

Sie landeten in einem kleinen Raum mit niedriger Decke, der ebenfalls mit Regalen zugestellt war. Und hier roch es wirklich nach uraltem Staub. Die Dokumente, die hier gelagert wurden, mussten schon vor langer Zeit verstaut worden sein. Wie es hier mieft! Der Ort erinnerte Kard an einen Müllabladeplatz. Sicherlich waren es Dokumente, die niemand heutzutage noch benötigte. Sonst hätte man sie nicht an einen so unzugänglichen Ort verbracht. Oder sind es verbotene Schriften?

Auch hier waren die Regale mit Buchstabenkombinationen gekennzeichnet. Und unter PFG55 fanden sie auch das Gesuchte. Einen uralten Stadtplan, noch mit dem Signum der Drachenkönige versehen, dem Schwarzen Drachen auf rotem Grund. Zwischen den Regalen war es zu eng, den Plan auszurollen, aber Kard überzeugte sich, dass an einem Rand des brüchigen Papiers Zahlen, am anderen Buchstaben verzeichnet waren. Wenn sie den Plan irgendwo ausrollen könnten, würden sie sehen, wo der gesuchte Quadrant lag, den ihnen die Kombination beider Gedichte verraten hatte. Jetzt, wo sie dem Ziel seiner Suche immer näher kamen, spürte Kard, dass er eine trockene Kehle bekam. Etwas schnürte ihm die Luft ab. Will ich diesen Weg wirklich zu Ende gehen?

Natürlich, sagte eine innere Stimme. Du hast doch nicht den ganzen weiten Weg zurückgelegt, um kurz vor dem Ende aufzugeben. Ist das denn wirklich alles so wichtig, fragte eine andere Stimme. Gibt es nichts Wichtigeres, als seiner eigenen Vergangenheit hinterherzulaufen? Und was, wenn dir die Antwort, die du bekommst, nicht gefällt? Welche Antwort würde mir denn gefallen? Und ging es überhaupt darum?

Kard war hin- und hergerissen. Aber ich will Gewissheit haben. Jetzt, wo die Antwort des Rätsels immer näher rückte, wollte er auch die Wahrheit wissen. Er hatte Angst vor dieser Wahrheit. Und trotzdem begehrte er sie, als ob er ohne sie nicht mehr leben könne.

Mit dem Plan in der Hand gab er Benji das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt mussten sie so schnell wie möglich Kyra finden. Und hoffentlich ihre Geschwister.

»Was ist jetzt der kürzeste Weg?« Kard und Benji standen auf dem Gang vor der Tür zum Archiv, die leise hinter ihnen ins Schloss glitt. »Mist.« Kard schaute Benji verzweifelt an. »Jetzt habe ich den Plan unten liegen gelassen.«

Benji deutete auf den zusammengerollten Stadtplan, den Kard in der Hand hielt. »Wieso, da ist er doch.«

»Nicht der. Der Gebäudeplan. Ich habe keine Ahnung, wie man am schnellsten zu Kyra kommt.«

»Dann am besten zurück zum Eingang. Von dort finde ich den Weg.«

Die Zeit läuft uns davon! Kard spürte, dass die Sonne sich bereit machte, die Nacht zu verdrängen. Und dann würden bald die Verwaltungsbeamte erscheinen, um mit der Arbeit zu beginnen. Und mit ihnen die Wachen!

Er folgte Benji, der zielstrebig zum Ausgang lief. Dort angekommen liefen sie in den Gang, den auch Kyra genommen hatte.

»Geradeaus, zweimal links und dann wieder rechts.« Benji sprach atemlos diese Worte immer wieder vor sich hin, während sie die Gänge entlang hasteten. Schon bald stieg ihnen der warme Geruch nach Stall in die Nase. Sie näherten sich dem Bereich der tierischen Beschlagnahmungen.

»Kyra. Kyra. Wo bist du?«

Wieso ist meine Stimme so komisch?

Im ersten Augenblick hörten sie nichts. Nur das Scharren von Hufen, das Geräusch von Heu, das hin und her geschoben wurde und das Schmatzen und Schnaufen von Tieren. Die Tür zu diesem Stall stand einen Spalt offen. Augenscheinlich hatte Kyra keine Mühe gehabt, das Schloss hier zu knacken. Dann hörte Kard plötzlich schnelle Schritte, die auf sie zukamen. Von mehreren Wesen. Instinktiv duckten sich Kard und Benji in den Schatten. Aber es war Kyra. Mit zwei ihrer Geschwister. Als Kard und Benji hervortraten, stoppten sie. Kard wunderte sich nicht, dass Kyra ein Messer in der Hand hatte und es ihm abwehrend entgegen streckte. Aber etwas stimmte nicht.

»Kendra fehlt. Wir haben schon überall nachgeguckt. Sie haben sie getrennt. Kian und Shay wissen es auch nicht.«

»Wir müssen jetzt los, Kard. Es wird bestimmt bald hell.«

»Ich weiß, Benji. Du hast hier schon überall gesucht, sagst du?«

Kyra nickte.

»Hallo ihr beiden. Schön euch zu sehen. Keine Idee, wo eure Schwester sein könnte?«

Kian und Shay schüttelten den Kopf.

Jetzt war auch alles egal. »Kendra! Kendra! Wo bist du?« Kard schrie aus vollem Hals in den Stall hinein. Kyra und die anderen waren bei Kards lauten Rufen zusammengezuckt. Aber schon taten sie es ihm gleich.

»Kendra. Kendra. Wo bist du?« Aber nur die beschlagnahmten Rinder antworteten, indem sie unruhig mit ihren Ketten rasselten.

»Kyra. Wir müssen jetzt wirklich los. Bald wimmelt es hier von Beamten und Wachen. Kendra ist nicht hier. Wir überlegen uns etwas, einverstanden? Wir kommen wieder. Aber jetzt müssen wir erstmal los.«

Kian und Shay sahen ihre große Schwester verzweifelt an. Aber Kyra nickte. Kard hatte recht. Benji lief ihnen voraus. In diesem Labyrinth und dieser Aufregung hatte er noch den besten Überblick.

Durch die offene Tür des Stalls der Beschlagnahmungen folgten ihnen die Laute aufgeregter Tiere, als sie auf den Gang traten. Das Echo ihrer aufklatschenden Schuhe und ihr schwerer Atem ließ sie alle anderen Geräusche überhören. Erst als sie völlig außer Puste vor dem Ausgang standen, hörten sie das Geräusch eines drehenden Schlüssels. Und auch eine dunkle Stimme war jetzt zu vernehmen.

»Guten Morgen, liebe Wachen. Goiba für immer.«

Dies musste der Oberste Verwalter sein, der seinen Dienst antrat und die Wachen begrüßte, die ihren Posten neben dem Tor bereits bezogen hatten.

Wir sind zu spät. So ein Mist.

Kard presste sich an die Wand und hielt den Atem an. Die anderen folgten seinem Beispiel. Er hob den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete seinen Freunden so, leise zu sein. Mit den Fingern imitierte er rennende Beine. Die anderen nickten.

Das Tor öffnete sich. Stimmen wurden vernehmbar.

»Wird bestimmt ein schöner Tag.«

»Ja, aber kalt.«

»Stimmt. Ich bin heute Morgen beinahe auf einer Eisfläche ausgerutscht.«

»Jetzt kommt der Winter wohl endgültig.«

»Du sagst es, liebe Wache. Wenigstens darauf ist Verlass. Die Jahreszeiten.«

Das Tor schwang nun ganz auf und im Dämmerlicht des anbrechenden Tages erkannte man den dunklen, breiten Schatten des Obersten Verwalters.

Kard sprang nach vorne und drückte sich an der massigen Gestalt vorbei ins Freie. Endlich wieder Luft. Und dann rannte er. Nach wenigen Schritten warf er einen kurzen Blick über die Schulter. Die anderen hatten es auch nach draußen geschafft und waren ihm dicht auf den Fersen.

»Hinterher!« Der Oberste Verwalter hatte sich von seinem Schreck erholt. Die Wachen hatten sich bereits in Bewegung gesetzt.

»Mir nach.« Kyra übernahm die Führung. Die Alte Stadt war ihr Revier. Kian und Shay klebten ihrer Schwester am Hosensaum. Nullkommanichts waren sie in einer Seitengasse eingebogen. Aber einer der Wachen war ein ganz Flinker. Er ließ sich einfach nicht abschütteln.

»Rauf zum Schlamm«, rief Kyra.

Der Schlamm. Kard erinnerte sich, dass Murkslin damals davon erzählt hatte. Eine riesige Ansammlung von Hütten, erbaut auf den Ruinen des Palastes der Drachenkönige. Ein Ort voller Dreck und Armut. An dem aber viele Govans wohnen sollten, da hier die Energie Branus besonders intensiv zu spüren war. Murkslin hatte das für eine Ausrede seiner Kollegen gehalten, die ihre Armut somit besser verkaufen konnten. Was es auch immer war, es war ein Labyrinth engster Gassen und damit ein idealer Ort, um Verfolger abzuschütteln. Wenn man sich dort auskannte.

Berghoch waren die Kinder im Vorteil. Sie mussten ja auch keine schwere Uniform mit sich tragen. Trotzdem verringerte sich der Abstand zu ihrem Verfolger kaum. Aber schon konnte man die ersten Bretterverschläge des Schlamms sehen. Nur noch wenige Augenblicke und sie würden es geschafft haben. Das schien die Wache nun auch begriffen zu haben. Als Kard sich noch einmal kurz umschaute, sah er, dass der Mann seine Armbrust vom Rücken genommen hatte und nun auf sie zielte.

»Lauft«, schrie Kard.

In diesem Moment hörte er dumpfes Geräusch, als ob zwei schwere Körper zusammengeprallt wären. Er dreht sich um und sah die Wache auf dem Boden liegen. Über ihm gebeugt ein Torak-Mädchen, das sich tausendmal entschuldigte. Und das tätowierte Oberarme hatte. Bevor die Wache realisieren konnte, was gerade geschehen war, war das Torak-Mädchen schon wieder verschwunden. Und die Kinder vom Schlamm verschluckt.

Dieser Ort hatte eine ganz merkwürdige Aura. Die Armut war hier nicht zu übersehen. Die Bretterbuden waren winzig und nur behelfsmäßig zusammengenagelt worden. Es gab keine wirklichen Wege oder Straßen, nur ausgetretene Pfade. Überall lag Abfall herum, von verblichener Börger-Werbung bis zu Resten zerbrochener Krüge und Asche, die hier einfach vor der Haustür entsorgt wurde. Einige Wesen waren schon zu dieser frühen Morgenstunde unterwegs. Müde aussehende Frauen, Toraks wie Menschen, die im Türrahmen ihrer wackeligen Behausungen standen. Einige hatten einen Schoff-Krug in der Hand. Ab und zu ein Govan in verblichener, dreckiger Kutte, der mit sich selbst redend durch die Gassen schlurfte. Und Kinder. Kinder, die lachend Fangen spielten und denen es nichts ausmachte, wie es hier aussah.

Dann ein Pfiff. Die Kinder blickten hoch und waren von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Die angetrunkenen Wesen verschwanden in ihren Hütten. Und die Govans packten ihre Kutte und liefen einen Schritt schneller. Wie von Geisterhand hatte sich alles Leben zwischen den Bretterwänden plötzlich verflüchtigt. Der Schlamm wartete auf die Razzia. Der Pfiff hatte die Wachen angekündigt. Ihr flinker Freund hatte also noch nicht aufgegeben.

Kard spürte seinen Drachenzahn. Oft, wenn er in Gefahr war, rief ihn sein Amulett zur inneren Ruhe. Zur Konzentration. Aber diesmal war es noch etwas anderes. Es war die besondere Magie dieses Ortes. Aus dem verdreckten Boden heraus strömte eine warme Energie. Als ob Sonnenstrahlen aus dem Erdreich nach außen dringen würden, um das Leben darüber in einen schützenden Mantel zu hüllen. Kard schloss die Augen und atmete tief aus und ein.

»Was ist los mit dir? Wir müssen weiter.« Der Schrei Kyras holte Kard aus seinen Träumen.

»Los, da lang«, rief sie ungeduldig.

Aber die Richtung, in die Kyra zeigte, erschien ihm nicht gut. Er hätte nicht sagen können, was es war. Aber in dieser Richtung lag Gefahr. Kard witterte es wie ein angeschlagenes Harani.

»Nein, dort lang.« Kard deutete in eine andere Richtung.

»Nein, Kard. Ich kenne mich gut aus im Schlamm. Du warst noch nie her. Wie willst du wissen, wo wir hin müssen.«

Kard sah Kyra an. Was hätte er ihr antworten sollen? Er hätte ihr in diesem Moment gerne so vieles gesagt. Aber es war zu kompliziert.

»Yo, wir hören auf Kard.«

»Aber…« Kyra sah den Cu entsetzt an. ›Haben hier jetzt alle den Verstand verloren?‹, lag in ihrem Blick. Aber nun drängten sich sogar ihre kleinen Geschwister an sie und zogen sie in die Richtung, die Kard gezeigt hatte.

»Was ist mit euch los? Da geht es direkt zum Zentralen Platz. Wir sollten hinten herum. Die andere Seite.«

Aber Kard war schon losgelaufen. Fluchend lief Kyra hinterher. »Wenn wir da vorne in eine Patrouille laufen, bin ich weg. Dann könnt ihr sehen, wo ihr bleibt.«

Aber sie liefen in keine Patrouille. Kards Gefühl, oder hatte die Energie des Schlamms mit ihm gesprochen, hatte ihn nicht getäuscht. N’gar hatte damals recht gehabt. Es ist gut, seinen Gefühlen zu vertrauen! Auf dem Zentralen Platz hatten sich nur einige Govans versammelt, um Branu ihre Ehre zu erweisen. Weit und breit war keine Uniform zu sehen.

Die größte Anziehungskraft für Kard hatte an diesem Morgen der Altar von Charabnu, dem Gott der Träume und Träumer. Aus unerfindlichen Gründen, vielleicht hatte er sie aus einem Futtertrog im Beschlagnahmungsstall mitgehen lassen, hatte er eine Karotte in der Tasche. Er legte sie auf den Altar von Charabnu und dankte dem Gott. Danach sah er Kyra an. »Zu den Gsappas?«

Kyra nickte. Und übernahm die Führung.

»O-drei-vier.« Benji hatte den alten Plan auf dem Esstisch der Gsappas ausgebreitet und sie starrten auf die Linie, die den Quadranten O3 und O4 trennte.

»Die Arena der Drachen.« Onkel Gsappa war zu ihnen getreten und lugte den Kindern über die Schulter.

»Arena der Drachen?« Kard sah den alten Torak fragend an.

»Ja, das alte Amphitheater. Dort soll es früher Kämpfe und Opferungen gegeben haben.«

»Jetzt erzähl den Kindern doch keine Schauermärchen. Heute ist das ein schöner Ort. Da werden Konzerte gegeben. Dein Onkel Gsappa wird da auch bald auftreten. Mit dem Barden Weiße Schlange.« Tante Berta nahm ein zusammengerolltes Küchentuch und schlug Gsappa damit spielerisch auf den Bauch.

»Echt, Onkel Gsappa. Ich will auch dabei sein.«

»Ja, kein Problem, Glast. Ich besorge Hinterbühneneintrittskarten.«

»Und wir wollen Schauermärchen hören.« Kian und Shay hatten sich von dem Schrecken der Verhaftung schnell erholt. Kaum hatten sie ihre große Schwester um sich, war ihre Welt wieder in Ordnung.

»Schauermärchen? Die reine Wahrheit, nichts als die Wahrheit…«

»Alter Mann…« Tante Berta funkelte Gsappa mit gespieltem Zorn an.

Benji wusste genaueres. »Also. Zu Zeiten der sagenumwobenen Drachenkönige, denn aus dieser Zeit stammt dieses Amphitheater, ließ man hier schwer bewaffnete Wesen gegeneinander kämpfen. Oder auch mal gegen Faols oder Tiger.«

»Was sind denn Tiger?« Die Kinder machten große Augen.

»Riesige Katzen mit Streifen. Also in dem Buch, an das ich gerade denke, wird gesagt, dass es die im Süden der Südlichen Wüste gibt.«

»Also am Ende der Welt.«

»Riesige Katzen, das hast du dir doch ausgedacht, Benji.«

»Nein, Kyra, das stimmt wirklich.«

»Weil du es gelesen hast?«

Kard konnte nicht umhin festzustellen, dass das Necken zwischen Kyra und Kard ihm nicht gefiel. Was ist nur los mit mir? Kann man das nicht abstellen?

»Benji hat schon recht. So habe ich das auch gehört. Riesige Katzen mit Streifen.« Gsappa nickte bestätigend.

»Und denen wurde geopfert?«

»Nein, Kard. Geopfert wurde den Drachen.«

Kard schaute Gsappa ungläubig an.

»Ja, ich weiß schon. Heutzutage erzählt man sich ja meistens, dass Aidan, der letzte Drachenkönig, ein weiser und gerechter Mann gewesen sein soll. Aber wieso hat es dann den Krieg gegeben, den Flanakan gewonnen hat? Wie auch immer, erzählt wird jedenfalls, dass dort«, Gsappa deutete auf die Karte, »Menschen und Toraks und alle anderen Wesen den Drachen zum Fraß vorgeworfen wurden. Oder geopfert, wenn man das so sehen will.«

»Wie gesagt, Onkel Gsappa erzählt gerne Schauermärchen. Heute ist es ein beliebter Ausflugsort. Alle, die die Alte Stadt besuchen, schauen sich das an.« Tante Berta wuselte Kian beruhigend in den Haaren.

»Leute, das ist wirklich alles sehr interessant. Aber haben wir nicht noch andere Sorgen? Was ist mit Kendra?« Kyras Stimme zitterte ein wenig. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, aber in ihrem Inneren musste ein Sturm herumwirbeln.

»Und ihr habt keine Ahnung, wo man sie hingebracht hat?« Tante Bertas Stimme klang wirklich besorgt.

Kian und Shay schüttelten den Kopf. Gleich nachdem sie von den Wachen aufgegriffen worden waren, hatte man sie getrennt. Die Jungen hatte man in das Gebäude der Obersten Verwaltung gebracht. Das Mädchen, Kendra, an einen anderen Ort.

»Pass auf, Kyra. Ich spreche mal mit ein paar alten Bekannten. Die können mir sagen, ob für diesen Vollmond irgendwo ein illegaler Wettkampf stattfinden soll. Und ich habe euch ja bereits erzählt, dass die Wachen sich gerne etwas dazuverdienen. Und es wäre nicht das erste Mal, dass eine Gefangene bei den Buchmachern wieder auftaucht.«

»Gsappa, du hast gesagt, dass du mit diesen Leuten nicht mehr verkehrst.«

»Bertachen, mein Täubchen, das tue ich doch auch nicht mehr. Normalerweise nicht. Aber das ist hier ein Notfall.«

»Aber wehe…«

»Nein, nein. Ich selbst werde nicht wetten. Versprochen.«

Tante Berta fixierte ihren Mann mit einem drohenden Blick, nickte dann aber zustimmend.

»Ich kann noch diesen Abend vorbeigehen, Kyra. Dann wissen wir bald mehr.«

Kyra zögerte eine Weile. Verständlicherweise würde sie gerne sofort etwas unternehmen, um ihre Schwester ausfindig zu machen. Aber im Augenblick schien Gsappas Vorschlag die beste Option. Schließlich nickte sie zustimmend.

*

Immerhin auf Makral konnte Tsarr sich verlassen. Der Oberste der Schergen und Wachen war persönlich in der Alten Stadt, um die Umtriebe dort vor Ort einzudämmen. Die Strategie, mit den Schatten Zwietracht im Volk zu schüren, war in der Alten Stadt nicht ganz aufgegangen. Zwar gingen sich Menschen und Toraks wie überall sonst inzwischen auch gegenseitig an die Kehle. Aber Proteste gegen Wachen und Schergen hatten deshalb nicht abgenommen. Inzwischen waren die Wachen verdoppelt worden und an jeder Straßenecke stand ein Spitzel. Selbst die Straßenkinder wurden inzwischen eingesammelt, damit hier wieder Ruhe und Ordnung herrschte.

Außerdem brauchte Tsarr die Straßenkinder.

Denn wenn es im restlichen Reich schon schwierig war, Jungfrauen für das Opferritual zu organisieren, war das in der Alten Stadt unmöglich. Warum hingen diese Wesen nur so an ihren Bälgern?

Also hatte sie Makral gebeten, einige Jungfrauen zu besorgen. Denn um den Segen Goibas zu erlangen, würde sie erstmal einige dieser Gören der Göttin von Tod und Kälte opfern. Natürlich mochte es Goiba lieber, wenn man sich ihr freiwillig hingab. Aber letztendlich war sie nicht wählerisch. Ein schreiendes Kind war ein gutes Opfer. Ein Opfer, das ihr helfen würde, ihren Plan durchzuführen. Jetzt musste dieser dumme Vampyr nur noch den Jungen finden. Dann würde sich alles zum Guten wenden. Für sie. Für sie alleine. Und für sonst niemanden.

*

Obwohl sie nicht geschlafen hatten und hundemüde waren, machten sich die Freunde auf den Weg ins Amphitheater noch bevor Tante Berta ein Mittagessen servieren konnte. Es war grau und kalt in der Alten Stadt, dunkle Wolken hingen am Himmel und verdeckten die Sonne. Mitleidloser Wind fegte durch die Straßen und ließ alle schlottern, die nicht einen dreilagigen Faolsmantel ihr eigen nannten.

Madad weigerte sich, die Schneckenbahn zu nehmen. Kyra war dies ganz recht. Sie fühlte sich in dem unterirdischen Labyrinth nicht wohl. Also gingen sie zu Fuß, auch wenn das Amphitheater am östlichen Stadtrand lag.

Unterwegs trafen sie auf einige Respektlose. Rückwärtsgeher, die sich dem normalen Vorwärtsgehen verweigerten. Außerdem sprachen sie alle Worte rückwärts aus, sodass eine Unterhaltung mit ihnen so gut wie unmöglich war. Kard hielt Ausschau nach Oiklihd, Arschimaedes und Puetontagoras, aber die Riesenkaninchen-Rebellen waren nicht darunter. Soweit Kard die Rede der Respektlosen entschlüsseln konnte, schimpften sie über die ganze Welt, in der jetzt jeder gegen jeden kämpfte, sodass das Alleinstellungsmerkmal der Respektlosen bedroht war. Was für eine unsinnige Welt, in der alle respektlos waren. Um respektlos zu sein, müsste man nun respektvoll sein. Ein echtes Dilemma.

Obwohl sie sich Kard und den anderen angeschlossen hatte, steckte auch Kyra in einer Zwickmühle. Viel lieber wäre sie losgezogen, um ihre kleine Schwester zu suchen. Aber da sie im ersten Moment auch keine bessere Idee gehabt hatte, als auf mögliche Informationen zu warten, die Gsappa an diesem Abend vielleicht mitbringen würde, war sie den anderen gefolgt. Aber je weiter sie sich vom letzten bekannten Aufenthaltsort ihrer Schwester, das Gebäude der Obersten Verwaltung, entfernten, desto unruhiger wurde sie. »Wird das lange dauern?«

»Wissen wir noch nicht, Kyra. Wir wissen ja noch nicht einmal genau, was wir dort suchen sollen.« Kard verstand Kyra, aber er hatte gerade andere Sorgen. Wochenlang hatten sie sich auf der Suche befunden und jetzt könnte er vielleicht bald das Rätsel seiner Herkunft lösen.

Das Amphitheater war eine halbrunde, treppenähnliche Konstruktion, die sich gegenüber einer Steilwand befand, einem Ausläufer der Drachenberge, der wie eine Zunge in die Stadt leckte. In dieser Steilwand befand sich der Eingang zu einer kuppelähnlichen Höhle. Laut Gsappa waren hier früher die Stallungen der Drachen untergebracht gewesen. Auf der freien Fläche davor wurden die Schuppenwesen gefüttert. Offensichtlich ein Schauspiel, zu dem sich viele Wesen versammelt hatten.

Es gab kaum Ruinen rund um diese Stätte, offensichtlich war dieser Stadtteil noch nie eng besiedelt gewesen. Drachen als Nachbarn zu haben, schien nicht nach jedermanns Geschmack zu sein. Auf den letzten Metern waren ihnen auch keine Patrouillen oder überhaupt irgendwelche Wesen entgegengekommen. Die Gegend wirkte ausgestorben, als ob ein alter Fluch alles Leben hier verbannt hätte. Nur einige Schwarzkrähen zogen einsam krächzend ihre Runden am wolkenverhangenen Himmel.

»Bisschen gruselig hier, oder?« Benji schaute sich ängstlich nach allen Seiten um.

»Kacke, das kannst du laut sagen.«

»Ach was, Benji. Das ist nur die Kälte.« Aber Kard sagte das nur, um sich selbst ein wenig Mut zu machen. Denn Benji hatte recht. Es war gruselig hier! Selbst Madad schien seine Pfoten vorsichtiger als sonst auf den Boden zu setzen, als ob er befürchtete, ein schlafendes Ungetüm zu wecken.

Die treppenähnliche Steinkonstruktion zeigte deutliche Zeichen des Verfalls. Aber dafür, dass sie über einhundert Jahre alt war, war sie in erstaunlich gutem Zustand. Sie bildete eine geschlossene Barriere, die man umrunden musste, um auf den freien Platz davor zu kommen.

»Könnte es nicht sein, dass Kendra doch noch im Gebäude war, nur irgendwo anders?« Kyra hatte laut gedacht.

»Wir mussten aber raus, bevor wir entdeckt wurden.«

»Stimmt ja schon, Kard. Aber man hätte sie irgendwo anders unterbringen können.«

»Aber wieso hätten die das tun sollen?«

»Vielleicht galt sie ja nicht als Beschlagnahmung.«

»Gut. Kann sein. Aber können wir bitte später darüber diskutieren?«

Kard warf Kyra einen genervten Blick zu und wandte sich zu Benji. »Benji, was sagst du? Gab es neben den Koordinaten noch andere Hinweise in dem Rätsel.«

»Weiß nicht. ›Finde, was du suchst und suche, was du findest.‹ Scheint mir nur ein Wortspiel zu sein.«

»Gut, dann lasst uns hier einfach mal herumgehen, ob uns irgendetwas auffällt.«

Inzwischen hatten sie die Tribüne umrundet und waren durch ein Portal getreten, das auf den leeren Platz vor der Höhle führte. Die Mauer, die diesen Platz einschloss, war immer noch intakt. Sie hatte ungefähr die Höhe zweier Toraks. Wenn man hier drinnen gefangen war, gab es kein Entkommen. Auf der einen Seite warteten die Drachen, auf der anderen die Zuschauer. Und damals hatten bestimmt die Soldaten des Drachenkönigs darauf geachtet, dass niemand die Flucht über die Sitzreihen antrat.

Zaza schwebte über den Platz. Sie zeigte selten, dass sie eine Luft-Magierin war, aber dieser Ort schien selbst der tätowierten Torak-Frau nicht ganz geheuer. Nicht, dass doch noch ein vergessener Drache aus der Höhle auf sie zukam?

»Ziemlich öde hier. Was soll man hier schon finden?« Kyras Stimme klang gelangweilt.

Kard beachtete sie nicht weiter. Stattdessen versuchte er, sich ganz auf diesen Ort zu konzentrieren. Sein Amulett begann zu pulsieren. Ruhig und kalt. Seltsame Gefühle. Ich fühle Angst und doch Vertrauen. Als ob man einem verschollenen Freund gegenübertritt, den man für tot geglaubt hatte. Misstrauen? Hoffnung? Ich weiß es nicht? Gehe in die Höhle, hörte er eine innere Stimme.

In Conchar galten Drachen als Wesen aus einem Märchen. Gestalten, die keinen Wirklichkeitsgehalt besaßen. Gute Zutaten für spannende Geschichten. Aber nicht mehr. Und selbst, wenn es Drachen gegeben haben sollte, muss das vor so langer Zeit gewesen sein, dass dies mit der heutigen Zeit nichts mehr zu tun hatte. Auch wenn der Drachenzahn auf seiner Brust echt sein mochte, waren die Bestien schon vor langer Zeit aus Haragor verschwunden. Das war genauso, als ob Drachen nie wirklich existiert hätten.

Aber was war dann das hier für ein Ort? Einfach nur eine Theaterbühne? Hatten schon zur Zeit der Drachenkönige wilde Barden mit barbarischen Klängen die Menge begeistert? Oder stimmt die Geschichte von Onkel Gsappa? Auch wenn es keine Drachen mehr geben sollte, gab es keinen Ort, an dem Kard sie mehr spürte als hier.

Er trat unter die Kuppel.

Er bemerkte nichts. Keine alte Magie, keine Magie, die auf Branu oder Goiba zurückging. Es war einfach nur eine Kuppel. Mit glatten, dunklen Wänden. Auf denen Kratzspuren zu sehen waren.

Kratzspuren oder Schlieren im Fels? Natürliche Unregelmäßigkeiten? Kard trat näher an den Fels, betrachte die Rillen darin, strich mit den Fingern darüber. Wahrscheinlich einfach nur Einkerbungen, die Zeit und Wetter in den Fels getrieben hatten.

Langsam schritt er die Wand ab. An einer Stelle schien ein Stollen mit Schotter verschlossen zu sein. Oder war es auch nur eine natürliche Deformierung? Falls sich hinter der geröllartigen Felswand tatsächlich ein Stollen befinden sollte, könnte er zum Branubrabat führen. Die Richtung würde stimmen. Allerdings könnte ein möglicher Stollen natürlich auch sofort eine Kurve machen und sonst wohin führen. Aber auch hier spürte Kard keine besondere Verdichtung von Magie. Vielleicht wollte er hier einfach Zusammenhänge sehen, die es gar nicht gab? Ich will etwas finden! Ich weiß nur nicht was? Und plötzlich bekommt alles eine Bedeutung. Aber ich glaube, ich bilde mir das alles nur ein. Es war letztendlich doch nur eine Kuppel.

»Yo, was gefunden?«

»Nein, Madad, du?«

Der Cu verneinte. Auch Zaza, Benji und Kyra kamen nun zu Kard unter die Kuppel. Niemand hatte etwas entdeckt, das man als Hinweis deuten konnte.

»Dann können wir ja wieder gehen.«

»Geduld, Kyra. Irgendwas muss hier sein.«

»Geduld? Kard, meine Schwester ist immer noch verschwunden. Wer weiß, vielleicht wird sie gerade gefoltert, du kennst die Wachen. Und da soll ich Geduld haben?«

Kard versuchte ihr seinen Arm beruhigend über die Schulter zu legen, aber Kyra trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich würde gerne zurückgehen. Und dann zum Gebäude der Obersten Verwaltung. Irgendwie werde ich da schon hereinkommen.«

»Jetzt? Tagsüber? Kacke, das geht nicht.«

»Geht nicht, geht nicht. Aber hier herumlaufen und nach irgendwelchen Zeichen Ausschau halten, das geht, ja?«

»Schau Kyra, heute Abend…« Aber Benji kam nicht weit mit seinem Satz.

»Heute Abend ist Kendra vielleicht schon tot. Ich habe da ein ganz ungutes Gefühl.«

»Sobald wir hier fertig sind…« Auch Kard wurde von Kyra unterbrochen.

»Sobald, sobald. Ich kann nicht mehr warten.« Kyra konnte kaum noch ihre Tränen zurückhalten. Die anderen sahen sich hilflos an. »Ich… dann gehe ich jetzt eben alleine. Ihr tut immer alle so schlau, aber keiner von euch hat jetzt eine Idee, wie wir meine Schwester retten können.«

»Vielleicht bekommt Onkel Gsappa heute Abend ja ein paar Informationen, die uns weiterhelfen?« Aber auch die Worte von Glast konnten das Mädchen nicht beruhigen.

»Uns? Ihr interessiert euch doch nur für euer blödes Rätsel. Kendra ist euch doch vollkommen egal.«

»Kyra, das stimmt nicht, wir wissen im Augenblick…« Kard hätte Kyra wirklich gerne geholfen.

»Ihr wisst sowieso überhaupt nichts. Schaut euch doch mal an. Ihr steht hier rum und schaut Löcher in die Luft. Ihr habt keine Ahnung, wonach ihr suchen sollt. Ihr habt überhaupt keine Ahnung von gar nichts. Vielleicht sucht ihr ja sowieso an der falschen Stelle. Woher seid ihr denn so sicher, dass man hier etwas findet? Wegen der Drachen? Die gab es doch nie. Das ist doch nur ein Märchen. Aber Kendra ist kein Märchen.«

»Aber Kyra, wir…«

»Ich bin euch wirklich dankbar, dass wir heute Nacht Kian und Shay befreit haben. Aber ich kann jetzt nicht mehr. Ich nehme jetzt die Zentrallinie und fahre zurück. Ich habe schon genug Zeit hier vergeudet. Kommt jemand mit?«

»Warte mal, Kyra.«

»Nein, Benji. Ich habe genug gewartet.«

»Du willst zurück mit der Schneckenbahn?«

»Genau. Mag ich zwar nicht. Ist aber jetzt schneller als zu Fuß.«

»Kard?«

»Was ist Benji?«

»Vielleicht hat Kyra recht.«

»Was meinst du?«

»Dass wir hier am falschen Ort suchen.«

»Wieso Benji? Alles passt, oder? Die Koordinaten. Die Arena der Drachen. Wir müssen nur richtig suchen.«

»Aber was, wenn wir das mit den Koordinaten falsch gedeutet haben.«

»Wieso? Wenn man die alte Karte liest, sind wir hier genau richtig.«

»Das Rätsel sagte: Zentrum O 3 4. Richtig?«

»Richtig.«

»Genau genommen sind wir hier am Ort O 3 4.«

»Auf was willst du hinaus.«

»Vielleicht ging es gar nicht um die Koordinaten?«

»Um was sonst?«

»Kyra. Welche Linie nimmst du zurück?«

»Die Zentrallinie.«

»Weiß noch einer, wie diese Route der Schneckenbahnlinie auf dem Stadtplan hieß?«

Kard und Madad schauten sich an.

»Zentrum?«

»Genau.« Benji nickte. »Die Bezeichnung in der Legende des Plans für diese Schneckenbahnlinie war Zentrum. Und es gibt auch eine Haltestelle, die so heißt. Nicht wahr, Kyra?«

Kyra nickte. »Zentrum. Das ist der Zentrale Platz. Ist doch klar.«

»Ist doch klar, ist doch klar. Du bist lustig. Nichts ist klar.« Kard war sich sicher, dass sie hier richtig waren. Oder irrte er sich?

»Im Rätsel hieß es ›Alte-Stadt-Karte-Davischi-Zentrum-O-drei-vier‹. Wir haben auf der Karte nur nach den Koordinaten O-drei-vier geschaut, das Wort Zentrum haben wir gar nicht beachtet! Vielleicht sind es doch keine Koordinaten. Oder irgendwie schon. Aber Zentrum muss auch eine Bedeutung haben. Und auf dem Plan gibt es die Schneckenbahn. Und es gibt die Linie Zentrum. Das könnte unsere Spur sein.«

Kard, der den Ausführungen Benjis mit großem Interesse gefolgt war, war noch nicht ganz überzeugt. »Gut, Benji. Du hast recht, das könnte eine Erklärung sein. Aber genauso gut könnte das hier der richtige Ort sein.«

»Kacke, aber hier ist nichts. Auch wenn ich nur eine kleine Luft-Magierin bin, kann ich hier nichts spüren. Gut, es gibt hier diese ganze Drachen-Aura. Aber Magie kann ich hier keine spüren. Und sollte es nicht ein wenig magisch sein, wenn es um Branu und Goiba geht?«

»Yo, Kard, Zaza hat recht. Kann ja nicht schaden, wenn wir mal zum Zentralen Platz gehen. Die Arena der Drachen läuft uns ja nicht weg.«

»Aber wenn wir nichts finden, kommen wir hier wieder zurück.«

»Machen wir«, bestätigte Benji.

Ich spüre hier etwas. Etwas, was die anderen offensichtlich nicht spüren. Aber ich weiß im Moment auch nicht weiter.

Benji bot Kard die offene Hand an. Er schlug ein und die anderen klatschten ebenfalls ab.

»Also? Wo ist der nächste Eingang zur Schneckenbahn?« Kard war nun überzeugt.

»Gleich dort hinten. Ich steige dann mit euch aus. Aber ich gehe dann zum Verwaltungsgebäude.«

»Gut, Kyra. Aber jetzt gehen wir erst einmal zusammen.«

*

Als Gsaxt die dunkle Gestalt unter dem Türsturz des Knochenbruchs sah, glaubte er zunächst, dass die Wachen ihm mal wieder einen Besuch abstatteten. Zur Sicherheit ging er hinter den Tresen und griff sich ein Schlagholz, das er seit der Verhaftung seines Bruders dort immer bereithielt. Als der Torak, der ohne anzuklopfen die Tür aufgestoßen hatte, mit einem Menschen den Schankraum betrat, war sich Gsaxt sicher, das nun seine Stunde geschlagen hatte. Aber wenn sie nur zu zweit gekommen waren, dann würden sie hier keine Freude haben. Denn er war nicht allein.

Die Gestalt schob sich durch die Lichtstrahlen, die durch die geschlossenen Fensterläden hineinsickerten. Gsaxt konnte keine Waffen erkennen. Keine Armbrust, keinen Schlagstock. Das machte ihn noch misstrauischer. Vielleicht waren es Schergen, die ihn unter Druck setzen wollten, den Knochenbruch endlich zu verkaufen. Oder eher gesagt zu verschenken. Denn sie wollten ihm weismachen, dass er die Kneipe sowieso nicht mehr lange halten könne, wenn er weiterhin gepanschtes Schoff ausschenkte. Die Schergen hatten insoweit recht, als er kaum noch Menschen unter seinen Gästen zählte. Das war früher anders gewesen. Aber die Gäste, die ihm treu geblieben waren, Toraks wie Menschen, beschwerten sich nicht über verdünnte Getränke. Eher darüber, dass es schon am frühen Abend nur noch Wasser gab. Denn viele der Winx-Bauern weigerten sich inzwischen, Torak-Kneipen zu beliefern. Zu ihrem eigenen Nachteil. Niemand konnte so viel Winx in sich hineinschütten, wie ein durstiger Torak.

Erst als Gsark direkt vor ihm stand, erkannte er seinen Bruder.

»Da staunst du, Kleiner, was?«

Sie fielen sich um den Hals. Beiden liefen die Tränen über die Wangen, aber keiner sagte etwas. Ein Torak wird doch nicht weinen. Und wenn doch, hat es keiner gesehen.

Dann klopften sie sich stumm auf die Schultern. Immer noch war kein weiteres Wort gefallen. Eine Zungenbewegung hätte sonst einen weiteren Tränenschwall ausgelöst. Gsark fasste sich als erster.

»Und das ist mein Freund Klaus.«

Gsaxt konnte Ohren und Augen nicht trauen. Da kam sein Bruder putzmunter durch die Tür geschritten und stellte einen Menschen als seinen Freund vor. War die Welt denn verrückt geworden?

»Dein Freund?«, musste Gsaxt ungläubig nachfragen. Sein Bruder nickte.

»Torak, Mensch, Ichto, Wahter. Alle gleich. Wir sind alle gleich.«

Gsaxt konnte es immer noch nicht glauben.

»Wir waren zusammen in den Schwefelminen, Bruder. Und ich sage dir, wenn du mit jemandem zusammen diese Hölle überlebt hast, wird dir erst einmal klar, was Freundschaft bedeutet.«

»Schwefelmine?« Der schlimmste Ort in ganz Haragor? Und von dort war sein Bruder entkommen? Denn es musste ihm die Flucht geglückt sein. Niemand war bisher aus der Sklaverei entlassen worden und war von dort lebend zurückgekehrt.

»Der Befreier hat uns gerettet«, machte sich jetzt Klaus bemerkbar.

Der Befreier? Wer oder was sollte das denn sein? Gsaxt verstand gar nichts mehr. Und sein Bruder nickte dazu nur zustimmend? Sein Bruder, der immer mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen gestanden hatte, auch wenn er früher dazu gerne einen lockere Zunge und eine schwingende Keule in der Hand gehabt hatte?

»Und das Beste ist, Gsaxt, dass du unseren Befreier sogar kennst. Es ist Kard. Du weißt schon. Der Junge, den Wallas mit dem Minas-Schwert losgeschickt hat. Das Schwert hat er zwar nicht mehr. Aber das braucht er auch gar nicht.«

Und dann erzählte Gsark von der Befreiungsaktion. Davon, dass Branu ihnen zuvor ein Zeichen gegeben hatte. Und dass der Junge dann über zwanzig Wachen im Alleingang besiegt hatte. Mit Hilfe Branus. Und des Feuers.

Klaus demonstrierte noch einmal, was sein Freund meinte, indem er die Geräusche von Explosionen imitierte, begleitet von ausholenden Armbewegungen, die den Widerschein der Feuerkugeln darstellen sollten. Der Torak bekam langsam eine Idee davon, wieso man Kard nun als Befreier vergötterte.

»Und, Bruder, wie ist es dir ergangen. Haben die Wachen wenigstens dich in Ruhe gelassen?«

Gsaxt nicht bedächtig. »Ich war nicht ganz untätig. Die Druckerpresse läuft auf Hochtouren. Aber inzwischen habe auch ich etwas umgedacht, lieber Bruder. Ich weiß nicht, ob du unseren Gast schon bemerkt hast. Darf ich vorstellen. Achilla.«

Aus einem Schatten löste sich eine Gestalt und trat einen Schritt auf sie zu. Eine Amazone. Aber das alleine war es nicht, was Gsark den Atem raubte. Es war auch nicht die enge Lederkluft, die wie eine zweite Haut um die Figur der Frau lag. Und es waren auch nicht die Tätowierungen auf den Oberarmen. Was ihm den Atem nahm, war das große scharfe Schwert, dass die Amazone in der Hand hielt.

*

Madad war grün angelaufen. Die Schneckenschleimausdünstungen machten ihm ganz schön zu schaffen. Aber er hatte den Kopf in den Pfoten verborgen und versuchte sich so, an die Situation zu gewöhnen.

Kard war hin- und hergerissen. Einerseits fühlte er, dass er seinem Ziel nahe war und er wollte so schnell wie möglich Gewissheit haben. Andererseits gab es Kendra. Was war, wenn Kyras Schwester tatsächlich in Gefahr war? Während sie im Rennschneckentempo durch die Tunnel der Alten Stadt düsten, zermarterte er sich das Gehirn, wie sie nun vorgehen sollten.

»Gut, Kyra. Wir machen es so. Wenn wir am Zentralen Platz ankommen, dann überprüfen wir, ob wir etwas mit diesen Koordinaten anfangen können. Und dann kümmern wir uns um deine Schwester, einverstanden?«

»Das ist nett von dir. Von euch. Aber es darf nicht zu lange dauern.« Kyras Gesichtszüge, die erst störrisch und ablehnend gewesen waren, wurden plötzlich viel weicher. »Ich habe einfach Angst, Kard. Kendra ist noch so klein und wer weiß, in welchen Schwierigkeiten sie gerade steckt.«

»Das verstehe ich, Kyra. Aber sieh auch mal meine Seite. Seit Wochen versuche ich nun dieses Rätsel zu lösen. Vielleicht werde ich dadurch erfahren, wer meine Eltern waren. Andererseits läuft mir die Lösung auch nicht weg. Aber wenn wir jetzt schonmal am Zentralen Platz sind, möchte ich gerne überprüfen, ob wir mit unserer Vermutung richtig liegen.«

Kyra nickte und nahm Kards Hand. »Danke.«

Kard drückte ihre Hand. Das fühlte sich gut an. Ihre Hand in seiner.

An der Haltestelle ›Zentraler Platz‹ kreuzten sich die Nord-Ost- und die West-Südlinie der Schneckenuntergrundbahn. In der riesigen Höhle liefen vier Spuren parallel, die Bahnsteige waren durch Treppen und Tunnel verbunden, überall waren Glühwürmchen aufgehängt, deren leuchtende Hinterleiber den Ort in flackerndes Licht tauchten. Ein Unmenge an Wesen rannte hier wild durcheinander. Kard wunderte sich, dass sie sich hier nicht alle über den Haufen liefen. Und es stank fürchterlich, Madad tat ihm wirklich leid.

Der Sage nach war das auch der Ort, an dem das viele Gold gefunden worden war, das den Beginn der Dynastie der Drachenkrieger begründet hatte. Eine andere Geschichte erzählte, dass der Ursprung des Goldes keine natürliche Goldader war, die das Wasser im Laufe von Jahrtausenden ausgewaschen hatte, sondern dass dies der Schatz eines Drachen gewesen sein sollte. Kard stellte sich vor, wie eines der riesigen Schuppentiere auf einem Berg voller glitzernder Metalle lag. Der Ort, an dem er sich gerade befand, würde gut zu diesem Märchen passen. Nur, dachte Kard weiter, wo wollte denn dieser sagenhafte Drachen das ganze Gold herbekommen haben? Bekanntermaßen rauben die Schuppentiere die Reichtümer anderer Königreiche. Aber welche Königreiche sollten das gewesen sein? Die Drachenkönige hatten das Reich doch erst gegründet? Oder gibt es noch etwas jenseits von Haragor? Aber ist das nicht das Reich der Götter?

»Pass doch auf, du Hinterwäldler.«

Gedankenverloren hatte Kard seinen Blick in dieser riesigen Höhle umherwandern lassen und wäre beinahe mit einem eiligen Passanten kollidiert.

Die Freunde standen auf dem Bahnsteig und blickten sich nun nach allen Richtungen um. Benji zeigte auf den westlichen Ausgang.

»Müssen wir da raus?« Zaza war Benjis Fingerzeig mit dem Blick gefolgt.

»Nein, Zaza. Schau mal, welches Zeichen da über dem Eingang ist. Oder genauer gesagt, welcher Buchstabe.«

»Ein W.«

»W wie Westen. Und es gibt noch den Nord-, den Süd- und den Ostausgang.«

Kard begriff. Über dem Osteingang prangte das O.

»Du meinst, das sind die Koordinaten aus dem Rätsel?«

»Könnte sein, oder? Es fragt sich jetzt nur, was wir mit den Zahlen anfangen.«

»Yo, ich sehe keine Zahlen.«

»Kacke, ich auch nicht.«

Die Kinder versammelten sich um den Osteingang. Eine Treppe führte hier hoch zum Zentralen Platz. Auf den ersten Blick konnten sie hier keine weiteren Hinweise entdecken. Schon wieder eine Sackgasse? Was sollten wir jetzt machen? Weitersuchen? Oder es später noch einmal probieren?

»Gut, Kyra. Dann erstmal Kendra.«

Die anderen nickten. Die Lösung des Rätsels musste warten.

»Und, Kyra, hast du einen Plan?«

Das Mädchen nickte.

»Einer von euch liefert mich bei den Wachen am Tor ab.«

Kard glaubte, sich verhört zu haben.

Ist sie jetzt völlig verrückt geworden?

»Spinnst du, Kyra? Was soll das bewirken?«

»Ich bin eine Beschlagnahmung. Ein Straßenkind. Wie meine Geschwister. Wenn ich drin bin, wird mir schon etwas einfallen.«

»Wird dir schon etwas einfallen? Das ist dein ganzer Plan? Das gefällt mir nicht, Kacke?« Die Torak sah das Menschenmädchen entsetzt an. Wie konnte man sich freiwillig in die Hände der Wachen begeben?

»Yo, was haltet ihr davon, wenn nicht irgendeiner Kyra am Tor abliefert, sondern eine Wache?«

»Bist du jetzt total übergeschnappt, Madad?«

»Mama sagt immer, der Schein trügt.«

»Was soll das jetzt schon wieder heißen?«

»Die Wache ist gar keine Wache. Sondern einer von uns.«

»Du vielleicht, Madad? Die Cu-Wache?«

»Zaza zum Beispiel. Ich könnte mir dich gut in Uniform vorstellen.«

»Uniform?«

»Genau. Glaubst du, alle Wachen kennen sich untereinander? Gsappa hat doch erzählt, dass es viel mehr geworden sind, seit dieser Makral in der Stadt ist.«

Jetzt schwiegen die anderen. Die Idee könnte sogar funktionieren.

Sie standen noch immer auf dem Bahnsteig des Zentralen Platzes. Die nächste Schnecke kam den Tunnel nun entlang geprescht und hielt mit spritzenden Schleimfontänen an der Haltestelle. Die Passagiere, einige Toraks und Menschen, verließen die Transportkabine und gingen zu den Ausgängen. Kard gab den anderen ein Zeichen, ihnen zu folgen. Sie gingen die Osttreppe hinauf. Kard schaute noch kurz, ob sie irgendwelche Hinweise übersehen hatten, konnte aber nichts entdecken.

Inzwischen war es Mittag. Auf dem Zentralen Platz war wenig los. Die Altäre der Götter lagen verlassen unter dem grauen Wolkenhimmel. Der kalte Winterwind blies sein trauriges Lied und ließ die Kinder frösteln. Im U-Bahnhof hatte es zwar wie die Pest gestunken aber es war wenigstens warm gewesen. Eigentlich ein gemütlicher Ort für einen Drachen.

An der Ostseite des Platzes begann die Große Allee mit all ihren Spielcasinos. Aber selbst dort herrschte um diese Zeit relative Ruhe. Die Horde der Spielsüchtigen würde sich erst gegen Abend hier versammeln. Eine schöne, ruhige Zeit. Wenn jetzt eine einsame Wache hier herumstolpern würde, die gerade noch ein Geschäft erledigen musste, um danach einsam und verlassen seiner Kompanie hinterherzulaufen, könnte man die sicherlich unbemerkt erledigen. Nur leider lief hier nirgendwo eine einsame Wache alleine durch die Gegend.

Glast, der mit großen Augen den anderen hinterhergelaufen war, zeigte auf eine der Buden, die am Rand der Großen Allee standen. »Pfandhäuser. Die haben auch Kleider.«

In den Pfandhäusern versetzten die Spielsüchtigen ihr Hab und Gut, um dann im Casino reich zu werden. Neben dem Schmuck der Großmutter gaben manche hier ihr letztes Hemd. Und unter der Ladentheke wurden die Sachen gehandelt, die als gefährlich oder verboten galten. Zum Beispiel die Uniformen spielsüchtiger Wachen. Alle schauten nun Zaza an.

»Was?«

»Du siehst so aus, als ob du gerne Uniformen kaufen würdest.«

»Ich? Uniformen? Branu bewahre.«

»Aber ich glaube, von uns allen bist du diejenige, der man das da drinnen am ehesten glauben würde. Oder sollen Benji oder ich hineingehen und nach einer Uniform fragen?«

Ergeben nickte Zaza. Natürlich. So einer tätowierten Torakfrau traute man alles Mögliche zu. Es wäre nicht besonders verdächtig, wenn sie nach einer Wachenuniform fragen würde.

»Aber wie sollen wir das bezahlen?« Kyra schaute fragend in die Runde.

»Wie wäre es damit?« Kard griff in das Bündel, das er auf den Rücken trug. Er ließ seinen Blick umherschweifen, um sicher zu gehen, dass sie niemand beobachtete. Er deutete auf eine enge Gasse, die auf den Zentralen Platz mündete. »Geht es da nicht zu Murkslin? Was der alte Halunke wohl so treibt? Weißt du es vielleicht, Kyra?«

»Immer noch seine Salben verkaufen.«

Nachdem Kard sich vergewissert hatte, dass ihm niemand zusah, holte er das Schwert hervor, das er in Truk geschmiedet hatte und streckte es Zaza entgegen.

»Holen die nicht sofort die Wachen, wenn ich mit einem Schwert dort drinnen erscheine?«

»Du willst doch eine Uniform kaufen. Also auch etwas, was offiziell verboten ist. Ich wette, die werden begeistert sein.«

Zaza wiegte zweifelnd den Kopf. »Na gut. Ich versuche es.«

Kard wickelte das Schwert in ein Tuch und übergab es Zaza. »Viel Glück.«

Die drei Pfandhausmitarbeiter rissen die Augen auf, als eine tätowierte Torakfrau ihnen im Büro das Schwert zeigte. Als Zaza ihnen im Verkaufsraum vor wenigen Minuten zugeflüstert hatte, dass sie an der Uniform einer Wache interessiert sei, hatte der Chef gleich seine halbe Familie, mit der er dieses Etablissement am Laufen hielt, zusammengerufen und sie ins Hinterzimmer gelotst.

Der Raum wurde von einem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz dominiert, an den Wänden befanden sich Regale mit Inventarbüchern, an der Decke hatte man ein halb verhungertes Glühwürmchen befestigt, das kaum noch leuchtete. Während sich der Großvater hinter den Schreibtisch gezwängt hatte, war der Sohn losgelaufen, um etwas Zuckerwasser zu besorgen. Als er damit zurückkam, fütterte er damit das Glühwürmchen, das sofort begann, heller zu strahlen. Der Vater hatte sich nun über das Schwert gebeugt und strich vorsichtig mit dem Finger über das Metall. Allen drei Menschen hatte der Anblick des Schwertes die Sprache verschlagen.

»Das ist die Abschlussarbeit eines Schmiedes. Dieser Torak ist aber jetzt im Steinbruch.«

Die Pfandhausmitarbeiter nickten. Es war bekannt, dass die Torakschmiede früher Schwerter hergestellt hatten. Dass dies auch heute noch so gemacht wurde, war zwar verwunderlich aber nicht unmöglich.

»Und du wolltest eine Wachenuniform dafür?«

Zaza nickte.

»Von einem Torak?«

»Mal nicht so schnell, Sohn. Erst mal müssen wir prüfen, ob das Schwert echt ist.«

Der Vater sah den Großvater entgeistert an. »Pa. Das ist ein Schwert. Was soll es denn sonst sein? Ein Tortenheber?«

Der Großvater nickte vielsagend. »Da ist was dran.«

Der Jüngste ließ seinen Blick immer nur zwischen den beiden Menschen und der tätowierten Torakfrau hin und her wandern. So aufregend wie heute war es selten in diesem Geschäft.

»Tortenheber, das ist lustig.« Zaza versuchte, ihre Nervosität mit einem künstlichen Lächeln zu überspielen. Bei ihr verursachte der Anblick eines Schwertes den Wunsch, das Weite zu suchen. Sie spuckte zwar gerne große Töne, aber im Grunde ihres Herzens war sie lammfromm. Und ging einem Streit mit den Wachen lieber aus dem Weg. Wenn diese Menschen jetzt nicht mitspielen würden, konnte das unangenehme Konsequenzen haben.

»Was meinst du, Pa. Ein Schwert, wieviel Argits bringt das ein?«

Die drei Menschen sahen nun Zaza an.

»Eine Uniform? Mehr nicht?«

Zaza schüttelte verneinend den Kopf. Sie wollte so schnell wie möglich hier wieder raus. Der enge Raum. Diese drei Menschen. Das auf- und abschwellende Licht des Glühwürmchens. Zaza standen Schweißtropfen auf der Stirn. »Eine Wachenuniform. Das reicht mir.«

Der Großvater grinste. »Haben wir da nicht noch etwas in der Schublade?«

Der Vater zog einen Schlüssel hervor und ging dann vor dem Schreibtisch in die Knie. Zaza hörte ein Schloss knirschen, dann das Geräusch, als die Lade herausgezogen wurde.

»So etwas?« Der Mensch hatte nun eine Wachenuniform in der Hand und hielt sie vor Zaza in die Höhe. Es war die Uniform eines Toraks, schon etwas zerschlissen, aber sie würde ihren Zweck erfüllen.

Der Großvater streckte den Arm über den Schreibtisch aus und bot Zaza die offene Hand an.

»Abgemacht.« Zaza schlug ein und griff sich die Uniform.

»Boa, Papa, ein echtes Schwert. Dafür kriegen wir bestimmt ein paar hundert Argits.«

Großvater und Vater schauten den Sohn mit schmerzverzerrtem Gesicht an, dann wanderte der Blick zu Zaza. Die aber schaute wie hypnotisiert das zappelnde Glühwürmchen an.

»Und das da hätte ich auch noch gerne.«

»Natürlich. Das Glühwürmchen. Kein Problem.« Ohne zu zögern kletterte der Vater auf einen Stuhl, band das Tier von der Decke und drückte es Zaza in die Hand. Dann stiefelte er voran. Großvater und Sohn folgten ihm.

»Habt ihr denn keine Öllampen?«, fragte Zaza beim Hinausgehen.

»Doch. Ein Glühwürmchen ist aber billiger. Das bisschen Zuckerwasser, was es verbraucht.«

Zaza schüttelte den Kopf. Jeder wusste, dass Glühwürmchen in geschlossenen Räumen irgendwann den Verstand verloren und anfingen, wahllos zu flackern. Dann musste man sie entsorgen, sprich ihnen den Hals umdrehen, da niemand ein wild flackerndes Glühwürmchen wollte. Echte Glühwürmchenschinderei.

Im Verkaufsraum wickelte man Zaza die Uniform noch schnell in braunes Packpapier, damit niemand sehen konnte, was die Torakfrau aus dem Laden trug. Freudig winkten die drei ihr hinterher. In ihren Augen hatten sie wohl gerade ein gutes Geschäft gemacht.

Aber Zaza hatte erreicht, was sie wollte. Und außerdem noch ein Glühwürmchen aus der Tiersklaverei befreit. Kaum hatte sie den Laden verlassen, ließ sie das Glühwürmchen frei, das etwas verwirrt langsam in die Höhe stieg. Zaza fühlte sich richtig gut, als sie die anderen wieder traf.

»Hier. Hat einwandfrei geklappt.«

»Zaza oder Glast? Wer von euch beiden will Kyra begleiten?«

»Ich will, ich will.«

»Du weißt schon, Glast, dass das nicht ungefährlich ist. Wenn die herausbekommen, dass du keine echte Wache bist, dann landest du vielleicht wieder in der Schwefelmine.«

»Nein, Kard. Du bist doch bei mir. Außerdem weiß ich genau, wie man sich als Wache verhalten muss. Hatte in der Mine ja genug Zeit, sie zu beobachten. Passt auf.« Glast stellte sich hin, schob das Kinn nach vorne und blähte den Brustkorb auf. Mit verstellter Stimme begann er zu sprechen. »Alles Gesindel. Wir müssen hier mal richtig aufräumen. Der Galgen auf der Schwarzen Burg ist viel zu wenig für diesen Abschaum.«

Kyra applaudierte. »Perfekt.«

Damit war es abgemacht. Glast wechselte die Hosen und zog die schwarze Jacke an. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er sich in die perfekte Wache verwandelt.

»Dann führe mich mal ab, du böse Wache.«

Glast legte Kyra eine Hand auf die Schulter. »Komm mit, du ungezogenes Straßenkind.«

»Und mich bitte auch abführen.« Kard hatte sich neben Kyra gestellt.

»Nein, Kard, das musst du nicht…«

»Doch, Kyra! Vielleicht brauchst du jemanden, der ein wenig Licht ins Dunkle bringt. Wer weiß, in welchem abgelegenem Verlies wir Kendra finden. So eine kleine Feuerkugel könnte da sehr nützlich sein.«

Kyra sah Kard mit einem belustigten und vorwurfsvollen Blick an. »Danke.«

»Und jetzt bitte ab in den Kerker.«

Glast war die personifizierte Wache. In der Uniform sah er gleich einen Kopf größer aus. »Habe hier zwei Straßenkinder beschlagnahmt.«

Der Torak stand mit Kyra und Kard vor dem Tor der Obersten Verwaltung. Die beiden Wachen beachteten ihren Kollegen gar nicht. Aber die Kinder hatten ihre ganze Aufmerksamkeit.

»Seid froh, dass der Kollege euch aufgegriffen hat. Jetzt bekommt ihr ein richtiges Zuhause.«

Was sich nett anhörte, wurde durch das fiese Grinsen der Wachen widerlegt. So würde man auch mit einem leckeren Braten reden, den man in den Ofen schiebt. »Wir übernehmen. Kollege, führe unsere neuen Gäste bitte nach innen.«

»Sehr wohl, Kollege, wird gemacht.«

»Und du kannst wieder zurück zu deiner Kompanie. Bist wohl neu hier. Solltest dir mal eine andere Uniform besorgen. Das Modell, was du trägst, verwenden wir hier schon eine ganze Weile nicht mehr.«

»Aber…«

»Kein Problem. Es gibt so viele neue Wachen, seit dieser Makral hier mit seinen Leuten aufgetaucht ist, da kann das schonmal passieren.«

»Aber…«

»Also ab zu deiner Kompanie, Wache.«

»Sehr wohl, Kollege.« Glast machte kehrt und trat den Rückzug an. Als er sich noch einmal umdrehte, hatte eine Wache Kyra und Kard bereits abgeführt. Er konnte gerade noch sehen, wie sich das Tor hinter ihnen schloss.

Der Uniformierte ging mit den Kindern zur Registrierstelle der Obersten Verwaltung, die sich direkt hinter dem Tor befand. An einem länglichen Schreibtisch aus braunem Holz saßen drei uralte Menschenfrauen, die eifrig in den drei Büchern, die vor ihnen lagen, blätterten und dabei ständig ihre Lippen bewegten, als ob sie stumm sprechen würden. Hinter ihnen konnte konnte man einen Haufen Garn oder Stricke erkennen, weiß das Schicksal, was es damit auf sich hatte.

»Neuzugang, Verwalterin Urd.«

»Neu, neu. Nichts ist neu in dieser Welt. Alles kommt, geht und kommt wieder.« Die Frau hatte ihren Kopf nun gehoben und schaute Kard und Kyra an. Ihr Haar war strähnig und grau, ihre Haut voller Falten, ihre Augen mit einem grauen Schleier belegt, als ob sie blind sei. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Kard war automatisch einen Schritt zurückgetreten, als die Verwalterin ihn anstarrte. Aber die Wache hatte ihn unwirsch wieder nach vorne gestossen.

»Name?« Die Stimme der Frau war ein leises Kreischen, als ob man eine verrostete Tür in den Angeln hin- und herbewegte.

»Ka… Karpfen!«

»Was ist dir denn da für ein Fisch ins Netz gegangen, Wache. Karpfen? Was soll das denn für ein Name sein?«

»Fischer. Fischername. Meine Eltern sind Fischer.«

»Fischer? Und du heißt dann wohl Forelle oder Schwarzhai?« Verwalterin Urd hatte ihre Aufmerksamkeit nun Kyra zugewandt. Das Mädchen nickte zustimmend.

»Aha. Also? Wie ist nun dein Name?«

»Hering, Frau Verwalterin. Ich heiße Hering.«

Kurzes Schweigen.

Dann lachten die drei Verwalterinnen los. Eine Mischung aus Metall, das man gegeneinander reibt, nassem Husten und näselndem Röcheln.

»Hering. Hering und Karpfen. Das ist ja mal ein Fang.« Verwalterin Urd nahm nun einen Federkiel, tränkte ihn in ein kleines Tintenfass und verzeichnete die Ankunft der Neuen in ihrem Buch.

»Also, ist registriert. Die Fischerkinder Hering und Karpfen sind nun im Inventar der Obersten Verwaltung aufgenommen. Sie sind dir, Verdandi.«

Die mittlere Beamtin ähnelte ihrer Kollegin wie ein Ei dem anderen. Wären nicht Namensschildchen an ihren Blusen, hätte man sie nicht auseinanderhalten können. »Wo stecken wir euch hin? Den Jungen zu den Beschlagnahmungen! Aber das Mädchen zu den Opfergaben!«

Kard und Kyra sahen sich an. Automatisch hatten sich ihre Hände gefunden. Mißbilligend sah Verwalterin Verdandi die jungen Menschen an.

»Jetzt ist Schluß mit lustig. Was seid ihr? Geschwister oder Liebespaar?«

Liebespaar? Wer? Kyra und ich?

Die Vorstellung eines Liebespaares schien wohl sehr lustig zu sein, denn das unmelodiöse Gelächter ging schon wieder los. Selbst die Wache, die hinter ihnen stand, ließ sich anstecken und prustete los.

Wieder würde eine Feder gezückt und der Verbleib der Neuankömmlinge registriert.

»Übergebe an Verwalterin Skuld.«

Die dritte Verwalterin schaute ohne den Kopf zu heben in ihr Buch und blätterte die Seiten immer wieder hin und her, als ob sie etwas suchen würde, aber nicht fündig wurde. »Was machen wir mit euch? Was machen wir mit euch? Das Heringsmädchen, das ist klar. Aber der Junge. Karpfen? Küchenhilfe oder zu den Ichtos? Werden wir sehen, werden wir sehen.« Auch sie kritzelte etwas in ihr Buch und nickte der Wache dann kurz zu. Der Uniformierte stieß die Kinder daraufhin in den Rücken und schob sie von den Verwalterinnen fort, die nun wieder wie Puppen dasaßen und still die Lippen bewegten.

»Dachte ich mir schon, dass das so läuft.« Die Wache hinter ihnen trat einen Schritt näher und sprach mit gesenkter Stimme. »Die halten sich ja für so schlau, diese drei Strippenzieherinnen da vorne. Aber das war doch abzusehen. Immer wenn die Oberste Goiba-Priesterin mal in die Stadt kommt, werden ganz verzweifelt Jungfrauen gesucht. Du bist doch hoffentlich Jungfrau, oder?«

Kyra drehte sich zu dem Uniformierten um und nickte zustimmend.

»Sehr gut. Nur noch zweimal links und schon sind wir da.«

In diesem Moment schnellte unter dem Mädchen, das die Wache dabei unterwürfig anlächelte, ein Bein hervor und traf den Mann genau im Schritt. Dem wich die Luft aus den Lungen, er ging in die Knie, hielt sich die Hände dabei an die schmerzende Stelle und schaute das nette Mädchen überrascht an. In diesem Moment krachte auch schon die Faust von Kard in seinen Nacken. Der Mann kam ins Straucheln und fühlte sogleich einen Fußtritt in seinem Hintern. Bevor er realisieren konnte, was da genau los war, saß der Mann neben einem Eimer und einem Wischmopp in einer winzigen Kammer. Und bekam nochmal gehörig eins auf den Schädel gedonnert. Bevor er ohnmächtig wurde, hörte er noch, wie der Riegel der kleinen Kammer von Außen vorgeschoben wurde.

Kard nickte Kyra anerkennend zu. Dafür, dass die Aktion eben nicht abgesprochen war, hatte die Zusammenarbeit zwischen ihnen wirklich gut funktioniert. Fast, als ob wir gegenseitig unsere Gedanken lesen können.

»Noch einmal links, dann müssten wir da sein.« Kyra deutete auf den fensterlosen Gang vor ihnen. Die Wände bestanden aus großen, dunklen Steinquadern, in eisernen Halterungen steckten Fackeln, deren Flammen still vor sich hin loderten. Am Ende konnte man einen Quergang erkennen. In diesem Moment öffnete sich eine Tür hinter ihnen.

Kard und Kyra erstarrten. Langsam drehten sie sich um und sahen den Rücken eines Torak-Beamten. Die riesige Gestalt füllte fast die gesamte Breite des Gangs aus. Falls sie von ihm hier entdeckt werden würden, wäre dieses massige Wesen sicherlich nicht mit einem gezielten Tritt zwischen die Beine zu Fall zu bringen.

Kard und Kyra stellten das Atmen ein. Sie wurden eins mit ihrer Umgebung. Wie ein Chamelit. Das wünschte sich Kard auf jeden Fall in diesem Moment. Tatsächlich waren sie aber zwei Kinder im Labyrinth der Gänge der Obersten Verwaltung, die hier nicht hin gehörten.

Der Torak drehte sich zum Glück nicht um und setzte seinen Weg Richtung Ausgang fort. Auf Zehenspitzen und dabei flach atmend gingen Kard und Kyra weiter.

Die Tür zu dem Raum für die Opfergaben war verschlossen. Aber Kyra wäre nicht Kyra, wenn das ein Problem für sie gewesen wäre. Ein Griff in die Tasche ihrer Hose und schon hatte sie einen Draht in der Hand. Wahrscheinlich hat sie dort auch eine Armbrust versteckt. Zutrauen würde ich es ihr.

Vollkommene Dunkelheit empfing sie, als sich die Tür leise öffnete. Die Kinder schlüpften hinein, Kyra schloss die Tür sanft. Kard ließ vorsichtig eine Flamme in seiner Handfläche entstehen.

Überall Käfige. Natürlich, dachte Kard. Opfergaben für Goiba. Das bedeutete, Leben hinzugeben. Katzen. Hunde. Meerschweinchen.

Oder Menschen. Vorzugsweise Jungfrauen.

Im zuckenden, schwachen Licht der Flamme begannen sich die Schatten hinter den Gitterstäben zu bewegen. Im hinteren Teil des Raumes wurden Metallstäbe größerer Verschläge sichtbar. Auch dort regte sich etwas.

»Kyra?« Es war die Stimme von Kendra.

»Kendra?« Kyras Stimme zitterte leicht. Mit wenigen Schritten eilte sie durch das Dunkle. Kard folgte ihr. In einem kleinen Verschlag hatte man mehrere Kinder zusammengepfercht, die Kard und Kyra nun mit aufgerissenen und müden Augen ansahen.

»Das ist meine große Schwester. Habe ich euch doch gesagt, dass sie uns befreien wird.«

Kyra versuchte Kendra durch die Gitterstäbe hindurch zu umarmen. Tränen liefen ihr über die Wangen und ihr ganzer Körper schien an Spannkraft verloren zu haben, wie eine Fischblase, aus der man die Luft abgelassen hatte. »Erinnerst du dich noch an Kard?«

Kendra nickte stumm und starrte auf die Flamme, die über Kards Handfläche schwebte. »Der kann ja nicht nur bauchreden«, stammelte sie erstaunt.

Kard war inzwischen an die Tür des Gefängnisses getreten. Das Schloss war massiv und sah kompliziert aus. Kyra hatte schon die Drähte in der Hand und kniete sich nun davor. Die Kinder innerhalb des Käfigs drängten sich dicht an die Gitterstäbe.

»Haben wir auch schon probiert.« Wie um diese Worte zu unterstreichen streckten sich gleich mehrere Kinderfäuste vor, die einen Draht umklammert hielten. Kard zählte sieben Kinder, alles Mädchen, genauso zerlumpt und dreckig wie Kendra. Die Wachen waren ja richtiggehend auf Beutezug gewesen.

Kard hörte Kyra leise fluchen. Sie fummelte mit ihren Drähten im Schloss herum, ohne es öffnen zu können. Inzwischen waren die Tiere in den Käfigen unruhig geworden. Im lichtlosen Raum hatten sie alle still verharrt, jetzt begannen sie zu schnattern, gackern und zu bellen. Kard eilte zu ihnen und legte beschwichtigend einen Finger auf die Lippen, aber die Tiere sahen ihn nur mit großen Augen an und wurden noch unruhiger. Kard spürte, wie eine gewisse Nervosität ihn in den Nacken schlich. Wir müssen uns hier echt beeilen. Dieser Lärm würde sicherlich bald die Aufmerksamkeit der Wachen erregen.

»Lass mich mal.« Kard war zurück zu Kyra geeilt, die schimpfend am Boden saß und hektisch versuchte, das Schloss zu öffnen. Das Mädchen ging zur Seite, sodass sich Kard direkt vor die Tür stellen konnte. Er ließ eine winzige Feuerkugel entstehen, die er in das Metall schickte. Dann konzentrierte er sich. Immer wenn er wütend oder aufgeregt war, wie gerade in diesem Moment, in dem sie jederzeit von den Wachen entdeckt werden konnten, hatte er eine besonders gute Verbindung zu seinem Freund, dem Feuer. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Metall anfing zu schmelzen.

Mit einem kräftigen Tritt erledigte Kendra von Innen den Rest. Die Tür sprang auf und die Kinder folgten, als sei ein Damm gebrochen. Kendra warf sich Kyra in die Arme und auch Kard spürte verwirrt, wie ihn die Arme unbekannter Kinder umarmten. Aber gleichzeitig wollten wohl auch die Opfertiere befreit werden, die nun hemmungslos jaulten, jammerten und heulende Laute von sich gaben.

»Beeilung!« Kyra versuchte den aufgeregten Haufen zur Tür zu lenken, damit sie so schnell wie möglich den Raum verlassen konnten. Aber es war schon zu spät. Die tierische Geräuschkulisse war nicht unbemerkt geblieben. Kard hörte, wie sich draußen auf dem Gang Schritte näherten.

In der geöffneten Tür zeichnete sich im Schein der Fackeln der riesige Umriss eines Toraks ab. Als ob die Kinder noch nie so ein Wesen gesehen hätten, begannen sie alle durcheinander zu kreischen. Dazu noch das infernalische Gefiepe, Jaulen und Miauen aus den Tierkäfigen, Kard hätte sich am liebsten die Hände auf die Ohren gehalten. Die Wache hatte eine Keule in der Hand und zu allem Überfluss bekam sie auch noch Verstärkung, denn die Schritte einer weiteren Torak-Wache hallten dumpf durch den Gang.

Die Kinder waren automatisch zurückgewichen, der riesige Schatten stand nun mitten im Türrahmen und blockierte den Fluchtweg. Ich muss ihn aus dem Weg räumen. Der Uniformierte rief zwar irgendetwas, aber Kard hörte nicht zu. Er spürte, wie das Feuer in ihm brodelte, Feuerkugeln begannen sich über seinen Handflächen zu formen. Er wusste, dass in diesem engen Raum der Abschuss von Feuerkugeln äußerst gefährlich war. Sie würden von Wand zu Wand springen und könnten auch die Kinder verletzen. Aber in seiner Mischung aus Wut und Angst hatte er das Feuer nicht mehr unter Kontrolle.

Inzwischen hatte sich die zweite Wache hinter ihren Kollegen gestellt. Sie hatte die Keule bereits in der Hand. Das Kreischen der Kinder verdoppelte sich noch einmal, als die riesige Gestalt die Keule in die Luft hob. Die erste Wache drehte sich erstaunt um und sah den in der Luft kreisenden Knüppel. Der ihm in diesem Moment auf den Schädel donnerte.

Mit einem Schlag verstummten die Schreie der Kinder. Selbst die Tiere hatten vor Schreck ihre Stimmen verloren.

»Wenn ihr mir bitte folgen wollt.«

»Glast!« Die Erleichterung in Kyras Stimme war unüberhörbar. Sie warf sich an das Bein des Toraks und drückte es heftig.

»Ich bin bestimmt der erste Torak, der Kinder aus dem Gefängnis der Obersten Verwaltung befreit, oder Kard?«

»Ganz bestimmt, Glast. Jetzt müssen wir es nur noch hier raus schaffen.«

»Und wir sollten uns beeilen.« Kendra deutete auf den Körper der Wache. Der Mann begann sich bereits wieder zu regen. Und als ob dies ein geheimes Zeichen sei, starteten auch die Tiere die nächste Runde ihres infernalischen Konzerts.

Glast und Kard griffen jeweils ein Bein des Uniformierten und zogen den Mann, der leise stöhnte, in den Raum. Jetzt konnten sie von Außen die Tür schließen, sodass der Widerhall des tierischen Orchesters nicht mehr ganz so laut in den Gängen des Gebäudekomplexes zu hören war.

Kyra lief voraus. Noch blieben die Türen der anderen Büros geschlossen. Jederzeit konnte ein Riegel zurückgeschoben werden und eine neugierige Gestalt erscheinen. Aber vorerst blieb alles ruhig.

Kyra ging auf Zehenspitzen, gefolgt von einer Schar zerlumpter Kinder, die sich untereinander an den Händen hielt. Kard und Glast bildeten die Nachhut. Aus Angst entdeckt zu werden, wagten sie kaum zu atmen. Selbst das Geräusch der Flammen der Fackeln, die den Gang in zuckendes Licht tauchten, schien Kard verräterisch.

Die eigentliche Frage war nun, wie sie mit all diesen Kindern an den Wachen am Eingang vorbeikommen würden.

»Glast, was hast du den Wachen vorne gesagt, als du zurückgekommen bist?«

»Dass ich noch das Formular ausfüllen muss.«

»Was für ein Formular?«

»Onkel Gsappa sagt, dass die hier drinnen den ganzen Tag Formulare ausfüllen. Papierkram, sagt er.«

»Papierkram? Gute Idee. Aber was sagen wir jetzt?«

»Goiba für immer.«

»Stimmt, das ist ihre Sprache, Glast. Es ist immer gut, wenn man den Goiba-Gruss sagt. Aber sie werden trotzdem wissen wollen, wieso wir mit den Kindern hier einfach hinausmarschieren wollen.«

»Goiba für immer.« Glast betonte jedes einzelne Wort, als wolle er damit unterstreichen, wie wichtig dieser Satz sei. Und er hatte recht.

»Natürlich, Glast, es sind ja Opferkinder! Und wo bringt die brave Wache Glast die Kinder nun hin? Direkt zu Goiba! Direkt in den Tempel!«

»Sage ich doch.«

Kard klopfte seinem Freund anerkennend auf den Rücken. Jetzt mussten die Wachen am Tor ihnen diese Geschichte nur noch abkaufen.

Inzwischen hatten sie die Eingangshalle erreicht. Die drei alten Frauen saßen leblos über ihre Bücher gebeugt. Den Kopf gesenkt, die Hände auf den Tisch gelegt, wirkten sie mehr wie Statuen als wie lebende Wesen. Nur das langsame und kaum wahrnehmbare Heben und Senken ihrer Brustkörbe verriet, dass sie keine Möbelstücke waren. Was nun?

Kyra hatte die Frauen ebenfalls beobachtet. Sie gab den anderen ein Zeichen, in dem Gang zurückzubleiben und schlich selbst langsam in die Halle. Vorsichtig und vollkommen lautlos näherte sie sich dem Tisch. Dort verharrte sie eine Weile, dann drehte sie sich zu den anderen um, legte einen Finger auf die Lippen, um ihnen nochmals zu sagen, dass sie leise sein sollten. Dann neigte sie ihren Kopf, legte ihn auf ihre zusammengefalteten Hände und bedeutete ihnen so, dass die Frauen schliefen. Kard, Glast und die Kinder verstanden. Sie erstarrten, pressten die Lippen zusammen, hielten den Atem an.

Kyra schlich zu den Stricken, die sich hinter dem Tisch angehäuft hatten. Vorsichtig griff sie in den Haufen. Kurz darauf stand sie wieder vor ihnen und zeigte ihre überkreuzten Handgelenke. Dabei zeigte sie auf die Kinder und zum Schluss auf Glast. Langsam verstand Kard und auch die Kinder nickten zustimmend. Gehorsam legten sie die Hände auf den Rücken und ließen sich von ihrer Befreierin fesseln. Am Ende stand ein zusammengebundener Haufen gefangener Kinder vor dem uniformierten Torak Glast. So schlichen sie an den drei alten, schlafenden Frauen vorbei, öffneten das Tor und gingen nach draußen. Das helle Licht blendete sie und automatisch sahen alle zu Boden. Die Wächter draußen am Tor sahen den Tross, der sich mucksmäuschenstill aus dem Gebäude der Obersten Verwaltung schälte, erstaunt an. Diese Verwunderung hielt zum Glück so lange an, dass Kard noch leise das Tor hinter sich schließen konnte. Erst dann erklang der laute Ruf des Uniformierten.

»Halt. Wohin des Wegs?«

Glast, bei dem man den Eindruck hatte, ihm mache es Spaß, eine Wache zu mimen, antwortete mit militärischem Ernst. »Opferkindtransport zum Tempel der großen Goiba.«

Die beiden Wachen sahen sich erstaunt an.

»Goiba für immer.«

Sofort nahmen die Männer Haltung an und wiederholten die Parole der Obersten Göttin des Reiches. »Goiba für immer.«

Brav intonierten nun auch die Kinder das Leitwort. »Goiba für immer.«

Unentschlossen, ob damit schon alles gesagt war, stellten sich die Wachen dem Tross in den Weg. »Formulare!«

Glast erwiderte ohne Blinzeln den Blick.

»Kollegen. Ich bin eine Wache Makrals, wie ihr ja vorhin selbst festgestellt habt. Genau genommen bin ich die erste Wache Makrals. Beauftragt, diese Kinder in den Tempel Goibas zu bringen. Und zwar sofort.«

Was war denn mit Glast los? So kannte Kard den Torak ja gar nicht. Aber der ehemalige Brillenhersteller hatte hier offensichtlich voll den Durchblick. Denn die Nennung des Namens ihres Vorgesetzten hatte sofortige Wirkung gezeigt. Die Uniformierten waren umgehend einen Schritt zurückgetreten.

»Goiba für immer.« Die Worte Glasts klatschten seinen vermeintlichen Kollegen wie Ohrfeigen ins Gesicht.

Makral und Goiba, angesichts dieser Autoritäten wurden Formulare zu Banalitäten. Die Männer traten zur Seite und die Wache Glast führe den schweigenden Tross der Opferkinder hinaus auf die Straße. Erst wollte Glast dann nach rechts gehen, aber Kyra flüsterte ihm etwas zu, sodass die Kinder nun den rechten Weg nahmen. Direkt zum Blutaltar der Göttin.

Wenigstens bis sie um die nächste Ecke gebogen und damit aus dem Sichtfeld der Torwachen waren. Dann begannen sie zu rennen. Was nicht so leicht war, schließlich waren sie noch alle zusammengebunden. Erst als sie weit genug entfernt waren, wagten sie sich in eine enge Gasse, in der Glast ihnen die Fesseln abnahm.

Was gibt es schöneres als leuchtende Kinderaugen?

Alle drängten sich um den großen Torak, aber auch um das Mädchen und den Jungen mit den Feuerhänden. Kendra hatte wieder angefangen zu weinen und Kyra strich ihr beruhigend über den Kopf.

»Jetzt ist es vorbei, Kendra. Du bist in Sicherheit.«

»Ich bin beinahe gestorben, als wir an den drei alten Schachteln vorbeigeschlichen sind.«

»Da hat das Schicksal wohl nochmal ein Auge zugedrückt, was?«

»Genau. Wahrscheinlich bin ich der erste Torak, dem so etwas geglückt ist.«

»Du bist auf jeden Fall der mutigste Torak, den ich kenne, Glast.«

»Ach, danke, Kyra. Aber du bist auch nicht ohne.«

»Und der Mann mit dem Feuer hat uns alle befreit, als er das Schloss aufgemacht hat.«

»Ach, nicht der Rede wert.«

Aber die Kinder drängten sich nun alle um Kard, betasteten seine Hände und sahen ihn bewundernd an.

»Ich freue mich auch. Aber wir sollten hier langsam verschwinden. Wisst ihr, wo ihr hingehen könnt?« Kyra schaute die Kinder an. Es waren Straßenkinder so wie sie selbst. Und der Winter stand vor der Tür. Trotzdem nickte jedes Kind, eines nach dem anderen. »Dann ab mit euch. Und geht den Wachen aus dem Weg. Stellt Posten auf. Sprecht euch ab. Passt auf euch auf.«

Alle Kinder kamen noch einmal und umarmten Glast, Kyra und Kard und vollzogen mit Kendra aufwendige Abschiedsrituale. Erst die Fäuste gegeneinander hauen, dann kompliziere Fingerspiele. Und das in einer Geschwindigkeit, dass es wie ein Kunststück aussah. Danach verschwanden die Straßenkinder in den dunklen Gassen der Alten Stadt.

*

Flanakan hatte bei seiner Hinrichtungsorgie auch nicht vor den Amazonen halt gemacht. Allen war klar, dass das eine Machtdemonstration war, die jeden davor abschrecken sollte, gegen ihn zu rebellieren. Und wenn dann auch noch Menschen gegen Toraks kämpften, wenn Ichtos und Amazonen um die Vorherrschaft auf dem Meer stritten, wenn alle sich gegenseitig massakrierten, dann hatte Flanakan so gut wie gewonnen. Aber nicht nur Gsaxt und seinen Freunden war die Idee gekommen, dass nicht die anderen Wesen die Feinde waren, sondern Flanakan selbst. Auch auf Amazonien und Ichtien hatte man bald erkannt, wo der Feind wirklich saß. Auf der Schwarzen Burg.

Und so hatten Penthilea und Plr, die Königinnen von Amazonien und Ichtien ein Bündnis geschlossen. Natürlich nicht offiziell. Noch wagte niemand, offen gegen Flanakan vorzugehen. Seine Schergen bildeten ein dichtes Netzwerk an Spitzeln, die ihm jeden Aufstand meldeten, bevor er ausbrechen konnte. Doch einige Löcher gab es in dieser maschenlosen Überwachung doch. Und so hatte der Widerstand in Conchar gerade Besuch bekommen.

»Du meinst, ihr könntet uns ein paar Schwerter besorgen?« Gsark sah die Amazone ungläubig an. Niemand in Conchar besaß eine Waffe. Außer den Wachen natürlich. Man konnte Sensen umarbeiten, Nägel auf Knüppel schlagen oder Küchenmesser zurechtfeilen. Aber das waren keine richtige Waffen.

»Ein paar Schwerter?« Die Amazone sah den riesigen Torak belustigt an. »Hunderte, tausende. Unsere Waffenkammern sind zum Bersten gefüllt. Es geht hier nicht darum, euch in Conchar mit ein paar Stichwaffen auszurüsten. Ich rede von bewaffnetem Widerstand.«

Bewaffneter Widerstand? Allein die Idee daran jagte Gsark einen Schauer über den Rücken.

»Was sagst du, Bruder?«

»Damit habe ich nicht gerechnet, Gsaxt. Das ist eine neue Dimension.«

»Du sagst es. Jetzt brauchen wir nur noch mehr Leute.«

Beide Toraks schauten Klaus an. Der Mensch wiegte nachdenklich seinen Kopf.

»Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Ich weiß noch, wie verbohrt ich damals war. Menschen zuerst.«

»Aber du bist dabei?«

»Natürlich, Gsark. Auf mich kannst du immer zählen. Aber was wir jetzt brauchen, ist eine Armee.«

Gsark, Gsaxt und Achilla nickten. Klaus hatte recht. Das würde nicht von heute auf morgen passieren.

*

Als sie bei Onkel Gsappa und Tante Berta ankamen, standen bereits die dampfenden Suppenteller auf dem Tisch. Anscheinend hatten die Toraks nie daran gezweifelt, dass es Kard, Kyra und Glast es schaffen würden, Kendra zu befreien. Kian und Shay begrüßten ihre Schwester stürmisch und als alle Tränen, Tränen der Freude und Erleichterung, getrocknet waren, setzten sich alle an den großen Esstisch der Gsappas und erzählten, wie es ihnen ergangen war.

»Glast, Kacke, das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut.« Anerkennend schlug Zaza dem schüchtern aber stolz umherblickenden Torak auf die Schulter. Auch die anderen zollten den Kindern ihren Respekt. Nur Onkel Gsappa war auffallend still.

»Komm, Alter, sag mal ein netten Wort zu deinem Neffen. Hättest du gedacht, dass der Sohn deines Bruders ein echter Held ist?« Tante Berta boxte ihrem Mann herausfordernd auf die Schulter.

Gsappa nickte nur stumm und schlug Glast auf die Schulter. »Gefällt mir nicht.«

»Was gefällt dir nicht, alter Nörgler?« Tante Berta sah ihren Mann erstaunt an.

»Dass mit den Opferkindern für Goiba. Es gibt nur eine Priesterin im Reich, die das für notwendig erachtet.«

Plötzlich war es still. Alle wussten, von wem Onkel Gsappa sprach. Von Tsarr. Und wenn die Oberste Priesterin Goibas es für notwendig hielt, ihren gemütlichen Tempel in der Hauptstadt zu verlassen, konnte das nichts Gutes bedeuten.

»Aber wir haben ja alle Kinder befreit, da wird die alte Hexe ganz schön dumm gucken.«

»Yo, Kyra hat recht, der haben wir die Suppe gehörig versalzen.«

»Da habt ihr schon recht. Aber wenn Tsarr sich in den Kopf gesetzt hat, Goiba einige Jungfrauen zu opfern, dann wird das auch geschehen. Ihr habt zwar Kendra und die anderen Kinder befreit, aber ich fürchte, das wird Tsarr nicht von ihrem Vorhaben abhalten.«

Das helle Lachen der Kinder war plötzlich verstummt, die Suppenlöffel klirrten nicht mehr in den Tellern. Alle wussten, dass Gsappa recht hatte. Jemand würde sterben.

»Dann sollten wir keine Zeit verlieren, zum Zentralen Platz gehen und uns um die Lösung des Rätsels kümmern. Mein Bauch sagt mir, dass das alles zusammenhängt. Erst will Tsarr unbedingt das Minas-Schwert haben und jetzt taucht sie hier persönlich auf. Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall ist.« Kard hätte sich gerne selbst eingeredet, dass dies nicht der Fall war, aber ein inneres Gefühl sagte ihm, dass Tsarr es auf ihn höchstpersönlich abgesehen hatte. Erst der Vampyr, jetzt die Oberste Priesterin! Kurz sehnte er sich danach, wieder bei Wallas in der Schmiede zu stehen und eine schöne Spitzhacke anzufertigen. Aber diese Zeit war unwiederbringlich vorbei. Als er damals zugestimmt hatte, dass ein Minas-Schwert sein Gesellenstück werden sollte, hatte er eine Lawine in Bewegung gesetzt, die er jetzt nicht mehr aufhalten konnte. Und auch nicht wollte. Jede Entscheidung war richtig gewesen. Hätte ich denn ewig Schaufelblätter und Gartenzäune schmieden sollen? Hatte ich nicht eine tolle Zeit mit Madad und allen unseren Freunden? Und jetzt musst ich die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe. Auch wenn mir dabei vieles nicht schmeckt.

»Bin dabei, Kard. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch noch schaffen würden. Zentrum O drei vier. Auf geht es.« Benjis Augen strahlten voller Tatendrang. Er hatte den Stuhl bereits zurückgeschoben und stand nun breitbeinig vor dem Tisch.

»Ach, Kinder, aber es ist doch schon so spät. Bald wird es dunkel.«

»Ja, Tante Berta, aber Tsarrs Ankunft rückt immer näher. Und vielleicht finden wir etwas, was sie aufhalten kann.«

»Ach, Kinderchen. Opfer gehören halt dazu. Wir wollen doch auch nicht den Zorn von Goiba entfachen. Vielleicht steht ein fürchterlicher Winter vor der Tür, in dem wir alle erfrieren könnten. Und Tsarr rettet uns vor dem Todesatem ihrer Göttin.«

»Selbst wenn es so wäre, Tante Berta, würdest du deine Kinder dann der Priesterin geben, damit sie ihnen die Kehle durchschneidet?«

Die große Torak wirkte plötzlich ganz klein. Die Vorstellung, dass man Kinder opferte, behagte ihre offensichtlich dann doch nicht. Sie nickte niedergeschlagen.

»Dann geht. Aber zieht euch warm an. Und nehmt ein paar Glühwürmchen mit.«

Das war wirklich ein gute Idee. Denn die Sonne begann bereits unterzugehen und in den Tunneln der Schneckenbahn war es ebenfalls immer finster.

*

Makral erweckte den Eindruck, alles im Griff zu haben. Das beruhigte den Vampyr, denn er brauchte hier vor Ort einen verlässlichen Partner. Drei Hinrichtungen wegen Trunkenheit auf dem Kutschbock, zwei Verurteilungen zu einem Leben in den Schwefelminen ohne Grund. Man brauchte einfach Nachschub an Arbeitskräften. Hier hatte wirklich alles seine Ordnung. Makral unterzeichnete die entsprechenden Dokumente, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Also, lieber Vampyr. Du suchst also einen Jungen mit einem großen Hund, der gestern Abend in die Stadt gekommen ist. Ich habe meinen Schergen schon instruiert, die Augen aufzuhalten.«

Mit torkelnde Krähen und treulosen Fledermäusen allein würde er den Jungen nicht finden, hatte der Vampyr festgestellt. Wenigstens nicht so schnell. Er hatte daher beschlossen, das Netzwerk der Spitzel der Alten Stadt mit einzubeziehen. Er war der Oberste Assassine des Reiches, es war sein gutes Recht, alle verfügbaren Mittel zu aktivieren. Auch wenn er dies ungern tat. Er arbeitete lieber alleine. Dann musste er sich nicht mit anderen Wesen und ihren Eigenheiten herumplagen. Und konnte am Ende den Ruhm für sich allein beanspruchen. Aber schon am nächsten Tag wurde die große Tsarr erwartet. Und natürlich würde er auch Flanakan gerne berichten, dass er die Spur wieder aufgenommen hatte.

»Sag, lieber Laltan, hast du in Conchar schon das Gerücht von diesem Feuer-Magier gehört?«

Der Vampyr musste verneinen. Es war schon ein Weile her, dass er von der Hauptstadt aufgebrochen war.

»Sehr ärgerlich, sage ich dir. Da macht man sich so viel Mühe, um Zwietracht im Volk zu säen und nun dieses Gerücht von einem Retter.« Makral berichtete von der Befreiung der Gefangenen in den Schwefelminen des Erzgebirges. »Das Volk übertreibt ja gerne ein wenig. Außerdem ist es gierig und ohne Verstand. Abends will es Streichhölzer, um seine Öllampen zu entzünden, aber niemand geht freiwillig in die Minen. Sklaventum ist Dienst an der Allgemeinheit. Aber davon will ja keiner etwas wissen. Und jetzt dieser Retter. Der Toraks und Menschen gleichermaßen befreit haben will. Dass ich nicht lache. Sicherlich war es nur ein Alchemistenschüler, der seinen Schabernack mit den Wachen getrieben hat. Ich habe Flanakan schon immer gesagt, dass man diese Verrückten gründlicher kontrollieren muss, aber unser Herrscher wollte sich meiner Idee nicht anschließen. Jetzt haben wir den Salat.«

»Nun, werter Makral, euer Vorgänger Laoch hatte in solchen Fällen die Angewohnheit, ein beliebiges Wesen hinzurichten und dem Volk dies als Beseitigung des Übeltäters zu verkaufen.«

»Ah, lieber Laltan. Daran habe ich auch gedacht. Aber es sollte nicht irgendein armer Schlucker sein, ein Feuerschlucker sollte es schon sein.«

Der Vampyr zögerte kurz mit seiner Entgegnung. Hatte der Mann doch Humor? Aber das Gesicht des Obersten war ohne jegliche Gefühlsregung.

»Jemand, den man hier in der Alten Stadt kennt. Zum Beispiel einer, der im Großen Casino auftritt. Oder noch besser ein Branu-Priester, der mit Räucherstäbchen hantiert. Und dann Rübe runter. Und Schluss ist es mit dem Retter-Märchen.«

In diesem Moment klopfte es und ein Uniformierter steckte seinen Kopf hinein.

»Habe ich nicht gesagt, dass ich jetzt nicht gestört werden möchte?«

»Aber Oberster, wir sollten doch sofort Bescheid geben, wenn man so einen Feuer-Govan gefunden hat. Einer unserer Spitzel hat etwas gesehen!«

»Ah, na dann. Rein mit dem treuen Gesellen.«

Der Vampyr staunte nicht schlecht, als ein Kind in zerschlissener Kleidung das Büro betrat. In Conchar gab es wenige solcher Straßenkinder, da man frei laufende Minderjährige als Opfergaben sofort zu Tsarr brachte. Das Kind erschrak sichtlich beim Anblick des Vampyrs, aber dann nahm es eine trotzige Haltung ein. Gleichzeitig überprüfte es mit einem schnellen Blick alle möglichen Fluchtwege.

»Die Wache sagt, dass man meinen Papa dann aus den Minen frei läßt.«

»Sagt das die Wache?«

»Sonst sage ich nichts.«

Der Vampyr musste innerlich lachen. Da stand dieser Dreikäsehoch, es mochte ein kaum zehnjähriger Junge sein, und stellte dem Obersten der Wachen und Schergen Forderungen. Mit einem Fingerschnippen könnte Makral das Kind ins Jenseits befördern. Ganz schön mutig.

»Kommt darauf an, was du uns sagen kannst.«

»Geht um den Jungen mit den Feuerkugeln.«

»Ach, dieses Gerücht. Dieser Junge, von dem die ganze Welt gerade zu sprechen scheint. Aber den gibt es in Wirklichkeit gar nicht, weißt du? Aber du kennst also jemanden, der Feuer schlucken kann oder so etwas?«

Das Kind sah den schwarz Uniformierten vor sich fragend an. Deutlich konnte man sehen, dass es dachte, dass dieser Mensch nicht richtig zuhören konnte.

»Nein. Ein echter Junge. Mit Feuerkugeln.«

Makral sah das Kind aufmerksam an, dann streckte er den Rücken durch und schob den Kopf nach vorne. »Ein echter Junge? Mit Feuerkugeln?«

Der Junge sah dem Obersten tapfer in die Augen und nickte.

»Und wo ist der?«

»Und meinen Papa lässt du dann frei, ja?«

»Wir sind hier ja keine Unmenschen. Eine gute Tat soll auch belohnt werden. Name, Geburtsort, Verbrechen, jetziger Aufenthaltsort?«

»Hansi Mittermeier, Trok, unmusikalische Gesangseinlage, Silbermine Sieben östlich des Branubrabat.«

»Ach, an den erinnere ich mich tatsächlich. Die Wachen nannten das Lärmbelästigung.«

»Papa singt eben gerne. Ist doch kein Verbrechen.«

»Was ein Verbrechen ist oder nicht, das lass gefälligst meine Sorge sein. So, und jetzt bist du dran. Wo finden wir diesen Wunderknaben?«

Das Straßenkind berichtete, dass es sich von Wachen verhaften ließ, weil es die Hoffnung hatte, in die gleiche Mine wie sein Vater gebracht zu werden. Aber stattdessen war es zu den Opferkindern in das Gefängnis der Obersten Verwaltung gekommen. Dabei sei er doch ein Junge. Nur weil man lange, lockige Haare hatte, war man doch nicht gleich ein Mädchen. Und dort seien sie von diesem Jungen befreit worden. Mit Feuerkugeln.

»Und du lügst uns nicht an?« Makral sah das Kind misstrauisch an. Er kannte solche Gören. Die logen, dass sich die Balken bogen, wenn sie irgendeinen Vorteil davon hatten. »Und hatte dieser Junge vielleicht einen großen Hund dabei?«

Das Straßenkind schüttelte den Kopf. »Was ist jetzt mit meinem Papa?«

»Wir überprüfen das. Wenn es stimmt, kommt dein Papa frei. Du musst uns nur sagen, wo wir diesen Feuerkugel-Jungen finden.«

Mittermeier Junior zögerte noch etwas, als müsse er doch noch einmal überlegen, ob er das Richtige tat. Aber dann nickte er. »Bei den Gsappas. Scherbenbruchgasse 7.«

»Bei Gsappa? Diesem verrücken Gitarristen?«

Das Kind nickte erneut.

»Hah. Diese Musiker. Denen ist nicht zu trauen. Sage ich schon immer. Wache.« Das letzte Wort schrie Makral in Richtung Tür, die prompt aufgerissen wurde.

»Mal ein paar Schergen in die Scherbenbruchgasse 7 schicken. Sie sollen mal schauen, ob da jemand mit Feuer spielt.«

»Sehr wohl, Chef. Scherbenbruchgasse 7. Schon unterwegs.«

»Und schafft diese Göre hier raus. Wie kann man nur so stinken?«

Die Wache trat ein, packte das Straßenkind beim Kragen und zerrte es vor die Tür.

»Vielleicht haben wir Glück. Eine schöne Hinrichtung ist immer im Sinne unseres Herrschers. Goiba für immer.«

»Goiba für immer, lieber Makral. Und wenn deine Schergen von diesem Jungen mit dem Hund hören, gibst du mir Bescheid?«

»Natürlich, lieber Vampyr.«

Laltan erhob sich. Mehr konnte er in diesem Moment nicht tun. Er würde noch einmal die Krähen und morgen früh die Fledermäuse befragen. Und vielleicht auch zu diesem Jungen mit den Feuerkugeln gehen. Irgendetwas in seinem Inneren sagte ihm, dass es hier um mehr als um ein Bauernopfer ging, um dem Volk die Illusion eines Retters zu rauben.

*

Der Zentrale Platz der Alten Stadt lag nach Einbruch der Dunkelheit ruhig und verlassen da. Das Nachtleben fand auf der Großen Allee statt, dort suchten die Wesen jetzt das große Glück. Den Göttern wurde erst wieder am nächsten Tag geopfert.

Die Eingänge zu den Toren des Untergrundbahnhofs waren mit Gittern verschlossen. Glast erklärte ihnen, dass man im Winter den Betrieb der Schneckenbahnen abends einstellte und Benji konnte ergänzen, dass die Rennschnecken, die ja aus den westlichen Sümpfen kamen, in denen es auch im Winter viel wärmer war, die Kälte nicht ertrugen.

Es folgte eine fachmännische Diskussion zwischen den Kyra und Benji, die das Schloss an den Gittern begutachteten, ob man hier eher den biegsamen T-Draht und doch den steifen L-Draht nehmen sollte und auch Kard mischte sich in das Gespräch ein. Weniger, weil er ein Spezialist im Knacken von Schlössern war als vielmehr aus dem Gefühl heraus, dass er es einfach nicht mochte, wie die beiden da so vertraut die Köpfe zusammensteckten. Als Kyra ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter legte, weil er eigentlich nur Unsinn redete, verstummte er abrupt. Die Stelle, an der das Mädchen ihn berührt hatte, brannte wie Feuer. Was ist nur los mit mir? Das Amulett pulsierte beruhigend auf seinem Brustbein, aber trotzdem liefen seine Gedanken Schlittschuh. Da hatte er gegen Faols und Oguls gekämpft und trotzdem brachte ihn diese Berührung völlig aus der Fassung. Zu allem Überfluss stellte sich jetzt auch noch Madad grinsend neben ihn. »Was?«

Sein zorniger Ausbruch ließ den Cu nach hinten springen. Aber immer noch hatte er die Lefzen hochgezogen und zeigte seine Zähne.

»Nichts, Kard. Nichts. Wollte nur ein bisschen schnuppern. Du weißt ja, wir Cus haben die beste Nase von…«

»Was gibt es denn hier zu schnuppern?«

»Ach nichts, ich wollte nur sicher gehen. Mama hat mir schon davon erzählt.«

»So, geschafft.« Benji blickte stolz hoch.

Kard hatte keine Zeit mehr, den Cu nach den Weisheiten seiner Mutter zu fragen, denn Benji und Kyra hatten inzwischen das Schloss geöffnet. Sie schauten sich noch einmal um aber sie konnten niemanden entdecken, der sie beobachtete. Ungesehen verschwanden die Kinder in der Tiefe.

»Oh drei vier. Oder Null drei vier?« Benji flüsterte. Jetzt, da sie allein auf dem U-Bahnhof standen, wirkte die Höhle plötzlich riesig. Das Echo ihrer Stimmen hallte von den Wänden und schien unnatürlich laut. Zum Glück hatten sie Glühwürmchen dabei, die über ihnen schwebten wie leuchtende Ballons. »Oder Osten? Wie bei einem Kompass. Das O könnte für Osten stehen.« Benji ging in Richtung des Ausgangs.

»Im Osten geht die Sonne auf. Es ist der Weg Branus.« Kard hatte das Gefühl, als ob der Raum hier wärmer wäre. So wie bei dem Spiel, bei dem man mit verbundenen Augen etwas finden muss und die anderen Kinder sagen wärmer, wenn man sich dem Gegenstand nähert und kälter, wenn man sich davon entfernt. Demnach wären sie am östlichen Ausgang genau richtig.

Während das Tunnelsystem der Schneckenbahn natürlichen Ursprungs war, es handelte sich um ehemalige Wasserbahnen der Klatsch, waren die Ausgänge von den damaligen Architekten der Drachenkönige in den Fels getrieben worden. Sie waren kunstvoll mit Rundbögen abgeschlossen, die jeweils aus sieben Quadern zusammengesetzt waren. Wenn man genau hinsah, konnte man auf den beiden mittleren Steinen ein Relief erkennen, das man irgendwann abgeschliffen hatte. Kard und Benji sahen sich an. Das sollten wir genauer untersuchen.

»Räuberleiter?« Glast stemmte Kard nach oben. Er spürte es sofort, als er die Steine berührte. Dies waren keine normalen Steine. Es war Minas-Erz. Aber wieso sollte man mit den wertvollen Materialien einen unbedeutenden Torbogen konstruieren?

»Es ist Minas-Erz, oder Kard? Das kann kein Zufall sein.« Benji war zu dem gleichen Schluss gekommen.

»Ah, Hilfe, ein Erdbeben.« Kyra und ihre Geschwister waren in der Mitte der Bahnhofshalle geblieben. Jetzt waren sie erschrocken zur Seite gesprungen. »Da hat sich etwas bewegt.«

Benji eilte dazu. Zusammen mit dem schnuppernden Madad untersuchten sie die Stelle, an der die Kinder eben noch gestanden hatte. Aber sie konnten nichts entdecken.

»Seid ihr sicher?«

»Ja, Benji, da hat sich etwas bewegt. Ganz sicher.«

»Ich kann nichts entdecken. Nur glatter, harter Fels.«

Kard berührte nochmals die Steine drei und vier des Torbogens. Das Minas sprach zu ihm. Er schickte das Feuer hinein und es war, als ob sich zwei gute Freunde, die sich seit Jahren nicht gesehen hatten, begrüßen würden.

»Kacke. Da bewegt sich etwas.«

Mit zitterndem Finger zeigte Zaza auf die Mitte der Höhle. Genau an der Stelle, an der eben noch Kyra mit ihren Geschwistern sich befunden hatte, war nun eine schmale kreisrunde Kerbe zu sehen.

»Hat jemand eine Zahnbürste dabei?«

»Nein, Benji, niemand hat eine Zahnbürste dabei. Ehrlich gesagt, haben wir überhaupt keine Zahnbürsten. Und wieso willst du dir jetzt gerade die Zähne putzen?«

»Nein, Kyra. Ich will mir doch nicht die Zähen putzen. Ich will nur diese Kerbe freilegen. Ich glaube, dass sehr viel Staub dort drinnen sitzt, den man nur wegputzen muss. Zum Beispiel mit einer Zahnbürste.«

Inzwischen hatte Glast Kard abgesetzt, der sich nun zu den anderen auf den Boden kniete und die kreisförmige, tellergroße Stelle betrachtete. Als er die Hand darauf legte, spürte er, dass auch hier Minas verarbeitet worden war. Dieser U-Bahnhof unter dem Zentralen Platz ist alles andere als eine normale Haltestelle der Schneckenbahn. Dieser Ort ist ein magisches Portal! Sie mussten nur noch herausfinden, wie es funktionierte.

Doch genau in diesem Moment erklangen Schritte auf der Treppe, die zum nördlichen Ausgang führte. Kard gab den anderen ein Zeichen, ihm zu folgen. Leise glitten sie über die Kante, die den Spurgraben der Schneckenbahn von der Bahnhofsfläche trennte. Und landeten menschenknietief im Schneckenschleim.

Es waren zwei Wesen. Nach dem Geräusch der Schritte zu beurteilen Toraks. Menschen hörten sich leichter an. Jetzt sah man auch das flackernde Leuchten von Glühwurmhintern. Ein langer schmaler und ein kleiner dicker Torak.

»Hast dich geirrt, Gsabbi. Ist nichts. Keiner hier. Nur ein paar vergessene Glühwürmchen.« Der Lange klopfte seinem Kollegen beruhigend auf die Schulter.

»Hätte schwören können, dass ich Stimmen gehört habe, Waxa.« Der Kleine war nun stehengeblieben und horchte angestrengt in die Dunkelheit.

»Wenn doch mal einer eingeschlossen wird, dann schreien sie doch rum, dass man es bis nach Conchar hört.«

»Wir gucken trotzdem mal.«

Nachtwächter, dachte Kard. Wie alle Wachen sicherlich mit Schwertern bewaffnet. Keine harmlosen Beamte wie in der Obersten Verwaltung. Sicherlich Kerle, mit denen nicht zu spaßen war, auch wenn sie sich jetzt ganz harmlos anhörten. Vorsichtig sah Kard sich an nach seinen Freunden um. Im Dunklen konnte er sie kaum erkennen. Wenn es ihnen wie ihm ging, waren sie grün angelaufen und mussten gegen den Würgereiz ankämpfen. Wo war eigentlich Madad?

»Ist da hinten etwas? Da unter dem Ost-Ausgang?« Der Kleine deutete nach vorne.

»Du siehst Gespenster, Gsabbi.«

»Hatte das Gefühl, einen großen Hund zu sehen.«

»Einen Hund?«

»Einen großen Hund!«

»Der nachts alleine Schneckenbahn fährt?« Der Lange amüsierte sich über die Fantasie seines Kollegen.

»Kann doch sein. Kommen ja auch Amazonen mit ihren Hunden ab und zu her. Oder einer der Schafsbauern mit seinen Hütehunden.«

»Oder einer für die illegalen Hundekämpfe.«

»Also. Könnte doch sein, oder?« Der Kleine schien den Langen überzeugt zu haben.

»Könnte. Ist aber nicht. Nur in deinem Kopf. Lass uns wieder nach oben gehen. Mir wird es immer schlecht, wenn ich länger hier unten bin.«

»Was bist du denn für eine Wache? Wenn der Oberste Makral das mitbekommt, dann bekommst du gleich Kerkerdienst. Nicht mehr draußen herumlaufen und Spass mit den sogenannten Bürgern haben.«

»Erzähl das doch unseren Vorgesetzten. Dann erzähle ich, wie du deinen Sold im Großen Casino verspielst.«

Dann verstummten die beiden Stimmen. Kard hoffte inständig, dass die beiden so schnell wie möglich verschwinden würden. Die Suppe, die ihnen Tante Berta heute Abend aufgetischt hatte, schwappte schon innen gegen seinen Kehlkopf. Lange würde er es nicht mehr aushalten, bis er sich übergeben musste. Und den anderen ging es bestimmt genauso.

»Gut, gehen wir wieder.«

Branu sei Dank. Kard hörte, wie die Wachen zurück zum nördlichen Ausgang stiefelten und dort die Treppe hochgingen. Als sie das metallene Tor in den Angeln quietschen hörten, hievten sie sich über den Rand der Schneckenschleimspur und rollten sich auf den Boden den Bahnhofs. »Madad?« Kard war sich sicher, dass sein Freund nicht in die Schleimsuppe gesprungen war. Ein Cu wäre dort sofort ohnmächtig zusammengebrochen.

»Du stinkst.« Madad war aus dem Schatten getreten und verzog voller Ekel seine Lefzen.

»Kacke, wir stinken alle. So etwas Ekelhaftes. Da komme ich in die große Stadt, um Ballerina zu werden und jetzt so etwas.«

Glast wirkte erstaunt. »Wirklich, Ballerina? Da wärst du bestimmt die erste Torak.«

»Ach nein, Glast, das ist nett. Aber tatsächlich gab es früher öfters Torak-Ballerinas. Und ich bin doch Luft-Magierin. Ich fühle mich gerne so leicht wie eine Feder. Aber erzähle das mal den Menschen. Die lachen einen immer aus.«

Kyra und ihre Geschwister beschwichtigten Zaza, die etwas wütend erschien und bestätigten ihr, dass sie sicherlich eine wunderschöne Ballerina sein könnte.

Kard hörte ihnen kopfschüttelnd zu. »Leute. Können wir die Berufsplanung etwas nach hinten schieben und wieder schauen, ob wir das Portal öffnen können.«

»Das Portal?«

»Ja, Kyra, ich spüre es genau. Dieses Minas-Erz überall. Lasst und diese runde Stelle noch einmal anschauen. Und es hat wirklich keiner einer Zahnbürste dabei?«

Zum Glück leuchteten die Glühwürmchen weiterhin. So fanden sie ohne Probleme den runden Stein wieder, der sich nun deutlich vom restlichen Boden abzeichnete. Kard kniete sich davor und legte eine Hand darauf. Wie bei den Steinen im Torbogen war es so, als ob sich alte Freunde begegnen würden. Das Feuer traf auf das Minas und das Gestein begann sich zu bewegen. Das ist eine Art Deckel.

Die tellergroße Scheibe ragte nun deutlich über den Boden heraus. Obwohl sie nicht besonders groß war, hatte Kard Mühe, sie zur Seite zu schieben. Sein Blick fiel in eine dunkle Vertiefung. Kard musste an die Höhle des Felsenwurms denken aber er schüttelte das ungute Gefühl von sich wie eine lästige Fliege.

»Kannst du mal leuchten, Kyra?«

Kyra lenkte eines der Glühwürmchen über die Öffnung und in den Schatten deuteten sich Schemen einer seltsamen Konstruktion an. Die kleine Höhle, die sie freigelegt hatten, beinhaltete einen Hebel. Kard war sich nicht sicher, ob man auf dem Metall das Zeichen von Davischi sehen konnte, aber die Metallstange, die er erblickte, erinnerte ihn an die Ofengriffe im Waisenhaus. So als ob sie in derselben Werkstatt angefertigt worden waren. Oder der gleiche Architekt hatte sie entworfen. Vor langer Zeit.

Kard überlegte nicht lange. Er griff hinein, hoffte, dass kein hungriger Felsenwurm ihm dem Arm abreißen würde und zog an dem Hebel. Aber er bewegte sich nicht. Nicht einen Millicas.

Kein Wunder. Das Ding hier hat wahrscheinlich seit Jahrzehnten keiner mehr angefasst.

Er verdoppelte seinen Anstrengungen. Und der Hebel schien sich auch wirklich zu bewegen. Oder hatte er sich das nur eingebildet?

»Soll ich mal?«

Die Stimme von Glast klang wie aus einer anderen Welt an Kards Ohr. »Gleich, einmal noch.«

Der Hebel bestand nicht aus Minas. Kard schickte das Feuer hinein, bekam aber keine Antwort. Hier war einfach nur Kraft gefragt. Kard gab alles, was er davon hatte, aber nichts geschah.

Schließlich zog er den Arm aus dem Loch und nickte Glast zu. Aber für die gewaltigen Arme des Toraks war wiederum das Loch zu klein. Er konnte zwar die Hand hineinstecken, aber dann konnte er den Hebel nicht umfassen.

Blieb nur noch Zaza.

Die Torak kniete sich nieder und steckte den Arm in das Loch. »Ich kann auf jeden Fall den Hebel greifen.«

Die Muskeln und ihren Tätowierungen spannten sich. Dann schloss die Torak die Augen, konzentrierte sich und mit einem Schlag kam eine gehörige Staubmenge aus dem Loch. »Jetzt habe ich erstmal alles frei gepustet. Es hat schon Vorteile, wenn man ein paar Luft-Magier-Tricks auf Lager halt. Und jetzt nochmal. Könnt ihr mich festhalten.«

Glast schlang die Arme um Zaza, sodass sie einen besseren Halt hatte. Der Torak traten schon die Adern aus den Schläfen, als sich der störrische Hebel endlich bewegte. Gleichzeitig knirschte irgendwo Gestein. Begleitet von dem Geräusch, die zähe Flüssigkeit macht, wenn sie sich bewegt. Während Zaza ihren Arm wieder aus dem Loch zog und erschöpft in den Armen Glasts landete, gingen die anderen erneut zu der Kante, die die Schneckenschleimspur begrenzte. Im Schein der Glühwürmchen konnte man deutlich erkennen, dass sich unter der glitschigen Masse eine Luke geöffnet hatte.

»Yo, jetzt sagt mir nicht, dass wir dort hinein müssen?«

Kard sah seinen Freund entschuldigend an.

»Doch, Madad, ich befürchte, so ist es. Ich gehe auch zuerst.«

Der Cu schlug sich eine Pfote vor die Augen. »Wenn ich das Mama erzähle. Erst die stinkende Stadt. Und jetzt Schneckenschleim. Sie wird mich für total verrückt halten.«

Inzwischen war Kard bereits in den Schleim geglitten und bis zu der Luke gegangen. Dort begann er die zähe Masse auseinanderzureißen. Bald konnte er erkennen, dass Stufen in die Tiefe führten. Er bat Kyra um eines der Glühwürmchen und schickte es voran. Im schwachen Licht wurde eine Treppe sichtbar, die sich spiralförmig im Dunkeln verlor.

Kard würde diesen Weg gehen. Aber was würde ihn dort unten erwarten? »Ihr müsst nicht mitkommen. Kyra, du und deine Geschwister, wir wissen nicht, ob es gefährlich ist. Und Glast und Zaza. Die Treppe ist ziemlich eng.«

Statt ihm dankbar zu sein, dass er so fürsorglich war, sah er in beleidigte Gesichter. Besonders Glast wirkte betroffen. »Was ist los? Kurz vor Schluss willst du uns nicht mehr dabei haben? Ich wäre bestimmt der erste Torak, der so etwas erlebt.«

»Glast, so war das nicht gemeint.«

Auch Kyra war nicht gerade begeistert. »Dem Herren darf man zwar bei Befreiungsaktionen helfen und den Lockvogel spielen, aber jetzt will er alleine seinen Spaß haben?«

Pulsuz fraqment bitdi.

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
441 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783754179154
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar