Kitabı oxu: «Der Verbrecher aus verlorener Ehre von Friedrich Schiller»

Şrift:

Friedrich Schiller

Der Verbrecher aus verlorener Ehre

Lektüreschlüssel XL

für Schülerinnen und Schüler

Von Reiner Poppe und Frank Suppanz

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:

Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Hrsg. von Yomb May und Friederike Baum. Stuttgart: Reclam, 2016 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19241.)

Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8891.

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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15500

2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961555-4

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015500-4

www.reclam.de

Inhalt

  1. Schnelleinstieg

  2. Inhaltsangabe

  3. Figuren Nebenfiguren Die Hauptfigur: Christian Wolf

 4. Form und literarische TechnikGattungAufbauErzählformenErzählzeit und erzählte ZeitZeitangabeWechselnde Orte der HandlungLiterarisch-kulturelle MusterSprache und Stil

 5. Quellen und KontexteDer Räuber Johann Friedrich Schwan und das Räuberwesen im 18. JahrhundertKritik des Rechtssystems durch die Philosophie der AufklärungPhilosophie, Medizin und Psychologie

  6. Interpretationsansätze Der Verbrecher als Zeitschriftenbeitrag Gattungsgeschichte: Musterbeispiel einer Verbrechenserzählung? Die aufklärerische Diskussion um angemessene Rechtsprechung Schillers Text als Beitrag zur Entwicklung sozialpsychologischer Betrachtungsweisen Die Erzählung als Beispiel für Sympathielenkung Wirklichkeit und Wahrheit in der Literatur Schuld, Krankheit, Freiheit

 7. Autor und ZeitLebensstationenHauptwerke

  8. Rezeption

 9. Prüfungsaufgaben mit LösungshinweisenAufgabe 1: Gestaltende Interpretation (innerer Monolog)Aufgabe 2: TextinterpretationAufgabe 3: Erörterung eines literarischen Textes

 10. Literaturhinweise/MedienempfehlungenTextausgabenNachschlagewerke und ÜbersichtsdarstellungenLiteratur zu Räuber-Thematik, Verbrechensdichtung und GesellschaftErläuterungen, Interpretationen und Materialien zu Der Verbrecher aus verlorener Ehre

  11. Zentrale Begriffe und Definitionen

1. Schnelleinstieg



Autor Johann Christoph Friedrich Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar zunächst Jura-, dann Medizinstudium an der Carlsschule (später: Hohe Karlsschule) in Stuttgart Militärarzt, Dramatiker, Historiker, Professor für Geschichte an der Universität Jena, freier Schriftsteller in Weimar
Entstehungszeit und Veröffentlichung 1786 anonym veröffentlicht in der Zeitschrift Thalia unter dem Titel Verbrecher aus Infamie eine wahre Geschichte 1792 geringfügig überarbeitet veröffentlicht in den Kleineren prosaischen Schriften Schillers unter dem Titel Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte
Gattung Erzählung (literarische Verbrechensfallgeschichte)
Epoche (Spät-)Aufklärung / Zwischen Sturm und Drang und Klassik
Ort und Zeit der Handlung keine bestimmten Ortsangaben, Orte werden anonymisiert Schauplätze: eine deutsche Landschaft, von den Zeitgenossen, die darin die Geschichte Friedrich Schwans erkannten, unschwer als Württemberg zu erkennen zeitliche Verortung am Ende der Erzählung mit der Angabe des Siebenjährigen Krieges in Verbindung mit den relativen zeitlichen Abständen in der Erzählung ergibt sich eine erzählte Zeit von ca. 26 Jahren, von der Geburt bis zur Hinrichtung der Hauptfigur Christian Wolf

Schillers Erzählung ist in der deutschsprachigen Literatur eines der frühesten Beispiele einer Interesse an Gesellschaft und PsychologieVerbrechenserzählung oder genauer gesagt: literarischen Rechts- oder Verbrechensfallgeschichte.1 Sie ist aufgrund ihrer literarischen Qualitäten auch heute noch spannend zu lesen, vermittelt einen lebendigen Eindruck von den gesellschaftlichen Verhältnissen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und wirkt modern. Denn sie nimmt die Frühes Beispiel einer Verbrechenserzählungsozialen Ursachen von gesellschaftlichem Abstieg und Verbrechen in den Blick, interessiert sich für die psychologischen Mechanismen sozialer Ausgrenzung und setzt sich für gesellschaftliche Reintegration statt Vergeltung als Ziel der Verbrechensbekämpfung ein.

Der Text kam zunächst aufgrund äußerer Umstände zustande. Schiller befand sich in einer Situation der persönlichen Neuorientierung. Da er aufgrund gesundheitlicher Probleme und künstlerischer Misserfolge finanziell in Schwierigkeiten geraten war, hatte er u. a. 1785 die Entstehungsanlass: Beitrag für Schillers eigene ZeitschriftZeitschrift Thalia ins Leben gerufen in der Hoffnung, dadurch und zugleich durch einen Ortswechsel seine Lebenssituation grundlegend zu verbessern. Er folgte einer Einladung von Bewunderern und Gönnern nach Leipzig und betrieb neue Projekte, so auch die Arbeit an dem Drama Dom Karlos, mit dem er sich stilistisch in Richtung Klassik zu entwickeln begann.

Die Schillers ThaliaThalia musste er zu großen Teilen mit eigenen Beiträgen füllen. So befand sich im 1786 erschienenen zweiten Heft der Thalia neben dem ersten Akt des im Entstehen begriffenen Dramas Dom Karlos (späterer Titel: Don Karlos) auch Lyrik von Schiller (in diesem Heft wurde das berühmte Gedicht An die Freude erstmals veröffentlicht), und er versuchte sich zum zweiten Mal als Erzähler2. Anders als seine anderen Beiträge veröffentlichte er den Verbrecher aus Infamie Anonyme Veröffentlichung 1786anonym.

Die im Untertitel als »wahre Geschichte« bezeichnete Erzählung, 1792 mit dem Titel Der Verbrecher aus verlorener Ehre geringfügig verändert in die Ausgabe Kleinerer prosaischer Schriften aufgenommen, greift die Geschichte des württembergischen Hintergrund: die Geschichte des Räubers Johann Friedrich SchwanRäubers Johann Friedrich Schwan (1729–1760) mit dem Beinamen »Sonnenwirt« auf. Wegen einiger Bagatellvergehen über die Maßen streng bestraft, hatte jener Friedrich Schwan starke Hass- und Rachegefühle gegen die Obrigkeit entwickelt und als Anführer einer Räuberbande ungehemmt ausgelebt. Obwohl er sich schließlich selbst den Behörden stellte, wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet.3

Schillers besonderes Augenmerk in der von ihm neu gegründeten Zeitschrift galt ungewöhnlichen Menschen und den Motiven ihres Handelns. Damit wollte er einerseits den Publikumsgeschmack seiner Zeit treffen und spannenden Lesestoff liefern, andererseits seinen eigenen Neigungen für »alles Außerordentliche, Sensationelle und Kriminelle«4 als literarischem Gegenstand nachgehen. Er verfolgte sein Interesse an Fragen der Psychologie und RechtPsychologie und an Rechtsfällen während seiner Schulzeit und seines Jura- und Medizin-Studiums an der Carlsschule intensiv.5

Die (einzige) Hauptfigur der Erzählung ist Christian Wolf, ein innerlich Kein »Held«, sondern ein innerlich zerrissener Menschzerrissener Mensch, der in kürzester Zeit eine wüste ›Karriere‹ als Wilddieb, Mörder und Anführer einer Räuberbande macht. Wie das wirkliche Vorbild für diese Figur und wie Karl Moor am Ende des Räuber-Dramas gibt sich Wolf in freiem Entschluss schließlich den Richtern als landesweit gesuchter Verbrecher zu erkennen. Mehr als um das Aufzeigen der kriminellen Taten Wolfs ging es Schiller um die spannende Frage, was einen Menschen zu einem Verbrecher, gar zu einem Mörder macht.6

Schillers Erzählung ist deshalb alles andere als eine nur vordergründig spannende ›Räuberpistole‹, sondern vielmehr die knappe Lebenschronik einer problematischen Persönlichkeit, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und dadurch Schritt für Schritt zum Das Publikum soll selbst urteilenGesetzlosen gemacht wird.7 Schillers Anspruch ist, dass das lesende Ein Ausgegrenzter wird zum GesetzlosenPublikum sich über diese Zusammenhänge ein Urteil bilden kann.

In der Logik der Zeit findet Christian Wolf in Schillers Erzählung am Ende seiner Verbrecherlaufbahn einen Weg zur Aussöhnung mit sich selbst und der Welt durch persönliche Reue. Eine woher auch immer kommende sittliche Kraft in ihm überwindet die psychischen und physischen Bedingtheiten. Damit markiert Schiller eine Leerstelle, die in der damaligen Zeit unausgefüllt bleibt, nämlich die Möglichkeit zur Am Ende: Reue statt ResozialisierungResozialisierung. In Schillers Zeit und entsprechend in der Erzählung wird einem Verbrecher keine dahingehende Unterstützung zuteil, Wolfs Versöhnung mit der Gesellschaft muss noch ganz vom Einzelnen und seiner Fähigkeit zur Reue (angesichts des Todes) ausgehen.

Knapp zehn Jahre nach der Veröffentlichung der Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre wird Schiller diese Gedankenfigur im philosophischen Konzept einer ästhetischen Erziehung abbilden, mit der er sein Ausblick auf die Klassikklassisches Literaturprogramm begründet. Damit zeigt sich die Erzählung auch als ein Werk des Übergangs vom Sturm und Drang zur Klassik.

Die Erzählung ist aber weder nur Zufallsprodukt noch Übergangserscheinung, sondern in ihr kam die Verbrechensthematik in der anspruchsvollen Literatur an und machte einen Entwicklungsschritt in Richtung Wegweisend in Richtung Kriminalliteratur und StrafrechtsreformKriminalliteratur als eigenständiger Gattung weiter. Aber nicht nur was die literarische Form betrifft, war die Erzählung wegweisend, auch inhaltlich hatte sie Pioniercharakter: Schillers Plädoyer für ein humaneres Strafrechtssystem fand mehr und mehr Anhänger, die mit ihrem Einsatz auch auf ihn Bezug nahmen.

2. Inhaltsangabe

Der Erzähler deklariert den zu berichtenden Fall als Musterbeispiel für Menschenkunde. Die Leser sollen keine reißerische Erzählung, sondern einen objektiven Einleitender ErzählerberichtBericht über das Schicksal des Verbrechers bekommen, um in der Lage zu sein, den Fall nicht nur nach den Taten, sondern auch nach den (sozialen und psychologischen) Umständen des Verbrecherlebens zu beurteilen. Dann beginnt die Erzählung.

Christian Wolf, Halbwaise nach dem Tode seines Vaters, wird von den Menschen in seiner Umgebung nicht akzeptiert, obwohl er sich alle Mühe gibt, ihnen zu gefallen. Von Geburt an Unglückliche Kindheit und Jugendunansehnlich und zusätzlich durch den Tritt eines Pferdes im Gesicht verunstaltet, wird er von den Gleichaltrigen verspottet. Die freie Zeit, die er hat, kann er nicht sinnvoll nutzen: Er verwendet große Energie darauf, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dadurch bringt er sich jedoch noch mehr in Misskredit. Auch sein Vergebliches Werben um JohanneBemühen, sich die Zuneigung Johannes (Hannchens), eines armen Mädchens, mit Geschenken zu erkaufen, verfängt nicht. Bis zu seiner Volljährigkeit hilft er der Mutter in der Gastwirtschaft, ehe er den Entschluss fasst, »honett zu stehlen« (S. 9) und sich dadurch seinen Lebensunterhalt auf vermeintlich einfachere Art und Weise zu sichern. So will er auch endlich die Mittel in die Hand bekommen, mit denen er vor der Männerwelt triumphieren kann und die Gunst des Mädchens zu gewinnen hofft. Als Beginn der WilddiebereiWilddieb in einem an die Stadt grenzenden herrschaftlichen Wald macht er tatsächlich gute Beute und manchen Gewinn, den er in Geschenke für Hannchen umsetzt.

Das geht einige Zeit gut, bis ihm der Jagdgehilfe Robert: Konkurrent um HannchenRobert auf die Spur kommt. Dieser hat ebenfalls ein Auge auf Hannchen geworfen und wundert sich über die schönen Geschenke, die sie bekommt. Seine Eifersucht lässt ihm keine Ruhe, und so findet er bei häufigen Besuchen in der »Sonne« (S. 9), dem Gasthaus, das Christians Mutter führt, seinen Argwohn bestätigt. Eifersüchtig verfolgt er fortan die Wege seines Konkurrenten und kann ihn bald darauf auf frischer Überführung durch Robert, erste StrafeTat bei einer Wilddieberei stellen (S. 10). Über Christian Wolf wird das Urteil gesprochen, aber er kauft sich frei.

Christian Wolf verlässt die Stadt, dennoch hat er beide, Hannchen und Robert, nicht vergessen. Eifersucht und verletzter Stolz quälen ihn. Er treibt erneut als Wilddieb sein Unwesen und kann sich damit einige Zeit über Wasser halten. Doch der junge Jagdgehilfe ist doppelt wachsam. Er ahnt, dass Christian dem Mädchen keine Ruhe lassen und früher oder später wieder auftauchen wird. Robert kann ihn ein Erneute Überführung durch Robert, zweite Strafezweites Mal auf frischer Tat ertappen und dingfest machen. Christian ist Wiederholungstäter, und so trifft ihn die ganze Härte des Gesetzes. Da er kein Geld mehr hat, um sich selbst auszulösen, muss er dieses Mal ein volles Strafjahr im Staatsgefängnis absitzen (S. 10).

Nach seiner Entlassung zieht es Christian Wolf sofort wieder in die Vergebliche Rückkehr in die HeimatstadtHeimatstadt. Er hofft, dort Hannchen zu treffen. Als man ihn erkennt, weicht man ihm aus. Keiner möchte mehr etwas mit ihm zu tun haben. Doch anders als nach der ersten Festnahme zeigt sich Christian diesmal gewillt, auf ehrliche Weise wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Er versucht, sich als Tagelöhner zu verdingen, wird jedoch überall abgewiesen. Selbst als Sauhirt will man ihn nicht haben (S. 11). Tief enttäuscht und verbittert wendet sich Christian wieder der Erneute Wilddieberei und dreijährige HaftWilddieberei zu. Aber schon bald wird er erneut gefasst und zu drei Jahren verschärfter Haft verurteilt. Ihm wird »das Zeichen des Galgens auf den Rücken gebrannt« (S. 11). Sollte er nach der Haftentlassung abermals der Wilddieberei schuldig gesprochen werden, würde das den Tod durch den Strang bedeuten.

Die Haft ist selbst für einen abgebrühten Burschen wie Christian Wolf hart. Er wird von den ›schweren Jungs‹, die mit ihm ihre Zeit abarbeiten müssen, verhöhnt und gedemütigt. Er hört von schrecklichen Taten und von noch schrecklicheren, die geplant sind. Wenn die Rohheit und Gemeinheit ihm unerträglich werden, zieht er sich zurück, soweit ihm das unter den gegebenen Bedingungen möglich ist. Auf der anderen Seite braucht er Menschen, die in derselben Situation sind wie er und ihm helfen, die Härte der Haft zu ertragen. In diesen drei Jahren wird Christian so Verrohung durch die Haftverroht und gewissenlos, dass er am Ende schlimmer ist als alle Mithäftlinge (S. 12). Unter Qualen erträgt er die Schönheit der aufgehenden Sonne, den freien Flug der Vögel und die Weite der Landschaft, die sich seinem Blick durch das vergitterte Fenster aus der Höhe seines Festungsberges bieten. Allein der Hass- und RachegefühleHass und ein ungeheures Bedürfnis, sich an allen Menschen zu rächen, halten ihn aufrecht und lassen ihn die Zeit im Gefängnis überstehen.

Nach der Entlassung führt ihn sein erster Weg zurück in die Heimatstadt. Aber nicht, um noch einmal den Ansatz zu einem rechtschaffenen Leben zu machen, kehrt er heim, sondern um seinen »Hunger nach Rache« (S. 12) zu stillen. Er will die Menschen durch sein bloßes Erscheinen erschrecken und sich von ihnen erniedrigen lassen, weil er weiß, dass ihm das nichts mehr anhaben kann nach dem, was er in den Jahren der Haft erlebt hat. Er sieht wild und zum Fürchten aus. Die Menschen in der Stadt Mutter tot, das Elternhaus verlorenerkennen ihn sogleich, und jeder macht einen großen Bogen um ihn. Christian reicht einem kleinen Jungen einen Groschen, der ihm das Geldstück aber ins Gesicht wirft. Von diesem Kind zurückgewiesen zu werden, das ihn nicht kennt und dem er nichts getan hat, verletzt ihn mehr, als von allen einstigen Bekannten, die an ihm vorübergehen, nicht einmal gegrüßt zu werden. Auf der Suche nach einer Unterkunft läuft er Johanne über den Weg. Auch sie erkennt ihn sofort. Im Gegensatz zu allen anderen zeigt sie sich aber hocherfreut, ihn zu sehen (S. 14). Christian bemerkt sogleich, dass sie zu einer Soldatenhure geworden und zudem noch von einer Geschlechtskrankheit gezeichnet ist. Als vorbestrafter Wiederholungstäter ausgegrenzt und einsamVerächtlich dreht er ihr den Rücken zu im Triumph, dass es in der Stadt jemanden gibt, der moralisch und gesellschaftlich noch weniger bedeutet als er selbst. Die Verachtung für JohanneMutter trifft er nicht mehr an. Sie ist tot. Das Haus kann ihm nichts mehr einbringen, denn längst haben sich Gläubiger darüber hergemacht (S. 14).

Christian Wolf findet Gefallen daran, dass die Leute sich von ihm abwenden. Er fordert ihre Aufmerksamkeit heraus, ohne darunter zu leiden, von ihnen abgewiesen zu werden. In seiner Heimatstadt kann er von den Menschen nichts mehr erwarten. Einen Augenblick lang erwägt er die Möglichkeit, irgendwo in der Fremde, wo ihn niemand kennt, ganz neu anzufangen (S. 14). Dazu bringt er aber weder den Mut noch die Energie auf. Sein Verbrecher aus TrotzVorsatz ist gefasst: Er will zum bloßen Vergnügen die Gesetze herausfordern, um sich die Zurückweisung und Verurteilung durch die Gesellschaft wirklich zu »verdienen« (S. 15). Er wird wieder zum Wilddieb, nicht um sich dadurch am Leben zu erhalten, sondern um überall möglichst viel Schaden anzurichten. Er hat keine Angst, entdeckt zu werden, und ist entschlossen, sich den Weg freizuschießen, sollte man ihn stellen.

Nachdem er auf diese Weise einige Monate die Wälder durchstreift hat, trifft er, der »Fährte eines Hirsches« (S. 15) folgend, eines Tages auf seinen alten Rivalen Robert. Minutenlang kann sich Christian Wolf nicht entscheiden, ob er auf das Tier oder den Menschen schießen soll. Das Verlangen nach Rache siegt schließlich, und er begeht seinen ersten und einzigen Vom Verbrecher zum MörderMord (S. 16). Der Mord lastet schwer auf ihm. Hat er sich nach all seinen Freveltaten vorher schon für einen schlechten Menschen gehalten, so gibt ihm der Mord an Robert das Gefühl, am Tiefpunkt von Wolfs ExistenzTiefpunkt seiner Existenz angekommen zu sein (S. 17). Von Ängsten und Visionen gepeinigt, bleibt er noch für einige Zeit bei dem Toten, ehe ihn Geräusche von Fuhrwerken tiefer in den Wald treiben. Er kehrt noch einmal zu dem Toten zurück, bei dem er Geld oder anderen wertvollen Besitz vermutet, bringt es aber zunächst nicht fertig, die Uhr und das Geld, das er bei dem Toten findet, an sich zu nehmen. Er will kein gemeiner Räuber sein. Um sich für die nächste Zeit über Wasser zu halten, nimmt er aber doch die Hälfte des Geldes und macht sich im Schutz des Waldes zur Grenze des Landes auf. Unterwegs holen ihn die Angst und GewissensqualenGewissensqualen wegen des begangenen Verbrechens immer wieder ein. Er hat Angst vor der Zukunft, aber auch nicht den Mut, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden (S. 18).

Abseits jeder Straße, in unwegsamstem Waldgebiet, Begegnung mit dem Räubersteht Christian Wolf plötzlich einer wüsten Gestalt gegenüber:

»Seine Figur ging ins Riesenmäßige […] und die Farbe seiner Haut war von einer gelben Mulattenschwärze, woraus das Weiße eines schielenden Auges bis zum Grassen hervortrat. Er hatte statt eines Gurts ein dickes Seil zwiefach um einen grünen wollenen Rock geschlagen, worin ein breites Schlachtmesser bei einer Pistole stak.« (S. 19)

Nach anfänglichem Erschrecken findet Christian schnell einen Wolfs selbstbewusstes Auftretenforschen Ton und kann damit dem Mann imponieren. Er nimmt auch einen kräftigen Schluck aus der zinnernen Flasche, die ihm der wenig Vertrauen erweckende Mensch anbietet, und beide machen einander in ein paar Sätzen bekannt. Sie sind vom gleichen Schlag, aber Christian spürt, dass der andere noch einiges mehr auf dem Kerbholz hat, und bleibt bei aller Forschheit vorsichtig. Als er sich als der »Sonnenwirt in L…« (S. 21) zu erkennen gibt, schwindet jedes Misstrauen auf der Seite seines Gegenübers. Dieser zeigt sich begeistert, endlich die Bekanntschaft des Mannes zu machen, von dem die ganze Gegend spricht (S. 21). Da Christian geht mit dem RäuberChristian kein Ziel hat, dem er zustreben könnte, lässt er sich von dem Fremden überreden, mit ihm zu gehen. Dieser führt ihn zu einer versteckten Felsschlucht. Mit einem Pfeifensignal macht er sich bemerkbar, und aus dem »innersten Bauche des Felsen« (S. 22) erhält er Antwort. Eine Leiter wird nach oben geschoben. Der Mann, offenbar bekannt, steigt als Erster in den Abgrund hinab. Für Sekunden denkt Christian daran, die Leiter umzustoßen und sich ins Buschwerk zu schlagen, doch er sieht letztlich keinen Vorteil darin und folgt seinem Begleiter nach unten. Nach Bei der Räuberbandekurzer Zeit erreichen sie einen »Rasenplatz, auf welchem sich eine Anzahl von achtzehn bis zwanzig Menschen um ein Kohlfeuer gelagert hatte« (S. 23). Christian ist bei einer Räuberbande gelandet, die ihn lärmend in ihre Mitte aufnimmt. Zu der Bande gehören auch Zwei Frauenzwei schöne Frauen, Margarete und Marie. An Margarete, die ihn aufdringlich umwirbt, findet er keinen Gefallen, während ihm Marie in ihrer stillen Art sympathisch ist. Er geht auf den Vorschlag ein, sich der Bande zuzugesellen, sogar ihr Anführer einer RäuberbandeAnführer zu werden, bedingt sich aber dafür Marie als seine Geliebte aus. Niemand widerspricht. Christian ist glücklich, endlich wieder unter Menschen zu sein, und stolz darauf, von allen anerkannt zu werden: »Die Welt hatte mich ausgeworfen wie einen Verpesteten – hier fand ich brüderliche Aufnahme, Wohlleben und Ehre« (S. 25).

Ein Das RäuberjahrJahr lang begeht Christian Wolf mit seiner Bande die schändlichsten Verbrechen, aber keinen zweiten Mord mehr. Mit Glück und Geschick entgeht er allen Nachstellungen und weiß seinen schlimmen Kein Zurück in die »normale« GesellschaftRuf noch zu steigern, indem er ausstreuen lässt, er sei mit dem Teufel im Bunde. In dieser Zeit lernt er aber auch die Bande näher kennen und zweifelt immer weniger daran, dass irgendeiner von ihnen ihn zur gegebenen Zeit den Behörden ans Messer liefern wird, um das inzwischen beträchtlich hohe Kopfgeld zu kassieren. Auch wird die Reue in ihm stärker und nährt seine Hoffnung, wieder auf einen guten Weg zurückzufinden (S. 27). Heimlich setzt er mehrere Bittschriften um Begnadigung an den Landesherrn ab. Er erhält keine Antwort. Schließlich fasst er den Entschluss, der Bande den Ausstieg aus der Bande nach einem JahrRücken zu kehren und als einfacher Soldat in die Dienste des Königs von Preußen zu treten (S. 28), um als rechtschaffener Soldat im Siebenjährigen Krieg zu sterben.

Auf dem Weg nach Preußen kommt Christian Wolf in ein Ankunft im LandstädtchenLandstädtchen, wo er übernachten will. Der Torwächter beherzigt die im Land verschärften Gesetze gegenüber jedem Durchreisenden besonders gewissenhaft. Wolf erscheint ihm auffällig. Obwohl an seinem (gestohlenen) Pass nichts auszusetzen ist, bringt der Torwächter ihn zum Amtshaus (S. 29). Ein Vorgesetzter soll das Papier noch einmal prüfen und seinen Halter in Augenschein nehmen. Die Amtsperson, der Christian Wolf vorgeführt werden soll, ist aus Pflichtbewusstsein aufmerksam und neugierig und hat die Angewohnheit, Befragungen bei einer guten Flasche Wein vorzunehmen. Um Wolf hat sich inzwischen die halbe Stadt lärmend versammelt. Es scheint ihm, dass die Menschen etwas gegen ihn im Schilde führen. Der Torwächter erscheint und übermittelt ihm die Einladung des Amtmanns, bei einer Flasche Wein miteinander zu plaudern. Christian Panik, Verhaftung und VerhörWolf wähnt sich in einer Falle, gibt seinem Pferd die Sporen und prescht davon (S. 30). Doch sein Ausreißversuch ist bald zu Ende, denn er ist in eine Sackgasse geraten. Mit seiner Pistole kann er die Menge, die ihn verfolgt und gestellt hat, anfänglich noch in Schach halten. Schließlich aber wird er überwältigt und ins Amtshaus gebracht.

Die erste Überraschendes GeständnisBefragung ist knapp und schroff. Obwohl Christian Wolf alle gestellten Fragen klar und zutreffend beantwortet, bleiben für den Amtmann Verdachtsmomente bestehen. Er will der Wahrheit am nächsten Tag weiter nachgehen (S. 31), und der Gefangene soll über Nacht im Turm bleiben. – Am Morgen des folgenden Tages nimmt der Amtmann das Erste Befragung und GewahrsamVerhör in Anwesenheit der Geschworenen des Städtchens wieder auf. Dabei ändert er seinen Ton und zeigt sich von ausgesuchter Höflichkeit. Christian Wolf geht darauf mit großer Genugtuung ein. Er bittet um ein Gespräch unter vier Augen: »Ich habe mir längst einen Mann gewünscht wie Sie. Erlauben Sie mir Ihre rechte Hand« (S. 33). Sodann sagt er dem ratlosen und Zweites Verhörerstaunten Mann, wer er wirklich ist: »[…] bitten Sie für mich, alter Mann, und lassen Sie dann auf Ihren Bericht eine Träne fallen: Ich bin der Sonnenwirt« (S. 33).

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